Kategorie: untold stories

  • Power Plush im Interview: „Wir sind ziemlich kraftvoll, aber auch ziemlich weich.“

    Power Plush im Interview: „Wir sind ziemlich kraftvoll, aber auch ziemlich weich.“

    Die Newcomer-Band Power Plush aus Chemnitz bereichert die deutsche Musik-Landschaft seit vergangenem Jahr mit warmen, sonnigen Indie Pop Klängen. Sie haben Bock, sie sind bereit, sie wollen raus auf die Bühnen. Im Untoldency-Interview stellen die vier Mitglieder sich und ihre Band vor und erzählen sowohl von Plänen, als auch von vergangenen Geschichten.


    Power Plush im Interview

    Dascha: Hey! Sehr cool, dass das geklappt hat. Wie geht’s euch?

    Anja: Gut, ist zwar im Moment alles etwas schwierig, vor allem mit dem Proben. Aber wir versuchen trotzdem Sachen zu planen und das Beste daraus zu machen.

    Dascha: Freut mich. Stellt euch doch alle mal kurz vor, für die, die euch noch nicht kennen.

    Anja: Ich fang einfach mal an. Also ich bin Anja und spiele in der Band Bass und singe. Ansonsten mache ich hauptsächlich Grafikdesign, Fotografie und einfach ein bisschen Kunst. Ich freue mich sehr, dass ich jetzt noch mit den drei sweeten Peeps Musik machen kann und bin schon stolz auf alles, was wir bisher gemacht haben.

    Svenja: Ich bin Svenja, ich spiele E-Gitarre und singe ebenfalls in der Band. Im Moment schreibe ich meine Bachelorarbeit. Damit bin ich bald hoffentlich fertig und kann mich dann voll und ganz auf die Band konzentrieren.

    Maria: Ich bin Maria, ich spiele auch E-Gitarre und singe auch. Ansonsten arbeite ich an der Uni als wissenschaftliche Mitarbeiterin und mache nebenbei auch ein bisschen Kunst.

    Svenja: Also Nino (der zu dem Zeitpunkt technische Schwierigkeiten hatte) spielt Schlagzeug bei uns in der Band und studiert auch. Er spielt auch noch in ein paar weiteren Bands, wir haben das Glück, dass er die Zeit gefunden hat bei uns auch mitzuspielen. Wir sind unendlich dankbar dafür, wir haben nämlich ewig nach einem/-r Schlagzeuger/-in gesucht. Jetzt fühlt es sich so an, als wäre er schon immer dabei gewesen, wir sind ein Herz und eine Seele geworden.

    Dascha: Wie würdet ihr eure Band in drei Wörtern beschreiben?

    Anja: Es gibt ja Power und Plush, ich finde das beschreibt uns ganz gut. Wir sind ziemlich kraftvoll, aber auch ziemlich weich. Sowohl als Band, als auch in unseren Persönlichkeiten, würde ich sagen.

    Nino: (Überlegt) Safe Space-ig.

    Anja: Oh ja, das ist wirklich so. Es fühlt sich auch nach so kurzer Zeit schon wie Family an.

    Dascha: Wie habt ihr euch überhaupt kennen gelernt und wie kam es zu der Band?

    Maria: Wir wurden verkuppelt, würde ich sagen. Einzelne von uns kannten sich flüchtig schon. Wir haben alle eine gemeinsame Freundin angequatscht, dass wir gerne Musik machen würden, aber nicht wissen wie und mit wem. Dann hat uns diese Freundin quasi verkuppelt und wir haben uns dann erstmal nur zu dritt auf einen Radler getroffen. Wir fanden uns direkt sympathisch und haben ein bisschen mit Akustik-Gitarren Musik in unseren WG Zimmern gemacht. Nino kam dann aus Svenjas Freundeskreis heraus dazu.

    Svenja: Genau, Anfang 2019 haben wir uns kennen gelernt und letzten Sommer ist Nino dazu gekommen.

    Anja: Das ist so ein richtiges Chemnitz-Ding. Jeder kennt irgendjemanden und über drei Ecken kennen sich dann alle.

    Dascha: Eure Single Homesick passt ja textlich auch ziemlich gut in die momentane Situation. Könnt ihr etwas genauer erklären worum es in dem Song geht?

    Anja: Da geht’s darum, dass man dieses Heimweh-Gefühl empfindet. Ich finde Heimweh ist eines der wenigen Gefühle, die man so richtig im Körper lokalisieren kann. Mir wird dann immer richtig krass flau im Magen. Wir wollten genau das in dem Song transportieren und ich finde das haben wir mega gut hingekriegt, in diesem Umschwung von Strophe zu Refrain.

    Im Prinzip geht es darum, dass man Heimweh nicht nach einem Ort verspürt, sondern nach einer Person. Das hat sicher damit zu tun, dass wir im Moment alle abstinent sind von den Menschen, die wir am liebsten um uns hätten. Eigentlich geht es aber um eine Fernbeziehung, da hört diese Situation ja auch nach Corona nicht auf. Wir wollten den Song unbedingt letztes Jahr noch veröffentlichen, weil der so richtig gut in die Zeit passt. Irgendwie kann das gerade jeder nachempfinden.

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    Dascha: Habt ihr Tipps wie man den Lockdown am besten überstehen kann?

    Maria: Gelassenheit!

    Nino: Und ganz viel spazieren gehen. Das trägt auch voll zur Gelassenheit bei.

    Anja: Wir sind alle richtig emotionale Personen und da irgendwie nicht verrückt zu werden ist schon schwer. Aber spazieren gehen und versuchen mit anderen Menschen zu kommunizieren ist ganz wichtig. Einfach mal jemanden anrufen, wenn’s dir gerade nicht gut geht.

    Svenja: Sich nicht zu sehr zu isolieren! Auch, wenn es schwer fällt, den Kontakt zur Außenwelt beizubehalten.

    Maria: Ich glaube, dass Nachsicht auch sehr wichtig ist. Alle sind seit ein paar Monaten schon so on egde und können ihre Emotionen vielleicht nicht mehr so gut kontrollieren.

    Dascha: Was habt ihr als Band für Ziele oder Pläne für 2021?

    Svenja: Kann man zwar gerade schlecht planen, aber wir wollen auf jeden Fall so viele Auftritte wie möglich spielen. Wir wollen unbedingt mehr Erfahrung auf der Bühne sammeln, weil wir so viel Bock zu spielen haben.

    Anja: Und wir noch richtige Babys sind. (lacht)

    Dascha: Konntet ihr letztes Jahr trotz Corona ein paar Auftritte spielen?

    Anja: Als wir Let’s Not Pretend rausgebracht haben konnten wir ein kleines Release-Konzert unter Corona Richtlinien spielen, das war sehr schön. Und wir konnten auf einem lokalen Festival spielen und noch ein kleines Proberaum Konzert mit Freunden. Uns sind tatsächlich ein paar Auftritte wegen des Wetters weggefallen, nicht wegen Corona, das war schade.

    Dascha: Wie schade! Hoffentlich dann dieses Jahr. Was für Bands feiert ihr selbst im Moment?

    Svenja: Das ist bei uns immer sehr unterschiedlich. Ich höre im Moment ganz viel Cinemagraph.

    Maria: Ich bin gerade absolut obsessed mit Snarls. Da hab ich mir letztens erst Platte und Shirt bestellt.

    Anja: Meine all all all time favorite Band wird für immer Parcels sein. Die sind halt einfach verdammt gut. Aber es gibt viele Sachen aktuell. Zum Beispiel, auch wahrscheinlich aus persönlichen Gründen, Shelter Boy.

    Svenja: Oh ja, Shelter Boy ist auf jeden Fall von uns allen ein Favorit!

    Nino: (Schaut in seinem Spotify nach) Ich höre gerade extrem viel Die Selektion, so dark wave.

    Maria: Dürfen wir auch Werbung für andere Bands aus Chemnitz machen? Tooth Paint hat vor Kurzem eine Single rausgebracht und die ist wirklich sehr sehr gut!

    Dascha: Wie fühlt es sich für euch eigentlich an in genau so einer Krisenzeit eure ersten Songs zu releasen? Denkt ihr es wäre anders gelaufen, wenn Corona nicht wäre?

    Svenja: Ich denke da tatsächlich sehr viel drüber nach. Zum Einen ist es sehr ärgerlich, dass wir total ausgebremst werden. Auf der anderen Seite hat uns der Lockdown sehr gut getan, weil wir uns selbst finden konnten und viel mehr Zeit war, um einfach auszuprobieren, ohne Stress.

    Anja: Ich glaube wir hätten nicht die Zeit gehabt, die wir durch Corona tatsächlich hatten. Diese Findungsphase war sehr wichtig für uns, sodass wir jetzt wissen, dass es in diese indie, sunny, dreamy-Richtung geht.

    Maria: Es ist halt doof und anstrengend, dass wir nie planen können. Aber letztendlich kennen wir es gerade auch gar nicht anders.

    Dascha: Ich hoffe auch, dass es bald wieder normaler weitergeht. Jetzt komme ich auch schon zur letzten Frage. Da wir bei Untoldency sind frag ich euch hier nach einer untold story. Also einer Geschichte oder einem Geheimnis, das die Öffentlichkeit noch nicht über euch weiß.

    Nino: Ist eine sehr coole Frage auf jeden Fall!

    Anja: Unser erster richtiger Auftritt zu dritt, leider noch ohne Nino. Ich glaube, es gibt keinen klischeehafteren ersten Auftritt als diesen. (alle lachen) Mehr hätte nicht schief laufen können. Ein Künstler aus Chemnitz hat uns die Möglichkeit geboten einen Auftritt bei seiner Ausstellung zu spielen. Damals hatten wir uns noch nicht mal für einen richtigen Band-Namen entschieden. In der Facebook Veranstaltung stand einfach: „Die Gruppe Torpedo-Bernsdorf wird auftreten.“ Bernsdorf ist ein Stadtteil in Chemnitz, aus dem der Künstler kommt. Auf jeden Fall waren wir vor dem Auftritt so unglaublich aufgeregt.

    Wir haben auch einen Soundcheck gemacht, aber bevor wir spielen konnten, kamen Leute die das Mischpult verstellt haben, weil die vor unserem Auftritt noch etwas ankündigen und erzählen wollten. Unser Soundcheck war völlig dahin. Während unseres Auftritts waren unsere Mikros komplett übersteuert oder kaum hörbar, die Gitarre war ultra laut. Als Svenja und ich angefangen haben zu singen, mussten wir lach-weinen und sind komplett rot geworden. (lacht)

    Svenja: Es war so unangenehm! Das schlimmste war, dass wir nicht mal erhoben auf einer Bühne standen, sondern direkt auf einer Ebene mit diesen vielen Menschen um uns herum. Wir mussten ihnen direkt ins Gesicht schauen und hatten auch noch Leute direkt hinter uns im Nacken.

    Maria: Ich war da in so einer Schockstarre, ich konnte nicht mal meine Gitarre leiser machen.

    Anja: Der einzige Song der dann funktioniert hat war der letzte. Ich lache jetzt so gerne über diese Geschichte, aber in dem Moment war das so schlimm.

    Svenja: Das geilste war, dass nach dem Auftritt eine ältere Dame zu mir kam, die ich noch nie gesehen habe und einfach nur sagte „Ihr müsst ja noch üben.“ Das war so AUA, weil wir hatten tatsächlich viel dafür geübt.

    Maria: Wenn das mit dem verstellten Mischpult bloß nicht gewesen wäre. Die Besucher der Ausstellung waren alle auch einfach so „What the fuck is going on?“. Das waren so richtige Kunstpublikum-Leute und wir haben da Britney Spears gecovert. (lacht) Naja, es hätte auch eine Kunstperformance sein können.

    Anja: Immerhin konnte es danach nur noch bergauf gehen.

    Dascha: Danke euch! Das war’s dann von meiner Seite.

    Anja: Beim nächsten Mal erzählen wir eine Geschichte mit Nino und erleben bis dahin ganz viele tolle Sachen!

    Svenja: Leute, eigentlich könnten wir ja jetzt auch „Never“ ankündigen. Da kommt nämlich ganz bald neue Musik von uns.

    Anja: Stimmt! Wir haben ja drei verschiedene main Vocals, bis jetzt sind zwei Singles draußen mit zwei verschiedenen main Vocals und dementsprechend kommt da eventuell ganz bald Nummer drei.

    Nino: Wollen wir denn kein Datum droppen?

    Anja: Ach kommt, dann hauen wir hier richtig raus.

    Maria: 19. Februar.

    Svenja: Das war’s jetzt aber auch wirklich von uns!

    Hört hier in die erste Single Let’s Not Pretend rein:

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    Foto Credit: Daniel Fransk

  • SPERLING im Interview: »Man fühlt sich verstanden und weniger allein.«

    SPERLING im Interview: »Man fühlt sich verstanden und weniger allein.«

    „Die meisten Vögel ziehen über den Winter in wärmere Gefilde. Der Sperling jedoch bleibt und harrt aus, bis es wieder wärmer wird.“

    Die Band SPERLING bezieht ihren Bandnamen aus genau dieser Charaktereigenschaft. Sie verarbeiten mentale Rückschläge, innere Dämonen und alle Zweifel, die namensgebend waren für ihr Debütalbum. Musikalisch sind sie ein Muss für alle Heisskalt-Fans, die sich wieder nach ehrlicher Rockmusik sehnen, die auch trostspendend ist. Anna hat mit ihnen über ihr heute erschienenes Debütalbum „Zweifel„ gesprochen, die Produktion und welchen Song sie als erstes live spielen wollen, wenn es wieder möglich ist.  

     
    SPERLING im Interview

    Anna:  Hey ihr, cool, dass ihr euch die Zeit nehmt! Wie geht’s euch, seid ihr gut ins neue Jahr gerutscht?

