Es ist wieder Single-Review Zeit, das heißt, mich hat ein Song wieder so überzeugt, dass ich darüber schreiben werde. Weil es davon aber so viele gibt und ich aber nur begrenzt Zeit habe, beschränk ich mich auf die richtig guten Songs und „Lemons“ von der 17-Jährigen Indie-Pop Künstlerin Brye (read Bree) ist einer davon. Ich bin mittlerweile auch schon 24 Jahre gealtert (quarter-life-crisis ist schon im vollen Gange) und bin immer noch sprachlos, was man mit so jungen Jahren musikalisch einfach manchmal raushaut. Ganz á la Billie Eilish glaube ich, dass wir Brye mit mindestens beiden Augen nicht aus dem Blick lassen sollten. Da kommt noch viel.
Fragile Masculinity is ruining society
Nun aber erstmal zum eigentlichen Song. Lemons kam als Demo schon mal im März raus, war da aber noch gar nicht auf meinem Schirm. Komisch, hat 15 Millionen Streams auf Spotify. Die neue Version von Lemons hat mit Cavetown ein neues Feature am Start und ist auch musikalisch ein kleines bisschen abgeändert. Ich zu meinem Teil find‘s durch die kleinen Veränderungen nochmal besser und bin froh, es nun doch endlich auf meinem Radar gehabt zu haben.
Lemons ist super melodisch und instrumental sehr heruntergestrippt. Bryes klare und hohe Stimme baut mit leichten rhythmischen Klaviertönen eine Songstruktur auf, die direkt sobald das Lied startet, mich einfach abholt. Musikalisch ist alles so aufgebaut, dass es Raum für Thematik schafft. Lemonshandelt von Jungs im Teenagealter, die ihre verinnerlichte toxische Maskulinität in Form vom schlichten Mobbing an schwächeren Mädchen auslassen, um sich dadurch machtvoller zu fühlen. Klingt komplex, ist aber ein solider Status Quo unserer Gesellschaft. Das sind Statements, die Brye da einfach so raushaut:
„And I don’t wanna encourage your abusive behaviour
But I just can’t let you win.
I’m legitimately tired of being walked all over
By these insecure babies who think that the’yre man.”
I’m living. Thriving. Songs wie diese triggern alles, was ich in Gender Studies an der Uni gelernt habe. Man könnte meinen, ich sei invested. Aber Leute, es ist 2020 und Feminismus istimmer noch sehr cool und (leider) immer noch äußert angebracht.
Cavetown als männlicher Gegenpart
photo by marco (@ceramictoilet)
Cavetown übernimmt mit seinem Feature den Part des Jungen und rechtfertigt seine Ausbrüche dem Mädchen gegenüber, welches man hier annehmen kann, Brye ist.
“Too proud to show I’ hurting
Pushit on you ‘til you’re burning
That’s the only thing that I know how to do.”
Ich könnte hier wirklich Seiten darüber schreiben, wie wichtig solche Aussagen sind. Cavetown (übrigens auch erst 21) übernimmt die Narrative des Jungen mit der toxischen Maskulinität. Man wächst nicht nur als Mädchen in eine geschlechtertrennte Gesellschaft auf, in der man sich zurechtfinden muss, sondern auch als Junge. Auch wenn die Ungleichheiten nicht in ihrem Nachteil aufgebaut sind, so herrscht doch eine immense Menge an Druck, denen sich aufwachsende Jungen stellen müssen. Sätze wie „Sei ein Mann!“ oder „Boys will be Boys“ sind zwar uralt und werden immer mehr kritisch beäugt, sind jedoch die Hauptursache für das toxische Verhältnis zur eigenen Männlichkeit. Jule hat sich in der Review vonNeeve’s „Bye Bye“auch darüber aufgeregt und ich befinde mich hier in genau derselben Situation. Deshalb kürz ich das hier ab, falls jemand Interesse an meiner Bachelorarbeit hat (Die Konstruktion von Männlichkeit bei Jugendlichen + Deutschrap Bezug) holla @me (zb auf Insta).
Fazit: Hört diesen Song.
Fazit meines kleinen Ausbruchs: Lemons ist nicht nur thematisch ein unglaublich guter Song, sondern auch musikalisch etwas anderes zum überladenen Musikmarkt, der daran erinnert, dass weniger manchmal deutlich mehr ist. Und ja, es hat Ohrwurmpotential. Hab’s ausgetestet und laufe seit einem Tagdamit rum. Bin sehr happy
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Fullax aus Kassel halten mit ihrem Debütalbum „Dann Dann Dann“ einer ganzen Generation den Spiegel vor. In 11 Songs wird’s mal wild, mal zurückhaltend, mal ausgelassen und mal melancholisch. Aber egal welche Stimmung sie nun verbreiten, die Songs sind immer gespickt mit starken Sounds und noch stärkeren Messages. Die komplette Review von Jule liest du jetzt.
Fullax, bestehend aus Julian Giese und Jonas Hoppe, gibt es bereits viiiele Jahre. Der Name „Fullax“ ist übrigens nordhessische Mundart und bedeutet „Faulenzer“ (danke Facebook). Faul waren die beiden in den letzten Jahren aber nun wirklich nicht. In einem Scheunenanbau auf einem alten Mühlenkomplex haben sie sich ihr eigenes Studio eingerichtet und dort in sweeter Eigenregie ihr kürzlich erschienenes Debütalbum produziert.
Bevor ich mit den einzelnen Songs starte, noch ein Einwurf vorweg: Selten ist mir eine Review schwerer gefallen als diese. Ihr hättet diesen Artikel eigentlich schon viel früher lesen sollen, aber meine eigene Unzufriedenheit stand mir im Weg. Ich habe es einfach nicht geschafft, dem Album mit meinen Worten auch nur ansatzweise gerecht zu werden. Warum ich das erzähle? Weil auch ich mal einen Reminder brauche, dass es völlig okay und normal ist, unzufrieden mit sich zu sein.
Aber jetzt höre ich auf rumzuheulen und steige in „Dann Dann Dann“ ein:
„1000 Karat“
Das Album beginnt mit dem Song „1000 Karat“, der ein Intro im klassischen Sinne ist. Nicht einmal eine Minute lang heißt er mich sanft glitzernd und in AutoTune gehüllt willkommen. Im Nachhinein muss ich sagen, dass ich ein kurzes Intro, gerade auf Alben, ziemlich angenehm finde. Man wird doch gerne erst einmal begrüßt, oder? Nach dem „Hallo“ habe ich genau einen Atemzug lang Zeit, dann geht es weiter.
