„Ein Cyberfurby, arrogante Himmelsdudes, viel pink und ein wenig Schminke.“ – so beschreibt das Gesicht von Flyde (Lukas Przybilla) den Inhalt des entzückenden Videos zur neuen Single Fly, erschienen Ende November 2020.
Und hinter der Schminke? – Abgründe der menschlichen Seele
In einem kurzen Interview über den neuen Song und das Musikvideo berichtete Lukas, dass es um die Schwierigkeiten des Loslassens, z.B. von einem guten Freund, geht:
„Wer wirklich gut für wen ist zeigt sich manchmal erst nach Jahren, aber dann ist man oft schon so dicke miteinander, dass unter Umständen, eine emotionale Trennung extrem schwierig werden kann.“
Vielleicht ist ein genereller Grund dieses Problems die schwach ausgeprägte Fehlerkultur hier zu Lande, oder dass der Begriff der Freundschaft mehr und mehr inflationiert wird. Eins ist jedoch ganz sicher: der Song Fly ruft unmissverständlich dazu auf Fehler zu machen um daraus zu lernen, mutig zu sein und sich gegebenenfalls helfen zu lassen.
Dass das Video es schafft diese ernsten Themen auf humoristische, augenzwinkernde Art und Weise darzustellen, macht die sozialkritische Kost leichter verdaulich und süßer als das bittere, schwermütige Wehklagen, welches man schon zu genüge bei anderen Produktionen schluckt. Stichwort: Liebeskummer in Songs.
Tanzbare 80er Jahre Klänge vereint mit ernster Botschaft
Auch die dufte Soundästhetik der neuen Single ironisiert und verballhornt die zum überwiegenden Teil traurige Wahrheit, die hinter vielen schnelllebigen Beziehungen steckt. Durch die Einflüsse von David Bowie, Peter Gabriel, Phil Collins, Joy Devision, Fleetwood Mac und Tears For Fears und viele, viele mehr, hat sich Flyde eine Klangwelt erschaffen, die besagte 80er Jahre Größen zwar als referenzielles Fundament nutzt, dabei aber seine ganz eigenen Regeln folgt:
„Mir ist es sehr Wichtig dass es Abwechslung gibt. Ich stehe zwar voll auf Pop, aber ich mag so ’ne A, B, C, D Struktur. In fast keinem Song (des kommenden Albums) sind zwei identische Strophen, was die Melodie betrifft. Mir ist’s wichtig dass das nicht allzu repetitiv ist. Es ist nicht einfach 80er Sound und Text sondern eine Symbiose aus allem was ich bisher so gehört und gemacht hab.“
Und so stellt die erste Single des im nächsten Jahr erscheinenden Albums eine Symbiose aus 80er Jahre Pop, Psychedelic – und Progressive Rock und dem ein oder anderen Dreampopeinfluss dar, welche den Schulterschluss mit einfühlsamen und persönlichen Themen übt und meiner Meinung nach auch wunderbar vollzieht.
An dieser Stelle sollte noch gesagt sein dass die Lyrics recht allgemein gehalten sind und Raum für Interpretationen offen halten, was durchaus gewünscht ist und jeden zum Denken anregen kann, aber nicht muss. Man kann die Musik von Flyde auf verschiedenen Ebenen genießen: Entweder man hört ganz genau hin und arbeitet sich rein, oder man lässt sich von den tollen Arrangements und Sounds davontragen und hört auf seine eigene innere Stimme, welche in Fly ganz besonders angesprochen wird.
Das Multitalent
Mich hat besonders interessiert wie der Prozess des Songwritings bei Lukas aussieht, da er vom Arrangement, über die Aufnahmen der verschiedensten Spuren/Instrumente, bis hin zum Abmischen alles im Alleingang macht. Auf die Frage wie die Arbeit an einem Song aussähe antwortete er:
„(…)Ich schick ’ne Gitarre durch fünf bis sechs Pedals und verfremde das und dadurch entstehen dann wieder ganz neue Dinge. Darüber jamme ich dann mit meinem Gesang. Die Texte hole ich aus meinem kleinen Textbuch.“
Obgleich hier die Arbeit mit Synths und Drums aussen vor gelassen wird; dieses kurze Exzerpt bringt’s für mich auf den Punkt: Wenn man Talent und seinen eigenen Workflow gefunden hat, entstehen die Tracks wie von selbst. Das ganze äußert sich dann in einem homogenen Sound der kompromisslos und einzigartig ist. Lukas – das Gehirn von Flyde – hat diese Eigenschaften. Man sollte auf jeden Fall ein Auge auf den aufstrebenden Newcomer, welcher ohne Label und großem Studio tolle Musik macht, werfen. Von dem und seiner kleinen Entourage an Livemusikern wird in Zukunft noch zu hören sein! Bis dahin vertröstet die neue Single Fly und natürlich das bereits 2018 erschienene Debütalbum (Flyde) alle die bock auf 80er – PsyProgDreamPop haben!
Es ist Dezember und ich kann gar nicht fassen, dass das Jahr wirklich schon fast vorbei ist. Whole mood 2020: ???? Aber das bedeutet auch, es ist Zeit für Jahresrückblicke. Von überall trudeln sie ein, und obwohl das Jahr so schnell wie noch nie umging, hat es sich auch irgendwie so lang wie noch nie gezogen. Keiner kann das C*-Wort mehr hören, ich habe gefühlt nicht eine Band live spielen sehen, der Planet brennt und Rassismus tötet IMMER NOCH, Hanau, zwei alte weiße Männer lassen tagelang die Welt stehen und ich hab mich mit 24 das erste Mal arbeitslos gemeldet. Das Gefühl von es ist viel zu viel passiert in der ganzen fucking Welt geht Hand in Hand mit es ist rein gar nichts passiert in meiner kleinen Lockdown Wohnung und das ist einfach nur absurd.
2020 in einen kleinen Einleitungsabsatz zusammenzufassen ist mir genauso gut gelungen, wie 2020 halt gelaufen ist – nämlich gar nicht. Deshalb hier ein ganz anderer Jahresrückblick: 2020 in Musik. Lasst euch das auf der Zunge zergehen, denn das, was an Musik dieses Jahr rauskam? *chef’s kiss* Viel zu viel um es in eine ultimative Playlist zu packen und deshalb packen wir es in vier. Ich mach es kurz, hier ist die erste: Untold pop hymns 2020.
Dua Lipa for Queen of England
Dua Lipa hat mit Future Nostalgia einfach das beste Pop-Album des Jahres rausgebracht. Punkt. Da kann ich eigentlich fast schon aufhören. Dass Dua seit ein paar Jahren auf einer Senkrechtstartrakete (wer konnte das Wort beim ersten Mal lesen) ist, ist keinem von uns entgangen. Ihr self-titled Debütalbum ist das meist gestreamte Album einer weiblichen Künstlerin auf Spotify, New Rules der erste Song, der 45 Wochen auf den Billboard Pop Charts war (das sind 10 Monate) und allein dieses Jahr ist sie für 6 Grammy nominiert. 🤯. Deshalb absolut zu Recht auf dem Cover unserer besten Pop-Songs 2020 Playlist. Ich habe öfter zu Pretty Please in meiner Küche getanzt als zu jedem anderen Song. Heute kamen die Spotify-Wrapped-Playlisten und ich kann sagen – These ist confirmed. Einfach diese Bassline, Leute. I just can’t.
Ganz eng hinter Pretty Please und in der Küche tanzen kommen – klar – Giant Rooks. Denn das ist hier keine “Pop“ Playlist mit der negativen Charts-Assoziation, die wir alle haben, sondern alles, was ihr hier finden werdet, ist einfach nur gute Laune. Von Dua Lipa Pop zu Giant Rooks Indie-Pop und nachher kommt sogar bisschen was elektronisches 👀. Aber jetzt erstmal zu Heat Up. Jeder von euch kennt’s, jeder liebt’s und falls ihr mehr meiner Gefühle zu dem besten Indie Album des Jahres wissen wollt, könnt ihr das hier.
Glass Animals und ganz viel Bass
Next up ist vielleicht mein Album Nr. 1 diesen Jahres (konnt mich noch nicht final entscheiden): Dreamlands von Glass Animals. Warum diese Band bis Heatwaves(klar auch auf der Playlist) zu diesem Album komplett an mir vorbeigegangen ist, weiß ich bei bestem Willen nicht. Space Ghost Coast To Coast hat alles, was es braucht: viel Bass, Synthies, bisschen Autotune und Melodie. Und nochmal Bass.
Next up ist ein Song, den ihr vielleicht nicht kennt, bei mir aber seit letztem Monat auf Dauer-Repeat läuft: All That von LA R’n’B Duo Emotional Oranges. Auch das ist im weitesten Sinne „Pop“, weil diese Bassline einfach Dinge mit mir macht (ihr erkennt ein Pattern). Emotional Oranges, unabhängig vom ultracoolen Namen, sollten auf jeden Fall auf euren Radar, wenn ihr auch gerne mal was in Richtung R’n’B hört.
Die Pop Hmynen gehen weiter. Über JEREMIAS (duh), England Wunderkind Alfie Templeman, Newcomer Sören, Indie-Pop Brüder-Duo Bruckner und basslastigen Would You von The Vamps. Ganz weit oben auch dabei MELE, die sich schon in einige unserer Herzen gespielt hat (checkt hierJules Review zu genau eben Rosalieaus). Selbst ich, die sich eigentlich ziemlich weit weg von Deutsch-Pop bewegt, muss nur einmal das Wort Rosalie lesen und sing den Refrain laut durch die ganze Wohnung. Anders bei Childish Gambino, der auch einfach einer dieser Künstler ist, der ein Konzept-Album voll mit komischen Zahlencodes als Songtitel raushauen kann, und es funktioniert. 35.31 hat zwar ein komisches und bisschen langes Outro, ist aber trotzdem ein sorgenfreier Vibe, der euch auch nur tanzen lassen kann. In meinem Kopf seh zwar ich die ganze Zeit Troy von Community, aber das macht es irgendwie auch nur besser.
