Kategorie: untold stories

  • Lena&Linus im Interview: »Es ist fast therapeutisch, schwere Gefühle in Songs festzuhalten«

    Lena&Linus im Interview: »Es ist fast therapeutisch, schwere Gefühle in Songs festzuhalten«

    Zarte Stimmen, ehrliche Texte und leichte Gitarrensounds – wer da keine Gänsehaut bekommt, dem weiß ich auch nicht mehr zu helfen. Die Musik von Lena&Linus löst bei mir auf jeden Fall immer wieder aufs neue Gänsehaut-Momente aus. Das Duo aus Würzburg hat im Oktober letzten Jahres ihre erste Single „Emilie“ veröffentlicht und erobert seitdem mit jeder neuen Single die Herzen der deutschen Indie-Pop-Liebhaber*innen. Ich habe Lena&Linus vor ihrem Auftritt beim Pop Salon in Osnabrück getroffen und mit ihnen über ihre EP „Fühlst du dich allein?“ geredet.

    Lena&Linus im Interview

    Anna: Hi ihr beiden! Schön, dass ihr euch vor eurer Show beim Pop Salon hier in Osnabrück die Zeit genommen habt. Ihr kommt ja beide aus Würzburg. Kennt ihr Osnabrück? Wart ihr schon mal hier oder habt ihr eine Verbindung zu der Stadt?

    Lena: Also, ich war einmal in Osnabrück, aber es ist bestimmt zehn Jahre her. Und unsere Connection ist unser lieber Schlagzeuger Jan, der hier in Osnabrück studiert.

    Linus: Ich bin das erste Mal in Osnabrück und find’s bisher ganz entspannt hier.

    Glücklicher Zufall oder Schicksal?

    Anna: Mögt ihr vielleicht die Geschichte erzählen, wie aus euren beiden Soloprojekten jetzt das Duo Lena&Linus geworden ist.

    Linus: Also ich habe so während des Lockdowns 2020 angefangen Musik zu machen. Ich habe dann im April meine erste Single rausgebracht und darauf hat mich Lena angeschrieben und gefragt: „hey, wollen wir nicht zusammen einen Song machen?“ Und da haben wir uns dann mal getroffen, haben Musik gemacht, hatten dann auch eine Band, aber dieser Gedanke vom Duo war irgendwie noch nicht so präsent. Der entscheidende Punkt war dann eigentlich erst, als wir Tim getroffen haben, unseren Produzenten. Da habe ich Lena ein bisschen begleitet, als sie vorgesungen hat. Das war total spontan. Und dann war Tim so: Das ist super sweet, das müssen wir als Duo machen! So ist es von meiner Seite zum Projekt gekommen. Also eigentlich war es ein Geistesblitz von Tim.

    Anna: Ein glücklicher Zufall also.

    Linus: Ja, ich war eigentlich ungeplant.

    Lena: Ungeplant, aber trotzdem erwünscht.

    Anna: Ich hab mich natürlich vorher durch eure EP „Fühlst du dich allein?“ durchgehört und das erste, was ich gedacht habe war, dass es super viel um Herzschmerz geht. Vermissen, Trauern und Fragen, die man sich dann so stellt, sind die Themen, die man dort sehr stark wiederfindet. Da hab ich mich gefragt, ob das bei euch so ein bisschen wie Tagebuchschreiben ist. Könnt ihr mit dem Gefühl abschließen, wenn ihr einen Song fertig geschrieben habt? Oder kommt das immer wieder hoch, wenn man den Song live singt?

    Linus: Es ist irgendwie schön, Worte über so schwierige Situationen einfach mal niederzuschreiben, finde ich. Es hilft mir sehr viel, auch so schwere Konzepte und schwere Gefühle einfach mal zu binden – in dem Sinne, dass es ist für mich fast schon therapeutisch ist, das einfach mal so festzuhalten. Aber wenn man dann die Songs öfter spielt, geht es viel weniger irgendwie darum, das Gefühl jetzt nochmal aufzumachen oder so, sondern es ist für mich schon gebunden. Mir geht es viel mehr darum, dass es irgendwie cool wirkt oder dass man denkt eher an die Performance als an den Text.

    Lena: Ja genau. Man hat so eine Verknüpfung an den Song. Also man fühlt ihn schon, aber es ist jetzt nicht wie eine Wunde, die nochmal aufgemacht wird.

    Linus: Das Pflaster ist schon da und wir reißen es live quasi nicht ab, sondern versuchen es möglichst fehlerfrei rüberzubringen.

    „Ich bin ein introvertierter, extrovertierter Mensch“

    Anna: Zurück zum Titel der EP: Könnt ihr gut alleine sein?

    Linus: Ja und nein, würde ich sagen. Kannst du gut alleine sein, Lena? Ich glaube, du kannst echt gut alleine sein.

    Lena: Ja, komm drauf an… Also, manchmal habe ich keine guten Tage. Da bin ich nicht gerne allein, aber auch nicht gerne unter Menschen. Aber sonst bin ich schon gerne alleine, ja.

    Linus: Da kann ich mich anschließen. Ich genieße meine me-time sehr. Aber ich liebe es auch mit Leuten zu sein. Und es gibt mir auch immer super viel. Also ich bin ein introvertierter, extrovertierter Mensch.

    Lena: Das ist auch so, die Abwechslung ist gut. Wir sind super viel unterwegs gerade. Und wenn wir dann daheim sind, ist es mega geil. Ist man dann aber zwei Wochen am Stück alleine und hat nichts, ist es nicht mehr so geil.

    Das ultimative Mittel gegen Einsamkeit

    Anna: Habt ihr denn ein bestimmtes Mittel, was euch hilft gegen das Einsamkeitsgefühl?

    Lena: Schlafen – also jetzt for real. Das hilft.

    Linus: Ja, aber ich habe in dem Sinn auch zwei Mittel fast meinen Freundeskreis, weil diese Freunde wohnen direkt bei mir in der Nähe. In meiner Straße sogar. Liebe Grüße an Nico an dieser Stelle. Der klopft halt einfach mal an meinem Fenster und ist dann sogar ein paar Mal zufällig da gewesen, wenn es mir echt mies ging. Aus’m Fenster raus ruft er auch einfach mal: „Ey, lass nen Kaffee trinken, lets go.“ Und das hat mich dann oft einfach rausgebracht. Also meine Freunde sind da eine große Hilfe.

    Anna: Das ist doch schön! Ich möchte jetzt auch weg von den traurigen Themen. Der letzte Song auf eurer EP „Irgendwie auch schön“ bringt ja totale Frühlingsgefühle hervor. Könnte das ein Vorbote auf die kommenden Songs sein?

    Lena: Das ist eine interessante Frage. Von den Gefühlen, die es auslöst, würde ich sagen: Ja. Musikalisch machen wir gerade noch ein bisschen anderes Fass auf.

    Linus: Also vom Sinn, dass es ein bisschen schneller wird und ein bisschen Uplifting ist und so eine Grundstimmung da ist. Da werden die nächsten Songs auf jeden Fall anknüpfen.

    Lena: Ein paar davon bleiben auch traurig natürlich.

    Linus: Aber musikalisch wird das Ganze ein bisschen größer alles und ein bisschen mehr und wir sind ganz gespannt, was die Leute so denken.

    Lena: Ich bin schon etwas aufgeregt.

    Anna: Im Herbst geht ihr ja dann auch auf Tour. Kommt bis dahin noch eine EP raus?

    Linus: Das dürfen wir zum Glück schon sagen: Ja!

    YouTube

    Mit dem Laden des Videos akzeptieren Sie die Datenschutzerklärung von YouTube.
    Mehr erfahren

    Video laden

    Anna: Habt ihr einen Guilty Pleasure Song?

    Linus: Also ich find viele Udo Jürgens Songs einfach mega geil. Ich find es auch mega geil, dass er bei seiner Zugabe immer im Bademantel auf die Bühne gekommen ist. Also vielleicht Udo Jürgens. Aber das ist auch, weil meine Mama viel Udo Jürgens gehört hat.

    Lena: Also ich hör halt einfach unglaublich gerne so richtige Pop-Musik, wo vielleicht viele Musiker*innen eher sehr skeptisch gebenüber sind. Aber ich find es ganz cool, einen Popsong zu schreiben.

    Diese Newcomer*innen solltet ihr euch merken

    Anna: Habt ihr passend dazu auch noch eine aktuelle „gute“ Musik Empfehlung parat?

    Linus: Oh ja! Man kann es nicht oft genug sagen, weil er ein guter Freund von uns ist und ein ganz interessanter Newcomer. Zwei sogar, um genau zu sein: Otto Luft. Das ist der eben genannte Freund, der mich aus meinen schlechten Phasen herausbringt. Sein Track „Secco Mate“ ist gute Laune pur. Und der zweite ist Udo West. Er macht so NNDW-Musik und beide kommen aus Würzburg.

    Lena: Er ist wirklich der größte Star auf der Welt und auch wie er sich auf der Bühne bewegt. Wir teilen uns auch den Schlagzeuger.

    Linus: Er ist der beste Frontmann und das ist einfach Musik, die noch nicht so viele Leute kennen, aber die viele Leute kennen sollten.

    Lena: Und noch ein Geheimtipp von mir: marita hat letztens ihren ersten Song rausgebracht, ist auch bei uns im Label und ich glaube, da kommt noch großes.

    Anna: Die kenne ich alle noch nicht und werde sie mir auf meine Liste schreiben. Seid ihr bereit für eine Entweder-Oder-Fragerunde?

    Linus: Auf jeden Fall!

    Anna: Nike oder Adidas Sneaker?

    Lena: Nike – auch wenn ich gerade Adidas trage.

    Linus: Ich sage Adidas.

    Anna: Mio Mate oder Club Mate?

    Linus: Club Mate.

    Lena: Mio!

    Anna: Ja, das ist nicht einfach. Hamburg oder Paris?

    Linus: Ich war noch nie in Paris.

    Lena: Ich war auch noch nie in Paris, aber safe Paris!

    Linus: Ja, fair (lacht).

    Lena: No front, aber ja … (lacht)

    YouTube

    Mit dem Laden des Videos akzeptieren Sie die Datenschutzerklärung von YouTube.
    Mehr erfahren

    Video laden

    Anna: Call me by your name oder Little Woman?

    Lena: Little Woman.

    Linus: Call me by your name, einfach weil ich den öfter gesehen habe. Ich hab den schon zwölf Mal gesehen.

    Lena: Hmm ja, stimmt … Gleichstand, wenn es geht.

    Anna: Naa, das lasse ich gerade mal so durchgehen. Instagram oder TikTok?

    Linus: Also zum Verblöden TikTok, weil es einfach unendlich weitergeht.

    Lena: Aber ich hätte auch gesagt, deshalb Instagram. TikTok ist einfach so: Du machst es auf und es schreit dich an und dann schreit es dich auch drei Stunden lang an … also ja, Instagram.

    Linus: Instagram ist halt auch cooler, um mit Freunden zu connecten und so. Aber wenn ich einfach nur dumm rumliegen will und Videos schauen, dann TikTok.

    Anna: Akustik- oder E-Gitarre?

    Linus: Puh, schwieriges Thema.

    Lena: Für mich auch.

    Linus: Akustikgitarre ist halt einfach. Klingt immer irgendwie ganz geil. Ist charmant, aber mit E-Gitarre kann man so viel mehr machen. Aber weil ich momentan mehr Akustikgitarre spiele, sage ich Akustikgitarre.

    Lena: Ich nehm die E-Gitarre.

    Auf einen Kaffee mit Jeremias

    Anna: Die letzte Frage: Habt ihr noch eine untold story parat?

    Linus: Ich glaube, eine Geschichte, die wir noch nie erzählt haben, ist unser erstes Treffen mit Jeremias. Das ist schon witzig eigentlich. Wir hatten das erste Treffen mit unserem Produzenten, wo eigentlich ja nur Lena eingeladen war und ich war so dabei. Dann habe ich einen Kaffee getrunken mit Tim und davor waren wir halt auch super aufgeregt. Und Tim produziert auch für Jeremias. Da dachten wir schon so: Vielleicht treffen wir irgendwann dann mal Jeremias.

    Lena: Also wir waren so krasse Fans von Jeremias. Also sind wir natürlich irgendwie immer noch.

    Linus: Aber an dem Tag haben wir noch drüber geredet, wie cool das wäre, mal Jeremias kennen zu lernen und so. Dann sitzen wir da so draußen. Es war September in Berlin und trinken Kaffee und dann fährt ein Auto vorbei und Tim winkt. Wir fragen so: Wer war denn das? Und Tim nur: Ach, das war Jeremias.

    Lena: Und wir waren innerlich so richtig aufgeregt und äußerlich nur so: Ah cool (lacht).

    Linus: Und dann stand der gute Jeremias Heimbach einfach bei uns am Tisch und meinte zu Tim: hey, ich wollte meinen Synthie abholen. Ich bin ein bisschen früh. Und dann haben wir zusammen Kaffee getrunken – am ersten Tag direkt. Ich sollte gar nicht dabei sein.

    Lena: Und er hat sich eine Zigarette von meinem Tabak gedreht. Es war cool.

    Linus: Das war so die erste Berührung mit der Musikindustrie. Und das war dann irgendwie schon ganz krass. Wir verstehen uns aber richtig gut. Ganz liebe Grüße.

    Anna: Ja, also demnächst mal ein Feature?

    Linus: Also das können wir jetzt natürlich nicht sagen, aber vielleicht. Jeremias hat uns gestern in sein Studio eingeladen.

    Anna: Oha, ich bin gespannt! Das war es von meiner Seite aber auch schon. Wollt ihr noch was loswerden?

    Linus: Leute, wir spielen im September unsere erste eigene Tour. Es wird ganz intim. Kleine Läden mit Band, nicht nur zu zweit. Und wir würden uns richtig freuen, falls ihr unsere Musik mögt, dass ihr vorbeikommt.

    Anna: Ja, dann bedanke ich mich bei euch für das Interview und freu mich auf den Auftritt!

    Linus: Danke dir, Anna. Wir sehen uns!

    Klicken Sie auf den unteren Button, um den Inhalt von Spotify zu laden.

    Inhalt laden

    Fotocredit: Paula Tauber & Anna Niere

  • Power Plush im Interview: »Es soll ein Ort sein, an dem Leute wissen, dass sie mit dem ganzen Scheiß nicht alleine sind«

    Power Plush im Interview: »Es soll ein Ort sein, an dem Leute wissen, dass sie mit dem ganzen Scheiß nicht alleine sind«

    Power Plush haben wir schon ganz am Anfang ihrer Band-Reise lieb gewonnen. Nun haben die vier Musiker*innen aus Chemnitz ihr Debütalbum Coping Fantasies im Februar veröffentlicht. Zwischen leichtem, verträumtem Indie-Pop Sound, eingängigen Melodien und warmen Umarmungen, erwarten die Hörer*innen aber auch ganz klare Ansagen. Das Album nimmt mit in eine pastellfarbene Power Plush-Utopie, die sich so wohltuend anfühlt, dass man sie gar nicht verlassen will. Verschiedene Geschichten und Perspektiven von inneren Gefühlswelten und Beziehungen gleiten smooth in einander und spenden sowohl Trost, als auch Platz für Identifikation. Genauso sympathisch und respektvoll wie Svenja, Maria, Anja und Nino und ihr Umgang mit einander sind, meint man das auch in ihrer Musik zu hören. Auch eine positive Weiterentwicklung zu vorherigen Veröffentlichungen ist deutlich erkennbar, denn es scheint so, als würde die Band nun ihren eigenen Sound so richtig gefunden haben, aber auch Spielraum für weitere Entwicklungen andeuten. Power Plush haben außerdem ein volles Jahr mit vielen Festivals und unter anderem Touren mit Blond und Kraftklub hintern sich. Wir erwarten von ihnen noch ganz, ganz viel in der Zukunft, das der Musiklandschaft garantiert einen liebevollen und offenherzigen Schliff verpassen wird!

    Klicken Sie auf den unteren Button, um den Inhalt von Spotify zu laden.

    Inhalt laden

    Power Plush im Interview

    Dascha (untoldency): Wie geht es euch zur Zeit? Wie fühlt ihr euch kurz vor dem Release von eurem Debütalbum? Fühlt es sich schon real an?

    Anja: Es passiert gerade so viel auf ein mal.

    Maria: Ich finde es fühlt sich so in Wellen real an. Manchmal kommen so Momente, in denen man denkt: Oh, wir haben ja wirklich ein Album. Ich vergesse das manchmal.

    Anja: Wenn Leute sagen oder schreiben, dass sie es schon gehört haben, ist das so: Oh mein Gott, es existiert wirklich! Ansonsten proben wir zur Zeit auch viel. 

    Svenja: Entweder man ist gerade nur am hustlen und denkt gar nicht so viel darüber nach oder man hat Momente der Realisation und wird mega aufgeregt, weil es schließlich das erste Album ist. 

    Dascha (untoldency): Wann habt ihr angefangen an dem Album zu arbeiten?

    Anja: Also im Proberaum haben wir schon im Oktober 2021 angefangen Songs zu spielen, aber mit unserem Produzenten Mario Simic haben wir im Januar 2022 angefangen.

    Svenja: Es hat sich dann bis August über das ganze Jahr gezogen, da hatten wir es fertig. 

    Anja: Das war auch örtlich alles verteilt.

    Maria: Stück für Stück ist es dann ein Album geworden.

    Dascha (untoldency): Also für mich macht der Titel voll Sinn, wenn ich das Album höre, aber ich will es nochmal von euch wissen: Was bedeuten für euch Coping Fantasies?

    Anja: Es war ursprünglich als Weiterführung von der EP Vomiting Emotions gedacht, wo es darum ging alles rauszulassen, egal was man fühlt. Also eine Art Ventil. Aber Coping Fantasies ist einen Schritt weiter, eher ein Versuch irgendwie einen Umgang damit zu finden. Oder sogar auch nur die Vorstellung davon, wie es wäre, mit einer Sache gut umgehen zu können. Mit dem Album wollten wir eine Welt schaffen, in der man die Chance hat mit Sachen umgehen zu können. Egal, ob das bedeutet sich einzukuscheln und nicht ansprechbar für die Welt zu sein oder es rauszuschreien.

    Es soll ein Ort sein, an dem Leute wissen, dass sie mit dem ganzen Scheiß nicht alleine sind und dass es Leute gibt, denen es genauso geht. Auch wenn du gerade strugglest – we’re in this together. Es bietet nicht wirklich Lösungsansätze, weil es nicht möglich ist, außenstehend allen Personen zu helfen, aber es kann zumindest ein Safe Space sein.

    Svenja: Auch ein Ort, an dem man fantasieren kann, wie man mit etwas umgehen könnte. Es heißt ja Fantasies und nicht Coping Strategies. (lacht)

    Dascha (untoldency): In den Songs werden verschiedene Gefühls- und Sichtperspektiven aufgezeigt. Was ist dann das, was sie im Endeffekt zu einem Ganzen bündelt? Ist es das Gefühl eines Safe Space?

    Maria: Ich denke wir haben den Titel schon so gewählt, damit die Bewältigung quasi der gemeinsame Nenner aller Songs ist. Es sind unterschiedliche Perspektiven und unterschiedliche Bereiche des Lebens auf die sich die Songs beziehen. Manchmal ist es eine gesellschaftliche Ebene und manchmal eine sehr zwischen menschliche. Es ist sind immer Momente der Bewältigung, aber immer ein bisschen unterschiedlich. Dadurch ist für uns eine Art Klammer entstanden, durch die wir die Songs dann sehen konnten. 

    Dascha (untoldency): Ich finde das Album reflektiert auch vieles und spricht auch erstere Themen geschickt an wie auf Leave Me Alone und Girl, He Toxic, ohne dass die Songs dabei total düster klingen. Was bewegt euch dazu solche Themen in euren weichen Indie-Sound zu packen? Was ist der richtige Umgang mit sensiblen Themen in der Musik?

    YouTube

    Mit dem Laden des Videos akzeptieren Sie die Datenschutzerklärung von YouTube.
    Mehr erfahren

    Video laden

    Anja: Ich glaube es gibt nicht einen richtigen Umgang. Das war der Umgang, den wir gewählt haben, diese Themen zu bewältigen in dem man den Song rockig macht oder vielleicht sogar ein bisschen Humor reinbringt. Girl, He Toxic ist zum Beispiel auch ein ziemlich ernstes Thema, es wird einer befreundeten Person gesagt: Girl, hau ab, he is a toxic ass! Aber trotzdem ist der Song eine tanzbare Wir-klatschen-alle-in-die-Hände-Nummer. Das hat sich in dem Moment einfach richtig angefühlt beziehungsweise ist es auch das, was man die Leute fühlen lassen möchte. 

    Svenja: Bei dem Song soll es auch einfach ermutigend rüber kommen.

    Maria: Bei Leave Me Alone war es uns einfach wichtig, dass es für uns auf der Bühne empowernd ist, ihn zu spielen. Dass es sich stark anfühlt, den Punkt zu nennen von: Hey, lasst uns doch einfach in Ruhe, wir wollen doch einfach unser Ding machen. Wir wollen nachts draußen rumlaufen ohne komisch angequatscht zu werden. Deshalb haben wir in der Musik extra danach geschaut, dass es diesen starken Effekt für uns hat. 

    Anja: Es gibt ja auch richtig dramatische oder traurige Momente auf dem Album, auch die haben sich in dem Moment einfach richtig angefühlt. Das ist wahrscheinlich wirklich auch Moment-abhängig. Wie man in dem Moment mit dem Thema umgehen möchte und kann.

    Maria: Das ist ja auch ein Stilmittel ernstere Themen mit einem locker flockigem Sound zu untermalen. Einfach weil wenn ein Thema an sich schon schwer ist, muss man es nicht zwingend noch mehr beschweren. Auch das hilft zum Teil bei Bewältigung, da noch eine neue Ebene reinzuziehen. 

    Dascha (untoldency): Ich finde bei Girl, He Toxic auch lustig, dass ein mal das Wort Ass so ganz lang gezogen wird.

    (Alle lachen)

    Svenja: Das ist der beste Moment! Vor allem auch, weil unsere Backings das „Ass“ so mega dramatisch wirken lassen.

    Maria: Es macht ja irgendwie auch Bock, in solchen Themen doch etwas Spaß zu finden.

    Dascha (untoldency): Ja, voll. Mir hat eure letzte Single Emergency // Freeze sehr gut gefallen, ich konnte mich da sehr wiederfinden. Was könnt ihr zu diesem Zustand sagen, den ihr darin besingt? Und habt ihr eine Idee, wie man eventuell dagegen ankommen kann?