„Scary“ und „Egal“
Schon die ersten Takte von „Scary“ lassen mich wissen, dass ich’s in der nächsten halben Stunde mit richtig guten Melodien zu tun haben werde. Ein bisschen fühlt es sich an, als sitze ich in einer Achterbahn. „1000 Karat“ war die noch langsame Fahrt nach oben. Mit „Scary“ bin ich dort angekommen und rase das erste Mal steil hinab. Eine poppiger Beat und saftige 80er Synthies, die sich etwas zurücknehmen, wenn Sänger Julian loslegt. Der Song lebt für mich von den Harmonien, die durch die Background-Vocals erzeugt werden. Es geht darum nicht zu wissen, wohin man eigentlich will. Und wie man bisher so weit gekommen ist. Ist das überhaupt der richtige Weg? Kommst du mit mir nach ich-weiß-auch-nicht-so-genau? Bitte komm‘ doch mit mir.
Nicht weniger rhythmisch geht’s dann mit „Egal“ weiter. Aber Moment mal, sind das Streicher? Oh. Gott. Wie. Nice. Streicher in Verbindung mit E-Gitarren, klaren Drums und ein paar gut platzierten Synthies sind der absolute Shit. Die Vocals machen den Song zwar erst vollkommen, aber das Instrumental ist einfach eine stabile 12/10. Fullax liefern hier einen tanzbaren Hit mit Ohrwurm-Faktor, der es auch in sehr viele Insta-Storys geschafft hat. Weil er eindrucksvoll ausdrückt, wie egal einem etwas oder jemand sein kann. Oder gerade eben nicht egal. Denn es ist ein Hin und Her zwischen „du kannst mich mal“ und „ich kann nicht ohne dich“. Ein toller Song, dessen Story wohl viele mitfühlen können.
„Die Nacht“ und „Nordstadt“
„Die Nacht“ startet mit kräftigen Drums und einer toughen Gitarren-Melodie. Julian‘s Stimme strotzt hingegen ab dem ersten Ton vor Melancholie. Es geht um jemanden, der Nacht für Nacht im Traum da ist, aber am Morgen danach eben genauso verblasst, wie der Traum selbst. Dem Song gelingt hier ein toller Spagat zwischen Traurigkeit und Ausgelassenheit, auch durch die dezent platzierten AutoTune-Akzente. Die Melodie des Refrains beißt sich sofort in meinem Hirn fest. Während der Sound nach vorn geht und zum Tanzen anregt, findet sich stimmliche Melancholie aber auch in den Lyrics wieder. Wahrscheinlich deshalb hat sich „Die Nacht“ auch zu einem meiner Lieblinge des Albums gemausert.
Du bist das kleine bisschen Schlaf Du bist das kleine bisschen Hass Du bist die Nacht, du bist die Nacht für mich
Im Vergleich zu „Die Nacht“ kommt „Nordstadt“ soundtechnisch beschwingter und fröhlicher daher – und etwas poppiger als die Songs davor. Fullax besingen hier die Kasseler Nordstadt. Es geht um die Verbundenheit und Liebe zu dem Teil der Stadt, den man sein Zuhause nennt. Und der Abgrenzung zu anderen Teilen der Stadt. Ich glaube, egal woher man kommt, jeder kann diesen Song auf seine Stadt spiegeln. Denn es ist einfach in jeder Stadt genau SO. Soundmäßig offenbart sich mir spätestens mit „Nordstadt“ der rote Faden dieses Albums. Highlight des Songs ist aber eindeutig die italienische Strophe, die dem ganzen einen witzigen und auflockernden Twist gibt.
„Dann Dann Dann“ und „Absinth“
An sechster Stelle des Albums findet sich der titelgebende Song „Dann Dann Dann“. Der Anfang gibt einen beruhigenden Moment zum Durchatmen. Dann explodiert der Song aber zum Refrain hin und nimmt mich mit auf einen wilden Ritt (= Metapher dafür, dass der Beat ein bisschen wie ein Galopp klingt). Im Song selbst geht es um das Verreisen, ohne genau zu wissen, wohin der Weg einen führt und wann genau man eigentlich wiederkommt. Er kritisiert aber auch die Art wie wir verreisen. Ist man wirklich weg und nicht greifbar, wann man jeden Zentimeter des Strands und jeden Cocktail am Pool mit der Welt teilt? Kurz vor Ende des Songs gibt’s einen ruhigen Vocoder-Part, der dem Song die Schnelligkeit, die auch das Reisen manchmal mit sich bringt, wieder nimmt und ihn zurück auf den anfänglichen Boden der Tatsachen befördert.
Weiter geht’s mit „Absinth“, einem einminütigen Song, der überraschend punkigrockig klingt. Er wirbelt die vorherigen Synthie-Pop-Sounds einmal wild durch die Luft und lässt die bisher besungenen Fragen und Unsicherheiten dank seiner klaren Worte im Regen stehen. Eine schrammelige Abwechslung, mit der ich nicht gerechnet habe, die ich aber unfassbar gut und erheiternd finde. Live dürfte dieser Song der absolute Stimmungscatcher sein. I like.
„Beverly Hills“ und „Fake“
Als nächstes läuft „Beverly Hills“, der nach dem Punk-Ausflug wieder im gewohnten 80er-Synthies-Sound daherkommt. Und im Refrain den auf dem ganzen bisherigen Album immer mal wieder aufkeimenden AutoTune-Flair nochmal auf ein höheres Level hebt. Zwischendrin wird’s fast sogar etwas psychedelisch. Ich weiß, dass dieser Song nicht nur für mich einer der Highlights dieses Album ist. Besonders die Lyrics haben es mir angetan, in denen Fullax die Rich Kids kritisieren, die sich auf dem ihnen in die Wiege gelegten Reichtum ausruhen – und das mit einem Song, dessen Ohrwurmfaktor bei geschätzt 3000 liegt.
Komm her, ich kauf dir die Welt Wenn’s dir nicht gut geht, wird schon mit Geld Brauch ich Geld, oder brauch ich dich? Und was brauch ich?
„Fake“ führt dann konsequenterweise das Themengebiet fort, dem „Beverly Hills“ die Tür geöffnet hat. Hier geht’s jedoch um die, die nur so tun, als wäre ihr Lifestyle der in Beverly Hills – ist natürlich nur die halbe Wahrheit, wenn überhaupt. Es ist wichtig, sich selbst dafür zu sensibilisieren, was wahr und was falsch ist. Kann ich dir vertrauen oder soll mich deine Geschichte nur künstlich beeindrucken? Passend zu diesen Fragen baut sich „Fake“ langsam und schon fast zurückhaltend auf und blüht in wilden Synthies und Snares auf, um sich danach wieder in seine Gediegenheit zurückzuziehen. Julian‘s Stimme fällt mir hier übrigens extrem positiv auf, weil sie stark und zerbrechlich zugleich klingt. Der starke Part steht für mich in diesem Fall für das Aufbauen des Fake-Konstrukts und die Zerbrechlichkeit für die Angst davor, dass eben jenes auffliegen könnte.
