Kategorie: untold stories

  • LUI HILL im Interview: »Ich war gezwungen, mich mit meinen Dämonen – mal lieb, mal böse – auseinander zu setzen.«

    LUI HILL im Interview: »Ich war gezwungen, mich mit meinen Dämonen – mal lieb, mal böse – auseinander zu setzen.«

    Nachdem wir letzte Woche die Tour des sympathischen Berliners ankündigen durften, stellen wir ihn euch und seine neue EP „Creatures“ nun in einem Interview ausführlicher vor. Wer ihn noch nicht kennt, LUI HILL macht eine Mischung aus etwas, was wir so gar nicht in Genres stecken wollen oder können. Zwischen Funk, Indie-Pop und ein paar R’n’B Touches ist alles dabei. Er selbst beschreibt es als „Pianoballade trifft 808 Bässe und einen stark verpixelten Jazzdrummer auf Steroiden“ – und das ist schon ziemlich präzise in Worte gepackt.  Zusammen haben wir uns durch seine neue EP gearbeitet, über den Einfluss der Pandemie, seinen eigenen Lieblingssong und einen ermordeten Jazz-Trompeter (Clickbait?) gesprochen.

     
    LUI HILL im Interview

    Anna: Hey LUI, nice, dich auch endlich mal persönlich bei uns vorzustellen! Am Freitag veröffentlichst du deine erste EP – 374 Tage nachdem du angekündigt hast, eine EP zu machen. Wie fühlt sich das an, dem jetzt auch offiziell endlich nachgekommen zu sein?

    LUI HILL: Gut. An dem Punkt, wo es klar war, da sind nun 5-6 echt gute Songs in kürzester Zeit entstanden, und die könnten eine EP werden, packt mich natürlich die Vorfreude und ich hau das auf den Socials raus. Dass ich aber vor 374 Tagen eben doch noch nicht mal mit meinem Label darüber gesprochen hatte, die natürlich auch ihren Release-Plan haben, und ich auf dem Weg noch 2-3 Songs schreibe, die mir besser gefallen, ist eben auch die Natur der Sache. Ich bin super happy, dass da nochmal kurz die Handbremse gezogen wurde und ich nun mit dieser EP und nicht mit der vor einem Jahr an den Start gehe.

    Anna: Auch wenn das deine erste EP ist, machst du ja schon viel länger Musik. Vom Frontmann einer Punkband zum Jazzstudium haben viele Stationen deinen musikalischen Weg geprägt. Wie würdest du den Einfluss all dieser Dinge jetzt rückblickend auf deine musikalische Entwicklung beschreiben?

    LUI HILL: Ich glaube, all diese kleinen Stationen, da gab es ja noch ein paar mehr zwischen Punk und Jazz, prägen einen natürlich. Sie bilden vielleicht so ein Fundament, aber auf dem baue ich mittlerweile natürlich ganz andere Luftschlösser. Ich fühle mich auf jeden Fall mehr von der heutigen Musik geprägt, als von der Punk-Phase meiner Teenagerjahre oder meinem Jazzstudium danach. Aber wenn ich jetzt so auf die Trackliste schaue, merke ich tatsächlich, dass so ein Song wie Creatures definitiv eine rotzige Sorglosigkeit und genügend Haare auf den Zähnen hat. Diese Attitüde würde man dem Punk durchaus zuordnen. Bei Talk To You ist auch ein kleiner Schulterblick zum Jazz passiert, aber irgendwie ein komisch verzerrter. Pianoballade trifft 808 Bässe, und einem stark verpixelten Jazzdrummer auf Steroiden. Wenn das überhaupt Sinn macht. Ich mag es, Dinge zu verbinden, die nicht zusammengehören. Und Stilpurismus in der Musik ist das langweiligste, was ich mir vorstellen kann, vor allem wenn man in einem kreativen Prozess steckt.

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    „Es bleibt nur die Reise im Kopf an fremde, inspirierende Orte.“

    Anna: Weil ich gerade wegen deines breiten Musikspektrums neugierig geworden bin: Welche Künstler:innen haben dich im Hinblick auf die EP am meisten inspiriert?

    LUI HILL: Ach, das weiß ich gar nicht mehr so wirklich. Ich habe z.B. im letzten Jahr super viele Bands aus dieser Sweet Soul Bewegung (San Francisco Bay Area und NYC) gehört. Kelly Finnegan, Duron Jones & The Indications, Holy Hives usw. Davon höre ich aber gerade gar nicht so viel in meiner Musik, aber das können andere eventuell besser entscheiden.

    Anna: Ich komme leider auch nicht drum rum zu fragen: Inwiefern hat der ganze Lockdown letztes Jahr dich als Person beeinflusst, aber auch als Künstler? Hat es dich eher kreativ gefordert oder zwischenzeitlich auch ausgebrannt?

    LUI HILL: Der hat diese EP auf jeden Fall beeinflusst. Nimm einen Song wie How Many Moons oder Creatures, den hätte ich bestimmt nicht geschrieben, wäre diese Zeit nicht so speziell und herausfordernd gewesen. Ich war gezwungen mich mit meinen Dämonen, mal lieb mal böse, auseinander zu setzten. Der erste Lockdown bis in den Sommer hinein habe ich als sehr inspirierend in Erinnerung. Diese kollektive Verbindung durch die Pandemie war ein so neues Gefühl. Alle mussten mit dem gleichen Problem umgehen. Und dann war da eben die ganz merkwürdige Ruhe dazwischen. Mein Kopf war voll mit Dingen vom letzten Jahr. Ein Jahr, in dem ich so viel wie noch nie mit meiner Musik auf der Bühne sein durfte. Ganz ehrlich, jetzt ist aber der Tank wirklich leer, und neue Eindrücke sind verdammt rar. Bleibt gerade nur die Reise im Kopf an fremde, inspirierende Orte. Hat Karl Mai ja auch schon geschafft.

     
    „Der Song spiegelt für mich die erste Zeit im Lockdown wider.“

    Anna: Daran anknüpfend steht vielleicht die zweite Single aus dieser EP How Many Moons, die gleichzeitig traurig und optimistisch klingt. Was bedeutet der Song für dich?

    LUI HILL: Dieser Song spiegelt für mich diese erste Zeit im Lockdown wider. In der ich Angst, Faszination und Hoffnung zu gleichen Teilen in mir hatte. Deswegen kann dieser Song für den Zuhörer*innen so mühelos in die eine oder andere Richtung gehen, positiv wie negativ. Ich mag diesen Song sehr, aus verschiedenen Gründen. Zum einen kam er so unangestrengt zu mir – der Text beim Laufen im nächtlichen Wald, die Akkorde am Tag darauf. Aufgenommen habe ich mit kleinstem Besteck im Wohnzimmer meines Elternhauses am alten Klavier meiner Mutter. Der Text transportiert für mich so gut dieses Gefühl, dass ich zu dieser Zeit in mir hatte. Das war einfach on point.

    Anna: Einen ganz anderen Klang hat die bereits angesprochene Single Creatures. Ich kann mich noch erinnern, als ich das Musikvideo das erste Mal gesehen hab und dachte: so weird das auch alles wirkt, es passt perfekt zum Song. Auch wenn es bereits etwas zurückliegt, wie war der Musikvideo Shoot für dich?

    LUI HILL: Creatures war mein Regie- und Produktionsdebüt und, wow, habe ich unterschätzt wie viel Arbeit das ist. Cast- und Locationsuche während einer Pandemie. Ich habe auf jeden Fall in den Wochen davor nicht viel geschlafen. Ich bin aber super happy mit dem Resultat und möchte diese stressige Erfahrung doch nicht missen.

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    „Ich wollte etwas schizophren Fröhliches gegen diese doch sehr traurige Geschichte setzen.“

    Anna: Sidewinder, mein persönliches Highlight der EP, geht ja auf etwas zurück, dem du im Jazzstudium das erste Mal begegnet bist: Die Geschichte des Jazztrompeters Lee Morgan und seinem Tod durch seine Frau. Was genau hat dich an der Geschichte so fasziniert, und inwieweit kann man Einflüsse daraus auf dem Track finden?

    LUI HILL, Untoldency, Untoldency Magazine, Indie, Musik, Blog, Blogger, Online Indie Musik Magazin, untold stories, luihill, lui hill musik, creatures, creatures EP, creatures tour 2022, sidewinderAnna: Lee Morgans Musik habe ich tatsächlich schon vor meinem Studium gemocht. Ab und an spielte ich mit Freunden ein paar seiner Songs, wie auch einer seiner größten Hits Sidewinder. Dass ich durch die Doku über sein Leben und das seine Frau Helen Morgan mehr erfahren habe, war Zufall oder sagen wir eben auch dem Lockdown geschuldet. Ich hatte noch nie so viel Zeit, Filme zu schauen. Dass Helen zu einer sehr dunklen Zeit in Lee’s Leben trat, was ihn von seiner Heroinsucht losreißen lässt, und er danach nochmal 10 Jahre lang seine größten Werke aufnimmt, ist ein Wunder. Dass Helen ihn dann auf einem seiner Konzerte im Affekt und aus Eifersucht das Leben wieder nimmt, ist an Tragik nicht zu überbieten. Ich musste danach diese Zeilen schreiben, die dann zu dem Song geführt haben. Die Musik ist aber stilistisch von Jazz und Lees Musik schon sehr weit entfernt. Ich wollte etwas schizophren Fröhliches gegen diese doch sehr traurige Geschichte setzen, so zerrissen wie mir Lee eben nach dieser Doku auch im Gedächtnis geblieben ist. „I called him Morgan“ – must watch…

    Anna: Was kannst du zu dem Track sagen, der mit der Creatures EP released wird? Loving To Lose You klingt ja allein vom Titel vermeintlich widersprüchlich. Wovon handelt der Song?

    LUI HILL: Loving To Lose You ist mein Lieblingssong auf der EP. Der Song handelt davon, sich in das Gefühl verliebt zu sein zu verlieben. Das High dieser ach zu schönen Psychose nicht verlassen zu wollen, obwohl doch gar nicht das gleiche Gefühl im Gegenüber zu finden ist. Es ist dem zur Methode werdenden Selbstbetrug gewidmet, der einsetzt, wenn man wirklich verliebt ist.

     
    „Ich freue mich endlich nicht nur für, sondern vor Menschen Musik zu machen!“

    Anna: Wir dürfen es ja jetzt schon sagen: Du gehst nächstes Jahr auf Tour und wir dürfen dich dabei begleiten! Auf was freust du dich am meisten?

    LUI HILL: Ich freue mich so sehr endlich wieder nicht nur für, sondern vor Menschen Musik zu machen! Auf die ohrenbetäubende Euphorie, die überschwappt in beide Richtungen. Ich will endlich wissen wie diese Songs live ankommen und wie wir sie spielen werden.

    Anna: Zum Schluss fragen wir immer nach einer untold story. Das kann etwas über dich, deine Musik, etwas Deepes oder komplett Random sein, alles zählt.

    LUI HILL: Habt ihr euch schon mal gefragt, warum Matratzen-Läden immer an Straßenecken zu finden sind und warum Frisörladenbetreiber einen so starken Hang zum Wortwitz haben?

    – Haben wir tatsächlich noch nicht. Aber dafür haben wir hier schon reingehört und ihr könnt es auch (schwache Überleitung, starke EP):

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    Und für die Leute, die genauso Bock haben, LUI HILL dieses Brett an EP auch live performen zu sehen, die folgen diesem Link hier.

     

    Fotocredit: Nicolas Blanchadell

  • Kicker Dibs im Interview: »Das Musiker-Dasein ist für uns kein Job, sondern ein Lebenstraum«

    Nach der 2016 erschienen EP „Sonnemondstern“ und zahlreichen Singles können die Kicker Dibs nun auch einen Haken hinter „Debütalbum“ setzen. Letzte Woche veröffentlichten die Berliner Indie-Rocker nämlich (sorry, aber: endlich!) „Vagabund“. Im März 2021 durften wir ja schon das tolle Musikvideo zur Single „Schmetterlinge“ präsentieren. Und anlässlich des Debütalbum-Releases hat sich Jule nun mit den Kicker Dibs im Internet zum ausführlichen Interview getroffen und mit ihnen natürlich über das Album, Rollenverteilungen innerhalb der Band, ihre Inspirationen, Tokio Hotel und Bier gequatscht. Viel Spaß beim Lesen!


    Kicker Dibs im Interview

    Jule: Hey, freut mich sehr, dass das geklappt hat. Wollt ihr euch für die Leute, die euch noch nicht kennen, vielleicht einmal kurz vorstellen?

    Niki: Also wir sind die Band Kicker Dibs – Tingel (Bass), Lenny (Drums) und ich bin Niki (Gitarrist und Sänger). Wir machen deutschsprachigen Indie-Rock seit… boah einer gefühlten Ewigkeit. Kennen tun wir uns auch schon seit Schulzeiten und machen mittlerweile, glaube ich, seit über 10 Jahren gemeinsam Musik. Wir kommen aus Berlin und sind in Zehlendorf bzw. Nikolassee groß geworden.

    Jule: Heeey, ich auch! (lacht)

    Tingel: Und wir sind auch immer noch hier (lacht). Wir sind gerade nämlich in unserem Studio in Nikolassee, in dem auch unser Debütalbum „Vagabund“ entstanden ist.

    Jule: … über das wir gleich natürlich noch ausgiebiger sprechen. Aber vorab: Eure EP „Sonnemondstern“ ist ja 2016 erschienen. Seitdem habt ihr regelmäßig Singles veröffentlicht und nun 2021 das Debütalbum. Es folgt eine ermahnende Frage: Warum denn erst jetzt?

    Tingel: Gute Frage! (lacht) 2016 wussten wir natürlich noch nicht, dass wir das Debütalbum erst 2021 raushauen werden. Es war so, wie es irgendwie immer ist: Wir sind drei Freunde, die gefühlt alles zum ersten Mal machen. Hätten wir davor schon zwei Alben rausgebracht, wäre das alles vielleicht easier gewesen. Aber so haben wir die letzten Jahre ganz gut genutzt, um uns auch so ein bisschen zu finden. Oder was meint ihr?

    Lenny: Wir hatten, als wir die EP rausgebracht haben, das große Glück, dass wir eben nicht nur die EP rausgebracht haben, sondern auch einen Soundtrack zu dem Film Tigermilch veröffentlichen durften. Und in diesem Prozess haben wir unseren Produzenten Manfred Faust kennengelernt. Mit dem haben wir dann angefangen Songs zu schreiben. Und dann schreibt man eben Songs und noch mehr Songs und die entwickeln sich. Irgendwann ist man dann an dem Punkt, dass man sagt, dass man ein Album veröffentlichen möchte. Und dann kommen irgendwie immer Dinge dazwischen…

    Tingel: … Pandemien zum Beispiel. All solche Sachen, die man immer nicht vorhersehen kann.