Soft Pop vs. Deutsch Pop
Ein weiterer Künstler, den ihr auf dem Schirm haben solltet, ist Dominic Fike mit seinem Album What Could Possibly Go Wrong. Noch mega jung hat Dominic schon eine große Fanbase um sich aufgebaut und mit Double Negativeund Vampirezwei Songs auf dem Album, die genau die Art von Soft-Pop mit allen möglichen Einflüssen trifft, die ihn noch ganz hoch bringen werden.
Aprops Soft-Pop. Auch wenn ich mich auch in dem Text hier stark gegen Charts-Pop ausgesprochen habe, hab auch ich meine weak spots. Einer davon ist blackbear, der mit queen of broken hearts und vor allem clown solche Ohrwürmer hervorgezaubert hat, dass ihr die jetzt auch haben müsst. Sorry not sorry.
Zurück im Deutsch-Pop hat da natürlich unbestritten Fynn Kliemann das ganze Game gewonnen. Von dem MTV Awards zur 1Live Krone hat er auch Preismäßig alles für sein zweites Album POP abgeholt, was irgendwie geht. Alles was ich hab wird für viele im Sountrack 2020 dabei gewesen sein. Wenn man euch an dieser Stelle für ein Interview mit Fynn abwerben kann, dann klickt hier. Definitiv auch einer meiner absurdesten Momente dieses Jahr. Mit Fynn Kliemann skypen. Kann runter von meiner Bucketlist.
Wer Fynn folgt, ist auch auf Trille gestoßen. Schon lange unser kleiner Herzenskünstler, ist Trille mit Santa Monicaauf jeden Fall einer der Leute, die ihr jetzt schon vor allen anderen hypen könnt, denn bald ist er nicht mehr so exklusiv, sondern zieht die ganze Republik in seinen Bann. Das hat auch schon Jule festgestellt, lest hierdie Review zum Song.
Auch Yukno haben dieses Jahr im Deutsch-Pop Game mitgespielt. Sowohl Brumm Brummmit Oehl und Autodrom als auch Hautmit Lina Maly gehen einmal ins Ohr und dann nicht mehr raus.
Women fucking rule
Okay, jetzt kommt ein Song, den ich bestimmt schon über 200 Mal dieses Jahr gespielt hab. Jedenfalls gefühlt. Cinnamonvon Paramore Frontsängerin Hayley Williams ist musikalische Genialität. Der Aufbau ist so unfassbar vielschichtig, dass wenn alles ab 1:30 droppt, ich gar nicht weiß, wohin mit meiner Begeisterung. Das ist einfach Gold.
Generell hat sich die Frauen Power dieses Jahr wieder selbst übertoppt. Neben Dua hat auch Halsey ein Album in die Welt gelassen, dass mich wirklich noch einmal so viel tiefer in meinem Girlcrush fallen ließ als poor gay me sowieso schon war. Die ganze Energie von Manic ist ehrlich und progressiv und beweist, warum sie zu Recht ganz oben mitspielt. I’m Not Madist definitiv mein Liebling. Auch Fletchers THE S(EX) TAPES und Bitter strotzt vor weiblichem Selbstbewusstsein und zeigt, dass wir uns rein gar nichts mehr gefallen lassen. And I am so here for that.
Die elektronischen Vibes dieser Playlist und meines Jahres bringen Elderbrook und Mindchatter. Auch wenn ich mich normalerweise von Elektro-Musik fernhalte, sind ihre Alben die Ausnahmen. Sowohl Numbals auch Blame Gamehaben mich einfach bekommen. Was soll ich sagen.
Wen ich an dieser Stelle auch noch mal groß mit einbringen will, ist Blanks. Mit Favorite Nightmare hat er nicht nur eine sehr indie-poppige EP eröffnet, sondern ist selbst auch einfach ein absolutes Musik-Genie voller Energie. Ich hab mich wirklich ganz doll verliebt. Checkt seinen YouTubeKanal aus und guckt ihm mit offenem Mund zu wie er Hits wie Blinding Lights von The Weeknd komplett neu erfindet oder mit seiner Insta-Community zusammen Lieder produziert. Dazu ist er einfach nur ein laufendes Meme.
Ich vermiss Mac Miller
Auch wenn Spotify heute gesagt hat, dass Blue Worldvon Mac Miller nicht mein meistgehörter Song des Jahres ist, so fühlt sich das trotzdem so an. Ich hab den so oft gehört, dass sich der nicht wie 2020 anfühlt, sondern wie so ein Song, der einen schon Jahre lang begleitet. Vielleicht vermisse ich Mac aber auch einfach nur mega doll. Zu Fullax und MOA kann ich nichts sagen, das ist vollkommenes Spielfeld unserer Kasseler-Abteilungsleitung Jule. Beide haben dieses Jahr absolut auscheckbare Alben veröffentlicht, deren Rezension ihr hierund hierlesen könnt/sollt.
Abschluss bildet Billie Eilish, die mit Therefore I Am dafür sorgt, dass man auch sie in diesem für sie Release-armen Jahr nicht unterschätzen sollte. Ich bin wirklich immer wieder begeistert, was die jungen Menschen unserer Generation an guter, neuer Musik hervorbringen.
Also wenn ihr bis hier hin gelesen habt, Danke. Wenn ihr ein bisschen durchgescrollt habt, um zu gucken, was alles so in unserem POP 2020 Rückblick los war, dann auch danke. Aber was sagt mehr als Worte? Genau, die Musik selbst. Deshalb folgt der Playlist und feiert einfach in den letzten Monat des Jahres rein.
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Mit der im Oktober veröffentlichten Single Junge Milliardäre karikieren das Duo UWE aus Hamburg eine absurde Parallelwelt der Reichen und Schönen mit feiner Ironie und verpacken Kapitalismuskritik in einen sommerlichen Mambo, der sogar meine Weißwürste von Beinen zum Zappeln bringt.
Die schwarzen Ritter des 21. Jahrhunderts
Wer reitet so spät durch Nacht und Wind? Im Song der Band UWE ist es nicht etwa der Erlkönig, sondern die jungen Milliardäre und Entrepreneure, die ihren Streifzug vorbereiten. Und in deine Stadt kommen, um Deals auszuhandeln und ganz casual mit dir eine Cola an der Pommesbude zu trinken. Die schwarzen Ritter des 21. Jahrhunderts quasi. Die märchenhafte Aufmachung des Textes und das Arrangement des Songs unterstreichen in meinem Kopf die Bilder dieser jungen und erfolgshungrigen Reichen perfekt. Ich stelle mir vor: Kashmir-Pullover um die Schultern gebunden, beige Chinos und sündhaft teure Segelschuhe aus Rochenleder. Das alles zu luftiger Tanzmusik samt World-Touch und Bläsersatz.
Im Musikvideo des Songs sieht man außerdem Elon Musk (wen sonst?) als gelungenen Deep Fake, der von Bandmitglied Jansen verkörpert wird und mit richtig nicen Dad-Tanzmoves an den Start geht. Apropos Deep Fake: Der Sound des Songs kommt mir nach den ersten Sekunden und spätestens nach dem Einsatz der Leadvocals irgendwie sehr bekannt vor. Unter dem Musikvideo finde ich einen sehr passenden Kommentar:
„Wurde Zeit, dass mal wer den Grönemeyer-Swag moderngentrifiziert.“
„Stella & Sheba official“ bei YouTube
Da stimme ich voll zu! Im Song höre ich außerdem auch starke Paul Simon-Einflüsse. Der Eindruck verfestigt sich als ich in der Pressemitteilung der Band lese, dass Bandmitglied „[…] Uwe das Graceland Album von Paul Simon auch ganz gut findet“. Wie ein Fake oder Cover wirkt Junge Milliardäre aber trotzdem nicht, eher wie eine Hommage an einen fast vergessenen Sound.
Das Märchen vom Tech-Milliardär
Ich mache die Augen zu und sehe sie also vor mir, die jungen Milliardäre. Wie sie lässig tänzelnd an der Promenade entlang schlendern. Wie sie mit einem Handschlag die nächste Investition besiegeln. Ziemlich schnell stelle ich mir dann die Frage, was ich denn eigentlich schlimmer finde. GoethesErlkönig a.k.a. der personifizierte Tod oder UWEs Junge Milliardäre a.k.a. die personifizierte Geldgeilheit. Ein schauderhaft schönes Märchen, das die beiden Musiker Uwe und Jansen uns hier erzählen. Es wird allerdings noch gruseliger als ich erkenne, dass UWE mit der bildhaften Beschreibung nur ihre Kulisse für ein Gedankenspiel bauen. Dazu passend meint die Band selber:
„Früher wollten die jungen Leute Rockstars werden, heute Tech-Milliardäre.“
Beim ersten Hören dachte ich nämlich noch: Geil! Reichenbashing! Bin ich ganz bei euch. Im weiteren Text geht es primär aber gar nicht um diese skurrile Gruppe der Gesellschaft, denn zwischen den Zeilen ist eine raffinierte Subebene versteckt. Im Chorus steigt der Chor mit ein:
„Ich muss zur Arbeit um sechs Uhr früh, Muss stehen in der Bahn und brauch’ dringend Koffein Ich schätz’ es kriegt jeder, was er verdient Und ich steig’ bald aus aus der Maschinerie“
Oh my God, denke ich, that’s so me. Und ich glaube das bin nicht nur ich, das sind wir doch alle irgendwie. Und dann fängt der Text ganz tief an zu wirken. Denn ich merke, dass hier vom Träumen die Rede ist. Träumen von der nächsten Super-App oder dem nächsten richtig großen Start-Up. Und die Frage, die UWE uns damit unweigerlich stellt, ist:
Wie geil findest du Kapitalismus? Wie geil findest du Geld und den Traum einer perfekten Geschäftsidee?
