Kategorie: untold concerts

  • Ein Liebesgeständnis an Giant Rooks und „Rookery“

    Ein Liebesgeständnis an Giant Rooks und „Rookery“

    Giant Rooks sind plötzlich auf Platz 3 der Album Charts – was für viele wahrscheinlich aus dem Nichts gekommen ist, war für andere schon lange, lange voraussehbar. Ihr Debütalbum Rookery reißt wirklich alles ab, was Album mäßig dieses Jahr schon los war und trifft alle Erwartungen genau auf den Punkt. In diesem Artikel erwartet euch nicht nur eine abstandslos begeisterte Review, sondern auch noch ein Konzertbericht zu ihrer digitalen Record Release Show aus dem Tempodrom. Sind für mich zwei sehr gute Gründe weiterzulesen, no?
    Vor Erfolg ist immer Arbeit

    Zuerst aber eine klitze-kleine Aufarbeitung der Giant Rooks-Bandgeschichte: Die Indie-Pop Band aus Hamm besteht aus fünf einfach nur knuffigen Bandmitgliedern, die alle schon in der Schule angefangen haben, Musik zu machen: Sänger Fred, Gitarrist Finn, Synthi-Boi Jonathan, Bassist Luca und Schlagzeuger Finn. Zusammen haben sie Ende 2015 ihre erste EP The Times Are Bursting The Lines veröffentlicht, waren mit Kraftklub und Von Wegen Lisbeth auf Tour (hi an alle, die sie da entdeckt haben) und haben im darauffolgenden Festivalsommer alle Herzen der Indie-Republik live erspielt. 2017 kam die zweite EP New Estate, die ihnen in Kombination mit der dritten EP Wild Stare unter anderem den 1Live-Krone-Förderpreis und den Preis für Popkultur für den hoffnungsvollsten Newcomer bescherten. Ziemlich viel Erfolg, noch mehr geile Live-Shows, aber noch kein Debütalbum. Das sollte sich 2020 nach sechs Jahren Bandgeschichte ändern. Wir präsentieren: Rookery.

    Das Setting of Rookery

    Ich persönlich muss leider sagen, dass ich seeehr spät in den Giant Rooks-Zug zugestiegen bin. Ja, ich hab ihn nicht mal an mir vorbeifahren sehen, ehrlich gesagt. Passiert den Besten, leider. Bei der EP 2019 war ich dann aber voll mit dabei, habe mich direkt in King Thinking, Wild Stare und auch bisschen in die Stimme von Frontsänger Fred verliebt. Mit dem Albumrelease immer näher kommend wurde dann ein Corona-abgestimmtes Release-Konzert geplant, welches ich sehr gemütlich mit Gin Tonic in der Hand auf dem Sofa genossen habe. Präsentiert von zart.tv sollte hier einiges aufgefahren werden und ich war wirklich sehr gespannt. Ich muss hier ja niemandem erzählen, was der Entzug von Live-Konzerten dieses Jahr emotional ausgelöst hat. Mein Setting für dieses erste Konzert war also Gin Tonic, zart.tv, die Couch und ein zu diesem Zeitpunkt noch nicht gehörtes Debütalbum der Giant Rooks. Das erwartet euch jetzt.

    „I don’t believe in a life after death, there isn’t such a thing as regret.”

    Dem Konzertbericht folgend kommt hier also eine Review in Setlist-Reihenfolge. Der Timer läuft runter und die Band erscheint auf einer kleinen, süßen und runden Bühne im Tempodrom. Spoiler: Internetverbindung war stabil die ganze Show lang. Der Opener für das Konzert war genau wie für das Album The Birth Of Worlds. Rückblickend wird es auf seine Weise genau so gut das Album eröffnen, wie das Schlusslicht Into Your Arms das Album schließen wird, aber dazu könnt ihr weiter unten lesen (bleiben lohnt sich). Nun erstmal zu Fred’s ersten Worten als er auf die Bühne zu dem ersten Song des ersten Giant Rooks Albums tritt:

    „When you were hidin‘ in the nest, what did I do to make you feel some hope? When it was time to leave the heights, we tried to stay close but then we lost it all.”