    SPERLING: Hey Anna, uns geht’s gut soweit! Wir sind natürlich sehr aufgeregt bei dem Blick auf das jetzt vor uns liegende Jahr. Bei uns steht viel an und wir hoffen darauf, dass der Release unseres Debütalbums so läuft, wie wir uns das gedacht haben.

    Wir sind alle gut in das neue Jahr gekommen, nur natürlich viel stiller als normalerweise. Bei uns ist es inzwischen eine Tradition, dass wir Silvester als Band zusammen feiern. Malte und Luca haben um Weihnachten herum Geburtstag und wir sehen uns da einfach immer. Das ist halt leider alles ausgefallen, was natürlich mega schade war. Aber das ist natürlich nicht das Ende der Welt. Wir müssen halt gerade alle gegenseitig auf uns und unsere Mitmenschen aufpassen – und vielleicht klappt das Feiern am Ende dieses Jahres ja wieder. Und „nicht feiern können“ ist ja sowieso eher ein Luxusproblem.

    Anna: Als kleine Vorstellung für diejenigen, die euch noch nicht kennen: Wer steckt hinter „Sperling“ und was für Musik macht ihr?

    SPERLING, Untoldency, Untoldency Magazine, Indie, Musik, Blog, Blogger, Online Indie Musik Magazin, sperling, zweifel, wirsindsperling, sperlingbandSPERLING: Wir sind fünf Jungs aus dem Rhein-Hunsrück-Kreis und machen Rapmusik kombiniert mit Indie- und Post-Hardcore-Elementen sowie einem Cello. Uns gibt’s seit 2013, allerdings damals noch unter anderem Bandnamen. Als 2015 dann Max am Bass zu uns kam, waren wir komplett und sind es bis heute. Wenn wir über unseren Sound reden, dann würden wir uns als eine Art Mischung aus Casper-ähnlichem Sprechgesang gepaart mit Fjørt-mäßigen Post-Hardcore-Wänden beschreiben. Wir stehen auf viel Wärme und Breite in unserem Sound, außerdem lieben wir den Reverb und den hölzernen Klang des Cellos.

     
    „Was uns wirklich am schwersten fiel, war auf die Auftritte verzichten zu müssen.“

    Anna: „SPERLING“ ist ja noch ganz frisch – im Mai letzten Jahres erst habt ihr euch für den neuen Bandnamen entschieden und damit ein ganz neues Kapitel aufgemacht. Wie war das letzte Jahr für euch, wie habt ihr all das wahrgenommen?

    SPERLING: Es war natürlich keine leichte Aufgabe einen Bandnamen abzulegen, den wir schon so lange mit uns tragen. Aber wir sind sehr froh, dass wir es gemacht haben! Wir können jetzt vollkommen hinter diesem Namen stehen und sind glücklich, dass unser erstes Album nun endlich unter unserem neuen Namen veröffentlicht wird.

    Das letzte Jahr war für uns kein leichtes Jahr. Ein neues Kapitel aufzumachen dauert seine Zeit und braucht viel Platz für Diskussionen. Man verbindet viele Erinnerungen mit dem alten Namen, aber es ist letztendlich auch nur ein Begriff. Wir selbst formen daraus, was er bedeuten soll. Wir sind ja immer noch dieselben. Außerdem hat sich unser Release um fast ein ganzes Jahr verschoben, und somit natürlich unser gesamter Zeitplan. Was uns wirklich am schwersten fiel, war auf die Auftritte verzichten zu müssen. Wir als Musiker lieben nichts mehr als draußen vor Leuten unsere Musik zu spielen und mit unserem Publikum und unserer Crew eine gute Zeit zu haben. So etwas lässt sich auch durch Livestreams leider nicht ganz ersetzen – auch wenn es natürlich eine gute Alternative war, um wenigstens irgendetwas spielen zu können.

    Diese gewonnene Zeit haben wir aber auch genutzt, um uns neu aufzustellen. Wir haben die genialen Leute vom Label Uncle M und der Booking-Agentur Kingstar kennen gelernt und sind super glücklich mit ihnen zusammenzuarbeiten. Auch unser Musikverlag Kick The Flame ist mit ins Boot gerutscht. Mit ihnen allen konnten wir unseren Release komplett neu aufrollen.

     
    „Die Produktion des Albums war für uns eine sehr intensive Zeit.“

    Anna: Davor hattet ihr schon Singles und EPs draußen, aber jetzt kommt das Debütalbum „Zweifel“. So ein Release fühlt sich ja nochmal ganz anders an. Auf einer Skala von 1 bis 10, wie aufgeregt seid ihr, es in die Welt zu lassen?

    SPERLING: Wir würden sagen, es ist schon eine 9! Wir sind schon sehr aufgeregt und freuen uns total darauf! Wir arbeiten seit fast zwei Jahren an diesem Album und es ist ein seltsames und auch großartiges Gefühl, es den Menschen endlich zeigen zu können.

    SPERLING, Untoldency, Untoldency Magazine, Indie, Musik, Blog, Blogger, Online Indie Musik Magazin, sperling, zweifel, wirsindsperling, sperlingbandDie Produktion des Albums war für uns eine sehr intensive Zeit. Wir haben uns viele Wochenenden alleine im Proberaum eingeschlossen. Aber auch mit unserem Produzenten Beray Habip haben wir viel Zeit, Mühe und auch Liebe in dieses Album gesteckt. Wir sind jetzt einfach nur froh, es endlich veröffentlichen zu können. Wir haben eine Woche vor der Produktion mit Beray ein Wohnmobil und ein großes Zelt aufgestellt und an den Songs geschraubt. Danach ging es dann mit ihm ins Studio und wir wussten so genau, was zu tun ist. Es war eine unfassbar produktive und gute Zeit.

    Bei unseren beiden EPs war das damals eine ganz andere Sache. Auf deren Veröffentlichungen hatten wir uns nicht großartig vorbereitet, obwohl die Freude und der Spaß beim Produzieren natürlich auch da waren. Jetzt haben wir uns aber, wie gesagt, lange und intensiv vorbereitet und in Zukunft auch noch einige coole Sachen in der Rückhand. Eine Tour und Shows für 2021 sind ebenfalls geplant. Da können wir zum jetzigen Zeitpunkt aber noch nichts Festes zu sagen, da wir natürlich alle nicht wissen, wie sich das Jahr so entwickeln wird.

     
    „Es gibt Sachen, die man nicht hinter Metaphern und Bildern verstecken kann“

    Anna: Welche Themen verarbeitet ihr auf „Zweifel“? Und was steckt hinter dem Albumtitel?

    SPERLING: Unsere Texte beschäftigen sich hauptsächlich mit dem, was in unseren Köpfen vor sich geht. Unsere Geschichten handeln oft vom Zweifeln und daher kommt auch der Albumtitel. Der „Zweifel“ steckt einfach in jedem Song mit drin. Es geht um die Zweifel an uns selbst, unseren Entscheidungen, unserer Zukunft, und an der Gesellschaft an sich. Das allerdings auch immer mit dem Zeigefinger auf uns selbst, da wir ja selbst Teil dieser Gesellschaft sind.

    Es gibt Sachen, die man nicht hinter Metaphern und Bildern verstecken kann, aber auch nicht für sich behalten will. Der Entstehungsprozess des Albums war deshalb keine leichte Aufgabe für unseren Leadsänger Jojo. Er musste sich intensiv mit seinen Dämonen beschäftigen, die in den Texten verarbeitet werden. Für uns persönlich war es immer ein großer Trost in einem Song zu hören, wie jemand genau das beschreibt, was in einem selbst vorgeht. Man fühlt sich verstanden und weniger alleine. Es hat uns geholfen, das Chaos in unseren Köpfen zu sortieren. Genau das wollen wir auch mit unseren Texten erreichen. Wir möchten gerne ein Sicherheitsnetz sein für diejenigen, die sich genauso fühlen, um ihnen zu zeigen, dass alles oft nur halb so schlimm ist. Man kann mit jeder Schwierigkeit und jedem Problem fertig werden.

    Anna: Habt ihr einen Moment während des Albumprozesses, der besonders prägend war oder an den ihr euch gerne zurückerinnert?

    SPERLING: Was einen Song betrifft, da fällt uns spontan Mond ein. Normalerweise ist es so, dass unser Gitarrist Malte ein grobes Instrumental für unsere Songs schreibt oder schon ein paar ausgearbeitete Ideen hat, die dann im Proberaum zum fertigen Song werden. Die Texte schreibt Jojo dann in der Regel auf das fertige (oder halbfertige) Instrumental. Bei Mond war es jedoch so, dass Jojo den fertigen Text schon geschrieben hatte und ihn erst mal nur für sich behielt. Es war der bis dahin persönlichste und auch emotionalste Text, den er bisher geschrieben hatte. In einer unserer Proben hat Max dann zufällig eine Bass-Melodie gespielt, eigentlich nur um den Sound zu testen. Jojo fiel aber direkt der Text ein, der perfekt darauf gepasst hat. In dieser Nacht ist dann Mond entstanden und heute ist er einer unserer Lieblingssongs auf dem Album.

    Anna: Ihr als Band lebt ja, kann ich mir vorstellen, auch gerade für das Live-Auftreten. Wenn das wieder möglich ist, gibt es ein Lied, worauf ihr euch besonders freut, das dann live zu spielen?

    SPERLING, Untoldency, Untoldency Magazine, Indie, Musik, Blog, Blogger, Online Indie Musik Magazin, sperling, zweifel, wirsindsperling, sperlingbandSPERLING: Wir freuen uns eigentlich auf alle Songs. Wir haben im Moment sogar Bock, die Songs zu spielen, die wir schon seit fünf Jahren spielen, einfach um nochmal live auftreten zu können. Aber wenn wir uns entscheiden müssten, freuen wir uns auf die Songs am meisten, die wir noch nie live gespielt haben. Es ist fast schon ein wenig seltsam, all diese Songs, die wir schon seit so langer Zeit kennen und fertig haben, immer noch nicht live gespielt zu haben. Wir hoffen einfach, dass es bald wieder möglich ist und wir endlich wieder auf eine Bühne dürfen.

    Anna: Unsere Schlussfrage geht ein bisschen abseits der Musik: Welches Buch habt ihr zuletzt gelesen, dass euch so gut gefallen hat, dass ihr es hier weiterempfehlen könnt?

    SPERLING: Wir empfehlen „Metro 2033“ und auch die beiden Fortsetzungen. Es ist ein russisches Buch und spielt im postapokalyptischen Moskau, bzw. in den U-Bahntunneln von Moskau, da die normale Welt so starker Strahlung ausgesetzt ist, dass sie unbegehbar geworden ist. Die Geschichte erzählt von einem jungen Mann namens Artjom, der seine persönliche Reise quer durch die Metro in Moskau bestreiten muss. Die Geschichte und ihre Welt ist wahnsinnig düster und zeigt gut die Abgründe der postapokalyptischen Menschheit. Es gibt auch einige Parallelen zu unserer Zeit. Alternativ ist auch die Hörbuchversion fantastisch. Ist vielleicht nicht für jeden was, aber wer auf dieses Genre steht, ist mit dieser Geschichte bestens bedient.

     

    Hört hier ins neue Album „Zweifel“ rein:

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    Fotocredit: Simon von der Gathen und David Neff

  • Blackout Problems im Interview: »Die Vorzeichen standen noch nie schlechter.«

    Blackout Problems im Interview: »Die Vorzeichen standen noch nie schlechter.«

    Blackout Problems werden eurer 2021 aufrütteln. Mario, Marcus, Michi und Moritz (ich nenn sie manchmal die vier M’s) kommen aus München und sollten eigentlich schon auf eurem Radar sein. Wenn nicht, dann ist jetzt die perfekte Möglichkeit dazu. Mit ihrem dritten Album DARK haben sie eine Welt des Dark-Pops geschaffen, das nicht nur vom Klangbild überzeugt, sondern auch zu politischen Themen eine Meinung dalässt. Es geht um die Wut über eine Gesellschaft, die unfähig scheint, die Welt zu einem zukunftsfähigen Ort zu machen. Es geht aber auch um die Hoffnung, dass sie es vielleicht doch noch schafft. Eine Flut an Gefühlen von Wut, Verwirrung und Mitgefühl wird verpackt in rockige, laute, treibende aber auch poppige Songs. Die Gemeinsamkeit: alles klingt irgendwie dark.

    2012 gegründet haben Blackout Problems 2018 mit KAOS für mich ein Album veröffentlicht, von dem ich nicht dachte, dass sie es drei Jahre später toppen können. Aber sie können’s. DARK lässt mich von vorne bis hinten Moshpits vermissen wie kaum ein anderes Release in diesen komischen Zeiten. Und oben drauf ist es auch einfach nur schön. Um meine Konzert-Vermissung also ein bisschen zu kompensieren, habe ich mich per Zoom mit Michi, dem Drummer der Band, getroffen. Wir haben lange und ausführlich um alles rund um’s Album geredet. Aber auch Fan-Fragen haben hier ihren Platz gefunden und am Ende gibt’s sogar ne Buchempfehlung. Ist also ein Lesen wert.  

     
    Blackout Problems im Interview

    Anna: Hey! Cool, dass das geklappt hat. Wie bist du ins neue Jahr gekommen?

    Michi: Hey! Ich hab Silvester mit meiner Freundin verbracht und wir haben auch echt gar nichts gemacht, einfach den Abend mit was Schönes zu Essen auf der Couch verbracht. Sie ist tatsächlich um zehn vor 12 eingeschlafen (lacht), ich hab sie nochmal geweckt, ihr ein gutes Neues gewünscht und bin dann auch kurze Zeit später eingeschlafen. Es war also sehr unspektakulär, was ich überhaupt nicht schlimm finde. Ich fands aber am nächsten Tag schlimmer, dass man einfach diesen sozialen Entzug so merkt. Vor allen an Silvester war’s doch bei mir zumindest jedes Jahr so, dass wir so 6-7 Personen an einem Ort waren. Das dann zu realisieren, dass das einfach fehlt, war hart.

