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  • Manege frei: Rolfie und sein „Zirkus Blumig“ sind in der Stadt

    Manege frei: Rolfie und sein „Zirkus Blumig“ sind in der Stadt

    Lieber Herr Blumig, an dieser Stelle erst einmal ein großes SORRY. Wir hätten dich hier schon viel früher vorstellen sollen.

    Nicht nur das neue Album „Zirkus Blumig“ des Leipziger Musikers Rolf Blumig ist eine Attraktion in der Manege. Auch der Vorgänger „Rolfie lebt“ war eine akustische Sensation. An die Promo-Mail seines Labels Staatsakt erinnere ich mich jedes Mal gerne: „Meine Damen und Herren, darf ich vorstellen: Rolf Blumig, Ihr neuer Lieblingskünstler“.


    Us (us us) and them (them them)

    In gewisser Hinsicht war das absolut richtig vorausgesagt, zumindest war ich damals im positiven geschockt von der ersten Single „1000 Thomas“: südamerikanisch angeswingter Anti-Rock mit einer schauerlichen Vision einer geklonten Thomas-Gottschalk-Armee. Wirklich wild.

    Für weit aufgerissene Augen und feuchte Handflächen sorgt jetzt auch sein zweites Werk „Zirkus Blumig“. Das liegt vor allem an Rolfies Fähigkeit, für Überraschungen zu sorgen. Wie in den ersten Takten des Openers „Liebe ist überall“, der mit einem ungewöhnlichen Chorarrangement eröffnet. Ungewöhnlich deshalb, weil hier ausnahmsweise mal von schönen Terzen abgesehen wird und sich die Harmonien so richtig schön reiben. GÄN-SE-HAUT. Naja, vielleicht für jemand, der hauptsächlich mit den Prinzen und den Wise Guys musikalisch sozialisiert wurde. So wie ich. Natürlich bleibt danach noch genügend Zeit, um Pink Floyd mal zu zeigen, wie Gitarrenmusik richtig funktioniert. Fast pünktlich zum 50. Geburtstag von „Dark Side of the Moon“. Dieses unverhofft frühe Rendezvous mit einem Gitarrensolo vor Anbruch der zweiten Songminute ist mindestens genau so episch wie die Soli der Altrocker, allerdings weniger pathetisch.


    Harte Zärtlichkeiten
    Rolf Blumig, Zirkus Blumig, neues Album, Staatsakt, Psychadelic Rock, Antirock, German Rock, Fiderallala, Sicherheit, by Nathalie Valeska Schüler

    Betrachten wir Titelliste, geht es ähnlich positiv gestimmt zum zweiten Song: „Fiderallala“. Das klingt nach Vogelhochzeit. Das muss heile Welt sein. Nur leider stimmt das nicht. Pauschaltourismus, Billigreisen und masochistische Gewaltfantasien: Das gehört in Blumigs Welt einfach zusammen. Eine Szene unangenehmer als die andere vor einer hübschen All-inclusive-Kulisse. Das lässige Indiepop-Mäntelchen, das der Leipziger dieser Tabuzone überwirft, setzt der Zynik die Krone auf. Da weiß ich gar nicht, was ich noch sagen soll. Außer toll natürlich.


    „Ich ess’ den Monat nichts,
    dann fahren wir auf Fuerte
    Doch sind wa vom Buffet weg,

    gibst du mir die Gerte“


    „Cornern“, zu Deutsch etwa „herumlungern“, klingt wie ein zärtlicher Kuss von Mac DeMarco und Kevin Parker von Tame Impala. So, als hätten diese beiden dann anschließend ganz verliebt eine Session zusammen aufgenommen: In alle Richtungen verbogene Akkorde treffen analoge Synthesizer und drei Meter hohe Gitarrenwände. Die Ghost Notes der Snare im Chorus von „Mit dir“ sorgen hingegen für ein beschwingteres Kopfnicken. Ich fühle mich hier sehr an Grizzly Bear erinnert, jedes Instrument macht sein Ding, aber alles fließt ineinander. Die romantische Vorstellung, eng umschlungen mit einer geliebten Person in ein paar tausend Jahren als Fossilien ausgegraben zu werden, wird hier zu so etwas ähnlichem wie ein Liebeslied. Das ist erfrischend und irgendwie süß.


    Premiumheu für euch alle

    Durch die brütende Hitze irgendwo in der nordafrikanischen Wüste schleppt sich „Sicherheit“ zur nächsten Oase, zumindest klingen die Gitarrenriffs und das King-Size-Bett von einem Basston sehr nach Sahara-Rockbands wie Tinariwen oder Tamikrest. Rolfie karikiert im Text vermutlich das Sicherheitsbedürfnis des rechten Randes im Joggingdress, gekrönt mit der Krone aus dem Happy Meal. Vermutlich — denn was das alles genau zu bedeuten hat, bleibt angenehm ungewiss. Eine Sicherheit gibt es: beim Hören fängt das Gehirn mal wieder an zu arbeiten.

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    Richtig ausgefuchst wird es beim Song „Premiumheu für Maxi“. Dieses Highlight des Albums ist eine bitterböse Millieustudie, in der sowohl die blondierte Angelika, die glatzköpfigen Gestalten in der Kneipe und Tim aus dem Bio-Supermarkt von Dr. Blumig untersucht werden. Neugierig aufgeschnappte Gesprächsfetzen fädelt er uns da geschickt auf die Kette. In diesem Puzzle passt zwar kein Teil richtig ineinander, aber Rolf Blumig drückt sie mit Gewalt einfach da rein, wo sie ihm gefallen. Zum Schluss ergibt sich trotzdem ein Bild. Vielleicht ein viel interessanteres.


    „Die Welt ist schlecht, die Bar ist voll
    Und drinnen sabbern alte Ois
    Der Kopf ist kahl, das Bier ist schal
    Das immer ewig selbe Hamsterrad
    Doch wer soll die Couch bezahlen?
    Das Pack, was sie näht?
    Das Pack, was sie trägt?
    Ja, drei Mal kannst raten, wa?“

    Living in Peace

    Im letzten Song des Albums werden alle Kitschkanonen zum finalen Schlag in Stellung gebracht. Ich bin so dermaßen verwirrt allein schon vom Anfang, wo hat Rolf Blumig auf einmal dieses Orchester her? Und warum klingt genau so wie bei Night of the Proms im britischen Fernsehen? „Ja zum Leben“, ein letzter zynischer Gruß dieses beeindruckenden Albums, ist eine kleine Liebeserklärung an die schönste Nebensache der Welt: Nein, nicht Sex! Fußball! Und dann auch noch im Ruhrpott. Ab und zu ein kleines musikalisches Zitat aus Lennons „Imagine“ — da hat Rolf Blumig doch wirklich nicht zu tief in die Effekt-Besteckschublade gegriffen und diesem einzigartigen Lebensgefühl angemessen gehuldigt. Da holt er wirklich jede*n nochmal mit ab, wenns um Fußball geht, dann wird’s einfach emotional.

    Im „Zirkus Blumig“ hat also wirklich jede noch so kuriose Attraktion ihren Platz gefunden. Erzählt und ausgewählt vom kaum zu fassenden Direktor, Rolf Blumig himself. Die Miniaturen, die er uns in jedem Song nahelegt, schmerzen, oft sind sie knallhart. Manchmal will man gar nicht hinsehen. Rolf Blumigs Charaktere sind quasi die Einrad-Artisten beim Drahtseilakt. Musikalisch serviert er ein 1a produziertes Rockalbum mit viel Platz auf den Gehwegen neben dem Mainstream. Das Ganze eingespielt von seiner topbesetzten Zirkuskapelle, die die Darbietungen noch einmal spannender machen. Aus Deutschland habe ich so etwas noch nie gehört. Weltsensation! Weltsensation! Go and grab a copy!

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    Fotocredit: Nathalie Valeska Schüler

  • Exklusive Videopremiere: The xUrbs und „Running Home“

    Du hast Feierabend und brauchst einen passenden Song, während du ungeduldig nach Hause hastest. Kein Problem, denn dein Lied der Woche heißt „Running Home“. The xUrbs veröffentlichen das Musikvideo zu ihrem zweiten Song der am 03.03.23 erscheinenden EP „Stranded“ und strahlen mit ihrer neuen Single Euphorie und Sehnsucht aus.