    Niki: Aber letztendlich waren die letzten Jahre auf jeden Fall eine schöne Reise. Wir haben viel erlebt, waren viel auf Tour, haben viele Songs geschrieben. Deshalb ist das Album für uns auch wie ein kleines Kapitel-Ende. Wir haben das alles damit jetzt schön zusammengefasst – und das beschreibt vielleicht auch der Albumtitel „Vagabund“ ganz gut. Dass wir in den letzten Jahren viel gesucht und auch viel gefunden haben, aber jetzt auch froh sind, dass dieser erste Schritt getan ist.


    „Gerade der menschliche Energieaustausch fehlt enorm“

    Jule: Niki, du hast eben schon gesagt, dass das Livespielen ein großes Ding bei euch war. Eines meiner letzten Clubkonzerte 2020 war das von euch gemeinsam mit Tombola am – ich habe extra nachgeguckt – 09.01.2020. Ihr habt seitdem auch nicht mehr allzu häufig auf einer Bühne gestanden. Fehlt euch das doll oder konntet ihr das mit der Arbeit am Album ganz gut kompensieren?

    Niki: Wir hatten das Glück, nach diesem Konzert noch mit Engst auf Tour zu gehen. Unser letzter Gig war dann 2020 an Karneval in Düsseldorf. Und es fehlt uns natürlich krass. Als Band willst du einfach live spielen und den Leuten deine Musik zeigen. Wir holen uns natürlich auch die Energie von den Menschen und geben diese dann wiederum in den Songs wider. Das ist einfach so ein schönes Zusammenspiel und gerade dieser menschliche Energieaustausch fehlt enorm. Das merkst du auch so persönlich und psychisch, weil du manchmal einfach nur daliegst und dich fragst „wat mach ich eigentlich hier?“.

    Tingel: So blöd sich das auch anhört, aber da ist ja etwas in einem drin, was die ganze Zeit raus will. Das musste man jetzt einfach vakuumdicht verschließen und hoffen, dass es über die zwei Jahre nicht kaputtgeht.


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    Jule: Wow, das war deep. Kommen wir mal zu einem weniger deprimierenden Thema: Euer Album heißt ja „Vagabund“. Was macht euch denn ganz persönlich zu einem Vagabunden?

    Lenny: Niki hat ja gerade von der Energie des Austauschens zwischen Menschen gesprochen. Ich glaube, dass das in unserer Vergangenheit immer ein sehr bewegender Punkt war. Zusammen unterwegs zu sein, viele Städte zu sehen, neue Leute kennenzulernen. Das Loslösen vom Alltag, den man Zuhause halt so hat, und das Freimachen von irgendwelchen Zwängen. Sowas haben wir eben auf Tour gut erleben können. Sinnbildlich einfach den Schlüssel ins Auto zu stecken und zu sagen: „Cool, wir können jetzt unterwegs sein und Dinge erleben“. Wir waren ja auch nicht nur in Deutschland unterwegs, wir haben es auch immer geliebt, in andere Länder zu reisen und da auch teilweise Konzerte zu spielen.

    Tingel: Und auch dieses Nicht-Aufhören. Manchmal denke ich mir auch, dass wir drei Masochisten sind (lacht). Sobald die erste Sache erledigt ist oder man eine Tour fertig gespielt hat, ist es sofort so: „Ok, nächste Tour booken. Lasst uns noch ein Video drehen. Wir können noch dies und das machen“. Es steht einfach nie still. Ich kann mich überhaupt nicht daran erinnern, dass wir in den letzten fünf Jahren mal irgendeine Art von Stillstand hatten.

    Niki: Wir sind auch glaube ich alle drei nicht die Typen dafür, einen 9 to 5-Job zu haben und damit glücklich zu werden. Wir sind immer auf der Suche und ich finde das auch ganz wichtig. Gerade in unserer Gesellschaft herrscht ganz schöner Druck, dass man mit 25 Jahren seinen Master in der Tasche haben muss und dann ab in die Arbeitswelt, in der man die nächsten 40 Jahre gefangen ist. Da haben wir alle einfach gar keinen Bock drauf. Das Musiker-Dasein ist für uns auch kein Job, sondern ein Lebenstraum. Und das alles spielt so in den Albumtitel rein.


    „Wir wollten es bündeln, damit die Durchschlagskraft stärker ist“

    Jule: Ein paar Songs sind ja schon vorab als Singles erschienen. Sie wirken aufgrund ihrer Anordnung auf dem Album aber nochmal völlig anders. Es geht thematisch, einmal runtergebrochen, um Herzschmerz und Rastlosigkeit. War das ein Konzept oder ist es automatisch passiert, da einige Songs ja auch schon älter sind?

    Niki: Ja, es sind Songs dabei, die erst im letzten Jahr entstanden sind und Songs, die es schon vier Jahre gibt. Am Ende war es sowas wie ein „Best of“. Du hast eben sehr viel Material und wählst die Diamanten aus. Wir hätten auch easy 14 Songs auf das Album packen können. Aber wir wollten es bündeln, damit die Durchschlagskraft stärker und für die Zuhörer:innen klarer ist, was abgeht. Wir haben ziemlich viele Facetten, wir sind gerne rockig und hauen auf die Kacke. Aber wir können und wollen auch manchmal einfach nur schön und gemütlich. Da ist es für uns einfach wichtig, eine Linie zu finden. Das haben wir mit dem Album versucht und es freut mich natürlich, dass das bei dir als Hörerin schon mal angekommen ist.

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    Jule: Es gibt aber einen Song, der aus diesem Gesamtwerk heraussticht, nämlich der letzte des Albums, „Winter in Berlin“. Mit so einem ruhigen Ende habe ich nicht gerechnet und vielleicht hat er mich auch deshalb nochmal mehr abgeholt. Gibt es einen Song, der euch besonders viel bedeutet oder bei dem es besonders schwer war, ihn in der Produktion umzusetzen?

    Lenny: Wo du gerade „Winter in Berlin“ ansprichst, da gab es schon unterschiedliche Versionen und vielleicht auch unterschiedliche Vorstellungen von allen Beteiligten, wie man den präsentieren möchte. Wir spielen den ja auch bei Konzerten gerne zum Schluss. Dann wollte einer genau diesen Spirit auf dem Album haben, der einfach schwer in einer ausproduzierten Version einfangbar ist. An dem Song haben wir schon echt lange gefeilt.

    Niki: Auch gerade die Herangehensweise bei „Winter in Berlin“, nur Gitarre und Stimme – die vermeintlich einfachsten Dinge sind die schwersten. Da muss dann einfach alles stimmen und das ist nicht immer so einfach wie es klingt. Das ist dann aber vielleicht auch die hohe Kunst. Es freut mich dann natürlich umso mehr, wenn der Song berühren kann. Für mich ist er auf jeden Fall textlich und inhaltlich auch sehr aussagekräftig. An welchen ich da auch denke, obwohl er nur ein kleiner, feiner Track ist, ist „Draußen Regnet’s“ …

    Tingel: … whaaaat? (lacht)

    Niki: Ja (lacht). Der ist halt hier im Studio entstanden, am Anfang des ersten Lockdowns. Draußen hat es eben geregnet und es entwickelte sich da so ein Sound, wo alles bei mir geklickt hat. Er war in der Umsetzung eben nicht schwer, sondern total leicht. Der war einfach an einem Tag fertig, sowas gibt’s dann eben auch. Und natürlich auch der Opener-Song „Vagabund“, der gefällt mir auch sehr.


    „Ohne Inspiration kann grundsätzlich nichts entstehen“

    Jule: Gibt es bei euch eigentlich eine Art Rollenverteilung? Ich weiß, dass Niki sehr viele Texte schreibt. Sind das feste Aufgaben oder lasst ihr euch von euren Ideen einfach treiben?

    Tingel: Niki ist bei uns auf jeden Fall der Haupt-Texter. Lenny und ich kommen manchmal mit Ideen, sind aber auf jeden Fall die ersten, denen Niki seine Ideen vorspielt – also hoffe ich mal! Ansonsten macht im Studio jeder so das, was er kann. Ich kann eben Bass spielen… dann hört’s aber auch schon wieder auf (lacht).

    Lenny: Na sooo schlimm ist das nun auch nicht (lacht). Aber stimmt schon, im Großen und Ganzen ist es schon recht klassisch, wie das bei uns abläuft. Dass Niki eben mit einem Text oder Gitarrenriff ankommt oder in Aufnahme-Sessions eben jeder an seinem Instrument sitzt. Weil es irgendwie schnell flowt, wenn jeder sein Favorite-Instrument spielt. Aber trotzdem sind wir auch experimentierfreudig – auch, wenn wir keine Perfektionisten am Klavier oder so sind. Wobei das auch total den Charme haben kann, wenn man Instrumente spielt, die man nicht so gut beherrscht. Weil man dadurch vielleicht auch auf Ideen kommt, auf die man, wenn man es gelernt hat, nicht unbedingt kommen würde.

    Jule: Wie würdet ihr denn selbst eure künstlerische Entwicklung beschreiben? Gibt es bestimmte Inspirationen?

    Niki: Ja na klar, ohne Inspiration kann ja grundsätzlich nichts entstehen. Wir haben auch musikalisch auf jeden Fall schon viel durchgemacht. Wir waren anfangs, ob wir wollten oder nicht, die Schulband, die versucht hat, auf Punk-Rock zu machen. Dann waren wir soundtechnisch weicher und wurden dann wieder bisschen härter. Die Inspiration kommt bei uns allen aus verschiedenen Ecken, trifft sich dann aber auf jeden Fall in der Rockmusik. Da kann ich so Namen nennen wie Green Day oder Madsen. Ich finde aber auch Jazz super inspirierend, obwohl wir so gar nicht Jazz sind.


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    Jule: Ihr habt vorhin schon mal euren Produzenten Manfred Faust erwähnt, der ja u.a. auch bei Songs für Tokio Hotel oder Echt mitgearbeitet hat. Ich habe dazu zwei Fragen. Erstens, wie seid ihr zu ihm gekommen? Und zweitens, wie cool ist es, dass jemand eure Musik produziert, der an Songs mitgearbeitet hat, bei denen eure Schulkamerad:innen früher ausgerastet sind?

    Alle: Hahaha.

    Tingel: Ich dachte schon die erste Frage ist: „Könnt ihr mir ein Autogramm von Tokio Hotel besorgen?“ (lacht)

    Jule: Die hätte ich ehrlicherweise als dritte Frage nachgeschoben (lacht).

    Tingel: Also, Manfred haben wir über Tigermilch kennengelernt. Das war ein total geiler Zufall. Als wir den Soundtrack zu diesem Film gemacht haben, da hatten wir irgendwie… ich weiß auch nicht, wie wir da wieder reingerutscht sind (lacht). Aber letztendlich haben wir die komplette Filmmusik geschrieben und bei ihm in Hamburg aufgenommen. Wir haben uns dann so gut verstanden, dass wir aneinander drangeblieben sind. Und dann haben wir die gesamten letzten Jahre mindestens einmal die Woche mit ihm telefoniert, wenn nicht sogar fast täglich. Und dass er Tokio Hotel mitproduziert, ja. Ich weiß noch, als wir das erste Mal bei ihm waren stand noch der Amp da, auf dem die Tokio Hotel-Songs gemacht wurden und ich immer einen großen Bogen darum gemacht habe, damit ich da keine Cola ausschütte oder so (lacht). Aber Manfred ist einfach ein sehr feiner Kerl.

    Niki: Voll, Manfred ist nicht nur musikalischer Wegbegleiter, sondern inzwischen auch ein Freund geworden. Er ist ein super Produzent einfach, der auch schon sehr viel Erfahrung gesammelt und schon mit jeglichen Künstler:innen zusammengearbeitet hat. Wir haben dadurch in den letzten Jahren auch eine gemeinsame Sprache entwickelt sozusagen, weil auch er eben aus so vielen Ecken Inspiration mitbringt. Und klar, Tokio Hotel und Echt, das ist schon beeindruckend.

    Tingel: SHOUTOUT!

    Alle: Hahaha.

    Jule: Dann kommen wir jetzt zur letzten Frage. Wir heißen ja nicht ohne Grund untoldency – mit meiner letzten Frage möchte ich gerne eine untold story aus euch rauskitzeln. Etwas, was ihr noch nie in einem Interview erzählt habt.

    Tingel: Alder Vadda, ey (lacht).

    Niki: Also ich sag mal so, wir haben da mal was vorbereitet (lacht). Wir trinken ja sehr gerne Bier und wir haben das noch niemandem erzählt, du bist die Allererste, die es wissen darf: Wir haben, zusammen mit der Vagabund Brauerei aus Berlin-Wedding ein eigenes Bier gebraut.

    Jule: No way, ihr lügt. Das ist nicht wahr?

    Niki hält die Bierflasche in die Kamera. Jule starrt fassungslos und mit offenem Mund auf ihren Bildschirm.

    Tingel: Guck mal, da sind unsere Gesichter drauf!!!

    Niki: Es heißt Backstage Helles und man kann sich das, wenn dieses Interview erscheint, über unseren Shop bestellen und Zuhause trinken.

    Jule: Ich bin wirklich sprachlos. Wie ist das denn zustande gekommen?

    Niki: Ich war vor dem Lockdown mit meinem Mitbewohner in einer Kneipe, las da „Vagabund Kneipe“ und dachte mir „Joa, passt doch“. Als ich dann mitgekriegt habe, dass die ihr eigenes Bier brauen, war das irgendwie perfekt. Dann haben wir die Brauerei angeschrieben. Die haben sich mega gefreut, wir haben uns mega gefreut, es hat alles gepasst. Und jetzt kann man dieses schöne Bier trinken.

    Jule: Ich fasse es nicht. Das ist in der Hitliste meiner untold stories auf jeden Fall ganz weit oben. Damit habe ich jetzt nicht gerechnet.

    Alle: YEAH! (lachen)

    Jule: Dann danke ich euch, dass ihr euch die Zeit für dieses schöne und lustige Interview genommen habt.


