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  • Tom Taschenmesser und Krakus finden es „normal dass du angst hast“

    Tom Taschenmesser und Krakus finden es „normal dass du angst hast“


    Liebe Freund/innen der unbequem ehrlichen und schwer verdaulichen Musik, aufgepasst! Denn heute stellen wir euch die EP normal dass du angst hast von Tom Taschenmesser und Krakus vor. Den aufmerksamsten Leser/innen unter euch wird der Name Tom Taschenmesser etwas sagen können. Schon mit seiner EP verstehst du, nein gut konnte Tom das untoldency Team für sich gewinnen. Hier könnt ihr die ausführliche Review von Lukas zu dieser unendlich guten EP lesen und auch ich habe schon in meinem Jahresrückblick von Tom Taschenmesser geschwärmt. 

    Umso größer war die Freude, als ich gelesen habe, dass es endlich wieder neuen Stuff von ihm gibt. Diesmal hat er sich mit dem ebenfalls aus Wuppertal stammenden Multiinstrumentalisten Krakus zusammengetan. Was dabei schönes herausgekommen ist, könnt ihr jetzt hier lesen.  

    Man wird ja wohl noch träumen dürfen

    Die EP beginnt mit dem kurzen, aber harten Song Träume und mit den Worten:

    Das Taxometer läuft völlig ohne Gnade
    Du bist ja selber Schuld wenn du glaubst was ich so sage
    Rettung aus beengten Räumen
    Was wir nicht alles machen könnten
    Man darf ja wohl noch träumen
    Man wird ja wohl noch träumen dürfen

    Dieser 39 Sekunden kurze Track erinnert etwas an verzerrte Sirenen und löst direkt eine gewisse Beklommenheit beim Hörenden aus. Träume gibt einen ersten, herben Vorgeschmack auf das, was uns auf dem Album noch erwartet. 

    Wer ist als Nächstes dran? 

    Im Falle des EP-Verlaufes ist es zumindest Kommissar. Im Text des zweiten Liedes wird allerdings nicht die Trackliste ausgewählt, sondern wer als Nächstes dem Kommissar zum Opfer fällt.

    Albumcover

    Auf dem Song, welcher schon als Single zu hören war, dürfen wir zum ersten Mal Krakus’s sanfter und beunruhigend ruhiger Stimme lauschen. Dieser Sprechgesang ist so eindringlich, dass er easy den Soundtrack eines Horrorfilmes geben könnte. Der Sound geht ins Ohr, krallt sich fest in den Kopf und der kritische Text kratzt schmerzhaft an der Seele. 

    Durch die Nacht ein Hilfeschrei
    nur ein weiterer Einzelfall

    Kommissar

    Das meines Erachtens wichtigste Stück der Platte trägt den Namen Leere Stühle.  Irgendwo zwischen Müdigkeit und Wut unterscheidet Tom Taschenmesser zwischen Furcht und Panik. Eine unfassbare Ratlosigkeit und Frustration machen sich breit, Übelkeit setzt ihm zu. Musikalisch passt hier -wie auf der gesamten EP- wohl die Beschreibung Horror-Indie am besten. Schräge Synthies und verzogene Gitarrensounds werden von einem 808-Beat begleitet. 

    Die Mörder eurer Freunde sehen so aus wie ich
    Da stehen Namen an der Wand
    Die Mörder meiner Freunde 
    Um wen gehts hier eigentlich 
    Ach Gott was ist mir übel

    Leere Stühle
    normal dass du angst hast

    Weiter geht es mit dem ruhigsten Song von normal dass du angst hast. Menschen beginnt mit einem sanften Beat welcher mich an Wassertropfen denken lässt. Gefolgt von wackligen Synths besingt Krakus die gefühlte Aussichtslosigkeit der Menschheit und löst dabei Gefühle von Hilflosigkeit und Ohnmacht aus. 

    2,3 Brutto ist der nächste Track und hebt sich durch die Kürze, die Kraft und einem wütenden Tom Taschenmesser vom vorherigen Song ab. Beim Hören des Liedes kommt bei mir die Frage hoch, wie viel man arbeiten muss, um sich Müdigkeit und Schmerzen (welche von dieser Arbeit ausgelöst werden) leisten zu dürfen?  Eine ganz schön beschissene Vorstellung. Ob die Frage, die ich mir stelle, irgendwie Sinn ergibt, weiß ich auch noch nicht so ganz, aber was ich auf jeden Fall weiß ist, dass auch dieser Track ein absolut gelungenes Statement ist. 

    Schluchten ist ein weiterer, sehr düster klingender Track, welcher an schlimmste Szenarien erinnert. Tom fordert die Menschen auf, die Schluchten und deren Verstecke zu verlassen und sich der nicht unbegründeten Angst entgegenzustellen und diese zu akzeptieren und normalisieren. 

    Cool und normal dass du Angst hast
    Hier ist alles gepanzert
    Die Zuversicht wirkt zwanghaft
    Jeder Konsens ein Kampfakt

    Schluchten

    Auf dem kürzesten und vorletzten Track Reichste Viertel, betrinkt sich Tom Taschenmesser für 32 Sekunden auf den Spielplätzen der reichsten Viertel seiner Stadt, weil er dort niemanden stört. Dabei wird er von Sirenen artigen Synthies begleitet, welche vermuten lassen könnten, dass er gleich auf einem dieser Spielplätze von UFOs Besuch abgestattet bekommt.

    Hiermit sind wir am Ende der Horror-Indie EP angekommen. Mit der Heuchler findet normal dass du angst hast ein gebührenvolles Ende. Auch hier baut der Klang wieder auf verzerrte Synthies, Gitarren und einen elektronischen Beat. 

    Vielleicht ein schwacher Trost
    Doch ein ganz neuer Versuch
    Niemand wird der Held 
    Und sei ehrlich zu dir selbst

    Der Heuchler
    Fazit

    Mit normal dass du angst hast haben Tom Taschenmesser und Krakus eine intensive, schwer verdauliche EP veröffentlicht. Die Texte sind schmerzhaft und unbequem, aber genau das müssen sie bei den gewählten Themen eben auch sein. Die sanfte, tiefe Stimme von Krakus und Toms kratziger Sprechgesang ergänzen sich perfekt. Soundtechnisch hätte es gut auf unsere Halloweenplaylist gepasst, wobei die Texte alles andere als (Halloween-)Partytauglich sind.

    Übrigens: Das Geld, das die EP über Bandcamp einspielt geht die ersten vier Wochen komplett an @kop_berlin, welche Betroffene von rassistischer Polizeigewalt unterstützen. (!klick hier!)

    Ich empfehle ALLEN von Herzen in diese EP reinzuhören, da es wiedermal sehr zum Nachdenken anregt. Und wie wir alle (hoffentlich) wissen, schadet etwas Denken bekannter Weise nicht. Also hier, have fun:

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    Fotos: Lilli Thöne

    Tom Taschenmesser & Krakus – “normal dass du angst hast” EP (VÖ: 06.05.22 via die neue leichtigkeit)

  • Zwischen Krieg, Klimakrise und Pandemie: SIALIA haben ihren „Safe Place“ verloren

    Songs, die nicht nur gut klingen, sondern auch eine klare politische Message haben, berühren mein Herz gleich tausendmal mehr. Es ist quasi die erfolgsgarantierende Formel, um mein musikalisches Herz zu erobern. Eine Newcomer-Band, die diese Kunst perfekt beherrscht, obwohl sie bisher erst drei Songs veröffentlicht hat, ist SIALIA. Die neueste Single des Münsteraner Quartetts heißt “Safe Place”. In dem Song wird dem ganzen Frust und angesammelten Wut über die Probleme der Krisen unserer Zeit Luft gemacht. Dabei findet die Band deutliche Worte zu Krieg, Pandemie und den Ungerechtigkeiten auf der Welt.

