Autor: Anna

  • Mulay im Interview: »Musik ermöglicht es mir, schmerzhafte Erfahrungen in etwas Schönes zu verwandeln«

    Mulay im Interview: »Musik ermöglicht es mir, schmerzhafte Erfahrungen in etwas Schönes zu verwandeln«

    Es gibt wenig Künstler*innen, die uns so begeistern wie Mulay. Zu ihrer damaligen Debüt-EP schon bei uns im Interview hat die Alternative-R&B Musikerin aus Berlin nun ihr langerwartetes Debüt-Album LAVENDER veröffentlicht. Ein intimes Heartbreak-Album, was so viel mehr behandelt als nur schmerzhaften Liebeskummer. Es geht um toxische Liebe, Enttäuschung und die Kraft wieder zu selbst zu finden. Aus Verletzung schöpft Mulay Stärke und Empowerment, und verpackt all das in ein Gesamtkunstwerk, das uns tief berührt. Über all das und viel mehr haben wir mit ihr gesprochen.

    Mulay im Interview

    Anna: Hey Mulay, das letzte Mal haben wir uns 2021 zu deiner Debüt-EP ANTRACYTE gehört. Seitdem ist sehr viel passiert. Wie hast du die die letzten Jahre wahrgenommen?

    Mulay: Wow, das ist eine umfangreiche Frage. Die Zeit ist einerseits unglaublich schnell vergangen, andererseits ist auch unglaublich viel passiert. Wenn ich an meine Debut-EP und den Entstehungsprozess denke, wird mir bewusst, wie sehr ich als Mensch und Künstlerin seitdem gewachsen bin. Ich habe viele Erfahrungen dazu gewonnen und gelernt, meinen Instinkten, Visionen und Skills noch mehr zu vertrauen. Mit meiner ersten Vinyl “Antracyte/Ivory“ habe ich mir einen Traum erfüllt. Und auch andere Meilensteine erreicht, wie meine erste eigene Tour zu spielen. Ich bin unglaublich dankbar für alles, was ich in den letzten Jahren umsetzen konnte. Für all die inspirierenden Menschen, die mir begegnet und zu Freunden geworden sind. Obwohl ich langsam spüre, dass ich seither keine wirkliche Pause eingelegt habe und nach dem Album erstmal neue Kräfte tanken muss, fühlt es sich dennoch wie ein Anfang an: Mein erstes Album, auf das hoffentlich viele weitere folgen.

    Anna: In dieser Zeit hast du auch dein Debütalbum LAVENDER geschrieben. Wie hast du bemerkt, dass die Zeit reif für ein Album war?

    Mulay: Für mich war von Anfang klar, dass ich sobald wie möglich ein Album machen wollte. Ich bin selbst ein großer Fan von und habe großen Respekt vor dem Album als Kunstform. Ich höre lieber Alben von Anfang bis Ende durch, als Playlists.

    Besonders liebe ich dabei in die Welt und den Kopf eines Künstlers eintauchen zu dürfen. Auf emotionaler und kreativer Ebene sich selbst zu entdecken und inspiriert und berührt zu werden. Man kann nur soviel von sich in einen Song stecken. Ein ganzes Album bietet da etwas mehr Raum, verschiedene Seiten und Perspektiven zu beleuchten und in mehr Dimensionen zu reflektieren.

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    „Nichts und niemand kann meine Kreativität aufhalten.“

    Anna: Ein Album schreiben ist ja nochmal was ganz anderes. An welchen Dingen bist du während dieser Zeit gewachsen? Was hat dir besonders Spaß gemacht?

    Mulay: Es ist wirklich ein unglaublich intensiver Prozess, auf so vielen Ebenen… Ich denke, das Schreiben der Songs hat mir auf der einen Seite erlaubt, mich von sehr viel Schmerz und Wut zu befreien. Es war eine Form der Katharsis, die mir geholfen hat, all diese Emotionen raus- und loszulassen. Auf der anderen Seite habe ich in Jule Minck und Elie Zylberman zwei neue, unglaublich talentierte kreative Partner gefunden und sehr viel Spaß und Inspiration aus der Zusammenarbeit mit ihnen geschöpft.

    Ich glaube, eine der größten Herausforderungen dieses Projekts war, dass ich unglaublich viele Aufgaben gleichzeitig übernehmen musste, um meine Vision trotz fehlenden Fundings irgendwie umzusetzen. Dadurch war ich praktisch gezwungen, auf vielen Ebenen über mich hinauszuwachsen und mehrmals über meine eigenen Grenzen zu gehen. Dem mentalen Druck – den man sich einerseits aus Leidenschaft und Perfektionismus selbst macht, andererseits aber auch durch den Zeitdruck, Deadlines einzuhalten – standzuhalten, war eine echte Übung in Resilienz. Daran bin ich definitiv gewachsen. Es hat mich erneut darin bestärkt, dass nichts unmöglich ist und nichts und niemand mich und meine Kreativität aufhalten kann.

    „Step by step by step…“

    Anna: LAVENDER ist sehr persönlich, voller intimer Einblicke in einen sehr schmerzvollen Heartbreak, aber auch in eine sehr toxische Beziehung. Was waren die Phasen, durch die du während und nach der Trennung gegangen bist?

    Mulay: Da es bei der Erfahrung, die LAVENDER verarbeitet, nicht nur um einen Heartbreak, sondern auch um eine für mich traumatische Erfahrung geht – was oft zusammenwirkt, jedoch sehr unterschiedliche Gefühle und Gedanken auslöst –, musste ich beide getrennt für sich verarbeiten. Auf der einen Seite war da der Schmerz und die Sehnsucht nach einem Menschen, den ich vermisste und die Erinnerung an eine gemeinsame Zeit, die ich betrauerte. Auf der anderen Seite standen das Unverständnis über das Verhalten dieser Person mir gegenüber, das Unverständnis mir selbst gegenüber, wie ich mich so täuschen lassen konnte, und schließlich die Wut über beides und die gesamte Situation.

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    Wenn ich den Verarbeitungsprozess in Phasen beschreiben müsste, würde ich sagen, erst kam die Depression, das Tief-in-sich-Blicken, dann die Erkenntnis, den Fokus für eine Weile auf mich selbst, mein Innenleben und meine Bedürfnisse zu legen. Dann kam die Verarbeitung durch das Schreiben und die Musik, die Ablenkung durch kreative Arbeit. Und dann das nach und nach Loslassen: weniger an die Person denken, weniger Sehnsucht, mehr Wut. Mich selbst wieder stärker spüren und neu sortieren, was ich möchte und was nicht, was ich brauche und was nicht. Schließlich ging es darum, Teile von mir loszulassen, die mir nicht mehr guttaten und durch Therapie und das Album eine Art Katharsis zu erreichen. Step by step by step…

    „It’s my superpower.“

    Anna: Du hast vielem Luft gelassen, was sich angestaut hat. Was hat dir geholfen, die toxische Beziehung zu verlassen?

    Mulay: In meinem Fall ging das alles zum Glück sehr schnel. Im Sinne von “lieber ein Ende mit Schrecken, als ein Schrecken ohne Ende”. Erst war alles zu gut um war zu sein und sehr schnell unglaublich intensiv und dann ist das Kartenhaus zusammen gefallen. Ich wurde mit Fakten konfrontiert, die mir das wahre Gesicht der Person gezeigt und damit keine andere Wahl gelassen haben. Es war so als wäre ein Schleier gefallen und plötzlich erblickt man alles in einem anderen Licht. Die Realität der letzten Monate stellt sich als Inszenierung heraus und der Traum wir zum Albtraum.

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    „Dated keine Künstler.“

    Anna: Wie hast du dich selbst auf dieser Reise wiedergefunden?

    Mulay: Ich glaube, das Schwierigste ist, dass man Vertrauen in seine eigene Wahrnehmung und Instinkte verliert. Man hat jemanden so nah an sich rangelassen und vertraut und dieses Vertrauen wurde missbraucht. Zum Glück habe ich sehr gute Freunde, auf die ich mich verlassen kann, die für mich da waren, mich unterstützt haben. Und zum Glück habe ich die Musik und das Schreiben, das mir einen direkten Draht zu meinem Unterbewusstsein gewährt und stets dabei hilft in mich selbst einzuchecken. Mich künstlerisch auszudrücken hilft mir dabei mich daran zu erinnern, wer ich bin und meine innere Stärke zu spüren. It’s my superpower.

    Anna: Was sind Sachen, die du aus diesem gesamten Prozess gelernt hast? Für dich persönlich, aber auch für andere.

    Mulay: Dated keine Künstler. Haha.

    Ich habe über mich selbst gelernt, dass meine Empathie zwar eine Stärke ist, ich aber auch lernen muss, mich selbst zu schützen, damit diese nicht ausgenutzt wird. Außerdem habe ich erkannt, wie wichtig es ist, mich selbst zu nähren und mir das zu geben, was ich sonst in anderen suche.
    In vielen Gesprächen über diese Erfahrung habe ich festgestellt, wie viele Menschen ähnliche Erlebnisse teilen und wie verbreitet toxische Dynamiken sowie emotionaler und sogar physischer Missbrauch sind. Das hat mir wirklich die Augen geöffnet. Wichtig ist dabei, sich bewusst zu machen, dass man keine Schuld trägt, wenn einem Unrecht widerfährt. Und dass man dem Impuls widerstehen sollte, sich selbst dafür verantwortlich zu machen. Eine weitere wichtige Erkenntnis war, dass Opfer von Manipulation zu werden nichts mit Schwäche oder Naivität zu tun hat – es kann wirklich jedem passieren. Deshalb ist es umso wichtiger, dass wir uns austauschen und offen über unsere Gefühle und Erfahrungen sprechen. Ohne Scham, sondern mit Stolz und neu gewonnener innerer Stärke.

    „Musik ermöglicht es mir, schmerzhafte Erfahrungen in etwas Schönes zu verwandeln.“

    Anna: Du empfindest Verletzlichkeit als Stärke – warum?

    Mulay: Ich hab das Gefühl durch das Schreiben und Performen meiner Songs, Verletzlichkeit zulassen und in Stärke umwandeln zu können. Oft kann ich meine tiefsten Gedanken und Gefühle ehrlicher auf Papier bringen, als sie auszusprechen. Die Musik hilft mir, all das nach außen zu tragen und auszudrücken, was mir sonst schwerfällt, mit meiner Außenwelt zu teilen – paradoxerweise, weil ich mich damit zu verletzlich fühlen würde. Die Musik ermöglicht es mir, diese Gefühle zu transformieren, die schmerzhaftesten Erfahrungen oder düstersten Gedanken in etwas Schönes zu verwandeln, etwas Kraftvolles, das im besten Fall sogar andere berührt und bestärkt. Was vorher mit Scham bedeckt war und tief vergraben werden sollte, wird nun zum leuchtenden Schmuck. Sichtbar für alle und entwaffnend für jeden, der dachte, darin Munition zu finden. ‚Turning tears into diamonds‘ eben.

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    Anna: Deine Musik drückst du auch weiterhin sehr visuell aus – Videokonzepte und Styling spielen eine große Rolle beim Release deiner bisherigen Singles und das merkt man. Was macht dir am meisten Spaß beim Drehen und Entwickeln eines Musikvideos?

    Mulay: Am meisten Spaß macht wahrscheinlich der Dreh selbst, denn das ist der Moment, in dem die Vision, die man so lange im Kopf entwickelt und gesponnen hat, endlich in die Realität umgesetzt wird. Zum ersten Mal fügen sich dann alle Bausteine und Details, die man geplant und vorbereitet hat, zusammen.

    Ein großer Teil des Spaßes liegt natürlich auch in der Zusammenarbeit mit anderen. Ob es um das Styling, die Produktion, das Casting oder den Dreh selbst geht – ich bin immer unglaublich dankbar, so vielen talentierten und inspirierenden Menschen zu begegnen, die mich unterstützen. Für dieses Projekt habe ich einige Aufrufe auf Social Media gemacht, z. B. für das Casting oder für Behind-the-Scenes-Fotografie, und ich war überwältigt von den Reaktionen. So viele Menschen wollten Teil des Projekts sein, was für mich eine unglaublich schöne und bestärkende Erfahrung war. Gerade als jemand, der sehr viel alleine macht, hat es mir noch einmal vor Augen geführt, was für eine tolle Community ich hinter mir habe, die jeden Dreh zu etwas besonderem gemacht haben.

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    „I hope you love it as much as I do.“

    Anna: LAVENDER ist bald draußen und nicht mehr nur deins. Freust du dich aufs Loslassen des Albums? Was kommt jetzt?