    Anna: Ja, das stimmt… In guten News aber: Ihr veröffentlicht jetzt euer neues Album „DARK“. Wie fühlst du dich dabei? Fühlt sich der Release anders an als die davor?

    Michi: Boah ja, definitiv. Aus ganz vielen Gründen. Ich glaub, der offensichtlichste ist der, dass wir nicht unterwegs sein können. Das ist so ein riesen Teil unserer Band, deswegen ist das total komisch, das Album rauszubringen und kein direktes Feedback zu bekommen. Bei KAOS waren wir ja fünf Tage in Folge unterwegs und haben in so ganz kleinen Clubs gespielt. Das war total schön und auch wichtig für uns als Band. Und dass wir das jetzt nicht machen können, ist total komisch und super scheiße. Es ist einfach ne ziemlich harte Zeit für alle und es hat noch nie so sehr an uns gezehrt, ne Platte rauszubringen. Die Vorzeichen standen einfach noch nie schlechter (lacht). Aber das macht nichts, weil wir so einen krassen Drang verspürt haben, diese Songs zu releasen.

     
    „Es war gar keine Zeit, irgendwie zu rasten“

    Anna: Ich verfolg euch seit euerm letzten Album, KAOS. Das war 2018, seitdem ist viel passiert. Wie habt ihr eure Entwicklung der letzten zwei Jahre wahrgenommen?

    Michi (überlegt): Ich find‘s schwierig, weil keiner von uns hatte Zeit, mal kurz aus der Blase auszusteigen und das irgendwie zu checken, was wir da eigentlich alles gemacht haben. Wir sind noch so tief drin in diesen Kosmos, den wir uns selbst aufgebaut haben, dass noch niemand ernsthaft mal draufgucken und das als Ganzes begreifen konnte. Nach der letzten KAOS-Tour Show, das war im Dezember 2018, sind wir eine Woche später auf ‘ne Hütte gefahren und haben direkt neue Songs geschrieben. Das heißt, es war auch gar keine Zeit irgendwie zu rasten. Für mich ist es deshalb auch gar keine so krasse Entwicklung, sondern einfach nur eine Weiterführung von der Entwicklung, die wir eh schon seit Tag 1 durchmachen.

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    Anna: Ich durfte schon reinhören und find’s einfach richtig gut. Es klingt treibender, definitiv wütender und fast schon explosiv. Trotzdem sind auch einfach nur schöne Songs mit dabei. Wie waren der kreative Prozess und das Erarbeiten des Konzepts von DARK?

    Michi: In vielen Bands ist es ja so, dass jeder seinen Einfluss mitreinbringt. Da unsere Einflüsse aber teilweise so konträr und unterschiedlich sind, würde das Prinzip bei uns gar nicht funktionieren. Deswegen haben wir gesagt, „hey, lass für uns einen Begriff versuchen zu definieren, lyrisch und musikalisch, uns innerhalb von dieser Welt ausleben und da unsere Persönlichkeiten mit reinbringen“. Und da lag uns „dark“ irgendwie sehr nah. Anstatt also zu sagen, jeder bringt 25% von seinem Einfluss mit rein und wir gucken, was da bei rauskommt, haben wir eher geguckt, was wollen wir kollektiv machen? Was fühlen wir alle gemeinsam, wo können wir uns gemeinsam hinbewegen? Das war eher so die Herangehensweise bei DARK.

     
    „Murderer war super als erstes Lebenszeichen!“

    Anna: Ihr behandelt auf dem Album mehrere politische Forderungen – mehr Kampf gegen den Druck von rechts und mehr Kampf gegen den Klimawandel. Es scheint, als würden sich die Probleme immer weiter zuspitzen und es MUSS gehandelt werden. War das die wichtigste Message, die ihr mit dem neuen Album rüberbringen wolltet?

    Michi: Für mich ist das alles so der Spiegel, den man als Künstler oder Musiker der Gesellschaft vorhalten kann, wenn man das will. Und das ist ja das, was wir machen. Wir gucken, was passiert, und das beeinflusst uns, wie es jeden Menschen auf der Welt auch beeinflusst. Ich glaub, die wichtigste Message von DARK ist einfach die, dass sich niemand komplett immun machen sollte gegen das, was auf der Welt passiert. Und wenn es Sachen gibt, die gerade brennen, wie die Klimakrise oder der Druck von rechts, wie du sagst, dann wär‘s uns am allerliebsten wenn die Leute das als Ansporn nehmen, um sich ein bisschen zu informieren und fragen, hey warum sind denn deren Ansichten so krass oder warum wird’s bei Murderer so beim Namen genannt? Uns ist einfach nur wichtig, dass man nie aufhört, zu denken und nicht sagen kann, das geht mich eigentlich gar nichts an.

    Anna: Habt ihr euch deshalb auch für Murderer als erste Single-Auskopplung entschieden?

    Michi: Ja…, den haben wir zwei Mal verschoben tatsächlich. Wenn man guckt, wann das Attentat auf Walter Lübke war… (überlegt und setzt neu an). Wir wollten es natürlich so nah wie möglich an dem Ereignis rausbringen. Deswegen sollte das die erste Single sein. Und weil wir den auf der Royal Republic Support-Tour gespielt haben und darauf sehr, sehr gute Resonanzen bekommen haben, aus komplett Europa irgendwie. Egal, wo wir den gespielt haben, war es immer „ey, das ist ein geiler Song!“ Das kann auch daran liegen, dass wir den immer als letzten gespielt haben, aber trotzdem war es für uns so das Gefühl, dass der Song was Besonderes ist. Er hebt sich irgendwie ab und war deshalb super als erstes Lebenszeichen.

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    Anna: Das Musikvideo ist geprägt von Blut und verstörenden Bildern – ich find’s sehr eindrucksvoll.

    Michi: (lacht) Und es funktioniert auch super bis auf Tik Tok! Tik Tok mag sowas nicht, ist richtig krass.

    Anna: Ist es direkt gebannt worden?

    Michi: Nee, das nicht, aber die Reichweite wurde extrem eingeschränkt. Richtig, richtig witzig. Deswegen haben wir’s auch bisschen aufgegeben, unsere Inhalte auf der Plattform zu streuen, weil die irgendwie zu krass reguliert werden. Kreative Freiheit, nichts wert. Naja. Egal, anderes Thema (lacht).

    Anna: Bin im Tik Tok Game auch gar nicht drin… Aber ja (sortiere mich kurz). Genau, die visuelle Umsetzung scheint euch sehr wichtig zu sein. Ich finde, man sieht bei jedem Video, dass ihr euch sehr viele Gedanken drum macht. Woher kommen da eure Inspirationen bzw. wie weit seid ihr da kreativ mit eingebunden?

    Michi: Das ist auch bandintern verschieden. Da gibt’s Menschen, die haben daran Interesse, es gibt andere, die haben gar kein Interesse daran. Ich muss sagen, mir ist es relativ wurst (lacht). Ich kann einfach schlecht bei jedem Bereich von Musik 100% reingeben, deshalb halt ich mich da bei manchen Sachen einfach raus. Und Thema Musikvideos, da haben wir einfach mit Bernie und Moritz Schinn zwei Freunde, die sich da gerne ausleben. Leider bin ich bei der Frage aber offensichtlich nicht der Richtige (lacht).

     
    „Um der Platte ein bisschen Kontext zu geben, machen wir diese Doku“

    Anna: Aber vielleicht kannst du zu einer anderen visuellen Umsetzung was sagen: Ihr habt auch eine DARK DAYS Dokumentation, in der ihr in mehreren Episoden euren Albumprozess begleitet habt. Warum habt ihr euch dazu entschieden, das so festzuhalten?

    Michi: Wir hatten schon immer diesen Doku-Gedanken im Hinterkopf gehabt und haben den ja auch schon öfter in abgespeckter Variante umgesetzt. Aber jetzt bei den DARK DAYS wollten wir halt unbedingt was haben, was das alles begleitet. Weil wir, auch wenn‘s für uns persönlich musikalisch keine große Entwicklung war, schon gemerkt haben, dass das Album auf alle Fälle für die Leute so ein kleiner Brocken ist. Das ist jetzt nicht KAOS in 2021, das ist schon so ein bisschen viel Input auf einmal. Deshalb dachten wir, um der Platte ein bisschen Kontext zu geben, wo das herkommt, wo die Themen herkommen und wie das war für uns, machen wir diese Doku.

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    Anna: Hast du eine Lieblingsepisode?

    Michi: Ja, ich hab tatsächlich eine Lieblingsepisode. Das ist die nächste, die kommt, die Black Lives Matter Episode. Aber jede Folge ist gut (lacht).

     
    „Die Band ist mein Zuhause“

    Anna: Weil wir dich gerade als Drummer hier haben und ich mich jetzt als ein Riesen-Fan deiner Art, Schlagzeug zu spielen, oute: Hast du das Gefühl, dass du dich mit der Band weiterentwickelst und auch neue Sachen ausprobieren kannst?

    Michi: Aw, vielen Dank. Ja, definitiv. Ich hab ganz viele musikalische Interessen und auch an Projekten außerhalb von Blackout Problems. Aber diese Band ist auf jeden Fall mein zuhause und ich bin da schon extrem viel gewachsen. Ich hab da ganz, ganz viel gelernt und Gott sei Dank auch den Raum bekommen, meinen eigenen Stil entwickeln zu können. Viele Schlagzeuger spielen in Bands, die sehr von oben herab geführt werden und wo sehr geguckt wird, dass du nur der reine Taktgeber bist. Und das war schon von Anfang so bei Blackys, dass ich mehr sein konnte, durfte und auch sollte als nur das. Und das ist ein ganz wichtiger Freiraum, der mir da gegeben wurde und ohne den hätte ich mich auch niemals so weiterentwickeln können. Von daher, ja definitiv.

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    Anna: Welches Lied lässt dich live am meisten auspowern? Gibt’s ein Song, nach dem du wirklich tot bist?

    Michi (lacht): Ich weiß nicht, was es ist, aber ich leg mir manchmal so ein paar Eier. Ich versuch im Studio immer dran zu denken, dann auch Sachen zu spielen, von denen ich weiß, die kann ich auch nach zwei Wochen auf Tour mit irgendwie nur drei Stunden Schlaf noch spielen. Es klappt aber nie. Irgendwie bin ich dann doch so, dass ich dann einfach aus meinem Anspruch heraus was für mich total Forderndes spielen will. Wie das Outro von Darling, der komplette Song Ghost oder Sachen bei Lady Earth. Da merk ich jetzt schon bei den Proben für die Live-Sessions, puh, das ist hart. Difference ist tatsächlich jedes Mal wirklich nicht einfach, Charles ist ein kompletter Schmarrn, keine Ahnung, warum ich das im Studio so eingespielt hab (lacht)

    Anna: Weil’s sich gut anhört!

    Michi: Ja klar, aber man denkt halt im Studio nie an live und das soll ja live auch Spaß machen. Du sollst da ja nicht oben sitzen und denken fuck ich will den Song nicht spielen, weil ich schaffs körperlich nicht. Das ist ein blödes Gefühl. Aber es macht auch irgendwie süchtig, das zu pushen und zu schauen, wo ist das Limit, kann ich das noch ein bisschen verschieben nach hinten. Also ja, es gibt viele und man wird’s auf alle Fälle live merken, wenn wir wieder live spielen, was die Songs sind, die ein bisschen problematisch sind (lacht).

    Anna: Als letzte Fragen haben wir ganz off topic eine Buchempfehlung. Weil wir alle sagen immer „wir müssen mehr lesen“, aber oft bleibt man einfach auf Netflix oder Insta hängen. Deshalb hier die Frage jetzt: Welches Buch hat dich zuletzt richtig vom Hocker gehauen?

    Michi: The PMA-Effect von John Jospeh, Sänger von den Cro-Mags, das ist ganz toll. Was ich gerade lese ist Why You Should Quit Social Media, das kann ich auf jeden Fall empfehlen. Nicht, weil man unbedingt Social Media quiten muss, sondern weil es einfach interessant ist, zu sehen, wie das Ding aufgebaut ist, was es mit deiner mentalen Gesundheit macht, wie Werbung funktioniert, usw. Ich find nämlich jetzt, gerade in Corona-Zeiten, wo alle Richtung digital rennen, voll wichtig, einfach Bescheid zu wissen, was das mit einem macht.

     

    Hört hier in das Album rein und wir moshen in Gedanken zusammen:

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    Fotocredit für die Bandpics geht raus an Moe Schinn.

  • LEISURE im Interview: »Our best songs manage to capture the vibe of the 5 of us having fun.«

    LEISURE im Interview: »Our best songs manage to capture the vibe of the 5 of us having fun.«

    LEISURE heißt übersetzt „Freizeit“ – und das passt ziemlich gut zu der fünfköpfigen Band aus Neuseeland. Nach zwei erfolgreichen Alben kam Ende Oktober nun die erste von zwei EPs: LEISURE SIDE A. Entstanden in Paris und somit ziemlich weit weg von zuhause bildet SIDE A den Start eines neuen Kapitels.

    Wer leicht verträumten Bedroom-Indie mag, ist hier genau richtig. Ich wage zu behaupten, dass sich Fans von den Rikas oder Parcels sich hier wohlfühlen. Denn darum geht’s den fünf aus dem fernen Down Under auch. Einfach Musik machen, die entspannt und zum Hängen mit Freunden einlädt. Damit wir sie alle ein bisschen besser kennenlernen, hab ich LEISURE zu einem Interview eingeladen. Es gibt eine sehr interessante und Bandgeschichte, sympathische Anekdoten aus der EP-Entstehung und ein Einblick in die Covid-Situation auf der anderen Seite der Welt.