    Mehr als die nächste Hymne für die FFF-Demo

    Ein starker Beat und ein sich dramatisch-zuspitzendes Gitarrenriff hauchen dem Song eine unheimliche Dringlichkeit ein. Mit der Kombi haben die vier Münsteraner mich schon auf ihrer Debut-Single „Ecstasy“ gecatched. Den Artikel dazu findet ihr hier. „Safe Place“ hat aber im Vergleich zum Debut eine deutliche politische Message. „Es geht vor allem um die Klimakrise, aber nicht nur. Themen sind auch humanitäre Dinge wie Hunger, Pandemie und Krieg“, erklärt SIALIA-Drummer Marvin. Die Lyrics rufen dazu deutlich auf, das eigene Verhalten zu reflektieren und mit offeneren Augen durch die Welt zu gehen: „You cannot tell me you don’t know about the islands of trash“.

    Den Song haben SIALIA bereits 2020 im Lockdown geschrieben: „Wir hatten damals schon das Gefühl als würde ein großes Schwert über der Welt hängen. Leider ist der Song nun mit dem Ukraine-Krieg aktueller denn je. Es ist das Zeitalter der Krisen – von einer ungelösten in die nächste. Es zeigt ein bisschen die Ängste und Wut dieser Zeit und unserer Generation.“

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    Das Musikvideo zu „Safe Place“ ist gefüttert mit ausdrucksstarken Szenen, die auf das Unheil und die Missstände in der Welt hinweisen sollen. Die Band performt vor einer weißen Wand, auf die mit einem Beamer die Videosequenzen projiziert werden. Neben Videos aus der Natur stehen riesige Industriekomplexe und hohe Müllberge im Kontrast – ländliche Idylle vs. Umweltverschmutzung sozusagen. Aber man sieht auch Bilder aus dem Krieg, von Explosionen und hysterischen Menschenmassen.

    „Ein bisschen wie Nachrichten gucken, in denen man nur schreckliche Schlagzeilen und Bilder sieht“, so das Konzept hinter dem Video laut SIALIA. Wenn das Video so ganz bewusst schaue, kommt ein beklemmendes Gefühl in mir hoch. Die Eindringlichkeit der Krisenzeit, in der wir leben, wird sehr deutlich.

    „Wo unsere letzte Single „White Men“ (bei der es um das Bild des alten weißen Mannes ging – basierend auf dem Buch von Sophie Passmann) mit Themen wie Rassismus und Sexismus noch einen positiven, motivierenden Aufruf am Ende beinhaltete: „Come on fighting and stop hiding“, ist „Safe Place“ leider ungeschönte Wahrheit ohne Happy End: „This was our safe place“. Das klingt jetzt sehr deprimierend und pessimistisch, wir schreiben auch wieder positivere Songs (die auch schon bald folgen). Aber aktuell ist grade leider einfach nicht die Zeit dazu.“

    Hier könnt ihr den Song jetzt auf Spotify rauf und runter streamen und eure Meinung zu „Safe Place“ bilden:

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    Fotocredit: Leon Huesmann

  • Tilman und die eigene Toxizität in “Fassade”

    Tilman und die eigene Toxizität in “Fassade”

    Viele Worte braucht es bei Tilman nicht. Denn mit wenigen überaus prägnanten Zeilen und der richtigen musikalischen Untermalung reißen die Jungs aus Bad Neustadt an der Saale eine ganze Welt voller Selbstreflexion, aber auch Selbstzerstörung auf. Und das auch wieder in ihrem neuen Song “Fassade”. Die neue Single folgt der 2021 erschienen EP “Blume in Grau” und ist der Vorreiter für zwei weitere Singles, die noch diesen Sommer erscheinen sollen.

    Tilman sind Tilman, Fabio und Peter aus dem unterfränkischen Bad Neustadt. Außerdem werden die drei regelmäßig von Malte Huck (ehemals Annenmaykantereit, jetzt BEACHPEOPLE) am Bass unterstützt. Meinen Mit-Würzburger*innen werden die Jungs vielleicht was sagen, da sie öfters in der Gegend spielen und hier auch schon Jeremias supportet haben. Wem die Band noch nicht über den Weg geschlichen ist: Tilman machen Musik für nachdenkliche Tage. Eine Mischung aus Indie, Pop und Jazz inklusive Lyrics deren Tiefe bis zum Meeresgrund reicht.

    Nach meiner ausführlichen Review zu “Blume in Grau”, hier jetzt meine Gedanken zu “Fassade”:


    Die Fassade bricht

    “Fassade” setzt mit genauso schwermütigen Klängen wie Worten ein, typisch Tilman einfach. Tilmans charismatische, tiefe Stimme setzt ein:


    “Hasse mich

    Verletze nur”

    Und damit ist sofort klar, worum es hier geht: das eigene toxische Verhalten. Die meisten gehen durchs Leben, ohne sich selbst ihr eigenes schädliches Verhalten vor Augen zu führen. Oft braucht es jemanden von außen, um erstmal zu realisieren, dass man mit einer Augenbinde durch die Welt und Beziehungen getapst ist oder sich alles einfach schöngeredet hat. Tilman werden in “Fassade” genau damit konfrontiert. Und was dann passiert?


    “Die Fassade bricht”




    Der eigene Stolz bröckelt Stück für Stück und der eigene Spiegel wird einem so nah wie nie zuvor entgegengehalten. Die einst verklärte Sicht auf sich selbst wird erschüttert. Dieser emotionale Schock wird musikalisch untermalt durch Tilmans Stimme, die an dieser Stelle bedeutend lauter wird.

    Allerdings ist Erschütterung nicht alles, was Tilman fühlen. Nein, diese Konfrontation gipfelt in Selbsthass. Anfangs noch wenig Bedeutung geschenkt, werden die Zweifel nach dem zweiten Vers größer. Musikalisch äußert sich das besonders stark. Dachte nie, dass ich diese Worte in den Mund nehme, um Indie-Musik zu beschreiben: Aber der Beat dropped (hier verfalle ich dann in Selbsthass, weil cringe 🤢).


    Virtuose Jazz-Einflüsse

    Ab hier wird der Song fast schon virtuos. Man merkt die Jazz-Einflüsse von Tilman besonders, erinnert aber auch fast schon ein bisschen an Bilderbuch. Fabios Fuzz-Gitarre und Peters frei Improvisation schaffen ein dramatisches, verzerrtes Klangbild, das wiederum das eigene verzerrte Selbstbild widerspiegelt. Übrigens begleitet das Musikvideo zu “Fassade” dieses Bild perfekt. Hier sieht man Tilman in wackeliger Kameraeinstellung wie er im Auto durch die Stadt fährt und eingekesselt wird von verschwommenen Straßenlichter. Ein musikalischer wie visueller Fiebertraum.

    P.S. Bin ich die einzige die findet, dass der Verzerrer wie ein Kazoo klingt? Queue: Kazoo Kid. Okay, weiter gehts mit ernsthafter Musik 😁


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    Enden tut der Song mit dem letzten “Die Fassade bricht”, das mich besonders berührt. Die einzelnen Silben werden nacheinander gesungen, um zu symbolisieren, wie die Fassade Stück für Stück herunterbricht. Und dann hört man diesen kleinen – fast schon unbemerkten – Bruch in Tilmans Stimme, der der perfekte Schluss ist, um die Verletztheit und Kränkung zu verdeutlichen.

    Das waren sie, meine Eindrücke von Tilmans neuer Single “Fassade”. Kurzum: Gelungener Song mit außergewöhnlicher Tiefe und einer ordentlichen Portion Selbstzerstörung, wie man es von den Jungs kennt. Dennoch ist der Song viel experimenteller als frühere und baut Spannung für die nächsten Releases im Sommer auf.


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    Fotocredits: Pascal Schattenburg, Nils Ritter

  • Aufstrebender Indie-Rock von der Insel: Coach Party mit ihrer neuen Single „Weird Me Out“

    Aufstrebender Indie-Rock von der Insel: Coach Party mit ihrer neuen Single „Weird Me Out“

    Mit der Newcomer-Band Coach Party präsentieren wir euch heute erfrischend neuen Indie-Rock von der Isle of Wight in Großbritannien – und viel Women Power. Das Quartett besteht aus den beiden Frontwoman Jess Eastwood (Gesang/Bass) und Steph Norris (Gitarre) sowie Gitarrist Joe Perry und Schlagzeuger Guy Page. 2019 veröffentlichte die Band ihre erste Single. Mittlerweile spielen Coach Party auf großen britischen Indie-Festivals wie dem Truck-, Y Not?- oder Tramlines-Festival. Letzte Woche veröffentlichte die Band nun ihren neuen Song „Weird Me Out“ und damit einen weiteren Vorgeschmack auf die kommende dritte EP „Nothing Is Real“, die am 29. April erscheint.