    Mulay: Es ist ein ganz komisches Gefühl… Einerseits kann ich nicht darauf warten endlich loszulassen und die Vinyl in meinen Händen zu halten. Andererseits geht damit auch ein unglaublich langer Prozess zu Ende und ein unglaublich großes Projekt findet seinen Abschluss. Es ist auf jeden Fall befreiend und ich bin sehr dankbar für die Erfahrung, für alles, was ich daraus mitnehmen durfte und stolz das Ergebnis endlich mit der Welt zu teilen. Der Gedanke, dass es bald zum ersten Mal von Menschen gehört wird ist verrückt! I hope you love it as much as I do.

    Danach werde ich versuchen mal ein bisschen Urlaub zu machen, da die letzten Jahre dafür entsprechend keine Zeit war und 2024 dann LAVENDER auf die Bühne bringen und touren. Allgemein wieder mehr Live spielen, natürlich neue Musik machen, neue Projekte realisieren, sich vllt mal wieder verlieben und weiter wachsen. Als Mensch und als Künstlerin.

    Anna: Die letzte Frage bezieht sich bei uns immer auf eine untold story, etwas, das du in noch keinem Interview erzählt hast. Hier ist dein space, alles loszuwerden, was du möchtest.

    Mulay: ‚You called it end game and I believed you, I blame myself because I didn’t mean to, it’s so unlike me, like to keep things lightly, thought I brushed it off, but I still pictured you beside me.‘ – Diese Phrase hatte ich in meinem Handy, als ich in Paris mit Elie und Jules an Songs arbeitete. Ich wollte daraus einen Song namens End Game machen, der sehr dunkel und beatlastig sein sollte.

    Eines Tages, als wir im Studio waren, schien die Sonne, und wir entschieden, eine Pause einzulegen und in den Park zu gehen. Wir nahmen die Akustikgitarre mit, legten uns ins Gras, schauten den Wolken zu und improvisierten. Plötzlich nahm die Musik eine folky Richtung und alles passte – die vorbeiziehenden Wolken, die warmen Akkorde. Zurück im Studio versuchten wir, diesen Moment nachzustellen – erst kläglich, dann ein wenig erfolgreicher.

    Es war bereits Nacht, als die Gitarrenaufnahme lief. Ich schrieb und schrieb, und es floss einfach nur aus mir heraus. Ich machte eine schnelle Aufnahme mit dem Handy, um die Idee festzuhalten, bevor wir Schluss machten. Als ich sie im Flugzeug nach Hause wieder anhörte, war ich schockiert, wie schön sie war. Direkt nach meiner Ankunft in Berlin setzte ich mich an den Computer und nahm Demo-Vocals auf. Als ich die Vocals editiert hatte und den Song hörte, weinte ich – jedes Mal. Solche Momente passieren mir selten. Ich entschied, die Vocals nicht noch einmal aufzunehmen. Der Song war genau so, wie er sein sollte. Eine Spiegelung meines Innersten, eine Umarmung an mich selbst und hoffentlich jeden der in hörte.

    Fotocredit: Lotte Thor, Tilo Wandelt

  • Friedberg im Interview: »Hauptsache kein Stillstand«

    Friedberg im Interview: »Hauptsache kein Stillstand«

    2020 hatten wir die vierköpfige Girlband Friedberg bereits im Interview. Zu ihrer damaligen Debüt-EP hat uns Frontsängerin Anna viel um den Hype, den Struggle mit Covid und alles rund um Cowbells erzählt. Vier Jahre später und Friedberg sind in einen wirbelnden und hypnotischen Dance-Punk-Indie-Gitarren-Pop gewachsen, mit dem sie live alle Bühnen abreißen, auf die sie dürfen. Ihr Debüt-Album Hardcore Workout Queen ist seit ein paar Tagen draußen und wir haben dies als Chance genutzt, um nochmal über diesen einzigartigen Sound zu sprechen, den Friedberg so ausmacht.

    Friedberg im Interview

    Anna: Hey Anna, das letzte Mal haben wir uns 2021 zu eurer Debüt-EP Yeah, Yeah, Yeah, Yeah, Yeah, Yeah, Yeah, Yeah gehört. Diese acht Yeahs haben meinen Corona-Lockdown damals sehr aufgeheitert. Würdest du immer noch denselben EP-Titel wählen?

    Friedberg: Gute Frage. Vielleicht würd ich’s jetzt auch einfach Lizzy nennen, den Song mag ich immer noch sehr 🙂 Oder auch Your Hollywood. Freut mich jedenfalls voll, dass dich die EP damals aufgeheitert
    hat!!

    Anna: Von eurem spontanen ersten Gig in einem kleinen Pub in London zur Support bei Placebo – eure Bühnen sind größer geworden. Wie habt ihr die Entwicklung eurer Band in den letzten Jahren wahrgenommen? Hast du ein Highlight, von dem du immer noch nicht ganz glauben kannst, dass es passiert ist?

    Friedberg: Ich denke, die Tour mit Hot Chip in den USA war ein absolutes Highlight. Dass ich geschafft habe, diese Tour fast komplett alleine auf die Beine zu stellen und die Finanzierung klarzumachen, erscheint mir jetzt noch fast als Wunder. Und dann war es echt die most fun tour ever. Wir waren eine big Family, Hot Chip war die beste Band zu touren, weil die einfach alles mit uns geteilt haben, mit uns gefeiert haben, uns den Kühlschrank mit Wein vollgemacht haben etc. Und dass sie uns nach der Tour auch noch eingeladen haben, für sie in der Brixton Academy in London zu eröffnen und Alexis (Sänger von Hot Chip) einen Song mit uns performed hat in unserem Set, war wahrscheinlich eins der absoluten Highlights bisher.

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    „Girlbands sind 10/10, obviously“

    Anna: Ihr wart zuletzt auch mit Giant Rooks auf US-Tour. Als absolute Fred Fangirl muss ich wissen: wie war das?

    Friedberg: Das war auch mega. Ich liebe die USA zu touren. Man hat zwar so krasse Strecken jeden Tag zu fahren und man sieht so arge Landschaften, aber auch Menschen, dass man sich wie auf einem anderen Planeten fühlt. Man hat jeden Tag stundenlang Zeit über Dinge nachzudenken, einen Kaffee to go für 8 Dollar zu kaufen und vielleicht sogar noch ein Cowboy Café am Weg zu besuchen haha. Die Leute bei den Shows waren so krass enthusiastisch, dass wir jetzt echt sowas wie Hardcore Fans dort haben, die sich sogar unsere Cowbell tätowieren haben lassen 🙂

    Anna: Von 1 bis 10, wie geil ist aber eine Girlband?

    Friedberg: 10 out of 10, obvs.

    Anna: Euer Debütalbum heißt Hardcore Workout Queen. Würdest du euch als Harcore Workout Queens bezeichnen?

    Friedberg: Manchmal ja, manchmal nein. In dem Song geht es eher darum, dass man gerade nix hinkriegt und man jede Möglichkeit ergreift faul zu sein und z.b. Chat GPT statt einem selbst ins Museum zu schicken „Gotta love you Chat GPT, can you live out this weekend for me, Hit the Saatchi, paintings bore me“.

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    Free Coffee und ein Notizbuch

    Anna: Wie war der Schreibprozess für die einzelnen Songs auf dem Album? Ich kann mir vorstellen, dass jeder seine eigene Geschichte hat.

    Friedberg: Ja, es sind viele ganz verschiedene Geschichten und Beobachtungen der letzten Jahre. Viele sind auf Reisen entstanden oder manche Texte nehmen den Ursprung im Cafée meines Nachbarn. Mein Nachbar ist ein genialer Maler, der jeden Tag sein Fenster zum Hof öffnet und Free Coffee für jeden ausschenkt. Da treffen wir uns dann alle kurz, haben oft echt richtig interessante Gespräche, die dann wiederum in meinem Notizbuch landen.

    Anna: Was für einen Einfluss hat für dich der Ort, an dem du beim Schreiben bist?

    Friedberg: In Bewegung sein, neue Orte sehen finde ich einfach inspirierend. Weirde Orte, schöne Landschaften, Züge, alles mögliche. Hauptsache kein Stillstand.

    Anna: Hardcore Workout Queen ist ein Album ohne Ort, es ist der Soundtrack für den perfekten Roadtrip. Was macht für dich die Romantik eines Roadtrips aus?

    Friedberg: Mit offenem Fenster beim Sonnenaufgang oder -untergang dahinzucruisen, Landschaften beobachten und natürlich super Musik hören. Und spontan irgendwo ein Motel buchen und da übernachten.

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    Anna: Neben diesem Album, welche Musik hörst du auf einem Roadtrip?

    Friedberg: Ich finde J.J. Cale eignet sich so genial für Roadtrips.

    „Ich fürchte mich vor Luftballons.“

    Anna: Der Sound auf eurem Debütalbum hat sich weiterentwickelt und ist gewachsen, ohne jedoch euren unverkennbaren Friedberg-Schlif zu verlieren. Du bist auch deiner Kuhglocke treu geblieben! Vielleicht lieb ich So Dope deshalb so doll. Hast du einen Lieblingssong auf dem Album?

    Friedberg: Haha, das freut mich, dass du den Song wegen der Cowbells so gern magst. Dann hab ich ja mein Ziel erreicht 🙂 Mein derzeitiger Favourite ist 100 Times.

    Anna: Mit eurem Debütalbum geht ihr im Dezember endlich auf Headline-Tour in Deutschland! Worauf freut ihr euch am meisten? Gibt es Songs, die ihr unbedingt live spielen wollt?

    Friedberg: Ich freu mich 100 Times endlich mal live zu spielen. Ich freu mich auch auf unser Eisbär Cover. Aber am meisten freu ich mich, dass wir unsere eigenen Shows haben und daher endlich ein längeres Set spielen können und uns ne Dramaturgie überlegen können.

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    Anna: Die letzte Frage bezieht sich bei uns immer auf eine untold story, etwas, was du in keinem bisherigen Interview erzählt hast. Hier ist dein safe space, um alle (oder ein paar) Geheimnisse zu teilen.

    Friedberg: Ich fürchte mich vor Luftballons.

    Fotocredit: Lewis Vorn

  • Leyya im Interview: »Ein Schreibprozess ist für mich wie Therapie.«

    Leyya im Interview: »Ein Schreibprozess ist für mich wie Therapie.«

    Dass der richtig gute Indie aus Österreich kommt, ist kein großes Geheimnis mehr. Vor allem die Newcomer-Bubble ist voller spannender Acts, und inkludieren eben auch Leyya. Nur dass sie schon sehr viel länger mitmischen! Ihre Indie-Pop Melodien sitzen uns seit Superego (2016) tief im Ohr. Die letzten Jahren wurde es ein wenig ruhiger um Sophie Lindinger und Marco Kleebauer, die nebenbei auch bei Projekten wie My Ugly Clementine oder Sharktank mitwirken. Jetzt haben sie sich für ihr neues Album „Half Asleep“ wieder zusammengefunden, und zeigen, wie heilsam es ist, wieder bei sich selbst anzukommen. Wir haben sie ein paar Dinge dazu gefragt.

    Leyya im Interview

    Anna: Ihr macht als Duo schon lange zusammen Musik und veröffentlicht mit „Half Asleep“ nun eurer drittes Studioalbum. Daneben seid ihr sowohl solo als auch bei verschiedenen großen österreichischen Projekten wie My Ugly Clementine oder Sharktank mit – ihr habt aber immer wieder in Leyya zurückzueinander gefunden. Was macht dieses Projekt so besonders?

    Leyya: Wir haben begonnen mit 11/12 Jahren gemeinsam Musik zu machen, wir sind zusammen persönlich und musikalisch miteinander aufgewachsen. Was sich seitdem entwickelt hat über diese Jahre, ist die unausgesprochene musikalische Konversation, die wir während des Schreib- und Produktionsprozesses miteinander führen. Wir vertrauen uns blind und gehen kompromisslos in die gleiche Richtung. Das war bei unserem ersten Album nach 10 Jahren gemeinsam Musik machen schon so und hat sich über die letzten Jahre bis hin zu Half Asleep verstärkt. Mittlerweile geht alles fast wortlos.

    Jedes mal wenn wir zu diesem Projekt zurückkehren (auf welche Art und Weise das auch sein mag) fühlt es sich an wie heimkommen. Eine vertraute, sichere Umgebung in der man sich von Äußerem loslösen kann.

    Anna: Ich hab euch erst in der Pandemie entdeckt und die EP Longest Day Of My Life auf Dauerschleife gehört. Was bedeutet diese EP für euch?

