Kategorie: untold stories

  • Ami Warning im Interview: »Meine Eltern dachten auch ganz lange nicht, dass ich überhaupt auf irgendeine Bühne gehe«

    Ami Warning im Interview: »Meine Eltern dachten auch ganz lange nicht, dass ich überhaupt auf irgendeine Bühne gehe«

    Ami Warning lebt rent-free im Herzen unser Redaktion und das ist okay so. Denn ihre unaufgeregt ehrlichen Texte und die unvergleichlichen Stimmungen verdienen noch viel mehr als das! Im Rahmen der Acoustics Concerts 2023 in Berlin können wir die Sängerin endlich wieder live erleben und wünschen uns, dass wir diese Erfahrung mit ganz vielen Ami Warning Stans teilen werden. Um eure hibbeligen Beinchen ein wenig zu entlasten, bekommt ihr hier bereits einen Vorgeschmack in Form eines Interviews. Von aktuellen Ohrwürmern, über erste musikalische Erfahrungen bis zu kommenden Projekten erfahrt ihr so einiges über die Münchenerin. Also, let’s fetz!

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    Ami Warning im Interview

    Lucas (untoldency): Hast du einen aktuellen Lieblingssong oder ein Lieblingsalbum, irgendwas, was dir aktuell im Kopf rumschwirrt?

    Ami: Was ich ganz cool finde, wo ich aber noch nicht das ganze Album gehört habe, ich weiß auch gar nicht, ob das neu ist. Ich habe von Little Simz so einen Song entdeckt. „Point and Kill“, heißt der. Den finde ich richtig cool und den hör‘ ich zurzeit oft. Ansonsten hat auch ein Freund von uns ein Album gerade rausgebracht, der heißt Jon Kenzie, macht so bluesige Musik, ist aus Manchester, und da hab ich mir das Album angehört, und das finde ich auch zum Beispiel richtig cool. Das ist jetzt gerade ganz frisch rausgekommen.

    Lucas (untoldency): Würdest du sagen, du verfolgst viel aktuelle Musik oder bist du eher Fan von den Klassikern?

    Ami: Ich verfolge schon auch aktuelle Musik, aber man kriegt halt dann so die Singles mit und so einzelne Songs. Also ja, da mach ich‘s leider viel zu selten, dass ich dann wirklich so die ganzen Alben mir auch anhör‘. Das ist dann eher so stichprobenmäßig. Bei Alben kenne ich wahrscheinlich dann wirklich eher die Sachen, die schon älter sind, so richtig gut.

    Lucas (untoldency): Gibt es ein Genre, was du selber gerne hörst, wovon aber andere Menschen, die dich gut kennen, wahrscheinlich verwundert wären?

    Ami: Also ich mag voll gerne Afrobeats. Aber ich weiß nicht, ob das jetzt so eine große Überraschung ist. Hmm, was wäre eine Überraschung? Wahrscheinlich entspreche ich voll den Klischees, keine Ahnung. Ich mag ganz gern‘ Dubstep. Das fällt vielleicht so ein bisschen aus dem Schema.

    Lucas (untoldency): Musik machen ist ja super komplex und vielfältig. Wenn es einen Teil davon gäbe, den du für den Rest des Lebens machen müsstest, welcher wäre es am Ehesten?

    Ami: Wahrscheinlich wäre es das Live Spielen, denke ich, also, darauf könnte ich, glaube ich, nicht verzichten. Genau im Studio finde ich schon auch cool, aber da bin ich dann auch irgendwie immer froh, wenn es irgendwann abgeschlossen ist und man die Songs dann eben nach draußen tragen kann. Also ich glaube, auf diesen Moment, wenn dann vor echten Leuten die Songs singt, könnte ich schlecht verzichten.

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    Lucas (untoldency): Kannst du dich an deinen ersten Auftritt erinnern?

    Ami: Ich glaube, wahrscheinlich war das mit meinem Papa zusammen, also als ich so angefangen habe, Musik zu machen waren so die ersten Momente bei ihm auf der Bühne, dass ich da mal einen Song ausprobiert habe oder ihn begleitet habe. Also in München weiß ich, da gibt’s noch so eine Aufnahme, wo ich irgendwie so Bass spiele und mit ihm auf der Bühne bin.

    Lucas (untoldency): Es gibt oft von Stars Aufnahmen, wie sie bei irgendwelchen Events oder Schulfesten auftreten. Gibt es solche Aufnahmen abgesehen von der eben genannten auch von dir?

    Ami: Es gibt tatsächlich eine ganz witzige Aufnahme. Also das ist in der Grundschule, da bin ich im Chor und bin so krass, also man sieht, dass ich mich voll rein fühle. Ich bin so in der ersten Reihe und singe so richtig inbrünstig. Also, das gibt’s und ja, später in der Schule habe ich auch Songs nachgesungen mit der Big Band.

    Lucas (untoldency): Wenn du so zurückschaust auf deine eigene musikalische Biografie, fallen dir da Künstler:innen Genres ein, von denen du sagen würdest, die haben dich in einer bestimmten Lebensphase stark geprägt?

    Ami: Ja! Also schon auch wieder mein Papa, weil seine Musik war irgendwie einfach immer da, ich war immer dabei auf den Konzerten. Bob Marley habe ich irgendwann entdeckt, auch über meine Eltern eigentlich und fand das irgendwie auf Anhieb einfach gut. Es gab dann noch Songs auf Gitarre. Ich weiß, dass es einen Ed Sheeran Song gab, den ich dann nachgespielt habe. Also, es gab schon immer wieder so Momente, die mich inspiriert haben, wo ich dachte, ich hab‘ jetzt auch Bock, die Gitarre zu nehmen. Aber irgendwie habe ich nie so auf die Texte gehört. Also, es gab jetzt nicht so den Moment, dass ich einen Song mitgesungen habe, der mich in meiner Einstellung oder so krass beeinflusst hat.

    Lucas (untoldency): Gab es in deiner musikalischen Biografie auch mal eine Pause, als du das Gefühl hattest, du hast gar keine Lust auf Musik und du brauchst mal Abstand?

    Ami: Ich habe tatsächlich, als es mit Corona und so losging, relativ viel gemacht und eben auch selber aufgenommen und Songs geschrieben und habe dann aber gemerkt, dass ich eine Person bin, die immer auch ganz gerne noch andere Sachen macht. Als ich dann auf einmal jeden Tag morgens bis abends Zeit hatte, nur Musik zu machen, habe ich gemerkt, dass ich das gar nicht unbedingt brauche, sondern dass ich am besten auch neue Ideen finde, wenn ich dazwischen andere Sachen mache. Ich hatte nie diesen Gedanken, ganz aufzuhören. Aber ich habe einfach gemerkt, dass es für mich so am besten funktioniert, wenn ich nicht jeden Tag morgens bis abends nur Musik mache. Mein Papa zum Beispiel ist ganz anders, der geht echt jeden Tag ins Studio und kann nicht genug davon kriegen. Aber mir tut irgendwie diese Abwechslung ganz gut.

    Lucas (untoldency): Kommen dir oft, wenn du andere Sachen machst, musikalische Ideen in den Kopf, von denen du denkst, die muss ich schnell aufnehmen oder in irgendeiner Form festhalten?

    Ami: Manchmal schon, aber eher selten. Also es ist tatsächlich so, dass ich schon die Gitarre nehmen muss und anfangen muss, irgendwie nach was zu suchen und zu gucken, dann formen sich Songs oder kommen Ideen. Also es ist eher selten, dass ich so eine Eingebung habe, ohne dass ich die Gitarre in der Hand hab.

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    Lucas (untoldency): Wie sehr machst du dir darüber Gedanken, wie du als Künstlerpersönlichkeit in Musikvideos und generell visuell auftreten möchtest?

    Ami: Im Rahmen von einem Album mache ich mir schon Gedanken, was die Bildsprache zu diesem ganzen Projekt sein könnte. Aber es ist immer irgendwie auch ein Stück weit meine Persönlichkeit. Also jetzt so wirklich einen Charakter zu entwerfen oder so was für ein Projekt, ich glaube, das passt bei meiner Musik nicht so gut, weil es eigentlich schon immer ziemlich nahe dran ist an mir.

    Ich würde auch sagen, dass es funktioniert! Gerade bei „kurz vorm Ende der Welt“ habe ich den Eindruck, dass diese orangen Farbtöne der Bilder und Musikvideos die Wärme deiner Lieder widerspiegeln.

    Lucas (untoldency): Als du beim Wohnzimmerkonzert von TV Noir zu Gast warst, solltest du spontan einen fremden Song performen. Wie fühlst du dich in diesen Momenten, in denen dir spontan gesagt wird: „Hier spiel mal irgendwas“?

    Ami: Das finde ich schwierig (lacht). Ich bin relativ unspontan, auch so Jam Sessions mag ich eigentlich gar nicht. Auch einfach, weil ich auch auf dem Instrument nicht so frei spiele. Ich kann halt Akkorde und schreibe damit meine Songs, aber improvisieren finde ich schwer und auch bei Texten find ich es voll schwer, so drauf loszumachen. Das war übrigens, glaube ich, wir sind Helden. Bitte gib mir nur ein Wort (singt den Song an).

    Lucas (untoldency): Ist dein Vater da ähnlich oder ist eher anders rum? Ich würde jetzt vermuten, dass dein Vater so ein Vollblut Musiker ist, der irgendwie sofort anfängt zu spielen, wenn die Stimmung passt.

    Ami: Ja, also der Papa tut sich auf jeden Fall einfacher, auch gleich auf etwas einzusteigen und eben so zu improvisieren. Wir sind eigentlich beide eher schüchtern. Er wäre jetzt auch nicht der Erste, der auf die Bühne rennt bei einer Jam Session. Aber wenn er dann was dazu spielt oder so, ist er auf jeden Fall ein bisschen freier als ich.

    Lucas (untoldency): Ich fand den Moment ehrlich gesagt ganz sympathisch, weil ich bereit vermutet hatte, dass dir das in der Situation etwas unangenehm war. Wenn dann noch Kameras auf einen Zeigen, ist der Druck ja dreimal so hoch spontan zu performen. Gab es im Freundes- oder Familienkontext auch Momente, in denen du aufgefordert wurdest, etwas vorzuspielen?

    Ami: Ich glaube, meine Eltern dachten auch ganz lange nicht, dass ich überhaupt auf irgendeine Bühne gehe, weil ich sehr schüchtern war. Und ne, zum Glück haben die das gecheckt und waren eigentlich sehr zurückhaltend. Mein Papa hat auch generell die Einstellung, dass man überhaupt nicht mit Druck vorgehen sollte. Also, nee, zum Glück konnte ich alles in meinem eigenen Tempo machen und mich step by step der Bühne annähern.

    Lucas (untoldency): Ich fand außerdem spannend, dass du mit deiner Familie da warst, also mit deinem Vater, deiner Schwester und deiner Mutter. Wie ist so die Dynamik auf so einer Reise ist? Und wie kommt es dann dazu, dass alle sagen, okay, wir kommen mit? 

    Ami: Ich hab‘ ja auch öfter Auftritte mit meinem Dad, und irgendwie war es da schon immer so, dass meine Mama alle Daten ausmacht und weiß, wann wir wo sein müssen. Der Papa und ich steigen irgendwie so blind ins Auto und konzentrieren uns eigentlich nur auf die Musik, genau, und sie macht alles Organisatorische, verkauft dann auch CDs. Das war eigentlich schon immer so, dass meine Mama sich früher nur bei meinem Papa um alles gekümmert hat und seit wir zusammen Musik machen, da halt auch immer dabei ist. Und das funktioniert eigentlich voll gut so. Und meine kleine Schwester, das war eher eine Ausnahme. Also, die findet‘s auch oft eher langweilig und will nicht mit. Und es ist nochmal anders, wenn ich mit meiner Band unterwegs bin, dann fällt das eh weg, dann bin ich einfach mit meiner Band und dann mache ich den CD Verkauf und so.

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    Lucas (untoldency): Was ist die nächste Single oder das nächste Projekt, das ich und die Welt von dir erwarten können?

    Ami: Ich mache, glaube ich, gerade das Album, was so am Tanzbarsten wird, und freue mich auch schon voll, das dann irgendwann live spielen zu können. Es fehlen noch ein paar Songs und ich muss noch mal ins Studio, aber ich sammle auch schon Live Sessions und Videos dazu. Ich bin gerade an so einem Punkt, wo ich eigentlich kein Label habe und gar keine Partner. Also ist noch einer der größten Schritte, gerade ein bisschen rauszufinden, wie ich das rausbringen kann. Aber eigentlich habe ich schon ein bisschen gesammelt und würde am liebsten im Sommer anfangen mit einer ersten Single, um dann im nächsten Jahr irgendwann dieses Album rausbringen.

    Lucas (untoldency): Die letzte Single von dir, „Weg“, würdest du dann nicht in das nächste Album reinzählen?

    Ami: Tatsächlich würde ich es gerne dazu tun, weil es von der Thematik her ganz gut passt. Die ganzen Songs, die dann kommen, gehen so ein bisschen darum, wie viel Freizeit man auch braucht und dass es auch voll okay ist, sich Pausen zu gönnen und dieses ganze, dass man sich selbst oft auch viel Druck macht und immer denkt, man muss noch mehr schaffen, dabei ist das manchmal vielleicht auch gar nicht notwendig. Obwohl die Sound Welt sich gerade so ein bisschen von dem Song wegbewegt, glaube ich, dass ich ihn dazu tun will, weil es vom Thema her passt, ja!

    Lucas (untoldency): Dann fällt mir noch das Feature mit KLAN ein. Kannst du mir sagen, wie das zustande gekommen ist?

    Ami: Eigentlich total unkompliziert. Die haben mir auf Instagram einfach geschrieben, ob ich Bock hätte. Dann gab es, glaube ich, zwei Songs zur Auswahl. Dann habe ich eingenommen, habe das bei mir daheim eingesungen, den zurückgeschickt und fertig. Ich würde die auch gerne noch mal so richtig kennenlernen, weil dazu kam es jetzt noch gar nicht so richtig, obwohl wir jetzt diesen Song zusammen haben.

    Lucas (untoldency): Noch zwei leicht verdauliche Fragen zum Schluss: Welches Instrument würdest du gerne spielen, das du noch nicht spielen kannst?

    Ami: Wahrscheinlich würde ich irgendwas mit Tasten nehmen. Klavier! Ja, ich hätte schon Bock, noch mehr auf dem Klavier zu können. Ich hab ja bei diesem Mixtape schon auch immer irgendwie Akkorde und gespielt, aber da brauche ich sehr lang, um die Töne zu finden und kann es eigentlich nicht. Ich glaube, das wäre was, was ich eigentlich schön fände, auch um Songs zu schreiben, mal weg von der Gitarre und vielleicht am Klavier, fände ich das eigentlich ein schönes Instrument.

    Lucas (untoldency): Hast du ein guilty pleasure, vielleicht ein musikalisches, vielleicht Trash TV, etwas dass du eigentlich keinem erzählen darfst?

    Ami: Ja! Bei Trash TV bin ich auf jeden Fall dabei. Da gäbe es richtig viele Sachen, die ich jetzt sagen könnte, die die Leute vermutlich schlimm fänden. Irgendwie kann ich voll gut abschalten, wenn ich mir sowas reinziehe. Da habe ich schon fast alles durch, von GNTM über irgendwelche Sachen auf Netflix.

    Lucas (untoldency): Cool, ich danke dir für das Interview und Ich warne dich schon ein wenig vor. Ich komme auf jeden Fall zu den Acoustics und ich bringe ein paar Groupies mit! Falls du eine Fangruppe siehst, die laut deinen Namen schreit, weißt du, Lucas ist da.

    Ami: Dir auch danke für das Interview!

    Hier geht’s zu den kommenden Tourdaten von Ami Warning und Hier lest ihr die Review zu Ami’s letzter EP „kurz vorm Ende der Welt“

  • Blond im Interview: »In der Musiklandschaft fehlt uns einfach eine Haltung«

    Blond im Interview: »In der Musiklandschaft fehlt uns einfach eine Haltung«

    „Auf geht’s Blondies, kämpfen und siegen!“, mit diesen motivierten Fan-Rufen beginnt das Album Perlen. Und das zu recht – für mich haben Blond mit ihrem zweiten Album quasi das Spiel der deutschen Musik gewonnen.

    Von fesselnden Erzählungen, gewohnt humorvollen Bemerkungen, schmerzhaften Erkenntnissen, Euphorie und Emotionalität bis hin zu krassen, unerwarteten Parts von Johann: das ist nur ein Bruchteil von dem, was sich in den schillernden Schätzen von Perlen verbirgt. Nina, Lotta und Johann aus Chemnitz zeigen hiermit, dass ihr erstes Album ein leckerer Vorgeschmack auf all das war, was noch mehr in ihnen steckt. Sowohl musikalisch, als auch inhaltlich schien die Band über sich hinausgewachsen zu sein und erreichte damit eine bemerkenswert positive Entwicklung. Gleichzeitig kann man sich bei Blond sicher sein, dass sie nicht darauf ausruhen werden.

    Obwohl Blond viele persönliche Geschichten erzählen, ist die Bedeutung der Sichtbarkeit und Identifikation für Hörer*innen nicht abzustreiten. Blond ist natürlich eine Band für alle, aber selten habe ich von so vielen FLINTA* Personen aus meinem Umfeld mitbekommen, dass sie sich so von einem Stück Musik so gesehen gefühlt haben. Und das ohne plakativ zu wirken oder Absicht irgendeine Art von feministischem Manifest schaffen zu wollen. Es tut einfach gut, mit Songs, die eine ähnliche Lebensrealität und ähnliche Erfahrungen spiegeln, mitzufühlen. Denn so sehr ich auch meine anderen Lieblingsbands liebe und bei deren Musik das Verlangen nach Identifikation und Verständnis verspüre, werde ich das von einem verrauchten Alex Turner im Anzug nie bekommen. Ich bin dankbar, diese Möglichkeit hier zu bekommen und gleichzeitig zu solchen Bangern mit dem Po wackeln zu können.

    Es scheint für mich so, als würde fast niemand anderes in der deutschen Musik sich zutrauen so verdammt viel Vielseitigkeit zu bedienen und so verdammt viel Wahrheit schamlos auszusprechen. Niemand macht es so wie Blond.

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    Nina und Lotta von Blond im Interview

    Dascha (untoldency): Hi, so sieht man sich wieder! Wie geht es euch? Wie erlebt ihr die Zeit um euer Album herum gerade?

    Nina: Wir sind irgendwie immer noch ziemlich im rush. Wir waren ja gestern noch in Chemnitz und haben noch Platten signiert, sind dann nach Hause und haben dann sofort geschlafen, sind aufgewacht und machen jetzt Interviews. Das ist halt alles immer noch so viel nacheinander. Der Puls ist die ganze Zeit hoch und wir sind die ganze Zeit so in Action. 

    Dascha (untoldency): Kann ich mir vorstellen!

    Nina: Aber es war alles sehr, sehr schön! Also wir sind auch sehr gut gelaunt und glücklich, gerade weil die Leute, die zu unseren Konzerten und zu diesen Signier-Sachen kommen, alle übelst tolle Menschen sind und dadurch ist das alles immer sehr, sehr angenehm.

    Dascha (untoldency): Voll schön! Dann fange ich mal ganz von vorne an. Wie kamt ihr auf den Albumtitel? Und diese „Unterwasser“-Ästhetik, die sich gerade bei euch durchzieht? 

    Lotta: Wir haben mal gehört, dass wenn Schmutz in eine Muschel gerät, die diesen Schmutz nimmt und umwandelt und zu einer schönen Perle macht. Das war für uns ein sehr schönes Bild. Und es gefällt uns sehr gut, wenn man sich überlegt, dass wir diese Songs auch schreiben, um vielleicht Schmutz, der in unser Leben kommt, zu verarbeiten und zu einem schönen Song zu machen, zu dem man sich empowered, fühlen kann. Deswegen haben wir nun ein Album, auf dem ganz viele Perlen sind. 

    Nina: Da lag natürlich die Unterwasserwelt sehr nah, und die ist ja auch von der Ästhetik her ein sehr schönes, weites Feld und da haben wir uns komplett reingestürzt. Wir waren sehr dankbar, dass wir uns selber so ein riesiges ästhetisches Feld gegeben haben. Wir haben ganz viele riesige Moodboards dafür und die sind noch lange nicht alle fertig umgesetzt. 

    Dascha (untoldency): Geil! Diese ganzen Schwimmbad Prelistenings und die Aktion mit den Synchronschwimmer*innen zu eurer Musik sahen sehr, sehr cool aus!

    Lotta: Ja, das war auch richtig schön. Das ist so absurd, dass wir das machen, weil sich das angefühlt hat wie ein Traum. Ich meine: Ja, ich spiele in einer Band. Und jetzt sitzen wir hier im Schwimmbad in der Bademeister Kabine und erlauben den Leuten, ins Wasser zu gehen. Wie sind wir denn hier gelandet? 

    Dascha (untoldency): Ein bisschen absurd, aber mega cool. Wann habt ihr angefangen, an dem Album zu arbeiten und was waren eure Highlights oder auch Tiefen? 