    The Birth Of Worlds eröffnet mit einer theatralischen Dramatik, tiefen Klaviertönen und melodischen Klängen einer wunderschönen Leadstimme. „We fade.“ – Der Song bricht nach kaum einer halben Minute und öffnet die Türen zu der Welt in Rookery. Mag sehr cinematisch klingen, aber das ist es auch. Ich habe das Gefühl, ich betrete eine ganz andere Welt. Musikalische Rezepte sind perfektioniert und harmonieren miteinander: literally

     
    The Birth Of Worlds. Ich höre den ersten Song des Albums und weiß, das wird kein normales Album werden, bei welchem ich ein bis zwei Lieder gut finde, sondern das ist direkt für mein Herz geschrieben. Klingt kitschig, aber das empfinde nicht nur ich so, sondern auch tausende andere alte und neue Giant Rooks Fans. Das hier ist für’s Herz.
    „I’m often scared when in the rookery.”
    Die Setlist überspringt einen Song und landet bei Heat Up. Grandioser Indie-Pop. Ich beschließe, dass wenn mich jemand fragt, was Indie-Pop ist, ich ihm Heat Up zeige. Alles an dem Song macht happy, etwas, was sich für das ganze Album bestätigen wird. Ich höre es live – reminder immer noch auf dem Sofa – und bin gedanklich direkt in der Halle. Alles in mir will tanzen. Ich beginne alle glücklichen Menschen, die nicht-virtuelle Tickets (abgefahrenes 2020-Konzept) für die Show ergattert haben, zu beneiden.
     
    Es folgt Bright Lies –zwar nicht auf dem Album, aber fast umso mehr eine Empfehlung: Hört hier rein, um es nachzufühlen.
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    © zart.tv

    Es braucht ein bisschen, aber dann haut es tief ins Herz. Wie ich vorhin bereits gebeichtet hab, bin ich kein Fan der ersten Stunde, und höre Bright Lies tatsächlich zum ersten Mal richtig bewusst. Mit Song Nummer drei des Abends bin sowas von in meinem digitalen Konzerterlebnis angekommen. Cara Declares War und 100mg folgen und an der Reaktion des Publikums kann ich sehen, dass ich nicht die einzige bin. Apropos sehen. Das Konzert wurde mit einer Augmented Reality (AR) aus allen möglichen Perspektiven gestreamed, das ist so wie ein 360° Telekom-Konzert in gut. Bühnenbilder werden passend zu den Songs digital eingefügt und erwecken die Show zum Leben. Giant Rooks spielen manchmal vor einer Wüste, inmitten von Felsen oder aber auch direkt vor der Sonne. Schon dezent beeindruckend.
    „It was a Wednesday afternoon that I found out about us going to the clouds.”
    Es geht weiter. Ein neuer Song vom Album: All We Are. Der bringt mich nach nur wenigen Sekunden genauso zum Tanzen wie Heat Up und ist doch komplett anders. Die jazzigen Klaviertöne lassen mich leicht an Amy Whinehouse denken, im Giant Rooks-Style halt. Die Upbeat-Melodie des Refrains gefällt mir unglaublich gut und könnte auch gut ein Serieneinspieler für Eine schrecklich nette Familie sein (das ist als Kompliment gemeint). Die rockigen Elemente gemixt mit dem jazzigen Klavier zeigen, wie vielschichtig und genre-übergreifend gut Giant Rooks sind.
     
    Es wird melancholischer im Tempodrom. Misinterpretations kam bereits im Juli raus und hat sich schon das ein oder andere Mal in meine privaten Playlisten eingeschlichen. Es ist nicht langsam oder leise, sondern einfach nur schön. Eine schwere Ladung Instrumente und einzelne Gitarrentöne, die live immer noch so viel geiler klingen, erfüllen zum Ende des Songs die ganze Halle und reichen bis zu meiner Couch. Leute, hört euch dieses Album an.
    „I wanna break the silence but it’s so beautiful.”
    Es folgt das Live-Debüt von Silence, dem achten Lied auf dem Album. Ganz ehrlich, würde The Birth Of Worlds nicht so gut als Opener funktionieren, hätte ich Silence vorgeschlagen. Er eröffnet mit so viel Power und Vielschichtigkeit, dass ich gar nicht weiß, wohin mit meiner Begeisterung. Es wird sich herausstellen, dass es der Song ist, der nach der Show noch am präsentesten in meinem Kopf anhält.
    “I don’t need reasons to be alone.”
    Wir befinden uns noch immer im Tempodrom und erleben ein weiteres
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    Nur Liebe für dieses Album