    Leyya: Es freut uns, dass unsere EP dich in dieser Zeit begleiten durfte! Ich denke, dass die Songs der EP genauso eine ausweglose Unveränderbarkeit beschreiben. Zumindest habe ich mich beim Texten so gefühlt und ich konnte damit festsitzender Anxiety und Depression einen Namen geben. Musikalisch haben wir uns da auch einfach reinfallen lassen können, weil es so stark in der Luft lag, obwohl die Pandemie selbst bei manchen Songs noch gar nicht begonnen hatte. Ich denke, die EP bzw. die Thematiken habe uns auch die Augen geöffnet, dass wir einen Schritt langsamer machen müssen, um unsere mentale Gesundheit mehr in den Vordergrund zu rücken und zu lernen, diese auch in Zukunft zu schützen.

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    „Wir haben jeden Tag eine Songidee gemacht“

    Anna: Was waren die Platten oder Künstler*innen, die eure Monate der Pandemie geprägt haben? Hatten einige davon auch einen musikalischen Einfluss auf euer kommendes Album?

    Leyya: Für mich war das „WIIMP3“ von Haim. Es ist sehr selten, dass ich ein Album finde, dass ich von vorne bis hinten durchhören will – ein sogenanntes „No Skip“ Album weil man bei keinem Song weiterschalten möchte.

    Ich kann jetzt nicht sagen, dass dieses Album per se den Sound unseres neuen Albums geprägt hat. Sowas hängt von ganz vielen Faktoren ab und wir setzen uns ja auch nicht hin und entscheiden, dass wir jetzt einen Song machen wollen, der so und so klingt. Aber jede Musik, die man intensiv hört, prägt sich ein und inspiriert. Aber da fällt viel so viel mehr rein als nur ein Album, das man gerne gehört hat.

    Anna: Auf Longest Day Of My Life wird Half Asleep folgen, welches ihr innerhalb einer Woche fast komplett produziert habt. Wie sah diese Woche aus?

    Leyya: Innerhalb einer Woche ist auf jeden Fall übertrieben. Wir haben sehr viele ausschlaggebende Ideen und Songskizzen gesammelt und teilweise Songs fertiggestellt, aber ein Album beinhaltet mehr Arbeit als nur eine Woche. Ich denke diese Woche hat auf jeden Fall den Weg zum Album gelegt. Anfangs wollten wir einfach nur mal schauen, was passiert und hatten nicht mal an eine Veröffentlichung gedacht. Wir haben in dieser Woche jeden Tag eine Songidee gemacht, die es alle auf das Album geschafft haben. Es gab im generellen Prozess keinen einzigen Song, den wir dann nicht da drauf gepackt haben, weil wir so happy mit jedem Song waren, der entstanden ist.  Es war ein sehr unbeschwerter und druckloser Prozess und vor allem auch ein unglaublich kreativer Austausch und das hat sehr viel Spaß gemacht.

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    Anna: Bei all den vielschichtigen Songs stechen vor allem die unterschiedlichsten Instrumente und Sounds, die ihr nutzt, hervor. Welcher Sound ist besonders an euch hängen geblieben, vielleicht auch durch die Geschichte, wie er entstanden ist?

    Leyya: Die Hookline in Pumped Up High ist eine uralte Saxophon Aufnahme von uns, eine übriggebliebene von der Produktion zu Sauna, unserem zweiten Album, das 2018 erschien. Marco hat die auf einer alten Festplatte gefunden. So etwas ist immer spannend in aktuelle Produktionen zu implementieren. Eine schöne Verbindung von damals zu heute und daher auch sehr passend zur Thematik von Half Asleep.

    „Den Themen ein Gesicht zu geben, hilft.“

    Anna: Eure Songs sind wie immer vor allem lyrisch sehr stark. Half Asleep fühlt sich an wie eine Ansammlung von Themen, die einen Nacht für Nacht wachhalten und den Schlaf klauen. Was waren die Hauptthemen, die euch beschäftigt haben?

    Leyya: Vergangenes in der Gegenwart, unheilbare Schmerzen, Akzeptant und Resignation, Soziale Strukturen und Regeln, Einsamkeit und aber gleichzeitige Überforderung im sozialen Umfeld, Weltschmerz, …

    Anna: Habt ihr durch den Albumprozess ein paar Themen davon für euch lösen können?

    Leyya: Ein Schreibprozess, vor allem im lyrischen Kontext, ist für mich wie Therapie. Eine Betrachtung jener Themen, die in meinem Unterbewussten sitzen und Schmerz bereiten. Die Themen und Geschichten hervorzuholen, ihnen ein Gesicht zu geben, und sie vielleicht sortieren zu können, hilft. Aber Lösungen gibt es dadurch nicht, nur vielleicht eine gewisse Ordnung bzw. Übersicht, um mit ihnen besser umgehen zu können.  

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    „Alle Sounds sind komplett handgemacht.“

    Anna: Ihr werdet nach langer Zeit auch wieder live auftreten. Wie hat sich eure Beziehung zum Live-Spielen in den letzten Jahren entwickelt?

    Leyya: Wir haben 2021 verkündet eine Live Pause zu machen und erst dann wieder zu spielen wenn wir tatsächlich Lust darauf haben. Die 8 Jahre davor haben wir wirklich alles bespielt, was wir konnten. Das war teilweise sehr aufwendig und mühsam. Wir sind zwar sehr viel herumgekommen, was auch wirklich bereichernd war, aber man ist ab irgendeinem Zeitpunkt so ausgelaugt, dass die Essenz verloren geht. Daher haben wir beschlossen, das so lange ruhen zu lassen bis die Essenz wieder kommt. Mit diesem Album haben wir bemerkt, dass wir sehr große Lust haben, das auf die Bühne zu bringen und uns entschieden eine kleine Tour zu spielen. Wir werden auch so immer wieder mal auftreten, aber der Kontext muss passen. Unsere Musik passt einfach nicht auf manche Veranstaltungen und darum wollen wir damit bewusst umgehen.

    Anna: Auf welchen Song freut ihr euch am meisten, live zu spielen?

    Leyya: Ich liebe live alle Songs besonders, wo mehrere Stimmen zusammenkommen. Oder, wo die Energie und Stimmung sich innerhalb des Songs verändert. Aber mehr kann ich dazu nicht sagen, das ist als würde man fragen welches seiner Kinder man am liebsten hat. Alle!

    Anna: Die letzte Frage bezieht sich bei uns immer auf eine untold story, etwas, was ihr in keinem bisherigen Interview erzählt habt. Hier könnt ihr loswerden, was ihr noch nicht loswerden konntet.

    Leyya: Alle Sounds, die wir auf Half Asleep verwendet haben (das war auch bei den anderen Alben bisher so) sind komplett handgemacht und aufgenommen. Da gibt’s keine Soundsamples von Splice oder sonst wo. Das einzige sind so Dinge wie das Läuten eines Telefons oder ein zwei Aussagen aus einem Gespräch einer externen Person, die bei zwei Songs eine andere Ebene rein bringen.

    Fotocredit: Leyya

  • Alfie Templeman im Interview: »I’d rather have a mind that thinks fairly deeply and face the wobbles that comes with it«

    Alfie Templeman im Interview: »I’d rather have a mind that thinks fairly deeply and face the wobbles that comes with it«

    Alfie Templeman ist eigentlich kein richtiger Geheimtipp mehr. Mit seinem mittlerweile zweiten Album Radiosoul hat sich der Multi-Instrumentalist nicht nur Musik-Legenden wie Nile Rodgers ins Boot geholt, sondern begeistert auch immer mehr Fans weltweit. Und das ist auch kein Wunder, bei so viel musikalischem Talent in so jungen Jahren, macht es wirklich nur Spaß ihn auf seiner Karriere zu begleiten. Zu seiner damaligen EP „Happiness In Liquid Form“ (2020) hatten wir ihn schon im Interview und freuen uns deshalb sehr, zu seinem neuem Album nochmal mit ihm zu sprechen!

    Alfie Templeman im Interview

    Anna: Hey Alfie, I hope you’re doing good! It’s been a while since we last talked, a lot has happened. How did you experience the last four years? 

    Alfie: Hi! I’m doing good thank you. These last 4 years have been a ride for sure. Every year has been very different from the last. 2020 saw an influx of streams and new listeners due to the pandemic, so 2021 and 2022 was all about touring the music people got to love whilst they were isolating. I released my first album in 2022 and did my first ever world tour which was good fun but very intense. 2023 ended up being a lot more relaxed and I ended up moving out of my parents place and going to London. I wrote my new album during that process. 

    Anna: It’s still as fun as it was back then to watch your musical career unfold in so creative and beautiful ways. What were the highlights of your career so far that you will never forget? 

    Alfie: That’s a really sweet thing to say! My dream as a kid was to release records and build a good discography that feels aesthetically pleasing. So taking action on that and maintaining it honestly feels like one of the main highlights of my career. But there’s also touring the world and meeting people that enjoy your music all over the place. And working with Todd Rundgren and Nile Rodgers is of course another highlight!

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    „Don’t rush art!“

    Anna: What is something you learned during these years?

    Alfie: Don’t rush art! But also don’t slouch around. Focus and energy is key. I’m still finding the perfect environment to create music. It’s yin and yang. Being comfortable but taking risks. Remember to excite yourself!

    Anna: Your new songs on Radiosoul are about entering the new decade of your life: the 20’s. As someone who has been there, I can tell you: it’s gonna be lot. How do you feel about the 20’s? What are you most excited for? 

    Alfie: Yeah I’m already overwhelmed to be honest! I’ve put pressure on myself to work hard during this decade of my life as I know musicians tend to create some of their best work in their 20s. I think Radiosoul is a really nice way of entering this period. It’s a bridge that my adolescence took a walk over to get to the present. 

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    Anna: Are you someone who thinks about the meaning of life a lot? 

    Alfie: Too much. I think sometimes it’s okay to be existential and tap into your mind a bit. But I definitely go down that route a little too much and sometimes it affects my work flow and day to day attitude – especially recently for some reason. But I think I’ll channel it into something good later on down the line. I’d rather have a mind that thinks fairly deeply and face the wobbles that come with it. 

    „My songs are like a diary entry.“

    Anna: When we’re already in a deep-talk, what kind of role does music play in your approach to finding your own path in the world and expressing yourself in it? 

    Alfie: Sometimes my songs are like a diary entry. I don’t really mean to do it but I end up oversharing things and processing my emotions through writing songs. I like this because in the bigger picture it paints a nice image of the different stages of my life and all the highs and lows of being a recording artist. 

    Anna: It feels like a random thing to say, but I really love your lyrics and your way with words. How do you approach writing songs? 

    Alfie: Thank you! Sometimes songs just fall out of the sky. The track “Beckham” wrote itself in a weird way. I just wrote a bunch of lyrics down without really knowing how I was going to sing them. But normally I just think of a really good melody and then write things that fit into it. I often write down little words and phrases that I think of in the shower or on a plane.  

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    A jungle of instruments

    Anna: You’ve worked with a lot of talented people on this album. What is something that you most enjoy when working with other people on somethings that’s as personal as your music? 

    Alfie: Well, for a lot of my songs I’ve sat in the hot seat when it comes to producing. When I started writing this album I had a hard time producing anything I was happy with. So I gathered together a small list of producers that I wanted to work with. This meant that I could focus on writing the best material possible without worrying about restricting myself when it came to executing the song. 

    Anna: Is there a song on the album that kinda stands out for you? In meaning or in the creative process? 

    Alfie: “Beckham.” Dan Carey and I recorded it in two afternoons with a few sandwiches. It just came from nowhere. Dan has an incredible studio, a jungle of instruments. We messed around with lots of different instruments until this song kinda just pieced itself together and I chucked my lyrics on top. It felt so good. 

    „I miss playing in Germany.“

    Anna: You’ll be playing some intimate release shows over the UK in June – do you have plans on coming back to Germany yet? 

    Alfie: I hope so. I’ve just been out to Berlin to hang with some fans of the album and I also mastered my album over there too. I miss playing in Germany. They have the best riders of all time. You get treated amazingly and the people are so lovely and excited to see you play. But yeah, I reckon by the end of this year we’ll be back over there to play some shows!

    Anna: For our last question we always ask for an untold story – it’s your space to share whatever you like.

