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Mia Morgan im Interview: “Man muss alles ein bisschen romantisieren, weil die meisten Sachen so öde sind”

Es kribbelte in meinen Fingern, ich skippte Song für Song weiter, nichts war genug, irgendetwas fehlte mir. Ich sehnte mich nach einer musikalischen Veröffentlichung, die sich aus all den anderen herausriss. Etwas, das mich verstand und mir nah lag, aber mich gleichzeitig aus der Fassung brachte. Genau diese Erlösung brachte mir Mia Morgan im April in Form ihres Debüt-Albums FLEISCH. Nach ihrer ersten, zurecht, geliebten und gefeierten Gruftpop EP, setzte Mia nicht einfach “einen drauf”, sondern ging tausend Schritte nach vorne. Nicht nur sich selbst voraus, sondern auch allen anderen.

So blutig, bestimmt und eindringlich wie sein Titel, fühlt sich das Album auch an. Aber genauso ist Fleisch eben auch das, worin wir alle leben und atmen und das, was wir täglich mit uns rumtragen. Meine Faszination für das Album wird vorrangig damit gefüttert, dass es in der deutschsprachigen Musikszene keinen angemessenen Mitstreiter gibt. FLEISCH behandelt Themen wie Weiblichkeit, Freundschaft, Jugend, Fantasie, Neid, Lust und Verlangen mit einer fesselnden Intensität, Klugheit und Vielfalt. Mal klingt dies sehr düster und verrucht, mal ganz hell und poppig. Mal sind es Fantasien, die beim Hören in eine tiefere Wunsch- und Gedankenwelt abschweifen lassen, mal die zerrende Realität. Aber Mia zeigt eben sehr greifbar, dass genau das Hand in Hand gehen kann. Und vielleicht auch muss. Sie zeigt darin nicht nur musikalisch, sondern auch von sich selbst verschiedenste Facetten, die kontrastreich sind, sich aber nie ausschließen.

Dass Mia als Person in (ihrem) FLEISCH steckt und FLEISCH in all dem, wie sich Mia als Person und Künstlerin präsentiert, sollte klar sein. In den Texten und Sounds finden sich Hörer:innen aber erschreckend genau wieder, fühlen sich manchmal vielleicht sogar eher ertappt. Denn Mia ist rhetorisch sehr geschickt und auf dem Album nahbar, ehrlich und hat keine Scham, ihr Innerstes zu äußern. Dabei gelingt es ihr, den künstlerischen Aspekt nie zu verringern. Ich erinnere mich an die ersten Tage, an denen ich das Album gehört habe, zurück. Am liebsten hätte ich jeden Satz verschlungen und noch ewig gefühlt. FLEISCH ist ein Album, in dem so viel Schmerz, so viel Persönlichkeit und Aufrichtigkeit zu sein scheint. Ich wünsche mir, dass es so viele Leute genau an den Punkten trifft, wie es mich getroffen hat.

Was sich hier wie ein Liebesbrief an Mia Morgan anhören mag – ist vielleicht auch einfach einer. Und ich finde, das ist auch okay. Den Rest erzählte mir Mia aber selbst, als ich sie auf ihrer fast komplett ausverkauften FLEISCH-Tour besuchte.


Mia Morgan im Interview

Dascha: Wie fühlst du dich gerade? Ich habe das Gefühl, dass du eine der Künstlerinnen bist, bei denen man am meisten merkt, wie viel dir deine Musik bedeutet und dass das voll dein Ein und Alles ist. Wie fühlt es sich jetzt an, dass du dein Album mit der Welt geteilt hast?

Mia Morgan: Gar nicht so echt. Ich habe das irgendwie auf so zwei Shows gehabt, wo es mich immer so kurz aus den Socken gehauen hat. Wo ich kurz dachte “Oh fuck, it’s happening!” Und die Leute singen mit und die sind auch wegen mir da. Und dann gab es auch mal so Momente, wo ich irgendwie ins Publikum geguckt habe und da waren Leute, die zitternd geweint haben. Da hat es mich dann auch zu Tränen gerührt. Und einmal vor der Zugabe, als ich nochmal Backstage gegangen bin, habe ich einen richtigen Heulkrampf bekommen.

