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Ursina im Interview: »Ich wollte ausbrechen, selber Musik erfinden und nicht immer nach Noten spielen.«

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Wir haben heute einen interessanten und wunderschönen Musik-Input direkt aus der Schweiz für euch. Ursina ist studierte Musikerin und Singer-Songwriterin, die auf ihrem neuen Album When I Let Go ruhige, aber auch groovige Songs vereint. Die Kombination aus Jazz, Folk und Ursinas klarer und melodischer Stimme hat wirklich was, was direkt ins Herz geht. Wir haben sie für euch in einem Vorstellungsinterview rund um die Prozesse hinter dem Album, heiße Musiktipps aus der Schweiz und den Klimaschutz in der Musikindustrie gesprochen.

 
Ursina im Interview

Anna:  Hey Ursina, freut mich sehr, dich auf diesem Weg kennenzulernen! Willst du dich vielleicht für die, die dich noch nicht vorher kennen, kurz vorstellen?

Ursina: Hey Anna, sehr gerne! Ich bin Musikerin und Songwriterin und lebe zurzeit in Zürich. Aufgewachsen bin ich in einem Bergdorf mitten in den Schweizer Alpen. Dort spricht man Rätoromanisch, die Sprache, die du auch immer wieder in meinen Songs hörst. Ich habe in der Schweiz Jazzgesang studiert, bin dann für ein Jahr nach Kopenhagen, habe dort viel Musik gemacht und geschrieben und bin mit einem Rucksack voller Songs nach Hause zurückgekehrt. So hat vor zehn Jahren alles begonnen. Nach zwei EPs und dem Debutalbum You Have My Heart ist jetzt gerade mein neues Album When I Let Go erschienen. Meine Musik würde ich als atmosphärischen Indie-Pop beschreiben.

Anna: Wie hast du deine Liebe zur Musik gefunden?

Ursina: Die Liebe war schon immer da. Bei uns zu Hause war Musik immer präsent, vor allem klassische Musik. Dort liegen meine Wurzeln. In dieser Stilrichtung wurde es mir aber irgendwann zu eng. Ich wollte ausbrechen, selber Musik erfinden und nicht immer nach Noten spielen. So habe ich mich auf die Suche gemacht und habe über den Jazz, der im Gegensatz zur Klassik, von der Freiheit und Improvisation lebt, zu meiner Musik und meinem Stil gefunden.

Anna: Wie siehst du deine künstlerische Entwicklung von Start bis jetzt zum neuen Album? Was hat dir das letzte Album vielleicht auch mitgegeben, was du jetzt in dein Neues gesteckt hast?

Ursina: Die Anfangszeit meiner Band begann, als wir noch an der Jazzschule studierten. Dieses Umfeld hat unseren Sound bestimmt mitgeprägt, auch wenn ich meine Musik nie als Jazz bezeichnen würde. Die Musik, die ich höre, fließt aber unterbewusst immer in meine Songs ein.

Die ersten zwei EPs Time Is A Thief und Hiding Behind A Mask waren die ersten zwei richtigen Studioproduktionen, die ich gemacht habe. Die Aufnahmen klingen im Vergleich zu heute roher und ungeschliffener. Dann kam You Have My Heart und die Produktion mit Pola Roy in Berlin. Es war meine erste Erfahrung mit einem Produzenten und hat mich sehr weitergebracht. Das Debutalbum war gleichzeitig auch eine Art Abschluss. Die Musiker*innen, die mich bis dahin begleitet hatten und ich, wir wollten musikalisch andere Wege gehen, hatten andere Visionen. Das taten wir dann auch.

Zuerst gab es aber eine Zeit der Neufindung. Ich überlegte mit bewusst, wie ich in Zukunft klingen wollte und welche musikalischen Schritte ich als nächstes machen wollte. Ich hörte viel Musik und jammte mit diversen Leuten. Auch beim Songwriting probierte ich diverses aus, nahm auch mal Instrumente in die Hand, die ich nicht spielen konnte, entwickelte Songideen mal mit einem Beat, anstatt am Klavier. Irgendwann merkte ich, dass ich viel zu weit gesucht hatte. Ich begann mit meinem Partner Florian Egli an meinen Songs zu arbeiten. Es war sehr inspirierend, zusammen an den Songs zu arbeiten und führte die Musik auch in neue Richtungen.