    Alfie: Germany was the first place I ever played outside of England. My dad and I flew out to Reeperbahn when I was 16 and I did this small set at Molotow with just a guitar. I was so nervous but it was really fun! I remember being so excited because I could buy beer over there as the drinking age is 16. Luckily I didn’t go crazy before the performance! Thanks so much for having me and hopefully it won’t be 4 whole years before we speak again! 🙂

    Radiosoul ist ein Album der Selbstfindung in den 20ern, voll mit catchigem Indie-Pop Hits, tiefen Lyrics und viel Humor. Alfie Templeman auf dem Schirm zu haben, lohnt sich immens. Wer weiß, wo die reflektierte Reise des junges Songwriters und Produzenten noch hingehen wird, aber eins ist sicher: Spaß machen wird sie!

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    Fotocredit: Blacksocks

  • Charlotte Fever im Interview: »Paris Cyclone is our very own make-believe paradise«

    Charlotte Fever im Interview: »Paris Cyclone is our very own make-believe paradise«

    Das französische Pop-Duo Charlotte Fever kommt Ende Juni im Rahmen der Fête de la Musique für ein Konzert nach Berlin. Vorab haben wir sie ausquetscht: über ihr aktuelles Album „Paris Cyclone“, ihre Dynamik als Duo und Sommer in Frankreich mit all seinen Facetten. Wir können jetzt nicht nur die garantierte Gute Laune empfehlen, die man bekommt, wenn man ihr Album hört, sondern sind jetzt auch riesen persönliche Fans der sympatischen Pariser. Wer sommerliche Landschaften und 80s Pop mag, ist hier genau richtig.

    Charlotte Day im Interview

    Anna: You’re a “french band with fresh sounds” as you say in your Insta-Bio. What is it that makes your sound so fresh?

    Charlotte Fever: As much as we love Paris, the city has a slightly anxiety-inducing vibe. So when we begin working on a new song, we rely on our imagination to design ideal sonic and visual landscapes where we feel good in order to start creating. These imaginative spaces become our sanctuary, allowing us to craft our fresh new universe.

    Our creative process often begins with visions of tropical paradises — sipping cocktails by a poolside oasis or strolling along sun-kissed beaches on a torrid day. We are usually infusing our music with elements of sunny percussion, dreamy 80s synths and echoes of good memories. Then we weave together melodies that transport us to these idyllic scenes.

    Anna: How did you find your way to making music? What’s the origin story behind Charlotte Fever?

    Charlotte Fever: We met about ten years ago through mutual friends and hit it off right away. We had our first musical experience together in a psychedelic rock band. But we both wanted to do something fresher, lighter, more spontaneous — just the dynamic duo of us. We realized that together the whole creative process was so much easier. Probably because we feel free to play and sing anything in front of each other. Whether it’s crafting melodies, weaving lyrics or delving into themes, our complicity fuels our creative flow effortlessly.

    „When we’re composing, our minds wander between the streets of Paris and tropical daydreams.“

    Anna: You released your debut album last November. After two EPs it’s a milestone called Paris Cyclone and packed with songs I wanna play on repeat at my fictional pool. What’s the story behind the album title?

    Charlotte Fever: From start to finish, we do pretty much everything on our own in our Parisian-sized studio. That’s probably one of our strengths, because we record with each other with complete freedom and no time limits. But we still crave to get away from these few square metres and therefore we chat together a lot! We usually talk about things we like in general, like idyllic beaches, dreamy holidays and the occasional natural disasters…  Writing about these ‚fantasies‘ gives us a sense of freedom.

    Our very first album Paris Cyclone is a blend of solar tracks and a good summary of what’s going on in our imagination. When we’re composing, our minds wander between the streets of Paris and tropical daydreams. The album is resolutely designed to get people dancing to the rhythm of exotic percussion. We really tried to take people with us, to places where they can escape their everyday lives. In the end, like your fictional pool, Paris Cyclone is our very own make-believe paradise!

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    Anna: What would you play at your fictional (or non-fictional) pool? Do you have a favorite summer album/playlist or artists that you connect deeply with the sense of summer?

    Charlotte Fever: To party on the day that we will get a non-fictional pool on the roof of our studio, the top of the playlist will be:

    Anna: What are some of your favorite memories of summer in France?

    Charlotte Fever: August transforms Paris into a tranquil haven. The city is (almost) empty and it’s the moment of the year we like it the most. Any summer day spent basking in the sun, playing Mölkky with friends would be a favourite memory. Especially this time when we stumbled upon THE perfect spot in Les Tuileries, the experience was even more magical haha.

    „Perhaps the next album will tell that tale?“

    Anna: What’s your current favorite song on Paris Cyclone? And why?

    Charlotte Fever: Our standout favorite would probably have to be Septembre, as it is a step away from our usual style. It had us dive into nostalgia, which proved to be quite the challenge!

    Since the beginning, we’ve strived to keep our songwriting detached from personal experiences, delivering a rather neutral message. Yet, Septembre was a deliberate break from that norm where we intended to capture the bittersweet essence of summer’s end with a story we’ve all experienced to some extent.

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    As we both have a tendency to turn to music to let off steam, sadness is really not our go-to… Melancholic music is the only kind of sad tune we are able to feel at ease with. Therefore crafting a track like this one was a bit of a risk but also an intriguing experiment. And in the end, we are super happy that we ventured into this unfamiliar territory. So who knows, maybe someday we’ll explore the depth of outright sorrow. Perhaps the next album will tell that tale?

    Anna: What topics do you cover on the album and in your music? As a (sadly) non-french speaking person, I only understand so much.  

    Charlotte Fever: Charlotte Fever is more than just two collaborators — we’re friends who chat a lot and share everything. Our songs are born from the very conversations we have, delving into topics like love, heartbreaks, parties, natural disasters, erotica, holidays… and even aquagym.

    Overall, with this album we’re trying to make the summer season last all year round, to conjure up a sensual universe whisking you away on a journey away from everyday life. Paris Cyclone immerses you in an eternal, tropical, and sensual summer, inviting you to escape the ordinary and embrace the extraordinary.

    „80s pop inspires us a lot.“

    Anna: Who would you list as your musical influences? Is there a dream-collab you would like to make happen some day?

    Charlotte Fever: Clearly, 80s pop inspires us a lot, but if we’re going to do a collab we might as well do it with someone who’s still alive. We would probably jump at the chance to work with Sébastien Tellier, Tame Impala, Niagara, Polo&Pan or Daft Punk…

    Anna: Talking about collabs, you’re deeply rooted in the Parisian music bubble. Can you rec us some local artists we should check out?

    Charlotte Fever: Absolutely! We assume that you are undoubtedly already familiar with L’Impératrice, but if not, do something about it as it’s a must-know haha. We even had the chance to collaborate with them at the very start of Charlotte Fever. And while you’re at it, don’t miss out on discovering other incredible talents like Edouard Bielle, Lewis OfMan, Zaho de Sagazan, and many others featured in our curated Spotify playlist La Fièvre F.M.

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    „It was both totally out of the blue and truly magical.“

    Anna: You’ve been touring and playing (sold out) shows not just in Paris or France but globally. Is there one show that stands out to you? It has to be really exciting to play your music in a completely different country.

    Charlotte Fever: Tokyo was absolutely surreal. We had the incredible opportunity to perform at Spotify o-nest, a renowned venue for indie music. The energy was electrifying, the show sold out, and the audience was super welcoming. It was like stepping into a dream come true, we did not even expect half of this!

    Another unforgettable experience for us was not a traditional concert. Picture this: we were touring Central America, and while in Honduras, we received the unexpected request from the Alliance Française to play in a school. So, at 10 AM, we found ourselves performing in the schoolyard of a local school. The children, who were all learning French, surprised us with handcrafted signs adorned with our photos and lyrics written in bold felt pen and as we performed, they sang along with us. After the concert, they presented us with banknotes, plaster casts, pencil cases, erasers — anything they could find for us to sign. It was both totally out of the blue and truly magical.

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    „It was both totally out of the blue and truly magical.“

    Anna: A few weeks ago you’ve played a c/o pop, in June you’re going to play the final show at Fête de la Musique in Berlin. We’re already excited for you to be here, have you ever been here before/know some artists from here?

    Charlotte Day: A few years back, we had the chance to go to Berlin on holidays and we love this city for many reasons. Yet, what truly stole our hearts was its culinary scene: you have the finest vegan pizza and the most incredible vegan blue cheese on the planet! Now, as we prepare for our first show in the city, our excitement extends beyond just the food to the legendary Berlin atmosphere. Parties in Berlin are said to be memorable and we’re eager to see if the live music scene lives up to the vibrant hype.

    Even though Nena, Kraftwerk, and Nina Hagen may not hail from Berlin, they’re German icons we admire. And during our time in Berlin, we’re hoping that we will get the time to explore the city’s record stores, hoping to unearth gems and discover new local indie artists.

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    Anna: For our last question we always ask for an untold story– something you’ve never shared in an interview before. That can be totally random, serious, funny or music connected, whatever you feel like sharing now.

    Charlotten Day: Oh wow, this is going to be hard because we are an open book… It’s not untold but it’s a truth bomb: nobody’s actually called Charlotte in our band.

    The real story goes like this: we have been super close friends for years and started making music together purely for fun. It all started on a rainy summer day in our Parisian apartment, where our friend Charlotte was staying with us. She was crashing on the couch due to a fever, which inspired us to jokingly name our very first song „Charlotte Fever“ after her… It eventually stuck and was adopted as our band name.

    Wer Lust hat, das sympatische Pop-Duo live zu sehen, am 21.06. spielen sie im Kesselhaus, Berlin im Rahmen der French Night der Fête de la Musique! Der Eintritt ist frei, bis dahin verliert euch gerne noch ein wenig in der idyllischen Sommer-Welt von Charlotte Fever:

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    Fotocredit: Kevin Blain

  • Hidden Gemz im Interview: »Es war sehr überwältigend, wie viele Leute auf einmal vor der Bühne stehen«

    Hidden Gemz im Interview: »Es war sehr überwältigend, wie viele Leute auf einmal vor der Bühne stehen«

    Hidden Gemz zu hören macht einfach Spaß. Die Newcomerband aus Österreich, die letztes Jahr quasi aus dem Nichts kam und Supportslots von Bilderbuch spielte, hat nun ihre Debüt-EP The Gemz Mixtape veröffenlicht. Passend zum Frühling und all seiner Endorphine ist The Gemz Mixtape genau das: ein Mixtape voller überragend guter Songs. Irgendwo zwischen Brockhampton, Dominic Fike und Gorillaz finden Hidden Gemz ihren ganz eigenen Style. Und der macht einfach Spaß. Was genau da drin steckt, wie alles gestartet ist und vieles mehr erfahrt ihr hier, denn wir haben sie all das mal selbst gefragt.

    Hidden Gemz im Interview

    Anna: Eure erste Single Miss Monroe hat erst im Oktober 2023 das Licht erblickt, ihr macht aber schon sehr viel länger Musik. Wie habt ihr zur Musik aber auch als Band zusammengefunden?

    Didi: Zur Musik haben wir alle auf verschiedene Weisen gefunden. Für mich war es durch meine Familie und vor allem durch meine Geschwister, wo ich mich viel durch deren Lieblingsmusik durchgehört habe. Als Band haben wir uns alle im Kontext Schule kennengelernt und gemerkt, wie gut wir zusammen passen.

    Jonas: Meine ersten Berührungungspunkte mit Musik hatte ich mit sechs Jahren auf meinem ersten Konzert. Schon damals hatte mich der Schlagzeuger der Band sehr fasziniert und ab diesem Zeitpunkt wollte ich dann auch Schlagzeug lernen. Bis zu meinem ersten Schlagzeugunterricht trommelte ich auf allen Kochtöpfen, die wir zuhause hatten. Didi, David und Mateo habe ich dann erst viel später in der Oberstufe kennengelernt. Nachdem ich schon ein Jahr in der Oberstufe war, wechselten die drei auf meine Schule und es hat sich schnell herauskristallisiert, dass wir vier sehr gerne gemeinsam Musik machen. Nach den ersten Schulauftritten wollten wir das Ganze auch außerhalb der Schule präsentieren und seitdem arbeiten wir zielstrebig an unserer Karriere.

    Anna: Was ist die Geschichte hinter Miss Monroe? Wieso habt ihr euch entschieden, die Single nicht mit auf die EP zu nehmen?

    David: Miss Monroe gab es schon sehr lange. Ursprünglich ist er so entstanden, dass ich am Keyboard die Akkorde von Sunset To Sunrise in einem anderen Rhytmus gespielt habe. Eigentlich zum Spaß. Wir haben dann durch unsere Konzerte bemerkt, dass der Song zu einem Favoriten des Publikums wurde, und so dachten wir uns, dass Miss Monroe perfekt als Debut-Single geeignet wäre.