    Lotta: Wir haben in der Coronazeit angefangen. Also wir haben ja das erste Album rausgebracht, dann waren wir auf Tour und zu dem Album hätte noch eine zweite Tour im Herbst gehört. Wir kam quasi vom Tourabschluss aus Leipzig in Chemnitz an und einen Tag später war Lockdown überall. Da dachten wir am Anfang so „Nee, wir können jetzt nicht sofort neue Songs schreiben“, weil wir ja das erste Album noch gar nicht so präsentiert haben, wie wir das gerne machen wollten. Auch einfach mental ging es uns dann nicht so gut. Natürlich hatte man in dieser Coronazeit auch richtige Existenzängste und hat sich gefragt: „Okay, was passiert jetzt mit so einer Newcomer Band?“ Man hat angefangen, irgendwo anders zu jobben, man hat sich gefragt „Bleibe ich jetzt für immer in diesem Beruf? Kann man jemals wieder vor Leuten Konzerte spielen?“ und dadurch gab es keine krasse Motivation. 

    Nina: Wir sind schließlich eine Live-Band und wollen den Leuten die Musik, die wir schreiben, auf Konzerten zeigen. Deswegen hat es sehr, sehr lange gedauert, bis wir dann den ersten Song einfach geschrieben haben, das war Du und Ich. Danach erst, als auch wieder ein paar Festivals kamen, haben wir angefangen Songs zu schreiben und wieder ins Studio zu gehen. Johann hat sich in der Corona Zeit das Produzieren selber beigebracht, deswegen konnten wir da viel in Chemnitz machen. Was halt anfänglich total schwer war, war dieser Anfang, wieder kreativ zu werden. Das war auch ganz anders als beim ersten Album, aber eigentlich ziemlich cool, man war dann wieder in so nem kreativen Fluss drin. Also haben wir dann viel in Chemnitz gemacht und sind dann damit zu Produzenten ins Studio und haben die Songs dann da weiter ausgearbeitet. 

    Dascha (untoldency): Thematisch habt ihr ja auf dem Album sehr viele unterschiedliche Themen abgedeckt und viele Themen, die eben viele FLINTA* Personen beschäftigen und betreffen oder aktuell häufig im Gespräch sind. Was meint ihr, wie findet ihr für euch persönlich einen angemessenen Umgang mit solchen sensiblen Themen? Und auch, wie man vielleicht Leute außerhalb der eigenen Bubble erreicht, die sich nicht so häufig damit beschäftigen? 

    Nina: Wir sind natürlich nicht der Maßstab der Dinge und machen sicherlich auch nicht alles immer richtig. Unser Stilmittel ist ja immer so der Humor und wir versuchen dann halt durch Humor relativ einfach mit Themen umzugehen. Da muss man aber auch immer sagen, dass man bei einem Popsong von drei Minuten ja nie alle Facetten eines Themas abdecken kann. Das ist halt einfach Popmusik und da kann man auch nicht sehr, sehr tief in ein Thema einsteigen. Also so machen wir das, aber ich würde jetzt nicht sagen, so ist der einzig gute Umgang damit. Wir gucken immer, wie sich das für uns anfühlt und bauen das dann so aus. 

    Dascha: Aber es funktioniert gut! Was für einen Effekt oder was für Gefühle sollte das Album bei den Hörenden auslösen, was erhofft ihr euch? 

    Lotta: Wir haben jetzt auch schon relativ oft gespiegelt bekommen, dass sich Menschen gehört fühlen oder empowered fühlen oder einen Song haben, der die auch vielleicht mit ihren Freund*innen verbindet.

    Nina: Man macht ja die Musik in erster Linie für sich. Um sich selber das Ventil zu geben, um Sachen einfach zu verarbeiten oder Sachen anzusprechen. Wenn es dann im zweiten Schritt quasi funktioniert, dass Leute das auch noch toll finden, sich vielleicht darüber kennenlernen, connecten und Gemeinschaften bilden, die ähnliche Einstellungen haben, dann ist das voll cool. Aber man schreibt jetzt nicht einen Song, um zu sagen, ich möchte, dass die Leute dann das und das damit machen. Sondern der ist erst mal so für uns und tut uns gut, weil wir Bock haben, über etwas bestimmtes zu singen.

    Dascha: Und welche Bedeutung hat für euch persönlich weibliche Sichtbarkeit in der Musik? Besonders bezogen auf Durch die Nacht, weil vor allem die erste Strophe bei mir total hängengeblieben ist. Deswegen würde ich gerne mal hören, wer bei euch besonders zu diesem „Vielleicht kann ich das auch“ beigetragen hat. 

    Lotta: Also der Song ist für uns ja so ein bisschen ein „Danke“ an LaFee und Judith Holofernes. Das waren zum Beispiel zwei Künstlerinnen, die wir gehört haben, als wir zehn Jahre alt waren. Da war schon so der Moment da, dass man dachte irgendwie könnte man das doch auch, da hat man dann auf dem Kinderzimmerbett mit Mikrofon performt und sich das vorgestellt.

    Nina: Ich habe mir im Saturn immer jede LaFee CD geholt. Die hatte ja Alben, EPs, Single-Auskopplungen, dann noch mit einem Instrumental und einem Textblatt drinnen, wo man dann selbst den Text mitsingen konnte und so. Ich war eigentlich nur: LaFee. Ich habe mir sogar die Biografie gekauft, die hat sie geschrieben, als sie 17 war. Alter, das ist wirklich ein Legenden-Move! Später kam auch Missy Elliott oder Gossip dazu. Aber es gab immer wieder diese Momente, auch als wir schon älter waren. Zum Beispiel waren wir zusammen auf dem Peaches Konzert und waren so: „Oh mein Gott, das ist ja das Geilste überhaupt! Wir wollen das auch!“ Also bei Peaches haben wir dann gesehen, dass man über den Song hinaus quasi das gesamte Konzert zu einer einzigen Performance verwandeln kann und dass das voll geil ist. Also es nicht so, man geht auf eine Bühne und spielt ein Lied, sondern alles gehört zusammen. Das haben wir bei ihr das erste Mal gesehen. 

    Dascha (untoldency): Das ist so cool! Durch die Nacht hat mich so richtig gepackt, weil das für mich immer ein richtig großes Thema ist. Auch wenn ich selbst keine Musik mache, sondern Sachen hinter den Kulissen. Aber jedes mal, wenn ich starken weiblichen Personen begegne, vergesse ich diese Begegnungen auch nicht. Da gibt es so viele tolle Vorbilder.

    Nina: Ja, weibliche Vorbilder sind ja in allen Bereichen geil. Es tut einfach gut, dann eine Identifikationsfigur zu haben.

    Dascha (untoldency): Ja, total. Ihr habt auf dem Album auch das erste Mal in eurer Diskografie richtige Features mit drauf. Wie kam es dazu und wie war das für euch?

    Lotta: Wir haben das ja schon so immer über oft gemacht, dass wir uns so auf Festivals gegenseitig auf der Bühne besucht haben mit befreundeten Bands. Wir haben das irgendwie nicht so eingesehen, dass sowas nur im Rap komplett Standard ist. Also, mittlerweile ist es auch im Indie angekommen. Zum Beispiel bei Männer hat das für uns einfach voll Sinn ergeben, da noch eine andere Perspektive aus einer etwas anderen Musikrichtung reinzuholen. AddeN hat früher sehr viel Battlerap gemacht und war da so ein bisschen allein. Deswegen haben wir uns gedacht: Okay, sie kann das wahrscheinlich gut nachvollziehen, vielleicht hat sie ja Bock. Also wir hatten auch übelst Schiss sie anzufragen, weil wir waren so „Als ob die das macht!“ Wir dachten, die sagt safe nein. Aber dann hatte sie übelst Bock und ist ein ganz toller Mensch. Sie war jetzt auch bei unserer Releaseparty mit dabei und hat mit uns live performt und das hat alles voll Sinn ergeben. 

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    Nina: Auch Power Plush, das lag ja auf der Hand, weil wir sowieso immer übelst viel rumhängen und immer so einen kreativen Austausch haben. Bei Ich sage ja hatte das so gut gepasst von der Art her wie Power Plush Musik machen, durch diese harmonischen Gesänge. Die erste Zeile ist ja „Ich bin die Harmonie“ und dann kommen Power Plush mit ihrem harmonischen Wesen da rein. Das ist so geil! 

    Dascha: Finde ich auch. Es war aber auch cool, Power Plush mal auf deutsch zu hören.

    Nina: Genau, wir versuchen natürlich auch, denen so ein bisschen die Tür zu öffnen. Vielleicht machen sie ja auch mal einen Song auf deutsch!

    Dascha: Haha, vielleicht! Um bei Ich sage ja zu bleiben – Als ich den zum ersten Mal gehört habe, musste ich einfach heulen. 

    Nina und Lotta: Ahhh danke, das freut uns wirklich zu hören!

    Dascha: Mega song, einfach richtig schön. 

    Nina: Wir haben den jetzt schon ein paar Mal live gespielt und es gibt ja diese Bridge mit „Fass mich nicht an“ und dann singt das das Publikum immer nach und da kriege ich jedes mal Gänsehaut. Und wir haben ja sehr viel weibliches Publikum, da singen alle immer vor allem übelst laut das „Halt dein scheiß Maul!“ Da krieg ich Gänsehaut! Man merkt, dass die das brauchen, dass einfach mal heraus zu sagen.

    Dascha: Kann ich mir vorstellen. Könnt ihr mal in euren Worten aus eurer Erfahrung kurz sagen, wieso man weibliche Wut braucht? Auf den Song bezogen, also jetzt nicht unbedingt in einem revolutionärem historischen Kontext, sondern auch einfach im Alltag. Und findet ihr dieses Bild von diesem braven Mädchen, was immer ja sagen sollte, ist gerade im Wandel?

    Nina: Ich glaube, das ist wieder was Persönliches. Also ich habe halt viel gelesen, wo es einfach um Weibliche Wut ging und dann bin ich selber meine Sozialisation so ein bisschen durchgegangen und habe mich dann viel im Freund*innenkreis unterhalten. Dass man sich als Frau immer blöd vorkommt, wenn man sauer ist, weil man denkt man übertreibt oder ist hysterisch, weil einem das ja auch so gespiegelt wird, als ob Wut eine Emotion wär, die mir nicht steht. Und dann hab ich aber überlegt, dass das bei Männern nicht so ist. Zum Beispiel bei Politikern oder so, wenn die eine wütende Rede halten, dann sind das die total starken Typen. Wenn eine Politikerin aber eine wütende Rede hält, dann ist die überemotional und so. 

    Dann sind mir total viele solcher Sachen aufgefallen. Auch im Kindergarten zum Beispiel, dass die Jungs sich immer gerauft haben, aber Mädchen sollten sich ja immer sofort vortragen und lieb sein. Man rutscht dann ja selber in so eine Rolle rein, wenn die Gesellschaft die so vorgibt. Das Thema ist also eine persönliche Sache, die aber natürlich trotzdem strukturell bedingt ist. Dann hab ich eben viel dazu gelesen und habe gemerkt, dass es Lektüre dazu gibt und dass das ein Thema ist, was schon mal bearbeitet wurde. Ich habe das Gefühl, das ist wie bei allen möglichen feministischen Themen, dass es gerade schon so ein bisschen popkulturell abgebildet wird. Die Frage ist immer nur, wie sich dann sowas wirklich auch im System verändert. 

    Dascha (untoldency): Ich finde, das habt ihr sehr gut in dem Song auf den Punkt getroffen. Also, dass man es irgendwie einfach persönlich auf sich beziehen kann, aber trotzdem den allumfassenden Kontext versteht.

    Nina: Danke, wirklich! Wenn alle möglichen Leute gemeinsam dann „Halt einen scheiß Maul“ mitsingen und das in dem Moment ein Ventil für die ist, dann ist das geil. Es ist ja auch ungesund, seine Wut runterzuschlucken, das machen ja auch total viele. Ich habe auch gelesen, dass viel mehr Frauen als Männer Zähne knirschen, weil die da irgendwas nicht verarbeiten. Oder ganz viel mehr Frauen melden sich für diese Kurse an, wo man mit Baseball Schlägern Autos und so zerschlägt, um Wut rauszulassen. Das Gefühl ist ja da, aber wird dann einfach nicht ausgelebt. Das ist ungesund.

    Dascha (untoldency): Ja, das stimmt! Apropos Gefühle, ich würde noch gerne auf Immer lustig eingehen, weil ich den Song überraschend fand. Also, vielleicht werdet ihr auch einfach von außen schon ein bisschen in die Schublade der „funny“ Band gesteckt. Den Kontrast von dem Song auf dem Album finde ich super interessant und überraschend, aber andererseits hat es auch total Sinn ergeben. Vielleicht könntet ihr einfach mal ein bisschen zu dem Song erzählen und auch zu dieser Balance zwischen diesen zwei Seiten, um die es geht.

    Nina: Der Song ist der einzige auf dem Album bei dem es jetzt keinen doppelten Boden gibt, sondern der ist einfach das, was man singt ohne zusätzlich etwas zu erklären. Der ist genau so gemeint. 

    Lotta: Ich glaube, da geht’s auch so ein bisschen darum, dass wir gemerkt haben, dass oft Leute schnell so sind wie „Also, das hätte ich nicht gedacht, die ist doch immer so gut gelaunt“ und dass man Leuten auch mal zeigt, dass andere Leute nicht immer so sind, wie du die siehst. Wenn du Leute siehst, die nach außen vielleicht immer total funny wirken, dann kann das vielleicht auch ein Mechanismus sein, um mit Sachen umzugehen, die im Privatleben extrem scheiße sind. Es sollte einfach zeigen, dass es halt nicht so einfach ist, von außen in Leute reinzugucken. Dass es nicht so leicht ist zu sagen „Hey, dir geht’s doch gut, du scheinst doch immer gut gelaunt“ und ich glaube darum war uns das auch wichtig, da einfach mal so ehrlich zu sein, weil halt nicht immer alles schön ist. Auch bei uns nicht. 

    Dascha (untoldency): Ja total, das ist auch wichtig, sich dem bewusst zu sein. Der Song ist wirklich super schön geworden. Ich habe generell den Eindruck, dass ihr so eine Band seid, die irgendwie immer wieder neue Ideen einbringt und sich immer wieder weiterentwickelt und immer versucht, den Rahmen zu sprengen und irgendwas cooles neues einzubringen und damit auch irgendwie die Musikszene aufregender macht. Was treibt euch so dazu an? Also was gibt euch die Motivation, euch immer neues auszudenken? 

    Nina: Ich finde, und das sagen wir auch ganz oft, wir finden es übelst toll, dass wir in einer Band spielen und es könnte keinen besseren Beruf für uns geben. Zu dieser Band gehört ja auch sowas wie Musikvideos, irgendwelche Sessions, wie jetzt unsere Unterwasser Prelistenings und wir haben 100000 Ideen im Kopf, die gar nicht unbedingt in erster Linie nur was mit Musik zu tun haben. Und man kann die ja trotzdem alle umsetzen. Wir haben uns selber jetzt einen Rahmen geschaffen, wo wir einfach alles, was uns so einfällt, was wir geil finden, umsetzen können. 

    Lotta: Man kann sich kreativ so krass ausleben! Uns treibt dann auch an, dass man einfach umgeben ist mit kreativen Leuten. Also unser Freundeskreis ist auch extrem kreativ und so, das treibt uns dann natürlich auch an, wenn die Sachen machen und man sich darüber unterhält. Was einem außerdem so gute Gefühle gibt, ist dann halt, wenn man auf der Bühne steht und merkt, es zahlt sich aus und die Leute wertschätzen voll die künstlerische Arbeit, die man macht. Wenn man merkt, die Leute verstehen das und die Leute haben Spaß damit, dann treibt das natürlich auch wieder an, dass man wieder mit einer neuen Sache um die Ecke kommt. Das ist ein Zusammenspiel aus vielen verschiedenen Dingen, aber wir sind einfach extrem glücklich, so kreativ arbeiten zu können.

    Dascha (untoldency): Das merkt man auch! Was ist für euch die größte Entwicklung, die ihr als Band gemacht habt? Von euren ersten Releases bis jetzt hier hin. 

    Nina: Ich finde, alles mögliche hat sich irgendwie gleich weiterentwickelt. Also, ich habe gestern unsere beiden Albumcover mal nebeneinander gesehen und die sind irgendwie trotzdem in einem Stil. Aber das zweite ist natürlich professioneller, sag ich mal, und ich kann das gar nicht an einer Sache festmachen, aber ich glaube man kann das auf alles beziehen. Musikalisch, aber auch die Ästhetik, das Bühnenbild, dann gibt es ja ein übelst tolles Team, was jetzt unsere Bühnenoutfits näht und solche Sachen. Wir haben halt quasi dadurch, dass wir jetzt ein bisschen größer sind, mehr Möglichkeiten, noch mehr Sachen, die wir uns immer gewünscht haben, umsetzen zu können. Das ist vielleicht nicht wirklich eine Entwicklung, aber einfach eine Möglichkeit.

    Lotta: Man hat sich privat auch so entwickelt, dass man vielleicht ein bisschen selbstbewusster mit dem eigenen Projekt ist und sich so ein bisschen den Raum, der einen ja auch zusteht, noch mehr nimmt. Außerdem arbeiten wir halt jetzt mit Leuten, die wir einfach übelst lieben und die uns mögen, man ist einfach auf einer Wellenlänge. Ich habe das Gefühl, das ist auch so eine persönliche Entwicklung, dass wenn eine Person einfach scheiße ist, man nicht mehr mit der Person zusammen arbeitet oder die Person nicht supported. Also, dass wir uns jetzt dieses Recht nehmen.

    Nina: Genau, das meinte ich auch mit Möglichkeiten. Wir sind jetzt an einem Punkt, wo man auch sagen kann: „Ist mir scheiß egal, du bist kacke, ich hab kein Bock auf dich“ und das ruiniert jetzt nicht die gesamte Karriere. Es ist natürlich immer kompliziert, aber es ruiniert jetzt nichts mehr. 

    Dascha (untoldency): Passend dazu, was fehlt euch persönlich momentan in der deutschen Musiklandschaft, egal in welcher Hinsicht?

    Nina: Um es mal kurz zusagen: in der Musiklandschaft fehlt uns meistens einfach eine Haltung. Einfach mal ein bisschen Rückgrat zeigen.

    Dascha (untoldency): Ja, gut zusammengefasst. Die nächste Frage, die vorletzte, ist sehr wichtig. Was ist euer lieblings Sims Erweiterungspack?

    Lotta: Ich muss dazu sagen, ich musste Sims letztens leider löschen, weil es so viel Speicherplatz eingenommen hat. Das Erweiterungspack mit den Haustieren ist zwar schon lange her, aber das war ein großer Schritt in die richtige Richtung. (lacht) Hauserweiterung fand ich super, aber ich weiß gar nicht mehr, wie das hieß. Irgendwas mit Home Decor? Da hat man so geile Badematten für den Pool bekommen und so. Da gab’s ganz spezielle kleine Sachen wo ich immer dachte „nice“, sowas wie schöne Vasen. Ich glaube, mein liebstes Erweiterungspack ist aber Haustiere. Was ist denn dein lieblings Erweiterungspacks?

    Dascha (untoldency): Ich glaube, auch Haustiere. Und Jahreszeiten ist für mich ein Klassiker. Ich denke manchmal daran zurück, dass es für Sims 2 so ein Pack gab, das hatte ich damals auf der Playstation, das hieß Sims 2 Gestrandet. Das war einfach so unnormal verstörend, da war man alleine auf der wilden Insel und irgendwann wurde man immer von Affen gejagt und getötet, ich hatte so Angst davor.

    Nina: Ich weiß einfach direkt im Kopf, wie diese Verpackung aussah! Das ist aber was, wo ich immer so drum rumgelaufen bin und meine Eltern überreden wollte, mir das zu kaufen. Ich habe es nie gekriegt. Ich kenne deswegen nur diese Verpackung, bei der für mich ein Heiligenschein drum rum war, das war etwas unerreichbares für mich als Kind. (lacht)

    Dascha (untoldency): Ja, das war geil, aber eben auch verstörend. Naja, okay. Die letzte Frage ist bei uns immer eine untold story, also eine Geschichte oder ein kleines Geheimnis, das ihr noch nicht öffentlich erzählt habt.

    Nina: Für alle, die uns letztes Jahr auf unserer Tour besucht haben, die ging einen Monat: Ich habe den gesamten Monat lang gezahnt. Also den gesamten Monat lang sind mir meine Weisheitszähne hinten durchgebrochen und ich konnte eigentlich meinen Mund kaum aufmachen und musste immer Schmerztabletten vorm Auftritt nehmen, damit ich überhaupt ordentlich singen kann. Ich dachte halt, die Martini Sprite Tour wurde drei mal verschoben wegen Corona, wir können jetzt nicht vier mal verschieben, wegen meinen Weisheitszähnen. Das geht ja nicht! Deswegen Shoutout an alle Babys die gerade zahnen, weil ich kann das komplett mitfühlen. Wenn du dich nur noch durch schreien äußern kannst, dann tut’s mir leid. (lacht) Das ist eine Geschichte, die wir noch nicht erzählt haben. Und jetzt ist es raus: Ich habe auf Tour gezahnt.

    Dascha (untoldency): Respekt, du hast es aber geschafft! Sind sie jetzt raus?

    Nina: Ne, die sind noch drinnen, ich habe genug Platz in meinem Mund.

    Lotta: Die leben da einfach rent free!

    Dascha (untoldency): Ich danke euch für eure Zeit und das schöne Interview!

    Ende des Jahres könnt ihr alle Perlen-Hits live auf Tour hören! Hier geht’s zur den Tourdaten.