„Shishabars“ und „Brauner Fluss“
Der vorletzte Song heißt „Shishabars“ und erzählt ziemlich genau einen sehr wichtigen Teil meiner Jugend (dem ich oft hinterhertrauere). So oft es ging, haben wir uns in unserer Lieblings-Shishabar getroffen. Ohne Traube-Minze war ein Freitagabend damals eben nur halb so gut. Soundgebend ist hier ein Klavier, das mir im Zusammenspiel mit dem Gesang die erste Gänsehaut des Albums verpasst. Und mit dem ersten Refrain und den hoch gesungenen Tönen schießen mir ganz vielleicht ein oder zwei Tränchen in die Augen. Fullax beweisen hier, dass sie nicht nur die ausgeklügelten, sondern auch die minimalistischen Sounds krass gut draufhaben. Kleiner Tipp am Rande: Checkt hier mal die Piano-Session von „Shishabars“, die ist wundervoll!
Kommen wir nun also zum Ende des Albums und „Brauner Fluss“. Schon der Titel lässt vielleicht erahnen, dass es jetzt politisch werden könnte. Auch hier baut sich der Sound langsam auf und treibt irgendwo zwischen Nachdenklichkeit wiederspiegelnden Gitarren und der Verzweiflung Ausdruck gebenden Drums. Während mit „Oh dein dämlicher Blick / Verändert sich nicht / Und dein Horizont / Endet da am braunen Fluss“ das Gegenüber hinterfragt wird, kommt auch der Aspekt, sich mal an die eigene Nase zu fassen, nicht zu kurz. „Brauner Fluss“ ist einer der kräftigsten und wichtigsten Songs, der das Album mit einer sau wichtigen Message perfekt und mit dem gebotenen Bumms abschließt.
Das Fazit zu Fullax und „Dann Dann Dann“
Nachdem „Egal“, „Shishabars“ und „Brauner Fluss“ bereits als Singles erschienen sind, muss ich schon sagen, dass ich ziemlich hyped auf das Album war. Aber wie ihr eben gelesen habt, wurden meine Hoffnungen nicht zerstört. Ich würde sogar behaupten, dass das Album noch heftiger ist, als ich erwartet hätte. Die Wand an Sounds, die zwischenzeitlich errichtet wird, ist eeeecht strong. Julian’s Stimme ist vielschichtig und berührt mich genau in den richtigen Momenten. Die Lyrics greifen konsequent Themen auf, die jeden von uns schon mal beschäftigt haben. Die größtenteils beschwingten Synthie-Sounds geben mir ein gutes Gefühl, auch wenn das Thema vielleicht nicht gerade das erfreulichste ist. Fullax haben diesen nicht immer einfachen Balanceakt wirklich mit Bravour gemeistert, ich bin schwer begeistert. Die Platte ist extrem liebevoll ausproduziert, ich habe einfach nichts zu Meckern. Alles in allem kann ich nur meinen Hut ziehen und sagen: Ich bin Fullax-Fan! ♡
Hier könnt ihr euch das Album jetzt selbst anhören – und wem’s so gut wie mir gefällt, der kann sich ja noch unverbindlich im Shop austoben, zwinker zwinker. Viel Spaß!
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Der Sommer ist noch nicht vorbei und ehrliche Indie-Musik noch am voll am Leben. Wir präsentieren euch eine astreine Single-Empfehlung am Donnerstag: Bilbao und „Lobster“.
Bilbao sind die vier Jungs Jannes, Jan, Robin und Max. Auch wenn jeder von ihnen schon länger im Musikbusiness unterwegs ist, haben sie sich jetzt zu der Newcomer Indie-Band Bilbao zusammengeschlossen. Die ersten beide Singles Liftedund Tired Awakehaben bereits auf die vier Multiinstrumentalisten aufmerksam gemacht, aber mit ihrer neusten Single Lobster haben sie michauf einmal 100% am Haken.
Schock-Verlieben in 1,2, …
These von mir: Ihr könnt den Song eigentlich nicht hören, ohne euch schon in den ersten Sekunden ein bisschen schock zu verlieben. Ich kenne wenige Songs, die schon in den ersten Sekunden so catchy sindwie dieser hier. Vertraut mir einfach mal:
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Die Liedmelodie ist on point, ganz leichte Percussions und eine E-Gitarre mit nur angespielten Akkorden machen den Einstieg in Lobster perfekt: Ich hab wieder Bock auf Sommer. Und Cocktails. Und kein Corona. Dann steigt das Schlagzeug ein und ein paar Snythis, aber alles so subtil, dass die Sommer-Cocktail-Stimmung erhalten bleibt. Und auf einmal sind wir schon im Refrain, der ganz anders klingt als erwartet, aber vielleicht gerade deshalb so gut ist. Die Gute-Laune Energie aus der Strophe wird hier super komprimiert, kommt mit wenig Text aus und erinnert mich ein bisschen an das entfernte Gefühl von Live-Konzerten. Doch bevor ich mich darin verlieren, klickt der Song zurück in die Strophe, und ich höre zum ersten Mal bewusst auf den Text (vor lauter Begeisterung konnt ich das beim ersten Mal gar nicht).
„Obsession. Think I’ll need a priest for a confession. Think that I’m in love with fucking amazon, think I sold my sister just to let the money run.”
Thematisch sollte jetzt schon durchschimmern, worum es geht: eine Kapitalismuskritik in seinem 21. Jahrhundert-Ursprung. Bilbao erinnern uns daran, dass es sehr gefährlich ist, immer mehr zu wollen und den Bezug zur Realität zu verlieren.
Guckt euch zur visiuellen Unterstreichung auch das obige Video noch einmal an. Ich kann es jedem nur sehr ans Herz legen: es ist einfach unterhaltsam. Ich bin aus einem ästhetischen Grund sehr angetan von der visuellen Umsetzung vor dem orangen Hintergrund, der ohne Ablenkung auf das Geschehen im Zentrum weist. Die Bilbao-Jungs als sympathische Köche richten Gericht nach Gericht an für den Gast, der nie genug zu haben scheint. Spoiler: Er erstickt.
Trotz dieser leicht düsteren Note und der Erinnerung, dass wir alle unser Konsumverhalten stark überdenken müssen, ein paar letzte Worte von Bilbao selbst: „Lobster ist ein typischer Tanz-Song, der sommerliche Gefühle weckt und erst auf den zweiten Blick erkennen lässt, dass man Glück nicht kaufen kann“.
Death Cab for Cutie Fans aufgepasst: Dieser Song könnte was für euch sein. Margot Polo aus Kalifornien hat mit „This Old Thing“ einen Song hervorgezaubert, der nicht nur für ihn persönlich sehr wichtig ist, sondern auch mich so begeistert hat, dass ich das hier mit euch teilen möchte.