    Didi: Es war auch ein Statement Song für uns. Wir wollten den Leuten einen passenden Einstieg in unsere Musikwelt geben. Von dort aus kann man uns als Band gut mitverfolgen und sich mit uns gemeinsam entwickeln. Die EP hatte nochmal den Zweck eine andere Geschichte zu erzählen, in die Miss Monroe nicht passte.

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    „Ich hätte Paranoia, dass ich auf Butterfly Effekt irgendwas anrichten würde.“

    Anna: In eurer Debüt-EP The Gemz Mixtape geht’s viel ums Reminiszieren der Vergangenheit und die Essenz eurer Teenie-Jahre. Was ist es, was ihr am meisten aus der Vergangenheit vermisst? Würdet ihr gerne ab und zu zurückkehren und Dinge nochmal erleben/anders machen?

    Jonas: Aus meiner Vergangenheit vermisse ich am meisten das unkomplizierte Leben, in dem ich mir weniger Gedanken über gewisse Themen gemacht habe. 
Ab und zu denke ich schon darüber nach zurückzuspulen und Momente nochmal zu erleben. Jedoch hält dies meistens nur kurz an, weil ich meinen jetzigen Lebensabschnitt auch sehr schätze. Dinge konkret anders machen würde ich nicht.

    David: Ich vermisse die Freiheit von Sorgen und die Gelassenheit. Nach der Schule bin ich heim gegangen und habe mein Instrument geübt, Songs geschrieben oder mich mit Freunden getroffen. Und ich hatte alle Energie der Welt trotz Schule, Hausaufgaben und Lernen. 

    Mateo: Auf jeden Fall kommt Nostalgie hoch wenn ich an die Zeit denke, wo man sich um nichts geschert hat außer Spaß mit Freunden zu haben und die Schulzeit zu überstehen. Das war ein „anderes“ Gefühl von Freiheit.

    Didi: Das schöne Gefühl der Gegenwart vergisst man oft ein wenig im Moment und erinnert sich dann erst wieder daran wenn es schon in der Vergangenheit liegt. Es gibt schöne Zeiten, an die ich gerne zurückdenke, aber sie noch einmal erleben wollen tu ich nicht. Ich versuch so gut es geht meinem eigenen Wort zu folgen und zu erkennen welche schönen Seiten meines Lebens ich aktuell leben darf. Anders machen will ich auch nichts. Ich bin zu froh darüber, wie es mir heute geht und hätte Paranoia, dass ich auf Butterfly Effekt irgendwas anrichten würde und plötzlich alles anders wäre.

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    Anna: Outside könnte glatt zu meiner Frühlings-Hymne werden, so oft wie es momentan höre. Wie verbringt ihr eure Frühlings- und Sommertage am liebsten?

    Didi: Mit Freunden so viel es geht. Die Tage, an denen es möglich ist, versuche ich immer zu nutzen und Sommer ist sowieso meine Jahreszeit. Sich irgendwo draußen treffen und schwimmen gehen oder Fußball oder auch Volleyball spielen während wir Musik hören, das fühl ich.

    Mateo: Am Liebsten verbringe ich diese Tage mit rausgehen Leute treffen und auf jeden Fall auch Songs hören, die einem dieses Sommer-Gefühl geben.

    David: Ich persönlich: Ein guter Tee mit dem Album „The Peaceful Side of Jazz“ von Billy Strayhorn oder ein Spaziergang durch den Prater.

    „Das Lied hittet bei mir komplett.“

    Anna: Welche Musik hört ihr, wenn ihr draußen mit euren Freunden unterwegs seid?

    Didi: Das ist unterschiedlich da gibt’s bei mir persönlich eigene Playlisten zu verschiedenen Vibes. Aber welches Lied ich zum Beispiel jetzt schon tot höre und sicher noch im Sommer hören werde ist „11 y once“ auf dem neuen Album von Tainy. Das Lied ist zu gut und hittet bei mir komplett.

    Jonas: Viel Hip-Hop wie zum Beispiel unter anderem Jay-Z, Anderson Paak, Mac Miller oder Remi Wolf.

    Mateo: Also man kann auf jeden Fall nicht viel falsch machen mit klassischen R&B/Hip Hop Songs von Künstler*innen wie Tyler the Creator, SZA oder Kanye West.

    Anna: Welche Songs und Artists haben euren Sound inspiriert? Ich hör viel von Outcast zu Brockhampton, Dominic Fike oder Gorillaz und liebe diesen Mix vollkommen.  

    Didi: Das sind ehrlich geile Künstler. Ich mein, irgendwo her kommt Inspiration immer, aber bei unserer Musik denken wir nicht bewusst an irgendwelche Inspirationen sondern einfach was aus uns so rauskommt. Wir spielen und spielen und schauen, was uns gefällt. Im Endeffekt entsteht dann vielleicht ein ganzer Song auf diese Weise.

    David: Mein „Bass-Spiel-Style“ (wenn man das sagen kann) ist sehr beeinflusst von dem Album „All Eyez On Me“ von 2Pac. Songs wie „Scandalouz“ oder „Only God Can Judge Me“ haben bis heute für mich die besten Bass-Lines.

    Mateo: Mich persöhnlich haben Künstler wie Dominic Fike, Kendrick Lamar aber auch Bands wie Pink Floyd oder RHCP total inspiriert.

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    „Es hat sich angefühlt wie auf einer Klassenfahrt.“

    Anna: Bevor ihr überhaupt Musik veröffentlicht habt, habt ihr schon live gespielt. Zuletzt auf Supporttour mit Bilderbuch – zu dem Zeitpunkt war nur die Single Miss Monroe veröffentlicht. Wie ist es dazu gekommen und wie war das für euch, am Anfang von eurer Karriere vor so vielen Menschen zu spielen, die euch nicht kennen?

    Jonas: Das ist sehr richtig, wir haben vor unserem ersten Release auch schon viel live gespielt. Vorrangig in den Wiener Gürtellokalen. Als wir mitbekommen haben, dass Bilderbuch uns als Vorband möchte, hat uns das natürlich sehr gefreut und es war eine komplett neue Erfahrung für uns. Vor so vielen Leuten zu spielen war ein sehr aufregendes Erlebnis, doch was an diesen beiden Gigs besonders war, war das gemeinsame herumreisen. Es hat sich angefühlt wie auf einer Klassenfahrt.

    David: Es war sehr überwältigend wie viele Leute auf einmal vor der Bühne stehen. Gleichzeitig hat es einfach total viel Spaß gemacht auf einer Bühne mit dieser Größe zu performen.

    Anna: Bilderbuch sind eine der größten Band aus Österreich, die die deutsche Indie-Bubble dominiert haben und es immer noch tun. Dabei wimmelt es in eurer Wiener Bubble nur so von unfassbar guten Newcomer-Artists. Und weil wir natürlich nichts davon verpassen wollen, vielleicht die Frage direkt an die Quelle: Wen aus eurer Bubble sollten wir auf jeden Fall auf dem Schirm haben?

    Didi: Ehrlich gesagt sind wir gar nicht so in dieser „Bubble“. Aber es ist immer eine gute Idee seine Augen und Ohren offen zu halten für interessante Charaktere. Man kann da echt überall Sachen finden, die zu einem passen, man muss nur offen sein. Wenn man das ist, gibt es so viel zu sehen.

    David: Die Rockband Venice Blue.

    Anna: Ihr habt die gesamte EP selbst aufgenommen und produziert – wie war diese Erfahrung für euch? Und wie hat sich die Dynamik eurer Band dabei entwickelt?

    Didi: Es war echt was Neues für uns, aber wir haben auch dabei, ähnlich wie im Songwriting und Performen, so einen Spaß drin finden können. Studio-Arbeiten war manchmal sehr anstrengend für den Kopf, aber die Momente, in denen man rumprobiert und auf was geiles kommt, sind zu wild gewesen. Hat mir persönlich absolut gefallen mal mehr im Studio zu sein und da zu hustlen. Ich glaub, wir lernen uns gegenseitig immer besser kennen bei sowas und deswegen schweißt es einen auch mehr zusammen und stärkt das Verständnis zum anderen.

    David: Jeder hat einfach Aufgaben in seinem Möglichkeitsbereich erledigt. Meine Kenntnisse beim Aufnehmen sind leider nicht die stärksten, reichen aber aus wenn Jonas am Schlagzeug sitzt und deshalb nicht selbst aufnehmen kann. 

    Jonas: Wir haben in diesem Prozess auch sehr viel dazu gelernt. Dadurch, dass jeder von uns seine Stärken und Schwächen hat, haben wir uns sehr gut ergänzt. In der Produktionszeit der EP haben wir uns fast täglich gesehen und wir sind somit nochmal ein Stück näher zusammengewachsen.

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    Anna: „I think I finally understand that I’m in love with cake.” mag fast meine Lieblingszeile aus der gesamten EP sein. Die offensichtliche Frage: was ist euer Lieblingskuchen?

    Jonas: Für mich ist es absolut ein Himbeerkuchen.

    Didi: Für mich ist es vielleicht sogar ehrlich gesagt Sachertorte. 

    David: Oblatentorte.

    Mateo: Erdbeerjoghurttorte.

    Anna: Die letzte Frage bezieht sich bei uns immer auf eine untold story. Das mag eine Anekdote aus dem Studio, eine Empfehlung von Herzen oder etwas komplettes Random sein. Hier ist euer Space, zu sagen, was ihr wollt.

    Didi: Schwierig, aber eine Sache, die mir aufgefallen ist, ist, dass in dem Stress, den wir teilweise stark zu spüren bekommen haben, es immer wichtig ist, verbunden mit Leuten zu bleiben. Man sollte sich nicht in Einsamkeit abschotten. Sich mit den Leuten in dem eigenen Umfeld auszutauschen kann einem so sehr helfen aus diesem Tunnel zu kommen. Das ist mir aufgefallen und würde ich gern weitergeben an Leute, die etwas ähnliches erfahren haben oder gerade erfahren.

    Jonas: Ein lustiges „Easter Egg“ gibt es in unserem Song Chops. In jedem Chorus hört man einen von uns, als rhythmische Element, atmen/hauchen. Das ist auch das entscheidende Element, welches den Bounce im Song ausmacht.

    Mateo: Was oft missverstanden wird, ist dass Musik Kunst ist und es da kein richtig oder falsch gibt.

    Wir lassen Mateos Schlusswort nochmal eine Minute wirken und dann hören wir die Kunst, die The Gemz Mixtape und Hidden Gemz sind, nochmal von vorne. Ihr auch?

     

    Fotocredit: Amin Zaazou

  • Tusks im Interview: »You will be OK – even if it seems impossible.«

    Tusks im Interview: »You will be OK – even if it seems impossible.«

    Wenn die Melancholie zuschlägt und auch der Synth genau diese Frequenz trifft, die direkt für Gänsehaut sorgt – dann hört ihr vielleicht einen Song von Tusks. Die Sängerin, Produzentin und Multiinstrumentalistin aus London hat atmosphärische Synths mit dunklen Pop-Melodien zu ihrem unverwechselbaren Sound gemacht und verpackt in ihnen Verletzlichkeit, Ehrlichkeit und Intimität. Die Vergleiche schwanken zwischen Daughter, Sigur Ros und Art School Girlfriend, und auch wir haben ihr neues Album Gold erstmal ein wenig sacken lassen müssen. Dann haben wir jedoch die Möglichkeit ergriffen, um Tusks selbst was zu ihrer Musik erzählen zu lassen.

    Tusks im Interview

    Anna: You’ve been making music for some time now. How would you describe your new record in comparison to the last two?

    Tusks: I think it definitely feels more refined and mature than my previous two. I fully feel like I’m In my 30s writing it now. Like I was way younger making the first two. I think it’s richer, I think the songs are more developed and I think it sounds maybe more like the music I listen to a lot.

    Anna: Gold is an album full of contradictions that you also pulled from your personal experiences. Is there one that fascinated you the most, or one that made you struggle the most?

    Tusks: I think Strangers is the one that I struggle with most. The idea that you can be so close to someone for so long and then the relationship can end and you can just become strangers… Something about that just always feels so sad and gutting to me – even if its right to break up the relationship. Every time I sing it live it makes me sad in a different way to the other tracks.

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    „You will be OK.“

    Anna: What’s a learning you pulled from these experiences? Maybe we can learn something from them, too.

    Tusks: I think that you can always get through the things that felt like they would be too much to handle. I feel like experiences just come around again and again in life disguised as different things and you will be OK – even if it seems impossible.