Denkanstoß (mit Lanze)
Das trifft voll ins Schwarze! Sicherlich sind solche Gedankengänge für einen Großteil der Bevölkerung völlig normal. Aber wer aus dem linksgrünen Milieu (höchstwahrscheinlich auch UWEs Hörerschaft) gibt schon gerne zu, dass man morgens in der Bahn ab und zu dann doch gerne mal von viel Geld träumt, während man zum ungeliebten Job fährt? Und vielleicht auch klammheimlich eine „Entrepreneurin“ mit ‘ner Coke auf einer Parkbank sein möchte, der*die „[…] nie wieder öffentliche Verkehrsmittel benutzen muss und auch die eigenen Kinder und die Kinder der Kindeskinder nicht“, wie in der Pressemitteilung zu lesen ist.
Ich habe mich mit diesem Gedanken jedenfalls schwergetan, erwische mich aber ehrlich gesagt schon manchmal dabei. Hands up, wer noch? Zwinker 😉
Deckel drauf und Fazit
Für mich machen UWE im letzten Teil dann den Deckel drauf. Mit einem fulminanten Aufgebot an Blasinstrumenten geht der Instrumentalteil zum Ende hin dann nochmal richtig ab. Das ist der Moment, in dem ich endgültig die Kontrolle über mich verliere. Und nur noch mit Bastrock bekleidet, das verschwitze Hawaihemd über meinem Kopf kreisend, die Hüften schwingen muss.
Für mich ein absolut gelungener Song. Das ist Kapitalismuskritik, die nicht platt wirkt und nicht mit dem Finger auf andere zeigt. Ich hätte mir diesen Song gerne beim DJ in der Indie-Disko meines Vertrauens gewünscht und ordentlich dazu abgeschwoft. Und wenn die Pandemie vorbei ist, mache ich das auch. Und gebe euch allen einen aus (wenn ich mein Darlehen bekommen habe)!
Mehr Infos zu UWE und ihrer neuen Café Togo EP findet ihr hier.
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Wir dürfen mit super viel Aufregung und ganz viel Freude unsere neue Kategorie ankündigen: Die Homestory. Es ist keine Review, es ist kein Interview, es ist alles kombiniert und noch viel besser. In unseren Homestoriesnehmen wir euch einmal im Monat mit zu uns sehr ans Herz gewachsenen Künstler*innen, die kurz vor einem wichtigen Release stehen –und dann reden wir darüber. Wir treffen uns an einem Ort, der für die Entstehung des Albums wichtig war und dann wird wie früher in der Bravo einmal alles hervorgekramt. Von Bandgeschichte zu Studioanekdoten und kleinen Fan-Insidern. Ganz ausführlich, ganz ehrlich und vor allem auch ganz nah. Das sind unsere Homestories.
A Tale Of Golden Keys –Der Geheimtipp der Indie-Szene
Für unser eigenes Debüt, wenn man so will, treffen wir uns mit A Tale Of Golden Keys, der lang etablierten dennoch leicht unterschätzten Indie-Pop-Rock-Band aus Nürnberg. Nürnberg liegt bekanntlich im schönen Süden Deutschlands, Berlin bekanntlich nicht. Das heißt für mich 3.5 Stunden Zug fahren, am letzten schönen Spätsommertag in Berlin mit romantischen 21°. War ich ein bisschen wehmütig? Ja, vielleicht. Aber war ich umso aufgeregter, das erste Mal ganz offiziell professionell in einen ICE zu steigen? Ja. Ja, doch, definitiv.
Nach dreieinhalb Stunden war ich im süßen Nürnberg angekommen und Jonas, der Drummer der Band, holt uns ab. Von hier geht es nochmal 20 Minuten weiter, ins noch süßere Dorf Eckersmühlen, wo sich die Jungs für ihre Albumproduktion eingenistet haben. Wir werden begrüßt von Hannes (Gesang, Gitarre) und Flo (Bass), die das Trio komplett machen. Beide haben im Gastgeber-Game in der Sekunde gewonnen, als sie uns einen Tisch voll mit belegten Nürnberger Brezeln präsentierten, für die ich locker Geld gezahlt hätte, so gut sahen die aus. Bei der Rundführung erfahre ich ein bisschen mehr über das Haus: „Jonas’s Oma hat hier vorher gewohnt, wir sind 2011 dann reingezogen. Und da sah’s noch so aus als … würde sie hier noch leben. (lacht) Dann haben wir alles nach und nach so ausgeräumt und eher zweckmäßig für Bandproben und so genutzt. Jetzt haben wir es endlich ein bisschen renoviert“.
Jeder Anfang hat einen Bandnamen, mit dem niemand zufrieden ist
Natürlich gelten in so einem Haus auch Hausregeln. Eine davon ist die Hausschuh-Regel, die mich gleich wie zu Hause fühlen lässt. Aber nehmen wir uns doch erstmal kurz die Zeit, um die Band-Geschichte der drei Nürnberger ein bisschen aufzuarbeiten. Ein paar von euch werden diesen schön klingenden Namen, A Tale Of Golden Keys, schon mal irgendwo in ihren Spotify-Listen aufgeschnappt haben. Vor allem ihr Debütalbum von 2015 ist stark als Geheimtipp in die Indie-Szene eingeschlagen. Anspieltipp von mir und von Spotify mit mehr als 4 Millionen Streams: All Of This.
Als sie vor 10 Jahren angefangen haben, Musik zu machen, waren Hannes, Flound Jonas mitten in ihrem Abi. Die Frage nach ihrem Bandnamen wird überraschend negativ aufgefasst. Während ich ihn sehr schön finde, sind alle drei eher so mäßig zufrieden: „Das klingt so nach Herr-der-Ringe-Musikband“ –„Ich hab auch mal gehört, Tale of Golden Keys, das klingt ja wie Butter The Bread With Butter oder sowas, da will ich nicht hin, das klingt voll nach Metal“ (lacht). Trotz dieser leichten Unzufriedenheit, die man nicht mehr ändern kann, denken sie bei Weitem nicht mehr so viel darüber nach wie früher: „Es kam auch nie was auf, was dem Konkurrenz machen würde, also ist er vielleicht doch ganz gut“.
Eine Rose zur Rosenhochzeit
A Tale Of Golden Keys feiern also dieses Jahr ihr kleines eigenes Jubiläum – wären sie verheiratet, dürfte man ihnen zu ihrer Rosenhochzeit gratulieren. Nach Bandnamenfindung haben sie mit den ersten Demos bei einem lokalen Bandcontest mitgemacht und prompt einen Auftritt beim Rock im Park 2011 gewonnen. Mit dem Preisgeld haben sie ihre erste EP aufgenommen, von denen 500 Stück verkauft wurden und danach für immer verschollen waren: „Wir haben die einen Tag nach Silvester aufgenommen und das hört man auch. Es war nicht wirklich scheiße, aber wir können uns damit einfach nicht mehr identifizieren –wir waren halt 20“.
Danach wurde es aber deutlich besser. Nach zwei weiteren EPs kam 2015 ihr Debütalbum „Everything Went Down As Planned“, welches tatsächlich ein kleines Indie-Schätzchen ist. Das zweite Album „Shrimp“ hatte im Gegensatz zu dem langen Entstehungsprozess des ersten Albums nur ganze 10 Tage im Studio: „Wir hatten damals so zwei bis drei Songskizzen und haben 10-12 Tage Studio gebucht und waren so, okay, wir schauen halt mal, was da bei rumkommt. Dann war das Album fertig und wir waren alle happy damit, es hat einfach gepasst“. A Tale Of Golden Keys erfinden sich also immer wieder neu. Ein Soundtrack-Album hat es auch in ihre Diskografie geschafft, was ihnen den Weg zur Selbstproduktion geleitet hat. Jetzt ist Album Nummer vier am Start und während ich im Zug schon in die zu dem Zeitpunkt noch nicht veröffentlichte Songs reinhören durfte, wurde mir klar – das ist nochmal eine ganz andere Nummer.
Was macht man, wenn ein Song fast fertig ist, aber einen Schnuff zu langsam? Genau, löschen.
Das neue Album heißt „The Only Thing That’s Real” und vereinigt vielleicht deutlicher als alle Alben zuvor, was A Tale Of Golden Keys ausmacht. Es ist das erste eigene Album was sie in kompletter Eigenregie aufgenommen haben. Sie haben sich Zeit genommen und das erste Mal auch wirklich intensiv an jedem Schritt des Albums zusammengearbeitet. „Es war so organisch wie noch nie“. Früher haben Hannes und Flo meist Songs zuhause auf der Gitarre geschrieben, wie man sich das so richtig Singer-Songwriter like vorstellt. Dann wurde untereinander ausgetauscht, und Texte auf Melodien geschrieben. Jetzt haben sie sich alle mehr Gedanken gemacht, was sie inhaltlich verarbeiten wollen und die Texte entstanden mit der Musik zusammen. Hannes war hauptverantwortlich für die Vorproduktion und hat viel selbst arrangiert, Flo hat sich vor allem textlich wieder selbst übertrumpft und „Jonas, merkt ihr, der ist viel am Handy, der macht Social Media“.