    Coach Party über unrealistische Maßstäbe

    Wenn ihr Social-Media nutzt, kennt ihr wahrscheinlich folgendes Szenario – das Romantisieren jeglicher Inhalte, mit denen wir in Berührung kommen. Da passiert es schnell, dass uns Social-Media sehr unrealistische Ideen und Bilder von Beziehungen vermittelt, die wir aufgreifen und verfestigen. Genau von dieser Thematik handelt Coach Partys neuer Song „Weird Me Out“. Die Band greift den Gedanken auf, sich selbst oder die andere Person verändern zu wollen, um dem Bild einer perfekten Beziehung gerecht zu werden. 


    “Don’t be yourself, cause I want something better.”

    Gleichzeitig geht es zwischen den Zeilen auch darum, sich eben nicht verstellen zu wollen und mit anderen zu vergleichen, um den Standards von Social-Media gerecht zu werden.  »Why do I care? I’m better than that. « Völlig energiegeladen mit prägnanten Drums im Vordergrund fordert „Weird Me Out“ zum Tanzen auf und ist vor allem durch den catchigen Refrain ein richtiger Banger. Der Song powert bis zum Ende durch, wobei die Bridge nochmal ein schönes harmonisches Zwischenspiel darstellt. Textlich geht es da um das, worum es in einer Beziehung eigentlich geht, nämlich um die Zuneigung zueinander. Die starken Vocals von Bassistin Jess sind dabei definitiv ein Highlight.


    „Take me back to when we first met,

    We just met,

    I cared about nobody but you,

    Didn’t care what they said.“


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    Das Musikvideo zur neuen Single

    Der visuelle Aspekt scheint der Band nicht unwichtig zu sein, wenn man sich die Musikvideos zu „Weird Me Out“ oder der letzten Single „FLAG (Feel Like a Girl)“ anschaut. Beides zwei sehr gelungene Videos, die ich auch ästhetisch ziemlich ansprechend finde.

    Neben der neuen Single haben Coach Party seit 2019 zwei EPs veröffentlicht – nicht wenig für so einen Zeitraum. Dabei ist ihr Sound durchweg indie-rockig, mit viel treibenden Guitar- und Drum-Sounds. Zu ihren musikalischen Vorbildern und Inspirationen gehören unter anderem Sonic Youth, The Strokes oder Wolf Alice. Das passt ganz gut, finde ich. 2020 veröffentlichte Alfie Templeman seine EP „Happiness in Liquid Form“, auf der Coach Party im Song „My Best Friend“ gefeatured sind. 


    Songs über den alltäglichen Wahnsinn 

    Auf ihrer ersten EP „Party Food“ (2020) veröffentlichte die Band die beiden Songs „Bleach“ und „Breakdown“, die sich mit gegenwärtigen Themen beschäftigten, wie Ängsten in einer Beziehung oder dem Frustriert- und Unzufrieden sein durch den eigenen Alltag. Ihre meistgehörten Songs wie „Everbody Hates Me“, „Can’t Talk, Won’t“ oder „i’m sad“ (mein persönlicher Favorit) befinden sich auf ihrer zweiten EP „After Party“, die bereits 2021 folgte. Beim Durchhören ihrer Diskographie ist mir aufgefallen, dass Coach Party anscheinend nur catchige Hits schreiben können – reinhören lohnt sich also sehr! 

    Das Indie-Quartett hat großes Potenzial und sind auf gutem Wege in ihrem Heimatland England durchzustarten. Von ihrer kommenden EP im April ist neben dem Song „FLAG (Feel Like a Girl)“ nun auch „Weird Me Out“ draußen. Mit ein bisschen Glück erleben wir Coach Party dann bald auch hier live.

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     Fotocredit: Martyna Wisniewska

  • Spoon and the Forkestra mit „The Fondest Flinch“: Ein musikalisches Wimmelbuch der Emotionen über’s Erwachsenwerden

    Spoon and the Forkestra mit „The Fondest Flinch“: Ein musikalisches Wimmelbuch der Emotionen über’s Erwachsenwerden

    Dinge, die mein Musik-Herz besonders hochschlagen lassen: Indie-Sounds von Newcomer*innen und Bands, die ein starkes Nostalgie-Gefühl in mir auslösen. Ein Duo, das genau dieses Gefühl ab dem ersten Ton in mir ausgelöst hat, möchte ich euch jetzt vorstellen: Spoon and the Forkestra. Das sind Emily-Mae Lewis und Timo Zell und am 7. Januar ist ihre Debut-EP „The Fondest Flinch“, um die es in diesem Artikel gehen soll, erschienen.

    Irgendwas zwischen verspieltem, unbeschwertem Indie-Folk à la Of Monsters And Men und dunklem, mystischem Sound wie London Grammar

    Aber weil die beiden selbst einfach zu schön schreiben und das nicht nur in ihren Songs zu hören ist, sondern sich einfach zu schön in ihrer Bandgeschichte liest, möchte ich euch die Erzählung der beiden nicht vorenthalten. So wurde aus Emily und Timo Spoon and the Forkestra:

    Viele Zufälle sind es, die die junge Band zusammenwürfelten. Während Emily-Mae vorher im hohen Norden alleine mit ihrer Gitarre barfuß ihr Publikum verzaubert, studiert Timo im tiefen Süden Musik. Als sie mit ihrer warmen Stimme Gedichte aus überquellenden Notizbüchern in Musik verwandelt, kniet er nächtelang über sphärischen, einzigartigen Bass-Sounds, mit denen er als versierter Studio- und Livemusiker verschiedenste Projekte bereichert. Sie sehnt sich danach, die Bühne mit jemandem zu teilen, er will neue musikalische Wege beschreiten. Auf der Suche nach einer Kaffeemaschine in Hamburg, 2017, treffen die beiden in einem menschenleeren Korridor aufeinander und gründen zwei Jahre später auf einer Berliner Bordsteinkante des Sommers 2019 Spoon and the Forkestra.

    Eine EP wie ein musikalisches Bilderbuch

    Ähnlich wie die Entstehungeschichte von Spoon and the Forkestra liest sich auch „The Fondest Flinch“. Die EP mit fünf Songs erzählt eine Geschichte und malt Bilder. Sie ist quasi ein musikalisches Bilderbuch – oder noch besser: ein Wimmelbuch. Gedanklich und emotional passiert super viel auf einmal. Es hört sich an wie das Manifest eines Kindes, das sich gefangen und verloren fühlt in den stupiden Strukturen des Erwachsenseins. Und das fühle ich sehr! Geht es euch auch so, dass man sich mit Mitte 20 manchmal fragt, ob man jetzt eigentlich erwachsen ist und wie sich das genau anfühlen sollte? Da wünsche ich mir zumindest das ein oder andere Mal gerne die Naivität und Leichtigkeit zurück, mit der ich als Kind und Jugendliche noch durchs Leben gegangen bin.

    „If patience is a virtue, someday I’ll understand“

    Die EP beginnt mit „Mary Lou“. Ein Song, der mich zu Beginn direkt bei der Gefühlsverwirrung abholt, die ich gerade beschrieben habe. Mein erster Gedanke: „Wow, das klingt ja voll wie Of Monsters and Men“. Dann bekomme ich das starke Bedürfnis barfuß durch taufrisches Gras zu tanzen und einfach mal an nichts zu denken. Das passt ganz gut zu dem Wunsch nach der Leichtigkeit der Vergangenheit. Der Song kommt sehr verspielt und unbeschwerlich daher. Ich verliere mich in wohlig-warmen Gedanken.

    Weiter geht’s mit „Pirates“. Ich fühle mich tatsächlich ein bisschen als würden Piraten meine Gedanken überfallen, da der Sound deutlich ernster daher kommt als „Mary Lou“. Das unbeschwerliche Kindsein, das gerade noch besungen wurde, schwindet in „Pirates“ der etwas ernüchternden Realität des nachdenklichen Erwachsenseins. Die Stimme der Sängerin Emily-Mae ist zwar immer noch sehr zart und einfühlsam, aber wird schon endringlicher.