    Anna: Your music is very ethereal, and it’s really easy to let myself just fall into it. How was the process behind the music for you?

    Tusks: I love losing myself in the process of writing and producing music. Normally, I’d take myself away to a secluded place, not talking to anyone for days. It all kinda flows out of me. Then I take it back to the studio and start producing it properly. This one was really fun to produce. We ran it through loads of tape machines and analog delays and got really creative with the recording side of things. That brought so much fun and energy to the process.

    Anna: Can you share songs (or artists) that recently made you feel like falling into them?

    Tusks: I really love Mk.gee’s new album ‘Two Star & The Dream Police’ – that feels really immersive.

    „Kinda like a daydream.“

    Anna: Your song The Way is addressed to anxiety and trying to accept the things you cannot change. Did writing the song and addressing it so clearly change something for you?

    Tusks: Yeah it did actually. The song is about realising that this is the way it was always going to be. Something about having that element of control or choice taken away from me really calms my anxiety. You just have to accept that this is how things are and this is what’s happened and move on. There’s no other choice really.

    Anna: Read The Room also feels like a very personal song. What is it about?

    Tusks: Yeah it is. Its another break up song – kinda more reflective and defeatist than the others on the album. It was all recorded in one take in this studio in Wales. Then I did a take of synths over the top through a Copicat Tape Echo which I think makes it feel way more lonely than the other tracks. Its meant to be a bit of an interlude. Kinda like a daydream.

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    „It would have been a completely different album“

    Anna: In parts, the album was written amidst exceptional circumstances of 2020/2021. Do you feel like you would have written a different album if it wasn’t for Covid?

    Tusks: Yeah for sure – it would’ve just been a completely different album I think because there was such a pause on everything that I just wrote and re-wrote all the songs. I think maybe only two of the songs that made it onto Gold were in the original ten songs – Wake and Cold Storm (weirdly the first and last).

    Anna: What is the weirdest (or coolest) habit you picked up during the lockdown years?

    Tusks: Haha err I made a lot of pasta at home. But I feel like that’s something you can only really do when you have the time you have in a lockdown.

    Anna: For our last question we always ask for an untold story – something you’ve never shared in an interview before. Is there something you want to get off your chest now?

    Tusks: The middle 8 of strangers came about because I got covid just before we went in to record the album. I was living in this warehouse of 11 people at the time. The rule was if you got covid, you couldn’t leave your room. I tested positive for ten days so was in this room for ten days and it was literally like 2m x 3m. It was so bizarre. Luckily it had a huge window which looked out across London and we were on the top floor so there was an amazing view – one day I just watched this crane build a house for hours. But yeah – I wrote the middle 8 of strangers at that time too which I think is why its so full of angst and tension.

    „Full of angst and tension“, aber trotzdem wunderschön – wir können euch allen Tusks Album sehr ans Herz legen. Hört hier in Golden rein!

    Tusks, Gold, London, Singer Songwriter, Producer, Emily
     

    Fotocredit: Emily White

  • ENGIN im Interview: »Es ist unser Anspruch, Teil der Veränderung zu sein. «

    ENGIN im Interview: »Es ist unser Anspruch, Teil der Veränderung zu sein. «

    Diese drei ernstaussehenden aber unfassbar lieben Jungs solltet ihr mittlerweile kennen – immerhin wirbeln ENGIN seit knapp einem Jahr durch unsere Bubble. Mit ihrem Debütalbum Nacht haben sie sich letzten Sommer durch fast alle Städte Deutschlands gespielt und mit jedem Stop neue Fans gewonnen. Zuletzt als Support von Von Wegen Lisbeth stehen sie nun vor ihrer ersten Headline-Tour (wir dürfen präsentieren und verlosen!), im Gepäck ihre aktuelle EP. Voll mit neu-interpretierten türkischen Volkslieder und Klassikern des Anadolu-Rocks brechen sie die Schwelle zwischen deutscher und türkischer Rockmusik auf. Eine Schwelle, die schon so lange gebrochen werden wollte! Weil die EP aber nicht nur voll mit Hits ist, sondern auch in einer Sprache, die ich leider nicht spreche, findet ihr hier ein mit witzigen Anekdoten durchspicktes Track-By-Track Interview! Von Quittenbäumen über Pferde im Vollgalopp zu Tipps gegen Liebeskummer und das Zerrissenheitgefühl einer ganzen Generation – hier lernt den Sound hinter David, Engin und Jonas (v.l.n.r.) ganz genau kennen.


    ENGIN im Interview

    Anna: Hey ihr drei! Noch ein wenig rest-frisch im neuen Jahr erstmal ein kurzer Blick zurück: wie war das Jahr 2023 für euch?

    Engin: Das letzte Jahr war ein Geburtsjahr von vielen Sachen. Erste Tour, erstes Album, erste Konzerte in Istanbul. Das war auf jeden Fall ein Jahr voller Highlights! Das Istanbul-Konzert war für mich persönlich ein ganz großes Ereignis. Beziehungsweise waren es ja drei Konzerte am Stück! Das war ein krasses Gefühl mit dem neuen Album, das ein paar Monate vorher rauskam, und ein paar türkischen Songs im Gepäck da aufzuschlagen und auf so viel Gegenliebe zu stoßen. Hätte ich mir nicht erträumt, dass das so schnell geht.

    Jonas: Für mich war es eigentlich mehr so ein Stück weit den Kindheitstraum erfüllen. Diese intensive Zeit, die man als Band verbringt und die witzigen Momente, die dabei passieren. Das Spielen an sich natürlich, das ist schon krass, aber auch das ganze drum herum. Dass man die ganze Zeit beschäftigt ist und rumrennen darf für die eigene Musik.

    David: Ja, ich finde es auf jeden Fall auch ein krasses Privileg, dass wir die Chance bekommen, als (bis aufs Booking) DIY Band so viele Menschen zu erreichen mit Musik und generell einer Thematik, die im Kern so positiv ist. Und das dann auch gerade in der heutigen Zeit. Das macht auf jeden Fall Lust auf mehr!

    „Es soll keine Fremde herrschen, sondern Verbundenheit und Vertrautheit.“

    Anna: Ich wollte das Interview ein wenig an der Tracklist eures neuen Albums „Mesafeler“ hangeln. Vielleicht starten wir zuerst mit dem Album-Titel: „Mesafeler“ bzw. „Distanzen“ wie es auf Deutsch übersetzt heißt, fasst die Thematik des Albums passend zusammen. Welche Distanzen versucht ihr mit dem Album zu überbrücken?

    Engin: Es sind ein paar! Die erste ist natürlich kulturell und sprachlich, weil das Album auf Türkisch ist. Es ist auch eine Überbrückung der innerdeutschen Distanz, weil es Musik ist, die türkische Menschen vor ein paar Jahrzehnten nach Deutschland mitgebracht haben. Für mich persönlich ist es auch eine Überbrückung der Distanz zur eigenen Identität, also dieses „es ist okay, wenn ich hier geboren und aufgewachsen bin, dass ich trotzdem auf Türkisch singe“. Dass auch das seinen Platz hat. Eine weitere Bedeutung sind auch die Distanzen, die wir physisch zurückgelegt haben. Mit knapp 60 Konzerten in acht Monaten ist es auch ein guter Tour-Titel! Und natürlich das selftitled Album von Erkin Koray, welches eine große Inspirationen für uns war und als Meilenstein des Anadolu Rocks gilt. Da heißt der erste Song auch Mesafeler, deshalb ist es so ein bisschen eine Hommage an ihn. Es hat also viele Ebenen!

    Anna: Euer Album „Mesafeler“ ist eine Sammlung von Covern türkischer Lieder, viel auch aus den 60er und 70er Jahren. Warum gerade diese Zeit?

    Engin: Wir beziehen uns auf diese Zeit, weil sie musikalisch sehr spannend ist, was die türkische Musik anbelangt. Vor allem im Zuge des Aufkommens des Anadolu Rocks, der alte türkische Folklore und traditionelle Musik mit westlicher Rockmusik und psychedelischer Musik verbunden hat. Anadolu Rock ist ein sehr globaler Sound, der uns schon seit Jahren als Inspirationsquelle dient. Es gibt so viel Musik aus der Türkei, die in Deutschland gar nicht bekannt ist. Entgegen dem gängigen Klischee-Bild wollen wir zeigen: wie klingt denn eigentlich türkische Musik? Für uns war das auch eine Forschungsreise in dem Sinne! Wir haben ja ganz viel Musik aus dieser Zeit auf Social Media schon präsentiert und da wollten wir auch für uns diesen Kern herausschälen. Aus was besteht Anadolu Rock, und wie kann man Songs in unserem Stil, in unserem Gewand präsentieren? Das war eine spannende Herausforderung!

    Jonas: Musik oder Sprache sind ja beides Klänge. Man gewöhnt sich als erstes an den Klang einer Sprache und kann von da immer weiter eintauchen. Und das finde ich auch wichtig bei unserem Ansatz, dass wir eigentlich nur probieren, Menschen die türkische Sprache und Kultur in einem vertrauten musikalischen Gewand zu präsentieren. Wenn man sie öfter hört, gewöhnt man sich an den Klang der Sprache. Und das ultimative Ziel wäre dann, wenn ich draußen rumlaufen und türkische Menschen sprechen höre, dass mir der Klang vertraut vorkommt, weil ich ihn in der Musik erlebt habe. Darum geht es, diese Distanz mit der Musik zu überbrücken und dann auch im echten Leben nicht mehr Menschen, die seit 60 Jahren hier leben und zwei Sprachen können, als fremd wahrzunehmen. Ich kann nicht mal eine Sprache richtig! (lacht) Und ich merke ja wie geprägt ich von der Gesellschaft bin. Das war eine schöne Reise auch zu mir selbst, diese Vorurteile aufzulösen. Damit mein ich nicht mal intellektuell, weil das geht schnell. Sondern dass man das wirklich fühlt, und keine Fremdheit mehr herrscht, sondern Verbundenheit und Vertrautheit.

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    „Ich freu mich auf den Leidensweg, die Songs live gut zu spielen.“

    Anna: Habt ihr lange gebraucht, um euch auf einen Sound zu einigen oder lief das alles ganz harmonisch zusammen? Wie viel Spaß hat der gesamte Prozess gemacht?

    Engin: Der Prozess hat sehr viel Spaß gemacht und lief auch relativ flott! Wir sind da nicht so planvoll vorgegangen, sondern haben die Songs erst mal gespielt. Dadurch hat sich das sehr organisch ergeben. Wir sind ja einfach auch drei Charaktere, die zusammen was erschaffen, und da entsteht eh ein anderer Sound. Da hat sich relativ schnell rauskristallisiert, was eine coole Version ist.

    Anna: Die erste Single des Albums ist „Ayva Çiçek Açmış“, und bedeutet übersetzt „der Quittenbaum blüht“. Ich hab mir natürlich auch den Original-Song angehört, und eure Version hat deutlich mehr Wucht nach vorne – habt ihr ihn deshalb als Opener des Albus gewählt? Und was für eine Rolle spielt der Quittenbaum?

    Engin (lacht): Der Quittenbaum ist insofern relevant, als dass er für die Vergänglichkeit der Liebe steht und die Angst davor, was passiert, wenn sie erlischt. Es gibt die Zeile: „Weck mich nicht aus meinem tiefen Schlaf / Belüge mich nicht, indem du sagst, dass du mich liebst“ – das hat ja eine enorme Wucht. Wir hatten sofort Lust, da einen sehr tanzbaren Song draus zu machen, aber auch einen Song, der so richtig reinhaut. Das Outro könnte wahrscheinlich jeden Nachbarn aus dem tiefsten Schlaf wecken, wenn man es auf angemessener Lautstärke spielt (lacht). Das fanden wir einfach passend, um ihn als ersten Song zu wählen.

    Anna: Ich kann auch nicht anders, als mir das direkt in einem vollen und durchschwitzen Club vorzustellen. Auf welchen Song des Albums freut ihr euch am meisten auf der Tour im Mai live zu spielen?

    Engin: Also ich freue mich persönlich schon auf sehr auf Ayva çiçek açmış. Wir haben ja auch ein paar Songs schon länger im Programm und Ayva ist auf jeden Fall einer, den wir neu dazunehmen werden. Das wird auf jeden Fall ein Highlight!

    David: Ja bei mir auch, da schließ ich mich an!

    Jonas: Ich bin sehr gespannt auf Cemalım. Ich freu mich auf den Schmerz und den Leidensweg, den Song live gut zu spielen (lacht).