     
    LEISURE im Interview

    Anna: Hey guys! First off, thank you for taking the time to talk to me. How are you?

    LEISURE: We’re really good, thanks! Here in NZ we are currently covid-free (knock on wood) and have just played a show to a real live audience for the first time since the start of the year so we are stoked. Feels good to be back!

    Anna: You’re five artists from New Zealand, coming together in you band called LEISURE. What can you tell us about yourself? What kind of music do you make and how did you find your way to making music together?

    LEISURE: We didn’t start off wanting to create a band – it all happened very naturally. Jaden had invited us all away to a house he’d rented by the beach for a week to write some music. We weren’t writing for anyone in particular and we weren’t writing as LEISURE but by the end of that week we realised we had something special. Even though we didn’t even know each other that well at the time, we’d all played in other bands that crossed paths at some point, we just ended up getting along really well. We put a song on Soundcloud and then joked about doing a gig and it just snowballed from there!

    We’re just 5 friends who enjoy getting together and making music. LEISURE is a project we do for fun. We all have our own careers so it means that we don’t have the same pressures as other bands/groups trying to ‘make it’ – we have the freedom to just release the music we want without worrying about the numbers.

     
    „Definitely a surreal experience“
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    Anna: What is it that you aim for with your songs? What are the messages and vibes you want to convey/create?

    LEISURE: Our best songs manage to capture the vibe of the 5 of us hanging out and having fun. I think we want to convey the feeling that we get when we go away to a secluded coastal town somewhere in NZ and can just be free to create. Hopefully when people listen to our music that’s the vibe they get.

     

    Anna: You already released two albums, what was your process for this EP? What impact did Covid have on this project?

    LEISURE: This EP had the same process as the other albums except this time we wrote a bunch of the songs in France. When we put out our very first single we joked about making the second album in the South of France so when we got the chance to do our European tour we booked some time at the end of it to write some songs. It may not have been for our second album but we did get there eventually – definitely a surreal experience. By the time we entered our first lockdown in March we had plenty of material to finish off. It was a lot of emailing songs back and forth and trying to do sessions over zoom. Not our usual way of working but we managed to get the songs to a place where we can meet up and finish them together.

     
    „We have to stay optimistic“

    Anna: I know that all the Corona talk is tiring sometimes, but as you’re on the complete opposite side of the world, I’m curious: How was the lockdown for you? Are you still concerned or optimistic towards the future, especially in the music industry that depends of being able to play live?

    LEISURE: We’ve been through a couple of lockdowns now and this second one was a little tougher mentally. I think it’s because we got used to having things back to normal! For me personally, I quite liked lockdown because I was able to be at home with my 9 months old baby which was actually really nice. I’m used to spending all my days in a small studio anyway, so lockdown isn’t that much different!

    I think we have to stay optimistic in regards to the future of the music industry. It’s going to take a while to get back to where we were (if we ever do get back to normal) but we’ll figure out a way. We’d love to do a European tour again sometimes in the next year or two.

    Anna: Do you have a funny anecdote from recording/writing EP you could share with us?

    LEISURE: We wrote Slipping Away the night the All Blacks (NZ Rugby team) got kicked out of the rugby world cup. I’m not usually a huge rugby fan but even I was gutted. It completely sucked the energy out of the night and we were going to wrap up our session when, out of the blue, Jaden started playing what was about to become the Slipping Away guitar riff, almost as a joke because we were all so depressed. Everyone got so excited and we ended up finishing the whole song that night!

    Anna: Last question is always a blank space with us, so feel free to say anything you want here!

    LEISURE: Wear a mask and wash your hands! We want to come and play some shows for you as soon as we can! 😊

     

    Hier die EP zum Reinhören: mein Anspieltipp direkt Slipping Away

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    Fotocredit: Nicole Brannen

  • Dreimalumalpha im Interview: „Der Rest ist… Kunst“

    Dreimalumalpha aus Innsbruck in Tirol haben im Dezember 2020 das in meinen Augen beste deutschsprachige Rockalbum des Jahres herausgebracht. „Jugend ans Geld verloren“ kam aus dem Nichts und begeisterte nicht nur mich, sondern auch viele Magazine, Radiosender und Kritikerinnen. Mit einem klaren und zielstrebigen Rocksound, den ich in dieser Form lange nicht mehr gehört habe, schafft die dreiköpfige Band brutale Ohrwürmer, die noch tagelang hängen bleiben. Die absolut treffsicheren Texte runden dieses erstaunliche Debüt ab. Eine große Coming-Of-Age-Geschichte, zu der ich wieder, wie als Teenager, kopfüber im Bett liege und mit meinen dreckigen Socken gegen die weiße Dachschräge im Takt der Musik mitstampfe.

    Ich konnte mit Dreimalumalpha vor ihrer Probe per Videochat sprechen. Zu Wort kamen alle Bandmitglieder, nämlich Simon (Gesang, Gitarre), Thomas (Bass, Backingvocals) und Hannes (Drums). Ich war leider nicht in der Lage den ganz zauberhaften und liebenswürdigen Akzent zu verschriftlichen, aber bitte stellt ihn euch vor:


    Dreimalumalpha im Interview


    Lukas: Hallo ihr drei, schön, dass das geklappt hat mit uns. Sagt mal, wie habt ihr euch kennengelernt und wie lange macht ihr Musik zusammen?

    Simon: Dreimalumalpha gibt es schon seit ein paar Jahren. Die Band war zuerst personell anders besetzt, aber da hat sich kaum was ergeben für die Öffentlichkeit. Erst im April 2017 habe ich Hannes kennengelernt und dann sofort mit ihm ein Konzert gespielt. Hannes und ich kannten uns vorher auch nicht. Ein Freund rief mich an und sagte: „Du, neben mir sitzt der Hannes, der spielt Schlagzeug, das wär doch was für dich?“ Dann haben wir telefoniert, Hannes war berauscht, und gleich ausgemacht, dass wir das machen mit der Band.

    Thomas: Ich hatte euch in der alten Besetzung ja zwei mal schon gebucht für die Venue, wo ich arbeite. Und als ihr am nächsten Morgen euren Stuff abgeholt habt, habt ihr mich gefragt, ob ich dabei bin.

    Simon: Genau, Thomas arbeitet bei der Talstation in Innsbruck und wir waren gerade auf der Suche nach einem neuen Bassisten. Und so hat sich Dreimalumalpha geformt.

    Lukas: Warum gerade Innsbruck? Ist das eure Wahlheimat oder eher eine Zwangsheimat?

    Hannes: Wahlheimat, ganz klar.
    (allgemeine Zustimmung)

    Simon: Kommt drauf an, wenn einen die Lebensumstände gezwungen haben, dann ist es auch eine Zwangsheimat. Wie viel Wahl hat man, wie viel Freiheit? Ich bin auch geflüchtet irgendwie, so eine Mischung.

    Thomas: Gewählt nach Innsbruck, genau. Ich wollte zwar auch mal weg, aber dann habe ich doch etwas gefunden, was mich hier hält.

    Lukas: Wie sieht denn ein typischer Tag in Innsbruck aus (Pre-Corona)?

    Hannes: Innsbruck ist definitiv eine Sportlerinnen-Stadt.

    Lukas: Ah, dann wahrscheinlich viel Wintersport, oder?

    Hannes: Sommersport, Wintersport, Herbstsport und Frühlingssport. (lacht)

    Simon: Ja, schon auch viel Bier trinken und so. Kulturelle Veranstaltungen besuchen… Auf der Bogenmeile, das sind die Viaduktbögen in Innsbruck, da fährt auch die Bahn drüber… Dort befinden sich viele Lokale. Das sind bestimmt 15-20 Lokale, die sich da erstrecken. Und dort trifft man sich halt Sonntags. Das ist eigentlich der Treffpunkt.


    „Wir verfolgen nicht den Plan, konzeptmäßig da rein zu passen“


    Lukas: Gibt es denn eine Musik- bzw. Indieszene in Innsbruck, der ihr euch zugehörig fühlt?

    Hannes: Eine Indieszene gibt es kaum. Unser Genre ist nicht so sehr vertreten.

    Simon: Ich glaub so Funpunk und politischer Punk ist ziemlich in gerade. Metal… vielleicht eher in den Proberäumen. Auf der Bühne ist es eher der Punk.

    Hannes: Konservatoriums-Jazz…

    Simon: Aber auch nicht ausgiebig und blumig und schwanger… So ganz verschiedene Jazzclubs nach dem Motto: „In welchen Jazz-Club gehma heute?“ sind hier aufgrund der Größe nicht anzutreffen.

    Lukas: Seid ihr also vielleicht der Beginn einer „Tiroler Schule“ als Pendant zur „Hamburger Schule“ der 90er Jahre?

    Hannes: Ich glaube das coole für viele Bands in Österreich ist, dass sie hier umher fahren können und dadurch der Ort vielleicht nicht die größte Rolle spielt.

    Simon: Ich denke auch. Die Journalisten nehmen, um die Spalten zu füllen, gerne dieses geografische Thema auf.

    Lukas: Sind die Bands der „Hamburger Schule“ denn überhaupt persönliche Vorbilder oder ist das eher ein Zufall, dass euch viele Rezensentinnen mit diesem Subgenre vergleichen?

    Simon: Ich als Songwriter habe mich nicht quer durch die Hamburger Schule gehört. Ich habe schon recht viel von Tocotronic gehört, vor längerer Zeit. Ich kenne bissl was von Tomte, vielleicht vier Lieder. Und von den Sternen vielleicht auch vier, fünf Lieder. Und sonst kenne ich eigentlich nicht viel. (lacht) Aber natürlich habe ich auch das ein oder andere Stilmittel gut gefunden und das spiegelt sich sicher auch in unseren Songs wider.

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    Lukas: Es schwingt leicht mit, dass euch die Vergleiche zu dieser hanseatischen Rockepoche langsam nerven…

    Simon: Also mich noch nicht. Noch nicht. Aber es ist halt so eine absehbare Geschichte.

    Hannes: Ich glaube der Punkt ist, dass wir nicht den Plan verfolgen, konzeptmäßig da rein zu passen. Es gibt tausend andere Bands und Genres, die genau so großartig sind.

    Lukas: Welche Art von Musik wäre das dann? Auf was könnt ihr euch z.B. im Tourbus einigen?

    Hannes: Wir überzeugen uns gerne gegenseitig mit fremdem Material. (lachen)

    Simon: Ich hör’ zum Beispiel gerne ghanesischen Funk aus den 70er Jahren…

    Thomas: Hör ich auch sehr gern…

    Simon: Echt jetzt? (lacht) Dann wissen wir ja schon, was wir bei der nächsten Tour im Auto hören. Aber das ist wirklich weitreichend… Von alten Klassikern aus dem Indierock bis hin zu amerikanischen Songwritern aus den 60er Jahren…

    Thomas: Ich höre viel 70s Soul und auch härtere Musik aus den 70ern… Aber auch viel Modern Jazz und Neo Soul, sowas.

    Hannes: Bei mir viel deutschsprachige Musik und das, was jetzt unter „moderner Punkrock“ fällt. Da bin ich eigentlich immer dabei und höre ich mich gerne durch.

    Lukas: Und deutschsprachige Rockmusik? Ist Gitarrenmusik tot?

    Hannes: Ich glaube es wird alles gerade poliert, überproduziert und glattgebügelt, oder wie sagt man? Immer weniger so handgemachte Live-Musik.


    „Man muss es auch ein bissl so hinnehmen“


    Lukas: Euer Debüt „Jugend ans Geld verloren“ ist ungefähr vor einem Monat digital erschienen und bleibt der Gitarrenmusik auf jeden Fall treu. Ein Album zu produzieren ist allerdings heutzutage ja schon fast altmodisch – was hat euch dazu bewegt?

    Thomas: Es war ja nicht immer so der Plan, dass wir das so veröffentlichen…

    Hannes: Es gab verschiedene Pläne und Diskussionen. Und wir haben uns nach vielem Hin und Her dazu entschieden, es so zu veröffentlichen.

    Simon: Wir haben vorher auch viele Singles rausgehauen eigentlich. Über ein Drittel des Albums als Single- und Videoveröffentlichung. Aber irgendwie ist das auch so unser Mindset, dass man ein Album rausbringt.

    Hannes: Für uns hat es einfach einen Wert ein Album rauszubringen, was in sich stimmig ist und auch zusammengehört, von der Musik und von der Zeit her. Und das Format Schallplatte ist eben auch interessant.

    Lukas: Das Album hat ja auch wahnsinnig gute Kritiken bekommen. War euch das vorher klar bzw. ist es beim Produzieren deutlich geworden, dass das ein Erfolg wird?

    Thomas: Weil ich neu dazugekommen bin und die Musik schon relativ fertig war, war mir von Anfang an klar, dass diese Musik nicht dafür gemacht ist, nur in Innsbruck gespielt zu werden. Da ist Potenzial dahinter. So bin ich in die Band eingestiegen.

    Hannes: Kalkuliert quasi, eiskalt kalkuliert… (lachen)

    Simon: Natürlich gefällt einem das sehr gut, was man selbst macht. Das ist ja eine Identifikationsplattform für einen selbst. Ich habe auch gespürt, dass es ein Potenzial hat und auch für andere Leute geschrieben wurde. Also wie es gemacht ist, ist ja nicht nur rein für uns. Ich wusste, dass werde ich ja irgendwann auch jemandem vorspielen wollen. Jedenfalls war es der große Wunsch und insgeheim auch irgendwie das Wissen, dass es für viele Menschen hörbar werden könnte.