    Live-Debüt: Very Soon You’ll See. Auf dem Album befinden wir uns beim vierten Track –und entschuldigt den Ausdruck in dieser sehr professionellen Review, aber: Fuck. Der Anfang kriegt mich direkt. Zu 1000 %. Indie kombiniert mit einem simplen aber geilen Beat, über den Sänger Fred leichtfüßig singt??? Während ich das schreibe, spule ich immer wieder zurück, live (auf der Couch) kann ich das nicht. Aber fuck, ich fühle es. Very Soon You’ll See sticht heraus. Es wird zum Refrain richtig rockig, kehrt zurück zum Anfangsbeat und fügt noch eine sommerliche Akustikgitarre hinzu. Ich habe das Gefühl, ich bin in der Verfestigung der Kombi aller Musik, die ich liebe, gelandet. Giant Rooks, danke dafür.
     
    What I Know Is All Quicksand holt mich live noch einmal ganz anders ab als vorher. Die Single aus Mai fängt melancholisch an, explodiert dann aber, ähnlich wie The Birth Of Worlds. Bei mir setzt sich langsam ein Bild zusammen.

    „They put me in a cage to see what happens when you put one in a cell without an escape plan. If I lose my mind before the first attempt, oh, I’ll never be free again.”

    Was unabhängig von der Musik auf der lyrischen Ebene abgeht, lässt mich an Stellen sehr sprachlos zurück. Genau wie die Bridge zu What I Know Is All Quicksand, die eine so pure Melancholie kreiert, dass ich Gänsehaut bekomme. Hallo, das ist ein Chor. Und das live? Excuse my feelings. Fred spielt ein ruhiges Outro, nur seine Stimme in einer viel zu leeren Halle. Doch wer den Song kennt, weiß: so geht das nicht zu Ende, da knallt’s noch einmal. Die Band steigt nach viereinhalb Minuten Liedlänge noch einmal voll ein und schließt es in einer musikalischen Umarmung ab (das klingt nur so dramatisch, weil ich wirklich, wirklich Konzerte vermisse).

    „Oh, I wanna fall into your arms, where I could hide til kingdom comes.”

    Ich weiß, ihr lest das (hoffentlich) schon eine Weile und ich wrappe jetzt up, wie man das so schön nicht sagt. Ihr alle wisst, dass Wild Stare ein Hit ist, da muss ich euch gar nichts zu erklären. Aber zu Into Your Arms muss ich dann doch ein paar Worte da lassen. Into Your Arms bildet auf dem Album das berühmt langsame Outro. Fred singt mit Autotune und Akustik-Gitarre, im Tempodrom eröffnet sich eine digitale AR-Sternengalaxie, dann erklingt die E-Gitarre und ich bin einfach emotional total offen. Zum Autotune gesellen sich elektronische Beats, um dann wieder in einen Indie-Chor fallen zu lassen, und all das macht Into Your Arms zum schönsten Outro-Song, den ich dieses Jahr gehört hab. Die Welt, die The Birth Of Worlds eröffnet hat, wird mit Into Your Arms geschlossen. Beide Songs rahmen dieses Debütalbum perfekt ein. Von vorne bis hinten stimmt alles, jeder Song harmonisiert, steht komplett für sich und drückt doch eine Vielschichtigkeit aus, die ich Giant Rooks so ehrlich gesagt nicht ganz zugemutet habe. Ich bin sprachlos begeistert.

    „You might guess I’m thinking, but I’m only blinking.”