Der neue Workflow hat das Beste aus A Tale Of Golden Keys herausgekitzelt: „Shrimp war auch saugeil, das ging mega schnell und war super befriedigend, aber jetzt im Nachhinein ist es durch die Arbeitsweise jetzt viel vielfältiger geworden.“ Und diese Vielfältigkeit lässt sich hören.Von melancholischen und fast schon akustik-klingenden Balladen über überraschende Synthies und sogar Autotune-Passagen bis hin zu fast schon rotzigem Indie-Rock.„Ich hab viel gelöscht“, so Leadsänger Hannes. „Viel löschen, das kann ich jedem nur empfehlen“. So wie mit „Hostility“. „Der lag lang rum, war ne sehr schwere Geburt.“ Es war alles fertig und dann stellten sie fest, das klingt zu langsam. Also zwei Wochen Arbeit gelöscht und alles nochmal schneller aufgenommen. Aber sowas zahlt sich aus. „Hostility“ ist nicht nur einpolitisch sehr aufgeweckter Song (es geht um die fehlende Empathie in der Flüchtlingskrise), sondern auch musikalisch vielleicht mein Lieblingstrack des Albums.
A Tale Of Golden Keys feat. Lena Mayer-Landrut
Mein zweiter Lieblingstrack ist „Whirling“. Die Single, die im August das Album ankündigte, ist auch die erste Single mit Feature.Während wir am Tisch in ihrer kleinen Küche sitzen, erzählt mir Flo die Geschichte dahinter. „Wir haben im Literaturseminar in der Uni die amerikanische Kurzgeschichte ausdem 19. Jahrhundert „Yellow Wallpaper“ behandelt. Die Story hat mich sehr inspiriert“ . Inhaltlich geht es um den Fall einer Frau, die, weil sie Depressionen hatte, in einem Zimmer eingesperrt wurde: „Du brauchst einfach mal deine Ruhe“ als sehr problematischer Lösungsansatz mentaler Krankheiten. Natürlich ist die Frau durch diese extreme Isolation immer mehr durchgedreht und begann eine tanzende Frau in der gelben Tapete zu sehen. „There’s a girl in the wall and she’s moving“ – die erste Zeile
des Songs “Whirling”. “Wir haben uns gedacht, bei so einer feministischen Geschichte, ist es falsch, wenn drei Männer das singen –eine weibliche Stimme bietet sich also an“.
Flo hat seine Connections spielen lassen und die Managerin von Lena Mayer-Landrut gefragt: „Joa, wie schauts aus, ach übrigens, wir haben hier so einen Song, zeig den doch mal der Lena, ob die Bock drauf hätte, da den einen Vers zu singen“. Einfach mal auf blöd gefragt und viele Lacher seiner Bandkollegen geerntet, hat Flo ein negatives Feedback zurückbekommen. „Sie hat’s wohl gezeigt bekommen und meinte, es sei nicht so ihr Ding, aber ich weiß auch nicht, ob die Managerin das nicht einfach vorher ausgesiebt hat“. Eine witzige Story ist es allemal. Und mit Elena Steri, die selbst auch auf dem aufsteigenden Ast Singer-Songwriterin in Nürnberg ist, haben A Tale Of Golden Keys auch eh die bessere Stimme zu gefunden. Für mich ist es nämlich gerade die Kombination aus beiden sanften Stimme mit ausklingendem Kanon am Ende, die den Song besonders machen.
„Der Song hat alles, was ich an Get Well Soon scheiße finde!“
Wir verfangen uns in Geschichten über Lieblingssongs vom Album. „Ich könnt dir jetzt von jedem Song ‘ne Geschichte erzählen, wieso ich ihn am geilsten finde“, so Flo. „Ja los, mach!“, kontert Hannes. Jonas, der kurz draußen war, sein Auto umparken, wird auch direkt gefragt –und antwortet ohne zu zögern: „All Banks are Dry“. Flo: „Siehst du, der sagt einfach einen!“. Auf die Frage, warum, antwortet Jonas, dass der Song ein klein bisschen nach Wirtshaus klingt. Damit kann ich so gar nichts anfangen, wird wohl so ein Bayern-Ding sein (das ist der erste und einzige Bayern-Witz, einer sollte drin sein oder). „All Banks Are Dry“ ist auch einer der letzten Songs vom neuen Album, an denen sich alle lange den Kopf zerbrochen haben. Hannes hat ihn nach mehreren Night-Sessions auch ihrem Produzenten des Vertrauens Jan geschickt, der nur meinte: „Der Song hat alles, was ich an Get Well Soon scheiße finde!“
Nach einem langen Hin und Her entscheiden sich aber auch Flo und Hannes für einen Lieblingssong. Für Flo schwankt es zwischen „Hockey Pants“ und „Hostility“, Hannes entscheidet sich für „Rainbow Melancholy“. Auch wenn das hier keine interaktive Geschichte ist, würde mich schon sehr interessieren, was euer Lieblingssong vom Album ist. Drop it in the comments below. So ganz unironisch.
Glorifizierende Schlüsselmomente und bescheuerte Album-Titel
Eine ebenfalls interessante Geschichte gibt es zu „Hockey Pants“. Die Inspiration hierfür kam von Hannes, der rauchend Flo zum Schreiben aufgefordert hat („Schreib mal ‘n Text!“). Daraus sind schnell die ersten Zeilen des Songs entstanden: handrolled cigarettes, smoked in flamboyant style. Der daraus entstehende Schlüsselmoment (Jonas war dieses Wort in dem Artikel sehr wichtig), hat die Band vielleicht sogar noch ein klein bisschen enger zusammengebracht. Sie haben eine Nacht in Erinnerungen geschwelgt, wie man früher in seiner Jugend geraucht hat, um vor seinem Schwarm „cool“ zu wirken. Ich, als langweilige Nicht-Raucherin, kann das nicht ganz so nachvollziehen, aber es war ja auch nicht mein Schlüsselmoment. Am Ende waren sich aber alle einig „Drauf geschissen, wir können auch mal Love Madness singen! Paar cheesige Synthies runter, fertig“.
Im Interview habe ich öfter das Gefühl, dass die drei wirklich einfach nur lustige Typen sind mit der gemeinsamen Leidenschaft für Musik. Ihre Art für Humor spiegelt sich aber nicht nur im Gespräch wider, sondern lässt sich auch in den Artworks aller vorherigen Alben finden. Über Dinos, zu der Shrimp-Taube bis hin zum Familienporträt mit Axolotl (Credits hier gehen alle an Yvonne vom Kreativbüro Würzburg, die hat einfach mal ein extra Shoutout verdient). Aber auch die Suche nach dem Albumnamenstellte sich als sehr witzig heraus. Dafür hatten A Tale Of Golden Keys extra einen Chat nur für diese Diskussion erstellt, aus der mir Hannes unter kleinen Tränen seine Lieblingsvorschläge zum Besten gibt. Zur „Auswahl“ waren unter Anderem „salted caramel kisses, doctor brokkoli, doctor dentist, hits hits hits vol.2“ und „party noise“.
Dr. Brokkoli sagt, ihr sollt dieses Album anhören!
Auch wenn der Albumtitel nicht ganz so witzig geworden ist wie „Doctor Brokkoli“, ist es dennoch ein unfassbar gutes Album. Von „No Endodontic Treamtent“, was entstand, weil Jonas Zahnschmerzen hatte und keine Wurzelbehandlung wollte, zu „Gin Tonic State Of Mind“, der einfach nur wegen des Songtitels eine extra Benennung verdient hat. Das gesamte Album stellt A Tale Of Golden Keys in ihrer vielleicht endlich gefundenen Grundessenz dar. Ohne Angst, sich auszuprobieren und auch ohne großen Druck (Coroni hat das gesamte Jahr ja sehr entschleunigt) haben sie erneut bewiesen, dass man sich als Indie-Band in Deutschland mit immer wieder neuen, guten Releases eine stabile Fangemeinschaft erspielen kann. Und sich währenddessen nicht nur weiterentwickelt, sondern vielleicht sogar selbst findet. Wenn das kein deeper Abschluss ist, weiß ich auch nicht.
Heute haben wir wirklich einen kleinen Rohdiamanten für euch, jedenfalls für diejenigen unter euch, die Fans von Britpop sind: Darcey aus München/Augsburg/Regensburg (wenn man zu fünft ist, darf man aus drei Städten kommen). Die Jungs kombinieren trotzigen Gitarrensound mit Indie-Pop Elementen und all dem Drum und Dran, welches sie ganz kurzerhand auf unseren Radar geholt hat. Ich sage Rohdiamant deshalb, weil sie wirklich noch ziemlich klein sind –das könnt ihr ändern. Darceys neue Single „Jukebox“ feiert bei uns heute Videopremiere und ist, meiner Meinung nach, der perfekte Song, um die Band und ihre Musik sehr lieb zu gewinnen. Und DANN kommt da ja noch das Video hinzu!
„Jukebox ist dieses EINE Lied.“
Tatsächlich möchte ich bevor ich mich in Schwärmereien verliere, euch erstmal das Video ans Herz legen. Alleine auch deshalb, weil ich die belegbare These (Quelle: ich) aufgestellt habe, dass ihr den Song keine fünf Sekunden hören könnt, ohne euch zu denken: geil. Das ist meine These und ich lade euch herzlich dazu ein, sie zu widerlegen:
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Wer jetzt fünf Sekunden gehört hat und es nicht mag, muss auch nicht unbedingt weiterlesen (yes, full offense). Ich hab die These jetzt schon mehrfach getestet und bin jedes Mal, wirklich jedes Mal, auf’s neue total hin und weg. Darcey machen alles richtig, diesen Song durch so ein fettes Gitarrenriff zu eröffnen.Ich weiß nicht, wie sie die Gitarre getuned haben, dass es sich so geil anhört, aber nur diese paar Sekunden erwecken in mir sehr viele Gefühle. Und genau das soll Jukebox auslösen. Ich lass dazu mal die Jungs sich kurz selbst zitieren:
„Jukebox ist dieses eine Lied, das einen mit einem positiven Gefühl auf eine alte zerbrochene Liebe zurückschauen lässt. Musik hat etwas Intuitives, das uns dabei hilft, Beschwerlichkeiten zu vergessen und die Momente mehr zu genießen. Jukebox strahlt genau diese Intuition aus.“
Nach dem phänomenalen Anfang gleitet Jukebox in einen Vibe, der sehr an den Indie-Rock aus den 80er und 90er in britischen Garagen erinnert: Britpop halt. Es ist unfassbar zugänglich und strahlt pure Unbeschwertheit aus. Jeder Übergang fühlt sich organisch an und macht einfach Bock, zu tanzen. Und genau darum geht es ja auch in Jukebox. Sich nicht nur melancholisch-beschwert an vergangene Momente und Beziehungen zu erinnern, sondern glücklich in Erinnerungen schwelgen, die mal waren.