    Und hier könnt ihr euch „Vagabund“ in seiner vollen Gänze anhören. PS: Vielleicht gibt es ja bald nochmal tolle Kicker Dibs-News? Stay tuned, stream the album, thanks and bye. <3

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    Fotocredits: Tobias Schult / Julian Mathieu

  • Millie Turner im Interview: »The messages of hope became more relevant than ever.«

    Millie Turner im Interview: »The messages of hope became more relevant than ever.«

    Heute möchten wir euch ein kleines Pop-Wunder aus England vorstellen. Millie Turner hat erst letzte Woche ihr neues Mini-Album „Eye of the Storm“ veröffentlicht und es passt perfekt in all die Frühlingsgefühle, die wir seit ein paar Wochen schon hegen. Millie versorgt uns mit dem Soundtrack zu jeglichen Sommernachts-Fantasien, und überzeugt mit voller Frauenpower. Über letzteres haben wir uns unter Anderem auch unterhalten, aber das lest ihr hier:

     
    Millie Turner im Interview

    Anna: Hey Millie, really nice to get the chance to talk to you! How are you, a few days before releasing your new mini-album “Eye of the Storm”?

    Millie: I’m so inspired! I feel so very naked and vulnerable but still able to turn that into something powerful is very strange and empowering.

    Anna: How would you describe your own music to people who haven’t heard of you before?

    Millie: I’d like to say it’s transporting pop, that makes you want to dance. 

    Anna: You started releasing music in 2018 and since then have only been growing as an artist. Can you name a moment where you realised “this is what I want to do”?

    Millie: I experience that from purely any moment when you have a creative idea that connects. Witnessing that whether it’s in my room or on stage fuels me so much.

    Anna: Were there special moments during the process of Eye of the Storm that still stick with you?

    Millie: Making a lot of these songs was a really emotional and exciting process! I was in Australia while writing some of them and that was a really challenging and intense creative period that will always stay with me. It was so rewarding after when we realised what joy we’d created. 

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    “I’ve found it a really transformative year.”

    Anna: Hopefully some day we get over that question, but I have to ask – how did the pandemic last year (and still now) influence these songs? And how did you deal with the lockdown in Britain?

    Millie: I think these songs became more urgent. The messages of hope became more relevant than ever and I instantly knew this is what I/we all need! Fresh sounds to our ears to cure such a journey of a year! 

    I’ve found it a really transformative year to be honest. I think spending time with yourself can sometimes be really confronting in a challenging and productive time. 

    Anna: Still, Eye of the Storm is full of positive vibes and I really like that. Even when it gets a bit darker, there’s always a good vibe to it. What are the main messages behind that mini-album?

    Millie: I think it’s just a dip into my brain, so there are many layers. And like anything, it’s dark and twisted and emotional at most points, but there’s always a moment that uplifts and inspires you. Altogether it’s just a note of hope that I hope people can relate to in a real way! 

    Anna: I also can’t help but feel like a mini-album also stands a teaser for your debut album in the work… Can you deny or confirm that?

    Millie: I definitely can confirm that this is the start of a bigger picture to come! 

     
    “To be heard as a woman is incredibly empowering!”

    Anna: What I also feel like lately that there is a stronger bond between women in music and the empowerment we make each other feel than maybe ever before. Also considering you’re still comparably young, how do you experience that? And who are the women you would see as role models?

    Millie: Yes, music is a voice! And to be heard as a woman, who isn’t always heard, it’s incredibly empowering! I love that, and that’s why I love listening to other female artists because you can hear it in their own voice. The joy and sadness of voicing what is important to you as a woman is very moving. There are so many women who I look up to but at the moment I’m super inspired by some younger upcoming artists like Hannah Cohen, Dora Jar, and Jessica Pratt! 

    Millie Turner, Untoldency, Untoldency Magazine, Indie, Musik, Blog, Blogger, Online Indie Musik Magazin, milliturner, eye of the stormAnna: Last year, you supported Tove Lo on tour – I bet that was an incredible experience. What do you miss most about that time? And who is on your “bucket list” of acts you would love to play live with one day?

    Millie: I do miss that time. I miss my band and I miss the stage and the buzz and the car. I also miss the waiting around for ages, and the free ginger and honey tea! Those were the days. I’m so excited to play more in the future but I’m also preparing myself for how surreal and overwhelming it might be to be in your private space to exposing yourself to the world. I really wish to play for Lizzo, or Remi Wolf, or Jgerry would be amazing. 

    Anna: Last but not least we ask about an untold story of yours – something you haven’t shared in an interview before.

    Millie: I wrote the song she was a dancer while I was really bored at a wedding service! And most my voice memos for song ideas are recorded on the toilet. That’s my thinking shrine! 

     

    Für die frische Prise female Power-Pop hört hier in die die Eye of the Storm-EP rein:

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    Fotocredit: Amir Hossain

  • Stadt Land Flucht im Interview: »Wir sind einfach Künstler, die sich gegenseitig unterstützen«

    Seit Jahren supporten sich die Kasseler Musiker MOA, Fullax und Ma Fleur gegenseitig bei ihren Releases oder Videos. Und nun bekommt dieser Support einen Namen und ein Zuhause: Stadt Land Flucht – ein Kollektiv, das die Jungs aus einem gemeinsamen Song heraus gegründet haben. Und dieser Song ist absolut hörenswert, weil er auf die vielleicht perfekteste Weise die drei unterschiedlichen Sounds der Jungs vereint und den Hörer:innen so den musikalischen Zusammenhalt näherbringt. Unsere Kassel-Beauftragte Jule hat die Jungs virtuell im Proberaum zum Interview getroffen und mit ihnen über Songwriting-Sessions via Zoom, ihre Zukunftspläne und – Achtung! – Konzerte gesprochen.


    MOA, Fullax und Ma Fleur im Interview

    Jule: Hey! Schön, dass ihr euch die Zeit genommen habt. Wie ist es dazu gekommen, dass ihr einen gemeinsamen Song aufgenommen habt. Und: Warum nicht schon früher, ihr kennt euch ja auch schon ziemlich lange.

    MOA: Gute Frage. Ich glaube, wir wollten es alle nie so erzwingen, dass wir uns hinsetzen und einen gemeinsamen Song schreiben – auch wenn wir da nie so drüber gesprochen haben. Aber in dem Fall hat es sich einfach natürlich so ergeben. Ich hatte diese Demo und habe sie, wie all meine Demos, rumgeschickt. Dann hat Ma Fleur einen C-Part drauf gesungen, Fullax haben die zweite Strophe gemacht. Und dann dachten wir uns „hey, von uns ist keiner gerade dabei, eine große Produktion zu machen, wir sind alle in diesem Winter-Lockdown-Modus, also nutzen wir unsere Zeit einfach“. Das war auch total schön, weil wir dadurch eigentlich jede Woche gezoomt und uns eben digital getroffen haben. So ist dann nach und nach der Song entstanden. Fullax haben ihn dann fertig produziert. Es ist einfach, wie schon gesagt, so richtig natürlich entstanden.

    Jule: Stadt Land Flucht ist ja nicht nur ein Song, es ist auch ein Kollektiv. Wie habt ihr das für die Zukunft geplant, auch hinsichtlich neuer eigener Songs?

    Jonas (Fullax): An sich gibt es bis jetzt auch eigentlich keine großen Pläne, wir lassen das alles total auf uns zukommen. Ich glaube, jeder hat so für sich Pläne für die nächsten Monate und den Sommer. Aber insgesamt als Kollektiv lassen wir das erstmal offen.

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    MOA: Wir haben uns ja alle schon immer gegenseitig unterstützt, gegenseitig unsere Videos gemacht, bei den Produktionen geholfen und sowas. Und jetzt hat das einfach so ein Zuhause und einen Namen bekommen. Wir werden uns natürlich auch zukünftig alle unterstützen. Es ist auch geplant, dass zukünftige Releases von uns auch unter diesem Kollektiv veröffentlicht werden. Ähnlich wie bei einem Label, nur, dass wir noch mit einem externen Vertrieb zusammenarbeiten. Weil wir halt keine Business-Futzis sind, sondern einfach Künstler, die sich gegenseitig unterstützen.

    Jule: Was hat es denn eigentlich mit der Stadt Land Flucht-Plakataktion auf sich?

    Ma Fleur: Das ist eine Art Promo-Aktion, die wir zwar in der realen Welt gefilmt haben, die aber einfach nur im Internet stattfindet. Das war eigentlich mehr eine gefakte Plakataktion (lacht). Wir haben viele in der Unterführung an der Uni in Kassel aufgehängt, die müssten auch noch da sein. Aber alle anderen wahrscheinlich nicht mehr.

    MOA: Die Idee war auch ein bisschen, dass das Stadt Land Flucht-Thema wie eine Bewegung dargestellt werden sollte, auch in dem Video. Die Plakataktion hat dann auch so zu dem Video hingeführt. Dieses Thema, was ja auch ziemlich politisch ist, soll auch als Bewegung gesehen werden. Dass die Leute mal wieder ihren Kopf leeren können und wenn es in der Stadt zu viel wird, einfach mal aufs Land flüchten.


    „Größere Städte überfordern mich einfach“

    Jule: Das Thema des Songs ist ja grundlegend durch MOA entstanden. Ist es trotzdem eins, was euch alle irgendwie beschäftigt?

    Ma Fleur: Ich spreche mal nur für mich: Mir geht es auf jeden Fall auch so, dass größere Städte wie Berlin oder London… die überfordern mich einfach. Da ist so viel los, es gibt so viele Eindrücke, die da auf dich einprasseln. Und genau dieses Gefühl habe ich versucht, in meinem Part des Songs zu verarbeiten. Dass man super viele Möglichkeiten hat und einem alle Türen offenstehen, ich aber für mich in der Stadt trotzdem das Gefühl habe, ich komme nicht voran.

    Julian (Fullax): Für die Hawaii-EP, die wir 2017 aufgenommen haben, waren wir in Berlin. Schon nach 5 oder 6 Tagen war uns das irgendwie zu viel und wir hatten das Bedürfnis, nach Potsdam zu fahren. Weil wir einfach raus wollten und keinen Bock mehr auf die große Stadt hatten. Also mir geht das in großen Städten dann echt schon oft so.

    Jule: Ich lebe ja in Berlin, wobei ich im ruhigen Südwesten wohne. Tatsächlich wäre mir Kreuzberg oder Neukölln auf Dauer auch zu viel. Ich bin froh, wenn ich in mein grünes, leises Viertel komme und Zuhause einfach meine Ruhe habe. Wobei ich dauerhaft auf dem Land auch eingehen würde, dafür bin ich dann doch zu viel Stadtmensch. Tricky (lacht).

    MOA: Ja, Ma Fleur und ich wohnen auch am Rand von Kassel, das ist auch schon fast Land. Und jetzt gerade sind wir auch am Arsch der Welt (lacht).

    Jonas (Fullax): Genau, wir kommen nämlich so richtig vom Land, eine halbe Stunde südlich von Kassel, aus einer Mini-Kleinstadt. Und genau, da sind wir jetzt auch gerade, in unserem Proberaum.

    Jule: Apropos Proberaum, da seid ihr ja jetzt nicht ohne Grund. Ihr habt mir im Vorfeld unseres Interviews ja schon etwas verraten, das mit einem gemeinsamen Konzert zu tun hat. Erzählt doch mal.

    MOA: Voll gerne. Wir dürfen in ein paar Tagen gemeinsam für den Hessischen Rundfunk ein Konzert spielen. Der HR möchte hessischen Musiker:innen in diesen Zeiten eine Bühne bieten und sie unterstützen. Dafür konnte man sich bewerben, was wir dann auch getan haben. Die Konzerte werden dann in voller Länge in der ARD-Mediathek zur Verfügung stehen.

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    Jule: Spielt dann jeder seine Sets alleine oder werdet ihr euch auch auf der Bühne unterstützt?

    Ma Fleur: Also MOA und ich spielen jeweils alleine mit Gitarre, ein bisschen stripped down.

    Julian (Fullax): Wir spielen wie immer zu zweit unser Set (lacht).

    Jonas (Fullax): Und wir spielen natürlich auch als eine große Band sozusagen gemeinsam den „Stadt Land Flucht“-Song, das können wir uns natürlich auf gar keinen Fall nehmen lassen.

    Jule: Das freut mich total für euch, das ist ja wirklich ein krasses Privileg. Seid ihr aufgeregt?

    MOA: Für mich ist das auf jeden Fall krass. Im ersten Moment habe ich mich ultra gefreut, dass ich endlich wieder live spielen kann. Und im zweiten Moment habe ich mich gefragt, ob ich das überhaupt noch kann (lacht). Weil halt so richtig in einem Setup und nicht nur vor einem Laptop habe ich das letzte Mal vor 1,5 Jahren gespielt. Das fühlt sich für mich gerade ein bisschen wie ein Neuanfang an. Ich bin auf jeden Fall aufgeregt, auch anders aufgeregt, als ich es vor 1,5 Jahren vor Konzerten war.

    Ma Fleur: Ich find’s vor allen Dingen spannend, weil das ja eine richtige Fernsehproduktion ist. Ich bin deswegen aufgeregt, wegen dieser ganzen Umstände, die damit verbunden sind. Die Proben jetzt liefen eigentlich ganz gut, da mache ich mir wenig Sorgen, dass wir das verhauen könnten oder so. Aber das ganze Setting ist einfach interessant.


    „Mir fehlen beispielsweise Konzerte total“

    Jule: Klingt nach einem Lichtblick für euch in diesen crazy times. Wie kommt ihr ansonsten so klar? Aktuell gibt es ja nicht allzu viel, was die Kreativität fördern könnte, zu erleben. Bemerkt ihr das, wenn ihr Musik schreiben oder produzieren wollt?

    Alle: JA!

    Julian (Fullax): Mir fehlen beispielsweise Konzerte total. Ich bin immer mega inspiriert, wenn ich auf Konzerte gehe und habe dann mega Bock, selbst Musik zu machen. Und das fehlt mir gerade so sehr, ich merke das absolut. Das ist super schwierig für mich.

    Ma Fleur: Bei mir kommt das eher so schubweise – auch, wenn nicht Corona ist. Ich setze mich tatsächlich nicht jeden Tag hin und versuche etwas zu schreiben. Ich habe so phasenweise mal eine Woche, da schreibe ich viel und das reicht dann auch erstmal für die nächste Zeit. Da fällt dann immer wieder was weg, ein paar Zeilen bleiben und das entwickelt sich so. Das Songwriting ist bei mir weniger geplant, als dass es einfach passiert.