 
“Rätoromanisch zu singen, ist mir wichtig, weil es mir sehr nahe ist“

Anna: Dein neues Album heißt „When I Let Go”. Welche Themen haben dich beim Albumprozess beschäftigt? Und was hast du losgelassen?

Ursina, Untoldency, Untoldency Magazine, Indie, Musik, Blog, Blogger, Online Indie Musik Magazin, ursina, when i let go, pola roy, RätoromanischUrsina: Das Loslassen ist das Hauptthema des Albums. Das Loslassen von Vorstellungen, von Beziehungen, von Meinungen, von Ängsten und Mut haben, mutig zu sein. Ich habe die Vorstellung losgelassen, alles in der Hand zu haben und kontrollieren zu wollen, das war ein sehr befreiendes Gefühl. Loslassen hat im Gegensatz zu Festhalten eine Bewegung drin – und Bewegung finde ich gut. Es fällt mir aber auch nicht immer leicht, etwas gehen zu lassen. Und genau an diesem Punkt wird es spannend. Ich frage mich auf dem Album auch, ob es vielleicht doch etwas gibt, woran es sich lohnt, festzuhalten. Die Hoffnung, dass sich Dinge doch noch zum Guten wenden vielleicht?  

Anna: Einige deiner Lieder sind auf Rätoromanisch, einer Sprache, die man in den Schweizer Alpen spricht. Was macht diese Songs so besonders für dich?

Ursina: In meiner Muttersprache zu singen, bringt etwas in die Musik, das anders ist. Ich kann selber nicht genau festmachen, was es ist. Es ist bestimmt der Klang der Sprache. Interessant ist aber auch, dass meine Stimme anders klingt, wenn ich auf Rätoromanisch anstatt auf Englisch singe. Rätoromanisch zu singen, ist mir wichtig, weil es mir sehr nahe ist und weil es mir Spaß macht, rätoromanische Songs zu schreiben und zu singen. Bisher waren meine rätoromanischen Songs schon eher ruhige Lieder. Auf dem neuen Album habe ich auch versucht, groovigere Musik zu den Texten zu komponieren. Bei Tut semida (Alles verändert sich)ist mir das auch gelungen und auch bei Miu cor (Mein Herz).

Anna: Merkst du, dass du dadurch auch ganz andere Menschen mit deiner Musik erreichst, die du sonst nicht erreicht hättest?

Ursina: Die Rätoroman*innen erreiche ich mit den Rumantsch-Songs auf jeden Fall besser, als mit den Englischen. Sie freuen sich immer sehr, wenn es neue rätoromanische Musik gibt. Dieser Home-Support ist sehr wertvoll und stärkt mir den Rücken ungemein. Ob ich damit auch Menschen erreiche, die nicht Rätoromanisch sprechen aber sich deswegen von meiner Musik angesprochen fühlen, ist für mich schwierig zu beurteilen. Es würde mich mega freuen, wenn das so ist. Ich denke aber auf jeden Fall, dass mir das Rätoromanisch einen Exotenbonus gibt und man sich vielleicht eher an mich erinnert, als wenn ich „nur“ Englisch singen würde.

 
„Let go of what needs to go”

Anna: Gibt es einen Song auf der neuen Platte, der dir besonders viel bedeutet oder besonders herausfordernd für dich war in der Entstehung/Produktion?

Ursina: Let Go ist der Kernsong des Albums und der Refrain das Mantra dazu: “Let go of what needs to go,confront your mind with emptiness. Connect your body and soul, get lost inside your own universe.

Diesen Song habe ich auf der Gitarre geschrieben, obwohl ich gar nicht wirklich Gitarre spielen kann. Das war eben in der Phase, in der ich Diverses ausprobiert und mit verschiedenen Songwriting-Methoden experimentiert habe. Der Song hat alles ins Rollen gebracht.

Anna: Wenn wir gerade bei der Produktion sind – für dein erstes Album hast du mit Pola Roy (Wir Sind Helden) zusammengearbeitet, für When I Let Go mit dem irischen Produzenten David Odlum. Wie hast du die Unterschiede der Produktion beider Alben wahrgenommen? Und was war das Besondere an der Zusammenarbeit mit David, die dieses Album stark beeinflusst hat?

Ursina: Die Zusammenarbeit mit beiden Produzenten war sehr gut und passte zum Moment. Bei You Have My Heart sind wir alle mit unseren Instrumenten nach Berlin gereist, haben dort quasi als WG in einer Wohnung gelebt und zwei, drei Wochen täglich in Pola Roys Studio in Kreuzberg gearbeitet. Das war sehr intensiv.