    Lukas: Auch Andreas Müller, ein Moderator im Deutschlandfunk Kultur, hat ja im Interview mit euch gesagt, „Am Karussell von Ingo Blaumann“ sei der beste Song, den er je gehört habe…

    Simon: Ja, stimmt… Ich habe mich da am Anfang gar nicht getraut, das noch mal zu erwähnen, weil ich nicht wusste, ob das jetzt wirklich sein kann. Aber es ist wahr anscheinend. (lacht)

    Lukas: Der Titel „Jugend ans Geld verloren“ ist allein schon ein richtiger Eyecatcher und stiftet viele Assoziationen. Warum dieser Titel?

    Hannes: Der Titel stammt von Simon, ich kann nur sagen wie ich ihn finde. Ich finde es beschreibt einfach eine Phase in der eigenen Biografie, die zwangsläufig stattfindet. Es ist gar nicht die Frage, ob es passiert, sondern dass es passiert und wie man damit umgeht und diesen Prozess reflektiert. Die Frage kam oft: habt ihr eure Jugend ans Geld verloren? Ich würde sagen, es passiert mehr oder weniger den meisten Menschen.

    Simon (ein neues Bier öffnend): Der Titel ist nicht unmittelbar mit den Songtexten verknüpft. Songs und Titel sind auch zu einem unterschiedlichen Zeitpunkt entstanden. Das hat sich dann irgendwie als Abschluss, als Deckel… oder als Fassung dieser vielen einzelnen Nummern ergeben, dass es „Jugend ans Geld verloren“ heißen soll. Der Rest ist… Kunst. Es braucht auch eine gewisse Intimität zu diesem Kernthema, das man nicht klar aufschlüsseln kann. Es ist einfach eine Geschichte, eine große Geschichte. „Jugend ans Geld verloren“ ist halt der Titel. Es gibt sicher auch andere Titel, die gut gepasst hätten. Da ist kein definitiver Punkt auf dem Album, wo man sagt: deswegen heißt es „Jugend ans Geld verloren“. Es gibt so viele Bedeutungsebenen und Interpretationsmöglichkeiten. Man muss es auch ein bissl so hinnehmen. Man muss es so hinnehmen und das beste für sich draus machen.


    „Nicht immer nur »alles super, wir wollen danzn«“


    Lukas: Die Texte der Songs haben definitiv auch einen politischen Sound. Wollt ihr politisieren bzw. moralisieren?

    Thomas: Man kann es so hinnehmen und sehen, dass das irgendwie politisch ist. Aber man muss es auch nicht so verstehen, weil es irgendwie nie zu direkt oder offensiv politisch ist im Sinne von „mach das nicht“ oder „pass genau auf dies und jenes auf“. Wenn man selbst diese Themen schon mal reflektiert hat, wird man es klar so verstehen. Aber wenn nicht, dann… weiß ich nicht.

    Simon: Es ist sicher politisch. Weil ich auch Ohnmacht, Wut und Veränderungswillen verspürt habe in meinem Leben. Und zu dem Zeitpunkt, als ich gewisse Lieder geschrieben habe, ist das präsent gewesen und dann kommt es auch in den Liedern vor. Ich habe einfach mehr auf meinen intuitiven Schreibfluss gehorcht als jetzt gezielt politisch sein zu wollen. Denn man kann ja oft gar nicht sagen: genau dies oder jenes ist das Problem. Im Songwritingprozess ist es meistens weniger die Anklage alleine, es ist oft eine Mischung aus Anklage, einer gewissen Art von Trauer und der Ohnmacht gegenüber bestimmten Themen.

    Lukas: Auch das Stichwort Zeit und ein Coming-Of-Age Konzept habe ich oft in den Texten wiedergefunden.

    Simon: Die Zeit spielt für mich eine Rolle. Das hängt für mich auch sehr konkret mit dem Titel zusammen. Dieser fließende Übergang von „verliebt in die Idee und das Spiel“ und im nächsten Moment berechnend und professionell gegenüber dem Leben. Um produktiv zu sein, im wirtschaftlichen Sinne. Auch diese Spannen, wann fängt es an, wann hört das auf? Das ist natürlich ein Zeitthema.

    Lukas: In den letzten zwei, drei Jahren, vor allem 2020, kam immer mehr Musik mit politischen Inhalten raus. Ist es in diesen Zeiten überhaupt möglich, ein unpolitisches künstlerisches Werk zu schaffen?

    Thomas: Ich glaube es ist schon gut, dass es Musik gibt, die komplett unpolitisch ist. Es muss ja nicht immer zum Nachdenken anstiften. Musik ist auch mal ganz fein zum Entspannen. Oder mal zum Durchdrehen. Oder um alle möglichen Gefühlslagen zu durchleben. Es ist aber natürlich auch schön, wenn es irgendwo in der Musik auch ein bissl mehr Inhalt gibt und nicht immer nur „alles super, wir wollen danzn“.

    Lukas: Zum Tanzen regt eure Platte dennoch an vielen Stellen an. Es klingt alles sehr organisch und nicht konstruiert in der Produktion. Wie und wo ist das Album entstanden?

    Hannes: Ich glaube der Live-Charakter ist in jedem Song hörbar. Ich hoffe man hört, dass es menschengemachte Musik ist und das war auch die geplante Herangehensweise. Matthias Magerle, der Bassist vor Thomas, hat das Album mit uns in seinem Projektraum aufgenommen und produziert und es steckt auch ein großer Teil von ihm drin.

    Lukas: Nun hat Corona ja das Leben vieler Künstler im letzten Jahr stark beeinflusst. Könnt ihr vielleicht auch positive Schlüsse daraus ziehen?

    (Pause)
    Hannes: Irgendjemand hat zuletzt positiv angemerkt, dass wir trotz Corona das Album herausgebracht haben. Vielleicht gibt es auch mehr Leute die gerade sensibel für neue Musik sind. Corona hat aber dafür gesorgt, dass wir den Schwung der Albumveröffentlichung nicht direkt für Live-Konzerte nutzen können. Das ist mit Sicherheit ein Problem.

    Lukas: Was sind eure Wünsche und Aussichten für Dreimalumalpha im kommenden Jahr und für die Zeit nach der Pandemie?

    Simon: Wir sind guter Dinge im Februar eine Konzertreihe zu starten, beginnend zunächst in Österreich. Wir wollen natürlich viel live spielen. Am liebsten so jeden dritten Tag im Jahresschnitt. Und wir arbeiten weiter an unserer Musik.

    Lukas: Danke für eure Zeit und das nette Gespräch und viel Erfolg für die Zukunft!

    Die im Februar erscheinende Vinyl von Dreimalumalpha kann man hier vorbestellen.

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  • Amilli im Interview: »Manchmal packt’s mich wieder so.«

    Amilli im Interview: »Manchmal packt’s mich wieder so.«

    Amilli verbindet R’n’B, warmen Soul und poppige Melodien. Die junge Bochumerin ist seit letzten Jahr weitbeachteter Kritikerliebling und beweist mit ihrer neuen EP Pulling Punches, wieso. Anna hat sie vorm Lockdown zum Interview getroffen, um nicht nur ihren Weg bis hier hin, sondern auch darüber zu reden, wie wichtig es ist, dass sich mehr weibliche Personen in die Musikszene trauen.


    Amilli im Interview

    Anna: Hey! Cool, dass das geklappt hat. Wie geht’s dir?

    Amilli: Ja, sehr gerne! Mir geht’s gut, bisschen müde, aber gut 😊

    Anna: Deine neue EP Pulling Punches ist seit ein paar Wochen draußen. Wie geht’s dir damit? Bist du noch ein bisschen aufgeregt?

    Amilli: Ach, das geht eigentlich, ich war eigentlich gar nicht aufgeregt (lacht). Ich freu mich einfach nur mega, dass es jetzt draußen ist und so gut angekommen ist.

    Anna: Bevor wir da aber im Detail drüber reden, würde ich gerne noch ein bisschen über deinen Weg dahin und dich als Künstlerin reden. Deine Soundästhetik wird immer wieder mit Lana Del Rey-Vibes aus Los Angeles verglichen. Wie würdest du sie selbst beschreiben?  

    Amilli: Das ist witzig, weil viele benutzen immer diesen Lana Del Rey Vergleich, aber ich weiß gar nicht so richtig vorher das kommt, weil ich nie so richtig viel Lana Del Rey gehört hab (lacht). Ja, keine Ahnung, ich hab immer schon viel amerikanische Musik gehört, viel Soul und Hip Hop und so. Ich glaube, das es das halt einfach unterbewusst beeinflusst hat. Vielleicht kommt’s daher. Ich find das aber auch immer ein bisschen schwierig, das in so Schubladen zu stecken. Wenn ich es einordnen müsste, dann ist es wahrscheinlich so Neo-Soul, bisschen R’n’B und bisschen Pop.

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    Anna: Du hast ja auch schon sehr früh angefangen, Musik zu machen. Wann wusstest du, dass du „so richtig“ Musik machen willst?

    Amilli: Ich spiel seit ich sechs bin Klavier und hab auch mal in so einem Chor gesungen und für mich selbst, aber nie gedacht, ich möchte jetzt richtig Sängerin werden oder so. Ich hab dann so einen Song mit 17 oder so aus Spaß gemacht und dann wurde der auf Soundcloud auf einmal voll groß. Dadurch hab ich dann Leo kennengelernt und wir haben angefangen Musik zu machen. Und dann mit der Krone eigentlich erst kam das dann so, dass ich dachte, krass, jetzt mach ich jetzt Musik (lacht).

    Anna: Wie oft wirst du nach Rarri gefragt und was der Song für deine Karriere bedeutet hat?

    Amilli: Wie oft ich gefragt werde? Oft (lacht). Es war halt so der Kick-Off Song.

    Anna: Hat sich deine Beziehung zu dem Song dadurch verändert?

    Amilli: Auf jeden Fall. Also das ist eigentlich bei allen Songs so, je länger die draußen sind, desto mehr entfern ich mich da ein bisschen von. Ich glaube, das ist auch was Positives, weil man sich halt weiterentwickelt und irgendwann hat man nicht mehr so die Verbindung zu den Songs, wie man sie zu dem Zeitpunkt hatte. Aber das ist glaub ich voll normal und auch voll okay.

    Anna: Hättest du gedacht, dass der so durch die Decke geht?

    Amilli: Never. Also ich hatte ja auch überhaupt keinen Plan, dass das überhaupt geht so von null auf hundert (lacht). Also nee, hätte ich niemals gedacht.

     
    „Es macht auch einfach mega Spaß“

    Anna: Ich hab tatsächlich wie viele andere auch deine Karriere verfolgt, seit du den 1 Live Förderpreis gewonnen hast. Ich hab auch, mal kurz am Rande, direkt nach der Verleihung immer mal wieder geguckt, wie viele Follower du hast und das ist ja alle zwei Minuten unfassbar gestiegen. Wie war das für dich auf einmal mit so 10.000 Followern mehr am nächsten Tag?

    Amilli: Krass. Also, die Zahl ist gar nicht so wichtig, sondern eher die Tatsache, dass es einfach so viele Leute gibt, die die Musik gut finden und da immer mehr zukommen. Und das ist einfach schön.

    Anna: Seitdem hat sich ja unfassbar viel für dich verändert, Musik ist jetzt zu deinem Beruf geworden. Wie fühlt sich das an, hast du dich mittlerweile an diese „neue Normalität“ gewöhnt oder bist du manchmal immer noch ein bisschen geflasht davon?

    Amilli: Auf jeden Fall, immer wieder. Manchmal packts mich wieder so. Ich weiß gar nicht, wenn ich so Nachrichten bekomme von Leuten, die mega rührend sind oder immer, wenn man’s im Radio hört, ist das schon immer noch krass.

    Anna: Ich kann mir vorstellen, dass diese riesengroßen internationalen Vergleiche und Erwartungen an deine Karriere auch vor allem am Anfang mit noch jungen Jahren sehr viel Druck ausüben. Wie gehst du damit um?

    Amilli: Also am Anfang gab’s natürlich schon so Momente, wo ich von außen schon Druck verspürt hab, aber das war nie so krass irgendwie. Ich hab mir eher Druck selber gemacht irgendwie. Aber, ja, es war jetzt nie so, dass ich mich so krass von außen hab beeinflussen lassen.

    Anna: Jetzt hast du deine zweite EP „Pulling Punches“ veröffentlicht, die ich sowohl inhaltlich als auch musikalisch sehr stark finde. Welche Themen hast du mit der EP verarbeitet?

    Amilli: Es geht natürlich viel um Beziehungen und so, aber auch um die Rolle als Frau in Beziehungen und der Gesellschaft. Damit hab ich mich auch einfach viel beschäftigt in den letzten Monaten.

    Anna: Hast du einen Lieblingssong?

    Amilli: (überlegt) Schwierig, aber ich glaube, es ist Pulling Punches. Das ist der einzige Song, der schon ein bisschen älter ist und auch einer der ersten Songs ist, die ich überhaupt geschrieben habe.

    Seit ich den gemacht hab, war das eigentlich mein Lieblingssong. Also das ist so ein Song, auf den ich wirklich stolz drauf bin. Wir haben den auch seitdem wir den aufgenommen haben kein bisschen verändert, es ist immer noch die gleiche Aufnahme.

    Anna: Würdest du generell sagen, dass du bei der zweiten EP jetzt Sachen anders gemacht hast verglichen zur ersten?

    Amilli: Ja, ich hab mich einfach voll weiterentwickelt. Sowohl persönlich als auch musikalisch und das spiegelt diese EP glaub ich ganz schön wieder. Die EP jetzt ist ein bisschen organischer, bisschen weniger elektronisch und ich hab auch ein bisschen mehr selbst beim Produzieren mitgeholfen. Ich kann’s immer noch nicht so richtig krass, aber ich hab jetzt mehr Ahnung als früher. Es macht auch einfach mega Spaß. Man entwickelt dann irgendwann so ein Gefühl, ob der Song das macht, was er für einen machen soll, oder ob irgendwas fehlt.