    Die drei Berliner Jungs wirbeln mit eingängigen Indie Pop durch die Bühnen und Proberäume der Stadt und bereiten sich aktuell auf zahlreiche Live-Konzerte im Sommer vor. Sie lieben es, sich in ausgetüftelte musikalische Live-Arrangements einzutüfteln und überraschen immer wieder mit gefühlvollen musikalischen Momenten. Die mehrstimmige Gesangseinlagen, ekstatischen Gitarrensolos und tanzbaren Drum-Grooves sind zweifelsohne ein Genuss für alle Musikliebhaber*innen.

    Neben Promo & Proben schaffen The xUrbs es dennoch uns mit einem Musikvideo zu versorgen, das unsere Ungeduld auf die kommende EP vorerst ruhigstellt.

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    „Lola rennt“-mäßig laufen The xUrbs durch ihr neues Musikvideo auf der Suche nach einem emotionalen zu Hause. Die Band spricht in „Running Home“ ein Thema an, das uns alle ein Leben lang mal mehr, mal weniger umhertreibt. Auch wenn der Inhalt durchaus ernst ist, versprühen die Jungs in dem Musikvideo eine Lockerheit und Leichtigkeit, die uns daran erinnert, nicht zu verkrampft mit der Suche nach uns selbst und unserem Wohlfühlort umzugehen. Denn jeder wählt einen anderen Weg und jeder dieser Wege ist der Richtige! Wieso also nicht dabei ein bisschen Spaß haben?

    Am 02.03. spielen The xUrbs ein exklusives Release-Konzert zur EP „Stranded“ im Privatclub in Berlin. Unterstützt die Jungs, indem ihr euch ein Ticket kauft, ihre Instagram Seite checkt und fleißig streamt, streamt, streamt! Ihr wisst, Musiker*innenherzen schmeichelt man am Besten, indem man ihre Musik hört 🙂

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  • Till Otter im Interview: »Ich brauchte diesen Song selbst«

    Till Otter im Interview: »Ich brauchte diesen Song selbst«

    Wie klingt die Hoffnung auf wärmere Tage und den Frühling, einen Neuanfang und ein Danach? – Till Otter beantwortet diese Fragen mit dem Song Eure Blumen, der letzten November erschien. Während sich their letzte EP Morgentau (2021) mit their Depressionserkrankungen auseinandersetzt, handelt Eure Blumen nun von einem Neuanfang. Passend dazu unterstreicht der neue Synth-Pop-Sound den von Hoffnung und Mut handelndem Song und macht Lust auf mehr. Letzte Woche haben wir mit Till über Eure Blumen gesprochen, wie es them im letzten Jahr erging und warum they den Song selbst gebraucht hat.


    Eure Blumen ist für mich ein Liebesbrief an all die aktuelle Popmusik, die mir zeigte, wie mein Leben und wie ich sein kann. An all die Musik, die mir Hoffnung gab und mich spüren ließ: Es gibt ein Danach.“

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    Till Otter im Interview


    Julia: Hi Till! Schön, dass wir heute miteinander quatschen. Magst du dich kurz vorstellen, für alle Menschen, die dich noch nicht kennen? 

    Till: Hi! Mein Name ist Till und ich bin Musiker, ansässig in Köln. Ich mache Musik die man, glaube ich am ehesten als deutschsprachigen, theatralischen Pop bezeichnen könnte. 

    Julia: Eine wichtige Frage zu Beginn, wie geht es dir? 

    Till: Gut, gut. Ich habe nicht so viel geschlafen, weil das Dschungelcamp gestern sehr aufwühlend war. *lacht* Das hat mich ein bisschen mitgenommen, aber ansonsten geht es mir gut. Ich bin gut ins neue Jahr gekommen und alles läuft so, wie es soll. 

    Julia: Das ist schön zu hören! Du hast im November letzten Jahres deinen neuen Song Eure Blumen veröffentlicht. Eine Hoffnungs-Hymne, für die man in dieser grauen Jahreszeit sehr dankbar ist. Möchtest du kurz erzählen, was deine Gedanken hinter dem Song waren?

    Till: Das ist schön zu hören. Das war auch der Gedanke dabei, diesen Song im Winter zu releasen, wenn alles so trist und trüb draußen ist und man dann einen Song hat, der einem fröhliche Frühlings- und Sommergefühle vermittelt. Aber der Song bedeutet mir selbst auch sehr viel. Erstmal ist es für mich ein Song nach meiner EP, die sich sehr stark mit Depressionen, die ich hatte, auseinandergesetzt hat. Es ist ein Song, der aufbricht in eine hoffnungsvollere und positivere Zukunft – mal ein fröhlicher Song mit einem glücklicheren Sound. Gegen Ende meiner EP hatte sich das schon langsam angebahnt, aber ich wollte einfach mal irgendeinen Song haben, der nicht komplett depri ist. Ich brauchte diesen Song selbst, einer der mir gute Laune und Mut macht. Das ist Eure Blumen geworden.

    Gleichzeitig ist es für mich der Song gewesen, der sich mit meinem alten Coming Out auseinandergesetzt hat und nun auch mit meinem Neuem. Ich habe mich nämlich mit 20 oder 21, jedenfalls spätestens bei meiner Familie, als homosexuell geoutet und vor allem in den letzten paar Jahren gemerkt, dass ich immer noch sehr viel internalisierten Kram zu verarbeiten hatte und mir selbst auch gar nicht erlaubt habe, aufzublühen und die Person zu sein, die ich eigentlich sein will und sein kann. Ich glaube, dass steckt auch im Song mit drin – das Ausbrechen aus Erwartungen. Am Ende dieser Entwicklung stand nun mein zweites Coming Out als non-binär. Ich sehe den Song jetzt in einem anderen Licht, weil ich das Gefühl habe, dass ich mich langsam von sehr vielem frei mache, was mich lange Zeit eingeschränkt und belastet hat. 


    „Denn die Blumen die aus meinen Narben wachsen,
    ergeben sicher einen schönen Strauß.“


    Julia: Die Gefühle, die du gerade beschrieben hast, kommen im Song auch ziemlich gut rüber. Man hat einen gewissen Übergang gesehen, von deiner letzten EP Morgentau hin zu Eure Blumen. Der letzte Song der EP beginnt mit „Aus meinen Wunden wuchsen Blumen“ – wie ich finde ein sehr schöner und cleverer Übergang. Ich mag aber vor allem die Blumen-Matapher total gern.   

    Till: Kleiner Funfact! Ich hatte selbst vergessen, dass ich diese Zeile im Song Morgentau geschrieben hatte.

    Julia: *lacht* Echt jetzt? 

    Till: Ja, ich habe dann kurz bevor der Song rauskam, vier oder fünf Wochen vorher, nochmal die EP und eben diese Zeile gehört und war so, what? Ich habe dann mit ein paar Freund:innen geredet und gefragt, ob denen das aufgefallen ist. Die haben auch gedacht, dass sei mit Absicht gewesen.

    Julia: Okay, funny! Es passt auch einfach gut. Du bist zwar schon kurz darauf eingegangen, aber war das Schreiben des Songs für dich eine Art Erlösung?

    Till: Ich hatte vor allem in der Zeit nach der EP eine Schreibblockade. Mehr Leute sind auf mich und meine Musik gestoßen, gerade wegen der EP, und damit wuchs der Druck in mir, dass ich etwas machen wollte, was diesen Leuten auf jeden Fall gefallen wird. Ich bin dann erstmal gar nicht weitergekommen und habe mich aber irgendwann davon losgelöst und zu mir selbst gesagt, dass ich einfach Musik mache, auf die ich Bock habe. 

    Ich weiß nicht, ob ich das Wort Erlösung benutzen würde, aber abseits des Schreibens hat mir gerade das Hören des Songs Freude bereitet und mich auf eine Art und Weise beruhigt. Letztes Jahr war bei mir viel los mit Stress, einer Angststörung und Panikattacken, die aufgetreten sind und mit denen ich vorher noch keine intensiven Erfahrungen gemacht habe. Deswegen habe ich den Song auch einfach selbst gebraucht.

    Julia: Du hattest ja eben schon gesagt, dass der Song nicht kurz vor Release entstanden ist. Wie lange hat der Entstehungsprozess denn gedauert? 