    YouTube

    Mit dem Laden des Videos akzeptieren Sie die Datenschutzerklärung von YouTube.
    Mehr erfahren

    Video laden

    Anja: Ich glaube wir kennen alle diesen Freeze-Zustand an unterschiedlichen Stellen. Vor allem wenn man eine sensible Person ist, der es eher schwer fällt, Struktur in das eigene Leben zu bringen. Dieser Freeze-Zustand, das ist das Gefühl gerade nichts ausrichten oder ändern zu können, obwohl du eigentlich weißt, dass du es könntest. Aber du kannst es einfach nicht, weil du wie eingefroren in einem Ohnmachtsanfall-Gefühl bist. Gleichzeitig ärgerst du dich über dich selbst, weil du weißt du könntest es eigentlich und du hättest die Option. Aber in dem Moment kannst du es einfach nicht. Aus Erfahrung würde ich sagen, dass man den Zustand auf jeden Fall überwinden kann, aber das benötigt an vielen Stellen viel Arbeit. Es ist ein Prozess. Am besten sagt man sich „du hast es schon mal geschafft, du kannst es auch nochmal schaffen“ und vor allem sollte man auch nett zu sich selbst sein. Auch wenn du es mal wieder nicht geschafft hast, solltest du lieb mit dir umgehen. Aber man kann es immer wieder probieren, aus dieser Starre rauszukommen. Es wird zwar nicht immer funktionieren, aber vielleicht mal doch. Doch eine ultimative Lösung dafür? I don’t know! (lacht)

    Dascha (untoldency): Ich glaube niemand hat dafür eine perfekte Lösung.

    Anja: Ja, ich kenne aber auch viele Leute, die das Gefühl gar nicht haben. Die sind so „Ich mach’s jetzt einfach“ und dann sprechen die das einfach an oder organisieren das einfach. Das ist ja übelst toll, dass Leute das direkt umsetzen können. Ich glaube manchen Leuten liegt das einfach nicht und das ist in Ordnung. Aber es für sich selbst immer mal zu probieren, ist glaube ich trotzdem eine gute Sache. Mal einen Schritt nach vorne zu schaffen. Das klingt jetzt alles so abstrakt gesagt, aber das ist eben nicht auf eine bestimmte Situation bezogen, sondern auf viele verschiedene Stellen im Leben.

    Maria: Wir sind natürlich Musiker*innen und keine Psycholog*innen, aber ich denke das hat auch viel mit Verhaltensgewohnheiten zu tun. Man kann es schon schaffen, daraus auszubrechen, aber das ist halt Arbeit und anstrengend. Es gelingt nicht immer, das ist okay. 

    Anja: Lieb zu sich und anderen sein hilft an vielen Stellen.

    Dascha (untoldency): Danke für die Motivationsstunde! Wie sähe denn eure ultimative Power Plush Utopie aus? Natürlich auch auf euren Song Utopia bezogen. 

    Svenja: Keine Macker. Macker-Verbot!

    Maria: Lieb sein ist auf jeden Fall Teil der Power Plush-Welt. Ich denke dadurch könnten Menschen sich freier ausleben und entfalten. 

    Anja: „Lieb“ ist irgendwie so ein krasser wichtiger Begriff bei uns. Natürlich muss man nicht immer nur lieb sein, aber wenn man merkt, dass Intention ist, eine aufrichtige gute Person zu sein: mit solchen Menschen umgibt man sich einfach gerne. Wir sind einfach richtige Softies. Wir finden aber auch, dass in Softness sehr viel Stärke. Deswegen natürlich auch unser Bandname Power Plush. Die Welt könnte soft sein, dann haben wir uns alle gern. 

    Maria: In einer Power Plush-Welt können auch alle mitgestalten. 

    Dascha (untoldency): Und soll diese Welt auch so aussehen wie das Cover vom Album?

    Alle: Ja!

    Anja: Das passt auch zu der Mitgestaltung. Es könnte jede*r Bäume basteln, Sterne basteln, eigene Wege basteln. 

    Dascha (untoldency): Inwiefern unterscheidet oder gleicht sich diese Vorstellung von eurer Realität? Habt ihr etwas davon schon umgesetzt?

    Anja: Im Kontext der Band und unseren Freundeskreisen schafft es schon weitergehend sich diese Safe Spaces gegenseitig zu geben und gemeinsam zu erschaffen. Natürlich trifft man beispielsweise auch immer wieder auf irgendwelche Macker oder Leute, die nicht lieb sind, auch wenn man das gar nicht möchte. Aber innerhalb unserer Gruppe versuchen wir das gut zu machen.

    Maria: Ich würde sagen wir haben dafür gearbeitet, dass das in unserem direkten Umgang mit einander so umgesetzt ist. Als kann man schon sagen, dass wir uns eine Art Power Plush-Welt erschaffen haben. Darüber hinaus sind wir selbstverständlich trotzdem in größere soziale Strukturen eingebettet und können das daher nur bedingt verwirklichen. Bei uns selbst gelingt das aber, finde ich, ganz gut.

    Anja: Das heißt nicht, dass wir nicht auch mal sauer auf einander sind. Meinungsverschiedenheiten sind menschlich. Aber wir wissen immer von einander, dass wir eigentlich nur das Beste von einander wollen. Das ist wahrscheinlich der Startpunkt, um einen schönen und sicheren Umgang miteinander zu finden. 

    Dascha (untoldency): Lieb! Was war denn für euch challenging bei dem Entstehungsprozess des Albums?

    Maria: Zeit. (lacht)

    Svenja: Aber auch, dass man sich die ganze Zeit damit auseinandersetzt. Man setzt sich unter Druck, es ist viel Stress. Da ist man ja auch permanent mit krassen Themen konfrontiert. Meistens schreiben wir über Sachen, die aus den Tiefen in uns drin kommen und dann ist man dem die ganze Zeit ausgesetzt. Das hat uns emotional herausgefordert.

    Anja: Wir lieben es diesen künstlerischen Schaffensprozess gemeinsam durchzugehen, ich würde das um keinen Preis der Welt weggeben, aber auch das bringt dich an deine Grenzen. Entscheidungen haben oft auch was mit Ego zu tun und das man auch mal zurückstecken muss, wenn Teile der Band etwas anders sehen. Zum Beispiel, wenn ein Teil eines Songs, den man lieb gewonnen hat, doch nicht so gut funktioniert und der eben wegkommen muss. Sowas muss man loslassen können. Das ist schon challenging. Und dass du jeden einzelnen Tag mit den Songs aufwachst und einschläfst und keine andere Musik mehr im Kopf hast. (alle lachen)

    Maria: Ich fand’s am Anfang total schwierig zu sehen, wie das ein Album werden soll und dass es mal eins wird. Man hat da diese ganzen Ideen und Skizzen und es ist schwierig sich das vorzustellen. So richtig gecheckt, dass wir ein Album gemacht haben, habe ich glaube ich, erst gegen Ende letzten Jahres. Im Prozess war es schwer das zu verstehen, weil es nicht sichtbar war. Aber haben wir alles ganz gut hingekriegt! (lacht)

    Dascha (untoldency): Na das ist doch die Hauptsache! Wie Svenja schon meinte, ist man bei dem Schreibprozess ja auch mit tiefen Gefühlen konfrontiert. Findet ihr es ist eine große Überwindung das mit einander zu teilen?

    Maria: Das kommt darauf an was es ist und wie roh der Text ist, den wir den anderen mitbringen. Prinzipiell ist es nicht unangenehm und wir haben zum Glück diesen Safe Space, dass wir Dinge relativ unbedenklich miteinander teilen können. Ich fand’s manchmal schon trotzdem krass Dinge auch so sichtbar und explizit zu thematisieren. Aber ich fand es auch sehr lehrreich Einblicke in die anderen zu gewinnen. Man hat über die Texte ja auch mit einander gesprochen. Ich bin sehr froh über diese Erfahrung.

    Anja: Ich fand’s auch krass, die Songideen der anderen zu hören. Mit manchen Situationen war man schon etwas vertraut, weil man die aus dem Leben der Person einfach mitbekommen hat, aber das dann so gebündelt und in Kunst verpackt zu hören, ist etwas ganz anderes. Das ist auch ein totaler Vertrauensbeweis, das ist voll schön. Es bringt uns auch näher zu einander, auch wenn es am Anfang nicht immer so easy scheint.

    Dascha (untoldency): Wie schön! Und was würdet ihr sagen hat sich seit der Debüt EP für euch verändert, was war die bisher größte Entwicklung als Band?

    Svenja: Das Album und die EP bauen schon in gewässerweise auf einander auf, nicht nur von den Namen, sondern auch musikalisch von den Instrumenten her. Wir haben uns einfach von unseren Skills weiterentwickelt. Wir haben quasi das von der EP genommen, weiterentwickelt und das jetzt auf’s Album gebracht. 

    Maria: Wir haben nicht nur gelernt mit den Instrumenten besser umzugehen, sondern auch was Songwriting angeht. Wir haben ja noch mehr Songs geschrieben als die, die auf dem Album sind, wir haben uns einfach ausprobiert. Für mich ist live spielen auch ein Teil der Entwicklung. Ich denke wir machen in der Hinsicht große Steps, weil wir so viel live spielen. Das find ich übelst schön, das macht so viel Spaß. 

    Anja: Ich find’s auch einfach cool, dass das Album jetzt so als Ding da ist. Man hat als Künstler*in ja oft das Impostor-Syndrom, so mäßig „Is this a real job?“, aber letztes Jahr haben wir wirklich viel gearbeitet. Da hat man selbst begriffen, wie viel Arbeit man reingesteckt hat, das ist auch eine Art Weiterentwicklung. Wir haben uns den Arsch aufgerissen, als yes, this is a job! Zwar ein sehr schöner, aber immer noch ein Job. 

    Maria: Man findet mit der Zeit auch immer mehr Selbstbewusstsein. Alles wird ein bisschen besser. (lacht)

    Dascha (untoldency): Unser erstes Interview zusammen ist nun genau zwei Jahre her. Da hatte ich euch gebeten, eure Musik in drei Wörtern zu beschreiben. Ihr habt folgende genannt: „Kraftvoll, weich und Safe Space-ig.“ Würdet ihr diese drei Wörter heute immer noch so wählen?

    Anja: Wow, schon zwei Jahre? Ich finde die Wörter passen immer noch, aber ich denke wir würden auch andere nennen.

    Svenja: Ich erinnere mich noch genau an die Situation, als wir das beantwortet haben. 

    Maria: In letzter Zeit wurde oft das Wort „plüschig“ verwendet. „Kraftvoll“ auch immer noch. Und „poppig“.

    Anja: „Dramatic“ auch, das ist das Album schon an vielen Stellen. Aber das ist einfach geil.

    Svenja: Stimmt, die EP war nur sweet, aber jetzt sind wir erwachsener geworden. An manchen Stellen könnte man auch „tanzbar“ als Wort nehmen.

    Anja: Dann sagen wir jetzt plüschig, kraftvoll und dramatic. 

    Dascha (untoldency): Ja, das passt alles sehr gut. Ihr habt ja vieles als Band erlebt im vergangenen Jahr. Was waren eure absoluten Highlights?

    Svenja: Mit Kraftklub auf Tour zusammen Kein Gott, Kein Staat, Nur Du zu singen fand ich richtig krass.

    Anja: Generell die ganze Tour mit so coolen Leuten, das war echt special.

    Maria: Mein eines Highlight war das Immergut Festival, weil das Zelt bei uns so voll war und die Leute auch mitgesungen haben. Und das andere war auf dem Kosmos. Ich kam noch Stunden nach dem Konzert immer noch nicht drauf klar.

    Anja: Ja, das war eine richtig volle Hometown Show mit vielen Freund*innen, aber vorne standen auch viele Leute, die wir nicht kannten, die einfach Power Plush Fans waren! An dem Tag war so viel verschiedenes los, aber die sich entschieden zu unserem Konzert zu kommen! Das war so krass für uns. 

    Dascha (untoldency): Jetzt sagt das nicht so, als wäre es unmöglich das zu glauben.

    (Alle lachen)

    Maria: Es ist irgendwie so schwierig sich vorzustellen, dass Leute einfach nur unsere Musik feiern und deshalb vorbeikommen. 

    Anja: Das Album war natürlich auch ein Highlight. Der Moment, in dem wir das fertige Album abgegeben haben, hat sich so unreal angefühlt. What a year! 

    Dascha (untoldency): In einem Jahr frag ich euch dann nochmal zu 2023 aus.

    Svenja: Das ist jetzt unsere Konstante wie dieses Billie Eilish Vanity Fair Interview.

    Dascha (untoldency): Ja, stimmt! Die letzte Frage kennt ihr auch schon, das ist bei uns ja eine untold story. Also eine Geschichte, die ihr noch nicht öffentlich erzählt habt.

    Anja: Wir waren ja im Herbst ewig lange unterwegs, da haben wir um die 27 Konzerte gespielt. Wir haben uns angewöhnt immer beim Reinfahren in eine neue Stadt auf Spotify nach der Stadt zu suchen. Also was für Songs es über die Stadt gibt, da haben wir schon absolute Banger entdeckt. Wir empfehlen an dieser Stelle „Würzburg“ von der Band Kleinrinderfeld. Und „Lingen (Ems)“. (Alle singen)

    Maria: Wir werden in diesem Jahr auch weiter Städte-Songs sammeln. 

    Svenja: Wir gehen ja auch auf TOUR!

    Maria: Auf TOUR entstehen neue untold stories.

    Anja: Vielleicht seid ihr ja dabei auf unserer TOUR!

    (Alle lachen)

    In diesem Sinne – Power Plush gehen ab sofort auf ihre erste eigene Tour in folgenden Städten:

    Foto Credits: Janine Kuehn
  • TEMMIS im Interview: »Wir waren schon immer größer angelegt als nur ein New Wave Revival Act«

    TEMMIS im Interview: »Wir waren schon immer größer angelegt als nur ein New Wave Revival Act«

    Es ist die Zeit der Neuen Neuen Deutschen Welle. Immer mehr Bands und Künstler*innen singen wieder auf Deutsch zu rohen, rauschenden Gitarren-Sounds. Ja, wir alle kennen die Songs von Edwin Rosen. Entweder man liebt sie oder man hasst sie. Aber da ist so viel mehr, so viel gute Musik.

    Eine Band, die die Szene im vergangenen Jahr weiter in die Öffentlichkeit gedrängt hat, ist TEMMIS. Wir haben sie euch schon in den „artists to watch 2023“ vorgestellt. Die Newcomer-Band aus Tübingen, die mittlerweile Hamburg-based ist, ist der Beweis dafür, wie wahnsinnig cool deutsche Musik sein kann – vor allem, wenn sie fast mehr zufällig entstanden ist. Hier das Rezept: Post-Punk meets New-Wave meets tiefgehende-Ratlosigkeit-einer-Generation. Das und die richtige Prise “fuck it, wir versuchen das einfach mal” ergibt diese Wundertüte, die auf den Namen TEMMIS hört. Aber lest doch einfach selbst, was die Jungs zu ihrer Musik zu sagen haben!

    TEMMIS im Interview 

    Anna: Hey Jungs! Schön, dass ihr euch alle vorm Bildschirm versammelt habt. Mögt ihr euch einmal kurz vorstellen?

    Alex: Ich bin Alex und spiele Bass.

    Emil: Ich bin Emil. Ich spiele Schlagzeug.

    Tizi: Ich bin Tizi und spiele Gitarre.

    Roman: Ich bin Roman und der Sänger. Und wir sind TEMMIS, yeah!

    Anna: Mittlerweile seid ihr in der Szene der Neuen Neuen Deutschen Welle ja schon ein Name. Aber das erste Mal, dass ihr so „richtig öffentlich“ gegangen seid, war ja durch eure Teilnahme beim Hifi Klubben Bandcontest. Würdet ihr sagen, dass es TEMMIS als Band zu der Zeit nicht geben würde, wenn ihr dort nicht gewonnen hättet?

    Tizi: Nicht unbedingt, glaube ich.

    Emil: Ich denke, die Band an sich wird es genauso geben wie jetzt und die Songs wären auch rausgekommen, auf jeden Fall.

    Tizi: Wir hätten nicht so schnell so fertige „Produkte“ veröffentlichen können, aber das hat jetzt nichts mit uns als Band zu tun. Wir waren eh von Anfang an eher eine Liveband und das ist mehr unsere Identität als Band. Die hat auch vor dem Contest schon stattgefunden. Der Contest hat uns das dann eher ermöglicht den Songs, die es live auch schon gab, diesen Studiorahmen zu geben und das veröffentlichen zu können.

    Roman: Es war eher ein Shortcut. Also so ein halbes Jahr nach der Bandgründung haben wir direkt ein Studio Recording gehabt, was ziemlich gut war. Und es war einfach eher so Mittel zum Zweck. Wir sind denen auch mega dankbar. Wir hätten es aber auch ohne gemacht, glaube ich. Aber es war ein riesiges Sprungbrett.

    Emil: Man konnte sehr schnell den Sound von den Songs so hinbekommen, wie wir uns den wirklich gewünscht haben. Hätten wir jetzt alleine alles versucht aufzunehmenhat, da hätte es länger gedauert, bis wir persönlich es geschafft hätten, diesen Sound hinzubekommen. Und das ist auch sehr viel, was wir dadurch gelernt haben.

    stop making sense – das Loslassen von Kausalitäten

    Anna: Ich habe seit neuestem eine Lieblingsfrage, die ich gerne zu Beginn eines Interviews stelle. Mal schauen, wie kreativ ihr seid. Wenn eure Musik ein Buch wäre, welchen Titel hätte dieses Buch?

    Roman: Puh, das ist ja fast so, als ob wir jetzt einen Albumtitel machen müssten. Für ein Album, das nicht existiert.

    Tizi: Für unser Lebenswerk.

    Anna: Oder ein bestimmtes Kapitel.

    Roman: Stop making sense – das ist der Titel.

    Anna: So heißt auch deine Playlist, oder?

    Klicken Sie auf den unteren Button, um den Inhalt von Spotify zu laden.

    Inhalt laden

    Roman: Ja, das ist auch ein Livealbum von den Talking Heads. Die haben in den 80ern einen Konzertfilm gemacht, der war relativ wegweisend für alle kommenden Konzertfilme. Auch musikalisch ist der richtig interessant. Einfach super lustig, aber sperrig – muss ich zugeben – für Leute, die nicht so sehr in der Materie drin sind. Aber irgendwie hat uns dieser Satz schon sehr lange begleitet. Und ich mag die Musik. Ich finde den Satz an sich, also diese kurze, prägnante Aussage sehr geil. Und das ist jetzt kein Leitfaden für die Kunst, die wir machen, aber es ist irgendwie ein schöner Satz, der gut illustriert, wie man loslässt von so Kausalitäten. Viele Sachen ergeben, gefühlt, bei uns nicht so viel Sinn. Und ’stop making sense‘ ist irgendwie so ein süßer Satz. Den würde ich vielleicht als Buchtitel wählen.

    Ein Auszug aus der TEMMIS-Bandhistorie

    Anna: Finde ich gut. Das Buch würde ich in meinen Warenkorb legen. Erinnert ihr euch noch dran: Was war euer erster Song? Und wie und wo ist er entstanden?

    Emil: Erster eigener Song oder der erste Song, den wir zusammen gespielt haben als Band?

    Tizi: Oder der erste, den wir veröffentlicht haben?

    Anna: Hmm, ne, der erste Song, den ihr als Band selbst geschrieben habt?

    Emil: „Andere Stadt“ war der erste, den wir im Proberaum gespielt haben. Oder liege ich da falsch?

    Tizi: Ja, das war der erste, den wir im Proberaum gespielt haben, aber ich denke gerade an sowas wie „Busfahrer“.

    Roman: Also es gibt „Prä-TEMMIS“-Songs. Wir haben 2018 angefangen – da kannten wir Emil noch nicht. Da haben wir mit einem anderen Drummer gespielt und da haben wir halt ein paar Songs gespielt, die jetzt nicht mehr im Repertoire sind. So ein paar haben wir dann auch auf den ersten Konzerten noch gespielt. Die richtigen „die-hard-Fans“ kennen noch so Songs wie „Planet“ oder „Charlie“. Das sind so ältere Songs. Ich glaube von den Songs, die jetzt draußen sind, ist „Wenn du da bist“ der, der chronologisch als erstes entstanden ist. Wir haben uns gegründet und nach einer Woche wurden wir gefragt von unseren Freunden, von der Band Lummerland, ob wir Vorband sein wollen bei deren Konzert. Wir hatten zu dem Zeitpunkt noch keinen einzigen eigenen Song zusammengespielt. Und dann haben wir Ja gesagt und direkt gepanicked. In der Probe haben wir dann direkt „Andere Stadt“ gespielt. Es ist Auslegungssache, welcher Song jetzt wirklich der erste ist.

    Anna: Wie hat sich das angefühlt, als ihr die dann das erste Mal live gespielt habt?

    Tizi: Für mich ist der erste Gig krass an mir vorbei geflogen. Ich war super aufgeregt. Meine Hauptemotion war Erstaunen darüber, was für ein krasser Frontmann Roman ist und wo er das auf einmal hergeholt hat.

    Alex: Ich habe auch nicht auf viele andere Sachen geguckt, als auf meine linke Hand und, dass ich mich nicht verspiele. Ich glaube, ich weiß nicht einmal mehr die Hälfte vom ersten Auftritt

    Roman: Ich weiß noch so ein bisschen. Es war so das erste Mal, dass alle Leute einen so angucken und nichts sagen und dass wir dann halt da sind, einfach so beobachtet werden. Das war schon komisch erst. Ich war übel aufgeregt vor dem ersten Auftritt. Ich habe zwei Wochen vorher mich schon übergeben vor Aufregung. Aber ich glaube dann kam so der zweite und dritte Song beim ersten Konzert und die haben mir zum ersten Mal dieses Gefühl gegeben von „okay, geil, du kannst ja machen, was du willst und die Leute hören dir zu“. Denn die Leute sind ja da, um dir zuzugucken. Da hat sich für mich so eine ganz neue Welt eröffnet von Dingen, die noch möglich sind, die wir noch ausreizen können und so was. Man wird auch sehr schnell süchtig nach diesem Gefühl.

    Anna: Man merkt auf jeden Fall auch, dass du dich auf der Bühne wohlfühlst. Das kann ich nur bestätigen.

    Roman: Wo hast du uns schon gesehen?

    Anna: Das erste Mal in Osnabrück beim Pop Salon Festival.

    Roman: Ohje, krass. Das war der erste Gig, der so richtig draußen in Deutschland war. Vorher waren wir nur so in der Tübingen/Stuttgart-Region unterwegs. Dann haben wir den Gig gespielt und gleichzeitig hat Edwin gespielt. Das heißt, bei uns waren nur so die Leute, die nicht zu Edwin gegangen sind.

    Tizi: (ganz entgeistert) Warte mal, du bist für uns nicht zu Edwin gegangen oder nicht mehr reingekommen?

    Anna: Es war einen schwierige Entscheidung, aber ich habe mich für euch entschieden, weil ich Edwin Rosen in dem Jahr sowieso noch auf anderen Festivals und Konzerten gesehen habe und euch vorher noch nicht. Und außerdem ist der Club, wo ihr gespielt habt, viel cooler, weil es halt so ein alter Keller ist und das war so ein bisschen so Katakomben-Style und mehr so underground. Es war eine ganz wilde Crowd, auch irgendwie, oder? Also da waren so relativ viele ältere Leute, wo ich gar nicht wusste, wo die auf einmal herkommen.

    Emil: Die sind auf jeden Fall gegangen, als wir „Untergang“ gespielt haben.

    Roman: Wir haben einen Song, der heißt „Untergang“, da trommeln wir auf der Bühne rum und da geht so ein bisschen mehr in die Techno-Richtung. Da sind einfach ein paar Leute gegangen, das habe ich währenddessen gesehen.

