Kategorie: untold music

  • Der weiße Streifen im Monochrom – Albumreview zu „Belaya Polosa“ von Molchat Doma

    Der weiße Streifen im Monochrom – Albumreview zu „Belaya Polosa“ von Molchat Doma

    Die folgende Review kommt von eine unserer liebsten Freundinnen im Musikjournalismus-Kosmos: Annekatrin Schulz von abgefreakt.de. Wie ihr lesen werdet, ist sie riesengroßer Molchat Doma Fan, so wie vielleicht ein paar von euch auch. Die weißrussische Post-Punk/Synthie-Pop Gruppe ist seit ein paar Jahren ein wahre Nischenempfehlung, für alle, die sich in der industriellen und burtal imposanten Ästhetik wohlfühlen. Insowweit man eine Band noch eine „Nischenempfehlung“ nennen kann, wenn sie weltweit als Headliner auftreten und heute ihr bereits viertes Album veröffentlichen. Was die Gruppe und ihr Sound so interessant machen, erfahrt ihr jetzt. Von Fan zu Fan:

    der weiße streifen im monochrom

    Ich habe den Titelsong des neuen, vierten Albums von Molchat Doma mittlerweile so oft gehört, dass ich nachts von der Gitarrenmelodie träume. Белая полосa / Belaya Polosa – Weißer Streifen. In das detaillierte Klangbild einer Sci-Fi Zentrale aus glattem Metall mit blinkenden Kontrollleuchten + mantrahaft repetitiven Mechanismen + metamorph aufsteigendem Dunst integriert sich langsam diese Gitarrenmelodie. Und bringt ein schmerzendes Gefühl in die kühle Umgebung und gleichzeitig eine schimmernde Hoffnung. Ein weißer Streifen am schwarzen Himmel – vielleicht durchbricht in der ersten Textzeile hier metaphorisch die Hoffnung als Lichtstrahl die trostlose Dunkelheit. Inspiriert vom ständigen Wandel des Lebens + dem Kommen und Gehen + der Verlagerung von Interessen, Bedenken, Zielen repräsentiert dieser Song nicht nur musikalisch, auch thematisch treffend die Stimmung des gesamten Albums.

    im umbruch / im aufbruch

    „Molchat Doma, band from Minsk“, so kenne ich die aufs Wesentliche reduzierte Vorstellung der Band bei ihren Konzerten. Nach extensiven Touren, die Molchat Doma weltweit in den Headlines jeglicher Festivals und Venues verorten, ließ sich das Trio nun in Los Angeles nieder. Auch wenn die Arbeit an dem Album bereits in ihrer Heimat Weißrussland begann, so zieht sich sich das Sentiment des Umbruchs / Umzugs / Umgangs mit erheblichen Veränderungen durch das aktuelle Werk. In diesem Kontext begleiten wir das lyrische Ich in den Songs dabei, wie es sich von einst geliebten oder vertrauten Menschen trennt + Bekanntes zurücklässt für einen Aufbruch ins Unbekannte + einen Sinn im konstanten Wandel sucht.

    Molchat Doma, cargo records, belaya polosa, untoldency, album review, music magazine, abgefreakt.de
    im kreis / in pyramiden

    Die prominenten Gefühle von Schmerz, Melancholie, Resignation werden durch hoffnungsvollere, umarmende Momente gebrochen mit der Erkenntnis, dass sich in Bewegung befinden auch kreislaufartig bedeutet: aus Vertrauten werden Fremde, doch aus Fremden werden wiederum Vertraute und mit dem Ablegen alter Sichtweisen werden gleichzeitig neue Perspektiven geschaffen. Dafür steht ebenfalls das Symbol der Pyramide, das in den Musikvideos zum neuen Album wiederkehrt – Grabmal zugleich Zeichen des Beginns einer Reise, Unendlichkeit.


    Ein Kreis schließt sich auch musikalisch. Ihr Umzug in die USA spiegelt sich im Sound der Band wider und wird, wie bereits vor Jahren in Interviews angekündigt, in die 90er fortgeführt. Die Bereitstellung von und breite Auswahl an Equipment und Instrumenten münden in einer ausgefeilten Produktion, die wenig mit dem 2017 Debüt der Band gemeinsam hat und sich trotzdem mit jedem Song anfühlt wie eine Heimkehr. Vor allem die der schwermütige Gesang und die hallenden Gitarrenmelodien ziehen einen roten Faden durch das Schaffen der Band, das nun zusätzlich durch unzählige auditive Details und Effekte geschmückt wird.

    im schwarz-weiß / in strukturen

    Die Band bedient sich an verschiedensten industriellen Klängen und Mustern, die an Motoren, Kraftwerke oder Turbinen erinnern. Ab und zu erscheinen glitzernde Töne, unkenntlich geschichtete Töne, in die Distanz verschwindende Töne. Die Songs fühlen sich so greifbar an, als wären sie in dreidimensionalen Strukturen komponiert, als würde man während des Hörens eine raue Häuserfassade streifen. In Kombination mit dem bekannten dystopisch Klang der Band ruft auch das neue Album unweigerlich die Assoziation brutalistischer Ästhetik hervor. Alles findet mehr denn je in einer monochromen Grauabstufung statt – sogar sie Songtitel sind ein Wechselspiel zwischen schwarz und weiß – Weißer Streifen (4. Белая полоса), Schwarzen Blumen (6. Черные цветы), Winter (10. Зимняя), Hoffnungsloser Walzer (5. Безнадежный вальс). Dieser Kontrast – um im Rahmen wieder auf den Titelsong des Albums zurückzukommen – wird im dazugehörige Musikvideo von Belaya Polosa visualisiert schwarz-weiß + kalten-fiebrig + nostalgisch-futuristisch.

    Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von YouTube. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf die Schaltfläche unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.

    Mehr Informationen

    Das neue Album könnt ihr jetzt überall da hören, wo ihr am liebsten eure Musik hört. Viel Spaß!

    Fotocredit: Alina Pasok, Karim Belkasemi 

  • Eine EP wie ein Poesie Album: Jakob Longfields „Of Daydreams And Letting Go“

    Eine EP wie ein Poesie Album: Jakob Longfields „Of Daydreams And Letting Go“

    Kennt ihr diese Songs, die euch immer wieder an den einem Moment erinnern? Vor allem im Sommer gewinnen solche Songs oft an Bedeutung. Der Sonnenuntergang am Strand oder der beste Party-Abend seit langem – und bei dem einen Song erinnert ihr euch immer wieder dran. Das funktioniert genauso gut wie ein Poesie Album voller schöner Momente, die dadurch auf ewig festgehalten werden.

    Ein Poesie Album voller schöner Erinnerungen – so klingt „Of Daydreams And Letting Go“ von Jakob Longfield. Alle Indie Folk Liebhaber*innen aufgepasst: Vielleicht liefert diese EP ja genau den Soundtrack für euren nächsten Roadtrip? Wir sehen da auf jeden Fall großes Potenzial!

    Die Musik von Jakob Longfield reiht sich ganz unbemerkt in eine Playlist zwischen Größen wie Of Mosnsters And Men, Bon Iver und Mumford & Sons ein. Nostalgisch, verträumt und trotzdem mit einer Menge Ohrwurm-Potenzial. Jakob Longfield steht für die Höhen und Tiefen des Lebens, die sich in seiner Musik widerspiegeln. Seine Lieder vereinen introspektive Texte mit rhythmischen Gitarrenklängen und werden vom Gesang getragen. So auch auf der EP „Of Daydreams And Letting Go„, die wir für euch unter die Lupe genommen haben.