    Foto Credits: Anja Jurleit

  • The Haunted Youth im Interview: »Great music first needs to be therapy for the writer in order to become therapy for anybody else«

    The Haunted Youth im Interview: »Great music first needs to be therapy for the writer in order to become therapy for anybody else«

    Seit geraumer Zeit hat es mich weg aus Deutschland ins Nachbarland Belgien verschlagen. Das soll jetzt aber kein Ratgeber fürs Leben als Expat werden. Nein, es geht natürlich um Musik. Belgien hat neben den Niederlanden und Luxemburg musikalisch viel Spannendes zu bieten. Wer sich ein Bild machen möchte, dem empfehle ich unsere „indie export – the sound of benelux“ Playlist (die hat übrigens kürzlich ein frisches Update erhalten).

    In den kunterbunten Mix leitet einer ein: The Haunted Youth. Seit der Single „Teen Rebel“ und dem im November letzten Jahres erschienen Debütalbum „Dawn Of The Freak“ haben sich Sänger Joachim Liebens zusammen mit seiner Live-Band zu den Indie-Lieblingen schlechthin gemausert. Mit einem Mix aus Shoegaze und Dream Pop schaffen die verträumten Gitarren einen Sound für eine ganze Generation, gezeichnet von tiefer Traurigkeit und unendlicher Freiheit zugleich.

    Ich habe mit dem Sänger hinter der gequälten Jugend gesprochen.


    The Haunted Youth im Interview

    Evelin: Hey Joachim, thanks for joining! First thing’s first: I myself have been living in Belgium for a few years now and heard a lot about you already. But for the people who might not know you: Who are you and how would you describe your music?

    Hey! Well I would describe my music as coming from a place that’s internal. It’s very introspective, makes you think but also forget. And I made it in a way to exorcise my own demons, and with that sometimes I exorcise someone else’s demons, at least while the song is playing. That’s how i would love it to be (laughs).

    Evelin: In what creative mindset do we find you at the moment?

    The Haunted Youth - by Robin Todde 026 (1)

    It’s kind of a trip, sometimes I feel like my life or my music is going nowhere in the studio, and the next day I feel inspired and focused. When it comes to playing shows, that’s always nice, I think it’s being on the road for a while now that makes me face new ways of going about creating music. And sometimes that’s hard, but I love going through it, it always ends up somewhere exciting!

    Evelin: Your artist name is very carefully chosen. How much does your youth still affect you to this day? Does it still haunt you?

    Well, our youth kinda shapes us in ways, and as we grow older we unconsciously try to make up for things, when this childhood was missing something. In ways, I feel like pursuing this dream was a way for me to be able to unconditionally live as a child, and free something that was imprisoned in me because of my past. While also growing up in other ways, like making a living and sharing a house with my girlfriend. 


    „There’s always traces that follow you around“

    Evelin: Your debut album „Dawn of The Freak“ looks back on a very specific time in your life and in previous interviews you almost sound a bit bitter about your past. Can you explain what the album means to you and what state you were in mentally while writing the album?

    Well, growing up where I did, in the social environment that I did, I just felt isolated. Like I was different, and something was missing. I found something in skateboarding, I found something in punk rock, and when I really started to discover my own world, it was censored and controlled and judged by the people who should be there for me.

    After the divorce of my parents and years of depressing vibes between them, lies they would tell us about each other, to extreme levels, I decided to not see them anymore as soon as I had the chance. So I tried to fight things I felt about it in songs and that became the album. Because even though I left and my worst days seem to be behind me, there’s always traces that follow you around, and haunt you.

    I was sick of feeling like shit because of this and decided music was always my best way to fight it, besides skateboarding, or smoking weed, doing drugs, etc. I wanted to also give back this message to the community like: „Hey this music has been there for me. I made something in return, which I hope will do the same for someone out there.“

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    „I’m not trying to evoke anything in anyone“

    Evelin: The main messages in your album revolve around the struggle of finding your place in life. Do you think you found that now? If so, what does that look like for you?

    I feel like I found at least a big picture of it (laughs). I’m pretty happy with my life now. I seem to have it pretty much under control, it just seems to flow, you know. A lot of old passions came back on me, like I just started skating again, and that feeling combined with being on the road with the band.

    They’re my carefully chosen family of freaks and my queen freak, Ammu. She’s my girl and I’m so in love with her. We really come from the same place traumatically speaking, even though she has her own story, but we bond on that deeply. We both make music together, like really hardcore punk shit, you know.

    And I don’t know, things just feel like they fell into place by making this album and everything that came along with it. And there’s been a lot of struggles to get here, but it makes me enjoy it more as it’s happening.

    The Haunted Youth - by Robin Todde


    Evelin: Your upbringing is characterized with contrasts, and it shows in your music. Whereas the melodies are often quite soft and dreamy, the lyrics can get rather dark. What do you hope to evoke in people with that?

    I’m not trying to evoke anything in anyone. I follow what evokes something in me, and weirdly, that’s how I end up making other people feel things with music. By first chasing that feeling for myself, and have me be the judge. Because I am the hardest to please, other people might like something I might not feel. So why do that. I think great music first needs to be therapy for the writer in order to become therapy for anybody else in such a profound way. Not always though, but mostly.


    „Just go until the gas runs out“

    Evelin: You write and produce your music basically all on your own and sort of thrive in isolation. Now you released a song together with one of your bandmate’s projects King Victor. How did that more collaborative process work out for you?

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    Well, Tommy (Tom, Teil von King Victor und Gitarrist bei The Haunted Youth) is the only one I share a certain musical connection with. The therapy part, and the way this therapy sounds to us, is something very particular. I think this kind of connection is really rare, but that’s why he got in the band in the first place.

    And one day he had this song, and sent me the demo, and I hated his vocals on it, but loved the song and proposed to sing on it. I still did it alone, 4 am, high as fuck, and a little depressed. I did a few takes, and sent it to him. He loved it and we decided to go with it.



    Our label manager later decided to make it a collaboration thing with the feature, so his song would get the attention it deserved. We later ended up putting it in this year’s live set.

    Evelin: You released your debut album last year in November, after touring and the upcoming festival summer. What is next for The Haunted Youth?

    Just feeling the vibe, riding the waves and rocking in the free world, making lots more music, just go until the gas runs out, and we run out!

    Evelin: At the end of each interview, we always ask for an untold story. This could be a random fact about you, an anecdote, something funny that happened during recording, touring etc. Anything that you haven’t shared with the world yet, but want to now. 😊

    Well, me and my girl have a dog, a Tervuren shepherd. She’s called Kensy, and she’s our little wolf. Every so often we sit with her and we howl together, as a wolfpack. It’s said to strengthen the bond between you and the dog. It’s as if we’re singing a song together! (laughs)


    The Haunted Youth auf Tour

    Wer sich genauso wie Joachim von Traumata und Sorgen mithilfe der Musik loslösen möchte, dem spreche ich eine warme Empfehlung für das Debütalbum „Dawn Of The Freak“ aus.

    Nach bereits vergangenen Shows und Festivals um und in Deutschland gehen The Haunted Youth außerdem im November wieder auf Tour. Unter anderem in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Heißt, ihr könnt euch auch noch von euren Dämonen frei tanzen. Holt euch hier eure Tickets!


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    Fotocredits: Robin Todde

  • M.Byrd im Interview: »Mit dem Album wollten wir etwas pflanzen, dass Comfort bringt«

    Im Rahmen der Acoustics Concerts 2023 haben wir uns mit Max von M. Byrd zum Interview getroffen und unter anderem über die Entstehung und Produktion seines Debütalbums „The Seed“ gesprochen, das letzten Freitag erschienen ist. Der Sound des Albums erinnert an warme nostalgische Sommertage, die Sehnsucht nach einem Roadtrip schaffen. Es thematisiert das Leben mit all seinen Herausforderungen, Träumen und Ängsten, aber vor allem geht es bei „The Seed“ um Wachstum.

    In Hamburg (21.06.) und Essen (22.06.) könnt ihr M. Byrd diese Woche noch mit einem Akustikset bei den Acoustics Concerts live erleben.


    M. Byrd im Interview


    Julia: Hi Max, erstmal schön dich kennenzulernen! Ich freue mich sehr, dass wir heute miteinander quatschen. Wie geht’s dir?

    Max: Mir geht’s gut. Ich war gerade zehn Tage in Prag, Berlin und Leipzig unterwegs und habe drei Tage gebraucht, um wieder in meiner derzeitigen Heimatstadt Kopenhagen anzukommen. Ich bin noch ein wenig fertig von der Reise, aber es war sehr schön!

    Julia: M. Byrd ist für mich träumerischer Indie-Rock. Wie würdest du eure Musik beschreiben?

    Max: Das passt schon sehr gut! Wenn man die Drums, den Gesang und das ganze Große rausnimmt, hat es für mich wie ein Ambient Projekt begonnen. Das war am Anfang eher ein Experiment. Deswegen würde ich es vielleicht Ambient Rock nennen – so in die Richtung. 

    Julia: Bei M. Byrd geht es gar nicht unbedingt nur um dich als Solokünstler, sondern viel mehr um ein Kollektiv. Wer seid ihr denn?

    Max: Wir sind viele Leute, die sich über die Jahre kennengelernt haben und mit denen ich in verschiedenen Projekten Musik gemacht habe. Den Kern bilden mein guter Freund Andre, der auf den Aufnahmen Schlagzeug spielt und Eugen Koop aus Detmold, der sein Studio zur Verfügung gestellt hat, um die Aufnahmen zu machen. Wir sind ein Kollektiv aus Menschen, die ich mit der Zeit auf meinem musikalischen Weg zusammengesucht habe und indem jede*r seine Stimme dazu gibt. In der Livebesetzung haben wir gerade zwei neue Leute dabei. Doreen, die Sängerin, die auch die Chöre auf der Aufnahme gesungen hat, ist im Mutterschutz, weil sie im Juni zusammen mit unserem Drummer ein Kind bekommt. Ich finde es schön, dass diese Familie, die sich um dieses Projekt bindet, mit der Zeit einfach immer größer wird. Das ist ein gutes Gefühl.

    Julia: Das glaube ich gern!

    Max: Dann bleibt es auch spannend. Ich bin nicht jemand, der allein im Studio sitzen kann. Klar, tue ich das auch mal, wenn vorher schon was zusammengekommen ist. Ich finde die Magie passiert immer dann, wenn Menschen etwas gemeinsam machen. Das ist ein unbekannter Faktor, den man versucht zu steuern.

    Julia: Im Februar kam dein Song „Outside Of Town” raus und du hast bei Instagram geschrieben, dass der Song für einen Freund ist, der dein Leben verändert hat. Man kann es zwar am Text ein wenig erahnen, aber möchtest du die Geschichte dazu erzählen?

    Max: Die ganze Idee des Songs war die Geschichte von einer Person zu erzählen, die flüchten muss, aber es so offen zu lassen, dass es quasi jeder sein könnte, dem dieses Schicksal widerfährt. Deswegen kann ich die Geschichte nicht genau erzählen. Es ist ein Bild im Song entstanden, in dem sich jemand in einer „safe zone“ befindet – wie auf einer Insel oder in einer Stadt.

    Drumherum herrscht überall Krieg. Und dann hat jemand trotzdem das Gefühl über den Horizont herausschauen zu wollen, obwohl es gefährlich ist. Trotzdem möchte man einen anderen Zustand oder ein anderes Leben haben. Das kann man nicht nur auf Krieg beziehen, sondern auch auf klimatische Bedingungen. Ich finde Menschen faszinierend, die hinter diesen Horizont blicken wollen, egal was von außen gesagt wird und von dem man denkt, was möglich ist. Das erfordert einfach sehr viel Mut. – Und ich habe damals in Hamburg jemanden kennengelernt, der mich inspiriert hat diesen Song zu schreiben. 

    Julia: Der Song setzt das auf jeden Fall sehr gut um. Deine Texte sind sehr träumerisch und lassen viel Spielraum für Interpretationen. Ich bin selbst sehr großer Fan davon, wenn Songs mich aus der Realität wegholen. Findest du, dass da ein gewisser Reiz hinter steckt, wenn man Lyrics nicht eindeutig interpretieren kann? 

    Max: Manchmal kann ich das selbst gar nicht. Es gibt Leute, die mir nachher sagen, was sie alles aus den Texten rausgelesen haben. Songwriting war für mich immer eine unterbewusste Sache und etwas, bei dem ich das Gefühl habe, dass es sich für mich besser anfühlt, wenn ich in diesen Zustand selbst reinkomme. So öfter ich die Songs spiele und die Räume in den Songs kennenlerne, umso mehr bemerke ich auch Sachen über mich selbst. Manchmal schreibe ich meine eigene Zukunft in Songs auf und deswegen sind diese vielleicht auch dreamy. 

    Der Sänger Jacob Collier hat mal gesagt, dass die besten Songs für ihn diejenigen sind, in denen Leute ihren eigenen Raum haben können. Ich gebe dir einen Song von mir und dieser wird zu deinem Raum und gehört nicht mehr mir. Ich bin kein Fan davon, jemandem genau zu sagen, was meine Songs bedeuten. It’s art – die Leute finden das meistens selbst raus oder vielleicht auch nicht.


    Entstehung des Debütalbums

    Julia: Da stimme ich dir zu! Ich finde es auch schön, wenn Menschen unterschiedliche Sachen in Songs interpretieren. Am 16 Juni veröffentlichst du dein Debütalbum „The Seed“. An dieser Stelle schon mal Glückwunsch! Obwohl, dafür ist es wahrscheinlich noch zu früh, was?

    Max: Ich finde es schon okay, *lacht*, in meinem Kopf ist das Album schon lange draußen.

    Julia: Na dann! Kannst du uns etwas über die Entstehung erzählen und worüber das Album thematisch handelt?

    Max: Das ganze Album hat einen Prozess durchlaufen, wie ich ihn eben schon beschrieben habe. Wir haben dieses Projekt begonnen und meistens während der Durchreise einen Stopp gemacht und einen Tag aufgenommen. Dabei ist zum Beispiel ein Song wie „Mountain“ entstanden. Irgendwann haben wir die EP gehabt und veröffentlicht – und das war schon während Corona. Wir haben das aber gar nicht so wahrgenommen, sondern wollten in der Zeit einfach Musik releasen. In Detmold haben wir dann begonnen das Album aufzunehmen. Das Studio war quasi ein sechs Meter hoher Raum, eine Squashhalle entstanden aus einem alten Bunker, wo wir uns zu dritt einsperrt haben, als man niemanden treffen konnte.

    Gerade in den letzten Tagen, an denen wir die Aufnahmen gemacht haben, haben wir uns gefragt, warum wir das eigentlich machen. Da hat auch der Ukrainekrieg begonnen. Wir haben einen Freund in Detmold, der ist an die Grenze und wieder zurückgefahren, um Freunde einzusammeln. Es war absurd in dieser Zeit ein Album zu machen und sich auf sich selbst zu konzentrieren. Als wir dann den letzten Song „Seed“ aufgenommen haben, war schnell klar, dass wir das mit der Musik einfach machen müssen. Wir werden uns niemals von der Welt abkoppeln können und haben gemerkt, dass das Album genau diese Gemeinschaft festhält, die wir in dieser Zeit geschaffen haben. Es hat jedem von uns Comfort gegeben, in einer Zeit, in der man eigentlich kein Geborgenheitsgefühl finden konnte. 

    Julia: Hat der Titel des Albums auch inhaltlich eine Bedeutung? Geht es um Wachstum?

    Max: Ja, voll! Gerade in so einer dunklen Zeit wollten wir etwas pflanzen, das uns und vielleicht auch anderen Menschen Comfort bringt. Es ist das erste Album, das wir aufgenommen haben. Ich habe vorher noch nie ein ganzes Album aufgenommen und wusste nicht, wie es wird. Wir wollten damit einen Raum pflanzen, der Menschen Geborgenheit gibt. 

    Julia: Gibt es einen Unterschied im Entstehungsprozess der Orion-EP und dem kommenden Album? 

    Max: Vom reinen Schaffungsprozess her haben wir auf dem Album viel in einem Raum zusammen live eingespielt. Bei der Orion-EP haben wir eher mal Drums aufgenommen und hier und da ein bisschen gemacht. Aber auf dem Album haben wir fast alle Songs mit Bass, Gitarre und Schlagzeug gemeinsam in einem Raum aufgenommen. Heutzutage ist das ein besonderer Prozess für Musiker*innen, weil es nicht mehr wirklich aktuell ist. Das war der grundlegende Unterschied für mich. Es ist alles sehr organisch entstanden, würde ich sagen. 


    M. Byrd geht im September und Oktober auf Tour

    Julia: Du gehst im September und Oktober auf eigene Tour und das nicht nur durch Deutschland. Was ist das Schönste für dich am unterwegs sein?

    Max: Ich habe besonders in den letzten Tagen gemerkt, dass das Schönste die Leute sind, die man auf seinem Weg trifft. Man merkt einfach, dass man drei Stunden irgendwo hinfahren kann und immer einen Platz hat, wo man sein kann. Mich empfängt immer jemand oder hat einen Platz auf der Couch frei. Das sind grundlegende Dinge, die man zu schätzen weiß. Das ist das Schönste für mich – die anderen Menschen, die ich dabei treffe. 

    Julia: Du hast ja auch Erfolg in anderen Ländern und spielst Konzerte außerhalb von Deutschland. Wie hast du das wahrgenommen?

    Max: Ich freue mich natürlich total, wenn mir zum Beispiel Leute aus Chile schreiben. Ich bin sehr dankbar dafür, dass die Musik das kann. Ich habe das aber noch nicht als einen Erfolg wahrgenommen. Heutzutage hast du als Künstler*in einen sehr klaren Überblick über Zahlen und Statistiken deiner Musik und erfährst, wo die Leute deine Musik hören und so weiter. Für mich ist es ungreifbar, wenn 4000 Leute monatlich in der Türkei meine Musik hören. Ich verstehe das erst, wenn wir eine eigene Tour spielen, die wir jetzt auch angekündigt haben. An diesem Punkt verstehe ich dann, dass Leute meine Musik hören und sich damit verbinden. In der echten Welt bedeuten diese ganzen Zahlen für mich nichts. Es ist natürlich ein großer Erfolg, dass ich in Prag ein Konzert spielen kann und sehe, wie viele Menschen meine Musik kennen. Das ist etwas, was ich richtig wahrnehme.

    Julia: Dann frage ich dich nochmal nach der Tour!

    Max: Ja! Ich bin wirklich sehr gespannt.

    Julia: Jetzt mal eine ganz andere Frage: Die Musikbranche ist sehr schnelllebig und verlangt viel. Wie gehst du als Künstler damit um, gerade auch in Hinblick auf die eigene, mentale Gesundheit? Fühlst du dich manchmal unter Druck gesetzt?

    Max: Das ist eine gute Frage! Ich habe an einem Punkt begonnen, an dem ich schon viele Erfahrungen und Umgang mit dem Musikbusiness sammeln konnte. Deswegen habe ich bereits ein gewisses Bullshit-Radar aufgebaut, dass mir sagt, mit wem ich zusammenarbeiten möchte und mit wem nicht. Den größten Druck mache ich mir selbst. Ich habe einen großen Qualitätsanspruch an das, was ich mache und möchte manchmal auch alles tun.

    Aber ich glaube, ich habe meinen Weg gefunden mit diesen Sachen umzugehen. Ich habe ein Team und Menschen, denen ich hundertprozentig vertraue und die auch mich sehr gut kennen. Es gibt einfach Personen, die mir helfen und den Druck abfedern. Das sind die guten Leute, mit denen man zusammenarbeitet. Das Publikum, so viel ich es auch zu schätzen weiß, dass ich Leute habe, die meine Musik wirklich gerne mögen, sind immer die Leute, an die ich erst denke, wenn die Musik schon gemacht ist. Am Ende mache ich die Musik auch für mich selbst und habe sie ein bisschen als meine eigene Medizin. 

    Julia: Ich finde es auch wichtig nicht zu vergessen, dass man keine Erwartungen von außen erfüllen muss. Nun kommt die obligatorische „Wo siehst du dich in fünf Jahren“-Frage, aber ich formuliere sie anders. Was würdest du in musikalischer Hinsicht noch gerne in den nächsten Jahren machen?

    Max: Da gibt es so viele Sachen. Gerade sammle ich schon wieder Ideen und Sounds und schaue nach Strukturen, die sich anbahnen oder mache mir Gedanken, wie es weitergehen könnte. Das ist nicht auf M. Byrd bezogen, sondern einfach mein Interesse Ideen zu sammeln. Ich hoffe, dass ich das mit der Musik so lange wie möglich machen kann und es mich weiterhin so thrilled, wie es das aktuell tut. Das klingt immer einfach, aber ich möchte Sachen machen, die ich genieße. Wenn ich irgendwann das Gefühl habe sollten, es nicht mehr zu genießen, dann mache ich es nicht mehr. Ich liebe Musik und mit meinen Leuten Musik zu machen und deswegen hoffe ich, dass das in fünf Jahren immer noch so sein wird und mir weiterhin so viel zurückgibt, wie es das gerade tut. 

    Julia: Das ist schön. Das wünsche ich dir natürlich auch! Unsere letzte Frage ist immer eine untold story – also eine Geschichte oder Anekdote, die du noch nie irgendwo erzählt hast. Was wäre deine untold story?

    Max: Hmm. *überlegt* Ich habe mal aus Versehen mit dem Gitarristen von KISS gejammt und wusste es nicht. 