Margot Polo ist das Solo-Projekt des Kaliforniers David Provenzano. Mitte August hat er seine neue Single This Old Thing veröffentlicht, welche mich bereits beim ersten Hören so überzeugt hat, dass ich sie vielleicht oder auch nicht vielleicht seitdem immer wieder höre. Es ist vom ersten Klang der tiefen Gitarre an eine emotionale Indie-Ballade vom Feinsten. Ihr werdet merken, der Vergleich mit Death Cab for Cutie ist gar nicht so weit hergeholt. Margots Stimme ist sowohl klar als auch beruhigend und hüllt mich ehrlich gesagt direkt ein kleines bisschen ein. In diesem Song fühl ich mich wohl. This Old Thing ist auch gar nicht so langsam, wie man bei einer Ballade vielleicht denken würde, sondern im Gegenteil, der rhythmische Beat gibt eine klare Linie an und lässt einen sogar anerkennend mitnicken.
This Old Thing ist einfach gut –kein Hype, keine zu große Melancholie. Das Rezept sind einfach ehrliche, ambientische elektrische Gitarren, eine dezente Untermalung mit dem Piano und ein bisschen subtiler Synth zum Optimieren. All das kombiniert mit Margot Polos Stimme macht This Old Thing zu einer klassischen Song-Empfehlung á la Untoldency. Wenn ihr bis jetzt noch nicht reingehört habt, solltet ihr das nun aber wirklich tun. Hier:
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Es geht um den Versuch, etwas einmal Wichtiges und Zerbrechliches zu retten, wie eine Beziehung, einen Traum oder den Glauben an etwas. Für Margot selbst steht der Song für seine Liebe ans Songwriting, etwas zu schaffen, was ehrlich und offen ist. This Old Thing ist jetzt sein Versuch, wieder zurück zum Ursprung zu kommen, nur er und seine Gitarre. Und das klappt hervorragend. Mir hat es jedenfalls sehr gefallen und ich hoffe, euch gefällt es vielleicht auch,
Wir sind wieder im Indie-Pop unterwegs, der vielleicht schönsten Art von Pop. Mit einer sanften Stimme, eingängiger Chorus-Melodie, leichten Indie-Gitarren und trotzdem tiefer Bedeutung. Das alles ist „Somebody“vonOSKA.
Hinter OSKA steckt die 23-Jährige Newcomerin Maria aus Österreich, die warmherzige Geschichten in einfach nur schöne Lieder verpackt. Von irischen Folk-Balladen, die ihre Mutter gerne hörte, beeinflusst, schreibt sie fröhliche Lieder mit ernsten Themen und immer einer leichten Brise Melancholie. Perfekte Mischung, wenn ihr mich fragt. Somebody fängt an mit ein paar simplen Chords, die dann aber ganz schnell Platz machen für gezupfte Melodien, die die erste Strophe einleiten und mich auch direkt melodisch mitschwingen lassen. Es mag einfach wirken, aber die Kombi aus OSKAS angenehmer Stimme und nach Sommer klingenden Gitarrentönen kriegt mich ziemlich schnell. Man merkt, dass hier jemand mit Erfahrung (oder gutem Riecher) an der Produktion beteiligt war: ganz leichte Percussions und sogar mehrere Back-Up Vocals bauen die Spannung für den Refrain auf. Ohne dass ich es merke, schleichen sich sogar kleine Klaviertöne mit hinein. Hier ist wirklich alles am Start, was eineneingängigen Indie-Pop Sommer-Song ausmacht.
„I wonder if you are my somebody and if you can see someone in me. Or are you in love with a fantasy to be someone for somebody”
Geheimtipp mit Ohrwurmpotential (und schönem Video!)
Ich versprech euch, am Ende des Songs habt ihr einen Ohrwurm von genau dieser Stelle und ihr werdet es auch nicht bereuen. Somebody hat nicht nur das Potential, in eurem Lieblingsradio auf und ab zu spielen (@FluxFm what’s up), sondern auch euer kleiner Geheimtipp für den Picknick-Ausflug mit Freunden zu werden. Alles an Somebody fühlt sich an, als würde man ohne die alltäglichen Sorgen, die einen runterziehen, einfach frei schweben. Setzt euch auf euren Balkon, in euren Garten oder einfach in die Sbahn, schließt die Augen, ein bisschen Sonne schadet nicht, und lasst OSKA und Somebodyin eure Herzen.
Kurzer Exkurs am Ende zu sowohl inhaltlicher Bedeutung als auch dem Musikvideo, welches sich absolut lohnt anzugucken. OSKA selbst beschreibt die Bedeutung des Songs so: „Du weißt nicht, ob der andere tatsächlich dich mag oder nur einer Idee hinterjagt, die er von dir hat“. Diese Unsicherheit in einer Beziehung existiert vor allem am Anfang und drückt sich in einer Weise in ihrem Musikvideo aus, von der ihr euch nur selbst überzeugen könnt:
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Düstere Gitarren treffen auf tiefe 808s und Synthesizer: So klingt „Lights Out“, die neue Single des Pop-Duos The King Of Cons aus München. Sagt euch noch nicht so ganz was? Hört einfach rein, denn wir haben nicht nur die Review, sondern auch eine kleine Videoanalyse direkt hier bei Untoldency.
808s pumpen in einer düsteren Bar –ob das gut geht?
Zuerst das Setting. In den ersten 40 Sekunden wird sich nur auf dieses konzentriert, auf den eigentlichen Song fiebert man hin, ohne ihn zu hören. Stattdessen befinden wir uns in einer Kneipe, hören ein tiefes Brummen und die Kulissengeräusche verstärkt. Ob das Klopfen einer Zigarette, das Herumstochern in einer Nussschale auf der Bar oder das Schlürfen eines Whiskeys, alles klingt unfassbar laut in dieser brummenden Stille. Selbst eine Fliege kann man hören. Zusammen kreiert es eine fast anzufassende Spannung, die erst aufgelöst wird, als eine Frau mit einem Kassettenrekorder die Bar betritt und auf Play drückt.
Ich denke, der Song geht los und die Szenerie in der Kneipe wird lebendig, doch ich bin nur halb richtig. Der Song geht tatsächlich los, doch statt der Kneipe beobachte ich ein Fotosetting zweier Typen, die, absolut richtig, das The King Of Cons-Duo sind. Lights Out fängt ruhig an, das Video wechselt wieder zu Kneipe und der Leadsänger an der Bar fängt an zu singen. Und damn, er singt hoch. Ich muss ehrlich zugeben, dass ich das nicht so erwartet hätte, aber ich bin jetzt fast umso gespannter wie sich der Song entwickelt.
Hallende Gitarrenklänge und leichte Beat-Akzente sagen eindeutig: Warte ab, das ist ein sich aufbauender Pop-Song. Doch auch hier werde ich wieder überrascht. Der Chorus ist kein Pop-Chorus aus dem Radio, sondern schlägt die Richtung in deepen Indie-Pop –und das find ich wirklich gut. Die Gitarren stoßen auf Synthesizer und alles wird mit einem Schlag sehr düster. Die Leute in der Bar fangen an sich zu bewegen, auch wenn ich nicht so weit gehen würde, um es tanzen zu nennen. Es ist eher so ein leicht beunruhigendes Schaukeln, was den bevorstehenden Wendepunkt anzukündigen scheint. Denn jetzt wird videomäßig schon ziemlich skurril.