    MOA: Mir fehlt auch total der Input für Songs. Es passiert irgendwie nichts und trotzdem viel. Aber man kann jetzt auch nicht 10 Corona-Songs schreiben, ne. Für mich ist es auch besonders doof, weil ich gerade auch viel mit anderen Leuten Songs schreibe und mit anderen Produzenten zusammenarbeite. Aber seit Herbst geplante Sessions müssen einfach immer wieder verschoben müssen. Das ist natürlich… doof.

    Jule: Und so ist wahrscheinlich auch der „Stadt Land Flucht“-Song passiert. Wie kann ich mir Songwriting- und Produktions-Sessions via Zoom eigentlich vorstellen? Das klingt super schwierig für mich.

    MOA: Das Gute ist ja, dass heutzutage alles irgendwie digital ganz gut machbar ist. Nachdem das Grundgerüst stand, haben wir über den Text gesprochen und beispielsweise Bass über Zoom aufgenommen. Das war eigentlich geil, ich habe das eingespielt, während die Jungs über Zoom zugehört haben, habe die Spur dann an Julian geschickt und schon war es in dem Projekt.

    Julian (Fullax): Genau, er hat über Zoom seinen Bildschirm freigegeben, so dass ich sehen konnte, was er aufnimmt und wie es klingt. Wir konnten uns dadurch natürlich auch währenddessen besprechen. Das hat wirklich richtig gut funktioniert.

    MOA: Eigentlich sogar erschreckend gut (lacht). Wir konnten es zwar logischerweise nicht gemeinsam aufnehmen, aber am Ende haben die einzelnen Spuren trotzdem einen tollen Song ergeben, das ist schon krass.

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    Jule: Das ist für mich echt kaum vorstellbar, wie man während eines Videocalls mit lauter einzelnen Vocal- und Instrument-Schnipseln die Vorstellungskraft für einen fertigen Song haben kann. Aber deshalb seid ihr wohl die Musiker und ich die, die euch ausfragt, ne? (lacht)

    Ma Fleur: (lacht) Also die Demo, die MOA uns geschickt hat, die war dem Song, der jetzt am Ende dabei rausgekommen ist, zugegebenermaßen schon relativ ähnlich. Zum Beispiel das Gitarrenriff, das sich so durch den Song zieht, das war schon von Anfang an da und wurde eigentlich nur noch ausgefeilt.

    Jonas (Fullax): Die Drums haben wir zwar nochmal neu aufgenommen und auch Kleinigkeiten verändert, aber das Grundlegende basiert schon auf der Demo. Daran haben wir uns orientiert. Ich glaube, hätten wir den Song von Null angefangen zu schreiben, dann muss ich dir Recht geben, das stelle ich mir über Zoom oder so auch echt schwer vor. Aber so war es eben der natürliche Lauf, der, wie MOA vorhin schon meinte, einfach passiert ist.

    Jule: Dann kommen wir jetzt auch schon zur letzten Frage, bei der sich bei uns immer alles um eine untold story dreht. Vielleicht etwas Lustiges, was euch während der Aufnahmen passiert ist?

    Julian (Fullax): (lacht) Ohje, für sowas sind wir doch viel zu langweilig.

    MOA: Tatsächlich ist das mit dem Konzert unsere untold story, das haben wir bisher noch nicht öffentlich gemacht. Die haben wir jetzt schon ein bisschen vorweggenommen, naja (lacht).

    Jule: Das ist gar nicht schlimm! Danke für eure Zeit und das schöne Interview. Ich wünsche euch ganz viel Spaß bei eurem Konzert – ich werde mir das natürlich ansehen, sobald es online ist!


    Und hier könnt ihr euch den gemeinsamen Song von MOA, Fullax und Ma Fleur anhören:

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  • Tóke im Interview: »Ich habe von meinem Künstler-Ego losgelassen.«

    Tóke im Interview: »Ich habe von meinem Künstler-Ego losgelassen.«

    Ladies, Gentlemen, nonbinary sweethearts – heute gibt’s einen Künstler, der sich Stück für Stück in unser Herz gestohlen hat und jetzt vielleicht darin lebt. Tóke kommt musikalisch eigentlich aus dem Reggae, findet sich aber stetig im Selbstfindungsprozess und ist jetzt bei einer Mischung aus R’n’B und Soul gelandet, die sich gut als „feel good vibes“ zusammenfassen lässt. Wir haben ihn passend zu seinem EP-Release von „The Art Of Letting Go“ zum Interview eingeladen und viel über seinen musikalischen Weg gesprochen, die Themen, die er in der EP verarbeitet hat und wie er als Künstler mit der Pandemie umgegangen ist (kontroverser Clickbait: „2020 war das beste Jahr, was ich seit langem hatte“).

     
    Tóke im Interview

    Anna: Hey Marco, freut mich, dass es endlich geklappt hat! Wie geht’s dir, wie war dein Tag?

    Tóke: Hey! Ich hatte einen sehr schönen Morgen, hab mit Majd, meinem Mitbewohner, der der krasseste Koch ist, ein richtig geiles arabisches Frühstück gemacht. Das war schön (lacht).

    Anna: Für die, die dich jetzt erst kennenlernen: Wer ist Tóke und welche Musik macht er?

    Tóke: Ich bin Tóke, Singer-Songwriter aus Indonesien/Norddeutschland. Ich bin erst so mit Reggae-Mucke in die Musikszene gekommen und jetzt nach und nach dabei, meinen eigenen Sound zu finden. Die EP, die jetzt rauskommt, ist sozusagen ein weiterer Schritt auf diesem Weg.

    Anna: Ich hab dich erst dieses Jahr entdeckt, aber du machst schon viel länger Musik, deine Diskografie reicht bis 2014 zurück. Wie bist du zum Musikmachen gekommen?

    Tóke: Ich bin Indonesien geboren und mein Vater ist auch Musiker, auch wenn er es nie professionell gemacht hat. Eigentlich sind wir uns voll ähnlich, er spielt Gitarre und singt, aber er ist da zu konservativ gewesen, um das mehr zu machen. Aber eigentlich bin ich durch ihn zur Musik gekommen. Ich glaub, je älter ich werde, desto mehr check ich, wie musikalisch eigentlich mein Umfeld war, was Familie anbetrifft. Und ich merk erst jetzt, wie sehr mich das geprägt hat. Obwohl sie in einigen Hinsichten sehr liberal und offen sind, sind sie in anderer Hinsicht sehr Leistungsgesellschafts-mäßig unterwegs gewesen. Ich hab das so ein bisschen aufgebrochen (lacht).

    Tóke, Untoldency, Untoldency Magazine, Indie, Musik, Blog, Blogger, Online Indie Musik Magazin, untold music, tóke, tokemusic, brown face, the art of letting goAber ja, das war ein sehr musikalisches Umfeld und dadurch hab ich überhaupt das Verständnis für Harmonien und Songs schreiben bekommen. Und das hat sich voll verstärkt, als ich mit 9 nach Deutschland gezogen bin. Mit 13 gings schon los, dass ich meine erste Ska-Punk Band hatte. Und wir haben echt viel gespielt auch! Ich bin ja in Buxtehude aufgewachsen und wir waren damals so voll Ding in der Stadt, weil wir so voll jung waren alle. Und wir haben dann so vor 200 Leuten zwei Abende hintereinander im Jugendfreizeithaus gespielt. Dann hab ich irgendwann angefangen, Hip Hop Beats zu bauen und so ist die Palette gewachsen an musikalischen Einflüssen.

    Und Reggea kam dann irgendwann richtig krass reingesebelt durch einen Freund, der mich auf ein Festival mitgeschleppt hat. Das Reggea Jam, weiß nicht, ob du davon mal gehört hast, ist unter den Reggea Leuten in Deutschland und Europa eigentlich das beliebteste Festival. Und ich hab mich dort so hart in die Mucke verliebt. Dieser ganze Vibe hat mich reingezogen, bis zu dem Punkt, dass ich zwei Mal auf Jamaica war.

    Anna: Das hört sich an wie eine große Liebe.

    Tóke (lacht): Ja, mega! Ich hab eine ganz krasse Beziehung zu Reggae, die wird auch nie weggehen, aber meine Palette erweitert sich halt, und das find ich auch cool.

    Anna: Und jetzt bist du hier.

    Tóke: Jetzt bin ich hier. Die EP ist eigentlich voll der Ausdruck dieser Reise. Für mich ist das der erste richtige Schritt der „Öffnung“, wodurch ich auch einfach mit ganz anderen Leuten ins Gespräch komme, wie mit dir zum Beispiel. Und das ist auch gar nicht strategisch oder so von mir gewesen, sondern einfach, dass ich diese Seite von mir präsentieren wollte. Weil so Songs wie Brown Face oder I Don’t Know, das bin voll ich! Das hab ich voll gefühlt beim Schreiben und Singen (lacht). Und das ist halt voll schön, weil ich das vorher vielleicht ein bisschen unterdrückt hab, vielleicht aus Angst vor Reaktionen oder so.. Und jetzt ist halt das Loslassen dieser Ängste.

     
    „Wir suhlen uns in dem Gefühl der Sicherheit.“

    Anna: Hammer Überleitung. Die EP heißt ja „The Art Of Letting Go“ und beschäftigt sich ja mit genau dem: der Kunst, loszulassen. Wenn auch gerade schon angedeutet: Was genau lässt du los?

    Tóke: Ganz vieles und jeden Tag immer wieder was. Deshalb fand ich auch den Titel so spannend. Wir sind eigentlich jeden Tag damit konfrontiert. Wir wachsen mit so einer Idee auf, dass es Sicherheiten und Dinge gibt, die nicht veränderbar sind. Und dann gewöhnen wir uns da dran und mögen dieses Gefühl der Sicherheit, suhlen uns so ein bisschen darin. Und dann gibt es aber immer wieder Situationen im Leben, die dich halt so voll aus der comfort zone holen.  

    In dieser EP lass ich von alten Beziehungen los, von Vorstellungen, wer ich sein kann und wer ich nicht sein kann, sowohl persönlich als auch künstlerisch. Im Prozess gabs immer wieder diese Momente, wo ich vom Künstlerego loslassen musste, weil ich mich so sehr an ne Idee von einem Song gewöhnt hatte. Wenn irgendein Änderungsvorschlag von außen kam, hat mein Künstlerego direkt die Zähne gefletscht, „bloß nicht, was willst du, das ist mein Baby!“ (lacht). Aber jetzt bin ich total happy damit, wie die Songs geworden sind.

    Anna: Als erste Singleauskopplung kam „I Don’t Know“, ein entspannter Roadtrip-Song, auf dem du das „sparkly, tingly feeling of the magic of the first morning after” beschreibst. Was bedeutet der Song für dich?

    Tóke: Der Song ist ganz krass mit der Person verbunden, mit dem ich ihn geschrieben habe. Es ist halt genau dieser Vibe, wenn man am Morgen aufgewacht ist nach einem ersten Date, einer ersten intimen Erfahrung, wo es so voll Schmetterlinge ist, aber weiß halt noch nicht so. Und dann kommen die Ängste ins Spiel, Ängste, sich in etwas zu verlieren, vor Bindung, die glaub ich viele Menschen haben, gerade in Berlin (lacht). Das ist halt genau dieser Vibe, wo man nicht genau weiß, wohin geht die Reise. Diese Spannung einfach.

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    „Jeder Gedankenanstoß verändert schon die Lebensrealität von Menschen.“

    Anna: Die nächste Single war „Brown Face“, da hab ich schon ein paar Worte zu niedergeschrieben, deshalb weißt du ja, wie ichs finde – nämlich wahnsinnig gut, immer noch. Die Single schien aber auch neben mir viele andere Leute zu begeistern – wie war das Feedback, was zu dazu bekommen hast?

    Tóke: Ich hab jetzt länger nichts released, ich war generell gespannt, wie Feedback ist. Aber die Qualität ist jetzt besonders, weil ich noch deepere Themen anspreche als vorher. Und „Brown Face“ ist auf jeden Fall ein Beispiel dafür, weil ich nie über Rassismus-Erfahrungen gesprochen hab in meiner Musik. Und dementsprechend hat der Song unterschiedliche Leute, vor allem von Rassismus betroffene Menschen, auf ‘ner ganz besonderen Art getouched. Es sind richtig Gespräche entstanden dadurch – und das war so ne Qualität, wo ich gedacht hab „wow“. Es war krass. Ich hab von allen Teilen der Welt so Nachrichten gekriegt. Meine indonesische Cousine aus Australien hat mir so voll die lange Sprachnachricht geschickt, sie wusste das alles gar nicht, und wir sind dann gemeinsame Erfahrungen durchgegangen. Ich war sehr ehrfürchtig vor der erneuten Erkenntnis, was Musik machen kann. Ich merke wie der Song Leute berührt hat und wie er mich berührt.

    Anna: Das ist ja auch viel mehr wert.

    Tóke: Voll! Und es hat mich voll motiviert auch andersrum. Man sagt immer so „Musik hat voll die Kraft, Dinge zu verändern“, voll die Phrase, aber es ist halt real. Und jeder Gedankenanstoß, den es gibt, verändert schon die Lebensrealität von Menschen.

     
    „Der Song bietet die Möglichkeit, dass Leute mit Fluchterfahrungen mehr individualisiert werden.“

    Anna: Auch deine aktuelle Single „The Sun Has Died“ behandelt ein dir sehr am Herzen liegendes Thema. Kannst du erzählen, worum es in dem Song geht und was dich inspiriert hat?

    Tóke: Mein Mitbewohner, der Majd, kommt aus Syrien und ist seit 2015 hier in Deutschland. Wir leben seit eineinhalb Jahren zusammen, sind extrem tight geworden in der Zeit. Es ist natürlich nicht so, dass ich mich davor nicht mit der Thematik Flucht befasst hab. Aber ich hab keinen Zugang gefunden. Vielleicht waren auch meine Position oder Gedanken dazu nicht geordnet genug, aber ich wusste, dass ich das Thema Flucht behandeln möchte. Es ist mega wichtig, dass wir weiterhin über diesen grundsätzlichen krassen Missstand sprechen, dass es so wenig Support gibt für Leute auf der Flucht. Und dadurch, dass Majd und ich so tight wurden, hab ich natürlich einen ganz anderen Zugang gekriegt, weil ich jetzt sehr hautnah mitbekommen, was eigentlich die Implikationen sind von so einer Situation.