    Anna: Den Titeltrack Pulling Punches hast du kürzlich auch erst mit einem Streichquartett über die Loft Art Frames live performt – ich find’s richtig geil. Wie fandest du’s?

    Amilli: Das war krass (leuchtet auf). Die haben mich gefragt, ob ich das machen möchte, und ich hatte natürlich mega Bock, das mit Streichern zu machen, das ist doch voll der Traum (lacht). Dann haben wir denen den Song geschickt und die haben quasi komplett alleine so ein Arrangement dafür gemacht. Ich kam dahin und hatte noch gar nichts gehört und dachte, dass wir irgendwie erst proben oder so, aber die waren alle so nee, wir sind fertig (lacht). Und dann hab ich da halt einfach angefangen zu singen und die haben dazu gespielt, das war richtig krass.

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    Anna: Hat das für dich auch noch mal ne andere Perspektive auf den Song gegeben?

    Amilli: Mega, also es ist voll anders den Song nochmal auf so ne ganz andere Art interpretiert zu hören. Und diese Vorstellung, dass ich als klein Amelie diesen Song zuhause in meinem Zimmer geschrieben hab und dann drei Jahre später da mit einem Steicherquartett stehe und diesen Song spiele, war krass.

    Anna: Was waren früher deine „unerreichbaren“ Ziele?

    Amilli: Mhm… Ich war nie so mega die Person, die sich krasse Ziele gesetzt hat, eher so kleinere und halt weiß ich nicht, ich bin lieber immer einfach im Hier und Jetzt, so cheesy das auch klingt (lacht).

    Anna: Und gibt es neben dem Hier und Jetzt auch größere Sachen, die du erreichen möchtest?

    Amilli: Na klar möchte ich so viele Leute wie möglich mit meiner Musik begeistern, das ist natürlich klar. Und es gibt auch so ein paar Venues oder so, wo ich gerne mal spielen möchte. (überlegt) Zum Beispiel gibt es in England die Royal Academy, sowas wär krass. Aber das ist halt so die créme de la créme (lacht).

    Anna: Was würdest du jungen Künstlerinnen sagen, die noch ein bisschen am Zweifeln sind, ob das wirklich alles was wird?

    Amilli: (überlegt) Ich glaube, wahrscheinlich so die Tatsache, dass nicht alles immer über Nacht passiert. Das ist nicht normal (lacht). Also klar ging das bei mir schon irgendwie sehr schnell und bisschen über Nacht, aber ich bin halt immer noch kein Superstar und das hat alles seine Zeit. Man kann nicht von Tag 1 an der selbstbewussteste Mensch sein, der alles schon kann. Das kann man alles irgendwie noch lernen und man braucht einfach Zeit, um sich weiter zu entwickeln. Man sollte sich  nicht so einen Stress machen und sich nicht mit anderen Leuten vergleichen, die über Nacht irgendwie 2 Millionen Aufrufe haben oder so.

    Anna: Schön! Damit würd ich auch zur letzten Frage kommen, die bei uns immer als blank space dient. Jegliche letzten Gedanken kannst du jetzt noch loswerden! 😊

    Amilli: Also falls ihr ein Mädchen oder eine Frau seid, dann macht Musik! Lasst euch von nichts aufhalten. Es gibt so wenige weibliche Personen, die Musik machen und sich trauen. Und folgt Florence Given auf Instagram, das ist eine feministische Aktivistin, die sehr hilfreiche Dinge postet.

    Hört hier in Amillis EP Pulling Punches rein:

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    Fotocredit: Niren Mahajan

  • Chima im Interview: »Ich bin weder anti-rechts noch anti-links, sondern Humanist.«

    Chima im Interview: »Ich bin weder anti-rechts noch anti-links, sondern Humanist.«

    Chima, wahrscheinlich euch allen bekannt von dem 2012 Hit „Morgen“, ist wieder da! Immer noch im Deutsch-Pop unterwegs, will er jetzt nach ein paar Jahren Pause das Musikbuizz nochmal angreifen. Anna traf ihn ihm Interview und hat mit ihm über seinen neuen Song „Keine Liebe“, Zukunftspläne und das Rassismussproblem in Deutschland geredet. It’s spannend, wie man so schön nicht sagt, also lest euch rein!
     
    Chima im Interview
     
    Anna: Hey! Du bist ja wahrscheinlich gerade viel mit Promo unterwegs, deshalb freut es mich, dass es geklappt hat!
     
    Chima: Ja, mich auch!
     
    Anna: Viele werden dich ja wahrscheinlich von Songs wie „Morgen“ kennen, der 2012 rauskam, direkt gechartet ist und Sprungbrett für dein erfolgreiches Debütalbum war. Wie hat sich das alles für dich damals angefühlt? Hast du mit dem Erfolg gerechnet?
     
    Chima: Nee, ich hab damals nicht mit dem Erfolg gerechnet, das kam alles sehr überraschend für mich. Natürlich war das die Ambition, aber wenn sich das dann tatsächlich so einstellt, ist das auf jeden Fall ‘ne Herausforderung für so ne Biographie, weil das dann nochmal ein völlig neuer Horizont ist. Alles, was du erlebst, ist neu und damit muss man auch umgehen.
     
    Anna: Jetzt hast du mit „Keine Liebe“ deine erste Solo-Single seit fast 6 Jahren veröffentlicht und bist offiziell wieder zurück im Musik-Game. Was hat deine damalige Entscheidung zu einer Pause bewirkt und was hat dich jetzt dazu getrieben, wieder zurück zu kommen?
     
    Chima: Sagen wir es mal so, ich war sehr intensiv beschäftigt damit, zu leben und Dinge über mich und meine Umgebung rauszufinden. In letzter Konsequenz ist das alles für das zuträglich, was jetzt kommt, aber das waren tatsächlich auch die Gründe dafür, warum in der Zwischenzeit nicht wirklich was rausgekommen ist. Ich hatte einfach nicht die Muße, den ganzen Prozess von einer offiziellen Albumveröffentlichung durchzuziehen und war eher mit Vorbereiten und Sammeln beschäftigt.
     
    Anna: Also hast du in der Zwischenzeit schon Musik gemacht?
     
    Chima: Ich hab die ganze Zeit Musik gemacht, ja. Bin jetzt schwer bewaffnet (schmunzelt) mit richtig tollen Songs, aber es war davor einfach nicht möglich zu veröffentlichen.
     
    Anna: Aber jetzt…
     
    Chima: (gestikuliert) *Pam Pam* …jetzt bin ich am Steezy (lacht)
     
    „Alles, was ich schreibe, hat eine autobiographische Note.“
     
    Anna: In deinem aktuellen Song „Keine Liebe“ zitierst du deinen Papa, der von dir erwartet, nicht aufzufallen, immer hart zu arbeiten, um es in dieser Gesellschaft hier „zu schaffen“. Im Gegensatz dazu steht aber die Aussage des ganzen Songs, genau daraus auszubrechen und manchmal impulsiv zu handeln, anstatt alles zu zerdenken. Wie nimmst du diesen Gegensatz der Werte wahr und wie ist der dir in deinem Leben begegnet?
     
    Chima: Alles, was ich schreibe, hat eine autobiographische Note. Ich bin ein Kind in zweiter Generation mit Migrationshintergrund. Mein Vater ist aus Nigeria hergekommen, um hier zu studieren, und das sind halt genau die Werte, mit denen er seinen Weg hier erfolgreich bestritten hat. Und das wünscht er sich natürlich auch für die nächste Generation, weil er das Gefühl hat, dass es gerade für jemanden mit meinem Hintergrund schwieriger sein könnte, wenn man nicht diszipliniert, fokussiert und unauffällig ist. Aber wie das dann halt so ist, können Eltern mit so einem Hintergrund es auch übertreiben mit solchen Glaubenssätzen und unter Umständen die Gelegenheit versäumen, irgendwann anzukommen und nochmal die eigenen Werte abzugleichen mit denen der Umgebung. Ich glaube, das ist generell ein Thema von Generationenkonflikt, und deswegen ist es die Aufgabe der nächsten Generation für sich selbst zu filtern, was nehm ich von den Eltern mit und wo muss ich dieses Wertegerüst aufbrechen. Das war der Prozess, in dem ich mich befunden hab. Mein Vater ist konservativ, aber auch sehr liebevoll und setzt auf Kontrolle und Sicherheit. Ich hab für mich persönlich, allein über die Berufswahl, festgestellt, dass es auch seinen Reiz haben kann, genau auf das Gegenteil zu setzen. Und in der Mitte davon will ich mich dann irgendwann einfinden.
    „Ich mag es, immer mal wieder auszubrechen.“
     
    Anna: Wie war das, als du dich bewusst für die Musikkarriere entschieden hast? Wie haben deine Eltern diese Entscheidung aufgenommen?
     
    Chima: Meine Eltern unterstützen mich in dem, was ich tue, sehr. Mein Mutter mehr als mein Vater, der ist eher so ein kritischer Dude und hätte gern für mich gehabt, dass ich Architektur studiere, Arzt werde oder in die Bank gehe, also das, was die ganzen anderenNigerianer in zweiter Generation auch machen: akademische Grade und Ansehen bekommen. Und das hab ich versucht und war auch gar nicht unerfolgreich, aber habe gemerkt, so ey, wie will ich denn damit arbeiten? Mit der Musik hab ich deutlich mehr Spaß und außerdem mag ich es, auch immer mal wieder auszubrechen und mich zu spüren. Und ich glaube, du kannst dich sehr intensiv spüren, wenn du das Regelwerk um dich herum aufbrichst und an deine Bedürfnisse anpasst. Man sagt ja, „um Regeln zu brechen, muss man sie erst lernen“. Es geht aber auch der andere Weg, du kannst erst die Regeln brechen…
     
    Anna: … und dann draus lernen.
     
    Chima: Genau. Dann kann man die Regeln nachjustieren. Regeln, die in der Vergangenheit ihre Berechtigung hatten, müssen jetzt nicht mehr zwingend gültig sein. Obwohl ich ein großer Fan von Binsen-Weisheiten bin, da steckt sehr viel Wahrheit drin. Wir werden direkt in der Kindheit mit solchen Weisheiten konfrontiert, wissen aber gar nicht, was unsere Eltern jetzt von uns wollen. Dann stehen wirauf unseren eigenen Beinen, in manchen Situationen kommt uns der eine oder andere Spruch bekannt vor, aber wir nehmen sie noch nicht zwingend an. Dann werden wir 30 und merken, die sind doch ganz gut (lacht), ich übernehm mal ein paar. Und mit 40 ist es dann so, dass du deinen Kindern genau die gleichen Sprüche nochmal sagst. Erinner dich an meine Worte! (lacht).
     
    „Ich bin weder anti-rechts, noch anti-links.“
     
    Anna: In deiner Musik vereinst du beide Kulturen, setzt dich ein für Toleranz und Akzeptanz und hast früher auch sehr aktiv an Anti-Rechts-Projekten mitgewirkt. Wie nimmst du diese Situation knapp 15 Jahre später wahr?
     
    Chima: Ist die gleiche. Es ist die gleiche Situation und du kannst sie auch nicht ändern. Für mich ist wichtig, dass man diese Dinge einzuordnen lernt. Du hast gesagt „Anti-Rechts“, aber ich hab mit Anti-Rechts nichts zu tun, ich bin nur ein Gegenpol dazu. Es wird immer Menschen geben, die das Gefühl haben, dass ihnen was weggenommen wird. Das ist ein ganz typisches Phänomen bei Mehrheiten in Gesellschaften. Da gibt es immer eine, meist konservative, Fraktion, die das Gefühl hat, die Traditionen verschwinden, wir werden überschwemmt usw. Das gibt es überall. In Deutschland wird es halt historisch bedingt anders diskutiert. Immer dann, wenn ich das Gefühl hab, dass Menschen aus den Augen verlieren, dass sie über die Grenzen und Würde von anderen Menschen trampeln, dann mach ich meinen Mund auf. Das geht aber in beide Richtungen. Ich bin also weder anti-rechts noch anti-links, sondern Humanist.
    „Hier fühl ich mich wohl.“

    Anna: Themensprung: 2013 hast du als Support Act bei der Tim Benzdko Tour in der Waldbühne vor 22.000 Menschen gespielt. Ich kann mir das nur als eine sehr heftige Erfahrung vorstellen. Wie war das für dich, dieser starke Kontrast zu den sonst nur kleinen Läden, in denen du getourt hast?

    Chima: Also ich würd jetzt gern bescheiden klingen, aber ich fand das angemessen (lacht). Ich spiel auch kleine Konzerte sehr, sehr gerne, aber ich hab das sehr genossen und es war ein wunderschöner Ausblick, den der Tim mir da ermöglicht hat. Ich hab mir gesagt „ja genau, hier möchte ich auch spielen, in der Waldbühne, ich fühl mich wohl“. Tatsächlich war das ja irgendwie überhaupt der Beweggrund für mich, in die Musik einzusteigen. Dass ich irgendwann in meiner sehr eingeschränkten Welt über mein konservatives Elternhaus schon früh diese Träume hatte in so einem Atrium zu stehen vor GANZ vielen tausend Menschen. Ich hab da so ein imaginäres Englisch gesprochen, und mit jedem Wort, was ich gesagt hab, haben die Massen gejubelt. *gestikuliert* „LOOOVE …. POWEER..“ (lacht). Und als ich in der Waldbühne war, hatte ich mal wieder das Gefühl, ja, das war’s, davon hab ich geträumt.

    Anna: Da kannst du doch auch richtig stolz drauf sein.

    Chima: Worauf?

    Anna: Na, was du alles schon geschafft hast.

    Chima: Ich werde alles schaffen, was ich mir vornehme.

    Anna: Und was nimmst du dir noch so vor?