Aber dann wird es sehr schnell wieder so, dass man zurück in diesen Arbeitsmodus geht und du weißt, okay, du spielst die Show, morgen musst du wieder fit sein, fährst weiter und es passiert alles superschnell. Also ich hatte noch gar nicht richtig die Zeit, um das so richtig zu realisieren, so richtig sacken zu lassen. Ja, aber es ist super schön. Es ist unglaublich und überwältigend und es ist anstrengend. Und es tut auch weh. Auf eine gewisse Art und Weise, irgendwie, weil es immer alles anders ist als in der Vorstellung. Aber es ist schöner als befürchtet.

Dascha: Das ist schön. Sind dir Meinungen von aussen zu deiner Musik generell wichtig?

Mia Morgan: Ja, aber ich wünschte, es wäre nicht so. Aber wenn mir die Meinungen von außen egal wären, dann könnte ich das halt als Hobby machen und nicht als Job. Das ist für mich nicht was, wo ich jetzt irgendwie so eine Passion für habe, dass ich nicht anders kann, als zu musizieren. Also ich bin ja gar keine Instrumentalistin, die, die die Finger nicht von ihrem Instrument lassen kann, sondern es ist ja für mich auch einfach irgendwie ein allumfassendes Ding, was Performance mit einbezieht und was eben auch so was wie das gerade einbezieht. Interviews zu machen oder irgendwie Radio oder auch visuell einfach präsent sein in Videos und anderen Formaten.

Und deswegen ist es für mich halt ein Job, es ist mein Traumjob. Also ich bin halt darauf angewiesen, dass eine gewisse Anzahl an Leuten das gut findet, weil sonst kann ich das nicht machen. Und es wird auch immer Leute geben, die das scheiße finden. Ich kann mir zehn gute Kritiken durchlesen. Wenn die elfte schlecht ist, dann denke ich, es ist scheiße. Ich bin da leider sehr sehr empfindlich und lese mir auch viel zu viel durch, aber habe bis jetzt, was die Platte anbelangt, fast überwiegend schöne Sachen gehört und auch viele Sachen, die ich mir gewünscht habe, zu lesen oder zu hören.

Dascha: Was sind die schönsten Komplimente für dich zu deiner Musik?

Mia Morgan: Viele Leute, die in meinem Alter sind, schreiben, sie wünschten die Platte gehabt zu haben, als sie in dem Alter waren, über das ich singe. Es geht ja sehr viel um die Zeit als Teenager.

Dascha: Tatsächlich habe ich genau das auch aufgeschrieben.

Mia Morgan: Ah echt? Nice! Ja, also irgendwie sagen Leute, dass sie das damals irgendwie gebraucht hätten, weil ihnen das ein bisschen Mut macht. Aber es ist ja aus der Retrospektive geschrieben. Ich hätte das Album als Teenager nicht machen können, weil ich kann nur darüber schreiben, jetzt, da es vorbei ist und da es überstanden ist. Dann ist es natürlich auch sehr schmeichelhaft, wenn man mit Künstlerinnen verglichen wird, die man selber bewundert. Wenn irgendwie gesagt wird, ja, man checkt, dass ich mich mit MARINA und Rina Sawayama befasst habe. Und dass Leute halt auch sagen, dass sie sowas bisher auf dem deutschen Markt nicht kennen. Das finde ich immer besonders und schmeichelhaft, wenn noch mal irgendwie betont wird, dass es etwas ist, was es so nicht gibt und vorher noch nicht gab.

Dascha: Ja, das finde auch! Ich habe lange nicht mehr einen Song gehört, der mich beim ersten Hören so krass gepackt hat wie VON AUSSEN. Und dann dachte ich auch direkt, ich wünschte, der wäre schon rausgekommen, als ich 15 war, das war so genau dieses eingefangene Feeling, richtig toll. Obwohl ich den jetzt natürlich auch schätze. Wenn dein Album eine eigenständige Person wäre, was hätte es für Charaktereigenschaften?

Mia Morgan: Oh mein Gott, sie wäre sehr sexy und sich dessen bewusst. Sie hätte aber auch keine Angst, verletzlich zu sein. Sie hätte keine Angst, über ihre Gefühle zu reden und würde sich nicht scheuen. Vielleicht wäre sie ein bisschen zu empfindlich und ein kleines bisschen zu dramatisch und sie müsste auch in Therapie. Aber sie wäre kein hoffnungsloser Fall. Sie wäre bei dem Ganzen irgendwie bei sich und sie würde auch sehr schick sein. Ja, sie wäre einfach wie ich.