‘xcuse me, ich muss mal kurz fühlen
„Es gibt immer dieses eine Lied, das einen mit einem positiven Gefühl auf die alte zerbrochene Liebe zurückschauen lässt“. –Darcey
Das ist meine Überleitung zurück auf’s Video, welches ihr jetzt ja schon geguckt habt. Und ganz kurz unter uns: i felt things. Das Video zu Jukebox folgt einer sehr simplen Story, ist überhaupt nicht aufwendig gedreht und spielt sich auch nur in einem einzelnen Raum ab. Das Video schafft zu zeigen, was der Song in seiner Grundessenz aussagen möchte: Musik ist intuitiv. Gefühle sind intuitiv. Es braucht keine aufwendig erzählte Geschichte, wenn es nur um das Gefühl geht, was Musik in einem auslöst. In diesem Fall war es die romantische Reise in die Vergangenheit eines alten Kegelbahnbesitzer, der mit dem bloßen Anspielen eines Songs auf der Jukebox in seine jungen Erwachsenenjahre zurückkatapultiert wurde. Sobald sich der Raum mit Musik füllt, sieht er Erinnerungen an sich selbst und seine junge Liebe. Es ist diese schöne und dennoch beschwerliche Melancholie, die Darcey da perfekt eingefangen haben. Das sprichwörtliche lachende und weinende Auge. Auch Darcey selbst sneaken sich in die romantischen Erinnerungssequenzen und spielen auf der Bühne den Song, zu dem das Paar tanzt, und machen das Video damit komplett.
Sam Himself ist Wahl-New Yorker, kommt aber ursprünglich aus der Schweiz. Mit Cry liefert er sowohl einen Vorboten zu seinem kommenden Debütalbum als auch einen Song, der Herzschmerz fühlen lässt, der eigentlich gar nicht da ist.
Manchmal fällt es einem einfach wie Schuppen von den Augen. Ich stolpere einfach so und leider völlig unvorbereitet über das Musikvideo zu Cry von Sam Himself. Der Song beginnt mit einer sanften Gitarre und dann beginnt er zu singen… Ups. Eine wunderschöne baritonlastige Stimme bahnt sich seinen Weg durch mein Ohr bis in die wirklich allerletzte Ecke meines Körpers. Ich bin einfach sofort völlig (und damit meine ich: völlig) into it. Cry klingt anfangs wie einer der traurigsten Songs, die ich jemals gehört habe. Ich spüre plötzlich all den Schmerz, den Liebeskummer mit sich bringt, obwohl ich seit 2.000 Jahren keinen mehr hatte. Der Song weiß mich aber aus diesem seelischen Tief auch wieder rauszuholen, indem er sich von der anfänglichen Ballade zu einer nicht weniger dramatischen Midtempo-Popnummer mit E-Gitarre, Bass und Drums entwickelt. Well done, Sam.
Cry, bleed your poor heart dry
Beim zweiten Mal hören denke ich: „Hoffentlich gibt es irgendwo schlaue Filmemacher*innen, die diesen Song für eine fürchterlich traurige Trennungsszene nutzen“. Ich habe Bilder von einem amerikanischen Liebesdrama im Kopf. Ich sehe eine Frau vor mir, die weinend ihre drei Sachen packt, dabei mindestens noch zwei Bilder aus glücklichen Tagen umschmeißt und in die Nacht und eine ungewisse Zukunft flüchtet. Währenddessen einfach nur dieser Song läuft.
Nachdem ich Cry jetzt das dritte Mal hintereinander gehört habe, frage ich mich einfach nur noch: Warum zum Teufel kannte ich Sam Himself bisher noch nicht? Optisch irgendwie über drei Ecken mit Dendemann verwandt, geht er seiner Stimme nach zu urteilen regelmäßig mit Bruce Springsteen (dessen Dancing In The Darker auch schon mal gecovert hat) ein Bier trinken. Whatsoever. Mit einem Song innerhalb weniger Sekunden so krasse Gefühle bei mir auszulösen haben echt noch nicht viele geschafft. Chapeau, ich bin ab sofort großer Fan!
Chima, wahrscheinlich euch allen bekannt von dem 2012 Hit „Morgen“, ist wieder da! Immer noch im Deutsch-Pop unterwegs, will er jetzt nach ein paar Jahren Pause das Musikbuizz nochmal angreifen. Anna traf ihn ihm Interview und hat mit ihm über seinen neuen Song „Keine Liebe“, Zukunftspläne und das Rassismussproblem in Deutschland geredet. It’s spannend, wie man so schön nicht sagt, also lest euch rein!
Chima im Interview
Anna: Hey! Du bist ja wahrscheinlich gerade viel mit Promo unterwegs, deshalb freut es mich, dass es geklappt hat!
Chima: Ja, mich auch!
Anna: Viele werden dich ja wahrscheinlich von Songs wie „Morgen“ kennen, der 2012 rauskam, direkt gechartet ist und Sprungbrett für dein erfolgreiches Debütalbum war. Wie hat sich das alles für dich damals angefühlt? Hast du mit dem Erfolg gerechnet?
Chima: Nee, ich hab damals nicht mit dem Erfolg gerechnet, das kam alles sehr überraschend für mich. Natürlich war das die Ambition, aber wenn sich das dann tatsächlich so einstellt, ist das auf jeden Fall ‘ne Herausforderung für so ne Biographie, weil das dann nochmal ein völlig neuer Horizont ist. Alles, was du erlebst, ist neu und damit muss man auch umgehen.
Anna: Jetzt hast du mit „Keine Liebe“ deine erste Solo-Single seit fast 6 Jahren veröffentlicht und bist offiziell wieder zurück im Musik-Game. Was hat deine damalige Entscheidung zu einer Pause bewirkt und was hat dich jetzt dazu getrieben, wieder zurück zu kommen?
Chima: Sagen wir es mal so, ich war sehr intensiv beschäftigt damit, zu leben und Dinge über mich und meine Umgebung rauszufinden. In letzter Konsequenz ist das alles für das zuträglich, was jetzt kommt, aber das waren tatsächlich auch die Gründe dafür, warum in der Zwischenzeit nicht wirklich was rausgekommen ist. Ich hatte einfach nicht die Muße, den ganzen Prozess von einer offiziellen Albumveröffentlichung durchzuziehen und war eher mit Vorbereiten und Sammeln beschäftigt.
Anna: Also hast du in der Zwischenzeit schon Musik gemacht?
Chima: Ich hab die ganze Zeit Musik gemacht, ja. Bin jetzt schwer bewaffnet (schmunzelt) mit richtig tollen Songs, aber es war davor einfach nicht möglich zu veröffentlichen.
Anna: Aber jetzt…
Chima: (gestikuliert) *Pam Pam* …jetzt bin ich am Steezy (lacht)
„Alles, was ich schreibe, hat eine autobiographische Note.“
Anna: In deinem aktuellen Song „Keine Liebe“ zitierst du deinen Papa, der von dir erwartet, nicht aufzufallen, immer hart zu arbeiten, um es in dieser Gesellschaft hier „zu schaffen“. Im Gegensatz dazu steht aber die Aussage des ganzen Songs, genau daraus auszubrechen und manchmal impulsiv zu handeln, anstatt alles zu zerdenken. Wie nimmst du diesen Gegensatz der Werte wahr und wie ist der dir in deinem Leben begegnet?
Chima: Alles, was ich schreibe, hat eine autobiographische Note. Ich bin ein Kind in zweiter Generation mit Migrationshintergrund. Mein Vater ist aus Nigeria hergekommen, um hier zu studieren, und das sind halt genau die Werte, mit denen er seinen Weg hier erfolgreich bestritten hat. Und das wünscht er sich natürlich auch für die nächste Generation, weil er das Gefühl hat, dass es gerade für jemanden mit meinem Hintergrund schwieriger sein könnte, wenn man nicht diszipliniert, fokussiert und unauffällig ist. Aber wie das dann halt so ist, können Eltern mit so einem Hintergrund es auch übertreiben mit solchen Glaubenssätzen und unter Umständen die Gelegenheit versäumen, irgendwann anzukommen und nochmal die eigenen Werte abzugleichen mit denen der Umgebung. Ich glaube, das ist generell ein Thema von Generationenkonflikt, und deswegen ist es die Aufgabe der nächsten Generation für sich selbst zu filtern, was nehm ich von den Eltern mit und wo muss ich dieses Wertegerüst aufbrechen. Das war der Prozess, in dem ich mich befunden hab. Mein Vater ist konservativ, aber auch sehr liebevoll und setzt auf Kontrolle und Sicherheit. Ich hab für mich persönlich, allein über die Berufswahl, festgestellt, dass es auch seinen Reiz haben kann, genau auf das Gegenteil zu setzen. Und in der Mitte davon will ich mich dann irgendwann einfinden.
„Ich mag es, immer mal wieder auszubrechen.“
Anna: Wie war das, als du dich bewusst für die Musikkarriere entschieden hast? Wie haben deine Eltern diese Entscheidung aufgenommen?