    Julia: Okay, das hört sich nach einer sehr guten Story an. *lacht*

    Max: Ich komme ursprünglich aus dem Saarland und habe dort während der Schulzeit bei einem Verstärkerhersteller ein zwei-wöchiges Praktikum gemacht. An einem Tag sollte ich den Raum aufbauen, in dem die Verstärker gespielt werden, weil jemand vorbeikommen würde, um die zu testen. Irgendwann kam ein Typ mit zwei anderen Leuten rein und hat angefangen, die Verstärker auszuprobieren. Er hat sich dann zu mir gesetzt und wir haben ein bisschen gejammt. Ich habe gemerkt, dass er Amerikaner ist und ihn daraufhin gefragt, wo er herkommt und was er so macht. Er meinte dann, dass er in KISS spielt, während ich an irgendeine KISS-Coverband gedacht habe. Auf die Nachfrage hin, ob er wirklich eine KISS Tribute-Band meint, antwortete er nur: „Nein, die wirklichen, die echten KISS“. Joa und dann haben wir zehn Minuten zusammen Gitarre gespielt.

    Julia: Ja, sehr nice Story auf jeden Fall. Das fand er bestimmt sympathisch.

    Max: Ich hoffe! *lacht* Bei KISS erwartet man ja auch, dass sie geschminkt sind und auch geschminkt zu einem Termin kommen. Aber ich war auch erst sechzehn. 

    Julia: Ganz lieben Dank dir für das schöne Interview und deine Zeit! Ich hatte sehr viel Spaß!

    Max: Ja, auf jeden Fall! Danke Dir! Ciao, Julia!

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    Foto Credits: Miriam Marlene

  • Lena&Linus im Interview: »Es ist fast therapeutisch, schwere Gefühle in Songs festzuhalten«

    Lena&Linus im Interview: »Es ist fast therapeutisch, schwere Gefühle in Songs festzuhalten«

    Zarte Stimmen, ehrliche Texte und leichte Gitarrensounds – wer da keine Gänsehaut bekommt, dem weiß ich auch nicht mehr zu helfen. Die Musik von Lena&Linus löst bei mir auf jeden Fall immer wieder aufs neue Gänsehaut-Momente aus. Das Duo aus Würzburg hat im Oktober letzten Jahres ihre erste Single „Emilie“ veröffentlicht und erobert seitdem mit jeder neuen Single die Herzen der deutschen Indie-Pop-Liebhaber*innen. Ich habe Lena&Linus vor ihrem Auftritt beim Pop Salon in Osnabrück getroffen und mit ihnen über ihre EP „Fühlst du dich allein?“ geredet.

    Lena&Linus im Interview

    Anna: Hi ihr beiden! Schön, dass ihr euch vor eurer Show beim Pop Salon hier in Osnabrück die Zeit genommen habt. Ihr kommt ja beide aus Würzburg. Kennt ihr Osnabrück? Wart ihr schon mal hier oder habt ihr eine Verbindung zu der Stadt?

    Lena: Also, ich war einmal in Osnabrück, aber es ist bestimmt zehn Jahre her. Und unsere Connection ist unser lieber Schlagzeuger Jan, der hier in Osnabrück studiert.

    Linus: Ich bin das erste Mal in Osnabrück und find’s bisher ganz entspannt hier.

    Glücklicher Zufall oder Schicksal?

    Anna: Mögt ihr vielleicht die Geschichte erzählen, wie aus euren beiden Soloprojekten jetzt das Duo Lena&Linus geworden ist.

    Linus: Also ich habe so während des Lockdowns 2020 angefangen Musik zu machen. Ich habe dann im April meine erste Single rausgebracht und darauf hat mich Lena angeschrieben und gefragt: „hey, wollen wir nicht zusammen einen Song machen?“ Und da haben wir uns dann mal getroffen, haben Musik gemacht, hatten dann auch eine Band, aber dieser Gedanke vom Duo war irgendwie noch nicht so präsent. Der entscheidende Punkt war dann eigentlich erst, als wir Tim getroffen haben, unseren Produzenten. Da habe ich Lena ein bisschen begleitet, als sie vorgesungen hat. Das war total spontan. Und dann war Tim so: Das ist super sweet, das müssen wir als Duo machen! So ist es von meiner Seite zum Projekt gekommen. Also eigentlich war es ein Geistesblitz von Tim.

    Anna: Ein glücklicher Zufall also.

    Linus: Ja, ich war eigentlich ungeplant.

    Lena: Ungeplant, aber trotzdem erwünscht.

    Anna: Ich hab mich natürlich vorher durch eure EP „Fühlst du dich allein?“ durchgehört und das erste, was ich gedacht habe war, dass es super viel um Herzschmerz geht. Vermissen, Trauern und Fragen, die man sich dann so stellt, sind die Themen, die man dort sehr stark wiederfindet. Da hab ich mich gefragt, ob das bei euch so ein bisschen wie Tagebuchschreiben ist. Könnt ihr mit dem Gefühl abschließen, wenn ihr einen Song fertig geschrieben habt? Oder kommt das immer wieder hoch, wenn man den Song live singt?

    Linus: Es ist irgendwie schön, Worte über so schwierige Situationen einfach mal niederzuschreiben, finde ich. Es hilft mir sehr viel, auch so schwere Konzepte und schwere Gefühle einfach mal zu binden – in dem Sinne, dass es ist für mich fast schon therapeutisch ist, das einfach mal so festzuhalten. Aber wenn man dann die Songs öfter spielt, geht es viel weniger irgendwie darum, das Gefühl jetzt nochmal aufzumachen oder so, sondern es ist für mich schon gebunden. Mir geht es viel mehr darum, dass es irgendwie cool wirkt oder dass man denkt eher an die Performance als an den Text.

    Lena: Ja genau. Man hat so eine Verknüpfung an den Song. Also man fühlt ihn schon, aber es ist jetzt nicht wie eine Wunde, die nochmal aufgemacht wird.

    Linus: Das Pflaster ist schon da und wir reißen es live quasi nicht ab, sondern versuchen es möglichst fehlerfrei rüberzubringen.

    „Ich bin ein introvertierter, extrovertierter Mensch“

    Anna: Zurück zum Titel der EP: Könnt ihr gut alleine sein?

    Linus: Ja und nein, würde ich sagen. Kannst du gut alleine sein, Lena? Ich glaube, du kannst echt gut alleine sein.

    Lena: Ja, komm drauf an… Also, manchmal habe ich keine guten Tage. Da bin ich nicht gerne allein, aber auch nicht gerne unter Menschen. Aber sonst bin ich schon gerne alleine, ja.

    Linus: Da kann ich mich anschließen. Ich genieße meine me-time sehr. Aber ich liebe es auch mit Leuten zu sein. Und es gibt mir auch immer super viel. Also ich bin ein introvertierter, extrovertierter Mensch.

    Lena: Das ist auch so, die Abwechslung ist gut. Wir sind super viel unterwegs gerade. Und wenn wir dann daheim sind, ist es mega geil. Ist man dann aber zwei Wochen am Stück alleine und hat nichts, ist es nicht mehr so geil.

    Das ultimative Mittel gegen Einsamkeit

    Anna: Habt ihr denn ein bestimmtes Mittel, was euch hilft gegen das Einsamkeitsgefühl?

    Lena: Schlafen – also jetzt for real. Das hilft.

    Linus: Ja, aber ich habe in dem Sinn auch zwei Mittel fast meinen Freundeskreis, weil diese Freunde wohnen direkt bei mir in der Nähe. In meiner Straße sogar. Liebe Grüße an Nico an dieser Stelle. Der klopft halt einfach mal an meinem Fenster und ist dann sogar ein paar Mal zufällig da gewesen, wenn es mir echt mies ging. Aus’m Fenster raus ruft er auch einfach mal: „Ey, lass nen Kaffee trinken, lets go.“ Und das hat mich dann oft einfach rausgebracht. Also meine Freunde sind da eine große Hilfe.

    Anna: Das ist doch schön! Ich möchte jetzt auch weg von den traurigen Themen. Der letzte Song auf eurer EP „Irgendwie auch schön“ bringt ja totale Frühlingsgefühle hervor. Könnte das ein Vorbote auf die kommenden Songs sein?

    Lena: Das ist eine interessante Frage. Von den Gefühlen, die es auslöst, würde ich sagen: Ja. Musikalisch machen wir gerade noch ein bisschen anderes Fass auf.

    Linus: Also vom Sinn, dass es ein bisschen schneller wird und ein bisschen Uplifting ist und so eine Grundstimmung da ist. Da werden die nächsten Songs auf jeden Fall anknüpfen.

    Lena: Ein paar davon bleiben auch traurig natürlich.

    Linus: Aber musikalisch wird das Ganze ein bisschen größer alles und ein bisschen mehr und wir sind ganz gespannt, was die Leute so denken.

    Lena: Ich bin schon etwas aufgeregt.

    Anna: Im Herbst geht ihr ja dann auch auf Tour. Kommt bis dahin noch eine EP raus?

    Linus: Das dürfen wir zum Glück schon sagen: Ja!

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    Anna: Habt ihr einen Guilty Pleasure Song?

    Linus: Also ich find viele Udo Jürgens Songs einfach mega geil. Ich find es auch mega geil, dass er bei seiner Zugabe immer im Bademantel auf die Bühne gekommen ist. Also vielleicht Udo Jürgens. Aber das ist auch, weil meine Mama viel Udo Jürgens gehört hat.

    Lena: Also ich hör halt einfach unglaublich gerne so richtige Pop-Musik, wo vielleicht viele Musiker*innen eher sehr skeptisch gebenüber sind. Aber ich find es ganz cool, einen Popsong zu schreiben.

    Diese Newcomer*innen solltet ihr euch merken

    Anna: Habt ihr passend dazu auch noch eine aktuelle „gute“ Musik Empfehlung parat?

    Linus: Oh ja! Man kann es nicht oft genug sagen, weil er ein guter Freund von uns ist und ein ganz interessanter Newcomer. Zwei sogar, um genau zu sein: Otto Luft. Das ist der eben genannte Freund, der mich aus meinen schlechten Phasen herausbringt. Sein Track „Secco Mate“ ist gute Laune pur. Und der zweite ist Udo West. Er macht so NNDW-Musik und beide kommen aus Würzburg.

    Lena: Er ist wirklich der größte Star auf der Welt und auch wie er sich auf der Bühne bewegt. Wir teilen uns auch den Schlagzeuger.

    Linus: Er ist der beste Frontmann und das ist einfach Musik, die noch nicht so viele Leute kennen, aber die viele Leute kennen sollten.

    Lena: Und noch ein Geheimtipp von mir: marita hat letztens ihren ersten Song rausgebracht, ist auch bei uns im Label und ich glaube, da kommt noch großes.

    Anna: Die kenne ich alle noch nicht und werde sie mir auf meine Liste schreiben. Seid ihr bereit für eine Entweder-Oder-Fragerunde?

    Linus: Auf jeden Fall!

    Anna: Nike oder Adidas Sneaker?

    Lena: Nike – auch wenn ich gerade Adidas trage.

    Linus: Ich sage Adidas.

    Anna: Mio Mate oder Club Mate?

    Linus: Club Mate.

    Lena: Mio!

    Anna: Ja, das ist nicht einfach. Hamburg oder Paris?

    Linus: Ich war noch nie in Paris.

    Lena: Ich war auch noch nie in Paris, aber safe Paris!

    Linus: Ja, fair (lacht).

    Lena: No front, aber ja … (lacht)

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    Anna: Call me by your name oder Little Woman?

    Lena: Little Woman.

    Linus: Call me by your name, einfach weil ich den öfter gesehen habe. Ich hab den schon zwölf Mal gesehen.

    Lena: Hmm ja, stimmt … Gleichstand, wenn es geht.

    Anna: Naa, das lasse ich gerade mal so durchgehen. Instagram oder TikTok?

    Linus: Also zum Verblöden TikTok, weil es einfach unendlich weitergeht.

    Lena: Aber ich hätte auch gesagt, deshalb Instagram. TikTok ist einfach so: Du machst es auf und es schreit dich an und dann schreit es dich auch drei Stunden lang an … also ja, Instagram.

    Linus: Instagram ist halt auch cooler, um mit Freunden zu connecten und so. Aber wenn ich einfach nur dumm rumliegen will und Videos schauen, dann TikTok.

    Anna: Akustik- oder E-Gitarre?

    Linus: Puh, schwieriges Thema.

    Lena: Für mich auch.

    Linus: Akustikgitarre ist halt einfach. Klingt immer irgendwie ganz geil. Ist charmant, aber mit E-Gitarre kann man so viel mehr machen. Aber weil ich momentan mehr Akustikgitarre spiele, sage ich Akustikgitarre.

    Lena: Ich nehm die E-Gitarre.

    Auf einen Kaffee mit Jeremias

    Anna: Die letzte Frage: Habt ihr noch eine untold story parat?

    Linus: Ich glaube, eine Geschichte, die wir noch nie erzählt haben, ist unser erstes Treffen mit Jeremias. Das ist schon witzig eigentlich. Wir hatten das erste Treffen mit unserem Produzenten, wo eigentlich ja nur Lena eingeladen war und ich war so dabei. Dann habe ich einen Kaffee getrunken mit Tim und davor waren wir halt auch super aufgeregt. Und Tim produziert auch für Jeremias. Da dachten wir schon so: Vielleicht treffen wir irgendwann dann mal Jeremias.

    Lena: Also wir waren so krasse Fans von Jeremias. Also sind wir natürlich irgendwie immer noch.

    Linus: Aber an dem Tag haben wir noch drüber geredet, wie cool das wäre, mal Jeremias kennen zu lernen und so. Dann sitzen wir da so draußen. Es war September in Berlin und trinken Kaffee und dann fährt ein Auto vorbei und Tim winkt. Wir fragen so: Wer war denn das? Und Tim nur: Ach, das war Jeremias.

    Lena: Und wir waren innerlich so richtig aufgeregt und äußerlich nur so: Ah cool (lacht).

    Linus: Und dann stand der gute Jeremias Heimbach einfach bei uns am Tisch und meinte zu Tim: hey, ich wollte meinen Synthie abholen. Ich bin ein bisschen früh. Und dann haben wir zusammen Kaffee getrunken – am ersten Tag direkt. Ich sollte gar nicht dabei sein.

    Lena: Und er hat sich eine Zigarette von meinem Tabak gedreht. Es war cool.

    Linus: Das war so die erste Berührung mit der Musikindustrie. Und das war dann irgendwie schon ganz krass. Wir verstehen uns aber richtig gut. Ganz liebe Grüße.

    Anna: Ja, also demnächst mal ein Feature?

    Linus: Also das können wir jetzt natürlich nicht sagen, aber vielleicht. Jeremias hat uns gestern in sein Studio eingeladen.

    Anna: Oha, ich bin gespannt! Das war es von meiner Seite aber auch schon. Wollt ihr noch was loswerden?

    Linus: Leute, wir spielen im September unsere erste eigene Tour. Es wird ganz intim. Kleine Läden mit Band, nicht nur zu zweit. Und wir würden uns richtig freuen, falls ihr unsere Musik mögt, dass ihr vorbeikommt.

    Anna: Ja, dann bedanke ich mich bei euch für das Interview und freu mich auf den Auftritt!

    Linus: Danke dir, Anna. Wir sehen uns!

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    Fotocredit: Paula Tauber & Anna Niere

  • Power Plush im Interview: »Es soll ein Ort sein, an dem Leute wissen, dass sie mit dem ganzen Scheiß nicht alleine sind«

    Power Plush im Interview: »Es soll ein Ort sein, an dem Leute wissen, dass sie mit dem ganzen Scheiß nicht alleine sind«

    Power Plush haben wir schon ganz am Anfang ihrer Band-Reise lieb gewonnen. Nun haben die vier Musiker*innen aus Chemnitz ihr Debütalbum Coping Fantasies im Februar veröffentlicht. Zwischen leichtem, verträumtem Indie-Pop Sound, eingängigen Melodien und warmen Umarmungen, erwarten die Hörer*innen aber auch ganz klare Ansagen. Das Album nimmt mit in eine pastellfarbene Power Plush-Utopie, die sich so wohltuend anfühlt, dass man sie gar nicht verlassen will. Verschiedene Geschichten und Perspektiven von inneren Gefühlswelten und Beziehungen gleiten smooth in einander und spenden sowohl Trost, als auch Platz für Identifikation. Genauso sympathisch und respektvoll wie Svenja, Maria, Anja und Nino und ihr Umgang mit einander sind, meint man das auch in ihrer Musik zu hören. Auch eine positive Weiterentwicklung zu vorherigen Veröffentlichungen ist deutlich erkennbar, denn es scheint so, als würde die Band nun ihren eigenen Sound so richtig gefunden haben, aber auch Spielraum für weitere Entwicklungen andeuten. Power Plush haben außerdem ein volles Jahr mit vielen Festivals und unter anderem Touren mit Blond und Kraftklub hintern sich. Wir erwarten von ihnen noch ganz, ganz viel in der Zukunft, das der Musiklandschaft garantiert einen liebevollen und offenherzigen Schliff verpassen wird!

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    Power Plush im Interview

    Dascha (untoldency): Wie geht es euch zur Zeit? Wie fühlt ihr euch kurz vor dem Release von eurem Debütalbum? Fühlt es sich schon real an?

    Anja: Es passiert gerade so viel auf ein mal.

    Maria: Ich finde es fühlt sich so in Wellen real an. Manchmal kommen so Momente, in denen man denkt: Oh, wir haben ja wirklich ein Album. Ich vergesse das manchmal.

    Anja: Wenn Leute sagen oder schreiben, dass sie es schon gehört haben, ist das so: Oh mein Gott, es existiert wirklich! Ansonsten proben wir zur Zeit auch viel. 

    Svenja: Entweder man ist gerade nur am hustlen und denkt gar nicht so viel darüber nach oder man hat Momente der Realisation und wird mega aufgeregt, weil es schließlich das erste Album ist. 

    Dascha (untoldency): Wann habt ihr angefangen an dem Album zu arbeiten?

    Anja: Also im Proberaum haben wir schon im Oktober 2021 angefangen Songs zu spielen, aber mit unserem Produzenten Mario Simic haben wir im Januar 2022 angefangen.

    Svenja: Es hat sich dann bis August über das ganze Jahr gezogen, da hatten wir es fertig. 

    Anja: Das war auch örtlich alles verteilt.

    Maria: Stück für Stück ist es dann ein Album geworden.

    Dascha (untoldency): Also für mich macht der Titel voll Sinn, wenn ich das Album höre, aber ich will es nochmal von euch wissen: Was bedeuten für euch Coping Fantasies?

    Anja: Es war ursprünglich als Weiterführung von der EP Vomiting Emotions gedacht, wo es darum ging alles rauszulassen, egal was man fühlt. Also eine Art Ventil. Aber Coping Fantasies ist einen Schritt weiter, eher ein Versuch irgendwie einen Umgang damit zu finden. Oder sogar auch nur die Vorstellung davon, wie es wäre, mit einer Sache gut umgehen zu können. Mit dem Album wollten wir eine Welt schaffen, in der man die Chance hat mit Sachen umgehen zu können. Egal, ob das bedeutet sich einzukuscheln und nicht ansprechbar für die Welt zu sein oder es rauszuschreien.

    Es soll ein Ort sein, an dem Leute wissen, dass sie mit dem ganzen Scheiß nicht alleine sind und dass es Leute gibt, denen es genauso geht. Auch wenn du gerade strugglest – we’re in this together. Es bietet nicht wirklich Lösungsansätze, weil es nicht möglich ist, außenstehend allen Personen zu helfen, aber es kann zumindest ein Safe Space sein.

    Svenja: Auch ein Ort, an dem man fantasieren kann, wie man mit etwas umgehen könnte. Es heißt ja Fantasies und nicht Coping Strategies. (lacht)

    Dascha (untoldency): In den Songs werden verschiedene Gefühls- und Sichtperspektiven aufgezeigt. Was ist dann das, was sie im Endeffekt zu einem Ganzen bündelt? Ist es das Gefühl eines Safe Space?

    Maria: Ich denke wir haben den Titel schon so gewählt, damit die Bewältigung quasi der gemeinsame Nenner aller Songs ist. Es sind unterschiedliche Perspektiven und unterschiedliche Bereiche des Lebens auf die sich die Songs beziehen. Manchmal ist es eine gesellschaftliche Ebene und manchmal eine sehr zwischen menschliche. Es ist sind immer Momente der Bewältigung, aber immer ein bisschen unterschiedlich. Dadurch ist für uns eine Art Klammer entstanden, durch die wir die Songs dann sehen konnten. 

    Dascha (untoldency): Ich finde das Album reflektiert auch vieles und spricht auch erstere Themen geschickt an wie auf Leave Me Alone und Girl, He Toxic, ohne dass die Songs dabei total düster klingen. Was bewegt euch dazu solche Themen in euren weichen Indie-Sound zu packen? Was ist der richtige Umgang mit sensiblen Themen in der Musik?

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    Anja: Ich glaube es gibt nicht einen richtigen Umgang. Das war der Umgang, den wir gewählt haben, diese Themen zu bewältigen in dem man den Song rockig macht oder vielleicht sogar ein bisschen Humor reinbringt. Girl, He Toxic ist zum Beispiel auch ein ziemlich ernstes Thema, es wird einer befreundeten Person gesagt: Girl, hau ab, he is a toxic ass! Aber trotzdem ist der Song eine tanzbare Wir-klatschen-alle-in-die-Hände-Nummer. Das hat sich in dem Moment einfach richtig angefühlt beziehungsweise ist es auch das, was man die Leute fühlen lassen möchte. 