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    Es ist halt so layered, weißte, es ist halt nicht nur „ich mach eine Reise, die krank anstrengend ist“, sondern „was mach ich mit meinem Job, kann ich hier arbeiten, Sicherheit, wie geht’s meiner Familie,..“. Es sind so Sachen, die sich ansammeln zu nem Hardcore-mega-krank-schweren-und-unsichtbaren Rucksack für Leute, die geflüchtet sind. Das sieht man halt häufig nicht. Vor allem in der medialen Darstellung, wie abfällig Leute teils darüber sprechen, ist furchtbar. Das geht schon so hin zu Sarkasmus und Zynismus, während das halt wirklich Individuen sind mit eigenen Geschichten, eigenen Persönlichkeiten, über die da gesprochen wird. Und deshalb wars mir wichtig, da was beizutragen.

    Bevor ich Majd kennengelernt hab, hab ich angefangen, den Song zu schreiben, und der hat sich dann verfestigt, als er hier eingezogen ist. Es war mir wichtig, auch seine Perspektive zu haben. Darum geht’s. Ich glaube, der Song bietet die Möglichkeit, dass Leute mit Fluchterfahrungen mehr individualisiert werden. So bisschen wurde der Song auch zusätzlich inspiriert von dem Song von Max Herre, Sans Papier.

    Anna: Krasser Song!

    Tóke: Voll! Ich hab echt richtig krass Tränen in den Augen gehabt, als ich das Video gesehen und den Song gehört hab. Der schlägt ne ähnliche Kerbe, hat die gleiche Absicht, diese Situationen zu vermenschlichen. Ist krass, dass man das noch machen noch, aber ist halt einfach leider nötig.

     
    „Ich möchte Tag für Tag versuchen, was ich so machen kann.“

    Anna: Ich kann mir vorstellen, dass du die Songs auch einfach unfassbar gerne live performen würdest. Wie geht’s dir gerade inmitten all dem Chaos, das 2020 anfing, sich über ein halbes Jahr Halb-Lockdown zog und jetzt mit der Bundesnotbremse geendet ist? Wie gehst du als Künstler damit um? Und was hilft dir, hoffnungsvoll in die Zukunft zu sehen?

    Tóke: Also… Ich splitte mal die Frage eben auf. Wie’s mir ging die ganze Zeit: unterschiedlich. Das erste Jahr, 2020, davon ausgehend, dass ich hier in der privilegiertesten Position bin, war das beste Jahr, was ich seit letzter Zeit hatte. To be real honest. Ich für mich persönlich. Weil, ich hab gemerkt, wie sehr mit dieses FOMO (Fear Of Missing Out) in Berlin zu schaffen macht und das war weg.

    Anna: War ja nichts (lacht).

    Tóke: War ja nichts! Eben. Und ich hab dann erst gemerkt, wie sehr mich das gestresst hat. Und das hat einfach so eine Tempo-Verlangsamung gebracht. Die Luft war auch so viel besser in Berlin! Vor allem nach so 1-2 Wochen Lockdown im März, es war ruhig! Keine Autos, die Noise-Pollution war runtergeschraubt, und alle hatten so voll das langsame Tempo. Und dann halt zusätzlich zu dem Ding, dass du eh nicht reisen kannst, du bist sozusagen gezwungen, für dich in Ruhe zu sein und wenig zu machen. Ich meditier schon ne Weile und so und das hat den Vibe haart verstärkt bei mir (lacht).

    Aber ja, ich bin so hart in so’n Gratitude-Mode gekommen, in dem Wissen, wie krank privilegiert ich eigentlich bin. Und daraus hat sich irgendwie so ein Flow ergeben. Dann kam das mit der EP, wo klar wurde, okay ich bin jetzt eh hier, jetzt hab ich die Zeit. Ich war so sehr in meiner Mitte 2020, richtig krass. Richtig klar wissend, wo ich bin, wer ich bin, wie ich sein möchte,…

    Ich hab auch so den geilsten Urlaub gemacht, den ich seit tausend Jahren gemacht hab. Ich bin einfach spontan alleine mit nem Mietwagen an die Ostsee gefahren. Das waren so zwei Tage, die waren richtig geil warm. Ich war da an so nem Strand, voll schön, und hab denn da zwei Nächte alleine am Strand gepennt. Mit Sonnenaufgang auf und mit Sonnenuntergang wieder einschlafen. Ey… wenn ich dir Bilder zeigen würde! (lacht) Es war so ne krasse Erfahrung.

    Und dann halt Richtung Lockdown Light und so, Richtung Winter, wuchs so ein bisschen das Unverständnis für warum wir nicht einfach krasser durchgezogen haben. So’n gewisser Überdruss, was glaub ich sehr viele gerade spüren. Es ist ne ganz dolle Herausforderung gerade für jede einzelne Person glaub ich, zu versuchen, im Moment zu sein und eben nicht, anspielend auf deine Frage, zu sehr in die Zukunft zu gucken. Was hatten wir schon für Zukunftsprognosen seit Beginn dieser Zeit? Erst dachten wir, ist im Sommer zu Ende, dann spätestens im Winter. Ohne jetzt schwarzmalerisch zu sein, wir kommen da wieder raus und ich bin auch grundsätzlich optimistisch und freu mich drauf. Es wird ne Zeit danach geben und die ist hoffentlich auch nicht allzu lang hin, aber ich möchte halt keine falschen Erwartungen haben und einfach Tag für Tag versuchen, zu gucken, was ich so machen kann. Ausharren so ein bisschen.

    Anna: Damit sind wir auch schon bei der Abschlussfrage. Was ist deine untold story, etwas, das du noch nie in einem Interview erzählt hast?

    Tóke: Uhh, das ja ne mega schwierige Frage (lacht). (überlegt). Ich war in Indonesien auf einem Neujahrskonzert als Special Guest. Die Bühne war so ein Whiteboard-Belag und ich hatte so nice Clarks-Schuhe an, die hatten aber so ne Gummisohle und waren hart rutschig. Und da ruft er mich so auf die Bühne „ahh are you ready for Tóke?!“ und ich komm auf die Bühne gehüpft und rutsch aus. Erster Step auf die Bühne, ich rutsche aus, vor fucking 5000 Leuten. Also ja, ich bin vor sehr vielen Menschen auf die Fresse gefallen und hab mich dann versucht, durch die Performance zu quälen, weil das war so rutschig, es war wie als wenn du auf Eis stehen würdest! War ein Erlebnis (lacht).

     

    Wen Tóke trotz Blamieren vor 5000 Leuten hier für seine Musik abwerben konnte, darf in diese wunderbare EP reinhören:

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    Fotocredit: Alex Kleis, Gavi Ravi

  • Ursina im Interview: »Ich wollte ausbrechen, selber Musik erfinden und nicht immer nach Noten spielen.«

    Ursina im Interview: »Ich wollte ausbrechen, selber Musik erfinden und nicht immer nach Noten spielen.«

    Wir haben heute einen interessanten und wunderschönen Musik-Input direkt aus der Schweiz für euch. Ursina ist studierte Musikerin und Singer-Songwriterin, die auf ihrem neuen Album When I Let Go ruhige, aber auch groovige Songs vereint. Die Kombination aus Jazz, Folk und Ursinas klarer und melodischer Stimme hat wirklich was, was direkt ins Herz geht. Wir haben sie für euch in einem Vorstellungsinterview rund um die Prozesse hinter dem Album, heiße Musiktipps aus der Schweiz und den Klimaschutz in der Musikindustrie gesprochen.

     
    Ursina im Interview

    Anna:  Hey Ursina, freut mich sehr, dich auf diesem Weg kennenzulernen! Willst du dich vielleicht für die, die dich noch nicht vorher kennen, kurz vorstellen?

    Ursina: Hey Anna, sehr gerne! Ich bin Musikerin und Songwriterin und lebe zurzeit in Zürich. Aufgewachsen bin ich in einem Bergdorf mitten in den Schweizer Alpen. Dort spricht man Rätoromanisch, die Sprache, die du auch immer wieder in meinen Songs hörst. Ich habe in der Schweiz Jazzgesang studiert, bin dann für ein Jahr nach Kopenhagen, habe dort viel Musik gemacht und geschrieben und bin mit einem Rucksack voller Songs nach Hause zurückgekehrt. So hat vor zehn Jahren alles begonnen. Nach zwei EPs und dem Debutalbum You Have My Heart ist jetzt gerade mein neues Album When I Let Go erschienen. Meine Musik würde ich als atmosphärischen Indie-Pop beschreiben.

    Anna: Wie hast du deine Liebe zur Musik gefunden?

    Ursina: Die Liebe war schon immer da. Bei uns zu Hause war Musik immer präsent, vor allem klassische Musik. Dort liegen meine Wurzeln. In dieser Stilrichtung wurde es mir aber irgendwann zu eng. Ich wollte ausbrechen, selber Musik erfinden und nicht immer nach Noten spielen. So habe ich mich auf die Suche gemacht und habe über den Jazz, der im Gegensatz zur Klassik, von der Freiheit und Improvisation lebt, zu meiner Musik und meinem Stil gefunden.

    Anna: Wie siehst du deine künstlerische Entwicklung von Start bis jetzt zum neuen Album? Was hat dir das letzte Album vielleicht auch mitgegeben, was du jetzt in dein Neues gesteckt hast?

    Ursina: Die Anfangszeit meiner Band begann, als wir noch an der Jazzschule studierten. Dieses Umfeld hat unseren Sound bestimmt mitgeprägt, auch wenn ich meine Musik nie als Jazz bezeichnen würde. Die Musik, die ich höre, fließt aber unterbewusst immer in meine Songs ein.

    Die ersten zwei EPs Time Is A Thief und Hiding Behind A Mask waren die ersten zwei richtigen Studioproduktionen, die ich gemacht habe. Die Aufnahmen klingen im Vergleich zu heute roher und ungeschliffener. Dann kam You Have My Heart und die Produktion mit Pola Roy in Berlin. Es war meine erste Erfahrung mit einem Produzenten und hat mich sehr weitergebracht. Das Debutalbum war gleichzeitig auch eine Art Abschluss. Die Musiker*innen, die mich bis dahin begleitet hatten und ich, wir wollten musikalisch andere Wege gehen, hatten andere Visionen. Das taten wir dann auch.

    Zuerst gab es aber eine Zeit der Neufindung. Ich überlegte mit bewusst, wie ich in Zukunft klingen wollte und welche musikalischen Schritte ich als nächstes machen wollte. Ich hörte viel Musik und jammte mit diversen Leuten. Auch beim Songwriting probierte ich diverses aus, nahm auch mal Instrumente in die Hand, die ich nicht spielen konnte, entwickelte Songideen mal mit einem Beat, anstatt am Klavier. Irgendwann merkte ich, dass ich viel zu weit gesucht hatte. Ich begann mit meinem Partner Florian Egli an meinen Songs zu arbeiten. Es war sehr inspirierend, zusammen an den Songs zu arbeiten und führte die Musik auch in neue Richtungen.

     
    “Rätoromanisch zu singen, ist mir wichtig, weil es mir sehr nahe ist“

    Anna: Dein neues Album heißt „When I Let Go”. Welche Themen haben dich beim Albumprozess beschäftigt? Und was hast du losgelassen?

    Ursina, Untoldency, Untoldency Magazine, Indie, Musik, Blog, Blogger, Online Indie Musik Magazin, ursina, when i let go, pola roy, RätoromanischUrsina: Das Loslassen ist das Hauptthema des Albums. Das Loslassen von Vorstellungen, von Beziehungen, von Meinungen, von Ängsten und Mut haben, mutig zu sein. Ich habe die Vorstellung losgelassen, alles in der Hand zu haben und kontrollieren zu wollen, das war ein sehr befreiendes Gefühl. Loslassen hat im Gegensatz zu Festhalten eine Bewegung drin – und Bewegung finde ich gut. Es fällt mir aber auch nicht immer leicht, etwas gehen zu lassen. Und genau an diesem Punkt wird es spannend. Ich frage mich auf dem Album auch, ob es vielleicht doch etwas gibt, woran es sich lohnt, festzuhalten. Die Hoffnung, dass sich Dinge doch noch zum Guten wenden vielleicht?  

    Anna: Einige deiner Lieder sind auf Rätoromanisch, einer Sprache, die man in den Schweizer Alpen spricht. Was macht diese Songs so besonders für dich?

    Ursina: In meiner Muttersprache zu singen, bringt etwas in die Musik, das anders ist. Ich kann selber nicht genau festmachen, was es ist. Es ist bestimmt der Klang der Sprache. Interessant ist aber auch, dass meine Stimme anders klingt, wenn ich auf Rätoromanisch anstatt auf Englisch singe. Rätoromanisch zu singen, ist mir wichtig, weil es mir sehr nahe ist und weil es mir Spaß macht, rätoromanische Songs zu schreiben und zu singen. Bisher waren meine rätoromanischen Songs schon eher ruhige Lieder. Auf dem neuen Album habe ich auch versucht, groovigere Musik zu den Texten zu komponieren. Bei Tut semida (Alles verändert sich)ist mir das auch gelungen und auch bei Miu cor (Mein Herz).

    Anna: Merkst du, dass du dadurch auch ganz andere Menschen mit deiner Musik erreichst, die du sonst nicht erreicht hättest?

    Ursina: Die Rätoroman*innen erreiche ich mit den Rumantsch-Songs auf jeden Fall besser, als mit den Englischen. Sie freuen sich immer sehr, wenn es neue rätoromanische Musik gibt. Dieser Home-Support ist sehr wertvoll und stärkt mir den Rücken ungemein. Ob ich damit auch Menschen erreiche, die nicht Rätoromanisch sprechen aber sich deswegen von meiner Musik angesprochen fühlen, ist für mich schwierig zu beurteilen. Es würde mich mega freuen, wenn das so ist. Ich denke aber auf jeden Fall, dass mir das Rätoromanisch einen Exotenbonus gibt und man sich vielleicht eher an mich erinnert, als wenn ich „nur“ Englisch singen würde.

     
    „Let go of what needs to go”

    Anna: Gibt es einen Song auf der neuen Platte, der dir besonders viel bedeutet oder besonders herausfordernd für dich war in der Entstehung/Produktion?

    Ursina: Let Go ist der Kernsong des Albums und der Refrain das Mantra dazu: “Let go of what needs to go,confront your mind with emptiness. Connect your body and soul, get lost inside your own universe.”

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    Diesen Song habe ich auf der Gitarre geschrieben, obwohl ich gar nicht wirklich Gitarre spielen kann. Das war eben in der Phase, in der ich Diverses ausprobiert und mit verschiedenen Songwriting-Methoden experimentiert habe. Der Song hat alles ins Rollen gebracht.