Okay, es ist ein Horrorfilm
The King Of Cons haben alle ihre düstere Kreativität in diesen kleinen Mini-Film gesteckt. It turns out: there is a murder. Niemand anderes als der Leadsänger selbst betritt mit einer Pistole die Kneipe –und erschießt sein doppeltes Selbst an der Bar. Auch musikalisch gibt es einen Break zur Bridge, die alles in Szene Gezeigte noch einmal mehr dramatisiert. Ich bin ein bisschen verwirrt, was passiert, kann aber trotzdem weder weghören noch wegschauen, irgendwie hat es mich gepackt. Die Faszination des Bösen scheint hier auf jeden Fall ein Leit-Thema gewesen zu sein, und irgendwie funktioniert es ziemlich gut. Denn auch lyrisch ist es ziemlich creepy:
I’m the shadow on your white wall, you’re afraid of every late call. You’re trying hard to stay alive, but you never know when I arrive.
Fazit: Das Musikvideo von The King Of Cons zu Lights Out hätte easy Thema einer Analyse Klausur in meinem Deutsch-LK werden können. Es ist düster, es ist leicht verstörend, aber vor allem ist es vielschichtig und ausdrucksvoll. Die packende Musik und das Video fügen sich nahtlos ineinander und dafür muss ich wirklich ein kleines Kompliment dalassen.
Ich hoffe, euch hat diese kleine Mini-Analyse nicht vom eigentlich Zweck abgeschreckt, der ist: Unbedingt The King Of Cons auschecken und nicht den inneren Kampf von Gut und Böse verlieren.
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Birdmask veröffentlichte Anfang Juni seine neue Single „Set Me On Fire“ und seitdem läuft sie bei mir auf Repeat. Nun kam auch das Musikvideo dazu und warum es den Song noch einmal auf eine neue Stufe von künstlerischer Excellenz hebt, lest ihr genau hier.
Birdmask ist der Schweizer Mulitinstrumentalist Manuel Gagneux, der schon durch Projekte wie Zeal & Ardor bekannt ist. Mit Set Me On Fire ist er wieder zu seiner kreativen und musikalischen Basis zurück, und jeder, der ein Fan von Hozier und Take Me To Church ist (zu Recht), sollte hier auf jeden Fall reinhören.
„Don’t stare into the flames“
Lyrisch ist das Lied sehr dark, aber das lässt der Titel ja schon vermuten. Es geht um die eigenen schuldbehafteten Sehnsüchte und irgendwie auch um das innere masochistische Verlangen der eigenen Auslöschung – wordplay intended. Set me on fire and look another way. Don’t stare into the flames, ‘cause as long as I burn, I‘ll keep us warm. Alrighty.
Musikalisch ist Set Me On Fire aber wirklich unglaublich gut. Birdmasks Stimme ist sanft und klar zugleich und leitet uns vorsichtig in die erste Strophe. Doch sobald die rhythmischen Drums zum Refrain einsteigen, bekommt der ganze Song eine komplett andere Energie. Man kann die Qualen schon fast wahrnehmen, während sich das Lied immer und immer weiter aufbaut und das fast nur durch die soulige Stimme von Manuel Gagneux, die von einem Chor aus Harmonien und einer Kirchenorgel unterstützt wird. Der Vergleich zu Take Me To Church ist tatsächlich nicht so weit weg wie gedacht. Immer wieder bekommt das Lied energetische Schübe, um dann fast schon leicht auszuklingen. Es nicht unbedingt ein typischer Pop-Song, so richtig Indie ist es auch nicht, aber irgendwo dazwischen ist versteckt sich Set Me On Fire und holt mich einfach richtig ab.
Das Outro bekommt mich dann tatsächlich nochmal völlig neu, fast zehn Mal wiederholt Birdmask wie hypnotisiert die Zeile Burn me for goodness sake und obwohl das inhaltlich nach wie vor sehr düster scheint, ist es der perfekte theatralische Schluss zu einem packenden, theatralischen Song.
Ausdruckstanz ist underrated
Und jetzt: das Video. Dazu ließ sich Birdmask den gesamten Song in einem Ausdruckstanz visualisieren. Tänzer Luke Birch gibt sein ganzes Herz in die Choreographie, die emotional und zerrissen ist. Das ganze Video ist in schwarz-weiß gehalten, Kunstfanatiker wissen, wie viel Potential für eine Analyse hier drin steckt. Die erspar ich euch hier mal, aber die düstere und innerlich zerrissene Leidenschaft wird dadurch auf eine ganz andere Weise spürbar. Und die eigene Kunst, in Form von Musik oder Tanz, anderen Leuten spürbar zu machen, ist doch eigentlich das Ziel.
Abschließend kann ich euch die Single nur sehr empfehlen und hoffen, dass sie euch genauso packt wie mich.
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St. South ist die australische Sängerin Olivia Gavranich, die am Freitag ihr Album „Get Well Soon“ veröffentlicht hat. Nach zwei EPs bildet es das Debüt, auf das Fans (including me) schon sehr lange gewartet haben. Spoiler: Es ist ziemlich gut und ich bin nicht ein Stück enttäuscht. Wer St. South nicht kennt –sie ist noch relativ unbekannt – sollte ihr auf jeden Fall eine Chance geben. Die Australierin ist in ihrer Musikproduktion komplett autark und macht Soulfoul Electro mit Bedroom-Pop-Einflüssen. Ihr seid angetan, aber wisst noch nicht ganz, ob es was für euch ist? Einfach weiterlesen, denn hier kommt die komplette Review zu einem Album, was mich sehr viele Dinge fühlen lassen hat.
Does Your Brain Ever Get This Loud?
Allein die Frage. Yes, it does. St. South eröffnet ihr Debütalbum mit einem starken, gefühlvollen Statement in Does Your Brain Ever Get This Loud?. Mehrere warme Stimmen-Samples legen sich aufeinander, es ist als würde der ganze Song pulsieren. Soulfoul Electro passt hier tatsächlich eins zu eins. St. Souths Stimme ist weich und führt durch ein sanftes elektronisches Arrangement. Es ist purer Chillwave. Der Song handelt von der ersten kleinen Kirse in den Mittzwanzigern, an die auch ich mich langsam heran nähere und meine kleine “quarter-life-crisis“ nenne. Ich für meinen Teil kann mich hiermit also gut identifizieren. Für den Opener auf einem lang erwarteten Debütalbum setzt Does Your Brain Ever Get This Loud? einen sehr guten Start.
Can someone show me how to kill self doubt ‘cause I’m 25 and can’t work it out.
If It’s Not You zieht das Tempo ein bisschen ran und auch wenn ich damit nicht unbedingt gerechnet habe, I am here for that. Der Song hat ein Feature von N.Y.C.K, Olivia’s besten Freund Nick, und ist ein ganz ehrlicher Break Up Song. Im Allgemeinen ist hier anzumerken,dass das Konzept hinter Get Well Soon das Überkommen einer gescheiterten Beziehung ist. St. South selbst sagt, dass es aber nicht nur um diesen Break Up geht, sondern viel mehr um das Zurückkommen zur eigenen Person. If It’s Not You ist trotz schnellerem Beat und dieser Message traurig melancholisch, aber auch das ist Part des Prozesses.