Dascha: Das passt sehr gut! Ich verfolge dich, wie viele andere auch, schon seit deinem aller ersten Release. Und ich hatte von Anfang an schon das Gefühl, dass du, zumindest so von außen gesehen, genau weißt, was du machst und was du machen willst. Aber ich habe das Gefühl, dass sich das trotzdem noch mehr verfestigt hat in der vergangenen Zeit. Was ist für dich deine positivste Entwicklung, die du in der Zeit gemacht hast?

Mia Morgan: Dass ich mich selber in dem, was ich mache, ernst nehme. Das ist ja so, dass Musik am Anfang und bei manchen Leuten auch immer nie genug Geld bringt, vor allen Dingen nach zwei Jahren Pandemie Einschränkungen, sodass man das nicht als Hauptberuf machen kann. Ich habe die Schule abgebrochen, ich habe keine Ausbildung. Ich bin zwar an der Kunsthochschule eingeschrieben, dank einer Eignungsprüfung, aber ich habe kein Abitur und habe dadurch irgendwie so sehr viele Komplexe bezüglich meines Standes in dieser sehr erfolgsorientierten Gesellschaft entwickelt und habe oft damit gekämpft. Oft habe ich überlegt: Gehe ich noch mal zurück zur Schule? Obwohl ich mich da so unwohl gefühlt habe, weil ich immer diese Angst hatte, dass ich nichts Gescheites machen kann. Aber von Anfang an war ja Musikmachen mein Traum. Und es war ja auch schon immer irgendwie die Karte, auf die ich alles gesetzt habe.

Aber ich habe immer darauf gewartet, dass ich halt die Kraft dafür entwickle, mir einen sicheren doppelten Boden zu bauen, der halt kein schlecht bezahlter Nebenjob in irgendeinem Einzelhandelsgeschäft oder in einem Café ist. Und auf die war ich aber die letzten Jahre immer angewiesen. Ich bin auch immer noch quasi darauf angewiesen. Ich habe nur einfach keine Zeit mehr dafür. Und ich war halt sehr, sehr lange oder bin halt sehr, sehr lange in diesem Modus gewesen von “Ja, ich kann das nicht zu 100 % ernst nehmen, weil es bringt mir noch nicht genug Kohle und ich habe keine Errungenschaft, die ich abhaken kann.” Ich habe auch ganz starkes Impostor-Syndrom, sodass ich sowieso immer so denke, alle anderen, die das machen, machen es richtig und bei mir ist es irgendwie. So: ich bin eine ausgedachte Sängerin und ich bin eine ausgedachte Musikerin und das ist alles gar nicht real.

Aber ich habe mich ein bisschen selber angefangen in den Arsch zu treten, wenn diese Gedanken aufkommen und versuche mir zu vergegenwärtigen, dass ich eine eigene Tour spiele, dass ich wirklich ein Album rausgebracht habe und dass ich jetzt wirklich auch kein so allzu junges Mädchen mehr bin, das so schlimm unsicher bezüglich der eigenen Zukunft ist, sondern dass ich sehr genau weiß, was ich möchte und dass ich auch arbeite. Ich habe immer das Gefühl, ich arbeite nicht genug, aber das hält mich auch am Arbeiten. Also das hält mich ja motiviert, noch mehr zu machen, weiter zu machen und so. Und ja, ich habe langsam so den Dreh raus, wie ich das als Beruf sehe und gleichzeitig aber nicht als einen Zwang, sondern als etwas, was aus meinem Innersten kommt.

Dascha: Voll schön, dass du beginnst das zu sehen. Es kommen ja gerade so viele Leute zu deiner Tour, die dich und deine Musik erleben wollen.

Mia Morgan: Ja, das ist total crazy! Ich meine am Anfang so die ersten Berechnungen… die Leute haben halt erst keine Tickets gekauft, weil die alle gedacht haben, es findet eh nicht statt. Und dann beziehst du das natürlich auf dich und denkst die haben keinen Bock auf dich. Dann aber zu sehen: they show up und die stehen da die singen mit und die haben deine Shirts an und die heulen auch. Das ist einfach so crazy.


Dascha: Das ist so schön! Du hast schon sehr lange her angefangen, an dem Album zu schreiben, oder? In welchem Jahr?

Mia Morgan: Der erste Song, also der älteste ist IN WIEN. Und den habe ich 2018 geschrieben, so im Sommer 2018.

Dascha: Und gibt es auch einen Song, den du schon lange her angefangen hast zu schreiben, wo du jetzt denkst, du würdest den vielleicht jetzt aus der Position heraus nicht mehr so schreiben? Also, wo sich dein Standpunkt oder Blick vielleicht irgendwie verändert hat?

Mia Morgan: Also man entfernt sich natürlich von den Themen, die man besingt, wenn die mit einer Beziehung zu tun haben. Aber das wäre jetzt nichts, wo ich sage, ich sing den jetzt nicht mehr, weil das ist so ein geschlossenes Werk und ist ja das gleiche wie mit so Google Images. Also wenn du mich googelst, kommen so Bilder von 2017, wo ich ganz anders aussehe als jetzt. Und da bin ich auch manchmal so “Ey, wen muss ich jetzt irgendwie bezahlen, um die da zu entfernen und da andere Bilder rein zu machen?” Aber auf der anderen Seite denke ich mir, das war echt so. So sah ich aus, das ist ein Teil meines Lebens. Genauso sind Songs, die irgendwelche Themen behandeln, die mich jetzt nicht mehr belangen, auch einfach Teil meines Lebens. Sie gehören halt zu mir.

Aber natürlich, ich würde auch alleine soundmäßig Sachen anders machen, als wie ich die früher gemacht habe. Aber ich habe ein bisschen gelernt, mir da zu vergeben und es einfach anzunehmen. Es war halt zu dem Zeitpunkt so und jetzt würde ich es halt anders machen. Ich glaube, sonst wird man noch wahnsinnig. Ich war auch früher so, dass ich mir keine Fotos von mir selber angucken konnte, die älter waren als ein halbes Jahr, weil ich immer gedacht habe (Würgegeräusch). Aber damit geht es einem ja einfach nicht gut. Man tut sich ja keinen Gefallen damit, weil man dann ständig in so einer Angst lebt, erwischt dabei zu werden, dass man sich entwickelt. Wir alle entwickeln uns ständig weiter und es ist auch okay, da einfach zu sagen: “Ja, das war so und so, jetzt ist es so, konzentrier dich auf die Gegenwart!”

Dascha: Aber ich finde, es ist sehr schwer sich das erst mal einzureden. Vergangenheits-Ich ist immer irgendwie mit so viel Cringe verbunden.

Mia Morgan: Total, ist es auch! Ich habe auch ein paar Sachen aus meiner Vergangenheit, also nichts problematisches oder so, aber Sachen die ich so peinlich finde. Ich hatte mal mit 14 einen YouTube Kanal. Und manchmal passiert mir das so ganz ganz selten, dass Leute mir auf TikTok oder Instagram schreiben “Kann es sein, dass ich dich von früher von YouTube kenne? Hießt du so und so?” Und dann bin ich direkt so: LÖSCH, falls da noch irgendwas von rumfliegt! (lacht) Das ist mir so, so peinlich. Irgendwann wird wahrscheinlich der Zeitpunkt kommen, wo ich mir sagen kann: “Okay, ja, ich war mal so und wenn es jetzt irgendjemand sieht, dann ist es halt so”. Aber gerade bin ich da noch nicht.

Dascha: Wobei du ja 14 warst, ich glaube da nimmt es dir niemand übel, sowas in dem Alter zu machen. Aber ich glaube, so wird es auch sehr vielen Teenies später gehen, die jetzt aktiv auf TikTok sind.

Mia Morgan: Ja, wahrscheinlich. Oder zum Beispiel letzte Woche, als wir in Wien waren, war ich übel besoffen und dann habe ich ein TikTok gemacht. Da war so eine Statue von zwei Frauen, die sich umarmt haben und es gibt doch diesen einen Sound “And they were both boys”. Ich war hacke dicht, film dann so auf mich komplett wasted, komplett crusty Make Up und meine Augengucken in zwei verschiedene Richtungen und ich sag so: “And they were both girls” und poste das direkt. Als ich so um halb 5 im Bett war und schon wieder am Ausnüchtern war, fiel mir ein, dass ich das TikTok gepostet habe. Ich öffne die App und da sind so Kommentare “Ohje, da ist jemand aber wasted”, hab’s direkt gelöscht. Aber ja, ich bin froh, dass es das noch nicht gab, als ich so jung war.

Dascha: Oh Gott, sowas könnte mir auch passieren. Wieder zurück zu meinem Song-Liebling VON AUSSEN. Ich würde gerne ein bisschen näher auf den eingehen. Magst du mal dieses Gefühl von diesem “außen sein” für dich beschreiben?

Mia Morgan: Ich habe den Song geschrieben, nachdem ich zum Ersten Mal Gast auf einer größeren Veranstaltung mit berühmten Leuten gewesen bin. Und ich habe mich an dem Abend sehr albern gefühlt. Ich hatte tatsächlich, wie in dem Song beschrieben, einfach zu große Schuhe an. Das waren Designer Schuhe, ich wollte die unbedingt tragen, aber die haben mir halt nicht gepasst. Und dann so ein super teures Outfit, die teuerste Kleidung, die ich jemals getragen habe. Ich dachte so “Oh, das ist mein Abend”. Und dann kam ich da an und hab mich halt gefühlt wie so ein Alien, was gerade auf der Erde gelandet ist. Niemand hat es wahrscheinlich bemerkt, aber mir selber ging es an dem Abend gar nicht so gut. Ich war sehr, sehr verunsichert. Dann war ich noch für einen Preis nominiert, den ich nicht bekommen habe. Und es war alles in allem so ein bisschen melodramatisch. Einerseits cool, Teil von irgendwas zu sein, aber andererseits auch so ein fremdes Gefühl selbst in der eigenen Freundesgruppe.

Und das lässt sich ganz gut übertragen auf andere, insbesondere soziale Situationen, die ich in meinem Leben hatte oder auch akut noch habe. Manchmal bin ich in Gruppen unterwegs und merke “Okay, alle reden gerade miteinander und ich nicht”. Und wenn ich mich einbringe, dann höre ich mich wie aus der Vogelperspektive und denke mir “Was laber ich gerade? Die haben übel keinen Bock auf mich. Ich passe nicht hier rein.” Das sind glaube ich, größtenteils einfach Quatsch-Gedanken. Ich glaube, dass andere Leute das gar nicht so wahrnehmen, aber man selbst kann sich da ganz dolle reinsteigern. Gerade, wenn man in der Jugend mit psychischer Gesundheit oder Ungesundheit zu tun hat Und dann eine verunsicherte Erwachsene wird, die dann vielleicht irgendwann einen Freundeskreis hat, aber trotzdem noch das Gefühl hat, selbst da, wo sie dazugehört, gehört sie nicht dazu. Dann schleppt man das einfach so mit sich fort.

Und bei mir ist noch ein ganz großer Faktor, dass ich halt so gerade unter den Musiker:innen, mit denen ich befreundet bin, viel mehr mit Musikern befreundet bin. Und einen Freundeskreis habe, der überwiegend männlich ist. Es ist nicht so, dass ich mir das bewusst ausgesucht habe. Ich habe auch Momente, wo ich mir wirklich wünsche, es wäre anders. Aber es hat sich einfach so ergeben. Es sind alles nette Männer, auf die ich nichts kommen lasse. Die sind alle gescheit und toll und cool. Aber es sind halt Männer. Wenn ich mit denen unterwegs bin, habe ich auch oft dieses Gefühl von, ja, wir mögen uns zwar sehr nahestehen und wir vertrauen einander alles an, aber ich werde niemals dieselbe Connection haben wie die unter einander. Werde ich auch etwas neidisch auf diese Freundschaften, die andere Männer-Bands, die miteinander abhängen, haben. Und ich bin dann halt dabei und als Frau dann einfach außen vor.

Dascha: Ich verstehe das total! Und ich finde auch, man kann den Song wirklich auf viele Situationen übertragen. Irgendwie fasst er ein ganz besonderes Gefühl zusammen. Das hab ich als Song gebraucht.

Mia Morgan: Ja, so universell irgendwie. Freut mich, dass er dir so gefällt. Ich habe irgendwie das Gefühl, die letzten beiden Songs auf dem Album werden immer gar nicht angesprochen.

Dascha: Auch, wenn das Album natürlich für alle Personen da ist, finde ich es sehr weiblich. Also das hat mir vorher auch wirklich richtig gefehlt. Ich finde, das hat die Musik-Szene auch genau gebraucht. Und was fehlt dir so in Musik momentan? Also generell.

Mia Morgan: Also die kurze Antwort ist: Frauen. Aber die Frauen, die Musik machen und für die das ein wichtiges Thema ist und deren Mission es auch ist, auch zu betonen, dass ihnen Frauen in der Branche fehlen, sind mir manchmal zu plakativ. Ich kann natürlich niemandem vorschreiben, wie Feminismus funktioniert und nehme mich damit auch ein bisschen zurück, weil ich ein Problem damit habe, wenn Leute mich da zu einer Galionsfigur machen wollen. In der Bewegung spreche ich immer als krass privilegierte Person, die mit sehr, sehr vielen Problemen, mit denen andere Frauen zu tun haben, allein wegen meinen Lebensumständen, wegen meinem Aussehen, meiner Gesundheit, meiner Sexualität etc. nichts zu tun hat, weil ich da einfach privilegiert bin und ich tue, was ich kann. Mir ist auch wichtig, den Standpunkt zu vertreten, anderen Leuten eine Plattform zu bieten. Und auch zu suggerieren, dass ich da bin für andere Frauen.

Aber ich kann da keine Galionsfigur sein. Und es gibt ganz viele Leute, die in der gleichen Position sind wie ich, aber sich so ein bisschen anmaßen, diese Figur zu sein. Das finde ich manchmal schwierig, weil das dann sehr schnell plakativ wirkt und sehr schnell klingt wie “Hey, lasst doch mal einen feministischen Song machen! Lasst uns doch jetzt mal diese Welle an H&M T-Shirts, wo “Girl Boss” draufsteht nutzen und hoch in die Charts reiten!” Ich finde es krass, dass wir berühmte Frauen in Deutschland haben, aber die sind fast alle im Rap. Was ja auch cool ist, weil das auch ein sehr männerdominiertes Feld ist und das auch nicht zu erwarten ist, dass es da gut funktioniert.

Ich fände es einfach schön, wenn wir ein bisschen davon weg kämen, das dann auch so krass einzuteilen und dann auch gerade so weiblichen Künstlerinnen immer so aufzudrücken man müsse jetzt feministische Mucke machen, weil du eine Frau bist und du musst es appreciaten, dass dir der Slot zugeteilt wird als dritter Headliner auf einem Festival zu spielen, da müsse man doch auch einen Song über Frauenpower singen und sing halt nicht über Koks und Ficken oder so. Also das ist auch so eine gesellschaftliche Erwartungshaltung an weibliche Künstlerinnen, über die wir ein bisschen hinwegkommen müssen. Lass mich doch als Frau einfach mal Mucke machen. Das muss nicht alles ein Manifest werden und es muss nicht alles politisch sein.

Dascha: Voll! Und das ist genau dasselbe mit Frauen, die einfach nur sehr im Internet präsent sind, aber halt mit so Body Positivity. Dass man automatisch als feministische Aktivistin oder whatever gesehen wird.

Mia Morgan: Ja, genau! So, vor allem als mehrgewichtige Person musst du automatisch Body Positivity Aktivist:in sein, um deinen Körper zu präsentieren.

Dascha: Wow you’re so brave for showing your body!

Mia Morgan: Ja, isso. Da postet jemand ein Foto in ihrem neuen Bikini und die Leute schreiben “Du bist so mutig”. Hä? That’s literally just my body.


Dascha: Dementsprechend finde es auch total schön, dass es auch auf dem Album so viel um weibliche Freundschaft geht, weil das auch ein Thema ist, was mich voll beschäftigt. Aber das höchste was man da sonst so bekommt sind Liebeslieder und man muss sich halt vorstellen, dass es sich dabei auch um eine Freundschaft handeln könnte. Also ich beziehe vieles dann sehr auf mich irgendwie. Und bei deinem Album ist es ja so, dass man endlich mal Songs bekommt, die wirklich darüber handeln. Was ist so deiner Ansicht oder deiner Erfahrung nach das Besondere an weiblichen Freundschaften?

Mia Morgan: Ich habe mich immer nach einer sehr, sehr tief gehenden weiblichen Freundschaft gesehnt und bin aber oft daran gescheitert. An der einen, also die gescheitert ist, habe ich mich so ein bisschen bei dem Prozess des Albums orientiert, weil dann halt Männer, oder Jungs damals noch, ins Spiel gekommen sind und leider Gottes weibliche Solidarität so krasse Grenzen hat, wenn Männer da dazukommen und praktisch diese Grenzen aufstellen. Es gab jetzt erst wieder irgendwie so einen Fall in Amerika, wo auf einer Hochzeit der Bräutigam eine der Brautjungfern vergewaltigt hat. Das heißt, die Braut wurde praktisch an ihrem Hochzeitstag betrogen und der Brautjungfer wurde Gewalt angetan. Die Braut hat sich auf die Seite ihres Ehemanns gestellt, vor Gericht. Und das ist für mich wieder so etwas. Warum? Also auf der einen Seite verstehe ich Abhängigkeit in Beziehungen, gerade in so heteronormativen Gesellschaftsschichten, wo das irgendwie so gang und gäbe ist, dass Frauen sich den Männern fügen. Damit kann ich mir das ein Stück weit erklären.

Aber auf der anderen Seite ist es auch einfach so tragisch, weil es unter Frauen halt irgendwie so eine magische Verbindung gibt, aber die ist eben auch sehr, sehr fragil und die fällt oft hinten weg, wenn Männer dazukommen. Wenn in eine Beziehung gegangen wird, geben Frauen in der Regel viel mehr auf als Männer. Und ich habe es in meinem bisherigen Leben nicht geschafft, mit einer Frau eine Freundschaft nachhaltig aufzubauen, die so allumfassend intensiv ist. Ich habe eine beste Freundin, der ich alles anvertraue, aber mit der verbringe ich unfassbar wenig Zeit. Ich sehe sie ganz, ganz selten. Und wir sind miteinander befreundet, weil wir Vergangenheit haben und weil wir seit vielen Jahren Freundinnen sind. Aber es ist nicht dieses ständige Schreiben und so, wie man das mit einem Partner oder einer Partnerin hat oder wie ich das mit meinen männlichen Freunden habe. Deswegen hat das für mich gleichzeitig so eine Faszination, aber auch ein bisschen was abschreckendes, bedrohliches. Weil die Male, wo ich es probiert habe, war es halt komisch und ist kaputt gegangen. Ich hatte auch mal eine Freundschaft mit einem Mädchen, die quasi eine Beziehung gewesen ist und es gab einen Zeitpunkt, wo ich mit ihr darüber reden wollte, ob wir eigentlich mehr sind als Freundinnen, weil wir auch was miteinander hatten. Da hat sie komplett abgeblockt und monatelang nicht mit mir geredet. Seitdem ist es für mich halt ein sehr sensibles, aber auch sehr interessantes Thema.

Dascha: Das ist wirklich ein sehr besonderes Thema, ich denke man könnte Stunden lang darüber reden. Genauso hab ich auch das Gefühl, dass in deiner Musik oft das Thema so Fantasien und so Wunschgedanken vorkommt. Begleitet dich das auch so häufig in deinem Alltag?

Mia Morgan: Ich habe halt meine Jugend so aus meinem Zimmer heraus verbracht. Ich habe nie viel gemacht. Ich habe mir mein Sozialleben immer nur vorgestellt und viele Sachen erträumt. Außerdem habe ich sehr viel gelesen und das hat mich eine Zeit lang immer so aus Löchern rausgeholt. Als Kind hatte ich halt Harry Potter wie alle Millennials. Und dann war ich 13, 14 und mir fing es an, psychisch sehr schlecht zu gehen. Dann war Twilight da und das hat irgendwie was los gekickt mit Fantasieren von Liebe und Fantasien, von einer anderen Welt, in der ich der Main Character bin. Da habe ich mich sehr stark in diese Main Character Fantasien geflüchtet und meine ganzen Teenie Jahre so verbracht.

Ich hatte kein Sozialleben. Ich bin ja auch sehr selten überhaupt zur Schule gegangen und hatte gar nicht die Möglichkeit, da großartig was zu formen. Und deswegen ist vieles nur in meinem Kopf und auf Tumblr passiert und ich bin das nicht richtig losgeworden. Und ich wünsche mir auch, dass ich das nicht loswerde, weil das das Leben einfach noch ein bisschen schöner macht, wenn man alles durch einen Filter sehen kann. Man muss alles ein bisschen romantisieren, weil die meisten Sachen so öde und sehr langweilig sind. Selbst Sachen, die einem von außen sehr glamourös und toll vorkommen. Am Ende des Tages ist so ein Tour-Tag Arbeit und anstrengend und viel mehr dreckige Raststättentoilette als irgendwie glamourös im Backstage Champagner trinken. Aber ich habe Angst diesen Filterblick zu verlieren. Wenn das passiert, kann ich, glaube ich, auch keine Songs mehr schreiben.

Dascha: Das ist total schön. Ich finde es auch sehr wichtig, weil ich habe das Gefühl, sehr viele Leute haben diese Fantasie ab einem gewissen Alter gar nicht mehr. Dann wird das generell als kindlich und realitätsfern abgestempelt.