    Svenja: Bei dem Song soll es auch einfach ermutigend rüber kommen.

    Maria: Bei Leave Me Alone war es uns einfach wichtig, dass es für uns auf der Bühne empowernd ist, ihn zu spielen. Dass es sich stark anfühlt, den Punkt zu nennen von: Hey, lasst uns doch einfach in Ruhe, wir wollen doch einfach unser Ding machen. Wir wollen nachts draußen rumlaufen ohne komisch angequatscht zu werden. Deshalb haben wir in der Musik extra danach geschaut, dass es diesen starken Effekt für uns hat. 

    Anja: Es gibt ja auch richtig dramatische oder traurige Momente auf dem Album, auch die haben sich in dem Moment einfach richtig angefühlt. Das ist wahrscheinlich wirklich auch Moment-abhängig. Wie man in dem Moment mit dem Thema umgehen möchte und kann.

    Maria: Das ist ja auch ein Stilmittel ernstere Themen mit einem locker flockigem Sound zu untermalen. Einfach weil wenn ein Thema an sich schon schwer ist, muss man es nicht zwingend noch mehr beschweren. Auch das hilft zum Teil bei Bewältigung, da noch eine neue Ebene reinzuziehen. 

    Dascha (untoldency): Ich finde bei Girl, He Toxic auch lustig, dass ein mal das Wort Ass so ganz lang gezogen wird.

    (Alle lachen)

    Svenja: Das ist der beste Moment! Vor allem auch, weil unsere Backings das „Ass“ so mega dramatisch wirken lassen.

    Maria: Es macht ja irgendwie auch Bock, in solchen Themen doch etwas Spaß zu finden.

    Dascha (untoldency): Ja, voll. Mir hat eure letzte Single Emergency // Freeze sehr gut gefallen, ich konnte mich da sehr wiederfinden. Was könnt ihr zu diesem Zustand sagen, den ihr darin besingt? Und habt ihr eine Idee, wie man eventuell dagegen ankommen kann?

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    Anja: Ich glaube wir kennen alle diesen Freeze-Zustand an unterschiedlichen Stellen. Vor allem wenn man eine sensible Person ist, der es eher schwer fällt, Struktur in das eigene Leben zu bringen. Dieser Freeze-Zustand, das ist das Gefühl gerade nichts ausrichten oder ändern zu können, obwohl du eigentlich weißt, dass du es könntest. Aber du kannst es einfach nicht, weil du wie eingefroren in einem Ohnmachtsanfall-Gefühl bist. Gleichzeitig ärgerst du dich über dich selbst, weil du weißt du könntest es eigentlich und du hättest die Option. Aber in dem Moment kannst du es einfach nicht. Aus Erfahrung würde ich sagen, dass man den Zustand auf jeden Fall überwinden kann, aber das benötigt an vielen Stellen viel Arbeit. Es ist ein Prozess. Am besten sagt man sich „du hast es schon mal geschafft, du kannst es auch nochmal schaffen“ und vor allem sollte man auch nett zu sich selbst sein. Auch wenn du es mal wieder nicht geschafft hast, solltest du lieb mit dir umgehen. Aber man kann es immer wieder probieren, aus dieser Starre rauszukommen. Es wird zwar nicht immer funktionieren, aber vielleicht mal doch. Doch eine ultimative Lösung dafür? I don’t know! (lacht)

    Dascha (untoldency): Ich glaube niemand hat dafür eine perfekte Lösung.

    Anja: Ja, ich kenne aber auch viele Leute, die das Gefühl gar nicht haben. Die sind so „Ich mach’s jetzt einfach“ und dann sprechen die das einfach an oder organisieren das einfach. Das ist ja übelst toll, dass Leute das direkt umsetzen können. Ich glaube manchen Leuten liegt das einfach nicht und das ist in Ordnung. Aber es für sich selbst immer mal zu probieren, ist glaube ich trotzdem eine gute Sache. Mal einen Schritt nach vorne zu schaffen. Das klingt jetzt alles so abstrakt gesagt, aber das ist eben nicht auf eine bestimmte Situation bezogen, sondern auf viele verschiedene Stellen im Leben.

    Maria: Wir sind natürlich Musiker*innen und keine Psycholog*innen, aber ich denke das hat auch viel mit Verhaltensgewohnheiten zu tun. Man kann es schon schaffen, daraus auszubrechen, aber das ist halt Arbeit und anstrengend. Es gelingt nicht immer, das ist okay. 

    Anja: Lieb zu sich und anderen sein hilft an vielen Stellen.

    Dascha (untoldency): Danke für die Motivationsstunde! Wie sähe denn eure ultimative Power Plush Utopie aus? Natürlich auch auf euren Song Utopia bezogen. 

    Svenja: Keine Macker. Macker-Verbot!

    Maria: Lieb sein ist auf jeden Fall Teil der Power Plush-Welt. Ich denke dadurch könnten Menschen sich freier ausleben und entfalten. 

    Anja: „Lieb“ ist irgendwie so ein krasser wichtiger Begriff bei uns. Natürlich muss man nicht immer nur lieb sein, aber wenn man merkt, dass Intention ist, eine aufrichtige gute Person zu sein: mit solchen Menschen umgibt man sich einfach gerne. Wir sind einfach richtige Softies. Wir finden aber auch, dass in Softness sehr viel Stärke. Deswegen natürlich auch unser Bandname Power Plush. Die Welt könnte soft sein, dann haben wir uns alle gern. 

    Maria: In einer Power Plush-Welt können auch alle mitgestalten. 

    Dascha (untoldency): Und soll diese Welt auch so aussehen wie das Cover vom Album?

    Alle: Ja!

    Anja: Das passt auch zu der Mitgestaltung. Es könnte jede*r Bäume basteln, Sterne basteln, eigene Wege basteln. 

    Dascha (untoldency): Inwiefern unterscheidet oder gleicht sich diese Vorstellung von eurer Realität? Habt ihr etwas davon schon umgesetzt?

    Anja: Im Kontext der Band und unseren Freundeskreisen schafft es schon weitergehend sich diese Safe Spaces gegenseitig zu geben und gemeinsam zu erschaffen. Natürlich trifft man beispielsweise auch immer wieder auf irgendwelche Macker oder Leute, die nicht lieb sind, auch wenn man das gar nicht möchte. Aber innerhalb unserer Gruppe versuchen wir das gut zu machen.

    Maria: Ich würde sagen wir haben dafür gearbeitet, dass das in unserem direkten Umgang mit einander so umgesetzt ist. Als kann man schon sagen, dass wir uns eine Art Power Plush-Welt erschaffen haben. Darüber hinaus sind wir selbstverständlich trotzdem in größere soziale Strukturen eingebettet und können das daher nur bedingt verwirklichen. Bei uns selbst gelingt das aber, finde ich, ganz gut.

    Anja: Das heißt nicht, dass wir nicht auch mal sauer auf einander sind. Meinungsverschiedenheiten sind menschlich. Aber wir wissen immer von einander, dass wir eigentlich nur das Beste von einander wollen. Das ist wahrscheinlich der Startpunkt, um einen schönen und sicheren Umgang miteinander zu finden. 

    Dascha (untoldency): Lieb! Was war denn für euch challenging bei dem Entstehungsprozess des Albums?

    Maria: Zeit. (lacht)

    Svenja: Aber auch, dass man sich die ganze Zeit damit auseinandersetzt. Man setzt sich unter Druck, es ist viel Stress. Da ist man ja auch permanent mit krassen Themen konfrontiert. Meistens schreiben wir über Sachen, die aus den Tiefen in uns drin kommen und dann ist man dem die ganze Zeit ausgesetzt. Das hat uns emotional herausgefordert.

    Anja: Wir lieben es diesen künstlerischen Schaffensprozess gemeinsam durchzugehen, ich würde das um keinen Preis der Welt weggeben, aber auch das bringt dich an deine Grenzen. Entscheidungen haben oft auch was mit Ego zu tun und das man auch mal zurückstecken muss, wenn Teile der Band etwas anders sehen. Zum Beispiel, wenn ein Teil eines Songs, den man lieb gewonnen hat, doch nicht so gut funktioniert und der eben wegkommen muss. Sowas muss man loslassen können. Das ist schon challenging. Und dass du jeden einzelnen Tag mit den Songs aufwachst und einschläfst und keine andere Musik mehr im Kopf hast. (alle lachen)

    Maria: Ich fand’s am Anfang total schwierig zu sehen, wie das ein Album werden soll und dass es mal eins wird. Man hat da diese ganzen Ideen und Skizzen und es ist schwierig sich das vorzustellen. So richtig gecheckt, dass wir ein Album gemacht haben, habe ich glaube ich, erst gegen Ende letzten Jahres. Im Prozess war es schwer das zu verstehen, weil es nicht sichtbar war. Aber haben wir alles ganz gut hingekriegt! (lacht)

    Dascha (untoldency): Na das ist doch die Hauptsache! Wie Svenja schon meinte, ist man bei dem Schreibprozess ja auch mit tiefen Gefühlen konfrontiert. Findet ihr es ist eine große Überwindung das mit einander zu teilen?

    Maria: Das kommt darauf an was es ist und wie roh der Text ist, den wir den anderen mitbringen. Prinzipiell ist es nicht unangenehm und wir haben zum Glück diesen Safe Space, dass wir Dinge relativ unbedenklich miteinander teilen können. Ich fand’s manchmal schon trotzdem krass Dinge auch so sichtbar und explizit zu thematisieren. Aber ich fand es auch sehr lehrreich Einblicke in die anderen zu gewinnen. Man hat über die Texte ja auch mit einander gesprochen. Ich bin sehr froh über diese Erfahrung.

    Anja: Ich fand’s auch krass, die Songideen der anderen zu hören. Mit manchen Situationen war man schon etwas vertraut, weil man die aus dem Leben der Person einfach mitbekommen hat, aber das dann so gebündelt und in Kunst verpackt zu hören, ist etwas ganz anderes. Das ist auch ein totaler Vertrauensbeweis, das ist voll schön. Es bringt uns auch näher zu einander, auch wenn es am Anfang nicht immer so easy scheint.

    Dascha (untoldency): Wie schön! Und was würdet ihr sagen hat sich seit der Debüt EP für euch verändert, was war die bisher größte Entwicklung als Band?

    Svenja: Das Album und die EP bauen schon in gewässerweise auf einander auf, nicht nur von den Namen, sondern auch musikalisch von den Instrumenten her. Wir haben uns einfach von unseren Skills weiterentwickelt. Wir haben quasi das von der EP genommen, weiterentwickelt und das jetzt auf’s Album gebracht. 

    Maria: Wir haben nicht nur gelernt mit den Instrumenten besser umzugehen, sondern auch was Songwriting angeht. Wir haben ja noch mehr Songs geschrieben als die, die auf dem Album sind, wir haben uns einfach ausprobiert. Für mich ist live spielen auch ein Teil der Entwicklung. Ich denke wir machen in der Hinsicht große Steps, weil wir so viel live spielen. Das find ich übelst schön, das macht so viel Spaß. 

    Anja: Ich find’s auch einfach cool, dass das Album jetzt so als Ding da ist. Man hat als Künstler*in ja oft das Impostor-Syndrom, so mäßig „Is this a real job?“, aber letztes Jahr haben wir wirklich viel gearbeitet. Da hat man selbst begriffen, wie viel Arbeit man reingesteckt hat, das ist auch eine Art Weiterentwicklung. Wir haben uns den Arsch aufgerissen, als yes, this is a job! Zwar ein sehr schöner, aber immer noch ein Job. 

    Maria: Man findet mit der Zeit auch immer mehr Selbstbewusstsein. Alles wird ein bisschen besser. (lacht)

    Dascha (untoldency): Unser erstes Interview zusammen ist nun genau zwei Jahre her. Da hatte ich euch gebeten, eure Musik in drei Wörtern zu beschreiben. Ihr habt folgende genannt: „Kraftvoll, weich und Safe Space-ig.“ Würdet ihr diese drei Wörter heute immer noch so wählen?

    Anja: Wow, schon zwei Jahre? Ich finde die Wörter passen immer noch, aber ich denke wir würden auch andere nennen.

    Svenja: Ich erinnere mich noch genau an die Situation, als wir das beantwortet haben. 

    Maria: In letzter Zeit wurde oft das Wort „plüschig“ verwendet. „Kraftvoll“ auch immer noch. Und „poppig“.

    Anja: „Dramatic“ auch, das ist das Album schon an vielen Stellen. Aber das ist einfach geil.

    Svenja: Stimmt, die EP war nur sweet, aber jetzt sind wir erwachsener geworden. An manchen Stellen könnte man auch „tanzbar“ als Wort nehmen.

    Anja: Dann sagen wir jetzt plüschig, kraftvoll und dramatic. 

    Dascha (untoldency): Ja, das passt alles sehr gut. Ihr habt ja vieles als Band erlebt im vergangenen Jahr. Was waren eure absoluten Highlights?

    Svenja: Mit Kraftklub auf Tour zusammen Kein Gott, Kein Staat, Nur Du zu singen fand ich richtig krass.

    Anja: Generell die ganze Tour mit so coolen Leuten, das war echt special.

    Maria: Mein eines Highlight war das Immergut Festival, weil das Zelt bei uns so voll war und die Leute auch mitgesungen haben. Und das andere war auf dem Kosmos. Ich kam noch Stunden nach dem Konzert immer noch nicht drauf klar.

    Anja: Ja, das war eine richtig volle Hometown Show mit vielen Freund*innen, aber vorne standen auch viele Leute, die wir nicht kannten, die einfach Power Plush Fans waren! An dem Tag war so viel verschiedenes los, aber die sich entschieden zu unserem Konzert zu kommen! Das war so krass für uns. 

    Dascha (untoldency): Jetzt sagt das nicht so, als wäre es unmöglich das zu glauben.

    (Alle lachen)

    Maria: Es ist irgendwie so schwierig sich vorzustellen, dass Leute einfach nur unsere Musik feiern und deshalb vorbeikommen. 

    Anja: Das Album war natürlich auch ein Highlight. Der Moment, in dem wir das fertige Album abgegeben haben, hat sich so unreal angefühlt. What a year! 

    Dascha (untoldency): In einem Jahr frag ich euch dann nochmal zu 2023 aus.

    Svenja: Das ist jetzt unsere Konstante wie dieses Billie Eilish Vanity Fair Interview.

    Dascha (untoldency): Ja, stimmt! Die letzte Frage kennt ihr auch schon, das ist bei uns ja eine untold story. Also eine Geschichte, die ihr noch nicht öffentlich erzählt habt.

    Anja: Wir waren ja im Herbst ewig lange unterwegs, da haben wir um die 27 Konzerte gespielt. Wir haben uns angewöhnt immer beim Reinfahren in eine neue Stadt auf Spotify nach der Stadt zu suchen. Also was für Songs es über die Stadt gibt, da haben wir schon absolute Banger entdeckt. Wir empfehlen an dieser Stelle „Würzburg“ von der Band Kleinrinderfeld. Und „Lingen (Ems)“. (Alle singen)

    Maria: Wir werden in diesem Jahr auch weiter Städte-Songs sammeln. 

    Svenja: Wir gehen ja auch auf TOUR!

    Maria: Auf TOUR entstehen neue untold stories.

    Anja: Vielleicht seid ihr ja dabei auf unserer TOUR!

    (Alle lachen)

    In diesem Sinne – Power Plush gehen ab sofort auf ihre erste eigene Tour in folgenden Städten:

    Foto Credits: Janine Kuehn
  • TEMMIS im Interview: »Wir waren schon immer größer angelegt als nur ein New Wave Revival Act«

    TEMMIS im Interview: »Wir waren schon immer größer angelegt als nur ein New Wave Revival Act«

    Es ist die Zeit der Neuen Neuen Deutschen Welle. Immer mehr Bands und Künstler*innen singen wieder auf Deutsch zu rohen, rauschenden Gitarren-Sounds. Ja, wir alle kennen die Songs von Edwin Rosen. Entweder man liebt sie oder man hasst sie. Aber da ist so viel mehr, so viel gute Musik.

    Eine Band, die die Szene im vergangenen Jahr weiter in die Öffentlichkeit gedrängt hat, ist TEMMIS. Wir haben sie euch schon in den „artists to watch 2023“ vorgestellt. Die Newcomer-Band aus Tübingen, die mittlerweile Hamburg-based ist, ist der Beweis dafür, wie wahnsinnig cool deutsche Musik sein kann – vor allem, wenn sie fast mehr zufällig entstanden ist. Hier das Rezept: Post-Punk meets New-Wave meets tiefgehende-Ratlosigkeit-einer-Generation. Das und die richtige Prise “fuck it, wir versuchen das einfach mal” ergibt diese Wundertüte, die auf den Namen TEMMIS hört. Aber lest doch einfach selbst, was die Jungs zu ihrer Musik zu sagen haben!

    TEMMIS im Interview 

    Anna: Hey Jungs! Schön, dass ihr euch alle vorm Bildschirm versammelt habt. Mögt ihr euch einmal kurz vorstellen?

    Alex: Ich bin Alex und spiele Bass.

    Emil: Ich bin Emil. Ich spiele Schlagzeug.

    Tizi: Ich bin Tizi und spiele Gitarre.

    Roman: Ich bin Roman und der Sänger. Und wir sind TEMMIS, yeah!

    Anna: Mittlerweile seid ihr in der Szene der Neuen Neuen Deutschen Welle ja schon ein Name. Aber das erste Mal, dass ihr so „richtig öffentlich“ gegangen seid, war ja durch eure Teilnahme beim Hifi Klubben Bandcontest. Würdet ihr sagen, dass es TEMMIS als Band zu der Zeit nicht geben würde, wenn ihr dort nicht gewonnen hättet?

    Tizi: Nicht unbedingt, glaube ich.

    Emil: Ich denke, die Band an sich wird es genauso geben wie jetzt und die Songs wären auch rausgekommen, auf jeden Fall.

    Tizi: Wir hätten nicht so schnell so fertige „Produkte“ veröffentlichen können, aber das hat jetzt nichts mit uns als Band zu tun. Wir waren eh von Anfang an eher eine Liveband und das ist mehr unsere Identität als Band. Die hat auch vor dem Contest schon stattgefunden. Der Contest hat uns das dann eher ermöglicht den Songs, die es live auch schon gab, diesen Studiorahmen zu geben und das veröffentlichen zu können.

    Roman: Es war eher ein Shortcut. Also so ein halbes Jahr nach der Bandgründung haben wir direkt ein Studio Recording gehabt, was ziemlich gut war. Und es war einfach eher so Mittel zum Zweck. Wir sind denen auch mega dankbar. Wir hätten es aber auch ohne gemacht, glaube ich. Aber es war ein riesiges Sprungbrett.

    Emil: Man konnte sehr schnell den Sound von den Songs so hinbekommen, wie wir uns den wirklich gewünscht haben. Hätten wir jetzt alleine alles versucht aufzunehmenhat, da hätte es länger gedauert, bis wir persönlich es geschafft hätten, diesen Sound hinzubekommen. Und das ist auch sehr viel, was wir dadurch gelernt haben.

    stop making sense – das Loslassen von Kausalitäten

    Anna: Ich habe seit neuestem eine Lieblingsfrage, die ich gerne zu Beginn eines Interviews stelle. Mal schauen, wie kreativ ihr seid. Wenn eure Musik ein Buch wäre, welchen Titel hätte dieses Buch?

    Roman: Puh, das ist ja fast so, als ob wir jetzt einen Albumtitel machen müssten. Für ein Album, das nicht existiert.

    Tizi: Für unser Lebenswerk.

    Anna: Oder ein bestimmtes Kapitel.

    Roman: Stop making sense – das ist der Titel.

    Anna: So heißt auch deine Playlist, oder?

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    Roman: Ja, das ist auch ein Livealbum von den Talking Heads. Die haben in den 80ern einen Konzertfilm gemacht, der war relativ wegweisend für alle kommenden Konzertfilme. Auch musikalisch ist der richtig interessant. Einfach super lustig, aber sperrig – muss ich zugeben – für Leute, die nicht so sehr in der Materie drin sind. Aber irgendwie hat uns dieser Satz schon sehr lange begleitet. Und ich mag die Musik. Ich finde den Satz an sich, also diese kurze, prägnante Aussage sehr geil. Und das ist jetzt kein Leitfaden für die Kunst, die wir machen, aber es ist irgendwie ein schöner Satz, der gut illustriert, wie man loslässt von so Kausalitäten. Viele Sachen ergeben, gefühlt, bei uns nicht so viel Sinn. Und ’stop making sense‘ ist irgendwie so ein süßer Satz. Den würde ich vielleicht als Buchtitel wählen.

    Ein Auszug aus der TEMMIS-Bandhistorie

    Anna: Finde ich gut. Das Buch würde ich in meinen Warenkorb legen. Erinnert ihr euch noch dran: Was war euer erster Song? Und wie und wo ist er entstanden?

    Emil: Erster eigener Song oder der erste Song, den wir zusammen gespielt haben als Band?

    Tizi: Oder der erste, den wir veröffentlicht haben?

    Anna: Hmm, ne, der erste Song, den ihr als Band selbst geschrieben habt?

    Emil: „Andere Stadt“ war der erste, den wir im Proberaum gespielt haben. Oder liege ich da falsch?

    Tizi: Ja, das war der erste, den wir im Proberaum gespielt haben, aber ich denke gerade an sowas wie „Busfahrer“.