“Squeeze my hand when you’ve had enough”
Auch auf Growing Upnimmt uns St. South mit in eine sehr ehrliche und sehr offene Welt. Olivia hat dafür eine alte Kassette von ihrer Kindheit gesampelt, in dem man ihre Eltern und ihren Bruder sprechen hört. Es kreiert eine Nostalgie, die mich sofort ergreift. Als der Song dann richtig anfängt, wird diese Nostalgie mit Lyrics aufgegriffen, während ich es musikalisch schon fast catchy finde. Es hat auf jeden Fall Ohrwurm-Potential. Ihre Lyrics beschreiben aber nicht nur die Nostalgie einer vergangenen Beziehung, sondern ist auch auf andere emotionale Situationen übertragbar, wie zum Beispiel auf Angstzustände, die
St. South selbst hatte, und der Umgang mit ihnen.
Not Angry Yet schlägt endlich in die tiefe verzweifelte Trauer, die ich seit Anfang des Albums wollte. Es ist schwierig, gute traurige Lieder zu schreiben, die mich von Anfang bis Ende abholen. Klingt komisch, aber ich bin auch sehr picky, was traurige Lieder angeht. Wenn ich’s fühle, will ich’s richtig fühlen. St. South gibt mir mit diesem Song genau das. Die Trauer, der Frust und die anschließende Resignation, alles passt perfekt zum Aufbau des Songs. Not Angry Yet fängt langsam an, baut sich frustrierter auf und endet dann einfach so –wie im echten Leben auch. Ebenfalls interessantes Hintergrundwissen: St. South hat das Lied erst mit anderen Pronomen geschrieben, sich dann aber umentschieden. Sie identifiziert sich als queer und das ist wahrscheinlich auch ein großer Grund, warum ich das ganze Album so liebe. Es ist einfach gut und ich kann mich mit den Lyrics identifizieren, ohne die Pronomen in meinem Kopf ändern zu müssen. Representation matters.
I hang out the washing, I’m not what she wanted. I’m folding the laundry, was my bed too hard for you, after all?
“We can make it better”
Der nächste Song heißt Intermission und ist mein absoluter Lieblingssong auf dem ganzen Album. Hier ist er für euch verlinkt, damit ihr ihn wie ich auf Dauerschleife hören könnt. Während ich das schreibe, höre ich ihn gerade zum dritten Mal nacheinander und mein Fazit: er ist einfach viel zu kurz. Mit knapp zweieinhalb Minuten gibt mir St. South gar keine Chance als immer und immer wieder auf Replay zu drücken. Intermission ist nicht komplex oder pompös, sondern wie eine Schlafdecke, die sich aus mehreren Stimmen Samples zusammensetzt, mich einwickelt und alles andere ausblendet. Die Lyrics sind die kürzesten auf dem ganzen Album, hauptsächlich besteht es aus übereinander gelegten und versetzten Loops von „we can make it better, again“. Die leichten Geigen bringen dann noch ein bisschen Dramatik dazu und ich treibe endgültig davon.
Nachdem ich mich gerade komplett in Intermission verloren habe, geht es jetzt weiter mit I’m Still Me. Es greift den vorherigen Vibe direkt auf, ist aber wieder ein „richtiger“ Song mit Strophen und Chorus. Inhaltlich geht es um den Verlust einer geliebten Person und die Depression, in die man dadurch verfällt. Man ist während eines Break Ups meistens am härtesten zu sich selbst und das ist mental gar nicht so gesund. Dieses Gefühl greift St. South auch in A Little Aliveauf. Während die erste Hälfte noch sehr niedergeschlafen und hoffnungslos wirkt, ist die zweite Hälfte des Songs, den Olivia auch mit mehreren Monaten Pause geschrieben hat, wütender und verständnisloser. Doch die Wut ist gut, denn dadurch fühlt man sich nicht nur ein bisschen mehr am Leben aber man ist auch einen Schritt weiter im Verarbeiten, was eigentlich geschehen ist. Und fühlt sich A Little Alive.
You Loved Me Yesterday
Es sind die letzten zwei Songs und mein frühzeitiges Feedback – Get Well Soon ist ein verdammt gutes Album, und es ist sogar noch besser, wenn man ein bisschen down ist. Das ist jetzt einfach mein Geheimtipp an euch für die Zeiten, von denen man ungern online vielen fremden Menschen erzählt, die aber trotzdem jedem von uns passieren. In Can I Come Oversingt St. South von dem starken Band zwischen Freunden, die für einen da sind, auch wenn man es eigentlich gar nicht will. Doch Trauer und auch Depressionen sind nichts, für das man sich schämen sollte. Ganz im Gegenteil. Jeder hat sich schon mal so gefühlt, und auch wenn das alles absolut individuelle Erfahrungen sind, sollten wir mehr darüber reden.
You need to know that you’re strong, that you’re loved by someone.
Der letzte Song auf dem Album ist You Loved Me Yesterday.St. South hat ihn einen Tag nach dem Break Up geschrieben. Er ist sehr emotional und verletzlich und stimmt auch mich nochmal ein bisschen trauriger. You Loved Me Yesterday handelt aber auch von der Hoffnungslosigkeit und Resignation, die eintritt, wenn man akzeptiert, dass es sich jetzt einfach eine Weile so anfühlen wird, bis es besser wird. Es klingt aus mit zweieinhalb Minuten eines echt schönen und ruhigen Saxophon-Solos.
Die Message hinter Get Well Soon: Es ist in Ordnung, sich gleichzeitig gut und schlecht zu fühlen. Die Verarbeitung der Gefühle nach einem emotionalen Trauma, was ein Break Up absolut sein kann, ist vielschichtig und komplex. In den Worten von St. South selbst, ist Get Well Soon nicht nur ein Trennungsalbum, sondern viel mehr ein „self-care album –a soundtrack to self-empowerment“. Und diesem kann ich nur zustimmen. Get Well Soon ist kein Heul-Album von Anfang bis Ende, sondern im Gegensatz, es ist so vielschichtig und so kreativ produziert, dass es an Teilen fast eher beruhigt statt runterzieht. Musikalisch ist es auf jeden Fall absolut hörenswert und ich kann es euch allen nur ans Herz legen –gerade wenn ihr euch inhaltlich damit identifizieren könnt.
Fotocredit geht raus an: Liam Gillie
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Es ist endlich da: MOA’s Debütalbum „an/aus“. In 8 Songs entführt er uns in eine zusammenhängende Geschichte vom ersten Höhenflug zu einer tiefen Verbindung, der ersten Resignation, dem Richten des Krönchens und des Neubeginns. Lest jetzt die ausführliche Review von Jule, in der auch MOA selbst zu Wort kommt und einige spannende Hintergrund-Facts verrät.