Chima: Meine Eltern unterstützen mich in dem, was ich tue, sehr. Mein Mutter mehr als mein Vater, der ist eher so ein kritischer Dude und hätte gern für mich gehabt, dass ich Architektur studiere, Arzt werde oder in die Bank gehe, also das, was die ganzen anderenNigerianer in zweiter Generation auch machen: akademische Grade und Ansehen bekommen. Und das hab ich versucht und war auch gar nicht unerfolgreich, aber habe gemerkt, so ey, wie will ich denn damit arbeiten? Mit der Musik hab ich deutlich mehr Spaß und außerdem mag ich es, auch immer mal wieder auszubrechen und mich zu spüren. Und ich glaube, du kannst dich sehr intensiv spüren, wenn du das Regelwerk um dich herum aufbrichst und an deine Bedürfnisse anpasst. Man sagt ja, „um Regeln zu brechen, muss man sie erst lernen“. Es geht aber auch der andere Weg, du kannst erst die Regeln brechen…
Anna: … und dann draus lernen.
Chima: Genau. Dann kann man die Regeln nachjustieren. Regeln, die in der Vergangenheit ihre Berechtigung hatten, müssen jetzt nicht mehr zwingend gültig sein. Obwohl ich ein großer Fan von Binsen-Weisheiten bin, da steckt sehr viel Wahrheit drin. Wir werden direkt in der Kindheit mit solchen Weisheiten konfrontiert, wissen aber gar nicht, was unsere Eltern jetzt von uns wollen. Dann stehen wirauf unseren eigenen Beinen, in manchen Situationen kommt uns der eine oder andere Spruch bekannt vor, aber wir nehmen sie noch nicht zwingend an. Dann werden wir 30 und merken, die sind doch ganz gut (lacht), ich übernehm mal ein paar. Und mit 40 ist es dann so, dass du deinen Kindern genau die gleichen Sprüche nochmal sagst. Erinner dich an meine Worte! (lacht).
„Ich bin weder anti-rechts, noch anti-links.“
Anna: In deiner Musik vereinst du beide Kulturen, setzt dich ein für Toleranz und Akzeptanz und hast früher auch sehr aktiv an Anti-Rechts-Projekten mitgewirkt. Wie nimmst du diese Situation knapp 15 Jahre später wahr?
Chima: Ist die gleiche. Es ist die gleiche Situation und du kannst sie auch nicht ändern. Für mich ist wichtig, dass man diese Dinge einzuordnen lernt. Du hast gesagt „Anti-Rechts“, aber ich hab mit Anti-Rechts nichts zu tun, ich bin nur ein Gegenpol dazu. Es wird immer Menschen geben, die das Gefühl haben, dass ihnen was weggenommen wird. Das ist ein ganz typisches Phänomen bei Mehrheiten in Gesellschaften. Da gibt es immer eine, meist konservative, Fraktion, die das Gefühl hat, die Traditionen verschwinden, wir werden überschwemmt usw. Das gibt es überall. In Deutschland wird es halt historisch bedingt anders diskutiert. Immer dann, wenn ich das Gefühl hab, dass Menschen aus den Augen verlieren, dass sie über die Grenzen und Würde von anderen Menschen trampeln, dann mach ich meinen Mund auf. Das geht aber in beide Richtungen. Ich bin also weder anti-rechts noch anti-links, sondern Humanist.
„Hier fühl ich mich wohl.“
Anna: Themensprung: 2013 hast du als Support Act bei der Tim Benzdko Tour in der Waldbühne vor 22.000 Menschen gespielt. Ich kann mir das nur als eine sehr heftige Erfahrung vorstellen. Wie war das für dich, dieser starke Kontrast zu den sonst nur kleinen Läden, in denen du getourt hast?
Chima: Also ich würd jetzt gern bescheiden klingen, aber ich fand das angemessen (lacht). Ich spiel auch kleine Konzerte sehr, sehr gerne, aber ich hab das sehr genossen und es war ein wunderschöner Ausblick, den der Tim mir da ermöglicht hat. Ich hab mir gesagt „ja genau, hier möchte ich auch spielen, in der Waldbühne, ich fühl mich wohl“. Tatsächlich war das ja irgendwie überhaupt der Beweggrund für mich, in die Musik einzusteigen. Dass ich irgendwann in meiner sehr eingeschränkten Welt über mein konservatives Elternhaus schon früh diese Träume hatte in so einem Atrium zu stehen vor GANZ vielen tausend Menschen. Ich hab da so ein imaginäres Englisch gesprochen, und mit jedem Wort, was ich gesagt hab, haben die Massen gejubelt. *gestikuliert* „LOOOVE …. POWEER..“ (lacht). Und als ich in der Waldbühne war, hatte ich mal wieder das Gefühl, ja, das war’s, davon hab ich geträumt.
Anna: Da kannst du doch auch richtig stolz drauf sein.
Chima: Worauf?
Anna: Na, was du alles schon geschafft hast.
Chima: Ich werde alles schaffen, was ich mir vornehme.
Anna: Und was nimmst du dir noch so vor?
Chima: Einiges. Aber ich möchte jetzt ein bisschen bescheidener wirken (lacht). Ja, ich bin tatsächlich gar nicht stolz auf die Waldbühne, weil da war ich ja nur im Support. Da müsste ich ja stolz drauf sein, dass der Tim mich nett findet. Ich bin bei mir tatsächlich auf relativ wenige Sachen stolz, aber eine davon ist meine Resilienz und meine Ausdauer. Egal, was kommt, wenn ich mir was in den Kopf gesetzt hab, zieh ich’s irgendwie durch. Und darauf bin ich stolz.
„Wenn Fraktion, dann Fraktion Positiv.“
Anna: Und apropos zukünftige Pläne, was kommt da noch so auf uns zu?
Chima: Ich würd ganz gern, dass die neue Single jetzt anläuft und den Leuten gefällt. Und wenn das gegeben wäre, ist das ein guter Nährboden, um dann das Album darauf zu droppen. Das sind so meine mittelfristigen Ziele.
Anna: Hast du denn auch wieder Bock (erstmal kleinere) Touren wieder zu spielen? Auch wenn das Corona mäßig jetzt gerade sehr schwierig ist, zu planen.
Chima: Ja, klar. Ich hab die ganze Zeit Bock, live zu spielen und in Interaktion mit Menschen zu sein. Wenn ich mich zu einem Lager zähle, dann gehör ich zur Fraktion Positiv. Wenn allegerade Trübsal blasen, denk ich mir, ahh unterschätz mal nicht die Menschheit. Wir haben immer irgendwelche Lösungen gefunden. Es gibt so Grundbedürfnisse, die sind nicht zu unterdrücken. Das Bedürfnis nach Zusammensein und Gemeinschaft gehört da dringenddazu. Wir werden Wege finden, damit es weiter geht und dann wird es weitergehen.
Anna: Abschlussfrage bei uns ist immer der blank space. Den Platz kannst du als Künstler komplett frei nutzen, wie du willst.
Chima:Keine Liebe ist jetzt draußen. Das ist ein Song, in den ich sehr viel Liebe gesteckt hab. Geht raus, hört euch den an! Da ist für jeden was dabei – du hast ja in dem Interview schon sehr schön ausgeführt, was da alles drinsteckt. Geht einfach raus, supportet den Song, und lasst die Sonne für euch scheinen.
Mit „byebyeskiesofyesterday“veröffentlichen die Münchener Indie-Darlings von Matija heute ihr langersehntes zweites Album und zeigen sich damit von einer musikalisch neuen Seite. Jule hat vorab mit Frontmann und Bandnamensgeber Matt über ihre Entwicklung, Musikvideos und natürlich das Album selbst gequatscht. Das (ganz schön) ausführliche Interview lest ihr jetzt.
Matija im Interview
Jule: Erstmal voll auf Anfang: Mal angenommen, jemand kennt euch und eure Musik nicht und fragt, wie ihr klingt, was ihr macht, wer ihr seid. Was würdet ihr antworten?
Matija: Wir würden wahrscheinlich antworten, dass wir eine Indie-Alternative-Pop-Band aus München sind, die sich sowohl an alter als auch neuer Musik bedient und daraus eine ungewöhnliche Mischung aus Bands wie Radiohead, Foals und Casabian gemischt mit modernen Hip Hop-Einflüssen wie von Kendrick Lamar oder Solange erzeugt.
Jule: Heute erscheint euer zweites Album „byebyeskiesofyesterday“. Bevor wir da näher drauf eingehen, erstmal zum Offensichtlichen: Sowohl der Album- als auch die Songtitel werden komplett zusammengeschrieben. Hat das eine besondere Bedeutung?
Matija: Es ist zufällig passiert. Ich habe den Albumtitel eher gefunden als erfunden. Er ist irgendwie vom Himmel gefallen als ich einen Spaziergang durch den Nymphenburger Schloßpark in München gemacht habe. Ich stand auf einer Brücke, habe hochgeguckt und dann war der Titel einfach plötzlich in meinem Kopf. Ich habe ihn dann ganz schnell in mein Handy geschrieben und war dabei so begeistert, dass ich irgendwie die Leerzeichen vergessen habe. Dann habe ich später nochmal draufgeguckt und im Studio dann vorgeschlagen, auch die Songtitel zusammenzuschreiben, um eine gewisse Kontinuität und ein kleines Konzept reinzubekommen.
„Es war ganz anders als beim ersten Album“
Jule: Wie lange habt ihr denn an den Songs fürs Album gearbeitet bzw. wie lief der Albumprozess bei euch als Band ab?
Matija: Das kann ich natürlich noch nicht so generalisiert sagen, weil es ja erst unser zweites Album ist. Es hat aber insgesamt so 2,5 Jahre gedauert, bis es fertig war. Die Songs auf dem Album sind sowohl einige Monate, als auch teilweise schon 3 oder 4 Jahre alt. Da ist ganz viel verschiedenes Material dabei, was unglaublich viele Metamorphosen durchlaufen und sich oft verändert hat. Es ist auf jeden Fall ganz anders gewesen als beim ersten Album. Das haben wir zusammen als Band geschrieben und in 1,5 Wochen live im Studio in Hamburg aufgenommen. „byebyeskiesofyesterday“ haben wir gemeinsam geschrieben und dann Stück für Stück aufgenommen. Manche Songs haben wir beispielsweise in Italien aufgenommen und die Audiospuren dann mitgebracht.