    Roman: Also es gibt „Prä-TEMMIS“-Songs. Wir haben 2018 angefangen – da kannten wir Emil noch nicht. Da haben wir mit einem anderen Drummer gespielt und da haben wir halt ein paar Songs gespielt, die jetzt nicht mehr im Repertoire sind. So ein paar haben wir dann auch auf den ersten Konzerten noch gespielt. Die richtigen „die-hard-Fans“ kennen noch so Songs wie „Planet“ oder „Charlie“. Das sind so ältere Songs. Ich glaube von den Songs, die jetzt draußen sind, ist „Wenn du da bist“ der, der chronologisch als erstes entstanden ist. Wir haben uns gegründet und nach einer Woche wurden wir gefragt von unseren Freunden, von der Band Lummerland, ob wir Vorband sein wollen bei deren Konzert. Wir hatten zu dem Zeitpunkt noch keinen einzigen eigenen Song zusammengespielt. Und dann haben wir Ja gesagt und direkt gepanicked. In der Probe haben wir dann direkt „Andere Stadt“ gespielt. Es ist Auslegungssache, welcher Song jetzt wirklich der erste ist.

    Anna: Wie hat sich das angefühlt, als ihr die dann das erste Mal live gespielt habt?

    Tizi: Für mich ist der erste Gig krass an mir vorbei geflogen. Ich war super aufgeregt. Meine Hauptemotion war Erstaunen darüber, was für ein krasser Frontmann Roman ist und wo er das auf einmal hergeholt hat.

    Alex: Ich habe auch nicht auf viele andere Sachen geguckt, als auf meine linke Hand und, dass ich mich nicht verspiele. Ich glaube, ich weiß nicht einmal mehr die Hälfte vom ersten Auftritt

    Roman: Ich weiß noch so ein bisschen. Es war so das erste Mal, dass alle Leute einen so angucken und nichts sagen und dass wir dann halt da sind, einfach so beobachtet werden. Das war schon komisch erst. Ich war übel aufgeregt vor dem ersten Auftritt. Ich habe zwei Wochen vorher mich schon übergeben vor Aufregung. Aber ich glaube dann kam so der zweite und dritte Song beim ersten Konzert und die haben mir zum ersten Mal dieses Gefühl gegeben von „okay, geil, du kannst ja machen, was du willst und die Leute hören dir zu“. Denn die Leute sind ja da, um dir zuzugucken. Da hat sich für mich so eine ganz neue Welt eröffnet von Dingen, die noch möglich sind, die wir noch ausreizen können und so was. Man wird auch sehr schnell süchtig nach diesem Gefühl.

    Anna: Man merkt auf jeden Fall auch, dass du dich auf der Bühne wohlfühlst. Das kann ich nur bestätigen.

    Roman: Wo hast du uns schon gesehen?

    Anna: Das erste Mal in Osnabrück beim Pop Salon Festival.

    Roman: Ohje, krass. Das war der erste Gig, der so richtig draußen in Deutschland war. Vorher waren wir nur so in der Tübingen/Stuttgart-Region unterwegs. Dann haben wir den Gig gespielt und gleichzeitig hat Edwin gespielt. Das heißt, bei uns waren nur so die Leute, die nicht zu Edwin gegangen sind.

    Tizi: (ganz entgeistert) Warte mal, du bist für uns nicht zu Edwin gegangen oder nicht mehr reingekommen?

    Anna: Es war einen schwierige Entscheidung, aber ich habe mich für euch entschieden, weil ich Edwin Rosen in dem Jahr sowieso noch auf anderen Festivals und Konzerten gesehen habe und euch vorher noch nicht. Und außerdem ist der Club, wo ihr gespielt habt, viel cooler, weil es halt so ein alter Keller ist und das war so ein bisschen so Katakomben-Style und mehr so underground. Es war eine ganz wilde Crowd, auch irgendwie, oder? Also da waren so relativ viele ältere Leute, wo ich gar nicht wusste, wo die auf einmal herkommen.

    Emil: Die sind auf jeden Fall gegangen, als wir „Untergang“ gespielt haben.

    Roman: Wir haben einen Song, der heißt „Untergang“, da trommeln wir auf der Bühne rum und da geht so ein bisschen mehr in die Techno-Richtung. Da sind einfach ein paar Leute gegangen, das habe ich währenddessen gesehen.

    Anna: Ich weiß noch, ich habe mich richtig erschrocken als du „Raucherpause“ angekündigt hast, weil der dann so direkt losgeht.

    Roman: Achja, Raucherpause (lächelt). Den haben wir seitdem immer bei jedem Gig gespielt. Damals haben wir auch noch ich „Comedy“ gespielt. (alle lachen) Wir waren am Anfang noch viel mehr all over the place, was Genres angeht als jetzt. Und ich finde, jetzt sind wir schon sehr irgendwie in alle Richtungen gleichzeitig. Am Anfang war es noch viel extremer. Und ich glaube, bei dem Gig in Osnabrück, wo du warst, da hatten wir noch so ein paar Brecher dabei, die wir heute nicht mehr bringen würden.

    „Ich würde nicht sagen, dass wir ein Retroact sind.“

    Anna: Ich schaue mal zurück auf meine Fragen. Hatte die Pandemie einen Einfluss auf eure Musik? Ist sie dadurch vielleicht melancholischer geworden?

    Roman: Ähm, ja (überlegt). Ja, schon. Wir waren ja schon vor der Pandemie quasi Proto-TEMMIS, also ohne Emil. Durch die Pandemie konnten wir erst mal nicht proben, eine Zeit lang. Und deswegen sind wir eher elektronisch gegangen, vom Sound her auch. Und es gab halt weniger Partys. Das heißt, man war einfach gezwungen, sich ein bisschen mehr so nach innen zu kehren. Ich glaube, das hat sich auch im Songwriting widergespiegelt. Und ich glaube, das ist auch der Grund dafür, dass viele der Songs, die im Moment rauskommen, sehr nostalgisch und melancholisch sind, weil man sich halt wieder im Internet verloren hat. In dieser schwierigen Zeit war so eine Rückbesinnung auf Zeiten, in denen man sich gut irgendwie verlieren kann, wenn man die aktuelle Zeit vergessen möchte. Deswegen sind viele Retroacts gekommen, während der Pandemie. Ich würde nicht sagen, dass wir ein Retroact sind. Aber ich würde sagen, dass diese Distanz, die uns oft attestiert wird, dass die auf jeden Fall so ein Pandemie-Ding ist. Das kommt aus einer Zeit, wo es früh dunkel wurde und man nicht mehr raus durfte und einfach drinnen seine Zeit verbringen musste. Es war halt alles ein bisschen scheiße. Und das spiegelt sich auch wieder, vor allem in den ersten Songs. Und ich weiß nicht, vielleicht kann man auch in unserer zukünftigen Diskografie so ein bisschen nachvollziehen, wie sich das Ganze aufhält. Das kann ich mir gut vorstellen, aber dazu noch keine verbindlichen Aussagen.

    Tizi: Ich glaube, es kommt auch noch dazu, dass wir dann den Struggle hatten, irgendwie proben zu können. Wir hatten schon ein schlechtes Gewissen, uns zu dritt zur Probe zu treffen zu der Zeit. Auf jeden Fall waren wir dadurch gezwungen, ein bisschen herumzuexperimentieren.

    Anna: Und wie ist so der Entstehungsprozess und die Aufgabenteilung von einem Song bei euch generell?

    Roman: Also meistens ist es so, dass ich so ein Song-Skelett mache, irgendwie auf Gitarre oder die Lyrics. Manchmal mache ich dazu auch eine kleine Demo und dann gehen wir die im Proberaum zusammen durch. Da wird es halt zu dem Song, der er eigentlich ist. Es ist aber auch jedes Mal unterschiedlich, aber grob gesehen kann man das so als Schema verallgemeinern. Und dann gehen wir mit dieser Demo ins Studio und arbeiten meist mit einem Produzenten zusammen, um einfach nochmal ein bisschen unsere Skills zu optimieren, die Löcher zu stopfen, die wir haben, aber andererseits auch mal einfach so eine andere Charakteristik reinzubringen. Und da übernehmen wir viele Sachen von Demos, manche recorden wir neu. Nach diesen Schritten kommt dann der Song raus.

    Anna: Das klingt wie so eine Anleitung: DIY – so könnt ihr den TEMMIS-Sound nachmachen.

    Tizi: How to TEMMIS in 6 easy steps.

    „Du machst eine Sache und die Leute denken, dass sie dich dann verstanden haben“
    Anna: Kommen wir mal zu eurer letzten EP „Klinge“. Die ersten Male, als ich den Song gehört habe, habe ich gedacht, dass es so ein bisschen glattgebügelt klingt, aber je öfter ich das höre, desto weniger denke ich das auch. Aber ich glaube, ich hatte halt so sehr „Wenn du da bist“ in meinem Kopf und habe dann „Augenringe“ gehört – das ist ja schon ein großer Unterschied. Wie würdet ihr selbst sagen, unterscheidet sich die „neue“ EP zu eurer Debüt-EP?

    Roman: Ich glaube, das Schwierige ist, du machst eine Sache und die Leute denken, dass sie dich dann verstanden haben. Aber wir haben halt eine EP gedropped. Wir haben drei Songs, also das ist eigentlich nichts. Bis vor 15 Jahren haben Leute erstmal ein Debütalbum rausgebracht und in drei Songs kannst du nicht komplett umreißen, was die Idee der Band ist. Und wir waren schon immer anders, also größer angelegt als einfach nur ein New Wave Revival Act. Ich glaube, dass die erste EP nicht nur dieses New Wave-Ding ist. Ich finde der Sound wurde einfach besser – beziehungsweise einfach ausgefeilter. Und „Augenringe“ ist halt eine Andeutung davon, dass wir nicht nur Postpunk und New Wave hören, sondern dass wir auch Alternative Pop gerne machen. Ich finde es aber eigentlich ganz gut, dass du das so ein bisschen den Unterschied festgestellt hast. Die Musik, die wir machen, soll sich eigentlich nicht vergleichen mit anderer Musik, die es gibt, auch wenn man natürlich immer Vergleiche ziehen kann. Ich glaube „Augenringe“ ist auf jeden Fall der Versuch, dass wir schauen, eine Seite von uns zeigen, die wir vorher noch nicht gezeigt haben, die in Zukunft auch öfter vorkommen könnte. Kann ich verstehen, dass es dir vielleicht erst etwas „glattgebügelt“ vorkommt, wenn man so ein Nischenfan ist. Aber ich glaube, unser Blick auf Musik ist halt nicht so nischenbezogen. Und „Verloren wie ich“ ist ja zum Beispiel auch einfach so Shoegaze/Indie. Der ist noch weiter weg von der ersten EP, als Augenringe beispielsweise. Aber an „Augenringe“ hängen sich manche Leute auf, weil er so nach Popmusik klingt, die noch nicht so alt ist. Klingt aber halt voll mit Absicht so und wir stehen dazu. Aber ich glaube die Leute müssen uns halt erst einmal kennenlernen. Wir haben uns jetzt noch nicht in unserer ganzen Bandbreite vorgestellt.

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    Anna: Mit welchem Song auf der EP hattet ihr es am schwersten? Und mit welchem am einfachsten?

    Emil: (lacht) Keine Frage jemals, die so einfach zu beantworten war. Der einfachste Song war „ICE 579“.

    Alex: Ne, „Klinge“ war noch einfacher.

    Tizi: „ICE 579“ war halt so einfach, weil es so viel Spaß gemacht hat. Alles, was wir angepasst haben, hat instant funktioniert.

    Roman: „Klinge“ war aber auch schon zum großen Teil fertig, als wir ins Studio gegangen sind. Max Rieger hat schon echt noch was rausgeholt. Aber die Entscheidungen waren alle so naheliegend, dass man sich da so klar war. Am Ende haben wir schon am meisten gerungen mit „Verloren, wie ich“.

    Alex: Es gab auch eine Zeit, in der wäre der Song nicht auf der EP gelandet. Dann haben wir ihn nochmal angerührt. Aber der ist sehr geil geworden im Nachhinein. Aber das war ein ganz starker Wackel-Kandidat.

    Roman: Ja, der hatte einen ganz schlimmen Text und er hat komisch geklungen.

    Anna: Also war bei dem quasi erst der Sound und der Text dann später?

    Emil: Genau. Das war eine dumme Idee von uns. Das war nur so ein grober Text, so einfach nur damit man irgendwas hat und dann erstmal Musik machen. Dann waren wir im Studio und standen unter Druck: Jetzt müssen wir den Text aufnehmen. Da standen quasi immer noch so Platzhalter.

    Roman: Der Sound war schon vorher da, aber dann habe ich halt nochmal ein paar Wochen gebraucht und einen Text geschrieben und der ist es jetzt im Nachhinein geworden. Damit sind wir auch sehr happy.

    Alex: Aber dadurch haben wir natürlich an dem Song auch am meisten gelernt. Jetzt wissen wir, dass es bestimmte Sachen gibt, die müssen vorher klar sein. Und wir sind nicht die Menschen, die im Studio vielleicht noch den zündenden Geistesblitz bekommen.

    Anna: Ihr seid also nicht Typ Mensch, der auf Druck besser arbeitet?

    Alex: Eine bestimmte Art von Druck. Druck im Sinne von „Okay, du hast eine Woche Zeit“ und nicht „Du musst in drei Stunden Text haben“. Eine Woche ist ein guter Druck für uns. Nur ein drei Stunden ist gar nichts.

    untold story

    Anna: Kommen wir zur letzten Frage: Was ist eure untold story?

    Emil: Jungs, habt euch dazu Gedanken gemacht? (schaut in die Runde)

    Tizi: Ich habe mir Gedanken macht. Mir ist jetzt nichts Konkretes eingefallen, aber ich dachte, ich habe meinen Job damit getan, dass ich euch gesagt habe, ihr sollt euch was überlegen.

    Roman: Ja… Was haltet ihr von Frontallappen?

    Alex: Oder von dem Vorfall von zwei Wochen vor dem ersten Konzert? Das haben wir ja vorhin schonmal geteased. Also: Wir haben ja schon mal erzählt, dass wir unser erstes Konzert für unsere befreundete Band Lummerland gemacht haben. Zwei Wochen vorher hatten die schon mal ein Konzert, auch in Tübingen und wir waren da als Besucher. Nach dem Auftritt kam dann die letzte Ansprache von dem Sänger und er sagt so: „Wenn ihr uns nochmal sehen wollt, dann kommt zwei Wochen nochmal. Da spielen wir noch ein Konzert, dann mit TEMMIS als Vorband.“ Da haben wir alle erst so richtig realisiert, dass es ja noch zwei Wochen bis zu unserem ersten Auftritt haben. Tizi und ich haben uns da sehr gefreut, aber Roman wurde dabei relativ bleich und hat dann so drei Minuten nichts gesagt und dann hat er auf den Boden gekotzt. So direkt vor sich.

    Anna: Inmitten der Konzert-Masse?

    Alex: Am Rande auf der Treppe eher.

    Emil: Also das war auch ein Punker-Schuppen – also alles in Ordnung.

    Tizi: Viele waren zu dem Zeitpunkt aber auch schon raus. Die Band war noch da und die Leute, die da arbeiten und ein paar Gäste vielleicht noch.

    Alex: Ja, aber es war nicht so schlimm. Direkt danach kam noch irgendein Punker dahin, der auf einmal Blut übergeben hat und dann war die ganze Aufmerksamkeit bei ihm … Ja, aber was man auch immer bei der Story erzählen muss: Beim ersten Auftritt hat Roman dann komplett abgeliefert. Da war gar nichts mehr mit Aufregung oder sowas.

    Roman: Das war echt nur vor der Bühne so richtig krass. Sobald ich auf der Bühne stand, war alles ok. Das war so auf einen Schlag, als ich da oben stand. Ein kleiner Schritt für mich. Ein großer Schritt für TEMMIS.

    Anna: Ich hoffe für dich trotzdem, dass du dich jetzt vor Auftritten nicht mehr übergeben musst.

    Roman: Ich bin schon immer noch sehr aufgeregt, aber das ist eher in freudige Aufregung übergegangen. Aber die Boys sind so voll gechillt.

    Tizi: Weil du so aufgeregt bist, aktiviert das in mir, dass ich jetzt ruhig sein muss.

    Alex: Das ist auch ganz gut für mich, weil dann kann ich mich eigentlich nicht auf mich konzentrieren, sondern darauf, mich um dich zu kümmern.

    Zu guter Letzt natürlich hier noch der Link zur EP „Klinge„. Ohren-kaputt-hören bis zum letzten bisschen ist Pflichtprogramm:

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    Fotocredits: Marvin Schmidt, Dan Trautwein

  • Till Otter im Interview: »Ich brauchte diesen Song selbst«

    Till Otter im Interview: »Ich brauchte diesen Song selbst«

    Wie klingt die Hoffnung auf wärmere Tage und den Frühling, einen Neuanfang und ein Danach? – Till Otter beantwortet diese Fragen mit dem Song Eure Blumen, der letzten November erschien. Während sich their letzte EP Morgentau (2021) mit their Depressionserkrankungen auseinandersetzt, handelt Eure Blumen nun von einem Neuanfang. Passend dazu unterstreicht der neue Synth-Pop-Sound den von Hoffnung und Mut handelndem Song und macht Lust auf mehr. Letzte Woche haben wir mit Till über Eure Blumen gesprochen, wie es them im letzten Jahr erging und warum they den Song selbst gebraucht hat.


    „Eure Blumen ist für mich ein Liebesbrief an all die aktuelle Popmusik, die mir zeigte, wie mein Leben und wie ich sein kann. An all die Musik, die mir Hoffnung gab und mich spüren ließ: Es gibt ein Danach.“

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    Till Otter im Interview


    Julia: Hi Till! Schön, dass wir heute miteinander quatschen. Magst du dich kurz vorstellen, für alle Menschen, die dich noch nicht kennen? 

    Till: Hi! Mein Name ist Till und ich bin Musiker, ansässig in Köln. Ich mache Musik die man, glaube ich am ehesten als deutschsprachigen, theatralischen Pop bezeichnen könnte. 

    Julia: Eine wichtige Frage zu Beginn, wie geht es dir? 

    Till: Gut, gut. Ich habe nicht so viel geschlafen, weil das Dschungelcamp gestern sehr aufwühlend war. *lacht* Das hat mich ein bisschen mitgenommen, aber ansonsten geht es mir gut. Ich bin gut ins neue Jahr gekommen und alles läuft so, wie es soll. 

    Julia: Das ist schön zu hören! Du hast im November letzten Jahres deinen neuen Song Eure Blumen veröffentlicht. Eine Hoffnungs-Hymne, für die man in dieser grauen Jahreszeit sehr dankbar ist. Möchtest du kurz erzählen, was deine Gedanken hinter dem Song waren?

    Till: Das ist schön zu hören. Das war auch der Gedanke dabei, diesen Song im Winter zu releasen, wenn alles so trist und trüb draußen ist und man dann einen Song hat, der einem fröhliche Frühlings- und Sommergefühle vermittelt. Aber der Song bedeutet mir selbst auch sehr viel. Erstmal ist es für mich ein Song nach meiner EP, die sich sehr stark mit Depressionen, die ich hatte, auseinandergesetzt hat. Es ist ein Song, der aufbricht in eine hoffnungsvollere und positivere Zukunft – mal ein fröhlicher Song mit einem glücklicheren Sound. Gegen Ende meiner EP hatte sich das schon langsam angebahnt, aber ich wollte einfach mal irgendeinen Song haben, der nicht komplett depri ist. Ich brauchte diesen Song selbst, einer der mir gute Laune und Mut macht. Das ist Eure Blumen geworden.

    Gleichzeitig ist es für mich der Song gewesen, der sich mit meinem alten Coming Out auseinandergesetzt hat und nun auch mit meinem Neuem. Ich habe mich nämlich mit 20 oder 21, jedenfalls spätestens bei meiner Familie, als homosexuell geoutet und vor allem in den letzten paar Jahren gemerkt, dass ich immer noch sehr viel internalisierten Kram zu verarbeiten hatte und mir selbst auch gar nicht erlaubt habe, aufzublühen und die Person zu sein, die ich eigentlich sein will und sein kann. Ich glaube, dass steckt auch im Song mit drin – das Ausbrechen aus Erwartungen. Am Ende dieser Entwicklung stand nun mein zweites Coming Out als non-binär. Ich sehe den Song jetzt in einem anderen Licht, weil ich das Gefühl habe, dass ich mich langsam von sehr vielem frei mache, was mich lange Zeit eingeschränkt und belastet hat. 


    „Denn die Blumen die aus meinen Narben wachsen,
    ergeben sicher einen schönen Strauß.“


    Julia: Die Gefühle, die du gerade beschrieben hast, kommen im Song auch ziemlich gut rüber. Man hat einen gewissen Übergang gesehen, von deiner letzten EP Morgentau hin zu Eure Blumen. Der letzte Song der EP beginnt mit „Aus meinen Wunden wuchsen Blumen“ – wie ich finde ein sehr schöner und cleverer Übergang. Ich mag aber vor allem die Blumen-Matapher total gern.   

    Till: Kleiner Funfact! Ich hatte selbst vergessen, dass ich diese Zeile im Song Morgentau geschrieben hatte.

    Julia: *lacht* Echt jetzt? 

    Till: Ja, ich habe dann kurz bevor der Song rauskam, vier oder fünf Wochen vorher, nochmal die EP und eben diese Zeile gehört und war so, what? Ich habe dann mit ein paar Freund:innen geredet und gefragt, ob denen das aufgefallen ist. Die haben auch gedacht, dass sei mit Absicht gewesen.