    Anna: Ich weiß noch, ich habe mich richtig erschrocken als du „Raucherpause“ angekündigt hast, weil der dann so direkt losgeht.

    Roman: Achja, Raucherpause (lächelt). Den haben wir seitdem immer bei jedem Gig gespielt. Damals haben wir auch noch ich „Comedy“ gespielt. (alle lachen) Wir waren am Anfang noch viel mehr all over the place, was Genres angeht als jetzt. Und ich finde, jetzt sind wir schon sehr irgendwie in alle Richtungen gleichzeitig. Am Anfang war es noch viel extremer. Und ich glaube, bei dem Gig in Osnabrück, wo du warst, da hatten wir noch so ein paar Brecher dabei, die wir heute nicht mehr bringen würden.

    „Ich würde nicht sagen, dass wir ein Retroact sind.“

    Anna: Ich schaue mal zurück auf meine Fragen. Hatte die Pandemie einen Einfluss auf eure Musik? Ist sie dadurch vielleicht melancholischer geworden?

    Roman: Ähm, ja (überlegt). Ja, schon. Wir waren ja schon vor der Pandemie quasi Proto-TEMMIS, also ohne Emil. Durch die Pandemie konnten wir erst mal nicht proben, eine Zeit lang. Und deswegen sind wir eher elektronisch gegangen, vom Sound her auch. Und es gab halt weniger Partys. Das heißt, man war einfach gezwungen, sich ein bisschen mehr so nach innen zu kehren. Ich glaube, das hat sich auch im Songwriting widergespiegelt. Und ich glaube, das ist auch der Grund dafür, dass viele der Songs, die im Moment rauskommen, sehr nostalgisch und melancholisch sind, weil man sich halt wieder im Internet verloren hat. In dieser schwierigen Zeit war so eine Rückbesinnung auf Zeiten, in denen man sich gut irgendwie verlieren kann, wenn man die aktuelle Zeit vergessen möchte. Deswegen sind viele Retroacts gekommen, während der Pandemie. Ich würde nicht sagen, dass wir ein Retroact sind. Aber ich würde sagen, dass diese Distanz, die uns oft attestiert wird, dass die auf jeden Fall so ein Pandemie-Ding ist. Das kommt aus einer Zeit, wo es früh dunkel wurde und man nicht mehr raus durfte und einfach drinnen seine Zeit verbringen musste. Es war halt alles ein bisschen scheiße. Und das spiegelt sich auch wieder, vor allem in den ersten Songs. Und ich weiß nicht, vielleicht kann man auch in unserer zukünftigen Diskografie so ein bisschen nachvollziehen, wie sich das Ganze aufhält. Das kann ich mir gut vorstellen, aber dazu noch keine verbindlichen Aussagen.

    Tizi: Ich glaube, es kommt auch noch dazu, dass wir dann den Struggle hatten, irgendwie proben zu können. Wir hatten schon ein schlechtes Gewissen, uns zu dritt zur Probe zu treffen zu der Zeit. Auf jeden Fall waren wir dadurch gezwungen, ein bisschen herumzuexperimentieren.

    Anna: Und wie ist so der Entstehungsprozess und die Aufgabenteilung von einem Song bei euch generell?

    Roman: Also meistens ist es so, dass ich so ein Song-Skelett mache, irgendwie auf Gitarre oder die Lyrics. Manchmal mache ich dazu auch eine kleine Demo und dann gehen wir die im Proberaum zusammen durch. Da wird es halt zu dem Song, der er eigentlich ist. Es ist aber auch jedes Mal unterschiedlich, aber grob gesehen kann man das so als Schema verallgemeinern. Und dann gehen wir mit dieser Demo ins Studio und arbeiten meist mit einem Produzenten zusammen, um einfach nochmal ein bisschen unsere Skills zu optimieren, die Löcher zu stopfen, die wir haben, aber andererseits auch mal einfach so eine andere Charakteristik reinzubringen. Und da übernehmen wir viele Sachen von Demos, manche recorden wir neu. Nach diesen Schritten kommt dann der Song raus.

    Anna: Das klingt wie so eine Anleitung: DIY – so könnt ihr den TEMMIS-Sound nachmachen.

    Tizi: How to TEMMIS in 6 easy steps.

    „Du machst eine Sache und die Leute denken, dass sie dich dann verstanden haben“
    Anna: Kommen wir mal zu eurer letzten EP „Klinge“. Die ersten Male, als ich den Song gehört habe, habe ich gedacht, dass es so ein bisschen glattgebügelt klingt, aber je öfter ich das höre, desto weniger denke ich das auch. Aber ich glaube, ich hatte halt so sehr „Wenn du da bist“ in meinem Kopf und habe dann „Augenringe“ gehört – das ist ja schon ein großer Unterschied. Wie würdet ihr selbst sagen, unterscheidet sich die „neue“ EP zu eurer Debüt-EP?

    Roman: Ich glaube, das Schwierige ist, du machst eine Sache und die Leute denken, dass sie dich dann verstanden haben. Aber wir haben halt eine EP gedropped. Wir haben drei Songs, also das ist eigentlich nichts. Bis vor 15 Jahren haben Leute erstmal ein Debütalbum rausgebracht und in drei Songs kannst du nicht komplett umreißen, was die Idee der Band ist. Und wir waren schon immer anders, also größer angelegt als einfach nur ein New Wave Revival Act. Ich glaube, dass die erste EP nicht nur dieses New Wave-Ding ist. Ich finde der Sound wurde einfach besser – beziehungsweise einfach ausgefeilter. Und „Augenringe“ ist halt eine Andeutung davon, dass wir nicht nur Postpunk und New Wave hören, sondern dass wir auch Alternative Pop gerne machen. Ich finde es aber eigentlich ganz gut, dass du das so ein bisschen den Unterschied festgestellt hast. Die Musik, die wir machen, soll sich eigentlich nicht vergleichen mit anderer Musik, die es gibt, auch wenn man natürlich immer Vergleiche ziehen kann. Ich glaube „Augenringe“ ist auf jeden Fall der Versuch, dass wir schauen, eine Seite von uns zeigen, die wir vorher noch nicht gezeigt haben, die in Zukunft auch öfter vorkommen könnte. Kann ich verstehen, dass es dir vielleicht erst etwas „glattgebügelt“ vorkommt, wenn man so ein Nischenfan ist. Aber ich glaube, unser Blick auf Musik ist halt nicht so nischenbezogen. Und „Verloren wie ich“ ist ja zum Beispiel auch einfach so Shoegaze/Indie. Der ist noch weiter weg von der ersten EP, als Augenringe beispielsweise. Aber an „Augenringe“ hängen sich manche Leute auf, weil er so nach Popmusik klingt, die noch nicht so alt ist. Klingt aber halt voll mit Absicht so und wir stehen dazu. Aber ich glaube die Leute müssen uns halt erst einmal kennenlernen. Wir haben uns jetzt noch nicht in unserer ganzen Bandbreite vorgestellt.

    YouTube

    Mit dem Laden des Videos akzeptieren Sie die Datenschutzerklärung von YouTube.
    Mehr erfahren

    Video laden

    Anna: Mit welchem Song auf der EP hattet ihr es am schwersten? Und mit welchem am einfachsten?

    Emil: (lacht) Keine Frage jemals, die so einfach zu beantworten war. Der einfachste Song war „ICE 579“.

    Alex: Ne, „Klinge“ war noch einfacher.

    Tizi: „ICE 579“ war halt so einfach, weil es so viel Spaß gemacht hat. Alles, was wir angepasst haben, hat instant funktioniert.

    Roman: „Klinge“ war aber auch schon zum großen Teil fertig, als wir ins Studio gegangen sind. Max Rieger hat schon echt noch was rausgeholt. Aber die Entscheidungen waren alle so naheliegend, dass man sich da so klar war. Am Ende haben wir schon am meisten gerungen mit „Verloren, wie ich“.

    Alex: Es gab auch eine Zeit, in der wäre der Song nicht auf der EP gelandet. Dann haben wir ihn nochmal angerührt. Aber der ist sehr geil geworden im Nachhinein. Aber das war ein ganz starker Wackel-Kandidat.

    Roman: Ja, der hatte einen ganz schlimmen Text und er hat komisch geklungen.

    Anna: Also war bei dem quasi erst der Sound und der Text dann später?

    Emil: Genau. Das war eine dumme Idee von uns. Das war nur so ein grober Text, so einfach nur damit man irgendwas hat und dann erstmal Musik machen. Dann waren wir im Studio und standen unter Druck: Jetzt müssen wir den Text aufnehmen. Da standen quasi immer noch so Platzhalter.

    Roman: Der Sound war schon vorher da, aber dann habe ich halt nochmal ein paar Wochen gebraucht und einen Text geschrieben und der ist es jetzt im Nachhinein geworden. Damit sind wir auch sehr happy.

    Alex: Aber dadurch haben wir natürlich an dem Song auch am meisten gelernt. Jetzt wissen wir, dass es bestimmte Sachen gibt, die müssen vorher klar sein. Und wir sind nicht die Menschen, die im Studio vielleicht noch den zündenden Geistesblitz bekommen.

    Anna: Ihr seid also nicht Typ Mensch, der auf Druck besser arbeitet?

    Alex: Eine bestimmte Art von Druck. Druck im Sinne von „Okay, du hast eine Woche Zeit“ und nicht „Du musst in drei Stunden Text haben“. Eine Woche ist ein guter Druck für uns. Nur ein drei Stunden ist gar nichts.

    untold story

    Anna: Kommen wir zur letzten Frage: Was ist eure untold story?

    Emil: Jungs, habt euch dazu Gedanken gemacht? (schaut in die Runde)

    Tizi: Ich habe mir Gedanken macht. Mir ist jetzt nichts Konkretes eingefallen, aber ich dachte, ich habe meinen Job damit getan, dass ich euch gesagt habe, ihr sollt euch was überlegen.

    Roman: Ja… Was haltet ihr von Frontallappen?

    Alex: Oder von dem Vorfall von zwei Wochen vor dem ersten Konzert? Das haben wir ja vorhin schonmal geteased. Also: Wir haben ja schon mal erzählt, dass wir unser erstes Konzert für unsere befreundete Band Lummerland gemacht haben. Zwei Wochen vorher hatten die schon mal ein Konzert, auch in Tübingen und wir waren da als Besucher. Nach dem Auftritt kam dann die letzte Ansprache von dem Sänger und er sagt so: „Wenn ihr uns nochmal sehen wollt, dann kommt zwei Wochen nochmal. Da spielen wir noch ein Konzert, dann mit TEMMIS als Vorband.“ Da haben wir alle erst so richtig realisiert, dass es ja noch zwei Wochen bis zu unserem ersten Auftritt haben. Tizi und ich haben uns da sehr gefreut, aber Roman wurde dabei relativ bleich und hat dann so drei Minuten nichts gesagt und dann hat er auf den Boden gekotzt. So direkt vor sich.

    Anna: Inmitten der Konzert-Masse?

    Alex: Am Rande auf der Treppe eher.

    Emil: Also das war auch ein Punker-Schuppen – also alles in Ordnung.

    Tizi: Viele waren zu dem Zeitpunkt aber auch schon raus. Die Band war noch da und die Leute, die da arbeiten und ein paar Gäste vielleicht noch.

    Alex: Ja, aber es war nicht so schlimm. Direkt danach kam noch irgendein Punker dahin, der auf einmal Blut übergeben hat und dann war die ganze Aufmerksamkeit bei ihm … Ja, aber was man auch immer bei der Story erzählen muss: Beim ersten Auftritt hat Roman dann komplett abgeliefert. Da war gar nichts mehr mit Aufregung oder sowas.

    Roman: Das war echt nur vor der Bühne so richtig krass. Sobald ich auf der Bühne stand, war alles ok. Das war so auf einen Schlag, als ich da oben stand. Ein kleiner Schritt für mich. Ein großer Schritt für TEMMIS.

    Anna: Ich hoffe für dich trotzdem, dass du dich jetzt vor Auftritten nicht mehr übergeben musst.

    Roman: Ich bin schon immer noch sehr aufgeregt, aber das ist eher in freudige Aufregung übergegangen. Aber die Boys sind so voll gechillt.

    Tizi: Weil du so aufgeregt bist, aktiviert das in mir, dass ich jetzt ruhig sein muss.

    Alex: Das ist auch ganz gut für mich, weil dann kann ich mich eigentlich nicht auf mich konzentrieren, sondern darauf, mich um dich zu kümmern.

    Zu guter Letzt natürlich hier noch der Link zur EP „Klinge„. Ohren-kaputt-hören bis zum letzten bisschen ist Pflichtprogramm:

    Klicken Sie auf den unteren Button, um den Inhalt von Spotify zu laden.

    Inhalt laden

    Fotocredits: Marvin Schmidt, Dan Trautwein

  • Till Otter im Interview: »Ich brauchte diesen Song selbst«

    Till Otter im Interview: »Ich brauchte diesen Song selbst«

    Wie klingt die Hoffnung auf wärmere Tage und den Frühling, einen Neuanfang und ein Danach? – Till Otter beantwortet diese Fragen mit dem Song Eure Blumen, der letzten November erschien. Während sich their letzte EP Morgentau (2021) mit their Depressionserkrankungen auseinandersetzt, handelt Eure Blumen nun von einem Neuanfang. Passend dazu unterstreicht der neue Synth-Pop-Sound den von Hoffnung und Mut handelndem Song und macht Lust auf mehr. Letzte Woche haben wir mit Till über Eure Blumen gesprochen, wie es them im letzten Jahr erging und warum they den Song selbst gebraucht hat.


    Eure Blumen ist für mich ein Liebesbrief an all die aktuelle Popmusik, die mir zeigte, wie mein Leben und wie ich sein kann. An all die Musik, die mir Hoffnung gab und mich spüren ließ: Es gibt ein Danach.“

    Klicken Sie auf den unteren Button, um den Inhalt von Spotify zu laden.

    Inhalt laden


    Till Otter im Interview


    Julia: Hi Till! Schön, dass wir heute miteinander quatschen. Magst du dich kurz vorstellen, für alle Menschen, die dich noch nicht kennen? 

    Till: Hi! Mein Name ist Till und ich bin Musiker, ansässig in Köln. Ich mache Musik die man, glaube ich am ehesten als deutschsprachigen, theatralischen Pop bezeichnen könnte. 

    Julia: Eine wichtige Frage zu Beginn, wie geht es dir? 

    Till: Gut, gut. Ich habe nicht so viel geschlafen, weil das Dschungelcamp gestern sehr aufwühlend war. *lacht* Das hat mich ein bisschen mitgenommen, aber ansonsten geht es mir gut. Ich bin gut ins neue Jahr gekommen und alles läuft so, wie es soll. 

    Julia: Das ist schön zu hören! Du hast im November letzten Jahres deinen neuen Song Eure Blumen veröffentlicht. Eine Hoffnungs-Hymne, für die man in dieser grauen Jahreszeit sehr dankbar ist. Möchtest du kurz erzählen, was deine Gedanken hinter dem Song waren?

    Till: Das ist schön zu hören. Das war auch der Gedanke dabei, diesen Song im Winter zu releasen, wenn alles so trist und trüb draußen ist und man dann einen Song hat, der einem fröhliche Frühlings- und Sommergefühle vermittelt. Aber der Song bedeutet mir selbst auch sehr viel. Erstmal ist es für mich ein Song nach meiner EP, die sich sehr stark mit Depressionen, die ich hatte, auseinandergesetzt hat. Es ist ein Song, der aufbricht in eine hoffnungsvollere und positivere Zukunft – mal ein fröhlicher Song mit einem glücklicheren Sound. Gegen Ende meiner EP hatte sich das schon langsam angebahnt, aber ich wollte einfach mal irgendeinen Song haben, der nicht komplett depri ist. Ich brauchte diesen Song selbst, einer der mir gute Laune und Mut macht. Das ist Eure Blumen geworden.

    Gleichzeitig ist es für mich der Song gewesen, der sich mit meinem alten Coming Out auseinandergesetzt hat und nun auch mit meinem Neuem. Ich habe mich nämlich mit 20 oder 21, jedenfalls spätestens bei meiner Familie, als homosexuell geoutet und vor allem in den letzten paar Jahren gemerkt, dass ich immer noch sehr viel internalisierten Kram zu verarbeiten hatte und mir selbst auch gar nicht erlaubt habe, aufzublühen und die Person zu sein, die ich eigentlich sein will und sein kann. Ich glaube, dass steckt auch im Song mit drin – das Ausbrechen aus Erwartungen. Am Ende dieser Entwicklung stand nun mein zweites Coming Out als non-binär. Ich sehe den Song jetzt in einem anderen Licht, weil ich das Gefühl habe, dass ich mich langsam von sehr vielem frei mache, was mich lange Zeit eingeschränkt und belastet hat. 


    „Denn die Blumen die aus meinen Narben wachsen,
    ergeben sicher einen schönen Strauß.“


    Julia: Die Gefühle, die du gerade beschrieben hast, kommen im Song auch ziemlich gut rüber. Man hat einen gewissen Übergang gesehen, von deiner letzten EP Morgentau hin zu Eure Blumen. Der letzte Song der EP beginnt mit „Aus meinen Wunden wuchsen Blumen“ – wie ich finde ein sehr schöner und cleverer Übergang. Ich mag aber vor allem die Blumen-Matapher total gern.   

    Till: Kleiner Funfact! Ich hatte selbst vergessen, dass ich diese Zeile im Song Morgentau geschrieben hatte.

    Julia: *lacht* Echt jetzt? 

    Till: Ja, ich habe dann kurz bevor der Song rauskam, vier oder fünf Wochen vorher, nochmal die EP und eben diese Zeile gehört und war so, what? Ich habe dann mit ein paar Freund:innen geredet und gefragt, ob denen das aufgefallen ist. Die haben auch gedacht, dass sei mit Absicht gewesen.

    Julia: Okay, funny! Es passt auch einfach gut. Du bist zwar schon kurz darauf eingegangen, aber war das Schreiben des Songs für dich eine Art Erlösung?

    Till: Ich hatte vor allem in der Zeit nach der EP eine Schreibblockade. Mehr Leute sind auf mich und meine Musik gestoßen, gerade wegen der EP, und damit wuchs der Druck in mir, dass ich etwas machen wollte, was diesen Leuten auf jeden Fall gefallen wird. Ich bin dann erstmal gar nicht weitergekommen und habe mich aber irgendwann davon losgelöst und zu mir selbst gesagt, dass ich einfach Musik mache, auf die ich Bock habe. 

    Ich weiß nicht, ob ich das Wort Erlösung benutzen würde, aber abseits des Schreibens hat mir gerade das Hören des Songs Freude bereitet und mich auf eine Art und Weise beruhigt. Letztes Jahr war bei mir viel los mit Stress, einer Angststörung und Panikattacken, die aufgetreten sind und mit denen ich vorher noch keine intensiven Erfahrungen gemacht habe. Deswegen habe ich den Song auch einfach selbst gebraucht.

    Julia: Du hattest ja eben schon gesagt, dass der Song nicht kurz vor Release entstanden ist. Wie lange hat der Entstehungsprozess denn gedauert? 

    Till: Vincent, mit dem ich meine EP produziert habe, und ich haben an mehreren Songs und Ideen gleichzeitig gearbeitet. Das heißt, es hat sich schon über eine gewisse Zeit gezogen. Wir haben auch ein bisschen gebraucht, um den Sound zu bekommen, den ich haben wollte. Aber als sich der gefunden hat, ging es flott. Der Text stand auch relativ schnell. Ich glaube im Februar haben wir die Vocals recorded und im März/April kam das Mixing. 

    Julia: Wo du gerade den Sound ansprichst, da hat sich auf jeden Fall was geändert. Ich würde mal sagen, weniger Melancholie und mehr Euphorie. Wird es bald nochmal traurig?

    Till: Es gibt ja schon Songs, die geschrieben und fast fertig sind. Teilweise sind die auch trauriger und düsterer. Es sind aber trotzdem keine Songs wie Apokalypse Wow, in denen irgendwelche Weltuntergangsbilder gezeichnet werden. Die Songs sind ein bisschen realitätsnäher und sehr viel direkter geschrieben. Und auch wenn sie düsterer sind, werden sie definitiv mehr Fun sein. I don’t know. Sie wiegen nicht mehr so schwer wie die, die ich bisher geschrieben habe, glaube ich.

    Julia: Speaking of fun… Du hast vor kurzem dein Musikvideo zu Eure Blumen veröffentlicht und scheinst beim Dreh großen Spaß gehabt zu haben. Was hat es eigentlich mit dem gelben Mantel auf sich? War das Zufall?

    Till: *lacht* Nein, das war kein Zufall. Ich habe lange überlegt, was ich da anziehen kann und hatte dann irgendwann die Idee, die sich dann auch im Artwork der Single wiederfindet – mit der Sonnenblume. Ich dachte mir eine Sonnenblume ist ganz schön, die reckt sich immer dahin, wo die Sonne scheint und das ist auch irgendwie das Bild des Songs. Ich fand die Idee mit dem Regenmantel eigentlich ganz nice, weil ich so die Farben der Sonnenblume angenommen habe – grüne Joggingshose und gelber Regenmantel. Passte dann gut, als wäre ich selbst in den Farben von einer Sonnenblume aus dem Berliner Blumenacker rausgekommen, den wir da gebaut haben.

    Julia: Hast du auch schon live getragen!

    Till: Der Mantel ist mein favourite piece of clothing aktuell. Der macht mich sehr, sehr glücklich, muss ich sagen.

    YouTube

    Mit dem Laden des Videos akzeptieren Sie die Datenschutzerklärung von YouTube.
    Mehr erfahren

    Video laden


    Julia: Was sind denn deine Lieblingsblumen? Das muss jetzt gefragt werden.

    Till: Ohh, ähhm…

    Julia: Meine ist die Sonnenblume. Hehe. 

    Till: Ja, irgendwie komme ich mir auch doof vor, wenn ich jetzt nicht Sonnenblume sage. *lacht* Andererseits wäre es auch ein bisschen langweilig. Ähm, warte kurz. Ich muss einmal sichergehen, dass ich nicht die Falsche sage. *googelt* Ach, das ist sie doch! Hyazinthe. Ich sage Hyazinthe. Die sind doch schön.

    Julia: Sehr gute Wahl! Du hast es eben schon angesprochen, aber dann können wir davon ausgehen, dass weitere Releases dieses Jahr kommen? Möchtest du was verraten?

    Till: Wir haben ein paar Akustikversionen von Songs aufgenommen, die ich schon released habe. Die werden nach und nach in den nächsten Wochen eintrudeln. Es wird wahrscheinlich im Laufe des Jahres eine Reihe an Singles erscheinen, die aber nicht unbedingt an ein EP-Konzept gekoppelt sind. Es sind halt eher einzelne Songs, die auch gut für sich stehen. Ich kann natürlich noch nicht verraten, wann sie erscheinen. Nach der Morgentau EP war es ja erstmal eineinhalb Jahre still und das wird dieses Mal nicht so sein.  

    Julia: Ich stelle mir „Eure Blumen“ live richtig gut vor. Wie sieht deine Besetzung auf der Bühne aus? 

