Träumerisch sanfte Indie-Rock Melodien, die sich nach einem warmen Herbstspaziergang anhören – Genau diese Gefühle von Wärme, Nostalgie und Sehnsucht schafft M. Byrd mit seinen Songs und das nicht nur durch die Musik.
Der Singer-Songwriter und Multiinstrumentalist aus Hamburg veröffentlichte 2020 seine Debut-Single Mountain, die ihm seither den Status als vielversprechender Indie-Newcomer eingebracht hat. Letztes Jahr veröffentlichte M. Byrd dann seine erste EP Orion, die mit drei weiteren Tracks den sanften Indie-Rock Sound weiterführt. Vor allem die Texte sind malerisch und verträumt.
„When I wake up in the night, And my mind is still cascading, In your eyes I try to find, How to make it through these changes”
Vor zwei Wochen veröffentlichte M. Byrd nun seinen neuen Song Flood, der im Gegensatz zu seinen vorherigen Releases ein wenig dynamischer klingt. Die träumerische Atmosphäre bleibt trotz des treibenden Charakters des Songs bestehen und verleiht dem Sound von M. Byrd einen Wiedererkennungswert. Flood handelt von Dingen, mit denen wir alle irgendwann mal in unserem Leben konfrontiert werden: Liebe, Distanz, Verwirklichung und dem Loslassen. Musikalisch spiegelt Flood mit seinem konstanten und forttreibenden Sound die Turbulenzen im Leben ziemlich gut wieder – wie ein Wasserfall eben. Er klingt nach Freiheit und Leichtigkeit.
Das offizielle Musikvideo zum Song zeigt Aufnahmen von M. Byrd inklusive Band auf Tournee. Abwechselnd bekommt man Einblicke von der Band auf der Bühne, unterwegs im Tourbus oder wie sie bei einem Tourstop Paris erkunden – mal in schwarzweiß, mal in Farbe. Als Zuschauer*in hat man das Gefühl Teil dieser Reise zu sein, sodass sich der Song ziemlich gut als Soundtrack für ein Roadmovie eignet.
„Flood“ Acoustic-Session live in Paris
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Heute veröffentlicht M. Byrd eine ganz besondere Version des Songs: eine Acoustic-Session. Aufgenommen wurde das Video in Paris, während M. Byrd dort ein ausverkauftes Konzert gespielt hat. Gemeinsam mit seiner Gitarristin und seinem Bassisten, die ihn lediglich mit Gesang begleiten, sitzt der Sänger mit seiner Akustik-Gitarre unter einem Steinpavillon in Paris. Auch in diesem Video gibt es abwechselnd Sequenzen in schwarzweiß und in Farbe. Das Schöne an einer Akustik-Version? Alles ist so roh und ehrlich. Aus dem dynamischen Song wird eine sanfte Version, die genauso träumerisch klingt und die Bedeutung des Songs auf eine andere Ebene bringt. Die visuelle Ästhetik der schwarzweiß Sequenzen vermittelt umso stärker ein Gefühl von Sehnsucht und Nostalgie.
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Im vergangenen Monat waren wir auf dem Reeperbahn Festival unterwegs, das dieses Jahr zum 17. Mal stattgefunden hat. Vier Tage lang bietet das größte Clubfestival in Europa neben zahlreichen Konzerten auch Workshops und Vorträge an, die sich rund um die Popkultur drehen. Das Festival dient jedes Jahr als ein Ort des Zusammenkommens von Künstler*innen, Musik- und Kulturinteressierten sowie Fachbesucher*innen aus der ganzen Welt. Diskussionsrunden zu aktuellen Entwicklungen in der Musikwirtschaft sind ebenso im Programm. Das Reeperbahn Festival lohnt sich für alle, die Bock auf Livemusik haben und neue Acts entdecken wollen.
Auftakt mit BILBAO und Beachpeople
Musikalisch hat das Reeperbahn Festival für uns am Mittwoch mit der Band BILBAO im Spiegelzelt der Festival Village gestartet. Die Indie-Pop Band aus Hamburg lieferten einen energievollen Start in das Programm. Für die Jungs dürfte der Auftritt wohl etwas ganz besonderes gewesen sein, denn die Idee für die Gründung von BILBAO kam auf dem Reeperbahn Festival 2019. Passender als ihr tanzbarer Spätsommer-Indie-Pop hätte der Anfang nicht sein können.
Ganz anders ging es mit Beachpeople weiter. Bei gemütlicher Atmosphäre in den roten Samtsesseln des Imperial Theaters konnten wir dort sanften melancholischen Träumereien lauschen. Zwischen der enormen Lebhaftigkeit des Festivals konnte man sich dort der Musik völlig hingeben und vergaß jegliches Zeitgefühl.
Kaftklub legen die Reeperbahn lahm
Die Stimmung auf dem Reeperbahn Festival war krass. Wie könnte man das toppen? Eine Frage, die leicht zu beantworten ist. Auf dem Spielbudenplatz lief die Bavarian Export Session mit Elena Steri. Ein kurzer Blick über den Zaun und man sah, wie die komplette Reeperbahn abgesperrt wurde und eine Bühne mitten auf der Straße stand. Menschenmassen strömten auf die Bühne zu und es war kein Ende in Sicht. Was das bedeutet, merkte man ungefähr 30 Sekunden nachdem Elena Steri ihr Set auf der Bühne beim Spielbudenplatz beendet hatte.
Ein paar Meter weiter setzen Gitarren ein und Menschen jubelten. Und dann war Kraftklub da! Die Stimmung war nicht zu toppen. Einen Tag nach Album-Release sind alle im Kraftklub Fieber. Als dann auch noch Special Guest Casper auf die Bühne kommt, weiß man, dass dieser Gig zum Festival-Highlight werden könnte. Zum Schluss sprang noch Bill Kaulitz bei „Fahr mit mir (4×4)“ auf die Bühne.
Moshpit mit Paula Hartmann
Erwartungsvoll machten wir uns auf den Weg zu Paula Hartmann. Beim Uebel & Gefährlich angekommen, sahen wir schon viele andere in der Halle stehen. Die Vorfreude war natürlich nicht unbegründet! Friso kam als erster auf die Bühne. Ein Moshpit nach dem anderen spielte sich in der Mitte ab und Paulas melancholische Texte sangen alle mit, während zu den Beats getanzt wurde. Gegen Ende ihres Sets stimmte sie noch ihre Version von „Another Love“ von Tom Odell an. Stolz erzählte sie, dass sie am Tag vorher in Hamburg auf einem Konzert von ihm war. Genauso schön war es, als auch bei diesem Track alle mitsangen. Nach dem Konzert waren wir verschwitzt, aber vor allem glücklich und voller Euphorie.
Malerischer Indie-Rock mit M.Byrd und Luke Noa
Die St. Pauli-Kirche in Hamburg vermutet man erstmal nicht als Location für ein Musikfestival. Steht man aber im Gang neben den Kirchenbänken und schaut auf die Bühne, entwickelt sich ein unglaublicher Charme. Die beiden Künstler M.Byrd und Luke Noa haben dort im Rahmen des Festivals ein Konzert gegeben und mit ihrer Musik eine ganz besondere Atmosphäre kreiert. Das Zusammenspiel von Klang und Kulisse verlieh dem Clubkonzerte-Alltag eine schöne Abwechslung.
Die Kulisse war perfekt für den träumerischen Indie-Rock Sound von M.Byrd. Auch Luke Noa hat auf der Humming Records Labelnight im Drafthouse eine wahnsinnig gute Show mit Full-Band Line Up hingelegt. Seinen aktuellen Song „21“ hat er am Ende mit Sängerin Lina von Brockhoff performt – das war magisch.
Tränen bei der Betterov & Friends Session im Michel
Magisch ist auch das perfekte Wort für das Betterov & Friends Konzert im Michel. So besonders wie das Setting in der beeindruckenden Kirche, war auch die Setlist. Betterov betrat die Bühne, hinter ihm die Streicher, dirigiert von Tim Tautorat. Wir hörten Songs des neuen Albums und „Viertel vor Irgendwas“-Tracks, die sich warm und bekannt anfühlten. Im Verlauf des Konzerts kamen die Special Guests auf die Bühne. Novaa, Paula Hartmann, FIL BO RIVA und Olli Schulz performten jeweils einen Betterov-Track und einen eigenen Song im Duett. Irgendwann hatten wir aufgehört die Gänsehaut-Momente zu zählen – es waren sehr viele! Vor allem das Duett von Betterov und Paula Hartmann mit „Nie Verliebt“ war wunderschön. Zweistimmig sangen die beiden den letzten Chorus, dann setzen die Live-Streicher mit dem Outro ein. Der Klang der Kirche hat der*m einen oder anderen glitzernde Tränen über die Wangen geschickt.
Das offizielle Aftermovie vom Reeperbahn Festival 2022
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Indie-Rock Fans aufgepasst! Während ein neues Arctic Monkeys Album in den Startlöchern steht und die Musikwelt gespannt wartet, wie das klingen wird, haben wir einen Tipp, wie ihr euch die Wartezeit verkürzen könnt. EAU ROUGE ist eine deutsche Indie-Rock-Band und tourt ab nächste Woche quer durch Deutschland.
Die Songs von EAU ROUGE sind ein Zusammenspiel aus starken Gitarren, 90s-Nostalgie und verraucht-geflüsterten Lyrics. Auf der Bühne vereinen Magnus, Jonas und Bo die geballten Energie ihrer Instrumente und Stimmen. Die Geschichte der Band begann in einer kleinen Stadt außerhalb Stuttgarts, wo die Drei sich als Teenager in verschiedenen Indie-Rock-Bands wiederfanden und EAU ROUGE gründeten.
Für Fans von den Arctic Monkeys, Tame Impala und M83
Seitdem hat die Band zwei Alben veröffentlicht, ihr Debüt „Nocturnal Rapture“ im Jahr 2016 und ihr lang erwartetes zweites Album „Acid Love“ im Jahr 2021. Die Band hat schon viele Shows – sogar weltweit – gespielt. Einige Highlights für sie selbst waren das SXSW in Texas und das Lollapolooza Festival in Berlin. Umso mehr freuen sich die Indie-Rocker nun endlich ihre eigene Live-Tour spielen zu können!
Das sind die Stops der „Acid Love“ Tour von EAU ROUGE:
Hier könnt ihr euch schon einmal auf die Konzerte einstimmen und „AcidLove“ rauf und runter spielen:
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Es kribbelte in meinen Fingern, ich skippte Song für Song weiter, nichts war genug, irgendetwas fehlte mir. Ich sehnte mich nach einer musikalischen Veröffentlichung, die sich aus all den anderen herausriss. Etwas, das mich verstand und mir nah lag, aber mich gleichzeitig aus der Fassung brachte. Genau diese Erlösung brachte mir Mia Morgan im April in Form ihres Debüt-AlbumsFLEISCH. Nach ihrer ersten, zurecht, geliebten und gefeierten Gruftpop EP, setzte Mia nicht einfach „einen drauf“, sondern ging tausend Schritte nach vorne. Nicht nur sich selbst voraus, sondern auch allen anderen.
So blutig, bestimmt und eindringlich wie sein Titel, fühlt sich das Album auch an. Aber genauso ist Fleisch eben auch das, worin wir alle leben und atmen und das, was wir täglich mit uns rumtragen. Meine Faszination für das Album wird vorrangig damit gefüttert, dass es in der deutschsprachigen Musikszene keinen angemessenen Mitstreiter gibt. FLEISCH behandelt Themen wie Weiblichkeit, Freundschaft, Jugend, Fantasie, Neid, Lust und Verlangen mit einer fesselnden Intensität, Klugheit und Vielfalt. Mal klingt dies sehr düster und verrucht, mal ganz hell und poppig. Mal sind es Fantasien, die beim Hören in eine tiefere Wunsch- und Gedankenwelt abschweifen lassen, mal die zerrende Realität. Aber Mia zeigt eben sehr greifbar, dass genau das Hand in Hand gehen kann. Und vielleicht auch muss. Sie zeigt darin nicht nur musikalisch, sondern auch von sich selbst verschiedenste Facetten, die kontrastreich sind, sich aber nie ausschließen.
Dass Mia als Person in (ihrem) FLEISCH steckt und FLEISCH in all dem, wie sich Mia als Person und Künstlerin präsentiert, sollte klar sein. In den Texten und Sounds finden sich Hörer:innen aber erschreckend genau wieder, fühlen sich manchmal vielleicht sogar eher ertappt. Denn Mia ist rhetorisch sehr geschickt und auf dem Album nahbar, ehrlich und hat keine Scham, ihr Innerstes zu äußern. Dabei gelingt es ihr, den künstlerischen Aspekt nie zu verringern. Ich erinnere mich an die ersten Tage, an denen ich das Album gehört habe, zurück. Am liebsten hätte ich jeden Satz verschlungen und noch ewig gefühlt. FLEISCH ist ein Album, in dem so viel Schmerz, so viel Persönlichkeit und Aufrichtigkeit zu sein scheint. Ich wünsche mir, dass es so viele Leute genau an den Punkten trifft, wie es mich getroffen hat.
Was sich hier wie ein Liebesbrief an Mia Morgan anhören mag – ist vielleicht auch einfach einer. Und ich finde, das ist auch okay. Den Rest erzählte mir Mia aber selbst, als ich sie auf ihrer fast komplett ausverkauften FLEISCH-Tour besuchte.
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Dascha:Wie fühlst du dich gerade? Ich habe das Gefühl, dass du eine der Künstlerinnen bist, bei denen man am meisten merkt, wie viel dir deine Musik bedeutet und dass das voll dein Ein und Alles ist. Wie fühlt es sich jetzt an, dass du dein Album mit der Welt geteilt hast?
Mia Morgan: Gar nicht so echt. Ich habe das irgendwie auf so zwei Shows gehabt, wo es mich immer so kurz aus den Socken gehauen hat. Wo ich kurz dachte „Oh fuck, it’s happening!“ Und die Leute singen mit und die sind auch wegen mir da. Und dann gab es auch mal so Momente, wo ich irgendwie ins Publikum geguckt habe und da waren Leute, die zitternd geweint haben. Da hat es mich dann auch zu Tränen gerührt. Und einmal vor der Zugabe, als ich nochmal Backstage gegangen bin, habe ich einen richtigen Heulkrampf bekommen.
Aber dann wird es sehr schnell wieder so, dass man zurück in diesen Arbeitsmodus geht und du weißt, okay, du spielst die Show, morgen musst du wieder fit sein, fährst weiter und es passiert alles superschnell. Also ich hatte noch gar nicht richtig die Zeit, um das so richtig zu realisieren, so richtig sacken zu lassen. Ja, aber es ist super schön. Es ist unglaublich und überwältigend und es ist anstrengend. Und es tut auch weh. Auf eine gewisse Art und Weise, irgendwie, weil es immer alles anders ist als in der Vorstellung. Aber es ist schöner als befürchtet.
Dascha: Das ist schön. Sind dir Meinungen von aussen zu deiner Musik generell wichtig?
Mia Morgan: Ja, aber ich wünschte, es wäre nicht so. Aber wenn mir die Meinungen von außen egal wären, dann könnte ich das halt als Hobby machen und nicht als Job. Das ist für mich nicht was, wo ich jetzt irgendwie so eine Passion für habe, dass ich nicht anders kann, als zu musizieren. Also ich bin ja gar keine Instrumentalistin, die, die die Finger nicht von ihrem Instrument lassen kann, sondern es ist ja für mich auch einfach irgendwie ein allumfassendes Ding, was Performance mit einbezieht und was eben auch so was wie das gerade einbezieht. Interviews zu machen oder irgendwie Radio oder auch visuell einfach präsent sein in Videos und anderen Formaten.
Und deswegen ist es für mich halt ein Job, es ist mein Traumjob. Also ich bin halt darauf angewiesen, dass eine gewisse Anzahl an Leuten das gut findet, weil sonst kann ich das nicht machen. Und es wird auch immer Leute geben, die das scheiße finden. Ich kann mir zehn gute Kritiken durchlesen. Wenn die elfte schlecht ist, dann denke ich, es ist scheiße. Ich bin da leider sehr sehr empfindlich und lese mir auch viel zu viel durch, aber habe bis jetzt, was die Platte anbelangt, fast überwiegend schöne Sachen gehört und auch viele Sachen, die ich mir gewünscht habe, zu lesen oder zu hören.
Dascha: Was sind die schönsten Komplimente für dich zu deiner Musik?
Mia Morgan: Viele Leute, die in meinem Alter sind, schreiben, sie wünschten die Platte gehabt zu haben, als sie in dem Alter waren, über das ich singe. Es geht ja sehr viel um die Zeit als Teenager.
Dascha: Tatsächlich habe ich genau das auch aufgeschrieben.
Mia Morgan: Ah echt? Nice! Ja, also irgendwie sagen Leute, dass sie das damals irgendwie gebraucht hätten, weil ihnen das ein bisschen Mut macht. Aber es ist ja aus der Retrospektive geschrieben. Ich hätte das Album als Teenager nicht machen können, weil ich kann nur darüber schreiben, jetzt, da es vorbei ist und da es überstanden ist. Dann ist es natürlich auch sehr schmeichelhaft, wenn man mit Künstlerinnen verglichen wird, die man selber bewundert. Wenn irgendwie gesagt wird, ja, man checkt, dass ich mich mit MARINA und Rina Sawayama befasst habe. Und dass Leute halt auch sagen, dass sie sowas bisher auf dem deutschen Markt nicht kennen. Das finde ich immer besonders und schmeichelhaft, wenn noch mal irgendwie betont wird, dass es etwas ist, was es so nicht gibt und vorher noch nicht gab.
Dascha: Ja, das finde auch! Ich habe lange nicht mehr einen Song gehört, der mich beim ersten Hören so krass gepackt hat wie VON AUSSEN. Und dann dachte ich auch direkt, ich wünschte, der wäre schon rausgekommen, als ich 15 war, das war so genau dieses eingefangene Feeling, richtig toll. Obwohl ich den jetzt natürlich auch schätze. Wenn dein Album eine eigenständige Person wäre, was hätte es für Charaktereigenschaften?
Mia Morgan: Oh mein Gott, sie wäre sehr sexy und sich dessen bewusst. Sie hätte aber auch keine Angst, verletzlich zu sein. Sie hätte keine Angst, über ihre Gefühle zu reden und würde sich nicht scheuen. Vielleicht wäre sie ein bisschen zu empfindlich und ein kleines bisschen zu dramatisch und sie müsste auch in Therapie. Aber sie wäre kein hoffnungsloser Fall. Sie wäre bei dem Ganzen irgendwie bei sich und sie würde auch sehr schick sein. Ja, sie wäre einfach wie ich.
Dascha: Das passt sehr gut! Ich verfolge dich, wie viele andere auch, schon seit deinem aller ersten Release. Und ich hatte von Anfang an schon das Gefühl, dass du, zumindest so von außen gesehen, genau weißt, was du machst und was du machen willst. Aber ich habe das Gefühl, dass sich das trotzdem noch mehr verfestigt hat in der vergangenen Zeit. Was ist für dich deine positivste Entwicklung, die du in der Zeit gemacht hast?
Mia Morgan: Dass ich mich selber in dem, was ich mache, ernst nehme. Das ist ja so, dass Musik am Anfang und bei manchen Leuten auch immer nie genug Geld bringt, vor allen Dingen nach zwei Jahren Pandemie Einschränkungen, sodass man das nicht als Hauptberuf machen kann. Ich habe die Schule abgebrochen, ich habe keine Ausbildung. Ich bin zwar an der Kunsthochschule eingeschrieben, dank einer Eignungsprüfung, aber ich habe kein Abitur und habe dadurch irgendwie so sehr viele Komplexe bezüglich meines Standes in dieser sehr erfolgsorientierten Gesellschaft entwickelt und habe oft damit gekämpft. Oft habe ich überlegt: Gehe ich noch mal zurück zur Schule? Obwohl ich mich da so unwohl gefühlt habe, weil ich immer diese Angst hatte, dass ich nichts Gescheites machen kann. Aber von Anfang an war ja Musikmachen mein Traum. Und es war ja auch schon immer irgendwie die Karte, auf die ich alles gesetzt habe.
Aber ich habe immer darauf gewartet, dass ich halt die Kraft dafür entwickle, mir einen sicheren doppelten Boden zu bauen, der halt kein schlecht bezahlter Nebenjob in irgendeinem Einzelhandelsgeschäft oder in einem Café ist. Und auf die war ich aber die letzten Jahre immer angewiesen. Ich bin auch immer noch quasi darauf angewiesen. Ich habe nur einfach keine Zeit mehr dafür. Und ich war halt sehr, sehr lange oder bin halt sehr, sehr lange in diesem Modus gewesen von „Ja, ich kann das nicht zu 100 % ernst nehmen, weil es bringt mir noch nicht genug Kohle und ich habe keine Errungenschaft, die ich abhaken kann.“ Ich habe auch ganz starkes Impostor-Syndrom, sodass ich sowieso immer so denke, alle anderen, die das machen, machen es richtig und bei mir ist es irgendwie. So: ich bin eine ausgedachte Sängerin und ich bin eine ausgedachte Musikerin und das ist alles gar nicht real.
Aber ich habe mich ein bisschen selber angefangen in den Arsch zu treten, wenn diese Gedanken aufkommen und versuche mir zu vergegenwärtigen, dass ich eine eigene Tour spiele, dass ich wirklich ein Album rausgebracht habe und dass ich jetzt wirklich auch kein so allzu junges Mädchen mehr bin, das so schlimm unsicher bezüglich der eigenen Zukunft ist, sondern dass ich sehr genau weiß, was ich möchte und dass ich auch arbeite. Ich habe immer das Gefühl, ich arbeite nicht genug, aber das hält mich auch am Arbeiten. Also das hält mich ja motiviert, noch mehr zu machen, weiter zu machen und so. Und ja, ich habe langsam so den Dreh raus, wie ich das als Beruf sehe und gleichzeitig aber nicht als einen Zwang, sondern als etwas, was aus meinem Innersten kommt.
Dascha: Voll schön, dass du beginnst das zu sehen. Es kommen ja gerade so viele Leute zu deiner Tour, die dich und deine Musik erleben wollen.
Mia Morgan: Ja, das ist total crazy! Ich meine am Anfang so die ersten Berechnungen… die Leute haben halt erst keine Tickets gekauft, weil die alle gedacht haben, es findet eh nicht statt. Und dann beziehst du das natürlich auf dich und denkst die haben keinen Bock auf dich. Dann aber zu sehen: they show up und die stehen da die singen mit und die haben deine Shirts an und die heulen auch. Das ist einfach so crazy.
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Dascha: Das ist so schön! Du hast schon sehr lange her angefangen, an dem Album zu schreiben, oder? In welchem Jahr?
Mia Morgan: Der erste Song, also der älteste ist IN WIEN. Und den habe ich 2018 geschrieben, so im Sommer 2018.
Dascha:Und gibt es auch einen Song, den du schon lange her angefangen hast zu schreiben, wo du jetzt denkst, du würdest den vielleicht jetzt aus der Position heraus nicht mehr so schreiben? Also, wo sich dein Standpunkt oder Blick vielleicht irgendwie verändert hat?
Mia Morgan: Also man entfernt sich natürlich von den Themen, die man besingt, wenn die mit einer Beziehung zu tun haben. Aber das wäre jetzt nichts, wo ich sage, ich sing den jetzt nicht mehr, weil das ist so ein geschlossenes Werk und ist ja das gleiche wie mit so Google Images. Also wenn du mich googelst, kommen so Bilder von 2017, wo ich ganz anders aussehe als jetzt. Und da bin ich auch manchmal so „Ey, wen muss ich jetzt irgendwie bezahlen, um die da zu entfernen und da andere Bilder rein zu machen?“ Aber auf der anderen Seite denke ich mir, das war echt so. So sah ich aus, das ist ein Teil meines Lebens. Genauso sind Songs, die irgendwelche Themen behandeln, die mich jetzt nicht mehr belangen, auch einfach Teil meines Lebens. Sie gehören halt zu mir.
Aber natürlich, ich würde auch alleine soundmäßig Sachen anders machen, als wie ich die früher gemacht habe. Aber ich habe ein bisschen gelernt, mir da zu vergeben und es einfach anzunehmen. Es war halt zu dem Zeitpunkt so und jetzt würde ich es halt anders machen. Ich glaube, sonst wird man noch wahnsinnig. Ich war auch früher so, dass ich mir keine Fotos von mir selber angucken konnte, die älter waren als ein halbes Jahr, weil ich immer gedacht habe (Würgegeräusch). Aber damit geht es einem ja einfach nicht gut. Man tut sich ja keinen Gefallen damit, weil man dann ständig in so einer Angst lebt, erwischt dabei zu werden, dass man sich entwickelt. Wir alle entwickeln uns ständig weiter und es ist auch okay, da einfach zu sagen: „Ja, das war so und so, jetzt ist es so, konzentrier dich auf die Gegenwart!“
Dascha: Aber ich finde, es ist sehr schwer sich das erst mal einzureden. Vergangenheits-Ich ist immer irgendwie mit so viel Cringe verbunden.
Mia Morgan: Total, ist es auch! Ich habe auch ein paar Sachen aus meiner Vergangenheit, also nichts problematisches oder so, aber Sachen die ich so peinlich finde. Ich hatte mal mit 14 einen YouTube Kanal. Und manchmal passiert mir das so ganz ganz selten, dass Leute mir auf TikTok oder Instagram schreiben „Kann es sein, dass ich dich von früher von YouTube kenne? Hießt du so und so?“ Und dann bin ich direkt so: LÖSCH, falls da noch irgendwas von rumfliegt! (lacht) Das ist mir so, so peinlich. Irgendwann wird wahrscheinlich der Zeitpunkt kommen, wo ich mir sagen kann: „Okay, ja, ich war mal so und wenn es jetzt irgendjemand sieht, dann ist es halt so“. Aber gerade bin ich da noch nicht.
Dascha: Wobei du ja 14 warst, ich glaube da nimmt es dir niemand übel, sowas in dem Alter zu machen. Aber ich glaube, so wird es auch sehr vielen Teenies später gehen, die jetzt aktiv auf TikTok sind.
Mia Morgan: Ja, wahrscheinlich. Oder zum Beispiel letzte Woche, als wir in Wien waren, war ich übel besoffen und dann habe ich ein TikTok gemacht. Da war so eine Statue von zwei Frauen, die sich umarmt haben und es gibt doch diesen einen Sound „And they were both boys“. Ich war hacke dicht, film dann so auf mich komplett wasted, komplett crusty Make Up und meine Augengucken in zwei verschiedene Richtungen und ich sag so: „And they were both girls“ und poste das direkt. Als ich so um halb 5 im Bett war und schon wieder am Ausnüchtern war, fiel mir ein, dass ich das TikTok gepostet habe. Ich öffne die App und da sind so Kommentare „Ohje, da ist jemand aber wasted“, hab’s direkt gelöscht. Aber ja, ich bin froh, dass es das noch nicht gab, als ich so jung war.
Dascha: Oh Gott, sowas könnte mir auch passieren. Wieder zurück zu meinem Song-Liebling VON AUSSEN. Ich würde gerne ein bisschen näher auf den eingehen. Magst du mal dieses Gefühl von diesem „außen sein“ für dich beschreiben?
Mia Morgan: Ich habe den Song geschrieben, nachdem ich zum Ersten Mal Gast auf einer größeren Veranstaltung mit berühmten Leuten gewesen bin. Und ich habe mich an dem Abend sehr albern gefühlt. Ich hatte tatsächlich, wie in dem Song beschrieben, einfach zu große Schuhe an. Das waren Designer Schuhe, ich wollte die unbedingt tragen, aber die haben mir halt nicht gepasst. Und dann so ein super teures Outfit, die teuerste Kleidung, die ich jemals getragen habe. Ich dachte so „Oh, das ist mein Abend“. Und dann kam ich da an und hab mich halt gefühlt wie so ein Alien, was gerade auf der Erde gelandet ist. Niemand hat es wahrscheinlich bemerkt, aber mir selber ging es an dem Abend gar nicht so gut. Ich war sehr, sehr verunsichert. Dann war ich noch für einen Preis nominiert, den ich nicht bekommen habe. Und es war alles in allem so ein bisschen melodramatisch. Einerseits cool, Teil von irgendwas zu sein, aber andererseits auch so ein fremdes Gefühl selbst in der eigenen Freundesgruppe.
Und das lässt sich ganz gut übertragen auf andere, insbesondere soziale Situationen, die ich in meinem Leben hatte oder auch akut noch habe. Manchmal bin ich in Gruppen unterwegs und merke „Okay, alle reden gerade miteinander und ich nicht“. Und wenn ich mich einbringe, dann höre ich mich wie aus der Vogelperspektive und denke mir „Was laber ich gerade? Die haben übel keinen Bock auf mich. Ich passe nicht hier rein.“ Das sind glaube ich, größtenteils einfach Quatsch-Gedanken. Ich glaube, dass andere Leute das gar nicht so wahrnehmen, aber man selbst kann sich da ganz dolle reinsteigern. Gerade, wenn man in der Jugend mit psychischer Gesundheit oder Ungesundheit zu tun hat Und dann eine verunsicherte Erwachsene wird, die dann vielleicht irgendwann einen Freundeskreis hat, aber trotzdem noch das Gefühl hat, selbst da, wo sie dazugehört, gehört sie nicht dazu. Dann schleppt man das einfach so mit sich fort.
Und bei mir ist noch ein ganz großer Faktor, dass ich halt so gerade unter den Musiker:innen, mit denen ich befreundet bin, viel mehr mit Musikern befreundet bin. Und einen Freundeskreis habe, der überwiegend männlich ist. Es ist nicht so, dass ich mir das bewusst ausgesucht habe. Ich habe auch Momente, wo ich mir wirklich wünsche, es wäre anders. Aber es hat sich einfach so ergeben. Es sind alles nette Männer, auf die ich nichts kommen lasse. Die sind alle gescheit und toll und cool. Aber es sind halt Männer. Wenn ich mit denen unterwegs bin, habe ich auch oft dieses Gefühl von, ja, wir mögen uns zwar sehr nahestehen und wir vertrauen einander alles an, aber ich werde niemals dieselbe Connection haben wie die unter einander. Werde ich auch etwas neidisch auf diese Freundschaften, die andere Männer-Bands, die miteinander abhängen, haben. Und ich bin dann halt dabei und als Frau dann einfach außen vor.
Dascha:Ich verstehe das total! Und ich finde auch, man kann den Song wirklich auf viele Situationen übertragen. Irgendwie fasst er ein ganz besonderes Gefühl zusammen. Das hab ich als Song gebraucht.
Mia Morgan: Ja, so universell irgendwie. Freut mich, dass er dir so gefällt. Ich habe irgendwie das Gefühl, die letzten beiden Songs auf dem Album werden immer gar nicht angesprochen.
Dascha: Auch, wenn das Album natürlich für alle Personen da ist, finde ich es sehr weiblich. Also das hat mir vorher auch wirklich richtig gefehlt. Ich finde, das hat die Musik-Szene auch genau gebraucht. Und was fehlt dir so in Musik momentan? Also generell.
Mia Morgan: Also die kurze Antwort ist: Frauen. Aber die Frauen, die Musik machen und für die das ein wichtiges Thema ist und deren Mission es auch ist, auch zu betonen, dass ihnen Frauen in der Branche fehlen, sind mir manchmal zu plakativ. Ich kann natürlich niemandem vorschreiben, wie Feminismus funktioniert und nehme mich damit auch ein bisschen zurück, weil ich ein Problem damit habe, wenn Leute mich da zu einer Galionsfigur machen wollen. In der Bewegung spreche ich immer als krass privilegierte Person, die mit sehr, sehr vielen Problemen, mit denen andere Frauen zu tun haben, allein wegen meinen Lebensumständen, wegen meinem Aussehen, meiner Gesundheit, meiner Sexualität etc. nichts zu tun hat, weil ich da einfach privilegiert bin und ich tue, was ich kann. Mir ist auch wichtig, den Standpunkt zu vertreten, anderen Leuten eine Plattform zu bieten. Und auch zu suggerieren, dass ich da bin für andere Frauen.
Aber ich kann da keine Galionsfigur sein. Und es gibt ganz viele Leute, die in der gleichen Position sind wie ich, aber sich so ein bisschen anmaßen, diese Figur zu sein. Das finde ich manchmal schwierig, weil das dann sehr schnell plakativ wirkt und sehr schnell klingt wie „Hey, lasst doch mal einen feministischen Song machen! Lasst uns doch jetzt mal diese Welle an H&M T-Shirts, wo „Girl Boss“ draufsteht nutzen und hoch in die Charts reiten!“ Ich finde es krass, dass wir berühmte Frauen in Deutschland haben, aber die sind fast alle im Rap. Was ja auch cool ist, weil das auch ein sehr männerdominiertes Feld ist und das auch nicht zu erwarten ist, dass es da gut funktioniert.
Ich fände es einfach schön, wenn wir ein bisschen davon weg kämen, das dann auch so krass einzuteilen und dann auch gerade so weiblichen Künstlerinnen immer so aufzudrücken man müsse jetzt feministische Mucke machen, weil du eine Frau bist und du musst es appreciaten, dass dir der Slot zugeteilt wird als dritter Headliner auf einem Festival zu spielen, da müsse man doch auch einen Song über Frauenpower singen und sing halt nicht über Koks und Ficken oder so. Also das ist auch so eine gesellschaftliche Erwartungshaltung an weibliche Künstlerinnen, über die wir ein bisschen hinwegkommen müssen. Lass mich doch als Frau einfach mal Mucke machen. Das muss nicht alles ein Manifest werden und es muss nicht alles politisch sein.
Dascha: Voll! Und das ist genau dasselbe mit Frauen, die einfach nur sehr im Internet präsent sind, aber halt mit so Body Positivity. Dass man automatisch als feministische Aktivistin oder whatever gesehen wird.
Mia Morgan: Ja, genau! So, vor allem als mehrgewichtige Person musst du automatisch Body Positivity Aktivist:in sein, um deinen Körper zu präsentieren.
Dascha: Wow you’re so brave for showing your body!
Mia Morgan: Ja, isso. Da postet jemand ein Foto in ihrem neuen Bikini und die Leute schreiben „Du bist so mutig“. Hä? That’s literally just my body.
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Dascha: Dementsprechend finde es auch total schön, dass es auch auf dem Album so viel um weibliche Freundschaft geht, weil das auch ein Thema ist, was mich voll beschäftigt. Aber das höchste was man da sonst so bekommt sind Liebeslieder und man muss sich halt vorstellen, dass es sich dabei auch um eine Freundschaft handeln könnte. Also ich beziehe vieles dann sehr auf mich irgendwie. Und bei deinem Album ist es ja so, dass man endlich mal Songs bekommt, die wirklich darüber handeln. Was ist so deiner Ansicht oder deiner Erfahrung nach das Besondere an weiblichen Freundschaften?
Mia Morgan: Ich habe mich immer nach einer sehr, sehr tief gehenden weiblichen Freundschaft gesehnt und bin aber oft daran gescheitert. An der einen, also die gescheitert ist, habe ich mich so ein bisschen bei dem Prozess des Albums orientiert, weil dann halt Männer, oder Jungs damals noch, ins Spiel gekommen sind und leider Gottes weibliche Solidarität so krasse Grenzen hat, wenn Männer da dazukommen und praktisch diese Grenzen aufstellen. Es gab jetzt erst wieder irgendwie so einen Fall in Amerika, wo auf einer Hochzeit der Bräutigam eine der Brautjungfern vergewaltigt hat. Das heißt, die Braut wurde praktisch an ihrem Hochzeitstag betrogen und der Brautjungfer wurde Gewalt angetan. Die Braut hat sich auf die Seite ihres Ehemanns gestellt, vor Gericht. Und das ist für mich wieder so etwas. Warum? Also auf der einen Seite verstehe ich Abhängigkeit in Beziehungen, gerade in so heteronormativen Gesellschaftsschichten, wo das irgendwie so gang und gäbe ist, dass Frauen sich den Männern fügen. Damit kann ich mir das ein Stück weit erklären.
Aber auf der anderen Seite ist es auch einfach so tragisch, weil es unter Frauen halt irgendwie so eine magische Verbindung gibt, aber die ist eben auch sehr, sehr fragil und die fällt oft hinten weg, wenn Männer dazukommen. Wenn in eine Beziehung gegangen wird, geben Frauen in der Regel viel mehr auf als Männer. Und ich habe es in meinem bisherigen Leben nicht geschafft, mit einer Frau eine Freundschaft nachhaltig aufzubauen, die so allumfassend intensiv ist. Ich habe eine beste Freundin, der ich alles anvertraue, aber mit der verbringe ich unfassbar wenig Zeit. Ich sehe sie ganz, ganz selten. Und wir sind miteinander befreundet, weil wir Vergangenheit haben und weil wir seit vielen Jahren Freundinnen sind. Aber es ist nicht dieses ständige Schreiben und so, wie man das mit einem Partner oder einer Partnerin hat oder wie ich das mit meinen männlichen Freunden habe. Deswegen hat das für mich gleichzeitig so eine Faszination, aber auch ein bisschen was abschreckendes, bedrohliches. Weil die Male, wo ich es probiert habe, war es halt komisch und ist kaputt gegangen. Ich hatte auch mal eine Freundschaft mit einem Mädchen, die quasi eine Beziehung gewesen ist und es gab einen Zeitpunkt, wo ich mit ihr darüber reden wollte, ob wir eigentlich mehr sind als Freundinnen, weil wir auch was miteinander hatten. Da hat sie komplett abgeblockt und monatelang nicht mit mir geredet. Seitdem ist es für mich halt ein sehr sensibles, aber auch sehr interessantes Thema.
Dascha: Das ist wirklich ein sehr besonderes Thema, ich denke man könnte Stunden lang darüber reden. Genauso hab ich auch das Gefühl, dass in deiner Musik oft das Thema so Fantasien und so Wunschgedanken vorkommt. Begleitet dich das auch so häufig in deinem Alltag?
Mia Morgan: Ich habe halt meine Jugend so aus meinem Zimmer heraus verbracht. Ich habe nie viel gemacht. Ich habe mir mein Sozialleben immer nur vorgestellt und viele Sachen erträumt. Außerdem habe ich sehr viel gelesen und das hat mich eine Zeit lang immer so aus Löchern rausgeholt. Als Kind hatte ich halt Harry Potter wie alle Millennials. Und dann war ich 13, 14 und mir fing es an, psychisch sehr schlecht zu gehen. Dann war Twilight da und das hat irgendwie was los gekickt mit Fantasieren von Liebe und Fantasien, von einer anderen Welt, in der ich der Main Character bin. Da habe ich mich sehr stark in diese Main Character Fantasien geflüchtet und meine ganzen Teenie Jahre so verbracht.
Ich hatte kein Sozialleben. Ich bin ja auch sehr selten überhaupt zur Schule gegangen und hatte gar nicht die Möglichkeit, da großartig was zu formen. Und deswegen ist vieles nur in meinem Kopf und auf Tumblr passiert und ich bin das nicht richtig losgeworden. Und ich wünsche mir auch, dass ich das nicht loswerde, weil das das Leben einfach noch ein bisschen schöner macht, wenn man alles durch einen Filter sehen kann. Man muss alles ein bisschen romantisieren, weil die meisten Sachen so öde und sehr langweilig sind. Selbst Sachen, die einem von außen sehr glamourös und toll vorkommen. Am Ende des Tages ist so ein Tour-Tag Arbeit und anstrengend und viel mehr dreckige Raststättentoilette als irgendwie glamourös im Backstage Champagner trinken. Aber ich habe Angst diesen Filterblick zu verlieren. Wenn das passiert, kann ich, glaube ich, auch keine Songs mehr schreiben.
Dascha: Das ist total schön. Ich finde es auch sehr wichtig, weil ich habe das Gefühl, sehr viele Leutehaben diese Fantasie ab einem gewissen Alter gar nicht mehr. Dann wird das generell als kindlich und realitätsfern abgestempelt.
Mia Morgan: Ja, es ist so traurig. Ja, das ist super traurig! Ich finde einfach Fantasie zu haben sau wichtig, auch als erwachsener Mensch. Man muss ja jetzt keine Romane schreiben oder so, aber es fängt ja auch schon bei Sexualität an. Wenn du zum Beispiel als Mensch darauf angewiesen bist, dir irgendeinen Porno anzugucken, um überhaupt irgendwas zu fühlen. Das ist ja auch eine Abstumpfung und irgendwie fragwürdig. Und es geht ja auch um Ideen, Entwicklung im Berufsleben. Selbst, wenn du einen Bürojob machst, ist es ja eigentlich voll praktisch, wenn du Fantasie hast und dir was vorstellen kannst. Ich finde es schade, dass man sich so auf die harten Fakten stürzt und wenig Freiraum dafür lässt, Vorstellungen und auch Träume zu haben.
https://www.youtube.com/watch?v=awKYAX8uwxk
Dascha: Wo wir schon bei deiner Fantasie sind: Wie ähnlich bist du Jennifer Check wirklich?
Mia Morgan: Ich bin eigentlich viel mehr Needy als Jennifer. Deswegen bin ich auch so fasziniert von Jennifer, weil ich selbst viel mehr Needy bin. Ich glaube, Leute, die in der Schule nicht so cool gewesen sind, werden diesen Druck, was zu reißen, nie los. Und deswegen passiert es oft, dass Leute, die in der Schule nicht cool waren, dann als Erwachsene so vermeintlich „cool“ werden. Also ich lege viel Wert auf meine Klamotten, ich lege viel Wert auf meine Internetpräsenz, ich habe gemachte Nägel, wenn meine Haare so aussehen wie jetzt, habe ich einen Scheißtag.
Das ist halt einfach so, dass es jetzt für mich sehr, sehr relevant ist, weil ich früher einfach überhaupt nicht so war. Aber du wirst es ja nicht los. Du bleibst ja innerlich irgendwie so. Also ich war kein Main Character in der Schulzeit. Ich wäre es gern gewesen, aber ich war eine komische Person, die so in Bücher vernarrt gewesen ist und immer so als weird abgestempelt worden ist, nirgends so richtig dazugehört hat und auch immer sehr nach anderen Leuten geguckt hat. In der Art und Weise wie Needy in ihrem Leben navigiert, ist sie viel mehr ich, als ich Jennifer bin. Aber Jennifer steht auf Emo Boys, we have that in common. (lacht)
Dascha:Na das letzte ist ja das Wichtigste! Aber ja, dann freut mich das erst recht, dass du jetzt so deine Bubble gefunden hast, die dich so schätzt.
Mia Morgan: Mich auch!
Dascha: Dann kommt jetzt meine letzte Frage. Bei uns immer eine untold story, also ein kleines Geheimnis oder eine Geschichte, die du noch nicht öffentlich erzählt hast.
Mia Morgan: Ich habe ganz lange Improvisationstheater gemacht und das finde ich rückblickend cringe, weil das immer komische Leute sind, die übel Mundgeruch nach Kaffee und Zigaretten haben. Nur Komische Leute machen Improvisationstheater und ich habe das lange und super, super gerne auch gemacht. Und ich bin sowieso auch eigentlich noch so ein Theater Kid zusätzlich.
Dascha: Oh mann, ich aber auch komplett.
Mia Morgan: Ich habe in der Schule Darstellendes Spiel gehabt und immer meine 15 Punkte. Und ich war am Kindertheater als Kind. Ich habe in der Grundschule auch den Regenbogen Fisch gespielt.
Dascha: Ich wollte unbedingt der Regenbogenfisch sein und war so enttäuscht, dass ich es nicht wurde.
Mia Morgan: Wer warst du?
Dascha: So ein irrelevanter random Fisch.
Mia Morgan: Ein normaler Standard-Fisch also, traurig. (lacht) Ja, aber es war auch so ein bisschen ein Kickstart, weil da hatte man als Regenbogen Fisch zwei Solo Nummern. Einmal „Ich bin der schönste Fisch im Meer“ und dann „Traurig bin ich und allein“. Das ist einfach Borderline – The Musical. (lacht) Ja, das ist so auch eine gute Analogie zu mir. Da war ich acht Jahre alt und habe da diese Hauptrolle gespielt und gesungen, die sich so gut auf mein Leben übertragen lässt. Plus als ich gemobbt wurde, wurde ich immer Fisch genannt wegen meinen Augen. Also passt es einfach zu mir.
Dascha: Wer hätte das gedacht, dass die Geschichte vom Regenbogenfisch so deep sein kann.
Mia Morgan: Wow, ist echt so! (lacht)
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Schon vor ein paar Wochen haben wir Euch das Sziget Festival 2022 in Budapest vorgestellt. Kurz zusammengefasst: Ein unschlagbares Line Up aus internationalen Mega-Stars und etablierten Indie-Pop Größen, eine entspannte Atmosphäre und ein ausgelassenes Publikum voller Menschen, die ihre Leidenschaft für unfassbar gute Musik teilen. Dazu gibt es ein umfangreiches Rahmenprogramm von Kunstbeiträgen bis hin zu Yoga am Strand. Genaueres gibt es für Euch noch einmal hier nachzulesen. Wen das alles noch nicht überzeugt (seien wir ehrlich, es gäbe sicher niemanden, der an dieser Stelle noch nicht überzeugt ist), für den haben wir noch ein Ass im Ärmel.
Ein besonderer Ort des Sziget
Wer sich unseren vorangegangenen Artikel zum Festival noch einmal vor Augen führt und das Line Up Revue passieren lässt, mag sich fragen: Gehen die ganzen Newcomer*innen zwischen den wirklich großen Nummern nicht unter? Eine klare, ehrliche Antwort darauf ist: Nein! Eigens für ausgewählte und sehr vielversprechende Newcomer*innen gibt es die ibis x ALL Europe Stage. Genauso große Nummern eben.
Bei der Bühne geht es ausschließlich um die besten internationalen Nachwuchsbands und neuesten Sensationen ungeachtet der Genres uns Styles. Auf dieser Bühne wird somit zusätzlich ein farbenfrohes, aufregendes Programm geboten. The Island Of Freedom schreibt selbst dazu: „Hier findet ihr die härtesten Rockbands, gefolgt von umwerfenden elektronischen Sets und aufregenden neuen Talenten aus allen erdenklichen Genres. Werde Teil dieses einwöchigen Musikerlebnisses und lerne die Stars der Zukunft kennen.“
Ja wer denn nun?
Mit jenen Stars der Zukunft sind beispielsweise Alina Pash (Ukraine), SYML (USA), Nova Twins (UK) oder French79 (Frankreich) gemeint. Aber auch die beiden Deutschen Acts Shelter Boy und Pabst werden auf dieser Bühne mit dem Publikum dieses Festival feiern. Das soll trotzdem noch nicht alles gewesen sein, denn insgesamt umfasst das Line Up der Ibis x ALL Europe Stage 29 Newcomer*innen. Für uns also genau das Richtige.
Einmal mehr zeigt das Sziget 2022, dass für jeden was dabei ist und sich die Reise nach Budapest wirklich lohnt! Wer mehr über diese und alle anderen Bühnen wissen möchte, wird hier definitiv fündig. Um die Festivalsaison also nun komplett zu machen, bleibt nur noch eins übrig: Plündert Eure Sparschweine, durchforstet auch die Ritzen Eurer Sofas, legt alles zusammen und kauft dieses Ticket! Es ist es wert.
Auch, wenn der Sommer die Hauptsaison für Festivals ist und man so am liebsten richtig gute Musik genießt und neue Acts entdeckt, heißt das nicht, dass der Herbst weniger zu bieten hat. Die Tage werden kürzer, das Wetter milder, die Getränke wärmer und die Konzerte kuscheliger. Also eine der Festivalsaison ebenbürtige Atmosphäre, in der man auf Newcomer-Entdeckungstour gehen kann. Wir stellen vor: die INDIEAN SUMMER TOUR 2022.
Nach coronabedingter Pause findet vom 19. bis zum 21. September 2022 die INDIAN SUMMER TOUR 2022 statt. Die Konzerte spielen in den drei deutschen Städten Berlin, München und Köln. Mit dabei sind dieses Jahr HYPHEN HYPHEN, Liz Lawrence und Hazlett. Aber auch wir von untoldency sind dabei und stellen euch die Künstler*innen und Venues vor.
Das Line Up
HYPHEN HYPHEN
Dass das Trio live eine absolute Macht ist, beweisen Ehrungen wie die Auszeichnung „Bühnenoffenbarung des Jahres“ im Rahmen des französischen Musikpreises „Victoire de la Musique“. Mehr als 400 umjubelte Konzerte auf den größten europäischen Festivals spielte HYPHEN HYPHEN in den letzten Jahren. Das Bestärken zukünftiger Generationen in deren Streben nach uneingeschränkter Gleichberechtigung, das Zelebrieren von Vielfalt und Selbstakzeptanz sowie sexueller Freiheit ist tief in ihren Songs verwurzelt. Dabei hat die aus Frankreich stammende Band eine große Mission: Die Welt mit ihrem Popsounds durch gemeinsame Erlebnisse beim Tanzen, Singen und Feiern zu vereinen.
Zuletzt wurde ihr Song „Too Young“ zur offiziellen Hymne der UEFA Women’s Euro 2022.
LIZ LAWRENCE
Bereits in ihrer Jugend sammelte die englische Sängerin, Songwriterin, Multiinstrumentalistin und Produzentin Liz Lawrence erste Erfahrungen in diversen Bands, bevor sie als eine Hälfte des Elektro-Pop-Duos Cash+David und Solokünstlerin bekannt wurde. Ihr drittes Album „The Avalanche“ ist erneut ein gelungenes Manifest für Female Empowerment. Selbstbewusst verbindet Liz Lawrence in Songs wie „Where The Bodies Are Buried“ oder „Down For Fun“ durchdachte Lyrics mit einem ausgeprägten Gespür für echte Ohrwurm-Hooks.
HAZLETT
Sänger, Songwriter und Vollblutmusiker, aber vor allem ist Hazlett ein Geschichtenerzähler. Der in Australien geborene und in Stockholm lebende Multi- Instrumentalist begann seine Karriere als Tournee-Musiker sowie Ghostwriter und zog es vor, hinter den Kulissen und außerhalb des Rampenlichts zu bleiben. Erst als einer seiner Originaltitel von seinem engen Freund und Produzenten Freddy Alexander entdeckt wurde, war sein eigenes Soloprojekt in einem Stockholmer Studio geboren. Für Hazlett ist das Songwriting eine Form der Therapie und der Ausdruck für seine sensible Seele, die die Aufmerksamkeit scheut. Bisher veröffentlichte Hazlett zwei EPs und tourte durch Australien und Europa. Zu Beginn der Pandemie im Jahr 2020 traf er dann die Entscheidung, alles zu unterbrechen, sich zu verkriechen und in Ruhe an seinem ersten Album zu arbeiten. Einen ersten Vorgeschmack geben die 2022 veröffentlichten Singles „Please Don’t Be“, „Even If It’s Lonely“ und „My Skin“.
Hazlett war auch schon bei den von uns präsentierten Acoustic Concerts vertreten.
Die Locations
Den Anfang der Tour am 19. September macht der Privatclub in Berlin. Am 20. öffnet die Kranhalle in München die Türen und einen Tag später, am 21. geht es zum Abschluss der Tour in das Kölner Artheater.
Alle nötigen Infos stehen komprimiert noch einmal ganz übersichtlich unten in der Grafik. Die Tickets zu den Shows gibt’s hier. Zudem könnt ihr dort auch noch einmal alles über die Tour und die Künstler*innen nachlesen. Kommt also gern vorbei, wir und die INDIEAN SUMMER TOUR 2022 freuen uns auf Euch!
Mittlerweile sind sie schon eine feste Größe im Indie-Kosmos Deutschland’s und dürfen in keiner guten Release-Playlist fehlen: Razz. Die vier Jungs aus Berlin haben ihr drittes Album unter dem Namen „Everything You Will Ever Need“ veröffentlicht. Mit einem deutlich poppigeren Sound und nachdenklichen Texten zeigt sich die Band in neuem Gewand. Für die alteingesessenen Razz-Fans dürfte das aber kein Schock sein, denn mit der zuletzt veröffentlichten EP „Might delete later“ kündigten Niklas, Steffen, Christian und Lukas bereits an: So wird Razz 2.0 nach gut drei Jahren Release-Pause klingen!
Sänger Niklas gibt im Interview einen Einblick hinter die Fassade und erklärt, wie es zu dem neuen Sound kommt. Außerdem gibt’s zu lesen, warum er sich nicht mehr mit den Songs aus 2015 identifizieren kann, wie es zu dem Kurzfilm in den Musikvideos zum Album kam und welches Verhältnis er noch zu seiner Heimat hat. Wer dazu noch wissen will, was es mit dem Mann und der Kettensäge auf sich hat, dem empfehle ich bis zum Ende dran zu bleiben. Lohnt sich, versprochen. Jetzt geht’s aber los!
Razz im Interview
Anna: Hallo Niklas. Schön, dass du dir die Zeit genommen hast und mit mir ein bisschen über euer neues Album „Everything You Will Ever Need“ redest. Zu Beginn aber erstmal eine ganz andere, banale Frage: Gibt es ein Konzert, auf das du persönlich hingehst in nächster Zeit oder hast du da gar keine Zeit zu?
Niklas: Also 24/7 nur beschäftigt sind wir zum Glück nicht. Nein, ich habe Gott sei Dank ein Privatleben. (lacht) ich muss mal schauen. Ich hatte gerade überlegt, das letzte Konzert, auf dem ich war, war bei KAYTRANADA. Der hat im Festsaal gespielt. Das war unfassbar gut. Und dann sehe ich gerade in meinem Kalender – da hätte ich mich drauf gefreut – Olivia Rodrigo. Das habe ich aber leider nicht geschafft. Dann habe ich noch überlegt, zu Betterov zu gehen.
Anna: Oh ja, das Konzert hab ich vorhin auch in meine Mails eintrudeln sehen und würde super gerne hingehen. Da ärgere ich mich dann jedes Mal, dass ich nicht in Berlin wohne. Sing also ne Runde für mich mit!
Niklas: Ah, wie ärgerlich. Er spielt auf jeden Fall im gleichen Club, wo wir jetzt auch auf der Tour waren. Dennis, der Gitarrist von Betterov, hat unser Album mitproduziert und ist da jetzt live als Gitarrist dabei. Hab ihn noch letzte Woche getroffen und da haben wir darüber gequatscht. Da hätte ich auf jeden Fall mega Bock drauf.
Anna: Die Vorband ist auch ganz cool: Cinemagraph! Ich weiß nicht, ob du die schon kennst.
Niklas: Warte mal, das sagt mir sogar was. Lass mich mal kurz schauen. Ich öffne mein Spotify. (vertieft in sein Handy) Nee, kenn ich doch nicht, aber sieht gut aus. Welchen Song kannst du empfehlen? In welchen Song muss ich reinhören?
Anna: Ich glaube, der bekannteste ist „Smiling Face“. Aber ich mag auch den neuen ganz gerne „I Hate That We’ll Be Strangers In A While“ – das gibt mehr sehr große The 1975-Vibes.
Niklas: Oho, dann bin ich ja gespannt. Ich hab beide Songs jetzt mal gespeichert. Danke. Ich freue mich immer über neue Musikempfehlungen.
Von Tour-Alltag und Zukunftsgedanken
Anna: Gerne doch! Aber kommen wir zurück zu Razz und dir. Wie fühlst du dich jetzt gerade vor Release des Albums? Ich glaube, Konzerte und Touren habt ihr jetzt gerade durch und es kommt so ein bisschen die Ruhe vor dem Sturm auf.
Niklas: Ja, wir spielen jetzt noch einige Festivals. Haben nach der Tour auch schon wieder zwei, drei Festivals gespielt. Die Tour an sich hat mir ultra viel gegeben. Auf jeden Fall. Nach dieser langen Durststrecke war es mal wieder krass geil. Deswegen machen wir ja auch Musik. Das mit den Leuten interagieren oder halt auch die Songs live zu spielen war schon immer sehr essenziell und eine große Komponente. Und sonst? Ja, wir sind in den letzten Zügen von den Vorbereitungen. Das ist dann immer so mega unromantisch. Also ich freue mich schon, aber es ist gar nicht so die krasse Vorfreude, die man eigentlich immer erwartet, weil dieses Album ja schon ein bisschen länger fertig ist. Und man hat jetzt die alten Songs schon tausendmal gehört. Ich freue mich dann immer eher wieder die Songs live zu spielen. Ja und dann ist gerade mehr so die Planung in die Richtung: was geht danach schon wieder? Und so was.
Die Entstehungsgeschichte von „Everything You Will Ever Need“
Anna: Krass, ja das ist dann wohl mein Zeitpunkt, jetzt mal ein bisschen auf das Album direkt einzugehen. Wie, wann und in welcher Phase sind die Songs so entstanden? Das sind ja ganz schön ne Menge Songs. Aber dann sind natürlich auch zwei Singles von der EP mit dabei. Wie ist es dazu gekommen?
Niklas: Die EP und das Album sind so ein bisschen aus einem Guss. Also es ist ganz witzig, weil wir sehr viele Sessions hatten und ein paar Songs schon fertig waren. Und wir haben dann immer wieder weitergeschrieben und sind ins Studio. Aber das gehört für mich so ein bisschen zusammen. Ich weiß gar nicht, wie lange es war. Ich glaube, wir haben Ende 2019 angefangen zu schreiben und uns ein bisschen überlegt: Wie soll es klingen und in welche Richtung soll es gehen? Von daher hat sich das ziemlich gezogen und EP und Album sind zusammen entstanden. Deswegen ist das auch so ein bisschen der Grund, warum „Like You“ und „1969 – Conrad“ mit aufs Album gekommen sind. Sie schlagen glaube ich eine gute Brücke zu dem Album. Aber wir haben schon irgendwie so knapp zwei Jahre dran geschrieben. Das war erst ein kleiner Hustle, weil wir nicht genau wussten, ob das jetzt wirklich die Songs sind, die Razz 2.0 einläuten. Dann hatten wir aber so schnell noch mehr Songs geschrieben und „Ocean“ stand irgendwie auch so für sich, da musste einfach eine EP her. Wir hatten auch einfach Lust und haben uns dann entschieden, jetzt schon mal was rausbringen. Wir haben Songs, mit denen wir happy sind und dann machen wir einfach weiter und machen ein Album danach.
Anna: Heißt das, dass „might delete later“ dann auch gelöscht wird, sobald das Album raus ist?
Niklas: (lacht)Ne! Aber das wäre auf jeden Fall ein starker Move, wenn wir einfach so das Album oder die EP löschen würden. Es bleibt zumindest erstmal noch überall verfügbar und man kann es auch kaufen. Aber vielleicht in irgendeiner Zukunft. Das wäre auch eigentlich mal ein guter Kaufanreiz.
Wenn man selbst der größte Fan vom eigenen Merch ist
Anna: Du gehst ja auch mit gutem Beispiel voran und trägst euren eigenen Merch, wie ich sehe.
Niklas: Haha ja, aber das war gar nicht mit Absicht. Ich find das T-Shirt einfach echt cool. Christian designt ja unseren Merch selbst. Von daher ist es ja gar nicht so sehr als unser Merch zu sehen. Aber ich bin da eher ein Fan von Christian’s Design, auch wenn das quasi meine Kritzeleien und meine Schrift ist. Aber zumindest Christian’s Idee. Ich supporte also auch Christian damit.
Anna: Du musst dich gar nicht rechtfertigen, ich finde den Merch auch ziemlich schön. Da hat Christian einen guten Job gemacht. Ich finde es ist ja auch nicht so „in your face – das ist Razz Merch“, es stehen halt Lyrics von Songs drauf.
Niklas: Ja, genau, das war uns auch sehr wichtig, dass es so ist. Ich mag das auch gar nicht, wenn auf dem Merch fett Albumtitel und vielleicht Bandname steht oder was weiß ich. Von daher war irgendwie das Augenmerk bei uns, ein bisschen mehr darauf, was irgendwie cool aussieht.
Anna: Ich bin auch gespannt, wie die die Shirts alles aussehen, die ihr letztens selbst bemalt habt für die Sondereditionen von den Vinyls.
Niklas: Da bin ich auch sehr gespannt. Aber ich glaube, einige trägt Christian gerade schon so ein bisschen warm. Also wir haben es ja selbst gemacht und hatten einen Kumpel dabei, Olli, der ultra gute Ideen hatte. Christian fand die Shirts so geil, dass er sich so zwei drei Stück gesneaked hat und die einfach andauernd selbst trägt. Wir müssen ihm noch irgendwie beibringen, dass die auch wieder mit in die Deluxe-Box müssen.
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Anna: So ein, zwei Wochen hat er dann ja noch. Ok, zurück zum Album: Würdest du sagen, es gibt ein Hauptthema auf dem Album, das sich so thematisch durchzieht?
Niklas: Im Gegensatz zu der EP ist das Album auf jeden Fall ein bisschen introvertierter, also auch sehr viel persönlicher. Also die EP ist ein bisschen mehr nach außen gerichtet und auf die Gesellschaft bezogen.Bei dem Album ist ein Thema, was auf jeden Fall dominiert oder häufig vorkommt dieser Heartbreak-Trennungs-Kosmos. Und ja, gleichzeitig auch so meine Gefühlslage,die ein bisschen in die deprimierende Musikrichtung geht und die ich hatte, als wir das Album geschrieben haben. Und das sind so die zwei Hauptthemen. Teilweise ist da aber auch so ein Funke an Euphorie oder Hoffnung immer dabei. Aber es ist schon sehr viel Nachdenkliches auf jeden Fall so grundsätzlich.
Anna: Ich finde gerade auch die zwei Singles, die von der EP schon kommen, sind eher euphorisch als der Rest.
Niklas: Textlich sind beide relativ euphorisch, das stimmt. Also ich finde es persönlich immer interessanter, wenn es ein bisschen offen gehalten ist. Aber die Hintergedanken bei den Songs sind auch schon sehr dystopisch. Vielleicht ein bisschen übertrieben, aber es sind Dinge, die mich genervt haben. Also beispielsweise dieses ständige Vermarkten müssen oder sich präsentieren müssen auf irgendwelchen Social Media Plattformen. Während und generell beim Album schreiben ist mir aufgefallen, dass wir in unserer Generation viel Wert auf Selbstverwirklichung legen. Also uns ist es wichtig, dass wir nicht nur sagen, dass wir welchen Job auch immer nehmen, sondern es soll schön sein und es muss Spaß machen. Du musst einfach happy damit sein. Und genau diese Generationsfrage ist da glaube ich noch mehr dabei in den Texten. Ich glaube, Corona war ein bisschen wie ein Brennglas, dass jeder sich so krass mit sich selbst konfrontiert fühlte und konfrontieren musste. Das hat das Album auf jeden Fall auch maßgeblich mit beeinflusst.
„Manchmal frage ich mich auch: Was ist genau überhaupt das Problem? Da hilft das Songwriting“
Anna: Hilft dir das dann, wenn du die Songtexte schreibst, selbst zu reflektieren und das aufzuschreiben und dadurch besser damit klar zu kommen?
Niklas: Gute Frage. Ich glaube grundsätzlich, also ganz grundsätzlich glaube ich, dass Tagebuch führen oder Gedanken aufschreiben, super hilfreich sein kann. Dementsprechend glaube ich auch, dass es hilft, wenn man seine Gedanken ordnet und es in Songs aufschreibt. Manchmal frage ich mich auch: Was ist genau überhaupt das Problem und warum fühle ich gerade so? Ich glaube, da helfen Songs oder allgemein das Runterschreiben von Dingen auf jeden Fall, um das zu ordnen und klarer zu gestalten.
Anna: Ja. Kann ich mir vorstellen. Ich wünschte auch manchmal, ich wäre so ein Mensch, der Tagebuch schreibt.
Niklas: Aber das kannst du ja ganz einfach anfangen.
Anna: Ja, das sagt man sich dann immer, aber macht es dann doch nicht.
Niklas: Aber du musst es ja auch nicht regelmäßig machen. Ich schreibe auch kein Tagebuch, aber ich weiß von vielen Freunden auch oder Freundinnen, die das machen und das dann vielleicht auch eher unregelmäßig machen. Nur, wenn man vielleicht gerade den Drang dazu hat, etwas runter zu schreiben oder sich über irgendwas klar zu werden, kann es auf jeden Fall sehr hilfreich sein. Also dementsprechend einfach ein kleines Büchlein kaufen. Dann kann man immer wenn es einem gut geht oder vielleicht auch nicht gut geht, das dann runter zu schreiben.
Anna: Ja doch, ich glaube auch, dass es wirklich hilft zur Reflexion.
Niklas: Ja, voll! Also einfach den Vergleich zu haben, dann zu merken, wie habe ich die Situation vielleicht gehändelt und wie würde ich das eigentlich machen.
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Anna: Ich wollte auch noch mal auf die Musikvideos eingehen zu den Singles, die bisher veröffentlicht sind. Es ist ja quasi ein durchgängiger Kurzfilm, wenn man die alle hintereinander schaut. Aber wie seid ihr auf die Geschichte gekommen? Sie hat sich jetzt irgendwie auch noch nicht so ganz fertig angefühlt.
Niklas: Ja, das war so ein bisschen auch die Intention, das offen zu lassen. Die vierte Episode ist tatsächlich aber auch die letzte Episode. Wir haben uns ganz am Anfang gedacht: Okay, wir haben nicht so Bock auf einzelne Musikvideos. Wir hatten das Gefühl, dass wenn wir ein Musikvideo einfach so ins World Wide Web rein schießen, dann verpufft es einfach so. Das ist als Musiker*in glaube ich sehr schwierig. Es hat für mich irgendwie so was Belangloses. Und auch, weil so ein Album ein ganzes, zusammenhängendes Konstrukt ist, war unsere Idee eben einfach, vielleicht auch bei den Musikvideos was Zusammenhängendes zu machen. Also warum keinen Kurzfilm, der vielleicht mit einer Handlung zusammenhängt? Wir haben schnell gemerkt, dass eine Handlung vielleicht ein bisschen zu aufwendig oder zu verwirrend ist und haben dann diese drei Handlungsstränge genommen, die aber untereinander verwoben sind. Das Ganze haben wir im Oktober letzten Jahres geplant. Dann haben wir Jen Krause angeschrieben auf Instagram ganz spontan und die hatte da auch Bock drauf. Wir haben so zwei, drei Monate mit der Planung verbracht. Ich glaube die Stories können ein bisschen verwirrend sein, weil man sich manchmal den Sinn noch selbst suchen muss. Aber das finde ich manchmal ganz interessant und man muss es wahrscheinlich auch sehr aufmerksam schauen, dass man alle Storylines untereinander checkt. Aber wir mussten das schon ein bisschen vereinfachen. Also das heißt, das Grundgefühl haben wir dann von den Songs genommen und das in den Videos verpackt. Aber es war uns eben wichtig, dass es zusammenhängend ist und nicht nur so ein einzelnes Musikvideo.
Anna: Ich finde, das hat echt gut geklappt!
Niklas: Das freut mich, danke.
Zwischen Hoffnung und Sicherheit
Anna: Gibt es irgendwelche bestimmten Hoffnungen und Erwartungen, die du dem Album gegenüber hast? Oder hast du Angst vor bestimmten Reaktionen?
Niklas: Angst tatsächlich nicht so. Ich habe generell immer so ein paar grundlegende Selbstzweifel, aber das ist jetzt nicht bei dem Album schlimmer. Ich kann auch sagen, dass ich mich relativ wohlfühle mit dem Album. Ich finde es ist ein sehr guter Querschnitt von Razz geworden. Eigentlich genauso, wie wir uns das vorgestellt haben. Naja und so eine klassische Hoffnung ist natürlich, dass wir gut in die Charts einsteigen. Aber es kommt immer darauf an, welche Releases noch da sind. Ich weiß nur, dass wir mit den letzten Alben auch immer direkt eingestiegen sind. Also es war schon so eine kontinuierliche Steigerung. Von daher müsste jetzt das jetzige Album, wenn man dem nachgeht, höher starten als das letzte. Das wäre natürlich schön.
Wie klingt denn jetzt Razz 2.0?
Anna: Das bringt mich auch zum anderen Punkt, den du bereits angesprochen hast: Razz 2.0. Ihr seid als Band ja 2012, 2013 gestartet. Das ist offensichtlich schon sehr lange her und seitdem ist sehr viel passiert, ihr wart sehr jung und in einer ganz anderen Lebensphase. Das ist jetzt ein ziemlicher Break, der zwischen „Nocturnal“ und „Everything You Will Ever Need“ liegt. Was ist der grundlegende Unterschied zwischen Razz 1.0 und Razz 2.0 und warum?
Niklas: Es gibt auf jeden Fall mehrere Sachen, die anders sind. Gerade bei den ersten beiden Alben, beim ersten aber noch viel mehr. Da habe ich sehr viele der Songs auf der Gitarre geschrieben, mit so einer gewissen Naivität. Und das gleiche haben wir jetzt bei dem Album gehabt, wo ich sehr viel auf dem Klavier geschrieben habe und. Ich bin jetzt nicht kein hammermäßig guter Pianist, aber vieles funktioniert und ich verstehe alles, wenn ich es analysieren würde. Aber ich finde es immer ganz spannend, wenn man sich an ein Instrument setzt und nicht zu sehr drüber nachdenkt und dann auch einfach Sachen passieren, die man nicht überlegt, sondern einfach macht, weil es gerade funktioniert. Und damit hatten wir diesen Effekt, den wir früher an der Gitarre hatten. Aber wie du ja auch meintest, es liegen knapp zehn Jahre dazwischen. Also die Texte behandeln auf jeden Fall andere Themen. Gleichzeitig hat sich natürlich auch unser Musikgeschmack verändert. Ich höre immer noch oft, dass wir mit Kings of Leon verglichen werden, aber die habe ich zum Beispiel schon ewig nicht mehr gehört oder würde sie auch nur voll selten hören – auch eher aus nostalgischen Gründen. Es ist also auch schon so ein bisschen ein anderer Stil. Ich glaube auch poppig, ohne es irgendwie abwertend zu meinen. Ich mag Popmusik und ich glaube, das Album ist auf jeden Fall auch Popmusik im guten Sinne.
„Es fällt mir schwer, mich mit den Songs von vor zehn Jahren zu identifizieren“
Anna: Würde ich auch so unterschreiben. Vor allem auch im Vergleich zu den älteren Songs, die ja eher rockig sind. Magst du die alten Songs trotzdem noch? Spielt ihr die auch noch gerne auf Konzerten oder ist es eher so, dass ihr die einfach nicht mehr fühlt?
Niklas: So eine Mischung, würd ich sagen. Für mich macht Musik mehr aus als nur schön zu sein. Unterhalten zu werden ist auch wichtig. Und das soll nicht heißen, dass unsere Musik mich nicht unterhält. Aber dadurch, dass ich die Songs schon tausendmal gehört habe und selbst geschrieben habe, weiß ich, was passiert ist und mir ist diese Spannung irgendwie genommen. Und wenn man halt andere Musik hört, dann ist man natürlich überrascht von Melodien oder Ideen, auf die man persönlich nicht selbst gekommen ist. Das fällt natürlich bei der eigenen Musik weg. Ich denke aber auch, ich finde es interessant, wenn Leute ihre eigene Musik hören. Finde ich immer faszinierend. Ich finde es nur teilweise schwer. Oder es fällt mir schwer, mich mit den Songs von vor zehn Jahren, die ich geschrieben habe, als ich 14 oder 15 war, zu identifizieren. Wir spielen einige der Songs teilweise trotzdem noch. Auch wenn immer man sich immer mit den aktuelleren Sachen mehr identifizieren kann, weil es einfach näher an dem persönlichen Geschmack ist. Also wir spielen schon mehr von den neuen Songs.
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Anna: Hast du einen persönlichen Lieblingssong auf dem Album?
Niklas: Das variiert immer so ein bisschen. Also bis vor ein paar Wochen war es „Lately„. Den finde ich gut, weil es ein Song ist, der ein bisschen heraussticht und einen etwas anderen Vibe hat. Finde ich zumindest. Wir haben auf der Tour auch „Rome“ gespielt, einer der Songs, die vorab noch nicht veröffentlicht waren. Der hat live ultra gut funktioniert und kam auch super gut an. Die Jungs wurden erst teilweise auf der Tour von dem Song überzeugt. Deswegen ist das jetzt gerade so ein bisschen mein Favorit. Obwohl es auch ein Song ist, den man nicht beim ersten Mal direkt bemerkt oder der direkt auffallen würde. Den muss man kurz bewusst hören.
Ein bisschen Nostalgie für die Seele
Anna: Genau, da muss ich leider gestehen, dass es mir bisher genauso ging, aber vielleicht bekomme ich jetzt einen besseren Zugang zu dem Song. Springen wir noch einmal etwas zurück in der Zeit: das letzte Mal, dass ich dich interviewt habe war 2018 auf dem Rocken am Brocken. Damals noch für das Campusradio Hannover. Ist also schon ein bisschen länger her. Das Interview habe ich mir gestern auch noch angehört und es ist echt einfach cringe.
Niklas: Wahrscheinlich für beide Seiten.
Anna: Ja, das stimmt wahrscheinlich. Naja, aber worauf ich hinaus wollte ist, dass du damals gesagt, dass du dich potenziell noch deiner Heimat immer sehr verbunden fühlst. Und ich wollte mal fragen, ob das jetzt immer noch so ist. Würdest du das jetzt vier Jahre später auch noch so unterschreiben?
Niklas: Witzig, weil 2018 sind wir umgezogen. Rocken am Brocken war sogar genau das Wochenende, an dem wir umgezogen sind.
Anna: Ach echt? Was ein Zufall!
Niklas: Ja, an dem Wochenende vom Rocken am Brocken haben wir die ganze Zeit unseren ganzen Musik Kram dabei gehabt, aber dann hatte jeder noch so ein, zwei Koffer dabei und dann sind wir direkt weiter nach Berlin. Aber auf die Frage zurück: grundsätzlich ja. Heimat ist irgendwie immer Heimat. Aber es gibt einen Unterschied zwischen Heimat und Zuhause. Und ich glaube, diese kleine, komische, abgefuckte, ländliche Gegend, aus der wir kommen, wird auch immer noch unsere Heimat bleiben. Oder zumindest meine.
Anna: Du darfst sie ruhig benennen, wenn du möchtest. Das ist nämlich auch meine Heimat.
Niklas: Ok, also es geht um das Emsland. Wo kommst du dort her?
Anna: Ich bin in eine Vorort von Lingen aufgewachsen.
Die Heimat auf dem Land als Reset-Knopf vom Großstadt-Chaos
Niklas: Achja, lustig, aber da ist Schöhningsdorf dann wohl doch nochmal etwas kleiner. Ich spüre die Verbundenheit zu dem Ort auf jeden Fall noch. Aber ich fühle mich auf jeden Fall jetzt gerade wohler in Berlin. Einfach weil das Angebot größer ist. Alleine die Leute, die man hier trifft. Wenn ich Lust habe, mega krasse Musiker oder Musikerinnen zu sehen, dann ist die Wahrscheinlichkeit relativ hoch, dass die in den nächsten ein, zwei Wochen hier irgendwo spielen und ich die Möglichkeit habe, die zu sehen. Das ist einfach mega geil. Aber auch das kulturelle Angebot ist einfach so viel besser. Ich bin echt ein enormer Großstadt Fan geworden. Aber ich mags auch immer wieder nach Hause zu kommen, weil es halt einfach wie so ein kleiner Reset Knopf ist und meine Familie ist ja noch da. Also so ganz weg werde ich davon eh nicht kommen. Aber das ist auch, solange die da sind, noch gut.
Anna: Da ich muss sagen, ich habe das auch in den Corona-Zeiten ein bisschen mehr wertschätzen gelernt. Weil man halt einfach dadurch, dass in der Großstadt dann nichts ging, man dann da so einen Ort der Zuflucht hatte. Also einfach im Emsland in den Wald gehen und rauskam. Man hatte halt viel mehr Möglichkeiten sich irgendwo aufzuhalten.
Niklas: Ja voll! Wenn man mal so bedenkt, dass alles was eine Großstadt wie Berlin ausmacht, weg ist, wenn Corona ist. Also all die Vorzüge sind irgendwie nicht mehr da. Aber all die Vorzüge, die man in ländlichen Regionen hat, bleiben aber bestehen, weil sie nicht so abhängig sind von irgendwelchen Restriktionen oder was auch immer. Deswegen war es da auf jeden Fall entspannter, da zu sein.
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Anna: Da stimme ich dir voll und ganz zu! Okay, ich habe noch zwei Fragen. Undzwar gibt es, bis auf das Feature mit Giant Rooks vor ein paar Jahren, nur eigene Songs von euch und keine Features – ich habe zumindest keine gefunden. Hat das einen bestimmten Grund?
Niklas: Nö, nicht so richtig. Ich finde halt Features ergeben sich meistens einfach so und bei den Rookies war es so. Findest du nur ein Feature untypisch?
Anna: Gefühlt schon, ja – vor allem dafür, dass ihr schon ein paar Alben draußen habt, ist ja sonst oft.
Niklas: Ich glaube das ergibt sich einfach wirklich. Also es war gar keine bewusste Entscheidung bei uns.
Der Mann mit der Kettensäge
Anna: Die Abschlussfrage in allen unseren untoldency Interviews ist die nach einer untold Story: also eine Geschichte, die du am besten bisher in keinem Interview erzählt hast und die irgendwie catchy oder besonders oder weird ist.
Niklas: Ich glaube, das war letztes Jahr auf dem Rocken am Brocken. Musste vorhin dran denken als du das Festival angesprochen hasr. Das auch so eine absurde Geschichte, wo ich schon ewig nicht mehr drüber nachgedacht hab, aber wir haben letztes Jahr so ein kleines Corona-Konzert in abgespeckter Form dort gespielt. Alle Leute hatten natürlich ultra Bock und wir waren auch super hyped und sind mega lange noch dort geblieben. Wir haben uns alle Acts angeguckt waren dann noch auf dem Dancefloor hinten. (denkt drüber nach) Und es war einfach so eine absurde Story. Irgendwann sind wir wieder zurück ins Backstage und es war schon so zu 80 % leergefegt. Wir haben uns ein Bierchen zum Hotel mitgenommen. Wie aus dem Nichts stand dann irgend so ein Typ im Weg – ich weiß bis heute nicht, ob das ein Festivalhelfer war oder ob er einfach ein Zuschauer war – aber er stand auf einmal mit einer Kettensäge im Backstage. Meine Erinnerung ist da auch etwas getrübt, aber irgendwann hat er random Bäume umgesetzt im Backstage. Die nächste Erinnerung, die ich habe, war, wie unser Lichttechniker auch mit der Kettensäge neben mir stand. Also da stand er auf einmal mit einer Kettensäge im Backstage. Das ist so ein Bild, was ich auf jeden Fall noch im Kopf behalten habe. Die Situation war einfach so absurd. Stell dir mal vor: Backstage letztes Bier, einfach kurz dem Heimweg und auf einmal ist da so eine Kettensäge, die kursiert und wir waren alle so mega perplex. Was passiert hier gerade? So eine Mischung aus „ganz funny“, wenn man so leicht beschwipst ist, bis hin zu „okay, so fangen Horrorfilme an“.
Anna: Ich habe auch direkt an einen Halloween- oder Horrorfilm gedacht. Aber weißt du woran mich das auch erinnert hat? Es gibt auf dem Rocken am Brocken immer eine Person aus dem Team, die über das Wochenende verteilt eine Figur aus Holz erarbeitet. Ich meine das wird auch mit Kettensäge gemacht. Aber ich weiß nicht, ob das letztes Jahr auch so gemacht wurde, weil es ja nicht so das richtige Festival war.
Niklas: Das würde einiges erklären. Aber komisch ist es trotzdem noch. Was macht man mit so einer Kettensäge nachts um vier im Backstage?
Anna: Ja, eigentlich machen die das auch nur tagsüber, wenn es hell ist.
Niklas: Na gut, vielleicht hat da jemand nicht ganz so aufgepasst.
Anna: Das hätte mich auf jeden Fall auch verwirrt. Aber danke, dass du diese Geschichte geteilt hast.
Niklas: Sehr gerne. Ich kann Fotos nachliefern. Obwohl, vielleicht besser nicht. (lacht)
Anna: Da müsste man die Person auf dem Foto wahrscheinlich auch erst einmal fragen, aber ich würd’s schon gerne sehen. Naja, danke dir! Vielen Dank für deine Zeit.
Niklas: Hey, danke dir und noch einen schönen entspannten Tag!
Hier könnt ihr das neue Album „Everything You Will Ever Need“ von Razz ab jetzt rauf und runter hören bis euch die Ohren bluten:
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Dass wir eine besonders große Vorliebe für Newcomer*innen aus der deutschen Indie-Bubble haben, ist wohl kein Geheimnis mehr. Deswegen freuen wir uns aber immer umso mehr, wenn wir euch mal wieder neue Künstler*innen vorstellen dürfen. Heute soll es um BROCKHOFF gehen.
Im März kam mit „2nd Floor“ die erste Single der 22-Jährigen Sängerin aus Hamburg raus. Mit einer ordentlichen Portion E-Gitarre und rockigen Indie-Sounds reiht sich Lina Brockhoff in unseren Playlists easy neben Genre-Größen wie Phoebe Bridges oder Soccer Mommy ein. Ende Juni ist mit „Sharks“ die Debüt-EP von BROCKHOFF erschienen. Spätestens jetzt sollte die Indie-Rockerin auf dem Radar aller Liebhaber*innen des Genres angekommen sein. Im Interview mit Anna gibt Lina Einblicke in die Entstehungsgeschichte von BROCKHOFF und verrät, woher sie ihre Inspiration zieht.
BROCKHOFF im Interview
Anna: Hallo Lina! Schön, dass du hier bist. Ich würde sagen, für die meisten Leute ist BROCKHOFF noch ein sehr unbekannter Name. Magst du dich deshalb zu Beginn erst einmal vorstellen?
Lina: Ja, ich bin Lina Brockhoff. Und ich arbeite jetzt seit zwei Jahren an dem Projekt BROCKHOFF. Im März diesen Jahres ging es endlich mit der ersten Single los. Ich wohne in Hamburg und hier fing es auch eigentlich alles an. Die ersten Songs hab ich im ersten Lockdown geschrieben. Also kurz nachdem ich hierher gezogen bin von meiner Heimat in der Nähe von Hildesheim.
Anna: Wie bist du denn zur Musik gekommen? Kam das erst durch die Corona-Langeweile? Oder war das für dich immer schon präsent?
Lina: Das war schon immer ein sehr, sehr präsenter Teil. Ich mach schon super lange Musik. Ich glaube, ich habe mal angefangen mit Flöte spielen und dann habe ich sogar lange Klavierunterricht gehabt, so seit ich acht Jahre alt bin. Irgendwann habe ich immer mehr angefangen zu singen, mich mit Klavier zu begleiten und dementsprechend dann auch mir irgendwann Gitarre beigebracht, weil es einfacher war zu transportieren. Vor diesem Projekt hatte ich noch ein Singer-Songwriter Projekt unter meinem richtigen Namen. Und so seit zwei Jahren arbeite ich jetzt an BROCKHOFF.
BROCKHOFF als Startrampe in den Indie-Rock-Kosmos
Anna: Gibt es davon noch Musik oder hast du’s einfach nur für dich selbst gespielt?
Lina: Nee, da gibt es aktuell nichts zu hören von den alten Sachen. Das war für mich ein sehr großer Neustart.
Anna: Wie kommt es, dass du dich dazu entschieden hast, deinen richtigen Nachnamen zu nehmen?
Lina: Tatsächlich brauchte ich da auch erst mal lange, mich dafür zu entscheiden. Es wurde mir von unterschiedlichen Leuten unabhängig voneinander, als ich auf der Suche nach einem Künstlernamen war, so in den Raum geworfen. Und am Anfang dachte ich, ich will eher so nach einem nicen Fantasienamen oder so gesucht habe und es mir im ersten Moment eher fremd vorkam. Was ja auch total komisch ist eigentlich. Wenn man mit dem Namen geboren wird, dann ist einem der ja auch nicht fremd. Aber je mehr ich darüber nachgedacht habe, so cooler fand ich es auch irgendwie, weil es ein relativ ungewöhnlicher Nachname einfach ist, den es nicht so super oft gibt. Und er auch irgendwie erst mal ein bisschen hart klingt und auch eher männlich anmutend. Aber das fand ich dann irgendwie auch cool, weil es so im Kontrast steht zu mir als Person.
Anna: Und dann muss man nicht immer erklären, wie man auf den ausgedachten Namen gekommen ist.
Lina: So ist es eigentlich immer simpel. Es wurde mir quasi in die Wiege gelegt. Also es gab auch keine wirklichen anderen Optionen. Irgendwie war das dann doch das, was es ja was relativ schnell mir auch am besten gefallen hat. Und ich weiß noch, dass ich meine Eltern und meine Cousine auch beide gefragt hab. Meine Eltern fanden es erst etwas komisch, aber meine Cousine war direkt sehr gehyped. Das war damals irgendwie lustig.
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Anna: Ok, kommen wir mal zu deiner EP ‚Sharks‘, die ich mir natürlich fleißig angehört habe. Magst du einmal vorstellen, worum es thematisch auf der EP geht?
Lina: Es gibt kein übergeordnetes Thema, sondern es sind irgendwie einzelne Songs, die in unterschiedlichen Gefühlslagen und Lebenslagen entstanden sind oder aus unterschiedlichen Gefühlen heraus. Es ist jetzt nicht so, dass es ein Konzept gibt oder so, aber die Songs sind schon alle ungefähr in selben Phase entstanden. Sie verarbeiten unterschiedliche Geschichten. Und es sind vor allem sehr persönliche Erfahrungen von Beziehungen oder auch zwischenmenschlichen Erlebnissen, die mich zu der Zeit sehr beschäftigt haben.
Anna: Wie und wann sind die Songs entstanden?
Lina: Vor allem der Umzug nach Hamburg war für mich einer der größten Momente in meinem Leben, weil ich das erste Mal von zu Hause weg war und alleine wohnen musste. Man lernt ja auch super viele neue Leute kennen. Irgendwie habe ich in der neuen Stadt neue Inspirationen bekommen, vor allem auch musikalisch. Ich habe sehr viel auch erst mal ausprobiert, bevor dann überhaupt auf diesen Sound gekommen bin. Aber es geht in den Songs gar nicht konkret um meinen Umzug nach Hamburg oder die Erfahrungen, die ich durchs Leben gebracht habe, sondern über einzelne Beziehungen oder auch gescheiterte Beziehungen. Oder zum Beispiel bei ‚Sharks‚ einfach um eine super blöde Party, auf der ich war, die noch nicht mal in Hamburg war. Also das sind eher kleinere Geschichten, die ich in den Songs behandele und gar nicht das große Ganze mit dieser Lebensphase.
„Eine Situation, die so vermeintlich banal und unwichtig ist“
Anna: Aber ich finde, es funktioniert gerade deswegen ganz gut, weil es eine bestimmte Geschichte ist, durch die man sich trotzdem identifizieren kann mit der Situation.
Lina: Das ist halt irgendwie schön, wenn das so ein bisschen automatisch passiert, dass man anhand von einem Erlebnis oder einer kleinen Geschichte oder Erfahrung sich mit dem Gefühl identifizieren kann. Also so funktioniert bei mir meistens auch das Songwriting generell, dass mir so eine kleine Situation vorschwebt, die so vermeintlich banal oder unwichtig war, aber ich irgendwie darum herum und den Song baue, weil es irgendwas in mir getriggert hat oder weil ich mich durch dieses Detail an etwas Bestimmtes erinnere. Und dann so die Geschichte drum herum baue, die dann noch irgendwie viel mehr ausdrückt als nur so eine kleine Sache.
Von Pop zu Rock: Phoebe Bridges als Inspiration für den BROCKHOFF-Sound
Anna: Wo wir gerade bei den Texten sind: Wie ist das bei dir? Schreibst du zuerst die Texte und überlegst dann, welcher Sound dazu passen würde oder kommt das organisch zusammen?
Lina: In meinen Teenie Jahren habe ich super viel hauptsächlich Popmusik gehört. Aber ich glaube vor allem durch Phoebe Bridges bin ich dann in diesen Indie Rock und Rock Kosmos gezogen worden und über sie ich auch weitere Künstlerinnen gefunden, die ja bis heute meine größten Inspirationen auch für BROCKHOFF waren. Also durch die ganzen Sachen habe ich dann auch gemerkt, dass es mir viel mehr Spaß macht mit E-Gitarre zu spielen. Dann war mir auch schnell klar, dass ich mehr Indie-Rock machen möchte anstatt irgendwie Synth Pop. Und dann habe ich angefangen auch eine Playlist zu erstellen, mit Songs und mit Künstler*innen, die ich cool fand und bin damit zu meinem Produzenten Christian Hartung gegangen. Er hat da auch noch Songs reingepackt, die ihn sehr geprägt haben. Also es passte dann irgendwie ganz gut, wie wir beide von unterschiedlichen Seiten an diese Referenzen herangingen. Die Playlist ist mittlerweile so lang geworden, dass ich sie glaub ich noch mal aussortieren muss, bevor ich sie irgendwann teile. Aber sie ist eigentlich zu gut dafür, dass ich sie nicht irgendwann mal teilen kann.
Anna: Gibt es einen bestimmten Song, wo du sagst, der bedeutet dir vielleicht persönlich am meisten auf der EP oder den fühlst du gerade am meisten?
Lina: Es gibt nicht den einen Song. Manchmal wechselt es tatsächlich sehr, weil die Songs auchvon der Dynamik her sehr unterschiedlich sind. Es gibt ruhigere Nummern und eher so Tracks wie ‚Sharks‚. Das variiert total, in welcher Phase ich irgendwie mal so einen kleinen Liebling habe, aber im Moment würde ich tatsächlich sagen, dass es ‚Missing Teeth‚ ist.
Anna: Woher hast du diese super genialen Fisch-Slipper, die man auf dem Cover der EP sieht?
Lina: Die sind von Lotti, einer Freundin von mir, mit der ich auch die Artworks gemacht habe. Als wir uns auch gerade kennengelernt hatten lagen die bei ihr im Flur. Ihre Mitbewohnerin und sie hatten beide die selben Schuhe. Und wir haben die dann auch nur aus Spaß mitgenommen. Es war eigentlich gar nicht der Plan, damit wirklich Fotos zu machen. Wir haben die aus Spaß einfach spontan mit eingesteckt und damit dann irgendwie so ein bisschen rum experimentiert. Dann ist es wirklich einfach aus Zufall entstanden. Und da gab’s auch glaube ich den Song ‚Sharks‚ noch nicht mal. Also das Ganze ist ehrlich gesagt gar nicht so mit dem Hintergedanken entstanden, sondern wir fanden es einfach super cool und gegen Ende war dann irgendwie relativ schnell klar, dass das auf jeden Fall das Cover wird.
Anna:Ich finde die ja genial und meine die irgendwo schon mal gesehen zu haben, aber ich weiß nicht mehr wo.
Lina: Ich glaube, die gibt es im großen, weiten Internet zu kaufen. Es gibt sie auch in unterschiedlichen Farben.
Der längst nötige Wandel in der Musikszene und die Frauenquote
Anna:Haha klar, es gibt alles im Internet. Aber kommen wir zurück zur Musik. Du hast ja vorhin schon Künstlerinnen, ausschließlich Künstlerinnen genannt, die dich inspirieren. Und da finde ich immer ganz interessant sich mal die Frauenquote in seinen eigenen Playlists anzuschauen. Ich hab das Gefühl, dass vor allem die deutsche Musikszene noch ziemlich männerdominiert ist. Hast du einen ähnlichen Eindruck? Und hast du manchmal sogar das Gefühl, dass gewisse Vorurteile gegen Frauen, vor allem auch jüngere Frauen, mitschwingen?
Lina: Auf jeden Fall ist mir das schon aufgefallen. Eben weil diese ganzen Namen, die ich vorhin genannt habe – Snail Mail, Beabadoobee, Soccer Mommy – sind ja alles weibliche Künstlerinnen, die da gerade vor allem hauptsächlich aus den USA irgendwie in dem Genre auftauchen. Und dass das hier noch nicht so verbreitet ist, ist mir auf jeden Fall aufgefallen. Ich finde schon, dass sich da gerade einiges tut und das finde ich auch sehr, sehr schön zu sehen. Ich sehe auch, dass es gerade schon zunehmend mehr junge Künstlerinnen gibt, die sich auch trauen, über den eher glatten Pop hinaus Musik zu machen und damit rauszugehen. In der Vergangenheit habe ich schon öfters auch mal das Gefühl gehabt, dass man mich nicht hundertprozentig ernst nimmt. Und tatsächlich habe ich das ja auch in dem Song ‚Sharks‘ mit verarbeitet. Also auf der Party, um die es in dem Song geht, gab es eben auch einige Anspielungen darauf und ich habe mich auch nicht ernst genommen gefühlt. Also ja, ich hatte schon Situationen, aber ich finde, dass da ein Wandel stattfindet. Das ist das, was ich gerade irgendwie fühle und mitbekomme.
Für mehr Frauenpower in eurem Playlist-Kosmos, checkt gerne mal unsere „female fronted bubblegrunge“ Playlist aus:
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Anna: Das Gefühl habe ich auch. Ich finde, wenn man einmal anfängt sich damit zu beschäftigen, dann findet man noch viel mehr tolle Künstlerinnen. Aber sie sind eben (noch) nicht so groß.
Lina: Ja, ich glaube das ist so, weil es einfach erst seit gar nicht so langer Zeit diese Awareness gibt, dass zum Beispiel auf Festivals eine Quote eingeführt wird oder man speziell darauf achtet mehr Frauen ins Line-Up zu bekommen. Also das ist ja auch erst seit ein paar Jahren, wenn überhaupt so der Fall. Und da gab es ja auch diesen Shitstorm beim Rock am Ring, glaube ich, dass das so männerdominiert ist. Da fragt man sich dann auch, wie das eigentlich noch geht in der heutigen Zeit. Durch Freunde und Freundinnen, die bei kleineren Festivals auch aktuell arbeiten, bekomme ich mit, dass es da sehr viel Wert draufgelegt wird und sehr viel da rein gehangen wird dafür, dass sich da was ändert. Und deswegen kann ich selber nicht verstehen, wieso das auf so einem großen Festival nicht geht.
Anna: Ich hoffe auch, dass es sich bei den großen Festivals im nächsten Jahr mal ändern wird. Genug gute Künstlerinnen gibt es ja. Was können wir uns denn in Zukunft noch von BROCKOFF erhoffen?
Lina: Also es liegen einige Songs noch in der Schublade, bei denen ich es auch kaum erwarten kann, damit rauszukommen. Mit den Erfahrungen, die ich jetzt durch die ersten Veröffentlichungen und die erste EP gesammelt habe, habe ich noch mehr Lust bekommen, damit ins Studio zu gehen und daran zu feilen und zu arbeiten und auch irgendwie natürlich noch weitere neue Songs zusätzlich zu schreiben. Also es ist auf jeden Fall noch einiges in petto und es wird auch nach der EP noch einiges geben.
Brocki’s Big Thief-Fangirl Moment
Anna: Das ist eine gute Nachricht. Da freue ich mich schon drauf! Noch eine letzte Frage zum Abschluss: Was ist deine untold story?
Lina: Wir haben letztens in Berlin auf einem Festival gespielt. Da haben auch Big Thief gespielt und ich bin riesengroßer Fan der Band. Dann habe ich tatsächlich relativ kurz vor unserem Auftritt – ich war so super nervös, muss ich dazu sagen – meine In-Ear Kopfhörer auf der Toilette vergessen vor dem Soundcheck. Ich musste also zurück sprinten auf die Toilette. Ich bin eine super vergessliche Person. Also sowas passiert mir eigentlich ständig. Sie lagen aber zum Glück noch genau da. Als ich mir dann nochmal die Hände gewaschen habe, habe ich auf einmal gesehen, dass Adrianne Lenker ein paar Meter weiter nehmen mir stand am Waschbecken. Das war glaube ich bisher mein einziger krasser Starstruck-Moment. Vor allem habe ich überhaupt nicht damit gerechnet, weil ich halt selber so im Stress war, wegen unseres eigenen Auftritts. Ich habe mich nicht getraut, irgendwas zu sagen. Ich hab nur ganz still die Hände gewaschen und dann im Spiegel versucht ein paar Blicke zu erhaschen. Dann bin ich aber rausgegangen, habe mich nicht getraut, was zu sagen. Seitdem denke ich so viel darüber nach, was ich für lustige, coole, was auch immer Sachen hätte sagen können, aber mich einfach nicht getraut.
Anna: Ich weiß aber auch nicht, ob ich mich an deiner Stelle in dem Moment getraut hätte, sie anzusprechen. Vor allem, wenn man selbst auch eigentlich gerade im Stress ist. Aber danke dir für diese Story und vielleicht ermutigt das ja, demnächst sich einfach mal zu trauen!
Falls ihr es noch nicht gemacht habt, checkt jetzt unbedingt die Debüt-EP von BROCKHOFF aus. Für alle Indie-Rock-Liebhaber, Powerfrauen-Supporter und Menschen mit gutem Musikgeschmack:
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Wenn man mich fragt, wer meine Lieblingsband ist, gibt es schon seit mehreren Jahren nur eine Antwort. Wie aus der Pistole geschossen erkläre ich sofort: die Leoniden. Selbst ein passendes Tattoo hat es mittlerweile schon auf meine Haut geschafft. Deshalb freue ich mich umso mehr mit einem Teil der Band über ihre neue Single „Smile“ zu sprechen. Irgendwo zwischen 2000er Indie und dem klassischen DIY Leoniden Sound siedelt sich das neue Release an und hat mich damit von Sekunde eins gecatcht.
Es ist nicht das erste Mal und wird auch sicher nicht das letzte Mal sein, dass wir die sympathische Truppe auf ein Pläuschchen zu uns einladen. Dieses Mal haben wir über die Liebe zur live-Musik, den neuen Song und das Künstler*innen Dasein in politisch stürmischen Zeiten gequatscht. Wer einen ganz besonderen Fact zu ihrem neuen Release hören möchte, sollte kein (Achtung schlechtes Wortspiel) Quacksalber (Auflösung gibt es später) sein und auf jeden Fall bis zum Ende dranbleiben! 🙂
Auf unserem Instagram-Kanal gibt es für alle Interessierten außerdem noch bis zum 27.05.22 die Chance die Single als 7″ inch Vinyl zu gewinnen :))
Leoniden im Interview
Paula: Hey ihr Beiden. Schön, dass es jetzt klappt! Wie geht es euch so kurz vor dem Release und nach den ersten Shows, die ihr endlich wieder spielen durftet ?
Lennart: Sehr gut geht es uns!
Jakob: Uns geht es echt gut! Die Kampagne zu „Complex Happenings“ hat ja schon 2020 mit „L.O.V.E.“ gestartet und eigentlich wollten wir dazu immer eine Tour spielen aber bis nach dem Release hat es leider nie wirklich geklappt. Jetzt waren wir auf Tour und das macht das Puzzle endlich vollständig. Irgendwie fühlt es sich jetzt endlich zusammenhängend an. Wir haben zwei Jahre darauf gewartet Songs, die wir released haben, in einem Club-Setting live zu spielen und das ist super erlösend und diese ganzen guten Gefühle aus 2019 sind endlich wieder da.
Lennart: Für uns gehört schon zu jedem Album auch eine ausgiebige Tour und das planen wir eigentlich auch immer im Vorfeld so, dass Album und Tour sinnvoll miteinander verbunden werden können und darauf haben wir jetzt ganz schön lange warten müssen. Das hat ja auch viel Chaos angerichtet in dem ganzen Releaseprozess.
Jakob: Ja auch in der ganzen Musikwelt eigentlich. Wir sind ja auch nicht exklusiv von der Pandemie betroffen. Umso schöner war es jedoch, dass wir relativ direkt nach dem „Complex Happenings“ Release wieder angefangen haben, neue Musik aufzunehmen. Dieses Mal haben wir das Studio zu uns in den Proberaum geholt und konnten während des Schreibens schon direkt etwas aufnehmen. Und jetzt fühlt es sich echt gut an, einfach einen Song rauszubringen, ohne Release-Kampagne. Ich mag den Song echt und freue mich da jetzt richtig drauf.
Single-Cover zu „Smile“
Der Song heißt „Smile“ – gibt es etwas, dass euch am heutigen Tag schon zum Lächeln gebracht habt?
Lennart: Klar!
Jakob: Ja einiges.
Lennart: Als wir heute morgen in unseren Proberaum gekommen sind, stand zum Beispiel Magnus Wichmann hier.
Jakob: Das ist unser Homie und Producer, der gerade nebenan saugt. Danke Magnus!
Ja cool. Ihr habt den Song ja kreiert und wisst natürlich am Besten von was er handelt. Beschreibt doch mal in euren eigenen Worten, um was es bei „Smile“ geht.
Jakob: Ich würde sagen bei „Smile“ geht es ein bisschen darum, dass man dem manischen Wahn, in dem man sein kann, auch immer mal wieder entkommen muss, indem man innehält und aussteigt. So fällt einem manchmal auch auf, wie man sich mit einem falschen Wohlgefühl in so etwas hinein legt. Dann realisiert man wie es zum Küntsler*innen Dasein auch dazugehören muss, mal zu Reflektieren und ehrlich zu sich zu sein. Natürlich soll es aber auch keine Ode an das alt und langsam werden sein!
Lennart: Ne, null! Es geht eher darum, dass man dieses Getrieben sein auch mal ein bisschen hinterfragt oder zumindest mal richtig einordnet, indem man auch mal kurz nach rechts und links und vorne und hinten guckt und sich nicht immer in einen Aktionismus flüchtet.
Jakob: Ja. Ein Teil des Songs ist aber auf jeden Fall auch, dass man nicht mit sich selbst so hart ins Gericht geht. Der Song heißt ja auch „Smile“ und nicht Cry. Es geht darum sich still zuzulächeln und die Getriebenheit nicht zu verteufeln.
Total Spannend! Ich finde das eine Reflexion der eigenen Lebensumstände aber auch oft mit einer Versöhnung mit sich selbst zusammenhängt.
Jakob: Genau das ist der Punkt. Das man den Frieden bewahrt und vor allem annehmen kann.
„Smile“ geht nochmal in eine ganz neue Richtung
Euer neues Album war genremäßig ja eher experimentell und neu im Vergleich zu den Alben davor – dieser Song ähnelt musikalisch aber nun wieder früheren Releases – war das eine bewusste Entscheidung?
Jakob: Ich kann mir vorstellen, dass bei dem Song ganz viele Menschen unterschiedliche Dinge sagen würden. Ich wüsste nicht mal ob Lennart und ich die gleichen Sachen sagen würden. Für mich ist der Song schon nochmal ein Schritt ganz woanders hin, wo wir vorher so noch nicht waren.
Lennart: Ich kann das manchmal gar nicht so auseinanderhalten. Ich würde die Alben vor allem immer an der Art und Weise wie sie aufgenommen sind und wie sie klingen unterscheiden.
Jakob: Gut, dann ist es aber neues Terrain.
Lennart: Ja genau. Aber auch die Art und Weise wie er geschrieben ist, erinnert mich nicht so stark an unsere früheren Alben.
Jakob: Aber woran machst du das denn fest? Siehst du einen konkreten Nachbar zu „Smile“ auf unseren früheren Alben?
Das ist super schwer zu sagen. Ich glaube es geht mir mehr um den generellen Vibe des Songs. Als ich „Complex Happenings“ zum ersten Mal gehört habe, war das zum Beispiel komplett neu für mich aber bei Smile habe ich einen wiedererkennbaren Leoniden-Sound rausgehört.
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Das ist auf jeden Fall gut! Da kommen schöne Nostalgie-Gefühle hoch und der macht echt gute Laune.
Jakob: Ja cool. Was ich auf jeden Fall unterschreiben würde, ist das „Smile“ sich auch sehr ehrlich an Musik orientiert, die wir früher auch viel selbst gehört haben. Ich höre da schon auf viel 2000er Indie raus. Aber ey ich bin mir sowieso sicher – es gibt mehr Meinungen zu dem Song als Menschen! Ich bin gespannt, was wir da noch so hören werden.
Ja klar! Jeder hört Musik ja auch anders und hat andere Einflüsse.
Emotionen beeinflussen die Musik, die man kreiert
Unsere Gesellschaft befindet sich zur Zeit ja in sehr stürmischen und turbulenten Zeiten, wie fühlt es sich in dieser Zeit an Musik zu releasen, aber vielleicht auch Musik zu kreieren? Ist euer Dasein als Musiker für euch hier eine willkommene Ablenkung oder dient die Musik hier vielleicht eher auch als ein Mittel sich geladenen Themen von einer neuen Seite zu nähern und sie vielleicht auch zu verarbeiten?
Jakob: Total Beides. Es gibt logischerweise zwei unterschiedliche Themen, die sich gerade in unterschiedlicher Weise auf die Frage „Wie wohl fühle ich mich in meiner Rolle als Musiker“ auswirken. Da ist auf der einen Seite die Pandemie, die echt richtig reingeschlagen hat. Das was man so gerne tut und das was man als ein so großes Privileg begriffen hat, wurde auf einmal sehr viel blasser und man wusste nicht so richtig wie es weiter geht. Seit der Tour wissen wir aber, es geht zum Glück genauso weiter wie es aufgehört hat. Und der Krieg in der Ukraine zeigt einem dann nochmal sehr deutlich, was für ein privilegiertes Luxusleben wir eigentlich haben.
Ja, das auf jeden Fall. Was ich mich jetzt aber frage ist, ob ihr diese ganzen Themen und Krisen mit in die Musik nehmt? Oder trennt das eher ab?
Lennart: Die Musik, die wir machen und die wir schreiben, ist zu 100 Prozent von dem was wir aufnehmen und was uns beeinflusst geprägt. Und zwar von hinten bis vorne. Wir schreiben ja keine Auftragsmusik – also machen nicht Musik für Leute, die etwas bestellen, was dann eben nach bestimmte Vorgaben erstellt wird.
Jakob: Wir gucken halt auch nicht die Tagesschau um inhaltlich inspiriert zu sein und dann ein Album darüber zu schreiben, was die letzten Monate passiert ist. Bei uns ist es vermutlich eher so, dass die Krisen auf der Welt uns entweder dazu bringen explizit fröhliche Musik zu Schreiben und was Schönes zu hinterlassen oder dass man sagt – ey das hat mich jetzt total umgehauen. Der Weltschmerz ist richtig real heute – Wir müssen was trauriges schreiben. Wir glauben auch dass unsere politische Kraft eher darin besteht in unseren Songs auf Probleme aufmerksam zu machen, sie aber nicht in 3:30 min und 16 Zeilen zu lösen. Das wäre glaube ich ganz schön arrogant, wenn man glaubt man könnte das.
Lennart: Ein Lied mit zwei Strophen ist auch das falsche Medium um so komplexe Themen zu erklären. Aber es geht in unseren Songs natürlich um Gefühle und Einflüsse, die den ganzen Tag auf uns einprasseln. Und wir verarbeiten sie dann peux a peux in Musik.
Ich finde es eine total spannende Frage, wie man äußere Umstände seinen Alltag beeinflussen lässt.. Und in eurem Fall ist ja nunmal das Kreieren von Musik euer Alltag.
Lennart: Ich glaube alle Leute, die Kunst machen, bringen das irgendwie in ihre Kunst auch ein.
Jakob: Ja ich glaube das macht auch die meiste Kunst, die uns umgibt. Wir sind ja alle eher umgeben von konkreter und weniger abstrakter Kunst. Dahin zieht es Einen ja auch. Zu authentischen Gefühlen und Verarbeitungen, wie auch immer diese dann bei unterschiedlichen Menschen aussehen. Es würde Einen ja glaube ich sonst gar nicht so abholen. Aber es ist wirklich zwischen – „ich bin todtraurig ich will einen Song drüber schreiben“ und ey ich habe einfach das erste At the Drive-In Album gehört – es ist so unfassbar geil – wollen wir mal probieren einfach einen Punksong zu schreiben. Auch das kann passieren und das sind auch die Freiheitsgrade, die wir uns auf jeden Fall bewahren wollen. Wir wollen nicht sagen, wir schreiben jetzt nur noch über Beziehungen oder nur noch über Politik. Das wäre ja wie zu sagen, ich rede mit Lennart nur noch über eine Sache.
Leoniden-Konzerte sind Club-Konzerte
Das stimmt natürlich! Aber von hier nun mal zu den ersten paar Konzerten, die ihr nach Corona wieder im altbekannten Setting spielen konntet. Was war bisher der schönste Moment?
Lennart: Es ist jeden Abend der schönste Moment, wenn die Leute anfangen mitzusingen. Das ist halt total heftig das wieder mitzuerleben. Wir habe letztes Jahr einige der corona-konformen Konzert gespielt, wo die Leute weit auseinander gesessen haben und da merkt man jetzt doch schon den Unterschied. Man kann natürlich auch im Sitzen mitsingen, aber jetzt ist es einfach eine ganz andere Energie und eine ganz andere Stimmung, wenn die Leute wirklich vor der Bühne stehen, tanzen und dann bestimmte Songs kommen, wo mitgesungen wird, sowie das vor zwei bis drei Jahren der Fall war. Da wieder reingeworfen zu werden, war für mich der schönste Moment. Und auch zu sehen, dass das nicht einmalig, sondern jeden Abend wenn wir auf die Bühne gehen passiert. Dass es halt einfach geile Konzerte sind.
Jakob: Ja es ist auch erst jetzt wieder was wirklich richtig Besonderes.
Lennart: Auch wenn man als Band wahrscheinlich nie sagen sollte irgendwas ist schlecht, sind Sitzkonzerte glaube ich auch einfach nichts für unsere Band. Das haben wir letztes Jahr mal ausprobiert und es waren unter diesen Umständen auch tolle Konzerte. Es war toll, dass wir überhaupt auf die Bühne konnten und da war ja auch ein Bedürfnis auf beiden Seiten. Aber ich würde es glaube ich nicht nochmal machen. Da sollten wir alle ehrlich zu uns sein. Es gibt Bands zu denen passt das und es gibt Bands, zu denen passt halt einfach ein Club-Konzert und bei uns ist das ein Unterschied wie Tag und Nacht.
Ja das kann ich nachvollziehen. Ich war 2019 ja auch bei ein paar Shows von euch und das ist schon immer sehr besonders.
Jakob:Sound of the Forest war geil und spät, das weiß ich noch.
Ja stimmt, ihr habt als letzter Act glaube ich nach Bilderbuch gespielt. Bei euch merkt man auch echt, dass eure Band ja quasi von Live-Auftritten lebt – ich habe das Gefühl, dass ihr darin unglaublich aufgeht und auch Energie daraus schöpft
Lennart: Ja das ist der Antrieb von dieser Band.
Jakob: Was ich krass finde, ist dass diese ganzen „Nicht-Pandemie“ Konzerte, die jetzt gerade stattfinden, auf Instagram auch gefühlt alle gleich aussehen. Überall sieht man Wall of Deaths, alle stagediven. Wir sind jetzt natürlich ein bisschen in einer Rolle, wo man als Autoverkäufer seine eigenen Autos bewerben muss, aber bei uns passieren irgendwie Sachen, die auf anderen Konzerten nicht passieren. Und das liegt auch echt viel am Publikum und den Leuten, die manchmal auch einfach die Shows komplett übernehmen.
Lennart: Manchmal spielen wir zwar das Konzert, aber die Regie hat eigentlich jemand ganz anderes. Das ist ein Hochgeschaukel und es sind auf jeden Fall, die Leute, die unsere Konzerte zu etwas besonderem machen.
Wie nice, wenn das aber auch so organisch ineinander übergeht und Band und Publikum werden zu einer großen Masse.
Jakob: Ja es ist genau das! Nur so drüber zu reden, fühlt sich manchmal ein bisschen komisch an. Das könnte vielleicht ein bisschen arrogant rüber kommen, soll es aber echt nicht! Kommt einfach vorbei! 🙂
Lennart: Ja die Magic muss man auch einfach mal für sich selbst erleben; das kann man gar nicht so gut beschreiben.
Ich bin mir sicher, dass vieler unsere Leser*innen euch auch schonmal live gesehen haben und die oben genannten Punkte gut nachvollziehen können!
Konzert-Empfehlungen sind immer gut!
Aber abgesehen von euch selbst – was sind eure TOP 3 Acts, die man live mal gesehen haben muss?
Jakob:Pabst ohne Frage; wenn man sich Zouj live angeguckt hat, ist alles vorbei, bei Philine Sonny würde ich auf jeden Fall richtig weinen. Es sollten nur drei werden oder?
Wenn du möchtest auch gerne mehr 🙂
Jakob:Blush Always – endlich gibt es wieder richtig laute gute alternative Musik.
Lennart: Ich habe jetzt überlegt, was für mich die größten Konzerte waren in den letzten 5 bis 10 Jahren. Ich werde zum Beispiel Bilderbuch und Mojo nie vergessen. Das war wirklich unglaublich. Ich habe mal mit Djamin Faber in der großen Freiheit gesehen und dachte mir erstmal nichts dabei. Und die Leute sind halt total ausgerastet. Da erinnere ich mich immer gerne dran. Ich bin aber auch großer Fan von Turnstile und freue mich, dass so eine Band mit dieser Musik gerade wieder so riesengroß geworden ist und dass das so eine Renaissance hat. Die haben wir auch 2019 zweimal live gesehen auf Festivals und das war irgendwie total witzig. Auf der einen Seite hat Dendemann gespielt und auf der anderen Seite Turnstile. Das ist zum Beispiel auch eine Band, für die ich schon seit nem Jahr ein Ticket aufhebe.
Jakob: Alle die nah an Großstädten wohnen wissen das schon lange und wir hinken da ein bisschen hinterher, aber Idles ist auch eine heftige Liveband. Pom Poko ist noch mein Geheimtipp. So… reicht jetzt auch.
Das ist schnell ausgeartet. Aber ey, gute Konzerttipps gibt es doch nie genug!
Jakob: Ja, das ist aber auch ein Thema über das ich Stunden reden könnte!
Das holen wir ein anderes Mal nach! Für heute kommen wir aber schon zum Ende und meine letzte Frage ist, ob ihr mir noch eine untold story erzählen könnt, die ihr vorher noch nie in einem Interview erwähnt habt? Ich bin gespannt!
Lennart: Hmmm.. wir könnten über das „besondere“ Geräusch am Ende von „Smile“ reden…
Jakob: Welches Geräusch?
Lennart: Die Ente.
Jakob: JAAAAAA… Die Ente stimmt. Wir haben zwei Songs aufgenommen und bei Beiden gibt es im Song-Finale den „Dissapearing Duck“ Sound. Warte ich zeige ihn dir kurz, dann hast du den Sound auch und wirst ihn dein Leben lang nicht mehr los. (holt sein Handy raus) Das ist auch echt ein starkes Video muss man sagen. Aber ja hört mal genau hin und dann hört man am Ende so ein quack.
https://youtu.be/rYAJB7Ddbi0
Für alle, die nun auch von der quackenden Ente in den Schlaf verfolgt werden wollen <3
Ich bin gespannt! Dann höre ich da nochmal rein. Vielen Dank für diesen Fact und das schöne Interview.
Jakob: Danke dir und bis bald! See you!
Lennart: Danke, Tschüss!
Und wer sich von diesem ominösen Entengeräusch nun selbst überzeugen will, hört am besten direkt rein in die neue Single! 🙂
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Songs, die nicht nur gut klingen, sondern auch eine klare politische Message haben, berühren mein Herz gleich tausendmal mehr. Es ist quasi die erfolgsgarantierende Formel, um mein musikalisches Herz zu erobern. Eine Newcomer-Band, die diese Kunst perfekt beherrscht, obwohl sie bisher erst drei Songs veröffentlicht hat, ist SIALIA. Die neueste Single des Münsteraner Quartetts heißt “Safe Place”. In dem Song wird dem ganzen Frust und angesammelten Wut über die Probleme der Krisen unserer Zeit Luft gemacht. Dabei findet die Band deutliche Worte zu Krieg, Pandemie und den Ungerechtigkeiten auf der Welt.
Mehr als die nächste Hymne für die FFF-Demo
Ein starker Beat und ein sich dramatisch-zuspitzendes Gitarrenriff hauchen dem Song eine unheimliche Dringlichkeit ein. Mit der Kombi haben die vier Münsteraner mich schon auf ihrer Debut-Single „Ecstasy“ gecatched. Den Artikel dazu findet ihr hier. „Safe Place“ hat aber im Vergleich zum Debut eine deutliche politische Message. „Es geht vor allem um die Klimakrise, aber nicht nur. Themen sind auch humanitäre Dinge wie Hunger, Pandemie und Krieg“, erklärt SIALIA-Drummer Marvin. Die Lyrics rufen dazu deutlich auf, das eigene Verhalten zu reflektieren und mit offeneren Augen durch die Welt zu gehen: „You cannot tell me you don’t know about the islands of trash“.
Den Song haben SIALIA bereits 2020 im Lockdown geschrieben: „Wir hatten damals schon das Gefühl als würde ein großes Schwert über der Welt hängen. Leider ist der Song nun mit dem Ukraine-Krieg aktueller denn je. Es ist das Zeitalter der Krisen – von einer ungelösten in die nächste. Es zeigt ein bisschen die Ängste und Wut dieser Zeit und unserer Generation.“
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Das Musikvideo zu „Safe Place“ ist gefüttert mit ausdrucksstarken Szenen, die auf das Unheil und die Missstände in der Welt hinweisen sollen. Die Band performt vor einer weißen Wand, auf die mit einem Beamer die Videosequenzen projiziert werden. Neben Videos aus der Natur stehen riesige Industriekomplexe und hohe Müllberge im Kontrast – ländliche Idylle vs. Umweltverschmutzung sozusagen. Aber man sieht auch Bilder aus dem Krieg, von Explosionen und hysterischen Menschenmassen.
„Ein bisschen wie Nachrichten gucken, in denen man nur schreckliche Schlagzeilen und Bilder sieht“, so das Konzept hinter dem Video laut SIALIA. Wenn das Video so ganz bewusst schaue, kommt ein beklemmendes Gefühl in mir hoch. Die Eindringlichkeit der Krisenzeit, in der wir leben, wird sehr deutlich.
„Wo unsere letzte Single „White Men“ (bei der es um das Bild des alten weißen Mannes ging – basierend auf dem Buch von Sophie Passmann) mit Themen wie Rassismus und Sexismus noch einen positiven, motivierenden Aufruf am Ende beinhaltete: „Come on fighting and stop hiding“, ist „Safe Place“ leider ungeschönte Wahrheit ohne Happy End: „This was our safe place“. Das klingt jetzt sehr deprimierend und pessimistisch, wir schreiben auch wieder positivere Songs (die auch schon bald folgen). Aber aktuell ist grade leider einfach nicht die Zeit dazu.“
Hier könnt ihr den Song jetzt auf Spotify rauf und runter streamen und eure Meinung zu „Safe Place“ bilden:
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