    Till: Vincent, mit dem ich meine EP produziert habe, und ich haben an mehreren Songs und Ideen gleichzeitig gearbeitet. Das heißt, es hat sich schon über eine gewisse Zeit gezogen. Wir haben auch ein bisschen gebraucht, um den Sound zu bekommen, den ich haben wollte. Aber als sich der gefunden hat, ging es flott. Der Text stand auch relativ schnell. Ich glaube im Februar haben wir die Vocals recorded und im März/April kam das Mixing. 

    Julia: Wo du gerade den Sound ansprichst, da hat sich auf jeden Fall was geändert. Ich würde mal sagen, weniger Melancholie und mehr Euphorie. Wird es bald nochmal traurig?

    Till: Es gibt ja schon Songs, die geschrieben und fast fertig sind. Teilweise sind die auch trauriger und düsterer. Es sind aber trotzdem keine Songs wie Apokalypse Wow, in denen irgendwelche Weltuntergangsbilder gezeichnet werden. Die Songs sind ein bisschen realitätsnäher und sehr viel direkter geschrieben. Und auch wenn sie düsterer sind, werden sie definitiv mehr Fun sein. I don’t know. Sie wiegen nicht mehr so schwer wie die, die ich bisher geschrieben habe, glaube ich.

    Julia: Speaking of fun… Du hast vor kurzem dein Musikvideo zu Eure Blumen veröffentlicht und scheinst beim Dreh großen Spaß gehabt zu haben. Was hat es eigentlich mit dem gelben Mantel auf sich? War das Zufall?

    Till: *lacht* Nein, das war kein Zufall. Ich habe lange überlegt, was ich da anziehen kann und hatte dann irgendwann die Idee, die sich dann auch im Artwork der Single wiederfindet – mit der Sonnenblume. Ich dachte mir eine Sonnenblume ist ganz schön, die reckt sich immer dahin, wo die Sonne scheint und das ist auch irgendwie das Bild des Songs. Ich fand die Idee mit dem Regenmantel eigentlich ganz nice, weil ich so die Farben der Sonnenblume angenommen habe – grüne Joggingshose und gelber Regenmantel. Passte dann gut, als wäre ich selbst in den Farben von einer Sonnenblume aus dem Berliner Blumenacker rausgekommen, den wir da gebaut haben.

    Julia: Hast du auch schon live getragen!

    Till: Der Mantel ist mein favourite piece of clothing aktuell. Der macht mich sehr, sehr glücklich, muss ich sagen.

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    Julia: Was sind denn deine Lieblingsblumen? Das muss jetzt gefragt werden.

    Till: Ohh, ähhm…

    Julia: Meine ist die Sonnenblume. Hehe. 

    Till: Ja, irgendwie komme ich mir auch doof vor, wenn ich jetzt nicht Sonnenblume sage. *lacht* Andererseits wäre es auch ein bisschen langweilig. Ähm, warte kurz. Ich muss einmal sichergehen, dass ich nicht die Falsche sage. *googelt* Ach, das ist sie doch! Hyazinthe. Ich sage Hyazinthe. Die sind doch schön.

    Julia: Sehr gute Wahl! Du hast es eben schon angesprochen, aber dann können wir davon ausgehen, dass weitere Releases dieses Jahr kommen? Möchtest du was verraten?

    Till: Wir haben ein paar Akustikversionen von Songs aufgenommen, die ich schon released habe. Die werden nach und nach in den nächsten Wochen eintrudeln. Es wird wahrscheinlich im Laufe des Jahres eine Reihe an Singles erscheinen, die aber nicht unbedingt an ein EP-Konzept gekoppelt sind. Es sind halt eher einzelne Songs, die auch gut für sich stehen. Ich kann natürlich noch nicht verraten, wann sie erscheinen. Nach der Morgentau EP war es ja erstmal eineinhalb Jahre still und das wird dieses Mal nicht so sein.  

    Julia: Ich stelle mir „Eure Blumen“ live richtig gut vor. Wie sieht deine Besetzung auf der Bühne aus? 

    Till: Das ist eine Sache, an der ich gerade arbeite. Ich hatte im Dezember das Glück, relativ spontan für die Künstlerin Sofia Portanet im Gleis 22 in Münster Support spielen zu dürfen. Da habe ich mit Vincent, mit dem ich auch produziere, relativ flott ein Live-Setup gebastelt, was gut funktioniert und auch Spaß gemacht hat. Aktuell werde ich entweder alleine oder zu zweit oder zu dritt auftreten. Mir liegt auch viel daran, dass so viel wie möglich von den Instrumenten live gespielt wird und wenig vom Band kommt. Gleichzeitig muss man natürlich gucken, wie viel davon umsetzbar ist.

    Julia: Hast du einen Wunsch für dieses Jahr, hinsichtlich deiner Musik, was du gerne erreichen würdest?

    Till: Ja, da habe ich mehrere. Erstmal würde es mich sehr dolle freuen, wenn am Ende diesen Jahres mehr Leute meine Musik hören. Das wäre sehr schön. Und wenn es die Leute glücklich macht und ihnen Freude bringt, weil auch dafür mache ich Musik. Mein zweiter Wunsch ist sehr spezifisch, aber in Köln gibt es das Artheater und dort gibt es das Artheater Basement. Ich finde beides super toll! Da habe ich letztes Jahr bei der c/o pop Festival viele tolle Gigs gesehen, die mich sehr glücklich gemacht haben. Das ist meine Dreamlocation und es wäre ein Traum dort mal zu spielen und ich hoffe, dass das irgendwie in naher Zukunft passieren wird. Ich würde da sehr gerne eine sehr volle, schwitzige, laute und wilde Show spielen. 

    Julia: Ich drücke die Daumen! Die letzte Frage ist bei uns immer eine untold story, also eine Geschichte oder Anekdote, die du noch nie irgendwo erzählt hast. Was wäre deine untold story?

    Till: Es gibt wahrscheinlich Milliarden… Aber Ende letzten Jahres wurde ich ganz lieb von Lisa-Marie auf Instagram angeschrieben. Sie hat mir erzählt, dass sie sehr gerne malt und angefangen hat eine Leinwand zu bemalen, die von der Morgentau EP inspiriert ist. Ihr Ziel war es, ein Bild zu machen, dass man nur versteht, wenn man die EP gehört hat. Und diese Leinwand hat sie mir geschickt. *zeigt mir die Leinwand*

    Julia: Wow? Das sieht mega aus! Crazy. Großes Kompliment. 

    Till: Das ist auf jeden Fall richtig toll! Ich habe die EP ja während der Pandemie veröffentlicht und dadurch auch wenig direktes Feedback bekommen, weil man einfach nicht so viele Leute gesehen hat. Man hat dann immer das Gefühl, alles verpufft im Netz. Das war für mich total schön, weil da eine Person auf meine Musik gestoßen ist und ihr anscheinend so viel Freude gemacht hat, dass sie angefangen hat eine Leinwand zu bemalen. Das war einer meiner Happy Moments aus 2022. 

    Julia: Das ist wirklich ein schöner Abschluss!

    Till: Das stimmt!

    Julia: Ich danke dir für das schöne Gespräch, Till! 

    Till: Ich danke dir und freue mich!


    Fotocredits: Moritz Holstein

  • Annas Jahresrückblick: … doch mit einem Song war es Liebe auf den ersten Blick

    65.481 – so viele Minuten habe ich in diesem Jahr auf Spotify Musik gehört. Das sind 45 Tage oder besser gesagt 1 1/2 Monate. Wenn der Streamingdienst nicht schon am 31. Oktober aufhören würde die Daten zu sammeln oder auf wundersame Weise noch die Minuten meines CD-Players on top rechnen könnte, wären es wahrscheinlich noch ein paar mehr. Aber eigentlich tut das auch nichts zur Sache und wundert mich wenig, denn das mit auch in 2022 wieder eine Menge Musik begleitet hat, wusste ich eigentlich auch ohne die Spotify-Statistik.

    Gute Vorsätze für das Jahr wurden eingehalten

    Was steckte also drin in dieser vollgepackten Wundertüte, die sich meinen Musik-Konsum tauft? Klären wir die wichtigsten Fakten gleich einmal zu Beginn.