    Till: Das ist eine Sache, an der ich gerade arbeite. Ich hatte im Dezember das Glück, relativ spontan für die Künstlerin Sofia Portanet im Gleis 22 in Münster Support spielen zu dürfen. Da habe ich mit Vincent, mit dem ich auch produziere, relativ flott ein Live-Setup gebastelt, was gut funktioniert und auch Spaß gemacht hat. Aktuell werde ich entweder alleine oder zu zweit oder zu dritt auftreten. Mir liegt auch viel daran, dass so viel wie möglich von den Instrumenten live gespielt wird und wenig vom Band kommt. Gleichzeitig muss man natürlich gucken, wie viel davon umsetzbar ist.

    Julia: Hast du einen Wunsch für dieses Jahr, hinsichtlich deiner Musik, was du gerne erreichen würdest?

    Till: Ja, da habe ich mehrere. Erstmal würde es mich sehr dolle freuen, wenn am Ende diesen Jahres mehr Leute meine Musik hören. Das wäre sehr schön. Und wenn es die Leute glücklich macht und ihnen Freude bringt, weil auch dafür mache ich Musik. Mein zweiter Wunsch ist sehr spezifisch, aber in Köln gibt es das Artheater und dort gibt es das Artheater Basement. Ich finde beides super toll! Da habe ich letztes Jahr bei der c/o pop Festival viele tolle Gigs gesehen, die mich sehr glücklich gemacht haben. Das ist meine Dreamlocation und es wäre ein Traum dort mal zu spielen und ich hoffe, dass das irgendwie in naher Zukunft passieren wird. Ich würde da sehr gerne eine sehr volle, schwitzige, laute und wilde Show spielen. 

    Julia: Ich drücke die Daumen! Die letzte Frage ist bei uns immer eine untold story, also eine Geschichte oder Anekdote, die du noch nie irgendwo erzählt hast. Was wäre deine untold story?

    Till: Es gibt wahrscheinlich Milliarden… Aber Ende letzten Jahres wurde ich ganz lieb von Lisa-Marie auf Instagram angeschrieben. Sie hat mir erzählt, dass sie sehr gerne malt und angefangen hat eine Leinwand zu bemalen, die von der Morgentau EP inspiriert ist. Ihr Ziel war es, ein Bild zu machen, dass man nur versteht, wenn man die EP gehört hat. Und diese Leinwand hat sie mir geschickt. *zeigt mir die Leinwand*

    Julia: Wow? Das sieht mega aus! Crazy. Großes Kompliment. 

    Till: Das ist auf jeden Fall richtig toll! Ich habe die EP ja während der Pandemie veröffentlicht und dadurch auch wenig direktes Feedback bekommen, weil man einfach nicht so viele Leute gesehen hat. Man hat dann immer das Gefühl, alles verpufft im Netz. Das war für mich total schön, weil da eine Person auf meine Musik gestoßen ist und ihr anscheinend so viel Freude gemacht hat, dass sie angefangen hat eine Leinwand zu bemalen. Das war einer meiner Happy Moments aus 2022. 

    Julia: Das ist wirklich ein schöner Abschluss!

    Till: Das stimmt!

    Julia: Ich danke dir für das schöne Gespräch, Till! 

    Till: Ich danke dir und freue mich!


    Fotocredits: Moritz Holstein

  • Über Sexismus, alte Schlager und Sailor Moon – IUMA im Interview

    Über Sexismus, alte Schlager und Sailor Moon – IUMA im Interview

    Letzte Woche Freitag hat die Deutschpop-Sängerin ihre Debüt-EP genug herausgebracht. Auf ihr finden all ihre im letzten Jahr veröffentlichten Singles inklusive einer neuen, gleichnamigen Platz. Im letzten Herbst hatte Leif die Gelegenheit, IUMA zu dem Singlerelease und dem Musikvideo von u-bahn zu interviewen. Neben ihrer Musik als Ventil und ihrer Liebe zu Justin Bieber ging es

    Über Sexismus, alte Schlager und Sailor Moon – IUMA im Interview

    Leif: Wie geht es dir und was machst du momentan so?

    IUMA: Heute geht es mir gut, ich bin ausgeschlafen (lacht). Und momentan mache ich viel Unterschiedliches. Zum einen war ich gerade auf dem Pop Camp, das war sehr schön und ich habe es sehr genossen. Es war ein wenig wie Klassenfahrt mit vielen tollen Menschen und viel Zeit für die eigene Musik. Zum anderen Spiele ich morgen ein Konzert in Berlin im Schlot, was ich gerade vorbereite. Das heißt ich verändere momentan mein Setup und binde in meine Solo Auftritte Novaas Produktion ein und nehme Backing Tracks und Drum Fills mit in die Performance. Vor allem aber arbeite ich ganz viel an den kommenden Releases, wie meine neue EP.

    Leif: Darauf werden wir dann später nochmal drauf zurückkommen. Aber zuerst möchte ich ganz grundlegend fragen: Was machst du für Musik und wie würdest du dich und deine Musik vorstellen?

    IUMA: Ich bin IUMA und mache deutschsprachige, ehrliche Popmusik mache, die unterschiedliche Einflüsse hat. Für mich ist es am Ende Popmusik. Sie kann manchmal souliger sein oder hat Jazz Anlehnungen und oft ist sie knall-hart poppig. Für mich ist es wichtig, meine verschiedenen Einflüsse, die ich so habe, ausleben zu können und darauf kommt es mir letztlich an.

    Leif: Gut gesagt, empfinde ich tatsächlich genauso. Poppig ist es fast immer, aber du hast dir trotzdem eine gewisse Bandbreite aufgestellt. Auch, wenn du es vorhin mit Novaas Produktion vorweggenommen hast: Machst du alles vom Songwriting bis zur Produktion selbst? Wie sieht dieser Prozess normalerweise bei dir aus?

    IUMA: Meistens – nicht immer – beginnt dieser Prozess bei mir so, dass ich den Song in mein Handy tippe, also mit dem Text. Und wenn ich dann Zeit und Lust habe und mich inspiriert fühle, setze ich mich zuhause ans Klavier und schreibe den Song. Manchmal nur zur Hälfte und teilweise fehlt hier und da noch etwas aber das Grundkonzept des Songs entsteht so. Danach gehe ich ins Studio, treffe mich in letzter Zeit vor allem mit Novaa und am Ende ist der Song fertig.

    Leif: Gibt es denn irgendetwas, was in einem IUMA Song nicht fehlen darf?

    IUMA: Etwas, was sehr häufig in meinen Songs vorkommt und bei mir nicht fehlen darf sind Adlips. Ich liebe Adlips. Ich liebe auch Harmonien. Eigentlich darf beides bei mir nicht fehlen.

    „Und dann entsteht ein emotionales Kollektiv“


    Leif: In Gutgut thematisierst du toxische Beziehungen, bzw. das Austreten daraus und unter anderem auf Social Media befasst du dich viel mit allgegenwärtigem Sexismus. Ich habe immer das Gefühl, dass diese Themen trotz ihrer hohen Relevanz in der Öffentlichkeit heruntergespielt werden. Du greifst sie aber bewusst auf. Ist das für dich eher Coping auf Grundlagen von Erfahrungen, die du alltäglich damit machst oder geht es dir hier im Empowerment und Awareness – oder beides?

    IUMA: Da ich in erster Linie ganz egoistisch an Songs rangehe (lacht), sind sie für mich ein Ventil. Die erste Intention ist bei mir ist also, dass da was raus muss, was mich bewegt oder wütend und traurig gemacht hat. In meinem Song sex ist spreche ich auch über Sexismus, den ich erfahren habe und nach wie vor erfahre. Für mich ist es aber dann auf jeden Fall empowernd wenn ich auch Gefühle, bei denen ich nicht weiß, wohin, rauslassen kann. Das eigene Rauslassen und die damit verbundene Selbstbestätigung spielen eine sehr große Rolle. Was aber dann passiert – und das finde ich wunderschön – ist, dass das aufs Publikum trifft und klar wird, dass Menschen im dort die gleichen oder ähnlichen Erfahrungen gemacht haben. Und dann entsteht ein emotionales Kollektiv und man kann sich gegenseitig empowern.

    Leif: Was auch sehr wichtig ist. Niemand ist allein mit den Empfindungen und man muss auch nicht allein damit durch. Speaking of Sexismus: Hast du seitdem du Musikerin und auf Social Media bist, noch mehr Erfahrung damit machen müssen? Es gibt da ja diesen großen Diskurs über den offensichtlichen Sexismus in der Musikbranche. Wirkt das seither noch mehr auf dich ein als ohnehin schon?

    IUMA: Bezogen auf Reaktionen, zum Beispiel auf Snippets von sex ist, die ich hochgeladen habe oder auf Bilder, auf denen ich etwas mehr Haut zeige, kommen schon manchmal Reaktionen, wie: „Du bist selbst schuld“ oder „Du provozierst das ja damit“. Grundsätzlich sind so 90% der Reaktionen aber sehr positiv. Mit Bezug auf die Musikbranche fühle ich das noch nicht so dramatisch. Da gibt es viele andere Künstlerinnen, die da wesentlich mehr zu sagen können. Ich stehe noch relativ am Anfang dieses Projektes und da passiert das eher verdeckt. Es gab trotzdem schon sehr oft irgendwelche Äußerungen aus der Richtung von Tontechnikern oder Situationen, in denen Leute erstaunt waren, dass ich als Frau ein Kabel aufrollen kann oder meine Technik selber anschließen kann. In der großen Branche und in Sachen, wie Auftrittmöglichkeiten oder Playlistplatzierungen sind wir natürlich sehr betroffen. Aber wie gesagt, momentan ist das bei mir noch nicht so spürbar, weil ich noch am Anfang stehe.

    Leif: Was mir dabei immer wieder auffällt ist die unterrepräsentierte weibliche Besetzung in der Musik. Damit meine ich nicht nur Bandbesetzung, sondern auch Produzent:innen und alles, was sich nebenher abspielt. Man hat das Gefühl, da sind viel weniger Frauen vertreten.

    IUMA: Es gibt super viel Produzentinnen! Vermutlich ist der Männlichkeitsanteil dort immer noch höher, aber den weiblichen Produzentinnen wird einfach nicht so viel Sichtbarkeit gegeben. Das ist das eigentliche Problem. Sie sind da und es gibt dafür viele Foren, die nur für weiblich gelesene Personen da sind. Meiner Meinung nach müsste es noch mehr davon geben, damit man sich einfach besser finden und connecten kann. Da haben wir auf jeden Fall noch einen Weg vor uns.


    „Du sagst

    Ich sei selbst schuld und naiv,

    wenn

    Ich provokativ meinen Body zeig

    Du sagst, ich sag

    Wie kommst du auf die Idee, dass

    ich bleib“



    Leif: Schätzt du dich und deine Musik als politisch ein?

    IUMA: Ja, wahrscheinlich schon. Ich würde es als privatpolitisch bezeichnen.


    Leif: Dann habe ich jetzt eine Frage zum Musikvideo zu u-bahn. Das ist das Erste, was mir in den Kopf geschossen ist, denn es spielt ja in einer U-Bahn-Station. Man sieht so wenig Passanten im Hintergrund, habt ihr einfach alles geräumt und abgesperrt?

    IUMA: Nein, tatsächlich nicht. Wir haben es geschafft zu einer guten Uhrzeit da zu sein und es war ein Endbahnhof. Daher war ohnehin nicht viel los, was gut war. Wir hatten einfach Glück und haben super spät gedreht. Wir hatten zwischen den Bahnen immer Zeit für genau zwei Takes und es hat nicht lang gedauert, bis wir durch waren. War eine richtig schnelle Nummer.

    Leif: Schien auf jeden Fall so, als hättest du sehr viel Spaß daran, Videos zu drehen. Stimmt das auch?

    IUMA: Das ist gut, danke (lacht). Ja, ich liebe Musikvideos und ich habe da super viel Spaß dran. Bislang konzipiere ich die auch selber. Aber ich habe das Gefühl, dass Musikvideos immer unrelevanter werden. Für Musikmagazine, die dann noch etwas zeigen können und Menschen, die meine Musik mögen oder kennenlernen wollen sind Musikvideos natürlich was Schönes. Aber in Bezug auf Mehrwert und Reichweite habe ich schon das Gefühl, dass das nicht mehr so ausschlaggebend ist. Wir sind halt nicht mehr in Zeiten von MTV oder in einer YouTube Hochzeit. Außerdem werden ja alle Videos momentan etwas kürzer. Aber es ist wirklich nur ein Gefühl von mir.

    Leif: Da ist sie wieder, die Tiktokisierung. Schade eigentlich, ich finde Musikvideos immer sehr cool, dann hat man was zum Schauen.

    IUMA: Ja, ich verstehe das voll! Mir blutet da auch das Herz und deshalb mache ich auch noch Musikvideos. Ich bin gespannt, wie es sich demnächst entwickelt. Freut mich aber, dass man mir den Spaß in dem Video auch ansieht, mir gefällt es sehr.

    YouTube

    Mit dem Laden des Videos akzeptieren Sie die Datenschutzerklärung von YouTube.
    Mehr erfahren

    Video laden

    IUMAs Single u-bahn erschien im September 2022.



    Leif: Was sind denn deine musikalischen Vorbilder und was feierst du momentan so?

    IUMA: Das ist ganz verschieden. So viel Musik höre ich tatsächlich nicht, denn ich brauche auch mal Pausen davon. Es gibt so Phasen, in denen ich sehr viel höre. Ich bin ein großer Fan von Soul und R&B. Meine all-time-favourites sind Daniel Ceasar, SZA und Frank Ocean. Rosalía hat mich in meinen ersten Tracks sehr beeinflusst. Aber auch Justin Bieber hat mich inspiriert (lacht). Für ihn pocht mein Popherz, da bekomme ich immer gute Laune. Und ich war schon immer fasziniert von Alicia Keys und Lady Gaga. Das Alleinsingen und am Klavier begleiten fand ich schon immer super geil. In Bezug auf deutschsprachige Musik finde ich tatsächlich alte Schlager sehr inspirierend. Sachen von Trude Herr und Hildegard Knef find ich super geil.

    Leif: Manchmal hat der alte Schlager es eben doch richtig drauf. Ich nutze den Alicia Keys und Lady Gaga Aufhänger jetzt gekonnt als Überleitung zur nächsten Frage. Du trittst nämlich auch sehr häufig allein auf, indem du deinen Gesang am Klavier begleitest. Was magst du beim Performen am meisten und würdest du auch gern mit einer Band auftreten?

    IUMA: Ich mag, dass ich mich selbst sehr empowern kann. Ich hatte da immer ein bisschen Schiss vor und komme aus einem jazzigen, akademischen und peniblen Kontext. Ich habe mir nie zugetraut, dass ich das alleine auf dem Klavier schaffe, bis ich mir das irgendwann selbst bewiesen habe. Es ist viel unkomplizierter und leichter zu reisen und aufzubauen und ich bin einfach losgelöster dadurch. Aber für mich bedeutet es sehr viel, dass ich mir zugestanden habe, mich dort alleine hinstellen zu können und den Raum nur mit meinen Songs, meiner Stimme und dem Klavier zu füllen. Das zu schaffen hat mich unfassbar bestärkt und alles andere, was obendrauf kommt ist ein Plus – aber ich brauche es nicht. Aber ich habe auch total Lust auf eine Band. Für mich macht das momentan aber wenig Sinn, weil die Kapazitäten häufig noch nicht reichen.

    Leif: Kommen wir jetzt zu letzten Frage, in der es sich bei uns traditionell um eine untold story dreht. Hast du irgendeine Geschichte von dir auf Lager, die du sonst noch nicht erzählt hast?

    IUMA: Ich durfte als Kind keine Poster von Popstars aufhängen, weil meine Mutter nicht wollte, dass ich Menschen zu sehr anhimmle. Sie wollte mir glaube ich sehr früh mitgeben, dass wir alle irgendwie cool und uncool sind und dass niemand irgendwie krasser ist als ich, nur weil die Person berühmt ist. Tierposter durfte ich aber aufhängen und irgendwann eine „maßgetreue“ Sailor Moon. Das war ein richtiges Highlight, das Poster war mal glaube ich in einem Comic Heft drin. 

    Also hing dann da eine ziemlich große Sailor Moon an meiner Tür und ich war mega stolz. Damit war meine Mama cool, weil die halt „nicht echt“ ist. Aber für mich war sie schon ziemlich echt und ein ziemlicher Superstar. Ich fand Sailor Moon schon immer sehr inspirierend. Damals primär, weil ich auch schon immer davon geträumt habe, mich so verwandeln zu können und sie eben in ihrem Alltag ein ganz normales Mädchen war, mit kleinen lustigen Pannen und Eigenarten. 

    Heute inspiriert mich Sailor Moon immer noch. Die Moves, die Looks, die Farben, die Heldin mit den Kanten, die sich immer weiterentwickelt und manchmal auch scheitert. Diese krass empowerte Crew aus super starken Freund:innen und sowieso, dass alles an die Liebe glaubt und diese dann auch siegt und Ungerechtigkeit richtig scheiße ist. Fühle ich sehr und vielleicht steckt ja hier und da ein bisschen Sailor Moon in IUMA.

    Leif: Eine unfassbar süße Geschichte! Ich danke dir für ein tolles Interview und nettes Gespräch zudem!

    IUMA: Ich fands auch voll schön und habe mich sehr gefreut!


    Am Ende folgt der obligatorische Playlist-Link und die nachdrückliche Aufforderung, sich IUMAs neue EP anzuhören. Lieben Dank an IUMA für das Interview und falls Euch ihre Musik gefällt, schaut doch mal auf einem ihrer Konzerte vorbei! Die Tickets gibt es hier.

    Klicken Sie auf den unteren Button, um den Inhalt von Spotify zu laden.

    Inhalt laden

    Fotocredits: Sandra Ludewig

  • STRAHLEMANN im Interview: »Über Gefühle singen und Gefühle zeigen ist wichtig«

    STRAHLEMANN im Interview: »Über Gefühle singen und Gefühle zeigen ist wichtig«

    In einer Welt, in der wir abgestumpft durch den Alltag trotten, vieles grau ist und uns wenig Positives überrascht … Ok, zugegeben, es ist Januar. Es ist kalt draußen und es regnet. Aber aus meiner Musikbox dröhnt „Die Sonne scheint nur für mich“ und ich teleportiere mich in eine andere Welt.

    Der Song kommt von der Band STRAHLEMANN. Es ist die erste Single, die die Newcomer-Band im April 2022 veröffentlicht hat. Damals waren die vier Jungs ein unbeschriebenes Blatt Papier, das keiner so richtig auf dem Schirm hatte. Seither hat sich vieles getan. Die Debüt-EP unter dem gleichen Namen wie die Single „Die Sonne scheint nur für mich“ hat am 13. Januar das Licht der Welt erblickt. Ein perfekter Anlass, die Band hinter dem catchy Indie-Rock-Sound mit einprägsamen Punch-Lines einmal genauer unter die Lupe zu nehmen.

    Wer ist STRAHLEMANN?

    Laut DUDEN bezeichnet der Begriff Strah|le|mann jemanden, „der gewohnheitsmäßig ein [übertrieben] strahlendes Lächeln zeigt [um sympathisch auf sein Publikum zu wirken]“. Laut STRAHLEMANN bezeichnet der Begriff Strah|le|mann:

    • jemanden, der*die immer gut drauf ist und allen ein Lächeln ins Gesicht zaubert.
    • jemanden, der*die immer so tut, als sei er*sie gut drauf und allen außer sich selbst ein Lächeln ins Gesicht zaubern kann.
    • jemanden kurz nach dem Kiffen.

    So stellt Tino, Sänger der Band, STRAHLEMANN vor. Doch hinter diesem Namen steckt neben einer Menge Verkopftheit ganz viel Gefühl und Liebe zum Detail. Im Interview mit drei der vier Bandmitglieder von STRAHLEMANN erzählen die Jungs, wie es zur Bandgründung kam, warum sie stundenlang über jeden einzelnen Ton und jede Zeile diskutieren und welche Höhen und Tiefen das Leben als Newcomer-Band noch so mit sich bringt.

    STRAHLEMANN im Interview

    Anna: Hi Jungs, schön, dass ihr euch die Zeit genommen habt. Mögt ihr euch zu Beginn einmal vorstellen?

    Tino: Also ich bin Tino. Ich bin Sänger von der Band Strahlemann und ich freue mich, heute an diesem wunderbaren Interview teilnehmen zu dürfen.

    Julius: Ich bin Julius. Ich spiele Gitarre bei Strahlemann. Ich bin einer von zwei Julius – der andere ist heute leider nicht da.

    Marvin: Ich bin Marvin und ich spiele Schlagzeug bei Strahlemann.

    Zwischen Bahnromantik und Friedrich-Merz-Wahlkreis

    Anna: Ihr kommt ja alle irgendwie aus unterschiedlichen Städten. Wie ist denn eure Band entstanden? Wie habt ihr zusammengefunden?

    Tino: Also die Bandgeschichte verliert sich in grauer Vorzeit – im September 2019. Da habe ich Julius, also der, der heute nicht da ist, und Marvin kennengelernt, im Artist Pool Band Camp. Ich habe da eines Abends mal Demos vorgeführt und dann fanden die das irgendwie cool und wir haben gesagt, dass wir Kontakt halten. Ziemlich genau ein Jahr später habe ich mich mit Julius in Münster getroffen. Da hat er Musik studiert, gemeinsam mit Jules, und so kam dann auch die Verbindung zustande. Dann haben wir uns da eine Woche getroffen, so ein paar Songideen, die ich da jahrelang mit mir rumgeschleppt habe, mal gemeinsam aufgenommen und auch ein oder zwei Songs gemeinsam geschrieben und es hat sofort gefunkt. Und dann haben wir uns wieder ein Jahr später im August offiziell in Elkeringhausen gegründet.

    Julius: In Elkeringhausen, echt? (überlegt)

    Tino: Also Winterberg ist der nächste Bahnhof.

    Julius: Ich verbinde das immer nur mit dem Friedrich-Merz-Wahlkreis.

    Tino

    Anna: Wie macht ihr das denn mit den Proben? Das ist ja wahrscheinlich auch ein bisschen schwieriger.

    Tino: Ja, genau. Also letztes Jahr haben wir uns für Auftritte mindestens jede zweite Woche getroffen. Also wir sehen uns regelmäßig und machen dann so kompakte Proben- Wochenenden. Das funktioniert immer ganz gut.

    Marvin: Wir mieten uns dann immer irgendwo ein – brauchen eigentlich nur ein Schlagzeug und Mischpult. Und kann man da irgendwo proben zwischen Tübingen und Münster. Irgendwo dazwischen treffen wir uns dann meistens in dem Proberaum von anderen Bands und dann geht es ganz gut.

    Julius: Im Idealfall spielen wir auch mehr oder weniger regelmäßig Konzerte, was halt im Sommer 2022 zum Glück so war. Da machen wir dann vorher irgendwie mal so ein, zwei Proben-Wochenenden, gucken uns alle die Songs an und so, schreiben vielleicht ein bisschen daran und dann steht das aber erstmal. Es ist auch toll, dass das so funktioniert, also dass jeder für sich dann noch arbeitet von zu Hause. Also jeder guckt sich seine Parts an und überlegt sich auch ein bisschen was für die Performance. Also jeder macht quasi seine Hausaufgaben. (lacht)

    „Tino schreibt recht geile Songs, die immer so einen Ticken zu verkopft sind. Wir passen die dann so an, dass sie alle Menschen verstehen können“

    Anna: Wie ist die Aufteilung bei euch? Eher so klassisch, dass der Sänger die Texte schreibt und dann die anderen die musikalischen Part beisteuern?

    Tino: Ja, das ist schon sehr klassisch bei uns. Ich schreibe die Texte und meistens auch die Musik dazu. Bisher ist es zumindest so. Dann bringe ich das mit in die Probe und wir hören gemeinsam. Dann wird noch verfeinert. Hin und wieder kommt da noch was dazu oder es wird weggeworfen. Aber eigentlich hat man immer schon einen sehr guten Blick auf das Grundgerüst.

    Julius: Wir sagen immer: Tino schreibt recht geile Songs, die immer so einen Ticken zu verkopft sind. Unsere Aufgabe ist es dann, die an die Popstruktur anzupassen, sodass das alle Menschen verstehen können.

    Anna: Okay, dann gehe ich auch mal davon aus, dass Tino den Pressetext geschrieben hat.

    Tino: (lacht) Ja, da habe ich mich ein bisschen verausgabt.

    Anna: Aber ich find den echt gut!

    Tino: Danke!

    Anna: Wer von euch ist der Strahlemann der Band?

    Julius: Das sind wir alle.

    Tino: Jeder auf seine Weise.

    Julius: Vor allem wenn wir uns sehen, dann sind wir alle nur am Strahlen.

    Das Problem mit dem Gefühle zeigen im Indie

    Anna: In eurer Spotify Bio stand sehr lange einfach nur: Indie Rock. Gefühle zeigen. Da frage ich mich: Fehlen euch im deutschen Indie Rock manchmal die Gefühle in den Songs?

    Julius: Boah, da machst du jetzt aber ein Fass auf! Also wir sind alle sehr beeinflusst und sehr angetan von ganz vielen tollen deutschen Indie Bands. Mir persönlich ist bei der ein oder anderen Band ein bisschen zu kalkulierbar. Vielleicht ist es auch so ein Trend, der dann mit gemacht wird – das weiß ich nicht. Ich will gar nicht gegen jemanden schießen, aber manchmal ist es mir auch ein bisschen zu oberflächlich. Aber das wollten wir damit auch gar nicht sagen, sondern einfach, dass es uns natürlich irgendwie um die Gefühle in den Songs geht.

    Tino: Über Gefühle singen und Gefühle zeigen ist wichtig und dafür wollen wir stehen und zeigen, dass es auch ein schöner Trend ist. Dass es wichtig ist, dass Männer Gefühle zeigen, weil es ja offensichtlich nicht normal zu sein scheint. Da sind wir natürlich auch von Bilderbuch beeinflusst.

    Anna: Das ist aber auch einfach eine verdammt gute Band! Bei wem würdet ihr auf einer Tour gerne mal Support spielen – abseits von Bilderbuch?

    Tino: Wir kommen ja auch aus dem aus dem Post Hardcore. Wenn es Heißkalt noch geben würde, wäre das natürlich auch der Hammer. Oder so Bands wie Kind Kaputt, Blackout Problems. Aber wir bewegen uns gerade genremäßig eher in Richtung Bilderbuch, also Indie Rock. Verträumt sozusagen. Weniger Geballer. Obwohl Van Holzen auch noch eine gute Adresse wäre.

    „Wir kommen alle aus dem Post Hardcore und sind softer geworden“

    Julius

    Anna: Gab es eigentlich im Prozess von der EP mal die Diskussion, ob ihr ein bisschen mehr in die rockigere Richtung geht oder ein bisschen mehr verträumt?

    Julius: Ich glaube, das ist so ein Zeitding. Also es gibt Aufnahmen von 2020, als ich bei Julius und Tino war und wo wir dann den Song geschrieben haben. Und wir haben so ein bisschen verkopften C-Teil mit so einem Schlagzeugpart. Da mussten wir Marv dann knechten, dass er den spielt. Und das ist, glaube ich, etwas, das würden wir heute nicht mehr machen. Aber jetzt hat es sich ganz natürlicher Weise bei uns in eine andere Richtung entwickelt. Alles so ein bisschen vibender einfach und nicht so das ganz große Tamtam. Irgendwie habe ich das Gefühl, das ist eine Entwicklung, die mehr oder weniger bei allen so parallel stattgefunden hat, weil wir natürlich auch älter geworden sind.

    Marvin: Ja, ich glaube, wir sind einfach alle auch etwas offener gegenüber konventioneller Musik geworden über die Jahre. Wir kommen alle aus dem Post Hardcore Bereich und sind softer geworden. Als wir uns im Sauerland getroffen haben mit den Demos damals dachte ich, dass es sehr indiemäßig wird. Als wir dann zusammen dran geschrieben haben, ist es doch ein bisschen rockiger, eckiger geworden, als ich es mir am Anfang vorgestellt hatte. Einfach weil wir alle so ein bisschen aus dieser Hardcore Sozialisierung kamen.

    YouTube

    Mit dem Laden des Videos akzeptieren Sie die Datenschutzerklärung von YouTube.
    Mehr erfahren

    Video laden

    Anna: Okay, kommen wir zu eurer EP. Über dem Pressetext steht drüber: „eine relativ idealistische Anleitung zur Realitätsbewältigung in sechs Songs“. Was beinhaltet diese Anleitung?

    Tino: Ja, wenn man so will, ist das Song für Songs eine Richtung von einem Zustand der starken Unzufriedenheit und des „sich allein Fühlens“ hin zum „sich aufgehoben fühlen in der Musik“ oder mit sich selber ins Reine zu kommen. Also „Gib mir einen Grund“ ist der Anfang. Das ist aus einer starken Frustration heraus entstanden. Text wie Musik. Bei „die Sonne scheint nur für mich“ ist es etwas schwieriger. Auch wenn der Song sehr positive Gefühle weckt bei verschiedenen Leuten ist es ja doch ein Song, der sehr schwer ist. Es geht darum: Hat es überhaupt einen Sinn, was wir hier tun? Und „magst du mich nicht mehr“ hat dann was mit damit zu tun, das man sich im sozialen Umfeld zurechtfinden muss – auch im digitalen sozialen Umfeld. „Wiedersehen“ hat diese Abschiedsstimmung, die man im Alter immer wieder um die Ohren gehauen bekommt. Und „Lichtgewand“ ist der Schlusspunkt, in dem dann das Strahlemännchen – das Ich – das am einfach so klein und unbedeutend war, einen Platz in der Welt gefunden hat. Das ist quasi die Idee der Anordnung der Songs.

    Anna: Wenn eure EP ein Rezept wäre, welche Zutaten würden reinkommen?

    Julius: Ein bisschen Romantik. Eine Prise Indie mit einer Grundlage aus Alternative und Post Hardcore und oben ein tanzbares Topping. Indie ist nicht die Prise. Indie ist der Teig, die Basis.

    Marvin: Schokolade, viel Schokolade.

    Anna: Die Schokolade steht dann für die Romantik da drin?

    Marvin: Ja, genau. Oben ist so eine Kirsche drauf. Das sind die Fans, die Strahlemann Fans.

    Marvin

    Jeder STRAHLEMANN-Song durchläuft stundenlanges Feintuning

    Anna: Gab es einen Song auf der EP, der es euch besonders schwer gemacht hat im Entstehungsprozess? Oder wo ihr euch vielleicht am wenigsten einig wart?

    Marvin: Wir haben über einzelne Parts öfter mal länger gestritten, aber so einen spezifischen Song gab’s glaube ich nicht. Zumindest nicht von denen, die jetzt auf der EP gelandet sind. Und denen, die jetzt danach anstehen, haben wir schon ein paar komplett verworfen und dann wieder anders angefangen. Aber ich glaube, auf der EP waren es eher so einzelne Parts, wo wir dann irgendwie stundenlang drüber diskutiert haben.

    Tino: Naja, also die Ideen sind ja schon ein, zwei Jahre alt und konnten dementsprechend auch gut reifen. Es war eher Feintuning, was wir da gemacht haben. Stundenlanges Feintuning … (lacht).

    Julius: Wir sind auf jeden Fall eine basisdemokratische Band. Also Marvin spielt Schlagzeug, aber es bleibt kein Schlagzeug-Schlag aus, der nicht bis ins letzte Detail ausdiskutiert wird und bei den anderen Instrumenten genauso.

    Anna: Kommt in diesem Jahr noch eine Tour von euch?

    Julius: (atmet tief ein) Hoffentlich! Das ist die Antwort. Aber eigentlich ja. Es wird auf jeden Fall in der ein oder anderen Form eine Tour kommen. Wir hoffen für so Frühjahr, April oder so. Vielleicht wird es auch darauf hinauslaufen, dass wir es erst nach dem Festivalsommer machen. Aber wir spielen auf jeden Fall ein paar Festivals.

    Anna: Welche Städte müssen auf der Tour dann dabei sein?

    Julius: Also eigentlich immer so unsere Basis: Stuttgart, Tübingen, Wuppertal, Münster muss dabei sein. Köln würde ich auch voll gerne spielen. Hamburg ist immer geil. In Berlin und München habe ich jetzt bisher nicht so die besten Erfahrungen gemacht, muss ich sagen. Aber irgendwie wäre das auch cool.

    Julius

    Anna: Ihr habt ja vorhin schon andeuten lassen, dass es auf jeden Fall noch mehr als die EP-Songs gibt. Kommen die bald auch raus und was passiert bei Strahlemann 2023 noch so?

    Julius: Wir wollen auf jeden Fall ein Album machen, aber das wird wahrscheinlich erst 2024 kommen. Aber ich glaube, dass der Plan ist, dass wir 2023 auch viel daran arbeiten werden, oder Marv?

    Marvin: Ja, auf jeden Fall. Wir haben gesagt, dass wir uns viel Zeit nehmen wollen, um an einem Debütalbum zu feilen. Es gab viele Überlegungen, ob es noch Sinn ergibt, ein Album zu machen in diesem Jahr oder ob wir noch ne EP hinterher schieben. Aber da einfach so viel Songmaterial da ist und wir auch Bock haben auf ein Konzept, werden wir uns viel Zeit nehmen, um an neuen Songs zu arbeiten. Und das Ziel ist dann ein Album.

    Everybody’s darling: „Die Sonne scheint nur für mich“

    Anna: Habt ihr einen Lieblingssong auf der EP?

    Tino: Ja, also unser aller Lieblingssong ist, glaube ich, die Nummer 2 „Die Sonne scheint nur für mich“, weil der am leichtesten von der Hand ging und auch am meisten Spaß macht live zu spielen. Und da sind auch immer die meisten Leute am Start. Wir haben den Song ja als erste Single der EP im April rausgebracht. Dann haben wir im Juni, Juli, August angefangen, Konzerte zu spielen. Und dann beim ersten Konzert haben die Leute den Song direkt mitgegrölt. Das war ein tolles Gefühl und deswegen bleibt mir der Song stark in Erinnerung.

    Anna: Wo wir gerade schon bei Erinnerungen sind: Habt ihr eine untold story parat? Irgendetwas ungeahntes, das noch keiner über euch weiß?

    Marvin: (alle überlegen sehr lange) Puh, das ist gar nicht so einfach. Es hat auf jeden Fall keiner von uns ein Arschgeweih! (alle lachen)

    Bahnhofbegegnungen eurer liebsten neuen Öffi-Band

    Anna: (lacht) Schade, das wären jetzt natürlich die Breaking News gewesen. Gibt es eine Geschichte von den Konzerten im Sommer?

    Marvin: Ja, stimmt, wir waren super viel auf Reisen – vor allem in ICEs. Wir waren mal auf dem Weg nach Stuttgart und Julius, der Bassist, und ich haben verzweifelt unser Equipment gesucht, weil wir das in so einer Gepäckablage abgestellt hatten. Und als wir dann kurz vor Stuttgart waren, haben wir unsere Sachen nicht wiedergefunden und dachten, die sind einfach geklaut worden oder so. Weil wir uns auch ein paar Mal umsetzen mussten, weil keine Sitzplatzreservierung. Und dann haben wir irgendwann, als wir schon richtig panisch waren, bemerkt, dass wir einfach in die falsche Richtung gelaufen sind, weil der Zug zwischenzeitlich im Kopfbahnhof gewechselt hat, es muss dann doch nicht Stuttgart gewesen sein. Ich weiß nicht mehr, wo es war. Auf jeden Fall waren wir dann sehr erleichtert, als wir zurückgegangen sind in eine andere Richtung und da waren dann unsere Sachen. Wir haben schon alle Szenarien durchgespielt im Kopf bis hin zu „das Konzert muss abgesagt werden“.

    Julius: Ihr Idioten! Ich dachte du erzählst jetzt, wie wir im Stuttgarter Hauptbahnhof  Drangsal getroffen haben. wir sind ja sowieso auch eine Öffi-Band, also fahren immer mit Öffis überall hin, vollbepackt mit unseren Sachen. Und einmal haben wir Stuttgarter Hauptbahnhof Drangsal gesehen, der da auch einfach saß und der hat uns auch ganz interessiert angeguckt und sich wahrscheinlich so gedacht: „Oh, junge Leute, die Rockmusik machen“.

    Tino: Das erzählt er bestimmt irgendwann in seiner Biografie später.

    Julius: Genau, das erzählt er dann, wenn du ihm die Frage stellt: Ich hab mal Strahlemann im Stuttgarter Hauptbahnhof getroffen.

    Marvin: Wir haben ihn doch dann in Berlin nochmal getroffen. Da hat er auch gesagt, er hat sich dran erinnert.

    Anna: Da habt ihr euch wohl in sein Gedächtnis eingeprägt! Danke auf jeden Fall für’s Teilen dieser Geschichten der Öffi-Band Strahlemann und danke für’s Interview!

    Tino: Thank you for the interview!

    Anna: Wollt ihr noch was loswerden am Ende?

    Julius: An dieser Stelle würde Tino bestimmt sagen: Ich grüße meine Tante aus Wuppertal. Was irgendwie witzig ist, weil ich gerade auch in Wuppertal bin. Aber nein, wir freuen uns auf jeden Fall totalenn, wenn Leute in unsere EP reinhören und wir glauben, die ist ganz gut geworden. Und wenn man sich den Minderwertigkeitskomplex anguckt, der sich durch die EP zieht, muss das auf jeden Fall was heißen, wenn wir das sagen. (alle lachen)


    Genug geschnackt, jetzt hört euch endlich die EP „Die Sonne scheint nur für mich“ von STRAHLEMANN an, bis euch die Sonnenstrahlen aus den Ohren scheinen:

    Klicken Sie auf den unteren Button, um den Inhalt von Spotify zu laden.

    Inhalt laden

    Fotocredit: Arne Schramm & Arno Geister

  • AB Syndrom im Interview: »Das Album ist die Kollektion aller unterbewussten Prozesse der letzten zwei Jahre«

    AB Syndrom im Interview: »Das Album ist die Kollektion aller unterbewussten Prozesse der letzten zwei Jahre«

    Wer meinen Jahresrückblick gelesen hat, weiß wie sehr ich AB Syndrom in mein Herz geschlossen hab.

    Polarisierend und gleichzeitig so nahbar machen sich die beiden auf ihrem neusten Album „Tut mir gut Tut mir leid“ buchstäblich nackig. So brutal selbstreflektierend katapultieren die beiden mich mit ihrer auf den Punkt gebrachten musikalischen Umsetzung direkt in ihre Gedankenwelt. Ich bin mir ziemlich sicher, dass die beiden auch nächstes Jahr mein Spotify Wrapped anführen werden, denn der Bass dröhnt sowohl in meinen Kopfhörern als auch aus meinem Plattenspieler immer noch non-stop.

    Es war mir eine riesen Freude mit den lieben Jungs über ihre anstehenden Konzerte diese Woche (hier gibts noch Tickets!), ihren Musikschaffensprozess, Süchte und zwischenmenschliche Beziehungen zu sprechen.


    AB Syndrom im Interview

    Anton: So jetzt müssen wir nur unser Video anmachen hier. Wo ist der Knopf? Höre ich schon was?

    Anton und Bennet: Hallo, Evelin!

    Evelin: Hallo!

    Bennet: Wir haben übrigens Antons gute Tageslichtlampe hier hingestellt.


    *Überspringen wir hier kleinen Schwenker über meine aktuell nicht vorhandenen Lichtquellen in meiner Wohnung*


    Evelin: Jetzt erstmal herzlich willkommen. Wie war eure Woche so bisher? Wie geht es euch?

    Bennet: Voll gut! Die Woche war eigentlich ziemlich cool, weil wir noch spontan einen Radioauftritt bei Radio 1 reingekriegt haben, den wir heute noch machen. Und wir sind am Vorbereiten auf die Nachholtermine. Das ist jetzt quasi unser Probekonzert bei Radio 1 (beide lachen).

    Anton: Das Livekonzert im Radio ist unser Probekonzert für die eigene Show am nächsten Tag. Aber war ganz schön, weil als die Tour eigentlich im November stattfinden sollte, war alles relativ gedrängt. Weil wir noch unsere eigene Licht-Show aufgebaut haben, alles gemappt und so. Man kriegt alles gerade so fertig und jetzt war es ganz schön, weil wir jetzt noch mehr Zeit gehabt haben um an ein paar Sachen zu feilen.

    Bennet: Eigentlich noch ein bisschen zu proben (lacht).


    „Das war schon ein ziemliches Desaster“

    Evelin: Ich war ja auch bei dem Tour-Start in Köln dabei und ich fand die Show total toll und war richtig begeistert. Und umso mehr leid tat es mir dann, dass Bennets Gesundheit für die Shows danach einen Strich durch die Rechnung gemacht hat. Wie war das Ganze so für euch, als ihr die Termine absagen und Nachholtermine finden musste?

    Anton: Das war schon ein ziemliches Desaster. Im Nachhinein sind das so lustige psychologische Dinge, die da ablaufen. Ich weiß noch genau wie wir am Morgen nach Köln, wo wir dann eigentlich in Bochum am gleichen Tag spielen sollten, aufgestanden sind. Bennet hatte so offensichtlich überhaupt gar keine Stimme zum Sprechen. Aber wir waren trotzdem noch so: „Lass mal gucken, wie es so läuft“.

    Bennet: Bis dahin ist sie bestimmt wieder da (beide lachen).

    Anton: Irgendwann musste man sich der Realität beugen und sagen: „Okay, wir können das Konzert nicht spielen.“ Wenn du dann auf den Morgen zurückschaust und denkst: „In welchem Mindset warst du, wenn du glaubst, dass du morgens aufsteht und es ist keine Stimme zum Sprechen da?“. Die Sachen sind sehr schwierig zu singen, laut und hoch und pipapo. Wie man geglaubt hat, dass es eventuell noch funktionieren könnte. Wie man so Stück für Stück erst realisiert, dass es wirklich nicht gehen wird. Das fand ich irgendwie interessant.

    Bennet: Voll und so hat es sich ja auch weitergezogen von Tag zu Tag. Wir haben immer gesagt: „Das passt und übermorgen ist sie wieder da, das geht, das können wir machen.“ Und dann haben wir immer am Tag des Gigs erst richtig abgesagt. War krass, dass alle das so mitgemacht haben, unsere Booking Agentur und die Clubs. Die sind irgendwie gerade sehr darauf ausgerichtet, flexibel Sachen rumzushiften.

    Anton: Ja, und auch den Gig, den wir dann für die anderthalb Wochen später in München verschoben haben. Ich glaube, der war  auch irgendwie vorher frei geworden von Leuten, die da was weggeschoben haben.

    Bennet: Ja, ich glaube auch, die konnten Sachen einfach machen, weil andere Bands auch verschieben mussten. Bei dem Club in München, da sollten wir in der Woche spielen, Mele und Trille. Beides Leute, die wir persönlich kennen, die alle in dem gleichen Club spielen sollten innerhalb von diesem ganz kurzen Zeitraum und keiner hat da gespielt.

    Anton: Alle mussten krankheitsbedingt absagen, alle wegen der gleichen Sachen.

    Evelin: Aber mega gut, dass ihr das so schnell organisiert bekommen habt!


    Anton: Ja, das war gut, dass wir so schnell neue Termine gefunden haben. Aber ich glaube, die Venues sind diese Konzertverschiebungen jetzt alle gewöhnt sind, und dass wir halt auch nur drei Leute sind. Bei uns ist es noch relativ leicht. Wenn du mit einer zehnköpfigen Crew unterwegs bist und alle müssen dabei sein. Na, dann funktioniert das nicht, irgendwelche Sachen auf vier Wochen später zu verschieben.

    Bennet: Aber bei solchen Crews hast du dann eher die Möglichkeit, jemanden zu ersetzen. Und bei jedem, der bei uns ausfällt, ist das so ein Riesending.

    Anton: Von den drei Leuten kann man jetzt nicht nur einen ersetzen. Das stimmt, das funktioniert nicht.

    Bennet: Aber zum Beispiel Basti, unser Support, ist dann noch ein bisschen länger krank geblieben und konnte bei den zwei Shows, die wir dann noch gemacht haben auch nicht dabei sein. Das war auch natürlich schade.

    Anton: Aber der ist ab jetzt ab wieder dabei!


    „Wir müssen wirklich alles immer sehr verinnerlichen“

    Evelin: Mega, in voller Besatzung also! Ich finde, man merkt richtig krass, – besonders weil ihr so eine kleine Besetzung habt – wie viel Arbeit ihr in die Shows steckt. Was sind Herausforderungen, auf die ihr live tretet?

    Anton: Die größte Herausforderung ist, dass es ja elektronische Musik ist, die wir machen: sehr viele Synthesizer, elektronische Sounds und Samples usw. Und dass wir uns aber trotzdem den Anspruch gesetzt haben, das alles live zu spielen. Das heißt, alle Sounds, die man hört, die werden auch von uns abgefeuert und es gibt keinen Backing Track. Wenn man das zu zweit versucht umzusetzen, heißt das, damit wir neue Songs auf der Bühne spielen können, wir jedes Mal gucken müssen, wie wir das auf die verschiedenen Pads, die ich dort habe, legen können. Was können wir mit was zusammenspielen und wie können wir das runter kondensieren, dass wir das noch genauso live spielen können? Das ist, glaube ich, für mich die große Herausforderung.

    Bennet: Ja stimmt, das ist auch vor allem bei dir natürlich. Ich schieb immer mehr Sachen zu Anton rüber, was eigentlich ganz gut ist für mich, damit ich mich mehr aufs Singen konzentrieren kann. Aber er hat wirklich viel zu tun. Also manchmal macht ein Pad ein Sample, es verstimmt aber auch noch gleichzeitig die Bassdrum, macht einen Hall an und jetzt auch noch das Licht dann hinten auf Rot. Das muss dann halt auch im richtigen Moment gehauen werden. Ja, es ist schon sehr ausgefummelt.

    Anton: Ja, und das funktioniert bei mir eigentlich auch nur, weil die Sachen so richtig in mein Unterbewusstsein absinken müssen, damit ich dann zusätzlich noch Backing Vocals machen kann. Sonst funktioniert das nicht. Das heißt, neue Songs bei uns zu arrangieren ist meistens eine ziemlich langwierige Geschichte.

    Bennet: Ja, und wir müssen es wirklich auch alles immer sehr verinnerlichen, wie du sagst. Es gibt, glaube ich, Leute, die Sachen ein bisschen mehr aus dem Ärmel schütteln können, weil es ähnliche Sachen sind. Aber bei uns sind die Beats immer was ganz anderes, da musst du ganz andere Abläufe reintun. Aber vor allem vielen Dank für die Frage. Das ist schön, dass du das so wahrgenommen hast.


    „Dass Leute für uns da sind, das kennen wir eigentlich noch gar nicht so richtig“

    Evelin: Ich fand es auch total schockierend, als ihr meinte, dass es eure erste richtige Tour ist.

    Anton: Naja, erste Tour ist auch relativ zu sehen.

    Bennet: Bisschen misleading haha.

    Anton: Unsere erste eigene Headliner-Tour in Deutschland, dann stimmt es 100 %.

    Bennet: Support Touren haben wir quasi schon gemacht. Das ist wirklich was anderes finde ich. Und dann haben wir diese Tour in Südostasien gemacht. Die war auch wirklich was ganz anderes. Aber bei allen Sachen kriegt man stellenweise eine Routine rein.

    Anton: Aber den Aspekt, den man nicht hat, den wir jetzt bei einer Solo-Tour natürlich haben, ist diese ganze Verantwortung, dass das unsere Konzerte sind. Dass wir dafür verantwortlich sind, dass genügend Leute kommen, dass es an dem Abend läuft, dass wir am Ende auch den Merch verkaufen (lacht). Das Einzige, was fehlt, ist eigentlich, dass wir den Leuten Getränke zu bereiten. Das ist die einzige Verantwortung, die wir an dem Abend (in Köln) nicht übernommen haben.

    Bennet: Ey, ganz ehrlich, ich habe mich so gefreut, als wir in Köln waren und dann habe ich gesagt: „Oh geil, da ist ja jetzt jemand, der die Tickets abreißt. Voll gut, dass die daran gedacht haben.“

    Evelin: Sonst hättet ihr das auch gemacht (alle lachen).

    Bennet: Das war jetzt schon auch das erste Mal für uns, dass wir den Teil daran so komplett auskosten konnten, der so rewarding ist auch beim Konzert. Dass Leute für uns da sind, das kennen wir eigentlich noch gar nicht so richtig. Und das war teilweise wirklich echt überwältigend, dass die Leute die Sachen mitsingen konnten.

    Anton: Ja, erstaunlich textsicher. Das war von mir auch nicht so erwartet. Aber krass.


    „Ich mache das nie wieder“


    Evelin: Voll schön! Ihr habt das vorhin schon angesprochen. Aber ihr macht ja irgendwie alles mehr oder weniger selbst. Von Videoschnitt, Grafik, Merch verkaufen, etc. Woher kommt das und was gibt euch das?

    Anton: Es stimmt so, wir machen alles selber. Aber es ist nicht das gleiche, wie wir machen alles alleine. Es gibt natürlich Leute, mit denen wir viel zusammenarbeiten, zum Beispiel Anne, mit der wir ganz viel zusammenarbeiten für die ganzen Fotos. Oder auch bei den Videos, die wir gemacht haben, wirklich teilweise große Crews aus unserem Zirkel sind, die bei den Videos mithelfen. Wir drehen natürlich keines dieser Videos zu zweit, sondern es sind immer viele Leute aus dem Netzwerk, das wir aufgebaut haben, am Start.

    Bennet: Also ich glaube, für uns ist es, wie das Songschreiben auch ein Teil der Kunst und so ein therapeutischer Prozess. Ich merke das auch bei den Videos, so: „Ah ja, eigentlich habe ich das auch noch ein bisschen gebraucht, um zu raffen, worum es im Song geht“. Trotzdem denke ich manchmal, das ist dann so viel, was man sich auferlegt und gerade in dieser ganzen Releasephase. Dann haben wir am Freitag den Release, es muss alles aber noch gegradet werden, der der Schnitt muss noch fertig gemacht werden, dann in After Effects die ganzen Seile rausretuschiert und dann spitzt sich das alles so zu, dass man irgendwann denkt: „Okay, ich mache das nie wieder. Das kann jemand anders machen.“ Aber ja, ist auch trotzdem irgendwie wichtig für uns oder dieses Videoding nochmal ein bisschen mehr wichtig für mich eigentlich.

    Anton: Ich bin immer der, der versucht zu sagen: „Können wir nicht ein bisschen weniger aufwendiges Video machen?“ Und er sagt „Ach ja, das geht ganz schnell…“

    Bennet: Es nervt ihn richtig (lacht).

    Anton: „… wir müssen nur kurz die Seile hier rausretuschieren und am Ende sitzen da 10 Leute die ganzen Nächte, nicht 10, aber fünf Leute daran, diese Seile rauszuretuschieren.

    Bennet: Zu acht waren wir glaub ich.

    Anton: Na dann wars ja gar nicht übertrieben. Also ich reg mich auch deswegen auf, weil ich natürlich nicht geholfen habe, irgendwelche Seile rauszuretuschieren, weil ich kann mit After Effects nicht umgehen. Was soll ich machen? (lacht)

    Bennet: Aber das ist natürlich auch so ein bisschen das Ding. Es geht, weil wir in diesem Raum hier irgendwie unterwegs sind, dass wir ein paar Leute kennengelernt haben, die Filme machen. Und es sind auch Freunde von uns. Sonst wird es auch nicht gehen.

    Evelin: Sonst müsste Anton After Effects lernen.

    Anton: Wo ichs gesagt habe, habe ich gerade drüber nachgedacht, dass ich natürlich schon mal für so ein Video von uns Sachen gemacht habe. Da hab ich was animiert.


    „Es ist ein sehr unterbewusster Prozess“

    Evelin: Um so ein bisschen mehr aufs Album zu sprechen zu kommen: Es ist ja jetzt seit gut drei Monaten draußen und bei mir auf jeden Fall noch immer in Dauerschleife. Was macht die Veröffentlichung von diesem Album so besonders?

    Bennet: Das habe ich jetzt gemerkt bei dem Album. Ich finde, dass sich wirklich jedes Album immer anfühlt wie so ein ganz neues Ding. Ich habe nie das Gefühl: „Ah okay, jetzt passiert das, jetzt passiert das, …“ Und wir haben diese Abläufe und spulen die ab, sondern es ist immer anders. Und es ist mir jetzt erst klar geworden, dass das eigentlich auch ganz schön crazy ist und irgendwie auch Teil des Hustles ausmacht. Aber ja, was jetzt eigentlich gar nicht so interessant für euch ist, wahrscheinlich nur für mich (lacht).

    Evelin: Passiert das unbewusst oder setzt ihr euch dahin: „Okay, mit diesem Album, machen wir was anderes“?

    Anton: Das wollt ich auch gerade schon sagen. Ich glaube, dazu ist wichtig zu verstehen, wie bei uns überhaupt der Songschreib-Prozess funktioniert und wie sich die Themen zu den Songs überhaupt entwickeln. Es ist schon ein sehr unterbewusster Prozess. Wirklich interessant finde ich, dass wie die Songs entstehen und wenn Bennet dazu die Texte schreibt und sich Stück für Stück so ein Song herauskristallisiert, dass wir uns oftmals zusammen den Song anhören und man gemeinsam im Prinzip entdeckt, worum es in dem Song eigentlich geht.

    „Man erkennt gemeinsam, worum es in dem Song eigentlich geht.“


    Es gibt nie oder fast nie, einen Plan dazu, einen Song zu schreiben. Sondern ein Song entsteht irgendwie und man muss auch selber dechiffrieren, worum es in dem Song eigentlich geht und was das eigentliche Thema des Songs ist, welche unterbewussten Prozesse sich da an die Oberfläche geboxt haben. Und das Album ist quasi die Kollektion der unterbewussten Prozesse der letzten zwei Jahre. Dementsprechend ist das, was uns oder was die Texte angeht natürlich vor allem Bennet jetzt in dem Moment am nächsten ist, weil da sind die aktuellen Themen drauf. Über unseren Prozess, ist ein neues Album immer das, was am krassesten ist, weil es das ist, was an der jetzigen Version von dir selbst oder von uns am nächsten dran ist.


    „Mit dem großen Plan der Außenwirkung sind die Songs nicht geschrieben“

    Evelin: Weil das Album ja so persönlich ist, was erhofft ihr euch, was eure Hörer*innen daraus mitnehmen?

    Bennet: Diese Gedanken gibt es immer beim Songschreiben nicht so richtig. Ich lass da Sachen raus und ich finds dann immer total verrückt zu sehen, dass Leute auch mit diesen Sachen, die quasi ganz persönliche, ganz private Geschichten von mir sind, bei denen ich manchmal das Gefühl habe, damit kann eigentlich kein Mensch außer mir was anfangen, connecten und daraus Sachen für sich ziehen. Dass das funktioniert, finde ich einfach schon total den Mind Fuck.

    Anton: Ich finde es echt krass, was uns da für persönliche Geschichten von Leuten erreichen. Was diese Songs mit denen gemacht haben. Was war nochmal dieses Beispiel mit „Tut mir gut, tut mir leid“ und den Geschwistern? Ich versuche, mich zu erinnern. 

    Bennet: Achso ja, stimmt! Da hat sich die eine Person immer so ein bisschen im Zugzwang gefühlt, zu antworten. Dieses ganze Kommunikationsthema, das dann über den Song ziemlich auf den Punkt gebracht worden ist, anscheinend.

    Anton: Und dann hat es da auch geholfen, das zu artikulieren und diesen Konflikt ein bisschen aufzulösen. Wenn ichs richtig in Erinnerung habe, ist schon ein bisschen her. Aber das zeigt, dass obwohl die Songs so ultra persönlich sind und eigentlich die ganz persönlichen Geschichten von Bennet, dass es offensichtlich genug Leute gibt, die damit connecten können. Entweder dadurch, dass sie vielleicht doch nicht so explizit sind und ein bisschen Interpretationsspielraum lassen. Oder einfach auch, weil natürlich viele Leute trotzdem selbst was Ähnliches erleben.

    Bennet: Ja, voll! Ich denk dann da auch ja immer nicht so richtig dran. Aber es gibt natürlich immer viele Leute, die ähnliche Sachen erleben wie man selbst. Nur checkt man es halt nicht. Es gibt diesen einen Song, „33 Prozent“ über meine Kopfverletzung. Das war wirklich sehr, sehr knapp war und sehr so mit Leben und Tod, alles ziemlich haarscharf. Eigentlich haben so gut wie alle Menschen so eine Situation erlebt in ihrem nahen Umkreis. Und das habe ich echt einfach nicht auf dem Schirm. Da haben sich ganz viele Leute dazu gemeldet, dass es was mit denen gemacht hat und so was ist krass. Das haben wir uns aber nie erhofft vorher.

    Anton: Genau mit dem großen Plan der Außenwirkung sind die Dinger nicht geschrieben, sondern halt immer irgendwie Sachen rauslassen.

    Klicken Sie auf den unteren Button, um den Inhalt von Spotify zu laden.

    Inhalt laden


    „Das ist alles mein Shit, den ich rauslasse und das tut mir gut“

    Evelin: Aber ist ja schön, wenn man selbst in seiner Blase lebt. Aber dann doch sieht, dass wir alle ziemlich gleich sind. Ihr – oder Bennet eher spricht sehr selbst-reflektierende Themen an, die vielleicht etwas unkonventionell sind oder worüber viele sich nicht trauen, zu sprechen. Kostet sowas Überwindung? Oder ist das wirklich so eine Art Stream of Consciousness und denkst du gar nicht darüber nach, dass so viele Leute das zu hören?

    Bennet: Ja, es ist so, wie du es sagst (lacht). Ich mache mir keine Gedanken darüber beim Schreiben. Und das ist auch dann das, was ein bisschen einholt beim Release-Prozess oder wenn ich die Sachen dann jemandem zeige. Dann merke ich irgendwann: „Ah ja, krass“. Vielleicht auch dann manchmal ein bisschen unangenehm. Aber es ist für mich auch die einzige Art, das zu machen. Deswegen werde ich es auch nicht ändern, also kann ich es nicht ändern. Das ist eigentlich auch, was der Album-Titel sagt. Das ist alles mein Shit, den ich rauslasse und das tut mir gut, das zu machen. Aber es tut mir auch leid, wenn manchmal Leute dann da drin vorkommen oder damit dealen müssen. Und die können vielleicht keinen Song da drüber schreiben oder die werden nicht so richtig gefragt.

    Anton: Genau die müssten jetzt alles schlucken. Deine Eltern können zu „33 Prozent“ keinen Response-Song schreiben, um das alles wieder loszuwerden.

    Bennet: Weiß auch gar nicht, ob die da so ein Bedürfnisse haben.

    Anton: Ja, aber zum Beispiel bei dem Song ist es wahrscheinlich wirklich krass für die Leute, den zu hören und um die es persönlich geht. Also zumindest war das mein Eindruck.


    „Aus Angst, süchtig zu werden“

    Evelin: Und gibt es einen Song, neben „33 Prozent“ der euch beiden besonders am Herzen liegt?

    Bennet: Ich find eigentlich „Overdose“ einen, der mir besonders am Herzen liegt, weil es um Sucht geht. Und das war wirklich ein Thema, bei dem ich gedacht habe, darüber würde ich wirklich gerne mal schreiben. Weil ich selber ein bisschen aus Angst, süchtig zu werden, ziemlich abstinent lebe und gar keine Drogen konsumiere usw. Deswegen wars auch sehr wichtig für mich, das mal zu beschreiben. Und dann auch in Korrelation zu „Adrenalin“, der so ein bisschen meine Online Sexsucht behandelt hat. Also weil ich glaube, dass ich aus Angst, schnell süchtig, abhängig zu sein, diese Sachen gar nicht erst anfange. Und ich habe das Gefühl, dass ich durch diese Online Sexsucht, die ich hatte, einen Beweis habe, dass ich dafür anfällig bin. Und das sind immer Themen, die bei mir auftauchen, weil alle Leute fragen einen immer: „Warum trinkst du nix? Oder warum rauchst du nicht und nimmst keine Drogen usw.“

    YouTube

    Mit dem Laden des Videos akzeptieren Sie die Datenschutzerklärung von YouTube.
    Mehr erfahren

    Video laden


    Evelin: Aber woher kommt die Angst davor, süchtig zu werden? Gab es da einen bestimmten Auslöser?

    Bennet: Ja, das war sozusagen so ein bisschen mit der Online-Sex-Sucht und worum es in „Adrenalin“ geht. Das ist auch, glaube ich, ziemlich kryptisch in „Adrenalin“. Das sind Sachen, die unangenehm sind, darüber zu sprechen. Aber ich hatte da so eine Phase, wo ich auf Chat Roulette rumgecreept bin und probiert hab, mit irgendwelchen Leuten Online-Sex zu haben und davon echt nicht so richtig weggekommen bin. Es hat mich so richtig eingesaugt. Ich glaube, das hat auch so ein bisschen zu tun mit diesen Glücksspiel-Mechanismen, dass du immer weiterklickst, und weißt, das gibt es so eine Art Zufallsprinzip. Und ja, da seh ich tatsächlich so einen Zusammenhang, der sich über das Album da rausgeschält hat.

    Evelin: Hilft dir das dann bei solchen Themen das durch das Schreiben zu verarbeiten und die Musik als Therapie zu nutzen? Merkst du davon Effekte, wenn du dir das so quasi von der Last schreibst?

    Bennet: Ja, voll. Ich habe darüber auch noch nie mit irgendjemandem geredet. Und das war einfach irgendwann angenehm, Sachen immer so nicht alleine mit sich rumtragen zu müssen. Und wenn Leute davon wissen, dann ist das zwar unangenehm, aber auch ein bisschen ein reinigender Prozess. Es ist ja auch letztendlich nicht so schlimm, diese Sucht ist ja jetzt nicht so furchtbar. Du gehst ja daran nicht zugrunde. Aber ich will auch meine Zeit damit nicht verlieren und wenn du das dann so preisgegeben hast, ist das schon hilfreich.


    „Aber das ist ja totaler Quatsch“

    Evelin: Um noch mal zu einem anderen Song zu kommen. Worum geht es in „Guck ich dich immer an“ und was war die Idee hinter dem Musikvideo? Das sah nach sehr viel Spaß aus.

    Bennet: Witzig, gute Frage! Wir werden eigentlich voll selten zu den Musikvideos gefragt, obwohl wir ganz viele machen (lacht).

    Anton: Stimmt!

    Bennet: Die Idee war, eine Beziehung darzustellen und dass es einen Song gibt, der die verschiedenen Stadien oder Erinnerungen an die Beziehung wieder hervorruft. Und das war die Idee, dass wir eine Beziehung darstellen und verschiedene Szenen daraus, an die sich dann jeweils erinnert wird.

    Anton: So gibt es eben verschiedenen Parts für die verschiedenen Phasen der Beziehung.

    Bennet: Und dann bei „Bei der einen Stelle im Song“ wird es dann immer emotional und das ist das, was der Song erzählt. Auch lustig, weil so verstehen wir es halt, aber manchmal ist es glaube ich, gar nicht so offensichtlich. Für mich ist es einfach so: „Okay, wir haben halt das gemacht, was der Song sagt.“ Aber das ist ja totaler Quatsch. Du kannst es natürlich nicht so sehen, wenn man nicht so den Einblick in unsere Köpfe hat. Und das war aber wirklich ein sehr, sehr lustiger Dreh, aber auch echt anstrengend. Wir mussten alles relativ kurzfristig machen, mal wieder.

    Anton: Und die kompletten Pläne geändert ein paar Tage vorher.

    Bennet: Ja, wir wollten eigentlich auch Darstellende dafür bekommen.

    Anton: Und dann keine gefunden und mussten es selber machen (beide lachen).

    YouTube

    Mit dem Laden des Videos akzeptieren Sie die Datenschutzerklärung von YouTube.
    Mehr erfahren

    Video laden


    „Das ist in tausend Teile zersplittert“

    Evelin: Dann komme jetzt schon zu meiner letzten Frage, weil ich sehe, dass mein Gratis Zoom Abo die Zeit schon runterzählt. Unsere altbewährte Abschlussfrage: Habt ihr eine untold story für mich?

    Bennet: Oh, Moment.

    Evelin: Ja, so on the spot manchmal ein bisschen schwierig.

    Bennet: Ja, eigentlich gut, man hätte so was einfach parat. Wir hatten das einmal, dass uns dieser Stein durchs Dachfenster geflogen ist. Das haben wir aber bestimmt einmal irgendwo erzählt.

    Anton: Nee, das glaub ich nicht. Das ist schon sehr, sehr lange her. Wir sind von einem Gig nach Hause gefahren, aus Mannheim oder so zurück nach Berlin. Da waren wir noch zu viert und auf der Autobahn und auf einmal *insert Sound-Effects* zerplatzt das  Dachfenster.

    Bennet: Ja, so ein kleines Schiebeding. Das war auch nur so ein kleiner PKW, in dem wir gefahren sind und da gab es so ein Dach. Und ich habe das wirklich bis jetzt noch vor Augen, wie das aussieht. Mein Bruder war noch in der Band. Ich glaube, ihr saßt vorne und ich war hinten. Und ich habe auf einmal gesehen von hinten, wie die beiden (Anton und Aljoscha) vorne sitzen und von oben kommt es so runter (gestikuliert wild).

    Manchmal macht es die Wahrnehmung ja so, dass sich alles in Slow-Mo abspielt und sich die Bilder auch so reinfressen. Das sah aus wie Wasser und das ist in tausend Teile zersplittert. Ein Glück ist Aljoscha einfach weiter gefahren, aber hat total den Schock bekommen. Dann sind wir raus und wir haben es auch überhaupt nicht verstanden. Du hattest da drin keinen Stein oder so, das war kein crazy Gewitter oder Hagel, es gab nichts. Keiner ist vor uns gefahren und es gab keine Brücke.

    Anton: Was hat die Polizei gesagt? Es war wahrscheinlich irgendein Ast.

    Bennet: Es war mit Sicherheit einfach…ne Art Bestimmung.

    Anton: Wir mussten rausfahren, dass irgendwas anderes nicht passiert wäre.

    Bennet: Wahrscheinlich.

    Anton: Auf der Autobahn zu fahren ist natürlich schon ein großer Anteil des Alltages, wenn man auf Tour ist, ne? Wir haben einige krasse Sachen erlebt. Zum Beispiel auch, wo wir 6 Stunden lang auf dieser Vollsperrung mit Eis und Schnee festsaßen und dann eingeschlafen und wieder aufgemacht sind und wir standen immer noch in der Vollsperrung (beide lachen). Na ja, also so ist es. Das sind so unsere Geschichten.

    Evelin: Gute Geschichten auf jeden Fall. Ich bin froh, dass niemandem was passiert ist.

    Bennet: Aber ja, wir brainstormen da nochmal. Wenn uns noch was einfällt, schreiben wir dir nochmal.

    Evelin: Ja genau, kleiner Nachtrag von der Redaktion. Habt ihr noch irgendwas, was ihr loswerden möchtet zum Schluss?

    Anton: Wir laden alle Leute herzlich zu den verbleibenden Shows der Tour zu kommen. Weil es das für uns das Album komplettiert. Das bringt diesen Zyklus erst zu Ende und wir freuen uns über alle, die nach Bochum, Oldenburg und Hamburg kommen. Natürlich auch Berlin, aber da gibt es keine Karten mehr (lacht).

    Bennet: Und überall sonst gibts noch Tickets!

    Evelin: Dann danke für das tolle Gespräch und viel Spaß bei den Shows und ich freu mich ungemein, was noch alles von euch kommt.

    Anton: Danke dir für das nette Interview!

    Bennet: Vielen Dank! War voll schön, dich wiederzusehen.


    Gehen Sie auf die Tour, sie ist sehr gut

    Dann bleibt mir auch nur noch zu sagen, besucht auf jeden Fall eine der anstehenden Show, denn es ist es wirklich mehr als wert! Die beiden machen das mit so viel Fleiß und Liebe und das Ergebnis überzeugt von hinten bis vorne! Unten könnt ihr schon mal eure Textsicherheit für die neuen Songs trainieren 😉


    Klicken Sie auf den unteren Button, um den Inhalt von Spotify zu laden.

    Inhalt laden


    Fotocredits: Anne Ludwig

  • SERPENTIN im Interview: »Ich habe das Schreiben als Überlebensstrategie genutzt«

    SERPENTIN im Interview: »Ich habe das Schreiben als Überlebensstrategie genutzt«

    Was sich musikalisch manchmal wie ein wirrer Fiebertraum anfühlt, folgt einem klaren Konzept und einer wahren Geschichte. Im Oktober veröffentlichte SERPENTIN ihre EP Sturm & Drang. Auf fünf außergewöhnlichen und eindrucksvollen Tracks fesselt die Musikerin ihre Hörer*innen und zeigt ihnen eine sehr persönliche Gefühlswelt. Hier häufen sich angestaute Emotionen an und werden hinaus in die Welt getragen. Und das macht SERPENTIN auf eine sehr eigene Art und Weise, die für mich mindestens im deutschsprachigem Raum keinen Vergleich findet. Elektro trifft auf Indie und tiefe Worte. Mal dunkel und zerrend, mal befreiend und ergreifend. Hinter dem gedanklichen Nebel, der durch die Songs erzeugt wird, steckt wahnsinnig viel Feingefühl für Ausdruck. Textzeilen, bei denen ich jedes Mal das Gefühl habe, ich müsste nun die Luft anhalten. Die Songs scheinen vor aufgeladener Energie in alle Richtungen überzulaufen, aber werden nie zu viel.

    Zwar gehörte dieser nicht zum Konzept der EP, jedoch veröffentlichte die Musikerin aus Hannover mit Alles Scheisse dieses Jahr einen Sommerhit mit Antihaltung. Damit bewies sie, dass sie trotz aller Dramaturgie und Ernsthaftigkeit auch ihre selbstironische Seite in Songs verarbeiten kann. Auch die Single Blaugrau, die vor Kurzem zusammen mit Toni Vice und Fleggo veröffentlicht wurde, ist mindestens genauso gut wie die darauf folgende EP. Irgendwas an SERPENTINs Musik fasziniert mich einfach. Ihre besondere Art zu singen kombiniert mit schiebenden Beats? Oder dass ihre Texte nie gänzlich preisgeben und festlegen, was geschieht und dennoch voller Persönlichkeit sind? Ihre Livepräsenz aus der man spürt, wie viel Kraft in der Musik steckt? Es ist wahrscheinlich genau das Zusammenspiel aus all dem.

    Klicken Sie auf den unteren Button, um den Inhalt von Spotify zu laden.

    Inhalt laden

    SERPENTIN im Interview

    Dascha: Hi, magst du dich mal vorstellen für Leute, die dich vielleicht noch nicht kennen?

    SERPENTIN: Ich bin SERPENTIN, ich bin 26 Jahre alt und bin Indie-Elektro Solo-Künstlerin mit deutschen Texten. Ich mache eigentlich schon mein Leben lang Musik. Ich mach einfach das, was ich fühle. Das ist manchmal sehr dramatisch und manchmal eher selbstironisch. Jetzt gerade passiert ganz viel bei mir.

    Dascha: Ja genau. Passend dazu: Du hast vor kurzem deine EP Sturm & Drang veröffentlicht. Wie geht es dir damit sie mit der Welt geteilt zu haben?

    SERPENTIN: Wahnsinnig gut. Es ist eine extreme Erleichterung. Im Dezember 2020 habe ich angefangen diese EP zu planen zusammen mit meiner besten Freundin und Productionmanagerin Fiona. Zwischendrin hab ich nicht geglaubt, dass ich es durchziehen werde, deshalb bin ich übelst happy damit, dass ich es jetzt geschafft habe. Ich bin auch erleichtert, dass ich dieses Kapitel jetzt abschließen kann und weiter machen kann. Da bin ich sehr stolz darauf.

    Dascha: Zurecht! Was waren für dich die größten Herausforderungen und was war nur schön?

    SERPENTIN: Die größte Herausforderung kann man in zwei Dinge aufteilen. Das erste, ohne Erfahrung, ohne jemals eine EP gemacht zu haben. Diese ganze Produktion, das alles zu planen. Das alles beisammen zu halten und durch zu ziehen war eine riesige Herausforderung. Und die zweite große war das Kapitel in meinem Leben, worüber ich geschrieben habe, zu thematisieren. Sturm & Drang ist ja eine Konzept-EP, die von Anfang bis Ende erzählt was ich in einer Spanne von vier bis sechs Jahren erlebt habe. Es war eine wahnsinnige Herausforderung diese Gefühle und diese Erlebnisse so zu verarbeiten, dass sie in Songform verpackt werden konnten. Es war natürlich wahnsinnig schön, aber ich fand es auch schwer diese Dinge so ehrlich auf den Punkt zu bringen. Das aller schönste daran war aber gleichzeitig diese Sachen so aus mir raus zu holen und alles nach meinen Vorstellungen zu verpacken. Ich habe in dem Prozess so viel über mich gelernt und an Selbstbewusstsein gewonnen. Und das EP Releasekonzert. Das war echt eins der geilsten Dinge daran, es war einfach ein perfekter Abend. Das hat uns auch noch mehr Stolz, Zusammenhalt und Selbstbewusstsein innerhalb des Teams gegeben.

    Dascha: Wie schön! Und wie ist das Konzept der EP entstanden? Hast du die Songs auch so chronologisch geschrieben?

    SERPENTIN: Die Songs habe ich tatsächlich in der Reihenfolge geschrieben, in der sie jetzt auf der EP sind. Weil ich habe jeden Song in der Situation, in der ich sie erlebt habe, geschrieben. Bei der Geschichte handelt es sich um eine toxische Beziehung, in der ich mich befunden habe, daraus und wieder zurück zu mir. Diese Beziehung steht eigentlich symbolisch nur für den Höhepunkt, der sich über Jahre in meinem Leben angebahnt hat. Ein dunkler Ort, an dem ich mich dann befunden habe, nachdem ich mein Leben lang schon mit ganz vielen Dingen gestruggled habe. Zu dieser Zeit hat sich alles zugespitzt. Ich habe Sintflut als aller erstes geschrieben, Anfang 2018 als ich in dieser Beziehung war. 16mm als diese Beziehung immer schlimmer wurde. Adrenalin verarbeitet noch einen anderen Aspekt der Beziehung, der mich sehr geprägt und traumatisiert hat. Danach kam ich eben raus aus dieser Beziehung und habe mich mit der Außenwelt mehr konfrontiert gesehen. Ich habe realisiert, dass andere Beziehungen zu anderen Menschen danach auch ganz anders funktionieren. Da hab ich Sie mich an geschrieben.

    Am Ende kommt eben Kreise, wo ich dann 2019 an so einem Punkt war, an dem ich mich befreit habe von all dem. Die Songs existierten also schon vor der EP, ich habe sie auch schon unter meinem alten Künstlerinnenamen live gespielt. Ich habe mich eigentlich schon lange mit dem Gedanken auseinander gesetzt, dass das alles zusammen gehört und ich das zusammen halten möchte. Dann hab ich mich mit Fiona hingesetzt, ihr diese Songs gezeigt und dazu erzählt, was ich in dieser Zeit erlebt hab. Und was das für mich bedeutet. Damit haben wir eben beschlossen, dass das eine EP werden muss und wir diese Geschichte so erzählen, wie es passiert ist. Mit den Singles haben wir ja am Ende angefangen. Das Konzept war, Kreise kommt als erstes raus. Der Befreiungsschlag ist also das erste, was man davon mitbekommt und dann gehen wir immer tiefer rein zurück in das Rabbithole. So war es ja für mich auch, dass ich mich im nachhinein wieder damit auseinandersetzen musste und zurückgehen musste an den Anfang. Das war sehr sehr spannend. Ich muss sagen, es war emotional sehr anstrengend, aber wahnsinnig heilsam. Ich hab nach diesen Erfahrungen sehr lange an meinem Selbstwert gestruggled. Es hat mir sehr geholfen, das jetzt darin zu verarbeiten und in meinem Kopf in Einklang zu bringen. Einfach damit loszulassen.

    Dascha: Ist es dir denn schwer gefallen während so einer schwierigen Zeit kreativ zu sein?

    SERPENTIN: Mittlerweile ist mir aufgefallen, dass es mir leichter fällt über Dinge zu schreiben bei denen es mir schlecht geht, wenn es mir wieder besser geht. Ich habe das Schreiben damals als Überlebensstrategie genutzt. In einer Situation, in der du dich ständig mit einer Gefahr oder Bedrohung konfrontiert siehst, findet jeder Mensch Strategien sich über Wasser zu halten. Ich denke jeder Mensch, der mal in einer toxischen Beziehung war, wird das Gefühl kennen, dass man eigentlich die ganze Zeit im survival mode ist. Über diese Situation zu schreiben war meine Strategie das irgendwie auszuhalten. 16mm, Sintflut und Adrenalin habe ich geschrieben um meinen Gefühlen einen Platz zu geben. Und auch, um etwas zu haben, woran ich mich festhalten kann. Sieh mich an und Kreise sind dann als Verarbeitungsstrategie. Nach dieser Beziehung habe ich realisiert „Okay, es gibt eine Welt da draußen. Und die ist anders als dieses Vakuum, in dem ich gelebt habe.“

    Bei der Aufarbeitung für die EP habe ich zum Beispiel Adrenalin und 16mm nochmal überarbeitet. Weil ich gemerkt habe, dass ich in der Zeit, in der sie entstanden sind, noch nicht zu 100 Prozent ehrlich zu mir sein konnte. Das war mir wichtig, aber das fand ich wahnsinnig schwer. Vor allem 16mm hat mich extrem gefordert. Ich hab mich vor dem Studiotermin eine Woche in meinem Zimmer eingeschlossen. Kein Scheiß, ich hab mich in den Tagen morgens an den Laptop gesetzt und mich bis ich schlafen gegangen bin damit auseinandergesetzt. Ich hab quasi mit meinen Dämonen gekämpft. Das war aber auch notwendig. Ich hab seitenweise runtergeschrieben, meine Erinnerungen aufgeschrieben, Konversationen mit meinem damaligen Ich aufgeschrieben. Ich bin stolz, dass ich mich da durchgekämpft habe und Sachen aufgeholt habe, die auf dem Weg liegen geblieben sind.

    Dascha: Aber wie toll, dass daraus dann so etwas schönes entstehen kann.

    SERPENTIN: Ja, voll. Ich glaube man hört den Heilungsprozess, den ich ganz bewusst durchgemacht habe, in der EP sehr gut.

    Dascha: Ja, das stimmt. Und was erhoffst du dir, was die EP in Hörer*innen auslösen wird? Ist ja schließlich ein schwieriges und sehr persönliches Thema.

    SERPENTIN: Spannende Frage. Mein Umgang mit der Veröffentlichung von Musik besteht daraus, dass ich die Musik release, die mir viel bedeutet, aber was andere damit machen geht mich nichts mehr an. Ich lasse gerne die Freiheit eigene Gefühle in meine Musik hinein zu projizieren. Aber ich wünsche mir natürlich, dass Menschen, die ähnliche Erfahrungen haben oder sich noch in so einer Situation befinden, dadurch hören, dass es möglich ist wieder zu sich zurück zu kommen. Und dass man, egal wie verloren man sich fühlt, man selbst nie zu 100 Prozent verloren ist. Man findet sich immer wieder. Auf einer weniger traumatischen und tieferen Ebene wünsch ich mir einfach, dass die Songs Menschen begleiten. Dass sie eine Connection dazu aufbauen und die Songs sie begleiten und bewegen.

    Dascha: Wie war deine musikalische Reise seit dem Release von Kreise Anfang 2021? Was war die schönste Entwicklung für dich?

    SERPENTIN: Die Reise war extrem wild. Ich hab viel gewünscht und gehofft, aber es ist trotzdem ganz anders gekommen. Aber trotzdem genauso schön! Und das aller Schönste war… ich könnte jetzt sagen, die ganze Aufmerksamkeit, die ich durch Alles Scheisse bekommen habe. Aber ich glaube das aller Schönste ist mein entwickeltes Selbstwertgefühl. Denn ich habe viele Prozesse durchgemacht, in denen ich mich selbst hinterfragen und neu anordnen musste. Ich hab das Gefühl ich weiß jetzt wer ich bin und was ich machen möchte. Und ich habe zu schätzen gelernt, wozu ich fähig bin und dass ich sehr stolz auf meine Künstlerinnenseele bin und da dahinter stehe. Jetzt kann ich zurückblicken und weiß, ich hab für mich alles richtig gemacht. Und was auch eine sehr schöne Entwicklung ist, ist dass ich so eine Fanbase gewonnen habe. Dass die Leute wirklich Lust darauf haben mich zu supporten und sich mit mir zu connecten. Ich kriege so viele schöne und persönliche Nachrichten. Das ist so eine wahnsinnig schöne Sache, dass es nicht nur Leute gibt, die vorbeikommen und kurz gucken, sondern auch bleiben.

    Dascha: Das ist echt schön! Jetzt wo du Alles Scheisse erwähnt hast: Magst du nochmal erzählen, wie der Song entstanden ist und wie er released wurde?

    YouTube

    Mit dem Laden des Videos akzeptieren Sie die Datenschutzerklärung von YouTube.
    Mehr erfahren

    Video laden

    SERPENTIN: Sehr gerne. Also ich schreibe ja zwischendrin immer Mucke in meinem Home Setup hier. Immer, wenn irgendwas raus muss. Alles Scheisse ist an einem Tag entstanden, an dem ich extrem PMS hatte. Ich hab dieses Jahr sehr viel mit PMS gestruggled und hab mich sehr viel mit Emotionsregulation auseinandergesetzt. Dabei habe ich auch gemerkt, dass ich von meinen Gefühlen oft sehr stark überwältigt bin. Ich saß hier genau in diesem Sessel und war extrem abgefuckt. Ich dachte nur „Das kann doch nicht wahr sein, dass ich so scheiße gelaunt bin?“ Das war der Modus, dass ich alles hasse und es hasse, dass ich alles hasse. Das kennen bestimmt mega viele FLINTA-Personen, die starkes PMS haben. Es ist so nervig, weil man einfach nichts daran ändern kann, dass man sich so fühlt. Dann hab ich hie ganz wütend diese Songskizze in meinen Laptop gekloppt. „Das reicht jetzt, ich hab keinen Bock mehr nur zu schmollen“, so war das. Dann habe ich ein paar Tage später das Reel dazu gemacht. Das habe ich einfach nur gemacht, weil ich’s witzig fand und mich beschäftigen wollte. Beim aufnehmen und schneiden hab ich mich so kaputt gelacht. Das hat mir dann etwas Freude zurückgegeben. Nach dem Posten ist das plötzlich eskaliert und hatte so 30.000 Aufrufe, das ist mir noch nie passiert.

    Mir haben täglich Leute dazu geschrieben, dass ich den Song releasen soll und mich richtig gepushed. Noch an dem Tag, an dem ich das Reel gepostet habe, hab ich den Song fertig produziert. Ich hab mich so motiviert von den Leuten gefühlt. Danach hatte ich die Skizze rumliegen und dachte okay, das wird jetzt noch so lange dauern, bis ich ins Studio gehe und alles endgültig fertig wird. Ich war mit Leuten aus meinem Umfeld, Toni Vice und Crystal F im Studio. Sie waren total begeistert und Crystal F meinte, den kann ich genau so rausbringen. Ich dachte, da muss safe noch drüberproduziert werden. Aber nein, er meinte der Song wäre perfekt, so wie er ist. Ich war total überrascht. Das hab ich dann genau so einfach so schnell es geht rausgebracht. Es war super spontan und ich hab meinen Perfektionismus dafür abgelegt. Und jetzt ist das mein erfolgreichster Song bisher. Dadurch habe ich zum ersten Mal gemerkt: ich bin eine gute Produzentin. Ich habe dadurch gelernt, dass Perfektionismus nicht immer der richtige Weg ist. Manchmal muss man einfach machen.

    Dascha: Richtig gute Mischung, PMS und die Kraft von Social Media, haha. Einige meiner Freund*innen, die den Song auch gefeiert haben, meinten das sei der Sommerhit 2022. Obwohl es ja eigentlich alles andere als ein happy Sommerhit ist. Aber ich liebe diesen Kontrast!

    SERPENTIN: Eben, das find ich auch geil an dem Song. Man bringt einen Song raus und die Leute machen dann mit dem Song, was sie wollen. Ich find’s mega cool, dass das so ein Sommer-Banger geworden ist, obwohl es der schlechtgelaunteste Song ever ist. Aber das passt zu mir, weil ich immer so viele Gleichzeitigkeiten aushalte. Es ist alles scheiße, aber scheiß drauf, ich feier es, dass alles scheiße ist.

    Dascha: Voll! Ich glaube das ist deswegen auch sehr relatable für viele Leute. Generell ist deine Musik ja sehr elektronisch. Hörst du selbst viel elektronische Musik?

    SERPENTIN: Ja, absolut. Meine absolute Lieblingsband und meine größten Vorbilder sind Moderat. Ich hatte auch das große Glück sie dieses Jahr in Berlin live zu sehen, das war eine spiritual Experience. Ich hör Kaltenkirchen und Thom Yorke viel. Boy Harsher, STOCKMANN. Ich hör zwischendrin aber auch viele random einzelne Songs. Zum Beispiel photosynthese von Dilla feier ich gerade. Es ist viel Elektronik dabei, zwischendrin auch Bandmäßiges. Auch rockiges, ich komm musikalisch ja eigentlich aus dem Metal. Ich hab lange in einer Metalband gesungen. Deswegen schlägt mein Herz auch für sowas. Mit 15-16 hatte ich meine erste Band. Nothing but Thieves ist eine meiner Lieblingsbands. Aber am liebsten hör ich trotzdem elektronische Musik, ich finde das ist so ein diverses Genre.

    Dascha: Kannst du auch screamen?

    SERPENTIN: Ja, eher schlecht aber, ja. (lacht) Ich hab es immer versucht, aber es nie geschafft das gesund zu machen. Das kann ja auch wahnsinnig gefährlich sein, wenn man das unprofessionell anstellt. Aber ja, eigentlich kann ich es schon, auf meinen Konzerten schrei ich auch oft ein bisschen rum. Ich hab dann ein paar Jahre in dieser Hobby Metal Band gesungen. Aber als es sich herauskristallisiert hat, dass ich das beruflich machen will, sind die Kapazitäten und Wege auseinander gegangen. Das war aber parallel, weil ich produzier elektronische Musik auch schon seit ich 14 bin. Ich hatte früher aber nie das Selbstbewusstsein zu denken, dass ich das richtig kann.

    Dascha: Sehr cool! Was für Träume und Ziele hast du für deine musikalische Laufbahn noch?

    SERPENTIN: Meine oberste Priorität ist, dass ich immer glücklich und zufrieden bin mit dem, was ich mache. Ich weiß, das klingt ein bisschen Wandtattoo-mäßig. Ich will, dass ich immer erfüllt bin von dem, was ich tue. Andere Ziele sind ein Album rauszubringen und Vinyls und CDs zu veröffentlichen. Oder auch eine eigene Tour zu spielen. Das sind Meilensteine, die ich mir gesetzt habe. Das sind meine Träume und ich glaube, dass ich auf dem Weg dorthin bin.

    Dascha: Safe, ich glaube auch. Dann kommen wir zur letzten Frage. Das ist bei uns eine untold story, also ein kleines Geheimnis oder eine Geschichte, die du noch nicht öffentlich erzählt hast.

    SERPENTIN: Ich glaube, was viele Leute nicht über mich wissen ist, dass ich 10 Jahre Akkordeon Unterricht genommen habe. Ich besitze auch selbst zwei Akkordeons. Das ist ein Teil meiner Persönlichkeit, der leider ganz wenig Platz bekommt.

    Dascha: Geil, dann hast du ja alle gefühlt alle Genre abgedeckt: Elektro, Metal, Volksmusik.

    SERPENTIN: Ja, voll. (lacht) Meistens habe ich russische, französische und bulgarische Lieder darauf gespielt. Tatsächlich bin ich in die Musikhochschule reingekommen, weil ich in der Aufnahmeprüfung Akkordeon gespielt habe.

    Dascha: Mega cool! Danke für’s Teilen und für deine Zeit!

    YouTube

    Mit dem Laden des Videos akzeptieren Sie die Datenschutzerklärung von YouTube.
    Mehr erfahren

    Video laden

    Fotocredits: @zeitfang_

  • Dayglow im Interview: »I feel like I made something that really matters and I feel really proud of this record«

    Dayglow im Interview: »I feel like I made something that really matters and I feel really proud of this record«

    Vor etwas mehr als einem Monat hat Dayglow sein neues Album People In Motion veröffentlicht und verbreitet damit wieder mit einer Leichtigkeit gute Laune und Ohrwürmer. Musikalisch und klanglich knüpft er an seinem letzten Album Harmony House an, über das ich letztes Jahr bereits einen Artikel geschrieben habe, den ihr hier lesen könnt. Mit vielen Synthies und catchy Melodien hat Sloan, der hinter Dayglow steckt, seinen Sound gefunden. Wir haben mit ihm gesprochen und er verrät uns in dem Gespräch, wieso er gerne alleine an seinen musiklaischen Projekten arbeitet und was ihn selbst inspiriert.

    Dayglow im Interview

    Franzi: First things first, congrats to your new album! How does it feel putting new music out in the world and what reactions did you get so far?

    Sloan: It’s been so exciting and refreshing. This is actually kind of my first “proper” release where I get to tour the music as people get familiar with the songs. It’s been super cool to see people react to it in real-time. I feel like I made something that really matters and I feel really proud of this record.

    Franzi: Your music is often about everyday situations and feelings, also on your new album People in Motion. Do you use your music to express the topics that also occupy you, or can you simply empathize well with situations?

    Sloan: It’s a fair share of both! I’m hyper-sensitive and very self aware, so I tend to over-exaggerate feelings inwardly. I think that helps fuel my songwriting and inspires me to expand on the mundane. Mostly I feel like my songs are personal feelings that I have, but sometimes it’s inspired by a conversation I overheard or just a general feeling towards the world/society at large.

    Franzi: Is it important to you that your albums are understood as a concept and heard as a whole, or how is your own claim about that?

    Sloan: I love when records are cohesive. I want to always pay as much attention as I can to every song that I release, and make every album feel like a new chapter is written in the book of Dayglow. It’s an unarguable fact that very few people listen to records entirely anymore, so I have to just accept that haha. But as far as me making the art, I want my records to feel full and have at least one song that anyone could enjoy.

    Franzi: On your last album Harmony House I think I heard a recurring melody in the songs Something, Into Blue, Moving Out and Like Ivy. Did you hide such little Easter Eggs again on People in Motion or was that just a coincidence on the last album?

    Sloan: For Harmony House, that was very intentional. The idea behind that record was to create the soundtrack to a sitcom that doesn’t exist– it was very much an artistic statement. For People in Motion, there isn’t as directly of an emotional tie between the songs, yet there are instruments and production tricks that I used throughout the record to make the album still feel cohesive. I wanted People in Motion to feel like a broader, bigger world, so I tried to have each song contain its own voice.

    Franzi: You conceive, write, play and produce your music completely by yourself – Are you generally just more of a loner in your work or have you not yet found the right opportunity or people?

    Sloan: I’m just a very specific artist and my vision is usually pretty clear of what I want to do. I find it easiest and most fulfilling if my vision can be executed as closely as I dreamed of it. I love people and I love to work with people on tour and performing live, but as far as creating the art, I think it just generally makes most sense if something comes directly from one source. That’s the purest form of expression in my opinion!

    Franzi: Unfortunately, I don’t play music myself, but I find your “How I Made”-Videos super exciting and I really enjoy watching them. Will there also be a “How I Made”-Video for your new album?

    Sloan: Yes I definitely plan on it! I absolutely love sharing all my secrets and just showing people how I make everything. That’s another special aspect of working alone – I can talk in specific detail as of why everything exists in the music!

    Franzi: Speaking of How I Made, would you like to take us into the process of creating new songs a little? What inspires you? What do you start with: Melody or lyrics? Or is it different every time? 

    Sloan: It tends to be musical and melodic first. Melody seems to be the best way for me to translate emotion. I usually follow the music with lyrics that suit the feeling the music is expressing.

    Franzi: Are there also certain musical role models for you?

    Sloan: I love the band Phoenix, Tame Impala is a huge inspiration to me. One of my favorite musicians and writers is Paul Simon, so I love that era of music as well. So many great musicians… too many to count!

    Franzi: What else gets you in motion – besides music and making music, of course – yourself?

    Sloan: I personally just love spending time outside! Being in the sun and relaxing outdoors is one of my favorite things to do – it always feels like I can’t get enough!

    Franzi: I always find it incredibly interesting what musicians themselves listen to. What are your three favorite songs or albums right now?

    Sloan: Wow this is a tough one. If I have to condense it, I’d say

                Expert in a Dying FieldThe Beths

                McCartney IIPaul McCartney

                GracelandPaul Simon

    Franzi: The last question is our, or rather your, untold story. What story/anecdote/fun fact have you never shared in an interview, but would like to do so here?

    Sloan: I’d have to think about this one, I can’t seem to think of anything too interesting about me right now!

    I’m currently writing this interview in the greenroom at a venue in Indianapolis, Indiana doing some laundry. I love housekeeping work and keeping things organized, baby!

    Klicken Sie auf den unteren Button, um den Inhalt von Spotify zu laden.

    Inhalt laden

  • Ottolien im Interview: »Wir bauen gerne Easter Eggs ein, die die Songs für uns noch persönlicher machen«

    Ottolien im Interview: »Wir bauen gerne Easter Eggs ein, die die Songs für uns noch persönlicher machen«

    Die Brüder Leo und Jonas machen seit ihrer Kindheit gemeinsam Musik und seit Ende 2018 auch ganz offiziell als Duo Ottolien – das ist übrigens der Nachname. Ehrliche Texte mit fast poetischen Anmutungen sind das Fachgebiet der beiden. Besonders interessant wird es durch den Mix aus Leos weicher Singer/Songwriter-Stimme und Jonas’ Rap-Parts — eine Energie, die man sonst eher selten findet.

    Ich habe Leonard und Jonas Ottolien zum Interview getroffen. Nach einem wunderschön anstrengendem Festivalwochenende auf dem KiezKultur in Hannover sitzen wir am Sonntagnachmittag noch etwas verkatert und körperlich mitgenommen bei einer Fritz Kola im Biergarten Gretchen. Wir reden über die musikalische Kindheit der beiden Brüder, die Entstehung ihrer Songs, Fetzenfische und was diese Tiere mit den Ottolien zu tun haben.

    Ottolien im Interview

    Anna: Hallo ihr beiden! Schön, dass ihr euch heute die Zeit für das Interview nehmt. Ich hoffe ihr seid nicht mehr zu mitgenommen vom Festivalwochenende. Ich bin auf jeden Fall noch recht überwältigt von den ganzen Eindrücken. Aber es soll ja jetzt um euch und eure Musik gehen. Wir kennen uns zwar schon, aber mögt ihr euch noch einmal vorstellen?

    Leo: Ja, klar, voll gerne! Wir sind die Ottolien – das ist unser Nachname. Wir sind Brüder. Ich bin Leo.

    Jonas: Ich bin Jonas.

    Leo: Unsere Musik ist eine Mischung aus Indie, Pop und Rap, wo wir beide quasi als Lead, Jonas als Rapper und Sänger und ich als Sänger fungieren. Also, beide stehen vorne und singen in Parts. Wir kommen aus Hannover und haben gerade unsere zweite EP released.

    Das Buch zur Band: „Wir tun uns so gut (weh)“ – demnächst in der untold Buchhandlung eures Vertrauens

    Anna: Wenn eure Musik ein Buch wäre, welchen Titel hätte das Buch?

    Leo: Oha, das ist ja direkt eine schwierige Frage am Anfang … (überlegt sehr lange) Vielleicht so in die Richtung „Wir tun uns so gut (weh)“.

    Jonas: Ja, irgendwie so dieses Brüder-Ding auf jeden Fall.

    Leo: Ok, gehen wir erstmal vom Cover des Buches aus. Da haben wir eine genauere Vorstellung, weil wir in einem Video letztens eine Einstellung gefunden, wo wir dachten, dass es voll das gute Cover ist. Da stehen wir uns gegenüber, aber eine Säule ist zwischen uns und wir nehmen uns in den Arm. Die Säule ist quasi zwischen unseren Gesichtern. Wir sehen uns nicht, haben uns aber trotzdem im Arm. Beim Titel würde ich jetzt erstmal bei „Wir tun uns so gut (weh)“ bleiben. Es ist jetzt natürlich nicht die Musik selber, sondern eher auf uns als Brüder bezogen.

    Jonas: Ich finde das passt schon sehr gut dazu, wie wir uns als Band fühlen. Aber jetzt nicht so direkt auf die Musik bezogen.

    Anna: Ihr könnt ja auch zwei Bücher rausbringen.

    Leo: Auch eine Idee, aber ich habe als erstes gedacht, dass es ein Buch ist, dass von hinten und vorne gelesen werden kann. So ein Wendebuch quasi und dann auf den Aspekt eingehen, dass es zwei Seiten hat. Man neigt dazu es so plump auszudrücken. (damit wirkt er noch sichtlich unzufrieden und überlegt lange weiter) Jon, von dir kommt ja gar nichts!

    Jonas: Ja, ich habe irgendwie auch nicht so die Idee. Das ist schonmal ein top Ansatz, aber der Titel fehlt mir auch.

    Anna: Wenn euch im Laufe des Gesprächs noch ein anderer Titel einfällt, werft ihn einfach rein. Gehen wir jetzt erst einmal ein bisschen zurück in der Zeit, und zwar in eure Kindheit. Habt ihr auch schon als Kinder zusammen Musik gemacht? Liegt es bei euch in der Familie?

    Jonas: Wir haben tatsächlich schon als Kinder zusammen Musik gemacht. Wir haben ganz früh angefangen. Ich glaube, Leo war sieben und ich war fünf. Da haben wir angefangen mit Gitarre spielen. Wir hatten einen sehr coolen Gitarrenlehrer. Das war damals ein 19-jähriger Metal-Typ mit langen Haaren und Metallica Shirt, der uns nicht irgendwie die Noten vor die Augen gelegt hat und gesagt hat, dass wir die auswendig lernen sollen. Wir haben irgendwie direkt angefangen Songs zu schreiben und mit dem Würfel Akkord-Reihenfolgen zu würfeln. Dann hatten wir super schnell unseren ersten Song geschrieben. Wir haben dann auch zusammen für Familie und Freunde was vorgespielt. Also irgendwie schon voll früh so kleine Mini Gigs gehabt.

    Leo: Und dann aber auch vor richtigen Publikum sehr schnell. Wir waren schon so als Singer Songwriter Duo unterwegs und haben da auch so Songwriting- und Kompositions-Wettbewerbe mitgemacht. Das war das „Treffen junge Musikszene“. Und das war so die große weite Welt für uns mit zwölf und zehn Jahren. Genau und da waren wir. Aber in der Familie liegt es nicht. Also unsere Eltern machen keine Musik.

    „Ein Fetzenfisch ist eigentlich nur ein hässliches Seepferdchen“ – und was das Tier mit den Ottolien zu tun hat

    Anna: Hattet ihr damals auch schon einen Namen für euer Duo? Hießt ihr auch schon die Ottolien?

    Jonas: Ne, wir hießen „Phyllopteryx“ – der lateinische Begriff für Fetzenfisch, weil wir gefetzt haben. Also fetzige Musik gemacht haben.

    Leo: Ein Fetzenfisch ist aber eigentlich nur ein hässliches Seepferdchen. Es sind quasi Seepferdchen. Die tarnen sich indem sie sich nicht bewegen. Also die sind quasi urzeitliche Seepferdchen und sehen aus wie im Meer treibende Algen. Damit haben wir uns dann irgendwie ein bisschen identifiziert. Wir haben halt irgendwie so Singer Songwriter Punk gemacht – also sind schon gut abgegangen, waren aber halt irgendwie noch diese kleinen Pimfe. Wir waren quasi die letzten Fische, die jemand für kleine Mini Algen hält. (lacht)

    Jonas: Es konnte einfach niemand aussprechen und es hat auch niemand verstanden, aber wir fanden es damals cool.

    Anna: Und deswegen heißt ihr jetzt Ottolien.

    Leo: Ja, genau. Immer noch sperrig, aber weit aus mehr catchy.


    Kurzer redaktioneller Kommentar an dieser Stelle: Meine investigative Ader war getriggert nach der Band „Phyllopteryx“ zu googlen. Natürlich wurde ich direkt fündig und konnte alte Schätze ausgraben. Denn die beiden haben es sogar in den Spiegel geschafft unter dem Titel „Jonas und Leonard – die Punkrocker“. Den Artikel verlinke ich euch mal ganz unverbindlich hier. Schaut einfach mal selbst, wie Leo und Jonas so mit 11 und 13 aussahen. Mein Favorit ist allerdings der Name ihres damaligen Songs: „Kanzler von Deutschland“. Catchy, Jungs, catchy. Und Leo, wenn du immer noch Musikjournalist werden möchtest – unsere Türen stehen dir jederzeit offen. Ach und Fetzenfische finde ich eigentlich auch ganz süß. Ich übergebe wieder an Interview-Anna.


    Anna: Kommen wir jetzt mal wieder in die Gegenwart zu eurer EP „Gezeitenland“. Wie muss ich mir den Prozess vom Songschreiben bei euch vorstellen: Wie läuft das ab? Einer schreibt die Texte und der andere sagt „ist gut, lass mal aufnehmen“?

    Leo: Zum Glück nicht mehr. Also das war manchmal so, oder? Obwohl …

    Jonas: Das ist eigentlich immer ein bisschen durchmischt. Also mal ist so der erste Grundstein gelegt, wenn Leonard mal ein paar Textschnipsel hat oder wenn ich einen Beat habe oder wenn ich mal ein paar Texte oder Leonard Akkorde auf der Gitarre. Es geht quasi immer von einer Seite irgendwie los.

    Leo: Also früher haben wir gedacht, jetzt müssen wir immer genau alles auf uns beide aufteilen in den Songs, dass ich da einen Part haben muss und dann muss Jonas noch mal was rappen. Aber so ist das nicht mehr. Wir haben uns davon auch komplett gelöst. Für uns steht jetzt der Song im Vordergrund und nicht die Aufteilung der Parts. Es ist zwar schon meistens so, dass ich ein bisschen mehr Texte schreibe. Aber das kommt auch einfach, was Jonas produziert und ich sehr old school mit Stift und Block texte. Das heißt aber auch nicht, dass Jon gar nicht textet.

    Zwischen verschachtelten Texten und klaren Botschaften

    Anna: Sind euch eure Texte nicht manchmal zu persönlich?

    Leo: Woah (überlegt) … bisher noch nicht. Also, ich weiß nicht, wie das so nach außen wirkt, aber ich habe zumindest für mich immer noch so eine Verschachtelung drin. Da versteht man, glaube ich, das Grundgefühl, ohne dass es zu persönlich wird. Aber ich glaube so persönlich, dass es andere Menschen betrifft und irgendwie eine Grenze überschreiten könnte, wird es nicht. Also die Songs sind schon nah dran. Aber wir kriegen es, glaube ich, immer noch hin, dass man es nicht checkt. Ja, oder? Ich weiß nicht, wie es bei dir ist, Jon.

    Jonas: Also ich finde zum Beispiel „Autoscooter“ ist jetzt gar nicht so verschachtelt. Das ist relativ obvious der Song für meinen besten Kumpel. Ich bin eigentlich voll der Fan von richtig persönlichem Kram. Ich finde es irgendwie cool, das in einem Song dann noch weiter kommunizieren zu können, was ich meinem besten Freund jetzt vielleicht nicht so direkt ins Gesicht gesagt hätte.

    Leo: Ich habe auch das Gefühl, dass wir in manchen Songs, die vielleicht gar nicht so persönlich wirken, immer so Easter Eggs für uns selbst einbauen im Text. Die wirken dann vielleicht nach draußen gar nicht so, sind aber für uns voll nah dran, aber im Gesamtkontext werden sie gar nicht so klar beim Zuhören. Also wir haben glaube ich, da ganz viele Sachen, die nur wir wissen können und die wir auch dann nicht groß revealen, die im Gesamtkontext dann vielleicht ganz anders wirken. Aber dadurch wird es halt nicht für mich, nicht irgendwie zu persönlich. Finde es trotzdem schön, dass die Songs so persönlich rüberkommen.

    YouTube

    Mit dem Laden des Videos akzeptieren Sie die Datenschutzerklärung von YouTube.
    Mehr erfahren

    Video laden

    Anna: Jonas, du hast ja gerade schon „Autoscooter“ angesprochen. Wie kam es dazu, dass ihr diese Aufnahmen von euch als Kind oder Jugendliche mit drin hat? Und war das einfach zuverlässig oder wie habt ihr die wiedergefunden?

    Jonas: Ja, da geht erstmal ein ganz großes Shoutout an Nicole, die mit uns früher in einer Dorf Clique war und ist. Sie ist auf jeden Fall eine lebende Festplatte, was das angeht. Ich habe ihr nur mal den Song geschickt und gefragt, ob sie zu Fabo, meinem besten Freund, noch ein paar O-Töne hat, die ich reinmixen kann. Und keine zwei Stunden später hatte ich eine Dropbox mit tausenden Videos vom alten Sony Ericsson bis zum Samsung Galaxy S2. Und da war dann unter anderem ein Video dabei, wo wir eben im Riesenrad sitzen und genau da in die Ferne gucken und diese Industrie sehen. Wir philosophieren darüber, was das denn sein könnte. Genau. Da hat sich dann irgendwie so angeboten. Es passte einfach zu dieser Kirmes Thematik vom Song.

    Eine Ode an den besten Freund und die Naivität der Kindheit

    Leo: Als Jonas das dann ausgewählt hatte, hab ich da auch direkt was reininterpretiert. Ich glaube als neutrale Hörer*innen funktioniert das auch super gut. Das hat so was apokalyptisches am Ende. Ich stell mir immer so vor, dass so drei Kinder im Riesenrad sitzen und gucken, was übrig geblieben ist von der Welt. Das passt perfekt an das Ende. Und irgendwie finde ich, dass dann der Song ganz anders wirkt und gar nicht mehr so eine persönliche Mini Geschichte zwischen euch beiden ist. Das ist halt meine Sicht auf den Song, der ja fast komplett nur von Jonas kommt.

    Anna: Auf einen Song wollte ich noch eingehen: „Franka und Laurin„. Basiert das auf echten Personen? Also wer sind Franka und Laurin? Wenn ihr das teilen möchtet.

    Leo: Das lassen wir offen. Also es basiert auf wahren Personen. Dazu finden wir aber auch die Namen ziemlich nice.

    Wo ist das Ottolien Song-ABC hin?

    Anna: Ich hab’s mir schon fast gedacht. Aber der Song funktioniert durch die beiden auf jeden Fall sehr gut. Wovon ich aber längere Zeit schon nichts mehr gehört habe, ist euer Song-ABC. Gibt es das noch? Was ist daraus geworden?

    Leo: Das fragen wir uns auch immer wieder. Ich schätze mal, dass es eher was Saisonales ist, dass wir immer mal wieder auspacken. Wir haben es immer so ein bisschen gestückelt. Also immer, wenn wir eigene Songs rausbringen, pausiert das ABC. Wir sind auch noch gar nicht so weit im Alphabet vorangeschritten. Wir müssten bei F sein. Die Resonanzen waren immer richtig cool. Auch die Leute, deren Songs wir gecovert haben, aber auch immer irgendwie reagiert. Das war total nett. Das war echt cool, auch so Reaktionen von den Madsen hatten und von L-Goony. Also so ganz Verschiedene. Ich finde das Format immer noch cool und ich schätze mal, dass wir es jetzt im Winter wieder aufleben lassen.

    Anna: Da bin ich ja mal gespannt! Ich habe noch zwei Entweder-Oder-Fragen für euch. Die erste lautet: Eure Songs lieber komplett durchproduziert oder lieber Akustik spielen?

    Jonas: Komplett durchproduziert!

    Leo: (zögert erst) Bei mir auch mittlerweile.

    Jonas: Es macht dann mehr Spaß auf der Bühne, wenn man richtig tanzen und abgehen kann. Das fehlt mir bei dem Akustik Ding. Das ist eher ruhig und beseelt und schunkelnd. Aber ich finde es springend cool.

    Anna: Ok, das kann ich verstehen. Frage Nr. 2: Großstadt oder Dorf?

    Leo: Großstadt mit Option auf Dorf bei schlechter Laune. Zählt das?

    Anna: Naja, eigentlich nicht …

    Leo: Ok, Großstadt!

    Jonas: Dorf bei mir – ganz klar.

    Anna: Ich habe es mir ein bisschen gedacht.

    Leo: Das ist so unser Running Ding. Jonas kann sich nicht so richtig vorstellen zum Beispiel irgendwann mal nach Berlin zu gehen oder so. Mal gucken. Aber es ist ja genau die Mischung, die wir in uns tragen. Also ich finde es auch ganz cool, dass du so commited bist. Es hat ja auch Gründe. Du bist viel verwurzelter zu Hause noch.

    Jonas: Meine Kumpels und ich haben quasi eine Art mündlichen Pakt geschlossen, dass wir alle spätestens zum Lebensherbst oder zum Lebensabend wieder im Heimatdorf einkehren. Und ob das jetzt wirklich passiert, mal gucken. Aber ich habe halt einfach noch einen sehr aktiven, großes Freundeskreis aus Schulzeiten und das finde ich ganz schön. Dann bin ich auch gerne da.

    Leo: Das ist bei mir nicht mehr so krass verwurzelt. Das ist bei mir viel mehr auseinander gesplittet, also auch geografisch. Aber ich habe einfach hier in Hannover meinen festen Kreis. Sowohl freundschaftlich als auch musikalisch ist es hier mein Hauptort mittlerweile.

    Die Ottolien und ihr klimapolitischer Song

    Anna: Ich habe auf eurem Spotify Account noch das Album „no music on a dead planet“ gefunden, was ja so Kollaboration mit mehreren Artists war. Wie kam es dazu und warum? Warum war es euch wichtig, da was beizusteuern?

    Leo: Dazu kam es einfach durch die Organisation Culture Declares. Daraus ist dann ein kompletter Hannover Sampler entstanden. Und dadurch, dass wir noch nie auf so einem Sampler dabei waren und wir das schon cool fanden, haben wir uns direkt gemeldet. Wir wollen auch für eine klimagerechte Zukunft stehen als Band und zeigen, dass wir uns auch für Klimapolitik interessieren. Da wollen wir einfach auch zu stehen. Und die zweite Sache war, dass wir eine Challenge hatten, da recht schnell dann einen Song dazu zu schreiben. Das war irgendwie cool, weil wir das erste Mal auch so ein bisschen den Inhalt vor die Produktionsraffinesse gestellt haben.

    YouTube

    Mit dem Laden des Videos akzeptieren Sie die Datenschutzerklärung von YouTube.
    Mehr erfahren

    Video laden

    Anna: Und das Ergebnis kann sich auf jeden Fall zeigen lassen! Ich habe jetzt nur noch eine letzte Frage und das ist die Frage nach eurer untold story?

    Leo: Eine noch nicht erzählte Geschichte.

    Anna: Genau!

    Leo: Also wir könnten die erste Cover Geschichte erzählen von unserem Gespräch oder oder vom Videodreh in der Rutsche.

    Jonas: Ohja, das ist ne coole Story, lass uns die nehmen!

    Leo: Ok, warte, ich leite die Geschichte ein und du erzählst sie: Wir haben ja gerade unsere zweite EP „Gezeitenland“ rausgebracht und wir haben zum namensgebenden Song ein Video im namensgebenden Hallenbad Gezeitenland auf der Nordseeinsel Borkum gedreht. Und dabei ist folgende untold story passiert. Jonas, bitteschön.

    Jonas: Wir haben uns in die ausgeschaltete Wasserrutsche begeben. Wir sind also rein geklettert mit dem schönen Filmteam von Stabil und Grazil aus Hannover. Also die mit ihrer riesigen Kamera da rein. Niklas mit so einer Leuchtröhre und dann Leonard und ich. Das ist glaub ich etwas schwierig, sich vorzustellen. Das ist eine Tube Rutsche und wir haben uns so entgegeneinander da reingesetzt.

    Anna: Aber die Rutsche war ausgestellt oder ist da was passiert?

    Jonas: (muss schmunzeln) Nee, ich bin nur einmal ausgerutscht auf das Steißbein, das tat weh. Aber das ist nicht die Geschichte. Also, wir sitzen gerade in dieser Rutsche und haben einen Performance Part gedreht. Das heißt Niklas hat auch noch die Soundbox laufen mit dem Song. Wir singen dann so schmissig in die Kamera und auf einmal hören wir nur so ein Zischen und so ein Rumoren. Dann hört man so ein konstantes, leichtes „Schhhhh“. Es waren nur noch so drei Sekunden Stille, in der wir uns nicht bewegt haben. Und ich habe dann einfach aus Reflex heraus gerufen „Wasser kommt“. Dann sind wir alle mit dem Equipment aus der Rutsche raus und in das Auffangbecken. Ich war der Letzte, weil ich auch als Erster drin war. Hab mich auf dem Weg natürlich auch noch abgepackt. Und keine Sekunde, nachdem ich draußen war, kam das Wasser da rausgeschossen. Wir waren insgesamt aber zwei Tage zum Drehen da. Am nächsten Tag haben wir den Besitzer dann gefragt, ob die Rutsche irgendwie immer durchgespült wird oder so. Und er nur so: „Achja, stimmt, aber ich weiß gar nicht, wann genau und in welchen Intervallen.“ Dann haben wir am nächsten Tag also nochmal unser Glück versucht. Wir wollten unbedingt das schöne Licht mit der Sonne auf der Röhre einfangen. Wir haben das dann so gemacht, dass Bardi, unser Fotograf, dann die Aufgabe hatte oben zu schauen, wann das Wasser angeht. Vorher hatten wir noch extra zwei so Kinder Walky Talkies besorgt, damit er uns Bescheid geben kann, wenn die Düsen anspringen.

    Leo: Natürlich hat er sich auch einmal den Gag gemacht, einfach „Wasser kommt“ zu rufen, obwohl nichts kam. Und ja: Das ist unsere untold story!

    Anna: Genial, vielen Dank euch für’s Teilen der Geschichte und für’s Interview. Macht’s gut und bis bald!

    So, ich hab mir jetzt auch den Mund fusselig geredet. Mir bleibt nur noch zu sagen: Streamt „Gezeitenland“ von den Ottolien:

    Klicken Sie auf den unteren Button, um den Inhalt von Spotify zu laden.

    Inhalt laden

    Fotocredit: Christian Bardenhorst