    Für Fans von Of Monsters And Men, Bon Iver und Mumford & Sons

    Der erste Song auf der EP ist quasi Programm „Daydreams (with M)“ start verträumt, bleibt verträumt und hinterlässt uns verträumt. Organische Indie-Folk-Elemente ziehen sich durch den Song, der in einer Berliner Wohnung als Duett entstanden ist. Und genau diese Intimität schafft es, die Spannung von der ersten bis zur letzten Sekunde aufrecht zu erhalten. Jakob Longfield erzählt von Tagträumereien und dem inneren Konflikt zwischen eigenen Vorstellungen und der Realität. Mit seinem warmen Gefühl eignet sich der Song perfekt für lange Sommerabende.

    Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von YouTube. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf die Schaltfläche unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.

    Mehr Informationen

    Not Sure Anymore„, die zweite Single, macht genau da weiter, wo der EP-Einstieg mit angefangen hat: Er verbindet ebenfalls organische Indie-Folk-Elemente mit einem treibenden und komplexen Sound. Der Song thematisiert das Erwachsenwerden, geplatzte Träume und eine Abwärtsspirale, die einer Depression gleicht. Damit werden wir aber nicht alleine gelassen. Trotz der schweren Themen vermittelt die warme Produktion eine hoffnungsvolle Botschaft, dass letztlich alles gut wird.

    „we let go, if you want to“

    Morning Light“ entstand, so erzählt Jakob Longfield, inspiriert von einer spirituellen Erfahrung während einer Alpenüberquerung im Sommer 2023, die Jakob als eine der intensivsten und glücklichsten Zeiten seines Lebens beschreibt. Der Song fängt die Magie eines Wandertages ein, bei dem Jakob vor Sonnenaufgang aufbrach, um innere Ruhe zu finden – und dabei nimmt er uns mit. Durch den Song hindurch sind Geräusche von Vögeln, Schritten, Regen und Wasserfällen zu hören, die der Songwriter selbst auf seiner Wanderung aufgenommen hat.

    Good Enough“ schließt die EP mit einer klaren und ermutigenden Botschaft ab: Ich bin gut genug/“I’m good enough“. Der Song erzählt von den Herausforderungen und Unsicherheiten des Lebens, aber auch von der Erkenntnis und Akzeptanz der eigenen Stärken. Der Song hinterlässt ein Gefühl des Loslassens und der Zufriedenheit. Dieses Gefühl zieht sich wie ein roter Faden durch die EP und bringt eine magische Leichtigkeit mit sich.


    Inspiration: Alpenüberquerung und viel Zeit mit sich selbst

    Die Entstehung und Inspiration der EP „Of Daydreams And Letting Go“ sind eng mit Jakob Longfields persönlicher Reise und seiner Alpenüberquerung verknüpft. Diese 11-tägige Wanderung im Sommer 2023 war prägend für die EP und findet sich nicht nur in den Texten und der Bildwelt, sondern auch in der Musik und Produktion wieder. „Of Daydreams And Letting Go“ ist für Jakob eine musikalische Einladung, die eigenen Träume und Ängste zu erkunden und letztlich loszulassen, um Platz für neue Erfahrungen zu schaffen.

    Egal, ob ihr euch in endlosen Tagträumen verliert oder Mut schöpft, euch Ängsten zu stellen – die EP „Of Daydreams And Letting Go“ von Jakob Longfield könnte dafür euer Begleiter werden. Von uns gibt es auf jeden Fall eine fette Empfehlung:

    Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von Spotify. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf den Button unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.

    Weitere Informationen

    Fotocredit: Yannick Beringer

  • BLVTH sucht auf auf neuem Album „YIN YANG“ seine Balance

    Zerrissen versus ausgeglichen, untröstlich versus zuversichtlich, erschöpft versus enthusiastisch, yin versus yang – BLVTH findet auf seinem neuen Album „YIN YANG“ nicht trotz, sondern aufgrund der Gegensätze näher zu seiner Mitte. Auf seiner musikalischen Reise durch das eigene Innenleben weisen ihm die verschiedensten Emotionen den Weg zu sich selbst. In der Verzweiflung manch eines Songs findet sich zugleich das tröstende Gefühl verstanden zu werden. Wer wirklich in „YIN YANG“ eintauchen will, erklärt sich vorher bereit, mit sich selbst in Therapie zu gehen.

    „Ich bin Niemand!“
    Blvth, Roberto Brundo, Yin Yang, Album, Release, Music, Blog, Untoldency, Cover Art

    Meditative Klangflächen formen sich im Intro allmählich zu einer Klangmasse während umgekehrte Sounds die Zeit zurückspulen und auf Start setzen. Start ist in diesem Fall die erste Single und zugleich der erste Song des Albums „NOBODYNOONE“. Erwachsen aus dem Intro veranschaulicht der Track die Zerrissenheit des Sängers und entwickelt sich über zwei Strophen und Interludes hinweg zum Refrain – der Ausgangslage der LP:

    „I don’t wanna be someone you want me to be
    Please someone set me free, erase my memory”

    So let me go!

    Mit “I WOZ HOME” beginnen die tanzbaren Tracks des Albums. Auf einem zu schnell geratenen House-Beat wiederholt BLVTH das folgende Mantra und dreht sich inhaltlich wieder um das Loslassen und Freimachen umgebener Störgeräusche:

    “So let me go
    Cause I was home
    But you’re not done
    With me, oh no”

    Kampf der Klänge

    „RIOT“ entfesselt anschließend die Emotionen und gewinnt eine neue Intensität. Der an alte BLVTHeske Hip Hop-Zeiten erinnernde Beat mischt sich mit verzerrten Sounds und treibt zielstrebig nach vorn. Der Name hält sein Versprechen, denn der Song motiviert zum Aufstand ehe er sich in einer gewissen Klarheit auflöst. „ALL THAT KILLING“ holt den nie alt werdenden Signature-Sound BLVTHS zurück, nämlich den warmen Klang melancholisch-dramatischer Gitarrenakkorde. Dazu Drums? Überflüssig! Die Gitarre ist Atmosphäre und Rhythmus in einem. Ergänzt durch die perfekte Delivery der Features bildet dieser Song zusammen mit „REAPER“ das Herz des Albums.

    Der beste Song!

    Von BLVTH selbst angeteasert als der beste Song seiner Karriere, eilen „REAPER“ einige Vorschusslorbeeren voraus. Doch diesem Druck wird der Song gerecht. Die auf diesem Album fast schon altertümlich wirkende Songstruktur und Instrumentierung überlassen zum ersten Mal den Lyrics das Spotlight. Ein klarer Schlagzeug-Beat, ein simpler Basslauf und begleitende Gitarrenakkorde lassen dem Gesang den Raum, den er verdient. BLVTH wandelt auf „REAPER“ an der Grenze des Lebens und ist sich paradoxerweise bei niedrigem Puls seiner selbst so bewusst wie noch nie. Der Track erkundet Gefühle des Verlust, der Angst, der Trauer – aber auch der Erlösung und der Gewissheit. Die letzten 30 Sekunden des Songs überlagern sich allmählich die verschiedensten klanglichen Emotionen, ehe sie sich über den Drums wieder auflösen.

    Was kann BLVTH nicht?

    Zum Ende des Albums erstarken erneut die 4-on-the-floor-beats. „BREAK AND FIX“ marschiert nicht sonderlich schnell, aber bestimmt nach vorn‘. Die Message steckt im Titel und dreht sich erneut, um Gegensätze und neue Anfänge. „IN THE MIDDLE“ belichtet anschließend die poppige Seite des Sängers. BLOODMOON schwebt auf hohen Tönen über den von BLVTH produzierten Beat. Die beiden Artists liefern den perfekten Song, um im Cabrio dem Sonnenuntergang entgegenzufahren, während der Wind seicht durch die Haare zieht.

    Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von YouTube. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf die Schaltfläche unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.

    Mehr Informationen
    TikTok type music

    Track 11 und 12 des Albums verarbeiten vorangegangene Songs des Albums. Während „I WOZ DONE“ eine slowed Version von „I WOZ HOME” ist und an die Klänge der NNDW erinnert, beschleunigt „NOBODYNOONE – BLVTH ON SP33D REMIX“ seinen Namensvetter und transformiert den Originalsong zu einem stampfenden Disco-Hit. Das erneute Aufgreifen dieses Songs schließt den Kreis zum Anfang der LP und setzt den Lauf der Zeit wieder auf null: „Please someone set me free, erase my memory”). Zuletzt verfliegen die letzten Gedanken auf „PLASTIC DREAMS“.

    Meditationsreise

    „YIN YANG“ ist ein Album weniger Worte. Stattdessen fühlen sich die Texte eher nach kreisenden Gedanken an. Nur sporadisch bricht der Zyklus und es bilden sich klare Sätze. Doch dies ermöglicht es, vollkommen in die Leere einzutauchen. Dieses Album gibt es Platz die Musik zu entdecken und darin uns selbst.
    Unsere einzige Kritik: es ist viel zu schnell vorbei!

    Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von Spotify. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf den Button unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.

    Weitere Informationen

    Fotocredits: Roberto Brundo & Bennet Henkel

  • Kabinett nehmen uns auf ihrer EP „Blackout“ mit in eine düstere Clubnacht

    Kabinett nehmen uns auf ihrer EP „Blackout“ mit in eine düstere Clubnacht

    Versetzt euch einmal in folgende Situation: Es ist Wochenende, ihr seid mit euren Freund*innen unterwegs in einem coolen Szene-Club. Es ist dunkel, der Bass hämmert, ihr habt eine gute Zeit. Trotzdem kreisen viele Gedanken durch euren Kopf. Euer Bewusstsein wechselt zwischen „im Moment leben“ und „jedes kleinste Detail zerdenken“. Den perfekten Soundtrack für diese Situation liefert die Indie-Rock-Band Kabinett mit ihrer EP „Blackout“. Dazu sagt die Band selbst: „Nachdem wir mit unserer „Not About Us„-EP zunächst ein sehr weites Feld an unterschiedlichen Sounds und Genres erkundet haben, wollten wir uns mit „Blackout“ mehr auf eine Stimmung und eine musikalische Idee fokussieren.“

    Kabinett – wer ist das eigentlich? Fünf Jungs aus Mannheim, die Indie-Rock mit immer neuen Facetten auf die Bühne bringen. Die Band wurde Ende 2019 ins Leben gerufen. Ihre Debüt-EP „Not About Us“ erschien 2023. Mit der aktuellen EP „Blackout“ wird es düsterer und rockiger. Ein Sinneswandel? Wohl eher nicht, aber dafür eine Reise, auf die wir mitgenommen werden.

    Erwachsenwerden in vier Songs

    „Es klingt deutlich weniger nach Pop, eventuell auch weniger experimentell, dafür aber erwachsener und in gewisser Weise auch bestimmter. Es ist nicht nur eine Aneinanderreihung von Songs, die zufälligerweise auf einer EP landen, sondern eine emotionale Reise. Das war uns bei dieser Produktion besonders wichtig, denn wir wollten in erster Linie ein emotionales Werk schaffen. Inhaltlich ist es daher auch deutlich persönlicher als zuvor – die Geschichten haben teils autobiografische Inhalte“, erklärt Manuel Freund, der Mann hinter dem Synthesizer.

    Der erste Track ist der namensgebende Song „Blackout“. Der Beat gibt das Tempo vor und bleibt garantiert hängen. Denn „Blackout“ zieht seine Hörer*innen direkt mit sich und entlässt sie nur schwer aus seinen Fängen. Das könnte dran liegen, dass die beschriebene Situation so authentisch ist, dass sich jede*r hineinversetzen kann. Der Song fängt eine belanglose Clubszene ein und wird dabei von einem durchgehenden Synth-Riff getrieben, liefert mit fetten Drums und Bass eine düstere Grundstimmung und wird vom rauchigen Gesang des Sängers vollendet wie eine Symphonie.

    Moonrise“: Die Partynacht ist vorbei. Der zweite Titel der EP von Kabinett baut eine Brücke zurück in die Realität. Sanfte Synthesizer und Gitarren-Sounds klingen wie das Aufwachen aus einem Fiebertraum. Gesang? Fehlanzeige, denn „Moonrise“ kommt komplett ohne Vocals aus. Eine Minute und 33 Sekunden gibt uns die Band, um für den Wechsel.

    Weiter geht’s mit „Ama Wave“ und einem dunklen, melancholischen Song. Ich fühle mich, wie am Morgen danach: Leicht verkatert, Laune mies, alles zerdenkend. Soundlich bleibt hier alles sehr minimalistisch. Auch die Stimme des Sängers bleibt leicht gedämpft und spielt der Melancholie in die Karten. Ich kann gar nicht anders, als mich in meinen Gedanken zu verlieren. Schlagzeug und Gitarre treten immer mehr in den Vordergrund und lassen auf ein dramatisches finale des Songs deuten – das bleibt allerdings aus. Stattdessen gibt’s ein ruhiges Ende, fokusiert auf die Stimme.

    Ein musicalreifer Abschluss mit „Pablo“

    Pablo“ erinnert an den Soundtrack eines Musicals. Durch den noch immer düsteren Sound und die verspielten Keys stelle ich mir eine Horde Vampire vor, wie sie auf den Streifzug zu ihrer nächsten Mahlzeit durch die dunklen Gassen einer amerikanischen Großstadt tanzen. Ein sehr spezifisches Bild, aber genau das löst „Pablo“ bei mir aus. Dabei ist der Song total persönlich. Eindringlich ruft der Sänger Sätze wie „What is wrong?“ in das Mikrofon und singt sich gegen Ende immer mehr in Rage. Im Hintergrund wird irgendetwas Unverständliches geflüstert. „Pablo, calm down“ – doch das schafft auch der Song erst in den letzten Sekunden und hinterlässt ein aufgewühltes Gefühl und offene Fragen.


    Für Kabinett ist es der erste so richtig persönliche Release. Das kann erst einmal gruselig sein, aber: „Der Release fühlt sich einfach nach dem richtigen nächsten Schritt an. Auch ein bisschen wie Erwachsenwerden. Wir haben uns für unsere Verhältnisse ganz schön geöffnet und angreifbar gemacht, aber wir stehen hinter jedem Track und freuen uns, sie mit der Welt zu teilen“, so lautet das Resümee der Band.

    Und jetzt? „Bei uns passiert zurzeit aber einfach so viel, da bleibt leider keine Zeit, sich darauf auszuruhen oder so richtig abzuschließen mit einem Projekt – zumindest mental. Wir sind direkt an der Planung der nächsten Projekte und machen zumindest musikalisch und inhaltlich keinen Stopp auf unserer Reise.“

    Alles klar, jetzt müsst ihr also nur noch die aktuelle EP „Blackout“ streamen bis neue Musik von Kabinett rauskommt. Auf geht’s:

    Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von Spotify. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf den Button unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.