    Song des Jahres: Sharks – BROCKHOFF
    meistgehörte Künstlerin: BROCKHOFF
    EP des Jahres: Sharks – BROCKHOFF

    Ok, zugegeben, ich liebe die Musik von BROCKHOFF sehr. Ermahnenderweise hat mir Spotify mir in meinem Jahresrückblick dargelegt, dass ich „Sharks“ ganze 171 Mal gehört habe. Das sind ca. 500 Minuten, beziehungsweise 8 1/2 Stunden – was im Vergleich zum Rest gar nicht so viel wirkt.

    Ja, ich kann den Song im Schlaf mitsingen und ich bin schäme mich dafür nicht. Nein, ich bin sogar stolz drauf. Denn im vergangenen Jahr habe ich mir in meinem Jahresrückblick eine selbsternannte Frauenquote verschrieben. Siehe da: In diesem Jahr ist eine Frau an der Spitze meines Jahresrückblicks. Da kann man schonmal stolz drauf sein.

    In „Sharks“ geht es um eine Hausparty, auf der die Sängerin Lina sich einfach nicht verstanden fühlte, wie sie mir im Sommer im Interview erzählt hat. Lines wie „the peer pressure is bringing me down“ oder „they’re playing shark games while they laughed at me for the sad song“ lassen mitfühlen und versetzen direkt in die Situation, die BROCKHOFF beschreibend besingt.

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    Weitere tolle Frauen, deren Musik mich durch’s Jahr gebracht hat: Blush Always, Matilda Mann, Nina Chuba, Snail Mail, Soccer Mommy, Power Plush, Gwen Dolyn, THALA, NewDad, Mia Berg, SERPENTIN, Holly Humberstone, nothhingspecial und Yowlandi

    Anscheinend sind die Songs von Brocki genau das, was mein verlorenes Indie-Rock-Herz in diesem Jahr brauchte, um zu kompensieren, dass es nichts Neues von The Neighbourhood gab. Denn meine eigentliche große Liebe hat in diesem Jahr zum ersten Mal keinen Platz im Jahresrückblick gefunden. Abgelöst wurde die amerikanische Band stattdessen auf der Position meiner „comfort music“ von Edwin Rosen. Seine Musik ist für mich: Ganz viel fühlen, lauthals mitschreien und dabei nervös auf und ab hüpfen – egal ob aufm Konzert oder mit Kopfhörern im Ohr beim Wäsche aufhängen.

    Von der Neuen Neuen Deutschen Welle an Land gespült

    Edwin Rosen hat für mich die Tür in die Welt der Neuen Neuen Deutschen Welle geöffnet. Ein Genre, in dass ich mich 2022 Hals über Kopf verliebt habe. Anscheinend ging das nicht nur mir so, denn unsere „new wave universe“ Playlist hat irgendwie einen Nerv getroffen und befindet sich nun in der Spotify-Bibliothek von 107 tollen Menschen. Auch das macht mich ein bisschen stolz.

    Besonders geliebt habe ich vor allem „222“ von Nils Keppel und „Wenn du da bist“ von TEMMIS. Beide Acts durfte ich auch schon persönlich kennenlernen und live sehen. Vor allem TEMMIS-Sänger Roman hat eine Energie auf der Bühne, die einfach krass ist. Anders kann ich das gar nicht beschreiben. Ich bin sehr gespannt, was aus der new wave bubble 2023 noch so kommt!

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    Neben ganz vielen Neuentdeckungen gab es aber natürlich auch eine Konstante und die kommt natürlich wieder (wie könnte es auch anders sein) aus dem Indie-Rock. Mit „Everything You Will Ever Need“ haben sich die Jungs Razz mal wieder direkt in mein Herz gesungen. Das Album hat seine Höhen und Tiefen, ist emotional und zugleich tanzbar. Meine Favoriten sind definitiv „Lost in the woods“ und „Talking for hours“ – beide haben etwas dramatisch, mystisches mit einem unerwartetem Hoffnungsschimmer in sich.


    Alben, die ich ebenfall sehr gefeiert habe: „Universum regelt“ von Schmyt, „Gelb ist das Feld“ von Bilderbuch

    Komme ich zu meiner letzten Kategorie für heute: Livemusik! Ich brauche wahrscheinlich nicht betonen wie absolut schön es war, dass dieses Jahr wieder so viele Konzerte und Festivals stattgefunden haben. Ich hab’s sehr geliebt. Hier also meine Highlights.

    Ganz oben auf meiner Liste der Highlights: Das Sziget Festival in Budapest. Als eines der größten Festivals in Europa konnte sich das Line-Up auf jeden Fall sehen lassen. Ich versuche mal kurz Ordnung reinzubringen, auch wenn mein Gehirn immer noch nicht realisiert, dass ich diese krassen Künstler*innen live gesehen habe:


    Arctic Monkeys
    Tame Impala
    Holly Humberstone

    Und natürlich noch super viele mehr. Aber diese drei Shows haben sich ziemlich in meine Erinnerung gebrannt. Fangen wir mit Holly Humberstone an: Die 23-jährige Britin kommt auf die Bühne und stimmt direkt „Overkill“ an. Man stelle sich eine vor Fangirl-Gefühlen nicht klarkommende Anna vor, wie sie versucht im Graben noch ein paar gute Fotos zu schießen. Ich habe mein Bestes gegeben, aber die Tränen haben mich überkommen. Alles andere als journalistische Professionalität, aber einer der schönsten Momente.

    Next one: Tame Impala. Ein Künstler, den ich eigentlich dachte, in meiner Lebenszeit nicht mehr live zu erleben. Kennt ihr diese Acts, von denen ihr immer denkt es wäre ja sowieso total utopisch, sie auf einem Konzert zu erleben? Das ist Tame Impala für mich. Ich stehe also wieder im Fotograben vor der Bühne und knipse so vor mich hin. Als ich nach den ersten drei Songs wieder in die Masse geschickt werde, fange ich an zu realisieren: Das ist wirklich Kevin Parker da vorne auf der Bühne. Die Show rauscht an mir vorbei. Es fühlt sich irgendwie trippy an. War das wirklich real? Das einzige, was mir versichert, dass ich nicht geträumt habe, sind die Fotos auf meiner Kamera und das eine Video, was ich geistesabwesend gedreht habe.

    Die Nummer 1 gehört aber unangefochten den Arctic Monkeys. Alex Turner, zwei gigantische Leinwände und „505“ läuft. Mehr schreibe ich dazu nicht – ihr seht’s im Video.


    Weitere verdammt tolle Festivals, auf denen ich 2022 war: Pop Salon, Apple Tree Garden, KiezKultur
    Shows, für die ich keine Worte finde: nand auf dem Apple Tree & Flawless Issues auf dem KiezKultur

    Was gibt’s sonst noch zu sagen?

    Wer im letzten Jahr schon dabei war und meinen Rückblick gelesen hat, der tut mir leid, der fragt sich jetzt bestimmt: Wo bleibt der schwedische Indie Pop? Keine Sorge, das habe ich natürlich nicht vergessen. Mein schwedischer Lieblingssong des Jahres war „En midsommarnattsdröm“ von Håkan Hellström. Der „Mittsommernachtstraum“ erinnert mich an genau das: Mittsommer in Schweden. Nachts um 3 Uhr, wenn es vom Dämmern wieder hell wird, spazieren gehen und Blumen sammeln. Das Leben ist leicht und riecht wie frischgemähtes Gras. Ich habe gerade ganz starkes Fernweh als ich diese Zeilen schreibe. (Das Foto ist um 03.53 Uhr entstanden)


    „Alte“ Songs, die ich wiederentdeckt habe: „Der Kommissar“ – Falco, „Von hier an blind“ – Wir sind Helden, „Mountain Sound“ – Of Monsters And Men

    So, jetzt bin ich gefühlt alles und nichts losgeworden von meinem musikalischen 2022. Falls es noch nicht deutlich geworden ist: Es war ein tolles musikalisches Jahr! Hier noch die obligatorische Playlist für’s ultimative Verwirren eurer Trommelfelle:

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  • Lucas‘ Jahresrückblick: Für kurze (und lange) Aufmerksamkeitsspannen

    Lucas‘ Jahresrückblick: Für kurze (und lange) Aufmerksamkeitsspannen

    Als angehender Pädagoge ist mir eines bei diesem Jahresrückblick besonders wichtig: Alle potenziellen Lesenden entsprechend ihrer Bedürfnisse abzuholen und zufriedenzustellen. Daher bietet diese Rückschau unterschiedliche Stufen des Konzentrationsspektrums. Von ADHS slash TikTok type of Aufmerksamkeitsspanne bis zu Musik Hedonist*in für den oder die Zeit keine relevante Größe ist, ist alles möglich. Ob in 8 Sekunden über den Artikel scrollen oder die nächsten vier Tage damit verbringen jeden Song, jede EP, jedes Album und jedes Musikvideo anzuschauen, um eine detaillierte Persönlichkeitsanalyse zu entwickeln: alles ist erlaubt!