Hinter MOA steckt Lucas Mohr aus Kassel, der schon seit fast 10 Jahren als Musiker durch die Lande zieht. Die einzelnen Songs des Albums hat er in einer ungewöhnlichen Herangehensweise, nämlich in einem 6-wöchigen Rhythmus als Singles veröffentlicht und sich damit bereits eine beachtliche Fanbase aufgebaut. Nun kann das Gesamtwerk bestaunt werden, zu dem mir MOA vorweg Folgendes gesagt hat:
MOA: Man sagt ja, dass man sich für das erste Album lange Zeit nehmen soll. Daher sind da auch Songs drauf, deren Ideen teilweise schon 4-5 Jahre alt sind. Ich habe aus vielen Songs die Besten gepickt und lange ausgearbeitet. Es ist jetzt nicht so, dass ich mich 2 Monate hingesetzt und gesagt habe „Ich schreibe jetzt mein erstes Album“. Es ist vielmehr ein Prozess aus einer sehr langen Zeit.
Mit diesem Vorwort steigen wir jetzt mal detaillierter in die Songs ein:
„du weißt es“
Das Album beginnt mit dem Song „du weißt es“ und einem catchigen Beat aus Drums und Gitarren. MOA besingt eindringlich das Gefühl des Kennenlernens und des kompromisslosen Begehrens. Die Strophen klingen euphorisch. Der Pre-Chorus nimmt sich dann zurück, um im Refrain energiegeladen nach vorne zu gehen. Die Lyrics bringen die Story des Songs, das Verliebtsein, absolut auf den Punkt. Auch die immer mal wieder kurz herausstechenden Gitarrenriffs finde ich toll. Gelungener Einstieg, ich will mehr hören.
„teil von mir“
Der nächste Song beginnt auf jeden Fall ruhiger, nämlich lediglich mit einem Gitarrenriff und MOA’s Stimme. Das Riff im Intro erinnert mich übrigens voll an das von Dean Lewis‘ Song „Waves“. In „teil von mir“ hat sich das anfängliche Liebenlernen von „du weißt es“ zu einer tieferen Verbindung entwickelt. Es klingt nach Hand in Hand am Strand Richtung Sonnenuntergang spazieren, sich anlächeln und den Moment genießen.
Ich hab erst gar nicht gemerkt, dass ich nicht mehr alleine bin Du bist ein Teil von mir
Der Song baut sich langsam auf, bis der Beat wie ein Herzschlag klingt. Das ist süß, ohne kitschig zu sein. Man hört hier stimmlich absolut raus, dass MOA Gefühle beschreibt, die er selbst gespürt haben muss. 1A Liebeslied auf jeden Fall.
„an/aus“
„an/aus“ ist obviously der titelgebende Song des Albums, der auch direkt gut scheppert. Melodiegebend sind hier Becken und Bass, im Refrain gesellt sich dann noch irgendwas Rasselndes und eine Gitarre dazu. Eben diese Gitarre ist für mich das absolute Highlight des Songs. Überraschend ist die Bridge, in der MOA plötzlich rappt. Das Hochgefühl von „teil von mir“ ist auf jeden Fall gedämpft, das Herzchen hat Risse bekommen. Man kann „an/aus“ aber auch durchaus als gesellschaftskritisch sehen. Viele haben verlernt, sich (fest) zu binden. Es wird geliked und blockiert als Zeichen von Zuneigung und Abneigung – geht eben schneller als eine Auseinandersetzung.
MOA: Der Rap-Part in „an/aus“ stammt eigentlich aus einem anderen Song. Als ich „an/aus“ dann geschrieben habe, passte dieser Part richtig gut rein. Er beschreibt dieses Hin und Her einer On-Off-Beziehung einfach ziemlich gut. Der Song thematisiert aber eben auch irgendwie die „Generation beziehungsunfähig“.
„worte“
Der nächste Song ist „worte“. Schon mit der ersten Zeile wird klar, dass von „an/aus“ nur noch „aus“ geblieben ist. Resigniert lässt MOA das Vergangene Revue passieren und zweifelt die Echtheit der Gefühle an. Schön ist hier die stimmliche Umsetzung des Schmerzes, den eine Trennung eben so mit sich bringt. „worte“ ist trotz seines Themas aber keine Ballade, vielmehr der stärkste, abwechslungsreichste und der instrumental „aggressivste“ auf dem Album.
Du hast gesagt du willst nur mich Bis der letzte Tag anbricht Alles verloren, ich habe dich verloren
„trümmer“
„trümmer“, den 5. Song des Albums, habe ich bereits ausführlich auseinandergenommen, die Review dazu findet ihr hier.
„neue wege“
Nachdem MOA in „trümmer“ die Ärmel hochgekrempelt und mit dem Scherbenhaufen einen Pfad Richtung Zukunft gebaut hat, geht er nun eben „neue wege“. Klingt der Songtitel eigentlich nach „Kopf hoch“, sagen die Lyrics doch eher „davonrennen“. Das spiegelt auch das Instrumental des Songs wieder, das mal energisch und dann wieder entspannter klingt – wie wenn man sich mit dem Fahrrad auf der Buckelpiste bergauf abrackert, um sich beim Weg nach unten der Schwerkraft zu bedienen.
MOA: Thematisch geht es um Freundschaft. Klassische Selbstfindungsphase: Anfang 20, was will man, wo will man hin? Er passte aber trotzdem einfach gut auf das Album. Ursprünglich habe ich ihn nach dem Abi geschrieben. Plötzlich gehen die Wege der Freunde auseinander und es steht einem alles offen. Schwierig ist aber eben auch, dass noch in vielen Köpfen steckt, dass es nur einen Weg gibt und man sich entscheiden muss. Obwohl wir eigentlich ganz viele unterschiedliche Sachen machen können.
„nina“
Der vorletzte Song heißt „nina“ und beginnt schön softrockig. Eine klare E-Gitarre und starke Drums, die abermals den leiseren Strophen Platz machen. Also wenn’s hier thematisch nicht um eine kurze Affäre geht, fress‘ ich einen Besen. Egal was kommt, wir sind hier und jetzt genau richtig. Alles an diesem Song ist irgendwie sexy – die Gitarren verrucht und die Stimme flirty. Schade, dass wir gleich durch sind. Btw, erinnert ihr euch an meinen Vergleich mit Dean Lewis‘ Song „Waves“, im Refrain heißt es: „It comes and goes in waves“. In „nina“ wiederum singt MOA eine Zeile die da lautet: „Es kommt in Wellen“. Just sayin, Detektiv Jule entgeht nix, höhö.