    Weitere Informationen

    Fotocredit: Laura Vollweiler

  • „I’ve just been on a journey of loving myself“– girl in red mit „I’M DOING IT AGAIN BABY!“

    „I’ve just been on a journey of loving myself“– girl in red mit „I’M DOING IT AGAIN BABY!“

    SHE’S DOING IT AGAIN BABY! – Die norwegische Künstlerin girl in red ist zurück mit ihrem zweiten Album und schafft damit einen würdigen Nachfolger ihres Debüts „if i could make it go quiet“ (2021). Der Release des zweiten Albums ist immer schwer, vor allem, wenn das Erste durch die Decke ging. Die Erwartungen waren also hoch – so auch bei mir, als ich das erste Mal in das neue Album reingehört habe. 

    Seit der Veröffentlichung ihres Debütalbums sind ein paar Jährchen vergangen, die auf der neuen Platte deutlich zu hören sind. Ihre Stimme ist klarer, die Stimmung positiver und selbstbestimmter. Was gebelieben ist, sind die ehrlichen und humorvollen Lyrics, die einen intimen Einblick in den Kopf von girl in red geben. Selbstbewusst, energievoll und trotzdem sensibel erzählt das Album von Selbstliebe, der Liebe für das Leben und einen ganz besonderen Menschen in ihrem Leben. Dabei klingt die Platte vor allem selbstreflektiert.


    „I’m on a new level, something’s got me feeling so good (I could be inflammable, and I might be), My energy is through the roof (I’m gonna light it up) Yeah, nothing’s gonna stop me now“

    SHE’S BACK 

    Schon der Titel „I’M DOING IT AGAIN BABY!“ zeigt, wie viel Entschlossenheit und Positivität im neuen Album steckt. Dabei ist der Sound immer noch typisch girl in red, im Gegensatz zum Debüt sind die Songs jedoch ein wenig abwechslungsreicher. Im gelungenen Opener „I’m Back“ beschreibt Marie den Prozess nach ihrer Depressionserkrankung, wieder zurück zu sich selbst gefunden zu haben. Die verspielte Klavierballade lässt das Album schon von Beginn an selbstbewusst und hoffnungsvoll klingen.


    Der Titeltrack „I’M DOING IT AGAIN BABY!“ ist die Hymne des Albums und ein Song, den man so bisher noch nicht von der Künstlerin gehört hat. Dieser strahlt nur so vor Selbstliebe und Energie, ein Song, der einfach nur Spaß macht. Thematisch knüpft „I’M DOING IT AGAIN BABY!“ an „I’m Back“ an. Das Gefühl, sich gut zu fühlen, äußert sich dort auf eine schräge, überdrehte Art und Weise.  

    Die ersten Klänge von „Too Much“ haben mich sehr an das erste Album erinnert. Hier verarbeitet die Norwegerin, dass sie von außen immer als „zu viel“ wahrgenommen wird. Obwohl in dem Song auch ein wenig Traurigkeit steckt, vermittelt er viel mehr ein Gefühl von Ermutigung, dass man genau so viel sein kann, wie man eben muss. „Phantom Pain“ ist ein energie- und humorvoller Song über das Verliebtsein. Kann man Herzschmerz bekommen, obwohl man die Person nicht mal richtig kennt? girl in red bezeichnet dieses vermeintliche Gefühl von Herzschmerz als „Phantom Pain“, das sie nach einer Abweisung beim Kennenlernen ihrer Freundin verspürt hat. 


    Musikvideo zu „Too Much“

    Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von YouTube. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf die Schaltfläche unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.

    Mehr Informationen

     
    „You Need Me Now?“ ist das einzige Feature auf dem Album und ein weiterer Empowerment-Song. Zusammen mit Sabrina Carpenter erzählt girl in red von einer toxischen Ex-Beziehung, die sie hinter sich lassen möchte. Gerade der treibende Sound und die Rock-Elemente machen den Song zu einer Feier der Selbstpriorisierung. Ob das Feature nötig gewesen ist, darüber lässt sich allerdings streiten. Nun fehlt noch der Song über die eine große Liebe. „A Night To Remember“ handelt von der Nacht, in der Marie ihre Freundin kennengelernt hat: „Can you feel the chemical reaction? You triggered my desire and attraction, everything in me wants this to happen“. Ein typischer girl in red Song, der als langsame Ballade beginnt und später lebendig wird.


    „It was a night to remember, nothing ever felt like, The moment I met her, I met the rest of my life“


    Meine zwei Favoriten auf dem neuen Album sind unter anderem „Pick Me“ und „New Love“. Beide Songs mag ich vor allem in musikalischer Hinsicht. Die melodievolle Klavierballade „Pick Me“ baut eine Dramatik im Song auf, die zum ersten Mal nach Sehnsucht und Schmerz klingt und thematisch wieder an das letzte Album erinnert. Mit dem vorletzten Track „New Love“ möchte Marie ein Kapitel schließen, dass sich vermutlich auch auf die Thematik von „if i could make it go quiet“ bezieht. Die gleichbleibende Dynamik und das lange Outro lassen den Song demnach als guten Abschluss stehen.

    girl in red hat mit „I’m Doing It Again Baby!“ ein hoffnungsvolles und ermutigendes Album geschrieben, das Selbstliebe und -achtung in den Fokus nimmt, Selbstreflexion thematisiert aber auch über Ängste und Schmerz spricht. Das neue Album klingt nach girl in red, ehrlich, verspielt und nun auch selbstbewusster.

    Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von Spotify. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf den Button unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.

    Weitere Informationen

    Foto Credits: Heather Hazzan

  • „Here I fuckin’ go again“ – Fletcher ist zurück mit ihrem Album „In Search Of The Antidote“

    „Here I fuckin’ go again“ – Fletcher ist zurück mit ihrem Album „In Search Of The Antidote“

    „Here I fuckin’ go again“ – mit diesen Worten startet FLETCHER in ihr zweites Album „In Search Of The Antidote“. Bekannt für ihre unvergleichlich kontroversen Lyrics und komplexe Themen wie Identität, Ego und Selbstverwirklichung hat sie auch mit „The Search Of The Antidote“ ein solches Werk geschaffen. Nachdem sie sich im letzten Jahr aufgrund gesundheitlicher Probleme etwas aus der Öffentlichkeit zurückgezogen hat, ist sie jetzt mit altbekannter Offenheit, Selbstreflexion und Selbstbewusstsein zurück.


    It’s messy and ugly and healing

    Das Album hat etwas von einem persönlichen Beichtstuhl. FLETCHER kommt von einem Platz kompletter Freiheit – eine Freiheit, die daraus stammt, alles zu fühlen und sich diese Gefühle zu erlauben. Was andere zurückhalten würden, weil es nicht ihre stolzesten Momente oder Gedanken sind, spricht sie gnadenlos aus. Sie schafft es immer und immer wieder, das Chaos und die Unordnung, die bei der Suche nach sich selbst und der Liebe entstehen, abzubilden. Es ist messy, es ist chaotisch und es werden – teils viele – Fehler gemacht. Aber es ist echt.


    „Hopin‘ you stay broken hearted
    but that’s just my ego talking“


    Vom Lernen & Wiedergutmachen

    Während FLETCHER in ihrem Debütalbum „Girl Of My Dreams“ noch mit Songs wie „Becky’s so hot“ und „Suckerpunch“ vor Selbstbewusstsein zu strotzen schien und auch mit „I Love You, Bitch“ und „Girl of My Dreams“ Selbstliebe zum zentralen Thema machte, spricht „In Search Of The Antidote“ mehr von Unsicherheiten, vom Lernen und Wiedergutmachen. Sie verschweigt und beschönigt nichts. Sowohl der Sound des Albums als auch die Texte sind an manchen Stellen ungeschliffener, rauer. Dazu gehören auch stimmliche Unvollkommenheiten, welche die starken Emotionen durchkommen lassen, die hinter den Songs stecken.