Jule: Ich höre auf jeden Fall auch, dass die Songs im Vergleich zum ersten Album anders sind. Ihr klingt jetzt nachdenklicher, vielleicht auch ein Stück ernster. War das eine natürliche Entwicklung oder ein geplantes Konzept?
Matija: Wir haben uns natürlich schon verändert über die letzten Jahre. Wir sind einfach erwachsener geworden, glaube ich. Es sind uns als Individuen und auch als Band viele Dinge passiert, positive und negative. Wir haben krasse Krisen durchlaufen, in einer davon befindet sich ja auch gerade die ganze Welt. All diese Sachen haben den Ernst des Lebens geändert und eben auch die Art, wie unsere Songs klingen. Wir behandeln auf dem Album schon schwere Themen, die uns persönlich passiert sind oder die wir verarbeitet haben. Das erste Album war geprägt von einem sehr jungen Aufbrechergeist, durch eine angenehme Naivität und die Lebenslust eines ersten Albums. „byebyeskiesofyesterday“ hat einfach mehr von diesem Realistischen. Es ist auch von den Texten her einfach nahbarer.
Jule: Ich finde auch, dass ihr nicht nur textlich, sondern auch vom Sound her einen riesengroßen Schritt gemacht habt. Das erste Album könnte man schon als „klassischen Indie“ bezeichnen. Für das zweite Album habe ich noch keine passenden Worte, aber ich höre jetzt etwas völlig Eigenes. Würdest du sagen, dass ihr mit dem zweiten Album näher an euren eigenen Sound gekommen seid?
Matija: Erstmal vielen Dank für das Kompliment, das freut mich sehr zu hören. Wir haben uns auf jeden Fall sehr viel Zeit genommen, jede einzelne Note, jeden Schlag, jeden Synthesizer dreimal umzudrehen und den für uns perfekten Sound zu finden. Wir haben uns viel damit beschäftigt, wie Klaviere klingen können, was für unterschiedliche Aufnahme-Arten es gibt. Was kann man mit E-Gitarren machen, wenn man sie einfach nur in ein Mischpult steckt oder durch einen alten Lautsprecher feuert. Dieses Album trägt viel mehr unsere eigene Handschrift. Auch weil unser Gitarrist Jan viel vorproduziert hat, was dann meisterhaft von unserem Produzenten Willy Löster in shape gebracht wurde. Wir waren einfach mehr an der Soundfindung beteiligt. Während wir beim ersten Album das Glück hatten, mit Johann Scheerer einen wahnsinnig guten Produzenten zu haben, der unsere damaligen Songs perfekt verstanden und nach seinem Klangbild super gut produziert und aufgenommen hat.
„Wir sind wirklich sehr stolz auf unser neues Baby“
Jule: Ich weiß, das ist immer super schwer, aber gibt es für dich einen Lieblingssong vom Album oder einen, der dir besonders viel bedeutet?
Matija: Hmm. Mein persönlicher Lieblingssong ist entweder „awaytosurvive“ oder “reanalyser“. Weil das zwei Nummern sind, die mir mit meinem persönlichen Musikgeschmack als Hörer einfach unglaublich gut gefallen. Der Song, bei dem ich auf uns als Band am stolzesten bin, ist allerdings „saddaysinthecity“, weil ich den richtig stark finde und denke, dass der uns als Band auch weiterbringen wird. Aber natürlich mag ich alle Songs sehr gerne. Wir sind wirklich sehr stolz auf unser neues Baby.
Jule: Du hast vor einigen Jahren mal gesagt, dass Lana Del Rey eine große Inspiration für euch ist. Kann es sein, dass sich das bis heute nicht geändert hat? Es gibt so einige Momente auf dem Album, die mich stark an ihren Sound erinnern.
Matija: (lacht) Ja voll, Lana Del Rey ist immer noch eine große Wegbegleiterin. Ihre Musik ist für mich einfach, und ich glaube auch für den Rest der Band, das perfekte Beispiel von einer Realitätsflucht, aber irgendwie auch einer wunderschönen Melancholie. Ich sage immer „von den Meistern muss man lernen“ und Lana Del Rey ist eben genau so eine Meisterin dieser Art Songs zu schreiben. Songs, in denen gesagt wird, dass das Leben eben diese bittersüße traurige Note hat, aber eigentlich ist es auch ganz schön, dass es so ist und dass man Schmerz und Reue und Melancholie empfindet. Das in einen Popsong zu packen macht einfach Spaß und ich finde, sie macht das ganz großartig. Auf jeden Fall haben wir uns da auch einige Sachen abgeschaut, ja.
„Wir sind weniger auf dieser metaphorischen Ebene unterwegs“
Jule: Es gibt auf „byebyeskiesofyesterday“ ja auch Songs, die eine wirklich unmissverständliche Wortwahl nutzen. Songs, in die man nicht so viel rein interpretieren kann oder muss, weil ihr euch ziemlich klar ausdrückt – was auf dem ersten Album vielleicht nicht unbedingt so war.
Matija: Völlig korrekt. Wir sind weniger auf der metaphorischen Ebene unterwegs als auf dem ersten Album. Da fanden Texte statt, die viel Platz zur Interpretation lassen. Auf der zweiten Platte geht es einfach um Dinge, die uns aufgefallen oder passiert sind. Und wir haben versucht, das in den Texten auch 1 zu 1 so darzustellen. Wie in „absolutlynothing(today)“, wo wir verstanden haben, dass ein Tag, an dem du absolut gar nix hinbekommst, trotzdem ein guter Tag ist. Diese Dinge waren für mich einfach nicht mehr in Metaphern auszudrücken. Oder auch „awaytosurvive“, wo wir wortwörtlich übersetzt sagen: „Ich habe einen Weg gefunden, um zu überleben“. Dieses Album wird getragen von ehrlichen Emotionen und Erkenntnissen, die unverblümt genauso dargestellt werden. Ich war als Texter beim ersten Album damals in so vielen Sphären gleichzeitig unterwegs, dass ich dem Zuhörer den Spielraum zur Interpretation auch einfach geben wollte.
Jule: Ein wichtiger Faktor sind ja auch die Musikvideos. Die, die ihr bisher zu den Singles veröffentlicht habt, sind auch von der Bildsprache her ziemlich stark. Und haben sich zu denen in der Vergangenheit auch weiterentwickelt. Wie wichtig sind euch die Videos?
Matija: Uns sind die Videos sehr wichtig! Wir sind große Fans der Bildsprache von saymyname oder auch von unserem Lichtmischer Lenny Heidtmann, der auch eine eigene Filmproduktionsfirma hat. Wir machen uns schon früh Gedanken darum, was im Video passieren könnte. Ich weiß nicht, ob Musikvideos heutzutage noch so eine große Rolle spielen. In der Musikindustrie hat sich auf jeden Fall verändert, dass man dafür nicht mehr so viel Geld ausgibt. Während in den 80ern halt teilweise 1 Mio. Dollar für eine große Produktion ausgegeben wurden. Vielleicht auch, weil die Aufmerksamkeitsspanne der Leute sehr kurz geworden ist und viel über Streaming funktioniert. Aber ich glaube immer noch, dass das für Fans wichtig ist, dass es tolle Musikvideos gibt. Um den Song auch auf dieser zweiten Ebene erleben zu dürfen und besser zu verstehen, was die Künstler*innen sagen möchten. Oder auch um sich in der eigenen audiovisuellen Konzeption bestätigt zu fühlen oder einen neuen Aspekt des Songs zu entdecken.
Jule: War das beim ersten Album auch schon so, dass ihr euch so viele Gedanken um eure Videos gemacht habt?
Matija: Nee, eben nicht. „SongFor Celine“ und „White Socks“ sind Auftragsarbeiten. Die Songs wurden an eine Produktionsfirma gegeben, die sich ein Konzept ausgedacht und ausgeführt hat. Da hatten wir nicht so viel mit dem Skript zu tun. Bei „Justify Your Love“ hatte ich zum ersten Mal eine ganz klare Vision für das Video. Ich wollte bzw. musste dafür nach Paris und der Rest der Band hat gesagt „go for it, mach es!“. Dann habe ich das Drehbuch geschrieben und wir haben das umgesetzt. Damit fing dieser Trend an. Ab dem Video zu „The Calling“ ging es dann richtig damit los, dass wir uns mit den Leuten hingesetzt und zusammen überlegt haben, was in den Videos passieren soll. Das hat für uns sehr gut funktioniert, gerade auch bei den zuletzt erschienenen Videos.
„Ich will, dass das Album in die Charts kommt“
Jule: Wenn du dir für das Album was wünschen darfst, was wäre es?
Matija: Darf ich eine richtig dumme Antwort darauf geben? Ich will, dass das Album in die Charts kommt (lacht). Es ist total beknackt, aber es ist tatsächlich so ein Kindheitstraum von mir, ein Album in den Charts zu haben. Und ich weiß, dass das mit der Musik die wir machen, aktuell in Deutschland sehr schwer ist, weil eben Leute wie Apache 207 oder Capital Bra die neue Messlatte für die Charts sind. Aber ich hoffe einfach, dass „byebyeskiesofyesterday“ es, aus welchem verrückten Grund auch immer, schafft, und wenn es nur Platz 90 ist, in den deutschen Albumcharts einzusteigen. Das fände ich so super (lacht).