    Engin: Also ist ein herausforderndes Set auf jeden Fall! Die Songs sind sehr unterschiedlich, haben unterschiedliche Stilelemente, und die in unserem Trio-Format überzeugend rüber zu bringen, das wird eine Herausforderung. Aber es wird klappen, vorher gehen wir nicht aus dem Haus! (lacht)

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    „Barış Manço war ein richtiges Original.“

    Anna: Auch der zweite Track „Anlıyorsun Değil Mi“ hört sich an, als würde er sehr viel Spaß live machen. Wenn ihr die Plattensammlung eurer Eltern heute durchkramen würdet, würdet ihr dort Barış Manço auch finden? Der Mann sieht ein bisschen aus wie eine türkische Legende.

    Engin: Auf jeden Fall, man kann ihn eigentlich in jedem türkischen Haushalt finden. Barış Mançoist einer der wichtigsten Vertreter des Anadolu Rock und hat einfach über Jahrzehnte hinweg unfassbar wichtige Arbeit für die türkische Musikkultur geleistet. Er ist Ende der Neunziger gestorben und als er zu Grabe getragen wurde, waren alle auf den Straßen, es lief rund um die Uhr auf den Fernseher. Es war ein Volkstrauertag im Endeffekt. Barış Manço war ein richtiges Original. Er hat auf Englisch gesungen und dann auch sehr viel Bock gehabt, Japanisch zu lernen, also hat er ein japanisch-sprachiges Album aufgenommen. Er war dadurch auch in Japan sehr beliebt und bekannt. Einfach so ein Weltenwanderer und Kosmopolit. Das ist auf jeden Fall ein schönes Vorbild, was das kulturverbindende Element anbelangt.

    Anna: In dem Song „Öyle Sarhoş Olsam Ki“ lautet eine Zeile (übersetzt) „Wenn ich doch nur so betrunken wäre, um dich für einen Moment zu vergessen.“ Wie geht ihr mit Liebeskummer um?

    Engin (lacht): Das hab ich lang nicht mehr gespürt, kann das wer anders beantworten?

    Jonas: Ich glaube, es ist legitim, Sachen ein Stück weit zu kompensieren, dass man nicht die ganze Zeit über den Schmerz nachdenken muss. Vor allem wenn man es eh nicht lösen kann.  Also ich sage jetzt nicht, betrinke dich jeden Tag. Ich sag, betrink dich von mir aus einen Tag, aber geh den nächsten Tag auf ne Wanderung (lacht). Also lenk dich ab, damit du nicht die ganze Zeit über Probleme nachdenkst, weil am Ende braucht das Gehirn gehören einfach Zeit, um die Synapsen aufzulösen und neue zu bauen. Ist ein schwieriges Thema und sehr individuell, da muss man schon sehr auf sich aufpassen.

    David: Musik hilft auch! Also man kann sich ja, wenn man traurige Musik hört, richtig gut im Liebeskummer baden und so. Aber wenn man dann wieder da rauskommt und Musik findet, die einen ablenkt und auch wieder auf positive Gedanken bringt, dann ist das auch sehr gut.

    Jonas: Man kann Schlagzeug spielen.

    David: Genau, also Sport auch einfach! Sport machen, …

    Jonas: Streich einfach alles raus und schreib „Schlagzeug spielen“ (lacht).

    „Ja, das darf auch im Radio gespielt werden!“

    Anna: „Cemalım“ haben wir ja schon angesprochen. Was macht diesen Song so besonders?

    Engin: Cemalım ist eigentlich voll der Krimi! Es erzählt die Ermordung eines türkischen Edelmannes und die Klagen seiner Frau, die nicht weiß wohin, nun wo er gestorben ist. Cemalım ist ein Totenklagelied, einmal aus der Sicht des Mannes und aus der Sicht der Frau. Es geht auch um das Pferd des Mannes, mit dem er ausgeritten ist und das nach seiner Ermordung nicht mehr zurück nach Hause findet. Das ist alles sehr filmisch erzählt, und in den Lyrics steckt dieses ganze Drama hinter diesem brutalen Akt. Es ist auch sehr gehetzt, fast wie eine Verfolgungsjagd, und das haben wir versucht musikalisch zum Ausdruck zu Bringen.

    Anna: Gecovert hat das Lied u.A. auch Altin Gün, eine ebenfalls sehr prägende Band unserer Generation, die dazu beigetragen hat, türkische Musik in den Mainstream zu bringen. Habt ihr das Gefühl, dass die Schwellen zur türkischen Musik und Kultur in den letzten Jahren gesunken sind?

    Engin: Auf jeden Fall! Wir hatten neulich ein interessantes Gespräch mit dem Kölner DJ Burakete, der schon seit den 90ern Partys veranstaltet. Die Leute wussten in den Neunzigern nicht, wie sie auf die türkischen Rhythmen tanzen sollen und jetzt haben diese Partys auch aus der nicht-türkischen Community großen Zulauf. Das hat also schon ein paar Jahrzehnte gedauert, aber ich würde sagen gerade so die letzten vier oder fünf Jahre ist da viel Bewegung reingekommen. In Frankreich zum Beispiel sind viele türkische Acts einfach bekannt! Es gab zum Beispiel in den Siebzigern schon die Band Moğollar, die man auch als einen wichtigen Grundpfeiler des Anadolu Rocks gesehen hat. Die haben ihr prägendes Werk in Frankreich aufgenommen haben und wurden ultra gefeiert. Also die haben da auch Musikpreise gewonnen in Frankreich, in den Siebzigern schon! Obwohl in Deutschland eigentlich viel mehr Türken waren, war in Frankreich die kulturelle Anerkennung der Popmusik der Türkei viel schneller. Das ist also länderspezifisch unterschiedlich, wie schnell das geht. Aber ich würde sagen, gerade in den letzten Jahren tut sich auch in Deutschland was. Und es ist ja auch unser Anspruch, ein Teil dieser Veränderung zu sein. Die Gesellschaft ist divers, und die musikalischen und kulturellen Hintergründe sind auch divers. Wir haben alle Platz. Und ja, das darf auch im Radio gespielt werden!

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    „Dieses Zerrissenheitsgefühlt hat viele Generationen, auch bis heute, begleitet.“

    Anna: „Gurbet“, einer meiner Lieblingstracks des Albums, handelt von genau diesen Gastarbeiter*innen, die nach Deutschland gekommen sind und versucht haben ein neues Leben in der „Fremde“ aufzubauen, weit weg von ihren Liebsten. Sind die Auswirkungen davon heute noch zu spüren?

    Engin: Gurbet ist ein Song, der immer noch sehr aktuell ist. Es gibt immer noch viel Migrationsbewegungen auf der Welt gibt und Menschen, die aus unterschiedlichsten Gründen ihre Heimatländer verlassen. Dieses Gefühl ist ein sehr universelles Gefühl. In der Türkei hat man die Gastarbeiter „Gurbetçi“ genannt, das heißt die im Ausland, also in der Fremde Lebenden. Das drückt diese Zerrissenheit ja schon aus: sie wohnen nicht mehr in der alten Heimat, aber sie gehören auch nicht in die neue. Und dieses Zerrissenheitsgefühlt hat viele Generationen begleitet. „Wo gehöre ich denn eigentlich hin?“ ist die Frage, die man sich auch heute noch in Deutschland stellt, obwohl man hier geboren ist. Deswegen ist es für uns sehr wichtig gewesen, diesen Song nicht nur aus der Perspektive von den Leuten zu sehen, die damals gegangen sind, sondern auch aus der heutigen Zeit. Dieses Zurücksehnen nach den kulturellen Wurzeln.

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    Anna: Auch der nächste Track „Resimdeki Gözyaşları“ handelt vom Vermissen und ist lyrisch sehr poetisch („Das Einzige was dir von mir blieb ist jetzt dieses kleine Bild / Es kann dir keine Antwort geben, aber um deine Einsamkeit weinen“). Wie poetisch im Allgemeinen ist die türkische Sprache?

    Engin: Sehr! Deshalb war es mir ein Anliegen, die Texte so gut es geht zu übersetzen. Es gibt auch viel Deutungshoheit da drin. Gerade Resimdeki Gözyaşları ist sehr atmosphärisch und beschreibt eher so ein diffuses Gefühl. Dieses Gefühl von Trost in der Nostalgie zu finden. Das Spannende ist ja, das es ein sehr trauriger Text ist, und im Original aber voll die wütende Soul-Rock Nummer. Also sehr tanzbar und sehr nach vorne. Aber man würde nicht darauf schließen, dass es jetzt so ein tief trauriges Thema ist, wenn man die Sprache nicht versteht. Deswegen wollten wir bei dem Song wirklich die Traurigkeit rausarbeiten und eine nachdenkliche, stille Version draus machen. Weil ihn wuchtiger als Cem Karaca zu machen, das ist auch nicht möglich.

    „Nein.“

    Anna: Damit sind wir schon beim letzten Song: „Ilgaz“ ist ein Folklore-Klassiker, den jedes Kind der 60er und 70er Jahre in der Türkei in der Schule schon lernte. Worum geht es in dem Song?

    Engin: Es geht um einen Berg (lacht). Wir fanden die Melodie sehr, sehr schön und die Ruhe, die der Song in sich trägt. Wie wuchtig und düster das Album dann auch irgendwie anfängt, baut sich am Ende einfach eine schöne, ruhige, entspannende Landschaft vor einem auf. Man kann so ein bisschen in Frieden gehen sozusagen. Unsere Version ist sehr stripped down und auf’s Wesentliche begrenzt, weil die Melodie schon alles sagt, was zu sagen ist.

    Anna: Anna: Nach den Interpretationen türkischer Volkslieder, gibt es deutsche Klassiker, die ihr gerne mal neu interpretieren würdet? 

    David: Ich bin bisschen unentschlossen, aber ich würde jetzt aus dem Bauch heraus wahrscheinlich irgendwas ganz Altes von Westernhagen raussuchen. Der hat auch schon in 70ern Jahren Platten gemacht, das war nicht immer ganz jugendfrei oder politisch korrekt, aber auch schon wild! (lacht)

    Jonas: Udo Jürgens!

    Engin: Alle Songs außer „Aber bitte mit Sahne“, den find ich ganz schrecklich (lacht)

    David: Aber das wäre vielleicht auch eine geile Challenge! Dass man gerade den dann so versucht zu machen, dass er wieder charmant wird.

    Engin: Nein.

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    Eine Odyssee in Rumänien

    Anna: Wir kommen zu unserer letzten Frage, unsere untold story: gibt es irgendetwas, was ihr in noch keinem Interview erzählt habt und einfach mal erzählen wollt?  

    David: Sollen wir die Odyssee des Albums darlegen?

    Jonas (schüttelt stark den Kopf)

    Engin: Das ist zu schmerzhaft.

    David: Wir können von unserer Istanbul Rückreise erzählen! Aber die würde ich gerne aus Jonas Perspektive hören.

    Jonas: Wir haben drei Konzerte in Istanbul gespielt, aber wollten nicht fliegen und sind deshalb mit dem Auto gefahren. Wir hatten aber kein ATA, also keine Zolleinfuhrgenehmigung. Auf dem Hinweg war alles kein Problem, ein paar Zollbeamte haben komisch geguckt, warum das ganze Auto mit Instrumenten vollgestopft ist, aber wir haben alles immer charmant gehandled und sind durchgewunken worden. Auf dem Rückweg war dann aber eine serbische Grenzbeamtin, die uns mitgeteilt hat, dass wir auf gar keinen Fall nach Serbien einreisen dürfen, weil die Gefahr bestünde, dass ich zum Beispiel meine Becken in Serbien verkaufe – was ich nie machen würde! (lacht) Wir wurden also an der serbischen Grenze abgewiesen und sind dann wieder nach Bulgarien und auf einer Landstraße über Rumänien nach Budapest gefahren. Wir sind um zwei Uhr nachts angekommen, nach 20 Stunden Fahrt. Und dabei war einfach auch der Stress, dass wir in Rumänien auf der Landstraße gefahren sind und die irgendwas von Dracula erzählt haben und tollwütigen Hunden.

    Engin (lacht)

    Jonas: Und weil wir dankenswerterweise das Auto von meinem Papa hatten, hatte ich dann so ultra Angst, dass irgendwas mit dem Auto passiert, wenn ich das Steuer abgebe. Da hat mein eigener Kopf mich gezwungen durchzufahren.

    Anna: Du bist 20 Stunden durchgefahren?

    Jonas: Ja…

    Engin: Wir konnten auch nicht anhalten, weil es gibt ja tollwütige Hunde! (lacht)

    Jonas: Das war dann irgendwann dieses Narrativ nach zwölf Stunden auf die Straße gucken. Das spinnt sich ja immer weiter aus.