    Diese Message ist aber keine, die man direkt auf Anhieb versteht. Erst mehrmaliges Hören schafft ein besseres Verstehen für die Texte, für die Erlebnisse. Aber die Lektionen, die FLETCHER gelernt hat und mit uns teilt, sind das auch nicht. Die Verwirrtheit, die Sprunghaftigkeit, die diese Gefühle und dieses Album prägen, gehören zum Heilungsprozess dazu.

    Promobild von Fletcher, sie schaut in einen Spiegel

    Der stärker in den Mittelpunkt gestellte Gitarrensound verleiht dem Album eine gewisse Ungezähmtheit.

    Ein Song, der heraussticht, ist „Two Things Can Be True“. Am Anfang eher noch unauffällig, entwickelt sich daraus schnell ein hartnäckiger Ohrwurm. Wie der Titel schon verrät, ist der Song eine verzweifelte Validierung von parallel existierenden Gefühlen.

    Insgesamt lässt sich das Album als Alt-Pop gespickt von rockigen Passagen beschreiben. Songs wie „Doing Better“ oder „Attached to You“ werden genau davon angetrieben. Ruhige Songs wie „Crush“ oder „Joyride“, ohne die sonst stark im Vordergrund stehenden Drums und E-Gitarren, unterbrechen die Getriebenheit, die sonst sehr oft präsent ist. Diese Widersprüche finden sich teilweise auch in einem einzigen Song: „Pretending“ startet sehr soft, erst nur FLETCHER’s Stimme. Diese wird dann schnell ergänzt durch eine E-Gitarre, bis sich das Ganze bis zur Bridge stark steigert. Spätestens zum Ende des Songs liefern sich der Instrumental Part und die Vocals ein kleines Battle.

    Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von YouTube. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf die Schaltfläche unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.

    Mehr Informationen


    Aus einem Brei an Emotionen die einzelnen Gefühle zu erkennen und herauszufiltern, hat aber genauso einen gewissen Widerspruch, fühlt sich ähnlich an. Diese sehr ähnlichen Gefühle und doch so unterschiedlich, wiederkehrende Muster und neue Erlebnisse zeitgleich machen das Navigieren zu einem kleinen Battle und das hört man den Songs an. Es ist nicht die Achterbahn der Gefühle, die „Girl Of My Dreams“ war, sondern viel mehr ein wirres im Kreis drehen. Heilen ist eben nicht linear. Und das hat Fletcher in ihrem Sophomore-Album eingefangen.


    After the glow up I was learnin‘ how to grow up

    Der Titel hält, was er verspricht – „In Search Of The Antidote“ ist ein Album über die Suche, nicht über das Finden. Am Ende der 11 Songs fühlt es sich noch nicht so an, als wurde die Antidote gefunden. Aber auch das ist in Ordnung. Mit nur 31 Minuten ist das Album vergleichsweise kurz und vielleicht auch insgesamt nicht die musikalische Perfektion, die manche erwartet hatten. Aber das sollte es auch gar nicht sein. Mit einer sehr starken Vocal Performance, einigen „Did she really just say that?“-Momenten und gnadenloser Echtheit ist „In Search Of The Antidote“ perfekt in ihrer Imperfektion. FLETCHER schafft es, ihre Fans an dem emotionalen Chaos, das sie empfindet, teilhaben zu lassen. Und dabei gleichzeitig zu zeigen, dass nicht immer alles auf Hochglanz poliert sein muss, sondern die eifersüchtigen, unsicheren Momente genauso menschlich und normal sind.

    Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von Spotify. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf den Button unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.

    Weitere Informationen
  • Traurige Indie-Songs für Außenseiter: Philine Sonny ermutigt mit ihrer „Invader“-EP

    Traurige Indie-Songs für Außenseiter: Philine Sonny ermutigt mit ihrer „Invader“-EP

    Musik für Außenseiter – das klingt erstmal total uncool, aber zeugt von großer Stärke. Philine Sonny bezeichnet sich selbst oft aus Außenseiterin oder Eigenbrödlerin. Sie hatte zu Schulzeiten keine feste Freundesgruppe, konnte sich nirgendwo so richtig einfinden und hat einen Großteil ihrer Freizeit in ihrem Zimmer verbracht, wo sie (zu unser aller Glück) ihre Gefühle in Songs verpackt hat und sich selbst das Produzieren beigebracht hat. Wenn ich sagen würde, Philine Sonny macht Indie-Musik, dann könnte ich wohl kaum eine allgemeinere Beschreibung finden – und das wird ihr auch nicht gerecht. Aber trotzdem reiht sich ihre Musik perfekt in die deutsche Indie-Bubble ein. Kein Wunder, dass sie zusammen mit Shelter Boy, Amilli oder Brockhoff musiziert.


    Ungeschönte Ehrlichkeit – verpackt in Songs

    Im Februar habe ich Philine Sonny als Vorband beim Giant Rooks Konzert gesehen. Etwas abgehetzt, weil ich mal wieder viel zu spät los gefahren bin, kam ich gerade rechtzeitig zum ersten Song der Künstlerin in der Konzerthalle an. Und was soll ich sagen – ich habe direkt geweint. Ich weiß nicht einmal genau warum, aber diese Emotionalität in den Songs von Philine Sonny kickt live einfach nochmal ganz anders. Ein Moment ist mir besonders im Gedächtnis geblieben. Bevor die Band „same light“ anstimmt, erzählt Philine, welche Geschichte hinter dem Song steckt: Sie erzählt, dass es ihr oft peinlich war, mit 22 noch Jungfrau zu sein und sich komisch gefühlt hat – und genau das in dem Song verarbeitet hat.

    Ganz ehrlich und ermutigend gesteht sie dann sich und dem Publikum ein, dass es doch total bescheuert ist, sich dafür zu schämen und doch jede*r das machen sollte, was und wie einem am besten passt. Diese Ehrlichkeit auf Konzerten ist nicht selbstverständlich und hat einfach ein verdammt gutes Gefühl bei mir hinterlassen. Deshalb habe ich mich auch gefühlt als würde ich in der Wolke einer wohl-warmer Umarmung liegen. Und genauso fühlt sich für mich auch die EP „Invader“ an.

    Warum heißt die EP „Invader“ Invader – also Eindringling? „Ich habe gemerkt, dass das etwas ist, wo ich Angst vor habe – in verschiedenen Bereichen meines Lebens“, erklärt Philine. „Zur Therapie zu gehen hat mir geholfen das Thema aufzuarbeiten und mir gezeigt, dass es ein großes Ding ist, was mich schon lange begleitet.“ Auf der EP nimmt Philine uns mit auf eine Art Therapiestunde und zeigt uns, dass wir uns nicht zu fühlen brauchen als wären wir ein Eindringling oder alleine mit diesem Gefühl.

    Mit „I wanna take drugs“ gibt es wohl kaum einen deutlicheren Einstieg in eine EP. Textlich zeichnet Philine ein klares Bild im Kopf: „Es ist eine romantisierte Idee, wie das Leben aussehen würde, wenn man ganz dreist und rücksichtlos die Angst hinter sich lassen würde und alles riskieren würde, um sich lebendig zu fühlen.“ Ganz im Gegensatz dazu zieht der Sound ein verträumtes Bild und lässt Grenzen verschwimmen. Egal, ob es gewollt ist oder nicht: Die romantisierte Idee wird zur Realität. Eine Realität in der alles schei*egal ist und das Bauchgefühl entscheidet, was richtig ist.