    Anna: Wenn wir gerade bei der Produktion sind – für dein erstes Album hast du mit Pola Roy (Wir Sind Helden) zusammengearbeitet, für When I Let Go mit dem irischen Produzenten David Odlum. Wie hast du die Unterschiede der Produktion beider Alben wahrgenommen? Und was war das Besondere an der Zusammenarbeit mit David, die dieses Album stark beeinflusst hat?

    Ursina: Die Zusammenarbeit mit beiden Produzenten war sehr gut und passte zum Moment. Bei You Have My Heart sind wir alle mit unseren Instrumenten nach Berlin gereist, haben dort quasi als WG in einer Wohnung gelebt und zwei, drei Wochen täglich in Pola Roys Studio in Kreuzberg gearbeitet. Das war sehr intensiv.

    Bei When I Let Go gab es verschiedene Sessions. Die Basic-Tracks haben wir ebenfalls als Band im bekannten Powerplay Studio in der Nähe von Zürich eingespielt, aber in zwei kürzeren Sessions, weil es zeitlich nicht anders ging. Weil ich damals schwanger war, entschieden wir, so lange daran weiterzuarbeiten, wie es für mich ging. Das haben wir dann in unserem Proberaum in Zürich gemacht und Vocals und viele Overdubs aufgenommen. Dann kam das Baby. Gleichzeitig fing aber auch die Pandemie an. Das war im Frühling 2020. Es gab also eine längere Pause, in der David die ersten Songs mischte, die wir bis dahin fertiggestellt hatten. Erst im Herbst konnten wir dann weiterarbeiten. Lustigerweise waren Florian und ich da auch für einige Zeit in Berlin und so hat uns David dort besucht und wir haben auch dieses Album in Berlin fertiggestellt.

    Die Arbeit mit David war super. Er wird nie müde und hat auch nach vielen Stunden im Studio noch die besten Ideen. Sein irischer Humor ist grandios und seine technischen Fertigkeiten Weltklasse.

     
    „Das Thema Klimaschutz rückt in der Musikszene immer mehr ins Bewusstsein.“

    Anna: Ein Thema, was dir auch sehr wichtig ist, ist die Verbundenheit zur Natur und – damit einhergehend – Klimaschutz. Was bedeutet dieser Verbundenheit mit der Natur für dich und wie nimmst du als Künstlerin die Klima-Bewegung in der Musikszene wahr?

    Ursina, Untoldency, Untoldency Magazine, Indie, Musik, Blog, Blogger, Online Indie Musik Magazin, ursina, when i let go, pola roy, RätoromanischUrsina: Draußen in der Natur, sei es im Wald oder in den Bergen, kann ich meine Batterien wieder aufladen. Naturschutz, Klimaschutz und Nachhaltigkeit liegen mir sehr am Herzen und ich achte darauf, nachhaltig und bewusst zu leben, z.B. indem ich Flugreisen vermeide, Secondhand kaufe oder auch bei meinen Tonträgern die Verpackung aus Karton herstellen lasse. Die Vinyl von When I Let Go besteht z.B. teilweise aus recyceltem Vinyl. Das Thema Klimaschutz rückt in der Musikszene immer mehr ins Bewusstsein. Unsere Branche war bisher ja nicht sehr klimafreundlich. Die Organisation Music Declares Emergency setzt sich sehr stark dafür ein, dass die Musikbranche die Klimakrise anerkennt und sich deren Abläufe ändern. Ich finde es schlimm, wenn z.B. Festivals Band aus aller Welt einfliegen, um ein Konzert zu spielen, und einheimische Bands kaum einen Platz im Programm finden, obwohl das Potential enorm wäre.

    Anna: Da du aus der Schweiz kommst, hast du vielleicht ein paar Musikempfehlungen von Künstler:innen, die wir unbedingt auf dem Schirm haben sollten?

    Ursina: Da gibt es sehr viel spannende Musik, hier ein paar Künstler*innen und Alben, die ihr euch unbedingt anhören solltet: 

    Anna Erhard – Short Cut
    Mnevis – The Course Of Events
    Luzius Schuler – Moon is the oldest TV
    Kush K – Lotophagi
    Michael Benedikt – Peace

    Anna: Für unsere letzte Frage fragen wir immer nach einer untold story: eine Anekdote oder ein Funfact, die du so noch nie in einem Interview erzählt hast.

    Ursina: Bei dieser Frage könnte ich jetzt stundenlang grübeln, deshalb einfach spontan, was mir gerade einfällt: Obwohl ich es mir immer wieder vornehme, meine Songs mit dem Text zu beginnen, fällt es mir einfach viel leichter, Musik zu erfinden. Und so kann es sein, dass ich einen ganzen Song mit Melodie und Akkorden plötzlich habe, aber nur zwei, drei Textzeilen. Klar, das Gefühl oder Thema ist zwar da, aber nun stehe ich wieder vor der schwierigen Aufgabe, die Melodielinien, die mir so ohne Worte super gut gefallen, mit den richtigen Worten zu füllen, die rhythmisch und klanglich perfekt (!) passen müssen. Immer wieder eine Herkulesaufgabe. Umso schöner, wenn der Song dann endlich fertig ist. 

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    Fotocredit: Angelika Annen

  • Mine im Interview: »Das hat eine ganz neue kreative Freiheit mit sich gebracht.«

    Mine im Interview: »Das hat eine ganz neue kreative Freiheit mit sich gebracht.«

    Nächste Woche ist es so weit: Mine veröffentlicht ihr viertes Album „Hinüber“! Eigentlich ist es fast unmöglich, Mine jetzt noch nicht auf dem Radar zu haben. Als studierte Musikerin lässt sich die Singer-Songwriterin eigentlich schwer in ein Genre packen, denn sie nimmt sich immer zur Aufgabe, genau diese zu brechen. So bewegt sie sich sowohl im Pop-Bereich als auch im Rap, und das ist ein Spagat, der eigentlich recht schwer scheint. Doch Mine macht’s. Bevor ihr neues Album also nächste Woche erscheint, haben wir mit ihr über ihre künstlerische Entwicklung gesprochen, den Einfluss der Pandemie und aber auch ihre größte Phobie.

     
    Mine im Interview

    Anna:  Hey, super lieb, dass du dir die Zeit nimmst! Wenn auch eine etwas lapidare Frage am Anfang, aber wie geht’s dir?

    Mine: Erstmal – danke für die „Einladung“ und das Interesse! Freut mich sehr! Mir geht’s eigentlich sehr gut. Ich vermisse meine Band und Konzerte, aber das tut wohl jede:r gerade. Ansonsten kann ich mich nicht beschweren. Irgendwie wirkt die Promophase surrealer als sonst, weil man fast alles von zu Hause aus macht. Ich mag allerdings lieber mit Menschen direkt in Kontakt zu treten.

    Anna: Wenn man dich nach deinem letzten Album Klebstoff verfolgt hat, weiß man, dass du direkt nach Release an neuen Sachen gearbeitet hast. Dann kam diese 360°-Pandemie-Wende. Wie hast du das alles wahrgenommen und wie hat das den Prozess des Albums beeinflusst?

    Mine: Ich hatte ja scheiße Glück, dass ich in 2020 eh kein Release und keine Tour geplant hatte. Es ist zwar sehr viel ausgefallen, aber insgesamt hab ich dir Zeit trotzdem gut nutzen können. Die Studiophasen waren dadurch sehr intensiv, weil ich mehr am Stück arbeiten konnte. Auch mal so 2 Wochen, was sonst kaum vorkommt, weil ich ja auf die Bühne gehe. Ich würde sagen, dadurch war die Zeit sehr intensiv und ich hab auch gemerkt, wie unfassbar happy mich das macht. Ich bin einfach sehr gerne im Studio. Das erfüllt mich richtig krass.

    Anna: Ich finde, Hinüber hebt das, was du mit Klebstoff geschaffen hast, nochmal auf eine höhere Ebene – ich bin wirklich ziemlich begeistert. Wie würdest du deine eigene musikalische Entwicklung beschreiben, wenn du an deine ersten Releases zurückdenkst?

    Mine: Vielen Dank erstmal – das freut mich zu hören. Ich bin da ja immer recht nah dran und sehe Entwicklungen nicht so. Was ich aber dieses Mal auf jeden Fall bemerkt habe, ist, dass meine Producer-Skills besser geworden sind. Ich hab 2019 zum ersten Mal richtig Geld verdient und konnte mir neue Plugins kaufen, paar neue Hardware Sachen und vor Allem hab ich richtig viel Geld für Sessionsmusiker*innen ausgeben können, was eine ganz neue kreative Freiheit mit sich gebracht hat. Ich hab vorher nie eine Session mit 13 Streichern machen können. Sowas kostet einfach ein Arsch voll Geld. Ich war auch wochenlang aufgeregt und dann hat aber alles so heftig Bock gemacht – ich bin echt sehr dankbar dafür.

     
    „Jeder Song hat eine eigene Geschichte und ich will keinen missen“

    Anna: Zu deiner ersten Singleauskopplung Unfall hast du vorab die Noten online gestellt und deine Fangemeinschaft aufgerufen, eigene Versionen des damals noch nicht gehörten Songs zu erstellen. Das Feedback war enorm und auch wirklich ziemlich gut. Hast du damit gerechnet und hat das deine Beziehung zu deinem eigenen Song verändert?

    Mine: Ich hab null damit gerechnet. Ich dachte, wenn so 20 Leute mitmachen würden, wäre das der Oberhammer. Es waren 96 (!!!) und was mich am glücklichsten gemacht hat, ist, dass es sooo unterschiedliche Menschen waren aus den unterschiedlichsten Genres. Ich selbst höre ja auch querbeet. Alles, was gut ist, ist erlaubt. Und ich fands geil, dass sich das auch in der Zuhörerschaft wiederspiegelt. Techno, Metall, Jazz, Electro. War alles dabei.

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    Ich höre den Song jetzt tatsächlich anders. Ich hab ständig alle Versionen gleichzeitig im Ohr, was total verrückt ist. Als wir letztens den Song das erste Mal geprobt haben, musste ich mich ganz neu reindenken, um wieder zu checken, wie ich den Song musikalisch „gemeint“ hatte. Das war irre.

    Anna: Gibt es Songs auf dem Album, die für dich besonders herausstechen und sich vielleicht im Nachhinein besonders in dein Herz geschlichen haben?

    Mine: Hm, nein, eigentlich mag ich echt alle gleich gern. Jeder Song hat eine eigene Entstehungsgeschichte und ich will keinen missen..

    Anna: Hast du dir den sprichwörtlichen Elefant im Raum immer so vorgestellt wie im Video?

    Mine: Eigentlich ist der Elefant im Video gar nicht zu sehen. Ich wollte mit einer Kreatur interagieren, die frei ist von Personifizierung. Weil es für mich um keine spezifische Beziehung geht, sondern um alle. Egal ob Lebenspartner:in, Elternteil oder Freund:in.

    Anna: Zum Schluss fragen wir immer nach einer untold story – irgendwas, was du noch nie in einem Interview erzählt hast.

    Mine: Sachen, die ich in Interviews nicht sage, will ich meist auch nicht sagen – also ist das eine super schwierige Frage für mich. Aber ich sag mal spontan, was mir einfällt: Ich leider unter einer enormen Spinnenphobie. Das ist so schlimm, dass ich manche Urlaubsorte prinzipiell ausschließe, weil ich mir nicht vorstellen kann, dass ich das psychisch überlebe.

     

    Bevor das Album nächste Woche kommt, hier das Musikvideo zu ihrer aktuellen Single Elefant:

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    Fotocredit: Simon Hegenberg

  • CATT im Interview: »Ich folge immer dem, was sich gut anfühlt und was mir Freude macht«

    CATT ist wahrscheinlich eine der talentiertesten Künstlerinnen unseres Landes. 2018 machte die in Berlin lebende Multiinstrumentalistin das erste Mal musikalisch auf sich aufmerksam. 2019 erschien ihre Debüt-EP „Moon“ und schon 2020 legte sie dann mit ihrem ersten Album „Why, Why“ nach. Letzten Freitag veröffentlichte CATT einen Song des Albums, nämlich „How Can I Become“, in einer wunderschönen Streicher-Version. Jule hat sich deshalb mit ihr zum Interview verabredet, in dem CATT über die Entstehungsprozesse ihrer Songs im Allgemeinen und natürlich auch über den neu arrangierten Song erzählt. Viel Spaß beim Lesen!


    CATT im Interview

    Jule: Für den (unwahrscheinlichen) Fall, dass dich jemand noch nicht kennen sollte: Magst du dich vielleicht einmal vorstellen? Wer ist CATT, was macht sie, wie klingt sie?

    CATT: Ich bin Musikerin und lebe im Moment in Berlin. Ich komme aber ursprünglich aus einem kleinen Dorf mit drei Häusern, das in mir wahrscheinlich bis heute in meiner Verbindung zur Natur weiterlebt. Ich habe Musikproduktion und Klavier studiert und war mit vielen Bands und Künstler:innen unterwegs in den letzten Jahren. Seit letztem Jahr habe ich mich das erste Mal komplett auf’s CATT-Sein fokussiert. Ich habe mein erstes Album rausgebracht, letzten November, und ich glaube, das klingt nach organischem Indie-Pop, der sich in viele Richtungen verzweigt. Klavier und Blechbläser ziehen sich durch die meisten meiner Songs.

    Jule: Du bist ja Multiinstrumentalistin, aber auch eine Loopstation gehört zu deinem Repertoire. Wie bekommst du diese vielen verschiedenen Sounds mit der Loopstation so koordiniert, dass die Songs live genauso klingen, wie auf der Platte?

    CATT: Ich glaube, das ist eine Mischung aus Übung und Mut, im richtigen Moment aufs richtige Pedal zu treten. Und mir fiel es schon seit meiner Kindheit ziemlich leicht, spontan Stimmen, Beats, Ideen übereinander zu bringen.

    Jule: Entstehen deine Songs auch mit dem Hintergedanken, dass sie mit der Loopstation funktionieren müssen? Oder ist der Entstehungsprozess völlig unabhängig davon?

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    CATT: Der Entstehungsprozess ist erstmal völlig unabhängig vom späteren Publikum oder der Live-Umsetzung. Am Anfang geht’s wirklich nur darum, dem Gefühl zu folgen, in das sich ein Song entwickeln möchte. Ich folge immer dem, was sich gut anfühlt und was mir Freude macht. 