    „There is Karma in my dinner“

    … and a lot more rock elements in this song. „Karma 8“ startet mit der zarten Stimme von Emily-Mae, die sich in den vorherigen Songs schon in mein Herz gesungen hat. Jetzt wird es allerdings etwas dunkler, irgendwie auch ernster. In „Karma 8“ kommt eine gewisse Eindringlichkeit rüber, die mit auffällig mehr Schlagzeugals zuvor gepaart ist.

    Bei „Blue“ bekomme ich wieder direkt sehr starke Of Monsters And Men-Vibes – nur diesmal in der „sad girl autumn version“ (props an alle Taylor Swift-Ultras an dieser Stelle). Der Song ist für mich genau das, was ich mir unter typischem sad indie folk vorstelle. Mit verspielten Klavier-Parts im Hintergrund schaffen es Emily-Mae und Timo auf diesem Song, dass ich so sehr in meine Gedanken versinke, dass ich gar nicht bemerke wie der Song schon wieder zu Ende ist. Das ist aber auch nicht weiter schlimm, da ich im nächsten Song wieder zurück in die Realität gezogen werde.

    Zarte Stimme auf starker Gitarre mit Hang zur Dramatik

    In „Blink Twice“ wird die zarte Stimme, die sich wie ein roter Faden durch die EP zieht, durch eine starke Gitarre unterstützt. Das ist eine Kombination, die sich sehr schön ergänzt und auch eine gewisse Dramatik erzeugt. Der Sound ist auch wieder ein bisschen mystisch. Bei „Blink Twice“ sticht aber vor allem das Ende heraus. Emily-Mae’s Stimme wird auf einmal stark und intensiviert die Dramatik, die sich in den Songs zuvor aufgebaut hat.

    Die EP The Fondest Flinch” endet mit einem atmosphärischen Sound. “Kugs and Hisses – phone recording” ist mit seinen 54 Sekunden verträumten Gitarren-Sound ein sehr beruhigender Abschluss. Nach dem Hören habe ich das Gefühl, dass diese letzte Sequenz den Sound der EP sehr gut abrundet. Die angedeutete Aufregung durch den etwas intensivieren Part in „Blink Twice” wird hier wieder aufgehoben. Meine Gedanken können sich also jetzt erst einmal wieder etwas beruhigen und sich wieder in ihre Traumwelt verabschieden.

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    Fazit: Songs, die mit den Größen des Indie-Kosmos locker mithalten

    Was ich von „The Fondest Flinch“ und dem Sound von Spoon and the Forkestra halte, ist glaube ich schon sehr deutlich geworden. Die Songs auf der EP hat für mich auf jeden Fall das Potenzial in die Schublade der klassischen Indie Tracks aufgenommen zu werden. Der Sound, den Spoon and the Forkestra auf The Fondest Flinch” produziert haben, klingt für mein Empfinden schon sehr ausgefeilt und reif. Für mich ein klassischer Fall von: “Wieso ist dieses Duo noch so unbekannt?” Mein Newcomer*innen-Herz ist verletzt und glücklich gleichzeitig. Verletzt, dass die Songs noch so unbekannt sind. Glücklich, dass ich die Lieder in meine Playlists aufnehmen kann. Hoffnungsvoll, dass ihr das jetzt auch alle macht.

    Hier geht’s zur EP “The Fondest Flinch” von Spoon and the Forkestra:

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    Fotocredit: Philipp Seliger

  • Mit tiefem Groll in der Stimme: Apsilon über soziale Ungerechtigkeit, Herkunft und Rassismus

    Der nächste Lieblingsrapper des Feuilleton, von dessen Existenz die großen Zeitschriften noch nicht wissen, heißt Apsilon. Der in Moabit groß gewordene Künstler ist frische 24 Jahre alt und hat am 14. Januar seine überaus reflektierte Debüt-EP Gast veröffentlicht. Authentische Gesellschaftskritik trifft auf einen modernen Sound und lässt jedes politische Hip Hop Herz höher schlagen. 


    Von der Straße bis nach Moabit

    Apsilons Texte erinnern an den amerikanischen Hip Hop der 90er, als Tupac, Biggie Smalls oder Snoop Dog noch über ihre Lebensumstände sowie die Probleme ihrer Hood gerappt haben. Hip Hop war eng geknüpft an authentische Beschreibungen schwarzer Lebensrealitäten, ebenso wie die damit verbundene Kritik des Status Quo. Mit der zunehmenden Kommerzialisierung von Rapmusik und deren Angleichung an konfliktscheue, profitorientierte Popmusik ging der politische Gehalt allmählich verloren. Große Teile aktueller Trap Hits aus den USA blubbern ebenso sinnbefreit durch die Radios und Playlisten wie deutscher Schlager von Helene FischerApsilons Texte hingegen ziehen ihre Kraft wieder aus der Wut und Verzweiflung marginalisierter Gesellschaftsgruppen. 

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    Vom Beobachter zum Kritiker

    Auf „Gast“ erzählt Apsilon aus der Perspektive eines Gastarbeiterkindes. Als direkter Beobachter der Lebensumstände seiner Eltern und Großeltern schildert er Gesellschaftsverhältnisse direkt und unverblümt und verknüpft dabei aktuelle Zustände mit historischen. Apsilon holt das gut versteckte Gewissen der gutbürgerlichen weißen Bevölkerung wieder aus dem Keller und hievt die Schuld zurück auf ihre Schultern.


    »Tag für Tag am Ackern für das Kapital in Taschen vom
    Gleichen Pack, das dreißig Jahre vorher ohne
    Wimpernzucken Menschen in die Gaskammern verfrachtet hatte
    Und während Molotows auf die Unterkünfte prasseln
    Auf dеr Arbeit und beim Amt immer lachеn, immer lachen
    Und Enkel kriegt kein’n Job und keine Wohnung wegen des Namens
    Bei den Enkeln der Fabrikbesitzer, die die Großeltern damals ausgebeutet hab’n«
    „Köfte“


    Die Rolle des reflektierten Beobachters ergibt sich womöglich aus Apsilons innerer Zerrissenheit in Hinblick auf sein Herkunftsgefühl. Anstatt sich mit den deutschen oder türkischen Einflüssen seiner Biographie identifizieren zu können, distanziert er sich von beiden. Aus seinem Moabiter Kiez schreibend, thematisiert er die auftretenden Konflikte, wenn vor seinen Augen zwei Kulturen nicht zueinander finden wollen.


    »Ich brauchte dreiundzwanzig Jahre, bis ich merkte, dass ich statt zweien
    Keine Heimat habe, außer meine eigene Straße und den Kiez, in dem wir war’n, ja
    Die Beats, auf die ich sprach, nein
    Keine Heimat eins und auch keine Heimat zwei, nur der
    Streit mit dem, was sich in beiden Ländern so rumtreibt« 
    „Köfte“


    Deutsche Identität im Kreuzfeuer

    Doch wenn man ehrlich ist, fühlt sich die Distanz zur deutschen Identität auf „Gast“ um einiges größer an. Denn Apsilon nimmt die deutsche Gesellschaft an allen möglichen Ecken auseinander. Der Künstler zieht seine Kraft und Wut aus den Rassismen und Klassismen dieses Landes und legt sie ungeschönt offen. Diplomatisches Verhandeln scheint dabei keine Option zu sein. Denn die unterdrückten Gesellschaftsgruppen, denen Apsilon ein Sprachrohr verleiht, warten schon zu lange auf Gerechtigkeit. 