    Chima: Einiges. Aber ich möchte jetzt ein bisschen bescheidener wirken (lacht). Ja, ich bin tatsächlich gar nicht stolz auf die Waldbühne, weil da war ich ja nur im Support. Da müsste ich ja stolz drauf sein, dass der Tim mich nett findet. Ich bin bei mir tatsächlich auf relativ wenige Sachen stolz, aber eine davon ist meine Resilienz und meine Ausdauer. Egal, was kommt, wenn ich mir was in den Kopf gesetzt hab, zieh ich’s irgendwie durch. Und darauf bin ich stolz.

    „Wenn Fraktion, dann Fraktion Positiv.“

    Anna: Und apropos zukünftige Pläne, was kommt da noch so auf uns zu?

    Chima: Ich würd ganz gern, dass die neue Single jetzt anläuft und den Leuten gefällt. Und wenn das gegeben wäre, ist das ein guter Nährboden, um dann das Album darauf zu droppen. Das sind so meine mittelfristigen Ziele.

    Anna: Hast du denn auch wieder Bock (erstmal kleinere) Touren wieder zu spielen? Auch wenn das Corona mäßig jetzt gerade sehr schwierig ist, zu planen.

    Chima: Ja, klar. Ich hab die ganze Zeit Bock, live zu spielen und in Interaktion mit Menschen zu sein. Wenn ich mich zu einem Lager zähle, dann gehör ich zur Fraktion Positiv. Wenn allegerade Trübsal blasen, denk ich mir, ahh unterschätz mal nicht die Menschheit. Wir haben immer irgendwelche Lösungen gefunden. Es gibt so Grundbedürfnisse, die sind nicht zu unterdrücken. Das Bedürfnis nach Zusammensein und Gemeinschaft gehört da dringenddazu. Wir werden Wege finden, damit es weiter geht und dann wird es weitergehen.

    Anna: Abschlussfrage bei uns ist immer der blank space. Den Platz kannst du als Künstler komplett frei nutzen, wie du willst.

    Chima: Keine Liebe ist jetzt draußen. Das ist ein Song, in den ich sehr viel Liebe gesteckt hab. Geht raus, hört euch den an! Da ist für jeden was dabei – du hast ja in dem Interview schon sehr schön ausgeführt, was da alles drinsteckt. Geht einfach raus, supportet den Song, und lasst die Sonne für euch scheinen.

    Fotocredit: Victor Schanz

  • Matija im Interview: »Wir sind sehr stolz auf unser neues Baby.«

    Mit „byebyeskiesofyesterday“ veröffentlichen die Münchener Indie-Darlings von Matija heute ihr langersehntes zweites Album und zeigen sich damit von einer musikalisch neuen Seite. Jule hat vorab mit Frontmann und Bandnamensgeber Matt über ihre Entwicklung, Musikvideos und natürlich das Album selbst gequatscht. Das (ganz schön) ausführliche Interview lest ihr jetzt.


    Matija im Interview

    Jule: Erstmal voll auf Anfang: Mal angenommen, jemand kennt euch und eure Musik nicht und fragt, wie ihr klingt, was ihr macht, wer ihr seid. Was würdet ihr antworten?

    Matija: Wir würden wahrscheinlich antworten, dass wir eine Indie-Alternative-Pop-Band aus München sind, die sich sowohl an alter als auch neuer Musik bedient und daraus eine ungewöhnliche Mischung aus Bands wie Radiohead, Foals und Casabian gemischt mit modernen Hip Hop-Einflüssen wie von Kendrick Lamar oder Solange erzeugt.

    Jule: Heute erscheint euer zweites Album „byebyeskiesofyesterday“. Bevor wir da näher drauf eingehen, erstmal zum Offensichtlichen: Sowohl der Album- als auch die Songtitel werden komplett zusammengeschrieben. Hat das eine besondere Bedeutung?

    Matija: Es ist zufällig passiert. Ich habe den Albumtitel eher gefunden als erfunden. Er ist irgendwie vom Himmel gefallen als ich einen Spaziergang durch den Nymphenburger Schloßpark in München gemacht habe. Ich stand auf einer Brücke, habe hochgeguckt und dann war der Titel einfach plötzlich in meinem Kopf. Ich habe ihn dann ganz schnell in mein Handy geschrieben und war dabei so begeistert, dass ich irgendwie die Leerzeichen vergessen habe. Dann habe ich später nochmal draufgeguckt und im Studio dann vorgeschlagen, auch die Songtitel zusammenzuschreiben, um eine gewisse Kontinuität und ein kleines Konzept reinzubekommen.


    „Es war ganz anders als beim ersten Album“

    Jule: Wie lange habt ihr denn an den Songs fürs Album gearbeitet bzw. wie lief der Albumprozess bei euch als Band ab?

    Matija: Das kann ich natürlich noch nicht so generalisiert sagen, weil es ja erst unser zweites Album ist. Es hat aber insgesamt so 2,5 Jahre gedauert, bis es fertig war. Die Songs auf dem Album sind sowohl einige Monate, als auch teilweise schon 3 oder 4 Jahre alt. Da ist ganz viel verschiedenes Material dabei, was unglaublich viele Metamorphosen durchlaufen und sich oft verändert hat. Es ist auf jeden Fall ganz anders gewesen als beim ersten Album. Das haben wir zusammen als Band geschrieben und in 1,5 Wochen live im Studio in Hamburg aufgenommen. „byebyeskiesofyesterday“ haben wir gemeinsam geschrieben und dann Stück für Stück aufgenommen. Manche Songs haben wir beispielsweise in Italien aufgenommen und die Audiospuren dann mitgebracht.

    Jule: Ich höre auf jeden Fall auch, dass die Songs im Vergleich zum ersten Album anders sind. Ihr klingt jetzt nachdenklicher, vielleicht auch ein Stück ernster. War das eine natürliche Entwicklung oder ein geplantes Konzept?

    Matija: Wir haben uns natürlich schon verändert über die letzten Jahre. Wir sind einfach erwachsener geworden, glaube ich. Es sind uns als Individuen und auch als Band viele Dinge passiert, positive und negative. Wir haben krasse Krisen durchlaufen, in einer davon befindet sich ja auch gerade die ganze Welt. All diese Sachen haben den Ernst des Lebens geändert und eben auch die Art, wie unsere Songs klingen. Wir behandeln auf dem Album schon schwere Themen, die uns persönlich passiert sind oder die wir verarbeitet haben. Das erste Album war geprägt von einem sehr jungen Aufbrechergeist, durch eine angenehme Naivität und die Lebenslust eines ersten Albums. „byebyeskiesofyesterday“ hat einfach mehr von diesem Realistischen. Es ist auch von den Texten her einfach nahbarer.

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    Jule: Ich finde auch, dass ihr nicht nur textlich, sondern auch vom Sound her einen riesengroßen Schritt gemacht habt. Das erste Album könnte man schon als „klassischen Indie“ bezeichnen. Für das zweite Album habe ich noch keine passenden Worte, aber ich höre jetzt etwas völlig Eigenes. Würdest du sagen, dass ihr mit dem zweiten Album näher an euren eigenen Sound gekommen seid?

    Matija: Erstmal vielen Dank für das Kompliment, das freut mich sehr zu hören. Wir haben uns auf jeden Fall sehr viel Zeit genommen, jede einzelne Note, jeden Schlag, jeden Synthesizer dreimal umzudrehen und den für uns perfekten Sound zu finden. Wir haben uns viel damit beschäftigt, wie Klaviere klingen können, was für unterschiedliche Aufnahme-Arten es gibt. Was kann man mit E-Gitarren machen, wenn man sie einfach nur in ein Mischpult steckt oder durch einen alten Lautsprecher feuert. Dieses Album trägt viel mehr unsere eigene Handschrift. Auch weil unser Gitarrist Jan viel vorproduziert hat, was dann meisterhaft von unserem Produzenten Willy Löster in shape gebracht wurde. Wir waren einfach mehr an der Soundfindung beteiligt. Während wir beim ersten Album das Glück hatten, mit Johann Scheerer einen wahnsinnig guten Produzenten zu haben, der unsere damaligen Songs perfekt verstanden und nach seinem Klangbild super gut produziert und aufgenommen hat.


    „Wir sind wirklich sehr stolz auf unser neues Baby“

    Jule: Ich weiß, das ist immer super schwer, aber gibt es für dich einen Lieblingssong vom Album oder einen, der dir besonders viel bedeutet?

    Matija: Hmm. Mein persönlicher Lieblingssong ist entweder „awaytosurvive“ oder “reanalyser“. Weil das zwei Nummern sind, die mir mit meinem persönlichen Musikgeschmack als Hörer einfach unglaublich gut gefallen. Der Song, bei dem ich auf uns als Band am stolzesten bin, ist allerdings „saddaysinthecity“, weil ich den richtig stark finde und denke, dass der uns als Band auch weiterbringen wird. Aber natürlich mag ich alle Songs sehr gerne. Wir sind wirklich sehr stolz auf unser neues Baby.

    Jule: Du hast vor einigen Jahren mal gesagt, dass Lana Del Rey eine große Inspiration für euch ist. Kann es sein, dass sich das bis heute nicht geändert hat? Es gibt so einige Momente auf dem Album, die mich stark an ihren Sound erinnern.

    Matija: (lacht) Ja voll, Lana Del Rey ist immer noch eine große Wegbegleiterin. Ihre Musik ist für mich einfach, und ich glaube auch für den Rest der Band, das perfekte Beispiel von einer Realitätsflucht, aber irgendwie auch einer wunderschönen Melancholie. Ich sage immer „von den Meistern muss man lernen“ und Lana Del Rey ist eben genau so eine Meisterin dieser Art Songs zu schreiben. Songs, in denen gesagt wird, dass das Leben eben diese bittersüße traurige Note hat, aber eigentlich ist es auch ganz schön, dass es so ist und dass man Schmerz und Reue und Melancholie empfindet. Das in einen Popsong zu packen macht einfach Spaß und ich finde, sie macht das ganz großartig. Auf jeden Fall haben wir uns da auch einige Sachen abgeschaut, ja.


    „Wir sind weniger auf dieser metaphorischen Ebene unterwegs“

    Jule: Es gibt auf „byebyeskiesofyesterday“ ja auch Songs, die eine wirklich unmissverständliche Wortwahl nutzen. Songs, in die man nicht so viel rein interpretieren kann oder muss, weil ihr euch ziemlich klar ausdrückt – was auf dem ersten Album vielleicht nicht unbedingt so war.

    Matija: Völlig korrekt. Wir sind weniger auf der metaphorischen Ebene unterwegs als auf dem ersten Album. Da fanden Texte statt, die viel Platz zur Interpretation lassen. Auf der zweiten Platte geht es einfach um Dinge, die uns aufgefallen oder passiert sind. Und wir haben versucht, das in den Texten auch 1 zu 1 so darzustellen. Wie in „absolutlynothing(today)“, wo wir verstanden haben, dass ein Tag, an dem du absolut gar nix hinbekommst, trotzdem ein guter Tag ist. Diese Dinge waren für mich einfach nicht mehr in Metaphern auszudrücken. Oder auch „awaytosurvive“, wo wir wortwörtlich übersetzt sagen: „Ich habe einen Weg gefunden, um zu überleben“. Dieses Album wird getragen von ehrlichen Emotionen und Erkenntnissen, die unverblümt genauso dargestellt werden. Ich war als Texter beim ersten Album damals in so vielen Sphären gleichzeitig unterwegs, dass ich dem Zuhörer den Spielraum zur Interpretation auch einfach geben wollte.

    Jule: Ein wichtiger Faktor sind ja auch die Musikvideos. Die, die ihr bisher zu den Singles veröffentlicht habt, sind auch von der Bildsprache her ziemlich stark. Und haben sich zu denen in der Vergangenheit auch weiterentwickelt. Wie wichtig sind euch die Videos?

    Matija: Uns sind die Videos sehr wichtig! Wir sind große Fans der Bildsprache von saymyname oder auch von unserem Lichtmischer Lenny Heidtmann, der auch eine eigene Filmproduktionsfirma hat. Wir machen uns schon früh Gedanken darum, was im Video passieren könnte. Ich weiß nicht, ob Musikvideos heutzutage noch so eine große Rolle spielen. In der Musikindustrie hat sich auf jeden Fall verändert, dass man dafür nicht mehr so viel Geld ausgibt. Während in den 80ern halt teilweise 1 Mio. Dollar für eine große Produktion ausgegeben wurden. Vielleicht auch, weil die Aufmerksamkeitsspanne der Leute sehr kurz geworden ist und viel über Streaming funktioniert. Aber ich glaube immer noch, dass das für Fans wichtig ist, dass es tolle Musikvideos gibt. Um den Song auch auf dieser zweiten Ebene erleben zu dürfen und besser zu verstehen, was die Künstler*innen sagen möchten. Oder auch um sich in der eigenen audiovisuellen Konzeption bestätigt zu fühlen oder einen neuen Aspekt des Songs zu entdecken.

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    Jule: War das beim ersten Album auch schon so, dass ihr euch so viele Gedanken um eure Videos gemacht habt?

    Matija: Nee, eben nicht. „Song For Celine“ und „White Socks“ sind Auftragsarbeiten. Die Songs wurden an eine Produktionsfirma gegeben, die sich ein Konzept ausgedacht und ausgeführt hat. Da hatten wir nicht so viel mit dem Skript zu tun. Bei „Justify Your Love“ hatte ich zum ersten Mal eine ganz klare Vision für das Video. Ich wollte bzw. musste dafür nach Paris und der Rest der Band hat gesagt „go for it, mach es!“. Dann habe ich das Drehbuch geschrieben und wir haben das umgesetzt. Damit fing dieser Trend an. Ab dem Video zu „The Calling“ ging es dann richtig damit los, dass wir uns mit den Leuten hingesetzt und zusammen überlegt haben, was in den Videos passieren soll. Das hat für uns sehr gut funktioniert, gerade auch bei den zuletzt erschienenen Videos.