    Jule: Du hast ja schon dein Album „Why, Why“ erwähnt, das im November erschienen ist. Wie war es für dich, inmitten von Lockdown und totaler Unsicherheit was die Zukunft angeht, 12 neue Songs in die Welt zu entlassen?

    CATT: Mir war es in der verrückten Situation des letzten Jahres umso wichtiger, die Songs genau da zu veröffentlichen und nicht aus irgendwelchen strategischen Gründen oder so zu warten. Ich hatte das Gefühl, sie könnten Trost geben und dem einen oder der anderen ein musikalischer Gefährte sein.  

    Jule: Magst du vielleicht auch etwas zur Entstehung von „Why, Why“ erzählen? Du kommst ja ursprünglich vom Land und lebst inzwischen in Berlin. Für die Produktion des Albums hast du dich aber wieder aufs Land zurückgezogen, richtig?

    CATT: Ja, genau. Ich hatte ein Stipendium und durfte am Rande Hamburgs sechs Wochen lang einfach wohnen, fernab von allem. Das war so heilsam und besonders, nachdem ich gefühlt nur auf Tour war und unglaublich viel gearbeitet habe für verschiedenste Projekte. Ich durfte sozusagen einfach mal mit gutem Grund aus allem aussteigen. Jeden Morgen begann ich am Flügel und hatte mir im Gartenhaus der Villa ein kleines Tonstudio eingerichtet, in dem ich dann mit all meinen Instrumenten die Skizzen weiterentwickelte. Ich hab mit allem, was ich dort hatte, Musik gemacht und habe die Limitierung der technischen Möglichkeiten zum Instrument gemacht. Zum Beispiel ist der Beat bei „How Can I Become“ der Schreibtisch aus dem Gartenhaus. Es hat sehr viel Spaß gemacht, für diese sechs Wochen so richtig in diese Welt zu verschwinden und eine eigene zu erschaffen. 

    Jule: Du hast „How Can I Become“ ja auch gerade in einer Streicher-Version veröffentlicht und dir damit einen kleinen Traum erfüllt. Wie war es für dich, das instrumentale Zepter so ein wenig aus der Hand zu geben?

    CATT: So richtig aus der Hand gegeben hab’s ich ja gar nicht, ich habe es ja Note für Note komponiert und aufgeschrieben. Aber klar, im Studio haben dann natürlich die Streicher:innen übernommen und ich hatte ungewohnterweise mal kein Klavier vor mir. Ich habe mir die musikalische Leitung mit dem Produzenten Tim Tautorat geteilt, der spontan beschloss, das Quintett zu dirigieren. Normalerweise spielt man ja mit Metronom und Kopfhörern auf den Ohren im Studio. Wir konnten das dadurch alles weggelassen und ganz echt, nah und akustisch miteinander im Raum spielen.

    Jule: Es gibt dazu ja auch ein Video von Michèl M. Almeida, das dich und das Streichquintett zeigt. Wie war es für dich, nach gefühlt 200 Jahren wieder gemeinsam mit anderen Musiker:innen in einem Raum zu stehen und einen Song zu performen?

    CATT: Unglaublich schön! 

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    Jule: Gibt es eigentlich einen besonderen Grund dafür, dass es „How Can I Become“ geworden ist, den du neu arrangiert hast?

    CATT: Die Idee mit den Streichern hatte ich schon länger. Im kalten Lockdownwinter wollte ich dann einfach etwas richtig Schönes machen. Und am Ende diesen verrückten Jahres blieben ja wirklich viele Fragen für uns alle, die ich dann irgendwie mit dieser einen Frage ‘How can I become like a river?’ zusammenfassen wollte. Und dem ganzen irgendwie Hoffnung dazugeben. 

    Jule: Die Resonanz zu „Why, Why“ war ja (zu Recht!) super positiv und hat dir viele schöne Möglichkeiten für (Fernseh-)Auftritte und Features eröffnet. Wenn wir mal kurz die Pandemie ausblenden: Was würdest du in Zukunft gerne mit deiner Musik erreichen?

    CATT: Durch Deutschland und Europa touren und durch die Musik an wunderschöne und auch entlegene Orte gelangen.

    Jule: Kommen wir auch schon zur letzten Frage. Und die ist immer die nach einer untold story, einem Funfact oder Geheimnis, das du in noch keinem Interview verraten hast.

    CATT: Ich bin ziemlich gut im Pfannkuchen machen. Special CATT-approved Tipp für euch: Mixt mal in euren Teig Spinat und Banane und dann am Ende kommen Walnüsse, veganer Feta und Agavensirup drauf. 

    Jule: Ui, das klingt zwar ungewöhnlich, aber auch ziemlich lecker. Vielen Dank für den Tipp und das schöne Interview!


    Hier könnt ihr euch noch das wunderschöne Album „Why, Why“ von CATT anhören:

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    Fotocredits: Massimiliano Corteselli / Michèl M. Almeida (Video Still)

  • Jaguar Jonze im Interview: »I was suppressed for so long that once I stumbled across music and art, it all came spilling out.«

    Jaguar Jonze im Interview: »I was suppressed for so long that once I stumbled across music and art, it all came spilling out.«

    Jaguar Jonze ist vielleicht eine der spannendsten Künstlerinnen Australiens zur Zeit. Zu ihrem kreativen Output gehört nicht nur Musik, sondern auch alles andere, was man sich an künstlerischen Projekten vorstellen kann. Eigene Art-Installationen und Musikvideos gehören dazu genau wie ihr hohes politischen Engagement. Letztes Jahr teilte sie öffentlich ihre Erfahrungen mit sexueller Belästigung durch einen bekannten australischen Fotografen und fand sich an der Spitze der #MeToo-Bewegung in der australischen Musikbranche wieder. Auf ihrer neuen (und unglaublich starken) EP ANTIHERO hat sie all diese Erfahrungen verarbeitet und bewiesen, dass sie sie nur bestärkt haben.

    Schon in unserer Fokus-Playlist Women Rising Up haben wir Jaguar Jonze vorgestellt und das zu Recht. Solltet ihr auf der Suche nach neuen weiblichen Künstlerinnen sein, die eure Playlisten ein bisschen aufmischen, seid ihr hier also richtig. Denn das ist hier nicht nur inhatlich wirklich stark, sondern vor allem auch musikalisch. Mal mit lauten Riffs, mal mit rhythmischen Beats – ANTIHERO strahlt vom ersten Song eine Power aus, der man sich nicht entziehen kann. Absolut begeistert von ihr als Künstlerin haben wir Jaguar Jonze also zu genau jenen Sachen befragt.

     
    Jaguar Jonze im Interview

    Anna:  Hey, Deena, thanks so much for taking the time. Since you’re literally from the other side of the world – do you want to introduce yourself and the music you’re making as Jaguar Jonze?

    Jaguar Jonze: Hello Untoldency! I’m Jaguar Jonze, an indie pop musician from Brisbane, Australia. I also dabble in visual art as Spectator Jonze and photography as Dusky Jonze. The music I write and release under Jaguar Jonze explores my mental health, trauma, life experiences and shares them through a vessel of rhythmic beats, industrial sounds, spaghetti Western guitar, lush synths and a vocal that flips between fragile and fierce. 

    Anna: Your creative output is huge – from music to illustrations, photography and directing your own music videos. What got you into that big field of creative art to begin with? And what makes the music one so special to you?

    Jaguar Jonze: I wasn’t always that way – in fact, I used to be the complete opposite way. I NEVER dabbled in art, music, photography or film. I think I was just so suppressed for so long that once I stumbled across music and art, it all came spilling out. It helped me so much with being able to communicate and express when I couldn’t do it at all through words. Music is a special one for me because it facilitates dialogue with my subconscious. Through that I’ve been able to repair my relationship to the person that matters the most – me. 

    Anna: Before we talk about the EP, what were your musical
    influences growing up? Do you have songs or artists that really changed how you make or
    experience music?

    Jaguar Jonze: I really loved artists such as Portishead, Jeff Buckley and Nick Cave. Growing up I had an eclectic mix of musical influences though, from pop, indie, rock, heavy metal, classical to folk and country. 

     
    “I wanted every single person to feel like they were heard.”

    Anna: You released a cover of Britney Spears song Toxic, after you were credited to reigniting the Australian #MeToo movement. More than 400 people came forward after you calling out a photographer of sexual assault. How did you deal with that overwhelming response?

    Jaguar Jonze: I really wanted every single person to feel like they were heard and that I held safe space for them to take refuge in. So to be honest, during that time, I hardly slept. I spent every minute of every day from morning to night, replying to each message and having conversations, talking with media to expose the problem and liaising with the police to hopefully find justice. It took me a long time to realise that I neglected myself throughout that entire period. I had to take some time to grieve, process and nurture myself so that I can also heal and receive the acknowledgment and recovery all victims and survivors deserve. 

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    Anna: Did making the EP help you processing all of that?

    Jaguar Jonze: Yes definitely. It was a world I was able to escape into. Creativity for me in general helps me process all of these complexities. It allows me to be the best self in my every day. 

     
    “It took me four years to find the courage to release it.”

    Anna: Talking about the EP: The first release was the song DEADALIVE. It’s full of energetic and angry guitar riffs that make me think it came from a frustrating time in your life. What’s the background of that song?

    Jaguar Jonze: I wrote DEADALIVE with my bassist Aidan Hogg when we were stuck in New York after the world deemed COVID-19 a pandemic. We were confused, anxious and had no idea what to do, what was happening and how to get home. I finished the song when I returned back to Australia with COVID-19. The second verse explores the same emotions except this time, it was more in terms of my health and recovery.

    Anna: On this wide range of songs on this EP, which one was the one you enjoyed making the most?

    Jaguar Jonze: ASTRONAUT is one that I am really proud of. It took 4 years for me to find the courage to release ASTRONAUT and find the right arrangement for it. It was the first time I had written about my anxiety and so it is a super personal song for me. But it was also the most difficult song to make as I really tested the song across so many different arrangements.

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    “Being of mixed-race, I have so many stories that haven’t been shared”

    Anna: Falling a bit in love with both your music and you as an artist, I’m really interested in your plans for the future. Is there anything you’re excited for or maybe can tease a bit?

    Jaguar Jonze: While I was under hospital care with COVID-19, I wrote a conceptual/abstract short film to tie all the songs together for the EP. All of the music videos were created as a piece to that. I can’t wait to share the short film after the EP is released. I’m currently working on the sound design for it. It’s nothing too crazy but just something I had in mind. I can’t believe this whole project is nearly at the end, one year later. And thank you so much for the love, I am so honoured to have your support!

    Anna: With Untoldency, the last question always asks for an untold story. Something you haven’t shared in any interview before yet.

    Jaguar Jonze: I was held at the Mexico/US border once as they thought my Australian passport was fake and that I was trying to immigrate into the US.. or they wanted to just take all my money. I was still a teenager, so it was really scary. When I finally made it through the border, it was already really late at night. My bus had left without me and I had to hitchhike to the train station to then beg them to give me a ticket so that I could finally get home. I don’t know why this was the story that came to my head . But being of mixed-race, I have so many stories like this that haven’t been shared! 

     

    Hört hier in ANTIHERO rein:

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    Jaguar Jonze & Ribal Hosn

  • Zimmer90 im Interview: „Das ist auch das Ziel dahinter, dass jeder seine eigene freie Vorstellung haben kann“

    Zimmer90 im Interview: „Das ist auch das Ziel dahinter, dass jeder seine eigene freie Vorstellung haben kann“

    Am 16.04 veröffentlichten Zimmer90 ihre Debüt EP Fall Back mit einem erstklassigen Mix aus Indie und Electro-Pop. Hier finden sich entspannte Vibes, tiefe Emotionen und einprägsame Melodien verpackt in fünf Songs von drei Jungs aus Stuttgart. Sowohl ihre Sounds, als auch die Stimme von Sänger Joscha haben hohen Wiedererkennungswert und können schon nach diesem ersten Release zweifellos bei den großen Bands mithalten. Obwohl viele Alben und EPs dieser musikalischen Ecke oft dazu tendieren sehr ähnliche und beim ersten Hören kaum unterscheidbare Songs zu enthalten, zeigen die Songs auf Fall Back Vielfältigkeit und ergeben trotzdem ein stimmiges Ganzes. Sie greifen ziemlich gelungen in einander und ich bin mir sicher, dass Zimmer90 damit viele neue Hörer:innen für sich gewinnen werden. Durch die besondere Atmosphäre, die Zimmer90 hiermit kreiert haben, hat sich Fall Back jetzt schon einen festen Platz in der Liste meiner Lieblingsreleases 2021 verdient.

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    Zimmer90 im Interview

    Dascha: Hey, schön, dass das geklappt hat! Seid ihr aufgeregt über den Release eurer EP?

    Joscha: Also ich schon, ziemlich. Wir haben ja noch nie etwas released, was wirklich so ein ganzes Ding ist und komplett zusammenhängt. Das ist schon ziemlich aufregend für mich und ich glaube für die anderen beiden auch.

    Michi: Ja, absolut.

    Dascha: Könnt ihr euch mal vorstellen für die, die euch noch nicht kennen?

    Finn: Wir sind Zimmer90 aus Stuttgart. Wir sind Joscha, Michi und Finn, kommen auch alle aus Stuttgart und haben uns über verschiedene Wege in Stuttgart kennengelernt. Michi und ich haben uns schon etwas länger davor gekannt und Musik gemacht. Dann haben wir Joscha kennengelernt und zu dritt ein bisschen gejammed. Und so sind wir auf einen ganz coolen Sound und Vibe gekommen. Dann hatten wir richtig Bock daraus was zu machen.

    Dascha: Und seit wann macht ihr zusammen Musik?

    Michi: Seit vier Jahren inzwischen, seit 2017.

    Joscha: Wir haben halt davor immer einfach gejammed, aber so richtig real ist es für uns seit einem Jahr geworden. Wo wir gesagt haben okay, wir stellen jetzt was in’s Internet und erscheinen sozusagen auf der Bildfläche.

    Dascha: Wie würdet ihr eure Musik in nur drei Wörtern beschreiben?

    Michi: Ist jetzt nicht nur ein Wort, aber ich würde sagen, dass man ziemlich schnell in den Vibe reinkommt. Relativ leichte feel-good-Vibes, so ein bisschen dancy.

    Joscha: Also wäre dein Wort feel-good?

    Michi: Eher so der Vibe. So vibey.

    Joscha: Also mein Wort ist, weil bei der EP die Songs schon relativ unterschiedlich sind, aber trotzdem alles matched, divers.

    Finn: Ich wollte auch kontrastreich sagen. Oder energetic oder soft, aber dann ist es auch ein Widerspruch. Ne, ich hab ein Wort: intuitiv.

    Michi: Also divers, intuitiv, vibey.

    Dascha: Wer oder was inspiriert euch musikalisch am meisten?

    Finn: Es ist hart das so runterzureduzieren, weil wir beim Musik machen versuchen offen ranzugehen und, wie gesagt, auch ziemlich intuitiv. Irgendwie auch viel aus dem Moment heraus zu finden, was uns gefällt. Wir hatten selten mal Songs nach einem bestimmten Vorbild grundlegen ausgelegt, sondern wir versuchen es wirklich aus uns raus zu holen. Ich glaube, dass man die Inspiration dann aus tausend verschieden Eindrücken und Ecken nimmt. Und dadurch, dass wir uns in verschiedene Richtungen, an dem was wir musikalisch mögen, bewegen, ist es sehr schwer das runter zu brechen.

    Joscha: Ich glaube man kann aber sagen, dass wir drei relativ offen für alles sind. Auch ein Chart-Song kann mega geil sein, wenn der gut gemacht ist und das muss nicht verteufelt werden. Wir sind da alle so, dass wir eher Songs hören, die uns taugen und nicht dieses eine Genre fixiert haben.

    Michi: Elektronische Musik, Indie, Pop Musik, Alternative, da ist von allem ein bisschen mit dabei. Und das kommt immer darauf an in welchem Vibe wir gerade sind, wenn wir zusammen jammen und was dann dabei rauskommt. Es war noch nie so, dass wir sagen: „Hör mal die Band und lass mal so einen Song machen“, sondern eher so, wenn der Song fertig war: „Ah, witzig, das erinnert daran“.

    Dascha: Um jetzt konkret zur EP zu kommen- Wie war eure Erfahrung mit dem Entstehungsprozess? Was hat euch besonders Spaß gemacht und wo gab es vielleicht mal Schwierigkeiten?

    Joscha: Ich glaube, der Tunnel in dem wir waren, war für uns alle was neues. Wir sind ins Studio gegangen mit unserem Produzenten, den wir erst seit der EP haben. Das war der erste große Step, dass wir sagen, wir gehen jetzt in ein richtiges Studio und nehmen nicht von zu Hause auf. Wir wussten, wir haben zwei Wochen Zeit und dann sind wir dahin gegangen mit Zeug im Gepäck, weil wir die ganze Zeit, wenn wir Ideen hatten, das schon Demo-mäßig aufgenommen hatten. Da haben wir dann am ersten Tag alles durchgehört und geschaut, was uns am meisten anspricht und uns da einfach einen Song rausgepickt, Now or Never war das. Der war schon relativ weit und wir haben einfach angefangen drauf los zu arbeiten und waren 14 Tage wie in einem Film.

    Man macht weiter, dann kommt da wieder was neues, dann muss man wieder zurück gehen. Es war schon auch ein bisschen Teambuilding, weil natürlich ist auch mal einer unzufrieden und man sich dann in einander verhakt. Wenn man irgendeine coole Idee hat und in seinem Kopf eine Vision wie „Boah, ich hab gerade das krasseste entdeckt“ und dann hört man von drei Leuten „Brudi, das ist übel kacke“. Jeder von uns hatte glaube ich mal diese Situation. Es ist aber trotzdem voll schön am Ende zu wissen, da ist was rausgekommen, mit dem wir zu dritt zufrieden sind und was von jedem von uns etwas beinhaltet.

    Dascha: Hat euch irgendein bestimmtes Konzept durch die EP geleitet?

    Finn: Das Konzept war ein bisschen, dass es kein Konzept gibt. (lacht) Und dass wir uns nicht so viele Gedanken darüber gemacht haben, wie die EP aufgebaut ist und wie wir da genau heran gehen wollen. Ich würde sagen, das, was sich durchzieht und irgendwie schon ein Konzept ist, sind die Sounds, die wir verwendet haben. Dass wir versucht haben, dass es am Ende doch Verbindungen untereinander gibt über den Sound.

    Joscha: Die Songtexte verbinden die Songs aber auch, würde ich sagen. Wie Finn auch schon sagte, es war unser Plan dahin zu gehen und eben keinen Plan zu haben, um uns davon nicht einzuschränken und nur diesem Plan nachzurennen. Es war uns wichtig, dass wir einfach hingehen und schauen, was passiert, auch wenn wir am Ende nur einen oder zwei Songs in der Hand haben. Wir sind hingegangen und dann ist das passiert. Und jetzt kommt’s raus.

    Dascha: Auf der EP hat mich Sometimes total gecatched und berührt. Wollt ihr mal erklären, worum es in dem Song geht und was er euch bedeutet?

    Joscha: Ich hatte den Text schon davor geschrieben und hatte den eigentlich als Klavier-Ballade ausgelegt. Ich wollte voll lang Psychologie und Medizin studieren und hatte ein Praktikum in zwei Psychatrien. Ich hatte dort lange Gespräche mit einem Flüchtling, der eine posttraumatische Belastungsstörung hatte. Der Song greift eigentlich seine Gefühlswelt auf. Dass er nur für sich seine Gefühle zeigen kann und immer nur in seinem Zimmer ist. Diese Hoffnungslosigkeit wollte ich damit darstellen.

    Dascha: Krass, ich hätte nicht gedacht, dass dahinter so eine Geschichte steckt. Ich hab den Song letztens abends im Zug das erste Mal gehört, während des Sonnenuntergangs und ich dachte zu mir selbst nur: „Ey, don’t cry“. Schreibt ihr sonst lieber Songs über eure eigenen Gefühle und Erfahrungen oder findet ihr, das muss nicht sein?

    Michi: Momentan haben wir in unseren Texten sehr viel über unser Erleben von Dingen, Gefühlen, Nostalgie, Gedanken. Wenn wir die Texte dann wieder zusammen durcharbeiten, kommt es immer wieder zu so Punkten, dass wir manche Passagen, die wir z.B. nicht verstehen, durchsprechen und versuchen sie auf unser Leben zu beziehen. Damit sie sich immer schlüssig mit unserer Wahrnehmung und Erfahrung decken. Es ist ein Sammelsurium von unseren drei Wahrnehmungen, wie wir einfach alles erleben. Das ganze Leben und Verbindungen zu anderen Menschen.

    Joscha: Wir achten bei den Songs darauf, gerade bei der EP, dass wir das Thema nicht schon komplett vorschreiben und detailliert ausarbeiten, sondern, dass es bei jedem was anderes auslösen kann. So wie du meintest, du hättest das bei Sometimes nicht so gedacht. Für mich ist es das, aber für jemand anderen kann es etwas ganz anderes sein. Das ist auch das Ziel dahinter, dass jeder seine eigene freie Vorstellung haben kann.

    Michi: In der ganzen EP erwähnen wir wenig ganz konkrete Dinge, sondern eher so, dass man viel Interpretationsfreiraum hat.

    Dascha: Wie ist es für euch, dass ihr im Lockdown jetzt so richtig losgelegt habt mit eurem ersten großen Release? Denkt ihr, wenn die Umstände nicht so wären, liefe es anders?

    Finn: Wir hätten ein paar mehr Sachen organisiert, zum Beispiel eine fette Release-Party und wir hätten uns darum gekümmert, das wir auf so vielen Bühnen stehen, wie es nur geht.

    Michi: Tatsächlich ist aber auch viel dadurch möglich geworden. Finn studiert ja Architektur, Joscha Jazz und Pop-Gesang in Freiburg und ich mache eine Kochausbildung. Gerade bei mir ist es so, dass ich viel mehr Freizeit bekommen habe durch Corona. Davor wäre das gar nicht möglich gewesen. Es war da super schwer für uns drei Zeit zu finden. Dadurch ist viel Freiraum entstanden, ich hab ja auch kein Homeschooling oder so.

    Dascha: Na immerhin auch was positives! Ich hab euch natürlich auch vorher auf Instagram gestalked und bin auf euer wunderschönes Atelier gestoßen, das auch immer wieder von irgendwelchen Ästhethik-Accounts repostet wird. Was hat es mit dem Atelier auf sich, wo ist das?

    Joscha: Ich kann eine Sache sagen, das Atelier gehört meiner Großtante, aber leider muss ich die genaue Location geheim halten. Aber es ist in der Nähe von Stuttgart.

    Dascha: Es ist auf jeden Fall sehr sehr schön!

    Joscha: Ja, voll! Das ist ein Ort, wo wir immer richtig cool hingehen können, weil meine Großtante ist viel in Frankreich, sie ist Künstlerin. Es ist super dort zum Abschalten und Musik machen. Da gibt es kein Internet, kein WLAN, dann ist man einfach nur da.

    Finn: Wir waren auch um Silvester rum dort für ein paar Tage, das war auch crazy. Es ist schon ein ziemlich eigener Space. Das ist so die perfekte Voraussetzung, um irgendwie kreativ zu werden, weil man sich da mal stark abkapseln konnte. Die Umgebung engt auch nicht ein, sondern lässt eher den Raum für kreative Sachen.

    Joscha: Ja, wir waren da 10 Tage und da ist halt wirklich kaum Empfang, kein WLAN. Man ist so viel abgelenkt heutzutage von seinem scheiß Handy, was glaube ich jeden aufregt, aber was einfach so ist und auch nicht mehr wegzumachen ist. Ich würde behaupten, fast jeder ist irgendwie süchtig nach seinem Handy. Das war so angenehm, dass das Ding da einfach weggefallen ist und wir da den ganzen Tag nur Musik gemacht haben, gelesen, entspannt.

    Dascha: Ja, ich glaube, nach dieser Lockdown-Zeit schmeiße ich mein Handy einfach erstmal weg. (lacht) Welche Musiker und Musikerinnen feiert ihr selbst zur Zeit?

    Joscha: Was mir vor kurzem gezeigt worden ist, Golf, heißt die Band. Die hatte mal so ihren Hochpunkt und ist dann ein bisschen in den Hintergrund getreten. Die machen ganz coole Mucke! Benny Sings, Bilderbuch, es gibt viel, was ich cool finde.

    Michi: Ich hör momentan ganz wenig Alben, sondern ganz viele Playlisten. Elektronische Bands hab ich sehr viele sehr gerne.

    Finn: Ist glaube ich oft so, wenn man viele Playlisten hört, dass man sich eher einzelne Songs als ganze Artists rauspickt. Men I Trust z.B. find ich zur Zeit wieder richtig cool, eine meiner absoluten Lieblingsbands.

    Michi: Ich mag Billie Eilish zur Zeit ganz gerne und AURORA. Da hör ich tatsächlich die Künstlerinnen einfach durch. Irgendwie haben die mich beide super gehooked.

    Dascha: Cool! Auch wenn es durch Corona schwer ist, irgendwas zu planen, habt ihr trotzdem irgendwelche besonderen Pläne, auf die ihr euch freut dieses Jahr?

    Joscha: Ich würd das grad mal so anteasern, Release-technisch kommen da ziemlich lustige Sachen. Und auch ein crazy Feature, wozu ich jetzt noch nichts verraten darf und werde. Ansonsten wollen wir auf jeden Fall schauen, dass wir, sobald es irgendwie geht, ein paar Konzertchen am Start haben. Eine Sache die ich noch sagen kann, es kommt tatsächlich noch was deutsches von uns.

    Michi: Oh ja, ich war mir gerade nicht sicher, ob wir das schon verraten sollen. Wir haben auf Deutsch eigentlich angefangen. Unsere ersten Songs waren alle nur live, davon haben wir leider nicht mehr so viele Aufnahmen, aber viel auf Deutsch.

    Dascha: Wow, wie kommt es dann dazu, dass ihr doch zu Englisch gewechselt habt?

    Michi: Bei den Produktionen war dann ziemlich schnell klar, dass die englischen Songs super gut funktionieren zum Durchproduzieren. Und wir wollen auf jeden Fall auch international ansprechen.

    Joscha: Wir haben übel Bock auch in anderen Ländern irgendwann mal Konzerte zu spielen, weil es für uns auch dazugehört zu reisen und unterwegs zu sein. Nicht darauf zu beschränken, dass nur die wenigen Menschen, die Deutsch können, auf die Texte Zugang haben, sondern, dass jeder den Text verstehen kann.

    Michi: Es ist auch schwierig, dass man mit deutscher Musik, gerade wenn man Pop macht, schnell zu Schlager-Musik tendiert. Da sind wir noch nicht so sehr gehooked von, da kann ich für uns alle sprechen.

    Joscha: Ich finde es wird sehr schnell kitschig oder zu künstlerisch.

    Dascha: Dann bin ich mal sehr gespannt zu hören wie ihr auf Deutsch klingt! Und ich komme auch schon zur letzten Frage. Da frage ich immer nach einer Untold Story, also einem kleinen Geheimnis oder einer Geschichte, die ihr noch nicht öffentlich erzählt habt.

    Michi: Der eine Release wird auf jeden Fall überraschend.

    Joscha: Unser Feature oder nein, eher unser zusammenarbeitender-Gast, ist auf jeden Fall überraschend. Aber ich hab noch eine geile Story! Unzwar sind wir ganz gut befreundet mit Rikas und wir waren mit denen Boule spielen. Michi und ich waren in einem Team und es ging so richtig über drei, vier Stunden mit mehreren Runden und aufschreiben. Und dann bringt Michi einfach so einen Move.

    Michi: Es war ein wichtiger Wurf! Am Anfang lagen wir hinten, dann haben wir ziemlich schnell aufgeholt. Es war dann schon ein bisschen unangenehm noch weiter Punkte zu machen, aber das war der entscheidende Wurf für diese Runde und Joscha war so „Michi, mach jetzt irgendwas krasses!“

    Joscha: Michi kann halt ein Spagat, so komplett runter. Und dann macht er einfach aus dem nichts ein Spagat und wirft diesen Ball und gewinnt einfach.

    Michi: Die ganzen Leute saßen auf der Bank und guckten zu, hätte ich dann einen schlechten Wurf gemacht, wär das super peinlich. Aber alle sind aufgestanden und haben angefangen zu schreien. (lacht)

    Joscha: Da saßen dann auch einfach viele Leute und haben zugeschaut und getrunken. Das wäre so weird geworden, wenn du dieses krasse Spagat machst und dann den Ball einfach irgendwohin geworfen hättest. (lacht)

    Dascha: Eine gute Story mit einer guten Wendung, zum Glück!

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    Foto Credits: Jo Hannes Klingelhöfer, Mario Simic