    Giant Rooks gehen von der Bühne und als wäre alles wieder zurück zur Normalität, schreien alle „Zugabe“, obwohl jeder weiß, dass sie kommt. Und wie sie kommt. Alle meine kleinen Träume werden erfüllt als ich die ersten Töne zu King Thinking höre. Es ist doch immer was anderes, wenn man die Songs live hört, über die man die Band lieben gelernt hat (i know: L A T E). Ich weiß, das Konzert ist gleich zu Ende und reflektiere schon mal, wie gut es war. Das waren die vielleicht schönsten eineinhalb Stunden auf der Couch seit langem. Der Abschluss bildet Watershed, die Pop-Hymne, die gerade ganz Deutschland erobert.

    Fazit: Rookery von Giant Rooks ist Anhalter auf Album des Jahres und bitte mehr Live-Konzerte über zart.tv und AR. Danke.

  • Mighty Oaks – Headline Stop in Berlin, Huxleys

    Mighty Oaks – Headline Stop in Berlin, Huxleys

    Mighty Oaks sind ein kleines Indie-Folk-Phänomen aus Berlin. Die Band, die aus den Mitgliedern Ian Hooper (USA), Claudio Donzelli (Italien) und Craig Saunders (England) besteht,machen schon zehn Jahre lang Musik. In dieser Zeit standen sie schon mit Kings of Leon, Milky Chance, The Lumineers und Chvrches auf der Bühne, hatten ein Top 10 Album und scheinen trotzdem noch immer ein kleines Stückchen unter dem Radar zu fliegen. Falls ihr euch auch gerade fragt „Mighty Oaks, hab ich bestimmt schon mal gehört, aber kann ich gerade nicht zuordnen“, dann hört einfach kurz in die Single Brother rein. Ein paar Sekunden anspielen und ihr wisst, um wen es hier geht. Im Zuge ihrer Headline Tour war ich für euch (und auch irgendwie für mich selbst) auf ihrem Konzert in Berlin.

    Vibing mit Jackson Dyer

    Als Musikliebhaber bedeuten Headline Konzerte einer Band, die man selbst sehr feiert, auch immer die Möglichkeit, den Supporting Act auszuchecken. Meistens sind das Bekannte der Band, Künstler*innen, die beim gleichen Label sind oder die die Band musikalisch sehr mag. In diesem Fall ist es ersteres, der Australier Jackson Dyer war auch schon 2014 auf der Mighty Oaks Tour mit unterwegs.

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    Jackson Dyer am Viben, Photo by me

    Sein Bühnen Set-Up ist sehr minimalistisch, nur ein Mikro, eine Beatstation (oder wie diese Dinger heißen, auf denen man automatisch Sachen abspielen kann) und einem Koffer mit seinem Namen drauf. Hinter ihm ist leider kein Vorhang oder Ähnliches angebracht, sondern alles sieht ein bisschen einsam in dem schon aufgebauten Set-Up der Mighty Oaks Jungs aus. Nichtsdestotrotz überzeugt der sympathische Australiermit seiner leichten und positiven Art. Die One-Man-Show ist ja auch in den letzten Jahren bedeutend einfacher geworden. Mit der richtigen Technik (a.k.a. die „Beatstation“) lässt sich die Musik (fast) genau so gut live einspielen, wie mit einer richtigen Band. Zwar fehlt die Energie einer Live-Band, aber das merkt man Jackson Dyer gar nicht an. Selbstbewusst spielt er sich Song für Song in unsere Herzen, die alle ein bisschen Melancholie der australischen Ozeane vertragen können. Meine persönliche Musikempfehlung, die ich mitgenommen habe und euch hier nicht vorenthalten möchte: The Absolute.

    Darf sie das?
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    professionelles Foto aus dem Fotograben by me