    Julia: Okay, funny! Es passt auch einfach gut. Du bist zwar schon kurz darauf eingegangen, aber war das Schreiben des Songs für dich eine Art Erlösung?

    Till: Ich hatte vor allem in der Zeit nach der EP eine Schreibblockade. Mehr Leute sind auf mich und meine Musik gestoßen, gerade wegen der EP, und damit wuchs der Druck in mir, dass ich etwas machen wollte, was diesen Leuten auf jeden Fall gefallen wird. Ich bin dann erstmal gar nicht weitergekommen und habe mich aber irgendwann davon losgelöst und zu mir selbst gesagt, dass ich einfach Musik mache, auf die ich Bock habe. 

    Ich weiß nicht, ob ich das Wort Erlösung benutzen würde, aber abseits des Schreibens hat mir gerade das Hören des Songs Freude bereitet und mich auf eine Art und Weise beruhigt. Letztes Jahr war bei mir viel los mit Stress, einer Angststörung und Panikattacken, die aufgetreten sind und mit denen ich vorher noch keine intensiven Erfahrungen gemacht habe. Deswegen habe ich den Song auch einfach selbst gebraucht.

    Julia: Du hattest ja eben schon gesagt, dass der Song nicht kurz vor Release entstanden ist. Wie lange hat der Entstehungsprozess denn gedauert? 

    Till: Vincent, mit dem ich meine EP produziert habe, und ich haben an mehreren Songs und Ideen gleichzeitig gearbeitet. Das heißt, es hat sich schon über eine gewisse Zeit gezogen. Wir haben auch ein bisschen gebraucht, um den Sound zu bekommen, den ich haben wollte. Aber als sich der gefunden hat, ging es flott. Der Text stand auch relativ schnell. Ich glaube im Februar haben wir die Vocals recorded und im März/April kam das Mixing. 

    Julia: Wo du gerade den Sound ansprichst, da hat sich auf jeden Fall was geändert. Ich würde mal sagen, weniger Melancholie und mehr Euphorie. Wird es bald nochmal traurig?

    Till: Es gibt ja schon Songs, die geschrieben und fast fertig sind. Teilweise sind die auch trauriger und düsterer. Es sind aber trotzdem keine Songs wie Apokalypse Wow, in denen irgendwelche Weltuntergangsbilder gezeichnet werden. Die Songs sind ein bisschen realitätsnäher und sehr viel direkter geschrieben. Und auch wenn sie düsterer sind, werden sie definitiv mehr Fun sein. I don’t know. Sie wiegen nicht mehr so schwer wie die, die ich bisher geschrieben habe, glaube ich.

    Julia: Speaking of fun… Du hast vor kurzem dein Musikvideo zu Eure Blumen veröffentlicht und scheinst beim Dreh großen Spaß gehabt zu haben. Was hat es eigentlich mit dem gelben Mantel auf sich? War das Zufall?

    Till: *lacht* Nein, das war kein Zufall. Ich habe lange überlegt, was ich da anziehen kann und hatte dann irgendwann die Idee, die sich dann auch im Artwork der Single wiederfindet – mit der Sonnenblume. Ich dachte mir eine Sonnenblume ist ganz schön, die reckt sich immer dahin, wo die Sonne scheint und das ist auch irgendwie das Bild des Songs. Ich fand die Idee mit dem Regenmantel eigentlich ganz nice, weil ich so die Farben der Sonnenblume angenommen habe – grüne Joggingshose und gelber Regenmantel. Passte dann gut, als wäre ich selbst in den Farben von einer Sonnenblume aus dem Berliner Blumenacker rausgekommen, den wir da gebaut haben.

    Julia: Hast du auch schon live getragen!

    Till: Der Mantel ist mein favourite piece of clothing aktuell. Der macht mich sehr, sehr glücklich, muss ich sagen.

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    Julia: Was sind denn deine Lieblingsblumen? Das muss jetzt gefragt werden.

    Till: Ohh, ähhm…

    Julia: Meine ist die Sonnenblume. Hehe. 

    Till: Ja, irgendwie komme ich mir auch doof vor, wenn ich jetzt nicht Sonnenblume sage. *lacht* Andererseits wäre es auch ein bisschen langweilig. Ähm, warte kurz. Ich muss einmal sichergehen, dass ich nicht die Falsche sage. *googelt* Ach, das ist sie doch! Hyazinthe. Ich sage Hyazinthe. Die sind doch schön.

    Julia: Sehr gute Wahl! Du hast es eben schon angesprochen, aber dann können wir davon ausgehen, dass weitere Releases dieses Jahr kommen? Möchtest du was verraten?

    Till: Wir haben ein paar Akustikversionen von Songs aufgenommen, die ich schon released habe. Die werden nach und nach in den nächsten Wochen eintrudeln. Es wird wahrscheinlich im Laufe des Jahres eine Reihe an Singles erscheinen, die aber nicht unbedingt an ein EP-Konzept gekoppelt sind. Es sind halt eher einzelne Songs, die auch gut für sich stehen. Ich kann natürlich noch nicht verraten, wann sie erscheinen. Nach der Morgentau EP war es ja erstmal eineinhalb Jahre still und das wird dieses Mal nicht so sein.  

    Julia: Ich stelle mir „Eure Blumen“ live richtig gut vor. Wie sieht deine Besetzung auf der Bühne aus? 

    Till: Das ist eine Sache, an der ich gerade arbeite. Ich hatte im Dezember das Glück, relativ spontan für die Künstlerin Sofia Portanet im Gleis 22 in Münster Support spielen zu dürfen. Da habe ich mit Vincent, mit dem ich auch produziere, relativ flott ein Live-Setup gebastelt, was gut funktioniert und auch Spaß gemacht hat. Aktuell werde ich entweder alleine oder zu zweit oder zu dritt auftreten. Mir liegt auch viel daran, dass so viel wie möglich von den Instrumenten live gespielt wird und wenig vom Band kommt. Gleichzeitig muss man natürlich gucken, wie viel davon umsetzbar ist.

    Julia: Hast du einen Wunsch für dieses Jahr, hinsichtlich deiner Musik, was du gerne erreichen würdest?

    Till: Ja, da habe ich mehrere. Erstmal würde es mich sehr dolle freuen, wenn am Ende diesen Jahres mehr Leute meine Musik hören. Das wäre sehr schön. Und wenn es die Leute glücklich macht und ihnen Freude bringt, weil auch dafür mache ich Musik. Mein zweiter Wunsch ist sehr spezifisch, aber in Köln gibt es das Artheater und dort gibt es das Artheater Basement. Ich finde beides super toll! Da habe ich letztes Jahr bei der c/o pop Festival viele tolle Gigs gesehen, die mich sehr glücklich gemacht haben. Das ist meine Dreamlocation und es wäre ein Traum dort mal zu spielen und ich hoffe, dass das irgendwie in naher Zukunft passieren wird. Ich würde da sehr gerne eine sehr volle, schwitzige, laute und wilde Show spielen. 

    Julia: Ich drücke die Daumen! Die letzte Frage ist bei uns immer eine untold story, also eine Geschichte oder Anekdote, die du noch nie irgendwo erzählt hast. Was wäre deine untold story?

    Till: Es gibt wahrscheinlich Milliarden… Aber Ende letzten Jahres wurde ich ganz lieb von Lisa-Marie auf Instagram angeschrieben. Sie hat mir erzählt, dass sie sehr gerne malt und angefangen hat eine Leinwand zu bemalen, die von der Morgentau EP inspiriert ist. Ihr Ziel war es, ein Bild zu machen, dass man nur versteht, wenn man die EP gehört hat. Und diese Leinwand hat sie mir geschickt. *zeigt mir die Leinwand*

    Julia: Wow? Das sieht mega aus! Crazy. Großes Kompliment. 

    Till: Das ist auf jeden Fall richtig toll! Ich habe die EP ja während der Pandemie veröffentlicht und dadurch auch wenig direktes Feedback bekommen, weil man einfach nicht so viele Leute gesehen hat. Man hat dann immer das Gefühl, alles verpufft im Netz. Das war für mich total schön, weil da eine Person auf meine Musik gestoßen ist und ihr anscheinend so viel Freude gemacht hat, dass sie angefangen hat eine Leinwand zu bemalen. Das war einer meiner Happy Moments aus 2022. 

    Julia: Das ist wirklich ein schöner Abschluss!

    Till: Das stimmt!

    Julia: Ich danke dir für das schöne Gespräch, Till! 

    Till: Ich danke dir und freue mich!


    Fotocredits: Moritz Holstein

  • Über Sexismus, alte Schlager und Sailor Moon – IUMA im Interview

    Über Sexismus, alte Schlager und Sailor Moon – IUMA im Interview

    Letzte Woche Freitag hat die Deutschpop-Sängerin ihre Debüt-EP genug herausgebracht. Auf ihr finden all ihre im letzten Jahr veröffentlichten Singles inklusive einer neuen, gleichnamigen Platz. Im letzten Herbst hatte Leif die Gelegenheit, IUMA zu dem Singlerelease und dem Musikvideo von u-bahn zu interviewen. Neben ihrer Musik als Ventil und ihrer Liebe zu Justin Bieber ging es

    Über Sexismus, alte Schlager und Sailor Moon – IUMA im Interview

    Leif: Wie geht es dir und was machst du momentan so?

    IUMA: Heute geht es mir gut, ich bin ausgeschlafen (lacht). Und momentan mache ich viel Unterschiedliches. Zum einen war ich gerade auf dem Pop Camp, das war sehr schön und ich habe es sehr genossen. Es war ein wenig wie Klassenfahrt mit vielen tollen Menschen und viel Zeit für die eigene Musik. Zum anderen Spiele ich morgen ein Konzert in Berlin im Schlot, was ich gerade vorbereite. Das heißt ich verändere momentan mein Setup und binde in meine Solo Auftritte Novaas Produktion ein und nehme Backing Tracks und Drum Fills mit in die Performance. Vor allem aber arbeite ich ganz viel an den kommenden Releases, wie meine neue EP.

    Leif: Darauf werden wir dann später nochmal drauf zurückkommen. Aber zuerst möchte ich ganz grundlegend fragen: Was machst du für Musik und wie würdest du dich und deine Musik vorstellen?

    IUMA: Ich bin IUMA und mache deutschsprachige, ehrliche Popmusik mache, die unterschiedliche Einflüsse hat. Für mich ist es am Ende Popmusik. Sie kann manchmal souliger sein oder hat Jazz Anlehnungen und oft ist sie knall-hart poppig. Für mich ist es wichtig, meine verschiedenen Einflüsse, die ich so habe, ausleben zu können und darauf kommt es mir letztlich an.

    Leif: Gut gesagt, empfinde ich tatsächlich genauso. Poppig ist es fast immer, aber du hast dir trotzdem eine gewisse Bandbreite aufgestellt. Auch, wenn du es vorhin mit Novaas Produktion vorweggenommen hast: Machst du alles vom Songwriting bis zur Produktion selbst? Wie sieht dieser Prozess normalerweise bei dir aus?

    IUMA: Meistens – nicht immer – beginnt dieser Prozess bei mir so, dass ich den Song in mein Handy tippe, also mit dem Text. Und wenn ich dann Zeit und Lust habe und mich inspiriert fühle, setze ich mich zuhause ans Klavier und schreibe den Song. Manchmal nur zur Hälfte und teilweise fehlt hier und da noch etwas aber das Grundkonzept des Songs entsteht so. Danach gehe ich ins Studio, treffe mich in letzter Zeit vor allem mit Novaa und am Ende ist der Song fertig.

    Leif: Gibt es denn irgendetwas, was in einem IUMA Song nicht fehlen darf?

    IUMA: Etwas, was sehr häufig in meinen Songs vorkommt und bei mir nicht fehlen darf sind Adlips. Ich liebe Adlips. Ich liebe auch Harmonien. Eigentlich darf beides bei mir nicht fehlen.

    „Und dann entsteht ein emotionales Kollektiv“


    Leif: In Gutgut thematisierst du toxische Beziehungen, bzw. das Austreten daraus und unter anderem auf Social Media befasst du dich viel mit allgegenwärtigem Sexismus. Ich habe immer das Gefühl, dass diese Themen trotz ihrer hohen Relevanz in der Öffentlichkeit heruntergespielt werden. Du greifst sie aber bewusst auf. Ist das für dich eher Coping auf Grundlagen von Erfahrungen, die du alltäglich damit machst oder geht es dir hier im Empowerment und Awareness – oder beides?

    IUMA: Da ich in erster Linie ganz egoistisch an Songs rangehe (lacht), sind sie für mich ein Ventil. Die erste Intention ist bei mir ist also, dass da was raus muss, was mich bewegt oder wütend und traurig gemacht hat. In meinem Song sex ist spreche ich auch über Sexismus, den ich erfahren habe und nach wie vor erfahre. Für mich ist es aber dann auf jeden Fall empowernd wenn ich auch Gefühle, bei denen ich nicht weiß, wohin, rauslassen kann. Das eigene Rauslassen und die damit verbundene Selbstbestätigung spielen eine sehr große Rolle. Was aber dann passiert – und das finde ich wunderschön – ist, dass das aufs Publikum trifft und klar wird, dass Menschen im dort die gleichen oder ähnlichen Erfahrungen gemacht haben. Und dann entsteht ein emotionales Kollektiv und man kann sich gegenseitig empowern.

    Leif: Was auch sehr wichtig ist. Niemand ist allein mit den Empfindungen und man muss auch nicht allein damit durch. Speaking of Sexismus: Hast du seitdem du Musikerin und auf Social Media bist, noch mehr Erfahrung damit machen müssen? Es gibt da ja diesen großen Diskurs über den offensichtlichen Sexismus in der Musikbranche. Wirkt das seither noch mehr auf dich ein als ohnehin schon?

    IUMA: Bezogen auf Reaktionen, zum Beispiel auf Snippets von sex ist, die ich hochgeladen habe oder auf Bilder, auf denen ich etwas mehr Haut zeige, kommen schon manchmal Reaktionen, wie: „Du bist selbst schuld“ oder „Du provozierst das ja damit“. Grundsätzlich sind so 90% der Reaktionen aber sehr positiv. Mit Bezug auf die Musikbranche fühle ich das noch nicht so dramatisch. Da gibt es viele andere Künstlerinnen, die da wesentlich mehr zu sagen können. Ich stehe noch relativ am Anfang dieses Projektes und da passiert das eher verdeckt. Es gab trotzdem schon sehr oft irgendwelche Äußerungen aus der Richtung von Tontechnikern oder Situationen, in denen Leute erstaunt waren, dass ich als Frau ein Kabel aufrollen kann oder meine Technik selber anschließen kann. In der großen Branche und in Sachen, wie Auftrittmöglichkeiten oder Playlistplatzierungen sind wir natürlich sehr betroffen. Aber wie gesagt, momentan ist das bei mir noch nicht so spürbar, weil ich noch am Anfang stehe.

    Leif: Was mir dabei immer wieder auffällt ist die unterrepräsentierte weibliche Besetzung in der Musik. Damit meine ich nicht nur Bandbesetzung, sondern auch Produzent:innen und alles, was sich nebenher abspielt. Man hat das Gefühl, da sind viel weniger Frauen vertreten.

    IUMA: Es gibt super viel Produzentinnen! Vermutlich ist der Männlichkeitsanteil dort immer noch höher, aber den weiblichen Produzentinnen wird einfach nicht so viel Sichtbarkeit gegeben. Das ist das eigentliche Problem. Sie sind da und es gibt dafür viele Foren, die nur für weiblich gelesene Personen da sind. Meiner Meinung nach müsste es noch mehr davon geben, damit man sich einfach besser finden und connecten kann. Da haben wir auf jeden Fall noch einen Weg vor uns.


    „Du sagst

    Ich sei selbst schuld und naiv,

    wenn

    Ich provokativ meinen Body zeig

    Du sagst, ich sag

    Wie kommst du auf die Idee, dass

    ich bleib“



    Leif: Schätzt du dich und deine Musik als politisch ein?

    IUMA: Ja, wahrscheinlich schon. Ich würde es als privatpolitisch bezeichnen.


    Leif: Dann habe ich jetzt eine Frage zum Musikvideo zu u-bahn. Das ist das Erste, was mir in den Kopf geschossen ist, denn es spielt ja in einer U-Bahn-Station. Man sieht so wenig Passanten im Hintergrund, habt ihr einfach alles geräumt und abgesperrt?

    IUMA: Nein, tatsächlich nicht. Wir haben es geschafft zu einer guten Uhrzeit da zu sein und es war ein Endbahnhof. Daher war ohnehin nicht viel los, was gut war. Wir hatten einfach Glück und haben super spät gedreht. Wir hatten zwischen den Bahnen immer Zeit für genau zwei Takes und es hat nicht lang gedauert, bis wir durch waren. War eine richtig schnelle Nummer.

    Leif: Schien auf jeden Fall so, als hättest du sehr viel Spaß daran, Videos zu drehen. Stimmt das auch?

    IUMA: Das ist gut, danke (lacht). Ja, ich liebe Musikvideos und ich habe da super viel Spaß dran. Bislang konzipiere ich die auch selber. Aber ich habe das Gefühl, dass Musikvideos immer unrelevanter werden. Für Musikmagazine, die dann noch etwas zeigen können und Menschen, die meine Musik mögen oder kennenlernen wollen sind Musikvideos natürlich was Schönes. Aber in Bezug auf Mehrwert und Reichweite habe ich schon das Gefühl, dass das nicht mehr so ausschlaggebend ist. Wir sind halt nicht mehr in Zeiten von MTV oder in einer YouTube Hochzeit. Außerdem werden ja alle Videos momentan etwas kürzer. Aber es ist wirklich nur ein Gefühl von mir.

    Leif: Da ist sie wieder, die Tiktokisierung. Schade eigentlich, ich finde Musikvideos immer sehr cool, dann hat man was zum Schauen.

    IUMA: Ja, ich verstehe das voll! Mir blutet da auch das Herz und deshalb mache ich auch noch Musikvideos. Ich bin gespannt, wie es sich demnächst entwickelt. Freut mich aber, dass man mir den Spaß in dem Video auch ansieht, mir gefällt es sehr.

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    IUMAs Single u-bahn erschien im September 2022.



    Leif: Was sind denn deine musikalischen Vorbilder und was feierst du momentan so?

    IUMA: Das ist ganz verschieden. So viel Musik höre ich tatsächlich nicht, denn ich brauche auch mal Pausen davon. Es gibt so Phasen, in denen ich sehr viel höre. Ich bin ein großer Fan von Soul und R&B. Meine all-time-favourites sind Daniel Ceasar, SZA und Frank Ocean. Rosalía hat mich in meinen ersten Tracks sehr beeinflusst. Aber auch Justin Bieber hat mich inspiriert (lacht). Für ihn pocht mein Popherz, da bekomme ich immer gute Laune. Und ich war schon immer fasziniert von Alicia Keys und Lady Gaga. Das Alleinsingen und am Klavier begleiten fand ich schon immer super geil. In Bezug auf deutschsprachige Musik finde ich tatsächlich alte Schlager sehr inspirierend. Sachen von Trude Herr und Hildegard Knef find ich super geil.

    Leif: Manchmal hat der alte Schlager es eben doch richtig drauf. Ich nutze den Alicia Keys und Lady Gaga Aufhänger jetzt gekonnt als Überleitung zur nächsten Frage. Du trittst nämlich auch sehr häufig allein auf, indem du deinen Gesang am Klavier begleitest. Was magst du beim Performen am meisten und würdest du auch gern mit einer Band auftreten?

    IUMA: Ich mag, dass ich mich selbst sehr empowern kann. Ich hatte da immer ein bisschen Schiss vor und komme aus einem jazzigen, akademischen und peniblen Kontext. Ich habe mir nie zugetraut, dass ich das alleine auf dem Klavier schaffe, bis ich mir das irgendwann selbst bewiesen habe. Es ist viel unkomplizierter und leichter zu reisen und aufzubauen und ich bin einfach losgelöster dadurch. Aber für mich bedeutet es sehr viel, dass ich mir zugestanden habe, mich dort alleine hinstellen zu können und den Raum nur mit meinen Songs, meiner Stimme und dem Klavier zu füllen. Das zu schaffen hat mich unfassbar bestärkt und alles andere, was obendrauf kommt ist ein Plus – aber ich brauche es nicht. Aber ich habe auch total Lust auf eine Band. Für mich macht das momentan aber wenig Sinn, weil die Kapazitäten häufig noch nicht reichen.

    Leif: Kommen wir jetzt zu letzten Frage, in der es sich bei uns traditionell um eine untold story dreht. Hast du irgendeine Geschichte von dir auf Lager, die du sonst noch nicht erzählt hast?

    IUMA: Ich durfte als Kind keine Poster von Popstars aufhängen, weil meine Mutter nicht wollte, dass ich Menschen zu sehr anhimmle. Sie wollte mir glaube ich sehr früh mitgeben, dass wir alle irgendwie cool und uncool sind und dass niemand irgendwie krasser ist als ich, nur weil die Person berühmt ist. Tierposter durfte ich aber aufhängen und irgendwann eine „maßgetreue“ Sailor Moon. Das war ein richtiges Highlight, das Poster war mal glaube ich in einem Comic Heft drin. 