    „Somebody out there?“

    In Denial“ ist der Weckruf. Nach der verträumten Indie-Pop-Hymne rüttelt der zweite Track auf „Invader“ uns wach aus unserem Traum. Der Fokus liegt auf dem Bass und wird durch Post-Punk-Elemente  mit dem richtigen Retro-Gefühl unterstrichen – passend zur Coming-of-Age-Story, die Philine Sonny über die Lippen bringt. Immer wieder fragt sie „Somebody out there?“ und bekommt keine Antwort. Ein Gefühl, dass vermutlich viele nachvollziehen können.

    Die selbsternannte Außenseiterin spricht die Gedanken eines jeden Eigenbrödlers aus. Zwischen Einsamkeit und Wohlfühlen im Alleinsein. „Es versteckt nicht den Schmerz, der mit hoffnungsvoller, jugendlicher Beharrlichkeit daherkommt, die von der Erkenntnis überschattet wird, dass einige Dinge einfach nicht sein sollen. Es ist auch eine Erinnerung daran, wie wichtig es ist, zu lernen für sich selbst einzustehen.“


    Viele Fragen, wenig Antworten

    Nach dem Power-Track der EP, versetzt der langsame Acoustic-Track „Stranger In Your Living Room” uns wieder zurück in eine Gedankenwelt voller Fragen. Gehöre ich hier hin? Bin ich zu viel? Geht es gerade zu schnell? Überschreite ich hier eine Grenze? Was passiert hier gerade mit mir? All diese Fragen stellt Philine Sonny sich in „Stranger In Your Living Room”. Und all diese Fragen bleiben auch offen. Der Song hinterlässt beim Hören irgendwie ein leicht schlechtes Gefühl und bringt viele dieser Fragen in einem selbst hoch. Das gilt natürlich nur, wenn man sich drauf einlässt, denn „Stranger In Your Living Room” lässt auch sehr gut nebenbei hören und die ganzen Gefühle in den Lyrics ignorieren. Denn so viele alle Songs auf der EP von Philine Sonny verlangt dieser Song besonders, dass man sich auf ihn einlässt und sich selbst hinterfragt.

    Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von YouTube. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf die Schaltfläche unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.

    Mehr Informationen

    Die Gedankenwelt, in die Philine Sonny uns seit 3 Songs gesungen hört auch mit dem folgenden Track nicht auf – doch gibt mal wieder einen kleinen Lichtblick. „Take A While“ baut sich erst langsam mit atmosphärischen Gitarrenakkorden auf und geht dann über in einen offenen, treibenden Refrain. „Der Song ist ein Liebesbrief an alle, die damit strugglen, ihre Verletzlichkeit dem Schmerz überleben zu lassen“, erklärt Philine.

    Etwas, das ich vorher noch gar nicht erwähnt habe, fällt bei diesem Track besonders auf: Die Stimme von Philine Sonny kommt sehr sanft daher und geleitet und quasi immer weiter rein in unsere Gedankenwelt – ohne dabei aufdringlich zu werden. Zu meiner großen Freude darf aber bei „Take A While“ die Gitarre mal wieder in den Vordergrund, was dem Song eine erstaunliche Leichtigkeit verleiht.


    Die Erlösung?

    Und dann es endlich: Das Piano. Gibt es ein Instrument, das besser zu einem balladigen Track mit der zarten Stimme von Philine Sonny passt? Wohl kaum. „Lovely“ ist der wohl verletzlichste Song der EP, was durch den Einstieg des Pianos wunderschön unterstrichen wird. Und dann kickt der Herzschmerz so richtig als die verzerrte Gitarre, das hämmernde Becken und Philines hemmungsloses Jammern einsetzen. Also wer jetzt den Schmerz in dem Song nicht fühlt, dem ist wohl auch nicht mehr zu helfen.

    Could you really tell something’s off,
    or did you just find what you were looking for?
    Did you really know from the start,
    or did you just never get over your fear of abandonment?

    „Das sind die Fragen, die „Lovely“ nie stellt“, erklärt Philine. „Diese nicht gestellten Fragen lassen Raum für Wut und Frustration, die für einen Moment die Überhand nehmen, alles rauslassen, um dann für das nächste Kapitel bereit zu sein: Selbstbeobachtung und Wiedergutmachung.“

    Mit ihrer „Invader“ EP beweist sich Philine Sonny nicht nur sich selbst eine Menge Mut, sondern ermutigt auch ihre Hörer*innen. Schmerz, Wut, miese Gefühle und ein schlechtes Gewissen – all diese Gefühle, Gedanken und Zustände sind Teil der EP, so wie sie Teil des Lebens sind. Philine Sonny besingt genau das in roher, ehrlicher und trotzdem irgendwie aufmunternder Art und Weise. Die selbsternannte Außenseiterin nimmt sich alle Außenseiter*innen da draußen und zieht sie mit sich aus ihrem Loch heraus. Und damit beweist die Künstlerin, wie relatable sie und ihre Musik sind.

    Wenn es für euch diesen Text brauchte, um auch von Philine Sonny zu überzeugen, dann hört spätestens jetzt unbedingt in ihre EP „Invader“ rein:

    Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von Spotify. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf den Button unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.

    Weitere Informationen

    Fotocredit: Nicolas Blanchadell

  • Francis of Delirium über ihr „Lighthouse“

    Francis of Delirium über ihr „Lighthouse“

    Denkt ihr euch auch manchmal „was soll das eigentlich alles hier?“ Wenn es euch wie uns geht, dann ja. Und dabei ist die Frage auch ganz bewusst so offen und unkonkret gestellt, denn die meisten Gefühle, die wir zumindestens in unseren Mitte-Zwanzigern fühle, sind offen und unkonkret. Und sie fragen sich „was soll das eigentlich alles hier?“. Francis of Delirium fragt sich das auch. Die 22-Jährige aus Luxemburg, die bereits mit Künstler*innen wie Soccer Mommy, Wolf Alice oder The 1975 auf Tour war, verarbeitet in ihrem heute erschienenen Debütalbum Lighthouse Ängste und Unsicherheiten, aber auch Hoffnung und Liebe. Es ist ein Wechsel zwischen Licht und Dunkel, verpackt in einen Sound, der, und da sind wir uns sicher, in ein paar Jahren die großen Bühnen erobern wird. Doch noch vor diesen großen Bühnen haben wir Francis of Delirium gebeten, ihre Gedanken zu ihrem Debütalbum in Kontext zu setzen und zu visualisieren.

    Describe your very own “Lighthouse” in terms of visualising music.

    francis of delirium, lighthouse, pop up records, untold music, untoldency, music magazine, indie, alternative rock, wolf alice, 1975,
    Rank the things that annoy you about growing up
    • mildy annoying : sweatier hands and armpits
    • quite annoying: having to call people on the phone yourself (especially doctors and dentists)
    • very annoying: non-creative tasks that can only be done on the computer/spending too much time on the computer

    Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von YouTube. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf die Schaltfläche unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.

    Mehr Informationen
    Make a playlist, what songs influenced your process of this album/get you through tough times?

    I’ve done a mix of roughly 33% of songs in the playlist are slow and sad that you can wallow in, 33% songs that I will dance/sing along to get you out of a funk and then 33% songs that I think influenced me, but I won’t say which is which. There is a lot going on in this playlist.

    Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von Spotify. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf den Button unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.

    Weitere Informationen
    What would you do if it wasn’t music?