    „Darf sie das?“ Das fragen sich bestimmt vieleLeute in den ersten Reihen, als ich mich sohalb an ihnen vorbeigezwänge und mich mit meinem fresh gedruckten (es war ein Aufkleber mit meinem Namen drauf) Presseausweis direkt vor die Bühne positioniere. Es ist das erste Mal, dass ich auf einem Konzert so richtig professionell Fotos mache, und es ist schon ziemlich cool. Ich war unfassbar nah und frei, mir die perfekten Perspektiven zu suchen. Mighty Oaks eröffnen mit Driftwood Seat und Sänger Ian spielt sich auf der Ukulele warm. Der Song, der erst letztes Jahr auf der gleichnamigen EP erschien, ist schon lange ein Fan-Favorit und wird auf jedem Konzert gespielt. Was manche nämlich nicht wissen, ist, dass die EP eigentlich die erste war, die die drei Wahlberliner im Wedding vor 10 Jahren aufgenommen haben. Veröffentlicht wurde sie aber nie. Nun haben sie sie letztes Jahr neu im Studio aufgenommen, damit wir sie auch außerhalb von Konzerten auf Spotify pumpen können. Während ich versuche, die ziemlich selten gut belichteten Momente auf der Bühne mit der Kamera einzufangen (so typische 1. Welt Konzertfotograf-Probleme), merke ich, wie ich die ersten drei Lieder gar nicht so richtig wahrnehmen kann. Die Zeit geht rasend schnell vorbei und bevor ich mich versehe, bin ich wieder zurück in der Crowd, um das Konzert „normal“ zu erleben.

    So low,…

    Mighty Oaks haben Anfang Februar ihr neues Album All Things Go veröffentlicht und spielen auch viele der neuen Songs. Mich persönlich hat das Album, bis auf ein paar Ausnahmen, zwar nicht so ganz abgeholt, nichtsdestotrotz genieße ich die neuen Songs, die sie in ihrem Set spielen. Ian, Claudio und Craig versprühen live so eine gute Stimmung, dass sie bei jedem Einzelnen hier auch ankommt. Man kann ihnen anmerken, wie viel es ihnen bedeutet, ihre Heimshow in Berlin ausverkauft zu haben.

    Mit So low, so high spielen sie einen weiteren Song der neu aufgenommenen EP Driftwood Seat. Der langsame Part des Sets hat begonnen. Zu diesem Zeitpunkt fällt mir auch erst richtig bewusst auf, wie gemischt das Publikum eigentlich ist. Ich sehe fast mehr Eltern als Jugendliche; die Chance auf einen möglichen Moshpit: -20% (so beschreib ich meine Altersbilanz auf Konzerten). Aber Mighty Oaks Konzerte sind auch kein Platz für Moshpits. Sie sind Platz für ein bisschen Melancholie, für Augen zu und Entspannen, für gut gelauntes Tanzen und Wippen mit relativ viel Platz. Jetzt gerade befinden wir uns aber im ruhigen und langsamen Part und ich muss sagen, ich fühle es komplett. Vor allem Storm berührt mich live sehr. Ich bin auch wirklich beeindruckt von der gesamten Live-Performance der drei Dudes von Mighty Oaks (und des sehr sympathischen Schlagzeugers, dem ich hier nicht seinen Credit unterschlagen will). Sie schaffen es, die gesamte Huxley Halle Berlins in ihren Bann zu ziehen und mehrere ruhige Lieder zu spielen, ohne dass Birgit und Ingrid hinter mir ins Plaudern geraten.

    …so high

    So schön der ruhige Part des Sets war, umso befreiender wirkt der nächste Part, den Ian mit Dreamers einleitet und uns alle zum Tanzen und Mitsingen auffordert. Er hat Recht wenn er sagt, dass die Band von der Energie der Crowd lebt und nur so viel zurückgeben kann, wie wir ihnen entgegengeben. Das muss man uns heute Abend nicht zweimal sagen. Während man zu Dreamers noch leicht verhalten mitschaukelt, spür ich bei Brother die Holzdielen unter meinen Füßen vibrieren. Ganz schöner Turn-Up für die -20% Crowd (aufmerksame Leser verstehen diesen Call Back). Mighty Oaks machen einfach gute Laune. Das Lächeln auf ihren Gesichtern steckt an und ich glaube, jeder erlebt hier gerade ein richtig gutes Konzert.