    David: Das, was wirklich lustig war, war als wir in Bulgarien quasi die Kehrtwende machen mussten, und dann an der serbisch-bulgarischen Grenze Richtung Norden gefahren sind. Wir waren keine fünf Minuten auf der Landstraße, da kam uns so ein Dude im Vollgelopp auf dem Pferd entgegen (lacht). Und das halt über so ne saulange gerade Straße, das sah so wild aus, wie der da auf uns zu kam.

    Jonas: Es war auch schon die schönste Landschaft, die ich aus dem Auto bis jetzt gesehen hab. Vor allem war das ja im Oktober, also Herbst, und dann dieses goldene Blätterdach, soweit das Auge sehen kann…

    Mit diesem schönen Bild im Kopf endet das Track-By-Track Interview. Wer sich inspiriert fühlt, darf sich natürlich gerne einmal durch die gesamte Diskografie von ENGIN hören und/oder sie direkt auf Tour besuchen! In ein paar Tagen geht’s los, schnappt euch hier noch Tickets!

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    Fotocredit: Yasmin Sara Ergen, CAPADOL

  • Die Lore geht weiter: Twenty One Pilots und „Overcompensate“

    Die Lore geht weiter: Twenty One Pilots und „Overcompensate“

    Wie fang ich hier an? Es ist der 29. Februar, der Tag, den es nur alle paar Jahre gibt, und ich steh vor meinem Hotelfernseher in Hamburg Altona. Ein paar Wochen zuvor hat meine Lieblingsband ihre bisherigen Albumcover auf den Streamingplattformen mit einem roten Balken über den Augen versehen und die neue Single „Overcompensate“ angekündigt. Seitdem ist mein Körper angespannt, ein gesamter Fandom ist mit mir wieder zum Leben erwacht und alle wissen: am 29. Februar kommt ein neues Twenty One Pilots Musikvideo. Es erscheint neuer Twenty One Pilots Song. Die nächste Twenty One Pilots Ära wird eingeleitet. WO FÄNGT MAN DA AN?

    Welcome Back To Trench.

    Vielleicht am Anfang. Die Lore um das Duo aus Columbus, Ohio ist seit dem Erfolgsalbum Blurryface (2015) immens gewachsen. Fast zehn Jahre später ist Stressed Out mit über 2 Billionen Streams immer noch Twenty One Pilots erfolgreichste Single, und nur wenige wissen, welche wahnsinnige Geschichte Leadsänger Tyler Joseph und Drummer Josh Dun da angefangen haben zu erzählen. Das in einem einleitenden Absatz zu fassen ist wahrlich unmöglich, weshalb ich für alle, die neu hier sind, von Herzen meinen gesamten Fangirl-Schrei über drei gestreckte Artikel empfehlen darf: Hier zum Beispiel introduce ich euch ins beste Sommeralbum aus dem Corona-Peak Jahr 2021. Hier könnt ihr einen Drachen unter Wasser schwimmen sehen. Und hier bekommt ihr wahrscheinlich den besten Überblick über die Story so far. Da könnt ihr jetzt natürlich überall reinlesen, ihr könnt euch aber auch den gesamten Kontext von der Band selbst erklären lassen:

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    Um die drängendste Frage zu beantworten: yes, it’s a lore. It’s a big one, indeed. Es ist eine gesamte Geschichte rund um den Protagonisten Clancy, die sich seit Blurryface aufbaut und über die Alben Trench (2018) und Scaled And Icy (2021) erstreckt und jetzt endlich, ENDLICH mit Overcompensate weitergeht. Und selbstverständlich kann man die neue Musik auch ohne die Lore genießen und feiern, aber wie viel geiler ist es denn, wenn man jedes noch so kleine Detail auseinandernehmen kann und alles einen Sinn ergibt? So let’s settle back in again, es geht in das abschließende DEMA-Kapitel.

    Wait, what?

    Erster Shot des Videos: das Meer. Sanfte Wellen sollen für den vermeintlich ruhigen Einstieg in das neue Kapitel sorgen, bevor sie von übersteuerten Vocals aus dem Off unterbrochen werden. Auf Deutsch, Französisch und Spanisch wird hier die Zeile „diese kleine unheimliche Insel hat mich zu einer Waffe gemacht“ eingesprochen, Zeilen aus den damaligen Clancy Briefen. Karten aus DEMA werden gezeigt, die Landschaften überflogen. Doch als wäre das nicht genug, droppt nach dem anschließenden „Welcome Back To Trench“ das Key-Riff des Songs und ich fühl mich endlich wieder selbst. Am liebsten würd ich diese aufgestaute Energie selbst aufs Joshs Drumkit auslassen, aber nie sähe ich dabei so sexy aus wie er. Was auch nicht hilft ist, was direkt danach folgt, nämlich die 1:1 eingespielte Bridge aus Bandito, einem Song aus Trench, der nicht nur Fan-Favorite ist, sondern auch Backbone der gesamten Storyline. And I am living for this.

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    An dem Punkt bin ich also schon einmal völlig durch mit meinen Nerven. Auch das Musikvideo gibt mir mehr als nur einmal Gänsehaut. Das rote Colorgrading gibt Blurryface Flashbacks und auch die schwarze Farbe auf Tylers Hals und Händen ist zurück. Dann kommt der erste Break nach knapp eineinhalb Minuten. Das „Sahlo Folina“ noch in meinen Ohren wird einmal alles durchgewirbelt und der Song bekommt eine komplett andere Struktur. Grund Nummer 125, warum das meine Lieblingsband ist, nichts wird jemals langweilig! Hab ich mich bis zu diesem Punkt gefragt „warum spielt Josh alleine in dieser Halle Drums und wer sind die ganzen Leute, die drumherum Platz nehmen?“, dann kommt jetzt die Antwort. Mit dem Break öffnet sich die Tür und Tyler als Clancy erscheint, Sturmmaske tief im Gesicht und einer pulsierenden Aura, die ihn umgibt. Ich sitz nicht in diesem Raum, aber auch ich hab die Luft kurz angehalten.

    „I feel like I was just here, same twitchin‘ in my eyes
    Don’t sleep on a boy who can’t fall asleep twice
    In the same night, and won’t hesitate
    To maybe overcompensate“

    How the turntables

    Highlight des gesamten Musikvideos: Tylers Dancemoves. Sie sind Grund 126, warum Twenty One Pilots meine Lieblingsband ist. Grund 127? Joshs Frisur, die im Farbverlauf rote Spitzen hat und nicht nur unfassbar gut aussieht, sondern auch, wie alles andere, perfekt in die Storyline passt. Grund 128: „corazón“ (iykyk).

    Doch was passiert eigentlich? Und was ist davor passiert? Tatsächlich knüpft die Story zu Overcompensate genau dort an, wo sie am Ende des letzten Musikvideos The Outside geendet ist: Clancy ist zwar aus DEMA geflohen, hat aber mit einer wirklich kultigen Choreo Besitz von einem getöteten Bischof ergriffen (wenn euer Gesicht gerade einem Fragezeichen gleich, lest das hier). Das, was ich damals noch als „ein Ritual, mit sehr, sehr, sehr smoothen Moves“ bezeichnet habe, war Clancy, der durch seizing den toten Körpers des Bischoffs Keons kontrolliert hat. Bisher hatten jedoch nur die Bischöfe diese Fähigkeit. Das ändert natürlich so einiges an Machtverhältnissen, und ist auch der Grund, warum Clancy zurück in DEMA ist und ein Auditorium voller Menschen mit

    “If you can’t see, I am Clancy, prodigal son
    Done running, come up with Josh Dun, wanted dead or alive
    So now you pick who you serve, you bow to the masses
    Get kicked to the curb for passin‘ the classes
    Half empty, half full, save half for your taxes
    Then overtake your former self“

    anschreit.

    Die Lore geht weiter

    Clancy ist also erst erfolgreich geflohen und jetzt ist er wieder zurück? Was sich auch mir erst nicht ganz erschließen will, kann nur bedeuten, dass die Rückkehr nicht nur freiwillig ist, sondern auch einen direkten Plan verfolgt. Vielleicht will er die Bischöfe und ganz DEMA von innen stürzen, vielleicht will er selbst an die Macht. Vielleicht, vielleicht, vielleicht – Discord verrennt sich hier in sehr viele, sehr interessante Theorien, die alle vielleicht wahr sind oder werden.

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    Wenn DEMA also für das mentale Gefängnis steht, in dem wir uns alle gefangen sehen, wenn Angst, Depression und andere negative Gedanken die Überhand gewinnen, war Blurryface der Startschuss der Geschichte. Trench ging auf die Suche nach Hoffnung, raus aus DEMA und dem Gefängnis, war aber im Endeffekt erfolglos. Scaled And Icy war eine Überkompensierung (ha) der mentalen Dunkelheit und wurde als propagierende Lügen für DEMA eingesetzt. Das neue Album Clancy (!!) mit Leadsingle Overcompensate ist der Weg zurück, ein weiterer Versuch, den Kampf zu gewinnen. Auf welche Weise, und ob das überhaupt geht, das werden wir erst mit den nächsten Singles und dem Albumrelease im Mai erfahren. Lesen wir uns dann wieder?

    “We’re excited to get back into the color red again. Because the goal the whole time was learning how to utilize the thing that we were afraid of and try to win. This is kind of what the story is all about.”
    – Tyler Joseph

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    Fotocredit: Ashley Osborne

  • Exklusive Videopremiere: Krakus und „henker“

    Exklusive Videopremiere: Krakus und „henker“

    Wir treffen uns hier für eine exklusive Videopremiere in einem ungewöhnlich düsteren Gewand. Es geht um Zombies und um Leichen, um Särge und um den naja, Henker. Krakus ist schon vor ein paar Jahren in unsere Playlisten gestolpert, zuletzt in Zusammenarbeit mit Tom Taschenmesser und ihrer gemeinsamen EP normal dass du angst hast (hier von Lara rezensiert). Seither sind wir seiner unverfälschten Art verfallen, dieser sanften Stimme und den manchmal doch leicht morbiden Texten. „henker“ kam als Single-Vorbote bereits 2023 raus, und darf sich seit Mitte Februar dieses Jahrs in bester Gesellschaft anderer wahnsinnig guter Songs auf Krakus‘ Debütabum erinnerung verwischt wiederfinden. Und jetzt bekommt es auch endlich das verdiente Musikvideo – viel Spaß!


    „Ich bell.“

    Schuld, Hierarchie, Gleichgültigkeit. Verstimmte Synthies, jazzige Gitarren, tranceartiger Sound. Das sind die Hauptkomponenten des Songs henker. Spielt man ihn an, macht all das von der ersten Sekunde an Sinn. Das erste Geräusch könnte straight aus der Soundkulisse eines Horrorfilms kommen, so sehr huscht mir die Gänsehaut über den Körper. Wenn man henker an nur an einem einzigen Sound festmachen müsste, es wäre dieser.

    Nach diesem kleinen Gruseleffekt am Anfang steigt Krakus in das ein, was er am besten kann: assoziative Texte schreiben. Es springen einfach andere Synapsen an, wenn man Dinge hört wie „an deinen Zorn verformten Beinen“. Man hört es nicht nur, sondern sieht auch direkt vorm eigenen Auge entfalten. henker beschreibt auf eine sehr wirre und morbide Art wie es sich anfühlt zu leben, während alles um einen herum in sich zusammenfällt und stirbt. Wie sich die Gefühle, die man im Leben mitträgt, verbildlichen. Wie Verzweiflung in Wut in Verzweiflung umschwenkt und wie alleine und schuldig man sich dabei fühlen kann. Das Musikvideo liefert das passende Setting zu genau dieser Stimmung. In schwarz-weiß gehalten dreht sich Krakus mit Zigarette in der Hand vor dunklen Industriegebäuden im Kreis und fühlt sich allein.

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    Erinnerung verwischt

    Wer nach diesem uplifting Song Lust auf den Rest des Albums hat, sollte nicht lange zögern und in den Rest von erinnerung verwischt reinhören. Von nur mit dir, zu fenster und an diesen sommertage: die Liebe, die darin steckt, ist genauso präsent wie die Depressivität, und auf eine Art macht es das zu einem perfekten Album. Vielleicht stürzt es euch in eine Krise, vielleicht holt es euch aus einer heraus – ihr werdet es herausfinden. Empfehlen können wir es von Herzen allemal.

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    Fotocredit: Elena Landschützer

    Videocredit: Niklas Bomba