    »Deine Leute klatschen Beifall für ein’n Nazi, wenn es sein muss
    Meine Leute klatschen Nazis von der Straße, wenn es sein muss
    Seit dem Eisprung in 030, mein Bro, keiner guckt auf sein Plus
    Hier wird alles schön geteilt, Bro, meine Leute komm’n in kein’n Club
    […]
    Dein Homie hat am Kotti Angst, dass ihn ein Kanak abzieht
    Mein Homie hat kein’n Bock, dass deiner ihn wie’n Bastard ansieht (Yeah)
    Ihr kriegt Logenplätze (Yeah), Bruder, wir kriegen Zelle (Yeah)
    Ihr könnt große Sätze, wir könn’n rennen«
    „Sport“

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    Gesellschaftskritik meets Generationensound

    Die eindrucksvollen und zum Teil beklemmenden Zeilen des Rappers werden unterstützt durch einen zeitgemäßen Hip Hop Sound. Der besonders bei düsteren und melancholischen Stimmungen glänzende Rapper und Produzent Ahzumjot hat einen Teil der aus sechs Songs bestehenden EP produziert. Cato erscheint ebenfalls als mehrmaliger Produzent auf „Gast“ und bringt sein Gespür für klassische Hip Hop Banger mit an den Tisch. Lyrics und Beats treten in eine stimmige Symbiose und verleihen der gesamten EP eine besondere inhaltliche sowie klangliche Homogenität. Einzig „Kes“ fällt minimal aus der Reihe, da hier die inhaltlichen Qualitäten ein wenig durch den Fokus auf das Schreiben eines Hip Hop-Club Hits in den Hintergrund rücken. Doch selbst dafür bekommt Apsilon Drops. Denn kaum eine Künstler*in springt so leichtfertig zwischen … hin und her.


    Visuals im Einklang

    Die erwähnte Homogenität zieht sich zudem durch die Visuals des Tapes. Das Team um Director Foli Creppy und Produzent Thabo Paul schafft zusammen mit Apsilon authentische Einblicke in das Leben des Künstlers im Retro Look. Besonders Erwähnung verdient das Musikvideo zu „Köfte“. Das Video nimmt dank Aufnahmen aus dem Bundesarchiv einen dokumentarischen Charakter an. Schwarz-Weiß-Aufnahmen von schuftenden Gastarbeitern werden protestiereden Rechten gegenübergestellt und verdeutlichen die gesellschaftliche Zerrissenheit, die bis heute andauern. 

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    Zeitgemäße Gesellschaftskritik

    Musik, die nur der Gesellschaftskritik willen existiert und ästhetische Motive vernachlässigt, wirkt auf mich in der Regel unbefriedigend. Gute Produzenten und Ausnahmekünstler, die einen Hit nach dem anderen schreiben, sind hingegen auch keine Seltenheit mehr. Die große Kunst ist meines Erachtens nach Musik, die inhaltlich sowie klanglich ausgereift ist. Ich denke da im Hip Hop beispielsweise an Tupac Shakur, Jay-Z oder Kendrick Lamar, die ebenso politisch waren wie einen Sound der Zeit geprägt haben. Sie haben Musik erschaffen, die emotional in einem hohem Maße berührt oder schockt und gleichzeitig den Finger tief in die Wunde drückt. Apsilon wählt diesen anspruchsvollen Weg mit seiner EP und liefert politische Statements am Fließband ohne dabei klanglich aus der Zeit zu fallen. Dieses Projekt ist eine absolute Empfehlung an ausnahmslos alle und gibt Vorfreude auf kommende Songs, EPs oder Alben.

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    Fotoocredits: Sina Lesnik

  • Perspektivlosigkeit und sich selbst in Zeit und Raum verlieren: Mundart-Electro-Pop von Garvan Shvarts

    Perspektivlosigkeit und sich selbst in Zeit und Raum verlieren: Mundart-Electro-Pop von Garvan Shvarts

    Der Züricher Musiker veröffentlichte vor kurzen die Singles „GTA“ und „Verlür Mi“.

    Zugegeben, bei einer Hörgewohnheit von überwiegend englisch- und deutschsprachigen Songs ist Schweizerdeutsch erst ein wenig gewöhnungsbedürftig. Das ist für den Spirit der Songs von Garvan Shvarts aber kein Hindernis, um Hörer*innen in den Bann seiner lyrisch-sphärischen Musik zu ziehen. Dabei schafft er es sogar, den Träumer ein wenig auf die Tanzfläche zu schicken. „Melancholischer Indie-Elektro-Pop zeigt Tanzallüren“ schreibt er selbst.

    Sehnsüchtig, hadernd und aufgekratzt

    Er selbst war Leadsänger und Gitarrist bei mehreren Punk- und Indie-Bands und kam so 2019 zur elektronischen Musik. Wer seine Musik hört wird auch merken, dass er seine Indie Vergangenheit definitiv nicht leugnen kann – und das ist auch gut so. Seither ist er unter anderem als Support für den Rapper Krysl aufgetreten und konnte vor dem Lockdown noch einige Liveperformances genießen. Die Zeit im Lockdown nutze er für Studiozeit, Kooperationen und Releases. Jetzt sind Anfang 2022 die beiden neuen Singles „GTA“ und „Verlür mi“ erschienen.

    Melancholie und zeitgenössische Hip-Hop Thematik

    Für Garvan Shvarts begann das Jahr 2022 gleich mit der Veröffentlichung seiner Single „GTA“ am 07. Januar.  Sie befasst sich mit der Wut eines jungen Menschen über seine fehlenden Perspektiven.

    „ganz Tag gschlafe GTA gspilt

    Ghofft dass Insta d’Einsamkeit killt“


    Mal ehrlich, wir kennen diese Tage. Man liegt den halben Tag im Bett, hängt die andere Hälfte auf dem Sofa und kommt aus Motivationslosigkeit nicht zur Produktivität. Manchmal braucht man diese Tage, oft hat man sie sich auch verdient. Manchmal ist es aber auch etwas anderes, was einen ans Bett fesselt und das kann auch ein Indiz dafür sein, dass es momentan eine schwere Zeit ist und es einem gerade einfach nicht gut geht.

    Dieses Feeling greift Garvan Shvarts in „GTA“ auf und verpasst dem Song damit seine typische, melancholische Thematik. Mit hinzu kommt auch eine Note der Frustration, nicht nur über fehlende Perspektiven, sondern ebenfalls über das Alleinsein.

    „mir und mine Brüeder ghört d’Strass
    Dihei wenig Zimmer viel Lüt name Hass“

    Gleichzeitig wird eine klassische aber zeitgenössische Hip-Hop Thematik aufgegriffen. Die Kombination aus einer bescheidenen Wohnsituation zuhause, dem Straßendasein und der ungewissen Zukunft geben „GTA“ ein typisches Motiv.


    Die Musik des Tracks selbst lässt zuerst das Potenzial durchschimmern, den angekündigten Tanzallüren gerecht zu werden – das erste, was man hört ist die eingängige Hook. Im Verlauf bewegt sich die Atmosphäre des Songs immer näher zum Thema der Lyrics. Allmählich wird durch die Musik eine Melancholie, gar Desorientierung freigesetzt, die sich später in unterschwelliger Wut und Verzweiflung äußert.

    Ein klitzekleiner Teil des Universums

    Die zweite Single „Verlür Mi“ ist eine Kooperation mit der Sängerin Dijana Vidovic und kam am 04. Februar. Auch hier möchte ich euch in eine Situation entführen, die viele bestimmt schon einmal gehabt haben. Nach einem anstrengenden Tag oder einer nervenaufreibenden Nacht auf dem Nachhauseweg in der Bahn kommt es irgendwann unweigerlich dazu, dass man anfängt aus dem Fenster zu schauen und ziellos ins Nichts zu blicken. Dabei können die Gedanken zügellos schweifen und sich in Raum und Zeit verlieren.

    „Verlür mi iZiit und Ruum
    während ich usem Zweier lueg
    Und fühl mi so zimli dumm
    doch freier will ich, nüt anders muen“


    „Verlür Mi“ handelt von einem solchen Szenario. Der Text befasst sich mit Gedanken vom Vermissen und Gefühlen der Schwerelosigkeit. Er kommt zur Erkenntnis, dass der Mensch eingeschränkt ist und das Sein Grenzen aufweist. Man ist nur ein klitzekleiner Teil des Universums. Die Bahnfahrt ins Ungewisse wird zu einer Metapher für den Lauf des Lebens.