Bei When I Let Go gab es verschiedene Sessions. Die Basic-Tracks haben wir ebenfalls als Band im bekannten Powerplay Studio in der Nähe von Zürich eingespielt, aber in zwei kürzeren Sessions, weil es zeitlich nicht anders ging. Weil ich damals schwanger war, entschieden wir, so lange daran weiterzuarbeiten, wie es für mich ging. Das haben wir dann in unserem Proberaum in Zürich gemacht und Vocals und viele Overdubs aufgenommen. Dann kam das Baby. Gleichzeitig fing aber auch die Pandemie an. Das war im Frühling 2020. Es gab also eine längere Pause, in der David die ersten Songs mischte, die wir bis dahin fertiggestellt hatten. Erst im Herbst konnten wir dann weiterarbeiten. Lustigerweise waren Florian und ich da auch für einige Zeit in Berlin und so hat uns David dort besucht und wir haben auch dieses Album in Berlin fertiggestellt.

Die Arbeit mit David war super. Er wird nie müde und hat auch nach vielen Stunden im Studio noch die besten Ideen. Sein irischer Humor ist grandios und seine technischen Fertigkeiten Weltklasse.

 
„Das Thema Klimaschutz rückt in der Musikszene immer mehr ins Bewusstsein.“

Anna: Ein Thema, was dir auch sehr wichtig ist, ist die Verbundenheit zur Natur und – damit einhergehend – Klimaschutz. Was bedeutet dieser Verbundenheit mit der Natur für dich und wie nimmst du als Künstlerin die Klima-Bewegung in der Musikszene wahr?

Ursina, Untoldency, Untoldency Magazine, Indie, Musik, Blog, Blogger, Online Indie Musik Magazin, ursina, when i let go, pola roy, RätoromanischUrsina: Draußen in der Natur, sei es im Wald oder in den Bergen, kann ich meine Batterien wieder aufladen. Naturschutz, Klimaschutz und Nachhaltigkeit liegen mir sehr am Herzen und ich achte darauf, nachhaltig und bewusst zu leben, z.B. indem ich Flugreisen vermeide, Secondhand kaufe oder auch bei meinen Tonträgern die Verpackung aus Karton herstellen lasse. Die Vinyl von When I Let Go besteht z.B. teilweise aus recyceltem Vinyl. Das Thema Klimaschutz rückt in der Musikszene immer mehr ins Bewusstsein. Unsere Branche war bisher ja nicht sehr klimafreundlich. Die Organisation Music Declares Emergency setzt sich sehr stark dafür ein, dass die Musikbranche die Klimakrise anerkennt und sich deren Abläufe ändern. Ich finde es schlimm, wenn z.B. Festivals Band aus aller Welt einfliegen, um ein Konzert zu spielen, und einheimische Bands kaum einen Platz im Programm finden, obwohl das Potential enorm wäre.

Anna: Da du aus der Schweiz kommst, hast du vielleicht ein paar Musikempfehlungen von Künstler:innen, die wir unbedingt auf dem Schirm haben sollten?

Ursina: Da gibt es sehr viel spannende Musik, hier ein paar Künstler*innen und Alben, die ihr euch unbedingt anhören solltet: 

Anna Erhard – Short Cut
Mnevis – The Course Of Events
Luzius Schuler – Moon is the oldest TV
Kush K – Lotophagi
Michael Benedikt – Peace

Anna: Für unsere letzte Frage fragen wir immer nach einer untold story: eine Anekdote oder ein Funfact, die du so noch nie in einem Interview erzählt hast.

Ursina: Bei dieser Frage könnte ich jetzt stundenlang grübeln, deshalb einfach spontan, was mir gerade einfällt: Obwohl ich es mir immer wieder vornehme, meine Songs mit dem Text zu beginnen, fällt es mir einfach viel leichter, Musik zu erfinden. Und so kann es sein, dass ich einen ganzen Song mit Melodie und Akkorden plötzlich habe, aber nur zwei, drei Textzeilen. Klar, das Gefühl oder Thema ist zwar da, aber nun stehe ich wieder vor der schwierigen Aufgabe, die Melodielinien, die mir so ohne Worte super gut gefallen, mit den richtigen Worten zu füllen, die rhythmisch und klanglich perfekt (!) passen müssen. Immer wieder eine Herkulesaufgabe. Umso schöner, wenn der Song dann endlich fertig ist. 

 

Fotocredit: Angelika Annen

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