Ich will mehr, mehr von dir Deiner Energie, die mich nach oben zieht Du bist mein Dopamin, Koffein, Endorphin Du bist mein Adrenalin
MOA: Der Song ist aus einem Vibe entstanden, aus einer kurzen intensiven Zeit. Ich thematisiere hier tatsächlich nur einen Moment. Herbert Grönemeyer singt in einem Song „Lieb mich wenig, dafür lieb mich lang“ – ich habe daraus „Lieb mich kurz, aber dafür viel“ gemacht, also ein umgedrehtes Songzitat versteckt. Und eigentlich geht es genau darum. Einfach den Moment leben und genießen und sich nicht die Gedanken machen, die man sich in den Songs davor gemacht hat.
„höher“
Kommen wir also zum Ende des Albums, „höher“. Herausstechend ist hier erstmal das Klavier, dass immer mal wieder aufploppt. Der letzte ist auch gleichzeitig der erste Song, der richtig melancholisch klingt. Textlich auf jeden Fall das Highlight des Albums. Wobei ich ihn mir fast etwas ruhiger gewünscht hätte, nachdem eigentlich alle Songs eher in Richtung Uptempo gingen. Während die vorangegangenen Songs aber abgeschlossene Storys erzählen, endet „höher“ mit einem open end. Irgendwie auch eine schöne Metapher dafür, schon jetzt gespannt auf das zu sein, was MOA in den nächsten Jahren noch von sich hören lässt. Denn seine Geschichte ist auch noch nicht zu Ende erzählt.
MOA: Dieser Song ist einer der persönlichsten und schwierigsten Songs für mich. Ich hatte einen Bekannten, der an einem Burn-Out litt und dann auch verstorben ist. Er war ein Mensch, der nie zur Ruhe gekommen ist und immer noch mehr machen musste. Er hat sich da richtig verrannt, darüber habe ich viel nachgedacht und habe da auch einige Parallelen zu meinem Leben entdeckt. „höher“ ist auch ein kleiner Reminder an mich, dass ich mir auch mal Pausen gönnen muss.
Das Fazit zu „an/aus“
„an/aus“ ist für mich ein richtig gutes Pop-Album, das dem Klischee trotzt. Es lebt von den Gegensätzen der Lyrics zu den Instrumenten. Wobei ich denke, dass ihm eine Klavier-Ballade oder so echt gutgetan hätte. Trotzdem hat es mich ab dem ersten Hören voll abgeholt. MOA hat es mir im März das erste Mal gezeigt und seitdem habe ich nicht aufgehört, es zu hören – ein gutes Zeichen, oder? Mit am auffälligsten war für mich die klare Aussprache im Gesang. Hier ist ein „nicht“ noch ein „nicht“ und kein genuscheltes „nich“. Das stört mich bei vielen anderen deutschen Songs oft ein bisschen. Die Platte ist mega gut ausproduziert, wobei ich an manchen Stellen das Augenmerk noch mehr auf die wirklich schönen Melodien der Gitarren, Synthies oder des Klaviers gelegt hätte. Aber das ist mein persönlicher Geschmack und „Jammern“ auf hohem Niveau.
Wie auch schon in dem Artikel zum Song „trümmer“ möchte ich nochmal dem Gesamtkonzept „MOA“ meine Liebe beichten. Hier wird einfach bis ins kleinste Detail alles bedacht. Die Single-Cover (die ihr übrigens als kleine Drucke bekommt, wenn ihr ein Bundle kauft, gibt’s auf shop.moamusik.de), die sich als zerrissene Schnipsel auf dem Album-Cover wiederfinden. Die handschriftlichen Details, die euch immer wieder begegnen. Die Songtitel, die alle klein geschrieben sind, der Künstlername dafür aber komplett in Großbuchstaben. Da steckt in der allerkleinsten Ecke das allergrößte Maß an Liebe und Konzept drin. Das hat mich von Anfang an wirklich tief beeindruckt und berührt.
Falls ihr noch nicht in „an/aus“ reingehört habt, dann könnt ihr das nachfolgend tun. Untoldency – hier wird Service noch großgeschrieben.
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Trille entführt uns mit seiner neuen Single „Multiple Universen“ in eine neue Galaxie – voll von Liebe, aber frei von Raum und Zeit. Jule hat ganz genau hingehört und verrät euch, warum der Song einschlägt wie ein Meteorit.
Fleißige -Leser:innen kennen Trille, den neongelben Vocoder-König, natürlich schon. Jetzt dürften aber doch nochmal ein paar mehr Fans dazugekommen sein, nachdem Fynn Kliemann auf Instagram seine vorherige Single „Phase“ gesampelt hat (könnt ihr euch in den Story-Highlights auf Trille’s Insta anschauen). Jetzt hat Trille mit dem ebenso schönen „Multiple Universen“ nachgelegt.
Der Song beginnt mit einem Beat, der einfach gute Laune macht. Und schon in der ersten Strophe höre ich das, was ich bei Trille-Songs immer feier: Der Typ ist ein toller Texter. Er reimt, ohne dass es dieses Haus-Maus-Laus-Flair bekommt und das auch mit Worten, die wir nicht unbedingt täglich nutzen.
„High aber ich komme klar Im Nebel der Andromeda Du Alpha und ich Omega Ich Tatort und du Kommissar„
Und passend zu den Rhymes rappt Trille auch auf eine Art, die ich ziemlich nice finde (hab’s sonst nicht sooo mit Rap). Soundmäßig hat er mir mit „Multiple Universen“ (und auch schon mit seinen anderen Songs) eine große Tür in Richtung Beats geöffnet, die ich bis vorher nicht so gefeiert habe. AutoTune und Trap-Beats, die durch Gitarren, Keys und Bass trotzdem irgendwie Indie, aber eben auch Rap sind. Ich kenne absolut gar nichts Vergleichbares. Da ist wirklich für jeden was dabei.
Wie in vielen Songs von Trille geht es auch in dem Song um die Liebe. Irgendwo zwischen Freudentaumel und Durcheinander, aber am Ende ist völlig klar: Ob nun Mars oder Venus, Neptun oder Uranus – es zählt nur das „Wir“ und wir halten uns auch an den Händen, wenn physikalische Gesetze nicht mehr gelten.
„Und endlich ohne Pflichten, unendliche Geschichte So viele multiple Universen – und überall finde ich dich Verlieren uns in den Sternen, doch komm immer wieder zu dir zurück„
Trille schafft es auch mit „Multiple Universen“, dass sein Sound und seine Songs zwar unverkennbar sind, aber nie gleich klingen. Es ist immer ein neues Element dabei oder der Fokus anders gesetzt. Als er mir den Song das erste Mal gezeigt hat, habe ich ihn mir mit meinem lowen Kinderhumor aber erstmal selbst ein bisschen versaut: Ein paar Tage habe ich von „multiplen Orgasmen“ gesungen. Aber Entwarung, bin von dem Trip wieder runter und kann den Song wieder in seiner eigentlichen Pracht genießen.
Und wenn ihr mir eine Freude machen wollt, dann hört euch doch „Multiple Universen“ (oder auch Orgasmen) mal an. Denn Trille ist ein ganz lieber Typ, der jeden einzelnen Stream verdient hat. Cheers.
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