    I found my love in the great unknown
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    Sänger Ian, © me

    Weiter geht’s mit Howl. Für jeden, der das Lied nicht kennt, hab ich es hier einmal verlinkt, weil das ist nun wirklich ein Meisterstück. The Great Unknown danach ist auch richtig schön,ich spüre das Fernweh Zeile für Zeile in mir entfachen. Ich weiß es als Fan ihrer „alten“ Musik sehr zu schätzen, dass sie nicht nur ihr neues Album spielen, sondern auch die Lieder ihrer vergangenen Alben performen. Das Finale bildet Forget Tomorrow, welches eins der Lieder vom neuen Album ist, die es in meine persönliche Playlisten geschafft haben. Total unerwartet springt Sänger Ian dann auf einmal von der Bühne und bahnt sich seinen Weg zur Tontechnik am anderen Ende der Halle und performt den letzten Refrain vondort. Ich glaube, die Menschen, die dort hinten standen, haben sich sehr gefreut, den hübschen Mann mit Hut auch mal von näher zu sehen. Nach dem vermeintlichen Ende des Konzerts (und den unaufhörlichen „Zugabe“-Rufen) kommen Mighty Oaks noch einmal auf die Bühne, um eine stripped down Akustik-Version ihres Songs Aileen zu spielen. Alle drei stehen sie um ein Mikrofon herum und erklären, dass jeder ihrer Lieder genau so funktionieren muss –akustisch und mit nur einem Mikrofon. Und tatsächlich –es funktioniert. Mighty Oaks schaffen es, viele verschiedene Elemente zusammenzubringen, und kombiniert eine unverwechselbare Stimmung zu erschaffen, die jeden Einzelnen im Raum von ihnen überzeugt. Sie entlassen uns in den Abend mit When I Dream, I See, einem Song,mit dem ich persönlich viel verbinde und den ganzen Abend perfekt in sich zusammenfasst.

    Solltet ihr es bis zum Ende geschafft haben und euch denken, huh, Mighty Oaks, die check ich doch mal aus, ist hier alles, was ihr braucht:

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  • Casper: Zurück zu Hause – Das Abschlusskonzert 2019

    Casper: Zurück zu Hause – Das Abschlusskonzert 2019

    Casper lädt zum achten Mal zu seinem Zurück zu Hause Festival in Bielefeld ein. Dabei sind dieses Jahr Pabst, Amilli und Kummer.

    Das Zurück zu Hause Festival findet dieses Jahr bereits zum achten Mal im Lokschuppen Bielefeld statt. Fans, die in der deutschen Indieszene unterwegs sind, wird dies mittlerweile ein Begriff sein. Etablierter Künstler Casper veranstaltet dieses Festival seit 2012 (anfangs noch unter dem Namen Willkommen Zuhause Festival) in seiner Heimatstadt. Er selbst tritt natürlich auch auf und lädt dazu mehrere Freunde ein. Zu diesen Freunden zählen in den vergangenen Jahren nicht nur bekannte und erfolgreiche KünstlerInnen sondern auch noch relativ unbekannte. So kann es auch als eine Art Sprungbrett für Newcomer bezeichnet werden. So haben auch in früheren Jahren Bilderbuch und Feine Sahne Fischfilet im Bielefelder Lokschuppen performt kurz bevor sie ihren großen kommerziellen Durchbruch erreichten. Ich fahre seit 2015 jedes Jahr kurz vor Weihnachten zwei Stunden nach Bielefeld, um dort zusammen mit meinen Freunden, Casper und Caspers Freunden den Konzertabschluss des Jahres zu feiern.

    Berliner Punkband Pabst läutet den Abend ein

    Pünktlich um 19 Uhr eröffnet die Punkband Pabst die Bühne. Kein großes Set-Up, nur einen Bassisten, den Sänger mit Gitarre und einen Schlagzeuger. Zusammen sind die drei Berliner einlautes Statement, der den Punk zurück auf die große Bühne bringt. Man hört Einflüsse von Post-Punk, Rock und ein paar Indierock-Melodien lassen das Publikum warm werden. Ich persönlich bin kein großer Punk-Fan, aber als ich sehe, wie verausgabend der Schlagzeuger auf seine Drums schlägt, muss ich doch ein bisschen lächeln. Live entwickelt man doch einen anderen Zugang zu Musik als auf Spotify. Als der Sänger zum ersten Moshpit des Abends auffordert, drängen sich sogar ein paar Menschen aus den vorderen Reihen nach hinten, um mitzumoshen. Ich bin mir sicher, dass Pabst, ähnlich wie andere Bands, denen Casper die Plattform bietet, viele neue Fans an diesem Abend gewonnen hat. Sie klingen lebendig, aufregend und hart, auf eine gute Art und Weise. Privat werde ich wahrscheinlich nicht auf sie zurückgreifen, dennoch ist es definitiv ein frischer Wind in der Punkszene und für jeden, der sich darin bewegt. Also –unbedingt auschecken! Zum Beispiel nächstes Jahr als Support von Itchy.

