Autor: Dascha

  • Daschas Jahresrückblick: Ich habe keine Lust mehr

    Daschas Jahresrückblick: Ich habe keine Lust mehr

    Um die Spannung direkt stilsicher im ersten Abschnitt weg zu nehmen: Hier kommen meine Top 3 Spotify Wrapped Artists von 2022. Platz 1 belegt, wenig überraschend Paula Hartmann, Platz 2 (wieder) Rikas und Platz 3 Verifiziert. Mein am öftesten gehörter Song war I Hate That We’ll Be Strangers In A While von Cinemagraph. Ich konnte außerdem nicht genug von Mia Morgans FLEISCH bekommen. Meine Lieblingskonzerte waren zum einen von Buntspecht und zum anderen von My Chemical Romance, for obvious reasons. Das sind wundervolle Artists und ich bin dankbar, dass sie mein Jahr mit ihrer Musik so bereichert haben. Vor allem ohne Paula Hartmann wüsste ich nicht, was ich in diesem Jahr gemacht hätte. Ich glaube sie tut genau das, was man als „aus der Seele sprechen“ bezeichnet. Aber jetzt mal weg davon, denn würde ich weiter über meine geliebten Künstler*innen schreiben, wäre das zu viel Schwärmerei. Bitte, ihr wisst selbst wie toll Paula Hartmann ist. Ich habe lange überlegt, was ich in meinem Jahresrückblick schreiben soll. Neue Artists, die ich für mich entdeckt habe oder alte Alben, die ich wiederentdeckt habe, das hätte mich nicht zufrieden gestellt. Genau, das ist der Punkt. Ich bin gerade nicht zufrieden. Erst letztens hatte ich einen Abend, an dem ich so intensiv darüber nachgedacht habe, was mich an der Musik- und Konzertszene stört, dass ich zum Entschluss kam, dass ich keine Lust mehr auf das alles habe und alles hoffnungslos ist. Das ist natürlich übertrieben, aber manchmal fühlt es sich genau so an. Stellt euch zumindest nun vor, es würde jetzt Männer von Blond feat. addeN im Hintergrund laufen. Meiner Meinung nach einer der besten und wichtigsten deutschsprachigen Songs des Jahres.

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    Hier kommt also eure gesunde Portion Negativität. Ich werde nun keine belegte Kritik an der Musikbranche schreiben, das haben viele vor mir schon ziemlich gut getan. Eine davon ist Fiona Kutscher, die in ihrer Arbeit „No Man’s Land“ Diskriminierung und fehlende Diversität in verschiedenen Teilen der Branche behandelt. Absolute Empfehlung, zum Lesen hier klicken.

    Der aufgebrachte Bauernmob

    Ich werde bloß meine eigenen Beobachtungen schildern. Viele davon trugen sich aber nicht nur auf Live-Events zu, sondern auch auf Social Media. Ein Ereignis, das meinen Eindruck von dem vorherrschenden großen Livepublikum prägte, war ein Tweet von mir aus dem Juni 2022, an dem Rock am Ring / Rock im Park Wochenende. Genauer gesagt, die Reaktionen dazu.

    Obwohl der offensichtlich überzogene Tweet für mich nur ein unüberlegter Spaß und gar keine belegte, wohlformulierte Kritik war, bestätigte sich meine Annahme noch sehr viel mehr als gedacht. Ich muss dazu sagen, dass ich noch nie bei Rock am Ring oder Rock im Park war. Natürlich bei anderen Festivals schon, aber RaR blieb mir bisher erspart, während ich als Teenager immer unbedingt „irgendwann mal“ hin wollte und jetzt einfach keine Lust mehr darauf habe. Aber glücklicherweise kann ich diesen Riesenspaß gar nicht mehr erleben. Denn ich wurde ausgeladen. Richtig, im Gegenzug wurde ich von wütenden Festivalfans auf Twitter dazu ermahnt, bloß niemals ihr heiliges Gelände zu betreten. Obwohl sich viele davon zu dieser Zeit auf dem Festival befanden, war es anscheinend ebenso unterhaltsam meine Aussage auseinanderzunehmen: Ich sei eine Berliner-Hipster-Techno-Studentin, männerhassend und sexistisch, noch nie auf einem Festival gewesen und natürlich auch einfach dumm und auf der Suche nach Aufmerksamkeit. Mein Tweet ist ein kleines bisschen viral gegangen und anscheinend genau in das Blickfeld derer gerutscht, die ich in den 29 schriftlichen Wörtern zu meiner „persönlichen Hölle“ erklärte. Nach hunderten von Kommentaren, in denen ich verspottet oder beleidigt wurde, folgten auch private Drohungen in meinen DMs. Ich weiß nicht, ob das für irgendwen schockierend ist, vermutlich nicht, aber ich möchte betonen, dass fast alle von diesen motivierten Teilnehmern Männer waren. Und obwohl sie sich auch für die drei-viertel-Hosen Anklage verteidigen könnten, blieben fast alle von ihnen auf den Wörtchen „betrunken und sexistisch“ und dem Thema der Rockmusik hängen. Ich hätte dir wirklich gerne geglaubt, dass du nicht „so ein“ Festivalbesucher bist, @tomfestivalliebe130296, aber dafür hättest du mich nicht unbedingt als „dumme verweichlichte Hipster-Schlampe“ bezeichnen müssen. Das spricht nicht gerade für dich.

    Eine kleine Auswahl an Reaktionen

    Ich werde jetzt nicht auf jedes Kommentar eingehen. Eigentlich fand ich es witzig, ich saß gut unterhalten am Handy und habe über die Reaktionen gelacht. Kurz gefasst: Ich wurde quasi zum Feind von Rock am Ring, während die wütenden Bauern mich mit ihren Mistgabeln und Fackeln jagten. In meiner Vorstellung erwartet mich genau dieser Mob am Einlass des Festivalgeländes, um mir ein warm gewordenes Dosenbier vor der Nase zu öffnen und mich dann eigenhändig zu bekämpfen. Ich habe darüber nachgedacht, wieso überhaupt solche Zustände unter Musikfans des Festivals herrschen. Neben den klassischen Merkmalen von Eskapismus, die solche Events immer mit sich bringen und zum Verlust jeglichen Anstands und Benehmens führen können, hängt dies für mich auch mit dem Line Up zusammen. Dass Rock am Ring und Rock im Park oft wegen ihrem sehr, sehr männlichen Line Up in der Kritik stehen, sollte allen bewusst sein. Genau darin sehe ich auch die Wurzel meines persönlichen Bauernmobs. Wenn jedes Jahr nur Volbeat, Korn und die Toten Hosen da spielen, dann beeinflusst das auch, wer auf das Festival geht. Und da das Line Up sich jedes Jahr nur wenig bemerkbar wandelt, bleiben auch die pöbelnden Traditionsfans. Sie sind bestärkt und bequem in dem, was sie jedes Jahr kennen und machen. Das ist prinzipiell vollkommen in Ordnung, jährliche Traditionen können auch etwas schönes sein. Aber nicht, wenn sie den Punkt erreichen, dass jede berechtigte Kritik wie ein sprachlicher Terrorangriff behandelt wird. Dass sich die Fans von Miley Cyrus von denen von Papa Roach unterscheiden, ist offensichtlich. Meine These ist also, dass wenn das RaR und RiP Line Up schon seit ein paar Jahren durchmischter wäre, auch das Publikum diverser wäre. Tom und Thorsten würden sehen, dass nicht alle Frauen so schlimm sind wie ich und dass auch Frauen coole Rockmusik machen und ihnen ihre tollen Lieblingsbands gar nicht wegnehmen. Alle würden sich weinend in den Armen liegen! Das wäre schön. Natürlich verfluche ich nicht alles an Festivals und auch bei weitem nicht alle männlichen Rock-Acts. Aber auf dieses Festival habe ich nun zugegebenermaßen keine Lust mehr.

    Auch bei einem kleineren Rock-Festival, auf dem ich in diesem Jahr war, stellte ich ein unangenehmes Männer-Publikum fest. Kein Wunder, ich war von morgens bis nachts dort und habe keine einzige Frau auf den zwei Bühnen gesehen. Na gut, eine einzige, die zu dem Zeitpunkt bei einer Männerband jemanden ersetzt hat. Auch die Erinnerungsposter aus den vergangenen Jahren haben meine Vermutung bestätigt: Dieser Tag war keine Ausnahme. Statt coole, neue Artists, vielleicht ja sogar Frauen, zu buchen, bestand das Line Up jedes Jahr größtenteils aus den gleichen rotierenden Ska-Punk-BarfußläufermitBlasinstrument-weißerTypmitDreads-Bands. Verpasste Chance? Ich finde schon.

    Um jedoch beim Thema Line Ups zu bleiben, ist mir auch dieses Jahr bei allen Ankündigungen aufgefallen, dass folgendes Kommentar sich jedes Jahr in abgewandelter Form darunter befindet. „Wer soll das sein haha? Kenn ich nicht, was für ein scheiß Line Up.“ Ein @Henrisnowboarder123-Typ möchte uns jedes Jahr mitteilen, dass er seinen musikalischen Horizont konsequent nicht erweitern möchte. Und dass dieser wahrscheinlich in 2013 hängen geblieben ist. Und dass er sich dieses Jahr wieder zum 10. Mal die Beatsteaks statt Nina Chuba wünschen würde, denn wenn er sie nicht kennt, ist sie bestimmt scheiße. Genau diese Einstellung scheinen viele Festival-Herren mit sich zu tragen und jedes Jahr, bei jedem Festival, finde ich solche Henris wieder. Ich wünsche ihnen ein bisschen mehr Freude am Neuen und ein bisschen mehr Geschmack.

    Die Malle-Männer

    Eine weitere Beobachtung. Dieses Jahr haben so gut wie alle männlichen Acts, zumindest die aus der Indie-Blase und ihrer Umgebung, versucht weibliche Support Acts mit auf Tour zu nehmen. Das freut mich sehr, denn Support Slots sind eben das benötigte Sprungbrett, um die verdiente Aufmerksamkeit zu erlangen und später selbst auf einer großen Bühne zu stehen. Artists und Booker*innen haben dieses Jahr in dieser Hinsicht offensichtlich etwas geleistet. Das Publikum aber nicht so ganz. Erst kürzlich war ich auf dem Konzert einer sehr bekannten und beliebten deutschen Band, der Voract war eine fantastische weibliche Musikerin. Der Auftritt: mega. Die besoffenen Männergruppen im Publikum hatten jedoch wohl mehr Spaß daran „Ach komm, zeig uns lieber deine Titten!“ während des Auftritts der Musikerin in Richtung der Bühne zu rufen. Nachdem das Konzert auch schon leider sehr an der schlechten Organisation litt, hinterließen die betrunkenen Männergruppen einen noch einschlagenderen Eindruck bei mir. Ich brauchte keine 15 Minuten, um nach dem Konzert zu erfahren und zu sammeln, dass die gleiche Art von Leuten auch in anderen Ecken der Halle lauerte. Buhrufe und Aussagen wie „Die Titten sind geiler als die Musik“ standen wohl auf dem Abendprogramm einiger Herren.

    Ich bezeichne sie gerne als „Malle-Männer“, das erklärt sich wahrscheinlich von selbst. Übrigens unterstelle ich niemandem davon dumm zu sein. Wenn wir auf dem Konzert der selben Band gelandet sind, haben wir ja wahrscheinlich sogar einiges gemeinsam. Das Problem erschließt sich für mich ähnlich wie mein Rock am Ring Mob. Die beschriebenen Malle-Männer sind es wahrscheinlich so sehr nicht gewohnt eine selbstbewusste, talentierte Frau auf einer großen Bühne zu sehen, dass somit eine Abwehrreaktion folgt. Diese Reaktion ist vollkommen unangebracht und mit nichts zu entschuldigen, aber ich vermute darin liegt ihr Ursprung. Fremd und unbekannt heißt meistens verwirrend und abstoßend. Wenn Malle-Mann Heiko sein Leben lang nur ähnlich aussehende Männer auf der Bühne abfeiert, dann ist er überfordert von der fremden jungen Frau, die jetzt vor ihm steht. „Etwas anders sieht es im Live Bereich aus. Lag der Anteil im Jahr 2010 noch bei 7% konnte für das zusätzlich ausgewertete Jahr 2022 ein Frauenanteil von 16% beobachtet werden“ (Zitat: Fiona Kutscher, No Man’s Land). Wir bewegen uns also immerhin langsam in eine neue Richtung. Dass das trotzdem bei weitem noch nicht genug ist, zeigen mir meine Beobachtungen. Ich würde meine Hand dafür ins Feuer legen, dass Malle-Mann Heiko, geschützt von seinen anderen Malle- Männern, bei jedem anderen Voract, der kein Mann ist, genau so herablassend reagiert hätte. Es lag nicht an der Musik.

    Bleiben wir nun bei Malle-Männern. Im August war ich auf einem Hallen Konzert einer anderen beliebten deutschen Indie Band. Ich nenne gerade keine Namen, weil es mir nicht darum geht, über bestimmte Musiker*innen zu sprechen. Diese Erzählungen stehen stellvertretend, denn es hätte sich um fast jede beliebige Band handeln können. Auf dem genannten Konzert war es heiß. Klar, draußen waren 30 Grad und drinnen machte sich schon nach zwei Songs ein Sauna ähnliches Gefühl breit. Während das Konzert voranschritt, tat dies auch die Anzahl der oberkörperfreien Männer. Das führte dazu, dass sich der riesige, mit Spaß erfüllte Moshpit in der Mitte der Halle immer weiter entleerte. Bis bei den letzten Songs ein großes Loch die Mitte der Crowd zierte und sich darin fast nur noch eine Gruppe befand. Richtig, die oberkörperfreien Malle-Männer. Auch vor der Pandemie ist mir der Mangel an T-Shirts auf den Konzerten der selben Band aufgefallen, damals empfand ich es schon als unangenehm. Dieses Mal hab ich noch mehr Probleme darin gesehen. In meiner Beobachtung steckt nämlich, dass diese Männer während des Konzerts alle FLINTA* durch ihr Verhalten aus dem Pit verdrängt haben und ihnen den Raum genommen haben, der ihnen zusteht. Dann kann Malle-Heiko allen beweisen, wie krass und überlegen er im Moshpit ist. Und dass er keinen Fick gibt. Zwischen all den rücksichtslosen, grölenden, schwitzigen Männern fragte ich auch während des Konzerts ein Paar davon wieso sie ihr Shirt nicht anbehalten konnten. Ich bekam, wie erwartet, nur genervte Blicke. Aber auch ich war genervt, denn auch mir war unfassbar heiß. Ich hatte wiederum nicht die Option, mich auszuziehen.

    Übrigens beobachtete ich auch, dass wenn eine weiblich gelesene Person Männer auf ihre fehlenden T-Shirts ansprach, es ihnen egal war. Wenn die kurze Konversation von Mann zu Mann passierte, wurde oft Einsicht gezeigt. Klassiker. Nach dem Konzert stellte ich schnell fest, dass ich nicht die einzige war, die das Verdrängen der FLINTA*-Personen bemerkt hatte und denen daran die Lust an dem Konzert verging. Die Band und ich schickten mehrere Stunden lang Nachrichten hin und her. Ich erklärte detailliert was mir an dem Thema liegt und dass ich mir wünsche, die Szene würde inklusiver denken und handeln. Dabei wünschte ich mir auch, dass das Thema kurz auf der Bühne angesprochen wird. Nicht als Verbot, einfach als ein kurzes „Wir wollen dass sich hier alle wohl fühlen. Wenn wir unsere Shirts anlassen können, könnt ihr das auch“. Das wäre in meiner Vorstellung ein guter Schritt gewesen, denn Frauen klären schon lange über diese Themen auf. Allerdings benötigt es meistens (leider) Männer, die etwas sagen, damit andere Männer zuhören. Vor allem in diesem Szenario, wenn es Männer auf einer Bühne sind, die man als Musiker cool findet. Die Band zeigte sich im Gespräch, nach ein paar leider eher widersprechenden Aussagen, doch ziemlich verständnisvoll. Ich bin halbwegs zufrieden schlafen gegangen, in der Hoffnung meine Worte hatten einen Gedankengang bewirkt. Zu mal es sich bei der Band um Musiker handelt, von denen ich sehr viel halte, sowohl musikalisch, als auch menschlich.

    Nach einem weiteren Konzert der Band realisierte ich, dass sich nichts verändert hatte. Auch dieses Mal
    kontaktierte mich die Band selbst und wir schickten einander einige Texte. Sie wollten aus unterschiedlichen Gründen nichts auf der Bühne dazu sagen. Ich war ein wenig enttäuscht, aber gleichzeitig froh, dass dieser Austausch wohl beiden Seiten wichtig war. Jedoch hatte ich währenddessen das Gefühl, der Band sei es im Kern einfach zu riskant ihre männlichen Fans zu vergraulen. Eigentlich erhoffte ich mir immer, dass sie eine Band seien, die kein Problem hat aus ihrer Komfortzone zu treten. Ich sprach mit einigen Freundinnen und Bekannten darüber, auch mit Freundinnen der Band. Schnell ließ sich erkennen, dass die weibliche Seite der selben Ansicht war wie ich. Als Ergebnis dieses Gespräches erstellte die Band Schilder, die sie bei den restlichen Konzerten an den Einlass hängte. Darauf wurde gebeten, sich respektvoll zu verhalten und auch seine T-Shirts anzubehalten. Wenn die Schilder, meiner Bedenken nach, missachtet werden sollten, sagen sie doch etwas auf der Bühne dazu, wurde mir beteuert. Irgendwann fühlte ich mich seltsam, wie eine kontrollierende, strenge Lehrerin, was nie meine Absicht war. Andererseits weiß ich, dass sich nichts ändert, wenn man nicht immer und immer wieder darüber redet. Erzählungen zufolge sagte diese Band vor kurzem auf einem sehr großen Konzert zum ersten Mal auf der Bühne, man solle T-Shirts anbehalten, in dem selben Kontext, dass man aufeinander Acht geben soll. Auch das Management erklärte auf Nachfrage, dass dies als Schlussfolgerung von vielen Gesprächen mit Freund*innen und Fans resultierte. Ich weiß, man darf das Große nicht aus den Augen verlieren. Es wird trotzdem tausende Konzerte bei anderen Bands mit unangenehmen, Dominanz demonstrierenden Männern im Publikum geben. Aber trotzdem freut es mich, dass diese Geschichte nicht als hoffnungsloser Fall, sondern sogar im Nachdenken und Handeln endete.

    Ein weiteres Beispiel ergab sich, als mich kürzlich ein Bekannter am Tag nach einem Konzert fragte, ob ich es auch so gut fand wie er. Ich bejahte, erwähnte aber auch kurz, dass ich den Leadsänger als unangenehm empfand. Er spielte die Show oberkörperfrei, mit sexuell angedeuteten Dance-Moves und betonte auf der Bühne unter anderem, dass er sich immer über die vielen „sexy females“ im Publikum erfreut. Mein Bekannter verstand meine Wahrnehmung nicht, er fühlte sich von meiner Bemerkung offensichtlich beinahe selbst angegriffen. Eigentlich habe ich aber nicht verstanden, wieso ich mich als einfacher Fan der Musik dieser Sexualisierung und Bewertung des Sängers unterziehen musste. Ich hab genauso wie mein Bekannter die Songs mitgebrüllt, ich bin genauso im Moshpit rumgesprungen, ich habe genauso geschwitzt. Aber ich bin eine Frau. Im Verlauf des Jahres fand ich mich oft in verschiedenen Situationen wieder, in denen ich mit Männern über dieses Thema diskutieren musste. Wobei ich das nicht musste, sondern wollte. Sei es mit Freunden von Freunden oder Beteiligten von Festivalorgas. Von Aussagen wie, dass ich nie wieder zu Festivals gehen soll, zu ich gehör nicht auf „härtere“ Shows, denn „dort war es einfach schon immer so“. Ist es denn nicht diskriminierend gegenüber Männern, dass ich von ihnen verlange, sich einzuschränken? Die wahrscheinlich am häufigsten gestellte Frage. Nein, ist es nicht.

    Die blickdichten Wände

    Vor kurzem habe ich im Club den DJ gefragt, ob ihm bewusst ist, dass die Band, die er gerade spielt, Anschuldigungen zu sexuell übergriffigem Verhalten an sich trägt. Die Reaktion hätte natürlich schlimmer sein können. Er behauptete immerhin, dass er das weiß und bloß in diesem Moment vergaß. Es täte ihm Leid. Aber! Natürlich hängte er am Ende der Aussage an, dass man „sowas ja nicht beweisen kann“ und da „auch oft gelogen wird“. Statistiken beweisen, dass dies nur in den aller wenigsten Ausnahmefällen zutrifft. Ich versuchte es kurz zu erklären, aber gab schnell auf und holte mir einen Gin Tonic. Dort, wo Männer andere Männer schützen und Tätern einen Raum geben, dort sind sie von starren, blickdichten Wänden umgeben. Diese Wände zu durchbrechen, ist mein großer Wunsch. Manchmal liefen die Gespräche, die ich führte, einsichtig, manchmal stieß ich nur auf sture Ablehnung. Aber eins hatten diese Gespräche immer gemeinsam: Sie waren kräftezehrend. Ich habe in diesem Jahr bemerkt, wie viel Energie es raubt, Männern jedes mal die selben Dinge zu erklären. Jedes Mal überhaupt zu sagen, dass es sich hier um ein Problem handelt. Jedes Mal verbal darum zu kämpfen, dass meine Gefühle auch eine Daseinsberechtigung haben, ohne zu sehr anecken zu wollen. Jedes Mal zu erläutern, dass ich nicht die einzige bin, der es so geht und dass es sich lohnt, mal etwas weiter zu denken. Ich habe keine Lust mehr darauf.

    Ich habe keine Lust mehr darauf, dass man immer die gleichen unangenehmen Geschichten über Männerbands miterlebt oder hört. Ich habe keine Lust mehr darauf, dass ich mich damit zufrieden geben muss, dass es ja in anderen Bubbles „noch viel schlimmer sei“. Ich habe keine Lust mehr mich unwohl und unterlegen zu fühlen. Ich habe keine Lust mehr zu sehen, wie andere wegsehen. Die kleinen Geschichten, die ich hier aufschreibe, sind nur ein winziger Teil. Sie sind nur ein winziger Teil meines Jahres, ich könnte noch viel mehr erzählen. Aber auch ein winziger Teil von großen Problemen. Es waren Momente, die mir als besonders ernüchternd im Kopf geblieben sind. Ich weiß auch, dass es naiv und unrealistisch ist, zu glauben, dass sich etwas davon durch durch den Jahreswechsel ändert. Aber ich möchte es trotzdem. Ich habe es jedes Mal sehr deutlich wahrgenommen, wenn ich beispielsweise eine junge Tourmanagerin im Backstage gesehen habe. Das fällt mir auf, das bleibt bei mir hängen. Jede dieser FLINTA*, die in der männlich dominierten Musikszene aktiv ist, ist ein Vorbild für mich. Sie sind alle für einander gegenseitige Vorbilder, wenn auch nur unbewusst. Orte und Bereiche, in denen mehr von diesen Personen anwesend sind, sind offener und verständnisvoller. Auch das habe ich deutlich beobachtet. Der dunkle Raum mit den blickdichten Wänden, den ich erwähnt habe, wird einzig und allein durch die Präsenz von FLINTA* Personen durchbrochen. Selbst, wenn es nicht ihre Absicht ist, politisch und kritisch zu handeln oder aufzuklären. Ich wünsche mir das Gegenteil des blickdichten Raums. Einen, in dem mehr Realitäten als nur die des weißen cis Mannes aufeinander treffen. Einen, in dem Strukturen gelöst und neu zusammen gesetzt werden. Einen, in dem Menschen einander zu hören, reflektieren und realisieren. Denn dort, wo Männer nicht nur geschützt und umgeben von ihren Bros sind, ändern sie auch ihr Verhalten. Wäre das nicht ein Gewinn für alle?

    Für 2023 wünsche ich mir, dass ich wieder mehr Begeisterung verspüren kann und nicht ständig mit dem Gefühl des „ich habe keine Lust mehr“ Heim gehe. Ob ich das schaffe, ist nicht nur von mir abhängig.

  • SERPENTIN im Interview: »Ich habe das Schreiben als Überlebensstrategie genutzt«

    SERPENTIN im Interview: »Ich habe das Schreiben als Überlebensstrategie genutzt«

    Was sich musikalisch manchmal wie ein wirrer Fiebertraum anfühlt, folgt einem klaren Konzept und einer wahren Geschichte. Im Oktober veröffentlichte SERPENTIN ihre EP Sturm & Drang. Auf fünf außergewöhnlichen und eindrucksvollen Tracks fesselt die Musikerin ihre Hörer*innen und zeigt ihnen eine sehr persönliche Gefühlswelt. Hier häufen sich angestaute Emotionen an und werden hinaus in die Welt getragen. Und das macht SERPENTIN auf eine sehr eigene Art und Weise, die für mich mindestens im deutschsprachigem Raum keinen Vergleich findet. Elektro trifft auf Indie und tiefe Worte. Mal dunkel und zerrend, mal befreiend und ergreifend. Hinter dem gedanklichen Nebel, der durch die Songs erzeugt wird, steckt wahnsinnig viel Feingefühl für Ausdruck. Textzeilen, bei denen ich jedes Mal das Gefühl habe, ich müsste nun die Luft anhalten. Die Songs scheinen vor aufgeladener Energie in alle Richtungen überzulaufen, aber werden nie zu viel.

    Zwar gehörte dieser nicht zum Konzept der EP, jedoch veröffentlichte die Musikerin aus Hannover mit Alles Scheisse dieses Jahr einen Sommerhit mit Antihaltung. Damit bewies sie, dass sie trotz aller Dramaturgie und Ernsthaftigkeit auch ihre selbstironische Seite in Songs verarbeiten kann. Auch die Single Blaugrau, die vor Kurzem zusammen mit Toni Vice und Fleggo veröffentlicht wurde, ist mindestens genauso gut wie die darauf folgende EP. Irgendwas an SERPENTINs Musik fasziniert mich einfach. Ihre besondere Art zu singen kombiniert mit schiebenden Beats? Oder dass ihre Texte nie gänzlich preisgeben und festlegen, was geschieht und dennoch voller Persönlichkeit sind? Ihre Livepräsenz aus der man spürt, wie viel Kraft in der Musik steckt? Es ist wahrscheinlich genau das Zusammenspiel aus all dem.

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    SERPENTIN im Interview

    Dascha: Hi, magst du dich mal vorstellen für Leute, die dich vielleicht noch nicht kennen?

    SERPENTIN: Ich bin SERPENTIN, ich bin 26 Jahre alt und bin Indie-Elektro Solo-Künstlerin mit deutschen Texten. Ich mache eigentlich schon mein Leben lang Musik. Ich mach einfach das, was ich fühle. Das ist manchmal sehr dramatisch und manchmal eher selbstironisch. Jetzt gerade passiert ganz viel bei mir.

    Dascha: Ja genau. Passend dazu: Du hast vor kurzem deine EP Sturm & Drang veröffentlicht. Wie geht es dir damit sie mit der Welt geteilt zu haben?

    SERPENTIN: Wahnsinnig gut. Es ist eine extreme Erleichterung. Im Dezember 2020 habe ich angefangen diese EP zu planen zusammen mit meiner besten Freundin und Productionmanagerin Fiona. Zwischendrin hab ich nicht geglaubt, dass ich es durchziehen werde, deshalb bin ich übelst happy damit, dass ich es jetzt geschafft habe. Ich bin auch erleichtert, dass ich dieses Kapitel jetzt abschließen kann und weiter machen kann. Da bin ich sehr stolz darauf.

    Dascha: Zurecht! Was waren für dich die größten Herausforderungen und was war nur schön?

    SERPENTIN: Die größte Herausforderung kann man in zwei Dinge aufteilen. Das erste, ohne Erfahrung, ohne jemals eine EP gemacht zu haben. Diese ganze Produktion, das alles zu planen. Das alles beisammen zu halten und durch zu ziehen war eine riesige Herausforderung. Und die zweite große war das Kapitel in meinem Leben, worüber ich geschrieben habe, zu thematisieren. Sturm & Drang ist ja eine Konzept-EP, die von Anfang bis Ende erzählt was ich in einer Spanne von vier bis sechs Jahren erlebt habe. Es war eine wahnsinnige Herausforderung diese Gefühle und diese Erlebnisse so zu verarbeiten, dass sie in Songform verpackt werden konnten. Es war natürlich wahnsinnig schön, aber ich fand es auch schwer diese Dinge so ehrlich auf den Punkt zu bringen. Das aller schönste daran war aber gleichzeitig diese Sachen so aus mir raus zu holen und alles nach meinen Vorstellungen zu verpacken. Ich habe in dem Prozess so viel über mich gelernt und an Selbstbewusstsein gewonnen. Und das EP Releasekonzert. Das war echt eins der geilsten Dinge daran, es war einfach ein perfekter Abend. Das hat uns auch noch mehr Stolz, Zusammenhalt und Selbstbewusstsein innerhalb des Teams gegeben.

    Dascha: Wie schön! Und wie ist das Konzept der EP entstanden? Hast du die Songs auch so chronologisch geschrieben?

    SERPENTIN: Die Songs habe ich tatsächlich in der Reihenfolge geschrieben, in der sie jetzt auf der EP sind. Weil ich habe jeden Song in der Situation, in der ich sie erlebt habe, geschrieben. Bei der Geschichte handelt es sich um eine toxische Beziehung, in der ich mich befunden habe, daraus und wieder zurück zu mir. Diese Beziehung steht eigentlich symbolisch nur für den Höhepunkt, der sich über Jahre in meinem Leben angebahnt hat. Ein dunkler Ort, an dem ich mich dann befunden habe, nachdem ich mein Leben lang schon mit ganz vielen Dingen gestruggled habe. Zu dieser Zeit hat sich alles zugespitzt. Ich habe Sintflut als aller erstes geschrieben, Anfang 2018 als ich in dieser Beziehung war. 16mm als diese Beziehung immer schlimmer wurde. Adrenalin verarbeitet noch einen anderen Aspekt der Beziehung, der mich sehr geprägt und traumatisiert hat. Danach kam ich eben raus aus dieser Beziehung und habe mich mit der Außenwelt mehr konfrontiert gesehen. Ich habe realisiert, dass andere Beziehungen zu anderen Menschen danach auch ganz anders funktionieren. Da hab ich Sie mich an geschrieben.

    Am Ende kommt eben Kreise, wo ich dann 2019 an so einem Punkt war, an dem ich mich befreit habe von all dem. Die Songs existierten also schon vor der EP, ich habe sie auch schon unter meinem alten Künstlerinnenamen live gespielt. Ich habe mich eigentlich schon lange mit dem Gedanken auseinander gesetzt, dass das alles zusammen gehört und ich das zusammen halten möchte. Dann hab ich mich mit Fiona hingesetzt, ihr diese Songs gezeigt und dazu erzählt, was ich in dieser Zeit erlebt hab. Und was das für mich bedeutet. Damit haben wir eben beschlossen, dass das eine EP werden muss und wir diese Geschichte so erzählen, wie es passiert ist. Mit den Singles haben wir ja am Ende angefangen. Das Konzept war, Kreise kommt als erstes raus. Der Befreiungsschlag ist also das erste, was man davon mitbekommt und dann gehen wir immer tiefer rein zurück in das Rabbithole. So war es ja für mich auch, dass ich mich im nachhinein wieder damit auseinandersetzen musste und zurückgehen musste an den Anfang. Das war sehr sehr spannend. Ich muss sagen, es war emotional sehr anstrengend, aber wahnsinnig heilsam. Ich hab nach diesen Erfahrungen sehr lange an meinem Selbstwert gestruggled. Es hat mir sehr geholfen, das jetzt darin zu verarbeiten und in meinem Kopf in Einklang zu bringen. Einfach damit loszulassen.

    Dascha: Ist es dir denn schwer gefallen während so einer schwierigen Zeit kreativ zu sein?

    SERPENTIN: Mittlerweile ist mir aufgefallen, dass es mir leichter fällt über Dinge zu schreiben bei denen es mir schlecht geht, wenn es mir wieder besser geht. Ich habe das Schreiben damals als Überlebensstrategie genutzt. In einer Situation, in der du dich ständig mit einer Gefahr oder Bedrohung konfrontiert siehst, findet jeder Mensch Strategien sich über Wasser zu halten. Ich denke jeder Mensch, der mal in einer toxischen Beziehung war, wird das Gefühl kennen, dass man eigentlich die ganze Zeit im survival mode ist. Über diese Situation zu schreiben war meine Strategie das irgendwie auszuhalten. 16mm, Sintflut und Adrenalin habe ich geschrieben um meinen Gefühlen einen Platz zu geben. Und auch, um etwas zu haben, woran ich mich festhalten kann. Sieh mich an und Kreise sind dann als Verarbeitungsstrategie. Nach dieser Beziehung habe ich realisiert „Okay, es gibt eine Welt da draußen. Und die ist anders als dieses Vakuum, in dem ich gelebt habe.“

    Bei der Aufarbeitung für die EP habe ich zum Beispiel Adrenalin und 16mm nochmal überarbeitet. Weil ich gemerkt habe, dass ich in der Zeit, in der sie entstanden sind, noch nicht zu 100 Prozent ehrlich zu mir sein konnte. Das war mir wichtig, aber das fand ich wahnsinnig schwer. Vor allem 16mm hat mich extrem gefordert. Ich hab mich vor dem Studiotermin eine Woche in meinem Zimmer eingeschlossen. Kein Scheiß, ich hab mich in den Tagen morgens an den Laptop gesetzt und mich bis ich schlafen gegangen bin damit auseinandergesetzt. Ich hab quasi mit meinen Dämonen gekämpft. Das war aber auch notwendig. Ich hab seitenweise runtergeschrieben, meine Erinnerungen aufgeschrieben, Konversationen mit meinem damaligen Ich aufgeschrieben. Ich bin stolz, dass ich mich da durchgekämpft habe und Sachen aufgeholt habe, die auf dem Weg liegen geblieben sind.

    Dascha: Aber wie toll, dass daraus dann so etwas schönes entstehen kann.

    SERPENTIN: Ja, voll. Ich glaube man hört den Heilungsprozess, den ich ganz bewusst durchgemacht habe, in der EP sehr gut.

    Dascha: Ja, das stimmt. Und was erhoffst du dir, was die EP in Hörer*innen auslösen wird? Ist ja schließlich ein schwieriges und sehr persönliches Thema.

    SERPENTIN: Spannende Frage. Mein Umgang mit der Veröffentlichung von Musik besteht daraus, dass ich die Musik release, die mir viel bedeutet, aber was andere damit machen geht mich nichts mehr an. Ich lasse gerne die Freiheit eigene Gefühle in meine Musik hinein zu projizieren. Aber ich wünsche mir natürlich, dass Menschen, die ähnliche Erfahrungen haben oder sich noch in so einer Situation befinden, dadurch hören, dass es möglich ist wieder zu sich zurück zu kommen. Und dass man, egal wie verloren man sich fühlt, man selbst nie zu 100 Prozent verloren ist. Man findet sich immer wieder. Auf einer weniger traumatischen und tieferen Ebene wünsch ich mir einfach, dass die Songs Menschen begleiten. Dass sie eine Connection dazu aufbauen und die Songs sie begleiten und bewegen.

    Dascha: Wie war deine musikalische Reise seit dem Release von Kreise Anfang 2021? Was war die schönste Entwicklung für dich?

    SERPENTIN: Die Reise war extrem wild. Ich hab viel gewünscht und gehofft, aber es ist trotzdem ganz anders gekommen. Aber trotzdem genauso schön! Und das aller Schönste war… ich könnte jetzt sagen, die ganze Aufmerksamkeit, die ich durch Alles Scheisse bekommen habe. Aber ich glaube das aller Schönste ist mein entwickeltes Selbstwertgefühl. Denn ich habe viele Prozesse durchgemacht, in denen ich mich selbst hinterfragen und neu anordnen musste. Ich hab das Gefühl ich weiß jetzt wer ich bin und was ich machen möchte. Und ich habe zu schätzen gelernt, wozu ich fähig bin und dass ich sehr stolz auf meine Künstlerinnenseele bin und da dahinter stehe. Jetzt kann ich zurückblicken und weiß, ich hab für mich alles richtig gemacht. Und was auch eine sehr schöne Entwicklung ist, ist dass ich so eine Fanbase gewonnen habe. Dass die Leute wirklich Lust darauf haben mich zu supporten und sich mit mir zu connecten. Ich kriege so viele schöne und persönliche Nachrichten. Das ist so eine wahnsinnig schöne Sache, dass es nicht nur Leute gibt, die vorbeikommen und kurz gucken, sondern auch bleiben.

    Dascha: Das ist echt schön! Jetzt wo du Alles Scheisse erwähnt hast: Magst du nochmal erzählen, wie der Song entstanden ist und wie er released wurde?

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    SERPENTIN: Sehr gerne. Also ich schreibe ja zwischendrin immer Mucke in meinem Home Setup hier. Immer, wenn irgendwas raus muss. Alles Scheisse ist an einem Tag entstanden, an dem ich extrem PMS hatte. Ich hab dieses Jahr sehr viel mit PMS gestruggled und hab mich sehr viel mit Emotionsregulation auseinandergesetzt. Dabei habe ich auch gemerkt, dass ich von meinen Gefühlen oft sehr stark überwältigt bin. Ich saß hier genau in diesem Sessel und war extrem abgefuckt. Ich dachte nur „Das kann doch nicht wahr sein, dass ich so scheiße gelaunt bin?“ Das war der Modus, dass ich alles hasse und es hasse, dass ich alles hasse. Das kennen bestimmt mega viele FLINTA-Personen, die starkes PMS haben. Es ist so nervig, weil man einfach nichts daran ändern kann, dass man sich so fühlt. Dann hab ich hie ganz wütend diese Songskizze in meinen Laptop gekloppt. „Das reicht jetzt, ich hab keinen Bock mehr nur zu schmollen“, so war das. Dann habe ich ein paar Tage später das Reel dazu gemacht. Das habe ich einfach nur gemacht, weil ich’s witzig fand und mich beschäftigen wollte. Beim aufnehmen und schneiden hab ich mich so kaputt gelacht. Das hat mir dann etwas Freude zurückgegeben. Nach dem Posten ist das plötzlich eskaliert und hatte so 30.000 Aufrufe, das ist mir noch nie passiert.

    Mir haben täglich Leute dazu geschrieben, dass ich den Song releasen soll und mich richtig gepushed. Noch an dem Tag, an dem ich das Reel gepostet habe, hab ich den Song fertig produziert. Ich hab mich so motiviert von den Leuten gefühlt. Danach hatte ich die Skizze rumliegen und dachte okay, das wird jetzt noch so lange dauern, bis ich ins Studio gehe und alles endgültig fertig wird. Ich war mit Leuten aus meinem Umfeld, Toni Vice und Crystal F im Studio. Sie waren total begeistert und Crystal F meinte, den kann ich genau so rausbringen. Ich dachte, da muss safe noch drüberproduziert werden. Aber nein, er meinte der Song wäre perfekt, so wie er ist. Ich war total überrascht. Das hab ich dann genau so einfach so schnell es geht rausgebracht. Es war super spontan und ich hab meinen Perfektionismus dafür abgelegt. Und jetzt ist das mein erfolgreichster Song bisher. Dadurch habe ich zum ersten Mal gemerkt: ich bin eine gute Produzentin. Ich habe dadurch gelernt, dass Perfektionismus nicht immer der richtige Weg ist. Manchmal muss man einfach machen.

    Dascha: Richtig gute Mischung, PMS und die Kraft von Social Media, haha. Einige meiner Freund*innen, die den Song auch gefeiert haben, meinten das sei der Sommerhit 2022. Obwohl es ja eigentlich alles andere als ein happy Sommerhit ist. Aber ich liebe diesen Kontrast!

    SERPENTIN: Eben, das find ich auch geil an dem Song. Man bringt einen Song raus und die Leute machen dann mit dem Song, was sie wollen. Ich find’s mega cool, dass das so ein Sommer-Banger geworden ist, obwohl es der schlechtgelaunteste Song ever ist. Aber das passt zu mir, weil ich immer so viele Gleichzeitigkeiten aushalte. Es ist alles scheiße, aber scheiß drauf, ich feier es, dass alles scheiße ist.

    Dascha: Voll! Ich glaube das ist deswegen auch sehr relatable für viele Leute. Generell ist deine Musik ja sehr elektronisch. Hörst du selbst viel elektronische Musik?

    SERPENTIN: Ja, absolut. Meine absolute Lieblingsband und meine größten Vorbilder sind Moderat. Ich hatte auch das große Glück sie dieses Jahr in Berlin live zu sehen, das war eine spiritual Experience. Ich hör Kaltenkirchen und Thom Yorke viel. Boy Harsher, STOCKMANN. Ich hör zwischendrin aber auch viele random einzelne Songs. Zum Beispiel photosynthese von Dilla feier ich gerade. Es ist viel Elektronik dabei, zwischendrin auch Bandmäßiges. Auch rockiges, ich komm musikalisch ja eigentlich aus dem Metal. Ich hab lange in einer Metalband gesungen. Deswegen schlägt mein Herz auch für sowas. Mit 15-16 hatte ich meine erste Band. Nothing but Thieves ist eine meiner Lieblingsbands. Aber am liebsten hör ich trotzdem elektronische Musik, ich finde das ist so ein diverses Genre.

    Dascha: Kannst du auch screamen?

    SERPENTIN: Ja, eher schlecht aber, ja. (lacht) Ich hab es immer versucht, aber es nie geschafft das gesund zu machen. Das kann ja auch wahnsinnig gefährlich sein, wenn man das unprofessionell anstellt. Aber ja, eigentlich kann ich es schon, auf meinen Konzerten schrei ich auch oft ein bisschen rum. Ich hab dann ein paar Jahre in dieser Hobby Metal Band gesungen. Aber als es sich herauskristallisiert hat, dass ich das beruflich machen will, sind die Kapazitäten und Wege auseinander gegangen. Das war aber parallel, weil ich produzier elektronische Musik auch schon seit ich 14 bin. Ich hatte früher aber nie das Selbstbewusstsein zu denken, dass ich das richtig kann.

    Dascha: Sehr cool! Was für Träume und Ziele hast du für deine musikalische Laufbahn noch?

    SERPENTIN: Meine oberste Priorität ist, dass ich immer glücklich und zufrieden bin mit dem, was ich mache. Ich weiß, das klingt ein bisschen Wandtattoo-mäßig. Ich will, dass ich immer erfüllt bin von dem, was ich tue. Andere Ziele sind ein Album rauszubringen und Vinyls und CDs zu veröffentlichen. Oder auch eine eigene Tour zu spielen. Das sind Meilensteine, die ich mir gesetzt habe. Das sind meine Träume und ich glaube, dass ich auf dem Weg dorthin bin.

    Dascha: Safe, ich glaube auch. Dann kommen wir zur letzten Frage. Das ist bei uns eine untold story, also ein kleines Geheimnis oder eine Geschichte, die du noch nicht öffentlich erzählt hast.

    SERPENTIN: Ich glaube, was viele Leute nicht über mich wissen ist, dass ich 10 Jahre Akkordeon Unterricht genommen habe. Ich besitze auch selbst zwei Akkordeons. Das ist ein Teil meiner Persönlichkeit, der leider ganz wenig Platz bekommt.

    Dascha: Geil, dann hast du ja alle gefühlt alle Genre abgedeckt: Elektro, Metal, Volksmusik.

    SERPENTIN: Ja, voll. (lacht) Meistens habe ich russische, französische und bulgarische Lieder darauf gespielt. Tatsächlich bin ich in die Musikhochschule reingekommen, weil ich in der Aufnahmeprüfung Akkordeon gespielt habe.

    Dascha: Mega cool! Danke für’s Teilen und für deine Zeit!

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  • Brenda Blitz im Interview: „Es fällt mir schwer, mich nach Strukturen von anderen zu richten“

    Brenda Blitz im Interview: „Es fällt mir schwer, mich nach Strukturen von anderen zu richten“

    Brenda Blitz veröffentliche im Juli ihre neue EP „Schock Herzbrand“. Sie ist schrill, mutig, aufregend und nimmt kein Blatt vor den Mund. So wie Brenda eben auch. Auf 6 Tracks zeigt Brenda Blitz, wer sie ist und dass es Gründe gibt, wieso man ihr zuhören sollte. Nach Supportshows für Querbeat, Ok Kid und Das Moped bewies sie, was sie live drauf hat und wie mitreisend ihr Auftreten funktioniert. Außerdem ist Brenda diesen Monat für den popNRW-Preis nominiert.

    Schock Herzbrand macht, ebenso wie ihr Debüt-Vorgänger, vor allem Spaß und lädt zum tanzen ein. Wobei dennoch sowohl textlich, als auch produktionstechnisch, eine deutliche Weiterentwicklung zu erkennen ist. Wir sind gespannt, was Brenda noch für uns in Zukunft bereit hält, denn an Energie und Motivation mangelt es ihr offensichtlich auf keinen Fall.

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    Brenda Blitz im Interview

    Dascha: Hi, schön, dass das geklappt hat. Magst du dich mal vorstellen, für alle, die dich noch nicht kennen?

    Brenda Blitz: Voll gerne. Ich bin Brenda Blitz. Aber eigentlich sag ich, auch auf der Bühne, lieber „Wir sind Brenda Blitz“, weil mein ganzes Team dazugehört. Also ja, ich bin Brenda und mache Wave-Pop.

    Dascha: Und wie würdest du deine Musik in drei Adjektiven beschreiben?

    Brenda Blitz: Auf jeden Fall knallig. Und, das ist zwar kein Adjektiv, aber: immer mit doppeltem Boden. Das find ich total wichtig. Der Sound ist ja meistens so treibend und happy, aber Themen nicht immer so. Also vor allem bei den neuen Songs sind Text und Melodie meistens konträr zu einander. Und als drittes experimentierfreudig.

    Dascha: Deine neue EP „Schock Herzbrand“ ist ja im Juli erschienen. Was war währenddessen die größte Herausforderung für dich und was die größte Freude?

    Brenda Blitz: Als ich die EP angefangen habe, habe ich noch nicht so unglaublich lange Musik gemacht und für mich war die größte Herausforderung, sie so klingen zu lassen, als würde ich schon ganz lange Musik machen. Ich wollte viele Einflüsse einbringen, mich an vielen verschiedenen Stilelementen bedienen, ich wollte einfach alles, was ich bin da reinpacken. Ich wollte einen Wiedererkennungswert erschaffen und mich von meiner vorherigen EP abheben. Im Endeffekt hab ich dann einfach gemacht. Die größten Herausforderungen kamen immer in den Zwischenschritten. Das Studio, wo ich aufgenommen hab, ist auf dem Land, dann musste ich Tausend Mal hin und her fahren. Die ganzen Fertigstellungsprozesse, die durchgemachten Nächte, die ganzen Leute, die wir bezahlen mussten, die Förderungen an den Start zu bekommen… Das hat so eine große Infrastruktur eine EP auf die Beine zu stellen. Also die Herausforderung lag darin, dass ich das alles so gut, groß und professionell wie möglich machen wollte. Ich glaube die Kapazität dieses Projekts war ein bisschen größer als ich. Ich dachte zwischendrin, dass ich das nicht packe, aber habe es doch durchgezogen. Es waren harte 1 ½ Jahre. Die größte Freude war, als alles fertig war und ich gemerkt hab, dass wir alles richtig gemacht haben. Ich musste anfangen zu weinen, als ich die fertige EP dann gehört habe, das war krass. Auch Nick, mit dem ich das produziert habe, hatte Tränen in den Augen und ich dachte okay, das ist ein gutes Zeichen, dass man was spürt. Ich glaube, das war die Antwort auf alles: Wenn ich nicht geweint hätte, hätte ich was falsch gemacht.

    Dascha: Voll schön! Du hast die Worte „Schock Herzbrand“ schon 2019 in deiner Single Durchsichtig erwähnt. Wieso wurde das nun der Titel deiner EP?

    Brenda Blitz: Ich hab einfach Wortschöpfungen oder neu definierte Begriffe, die ich gerne mag. Und den Ausdruck „Schock Herzbrand“ gibt es quasi ja noch gar nicht. Ich fand es war eine schöne Antwort darauf, dass ich aus der ersten EP etwas mitgenommen hab. Außerdem passt es einfach so gut zu dem Gefühl der Platte, dieses Verliebtsein, dass das Herz weh tut. Ich hab diese grätschigen Gitarren da drin, die manchmal viel zu hoch sind und fast weh tun. Einfach so reizüberflutend wie das Leben halt. Das war also nicht geplant, ich habe einfach überlegt und gemerkt, dass der Begriff mega gut passt.

    Dascha: Finde diese Wortschöpfung ruft einem mitten ins Gesicht. Von dem Song Energievampir bin ich großer Fan. Was raubt dir die Energie und was gibt dir Energie?

    Brenda Blitz: Menschen, jeder Art, die mir nicht gut tun, rauben mir die Energie. In dem Song geht’s ja auch nicht um eine klassische Beziehung, sondern um eine Art von Freundschaft. Außerdem Ungerechtigkeit. Dazu gehören auch Strukturen in der Musikbranche. Da gibt’s richtige Energiezieher, wo man sich so ungerecht behandelt fühlt. Dinge, die mir Energie geben, sind aber gute Freundschaften. Und Sport und Ernährung, damit kann ich meine Stimmung um 180 Grad umdrehen, wenn’s mir schlecht geht. Wenn ich einen neuen Track gemacht habe, gibt mir das auch richtig viel Energie. Ich würde sagen im Endeffekt ist es wirklich sehr entscheidend, was für Menschen man um sich rumhat, ob man Energie bekommt oder sie entzogen wird.

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    Dascha: Du hast außerdem einen Song auf der EP mit dem Titel 17. darin besingst du das Lebensgefühl aus der Perspektive eines Teenies. Was würdest der 17 jährigen Brenda heute raten?

    Brenda Blitz: Ich würde ihr raten, weniger Drogen zu nehmen. (lacht) Ich würde das heute nie machen. Meinem 17 jährigen Ich würde ich sagen „Ey, hör auf zu ballern und fang mal an Musik zu machen“. Ich würde ihr auch raten keine Energie an irgendwelche daher gelaufenen Typen zu verschwenden. Wenn ich die Zeit, die ich in Männer investiert habe, in Gitarren investiert hätte, wär ich heute Jimi Hendrix. (lacht) Aber im Endeffekt ist ja alles gut, ich bin jetzt hier, wo ich bin. Ist ja auch wichtig, dass man solche Phasen hatte, in denen man sich um nichts Gedanken gemacht hat, außer darum, wie das nächste Wochenende aussieht. Ich würde mir im Nachhinein aber raten nicht erst mit Anfang 20 richtig mit der Musik anzufangen. Einfach gesagt „Mach früher das, was dich weiter bringt“.

    Dascha: Und wie kamst du dann dazu Musik zu machen?

    Brenda Blitz: Eigentlich wollte ich das schon seit ich klein bin, habe mich aber für viele unterschiedliche kreative Dinge interessiert. Ich hab auch mal im Theater gearbeitet, manchmal beim Film, ich konnte immer vielen kreativen Spaten etwas abgewinnen. Dann hab ich aber gemerkt, dass die Musik mich von allen am meisten angezogen hat. 2019 habe ich mir gesagt „du machst das jetzt richtig“ und habe es dann angefangen durchzuziehen. Ich war auf einem Festival und dachte „Du willst da oben doch auch stehen“. Außerdem tu ich es mir mit Anstellungsverhältnissen sehr schwer. Ich hatte schon 28 verschiedene Jobs gehabt. Das liegt auch daran, dass ich mit Autoritäten so schwer klar komme. Auch in der Schule schon. Es fällt mir schwer, mich nach Strukturen von anderen zu richten. Das ist an Musik als Job auch so cool, dass man da so frei ist. Das ist jetzt drei Jahre her, seit ich gesagt hab ich ziehe das jetzt zu 100% durch. Und ich war damals wirklich bei 0. Ich kannte nicht eine Person, die Instrumente spielt und kein Studio, kannte gar keine Veranstalter*in oder so. Aber in mir war ein Feuer, das man nicht löschen konnte.

    Dascha: Und wenn du von dem Moment sprichst, in dem du wusstest, du willst das auch machen und auf einer Bühne stehen willst: Ist es jetzt so, wie du es dir in dem Moment vorgestellt hast?

    Brenda Blitz: Voll gute Frage. Manchmal, manchmal. Ich hatte natürlich vergessen, dass man nicht direkt bei einer ausverkauften Bühne startet wie zum Beispiel bei Nina Chuba. Künstler*innenwege können ja sehr unterschiedlich sein. Ich hätte mir damals nicht vorstellen können, dass es manchmal auch gar keinen Spaß machen wird. Der Sommer war auch ziemlich durchmischt, was die Liveshows anging. Wenn man sieht, dass Leute Spaß haben und sogar mitsingen, dann ist es so, wie ich es mir vorgestellt habe. Dass die Leute vor der Bühne einfach eine gute Zeit haben und es meine Aufgabe ist, ihr Freitagabend zu sein. Aber insgesamt ist es definitiv härter, als ich es mir vorgestellt habe. Ich liebe es wahnsinnig, aber es gibt viele anstrengende Momente. Die mich aber nicht 1cm davon wegtreiben würden.

    Dascha: Du meintest ja der Live-Sommer war durchmischt. Wieso hattest du das Gefühl?

    Brenda Blitz: Seit Anfang des Jahres hab ich eine Booking Agentur und ich habe gesagt, ich will dieses Jahr überall spielen, wo es möglich ist. Das Konzept: Wir nehmen alles mit. Aber dadurch hat sich rausgestellt, dass nicht unbedingt der richtige Weg ist. Ich denke da immer an das Altstadtfest in Trier. Das zählt zu den negativen Erlebnissen. Das war halt so ein dörfliches Stadtfest mit Bratwurst. Finde ich eigentlich mega cool, dass man sagt man bringt genau an solche Orte mal keine Coverband, sondern etwas ganz neues. Aber leider ist das nicht ganz so aufgegangen, weil das Publikum überhaupt nicht dafür da war. Da waren im Endeffekt nur noch drei Leute vor der Bühne, das war schon frustrierend. Und ich habe gemerkt, da gehör ich irgendwie nicht hin.

    Außerdem hab ich auch Konzerte gespielt wo kaum oder gar keine Gage da war. Die Range war sehr groß, von 0 bis 1200 € war diesen Sommer alles dabei. Man redet ja oft nicht offen über Gagen. Da frage ich mich manchmal schon, was andere Bands, die vielleicht nur white Dudes sind, bekommen. Ich mag es nicht, wenn man sich ungerecht behandelt fühlt. Wahrscheinlich habe ich dieses Jahr auch festgestellt, dass es bei Festivals keine Sache von „Wir haben kein Geld“, sondern viel mehr eine Sache der Umverteilung ist. Der Main-Act kriegt ja meistens 80 % des Gesamtbudgets und für die kleinen Bands bleibt kaum etwas übrig. Das ist unfair, aber eben ein strukturelles Problem. Niemand würde in seinem Job gerne 20 Cent pro Stunde verdienen. Das macht mich schon traurig, ich möchte nämlich immer alles geben und die beste Show abliefern. Ich nehme teilweise allein für den Hinweg 6-7 Stunden auf mich, schleppe mich tot, schlafe im Zug und bin total kaputt. Wenn ich mir dann zurück ein Ticket am Bahnhof kaufe, ist meine Gage dann manchmal schon weg. Ist nicht immer so, aber kam oft vor. Da hat man schon das Gefühl, dass man nicht wertgeschätzt wird. Es gab zum Glück auch sehr geile Konzerte und Festivals, wo alles gestimmt hat. Was war für dich das coolste Festival oder Konzert dieses Jahr?

    Dascha: Ja voll, da hast du Recht. Jetzt spontan würde ich sagen das Stadt Ohne Meer Festival, das ist jedes Jahr eines der schönsten Erlebnisse des Jahres für mich. Das ist auch in meiner Heimat, also ein richtiges Herzensding.

    Brenda Blitz: Das war auch mein absolutes Lieblingsfestival. Die Leute waren alle super sweet und fair, sowohl vor, als auch hinter der Bühne.

    Dascha: Du meintest ja bei den negativen Auftrittserfahrungen war das Publikum nicht passend. Ich denke, es gibt viele Menschen, die einfach nicht bereit sind, sich auf etwas außerhalb ihres gewohnten Kreises einzulassen. Was würdest du sagen, muss man wissen oder verstehen, um Brenda Blitz zu verstehen? Wie kann man sich besser darauf einlassen?

    Brenda Blitz: Ich glaube, es ist ein Gefühl. Entweder du fühlst es oder du fühlst es nicht. Man kann ja auch niemanden dazu zwinge, etwas zu mögen. Ich fühl Trap zum Beispiel überhaupt nicht. Hip-Hop ist ja oft politisch, das ist cool und gut zu wissen, aber trotzdem erreicht mich der Sound einfach nicht. Da kann ich mir solche Liveshows egal wie oft anschauen, ich fühl’s nicht. Ich glaube manchen geht es so mit Brenda Blitz, aber das ist auch voll okay. Andersrum merke ich auch, dass wenn jemand davon gecatched ist, er oder sie das dann gar nicht richtig erklären kann. Ein Brenda Blitz-Gefühl haben oder eben keins.

    Dascha: Passend dazu: Was für Komplimente hörst du am liebsten zu deiner Musik? Was freut dich am meisten?

    Brenda Blitz: Also ich freue mich generell immer über alles, was mir schönes gesagt wird. Das aller schönste was mir wahrscheinlich gesagt wurde war von ein einem sweeten Teeniepärchen. Die meinten, als sie zusammengekommen sind, haben sie immer zusammen Küss Mich gehört. Das ist so cool, Teil von einem Erlebnis zu sein. Das kennt ja jeder, wenn man verliebt ist und einen Song auf Dauerschleife hört. Man wird für immer diesen Song mit dieser Situation verbinden. Ansonsten ist es auch immer schön, wenn jemand sowas sagt wie „Ich hatte eine schlechte Woche, aber dein Auftritt hat mir grad viel gegeben“. Wenn man Leute ein bisschen aus ihrem Alltag rausfischen konnte. Dafür macht man es ja auch. Ich freu mich aber sehr über detailliertes Profi-Feedback und wenn Leute auf kleine Akzente achten.

    Dascha: Und was würdest du dir wünschen, was die neue EP in den Hörer*innen auslösen soll?

    Brenda Blitz: Ich würde gerne eine neue Ebene aufmachen. Also zeigen, dass noch mehr möglich ist und dass Dinge nicht immer so sind, wie man denkt. Dinge sind nicht so festgefahren, wie sie scheinen. Auch soundmäßig würde ich gerne Horizonte erweitern. Die EP ist schon poppig geworden, aber es ist trotzdem ein alternativer Sound. Ich find’s cool, wenn Leute dadurch vielleicht eine Form von Musik kennen lernen, die sie vorher nicht kannten. Ansonsten auch noch eine Art Selbstermächtigung durch die Texte. Und auch, dass man den Humor und die Fähigkeit über sich selbst zu lachen nicht verlieren darf. Natürlich hoffe ich auch, dass die Leute bei Nicks quietschenden Gitarrensolos genau so mitfiebern und eine gute Zeit damit haben.

    Dascha: Was können wir noch von dir erwarten? Was sind deine kommenden Ziele und Träume?

    Brenda Blitz: Also ich bin schon an den nächsten Tracks dran. Ich hab ganz viele politische Skizzen bei mir rumliegen, bei denen ich immer unsicher war, ob ich sie rausbringen soll, weil es so aneckende Themen sind. Eins meiner Ziele ist also politischer in der Musik zu werden. Ansonsten auch meine Liveshow. Ich möchte eine unglaubliche Show auf die Beine stellen. Dafür wünsche ich mir, dass die Gagen bald gut genug sind, damit ich alle Tänzer*innen auf der Bühne immer dabei haben kann, wie ich es mir vorstelle. Es soll richtig aufregend werden. Und auch, dass Brenda Blitz sich bei den Leuten festsetzt, dass mehr Leute das kennenlernen.

    Dascha: Dann bin ich gespannt darauf! Deine Musik geht ja auch in Richtung New Wave. Hörst du in deiner Freizeit viel solcher Musik?

    Brenda Blitz: Das war auf jeden Fall meine erste Inspiration. New Wave war die erste Musik, bei der ich wirklich was gespürt habe. Auch in der Schule sind damals alle auf ihre Charts-Partys gegangen, ich war aber immer eher nischig unterwegs. Also nicht nur New Wave, auch viel Talking Heads, The Cure, The Smiths, Joy Division, die ganzen Klassiker. Ich hab daraus total viel gezogen. Aber auch von den neuen Bands in der Richtung, Black Marble zum Beispiel. Mittlerweile hör ich sowas aber weniger und jetzt auch viele poppigere Sachen, nicht nur ganz dunkle Sachen. Dua Lipa und HAIM zum Beispiel. Ich find das so geil produziert, da achte ich viel drauf. Aber ich höre immer noch gar keine deutschsprachige Musik.

    Dascha: Echt? Das hätte ich nicht gedacht.

    Brenda Blitz: Das Moped, mit denen ich auf Tour war, die sind mal wieder eine coole deutschsprachige Band. Und Drangsal mag ich auch. Aber ansonsten wirklich gar nichts. Inzwischen bin ich aber viel offener geworden, was das angeht. Ich interessiere mich jetzt auch für Musik in den Charts, das hätte ich früher niemals gedacht. Es ist einfach spannend sich mit Popkultur zu beschäftigen.

    Dascha: Cool, wie sich das ändert. Deine Musik klingt ja auch eher uplifting als dunkel. Ich bedanke mich für deine Zeit und deine Antworten!

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    Foto Credit: Frederike Wetzels
  • Mia Morgan im Interview: „Man muss alles ein bisschen romantisieren, weil die meisten Sachen so öde sind“

    Mia Morgan im Interview: „Man muss alles ein bisschen romantisieren, weil die meisten Sachen so öde sind“

    Es kribbelte in meinen Fingern, ich skippte Song für Song weiter, nichts war genug, irgendetwas fehlte mir. Ich sehnte mich nach einer musikalischen Veröffentlichung, die sich aus all den anderen herausriss. Etwas, das mich verstand und mir nah lag, aber mich gleichzeitig aus der Fassung brachte. Genau diese Erlösung brachte mir Mia Morgan im April in Form ihres Debüt-Albums FLEISCH. Nach ihrer ersten, zurecht, geliebten und gefeierten Gruftpop EP, setzte Mia nicht einfach „einen drauf“, sondern ging tausend Schritte nach vorne. Nicht nur sich selbst voraus, sondern auch allen anderen.

    So blutig, bestimmt und eindringlich wie sein Titel, fühlt sich das Album auch an. Aber genauso ist Fleisch eben auch das, worin wir alle leben und atmen und das, was wir täglich mit uns rumtragen. Meine Faszination für das Album wird vorrangig damit gefüttert, dass es in der deutschsprachigen Musikszene keinen angemessenen Mitstreiter gibt. FLEISCH behandelt Themen wie Weiblichkeit, Freundschaft, Jugend, Fantasie, Neid, Lust und Verlangen mit einer fesselnden Intensität, Klugheit und Vielfalt. Mal klingt dies sehr düster und verrucht, mal ganz hell und poppig. Mal sind es Fantasien, die beim Hören in eine tiefere Wunsch- und Gedankenwelt abschweifen lassen, mal die zerrende Realität. Aber Mia zeigt eben sehr greifbar, dass genau das Hand in Hand gehen kann. Und vielleicht auch muss. Sie zeigt darin nicht nur musikalisch, sondern auch von sich selbst verschiedenste Facetten, die kontrastreich sind, sich aber nie ausschließen.

    Dass Mia als Person in (ihrem) FLEISCH steckt und FLEISCH in all dem, wie sich Mia als Person und Künstlerin präsentiert, sollte klar sein. In den Texten und Sounds finden sich Hörer:innen aber erschreckend genau wieder, fühlen sich manchmal vielleicht sogar eher ertappt. Denn Mia ist rhetorisch sehr geschickt und auf dem Album nahbar, ehrlich und hat keine Scham, ihr Innerstes zu äußern. Dabei gelingt es ihr, den künstlerischen Aspekt nie zu verringern. Ich erinnere mich an die ersten Tage, an denen ich das Album gehört habe, zurück. Am liebsten hätte ich jeden Satz verschlungen und noch ewig gefühlt. FLEISCH ist ein Album, in dem so viel Schmerz, so viel Persönlichkeit und Aufrichtigkeit zu sein scheint. Ich wünsche mir, dass es so viele Leute genau an den Punkten trifft, wie es mich getroffen hat.

    Was sich hier wie ein Liebesbrief an Mia Morgan anhören mag – ist vielleicht auch einfach einer. Und ich finde, das ist auch okay. Den Rest erzählte mir Mia aber selbst, als ich sie auf ihrer fast komplett ausverkauften FLEISCH-Tour besuchte.

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    Mia Morgan im Interview

    Dascha: Wie fühlst du dich gerade? Ich habe das Gefühl, dass du eine der Künstlerinnen bist, bei denen man am meisten merkt, wie viel dir deine Musik bedeutet und dass das voll dein Ein und Alles ist. Wie fühlt es sich jetzt an, dass du dein Album mit der Welt geteilt hast?

    Mia Morgan: Gar nicht so echt. Ich habe das irgendwie auf so zwei Shows gehabt, wo es mich immer so kurz aus den Socken gehauen hat. Wo ich kurz dachte „Oh fuck, it’s happening!“ Und die Leute singen mit und die sind auch wegen mir da. Und dann gab es auch mal so Momente, wo ich irgendwie ins Publikum geguckt habe und da waren Leute, die zitternd geweint haben. Da hat es mich dann auch zu Tränen gerührt. Und einmal vor der Zugabe, als ich nochmal Backstage gegangen bin, habe ich einen richtigen Heulkrampf bekommen.

    Aber dann wird es sehr schnell wieder so, dass man zurück in diesen Arbeitsmodus geht und du weißt, okay, du spielst die Show, morgen musst du wieder fit sein, fährst weiter und es passiert alles superschnell. Also ich hatte noch gar nicht richtig die Zeit, um das so richtig zu realisieren, so richtig sacken zu lassen. Ja, aber es ist super schön. Es ist unglaublich und überwältigend und es ist anstrengend. Und es tut auch weh. Auf eine gewisse Art und Weise, irgendwie, weil es immer alles anders ist als in der Vorstellung. Aber es ist schöner als befürchtet.

    Dascha: Das ist schön. Sind dir Meinungen von aussen zu deiner Musik generell wichtig?

    Mia Morgan: Ja, aber ich wünschte, es wäre nicht so. Aber wenn mir die Meinungen von außen egal wären, dann könnte ich das halt als Hobby machen und nicht als Job. Das ist für mich nicht was, wo ich jetzt irgendwie so eine Passion für habe, dass ich nicht anders kann, als zu musizieren. Also ich bin ja gar keine Instrumentalistin, die, die die Finger nicht von ihrem Instrument lassen kann, sondern es ist ja für mich auch einfach irgendwie ein allumfassendes Ding, was Performance mit einbezieht und was eben auch so was wie das gerade einbezieht. Interviews zu machen oder irgendwie Radio oder auch visuell einfach präsent sein in Videos und anderen Formaten.

    Und deswegen ist es für mich halt ein Job, es ist mein Traumjob. Also ich bin halt darauf angewiesen, dass eine gewisse Anzahl an Leuten das gut findet, weil sonst kann ich das nicht machen. Und es wird auch immer Leute geben, die das scheiße finden. Ich kann mir zehn gute Kritiken durchlesen. Wenn die elfte schlecht ist, dann denke ich, es ist scheiße. Ich bin da leider sehr sehr empfindlich und lese mir auch viel zu viel durch, aber habe bis jetzt, was die Platte anbelangt, fast überwiegend schöne Sachen gehört und auch viele Sachen, die ich mir gewünscht habe, zu lesen oder zu hören.

    Dascha: Was sind die schönsten Komplimente für dich zu deiner Musik?

    Mia Morgan: Viele Leute, die in meinem Alter sind, schreiben, sie wünschten die Platte gehabt zu haben, als sie in dem Alter waren, über das ich singe. Es geht ja sehr viel um die Zeit als Teenager.

    Dascha: Tatsächlich habe ich genau das auch aufgeschrieben.

    Mia Morgan: Ah echt? Nice! Ja, also irgendwie sagen Leute, dass sie das damals irgendwie gebraucht hätten, weil ihnen das ein bisschen Mut macht. Aber es ist ja aus der Retrospektive geschrieben. Ich hätte das Album als Teenager nicht machen können, weil ich kann nur darüber schreiben, jetzt, da es vorbei ist und da es überstanden ist. Dann ist es natürlich auch sehr schmeichelhaft, wenn man mit Künstlerinnen verglichen wird, die man selber bewundert. Wenn irgendwie gesagt wird, ja, man checkt, dass ich mich mit MARINA und Rina Sawayama befasst habe. Und dass Leute halt auch sagen, dass sie sowas bisher auf dem deutschen Markt nicht kennen. Das finde ich immer besonders und schmeichelhaft, wenn noch mal irgendwie betont wird, dass es etwas ist, was es so nicht gibt und vorher noch nicht gab.

    Dascha: Ja, das finde auch! Ich habe lange nicht mehr einen Song gehört, der mich beim ersten Hören so krass gepackt hat wie VON AUSSEN. Und dann dachte ich auch direkt, ich wünschte, der wäre schon rausgekommen, als ich 15 war, das war so genau dieses eingefangene Feeling, richtig toll. Obwohl ich den jetzt natürlich auch schätze. Wenn dein Album eine eigenständige Person wäre, was hätte es für Charaktereigenschaften?

    Mia Morgan: Oh mein Gott, sie wäre sehr sexy und sich dessen bewusst. Sie hätte aber auch keine Angst, verletzlich zu sein. Sie hätte keine Angst, über ihre Gefühle zu reden und würde sich nicht scheuen. Vielleicht wäre sie ein bisschen zu empfindlich und ein kleines bisschen zu dramatisch und sie müsste auch in Therapie. Aber sie wäre kein hoffnungsloser Fall. Sie wäre bei dem Ganzen irgendwie bei sich und sie würde auch sehr schick sein. Ja, sie wäre einfach wie ich.

    Dascha: Das passt sehr gut! Ich verfolge dich, wie viele andere auch, schon seit deinem aller ersten Release. Und ich hatte von Anfang an schon das Gefühl, dass du, zumindest so von außen gesehen, genau weißt, was du machst und was du machen willst. Aber ich habe das Gefühl, dass sich das trotzdem noch mehr verfestigt hat in der vergangenen Zeit. Was ist für dich deine positivste Entwicklung, die du in der Zeit gemacht hast?

    Mia Morgan: Dass ich mich selber in dem, was ich mache, ernst nehme. Das ist ja so, dass Musik am Anfang und bei manchen Leuten auch immer nie genug Geld bringt, vor allen Dingen nach zwei Jahren Pandemie Einschränkungen, sodass man das nicht als Hauptberuf machen kann. Ich habe die Schule abgebrochen, ich habe keine Ausbildung. Ich bin zwar an der Kunsthochschule eingeschrieben, dank einer Eignungsprüfung, aber ich habe kein Abitur und habe dadurch irgendwie so sehr viele Komplexe bezüglich meines Standes in dieser sehr erfolgsorientierten Gesellschaft entwickelt und habe oft damit gekämpft. Oft habe ich überlegt: Gehe ich noch mal zurück zur Schule? Obwohl ich mich da so unwohl gefühlt habe, weil ich immer diese Angst hatte, dass ich nichts Gescheites machen kann. Aber von Anfang an war ja Musikmachen mein Traum. Und es war ja auch schon immer irgendwie die Karte, auf die ich alles gesetzt habe.

    Aber ich habe immer darauf gewartet, dass ich halt die Kraft dafür entwickle, mir einen sicheren doppelten Boden zu bauen, der halt kein schlecht bezahlter Nebenjob in irgendeinem Einzelhandelsgeschäft oder in einem Café ist. Und auf die war ich aber die letzten Jahre immer angewiesen. Ich bin auch immer noch quasi darauf angewiesen. Ich habe nur einfach keine Zeit mehr dafür. Und ich war halt sehr, sehr lange oder bin halt sehr, sehr lange in diesem Modus gewesen von „Ja, ich kann das nicht zu 100 % ernst nehmen, weil es bringt mir noch nicht genug Kohle und ich habe keine Errungenschaft, die ich abhaken kann.“ Ich habe auch ganz starkes Impostor-Syndrom, sodass ich sowieso immer so denke, alle anderen, die das machen, machen es richtig und bei mir ist es irgendwie. So: ich bin eine ausgedachte Sängerin und ich bin eine ausgedachte Musikerin und das ist alles gar nicht real.

    Aber ich habe mich ein bisschen selber angefangen in den Arsch zu treten, wenn diese Gedanken aufkommen und versuche mir zu vergegenwärtigen, dass ich eine eigene Tour spiele, dass ich wirklich ein Album rausgebracht habe und dass ich jetzt wirklich auch kein so allzu junges Mädchen mehr bin, das so schlimm unsicher bezüglich der eigenen Zukunft ist, sondern dass ich sehr genau weiß, was ich möchte und dass ich auch arbeite. Ich habe immer das Gefühl, ich arbeite nicht genug, aber das hält mich auch am Arbeiten. Also das hält mich ja motiviert, noch mehr zu machen, weiter zu machen und so. Und ja, ich habe langsam so den Dreh raus, wie ich das als Beruf sehe und gleichzeitig aber nicht als einen Zwang, sondern als etwas, was aus meinem Innersten kommt.

    Dascha: Voll schön, dass du beginnst das zu sehen. Es kommen ja gerade so viele Leute zu deiner Tour, die dich und deine Musik erleben wollen.

    Mia Morgan: Ja, das ist total crazy! Ich meine am Anfang so die ersten Berechnungen… die Leute haben halt erst keine Tickets gekauft, weil die alle gedacht haben, es findet eh nicht statt. Und dann beziehst du das natürlich auf dich und denkst die haben keinen Bock auf dich. Dann aber zu sehen: they show up und die stehen da die singen mit und die haben deine Shirts an und die heulen auch. Das ist einfach so crazy.

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    Dascha: Das ist so schön! Du hast schon sehr lange her angefangen, an dem Album zu schreiben, oder? In welchem Jahr?

    Mia Morgan: Der erste Song, also der älteste ist IN WIEN. Und den habe ich 2018 geschrieben, so im Sommer 2018.

    Dascha: Und gibt es auch einen Song, den du schon lange her angefangen hast zu schreiben, wo du jetzt denkst, du würdest den vielleicht jetzt aus der Position heraus nicht mehr so schreiben? Also, wo sich dein Standpunkt oder Blick vielleicht irgendwie verändert hat?

    Mia Morgan: Also man entfernt sich natürlich von den Themen, die man besingt, wenn die mit einer Beziehung zu tun haben. Aber das wäre jetzt nichts, wo ich sage, ich sing den jetzt nicht mehr, weil das ist so ein geschlossenes Werk und ist ja das gleiche wie mit so Google Images. Also wenn du mich googelst, kommen so Bilder von 2017, wo ich ganz anders aussehe als jetzt. Und da bin ich auch manchmal so „Ey, wen muss ich jetzt irgendwie bezahlen, um die da zu entfernen und da andere Bilder rein zu machen?“ Aber auf der anderen Seite denke ich mir, das war echt so. So sah ich aus, das ist ein Teil meines Lebens. Genauso sind Songs, die irgendwelche Themen behandeln, die mich jetzt nicht mehr belangen, auch einfach Teil meines Lebens. Sie gehören halt zu mir.

    Aber natürlich, ich würde auch alleine soundmäßig Sachen anders machen, als wie ich die früher gemacht habe. Aber ich habe ein bisschen gelernt, mir da zu vergeben und es einfach anzunehmen. Es war halt zu dem Zeitpunkt so und jetzt würde ich es halt anders machen. Ich glaube, sonst wird man noch wahnsinnig. Ich war auch früher so, dass ich mir keine Fotos von mir selber angucken konnte, die älter waren als ein halbes Jahr, weil ich immer gedacht habe (Würgegeräusch). Aber damit geht es einem ja einfach nicht gut. Man tut sich ja keinen Gefallen damit, weil man dann ständig in so einer Angst lebt, erwischt dabei zu werden, dass man sich entwickelt. Wir alle entwickeln uns ständig weiter und es ist auch okay, da einfach zu sagen: „Ja, das war so und so, jetzt ist es so, konzentrier dich auf die Gegenwart!“

    Dascha: Aber ich finde, es ist sehr schwer sich das erst mal einzureden. Vergangenheits-Ich ist immer irgendwie mit so viel Cringe verbunden.

    Mia Morgan: Total, ist es auch! Ich habe auch ein paar Sachen aus meiner Vergangenheit, also nichts problematisches oder so, aber Sachen die ich so peinlich finde. Ich hatte mal mit 14 einen YouTube Kanal. Und manchmal passiert mir das so ganz ganz selten, dass Leute mir auf TikTok oder Instagram schreiben „Kann es sein, dass ich dich von früher von YouTube kenne? Hießt du so und so?“ Und dann bin ich direkt so: LÖSCH, falls da noch irgendwas von rumfliegt! (lacht) Das ist mir so, so peinlich. Irgendwann wird wahrscheinlich der Zeitpunkt kommen, wo ich mir sagen kann: „Okay, ja, ich war mal so und wenn es jetzt irgendjemand sieht, dann ist es halt so“. Aber gerade bin ich da noch nicht.

    Dascha: Wobei du ja 14 warst, ich glaube da nimmt es dir niemand übel, sowas in dem Alter zu machen. Aber ich glaube, so wird es auch sehr vielen Teenies später gehen, die jetzt aktiv auf TikTok sind.

    Mia Morgan: Ja, wahrscheinlich. Oder zum Beispiel letzte Woche, als wir in Wien waren, war ich übel besoffen und dann habe ich ein TikTok gemacht. Da war so eine Statue von zwei Frauen, die sich umarmt haben und es gibt doch diesen einen Sound „And they were both boys“. Ich war hacke dicht, film dann so auf mich komplett wasted, komplett crusty Make Up und meine Augengucken in zwei verschiedene Richtungen und ich sag so: „And they were both girls“ und poste das direkt. Als ich so um halb 5 im Bett war und schon wieder am Ausnüchtern war, fiel mir ein, dass ich das TikTok gepostet habe. Ich öffne die App und da sind so Kommentare „Ohje, da ist jemand aber wasted“, hab’s direkt gelöscht. Aber ja, ich bin froh, dass es das noch nicht gab, als ich so jung war.

    Dascha: Oh Gott, sowas könnte mir auch passieren. Wieder zurück zu meinem Song-Liebling VON AUSSEN. Ich würde gerne ein bisschen näher auf den eingehen. Magst du mal dieses Gefühl von diesem „außen sein“ für dich beschreiben?

    Mia Morgan: Ich habe den Song geschrieben, nachdem ich zum Ersten Mal Gast auf einer größeren Veranstaltung mit berühmten Leuten gewesen bin. Und ich habe mich an dem Abend sehr albern gefühlt. Ich hatte tatsächlich, wie in dem Song beschrieben, einfach zu große Schuhe an. Das waren Designer Schuhe, ich wollte die unbedingt tragen, aber die haben mir halt nicht gepasst. Und dann so ein super teures Outfit, die teuerste Kleidung, die ich jemals getragen habe. Ich dachte so „Oh, das ist mein Abend“. Und dann kam ich da an und hab mich halt gefühlt wie so ein Alien, was gerade auf der Erde gelandet ist. Niemand hat es wahrscheinlich bemerkt, aber mir selber ging es an dem Abend gar nicht so gut. Ich war sehr, sehr verunsichert. Dann war ich noch für einen Preis nominiert, den ich nicht bekommen habe. Und es war alles in allem so ein bisschen melodramatisch. Einerseits cool, Teil von irgendwas zu sein, aber andererseits auch so ein fremdes Gefühl selbst in der eigenen Freundesgruppe.

    Und das lässt sich ganz gut übertragen auf andere, insbesondere soziale Situationen, die ich in meinem Leben hatte oder auch akut noch habe. Manchmal bin ich in Gruppen unterwegs und merke „Okay, alle reden gerade miteinander und ich nicht“. Und wenn ich mich einbringe, dann höre ich mich wie aus der Vogelperspektive und denke mir „Was laber ich gerade? Die haben übel keinen Bock auf mich. Ich passe nicht hier rein.“ Das sind glaube ich, größtenteils einfach Quatsch-Gedanken. Ich glaube, dass andere Leute das gar nicht so wahrnehmen, aber man selbst kann sich da ganz dolle reinsteigern. Gerade, wenn man in der Jugend mit psychischer Gesundheit oder Ungesundheit zu tun hat Und dann eine verunsicherte Erwachsene wird, die dann vielleicht irgendwann einen Freundeskreis hat, aber trotzdem noch das Gefühl hat, selbst da, wo sie dazugehört, gehört sie nicht dazu. Dann schleppt man das einfach so mit sich fort.

    Und bei mir ist noch ein ganz großer Faktor, dass ich halt so gerade unter den Musiker:innen, mit denen ich befreundet bin, viel mehr mit Musikern befreundet bin. Und einen Freundeskreis habe, der überwiegend männlich ist. Es ist nicht so, dass ich mir das bewusst ausgesucht habe. Ich habe auch Momente, wo ich mir wirklich wünsche, es wäre anders. Aber es hat sich einfach so ergeben. Es sind alles nette Männer, auf die ich nichts kommen lasse. Die sind alle gescheit und toll und cool. Aber es sind halt Männer. Wenn ich mit denen unterwegs bin, habe ich auch oft dieses Gefühl von, ja, wir mögen uns zwar sehr nahestehen und wir vertrauen einander alles an, aber ich werde niemals dieselbe Connection haben wie die unter einander. Werde ich auch etwas neidisch auf diese Freundschaften, die andere Männer-Bands, die miteinander abhängen, haben. Und ich bin dann halt dabei und als Frau dann einfach außen vor.

    Dascha: Ich verstehe das total! Und ich finde auch, man kann den Song wirklich auf viele Situationen übertragen. Irgendwie fasst er ein ganz besonderes Gefühl zusammen. Das hab ich als Song gebraucht.

    Mia Morgan: Ja, so universell irgendwie. Freut mich, dass er dir so gefällt. Ich habe irgendwie das Gefühl, die letzten beiden Songs auf dem Album werden immer gar nicht angesprochen.

    Dascha: Auch, wenn das Album natürlich für alle Personen da ist, finde ich es sehr weiblich. Also das hat mir vorher auch wirklich richtig gefehlt. Ich finde, das hat die Musik-Szene auch genau gebraucht. Und was fehlt dir so in Musik momentan? Also generell.

    Mia Morgan: Also die kurze Antwort ist: Frauen. Aber die Frauen, die Musik machen und für die das ein wichtiges Thema ist und deren Mission es auch ist, auch zu betonen, dass ihnen Frauen in der Branche fehlen, sind mir manchmal zu plakativ. Ich kann natürlich niemandem vorschreiben, wie Feminismus funktioniert und nehme mich damit auch ein bisschen zurück, weil ich ein Problem damit habe, wenn Leute mich da zu einer Galionsfigur machen wollen. In der Bewegung spreche ich immer als krass privilegierte Person, die mit sehr, sehr vielen Problemen, mit denen andere Frauen zu tun haben, allein wegen meinen Lebensumständen, wegen meinem Aussehen, meiner Gesundheit, meiner Sexualität etc. nichts zu tun hat, weil ich da einfach privilegiert bin und ich tue, was ich kann. Mir ist auch wichtig, den Standpunkt zu vertreten, anderen Leuten eine Plattform zu bieten. Und auch zu suggerieren, dass ich da bin für andere Frauen.

    Aber ich kann da keine Galionsfigur sein. Und es gibt ganz viele Leute, die in der gleichen Position sind wie ich, aber sich so ein bisschen anmaßen, diese Figur zu sein. Das finde ich manchmal schwierig, weil das dann sehr schnell plakativ wirkt und sehr schnell klingt wie „Hey, lasst doch mal einen feministischen Song machen! Lasst uns doch jetzt mal diese Welle an H&M T-Shirts, wo „Girl Boss“ draufsteht nutzen und hoch in die Charts reiten!“ Ich finde es krass, dass wir berühmte Frauen in Deutschland haben, aber die sind fast alle im Rap. Was ja auch cool ist, weil das auch ein sehr männerdominiertes Feld ist und das auch nicht zu erwarten ist, dass es da gut funktioniert.

    Ich fände es einfach schön, wenn wir ein bisschen davon weg kämen, das dann auch so krass einzuteilen und dann auch gerade so weiblichen Künstlerinnen immer so aufzudrücken man müsse jetzt feministische Mucke machen, weil du eine Frau bist und du musst es appreciaten, dass dir der Slot zugeteilt wird als dritter Headliner auf einem Festival zu spielen, da müsse man doch auch einen Song über Frauenpower singen und sing halt nicht über Koks und Ficken oder so. Also das ist auch so eine gesellschaftliche Erwartungshaltung an weibliche Künstlerinnen, über die wir ein bisschen hinwegkommen müssen. Lass mich doch als Frau einfach mal Mucke machen. Das muss nicht alles ein Manifest werden und es muss nicht alles politisch sein.

    Dascha: Voll! Und das ist genau dasselbe mit Frauen, die einfach nur sehr im Internet präsent sind, aber halt mit so Body Positivity. Dass man automatisch als feministische Aktivistin oder whatever gesehen wird.

    Mia Morgan: Ja, genau! So, vor allem als mehrgewichtige Person musst du automatisch Body Positivity Aktivist:in sein, um deinen Körper zu präsentieren.

    Dascha: Wow you’re so brave for showing your body!

    Mia Morgan: Ja, isso. Da postet jemand ein Foto in ihrem neuen Bikini und die Leute schreiben „Du bist so mutig“. Hä? That’s literally just my body.

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    Dascha: Dementsprechend finde es auch total schön, dass es auch auf dem Album so viel um weibliche Freundschaft geht, weil das auch ein Thema ist, was mich voll beschäftigt. Aber das höchste was man da sonst so bekommt sind Liebeslieder und man muss sich halt vorstellen, dass es sich dabei auch um eine Freundschaft handeln könnte. Also ich beziehe vieles dann sehr auf mich irgendwie. Und bei deinem Album ist es ja so, dass man endlich mal Songs bekommt, die wirklich darüber handeln. Was ist so deiner Ansicht oder deiner Erfahrung nach das Besondere an weiblichen Freundschaften?

    Mia Morgan: Ich habe mich immer nach einer sehr, sehr tief gehenden weiblichen Freundschaft gesehnt und bin aber oft daran gescheitert. An der einen, also die gescheitert ist, habe ich mich so ein bisschen bei dem Prozess des Albums orientiert, weil dann halt Männer, oder Jungs damals noch, ins Spiel gekommen sind und leider Gottes weibliche Solidarität so krasse Grenzen hat, wenn Männer da dazukommen und praktisch diese Grenzen aufstellen. Es gab jetzt erst wieder irgendwie so einen Fall in Amerika, wo auf einer Hochzeit der Bräutigam eine der Brautjungfern vergewaltigt hat. Das heißt, die Braut wurde praktisch an ihrem Hochzeitstag betrogen und der Brautjungfer wurde Gewalt angetan. Die Braut hat sich auf die Seite ihres Ehemanns gestellt, vor Gericht. Und das ist für mich wieder so etwas. Warum? Also auf der einen Seite verstehe ich Abhängigkeit in Beziehungen, gerade in so heteronormativen Gesellschaftsschichten, wo das irgendwie so gang und gäbe ist, dass Frauen sich den Männern fügen. Damit kann ich mir das ein Stück weit erklären.

    Aber auf der anderen Seite ist es auch einfach so tragisch, weil es unter Frauen halt irgendwie so eine magische Verbindung gibt, aber die ist eben auch sehr, sehr fragil und die fällt oft hinten weg, wenn Männer dazukommen. Wenn in eine Beziehung gegangen wird, geben Frauen in der Regel viel mehr auf als Männer. Und ich habe es in meinem bisherigen Leben nicht geschafft, mit einer Frau eine Freundschaft nachhaltig aufzubauen, die so allumfassend intensiv ist. Ich habe eine beste Freundin, der ich alles anvertraue, aber mit der verbringe ich unfassbar wenig Zeit. Ich sehe sie ganz, ganz selten. Und wir sind miteinander befreundet, weil wir Vergangenheit haben und weil wir seit vielen Jahren Freundinnen sind. Aber es ist nicht dieses ständige Schreiben und so, wie man das mit einem Partner oder einer Partnerin hat oder wie ich das mit meinen männlichen Freunden habe. Deswegen hat das für mich gleichzeitig so eine Faszination, aber auch ein bisschen was abschreckendes, bedrohliches. Weil die Male, wo ich es probiert habe, war es halt komisch und ist kaputt gegangen. Ich hatte auch mal eine Freundschaft mit einem Mädchen, die quasi eine Beziehung gewesen ist und es gab einen Zeitpunkt, wo ich mit ihr darüber reden wollte, ob wir eigentlich mehr sind als Freundinnen, weil wir auch was miteinander hatten. Da hat sie komplett abgeblockt und monatelang nicht mit mir geredet. Seitdem ist es für mich halt ein sehr sensibles, aber auch sehr interessantes Thema.

    Dascha: Das ist wirklich ein sehr besonderes Thema, ich denke man könnte Stunden lang darüber reden. Genauso hab ich auch das Gefühl, dass in deiner Musik oft das Thema so Fantasien und so Wunschgedanken vorkommt. Begleitet dich das auch so häufig in deinem Alltag?

    Mia Morgan: Ich habe halt meine Jugend so aus meinem Zimmer heraus verbracht. Ich habe nie viel gemacht. Ich habe mir mein Sozialleben immer nur vorgestellt und viele Sachen erträumt. Außerdem habe ich sehr viel gelesen und das hat mich eine Zeit lang immer so aus Löchern rausgeholt. Als Kind hatte ich halt Harry Potter wie alle Millennials. Und dann war ich 13, 14 und mir fing es an, psychisch sehr schlecht zu gehen. Dann war Twilight da und das hat irgendwie was los gekickt mit Fantasieren von Liebe und Fantasien, von einer anderen Welt, in der ich der Main Character bin. Da habe ich mich sehr stark in diese Main Character Fantasien geflüchtet und meine ganzen Teenie Jahre so verbracht.

    Ich hatte kein Sozialleben. Ich bin ja auch sehr selten überhaupt zur Schule gegangen und hatte gar nicht die Möglichkeit, da großartig was zu formen. Und deswegen ist vieles nur in meinem Kopf und auf Tumblr passiert und ich bin das nicht richtig losgeworden. Und ich wünsche mir auch, dass ich das nicht loswerde, weil das das Leben einfach noch ein bisschen schöner macht, wenn man alles durch einen Filter sehen kann. Man muss alles ein bisschen romantisieren, weil die meisten Sachen so öde und sehr langweilig sind. Selbst Sachen, die einem von außen sehr glamourös und toll vorkommen. Am Ende des Tages ist so ein Tour-Tag Arbeit und anstrengend und viel mehr dreckige Raststättentoilette als irgendwie glamourös im Backstage Champagner trinken. Aber ich habe Angst diesen Filterblick zu verlieren. Wenn das passiert, kann ich, glaube ich, auch keine Songs mehr schreiben.

    Dascha: Das ist total schön. Ich finde es auch sehr wichtig, weil ich habe das Gefühl, sehr viele Leute haben diese Fantasie ab einem gewissen Alter gar nicht mehr. Dann wird das generell als kindlich und realitätsfern abgestempelt.

    Mia Morgan: Ja, es ist so traurig. Ja, das ist super traurig! Ich finde einfach Fantasie zu haben sau wichtig, auch als erwachsener Mensch. Man muss ja jetzt keine Romane schreiben oder so, aber es fängt ja auch schon bei Sexualität an. Wenn du zum Beispiel als Mensch darauf angewiesen bist, dir irgendeinen Porno anzugucken, um überhaupt irgendwas zu fühlen. Das ist ja auch eine Abstumpfung und irgendwie fragwürdig. Und es geht ja auch um Ideen, Entwicklung im Berufsleben. Selbst, wenn du einen Bürojob machst, ist es ja eigentlich voll praktisch, wenn du Fantasie hast und dir was vorstellen kannst. Ich finde es schade, dass man sich so auf die harten Fakten stürzt und wenig Freiraum dafür lässt, Vorstellungen und auch Träume zu haben.

    https://www.youtube.com/watch?v=awKYAX8uwxk


    Dascha: Wo wir schon bei deiner Fantasie sind: Wie ähnlich bist du Jennifer Check wirklich?

    Mia Morgan: Ich bin eigentlich viel mehr Needy als Jennifer. Deswegen bin ich auch so fasziniert von Jennifer, weil ich selbst viel mehr Needy bin. Ich glaube, Leute, die in der Schule nicht so cool gewesen sind, werden diesen Druck, was zu reißen, nie los. Und deswegen passiert es oft, dass Leute, die in der Schule nicht cool waren, dann als Erwachsene so vermeintlich „cool“ werden. Also ich lege viel Wert auf meine Klamotten, ich lege viel Wert auf meine Internetpräsenz, ich habe gemachte Nägel, wenn meine Haare so aussehen wie jetzt, habe ich einen Scheißtag.

    Das ist halt einfach so, dass es jetzt für mich sehr, sehr relevant ist, weil ich früher einfach überhaupt nicht so war. Aber du wirst es ja nicht los. Du bleibst ja innerlich irgendwie so. Also ich war kein Main Character in der Schulzeit. Ich wäre es gern gewesen, aber ich war eine komische Person, die so in Bücher vernarrt gewesen ist und immer so als weird abgestempelt worden ist, nirgends so richtig dazugehört hat und auch immer sehr nach anderen Leuten geguckt hat. In der Art und Weise wie Needy in ihrem Leben navigiert, ist sie viel mehr ich, als ich Jennifer bin. Aber Jennifer steht auf Emo Boys, we have that in common. (lacht)

    Dascha: Na das letzte ist ja das Wichtigste! Aber ja, dann freut mich das erst recht, dass du jetzt so deine Bubble gefunden hast, die dich so schätzt.

    Mia Morgan: Mich auch!

    Dascha: Dann kommt jetzt meine letzte Frage. Bei uns immer eine untold story, also ein kleines Geheimnis oder eine Geschichte, die du noch nicht öffentlich erzählt hast.

    Mia Morgan: Ich habe ganz lange Improvisationstheater gemacht und das finde ich rückblickend cringe, weil das immer komische Leute sind, die übel Mundgeruch nach Kaffee und Zigaretten haben. Nur Komische Leute machen Improvisationstheater und ich habe das lange und super, super gerne auch gemacht. Und ich bin sowieso auch eigentlich noch so ein Theater Kid zusätzlich.

    Dascha: Oh mann, ich aber auch komplett.

    Mia Morgan: Ich habe in der Schule Darstellendes Spiel gehabt und immer meine 15 Punkte. Und ich war am Kindertheater als Kind. Ich habe in der Grundschule auch den Regenbogen Fisch gespielt.

    Dascha: Ich wollte unbedingt der Regenbogenfisch sein und war so enttäuscht, dass ich es nicht wurde.

    Mia Morgan: Wer warst du?

    Dascha: So ein irrelevanter random Fisch.

    Mia Morgan: Ein normaler Standard-Fisch also, traurig. (lacht) Ja, aber es war auch so ein bisschen ein Kickstart, weil da hatte man als Regenbogen Fisch zwei Solo Nummern. Einmal „Ich bin der schönste Fisch im Meer“ und dann „Traurig bin ich und allein“. Das ist einfach Borderline – The Musical. (lacht) Ja, das ist so auch eine gute Analogie zu mir. Da war ich acht Jahre alt und habe da diese Hauptrolle gespielt und gesungen, die sich so gut auf mein Leben übertragen lässt. Plus als ich gemobbt wurde, wurde ich immer Fisch genannt wegen meinen Augen. Also passt es einfach zu mir.

    Dascha: Wer hätte das gedacht, dass die Geschichte vom Regenbogenfisch so deep sein kann.

    Mia Morgan: Wow, ist echt so! (lacht)

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    (Fotocredit: Max Sand)

  • Schnittstellen und Selbstfindung: Sun’s Sons und ihre „Clean Slate“ EP

    Schnittstellen und Selbstfindung: Sun’s Sons und ihre „Clean Slate“ EP

    Der Bandname ist gerade nicht nur passend zum Juli-Wetter, sondern auch zu der Wärme ihrer Songs. Zwischen sommerlichen Indie-Pop Sounds, ruhiger Melancholie und politisch-gesellschaftlichen Einflüssen finden sich Sun’s Sons. Am vergangenen Freitag veröffentlichte die Frankfurter Band ihre zweite EP mit dem Titel Clean Slate. Im Vergleich zu ihrer Debüt-EP wird eine Entwicklung und vor allem Verfestigung des Stils deutlich, den die junge Band für sich gefunden hat. Die intimen Texte und die sanfte Stimme von Sänger Lasse kreieren eine wärmende, liebevolle Atmosphäre, während auch Songs mit rhythmischen Tanz- und Mitsingparts, sowie Streichinstrumente die EP ausmachen.

    Nachdem ich die Band auch live spielen gesehen habe, wurde deutlich wie viel Energie, Potential und Liebe hinter dem ganzen Projekt steckt. Der eingängige Titeltrack der EP wird definitiv zu meinen Sommer-Soundtracks des Jahres gehören und ich bin gespannt, was uns Sun’s Sons in Zukunft noch von sich zeigen werden. Ich bin mir sicher: Das ist gerade erst der Anfang.

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    Wer also eine neue Lieblings-Indie-Band zum Supporten sucht, ist hier bestens aufgehoben. Checkt auch ihren sympathischen Instagram Account aus, um nichts zu verpassen: https://www.instagram.com/sunssonsmusic/?hl=de

    Um den frischen Release zu verarbeiten, erzählte die Band im Folgenden selbst von ihrer EP:

    Sun’s Sons über „Clean Slate“

    „Unsere neue EP ist so etwas wie der Soundtrack zu unserem derzeitigen Lebensgefühl. Das war schon bei unserer Debüt-EP „You & My Mind“ so, nur dass es damals um Themen wie Verlust und Hoffnung ging. Diesmal machen wir mit unserer Musik einen sauberen Schnitt, einen „Clean Slate“, wie auch der Titel der EP lautet. Die Vergangenheit liegt hinter uns, jetzt geht es um Veränderung und Aufbruch, um einen Neustart in Richtung Zukunft. Das betrifft übrigens ganz private Erlebnisse und Erfahrungen genauso wie Politisch-Programmatisches. 

    Wer uns kennt, weiß natürlich, dass das Um- und Irrwege und die eine oder andere Sackgasse mit einschließt. Die gerade Linie zum Ziel beherrschen wir noch nicht so richtig. Aber das macht unsere Musik vielleicht auch gerade so spannend. 

    Hinzu kommt – auch das ist ein Neustart –, dass die EP diesmal eine echte Teamarbeit war. Alle vorherigen Veröffentlichungen gingen nämlich aus der Zusammenarbeit unseres Sängers Lasse Kuhl mit dem ehemaligen Bassisten der Band hervor. Seit letztem Jahr bestehen die sun’s sons jedoch aus fünf Vollblutmusikern, die sich alle in die Entwicklung der Songs eingebracht haben. Das war nicht ganz einfach, wie man sich vorstellen kann, auch dieser Weg war steinig und holprig. Aber die Arbeit hat sich gelohnt, wie wir finden. Oder anders gesagt: Viele Köche haben hier keinen Brei verdorben, sondern gemeinsam ein wunderbares, mehrgängiges Menü gezaubert! 

    Was Vor- und Hauptspeise und was Zwischengang und Dessert ist, muss jeder und jede für sich selbst entscheiden. Wir finden nur, dass uns der Spagat zwischen tanzbaren Indie-Pop Songs und intimen Balladen diesmal tatsächlich ganz gut gelungen ist. Mal werden Funk-Rhythmen mit orchestralen Streichinstrumenten gemischt, ein anderes Mal wechseln sich rockige Gitarrensounds und mit Inbrunst herausgeschriene Gefühle ab mit ruhigeren, nachdenklichen Momenten – inklusive der stets melancholischen Texten, die es natürlich auch wieder auf der neuen EP gibt. Etwas Kontinuität muss es schließlich auch bei einem Neuanfang geben…“ 

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    Foto Credit: @/chayapqformel auf Instagram
  • OK KID im Interview: „Wir sind über jeden einzelnen Song happy, das war bisher nie so“

    OK KID im Interview: „Wir sind über jeden einzelnen Song happy, das war bisher nie so“

    Es ist September 2021, eine warme Sommernacht in Gießen folgt einem bunten Tag, auf dem Gelände des Stadt ohne Meer Festivals wird es ruhiger – scheinbar. Eine große Überraschung haben OK KID auf ihrem eigenen Festival natürlich noch parat. Mit unangekündigtem Auftritt, eindrucksvoller Lichtinstallation und Feuerwerk kündigte die Band ihr neues Album DREI an. Inklusive Vorgeschmack auf die bis dahin unveröffentlichte Single Mr. Mary Poppins und Album Cover-Reveal. Nun sind Monate vergangen und DREI erblickte am 13.05. das Licht unserer Streaminganbieter und Plattenregale. Der spektakulären Ankündigung auf dem Festival sind OK KID auf jeden Fall gerecht geworden.

    Auf 11 Tracks, die aktueller und greifender kaum sein könnten, beweisen sie, wie viel Energie und Kreativität noch in ihnen steckt. Von mächtigen Rock-Sounds, politisch cleveren Bemerkungen bis hin zu gewohnt tiefgründigen Zeilen voller Melancholie decken OK KID alle Facetten gelungen ab. Facetten, die uns vielleicht bis hierhin noch gar nicht bewusst waren. Und eine Breite an Themen, die wir nur nach wiederholtem Hören vollständig begreifen. Zwar ist es nicht ihr drittes Album, doch mit dem Albumtitel knüpft die Band an ihr zweites Album Zwei (2016) an und zeigt seinen Hörer*innen, um wen es sich hier handelt. Nämlich um Jonas, Moritz und Raffi. Wie der Song Nur wir 3 schon in 2019 sehr ehrlich die Geschichte erzählte: Von Label, Management, Produzenten und Bookingagentur getrennt, arbeiteten die drei Wahlkölner nun völlig eigenständig. Und man hört, dass ihnen das gut tut! Auch die neu gesammelte Energie nach der ersten Auszeit von einander in 10 Jahren Bandgeschichte, scheint sich wohl gelohnt zu haben. 

    Man bekommt die Auf- und Umbruchstimmung als Hörer*in mit voller Wucht zu spüren. Sowohl die, die Bandintern geherrscht hat, als auch die, die musikalisch darin steckt. Mit höchstem Maß an Reflexion, sich selbst, seinem Umfeld und der Gesellschaft gegenüber, vermittelt das Album den Eindruck einer neu begonnenen Zeit. Oder ist alles doch schon immer so gewesen? OK KID wissen, wie sie mit ihrem kritisch betrachtendem Auge zum Nachdenken anregen und anstoßen. Und Sänger Jonas bewies schon immer, dass er weiß, wie er geschickt die passenden Worte findet. Selbst für die Dinge, die man weder aussprechen, noch wahrhaben möchte. Doch auf diesem Album ist es der Band vor allem gelungen, die Inhalte auch soundtechnisch genauso angemessen, überzeugend und ja, manchmal sogar angreifend, zu gestalten, wie ihre Aussagen. Die anhaltende Diskussion darüber, ob ihre Musik denn Rap oder Pop sei, ist nun noch irrelevanter als zuvor. Egal, wie sehr man drücken und pressen würde, DREI würde in keine Schublade hinein passen.

    Ursprünglich hatte ich keine bestimmten Erwartungen an das Album, ich war eigentlich bloß neugierig. Jetzt, wo ich das Album nun schon eine Weile hören und an mich ranlassen durfte, kann ich sagen, dass es objektiv und subjektiv die beste Veröffentlichung von OK KID ist. Als Cold Brew, der vierte Teil der Kaffee Warm-Reihe zum Release angesetzt war, hatte ich ein wenig Angst. Die bisherige Trilogie schien so perfekt, geliebt und gefeiert, wie ein langjähriger Begleiter. Und plötzlich eine Fortsetzung? Ja. Und im nachhinein kann ich nicht glauben, dass ich überhaupt eine Sekunde daran gezweifelt habe, dass sie dem nicht nochmal gerecht werden könnten. OK KID haben auch mir bewiesen, dass sie nicht einfach nur beständig sein können, sondern sich sogar steigern können. Wenn man durch die Tracklist stöbert, wird die Emotionalität der Songs wie Cold Brew und Leben light von totalen Überraschungen wie Bubblegum und Es regnet Hirn umklammert. DREI ist kein Album, das spurlos vorbeigeht und dann in der verstaubten Ecke der totgehörten Spotify-Playlist landet. Mal ist es eine verständnisvolle Umarmung und mal ein Tritt in den Magen, aber in beiden Richtungen verbleibt ein anhaltender Eindruck.

    Ehrlicherweise ist eine Sache, die mich an OK KID immer begeistert hat, das Gefühl, dass sie niemals aufhören zu sein. Auf erste Veröffentlichungen, die bis heute zeitlos wirken, folgten immer wieder neue Ideen, neue Anstöße, neue Projekte, Selbsterfindung und Wiederfindung. Und zwischen ihrem dauerhaften Streben nach Optimierung und angenehmer Konstante war das Gefühl beständig, dass “OK KID” das ein und alles für sie ist. DREI weist Gründe auf, um nachts nicht mehr schlafen zu können und bietet im selben Moment Hoffnung, um es doch endlich wieder zu tun. DREI fühlt sich wie ein aufbrechender Neuanfang und ein grandioses Finale in Einem an. Ich bin so froh, dass nun alle die Möglichkeit haben, dieses Album in das eigene Leben willkommen zu heißen. Und es hoffentlich nicht mehr gehen zu lassen.

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    Kurz vor dem Album Release trafen sich vier Gießener*innen per Zoom, drei davon sind Jonas, Moritz und Raffi.

    OK KID im Interview

    Dascha: Wie fühlt ihr euch so kurz bevor das Album endlich erscheint?

    Jonas (OK KID): Es ist schon so surreal, weil es auch schon mal verschoben wurde. Im September haben wir es angekündigt und dann gab’s die ganzen Verschiebungen, weil es keine Vinyl mehr gab und die Tourverschiebung, das ganze hin und her… Wir haben zwei und halb Jahre keine richtige Show mehr gespielt und sind sehr froh, dass jetzt was neues da ist, mit dem wir wieder auf Tour gehen können. Wir sind auch gespannt wie es ankommt, heute haben die ersten Menschen schon ihre Vinyl bekommen. Mega aufregend, was in den nächsten Tagen so abgehen wird.

    Dascha: Voll schön, dass da jetzt so viel passiert! Nennt mal ein paar Sachen, die für euch auf diesem Album ein erstes Mal waren?

    Raffi (OK KID): Wir haben zum ersten Mal auf Albumformat alles selber gemacht. Angefangen bei der Produktion, wir hatten ja keinen externen Produzenten, außer auf einem Song Tim Tautorat, ansonsten haben wir alles selbst produziert. Alles was drum herum passiert machen wir auch selber. Wir managen uns selber. Wir haben quasi noch ein Produktmanagement, also Leute die für uns in verschiedenen Promo-Bereichen arbeiten, aber alles mit unserer Abstimmung. Es ist alles ein riesen Haufen Arbeit. Aber das führt natürlich dazu, dass das Album einfach wir sind. In jedem Bereich. Es sieht alles ganz genau so aus, wie wir das wollten. Alles läuft genau so, wie wir das zusammen gebaut haben. Nicht nur die Mucke, sondern eben auch alles andere.

    Dascha: Ich finde, dass man das auch hört.

    Jonas (OK KID): Was ist deine Meinung zum Album? Du kennst uns ja schon so lange.

    Dascha: Ihr schon habt oft betont, dass Frühling Winter der dringlichste Song ist, den ihr je geschrieben habt. Aber ich finde das komplette Album klingt so super dringlich und reflektiert. Sowohl inhaltlich, als auch soundtechnisch klingt alles so episch und groß, viel mehr als früher. Da habt ihr euch krass weiterentwickelt.

    Jonas (OK KID): Geil, dankeschön! Wir haben Frühling Winter rausgebracht, als das Album noch gar nicht stand. Der Song war da und es war spannend das Album da anzusetzen, dass die Geschichte von DREI da beginnt. Auch, wenn es kein klassisches Konzeptalbum ist. Zum Beispiel welche Farben das Album braucht, was genau wir eigentlich erzählen wollen. Da hatten wir zum ersten Mal das Cover, bevor der Rest stand. Und das hat uns vergewissert und dabei geholfen zu wissen, wo es überhaupt hingeht. Gerade kriegt das Cover ja noch mehr Aktualität mit einem Twist, den wir damals gar nicht auf dem Schirm hatten.

    Dascha: Und wie kam es dazu, dass ihr so ein dringliches, wichtiges Album gemacht habt? Ich meine, ihr macht schon lange Musik, ihr könntet genauso gut sagen, hey wir machen jetzt nur noch was leichtes zum Spaß.

    Moritz (OK KID): Als wir uns im April 2020 nach einer Bandpause zusammengesetzt haben und gesagt haben, dass wir ein Album machen, waren wir uns einig, dass es keine Zeit für ironische und humorvolle Songs ist. Genau wie du das mit der Dringlichkeit gesagt hast, wir wollten etwas machen, was Relevanz hat und dringend raus muss. Das ist total schön zu hören, dass es bei dir auch so angekommen ist. Es war für uns klar, dass es ein Album werden muss, das mit der aktuellen Zeit und unserer aktuellen Stimmung geht.

    Dascha: Ich hab aber schon öfters mitbekommen, dass Menschen sagen, eure neuen Songs würden sie eher so ansprechen wie eure ersten Alben. Und ich meine mich zu erinnern, dass ihr auch schon gesagt hättet, dass die neue Musik eher an die vom Anfang anknüpft, die Fans der früheren Musik anspricht und wieder das „wahre OK KID“ sei. Wobei ich nicht finde, dass eure neue Musik wie die alte ist. Legt ihr denn viel Wert auf Feedback von außen? Sind euch andere Meinungen zu eurer Musik wichtig?

    Jonas (OK KID): Also uns ist relativ bewusst gewesen, dass als wir Sensation rausgebracht haben, es auf jeden Fall Leute abschrecken kann. Weil es was komplett anderes ist. Bei DREI wussten wir zum Beispiel bei Cold Brew, also Kaffee Warm 4, dass die Leute, die uns schon kennen, das feiern werden. Da sehen wir unsere Musik mit viel Objektivität. Wobei Es regnet Hirn auch was komplettes neues war. Vor allem vom Sound, wir hatten noch nie so einen tanzbaren Song wie den, aber trotzdem mit einem krassen Thema. Wir haben eine kleine Blase von Leuten, die wir gut kennen und denen wir vertrauen, denen spielen wir das dann vor. Wenn jemand von denen sagen würde „Ey, was ist das denn für Musik?!“, würden wir wahrscheinlich hinhören. Aber wenn wir den Song veröffentlichen, sind wir einfach happy damit. Wir sind über jeden einzelnen Song mega happy, das war bisher nie so. Es gab bisher auf jedem Album Songs, wo ich persönlich im nachhinein dachte: „Joa, in dem Moment fand ich’s geil, aber ich weiß nicht, ob ich mir den noch jeden Abend reinziehen würde“.

    Dascha: Voll schön zu hören, dass ihr euch jetzt so sicher fühlt!

    Raffi (OK KID): DREI ist schon nicht genau wie die alten Sachen. Es ist nicht wie das Album Zwei, aber es schließt eher daran an. Es ist eher die Fortführung und Weiterentwicklung von Zwei. Echt schön von dir zu hören, dass du die Weiterentwicklung bemerkst, weil ich sehe das genauso. Ich glaube wir haben uns in allen Bereichen sehr weiterentwickelt, sowohl inhaltlich, als auch soundlich. Bei diesem Album fallen auch jegliche Filler weg. Bei anderen Alben waren doch noch Tracks mit drauf, weil sie einfach gut reingepasst haben. Jetzt konnten wir glücklicherweise komplett auf sowas verzichten, jeder Song hat die Dringlichkeit vom ganzen Album. Da gibt es keinen Song, der irgendwie rausfällt.

    Dascha: Wo wir schon bei Feedback sind – Was sind die schönsten Komplimente zu eurer Musik? Was hört ihr gerne von anderen?

    Jonas (OK KID): Ich finde persönliche Worte eh viel schöner, als irgendwas im Internet zu lesen. Im Internet schmeißt man sehr gerne mit Superlativen rum. Ein mal in die positive und ein Mal in die negative Richtung. (lacht) Ich glaube es ist schön, wenn Menschen Musik nicht egal ist und sie sie in irgendeiner Weise berührt. Völlig egal wie. Es kann sein, dass jemand sagt “ Ey, ich hab durch die Musik mega Hass auf etwas bekommen“, dann ist das auch okay. Für mich ist Musik etwas gegen emotionale Stumpfheit. Etwas, das Sachen in dir aufrüttelt, was vielleicht ohne Musik gar nicht rausgekommen wäre. Wir wurden auch schon oft gefragt „Ihr seid doch so politisch, wünscht ihr euch, dass mehr Bands solche Statements in der Musik machen?“, dann sagen wir nein. Es muss auch nicht jede Band politisch sein, ich selbst hör gar keine politische Musik. Aber trotzdem krieg ich viel davon raus und es bringt mir sehr, sehr viel Musik hören, auch wenn sie keine Haltung hat. Wenn Leute sagen, unsere Musik hat sie zum Nachdenken angeregt oder berührt – das ist das Beste!

    Was wiederum unangenehm ist, ist wenn Leute ihr gesamtes ich auf uns projizieren. Wenn uns jemand sagt „Ohne euch hätte ich mich umgebracht“. Und sowas kam schon vor. Da wird man einfach in so eine große Verantwortung gebracht. Das ist too much. Mit so einem Feedback ist es sehr schwer umzugehen, auch wenn es natürlich schön ist, dass die Musik Leuten hilft. Aber wenn jemand zu krass von deiner Musik positiv berührt ist, kann es genau so 180 Grad in’s Negative gehen, wenn du eine Sache machst, die der Person missfällt. Wir hatten auch schon Leute, die Bücher über uns geschrieben haben. Und letztens haben wir ein Tattoo gesehen, da hat einer seine komplette Brust, seinen ganzen Oberkörper, mit einem Foto von uns tätowiert. Da sagen wir nicht unbedingt „Ey, geil!“, das wollen wir nicht positiv oder negativ bewerten. Das muss der oder diejenige für sich wissen, ob man das wirklich so sehr feiert.

    Dascha: Das ist krass! Als ich beim Prelistening das Album zum ersten Mal gehört habe, ist mir Hausboot am See am meisten hängengeblieben. Der lag mir sehr schwer im Magen. Deswegen würde ich gern inhaltlich darauf eingehen. Was würdet ihr raten, ab wann sollte man eine zwischenmenschliche Beziehung, oder eher Freundschaft, beenden? Ab wann sollte man sein Umfeld oder seine Bubble aussortieren?

    Jonas (OK KID): Der Song ist der persönlichste Song auf dem Album, das ist keine Überraschung. Es gab diesen Junggesellenabschied, es gab dieses Hausboot. Die Dinge haben sich dort so zugespitzt, dass es dazu geführt hat, dass wir keine Freunde mehr sind. Das ist also keine Geschichte, die ich nur für das Album genutzt habe. Nicht jede Zeile ist eins zu eins so in der Abfolge passiert, aber es ist eins zu eins die Situation, die es gab. Voll oft hängt man sich bei alten Freundschaften und Beziehungen an Bindungen fest, die in der Vergangenheit liegen, weil man früher mal eine tolle Zeit miteinander hatte. Dann sieht man sich ein paar Jahre nicht und der Gedanke sich wieder zu treffen ist mit einer wunderschönen Romantik erfüllt. Und wenn man sich dann endlich trifft merkt man, es ist gar nicht mehr so. Außer der Vergangenheit gibt es kaum noch etwas, was dich mit den anderen Personen verbindet.

    Das ist also ein bisschen eine Aufforderung an Freundschaften zu arbeiten. Die Freundschaften und Beziehungen müssen im jetzt existieren können. Eine Freundschaft muss hier und jetzt von Vertrauen, Inspiration, von Sachen teilen können, sich Geborgenheit geben, leben. Das kann die Vergangenheit oft eben nicht mehr. Mir ist es in den letzten Jahren oft passiert, dass ich mich von solchen Beziehungen aktiv entfernt habe, weil sie mir einfach nichts mehr bringen. Dann sagen andere „Du musst doch loyal sein, ihr habt so viel zusammen erlebt“. Und wahrscheinlich wäre ich wie bei Familie auch wieder da, wenn etwas ganz Ernstes passieren würde, aber man braucht keinen Kontakt und keine aktuellen Verbindungen mehr.

    Dascha: Ich glaube auch, dass es sehr wichtig ist, das zu können.

    Jonas (OK KID): Ja, ich glaube das braucht viel Mut und Kraft. Gerade auf dem Dorf stell ich mir das noch viel schwieriger vor. Da hast du meistens nur diese drei Leute, mit denen du halt abhängen musst.

    Dascha: Ja, das stimmt wirklich. Was würdet ihr den früheren Moritz, Raffi und Jonas sagen oder als Rat mitgeben, wenn ihr jetzt um 10 Jahre zurückreisen würdet?

    Raffi (OK KID): 2012, das war also sogar noch vor dem ersten Album. Dann würde ich sagen: „Jungs, freut euch, das wird jetzt richtig geil!“ Eine Fehleranalyse aus der Vergangenheit würde ich nicht machen, ich würde empfehlen, wenn du es machen willst, dann mach es einfach. Nicht über irgendwelche anderen Optionen nachdenken und was man im nachhinein anders machen könnte. Ich glaube, wir drei können über die letzten 10 Jahre ziemlich glücklich sein. Natürlich kann man im nachhinein irgendwelche Moves anders bewerten, als zu dem Zeitpunkt, aber im Großen und Ganzen sind wir ziemlich happy.

    Jonas (OK KID): Ja. Mir selbst würde ich „Lass doch mal los“ sagen. Das kann ich jetzt besser als früher.

    Moritz (OK KID): Der Band hätte ich gesagt „Lasst uns mal nach Berlin ziehen“.

    Raffi (OK KID): Geil, in dem Interview in dieser anderen Realität sagst du dann: „Ey Jungs, zieht auf keinen Fall nach Berlin!“ (alle lachen)

    Moritz (OK KID): Wir haben ja damals als Band entschieden nach Köln zu ziehen. Ich war eigentlich immer für Berlin, aber letztendlich bin ich der Band auch dankbar. Ich glaube meine damalige und jetzige Beziehung hätte das sonst nicht ausgehalten. Hier hat es also privat sehr viele Vorteile, beruflich wahrscheinlich auch. Man weiß ja nie, wo wir jetzt stehen würden, wenn wir nach Berlin gezogen wären. Aber das würde ich der Band damals trotzdem sagen.

    Dascha: Haha, trotzdem nochmal versuchen zu überzeugen. Dann kommen wir jetzt zu unserer letzten Frage, der untold story. Also einem kleinen Geheimnis oder einer Geschichte, die ihr noch nicht öffentlich erzählt habt. Habt ihr was auf Lager?

    Jonas (OK KID): Wir haben nie richtig von unserem schlimmsten Gig ever erzählt. Das war als wir mal vor Deichkind gespielt haben.

    Dascha: Ey, ich war da! Damals auf dem Hessentag, richtig?

    Jonas (OK KID): Ach stimmt, du warst da! Auf dem Hessentag in Herborn. Nichts gegen Deichkind, die können nichts dafür, aber die Leute, die wegen denen da waren, waren einfach extrem strange. Wir waren da nicht als klassische Vorband, aber schon so reingebucht. Die waren alle nur wegen Deichkind da, das war ja auch ganz früh, 2014 oder so. Dann stehen wir auf dieser Bühne „Hallo, wir sind OK KID aus Gießen“ und dann buhen alle, weil für die Herborn so cool ist und Gießen in dem Kontext so „Naja, die aus der Großstadt, oder was?!“ war. Dann kommt auch noch die Moderatorin auf die Bühne und bestimmt um die 200 Vollottos brüllen auf ein mal „Ausziehen! Ausziehen!“. Wir haben uns gefragt, auf welchem Jahrmarkt wir hier gelandet sind. Danach fingen wir an zu spielen, es waren schon um die 10 Tausend Leute da und wir guckten einfach in nichtssagende, starrende, leere Gesichter. Naja, die Positiven waren nichtssagend, der Rest war so „Fickt euch, wir wollen Deichkind“. Und wir mussten einfach eine ganze Stunde spielen.

    Dascha: Witzigerweise ist meine Erinnerung von eurer Deichkind Show gar nicht so schlecht.

    Jonas (OK KID): Dann warst du da wohl irgendwie verblendet, der Vibe war auf jeden Fall furchtbar. Das war die schlimmste Konzerterfahrung für uns. Obwohl, als wir noch mit der alten Band als Jona:S mal in Frankreich in einer Kneipe gespielt haben, war das noch schlimmer. Wir waren da bei so deutschen Surfcamps dabei und konnten da dann Musik machen. Dann dachten wir, wir mieten uns mal einen Laden für einen Gig und dann können die Deutschen dahin kommen. Was wir nicht wussten ist, dass an dem Tag auch holländischer Karneval war. Die einen dachten „Juhu, es kommt eine Band“ und haben halt Leute mitgebracht und die anderen 300 in dem Club waren verkleidet und eigentlich nur da, um Karneval zu feiern. Als wir gespielt haben wurden die dann so aggressiv, dass sie angefangen haben die Kabel rauszureißen.

    Raffi (OK KID): Die sind zum Gitarristen hin und haben die Saiten verdreht und irgendwelche Dudes wollten Bier über meinen Laptop kippen.

    Jonas (OK KID): Ja, diese besoffenen Holländer haben uns dafür gehasst, dass wir deutsch sind. Dann haben die auch noch „The Germans are gay“ gesungen. Das war das einzige Mal, dass wir eine Show abgebrochen haben.

    Raffi (OK KID): (Singt in der Melodie von Seven Nation Army) All the Germans are gayyy!

    Um zu verhindern, dass sich solche Gigs wiederholen, könnt ihr die Band hier auf ihrer großen DREI-Tour im Herbst besuchen.

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    Foto Credits: Niren Mahajan
  • Verifiziert im Interview: „Ich denke sehr viel nach, mein Kopf ist immer unter Strom“

    Verifiziert im Interview: „Ich denke sehr viel nach, mein Kopf ist immer unter Strom“

    Manchmal hab ich Momente oder Situationen, in denen ich jeden Song skippe, weil mich jede, auch meine liebste, Musik stresst oder nervt. Dafür habe ich letztes Jahr endlich eine Lösung mit dem Namen Verifiziert gefunden. Obwohl ihre Musik mich immer entspannt und runterholt, wenn alles andere es nicht schafft, ist sie aber keines Wegs langweilig. Mit ihren anschaulich beschriebenen Texten malt die Wiener Künstlerin ihren Hörer*innen ein imaginäres Bild verschiedener Szenarien unterlegt mit angenehm sanften Hiphop-Beats und Melodien. Ob es sich dabei noch um Rap oder schon Pop handelt, sei dahingestellt, aber auch vollkommen egal. