Autor: Anna

  • Twenty One Pilots veröffentlichen mit “Scaled And Icy” das Sommeralbum 2021

    Twenty One Pilots veröffentlichen mit “Scaled And Icy” das Sommeralbum 2021

    Okay people. Let’s settle in. Was euch erwartet, ist eine wahrscheinlich sehr lange und sehr ausführliche Review über das vermeintlich beste Album aus 2021. Es geht um Tyler Joseph und Josh Dun, das süßeste Duo, das eine Band ist – Twenty One Pilots. Auch wenn ihr an dem Ton jetzt wahrscheinlich schon merkt, das hier wird eine Fangirl-Review, ist es aber auch wirklich eine unvoreingenommene Empfehlung an euch alle, auch die, die nur „Stressed Out“ kennen und nicht so ganz wissen, was sonst so bei der Band abging und -geht. Ich nehm euch an die Hand und führ euch durch. Das sollte irgendwie ein bisschen romantisch klingen, aber hat auch einen weirden Touch – den einfach ignorieren. Wir präsentieren: Scaled And Icy, das neue Album von Twenty One Pilots und der absolute Sommer-Dauer-Loop von uns allen.

     
    Was bisher geschah

    Bevor wir starten können, müssen wir aber erst mal einige Sachen festhalten. Denn so klischeehaft sich das auch anhören mag – Twenty One Pilots sind keine durchschnittliche Band. Ich geb mir gerade sehr viel Mühe, hier nicht wie ein „omg das musst du dir anhören, das ist so toll“-Fangirl zu klingen, will aber eigentlich genau das sagen. Wenn man sich einmal in dieser Welt verloren hat, die Twenty One Pilots nicht nur musikalisch, sondern vor allem lyrisch erschaffen, dann ist es so schwer, das anderen Leuten mit einem ruhigen Puls zu erzählen. Weil es ist halt wirklich einfach so toll. Scaled And Icy ist für die meisten einfach nur ein neues Album, aber für Twenty One Pilots Fans ist es der Beginn der neuen Ära. Und als eben jener Fan gebe ich euch jetzt ganz ungefragt Kontext (wer nicht will, scrollt einfach zum nächsten Teil, ich bin auch nicht gekränkt):

    Twenty One Pilots verpacken ihre Musik schon lange in einem größeren Kontext. Mit versteckten Metaphern und ganzen Handlungssträngen erwecken sie fiktive Charaktere zum Leben, interagieren auch selbst mit dieser Welt und gestalten sie wie einen interaktiven Fan-Quest: es wimmelt von versteckten Hinweisen und kryptischen Nachrichten. Aus Platz- und Aufmerksamkeitsspannungsgründen (geiles Wort) rase ich kurz durch, und wer Fragen hat, soll fragen (oder googlen): In dem Erfolgsalbum Blurryface ist Tyler in DEMA, einem dunklen Gedankengefängnis, das von neun Bischöfe regiert wird. In Trench bricht er mit Hilfe der Banditos aus und befindet sich auf der Suche nach Hoffnung. Dann kam mit Shy Away die erste Singleveröffentlichung des neuen Albums und alles deutet darauf hin, dass Tyler wieder gefangen und das neue Album Propaganda von DEMA ist.

    Twenty One Pilots, Untoldency, Untoldency Magazine, Indie, Musik, Blog, Blogger, Online Indie Musik Magazin, twentyonepilots, 21 pilots, tyler joseph, josh dun, shy away, scaled and icy, trench, blurryfaceTyler Joseph wird von Bischöfe in irgendwas namens DEMA gefangen gehalten? Nicht ganz, das ist natürlich alles nur eine Metapher. DEMA ist der dunkle Gedankenort, in den Menschen fallen, die an Depressionen oder anderen mental illnesses erkrankt sind. Und der Kampf da raus, ist das, was Tyler in seinen Songs und geschaffenen Welten darstellt, nur mit fiktiven Charakteren und Storylines. Scaled And Icy führt genauso diese Story fort, wir sind back in DEMA und das Album ist fremdgesteuert von den neun Bischöfe. Crazy, aber geil. Aber ja, was soll ich sagen. Als pure Propaganda für DEMA ist Scaled And Icy ein absolutes Sommer-Bops-im-Dauerloop Album geworden, das euch garantiert auch gefällt, wenn euch diese kryptischen Theorien nicht gekriegt haben. Versprochen. Und jetzt geht’s auch endlich los.

     
    Twenty One Pilots bringen 80s soft pop rock zurück

    Mit Good Day hauen Twenty One Pilots einen Opener raus, mit dem ich so nicht gerechnet hätte. Wer Heavydirtysoul und Jumpsuit kennt, weiß, wie beide mit krachenden Riffs die vorherigen Alben eröffnet haben. Good Day wiederum ist reiner 80 soft pop-rock á la Billy Joel. Tyler dreht die Synth-Anlage an, es ist als würde das Album langsam ins Leben gerufen werden. Die bouncigen feel-good-Klavierakkorde kommen rein und ich kann nicht anders, als vor meinen Augen ein Introfilm zu irgendeiner Familien-TV-Show zu sehen. Es ist so komplett anders von allem, was Twenty One Pilots bisher gemacht haben und ich muss auch kurz gestehen, ich hab eine Minute gebraucht. Doch dann hab ich’s gefühlt. Bin durch die Wohnung gewirbelt als würde der Sommer schon durch die Fenster scheinen und hab mitgesungen, als wäre es eine One-Woman Musical Show. True Story.

    Das Kuriose an diesem vermeintlich so gutgelaunten Opening Track ist die darin liegende Dunkelheit. Tyler beschäftigt sich mit dem wohl traurigsten Thema, das er hätte wählen können: der Verlust von dem Wichtigsten in seinem Leben, seine Frau und eineinhalb Jahre alten Tochter, und wie er damit umgehen würde. Good Day ist die erste Phase der Verarbeitung von diesem Verlust: Verleugnung. „I can feel my saturation leaving me slowly“ ist die erste Zeile des Songs und nicht nur ein powerful Wording, sondern steht auch im totalen Gegensatz zu diesem vermeintlich farbenfrohen Album.  Trotzdem – musikalisch ist Good Day pure good vibes only und wenn man sich dem hingibt, kann man eigentlich gar nicht anders, als diesen Musical-Soundtrack zu fühlen und auszuleben.

     
    „I know it’s over, I was born a choker“

    Nachdem Good Day also schon angedeutet hat, in welche Richtung das sechste Album der Band gehen wird, kommt Choker. Wenn ich jetzt sage, Choker sei mein Lieblingssong vom Album, würd ich mich schon im nächsten Song berichtigen. Aber ganz falsch wäre ich auch nicht. Choker öffnet mit leicht hallenden Drums im Hintergrund und einer simplen Bassline. Es ist deutlich ruhiger als Good Day, aber trotzdem super geeignet fürs laute Mitsingen. Tatsächlich ist es auch der Song, der am meisten an die alten Sachen erinnert, vor allem wenn man die Zeit von Taxi Cab und so zurückdenkt. Es trifft in die volle Nostalgie ohne aber den feel good Vibe von Scaled And Icy zu verlieren.

    Inhaltlich – puh. Sehr beladen und voller Referenzen. Die Art, wie Tyler singt, klingt auch so verzweifelt, dass man auch nur dadurch zurück in die darkeren Abschnitte der Band zurückgeworfen wird. „I know it’s over, i was born a choker, nobody’s coming for me.” –  traurig einfach, ich sag wie’s ist. Referenzmäßig befinden wir uns bei Heavydirtysoul, in der Tyler schon die Metapher von „choking on smoke“ aufgemacht hat: er erstickt fast an den depressiven und dunklen Gedanken. (Deshalb auch die schwarze Farbe auf seinem Nacken während der Blurryface Ära). Was er in Choker singt, lässt schließen, dass er sich dieser dunklen Welt ohne Hoffnung hingegeben hat und sich komplett allein fühlt. Die Theorien mit DEMA und allem drum rum bestätigen sich also hier auch. Trotzdem – musikalisch ist es ein so wunderschöner Song, dass ich ihn euch hier auch einfach nochmal extra ans Herz lege: 

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    We vibing in the summer heat

    Was folgt, ist der absolute HIT Shy Away. Die erste Single vom neuen Album, die alles angestoßen hat. Hier hab ich schon mal erzählt, wie ich sie finde, aber ich möchte aus persönlichem Anliegen heraus auch nochmal anmerken: Das ist einfach nur geil. Auch jetzt im Kontext des Albums, hör ich es immer öfter. Es ist genau diese Art von 2000 Indie-Rock, den wir alle damals auch rauf und runter gehört hätten – aber mit voller Lautstärke und dem genervten Missfallen unserer Eltern. Es hat einfach alles, was es braucht, um der neue Top-Hit von Twenty One Pilots zu werden. 45 Millionen Streams nach nur eineinhalb Monaten spricht für sich. Don’t sleep on this.

    Twenty One Pilots, Untoldency, Untoldency Magazine, Indie, Musik, Blog, Blogger, Online Indie Musik Magazin, twentyonepilots, 21 pilots, tyler joseph, josh dun, shy away, scaled and icy, trench, blurryfaceDon’t sleep on this entire album, in fact. Denn jetzt kommt The Outside, nach Good Day der erste „richtige“ neue Song. Ich merk gerade wie mein Fangirl-Puls steigt, aber… Vor Freitag hatte niemand eine Ahnung, wie der neue Sound von Twenty One Pilots klingen wird. Und da ist natürlich auch immer so ein kleiner Funke Sorge dabei – was, wenn es einem nicht gefällt, was wenn die Band sich irgendwie verrannt oder einen auf dieser neuen Albumreise musikalisch einfach verloren hat. Vergesst diesen Funken Sorgen, absolut unbegründet. The Outside ist von Sekunde eins an von einem funky Beat dominiert, es ist wirklich einfach nur geil.

    Es ist der perfekte Song für eine Sommer-Pool Party oder alles andere, was man sich in einem ähnlichen Kontext vorstellen kann. The Outside ist catchy, zugänglich und auch wirklich einfach ein Hit. Sag ich das zu oft? Ich fühl’s wirklich sehr, sorry. Aber deshalb vielleicht kurz zum inhaltlichen Teil des Songs, der auf zwei Arten interpretiert werden kann. Einmal als Tylers Perspektive auf den Erfolg, den er mit Twenty One Pilots hat. Der weltweite Breakout der Band ist schon ein paar Jahre her und deshalb kommt hier vielleicht das Gefühl auf, er sei keiner der cool kids mehr, sondern stattdessen on the outside. Dann gibt es wiederum auch wieder einen leichten DEMA-Propaganda Touch im Refrain:


    „Up and down, they’re nodding
    Heads are moving up and down, you got it
    Everybody stand in line
    One by one, take a hit, join the club“


    Alle stehen in einer Reihe, nicken im Takt und folgen DEMAs Autorität, das ist schon bissi spooky. Aber lyrische Deutung hin oder her. Am Ende des Songs kommt ein weiterer Break, den ich vielleicht mehr liebe als den gesamten Song. Ghettoblaster auf die Straße und Breakdance Battle – das sind die Vibes zum Schluss, die mich einfach nur faszinierend über diese cleane Mischung aus Genres zurücklassen.

     
    „Catch me floatin’ circles in my fishbowl”

    Genau diese Kreuzung aus Genres, ohne sich von irgendwas einschränken zu lassen, zieht sich auch im nächsten Song durch: Saturday. Back to back mit The Outside bin ich an diesem Punkt einfach nur mal kurz baff, wie gut dieses Album in der ersten Hälfte alleine nur ist. Von diesen Jungs ist Stressed Out? Ja. Saturday ist wahrscheinlich die poppigste Single auf dem ganzen Album. Astrein spielbar auf ner Einweihungsfeier oder für den Kick guter Laune im Alltag. Es ist auch der Song, der am ehesten auf die ganze Pandemie Situation schließen lässt, in der sich beide, wie wir alle, auch befanden:

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    “When you strip away what day of the week it is, you lose your rhythm. You lose your sense of what is up and what is down. When the pandemic happened, everyone was starting to learn that lesson, where the days of the week lose their meaning, and it was messing with people’s reference of time. You feel like you’re swirling and your feet aren’t planted. In the song, I’m talking to my wife, hoping that she sticks with me, even though I’m working through this, even though I’m kind of tumbling into nothingness.”

    Auch hier wieder – diese funkige Gitarre! Sie zieht sich durch das ganze Album und liefert einfach eine Indie-Pop Hymne nach der anderen. Ich weiß, ich darf mich hier auch nicht in zu viel Begeisterung verrennen. Aber Tylers Vocals sind wirklich so on point, dass mir meine Nachbarn ein bisschen leidtun, so laut versuch ich diese Töne zu treffen:


    “Life moves slow on the ocean floor
    I can’t feel the waves anymore
    Did the tide forget to move?
    I just pray that I’m not losing you”


    Wenn das das Gefühl des letzten Pandemie-Jahres beschreibt, dann unterschreib ich das so. Unten am Meeresgrund spürt man halt weder Wellen noch Gezeiten – da ist jeder Tag der gleiche und nichts passiert. Und wenn ihr das Lied jetzt hört und euch bei 2:26 denkt – ähm ist meine Box kaputt??? Dann nein, das soll so. Kommt aber heftig oder? (Ich erklär‘s nicht, ihr müsst es leider selbst hören – hehe).

     
    2008 called and it wants its musicals back

    Next up ist Never Take It und ist, ähnlich wie Shy Away, astreiner Pop-Rock, den vor allem Fans von Panic! At The Disco aufsaugen müssten. Scaled And Icy ist, all theories aside, ein pures Kreativ-Projekt. Es ist laut, es ist bunt, es ist voller Energie. Tyler selbst sagt in Interviews, dass der Albumprozess von Scaled And Icy so anders für ihn war, eben weil es das erste Mal war, dass er nicht alles zerdacht, sondern seine Kreativität einfach machen lassen hat. (Für den Aha-Effekt: scaled and icy – scaled down and isolated). Und was da bei rausgekommen ist, sollte auf jeder Sommer-Playlist rauf und runter laufen.

    Doch zurück zu Never Take It. Es startet mit catchigen Claps und einer eingängigen Synth-Melodie und endet dann in einem so pop-rockigen Chorus, dass ich ganz kurz denke, ich bin in Disneys Camp Rock gelandet – und wer das jetzt als negativ bewertet, hat das früher einfach nicht leidenschaftlich genug geguckt. Aber ja, ich will nicht lügen, es hat einen leichten Musical-Vibe, was ja auch inhaltlich passt: Never Take It ist unter all den Songs von dem DEMA propagierten Album der wohl rebellischste. Tyler spricht sich aus gegen Medien, die jede Halb-Wahrheit nutzen, um zu polarisieren und Menschen zu spalten. Dieser ständige Overload an Debatten kann auch mental sehr anstrengend sein, vor allem wenn es meist wirklich nur um Clickbait oder Fake News trending geht. Als einzelne Person ist man schnell darin gefangen und Teil von etwas, von dem man gar nicht Teil sein will (@DEMA, also looking at you here).

    Der beste Part kommt aber tatsächlich zum Schluss, wie so meist bei Twenty One Pilots Songs. Fun Fact davor – Tyler spielt immer nur Bass und ist kein Gitarren-Frontman wie ihn sonst viele andere Bands haben. Doch für Scaled And Icy hat er sich das Gitarre spielen selbst beigebracht und obwohl man das durch das ganze Album durchhören kann, ist man nicht auf diesen Part vorbereitet. Ich spann den Bogen nicht zu doll: es ist ein Solo. Auch überhaupt nicht spektakulär, aber as a fellow TOP Fan, ist das vorher noch nie passiert und deshalb verdient das auch einfach mal einen extra Shoutout.

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    „Keep your bliss, there’s nothing wrong with this”

    Ich weiß, bei dieser Länge von der Review hier werd ich schon ein gutes Stück von euch verloren haben. Für die, die noch mitlesen, kommt jetzt aber, und da lehn ich mich weit aus meinem Balkon, der Song, der wahrscheinlich am meisten hängen bleibt: Mulberry Street. Klingt genauso cool wie der Titel. Es ist bouncy, es ist groovy, es ist poppig, es ist einfach Frühlingsgefühle pur. Ich kann das Lied nicht hören, ohne mit einer kleiner made-up Choreo durch die Wohnung zu tanzen. Ja, ich bin einfach eine kleine Musical-Hoe. Tylers Vocals dazu triggern dann auf so ne ganz spezielle Weise:


    „Get out of our way, we’re moving sideways
    Welcome to Mulberry Street, yeah
    So move out of our way, we’re pushing sideways
    Keep sidewalk under your feet”


    Ich werde jetzt auch die These droppen, dass Twenty One Pilots mitunter die besten Bridges haben, die es da draußen so gibt. Das muss jetzt auch gar nicht zwingend auf Mulberry Street zutreffen, aber ich wette 20€, die ich nicht habe, dass wenn ihr euch in der Musik der Band verliert, unter all den Songs mindestens fünf dabei sind, die auf eure persönliche Liste der besten Bridges landen. Behaupt ich jetzt einfach mal so. Für mich gehört Mulberry Street da definitiv auch dazu. Die groovigen Frühlingsgefühle machen Platz für Tylers ruhige, fast schon traurige Klaviereinlage. Das ist alles so smooth, wenn hier ne Ballade anknüpfen würde, ich würd es nicht hinterfragen. Doch stattdessen kommt der Grundbeat von Mulberry Street wieder, aber so kompakt heruntergebrochen, das ist wirklich mitunter das Cleanste (production-wise), was ich je gehört hab. Plus ne fucking Trompete! Ich leb für diese Band, kein Mist.

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    Ned, where you at?

    Tatsächlich kommt jetzt, wider aller Erwartung, der Song vom Album, den das ganze Internet fast am meisten liebt, an den ich aber leider wirklich nicht rankomme: Formidable. Eigentlich ist es ein super cuter, kleiner happy Lovesong kurz vorm Ende, mit Gitarren aus den 80s, unbeschwerten düdelüs und süßen Lyrics. Wieso es aber der einzige Song ist, den ich nicht so ganz mag, kann ich euch gar nicht genau sagen. Der Anfang klingt ein bisschen wie Drangsal und wenn euch das triggert (wahrscheinlich und zu Recht), dann hört hier rein. Aber ein Skip auf einem Album ist okay oder? Vor allem wenn man bedenkt, dass ich irgendwie die einzige bin, die das als Skip wahrnimmt.

    Welcher Song wiederum von der Mehrheit des Internets als Skip wahrgenommen wird, ist Bounce Man. Das kann ich widerum absolut gar nicht nachvollziehen, because it’s just a bop. Ich habs schon diverse Male beim Duschen gehört und gefühlt und Lieder, die sich beim Duschen bewähren, die sind einfach gut. Folgende Kriterien sind mir da wichtig, danke, dass ihr fragt:

    1. gute Laune. Ich liebe meine sad songs mehr als alles andere, aber im Bad muss gute Laune herrschen, weil wo sonst holt man sich seinen Recharge für das Chaos in der Welt da draußen her

    2. Melodien. Ich will mitsingen. Ich will gute Laune haben und mitsingen können und dafür braucht man halt einfach catchige Melodien, die man auch noch beim Krach des Föhns vor sich her summen kann

    3. last and least i want some grooves. So für’s bisschen in der Dusche rumwackeln, dass man fast fällt, aber nicht ganz

    All das hat Bounce Man. Und dazu hat es auch noch die witzigsten Lyrics überhaupt, weil ich nie gedacht hätte, Tyler mal „I let my old lady know“ singen zu hören – das ist wirklich mein persönliches Highlight des ganzen Albums. Es fasst diese ganze Abstrusität, was Scaled And Icy mit Kontext dann doch irgendwie ist, auf eine spezielle Art zusammen.

     
    „In this house, we got feng shui„

    Ihr habt es fast geschafft. Wie findet ihr das Album bis jetzt? (Wer es jetzt noch nicht hört, drückt hier auf Play). Any Favorites? Ich weiß, man könnte meinen, ich hätte meinen Lieblingssong schon mit Choker oder Mulberry Street abgedeckelt, aber nenenee. No Chances, Leute. Der ist es. Denn so sehr ich diese good vibes auf dem Album liebe (sehr!!), so sehr vermisst mein TOP Herz fetten Bass und Bars. Und No Chances – das fegt einfach alles weg. Alles. Ich kann mich immer noch an das erste Mal erinnern, dass ich es gehört hab, und hätte fast Pause gemacht, nur um mich von dem Anfangsbeat zu erholen. Ich kann Tyler praktisch sehen, wie er im Studio vor dem Mikro steht, Play und Aufnahme drückt, und diese Bars droppt. Der Mann weiß ganz genau, was er tut.

    No Chances ist definitiv auch der dunkelste Song auf dem ganzen Album. Das ist ein Fight-Song. Im Refrain hört man einen so fetten Chor an Bischöfen, dass auch ich ein bisschen nervös werde, weil das schon überwältigend und ganz ganz bisschen angsteinflößend ist. Wer das nicht so mag, kann ich verstehen. Aber ich hab jetzt, nach schon 20+ Replays, immer noch Gänsehaut.

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    No Chances behandelt komplett unkryptisch den Kampf und die Flucht vor den Bischöfen aus DEMA. Er knüpft direkt an die Storyline von Trench an und wahrscheinlich lieb ich es deshalb auch so. Auch der Chorus, lyrisch ist das alles ziemlich düster, aber steht im totalen Kontrast mit der wunderschönen Melodie:


    “Mm, ba-da-dum-ba-da-dum-bum
    We got people on the way
    We want you home in one piece now (Run away, run away)”


    Für all die, die sich bis hier vorgekämpft haben, mal etwas Persönliches. Ich kann nur so viel emotionalen Fangirl-Content über Songs schreiben, wenn sie mich absolut catchen und berühren. Das macht ein geil produzierter Beat genau so wie eine funkige Gitarre oder wunderschöne Melodien über traurige Klavier- oder Gitarrentöne. No Chances hat, die funkigen Gitarren jetzt mal ausgenommen, genau das, kombiniert. Zwei Sachen, die so gegensätzlich sind, dass man die unmöglich in einen einzelnen Song packen kann – dachte ich. Und dann kam No Chances. Dieser Chorus – er setzt, jedenfalls musikalisch, alles auf Reset und hat rein gar nichts mit der Strophe mehr zu tun. Als wär ich in einem anderen Song singt Tyler diese wunderschöne Melodie auf Akustikgitarre und Klavier, nur um dann in einer makellosen Produktion wieder in diesen Killer-Beat zurückkehren. Man merkt’s wahrscheinlich, da catcht mich schon ziemlich viel. (Und vom Outro brauchen wir erst gar nicht anfangen).

     
    Der letzte Song ist immer für’s Herz

    Wir sind am Ende des meiner Meinung besten Album dieses Jahrs. Ja, ich bin da minimal ein bisschen voreingenommen, aber auch neutral betrachtet, sind da wirklich nur Sommer-Bops auf diesem Album. Safe bet, dass da für jede:n von euch mindestens zwei Songs dabei sind, die ihr diesen Sommer öfter hören werdet. Außer No Chances, das muss man wirklich fühlen denk ich. Als wäre da der so glücklich feel-good weg, hat sich Tyler zum Ende des Albums dem Propaganda Zwang entzogen und in den letzten beiden Songs einen deutlich ernsteren Ton angeschlagen. Man kommt wieder zurück zur Realität. Redecorate ist der Abschlusssong von Scaled and Icy, und erzählt die Geschichte von drei sterbenden Menschen und die Sorgen, die sie sich um ihre Familie machen bevor sie nicht mehr da sind.


    „I don’t want to go like this
    At least let me clean my room
    I don’t want to leave like this
    ‚Cause the last thing I want to do is
    Make my people make decisions, wondering what to do, oh
    Should they keep it on display
    Or redecorate?“


    Ja, das ist schon ziemlich traurig. Aber auch das sind Twenty One Pilots. Auf jedem einzelnen Album gibt’s Songs, die am Ende nochmal völlig in alle Emotionen schlagen. Ob Goner, Neon Gravestones oder Truce – und jetzt auch Redecorate. Treffen alle auf diese eine besondere Weise. Mit 4:05 ist Redecorate der längste Song vom Album und auch der bedeutendste. Das hat rein gar nichts mehr mit den Hits von davor zu tun, das ist hier real talk. Was geblieben ist, sind wunderschöne Melodien im Chorus, denn obwohl Tyler die Strophen in einem leicht verzerrten Storytelling rappt, ist der Chorus wieder mal einfach nur schön. Man kann diesen verzweifelten Schmerz praktisch fühlen.

    “I had a friend of mine whose son passed away and they would keep his room the same way that he had left it. I remember thinking how crazy powerful a story that is, and how it makes me wonder, like, ‘What will people do with my stuff?’ It can actually bring you back down to earth, make sure that you don’t make any horrible decisions. I’m realizing now how difficult it is to talk about, but this song is really important to me. I love the messaging of it, and I hope that our fans hear what it is I’m trying to say in it. Because it is a bit delicate, but it’s one of my favorite tracks and it’s pretty powerful if you let it.”

     
    Fazit

    “It’s pretty powerful if you let it.” – besser könnte ich diese sehr lange Review nicht abschließen. Mir ist bewusst, wie viel ihr lesen musstet, danke an jede Person, die sich die Zeit genommen hat – ich hab’s versucht mit Humor auszubalancieren. Tatsächlich hoffe ich aber wirklich, dass ich euch irgendwie abholen konnte und ihr, falls noch nicht getan, in dieses Album reinhört. Ey, in die ganze Band. Wer weitere Anspieltipps braucht oder einfach nur über Twenty One Pilots reden will – in jeglichem Kontext – mein Mailfach steht euch mehr als offen. Ansonsten, go and enjoy this album:

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    Fotocredit: Mason Castillo, meme von @top.n.stuff

  • Liebeskummer und Therapie: BRKN verarbeitet in „Drama“ den Schmerz einer Trennung auf berührende Weise und mit heftigen Beats

    Liebeskummer und Therapie: BRKN verarbeitet in „Drama“ den Schmerz einer Trennung auf berührende Weise und mit heftigen Beats

    Wer sich ein bisschen öfter Reviews auf Untoldency durchliest, könnte vor allem bei mir öfter die Aussage gelesen haben, das sei jetzt schon das „Album des Jahres“. Und ey, ich steh da bei jedem einzelnen Album, über das ich das gesagt habe, immer noch völlig hinter. Dieses Jahr ist einfach heftig und es ist erst Mai. Jetzt reiht sich ein weiteres Album in meine „Album des Jahres“-Liste ein: Es geht um Drama von Kreuzberg-Legende BRKN. Drama ist nicht nur ein richtig gutes Album, sondern auch ein unfassbar wichtiges. Es geht um Herzschmerz, Selbstzweifel und Depressionen – Themen, die selten so offen im Deutschrap angesprochen werden wie jetzt von BRKN. Aber lest einfach selbst.

     
    Jedem Anfang wohnt ein Zaubert inne.

    Im Februar meldete sich BRKN mit seiner erste Singleauskopplung Jede Nacht das erste Mal seit Jahren zurück. Nach seinem renommierten Album Einzimmervilla von 2017 kam „nur“ noch der absolute Hit Bordeaux (hat auch eine wunderschöne Color Session) und dann war es lange Zeit still um den Kreuzberger Rapper und Multiinstrumenten. Doch jetzt ist er zurück. Auf seinem neuen Album „Drama“ lässt BRKN Deutschrap einfach wieder gut klingen. Er wirft ein souliges Saxophon in den Beat und rappt über seinen depressiven Trennungsschmerz. Ich wusste nicht, wie sehr ich das feiern würde, bis ich es wirklich in absoluter Länge gehört hab. Buckle up, hier kommt das Drama:

    BRKN, Untoldency, Untoldency Magazine, Indie, Musik, Blog, Blogger, Online Indie Musik Magazin, deinbrkn, berkanito, jede nacht, drama, untold music, danke gut podcastWie es sich für ein ordentliches Hip Hop Album gehört, kommt erstmal das Intro. R’n’B – Vibes treffen auf BRKNs Klavier, ein Saxophon steigt ein und wenn auch erstmal nur rein instrumentell, ist es kein Intro, was ich skippen würde. Tatsächlich verfolgen Intros ja immer eine gewissen Intention. Sie setzen den Rahmen für’s Album und leiten ein.  Wenn man das Album auf Shuffle hört, kommt das natürlich überhaupt gar nicht zum Tragen, aber alleine deshalb lohnt es sich auch mal, wie früher, Alben in der Reihenfolge durchzuhören, wie sie vom Künstler vorgegeben sind. Im Falle von Anfang (J’s Intro) macht BRKN das mit einem Hermann Hesse Gedicht, direkt aus dem Deutsch-LK:

    „Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.“

    Steigt man mit diesem Zitat direkt in die Analyse ein, dann steht Drama, so traurig die bevorstehenden Songs wahrscheinlich klingen werden, für einen Neuanfang. Für die Verarbeitung all der ihn während des Prozesses quälenden Gefühle und für den Abschluss damit. Es ist der Beweis, dass so herausfordernd es für BRKN war, ein Album während seiner Depressionen zu machen, er es trotzdem geschafft hat. Und dem liegt tatsächlich ein bisschen Zauber inne.

     
    „Ich hab genug Probleme“

    „Ich versuche nur den Tag zu übersteh’n
    Eigentlich will ich nur fragen, wie’s dir geht
    Alles hängt am seid‘nen Faden seit du fehlst
    Doch ich hatte keine Wahl, ich musste geh’n.“

    Drama ist der große Vorhang-Auf für das gleichnamige Album und fängt genau mit diesen Worten an. Es gibt mit klaren Worten direkten Kontext für alles, was BRKN thematisch auf diesem Album verarbeitet. Wie und warum er sich getrennt hat, das bleibt persönlich, aber darum geht es ja auch gar nicht. Viel mehr geht es um das, was die Trennung mit ihm gemacht hat: „Ich trinke sieben Gläser hintereinander | Ich spiele alle Rollen in diesem Drama“. Ich will nicht lügen, aber vor allem zum letzten Satz kann ich sehr relaten und wahrscheinlich viele von euch auch.

    Musikalisch ist Drama die perfekte Mischung aus Soul, R’n’B, Trap und vielleicht auch bisschen Jazz, die BRKN so ausmacht. Wenn auch relativ kurz, weiß ich jetzt schon: dieses Break-Up Album wird ballern. Und das beweist schon der nächste Song, der als letzte Singleauskopplung mit dem Album raus kam: 1991.

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    Selbst wenn ich nicht mehr dort wohne, würde ich behaupten, 1991 muss auf jeder privaten Playlist einer stolzen in Berlin Kreuzberg/Neukölln wohnenden Person zu finden sein. Es ist einer der wenigen Songs, auf denen BRKN seinem Drama eine positive Feier-Stimmung verpasst. Ich kann den Song nicht hören, ohne dass ich ihn vor meinen Augen durchs Studio tanzen sehe. Wer BRKN kennt, weiß, dass er vor allem live ein absolutes Energie-Bündel ist, das auf der Bühne absolut alles gibt. Und das ist was, was ich in den letzten drei Jahren sehr vermisst hab, und jetzt endlich wieder zu spüren bekomme.

     
    „Ich hoffe, ich behalt mein Herz“

    Doch das solls erstmal sein mit Party-BRKN. Die angesprochene Trennung hat ihn tatsächlich ziemlich aus der Bahn geworfen und das verarbeitet er unter Anderem auf Herz. Eigentlich kenne ich auch nur Heartbreaks Songs, die entstanden sind, weil mit einem Schluss gemacht wurde. Doch mit BRKN wurde nicht Schluss gemacht hat, er selbst hat die Beziehung beendet und fühlt den Schmerz deshalb nicht nur selbst, sondern auch noch stellvertretend für die Person, mit der er Schluss gemacht hat. Manchmal funktionieren Beziehungen nicht, wie man es sich vorstellt und dann muss man sie beenden, so sehr das einem auch selbst wehtut. Man verliert nicht nur selbst jemanden so wichtiges, sondern tut dieser wichtigen Person auch noch wissentlich weh. Und das ist nochmal eine ganz andere Art Herzschmerz, denn es gibt eigentlich nichts Schlimmeres, als jemanden weh zu tun, den man liebt. Jedenfalls für uns empathische Menschen:

    „Wie lebt man damit? Wie schläft man damit?
    Das geht doch gar nicht
    Wie soll ich mich so selbst noch angucken, heh?
    Wie soll mich noch irgendwas jucken
    Bin mir seitdem selber egal
    Fühlt sich an als ob der Teufel mich jagt“

    Im Podcast Danke, Gut mit Miriam Davoudvandi (vielleicht besser bekannt als cash.miri), sprach BRKN über genau diese Thematik. Wie ihn diese ganze Trennung und alles drum rum in eine Depression gekickt hat und er sich Tag für Tag, Song für Song vielleicht, da raus gekämpft hat. BRKN hat diese Killer-Beats nicht gebaut, um zu charten, sondern um zu dem zurückzukehren, wer er ist. Zurückzukehren zur Musik, dem Ort, an dem Gefühle einen Soundtrack bekommen, verarbeitet und geteilt werden. Ich bin wirklich einfach nur begeistert, wie offen und ehrlich BRKN mit diesen Themen umgeht. Wie er mit über seine eigene Männlichkeit reflektiert, über Depressionen, Paranoia und Therapie rappt, während es fast überall sonst im Deutschrap um all diese toxischen Sachen geht, über die ich viel zu müde bin, sie niederzuschreiben. Damit ich das nicht muss, könnt ihr euch hier den Podcast anhören, weil er ist wirklich unglaublich gut.

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    Ich bin ein bisschen abgedriftet. Next up ist der Liebessong gegen Liebessongs. Liebessongs sind ja sowieso ein relativ durchgespültes Thema, aber scheinen nach wie vor eins der erfolgreichsten Songkonzepte zu sein. Anti-Liebessongs funktionieren aber genauso gut. Kraftklubs „Kein Liebeslied“ wird eigentlich für immer mein to-go Song sein, wenn’s in diese Richtung geht, aber BRKN macht dem mit Kein Liebessong ordentlich Konkurrenz. Eine Hook, die mit dem ersten Hören im Ohr bleibt, ein fetzendes Saxophon-Solo am Ende und Lyrics, die einfach keine Zeit haben, um sich mit Liebessongs zu beschäftigen – denn dafür hat BRKN ganz andere Probleme. Ebenfalls als Single vorab released, hat es ein sehr ästhetisches Musikvideo, welches ihr euch direkt hier angucken könnt:

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    „Ich brauch kein Koks, das Leben hält mich wach.“

    BRKN in einem Meer aus Blumen sitzend – das ist eine Ästhetik für sich. Kann man das toppen? Visuell wahrscheinlich nicht, aber musikalisch geht es (Achtung, Radio-Anmoderation) Hit an Hit weiter. Von Kein Liebessong zu Stress fügt sich das vor allem inhaltlich super gut an. Es geht um – absolut naheliegend – den nie aufhörenden Stress. Auf der einen Seite fühlt sich BRKN so leer von diesen düsteren Gedanken und Gefühlen, die nicht aufhören, ihn herunterzuziehen und alles, was er macht, anzweifeln. Auf der anderen Seite fühlt er sich aber auch so getrieben, von dem eigenen Druck und den von außen, zu liefern und der ständigen Frage, wann es ihm endlich wieder besser geht.

    „Zu viele Paranoia, Dicker, hält mich auf Trab

    Zu viele Gesichter, nein, ich glaub, ich brauch‘ Schlaf

    Bitte therapier mich, das ist nicht mehr normal“.

    Allerletzter Einschub an dieser Stelle, um das einfach nochmal zu unterstreichen: Geht zur Therapie. Also jetzt nicht ihr alle, aber es ist 2021 und trotz dieser eineinhalb Lockdown-Jahre, die wir alle gemeinsam durchgemacht haben, scheint Therapie immer noch ein Tabu-Thema zu sein. Dabei sollte es das Normalste der Welt sein, dass wenn es einem nicht gut geht, man sich eben Hilfe sucht, damit es einem wieder besser geht. Wir gehen ja auch zum Arzt, wenn der kleine Zeh weh tut. Deshalb, lasst uns das machen wie BRKN, öfter über unsere Gefühle reden und zur Therapie gehen, wenn es uns nicht gut geht.

     
    „Outfit clean, fresh und depressiv“

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    Und damit hör ich auf mit all diesen ungefragten mental health Ratschlägen und komm zurück zur Musik. Hades zum Beispiel – musikalisch einfach pures Gold. BRKN sagt das genau richtig: „Kille den Beat und geh rein wegen Mord“. Hades ist vielleicht der bedrückendste Song auf dem Album, aber wenn dieser Beat droppt – pure Gänsehaut. Das ist auch eins der Dinge, die ich an diesem ganzen Album liebe, diese spürbare Liebe für Musik, in jeder Zeile, in jedem Song. BRKN gibt diesem Beat den Raum, den er braucht, um sich voll zu entfalten, und während ich das schreibe, bekomm ich zum zweiten Mal Gänsehaut. Wer jetzt wissen will, warum und was ich eigentlich meine, der höre hier rein.

    Zum nächsten Song kann ich euch auch verlinken, es ist die erste und schon erwähnte Singleauskopplung Jede Nacht und hat BRKN wieder auf meinen und vieler anderer Leute Radar gebracht. Wieso der Song so geil ist und alles, was BRKN damit und seinem Album-Release an Lob eingeheimst hat, absolut berechtigt ist, lest ihr hier.

    Und damit sind wir schon am Ende. Im wahrsten Sinne des Wortes. Das letzte Lied des Albums heißt Zu Ende und versucht all das, was BRKN in Drama verarbeitet hat, nochmal irgendwie abzuschließen.

    „Und ich weiß schon lang nicht mehr, was los ist

    Und auch ich kenne nicht die Zukunft

    Doch ich kenn dich und weiß, dass du stark bist

    Und dass am Ende alles gut wird.“

     
    Fazit

    Leute, Fazit. Ich bin einem Monat nach Release mit dieser Review ein bisschen später als sonst, hab sie immer wieder verschoben, weil ich diesem Album einfach gerecht werden wollte. Es ist diese Art, wie offen und ehrlich BRKN seinen Liebeskummer verarbeitet und kommuniziert, die mich auf so eine ganz eigene Art völlig trifft und berührt. Wie macht man mit jemanden Schluss, den man noch liebt? Wie bricht man jemanden das Herz in dem Wissen, dass es diese Person so sehr verletzten wird, aber es nicht anders geht? Und wie geht man selbst mit diesem Schuldgefühl und dem eigenen Liebeskummer um? Alles ein totales emotionales Chaos und so ein tiefer Schmerz, durch den man durchmuss, um auf die andere Seite zu kommen. Was super drastisch klingt, ist einfach wahr. Und darüber kann man auch mal sprechen.

    Deshalb – hört euch Drama an, fühlt ein bisschen mit, aber vor allem, gönnt euch diese gute Musik und BRKNs nie sterbender Funken Hoffnung. Er hat’s geschafft, hat den schlimmsten Part hinter sich und hat zudem auch wirklich einfach abgeliefert.

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    Fotocredit: Ferhat Topal

  • Millie Turner im Interview: »The messages of hope became more relevant than ever.«

    Millie Turner im Interview: »The messages of hope became more relevant than ever.«

    Heute möchten wir euch ein kleines Pop-Wunder aus England vorstellen. Millie Turner hat erst letzte Woche ihr neues Mini-Album „Eye of the Storm“ veröffentlicht und es passt perfekt in all die Frühlingsgefühle, die wir seit ein paar Wochen schon hegen. Millie versorgt uns mit dem Soundtrack zu jeglichen Sommernachts-Fantasien, und überzeugt mit voller Frauenpower. Über letzteres haben wir uns unter Anderem auch unterhalten, aber das lest ihr hier:

     
    Millie Turner im Interview

    Anna: Hey Millie, really nice to get the chance to talk to you! How are you, a few days before releasing your new mini-album “Eye of the Storm”?

    Millie: I’m so inspired! I feel so very naked and vulnerable but still able to turn that into something powerful is very strange and empowering.

    Anna: How would you describe your own music to people who haven’t heard of you before?

    Millie: I’d like to say it’s transporting pop, that makes you want to dance. 

    Anna: You started releasing music in 2018 and since then have only been growing as an artist. Can you name a moment where you realised “this is what I want to do”?

    Millie: I experience that from purely any moment when you have a creative idea that connects. Witnessing that whether it’s in my room or on stage fuels me so much.

    Anna: Were there special moments during the process of Eye of the Storm that still stick with you?

    Millie: Making a lot of these songs was a really emotional and exciting process! I was in Australia while writing some of them and that was a really challenging and intense creative period that will always stay with me. It was so rewarding after when we realised what joy we’d created. 

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    “I’ve found it a really transformative year.”

    Anna: Hopefully some day we get over that question, but I have to ask – how did the pandemic last year (and still now) influence these songs? And how did you deal with the lockdown in Britain?

    Millie: I think these songs became more urgent. The messages of hope became more relevant than ever and I instantly knew this is what I/we all need! Fresh sounds to our ears to cure such a journey of a year! 

    I’ve found it a really transformative year to be honest. I think spending time with yourself can sometimes be really confronting in a challenging and productive time. 

    Anna: Still, Eye of the Storm is full of positive vibes and I really like that. Even when it gets a bit darker, there’s always a good vibe to it. What are the main messages behind that mini-album?

    Millie: I think it’s just a dip into my brain, so there are many layers. And like anything, it’s dark and twisted and emotional at most points, but there’s always a moment that uplifts and inspires you. Altogether it’s just a note of hope that I hope people can relate to in a real way! 

    Anna: I also can’t help but feel like a mini-album also stands a teaser for your debut album in the work… Can you deny or confirm that?

    Millie: I definitely can confirm that this is the start of a bigger picture to come! 

     
    “To be heard as a woman is incredibly empowering!”

    Anna: What I also feel like lately that there is a stronger bond between women in music and the empowerment we make each other feel than maybe ever before. Also considering you’re still comparably young, how do you experience that? And who are the women you would see as role models?

    Millie: Yes, music is a voice! And to be heard as a woman, who isn’t always heard, it’s incredibly empowering! I love that, and that’s why I love listening to other female artists because you can hear it in their own voice. The joy and sadness of voicing what is important to you as a woman is very moving. There are so many women who I look up to but at the moment I’m super inspired by some younger upcoming artists like Hannah Cohen, Dora Jar, and Jessica Pratt! 

    Millie Turner, Untoldency, Untoldency Magazine, Indie, Musik, Blog, Blogger, Online Indie Musik Magazin, milliturner, eye of the stormAnna: Last year, you supported Tove Lo on tour – I bet that was an incredible experience. What do you miss most about that time? And who is on your “bucket list” of acts you would love to play live with one day?

    Millie: I do miss that time. I miss my band and I miss the stage and the buzz and the car. I also miss the waiting around for ages, and the free ginger and honey tea! Those were the days. I’m so excited to play more in the future but I’m also preparing myself for how surreal and overwhelming it might be to be in your private space to exposing yourself to the world. I really wish to play for Lizzo, or Remi Wolf, or Jgerry would be amazing. 

    Anna: Last but not least we ask about an untold story of yours – something you haven’t shared in an interview before.

    Millie: I wrote the song she was a dancer while I was really bored at a wedding service! And most my voice memos for song ideas are recorded on the toilet. That’s my thinking shrine! 

     

    Für die frische Prise female Power-Pop hört hier in die die Eye of the Storm-EP rein:

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    Fotocredit: Amir Hossain

  • Tóke im Interview: »Ich habe von meinem Künstler-Ego losgelassen.«

    Tóke im Interview: »Ich habe von meinem Künstler-Ego losgelassen.«

    Ladies, Gentlemen, nonbinary sweethearts – heute gibt’s einen Künstler, der sich Stück für Stück in unser Herz gestohlen hat und jetzt vielleicht darin lebt. Tóke kommt musikalisch eigentlich aus dem Reggae, findet sich aber stetig im Selbstfindungsprozess und ist jetzt bei einer Mischung aus R’n’B und Soul gelandet, die sich gut als „feel good vibes“ zusammenfassen lässt. Wir haben ihn passend zu seinem EP-Release von „The Art Of Letting Go“ zum Interview eingeladen und viel über seinen musikalischen Weg gesprochen, die Themen, die er in der EP verarbeitet hat und wie er als Künstler mit der Pandemie umgegangen ist (kontroverser Clickbait: „2020 war das beste Jahr, was ich seit langem hatte“).

     
    Tóke im Interview

    Anna: Hey Marco, freut mich, dass es endlich geklappt hat! Wie geht’s dir, wie war dein Tag?

    Tóke: Hey! Ich hatte einen sehr schönen Morgen, hab mit Majd, meinem Mitbewohner, der der krasseste Koch ist, ein richtig geiles arabisches Frühstück gemacht. Das war schön (lacht).

    Anna: Für die, die dich jetzt erst kennenlernen: Wer ist Tóke und welche Musik macht er?

    Tóke: Ich bin Tóke, Singer-Songwriter aus Indonesien/Norddeutschland. Ich bin erst so mit Reggae-Mucke in die Musikszene gekommen und jetzt nach und nach dabei, meinen eigenen Sound zu finden. Die EP, die jetzt rauskommt, ist sozusagen ein weiterer Schritt auf diesem Weg.

    Anna: Ich hab dich erst dieses Jahr entdeckt, aber du machst schon viel länger Musik, deine Diskografie reicht bis 2014 zurück. Wie bist du zum Musikmachen gekommen?

    Tóke: Ich bin Indonesien geboren und mein Vater ist auch Musiker, auch wenn er es nie professionell gemacht hat. Eigentlich sind wir uns voll ähnlich, er spielt Gitarre und singt, aber er ist da zu konservativ gewesen, um das mehr zu machen. Aber eigentlich bin ich durch ihn zur Musik gekommen. Ich glaub, je älter ich werde, desto mehr check ich, wie musikalisch eigentlich mein Umfeld war, was Familie anbetrifft. Und ich merk erst jetzt, wie sehr mich das geprägt hat. Obwohl sie in einigen Hinsichten sehr liberal und offen sind, sind sie in anderer Hinsicht sehr Leistungsgesellschafts-mäßig unterwegs gewesen. Ich hab das so ein bisschen aufgebrochen (lacht).

    Tóke, Untoldency, Untoldency Magazine, Indie, Musik, Blog, Blogger, Online Indie Musik Magazin, untold music, tóke, tokemusic, brown face, the art of letting goAber ja, das war ein sehr musikalisches Umfeld und dadurch hab ich überhaupt das Verständnis für Harmonien und Songs schreiben bekommen. Und das hat sich voll verstärkt, als ich mit 9 nach Deutschland gezogen bin. Mit 13 gings schon los, dass ich meine erste Ska-Punk Band hatte. Und wir haben echt viel gespielt auch! Ich bin ja in Buxtehude aufgewachsen und wir waren damals so voll Ding in der Stadt, weil wir so voll jung waren alle. Und wir haben dann so vor 200 Leuten zwei Abende hintereinander im Jugendfreizeithaus gespielt. Dann hab ich irgendwann angefangen, Hip Hop Beats zu bauen und so ist die Palette gewachsen an musikalischen Einflüssen.

    Und Reggea kam dann irgendwann richtig krass reingesebelt durch einen Freund, der mich auf ein Festival mitgeschleppt hat. Das Reggea Jam, weiß nicht, ob du davon mal gehört hast, ist unter den Reggea Leuten in Deutschland und Europa eigentlich das beliebteste Festival. Und ich hab mich dort so hart in die Mucke verliebt. Dieser ganze Vibe hat mich reingezogen, bis zu dem Punkt, dass ich zwei Mal auf Jamaica war.

    Anna: Das hört sich an wie eine große Liebe.

    Tóke (lacht): Ja, mega! Ich hab eine ganz krasse Beziehung zu Reggae, die wird auch nie weggehen, aber meine Palette erweitert sich halt, und das find ich auch cool.

    Anna: Und jetzt bist du hier.

    Tóke: Jetzt bin ich hier. Die EP ist eigentlich voll der Ausdruck dieser Reise. Für mich ist das der erste richtige Schritt der „Öffnung“, wodurch ich auch einfach mit ganz anderen Leuten ins Gespräch komme, wie mit dir zum Beispiel. Und das ist auch gar nicht strategisch oder so von mir gewesen, sondern einfach, dass ich diese Seite von mir präsentieren wollte. Weil so Songs wie Brown Face oder I Don’t Know, das bin voll ich! Das hab ich voll gefühlt beim Schreiben und Singen (lacht). Und das ist halt voll schön, weil ich das vorher vielleicht ein bisschen unterdrückt hab, vielleicht aus Angst vor Reaktionen oder so.. Und jetzt ist halt das Loslassen dieser Ängste.

     
    „Wir suhlen uns in dem Gefühl der Sicherheit.“

    Anna: Hammer Überleitung. Die EP heißt ja „The Art Of Letting Go“ und beschäftigt sich ja mit genau dem: der Kunst, loszulassen. Wenn auch gerade schon angedeutet: Was genau lässt du los?

    Tóke: Ganz vieles und jeden Tag immer wieder was. Deshalb fand ich auch den Titel so spannend. Wir sind eigentlich jeden Tag damit konfrontiert. Wir wachsen mit so einer Idee auf, dass es Sicherheiten und Dinge gibt, die nicht veränderbar sind. Und dann gewöhnen wir uns da dran und mögen dieses Gefühl der Sicherheit, suhlen uns so ein bisschen darin. Und dann gibt es aber immer wieder Situationen im Leben, die dich halt so voll aus der comfort zone holen.  

    In dieser EP lass ich von alten Beziehungen los, von Vorstellungen, wer ich sein kann und wer ich nicht sein kann, sowohl persönlich als auch künstlerisch. Im Prozess gabs immer wieder diese Momente, wo ich vom Künstlerego loslassen musste, weil ich mich so sehr an ne Idee von einem Song gewöhnt hatte. Wenn irgendein Änderungsvorschlag von außen kam, hat mein Künstlerego direkt die Zähne gefletscht, „bloß nicht, was willst du, das ist mein Baby!“ (lacht). Aber jetzt bin ich total happy damit, wie die Songs geworden sind.

    Anna: Als erste Singleauskopplung kam „I Don’t Know“, ein entspannter Roadtrip-Song, auf dem du das „sparkly, tingly feeling of the magic of the first morning after” beschreibst. Was bedeutet der Song für dich?

    Tóke: Der Song ist ganz krass mit der Person verbunden, mit dem ich ihn geschrieben habe. Es ist halt genau dieser Vibe, wenn man am Morgen aufgewacht ist nach einem ersten Date, einer ersten intimen Erfahrung, wo es so voll Schmetterlinge ist, aber weiß halt noch nicht so. Und dann kommen die Ängste ins Spiel, Ängste, sich in etwas zu verlieren, vor Bindung, die glaub ich viele Menschen haben, gerade in Berlin (lacht). Das ist halt genau dieser Vibe, wo man nicht genau weiß, wohin geht die Reise. Diese Spannung einfach.

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    „Jeder Gedankenanstoß verändert schon die Lebensrealität von Menschen.“

    Anna: Die nächste Single war „Brown Face“, da hab ich schon ein paar Worte zu niedergeschrieben, deshalb weißt du ja, wie ichs finde – nämlich wahnsinnig gut, immer noch. Die Single schien aber auch neben mir viele andere Leute zu begeistern – wie war das Feedback, was zu dazu bekommen hast?

    Tóke: Ich hab jetzt länger nichts released, ich war generell gespannt, wie Feedback ist. Aber die Qualität ist jetzt besonders, weil ich noch deepere Themen anspreche als vorher. Und „Brown Face“ ist auf jeden Fall ein Beispiel dafür, weil ich nie über Rassismus-Erfahrungen gesprochen hab in meiner Musik. Und dementsprechend hat der Song unterschiedliche Leute, vor allem von Rassismus betroffene Menschen, auf ‘ner ganz besonderen Art getouched. Es sind richtig Gespräche entstanden dadurch – und das war so ne Qualität, wo ich gedacht hab „wow“. Es war krass. Ich hab von allen Teilen der Welt so Nachrichten gekriegt. Meine indonesische Cousine aus Australien hat mir so voll die lange Sprachnachricht geschickt, sie wusste das alles gar nicht, und wir sind dann gemeinsame Erfahrungen durchgegangen. Ich war sehr ehrfürchtig vor der erneuten Erkenntnis, was Musik machen kann. Ich merke wie der Song Leute berührt hat und wie er mich berührt.

    Anna: Das ist ja auch viel mehr wert.

    Tóke: Voll! Und es hat mich voll motiviert auch andersrum. Man sagt immer so „Musik hat voll die Kraft, Dinge zu verändern“, voll die Phrase, aber es ist halt real. Und jeder Gedankenanstoß, den es gibt, verändert schon die Lebensrealität von Menschen.

     
    „Der Song bietet die Möglichkeit, dass Leute mit Fluchterfahrungen mehr individualisiert werden.“

    Anna: Auch deine aktuelle Single „The Sun Has Died“ behandelt ein dir sehr am Herzen liegendes Thema. Kannst du erzählen, worum es in dem Song geht und was dich inspiriert hat?

    Tóke: Mein Mitbewohner, der Majd, kommt aus Syrien und ist seit 2015 hier in Deutschland. Wir leben seit eineinhalb Jahren zusammen, sind extrem tight geworden in der Zeit. Es ist natürlich nicht so, dass ich mich davor nicht mit der Thematik Flucht befasst hab. Aber ich hab keinen Zugang gefunden. Vielleicht waren auch meine Position oder Gedanken dazu nicht geordnet genug, aber ich wusste, dass ich das Thema Flucht behandeln möchte. Es ist mega wichtig, dass wir weiterhin über diesen grundsätzlichen krassen Missstand sprechen, dass es so wenig Support gibt für Leute auf der Flucht. Und dadurch, dass Majd und ich so tight wurden, hab ich natürlich einen ganz anderen Zugang gekriegt, weil ich jetzt sehr hautnah mitbekommen, was eigentlich die Implikationen sind von so einer Situation.

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    Es ist halt so layered, weißte, es ist halt nicht nur „ich mach eine Reise, die krank anstrengend ist“, sondern „was mach ich mit meinem Job, kann ich hier arbeiten, Sicherheit, wie geht’s meiner Familie,..“. Es sind so Sachen, die sich ansammeln zu nem Hardcore-mega-krank-schweren-und-unsichtbaren Rucksack für Leute, die geflüchtet sind. Das sieht man halt häufig nicht. Vor allem in der medialen Darstellung, wie abfällig Leute teils darüber sprechen, ist furchtbar. Das geht schon so hin zu Sarkasmus und Zynismus, während das halt wirklich Individuen sind mit eigenen Geschichten, eigenen Persönlichkeiten, über die da gesprochen wird. Und deshalb wars mir wichtig, da was beizutragen.

    Bevor ich Majd kennengelernt hab, hab ich angefangen, den Song zu schreiben, und der hat sich dann verfestigt, als er hier eingezogen ist. Es war mir wichtig, auch seine Perspektive zu haben. Darum geht’s. Ich glaube, der Song bietet die Möglichkeit, dass Leute mit Fluchterfahrungen mehr individualisiert werden. So bisschen wurde der Song auch zusätzlich inspiriert von dem Song von Max Herre, Sans Papier.

    Anna: Krasser Song!

    Tóke: Voll! Ich hab echt richtig krass Tränen in den Augen gehabt, als ich das Video gesehen und den Song gehört hab. Der schlägt ne ähnliche Kerbe, hat die gleiche Absicht, diese Situationen zu vermenschlichen. Ist krass, dass man das noch machen noch, aber ist halt einfach leider nötig.

     
    „Ich möchte Tag für Tag versuchen, was ich so machen kann.“

    Anna: Ich kann mir vorstellen, dass du die Songs auch einfach unfassbar gerne live performen würdest. Wie geht’s dir gerade inmitten all dem Chaos, das 2020 anfing, sich über ein halbes Jahr Halb-Lockdown zog und jetzt mit der Bundesnotbremse geendet ist? Wie gehst du als Künstler damit um? Und was hilft dir, hoffnungsvoll in die Zukunft zu sehen?

    Tóke: Also… Ich splitte mal die Frage eben auf. Wie’s mir ging die ganze Zeit: unterschiedlich. Das erste Jahr, 2020, davon ausgehend, dass ich hier in der privilegiertesten Position bin, war das beste Jahr, was ich seit letzter Zeit hatte. To be real honest. Ich für mich persönlich. Weil, ich hab gemerkt, wie sehr mit dieses FOMO (Fear Of Missing Out) in Berlin zu schaffen macht und das war weg.

    Anna: War ja nichts (lacht).

    Tóke: War ja nichts! Eben. Und ich hab dann erst gemerkt, wie sehr mich das gestresst hat. Und das hat einfach so eine Tempo-Verlangsamung gebracht. Die Luft war auch so viel besser in Berlin! Vor allem nach so 1-2 Wochen Lockdown im März, es war ruhig! Keine Autos, die Noise-Pollution war runtergeschraubt, und alle hatten so voll das langsame Tempo. Und dann halt zusätzlich zu dem Ding, dass du eh nicht reisen kannst, du bist sozusagen gezwungen, für dich in Ruhe zu sein und wenig zu machen. Ich meditier schon ne Weile und so und das hat den Vibe haart verstärkt bei mir (lacht).

    Aber ja, ich bin so hart in so’n Gratitude-Mode gekommen, in dem Wissen, wie krank privilegiert ich eigentlich bin. Und daraus hat sich irgendwie so ein Flow ergeben. Dann kam das mit der EP, wo klar wurde, okay ich bin jetzt eh hier, jetzt hab ich die Zeit. Ich war so sehr in meiner Mitte 2020, richtig krass. Richtig klar wissend, wo ich bin, wer ich bin, wie ich sein möchte,…

    Ich hab auch so den geilsten Urlaub gemacht, den ich seit tausend Jahren gemacht hab. Ich bin einfach spontan alleine mit nem Mietwagen an die Ostsee gefahren. Das waren so zwei Tage, die waren richtig geil warm. Ich war da an so nem Strand, voll schön, und hab denn da zwei Nächte alleine am Strand gepennt. Mit Sonnenaufgang auf und mit Sonnenuntergang wieder einschlafen. Ey… wenn ich dir Bilder zeigen würde! (lacht) Es war so ne krasse Erfahrung.

    Und dann halt Richtung Lockdown Light und so, Richtung Winter, wuchs so ein bisschen das Unverständnis für warum wir nicht einfach krasser durchgezogen haben. So’n gewisser Überdruss, was glaub ich sehr viele gerade spüren. Es ist ne ganz dolle Herausforderung gerade für jede einzelne Person glaub ich, zu versuchen, im Moment zu sein und eben nicht, anspielend auf deine Frage, zu sehr in die Zukunft zu gucken. Was hatten wir schon für Zukunftsprognosen seit Beginn dieser Zeit? Erst dachten wir, ist im Sommer zu Ende, dann spätestens im Winter. Ohne jetzt schwarzmalerisch zu sein, wir kommen da wieder raus und ich bin auch grundsätzlich optimistisch und freu mich drauf. Es wird ne Zeit danach geben und die ist hoffentlich auch nicht allzu lang hin, aber ich möchte halt keine falschen Erwartungen haben und einfach Tag für Tag versuchen, zu gucken, was ich so machen kann. Ausharren so ein bisschen.

    Anna: Damit sind wir auch schon bei der Abschlussfrage. Was ist deine untold story, etwas, das du noch nie in einem Interview erzählt hast?

    Tóke: Uhh, das ja ne mega schwierige Frage (lacht). (überlegt). Ich war in Indonesien auf einem Neujahrskonzert als Special Guest. Die Bühne war so ein Whiteboard-Belag und ich hatte so nice Clarks-Schuhe an, die hatten aber so ne Gummisohle und waren hart rutschig. Und da ruft er mich so auf die Bühne „ahh are you ready for Tóke?!“ und ich komm auf die Bühne gehüpft und rutsch aus. Erster Step auf die Bühne, ich rutsche aus, vor fucking 5000 Leuten. Also ja, ich bin vor sehr vielen Menschen auf die Fresse gefallen und hab mich dann versucht, durch die Performance zu quälen, weil das war so rutschig, es war wie als wenn du auf Eis stehen würdest! War ein Erlebnis (lacht).

     

    Wen Tóke trotz Blamieren vor 5000 Leuten hier für seine Musik abwerben konnte, darf in diese wunderbare EP reinhören:

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    Fotocredit: Alex Kleis, Gavi Ravi

  • Indie-Trio Varley befreien sich mit „Push Pull“ von all jenen, die meinen, sie besser zu kennen als sie sich selbst

    Indie-Trio Varley befreien sich mit „Push Pull“ von all jenen, die meinen, sie besser zu kennen als sie sich selbst

    Es ist Zeit für Indie. Guten Indie. Indie, der uns so langsam aber sicher in den langersehnten Frühling trägt. Und manchmal kommt genau der beste Indie noch von Newcomer:innen, die gerade erst dabei sind, sich zu etablieren. So wie Varley, die ich euch in diesem Rahmen jetzt schon mal super ans Herz legen darf, wenn man denn genau nach so etwas sucht. 2021 kommt ihr Debütalbum und mit Push Pull haben sie jetzt schon ihre zweite Single daraus veröffentlich und was soll ich sagen – ich bin hyped.

     
    Atmosphärischer Indie mit Ohrwurm-Garantie

    Varley sind die in Dublin geborene Claire-Ann und ihre deutschen Bandkollegen Joschka Bender und Matthias Heising. Zusammen wirbeln sie sich in die deutsche Indie-Pop Szene hinein und überzeugen immer mehr von ihrem Klang. So wie mich. Sie klingen ehrlich und gefühlvoll, aber gleichzeitig auch voller Leidenschaft, sich die großen Bühnen unserer Indie-Bubble zu erspielen. Das hier geht Hand in Hand für Fans von M.Bryd, Pat Burgener, Phoebe Bridgers oder Holly Humberstone – jedenfalls laut Spotify. Und Spotify liegt da meist ziemlich richtig.

    Doch so viel zur theoretischen Einordnung. Eigentlich hilft ja sowieso nur die Musik selbst zu hören, um zu entscheiden – mag ich das oder nicht? Die Entscheidung will ich euch hier nicht abnehmen, aber definitiv erleichtern, weil ich mag es definitiv. Ganz dem #influencer-Vibe des Musikjournalismus nach, also erst zu ein paar Worten von mir:

    Push Pull ist eine Anti-Hymne gegen all die, die einen im Leben hin und her schubsen wollen, immer der Meinung sind, alles besser zu wissen und dabei auch gerne mal leicht übergriffig werden im Eigene- Meinung-Aufdrängen. Es ist die melodische Gitarre und ein rhythmischer Bass, mit denen Varley Push Pull schon von der ersten Strophe an zu einem atmosphärischen und fast schon mühelos klingenden Indie-Song machen. Es ist tatsächlich auch genau diese entspannte Energie, die mich in den Bann zieht und mir am Ende noch einen Ohrwurm dalässt.

    „Push Pull was born out of the frustrations that come when people think they know you better than you know yourself or that they what’s best for and how this often left us feeling like we were being pushed and pulled in a thousand different directions. Especially being raised in a society where girls are expected to always be nice and polite, this is our way to break free from that and speak our mind.”

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    Wenn nicht man nicht mal Torten so richtig genießen kann

    Push Pull ist also nicht nur musikalisch ein sehr zugänglicher Song, sondern man kann sich auch inhaltlich unfassbar gut mit identifizieren. Und auf diese Weise ist es sogar auch empowerend, wenn man aus diesem dann ja schon leicht toxischen Umfeld ausbricht und sich anfängt, selbst zu definieren.

    Lasst uns aber ganz kurz auch über das Musikvideo sprechen, denn es versetzt uns zurück in die 1980er Jahre und ich zu meinem Teil liebe diese Ästhetik. Außerdem fängt es an mit einer Torte und wenn ich ehrlich bin, hat man mich damit schon. Sind die kleinen Dinge, wisst ihr. Ich guck diese Torte an, mit raufgeschriebenen Namen und Kirschen on top und denk mir – ich will auch. Und: wieso hat mir noch niemand so eine Torte gebacken?

    Guckt man aber weiter, dann will man die Torte irgendwie doch nicht so ganz haben. Es ist nämlich gar nicht unbedingt so eine liebevolle Geste, wie ich es mir erhofft hätte, sondern eher an viele Bedingungen geknüpft – und die zielen alle darauf ab, den Protagonisten so weit zu verhätscheln, dass dieser gar keinen eigenen Handlungsspielraum mehr hat. Geweckt um Punkt 8 Uhr beginnt sein Tag, dann wird er von seiner Mutter angezogen (gegen seinen Willen), bekommt von seinem Vater zum xten Mal erklärt, wie man sich richtig rasiert (ungefragt) und darf dann nicht mal sein Frühstücksbrot selbst schmieren. Absolut empört warte ich darauf, dass er sich mal wehrt – und als er es tut, kommt auch die Torte zurück ins Spiel. Bekanntermaßen ist die Kombination von Torten und Wutausbrüchen nie eine großartig Verheißungsvolle, aber das ist in diesem Kontext ja auch gut so.

    Wer jetzt ein bisschen hilflos vor diesem Text sitzt und nicht so ganz weiß, was ich meine – guckt euch einfach das Musikvideo oben an (oder hier, ich weiß, wir sind alle scroll-faul). Und wenn ihr trotz oder gerade deshalb mal in Varley reinhören möchte, es sei euch hier ans Herz gelegt:

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    Fotocredit: Jen Krause

  • Ursina im Interview: »Ich wollte ausbrechen, selber Musik erfinden und nicht immer nach Noten spielen.«

    Ursina im Interview: »Ich wollte ausbrechen, selber Musik erfinden und nicht immer nach Noten spielen.«

    Wir haben heute einen interessanten und wunderschönen Musik-Input direkt aus der Schweiz für euch. Ursina ist studierte Musikerin und Singer-Songwriterin, die auf ihrem neuen Album When I Let Go ruhige, aber auch groovige Songs vereint. Die Kombination aus Jazz, Folk und Ursinas klarer und melodischer Stimme hat wirklich was, was direkt ins Herz geht. Wir haben sie für euch in einem Vorstellungsinterview rund um die Prozesse hinter dem Album, heiße Musiktipps aus der Schweiz und den Klimaschutz in der Musikindustrie gesprochen.

     
    Ursina im Interview

    Anna:  Hey Ursina, freut mich sehr, dich auf diesem Weg kennenzulernen! Willst du dich vielleicht für die, die dich noch nicht vorher kennen, kurz vorstellen?

    Ursina: Hey Anna, sehr gerne! Ich bin Musikerin und Songwriterin und lebe zurzeit in Zürich. Aufgewachsen bin ich in einem Bergdorf mitten in den Schweizer Alpen. Dort spricht man Rätoromanisch, die Sprache, die du auch immer wieder in meinen Songs hörst. Ich habe in der Schweiz Jazzgesang studiert, bin dann für ein Jahr nach Kopenhagen, habe dort viel Musik gemacht und geschrieben und bin mit einem Rucksack voller Songs nach Hause zurückgekehrt. So hat vor zehn Jahren alles begonnen. Nach zwei EPs und dem Debutalbum You Have My Heart ist jetzt gerade mein neues Album When I Let Go erschienen. Meine Musik würde ich als atmosphärischen Indie-Pop beschreiben.

    Anna: Wie hast du deine Liebe zur Musik gefunden?

    Ursina: Die Liebe war schon immer da. Bei uns zu Hause war Musik immer präsent, vor allem klassische Musik. Dort liegen meine Wurzeln. In dieser Stilrichtung wurde es mir aber irgendwann zu eng. Ich wollte ausbrechen, selber Musik erfinden und nicht immer nach Noten spielen. So habe ich mich auf die Suche gemacht und habe über den Jazz, der im Gegensatz zur Klassik, von der Freiheit und Improvisation lebt, zu meiner Musik und meinem Stil gefunden.

    Anna: Wie siehst du deine künstlerische Entwicklung von Start bis jetzt zum neuen Album? Was hat dir das letzte Album vielleicht auch mitgegeben, was du jetzt in dein Neues gesteckt hast?

    Ursina: Die Anfangszeit meiner Band begann, als wir noch an der Jazzschule studierten. Dieses Umfeld hat unseren Sound bestimmt mitgeprägt, auch wenn ich meine Musik nie als Jazz bezeichnen würde. Die Musik, die ich höre, fließt aber unterbewusst immer in meine Songs ein.

    Die ersten zwei EPs Time Is A Thief und Hiding Behind A Mask waren die ersten zwei richtigen Studioproduktionen, die ich gemacht habe. Die Aufnahmen klingen im Vergleich zu heute roher und ungeschliffener. Dann kam You Have My Heart und die Produktion mit Pola Roy in Berlin. Es war meine erste Erfahrung mit einem Produzenten und hat mich sehr weitergebracht. Das Debutalbum war gleichzeitig auch eine Art Abschluss. Die Musiker*innen, die mich bis dahin begleitet hatten und ich, wir wollten musikalisch andere Wege gehen, hatten andere Visionen. Das taten wir dann auch.

    Zuerst gab es aber eine Zeit der Neufindung. Ich überlegte mit bewusst, wie ich in Zukunft klingen wollte und welche musikalischen Schritte ich als nächstes machen wollte. Ich hörte viel Musik und jammte mit diversen Leuten. Auch beim Songwriting probierte ich diverses aus, nahm auch mal Instrumente in die Hand, die ich nicht spielen konnte, entwickelte Songideen mal mit einem Beat, anstatt am Klavier. Irgendwann merkte ich, dass ich viel zu weit gesucht hatte. Ich begann mit meinem Partner Florian Egli an meinen Songs zu arbeiten. Es war sehr inspirierend, zusammen an den Songs zu arbeiten und führte die Musik auch in neue Richtungen.

     
    “Rätoromanisch zu singen, ist mir wichtig, weil es mir sehr nahe ist“

    Anna: Dein neues Album heißt „When I Let Go”. Welche Themen haben dich beim Albumprozess beschäftigt? Und was hast du losgelassen?

    Ursina, Untoldency, Untoldency Magazine, Indie, Musik, Blog, Blogger, Online Indie Musik Magazin, ursina, when i let go, pola roy, RätoromanischUrsina: Das Loslassen ist das Hauptthema des Albums. Das Loslassen von Vorstellungen, von Beziehungen, von Meinungen, von Ängsten und Mut haben, mutig zu sein. Ich habe die Vorstellung losgelassen, alles in der Hand zu haben und kontrollieren zu wollen, das war ein sehr befreiendes Gefühl. Loslassen hat im Gegensatz zu Festhalten eine Bewegung drin – und Bewegung finde ich gut. Es fällt mir aber auch nicht immer leicht, etwas gehen zu lassen. Und genau an diesem Punkt wird es spannend. Ich frage mich auf dem Album auch, ob es vielleicht doch etwas gibt, woran es sich lohnt, festzuhalten. Die Hoffnung, dass sich Dinge doch noch zum Guten wenden vielleicht?  

    Anna: Einige deiner Lieder sind auf Rätoromanisch, einer Sprache, die man in den Schweizer Alpen spricht. Was macht diese Songs so besonders für dich?

    Ursina: In meiner Muttersprache zu singen, bringt etwas in die Musik, das anders ist. Ich kann selber nicht genau festmachen, was es ist. Es ist bestimmt der Klang der Sprache. Interessant ist aber auch, dass meine Stimme anders klingt, wenn ich auf Rätoromanisch anstatt auf Englisch singe. Rätoromanisch zu singen, ist mir wichtig, weil es mir sehr nahe ist und weil es mir Spaß macht, rätoromanische Songs zu schreiben und zu singen. Bisher waren meine rätoromanischen Songs schon eher ruhige Lieder. Auf dem neuen Album habe ich auch versucht, groovigere Musik zu den Texten zu komponieren. Bei Tut semida (Alles verändert sich)ist mir das auch gelungen und auch bei Miu cor (Mein Herz).

    Anna: Merkst du, dass du dadurch auch ganz andere Menschen mit deiner Musik erreichst, die du sonst nicht erreicht hättest?

    Ursina: Die Rätoroman*innen erreiche ich mit den Rumantsch-Songs auf jeden Fall besser, als mit den Englischen. Sie freuen sich immer sehr, wenn es neue rätoromanische Musik gibt. Dieser Home-Support ist sehr wertvoll und stärkt mir den Rücken ungemein. Ob ich damit auch Menschen erreiche, die nicht Rätoromanisch sprechen aber sich deswegen von meiner Musik angesprochen fühlen, ist für mich schwierig zu beurteilen. Es würde mich mega freuen, wenn das so ist. Ich denke aber auf jeden Fall, dass mir das Rätoromanisch einen Exotenbonus gibt und man sich vielleicht eher an mich erinnert, als wenn ich „nur“ Englisch singen würde.

     
    „Let go of what needs to go”

    Anna: Gibt es einen Song auf der neuen Platte, der dir besonders viel bedeutet oder besonders herausfordernd für dich war in der Entstehung/Produktion?

    Ursina: Let Go ist der Kernsong des Albums und der Refrain das Mantra dazu: “Let go of what needs to go,confront your mind with emptiness. Connect your body and soul, get lost inside your own universe.”

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    Diesen Song habe ich auf der Gitarre geschrieben, obwohl ich gar nicht wirklich Gitarre spielen kann. Das war eben in der Phase, in der ich Diverses ausprobiert und mit verschiedenen Songwriting-Methoden experimentiert habe. Der Song hat alles ins Rollen gebracht.

    Anna: Wenn wir gerade bei der Produktion sind – für dein erstes Album hast du mit Pola Roy (Wir Sind Helden) zusammengearbeitet, für When I Let Go mit dem irischen Produzenten David Odlum. Wie hast du die Unterschiede der Produktion beider Alben wahrgenommen? Und was war das Besondere an der Zusammenarbeit mit David, die dieses Album stark beeinflusst hat?

    Ursina: Die Zusammenarbeit mit beiden Produzenten war sehr gut und passte zum Moment. Bei You Have My Heart sind wir alle mit unseren Instrumenten nach Berlin gereist, haben dort quasi als WG in einer Wohnung gelebt und zwei, drei Wochen täglich in Pola Roys Studio in Kreuzberg gearbeitet. Das war sehr intensiv.

    Bei When I Let Go gab es verschiedene Sessions. Die Basic-Tracks haben wir ebenfalls als Band im bekannten Powerplay Studio in der Nähe von Zürich eingespielt, aber in zwei kürzeren Sessions, weil es zeitlich nicht anders ging. Weil ich damals schwanger war, entschieden wir, so lange daran weiterzuarbeiten, wie es für mich ging. Das haben wir dann in unserem Proberaum in Zürich gemacht und Vocals und viele Overdubs aufgenommen. Dann kam das Baby. Gleichzeitig fing aber auch die Pandemie an. Das war im Frühling 2020. Es gab also eine längere Pause, in der David die ersten Songs mischte, die wir bis dahin fertiggestellt hatten. Erst im Herbst konnten wir dann weiterarbeiten. Lustigerweise waren Florian und ich da auch für einige Zeit in Berlin und so hat uns David dort besucht und wir haben auch dieses Album in Berlin fertiggestellt.

    Die Arbeit mit David war super. Er wird nie müde und hat auch nach vielen Stunden im Studio noch die besten Ideen. Sein irischer Humor ist grandios und seine technischen Fertigkeiten Weltklasse.

     
    „Das Thema Klimaschutz rückt in der Musikszene immer mehr ins Bewusstsein.“

    Anna: Ein Thema, was dir auch sehr wichtig ist, ist die Verbundenheit zur Natur und – damit einhergehend – Klimaschutz. Was bedeutet dieser Verbundenheit mit der Natur für dich und wie nimmst du als Künstlerin die Klima-Bewegung in der Musikszene wahr?

    Ursina, Untoldency, Untoldency Magazine, Indie, Musik, Blog, Blogger, Online Indie Musik Magazin, ursina, when i let go, pola roy, RätoromanischUrsina: Draußen in der Natur, sei es im Wald oder in den Bergen, kann ich meine Batterien wieder aufladen. Naturschutz, Klimaschutz und Nachhaltigkeit liegen mir sehr am Herzen und ich achte darauf, nachhaltig und bewusst zu leben, z.B. indem ich Flugreisen vermeide, Secondhand kaufe oder auch bei meinen Tonträgern die Verpackung aus Karton herstellen lasse. Die Vinyl von When I Let Go besteht z.B. teilweise aus recyceltem Vinyl. Das Thema Klimaschutz rückt in der Musikszene immer mehr ins Bewusstsein. Unsere Branche war bisher ja nicht sehr klimafreundlich. Die Organisation Music Declares Emergency setzt sich sehr stark dafür ein, dass die Musikbranche die Klimakrise anerkennt und sich deren Abläufe ändern. Ich finde es schlimm, wenn z.B. Festivals Band aus aller Welt einfliegen, um ein Konzert zu spielen, und einheimische Bands kaum einen Platz im Programm finden, obwohl das Potential enorm wäre.

    Anna: Da du aus der Schweiz kommst, hast du vielleicht ein paar Musikempfehlungen von Künstler:innen, die wir unbedingt auf dem Schirm haben sollten?

    Ursina: Da gibt es sehr viel spannende Musik, hier ein paar Künstler*innen und Alben, die ihr euch unbedingt anhören solltet: 

    Anna Erhard – Short Cut
    Mnevis – The Course Of Events
    Luzius Schuler – Moon is the oldest TV
    Kush K – Lotophagi
    Michael Benedikt – Peace

    Anna: Für unsere letzte Frage fragen wir immer nach einer untold story: eine Anekdote oder ein Funfact, die du so noch nie in einem Interview erzählt hast.

    Ursina: Bei dieser Frage könnte ich jetzt stundenlang grübeln, deshalb einfach spontan, was mir gerade einfällt: Obwohl ich es mir immer wieder vornehme, meine Songs mit dem Text zu beginnen, fällt es mir einfach viel leichter, Musik zu erfinden. Und so kann es sein, dass ich einen ganzen Song mit Melodie und Akkorden plötzlich habe, aber nur zwei, drei Textzeilen. Klar, das Gefühl oder Thema ist zwar da, aber nun stehe ich wieder vor der schwierigen Aufgabe, die Melodielinien, die mir so ohne Worte super gut gefallen, mit den richtigen Worten zu füllen, die rhythmisch und klanglich perfekt (!) passen müssen. Immer wieder eine Herkulesaufgabe. Umso schöner, wenn der Song dann endlich fertig ist. 

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    Fotocredit: Angelika Annen

  • Novaa findet ihren Weg zurück zur Selbstliebe, Heilung und Hoffnung in „This Ain’t Your Home“

    Novaa findet ihren Weg zurück zur Selbstliebe, Heilung und Hoffnung in „This Ain’t Your Home“

    Ihr wisst, ihr bekommt hier immer nur Songs ans Herz gelegt, wenn sie auch unser Herz berühren. (Das ist glaub ich gerade mein kitschigster Einleitungssatz je geworden. But well). Bei all dieser ganzen wirklich guten Musik, die dieses Jahr schon rausgekommen ist, ist es schon richtig schwierig geworden, immer mitzuhalten und alles vorzustellen, was hervorsticht. Der Song hier sticht aber auf jeden Fall hervor und hat es mehr als verdient, vorgestellt zu werden. Was an This Ain’t Your Home so besonders ist und wieso Novaa sich damit in eine Reihe von female empowerment Songs einreiht, lest ihr jetzt.

     
    Thank god for women

    Novaa ist eine der spannendsten Newcomerinnen da draußen und ich bin so froh, dass ich über Untoldency Künstlerinnen wie sie auf ihrer Reise mitbegleiten kann. Auch wenn sie schon länger Musik macht, fühlt sich das an, als hätte sie gerade erst angefangen, so richtig Vollgas zu geben. Mit This Ain’t Your Home hat Novaa die erste Single von ihrem neuen Album veröffentlicht. Es ist jetzt zwei Wochen seit dem Release und ich bin immer noch ein bisschen sprachlos, wenn ich es höre.

    Wir alle wissen, wie wichtig und groß die neue Welle an weiblichen Künstlerinnen ist, die immer mehr aufsteigen. Vor allem junge Künstlerinnen brechen mit „Tabus“, sprechen Themen an, die zu lange weggeschwiegen wurde, und lassen sich von niemandem mehr einschüchtern. Und das ist was, was ich mit meinen relativ alten und relativ jungen fast-25 Jahren (es schwankt) einfach nur liebe. Diese Generation an Künstlerinnen zu sehen, die die Zukunft verändern werden, macht einfach nur glücklich. Und auch ich bekomme dadurch nachträglich so viel mit, was ich selbst noch ändern kann. Ich lerne auch einfach so viel. Über Selbstliebe, Selbst-Empowerment, aber auch um den Schutz unserer Umwelt und anderen Themen, die sie alle anstoßen. Es ist einfach nur inspirierend. Und ermutigend. Patriarchat ist halt irgendwann auch einfach mal durch.  

     
    „My body’s my own, not yours”

    Das, über das Novaa in This Ain’t Your Home singt, ist eins dieser Themen. Tatsächlich, und da bin ich jetzt von Anfang an auch einfach mal offen, fällt es mir auch gar nicht so leicht, darüber zu schreiben. This Ain’t Your Home erzählt die Geschichte eines sexuellen Missbrauchs, den Novaa erfahren hat, und wie sie sich ihren Körper wieder zurückholt.

    Novaa, Untoldency, Untoldency Magazine, Indie, Musik, Blog, Blogger, Online Indie Musik Magazin, novaamusik, This Ain't Your Home, The Futurist„This Ain’t Your Home entstand als mir bewusst wurde, dass ich sexuell missbraucht worden war. Es ist bizarr, dass man den Missbrauch, der einem angetan wurde, oft erst dann realisiert, wenn man von einer Person eben nicht missbräuchlich behandelt wird. In unserer Gesellschaft gibt es eine Menge Ungleichheiten, eine Menge Ungerechtigkeiten. Eine davon ist Sexismus.”

    This Ain’t Your Home berührt auf diese ganz offene und intime Art, in der uns Novaa diese Geschichte erzählt. Sie zeichnet durch den Song selbst ihren eigenen Heilungsprozess auf und das in einem so schönen Lied zu verpacken und mit der Welt zu teilen, find ich unfassbar mutig. Aber wenn diese Generation von starken jungen Personen eins hat, dann Mut. Mut, dieses vermeintliche Tabu zu brechen, nicht über solche Sachen zu reden. Mut, denen sie dadurch auch anderen geben, die Ähnliches durchgemacht haben. Denn es geht ja nicht weg, wenn man nicht darüber redet.

     
    Ein emotionaler und befreiender feel-good Song

    Musikalisch fängt This Ain’t Your Home die Energie des Inhalts auf eine ganz spezielle Weise ein. Es ist weder eine bedrückende Ballade, noch ist es ein Indie-Pop Party-Song. Es ist direkt dazwischen, wirft einen emotional komplett hin und her und lässt einen am Ende dann aber doch noch tanzen.

    Während Novaa in der Strophe offen ihre Geschichte nacherzählt, baut sich der Track mit treibenden Beats und hallender Gitarre langsam auf. Seit zwei Wochen hör ich diesen Song auf Dauer-Repeat. Er hat einfach diesen Klang, der alles um sich rum einzieht. Sobald sich der Song entfaltet, wirkt die Kombination aus dem Beat und Novaas klarer Stimme einfach nur hypnotisierend. Ich höre den Song gerade zum dritten Mal nacheinander und hab mich dafür entschieden, dass ihr euch das selbst kurz anhören müsst, um zu verstehen:

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    Um noch ein bisschen offener zu sein, ich hab mir gerade das Musikvideo auch nochmal angeguckt und im Hinterkopf, wie schwer dieses Thema auch für Novaa selbst wirken muss, hat es mich ein bisschen zu Tränen gerührt. Novaa holt sich all das wieder, was ihr ohne Recht genommen wurde und ich kann gar nicht genug betonen, wie unfassbar stark und wichtig ich das finde. Sie reiht sich ein in Songs wie Your Power von Billie Eilish (Billie fucking Eilish ey) oder Pavement von Elena Steri (hier für euch in der Review). Alle zeichnen den Weg zurück zur Selbstliebe, aber geben auch eine klare Abgrenzung nach außen an: This ain’t your home.

    „No, I will never forget
    No, I could never remove it
    All of the stains on my mattress
    No, I don’t need to forget
    Now that I know I can see that
    There’s no space left for you„

    Ich bin wirklich unfassbar gespannt, was von Novaa in Zukunft noch kommen wird. Denn nicht nur geht sie auf solche sensiblen Themen ein, sondern bricht auch jetzt schon mit Gender-Normen und Leute, wie. ich. das. liebe. Aber davon vielleicht ein anderes Mal mehr.

    Vielleicht darf ich euch an dieser Stelle aber zu unserem women rising up Feature weiterleiten, in der ihr eine Playlist voller female empower songs findet, die den Start in die Woche garantiert positiver gestalten als das, was gerade im Radio läuft.

    Sonstige Schlussworte: Be kind and take care of each other. Ist ein langer Kampf gegen das Patriarchat, toxische Männlichkeiten und was da alles noch so vor sich hinschimmelt, aber wir sind auf einem guten Weg.

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    Fotocredit: Alexandra Lehti, Rebecca Kraemer

  • Mine nimmt uns in ihrem Album „Hinüber“ auf eine Reise voller Gefühle, politischer Statements und wunderschöner Pop-Songs

    Mine nimmt uns in ihrem Album „Hinüber“ auf eine Reise voller Gefühle, politischer Statements und wunderschöner Pop-Songs

    Wenn düstere Streicher auf bedrohliche Trommeln treffen, dann kann das nur eins bedeuten: Mine ist zurück. Mit viel Wucht und viel Perfektion – lyrisch als auch musikalisch. Mines viertes Album „Hinüber“ übertrifft alles, was Fans und Nicht-Fans erwartet haben. Zwischen ausgefeilten Produktionen, namenhaften Features und wichtigen politischen Themen ist das hier eigentlich nur ein Hit an Hit. Es ist wirklich ziemlich, ziemlich gut. Macht euch bereit auf eine ausführliche Dosis purer Begeisterung. 

     
    „Die ganze Welt hat sich auf meine Brust gesetzt“

    Jedes Mal wenn ich für Untoldency eine Album-Review schreibe, denk ich mir –  das wird nicht besser. Das ist hier die Platte des Jahres, das kann nichts übertrumpfen. Und dann kommt da keine zwei Wochen später eine neue Platte um die Ecke und ich muss alles wieder revidieren. Letzte Woche hab ich mich Hals über Kopf in die EP von Schmyt verliebt und jetzt kommt Mine und ich bin mir nicht mehr sicher, ob Schmyt was dagegen ausrichten kann. 2021 – alles ist scheiße, aber neue Musik ist so gut wie lange nicht mehr. Für die, die Mine nicht kennen, ist Hinüber ein sehr willkommener und dankbarer Einstieg. Für die, die Mine schon kennen, ist Hinüber (meiner bescheidenen Meinung nach) besser als alles, was sie vorher gemacht hat. So let’s begin, shall we.

    Ich hatte es in der Einleitung gespoilert: Hinüber beginnt mit düsteren Streichern und bedrohlichen Trommeln. Es beginnt mit Wucht. Der gleichnamige erste Song öffnet sich wie ein Akt über das Album. Wenn ihr diese Kombination aus Streichern und Trommeln hört, könnt ihr nicht anders, als euch das bildlich vorzustellen. Mine schreitet wahrhaftig in ihr eigenes Album hinein und alles andere, was parallel geschieht, hält an.  Hinüber ist in der ersten Minute schon so laut, so eindrucksvoll und setzt den Ton des Albums perfekt in Szene. Es ist 2021: weltumgreifende Pandemie, Aussterben von Tieren, Verschmutzung der Meere, menschenrechtswidrige EU-Politik an den Grenzen, rassistisch motivierte Gewalt der Polizei, … wo fängt man an, wo hört man auf. Dieser Zustand der Welt ist echt und kann lähmend wirken, wenn man zu lange über ihn nachdenkt. Aber nach lähmend kommt wütend. Und nach wütend kommt Hinüber.

    „Das Meer ist aus Plastik, der Hunger ist groß

    Solang du nicht matt bist, lass ich dich nicht los

    Das alles hält sich nur so lang

    Bis es hinüber ist irgendwann.“

    Manchmal stell ich mir vor, wie es ist als Künstlerin den eigenen Song das erste Mal selbst fertig zu hören. Wenn ich mir das bei einem Song wie Hinüber vorstelle, hab ich ehrlich gesagt ein bisschen Gänsehaut. Als wäre das noch nicht genug, holt sich Mine noch Sophie Hunger dazu, und das ist nicht nur eine absolut wunderschöne Kombination, sondern rundet das Ganze nochmal eindrucksvoll ab.

     
    Verführerische Pop-Melodien und funkige Beats

    Nach diesem Opener muss ich eigentlich erst mal durchatmen. Mine gibt mir diese Chance, auf eine Art, denn die wuchtige Untergangsstimmung wird ersetzt durch astreinen Pop. Bitte Bleib ist musikalisch sehr viel zugänglicher als Hinüber. Eigentlich kann man mich gar nicht so in der Pop-Spalte finden, vor allem wenn’s deutschsprachig ist. Aber Mine bestätigt die Ausnahme. Ich kann nicht genau sagen, was es ist, was siemit mir macht, dass ich ihre Songs instinktiv immer ganz laut hören will. Aber es ist auf jeden Fall da. Und so auch bei Bitte Bleib. Diese Melodie hat einfach was, dem ich sofort verfalle.

    Und wenn wir schon mal unter uns sind (ich tu einfach mal so): Ich hab einen riesen Crush auf Mines Stimme. Sie ist so klar und so on point, dass sie gleichzeitig gute Laune macht und unter die Haut geht. Sie singt Sachen wie „Bitte bleib, bitte bleib nicht wie du bist“ und inmitten eines eigentlich super zugänglichen Popsongs muss man da schon mal kurz ne Sekunde drüber nachdenken.

    Mine ist tatsächlich eine der wenigen Künstlerinnen, die ich kenne, die fast gleichermaßen im deutschen Pop- als auch Rapkosmos existieren. Und das nicht nur aufgrund der Features mit Deutschrappern wie Fatoni, Samy Deluxe oder Die Orsons. Mine arbeitet auch in ihrer eigenen Musik mit einfach geilen Beats, die in beiden Welten funktionieren. Wie genau sie das macht, das weiß wahrscheinlich nur sie, aber es ist einer der Hauptgründe, warum sie in der Musikszene als so begnadete Musikerin gilt. KDMH (Kannst Du Mich Hören) zeigt genau das. Im Interview letzte Woche erzählte Mine, dass sie für das Album das erste Mal richtig viel Geld in die eigene Produktion stecken konnte. Und das war bestimmt teuer, aber hat sich auf jeden Fall gelohnt. Drei Lieder ins Album und ich bin absolut begeistert. KDMH hat zum Ende hin ein bisschen was von einem Rave im Rausch und reißt einfach nur alle Emotionen mit.

     
    „Es zerreißt mein Herz“

    Mine hat diese Art, die einfach berührt. Schon Klebstoff, der Titelsong ihres letzten Albums, hat mich einfach auf diese eine unbeschreibliche Art mitgenommen und tut es immer noch. Mine spricht die Gefühle an, als würden sie direkt vor ihr stehen. Das ist einfach alles direkt auf den Punkt unverschont und ehrlich ausgedrückt. Mein Herz ist einer der schönsten und zugleich kitschigsten Pop-Balladen dieses Jahr. Es drückt so eine tiefe innere Traurigkeit aus, die, kitschig hin oder her, ich in diesen 3 Minuten voll fühle.  

    „Es ist schon Absicht, dass einige Leider textlich zugänglicher sind. Ich fand es schon immer total krass, wenn dich Popsongs unmittelbar erreichen, aber trotzdem nicht so ekelhaft anbiedernd um die Ecke kommen. Bei Liedern wie ‚Mein Herz‘ habe ich selber schon mal gedacht: ‚Krass, das hätte ich früher wahrscheinlich nicht so geschrieben, weil ich schlicht nicht den Mut gehabt hätte, das so direkt zu formulieren.‘“

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    Audiot ist der angekündigte Deutschrap Song, in dem Mine beweist, dass für sie nichts einfacher zu sein scheint, als einen Hip Hop Beat zu bauen. Mit Dexter und Crack Ignanz hat sie zwei Deutschrapper dazu geholt, die sich auf diesem sehr wohlfühlen. Audiot ist eine Anklage gegen den Formatradiomist, die immer gleichen Songs, die auf dem Radio rauf und runter laufen und dabei so relativ ohne Bestand zu sein scheinen.

    Nicht nur inhaltlich, sondern auch musikalisch passt Audiot nicht in diese Welt, in der alles so identisch klingt. Es fängt sehr ruhig an, mit vielen im Autotune gesungen übereinandergelegten Spuren. Dann kommt der Beat rein und, wie gesagt, Beats kann Mine. Die Strophe von Dexter läuft dagegen auf fast kompletter Stille und lässt seine Lyrics den ganzen Raum einnehmen. Ich muss sagen, das klingt fast schon bisschen sexy. Auch Crack Ignanz hat einen meiner Lieblingsparts auf dem ganzen Album, stilistisch trappiger, doch nicht weniger gut. Mine kommt mit dem leicht funkigen Beat wieder rein und alle leiden sie unter dieser langweiligen Gleichgültigkeit im Leben. So kann Musik klingen, wenn sie nicht für Radios geschrieben wird.  

     
    „Unser Kompass pocht und wir schweben los, hinein ins Kaleidoskop“

    Habt ihr euch mal gewundert, wie Eiskugeln in Form von Musik klingen? Ich mich auch nicht. Wollt ihr aber wissen, wie? Genau so.

    „Ich finde, ein Album darf nicht langweilig sein. Das ist mein wichtigster Anspruch. Ich hatte schon so viele deepe, schwermütige Songs und habe die ganze Zeit überlegt, was ich denn noch Positives besingen könnte.. Dann dachte ich plötzlich an Eis und hab ich diesen Beat gebaut, der mir so ein wenig cremig vorkam und wie Eis für mich klang. Das hatte dann wiederum Einfluss auf den Text, bei dem ich einfach Riesenspaß hatte. Ich liebe diesen Song, weil ich so was Leichtes noch nie auf einem Album hatte.“

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    Für mich ist Hinüber, wenn ich jetzt ein Zwischenfazit ziehen sollte, wirklich das stärkste Mine Album bisher. Ich bin, wie gesagt, auch bei Klebstoff 100% dabei und liebe das Album sehr, aber Hinüber hebt das nochmal alles eine Stufe höher. Es ist ein Mix aus allen möglichen Genres und nichts klingt gleich. Und das ist etwas, was wirklich ziemlich selten geworden ist.

    Die zweite Hälfte des Albums leitet Lambadaimlimbo ein. Lambadaimlimbo könnte so ein Song sein, der ein bisschen in den Weiten des Albums verschwindet, aber es lohnt sich wirklich, ihn festzuhalten. Es klingt wie ein Urlaubsausflug an warme Strände mit Sonnenuntergängen und spanische Gitarren. Ich weiß nicht, wie’s euch geht, aber ich will da hin. Elefant wiederum lebt von funkigen Gitarren, Synths, Trompeten und ganz viele andere übereinandergelegten Sounds. Es ist die besungene Metapher des Elefanten im Raum und reiht sich in die poppigen Songs des Albums ein.

     
    „Die Welt brennt“

    Das Album springt von Genre zu Genre und scheint nicht aufzuhören, zu überraschen. Tier ist das komplette Gegenteil vom Pop-Hit Elefant, aber dadurch textlich einer der meiner Meinung nach stärksten Songs auf dem ganzen Album. Gebt euch doch einfach nur mal den Refrain:

    „Und ich sehe, was mir durch die Hände fällt

    Und ich frag mich, was mich noch am Leben hält?

    Ist es nur die Sucht am Leben selbst?

    Mama hat gesagt, alle seh’n nur sich selbst

    Pass dich daran an oder zu zerfällst

    Fällst aus dieser Welt“

    Über einen tiefen Bass und orgelhaften Synths singt sich Mine wieder direkt in mein Herz. Diese ganz weit entfernte Trompete? It’s working. Mein vorhin erwähnter Crush auf ihre Stimme kommt hier nochmal völlig anders zu tragen. Das kann aber auch daran liegen, dass diese Thematik einfach alle meine Schwachpunkte trifft – this girl be overthinking things lot. Tier ist der perfekte Soundtrack dazu. Es ist die große Existenzkrise in dieser kaputten Welt. Es ist ein Ausdruck der verzweifelten Fragen, die man sich immer und immer wieder stellt und die irgendwie keine Antwort zu haben scheinen. „Wo soll ich mit den Fragen hin, wie machen diese Fragen Sinn, wenn eigentlich nur zählt ,auf dieser Welt, worein ich geboren bin“.

    Eigentlich kann man mit diesem Satz auch das ganze Album beenden, ich wäre fein damit. Aber der wichtigste Song fehlt noch: Unfall. Ich hab jetzt schon so viel zu diesem Album geschrieben, dass ich euch zum Schluss, und in dem Kontext zu Unfall, einfach mal ein bisschen „Fremd-Content“ ans Herz legen will. Rosalie Ernst hat im Kaput-Interview mit Mine über all das gesprochen, um das es in Unfall geht: Europäische Werte, Gleichheit, Umweltschutz und Aktivismus. Und das könnt ihr euch hier durchlesen, weil es ist wirklich nicht nur gut, sondern auch im gesellschaftlichen Diskurs sehr wichtig.

     
    Fazit

    Ich hätte wirklich noch viel mehr über dieses Album schreiben können. Man kann es von vorne bis hinten durchhören und wird nicht enttäuscht. Hinüber ist weit weg von einem durchschnittlichen, leicht langweiligen full-length Album. Hinüber ist eigentlich all das, was die deutsche Musikszene gerade braucht. Mehr Diskurs, mehr politische Stellung, mehr gut geschriebene Pop-Songs. Hört es euch an und packt es am besten auf Repeat, weil kann man durchaus öfter als ein Mal hören:

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    Fotocredit und Artwork: Simon Hegenberg, Jonas Gödde

  • Raus aus dem Lockdown und rein ins Abenteuer: Mar Malade und ihre „Postcards“-EP

    Raus aus dem Lockdown und rein ins Abenteuer: Mar Malade und ihre „Postcards“-EP

    Selten treffe ich auf eine Band, die mich vom ersten Lied an so verzaubert wie Mar Malade. Nach ihrer allerersten Veröffentlichung Cabriolet im letzten Oktober ist nun seit einer Woche ihre Debüt-EP Postcards draußen und jetzt schon einer der besten Sachen, die ich dieses Jahr gehört hab. Warum, wer hinter Mar Malade steckt und was eigentlich das ganze Konzept hinter diesem leicht mystischen Newcomer-Projekt ist, lest ihr jetzt.

     
    Mysteriöse Postkarten in Form von Musik

    „Willkommen in der Welt von Mar Malade! Wo jedes Lied wie eine Postkarte von einem Ort ist, an dem DU noch nie warst!“

    Wenn ihr euch genau so intensiv wie ich in der deutschen Indie-Bubble bewegt, werdet ihr die von zwei Jungs und ihren Postkarten in Form von Musik vielleicht auch schon gehört haben. Sehr wahrscheinlich wart ihr genauso begeistert wie ich und habt euch gefragt: Wer zur Hölle sind Mar Malade und wieso klingen sie so gut? Die erste Frage ist – noch – sehr schwer zu beantworten. Wer hinter Mar Malade steckt, weiß eigentlich niemand. Ihre Gesichter haben sie bisher immer hinter Artworks und animierten Avataren versteckt und sonderlich viele Informationen zu ihrer Person gibt es auch nicht. Außer man bewegt sich in der Bubble hinter den Kulissen oder stalkt ein bisschen rum (ein liebes @ an Jule hier), dann könnte man vielleicht schon mal Namen aufgeschnappt haben. Aber nach außen hin – ein komplettes Mysterium. Und gerade das macht es so spannend.

    Klar ist, Mar Malade sind zwar ein neues musikalisches Projekt, aber die beiden an den Instrumenten sind ganz und gar nicht neu in der Musikszene. So eine EP stemmt man nicht so schnell aus dem Boden, wenn man das noch nie vorher gemacht hat. Alle Songs sind für sich so unglaublich gut und auch zusammen ergänzen sie sich zu so einer schönen Konzept-EP. Jeder Song klingt wie eine andere Destination, eine andere Reise. Sie entführen aus diesem Lockdown-Wahnsinn, und steigen deep dive in jede Fernweh-Sehnsucht ein, die wir alle seit Monaten vor uns herschieben. Mar Malade ermöglichen es, den eigenen vier Wänden entkommen, indem man einfach nur auf Play drückt.

     
    Raus aus der seichten Lockdown-Depression, hinein in ferne Abenteuerreisen

    Dann lasst uns genau das tun. Mit No Bird (Mr. Hardy) ertönt der erste Song von Postcards. Es ist die einzige Single, die erst mit der EP veröffentlicht wurde. Auf der einen Seite super schade, denn es ist eindeutig mein Lieblingslied, aber andererseits auch wieder einfach nur genial, so was als Opener überraschen zu lassen. Man kann sich das nicht anhören, ohne absolut begeistert zu sein. No Bird (Mr. Hardy) setzt die Latte extrem hoch für alles, was folgt und gibt den Start der Postcards-Reise:


    „I got the engines running
    and the systems are checked
    this will be the day, will be the day,
    will be the day that I’ll never forget


    Mar Malade, Untoldency, Untoldency Magazine, Indie, Musik, Blog, Blogger, Online Indie Musik Magazin, Postcards EP, Cabriolet, Mexico, Fil Bo Riva, MarmaladeEngines running, system checked und die Reise beginnt. No Bird (Mr. Hardy) hat mich wirklich von Sekunde eins an so begeistert, dass ich es seitdem täglich mindestens ein Mal höre. Vor allem wenn dann die Frühlingssonne durchs Fenster scheint und man sich trotz des ganzen Wahnsinns da draußen ganz kurz, wenn nur gedanklich, an einen anderen Ort versetzen kann. Und das ist ja das ganze Konzept der beiden. Sie erzählen Geschichten von anderen Orten, malen Szenerien mit nur ihrer Musik. Ihre Songs sind wie Filme auf Musiktape, du legst sie ein und es erklingt eine alternative Welt, eine Reise, auf der du jetzt sein könntest. No Bird (Mr. Hardy) ist der beste Song, mit dem ihr jeden Roadtrip beginnen solltet. Stellt euch doch mal vor mit diesem Song laut im Autoradio an Küsten langzufahren, das Meer zu sehen, …

    Mar Malade schaffen es mit ihrem Sound aber nicht nur die perfekten Roadtrips-Vibes, sondern klingen dazu noch wie ein ganzes Band-Orchester. Gebt euch einfach mal diese Posaunen! Mar Malade bringen einfach Bläser mit an Start und sie fetzten, wirklich. Alles lebt, es ist wie ein grooviger Wanderschritt aus der Hüfte: raus aus der seichten Lockdown-Depression, hinein in ferne Abenteuerreisen.

     
    „You bring me that love, that marmalade“

    Mexico knüpft genau an der Roadtrip-Energie an, mit der No Bird (Mr. Hardy) die EP gestartet hat. Ich weiß, es ist komisch, wenn ich hypothetische Menschen anspreche. Aber Leute. Was ist das eigentlich für eine geniale Band. Mexico haut einfach alles weg. Ich hab‘s das erste Mal gehört und wusste nach ein paar Sekunden – das ist es. Das ist der Beweis, dass Mar Malade Welten weit weg sind, als „Newcomer“ zu gelten. Das sind atemberaubende Musiker, die sich im Lockdown einen Haufen Instrumente geschnappt und einfach diese fünf Songs aufgenommen haben. Als wäre es Nichts! Man merkt es vielleicht nicht, aber ich bin begeistert.

    Auch hier gibt es wieder Bläser und verschiedenen Trommeln, alles ist so vielschichtig, dass ich gar nicht weiß, wohin ich zuerst hören soll. Die beiden machen mit allem Musik, was so rumliegt und kreieren dadurch einen Sound, der jedenfalls für mich komplett unvergleichbar ist. Der Song ist ständig in Bewegung, hier ist alles vorprogrammiert, mich tanzen zu lassen. Das mal auf ‘nem Festival?? Was ist das für eine Traumvorstellung. Mar Malade, wo immer ihr auch das erste Festival haben werden, 2023 dann, ich werd hinreisen. Nur um Mexico zu hören und zu sehen, wie ihr immer mehr Menschen verzaubert.

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    Auch Marmalade, der namensgebende Song des Projekts, fängt an mit einer Kulisse, von der ich dachte, sie nie wieder zu hören. Die Soundkulisse einer Kneipe: das Gemurmel, das Geklimpere, das Schieben alter Stühle, die live eingespielten Akkorde einer Gitarre. Ich seh sogar die Kerzen. Die Welt vor 2020, was ein Konzept. Ich geb mit meinen Negativ-Saldo jeder Person einen aus, die mit mir trinken geht, sobald das wieder möglich ist.

    Davon ab ist Marmalade, rein musikalisch, eine der schönsten Indie-Pop-Balladen, die ich dieses Jahr gehört hab. Es ist ein Liebeslied, die rosa Brille, die man in den ersten Wochen trägt und alles einen super glücklich macht. Wer hier in love ist, das ist natürlich offen, aber wenn es nach Mar Malade geht, dann ist das beste Match du und ihre Postcards.

    „Heat up your speakers and open that can of marmalade. It’s been waiting for you too long – hidden in that dark corner of your pantry. Today that’s just you and it. Chocolate spreads can wait. Mhmmm, yesss… this is what love takes like!”

     
    “Grab me like your car keys, I’ll be your cabriolet”

    Wir gehen jetzt hier Track für Track durch die Postcards-EP, weil auch einfach jeder einzelne Song alleinstehend für sich überzeugt. Quickborn ist der langsamste Track von allen. Er ist wie eine trockene (aber schöne!) Wüste, in der man Wasser sucht. Und ja, ich bin mir ziemlich sicher, das ist eine Harfe oder irgendwas anderes vergleichbares schönes, das gezupft wird. Doch es wären nicht Mar Malade, gäbe es nicht auch in diesem Song einen angebenden Rhythmus, der einen groovig aus der Küche ins Wohnzimmer wandern lässt. Quickborn ist wie ein Track im Track und die Entfaltung der Stimmen einfach nur ein bisschen Magie. Komplett verschiedene Energien treffen aufeinander und vervollständigen sich. Einfach nur wahnsinnig schön.

    Als letztes Lied der EP ist Cabriolet die Single, die das Duo als erste veröffentlicht hat. Sie hat jetzt schon über eine halbe Millionen Streams gesammelt und das ist für die allererste Single einer Band ein ganzes Statement. Cabriolet fühlt sich an wie ein idyllischer Ausflug in malerische Landschaften oder ein absolut entspannter Mittagschlaf auf einer Hängematte und Destination der Wahl. Funktioniert beides sehr gut, auch wenn die Auto-Metapher natürlich für erstere Beschreibung besser passt. Aber ich will vielleicht auch einfach sehr gerne auf einer Hängematte liegen, also geh ich damit.

    Was mir noch so auffällt, als ich Cabriolet höre, ist nicht nur die wunderschöne Stimme des Leadsängers (denn das spricht für alle Lieder zu), sondern die sprachlichen Bilder, die den Song noch zusätzlich versüßen:


    „I can be your flour, bake me like an apple pie
    taste me sweet and sour, there’s no time for a salty life
    I can be your mushroom, activate your appetite
    oh yeah, meet me in the washroom, I will clean your laundry right„


    Man kriegt mich wirklich immer mit Wortspielen, aber wenn dann dahinter noch so ein kleines verschmitztes Lächeln hervorblinkt, kann man mir alles verkaufen. Und das ist auch so ein bisschen das, was Cabriolet macht. Es ist eine zuckersüße Versuchung, sich auf etwas einzulassen, von dem man vielleicht gar nicht so genau weiß, was es ist. Die Metaphern fliegen nur so durch den Raum und wenn man nicht aufpasst, wird man von einer verzaubert. Wer coole Pick Up Lines sucht, darf sich hier gern bedienen, bei mir würden sie reihum alle funktionieren.

     
    Fazit

    Was soll ich hier groß zusammenfassen? Mar Malades Debüt-EP hat mich wirklich völlig aus dem Nichts erwischt und vollends begeistert. Wenn die beiden bei euren Lieblings-Indie-Artists auf der nächsten Tour Support spielen, dann wisst ihr jetzt schon, auf was ihr euch freuen könnt. Und wann immer euch bis dahin zuhause die Decke auf den Kopf fällt – macht das hier an und reist ein bisschen in eurer eigenen Wohnung und Gedanken umher. Es hilft.

    (Und wer sich zusätzlich noch ihre Version von und mit Fil Bo Riva zu Franzis angucken will, kann das hier tun.)

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  • Mine im Interview: »Das hat eine ganz neue kreative Freiheit mit sich gebracht.«

    Mine im Interview: »Das hat eine ganz neue kreative Freiheit mit sich gebracht.«

    Nächste Woche ist es so weit: Mine veröffentlicht ihr viertes Album „Hinüber“! Eigentlich ist es fast unmöglich, Mine jetzt noch nicht auf dem Radar zu haben. Als studierte Musikerin lässt sich die Singer-Songwriterin eigentlich schwer in ein Genre packen, denn sie nimmt sich immer zur Aufgabe, genau diese zu brechen. So bewegt sie sich sowohl im Pop-Bereich als auch im Rap, und das ist ein Spagat, der eigentlich recht schwer scheint. Doch Mine macht’s. Bevor ihr neues Album also nächste Woche erscheint, haben wir mit ihr über ihre künstlerische Entwicklung gesprochen, den Einfluss der Pandemie und aber auch ihre größte Phobie.

     
    Mine im Interview

    Anna:  Hey, super lieb, dass du dir die Zeit nimmst! Wenn auch eine etwas lapidare Frage am Anfang, aber wie geht’s dir?

    Mine: Erstmal – danke für die „Einladung“ und das Interesse! Freut mich sehr! Mir geht’s eigentlich sehr gut. Ich vermisse meine Band und Konzerte, aber das tut wohl jede:r gerade. Ansonsten kann ich mich nicht beschweren. Irgendwie wirkt die Promophase surrealer als sonst, weil man fast alles von zu Hause aus macht. Ich mag allerdings lieber mit Menschen direkt in Kontakt zu treten.

    Anna: Wenn man dich nach deinem letzten Album Klebstoff verfolgt hat, weiß man, dass du direkt nach Release an neuen Sachen gearbeitet hast. Dann kam diese 360°-Pandemie-Wende. Wie hast du das alles wahrgenommen und wie hat das den Prozess des Albums beeinflusst?

    Mine: Ich hatte ja scheiße Glück, dass ich in 2020 eh kein Release und keine Tour geplant hatte. Es ist zwar sehr viel ausgefallen, aber insgesamt hab ich dir Zeit trotzdem gut nutzen können. Die Studiophasen waren dadurch sehr intensiv, weil ich mehr am Stück arbeiten konnte. Auch mal so 2 Wochen, was sonst kaum vorkommt, weil ich ja auf die Bühne gehe. Ich würde sagen, dadurch war die Zeit sehr intensiv und ich hab auch gemerkt, wie unfassbar happy mich das macht. Ich bin einfach sehr gerne im Studio. Das erfüllt mich richtig krass.

    Anna: Ich finde, Hinüber hebt das, was du mit Klebstoff geschaffen hast, nochmal auf eine höhere Ebene – ich bin wirklich ziemlich begeistert. Wie würdest du deine eigene musikalische Entwicklung beschreiben, wenn du an deine ersten Releases zurückdenkst?

    Mine: Vielen Dank erstmal – das freut mich zu hören. Ich bin da ja immer recht nah dran und sehe Entwicklungen nicht so. Was ich aber dieses Mal auf jeden Fall bemerkt habe, ist, dass meine Producer-Skills besser geworden sind. Ich hab 2019 zum ersten Mal richtig Geld verdient und konnte mir neue Plugins kaufen, paar neue Hardware Sachen und vor Allem hab ich richtig viel Geld für Sessionsmusiker*innen ausgeben können, was eine ganz neue kreative Freiheit mit sich gebracht hat. Ich hab vorher nie eine Session mit 13 Streichern machen können. Sowas kostet einfach ein Arsch voll Geld. Ich war auch wochenlang aufgeregt und dann hat aber alles so heftig Bock gemacht – ich bin echt sehr dankbar dafür.

     
    „Jeder Song hat eine eigene Geschichte und ich will keinen missen“

    Anna: Zu deiner ersten Singleauskopplung Unfall hast du vorab die Noten online gestellt und deine Fangemeinschaft aufgerufen, eigene Versionen des damals noch nicht gehörten Songs zu erstellen. Das Feedback war enorm und auch wirklich ziemlich gut. Hast du damit gerechnet und hat das deine Beziehung zu deinem eigenen Song verändert?

    Mine: Ich hab null damit gerechnet. Ich dachte, wenn so 20 Leute mitmachen würden, wäre das der Oberhammer. Es waren 96 (!!!) und was mich am glücklichsten gemacht hat, ist, dass es sooo unterschiedliche Menschen waren aus den unterschiedlichsten Genres. Ich selbst höre ja auch querbeet. Alles, was gut ist, ist erlaubt. Und ich fands geil, dass sich das auch in der Zuhörerschaft wiederspiegelt. Techno, Metall, Jazz, Electro. War alles dabei.

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    Ich höre den Song jetzt tatsächlich anders. Ich hab ständig alle Versionen gleichzeitig im Ohr, was total verrückt ist. Als wir letztens den Song das erste Mal geprobt haben, musste ich mich ganz neu reindenken, um wieder zu checken, wie ich den Song musikalisch „gemeint“ hatte. Das war irre.

    Anna: Gibt es Songs auf dem Album, die für dich besonders herausstechen und sich vielleicht im Nachhinein besonders in dein Herz geschlichen haben?

    Mine: Hm, nein, eigentlich mag ich echt alle gleich gern. Jeder Song hat eine eigene Entstehungsgeschichte und ich will keinen missen..

    Anna: Hast du dir den sprichwörtlichen Elefant im Raum immer so vorgestellt wie im Video?

    Mine: Eigentlich ist der Elefant im Video gar nicht zu sehen. Ich wollte mit einer Kreatur interagieren, die frei ist von Personifizierung. Weil es für mich um keine spezifische Beziehung geht, sondern um alle. Egal ob Lebenspartner:in, Elternteil oder Freund:in.

    Anna: Zum Schluss fragen wir immer nach einer untold story – irgendwas, was du noch nie in einem Interview erzählt hast.

    Mine: Sachen, die ich in Interviews nicht sage, will ich meist auch nicht sagen – also ist das eine super schwierige Frage für mich. Aber ich sag mal spontan, was mir einfällt: Ich leider unter einer enormen Spinnenphobie. Das ist so schlimm, dass ich manche Urlaubsorte prinzipiell ausschließe, weil ich mir nicht vorstellen kann, dass ich das psychisch überlebe.

     

    Bevor das Album nächste Woche kommt, hier das Musikvideo zu ihrer aktuellen Single Elefant:

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    Fotocredit: Simon Hegenberg