    Träumerischer R’n’B von und mit Newcomerin Amilli

    Amilli könnte euch schon länger bekannt sein. Erst letztes Jahr hat sie überraschenderweise den Förderpreis der 1Live Krone gewonnen und der Ohrwurm Rarri lässt uns seit dem nicht mehr los. Nun hat sie Anfang November ihre Debüt-EP Wings veröffentlicht. Das hat sie auch auf den Radar von Casper gebracht, der sie kurzerhand zum Zurück zu Hause eingeladen hat. Auch ich habe vorher schon in ihre EP reingehört und wusste, was mich zu erwarten hatte. Amilli spielt verträumten R’n’B mit einer leichten Indiemelodie, die einen auf leichte und leidenschaftliche Reisen nimmt. Ihr Bühnen Set-Up erinnert etwas an eine versteckte und verruchte Bar, in der unentdeckte, lokale Musiker ihre selbst geschriebenen Songs und Cover zum Besten geben. Aus Neonschläuchen geformt hängt ihr Namenszug über dem Schlagzeug und verstrahlt rotes Licht. Das Keyboard rechts und der Bassist links rahmen das ganze Set-Up ein. Amilli steht in der Mitte und sobald ihre klare und sanfte Stimmeerklingt, setzt sich alles zusammen. Man wird Zeuge einer intimen Performance und fühlt sich fast so wohl wie zuhause (Wortwitz). Auch wenn ich davon relativ wenig mitbekomme, weil zwei Typen, einer größer als der andere, direkt vor mir stehen bleiben. Doch anstatt mich darüber aufzuregen, schließe ich einfach meine Augen und lasse mich von den musikalischen Klängen Amillis beruhigen. Sie spielt sowohl Lieder aus Wings als auch ein paar neue, die hoffentlich nächstes Jahr erscheinen werden. Jeder einzelne Song hat mich abgeholt und auch wenn ich nicht allzu viel von ihr gesehen habe, bin ich trotzdem begeistert von so viel jungem Talent.

    Kummer reißt den Laden ab

    Das Zurück Zu Hause war dieses Jahr innerhalb weniger Minuten ausverkauft –und das bevor man wusste, wer eingeladen wird. Hätte man gewusst, dass Felix Brummer von Kraftklub mit seinem diesjährigen Solo-Projekt Kummer vorbeikommt, wäre es wahrscheinlich noch schneller ausverkauft gewesen. Mit seinem Debütalbum KIOX hat Kummer wirklich noch einmal ganz ordentlich in der Deutschrap-Szene aufgeräumt. Schon fest zu seiner Setlist gehört Lana Del Reys Song Summertime Sadness, der laut aus dem Off eingespielt wird und das ganzePublikum gemeinsam mitsingen lässt. Der letzte Ton des Songs wird dann leicht gepitcht und geloopt, bis irgendwann am Ende das Intro zu Nicht Deine Musik daraus entsteht. Es ist wirklich nicht übertrieben, wenn ich sage, dass der Laden, kaum dass Kummer die Bühne betritt, sich einmal selbst auseinander nimmt. Wo die Moshpits sind, ist eigentlich egal, weil wir alle eine springende Masse sind. Casper Fans sind KraftklubFans und Casper Fans sind Kummer Fans.