    Also hing dann da eine ziemlich große Sailor Moon an meiner Tür und ich war mega stolz. Damit war meine Mama cool, weil die halt „nicht echt“ ist. Aber für mich war sie schon ziemlich echt und ein ziemlicher Superstar. Ich fand Sailor Moon schon immer sehr inspirierend. Damals primär, weil ich auch schon immer davon geträumt habe, mich so verwandeln zu können und sie eben in ihrem Alltag ein ganz normales Mädchen war, mit kleinen lustigen Pannen und Eigenarten. 

    Heute inspiriert mich Sailor Moon immer noch. Die Moves, die Looks, die Farben, die Heldin mit den Kanten, die sich immer weiterentwickelt und manchmal auch scheitert. Diese krass empowerte Crew aus super starken Freund:innen und sowieso, dass alles an die Liebe glaubt und diese dann auch siegt und Ungerechtigkeit richtig scheiße ist. Fühle ich sehr und vielleicht steckt ja hier und da ein bisschen Sailor Moon in IUMA.

    Leif: Eine unfassbar süße Geschichte! Ich danke dir für ein tolles Interview und nettes Gespräch zudem!

    IUMA: Ich fands auch voll schön und habe mich sehr gefreut!


    Am Ende folgt der obligatorische Playlist-Link und die nachdrückliche Aufforderung, sich IUMAs neue EP anzuhören. Lieben Dank an IUMA für das Interview und falls Euch ihre Musik gefällt, schaut doch mal auf einem ihrer Konzerte vorbei! Die Tickets gibt es hier.

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    Fotocredits: Sandra Ludewig

  • STRAHLEMANN im Interview: »Über Gefühle singen und Gefühle zeigen ist wichtig«

    STRAHLEMANN im Interview: »Über Gefühle singen und Gefühle zeigen ist wichtig«

    In einer Welt, in der wir abgestumpft durch den Alltag trotten, vieles grau ist und uns wenig Positives überrascht … Ok, zugegeben, es ist Januar. Es ist kalt draußen und es regnet. Aber aus meiner Musikbox dröhnt „Die Sonne scheint nur für mich“ und ich teleportiere mich in eine andere Welt.

    Der Song kommt von der Band STRAHLEMANN. Es ist die erste Single, die die Newcomer-Band im April 2022 veröffentlicht hat. Damals waren die vier Jungs ein unbeschriebenes Blatt Papier, das keiner so richtig auf dem Schirm hatte. Seither hat sich vieles getan. Die Debüt-EP unter dem gleichen Namen wie die Single „Die Sonne scheint nur für mich“ hat am 13. Januar das Licht der Welt erblickt. Ein perfekter Anlass, die Band hinter dem catchy Indie-Rock-Sound mit einprägsamen Punch-Lines einmal genauer unter die Lupe zu nehmen.

    Wer ist STRAHLEMANN?

    Laut DUDEN bezeichnet der Begriff Strah|le|mann jemanden, „der gewohnheitsmäßig ein [übertrieben] strahlendes Lächeln zeigt [um sympathisch auf sein Publikum zu wirken]“. Laut STRAHLEMANN bezeichnet der Begriff Strah|le|mann:

    • jemanden, der*die immer gut drauf ist und allen ein Lächeln ins Gesicht zaubert.
    • jemanden, der*die immer so tut, als sei er*sie gut drauf und allen außer sich selbst ein Lächeln ins Gesicht zaubern kann.
    • jemanden kurz nach dem Kiffen.

    So stellt Tino, Sänger der Band, STRAHLEMANN vor. Doch hinter diesem Namen steckt neben einer Menge Verkopftheit ganz viel Gefühl und Liebe zum Detail. Im Interview mit drei der vier Bandmitglieder von STRAHLEMANN erzählen die Jungs, wie es zur Bandgründung kam, warum sie stundenlang über jeden einzelnen Ton und jede Zeile diskutieren und welche Höhen und Tiefen das Leben als Newcomer-Band noch so mit sich bringt.

    STRAHLEMANN im Interview

    Anna: Hi Jungs, schön, dass ihr euch die Zeit genommen habt. Mögt ihr euch zu Beginn einmal vorstellen?

    Tino: Also ich bin Tino. Ich bin Sänger von der Band Strahlemann und ich freue mich, heute an diesem wunderbaren Interview teilnehmen zu dürfen.

    Julius: Ich bin Julius. Ich spiele Gitarre bei Strahlemann. Ich bin einer von zwei Julius – der andere ist heute leider nicht da.

    Marvin: Ich bin Marvin und ich spiele Schlagzeug bei Strahlemann.

    Zwischen Bahnromantik und Friedrich-Merz-Wahlkreis

    Anna: Ihr kommt ja alle irgendwie aus unterschiedlichen Städten. Wie ist denn eure Band entstanden? Wie habt ihr zusammengefunden?

    Tino: Also die Bandgeschichte verliert sich in grauer Vorzeit – im September 2019. Da habe ich Julius, also der, der heute nicht da ist, und Marvin kennengelernt, im Artist Pool Band Camp. Ich habe da eines Abends mal Demos vorgeführt und dann fanden die das irgendwie cool und wir haben gesagt, dass wir Kontakt halten. Ziemlich genau ein Jahr später habe ich mich mit Julius in Münster getroffen. Da hat er Musik studiert, gemeinsam mit Jules, und so kam dann auch die Verbindung zustande. Dann haben wir uns da eine Woche getroffen, so ein paar Songideen, die ich da jahrelang mit mir rumgeschleppt habe, mal gemeinsam aufgenommen und auch ein oder zwei Songs gemeinsam geschrieben und es hat sofort gefunkt. Und dann haben wir uns wieder ein Jahr später im August offiziell in Elkeringhausen gegründet.

    Julius: In Elkeringhausen, echt? (überlegt)

    Tino: Also Winterberg ist der nächste Bahnhof.

    Julius: Ich verbinde das immer nur mit dem Friedrich-Merz-Wahlkreis.

    Tino

    Anna: Wie macht ihr das denn mit den Proben? Das ist ja wahrscheinlich auch ein bisschen schwieriger.

    Tino: Ja, genau. Also letztes Jahr haben wir uns für Auftritte mindestens jede zweite Woche getroffen. Also wir sehen uns regelmäßig und machen dann so kompakte Proben- Wochenenden. Das funktioniert immer ganz gut.

    Marvin: Wir mieten uns dann immer irgendwo ein – brauchen eigentlich nur ein Schlagzeug und Mischpult. Und kann man da irgendwo proben zwischen Tübingen und Münster. Irgendwo dazwischen treffen wir uns dann meistens in dem Proberaum von anderen Bands und dann geht es ganz gut.

    Julius: Im Idealfall spielen wir auch mehr oder weniger regelmäßig Konzerte, was halt im Sommer 2022 zum Glück so war. Da machen wir dann vorher irgendwie mal so ein, zwei Proben-Wochenenden, gucken uns alle die Songs an und so, schreiben vielleicht ein bisschen daran und dann steht das aber erstmal. Es ist auch toll, dass das so funktioniert, also dass jeder für sich dann noch arbeitet von zu Hause. Also jeder guckt sich seine Parts an und überlegt sich auch ein bisschen was für die Performance. Also jeder macht quasi seine Hausaufgaben. (lacht)

    „Tino schreibt recht geile Songs, die immer so einen Ticken zu verkopft sind. Wir passen die dann so an, dass sie alle Menschen verstehen können“

    Anna: Wie ist die Aufteilung bei euch? Eher so klassisch, dass der Sänger die Texte schreibt und dann die anderen die musikalischen Part beisteuern?

    Tino: Ja, das ist schon sehr klassisch bei uns. Ich schreibe die Texte und meistens auch die Musik dazu. Bisher ist es zumindest so. Dann bringe ich das mit in die Probe und wir hören gemeinsam. Dann wird noch verfeinert. Hin und wieder kommt da noch was dazu oder es wird weggeworfen. Aber eigentlich hat man immer schon einen sehr guten Blick auf das Grundgerüst.

    Julius: Wir sagen immer: Tino schreibt recht geile Songs, die immer so einen Ticken zu verkopft sind. Unsere Aufgabe ist es dann, die an die Popstruktur anzupassen, sodass das alle Menschen verstehen können.

    Anna: Okay, dann gehe ich auch mal davon aus, dass Tino den Pressetext geschrieben hat.

    Tino: (lacht) Ja, da habe ich mich ein bisschen verausgabt.

    Anna: Aber ich find den echt gut!

    Tino: Danke!

    Anna: Wer von euch ist der Strahlemann der Band?

    Julius: Das sind wir alle.

    Tino: Jeder auf seine Weise.

    Julius: Vor allem wenn wir uns sehen, dann sind wir alle nur am Strahlen.

    Das Problem mit dem Gefühle zeigen im Indie

    Anna: In eurer Spotify Bio stand sehr lange einfach nur: Indie Rock. Gefühle zeigen. Da frage ich mich: Fehlen euch im deutschen Indie Rock manchmal die Gefühle in den Songs?

    Julius: Boah, da machst du jetzt aber ein Fass auf! Also wir sind alle sehr beeinflusst und sehr angetan von ganz vielen tollen deutschen Indie Bands. Mir persönlich ist bei der ein oder anderen Band ein bisschen zu kalkulierbar. Vielleicht ist es auch so ein Trend, der dann mit gemacht wird – das weiß ich nicht. Ich will gar nicht gegen jemanden schießen, aber manchmal ist es mir auch ein bisschen zu oberflächlich. Aber das wollten wir damit auch gar nicht sagen, sondern einfach, dass es uns natürlich irgendwie um die Gefühle in den Songs geht.

    Tino: Über Gefühle singen und Gefühle zeigen ist wichtig und dafür wollen wir stehen und zeigen, dass es auch ein schöner Trend ist. Dass es wichtig ist, dass Männer Gefühle zeigen, weil es ja offensichtlich nicht normal zu sein scheint. Da sind wir natürlich auch von Bilderbuch beeinflusst.

    Anna: Das ist aber auch einfach eine verdammt gute Band! Bei wem würdet ihr auf einer Tour gerne mal Support spielen – abseits von Bilderbuch?

    Tino: Wir kommen ja auch aus dem aus dem Post Hardcore. Wenn es Heißkalt noch geben würde, wäre das natürlich auch der Hammer. Oder so Bands wie Kind Kaputt, Blackout Problems. Aber wir bewegen uns gerade genremäßig eher in Richtung Bilderbuch, also Indie Rock. Verträumt sozusagen. Weniger Geballer. Obwohl Van Holzen auch noch eine gute Adresse wäre.

    „Wir kommen alle aus dem Post Hardcore und sind softer geworden“

    Julius

    Anna: Gab es eigentlich im Prozess von der EP mal die Diskussion, ob ihr ein bisschen mehr in die rockigere Richtung geht oder ein bisschen mehr verträumt?

    Julius: Ich glaube, das ist so ein Zeitding. Also es gibt Aufnahmen von 2020, als ich bei Julius und Tino war und wo wir dann den Song geschrieben haben. Und wir haben so ein bisschen verkopften C-Teil mit so einem Schlagzeugpart. Da mussten wir Marv dann knechten, dass er den spielt. Und das ist, glaube ich, etwas, das würden wir heute nicht mehr machen. Aber jetzt hat es sich ganz natürlicher Weise bei uns in eine andere Richtung entwickelt. Alles so ein bisschen vibender einfach und nicht so das ganz große Tamtam. Irgendwie habe ich das Gefühl, das ist eine Entwicklung, die mehr oder weniger bei allen so parallel stattgefunden hat, weil wir natürlich auch älter geworden sind.

    Marvin: Ja, ich glaube, wir sind einfach alle auch etwas offener gegenüber konventioneller Musik geworden über die Jahre. Wir kommen alle aus dem Post Hardcore Bereich und sind softer geworden. Als wir uns im Sauerland getroffen haben mit den Demos damals dachte ich, dass es sehr indiemäßig wird. Als wir dann zusammen dran geschrieben haben, ist es doch ein bisschen rockiger, eckiger geworden, als ich es mir am Anfang vorgestellt hatte. Einfach weil wir alle so ein bisschen aus dieser Hardcore Sozialisierung kamen.

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    Anna: Okay, kommen wir zu eurer EP. Über dem Pressetext steht drüber: „eine relativ idealistische Anleitung zur Realitätsbewältigung in sechs Songs“. Was beinhaltet diese Anleitung?

    Tino: Ja, wenn man so will, ist das Song für Songs eine Richtung von einem Zustand der starken Unzufriedenheit und des „sich allein Fühlens“ hin zum „sich aufgehoben fühlen in der Musik“ oder mit sich selber ins Reine zu kommen. Also „Gib mir einen Grund“ ist der Anfang. Das ist aus einer starken Frustration heraus entstanden. Text wie Musik. Bei „die Sonne scheint nur für mich“ ist es etwas schwieriger. Auch wenn der Song sehr positive Gefühle weckt bei verschiedenen Leuten ist es ja doch ein Song, der sehr schwer ist. Es geht darum: Hat es überhaupt einen Sinn, was wir hier tun? Und „magst du mich nicht mehr“ hat dann was mit damit zu tun, das man sich im sozialen Umfeld zurechtfinden muss – auch im digitalen sozialen Umfeld. „Wiedersehen“ hat diese Abschiedsstimmung, die man im Alter immer wieder um die Ohren gehauen bekommt. Und „Lichtgewand“ ist der Schlusspunkt, in dem dann das Strahlemännchen – das Ich – das am einfach so klein und unbedeutend war, einen Platz in der Welt gefunden hat. Das ist quasi die Idee der Anordnung der Songs.

    Anna: Wenn eure EP ein Rezept wäre, welche Zutaten würden reinkommen?

    Julius: Ein bisschen Romantik. Eine Prise Indie mit einer Grundlage aus Alternative und Post Hardcore und oben ein tanzbares Topping. Indie ist nicht die Prise. Indie ist der Teig, die Basis.

    Marvin: Schokolade, viel Schokolade.

    Anna: Die Schokolade steht dann für die Romantik da drin?

    Marvin: Ja, genau. Oben ist so eine Kirsche drauf. Das sind die Fans, die Strahlemann Fans.

    Marvin

    Jeder STRAHLEMANN-Song durchläuft stundenlanges Feintuning

    Anna: Gab es einen Song auf der EP, der es euch besonders schwer gemacht hat im Entstehungsprozess? Oder wo ihr euch vielleicht am wenigsten einig wart?

    Marvin: Wir haben über einzelne Parts öfter mal länger gestritten, aber so einen spezifischen Song gab’s glaube ich nicht. Zumindest nicht von denen, die jetzt auf der EP gelandet sind. Und denen, die jetzt danach anstehen, haben wir schon ein paar komplett verworfen und dann wieder anders angefangen. Aber ich glaube, auf der EP waren es eher so einzelne Parts, wo wir dann irgendwie stundenlang drüber diskutiert haben.

    Tino: Naja, also die Ideen sind ja schon ein, zwei Jahre alt und konnten dementsprechend auch gut reifen. Es war eher Feintuning, was wir da gemacht haben. Stundenlanges Feintuning … (lacht).

    Julius: Wir sind auf jeden Fall eine basisdemokratische Band. Also Marvin spielt Schlagzeug, aber es bleibt kein Schlagzeug-Schlag aus, der nicht bis ins letzte Detail ausdiskutiert wird und bei den anderen Instrumenten genauso.

    Anna: Kommt in diesem Jahr noch eine Tour von euch?

    Julius: (atmet tief ein) Hoffentlich! Das ist die Antwort. Aber eigentlich ja. Es wird auf jeden Fall in der ein oder anderen Form eine Tour kommen. Wir hoffen für so Frühjahr, April oder so. Vielleicht wird es auch darauf hinauslaufen, dass wir es erst nach dem Festivalsommer machen. Aber wir spielen auf jeden Fall ein paar Festivals.

    Anna: Welche Städte müssen auf der Tour dann dabei sein?

    Julius: Also eigentlich immer so unsere Basis: Stuttgart, Tübingen, Wuppertal, Münster muss dabei sein. Köln würde ich auch voll gerne spielen. Hamburg ist immer geil. In Berlin und München habe ich jetzt bisher nicht so die besten Erfahrungen gemacht, muss ich sagen. Aber irgendwie wäre das auch cool.

    Julius

    Anna: Ihr habt ja vorhin schon andeuten lassen, dass es auf jeden Fall noch mehr als die EP-Songs gibt. Kommen die bald auch raus und was passiert bei Strahlemann 2023 noch so?

    Julius: Wir wollen auf jeden Fall ein Album machen, aber das wird wahrscheinlich erst 2024 kommen. Aber ich glaube, dass der Plan ist, dass wir 2023 auch viel daran arbeiten werden, oder Marv?

    Marvin: Ja, auf jeden Fall. Wir haben gesagt, dass wir uns viel Zeit nehmen wollen, um an einem Debütalbum zu feilen. Es gab viele Überlegungen, ob es noch Sinn ergibt, ein Album zu machen in diesem Jahr oder ob wir noch ne EP hinterher schieben. Aber da einfach so viel Songmaterial da ist und wir auch Bock haben auf ein Konzept, werden wir uns viel Zeit nehmen, um an neuen Songs zu arbeiten. Und das Ziel ist dann ein Album.

    Everybody’s darling: „Die Sonne scheint nur für mich“

    Anna: Habt ihr einen Lieblingssong auf der EP?

    Tino: Ja, also unser aller Lieblingssong ist, glaube ich, die Nummer 2 „Die Sonne scheint nur für mich“, weil der am leichtesten von der Hand ging und auch am meisten Spaß macht live zu spielen. Und da sind auch immer die meisten Leute am Start. Wir haben den Song ja als erste Single der EP im April rausgebracht. Dann haben wir im Juni, Juli, August angefangen, Konzerte zu spielen. Und dann beim ersten Konzert haben die Leute den Song direkt mitgegrölt. Das war ein tolles Gefühl und deswegen bleibt mir der Song stark in Erinnerung.

    Anna: Wo wir gerade schon bei Erinnerungen sind: Habt ihr eine untold story parat? Irgendetwas ungeahntes, das noch keiner über euch weiß?

    Marvin: (alle überlegen sehr lange) Puh, das ist gar nicht so einfach. Es hat auf jeden Fall keiner von uns ein Arschgeweih! (alle lachen)

    Bahnhofbegegnungen eurer liebsten neuen Öffi-Band

    Anna: (lacht) Schade, das wären jetzt natürlich die Breaking News gewesen. Gibt es eine Geschichte von den Konzerten im Sommer?

    Marvin: Ja, stimmt, wir waren super viel auf Reisen – vor allem in ICEs. Wir waren mal auf dem Weg nach Stuttgart und Julius, der Bassist, und ich haben verzweifelt unser Equipment gesucht, weil wir das in so einer Gepäckablage abgestellt hatten. Und als wir dann kurz vor Stuttgart waren, haben wir unsere Sachen nicht wiedergefunden und dachten, die sind einfach geklaut worden oder so. Weil wir uns auch ein paar Mal umsetzen mussten, weil keine Sitzplatzreservierung. Und dann haben wir irgendwann, als wir schon richtig panisch waren, bemerkt, dass wir einfach in die falsche Richtung gelaufen sind, weil der Zug zwischenzeitlich im Kopfbahnhof gewechselt hat, es muss dann doch nicht Stuttgart gewesen sein. Ich weiß nicht mehr, wo es war. Auf jeden Fall waren wir dann sehr erleichtert, als wir zurückgegangen sind in eine andere Richtung und da waren dann unsere Sachen. Wir haben schon alle Szenarien durchgespielt im Kopf bis hin zu „das Konzert muss abgesagt werden“.

    Julius: Ihr Idioten! Ich dachte du erzählst jetzt, wie wir im Stuttgarter Hauptbahnhof  Drangsal getroffen haben. wir sind ja sowieso auch eine Öffi-Band, also fahren immer mit Öffis überall hin, vollbepackt mit unseren Sachen. Und einmal haben wir Stuttgarter Hauptbahnhof Drangsal gesehen, der da auch einfach saß und der hat uns auch ganz interessiert angeguckt und sich wahrscheinlich so gedacht: „Oh, junge Leute, die Rockmusik machen“.

    Tino: Das erzählt er bestimmt irgendwann in seiner Biografie später.

    Julius: Genau, das erzählt er dann, wenn du ihm die Frage stellt: Ich hab mal Strahlemann im Stuttgarter Hauptbahnhof getroffen.

    Marvin: Wir haben ihn doch dann in Berlin nochmal getroffen. Da hat er auch gesagt, er hat sich dran erinnert.

    Anna: Da habt ihr euch wohl in sein Gedächtnis eingeprägt! Danke auf jeden Fall für’s Teilen dieser Geschichten der Öffi-Band Strahlemann und danke für’s Interview!

    Tino: Thank you for the interview!

    Anna: Wollt ihr noch was loswerden am Ende?

    Julius: An dieser Stelle würde Tino bestimmt sagen: Ich grüße meine Tante aus Wuppertal. Was irgendwie witzig ist, weil ich gerade auch in Wuppertal bin. Aber nein, wir freuen uns auf jeden Fall totalenn, wenn Leute in unsere EP reinhören und wir glauben, die ist ganz gut geworden. Und wenn man sich den Minderwertigkeitskomplex anguckt, der sich durch die EP zieht, muss das auf jeden Fall was heißen, wenn wir das sagen. (alle lachen)


    Genug geschnackt, jetzt hört euch endlich die EP „Die Sonne scheint nur für mich“ von STRAHLEMANN an, bis euch die Sonnenstrahlen aus den Ohren scheinen:

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    Fotocredit: Arne Schramm & Arno Geister