Mia Morgan: Ja, es ist so traurig. Ja, das ist super traurig! Ich finde einfach Fantasie zu haben sau wichtig, auch als erwachsener Mensch. Man muss ja jetzt keine Romane schreiben oder so, aber es fängt ja auch schon bei Sexualität an. Wenn du zum Beispiel als Mensch darauf angewiesen bist, dir irgendeinen Porno anzugucken, um überhaupt irgendwas zu fühlen. Das ist ja auch eine Abstumpfung und irgendwie fragwürdig. Und es geht ja auch um Ideen, Entwicklung im Berufsleben. Selbst, wenn du einen Bürojob machst, ist es ja eigentlich voll praktisch, wenn du Fantasie hast und dir was vorstellen kannst. Ich finde es schade, dass man sich so auf die harten Fakten stürzt und wenig Freiraum dafür lässt, Vorstellungen und auch Träume zu haben.


Dascha: Wo wir schon bei deiner Fantasie sind: Wie ähnlich bist du Jennifer Check wirklich?

Mia Morgan: Ich bin eigentlich viel mehr Needy als Jennifer. Deswegen bin ich auch so fasziniert von Jennifer, weil ich selbst viel mehr Needy bin. Ich glaube, Leute, die in der Schule nicht so cool gewesen sind, werden diesen Druck, was zu reißen, nie los. Und deswegen passiert es oft, dass Leute, die in der Schule nicht cool waren, dann als Erwachsene so vermeintlich “cool” werden. Also ich lege viel Wert auf meine Klamotten, ich lege viel Wert auf meine Internetpräsenz, ich habe gemachte Nägel, wenn meine Haare so aussehen wie jetzt, habe ich einen Scheißtag.

Das ist halt einfach so, dass es jetzt für mich sehr, sehr relevant ist, weil ich früher einfach überhaupt nicht so war. Aber du wirst es ja nicht los. Du bleibst ja innerlich irgendwie so. Also ich war kein Main Character in der Schulzeit. Ich wäre es gern gewesen, aber ich war eine komische Person, die so in Bücher vernarrt gewesen ist und immer so als weird abgestempelt worden ist, nirgends so richtig dazugehört hat und auch immer sehr nach anderen Leuten geguckt hat. In der Art und Weise wie Needy in ihrem Leben navigiert, ist sie viel mehr ich, als ich Jennifer bin. Aber Jennifer steht auf Emo Boys, we have that in common. (lacht)

Dascha: Na das letzte ist ja das Wichtigste! Aber ja, dann freut mich das erst recht, dass du jetzt so deine Bubble gefunden hast, die dich so schätzt.

Mia Morgan: Mich auch!

Dascha: Dann kommt jetzt meine letzte Frage. Bei uns immer eine untold story, also ein kleines Geheimnis oder eine Geschichte, die du noch nicht öffentlich erzählt hast.

Mia Morgan: Ich habe ganz lange Improvisationstheater gemacht und das finde ich rückblickend cringe, weil das immer komische Leute sind, die übel Mundgeruch nach Kaffee und Zigaretten haben. Nur Komische Leute machen Improvisationstheater und ich habe das lange und super, super gerne auch gemacht. Und ich bin sowieso auch eigentlich noch so ein Theater Kid zusätzlich.

Dascha: Oh mann, ich aber auch komplett.

Mia Morgan: Ich habe in der Schule Darstellendes Spiel gehabt und immer meine 15 Punkte. Und ich war am Kindertheater als Kind. Ich habe in der Grundschule auch den Regenbogen Fisch gespielt.

Dascha: Ich wollte unbedingt der Regenbogenfisch sein und war so enttäuscht, dass ich es nicht wurde.

Mia Morgan: Wer warst du?

Dascha: So ein irrelevanter random Fisch.

Mia Morgan: Ein normaler Standard-Fisch also, traurig. (lacht) Ja, aber es war auch so ein bisschen ein Kickstart, weil da hatte man als Regenbogen Fisch zwei Solo Nummern. Einmal “Ich bin der schönste Fisch im Meer” und dann “Traurig bin ich und allein”. Das ist einfach Borderline – The Musical. (lacht) Ja, das ist so auch eine gute Analogie zu mir. Da war ich acht Jahre alt und habe da diese Hauptrolle gespielt und gesungen, die sich so gut auf mein Leben übertragen lässt. Plus als ich gemobbt wurde, wurde ich immer Fisch genannt wegen meinen Augen. Also passt es einfach zu mir.

Dascha: Wer hätte das gedacht, dass die Geschichte vom Regenbogenfisch so deep sein kann.

Mia Morgan: Wow, ist echt so! (lacht)

(Fotocredit: Max Sand)

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