    „Ich will, dass das Album in die Charts kommt“

    Jule: Wenn du dir für das Album was wünschen darfst, was wäre es?

    Matija: Darf ich eine richtig dumme Antwort darauf geben? Ich will, dass das Album in die Charts kommt (lacht). Es ist total beknackt, aber es ist tatsächlich so ein Kindheitstraum von mir, ein Album in den Charts zu haben. Und ich weiß, dass das mit der Musik die wir machen, aktuell in Deutschland sehr schwer ist, weil eben Leute wie Apache 207 oder Capital Bra die neue Messlatte für die Charts sind. Aber ich hoffe einfach, dass „byebyeskiesofyesterday“ es, aus welchem verrückten Grund auch immer, schafft, und wenn es nur Platz 90 ist, in den deutschen Albumcharts einzusteigen. Das fände ich so super (lacht).

    Jule: Weißt du was ich mir wünschen würde? Daran habe ich gedacht, seit ich den Song das erste Mal gehört habe: Eine Orchesterversion von „inlovewithamurderer“. Der ist nicht nur vom Sound, sondern auch von den Lyrics her wirklich… doll.

    Matija: Ohhh ja, darüber haben wir tatsächlich auch schon nachgedacht. Das Ende bietet sich total dafür an, das stimmt. Der ganze Song ist auch ziemlich orchestral. Der Film „Leon der Profi“ war übrigens die Grundlage für diesen Song. Das ist mein absoluter Lieblingsfilm, den ich bestimmt schon 20 Mal gesehen habe. Wir sind aber tatsächlich nicht die einzigen, die sich von diesem Film haben inspirieren lassen – „Matilda“ vom ersten Album von alt-J oder auch „Shape Of My Heart“ von Sting ebenfalls.

    Jule: Dann kommen wir jetzt zum Ende des Interveris und zu unserem berühmten blank space, bei dem du alles rauslassen kannst, was meine Fragen vielleicht nicht hergegeben haben.

    Matija: Also, zunächst würden wir uns natürlich freuen, wenn ihr alle zu unserer Tour Anfang 2021 kommt. Es gibt 18 Termine und wir hoffen sehr, dass die stattfinden können. Und ich möchte ein Rezept aus Ottolenghi’s Buch „Flavour“ empfehlen. Das ist ein Rezept für süß-saure Zwiebeln, die man mit der Unterseite in eine sehr heiße Pfanne legt, so dass die Zwiebeln komplett verbrennen und schwarz werden. Danach packt man die in den Ofen und kocht in einem Topf Granatapfelsaft auf, bis der sirupartig wird und bereitet eine kleine Schale mit Olivenöl und diversen Kräutern vor. Dann gibt man den Granatapfelsirup in eine große Schale, holt die Zwiebeln aus dem Ofen und legt die einzeln dort rein. Dann noch das Kräuteröl und Ziegenkäse drüber geben und schon hat man eine wunderbare Vorspeise, die sehr lecker und gesund ist.

    Jule: Hui, in letzter Zeit beende ich Interviews immer mit knurrendem Magen… Mir bleibt dann jetzt eigentlich nur noch, euch die Daumen für die Chartplatzierung zu drücken und einen tollen release day zu wünschen. Vielen Dank für das tolle Gespräch!


    Das zweite Album „byebyeskiesofyesterday“ von Matija könnt ihr euch hier anhören:

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    Fotocredits: Hieronymus Josh

  • Matt Ryder im Interview: »My music is constantly changing because I am constantly changing.«

    Matt Ryder im Interview: »My music is constantly changing because I am constantly changing.«

    Matt Ryder ist ein direkter Geheimtipp an euch. Aus England und erst 17 Jahre alt macht Matt alles rund um Lo-Fi-Electronica undhat mich vor allem mit seinen neuen Releases sehr geflasht. Ich konnte mir auch nicht ganz zu viel unter diesem Genre Namen vorstellen, aber zusammengefasst ist es einfach nur mega schöne Musik. Ein Verlieren in melancholische, stimmungsvolle selbstproduzierte elektronische Musik von einem 17-Jährigen aus Birmingham –was das Internet nicht alles möglich macht. Nach Not The Same kam vor ein paar Wochen (bin ein bisschen spät dran hiermit, verzeiht) die zweite Single Soundless Motion raus, und erst gestern die brandneue Single Feel! Alle drei sind Auskopplungen aus seiner neuen, in diesem Jahr noch erscheinenden EP und ich hatte die Ehre, Matts allererstes Interviewzu sein! Es geht um die Struggles des Erwachsenwerden (wer kennt sie nicht) und seine musikalische Weiterentwicklung.
     
    Anna: Hey! Really cool that it worked out online-meeting you! How are you?
     
    Matt: I’m good, thank you (smiles). Yeah, it’s such a weird dynamic to meet people over zoom still, but I’m good, thank you.
     
    Anna: You’re a 17 y/o newcomer from England. How would you describe your music, what are the sounds that inspire you and what stories do you want to tell?
     
    Matt: It’s all kind of an experience for me. Obviously cause I’m so young, I’m still experiencing a lot of things that tend to develop people as who they are. And it’s quite nice for me to have music as a way to express and kind of process the experiences that I have as I move through childhood and into adulthood in such a confirmative time in life. So yeah, my music is constantly changing because I’m constantly changing. Being 17, every few months there’s a new thing for you to like get your head around. My music is a big reflection of that.
     
    Anna: When did you start getting into music and when did you decide that it’s something you really wanna do?
     
    Matt: I started producing music when I was around like 9. I was playing guitar and piano before that when I was around 4, so it just kind of started from there. But I think it was when I was 9 when I first got a production piece of software and realised, actually this is whatI want to do. I can record music and can actually have like a finished product of kind of expression.
     
    Anna: That’s pretty early.
     
    Matt: Yeah, I know, it’s really weird! (laughs) I tell people that all the time and a lot of times they don’t even know that I’m 17, so yeah, it’s quite early to start. My mates were out playing in the street and like going to the park and I sat in my room, playing with my production software (laughs).
     
    Anna: Last year, you released your first EP “50FT” –later this year your second EP is going to be released. In how far would you say will your second EP sound different to your first one?
     
    Matt: It’s quite different. Quality wise, it’s definitely a step up. This music that I’m releasing now is still like a year old. I made 50FT between the age of 14/15, so that’s still quite early to make and release music. So obviously for me the quality of that is nowhere near the quality of music I’m about to release. But then again, even looking at music I’m releasing now to music I’m currently making, it’s such a different kind of thing to what I was doing before. But yeah, there’s definitely a change in dynamic. Soundless Motion, what the new EP is called, it’s not dark but it’s moving into a much more real space regards to experiences I had while I was making it. And that really inspired a much more honest record I think.
     
    Anna: So you also feel like you’ve grown production-wise?
     
    Matt: Yeah, I learned a lot. After I wrote 50FT, I had a really long time of writer’s block, which is weird and tough. Moving forward from that I just had a breakthrough and started to make this music. I was mostly just messing around and had no idea that it was actually gonna lead to something that was like a finished piece like this EP now.
     
    Matt Ryder, Untoldency, Untoldency Magazine, Indie, Musik, Blog, Blogger, Online Indie Musik Magazin, Interview, Matt Ryder, 50FT, Soundless MotionAnna: The first single release from this EP is called Not The Same and since I heard it, it’s lowkey running on repeat. The next one up is Soundless Motion, how excited are you about these releases?
     
    Matt: I’m really excited! It’s nice to finally get music out, it’s been so long since I put something out that feels really fresh for me. I’m very, very excited for people to hear it!
     
    Anna: I’m excited, too! As you said before, you draw a lot from your own teenage life and the experiences you make. What is it like to be a teenager in England right now with everything going on?
     
    Matt: I’m quite lucky, I think. I managed to keep in contact with my friends and everyone that I know has stayed safe. But I can imagine there are people in such awful positions, which is horrible. Writing music has definitely been a reflection on these situations through lockdown and the pandemic. But I think it’s also just a lot more reflective of the “normal” teenage things that I think a lot of kids just go through. That’s kinda just what I’m exploring, really. Going to the first party and just all of that “normal kid stuff”. Because when you get to this age, you’re kinda launched out in the world, you go to university or you get a job, and a lot of the time, of people don’t feel ready and it’s scary. Those experiences that lead up to it tend to be reflective of that, of that fear of what’s about to happen.
     
    Anna: It’s not getting easier, I tell you that. You’re also very interested in arts and photography telling from your Instagram. Do you also take inspirations from that?
     
    Matt: Yes, 100%. I’m very visual with the way that I make music. Especially for this music, brutal architecture from the 60’s and 70’s were some of the biggest inspirations for the visuals. And I’m really into that, that was definitely the visuals I was seeing when I was making the music. I have like these pinboards that I put photos on toand kinda see what direction the music is gonna go visually. Because, for me, it’s not just music or an audio file I got but it adds a different dimension to it.
     
    Anna: Talking about a different dimension to music, I was wondering, did you play shows live before Covid happened?
     
    Matt: No, I haven’t yet. I’ve performed a lot in bands in school and did some live stuff there, so I am kinda used to being on stage, but mainly just behind the guitar. So I’m quite nervous to get on stage and it’s just like me, but I’m excited!
     
    Anna: Well I hope when you do and can, you’ll stop by in Germany!
     
    Matt: (laughs) Yes, absolutely, of course!
     
    Anna: The last question is always a blank space for the artist, so you can leave here literally anything you want, even a good movie recommendation if you will.
     
    Matt: Definitely, a good movie and a good visual inspiration is The Shining, I feel like everyone has probably seen that film but they should go back and watch it again because it is crazy and such a good film and inspired a lot of the visuals for this new music. So yeah, I’m really excited to share new music and yeah, cool, thanks for the interview!
     
     
     
    Fotocredit: Milly Cope

  • The Ella Sisters im Interview: »We wanted to make a hymn about empowerment.«

    The Ella Sisters im Interview: »We wanted to make a hymn about empowerment.«

    The Ella Sisters sind die Zwillinge Charlotte und Maren aus Norwegen, die mit ihrer ersten EP Queens frischen weiblichen Wind in die Pop-Szene bringen. Mit jeder Menge Energie und wichtigen Themen macht das Zwillings-Duo auf sich aufmerksam und macht klar: Wenn auch noch klein und unbekannt, sind sie jetzt hier, um zu bleiben. Anna hat sie in einem kleinem Mail-Interview zur EP befragt und wie es ist mit seiner Zwillingsschwester Musik zu machen – nämlich genauso cool, wie man denkt. Gebt den zwei Norwegerinnen eine Chance, um sie in euer Pop-Herz zu schließen (wir alle wissen, dass wir eins haben, auch unter all der Indie-Love).

     

    Anna: Hey you two! You’ve released your very first EP last Friday, how crazy does that feel like?

    Charlotte: It feels surreal. It is so exciting to share it after working on it for such a long time! Especially when it is an EP, we get the chance to show a bit more of who we are.

    Anna: But first a few things about you: You’re twin sisters from Norway, how did you get into making pop music? Did you know when growing up you wanna end up making music together?

    Maren: We have always had a big passion for music. We´ve been writing songs since we were 12, and have written together since we were 15. We have listened to a lot of different types of artists, and we love a good chorus that gets stuck in your head.

    Charlotte: Growing up we knew we wanted to work with music. The whole process of writing songs, recording them, releasing them and playing live shows for audiences, has always been a dream. For us it is important to be authentic and honest with the listeners, because that is something we have always appreciated when listening to music ourselves.

    Anna: What would you say are the perks of working together with your twin?

    Maren: It is incredible to have someone who is on the same journey as you are, and who understands you and respect you. We have always had such good chemistry, and we are best friends. When working together we see it as “us against the problem”, you know? When things get challenging, that is when it is most important to work with someone who gets you. We are so lucky.

    Anna: There are two new songs that are released with the EP: What can you tell us about them?

    Charlotte: That is correct. We have released Cars and Miss The Most as singles, and the new songs are the EP title track, Queens, and the last one is Don’t Worry About Us. Queens is actually the song that made us want to start writing pop music. We have written more acoustic pop and roots music earlier on, but that song needed another type of production. It has been in the works the past four years, because we knew that we had to work on an entire sonic landscape to get it where we wanted that song to be. We wanted to make a hymn about empowerment. Don’t Worry About Us is a song about the young generation and how we sometimes can feel lost. It is about mental health, and just the feeling of being human.

    Anna: The EP is called Queens. Simple as that. What is the message you hope to get across with this EP? What were the things most important to you when writing and producing it?

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    © Tobias Aasgaarden

    Maren: We hope the listeners feel empowered. That would be a dream. Our main goal when working on the EP was to be honest about our experiences as humans. We are part of a young generation trying to figure out life with all its ups and downs. The songs have variation in both lyrics and production, but it still gives a picture of how we sound as The Ella Sisters.

    Anna: Since you’re still a very small band I feel like it’s even more important to point out how good this EP is. Is there a song that feels even more special to you than the others? Or one you had the most fun writing?

    Charlotte: That is such kind words, thank you! Queens feels very special to us. It is a song that we want to share because we think it is an important message. Don’t Worry About Us was a fun song to write, because we played with sarcasm in that song. When recording it, we all just knew where we were going with it, and that is an amazing feeling.

    Anna: We have this tradition of using the last question as a blank space. So this is your very own space to say anything you want, tell people to go check you out or other great Nordic artists we aren’t aware of or literally anything else you want to get off your chest before this interview is over.

    Maren: First, we want to say thank you for such nice questions. We love to talk about the process and everything! For the readers: make sure to check out our EP, Queens, out Aug. 28th.

    Both: Second, we want to remind the beautiful humans reading this, how important it is to lift each other up and support each other. We are all trying to figure out life, so let us take care of each other, see each other, and listen to each other.

    All the love, The Ella Sisters

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