    Die Musik lädt dabei zum Träumen ein. Sie ist eigentlich sogar der perfekte Soundtrack für ihre eigene Handlung. Träumerisch, belegt ergänzen die Synthies den schweifenden Gesang. Das Herzstück des Tracks bildet der Eintritt des wunderschönen Gesangparts von Dijana Vidovic. Ihre Stimme bringt eine gewissen Klarheit in die sonst von Hall und Echo geprägten Soundscapes.

    Am Ende dann gewinnt der Song mit einer aufklärenden Message an noch mehr Aussagekraft.

    „Das meh Vielfalt viel meh vibriert
    Und dasses s’okay isch egal wer wer liebt“


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    Noch ganz schön was vor

    Auf den Veröffentlichungen ruht sich Garvan Shvarts aber nicht aus. Für die kommenden Monate hat er einiges geplant. Im März erscheinen nicht nur der Videoclip zu „GTA“ und die Long Version von „Verlür Mi“, sondern auch eine weitere Single mit dem Namen „Ikarus“.

    Im Mai kommt dann das Album „Mitem Schirmlidrink a d’Demo“ in der Zusammenarbeit mit Krysl und Parakeet. Das Trio nennt sich „Cis Wixer“ und findet sich in den Genres Hip-Hip und Electro-Pop wieder. Gleichzeitig wird Dijana Vidovic im Mai ebenfalls auf der gemeinsamen, angekündigten Single „Sommer of la“ zu hören sein.

    Seid gespannt und hört gern mal rein – es lohnt sich!

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    Fotocredits: Andre Krysl, Garvan Shvarts

  • Iuna Lux träumt sich auf „Chemicals and Gold“ in eine Parallelwelt aus Bedroom-Synth-Pop

    Iuna Lux träumt sich auf „Chemicals and Gold“ in eine Parallelwelt aus Bedroom-Synth-Pop

    Wenn es wieder Neues aus der Regensburger Indie-Bubble gibt, heißt es: Ohren gespitzt, es gibt Hit-Potenzial! Iuna Lux hat am Freitag die EP „Chemicals and Gold“ veröffentlicht und beweist zum zweiten Mal, dass er den Indie-Synth-Pop einfach beherrscht. Irgendwo zwischen tanzbarer Melancholie, verträumten Bedroom-Pop und einer fetten Ladung spacigem Electro Sounds entführt Iuna Lux auf „Chemicals and Gold“ in eine Parallelwelt – fernab der Realität, tief versunken in Träumen.

    Kurze Exkursion, weil es keinen Artikel gibt, in dem ich nicht abschweife

    Aber nochmal auf Anfang, damit wir alle auf dem gleichen Stand sind. Wenn ich von der Regensburger Indie-Bubble spreche, dann meine ich some sprouts, Telquist, Iuna Lux, The Komets, Surv und Marlin Beach (vergebt mir bitte, wenn ich jemanden vergessen haben sollte). Als Norddeutsche, die leider viel zu wenig über diese musikalisch anscheinend recht bedeutende Stadt weiß, finde ich es ziemlich beeindruckend, wie viel Indie-Potenzial in Regensburg verborgen ist. Umso glücklicher macht es mich, dass die Artists auch noch zusammenarbeiten und sich gegenseitig supporten.

    Christoph Hundhammer, aka Iuna Lux, war nämlich bis vor zwei Jahren als Gittarist mit Telquist auf Tour. Bei den sproutis war er auch schon zu Besuch und Marlin Beach, aka Lucas Adlhoch, ist Mitproduzent bei Iuna Lux‘ Tracks. Also ich find’s ziemlich wholesome. Vor allem kommt aber auch einfach verdammt viel gute Musik aus diesem Pool an kreativen Köpfen zusammen. Deswegen komme ich jetzt auch wieder zurück zu „Chemicals and Gold“.

    „And she’s dreaming of a blue sky … with her head in the clouds“

    Den Einstieg übernimmt der Song “Cold“, einer der drei Singles auf der EP. Mit „Cold“ wird auch direkt das Thema der EP klargestellt: hier geht es um Tagträumereien und eine Welt fernab der Realität. Planlos durch die Straßen laufen und die Gedanken an einem ganz anderen Ort. Iuna Lux besingt eine Flucht vor der Dunkelheit der Realität, aber immer mit dem Fokus auf den schönen, unbeschwerten Gedanken. Und so schwebt der Song förmlich vor sich hin.

    Musikalisch passiert vergleichsweise wenig, aber der synthige Sound der gesamten EP findet hier eine solide Einführung, ohne direkt zu überladen. Als Single hat „Cold“ mich leider gar nicht mitgenommen. Beim Hören der EP wird ich allerdings so langsam warm mit dem Song. Nach meinem Gefühl funktioniert der Song super auf der EP, aber einzeln gehört wirkt er wie ein Bruchteil aus einer Geschichte, zu der mir der Kontext fehlt.

    Auch der zweite Song war als Single vorab bekannt. Nach dem eher nachdenklichen ersten Track, weckt „Memory Lane“ mit seiner wiederkehrenden Melodie irgendwie auf. Ich spüre starkes Ohrwurm-Potenzial. „Memory Lane“ war 2021 gleichzeitig die erste Single nach der ersten EP „All Of My Answers“. Auch hier muss ich wieder gestehen, dass mich die Single damals leider gar nicht gecatched hat. (Ich weiß, dass das ein beschissener Start für eine Review ist, wenn die ersten beiden Songs für mich nicht als Singles funktionieren, aber es wird besser – versprochen). Was „Memory Lane“ bei mir allerdings direkt auslöst, ist ein wohlig warmes „Sommer, Sonne, ich mache einen Roadtrip ins Blaue“-Gefühl. Und dieses Gefühl haben wir doch gerade alle bitter nötig, oder?

    Wie viel Synthesizer willst du noch einbauen? Ja

    It Out“ ist also der erste komplett neue Song auf „Chemicals and Gold“. Zu meiner eigenen Überraschung überzeugt mich der Song direkt. Das Zusammenspiel von Beat und offensiven Textpassagen stimmt einfach. Kurze Unterbrechungen gibt es durch Einlagen der Synthesizer, die das generelle Soundbild der EP perfekt einfangen. Auch hier wurde wieder nicht an genug Synth-Einlagen gespart. Das Ganze klingt für meinen Geschmack sehr futuristisch, spacig und erinnert mich ein bisschen an Songs von Roosevelt. Ich weiß nicht wieso, aber irgendwie stelle ich bei dem Song einen kleinen Roboter vor, der in einem leergefegten Club auf der Tanzfläche tanzt. Wahrscheinlich liegt es daran, dass „It Out“ einfach ein verdammt tanzbarer Song. Damit überzeugt man mich sowieso schon in 90% der Fälle relativ easy. 

    Das passt perfekt, denn der nächste Song wurde quasi zum Tanzen geschaffen. Widmen wir uns „Monsters“.

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    „Get on your feet and get in your dress to dance“

    Monsters“ ist die Lead-Single der EP und sollte dem ein oder anderen bekannt vorkommen. Im Oktober habe ich die Videopremiere der Single begleitet und will deswegen gar nicht mehr zu lange auf den Song eingehen. Wenn ihr Genaueres wissen wollt, könnt ihr den Artikel zur Videopremiere mit ein paar Hintergrundfacts hier lesen. Aber beim Hören der EP gibt es dann doch wieder ein paar Kleinigkeiten, die mir so vorher gar nicht aufgefallen sind. Die Frage, woher der Titel der EP kommt, der mir in keinem der bisherigen Songs begegnet ist, wird hier zum Beispiel geklärt. Die Zeile „We’ll swim in chemicals and gold“ deutet auf die Namensgebung „Chemicals and Gold“ hin. Zudem passt auch dieses Wortspiel einfach wieder sehr gut in die verträumte Welt von Iuna Lux, die er sich selbst „zusammenbraut“. Diese Analogie fügt sich auch perfekt in den progressiven Sound der Synths ein.