Jule: Weißt du was ich mir wünschen würde? Daran habe ich gedacht, seit ich den Song das erste Mal gehört habe: Eine Orchesterversion von „inlovewithamurderer“. Der ist nicht nur vom Sound, sondern auch von den Lyrics her wirklich… doll.
Matija: Ohhh ja, darüber haben wir tatsächlich auch schon nachgedacht. Das Ende bietet sich total dafür an, das stimmt. Der ganze Song ist auch ziemlich orchestral. Der Film „Leon der Profi“ war übrigens die Grundlage für diesen Song. Das ist mein absoluter Lieblingsfilm, den ich bestimmt schon 20 Mal gesehen habe. Wir sind aber tatsächlich nicht die einzigen, die sich von diesem Film haben inspirieren lassen – „Matilda“ vom ersten Album von alt-J oder auch „Shape Of My Heart“ von Sting ebenfalls.
Jule: Dann kommen wir jetzt zum Ende des Interveris und zu unserem berühmten blank space, bei dem du alles rauslassen kannst, was meine Fragen vielleicht nicht hergegeben haben.
Matija: Also, zunächst würden wir uns natürlich freuen, wenn ihr alle zu unserer Tour Anfang 2021 kommt. Es gibt 18 Termine und wir hoffen sehr, dass die stattfinden können. Und ich möchte ein Rezept aus Ottolenghi’s Buch „Flavour“ empfehlen. Das ist ein Rezept für süß-saure Zwiebeln, die man mit der Unterseite in eine sehr heiße Pfanne legt, so dass die Zwiebeln komplett verbrennen und schwarz werden. Danach packt man die in den Ofen und kocht in einem Topf Granatapfelsaft auf, bis der sirupartig wird und bereitet eine kleine Schale mit Olivenöl und diversen Kräutern vor. Dann gibt man den Granatapfelsirup in eine große Schale, holt die Zwiebeln aus dem Ofen und legt die einzeln dort rein. Dann noch das Kräuteröl und Ziegenkäse drüber geben und schon hat man eine wunderbare Vorspeise, die sehr lecker und gesund ist.
Jule: Hui, in letzter Zeit beende ich Interviews immer mit knurrendem Magen… Mir bleibt dann jetzt eigentlich nur noch, euch die Daumen für die Chartplatzierung zu drücken und einen tollen release day zu wünschen. Vielen Dank für das tolle Gespräch!
Das zweite Album „byebyeskiesofyesterday“ von Matija könnt ihr euch hier anhören:
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Noah Elliott ist 23 Jahre alt, aus Oregon und veröffentlicht mit „Seeling Out“ seine erst zweite offizielle Single. Die erste kam im August raus, heißt Never Feels The Same und lässt mir immer noch ab und zu einen Ohrwurm da. Wir haben jetzt die Ehre, das Video zur zweiten Single exklusiv zu premieren. Buckle up, denn Noah nimmt uns mit auf eine Reise rund um dieWelt –und vor einen Green Screen.
Wer Noahs erste Single Never Feels The Same kennt (oder sie jetzt angehört hat), wird wissen, in welche Richtung von Musik es unsverschlägt. Ja, es ist leicht poppig, aber ja, es ist auch sehr tanzbar und bleibt einfach im Kopf. Selling Out schließt sich nahtlos daran an.
Trauriger Liebeskummer mit tanzbaren Synthie
Das Video ist vor einem Green Screen entstanden und das Konzept ist simpel: Noahs Silhouette tanzt vor abwechselnden Naturhintergründen und hat einfach eine gute Zeit –und ist dabei aber nie sich selbst. In seiner Sihoutte spielen kurze Videos von sehr zufälligen Themen ab. Von Hunden über Cookies zu Vintage bildern: Noah stellt alles mit seiner Silhouette dar, außer sich selbst. Das geht auch inhaltlich Hand in Hand. Selling Out beschreibt die toxische Situion, in der man sich befindet, wenn man zu sehr verliebt in eine Person ist, die diese Liebe nicht (mehr) erwidert, man das aber nicht so ganz verstehen will. Die Verweigerung, diese Situation zu akzetieren, geht so weit, dass man Teile seiner Selbst dafür aufgibt. Es ist eigentlich der perfekte Song für den Moment genau nach dem Break-Up, wenn alles, was vorherrscht, Betäubung, Verleugnung und eine Prise Selbstzerstörung ist.
„Where’d you hide my self esteem? Did I leave it in your bedroom like a t-shirt on a floor?”
Anfangs taumelt Noah noch halb durch dunkle Wüsten, begleitet von sanften melodischen Tönen. Der Refrain hat nicht so viel Sonntags-durch-die-Wohnung-tanzen-Potential wie Never Feels The Same, ist aber dennoch ein starker Vibe, zu dem auch Noah, trotz Herzschmerz, über Felsen bei Sonnenuntergang oder auf einem Van vor sich her tanzt. In seiner Silhoutte sind immer wieder mal mehr, mal weniger deutliche Fotos zu erkennen, die die Erinnerungen an die Beziehung widerspiegeln. Ist das alles, was ihn jetzt ausmacht?
Guckt euch das Video selbst an, lasst euch ein bisschen von den melancholischen tanzbaren Tönen von Noah Elliott anstecken und seid gespannt, denn eine EP ist auf dem Weg. Und: Verrennt euch nicht in einer toxischen Liebe, denn da kommt nie was Gutes raus. Das war mein Wort zum Donnerstag.
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Hände hoch oder sie schießt (wirklich): MELE veröffentlicht heute exklusiv bei uns das Musikvideo zu ihrer neuen Single „Rosalie“. Liebe, Leidenschaft, Flucht und naja, Straftaten. Jule legt euch nachfolgend sowohl MELE, den Song und natürlich auch das Video ans Herz.
MELE ist süße 25 Jahre jung, studiert am Institut für Musik in Osnabrück und hat gute Chancen, in meinem Spotify-Jahresrückblick 2020 ganz weit oben zu landen. Mit Songs wie „Monogamie“ oder „deine cousine“ hat sie in der Vergangenheit zurecht viel Aufmerksamkeit und Lob geerntet. Auch ich habe es schon mehrfach betont und laufe Gefahr, dass es langsam awkward wird, aber MELE = mein absoluter Girlcrush. Sie nimmt kein, und zwar wirklich gar kein, Blatt vor den Mund und verpackt Themen, die nicht unbedingt Smalltalk-kompatibel sind, mit Charme und Witz zu Popsongs aller erster Güte.
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Die am letzten Freitag erschienene Single „Rosalie“ wurde von ihrer Fangemeinde (zu der ich mich absolut zähle) wirklich sehnlichst erwartet. MELE hat diesen Song zuvor schon ein paar Mal in Livestreams zum Besten gegeben und damit böse Ohrwürmer ausgelöst. Eventuell habe ich diese Streams deshalb auch abgespeichert, um sie morgens in der Bahn in semiguter Qualität hören zu können. Hatte ein bisschen den Charme von YouTube-Konvertern, mit denen ich mir 2005 meine Lieblingssongs auf den MP3-Player gezogen habe.
„Rosalie“ beginnt mit einer knackigen Gitarre und MELE’s Stimme, die von Anfang einen bittersüßen Touch hat. Während des Gesangs hört man wunderbar die unterschiedlichen Gefühle raus. Sie klingt lieblich, wenn sie darüber singt, wie verliebt sie ist und super angriffslustig, wenn es um Rosalie geht. Im Refrain wird’s dann rockig, die Gitarre mündet in Power-Akkorde, die von pfeffrigen Drums angefeuert werden. Wer diese Melodie nicht feiert, dem kann ich auch nicht helfen. Die Strophen sind etwas beruhigter, ab der Hälfte des Songs spürt man aber, dass es eeecht ernst ist. Das heftige Gitarrensolo kurz vor Schluss tut da sein Übriges. Geil, geil, geil.
Zwischen uns fliegen die Funken Aber es funkt was dazwischen… Rosalie, ich bin in deinen Sohn verliebt Wenn er auf seinem Mofa flieht, vor der Polizei
Inspiriert ist der Song von MELE’s erster Jugendliebe und offensichtlich auch von dessen Mutter. Hollywood, RTL2 und ihr kennt das vielleicht: Die Mutter des/der Angebetenen ist einfach ein verdammtes Monster, das nicht checkt, wie krass ihr zusammengehört. Im schlimmsten Fall denkt sie sogar, dass du schlechter Einfluss für ihren Abkömmling bist – äh excuse me? So oder so ähnlich lässt sich Rosalie beschreiben, einfach ein Schwiegermonster (hey, das Jahr 2000 hat angerufen, es möchte sein Wort zurück). Deren Meinung interessiert MELE, rebellisch wie sie ist, aber herzlich wenig.
Genau mit dieser Uns-doch-egal-Attitüde zeigt sich auch das Musikvideo. Als ich mir das zum ersten Mal angeguckt habe, wäre ich fast aus dem Bett gefallen. Das Video ist ein verdammt geiler Kurzfilm, in dem sooo gut gespielt wird, dass ich mich kurz frage, ob es sich lohnt, noch schnell Popcorn zu machen. Achtet mal auf ihren durchbohrenden Blick – der ist so strong, dass ich mich echt kurz ertappt fühle. Viel besser hätte man das nicht in eine Bildsprache packen können, echt nicht. MELE und ihr von Jan van Putten verkörperter Partner in crime stolpern von leidenschaftlicher Liebe hinein in einen Überfall und wieder zurück. Und sind dabei immer auf der Flucht vor Rosalie, die die beiden erfolglos versucht aufzuhalten. Sorry Muddi, aber nicht mit uns, pow pow. Ich liebe wirklich alles an diesem Video, auch das Ende ist einfach nur der Shit!
Ich wünsche euch viel Spaß mit dem Video. Und dir, liebe MELE, wünsche ich einen tollen video release evening, weil ich weiß, wie sehr dir das am Herzen liegt. <3
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