    I think I would still need some kind of creative activity to structure my life around. Making music is sort of like a spiritual practice for me, I do it almost daily. Iit gives me purpose and way to relieve pressure and things building up inside me. If I didn’t do music I think I would look something like this (blind contour self portrait).

    francis of delirium, lighthouse, pop up records, untold music, untoldency, music magazine, indie, alternative rock, wolf alice, 1975,

    Wenn euch jetzt entweder die Drawings, ihre Playlist oder einfach Francis of Delirium selbst überzeugt haben, dann hört in das Album rein! Es ist wirklich wahnsinnig gut, wir haben es bereits öfter für euch vor-gehört. Ihr könnt Francis of Delirium außerdem im April live auf Tour erwischen, schaut mal hier vorbei.

    Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von Spotify. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf den Button unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.

    Weitere Informationen
  • Die Lore geht weiter: Twenty One Pilots und „Overcompensate“

    Die Lore geht weiter: Twenty One Pilots und „Overcompensate“

    Wie fang ich hier an? Es ist der 29. Februar, der Tag, den es nur alle paar Jahre gibt, und ich steh vor meinem Hotelfernseher in Hamburg Altona. Ein paar Wochen zuvor hat meine Lieblingsband ihre bisherigen Albumcover auf den Streamingplattformen mit einem roten Balken über den Augen versehen und die neue Single „Overcompensate“ angekündigt. Seitdem ist mein Körper angespannt, ein gesamter Fandom ist mit mir wieder zum Leben erwacht und alle wissen: am 29. Februar kommt ein neues Twenty One Pilots Musikvideo. Es erscheint neuer Twenty One Pilots Song. Die nächste Twenty One Pilots Ära wird eingeleitet. WO FÄNGT MAN DA AN?

    Welcome Back To Trench.

    Vielleicht am Anfang. Die Lore um das Duo aus Columbus, Ohio ist seit dem Erfolgsalbum Blurryface (2015) immens gewachsen. Fast zehn Jahre später ist Stressed Out mit über 2 Billionen Streams immer noch Twenty One Pilots erfolgreichste Single, und nur wenige wissen, welche wahnsinnige Geschichte Leadsänger Tyler Joseph und Drummer Josh Dun da angefangen haben zu erzählen. Das in einem einleitenden Absatz zu fassen ist wahrlich unmöglich, weshalb ich für alle, die neu hier sind, von Herzen meinen gesamten Fangirl-Schrei über drei gestreckte Artikel empfehlen darf: Hier zum Beispiel introduce ich euch ins beste Sommeralbum aus dem Corona-Peak Jahr 2021. Hier könnt ihr einen Drachen unter Wasser schwimmen sehen. Und hier bekommt ihr wahrscheinlich den besten Überblick über die Story so far. Da könnt ihr jetzt natürlich überall reinlesen, ihr könnt euch aber auch den gesamten Kontext von der Band selbst erklären lassen:

    Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von YouTube. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf die Schaltfläche unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.

    Mehr Informationen

    Um die drängendste Frage zu beantworten: yes, it’s a lore. It’s a big one, indeed. Es ist eine gesamte Geschichte rund um den Protagonisten Clancy, die sich seit Blurryface aufbaut und über die Alben Trench (2018) und Scaled And Icy (2021) erstreckt und jetzt endlich, ENDLICH mit Overcompensate weitergeht. Und selbstverständlich kann man die neue Musik auch ohne die Lore genießen und feiern, aber wie viel geiler ist es denn, wenn man jedes noch so kleine Detail auseinandernehmen kann und alles einen Sinn ergibt? So let’s settle back in again, es geht in das abschließende DEMA-Kapitel.

    Wait, what?

    Erster Shot des Videos: das Meer. Sanfte Wellen sollen für den vermeintlich ruhigen Einstieg in das neue Kapitel sorgen, bevor sie von übersteuerten Vocals aus dem Off unterbrochen werden. Auf Deutsch, Französisch und Spanisch wird hier die Zeile „diese kleine unheimliche Insel hat mich zu einer Waffe gemacht“ eingesprochen, Zeilen aus den damaligen Clancy Briefen. Karten aus DEMA werden gezeigt, die Landschaften überflogen. Doch als wäre das nicht genug, droppt nach dem anschließenden „Welcome Back To Trench“ das Key-Riff des Songs und ich fühl mich endlich wieder selbst. Am liebsten würd ich diese aufgestaute Energie selbst aufs Joshs Drumkit auslassen, aber nie sähe ich dabei so sexy aus wie er. Was auch nicht hilft ist, was direkt danach folgt, nämlich die 1:1 eingespielte Bridge aus Bandito, einem Song aus Trench, der nicht nur Fan-Favorite ist, sondern auch Backbone der gesamten Storyline. And I am living for this.

    Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von YouTube. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf die Schaltfläche unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.

    Mehr Informationen

    An dem Punkt bin ich also schon einmal völlig durch mit meinen Nerven. Auch das Musikvideo gibt mir mehr als nur einmal Gänsehaut. Das rote Colorgrading gibt Blurryface Flashbacks und auch die schwarze Farbe auf Tylers Hals und Händen ist zurück. Dann kommt der erste Break nach knapp eineinhalb Minuten. Das „Sahlo Folina“ noch in meinen Ohren wird einmal alles durchgewirbelt und der Song bekommt eine komplett andere Struktur. Grund Nummer 125, warum das meine Lieblingsband ist, nichts wird jemals langweilig! Hab ich mich bis zu diesem Punkt gefragt „warum spielt Josh alleine in dieser Halle Drums und wer sind die ganzen Leute, die drumherum Platz nehmen?“, dann kommt jetzt die Antwort. Mit dem Break öffnet sich die Tür und Tyler als Clancy erscheint, Sturmmaske tief im Gesicht und einer pulsierenden Aura, die ihn umgibt. Ich sitz nicht in diesem Raum, aber auch ich hab die Luft kurz angehalten.

    „I feel like I was just here, same twitchin‘ in my eyes
    Don’t sleep on a boy who can’t fall asleep twice
    In the same night, and won’t hesitate
    To maybe overcompensate“

    How the turntables

    Highlight des gesamten Musikvideos: Tylers Dancemoves. Sie sind Grund 126, warum Twenty One Pilots meine Lieblingsband ist. Grund 127? Joshs Frisur, die im Farbverlauf rote Spitzen hat und nicht nur unfassbar gut aussieht, sondern auch, wie alles andere, perfekt in die Storyline passt. Grund 128: „corazón“ (iykyk).

    Doch was passiert eigentlich? Und was ist davor passiert? Tatsächlich knüpft die Story zu Overcompensate genau dort an, wo sie am Ende des letzten Musikvideos The Outside geendet ist: Clancy ist zwar aus DEMA geflohen, hat aber mit einer wirklich kultigen Choreo Besitz von einem getöteten Bischof ergriffen (wenn euer Gesicht gerade einem Fragezeichen gleich, lest das hier). Das, was ich damals noch als „ein Ritual, mit sehr, sehr, sehr smoothen Moves“ bezeichnet habe, war Clancy, der durch seizing den toten Körpers des Bischoffs Keons kontrolliert hat. Bisher hatten jedoch nur die Bischöfe diese Fähigkeit. Das ändert natürlich so einiges an Machtverhältnissen, und ist auch der Grund, warum Clancy zurück in DEMA ist und ein Auditorium voller Menschen mit

    “If you can’t see, I am Clancy, prodigal son
    Done running, come up with Josh Dun, wanted dead or alive
    So now you pick who you serve, you bow to the masses
    Get kicked to the curb for passin‘ the classes
    Half empty, half full, save half for your taxes
    Then overtake your former self“

    anschreit.