    Kummer und Casper beim ZZH, © Philipp Gladsome

    Songs wie Aber Nein oder Wie viel ist dein Outfit wert lassen niemanden ruhig stehen. Es ist, als würde Kummer ein Solo-Konzert spielen und wir alle sind nur für ihn da. Auch er ist ein bisschen überrumpelt von der Energie, die ihm entgegentritt, und bedankt sich ganz gerührt dafür. Felix ist nur am lächeln und ich kann gar nicht anders, als ihn noch ein bisschen mehr in mein Herz zu schließen. Denn eigentlich ist KIOX gar nicht so die Moshpit-Platte. Eigentlich ist sie sehr persönlich, sehr gesellschafts-und politikkritisch und an Stellen auch sehr traurig. Doch die Stimmung im Ringlokschuppen ist energiegeladen, lebendig und moshig (das ist ab jetzt ein Adjektiv). Nach diesen 40 Minuten bin ich eigentlich auch schon durch mit den Abend. Doch jetzt kommt ja erst der eigentlich Act des Abends, nämlich Casper selbst.

    Endlich angekommen

    Nachdem Kummer von der Bühne ist, ist wieder Warten angesagt. Insgesamt bin ich seit Einlass nun schon vier Stunden hier im Ringlokschuppen und merke, wie meine Knie langsam vom langen Stehen wehtun. Auch mein Rücken fühlt sich nicht mehr ganz so jung an und einen Haufen blauer Flecke habe ich auch schon. Jedes Jahr aufs Neue frage ich mich, wie ich das das Jahr davor ausgehalten habe und warum Casper nicht einfach früher als 19 Uhr mit dem ganzen Spektakel anfängt. Vielleicht spricht auch nur das Alter aus mir.

    Die Leute, die die Bühne umbauen, scheinen auch ein bisschen lange schon gearbeitet zu haben, der verkomplizierte Umbau dauert mal eben 20 Minuten länger als geplant. Nach langer Wartezeit ertönen die allbekannten Töne, die Alles ist erleuchtet einläuten und kurz danach kommt er mit Einsetzen des Basses auf die Bühne gesprungen. Obwohl ich mich noch nie so richtig mit dem Lied anfreunden konnte, ist es ein Liebling vieler und genauso wird es in der Menge auch aufgenommen. Alle springen hoch und begrüßen Casperzurück zu Hause.

    Ich muss sagen, dass ich mich mit 23 Jahren langsam immer wohler bei Casper Konzerten fühle. Viele der jungen Fans sind mittlerweile auch fast Anfang 20 und auch wenn ein paar jüngere immer noch dabei sind, hat sich der Altersdurchschnitt ein bisschen gehoben. Es wird deutlich mehr gemosht als ich es in Erinnerung hatte und allgemein ist es eine sehr angenehme, wenn auch körperlich anstrengende Stimmung.

    Casper lächelt und auch ich muss das ganze Konzert durch lächeln. Es ist immer wieder schön, ihn live zu sehen und ich merke, wie sehr ich ihn das Jahr über vermisst habe. Denn auch wenn ich ihn bewusst kaum noch höre in meinem Musik-Alltag, so kann ich immer noch alle Texte und habe unglaublich viel Spaß. Als dann zum Schluss noch Marteria, Drangsal und Felix (alle sind als Feature während des Konzerts aufgetreten) im größten Moshpit in der Mitte mitfeiern und anschließend nach vorne crowdsurfen, weiß auch Casper, das ist heute alles egal. Und wenn die Show 10 Minuten länger geht als geplant, weil auf einmal alle anfangen, sich zur Bühne tragen zu lassen, dann ist das so.

    „Heute ist alles cool, heute sind wir zuhause“.

    Genauso fühlt es sich auch an. Für Casper war es die erste Solo-Show nach langer Zeit, da er im letzten Jahr nur mit Marteria unterwegs war. Auch mit den vielen Feature Gästen (eben genannte und Ahzumjot), die er sich wie jedes Jahr einlädt, merkt man, wie nervös er ist. Doch das alles kreiert nur eine so unglaublich positive Atmosphäre, dass die vier Stunden Warten komplett vergessen sind. Es ist wahrhaft ein nach Hause kommen. Highlights des Abends sind definitiv die zwei lange nicht live gespielten Lieder Das Grizzly Lied und Endlich Angekommen. Beide sind absolute Herzensfavoriten von mir.

    Nächstes Jahr wird Casper sich weiter zurückziehen, um nach eigenen Aussagen weiter am neuen Album zu arbeiten. Wir dürfen also sehr gespannt sein. Und auf den nächsten traditionellen Jahresabschluss mit dem Zurück zu Hause Festival 2020 warten.