    Das Beste kommt zum Schluss

    Ich glaube es war Liebe auf den ersten Blick oder eher auf das erste Hören. „Pillows and Aeroplanes“ hat es mir auf jeden Fall direkt angetan. Der Song ist der perfekte Soundtrack zum Tagträumen, über den Sinn des Lebens zu philosophieren oder in Gedanken an schöne Erinnerungen zu schwelgen. Meine Gedanken zu dem Song in vernünftige Worte zu fassen, fällt mir dementsprechend schwer, da sie immer sehr schnell abdriften, wenn ich „Pillows and Aeroplanes“ höre. Auch bei diesem Song macht sich wieder ein wohlig-warmes Gefühl in mir breit. Der Track fällt etwas aus dem Muster der vorherigen Songs: Die Synths sind weniger offensiv und drängen sich nicht auf. Um noch ein bisschen mehr mit Anglizismen und Genres um mich zu schmeißen, zwinge ich „Pillows and Aeroplanes“ das Label Dreampop auf.

    Ok, zum Abschluss hier mal mein Versuch eines Fazits: „Chemicals and Gold“ ist mit drei bekannten Singles und zwei neuen Songs nun keine große Überraschung für mich gewesen. Dass Iuna Lux den thematischen roten Faden der Realitätsflucht, die manchmal gelingt und manchmal auch nicht, so klar und deutlich in jedem einzelnen Song der EP verstrickt, gefällt mir total. Für mich macht es seine Musik sehr authentisch und greifbar. Begleitet durch Synth-Pop à la 80er-Jahre wirkt das Ganze einfach sehr rund. Der harmonisierte Gesang geht mir dabei direkt unter die Haut und spiegelt gleichzeitig die Traumwelt und die unterschiedlichen Stimmen im Kopf wider, die Iuna Lux beschäftigen. Mein absoluter Liebling ist „Pillows and Aeroplanes“ – ein Song, der bei mir genau den richtigen Nerv trifft.

    Hier könnt ihr die EP „Chemicals and Gold“ von Iuna Lux hören:

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    Fotocredit: Dennis Mnich

  • The Wombats mit ihrem fünften Album „Fix Yourself, Not The World“

    The Wombats mit ihrem fünften Album „Fix Yourself, Not The World“

    Als großer The Wombats Fan war ich nach der Ankündigung des neuen Albums „Fix Yourself, Not The World“ ziemlich aus dem Häuschen. Geschlagene vier Jahre ist es her, dass ihr letztes Album „Beautiful People Will Ruin Your Life“ erschien und bei mir damals Euphorie auslöste. Es ist also langsam an der Zeit für neue The Wombats Banger, wie „Let’s Dance To Joy Divison“ oder „Greek Tragedy“, der letztes Jahr zum TikTok-Hit wurde. Das neue Album bietet auf jeden Fall neue solcher Songs, die im Ohr bleiben.

    Bereits an den Single-Auskopplungen konnte man erahnen, dass es sich wieder um eine Indie Guitar-Pop Platte mit viel Potenzial handelt. „If you Ever Leave, I‘m Coming with You” und “Everything I love Is Going To Die” gaben vor dem Release einen Vorgeschmack auf den typischen Wombats-Sound, der auch auf diesem Album nicht zu überhören ist. Das Album lässt sich als ein Selbsthilfe-Leitfaden für Unzufriedene lesen, so Frontman Matthew Murphy. Es geht quasi darum, sich besser zuerst mit sich selbst auseinanderzusetzen, bevor man es am Rest der Welt auslässt. Logisch. 

    Während „If you Ever Leave, I‘m Coming with You” von exzessiver Hingabe und Abhängigkeit handelt, geht es in “Everything I love Is Going To Die” um den Gedanken, dass Leben so gut es geht zu genießen und auszuleben. Der Song ist super catchy und bringt gute Laune, wenn man den Titel mal beiseite lässt. Das offizielle Musikvideo zum Song veröffentlichte die Band bereits letztes Jahr und ist vom Album-Artwork inspiriert. Im Animationsvideo werden The Wombats und die 8-Bit Stadt zum Leben erweckt.


    „Icarus Was My Best Friend,
    So I’m Gonna Make Him Proud In The End.“

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    Flip Me Upside Down

    Das Album beginnt mit dem Disco-Funk Song „Flip Me Upside Down“. Ein passendes Intro für ein Album, das voll mit energiegeladenen Songs ist, die zum Tanzen einladen. Er erinnert allerdings nicht direkt an den altbekannten Wombats-Sound. Prägnanter Bass und treibenden Drums sind im Vordergrund des Songs, machen ihn groovy und heben ihn so ziemlich vom Rest des Albums ab.


    Über’s Loslassen

    Mit „Method to the Madness“ kam 2021 der erste Song des neuen Albums raus. Eine musikalisch eher ungewöhnliche und ruhigere Ankündigung für die Band, die sich damit zum ersten Mal auf der neuen Platte ausprobieren. Im Song hat Frontman Murphy einen „breaking point“ und schafft es endlich seine Ängste zu bekämpfen und loszulassen. Der sanfte Track der Platte überrascht zum Ende hin mit neuem Refrain, der mit Strophen wie «Fuck my sadness» wie eine Kampfansage klingt. Mit den Drums kommt die Spannung und es folgt ein rockiges Finale, wie man es von der Band gewohnt ist. Das ist auch der Part des Songs, wo ich jedes Mal Gänsehaut bekomme. Man fiebert mit.

    Einer meiner liebsten Songs auf dem Album ist „People Don’t Change People, Time Does“, der mich wieder sehr an den Sound der Band erinnert. Er handelt von der Stadt Los Angeles, die für viele junge und talentierte Künstler:innen sehr hart sein kann, wenn man dort versucht seine Träume zu verwirklichen. Dabei mag ich den Titel total. „Wildfire“ ist einer von den Tracks, die sich ein bisschen neuer anhören, weiter weg von allem Alten. Das liegt vielleicht an den Trompeten in der Besetzung, die ebenso in „Ready for the High“ vorkommen. Mit der Hookline hat der Song neben großem Live-Potenzial ebenso sehr die Chance, dein nächster Ohrwurm zu werden.


    It’s not, it’s not, it’s not paranoia if it’s really there.

    „Um, I worry, uh, I’m pretty much worried about everything really, I worry that I’m worrying so much maybe I’m gonna, you know, have some kind of pattern.” Mit einem gesprochenen Intro beginnt der elfte Song “Worry“ – zugegebenermaßen sehr relatable. Eigentlich geht es im Song mehr um Zwangsstörungen (OCDs). „It’s supposed to be inside the head of someone who’s loosing it a bit“, so Murphy. Musikalisch ist der Song eher das Gegenteil – fröhlich, locker und reißt einen förmlich mit. Auch hier liegt der Gedanke nahe, wie gut sich der Song wohl live anhören würde. 



    Fix Yourself, Then The World

    Leicht abgeändert vom Titel des Albums, schließt “Fix Yourself, Then The World” als Outro das Album ab. Der Song dröhnt aus der Ferne, klingt verzerrt und gleichzeitig schwebend. Es fühlt sich an, als würde sich der Song und die Stimme des Sängers langsam auflösen und derartig das Ende des Albums ankündigen. Es ist ein eintöniges Outro, aber ein Schönes.

    The Wombats haben erneut ein super catchiges Album gezaubert, auf dem sie neue Genres ausprobieren und sich musikalisch an ihre Grenzen gebracht haben. Ein sehr gelungenes Album, das gute Laune auslöst, obwohl es thematisch gar nicht danach aussehen mag. In „Fix Yourself, Not The World“ geht es um die Auseinandersetzung mit sich Selbst, aber auch darum, dass es immer irgendwie weitergeht. Bessere Zeiten kommen.

     

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    Fotocredit: Tom Oxley

  • „Bitches Brauchen Rap“ und die Welt mehr Shirin Davids

    Egal ob Deutschrap Fan oder nicht: Shirin David hat ihr zweites Album „Bitches Brauchen Rap“ vor einer Woche veröffentlicht und es könnte inhaltlich kaum stärker sein. Female Empowerment, Feminismus und Selbstbestimmung überhäufen sich auf dieser Platte und beweisen, dass Rap Klischees nicht mehr notwendig sind, um erfolgreich zu sein. Wer ein bedeutungsvolleres deutsches Rap Album aus den letzten Monaten, vielleicht sogar Jahren, kennt, soll sich bei mir melden.