    Damit letzteres nicht tatsächlich eintritt, nehme ich es bereits vorweg: Meine Hörgewohnheiten sind die eines verrückten Dinosauriers. Denn erstens, ich höre noch gesamte Alben. Zweitens, ich höre die meisten Alben nur ein Mal „aus Interesse“. Drittens, ich höre keine Playlists außer die New Music Friday Playlist und erstelle auch keine eigenen und viertens, ich höre noch gesamte Alben!!.

    Wer jetzt noch nicht aufgegeben hat: enjoy the show, but I warned you! Zur mentalen Einstellung auf was folgt, kommen hier die blanken Zahlen: 33 neue Lieblingssongs, 23 besuchte Konzerte, 7 neue Lieblingsalben, 6 geschriebene Reviews, 3 Lieblings-EPs und 1 eigener Auftritt. Welche Aussagekraft diese Zahlen haben und was sie von mir preisgeben, ich habe keine Ahnung.

    On a sidenote: alle Socials, Songs und Musikvideos sind verlinkt, wenn ihr auf die Artists bzw. Songtitel klickt, außer Rachmaninow und Schostakowitsch. Die sind schon tot.

    Musik Moment des Jahres

    📈 23. September eigener Auftritt 📈
    im Badehaus, naja im Backstage … vom Badehaus …

    Review des Jahres

    Kurz vorm Ende der Welt hören wir Ami Warning
    Werbung in eigener Sache direkt am Anfang des Artikel – check!

    AMI, KVEDW, cover, ami, clear, rooom, blaue augen, cover,ami warning, untoldency, online magazin, review, kurz vorm ende der welt, mixtape, ep, indie, deutsche musik

    Konzerte des Jahres

    Olivia Dean im Festsaal Kreuzband
    70€ für einen Scam verballert um 25min Olivia Dean als Vorband zu sehen

    im Kesselhaus
    bester Schlagzeug Sound in meinem Leben

    Leon Bridges im Huxleys
    neue Elvis Presley

    070 Shake im Berghain
    was im Berghain passiert bleibt im Berghain

    Staatskapelle Berlin: Rachmaninow, Schostakowitsch in der Philharmonie
    Das ist noch echte Musik!

    Oehl im Franz Club
    Wackeldackel als Mensch

    EPs des Jahres

    Apsilon – Gast
    Deutsches Gewissen

    Joalin – I’m The One
    Instagirl kann singen

    𓃠 Marie Bothmer – Swimmingpool 𓃠
    Deutsche Billie Eilish

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    Alben des Jahres

    💖 Benee – Lychee 💖
    Neuselländische Billie Eilish mit Depressionen & ADHS

    070 Shake – You Can’t Kill Me
    Sound of the Youth & malnourished Cruuuuuush!

    Ami Warning – kurz vorm Ende der Welt
    Musik kurz vorm Ende der Welt

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    Songs des Jahres

    🕺$oho Bani, Longus MongusINZIDANCE 🕺
    MACH DEN INZIDANCE; MACH DEN INZIDANCE, MACH DEN INZIDANCE!

    Swedish House Mafia, StingRedlight
    2000er Techno Revival

    OehlKeine Blumen
    weinen auf österreichisch

    Noah CyrusMr. Percocet
    verstehe jetzt Republikaner 1% besser

    EvinYarê
    Liebe auf den ersten Blick

    PabstMercy Stroke
    nächste Blink182

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    Musikvideos des Jahres

    🐿 Deichkind – Natur 🐿
    letztens ein Laubgebläse benutzt, ist ganz geil

    Caroline Polacheck – Sunset
    Welcome to the 20th Century

    Joalin – Angelito
    Bring me back the summer pls!

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    Entdeckung des Jahres

    🜲 Levin Liam 🜲
    klingt wie wenn die Zunge langsam taub wird vom Hustensaft aber das Kribbeln ist eigentlich ganz angenehm

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    Scheißsong des Jahres

    Black Eyed Peas, Shakira, David Guetta – DON’T YOU WORRY
    hass

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  • untoldency proudly presents: Shygirl am 06.12.2022 in Berlin

    untoldency proudly presents: Shygirl am 06.12.2022 in Berlin

    Wie spannend kann Female Rap sein? Seeeeeeeeehr!! Das beweist uns unsere heutige Konzertpräsentation. Denn wir laden euch ein zum Konzert von Shygirl am kommenden Dienstag, den 06. Dezember 2022 im Astra Kulturhaus. Die britische Künstlerin hält auf ihrer World Tour in nur 5 europäischen Städten und Berlin gehört glücklicherweise dazu! Bevor also der Hype um die unglaubliche versatile Künstler*in zu groß wird, um Tickets zu bekommen, schlagt noch schnell zu über unsere Ticketverlinkung!


    Britische Extravaganz!

    Es ist irgendwie immer das Gleiche: Das Essen ist scheiße, aber die Musik unglaublich gut. Während die USA immer besser darin wird, massenweise weichgespülten Hip Hop durch die Radios zu schleusen, bringt Großbritannien, insbesondere London, immer wieder spannende musikalische Projekte hervor (Ed Sheeran ausgenommen). Shygirls erste Singles umspielten ganz intuitiv dem sich allmählich etablierenden Hyperpop. Doch auf dem zuletzt erschienenen Album „Nymph“ zeigt die Sängerin und Rapperin ihre Vielfältigkeit. Alles ist möglich und nichts klingt erzwungen! Die Leichtigkeit mit der Shygirl ihre Stimme butterweich über die genre-bending Instrumentals legt, macht unglaublich viel Spaß! Zudem umgibt die Britin eine unglaublich spannende Künstlerpersönlichkeit, die sekundenweise mit veralteten Stereotypen bricht.
    Ach, es ist eigentlich ganz leicht: Holt euch Tickets und genießt mir euren eigenen Ohren und Augen!

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    Tourdates

    Verfolgt Shygirl auf all ihren Socials wie zum Beispiel Instagram oder Spotify und denkt daran euch Tickets für das Konzert am 06.12.22 zu holen. Noch ist der Hype überschaubar und die Ticketpreise moderat.

    Nicht lang schnacken, kauft Shygirl Karten!

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  • Grim104 und Summertime Sadness im brennenden „Imperium“

    Kein schöner Land in dieser Zeit

    Wenn mir im Sommer die Sonne erbarmungslos auf den Kopf ballert, brauche ich Pommes rot-weiß im Prinzenbad, kaltes Gösser auf der Bank vor meinem Späti und neue Nikes – dann kann Sommer sein und dann bin ich bereit. Natürlich muss das alles auch von einem angemessenen Soundtrack unterlegt werden, denn jeder Sommer ist ja „the summer of my life“. Und ob nun Yaya Bey oder Ravyn Lenae, gute Musik gibt es auch in diesem Jahr für diese Momente. Allerdings halten sich die „The Sun is shining, the weather is sweet“-Yeahs nur solange, bis sich der erste Sonnenbrand auf der eigenen Gefühlswelt zeigt – und der kommt meistens sehr schnell. Spätestens im Juli schon schmecken die Frites pappig, das Radler ist zu süß und die Sneakers riechen irgendwie dann doch nur nach billigem Plastik, dessen Geruch mich an Bilder von brennenden Fabriken in Bangladesch erinnern. Die Summertime Sadness droppt rein – und in der Playlist läuft nur noch „Cruel Summer“ (Bananarama), „Summertime Sadness“ (Lana Del Rey) und „Moments in Love“ (The Art Of Noise) auf endlos Repeat.

    Wobei ich mit dem letzten Song bei Grim104 und seinem 3. Soloalbum angekommen bin. Denn dieser lässt mit dem besagten „Moments of Love“ sein 10-Track starkes „Imperium“ untergehen. Während Testo – die eine Hälfte von Zugezogen Maskulin – sich im Frühjahr mit „Nullerjahre“ durch den deutschen Feuilleton knüppelte und all denen eine Stimme gab, die Kohl und Schröder mundtot machten, arbeitete Grim104 an seiner Dekonstruktion der „Blühenden Landschaften“. Dabei stehen auf „Imperium“ – anders als zuvor – keine wiederbelebten Leichen und „Graue Grafen“ im Mittelpunkt sondern Ü30 Männer und ihre zerfallenden Reiche. Grim104 beleuchtet mittelalte weiße Männer, die dabei zusehen, wie vergessene Limousinen („Honda Legend“) einrosten, veraltete TV-Stars („Bam Margera“) sterben und erarbeitete Statussymbole („Voo Store“) Klassengrenzen dennoch nicht aufbrechen können. Er verhandelt auf „Imperium“ die Frage: Was macht ein „Nischenrap-Überboss“-Star, wenn die Dinge, die ihn prägten, verschwinden und alles, für was sie gestanden haben, bedeutungslos geworden ist? Gibt es für einen mitte-dreißig „Weirdo- Rap CEO“ noch andere, alternative Lebensentwürfe oder bleibt nur die große Midlife- Crisis?

    grim104, buback, imperium, zm, zugezogenmaskulin, untoldency, album
    Too Sad to Flex

    Potente Selfmade-Storys sind eng mit Rap verbunden. Dieses Genre vereint schillernde „Machertypen“, „Karrierefrauen“ und „Erfolgsmenschen“ und stellt sie im besten Social-Media-Licht dar. An diesen Erzählungen hatten ZM von Beginn an kein Interesse. Konsum-Gehabe diente ihnen immer dazu, aufzuzeigen, dass Menschen bei der Star- bzw. Boss-Transformation auf der Strecke bleiben, arme Fans reiche Stars reicher machen („Fans“) und für Musiker*innen nach dem Rausch nur kalte Asche bleibt („Exit“). Ging es um Status, ging es ihnen dabei auch immer um dessen Reflexion.

    Das ist auf „Imperium“ genau so. Sicherlich hat Grim104 immer noch klassische Flex-Momente: „[…] Ey, das ist AMI Paris, mein Parfüm von Diptyque […]“. Diese werden aber in den meisten Fällen nicht stehengelassen sondern eher lustig gebrochen: „[…] Du trägst […] Fishbone – wieso bist du so beliebt? […]“. Auf diese Weise ist sein Album auch kein verstaubter Vortrag aus dem Rosa-Luxemburg-Haus. Er doziert und moralisiert nicht – oder wie es in „Sonnenuntergang“ heißt: „[…] Was denn für mich links ist? Nicht das Suzie Grime-Links. Moralisch-überlegen-passiv-aggressive Instaslide-Links […]“). Vielmehr entwaffnet er sich selbst ehrlich und schonungslos. In „Voo Store“ schreibt er: „[…] Und vielleicht ist auch mein Ringen nach Klasse ein Zeichen dafür, dass ich doch gefangen bin in meiner Klasse […]“. Der Besitz und das Wissen über Upper Class-Symbole führen also nicht nur nicht zum Glück, sie verdeutlichen auch, dass ein Next-Level-Klassenaufstieg faktisch nicht möglich ist. In „Numb“ heißt es dazu: „[…] Alles tut weh, die Jobs, die wir machen, die Schulden, in den wir stecken seit Jahr’n […]“. Oder man muss schmerzlich erfahren, dass da an anderer Stelle deutlich mehr Kapital vorhanden ist: „[…] Wenn ich Yin Kalles Instagrampage auschecke. Wieso haben die mit zwanzig jetzt Geld für Dior? […] Ich kam mir damals mit Fred Perry wie ein Millionaire vor […]“. Das ist treffender Rap über die soziale Undurchlässigkeit in Deutschland. „[…] Kann da noch so viel Jil Sander gegen ankaufen. Im Voo Store seh‘ ich aus wie grad eben verlaufen. Der Preis, er ist hoch für ein Markenschwein sein. Ich geb‘ die Scheine gerne aus, sie bewahren den Schein […].“ Grim104 lässt auf diese Weise das neoliberale Narrativ „Vom Bordstein bis zur Skyline“ im Sand versinken oder – um es in einem anderen sprachlichen Bild auszudrücken – spült es wie ein heftiges Sommergewitter davon. Das ist für mich ernüchternd aber wohltuend.

    Rave the Summertime Sadness

    Warum „Imperium“ am Ende dann aber doch kein Midlife-Crisis-Totentanz ist, liegt vor allem an der Produktion von Kenji451. Insgesamt bieten die meisten Tracks trappige Hi-Hats und warme Synthie-Sounds, die mal verspielt vor sich hin zwitschern („Numb“), mal euphorisch die Gesangsmelodien begleiten („Abrakadabra“) und mal die ästhetische Chord-Fläche eines Songs bilden („Voo Store“).

    Wenn sich Grim104 zurücknimmt und die Musik ohne Rap-Parts durchläuft, fühle ich mich schnell in Momente versetzt, in denen ich etwas matt aber irgendwie glücklich durch eine warme Berliner Sommernacht fahre. Unterstützt wird dieses Gefühl auch durch Grim104s Entscheidung, weitestgehend auf seinen überschlagenden Wut-Rap („Rap.de“ vom ZM) zu verzichten und zum singenden Erzählen („Imperium“) zu wechseln. Die Teenage-Wut ist bei ihm gewichen und so wandelt er sich zu einem desillusionierten Ü30-Texter, dem man jetzt aber irgendwie lieber zuhört – nicht, weil man sich vor unbequemen Wahrheiten verschließt, sondern um Luft zu holen und nachzudenken, wie man diesen weiterhin begegnet. LGoony, einer der wenigen Gaststars auf dem Album, singt an dieser Stelle treffend: „[…] Ich krieg keine Luft, ich kann nicht mehr laufen. Ich brauch eine Pause, lass mich kurz chillen […].“

    Wie wichtig diese musikalischen Kurztrip-Retreat-Urlaube für mich sind, wird deutlich, wenn Songs wie „Bam Margera“, „Komm und Sieh“ und „Das Versprechen“ mich mit Themen wie Tod und Vergänglichkeit konfrontieren. Der Sensenmann sorgt bei mir nämlich selten für tropical Vibes. Hinzu kommt, dass die angesprochenen Tracks von tiefen Synthie-Bässen musikalisch untermalt werden. Die Bassheads unter den Hörer*innen wird es freuen.

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    Die größte musikalische Überraschung bietet der Track „Ü30 Männer im Club“ (feat. Kaiii). Hier stolpert Grim104 mit seinen Rap-Parts einem housigen Disco-Song hinterher. Gehetzt und aber nie wirklich cool, versucht er in der Musik anzukommen, ohne es wirklich zu schaffen. Das irritiert beim ersten Hördurchgang, macht beim zweiten aber schon wieder Sinn, da es die Deplatziertheit des Lyrischen Ichs im Club exakt musikalisch widerspiegelt. Sicherlich sollte die Tanzkultur grundsätzlich einen freien Raum für jede/ jeden anbieten und frei von Ageshaming sein. Grim104 stellt hier aber eine Figur aus, die weniger unbeholfen als viel mehr unangenehm ist. Das zeigt auch das Ende des Tracks:

    »Ich kann mir ein Taxi leisten und besoffen was zu Essen,
    ihr müsst auf den Nachtbus warten
    und kriegt nachher hoffentlich noch richtig auf die Fresse
    «

    Aus diesem Grund gelingt es Grim104, aus einer untighten House-Nummer ein Statement zu machen. Weißer Rap hat in einem Genre der Black Community so wenig zu suchen, wie ein besoffener, reicher und gehässiger Ü30 Mann auf einer Party.

    grim104, buback, imperium, zm, zugezogenmaskulin, untoldency, album
    Eine Alternative für Weirdo-Rap CEOs

    Rap-Musik steht in der Regel für Gegenwärtiges. Futuristische Versionen – ob nun textliche oder musikalische – werden eher in anderen Genre verhandelt. Sicherlich gibt es Ausnahmen wie Missy Elliott und Zebra Katz, der Großteil der Künstler*innen arbeitet sich aber am Hier und Jetzt ab.

    Das ist auf „Imperium“ auch nicht anders – fast jedenfalls. Bereits auf dem letzten ZM-Album wurde die Frage aufgemacht, was für einen Musikerbleibt, wenn man „[…] alles schon erzählt […] [und] bei Rock am Ring gespielt [hat]“ („Exit“). Den Strang nimmt Grim104 wieder auf und überrascht mit einem neuen Motiv. Gleich im ersten Song „Abrakadabra“ wird es mit dem Vers eingeführt: „[…] Ich bin ein Blatt, getragen vom Wind, wo trägt’s mich hin? Trägt es mir in meine Arme ein Kind? […]“. Der „Weirdo-Rap CEO“ („Voo Store“) setzt sich zaghaft mit dem möglichen Vatersein auseinander. Das ist für Deutschrap neu.

    Tatsächlich gibt es Musiker wie Sido, die über ihre Vaterschaft rappen. Dabei geht es aber immer schon darum, dass man Verantwortung für ein bereits lebendes Kind hat. Die Möglichkeit Vater zu werden, wird im Rap dagegen nie als Alternative zur Sinnfrage des Lebens aufgemacht. Grim104 versucht sich hieran, ohne dabei aber unglaubwürdig und pathetisch zu werden. Vielmehr spielt er verschiedene Szenarien durch und reflektiert deren Wirkung auf sich. In „Sonnenuntergang“ schreibt er: „[…] Ich bin […] eines Tages sicher Vater eines Kindes, das mich fragen wird, was denn für mich links ist […]?“. Die omnipräsente Summertime Sadness kann er damit auf „Imperium“ auch nicht vertreiben. Er schafft aber einen Grundton, der die Hörer*innen hoffen lässt, dass es nach dem Sommer noch etwas gibt, worauf man sich freuen kann. Der brennende Horizont – so auf dem Cover zum Album zu sehen – wartet vielleicht doch mit etwas Schönem auf.

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    Fotocredits: Ben Schieck

  • Die Welt geht unter mit Vincent Ancot, Till Otter und „Apokalypse Wow 2022“

    Die Welt geht unter mit Vincent Ancot, Till Otter und „Apokalypse Wow 2022“


    Der Gitarrist und Produzent Vincent Ancot fühlt sich von vielen Musikrichtungen beeinflusst. Der vielfältige Input lässt seine Musik über jegliche Eingrenzungen von Genres hinauswachsen. Dabei macht er sich das Unkonventionelle in seiner Arbeit zum Markenzeichen. Die Schwierigkeit Vincents Musik einzugrenzen, zeigt sich einmal mehr in „Apokalypse Wow 2022“, ein Song mit hoffnungslos überhöhter Kulisse.

    Die Welt geriet ins Wanken

    Fluten von tragischen, beunruhigenden Schlagzeilen sind in überfüllten Zeitungsblättern nicht mehr nur zu lesen. Mittlerweile fallen sie uns an, finden ihren Weg in unseren Alltag, bohren sich in unsere Gedanken. Global gesehen sind es gerade sehr schwierige Zeiten. Und es scheint in der nächsten Zeit nicht einmal geringfügig besser zu werden. Der kritische Zustand ist nicht mehr eben nur ein Szenario, sondern Realität.

    Aber von einer Apokalypse kann dennoch wohl kaum die Rede sein. Oder? Zugegeben wäre es hoffnungslos pessimistisch und maßlos übertrieben das Wort Apokalypse (gerade aus unserem Standpunkt heraus!) auch nur in den Mund zu nehmen. Stellen wir uns trotzdem vor, wir sind der dramatischste, überzogenste Pessimist, den die heutige Welt je gesehen hat. Wir stehen jeden Morgen auf, unbeeindruckt von neuen schlimmen Nachrichten und abgestumpft gegenüber Krieg und Gewalt. Nachts träumen wir von Dystopie und Verwüstung. Wer sonst sollte also eine düstere, chaotischere Alternative zur allgegenwärtigen Situation erschaffen als wir selbst? Und dann schreiben wir einen Song.

    Das brillante Ergebnis unseres ausgelassenen Hangs zum Drama klänge vermutlich wie „Apokalypse Wow 2022“. Geschrieben von Till Otter und produziert von Vincent Ancot, erzählt der Song nahezu filmisch von apokalyptischen Kulissen und Wiederauferstehung, einzig und allein um wieder zum unausweichlichen Ende der Welt zurückzukehren.

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    Als Zahlen um Zahlen sanken

    Was uns nicht primär betrifft, hat dennoch Auswirkungen zweiten Grades auf unser alltägliches Sein. Es herrschen Lieferengpässe, Rohstoffe werden knapp und alles wird teurer. Vielen gelingt es nur knapp und kläglich und genügend Menschen gar nicht mehr, sich das Leben zu leisten. Für viele hat der allgegenwärtige Zustand also durchaus einen scheinapokalyptischen Charakter.

    Warum aber setzt Vincent Ancot letztlich einen bereits 2021 erschienenen Song neu auf und gibt ihm ein noch dramatisches, fast groteskes, neues Gewand? Ganz klare, einfache Antwort: Weil es passt. Es passt in die Zeit und Situation. Nicht unbedingt ist damit nur die Thematik gemeint. Vielmehr das cinematische Kleid und die Dramaturgie des Arrangements sind es, was es so perfekt abrundet. Endlich erlaubt es uns das sonst Dystopische in seiner überzogenen Darstellung ein wenig auf die Schippe zu nehmen. Und das fehlt uns doch zurzeit so sehr. Eine gewisse Leichtigkeit mit einer Prise Ironie.

    Und der Mond verblieb im Meer

    Geschrieben von Till Otter & produziert von Vincent Ancot, erzählt "Apokalypse Wow 2022" von apokalyptischen Kulissen & Wiederauferstehung.
    Produzent, Gitarrist und apokalyptischer Strippenzieher Vincent Ancot

    Noch einmal zurück zu unserer pessimistisch-überzogenen Selbstinszenierung vom Anfang. Stellt Euch vor, wir stehen eines letzten Tages irgendwo allein an einer Klippe mit einer freien Sicht bis zum Horizont. Das ersehnte Apokalypsen-Szenario ist direkt vor unseren Augen. Der Himmel brennt, überall sind Asche und Trümmer und aus dem Wasser wurde Teer. Uns wird klar, der Mond wird nicht mehr aufgehen. Wir schließen die Augen und setzen uns mit einem lässigen Lächeln unsere Kopfhörer auf. Um uns herum explodiert alles und wir hören DIESEN Song, DIESEN Soundtrack.

    In „Apokalypse Wow 2022“ hören wir Kometeneinschläge und Dramatik, Zerstörung und Verwüstung. Und inmitten von all dem die allmächtig wirkende Stimme von Till Otter, dem Schöpfer des Originals. Ich erinnere mich, als Vincent Ancot und ich Teil von Tills Band waren und den Song in einer wesentlich anderen Version gespielt haben. Zu hören, wie der Song sich unter einer präzisen Regie zu einem filmreifen Werk entwickelt hat, lässt mich persönlich in Nostalgie schwelgen.

    Am Ende zeigt er uns aber einmal mehr, dass wir manchmal selbst diejenigen sind, die sich unsere Welt zerstören. So lange wir nämlich darüber schreiben und lesen können, wie gut wir Musik finden und was sie mit uns macht, scheint es uns wesentlich besser zu gehen, als einem Großteil des Planeten.

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    Fotocredit: Jacqueline Kannengießer

  • Dorothy Bird schwebt auf ihrem Debüt-Album „BELONGING“ in außerirdische Sphären

    Viel Raum für tiefe Gedanken und ganz viel Platz für sinnliche Atmosphären: Dorothy Bird lässt uns auf ihrem Debüt-Album „BELONGING“ durch ihre musikalischen Träume wandern und wir sind uns unsicher, ob wir jemals zurück in die Realität finden, geschweige denn zurückwollen. Das am 24. Juni als Vinyl erschienene Album ist seit gestern (Freitag, den 02. September) endlich auch auf allen Streaming-Plattformen zu finden.

    #Klavier-ASMR

    Ein sanftes akustisches Klavier reicht uns den Schlüssel zum Album und ebnet uns den Weg in die weite „Galaxy“. Das Intro der Platte strahlt so viel Wärme aus, dass uns ganz heiß um die Ohren wird. Wenn es die Rubrik „Klavier-ASMR“ noch nicht gibt, machen wir sie heute auf! Die angenehmen Hintergrundgeräusche des Klaviers, das leichte Atmen des Pedals und das leise Klacken der Tasten geben dem Stück einen besonderen Charakter. Hinzu kommen sphärische Sounds, die dem Klangraum Größe verleihen und uns hypnotisch in den Bann ziehen.

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    Vocals aus Seide

    Aus der musikalischen Weite tritt seidenweich die Stimme von Dorothy Bird hervor. Der Titeltrack des Albums gibt der im Intro eingeführten Klangästhetik eine Form und lässt dabei weiterhin abschweifende Gedanken zu. Während die Worte über einen Ort der Heimat sinnieren, nimmt der Song mit Hilfe der einsetzenden Streicher und Drums zunehmend Schwung auf. Die Stimmung von „Belonging“ soll sich von nun an in wandelnden Nuancen über die gesamte LP spannen, stets getragen von der schwebenden Kopfstimme von Dorothy Bird

    Transzendenz

    Der dritte Song „Silent Warrior“ führt neben atmosphärischen Gitarrenmelodien, dramatischen Streichern und trip-hoppigen Schlagzeug-Grooves ein weiteres wiederkehrendes Element der Song-Produktionen ein. Ein knarzender, mechanischer Synth fügt sich in den Beat ein und verleiht der Stimmung Nachdruck ohne abzulenken. Immer wieder tauchen metallische Klänge in den Stücken auf und schenken den transzendenten Momenten noch mehr kosmische Größe.

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    Musikalische Seelsorge

    Das Debütalbum von Dorothy Bird bleibt sich stets treu. Die musikalischen Farben bleiben jederzeit stimmig und konsistent. Was moderne Popalben regelmäßig vermissen lassen, bringt „BELONGING“ auf den Punkt. Viel Gefühl, nachdenklich schwebende Stimmungen mit düsteren Nuancen und ein kleines bisschen Harry Potter Zauber verstecken sich auf diesem wunderbaren Album. Das Einzige, was uns noch fehlt, ist ein passendes Wort, das diese Stimmung zusammenfasst. Das schöne ist, dass die klare musikalische Linie keine Irritationen bei Hörer:innen hervorruft. Entweder man kann sich in diese Musikwelt hineinversetzen oder man geht auf die Suche nach einer anderen Hörerfahrung. Es gibt keine Aussetzer und auch keine Überraschungen. Das ist ein Kompliment an die Homogenität der Songs, die ein sanftes Abtauchen in andere musikalische Dimensionen zulässt.

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    Fotocredits: Brian Roberts

  • Schlossgarten Open Air: Es wurde stimmungsvoll – und persönlich

    Schlossgarten Open Air: Es wurde stimmungsvoll – und persönlich

    Zum Mini-Festival im niedersächsischen Osnabrück kamen fast 11.000 Menschen, die mit Hits zum Mitsingen und exklusiven Einblicken in das Leben der Musiker belohnt wurden.

    Geballte deutsche Pop-Kraft: Luna, Clueso und Bosse

    Die mächtige Bühne glänzt nicht nur wie neu, sie ist es auch: Erst zweimal ist auf ihr eine Band aufgetreten. Und die Stahlkonstruktion musste an diesem Abend einiges aushalten. Der gut aufgelegte Clueso unternahm einen inoffiziellen Versuch, den Weltrekord im Hüpfen zu brechen.

    Bevor der Erfurter Popstar loslegt, steht erst einmal Newcomerin Luna in den Startlöchern. Manche der Zuhörenden sind noch jünger als die 2002 geborene Passauerin, aber auch viele Ältere sind beim Auftritt der 19-Jährigen zu sehen. Lunas Texte sind voller Selbstreflexion und Analyse der eigenen Entwicklung, die sie durchgemacht hat. Ihren Song „Blau“ nutzt die lesbische Künstlerin, um über ihr Coming-Out zu sprechen. Ihre brandneue Single „Arschloch“ wird vom Publikum interessiert aufgenommen – zum Tanzen ist vielen da aber noch nicht zu Mute. Lunas Auftritt deutet an, wie viel Routine sich Musikschaffende über die Jahre erarbeiten müssen, um einen solchen Auftritt so locker wirken zu lassen, als ob all das keine kräftezehrende Schwerstarbeit wäre.

    Bosse übernimmt

    Als Axel Bosse die Bühne entert, kommt allmählich Bewegung ins Publikum. Der Sänger hat mächtig Energie mitgebracht – und eine Gitarre. „Ich zeig‘ euch das Instrument nochmal genau, für diejenigen unter euch, die nicht mehr wissen, wie sowas aussieht“, sagt er und macht klar, was er vom Playback-Trend vieler Artists auf Live-Konzerten hält: „Nichts.“

    Seine Interaktion mit der Menge ist nahbar, Bosse verteilt unzählige Handküsse und wirkt von der Stimmung ganz berührt. Zu dieser tragen auch Anekdoten aus seiner eigenen Jugend bei. „In meinem Dorf bei Braunschweig musste ich immer diesen blöden Hügel hoch“, erzählt er und baut sich eine Brücke zum Lied „Hallo Hometown“. Bosses Lieder sind so geschrieben, dass sich jeder ein Stück mit ihnen identifizieren kann, ohne dabei beliebig zu sein.

    Der Musiker gerät in Plauderlaune, und so erfahren seine Fans mehr über die Hintergründe zu seinem Song „So oder so“, dessen Text aus einem Brief an eine Freundin stammt, die nach einer Trennung verzweifelt war. Bosse gibt Einblick in sein Inneres und erntet dafür die Gunst der Elftausend. Mit „Schönste Zeit“ beendet Bosse seinen schwungvollen Auftritt und beschert einer Gruppe Mädchen dieselbe, indem er ihnen das Mikrofon überlässt. Kein Playback also, dafür aber „Arbeitsteilung“ zwischen Sänger und Publikum.

    Auch bei Clueso wird es emotional

    Bosse hatte den Osnabrückern so sehr eingeheizt, dass sich Clueso sinnbildlich nur noch ans gemachte Feuer setzen musste. Der überwältigt wirkende 42-Jährige lobte das Publikum überschwänglich für die von ihm ausgehende Energie. „Ihr seid krass, Osnabrück, was für ein geiler Empfang!“, schwärmte er. Bei ein paar Grad weniger – 37 um genau zu sein – sang Clueso mit „37 Grad im Paradies“ einen seiner neuesten Hits und zeigte beim Chorus mit rockigen Elementen seine stimmliche Wandelbarkeit.

    Als ihm ein Fan den Wunsch zuruft, seinen Durchbruch-Song „Gewinner“ zu spielen, lacht Clueso laut. „Super Idee, falscher Zeitpunkt“, entgegnet der Erfurter und bleibt zunächst bei seinen dynamischen Stücken wie „Tanzen“, während er Pirouetten im Takt dreht. Clueso gibt den Animateur im Befehlston: „Ihr müsst tanzen!“. Das Publikum lässt sich daraufhin nicht zweimal bitten.

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    Dann aber wird es auch bei Cluesos Teil des Abends emotional. „Dieser Song ist für meinen Großvater“, sagt der Sänger und erklärt, warum ihm das Lied „Anlauf nehmen“ so viel bedeutet. „Ich war damals ein ‚Sorgenkind‘ in der Schule, aber mein Opa hat immer gesagt: ‚Ich mache mir keine Sorgen um den Jungen‘ und mir das Gitarrespielen beigebracht.“ Mit „Zu schnell vorbei“ lässt er eine weitere Ballade folgen, die manchen Zuhörenden Tränen über die Augen kullern lassen.

    Clueso spielt mit seinem ausgewogenen Set mit den Emotionen des Publikums, versetzt es abwechselnd in Melancholie und Euphorie. Und obwohl Clueso allen Grund hätte, pünktlich Schluss zu machen – schon am Samstag gibt er das nächste Konzert in seiner Heimatstadt Erfurt – überzieht der Musiker am Ende deutlich und nimmt das Publikum noch einmal mit auf eine letzte Reise: Nach „Chicago“. Zum Schluss gibt’s ein Küsschen für den Saxophonisten, der wie alle Bandmitglieder über die knapp zwei Stunden mit diversen Soli zu beeindrucken weiß, und einem „Bis bald, Osnabrück!“.

    Fotocredit: Stefan Mückner