    Die Lore geht weiter

    Clancy ist also erst erfolgreich geflohen und jetzt ist er wieder zurück? Was sich auch mir erst nicht ganz erschließen will, kann nur bedeuten, dass die Rückkehr nicht nur freiwillig ist, sondern auch einen direkten Plan verfolgt. Vielleicht will er die Bischöfe und ganz DEMA von innen stürzen, vielleicht will er selbst an die Macht. Vielleicht, vielleicht, vielleicht – Discord verrennt sich hier in sehr viele, sehr interessante Theorien, die alle vielleicht wahr sind oder werden.

    twenty one pilots, overcompensate, clancy, tyler joseph, josh dun, dema, i am clancy, trench, blurryface

    Wenn DEMA also für das mentale Gefängnis steht, in dem wir uns alle gefangen sehen, wenn Angst, Depression und andere negative Gedanken die Überhand gewinnen, war Blurryface der Startschuss der Geschichte. Trench ging auf die Suche nach Hoffnung, raus aus DEMA und dem Gefängnis, war aber im Endeffekt erfolglos. Scaled And Icy war eine Überkompensierung (ha) der mentalen Dunkelheit und wurde als propagierende Lügen für DEMA eingesetzt. Das neue Album Clancy (!!) mit Leadsingle Overcompensate ist der Weg zurück, ein weiterer Versuch, den Kampf zu gewinnen. Auf welche Weise, und ob das überhaupt geht, das werden wir erst mit den nächsten Singles und dem Albumrelease im Mai erfahren. Lesen wir uns dann wieder?

    “We’re excited to get back into the color red again. Because the goal the whole time was learning how to utilize the thing that we were afraid of and try to win. This is kind of what the story is all about.”
    – Tyler Joseph

    Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von Spotify. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf den Button unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.

    Weitere Informationen

    Fotocredit: Ashley Osborne

  • Dramatischer Realismus: „Prelude to Ecstasy“ von The Last Dinner Party

    Dramatischer Realismus: „Prelude to Ecstasy“ von The Last Dinner Party


    Prelude to Ecstacy heißt das Debütalbum der britischen Band The Last Dinner Party. Der Titel verspricht eine Flucht vor der Realität – hält das Album dieses Versprechen? 1815 war ganz Europa in Folge des größten Vulkanausbruches aller Zeiten unter einer Decke der Dunkelheit verborgen. In dieser apokalyptisch scheinenden Zeit schuf Mary Shelley eine der ersten gotischen Novellen, besser bekannt als Frankenstein. The Last Dinner Party tun es ihr auf zeitgenössischer Art und Weise gleich.

    Das heutige apokalyptische Setting äußert sich im Sterben unseres Planeten und im Tod der Wahrheit. Im postfaktischen Zeitalter scheint nichts mehr real zu sein. Vielmehr besteht unsere Welt aus deep fakes, fake news und AI. The Last Dinner Party wirken dem entgegen mit etwas, was diese Dunkelheit durchbricht: Ehrlichkeit.

    Inspiriert durch Romantik, Gotik und einen Hang zum Grotesken schaffen die fünf Musikerinnen mit Prelude to Ecstacy ihren eigenen Frankenstein. Dabei halten sie an der Ästhetik des Ursprungs fest. Auch die Musik bedient sich an Stilmitteln einer enormen Dramatik, Theatralik und eines Surrealismus aus vergangen Zeiten. Die Lyrics hingegen könnten aktueller nicht sein. In ebendieses Bild passend: Das Album wurde aufgenommen in einer umgebauten Kirche.

    Der erste Akt

    Schlägt man die Definition von Präludium nach, so stoßt man auf folgende Beschreibung: Ein oft frei improvisiertes musikalisches Vorspiel oder eine fantasieartige selbstständige Instrumentalkomposition. Mit einer solchen findet sich ein dramatischer Einstieg in das Bühnenwerk Prelude to Ecstacy. Erster Akt.

    Die Atmosphäre des Anfangs geht in den darauffolgenden Songs keinesfalls verloren. Während Titel und Track von Burn Alive nur vor Spannung und Tiefe strotzen, wirkt Caesar on a TV Screen zuerst wie ein groteskes Trauerspiel, verwandelt sich aber nach gut einer halben Minute in ein kräftig theatralisches Stück Popmusik und kommt am Ende zu einer Art musikalischem Showdown.

    The Feminin Urge trägt die Stimmung mittels James-Bond-Gedächtnis-Gitarre weiter. Mit On Your Side und Beautiful Boy findet die Dramaturgie des ersten Aktes in schmerzlich träumender, vor allem wunderschöner Manier sein Ende. Zum Einsatz kommen hier neben klassischer Bandbesetzung – wie im Intro von Prelude To Ecstacy – klassische Instrumente.

    „I wish I could be a beautiful boy“


    Der zweite Akt

    Gehüllt in einem himmlischen Stimmennebel und begleitet von einer Kirchenorgel beginnt die zweite Hälfte des Albums mit dem choralähnlichen Gjuha. Der Übergang zum rockigen Popsong Sinner ist phänomenal und unterstreicht einmal mehr, wie sehr Prelude To Ecstasy als Gesamtwerk zu betrachten ist. My Lady of Mercy nimmt diese poppige Gelassenheit auf, wandelt sie jedoch im Laufe des Songs in sich aufbauende (und damit endlich wiederkehrende) Dramatik um.

    Portrait of a Dead Girl verwirrt zuerst, indem das Klavier einen 6/8-Takt vorgaukelt. Beim Einsetzen des Schlagzeugs wird aber klar, dass es sich hier um einen 4/4-Takt und eine triolische Spielweise des Klaviers handelt (und damit wäre der Musiktheorie-Bildungsauftrag erfüllt). Spannend wird es auch beim darauffolgenden Song, der der Bekannteste des Albums sein dürfte.

    „And I will fuck you like nothing matters“


    Nothing Matters verbindet alles, wofür dieses Album, seine Dramaturgie und Ästhetik stehen. Das Künstlerische mit kleinen musikalischen Verweisen an klassische Musik (Orgel, Harfe) verbunden mit zeitgenössischem, kraftvollem Rock. Dazu feministische Perspektive und apokalyptische Endzeitthematik. Sogar ein Gitarrensolo hat dieser sehr, sehr gute Song und ist damit zumindest einer der Höhepunkte des Albums.

    Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von YouTube. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf die Schaltfläche unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.

    Mehr Informationen


    Prelude To Ecstacy findet mit dem grandiosen Schauerspiel Mirrors ein bedrückendes Ende. Ist das Wort Dramatik schon viel zu oft in diesem Text gefallen, wird aber jene nun aus allen vorangegangenen Songs extrahiert und in einem großen Finale der Melancholie endgültig freigesetzt. Es verläuft sich allmählich in einer ekstatisch solierenden Gitarre über sinfonischen Streichern und verblasst langsam („I fade away“). Schließlich endet es, wie es anfing: mit orchestraler Instrumentalmusik.

    Mit Prelude To Ecstacy schaffen The Last Dinner Party ein perfektes Debütalbum und kreieren durchdacht einen einzigartigen Stil, der die Urform von Kunst und Schönheit mit Spannung und Hyper-Realismus vereint. Die Kombination aus Vergangenheit und Gegenwart gelingt der britischen Band in ihrer Musik und ihren Texten hervorragend. Das Album ist zum Reinhören unter diesem Artikel verlinkt.

    Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von Spotify. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf den Button unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.

    Weitere Informationen