    Politische Punchlines am Fließband
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    Die Texte bilden das Herzstück dieses Albums und sind ein unglaublicher Genuss. Aggressive, minimalistische Hip Hop Beats schaffen Shirin Davids Worten Platz und unterstützen die Message, ohne von ihr abzulenken. Aus diesem Grund soll dieser Artikel vielmehr eine Best of Zitatsammlung der Lyrics darstellen, als eine Review. 

    »Mein Sportlehrer sagt,
    deine Texte wären sexistisch
    Doch beim Handstand mein’n Arsch berühr’n,

    findet er echt witzig«


    Um die Treffsicherheit einfach jeder Zeile zu garantieren, hat sich Shirin David die Hilfe von Deutschlands Most Underrated Rapper Laas Unltd. geholt, der zunehmend als Ghostwriter der deutschen Rap Stars seine Fertigkeiten teilt. Dass die Künstlerin beim Texten unterstützt wird, gibt sie offen zu und nimmt damit den zahlreichen Kritikern den Wind aus den Segeln. Kritik, die im Angesicht der zahlreichen Songwriter Bootcamps, die Radiohits am Fließband schreiben, eh schon lange haltlos sein müsste.

    »Transparent trotz millionenschwerer Reichweite
    Es gibt keinen Mensch in meinem Team, den ich geheimhalte
    Ghostwriter was? Schreib‘ Songs mit Laas
    Und nehm‘ ein’n Veteran mit auf die Eins in den Char
    ts«


    Männliche Dominanz im Visier

    “Bitches Brauchen Rap” startete mit den meisten Streams einer deutschen Künstlerin am Release-Wochenende und schaffte es mit 11,4 Millionen Streams sogar in die weltweite Spotify Top5. Das Schönste daran: Shirin David nutzt ihre Reichweite, um Sexismus offenzulegen und männlich geprägte Werte und Strukturen zu kritisieren.

    »Von „Bei Gott ist sie sexy“ hin zu „Vallah, sie’s ’ne Schlampe!“
    Die deklarier’n ein’n Minirock zu maximaler Schande
    Doch ’ne Frau mit Grips im Kopf wird abgetan zu ’ner Emanz

    „Babsi Bars“


    »Girls canceln Girls, Stimmung heiß wie Schaumbäder
    Boys werden nicht ma‘ boykottiert, sind sie Frauenschläger«

    „Last Bitch Standing“

    Dabei hat die Rapperin Einzelpersonen ebenso wie Institutionen im Visier und schießt gegen alles was ansatzweise männliche Hegemonie ausstrahlt. Shirin David greift auf „Last Bitch Standing“ unter anderem die männlich dominierten und klischeebehafteten Strukturen der Radio- und Rundfunkanstalten an. Bestes aktuelles Beispiel: Julian Reichelt und die Bild.

    »I’m so bossy, Bitch get off me
    Labels fassen Frauen falsch an wie Bill Cosby
    Das Radio will uns nur weinerlich und so zerbrechlich
    Rollenunterdrückung im Rundfunk öffentlich-rechtlich
    Als Zicke betitelt, wenn du zum Redakteur frech bist
    Die sagen, bist du fame, ist jede Kritik berechtigt

    Alle woll’n zwar Realtalk face-to-face auf männlich
    Doch 2 Minuten „Babsi Bars“
    und du fühlst dich offended«
    „Last Bitch Standing“


    Musikindustrie in der Kritik

    Mit „Bitches Brauchen Rap“ emanzipiert sich Shirin David von ihrem Debütalbum, das noch deutlich generischer klang. Auf der Suche nach einem eigenen Sound ist sie bei den Ursprüngen des HipHop gelandet. Harte Punchlines auf repetitiven Beats. Immer nach dem Credo, Message first! Und mit diesen Punchlines macht sie auch keinen Halt vor der Musikindustrie (von dessen Strukturen sie ehrlicherweise auch profitiert).

    »Rap ist jetzt in Mode, Songs aus der Schablone
    Jeder schreibt den gleichen Unfug, alles Katastrophe
    Die sagen: „Shirin kann nichts und sie schreibt nicht eine Strophe“
    Doch was ist, wenn ich erstmal ein paar Umstände expose?«

    »Singles, Singles, Singlеs, Shirin, denk an Streaming!“
    Mit zwei Minuten Minimum das Maximum verdienen«

    »Geht’s nach deutschen Produzenten, sing‘ ich nur noch Love-Songs
    Nicht, dass ihr mich falsch versteht, ich will niemanden shamen
    Doch große Jungs sind aufgeregt, als wollten diе mich daten«

    „NDA‘s“

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    Female Empowerment

    Die Rapperin attackiert auf ihrem Album nahezu alles, was attackierenswürdig erscheint. Und dennoch zieht sich ganz viele Liebe durch alle Lieder. Shirin David droppt einen Shoutout nach dem anderen an alle Frauen dieser Welt, um strukturelle Geschlechternachteile durch Support en masse auszugleichen. Hier kommt die vermutlich längste und schönste Textsammlung:

    »Manager denken, sie wären Marketinggenies
    Wenn sie ihren Künstlerinnen raten: „Diss Shirin!“
    Aber Fakt ist, für mich ist deren Erfolg kein Problem
    Denn ich liebе es, alle Bitches еrfolgreich zu seh’n«

    „Bitches brauchen Rap“

    »Für meine Iggys, die RiRis, Gigi Hadids, Beyoncés, Nickis und Cardis
    Die Megans, Mileys, Kylies und für die Kehlanis
    Für die Pablos, Donnatellas, RuPauls und die Mariahs
    Für jedе Außenseiter-Bitch, diе weiß, sie ist on fire, ah«

    »This is a man’s world, selbst der Himmel ist in Blau getränkt
    Ich hab‘ mich von den Wurzeln bis zur Blüte hier raufgekämpft
    Kings werden gebor’n, Prinzessinn’n werden auserwählt
    It’s a man’s world, die sich um Frauen dreht«

    „Man’s World“

    »No way, fuck Shaming
    Stelle keine Frau in den Schatten, damit ich schеin‘
    Ugly Bitches machen Prеtty Bitches gerne klein
    Aber Real Bad Bitches lieben Bad Bitches, weil ich kann das
    Uh, nur ein kleiner Ratschlag
    Kein Mann in dieser Welt macht dich zum Star, Schatz
    Selbst, wenn du einen kleinen Arsch hast
    Shake Booty, Babygirl, denn du darfst das«

    „Ich darf das“


    Gender Fluidity

    Obwohl Shirin David in ihren Texten durchgehend von Männern und Frauen spricht, schafft sie es dennoch an einigen Momenten eine klassische Geschlechtertrennung aufzulösen. Zum einen fasst sie den Frauenbegriff weiter, als in traditionellen Rollenbildern typisch (siehe Zitat „Für meine Iggys, die RiRis, […]“). Zum anderen thematisiert sie nicht-heterosexuelle Orientierungen.

    »Vielleicht hab‘ ich ein’n Boy, vielleicht sind es auch zwei
    Oder drei Girls (Rrh), alles könnte sein
    Nehme zwei Baddies mit heim, spiele Frauentausch«

    „Lieben wir“

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    Die Welt braucht mehr Shirin Davids

    Eins der Lieblingsworte von Shirin David lautet „Bitch“. Wer sich fragt, was daran empowernd ist, lässt es sich am besten von ihr selbst erklären:

    »Meine Mutter versteht kein Englisch – „Was sind Bad Bitches?“
    Sag‘ ihr: „Sowas wie ’ne Existenz, die selbstbestimmt ist“«

    „Schlechtes Vorbild“

    Die Künstlerin, Sängerin, Rapperin, Influencerin und vieles mehr erreicht auf 48 Minuten Albumlänge mehr, als Politiker:innen in einem Monat. Female Support und Empowerment, Medien- und Gesellschaftskritik, die Umdeutung/ Reappropriation des Wortes „Bitch“ und ganz nebenbei verpackt sie alle diese Themen stilsicher auf einem der besten deutschen Rap Alben jemals. Egal ob Deutschrap Fan oder nicht: Gebt euch dieses Album VERDAMMT NOCHMAL, denn es lohnt sich sehr!

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    Fotocredits: Shirin David, Universal Music Group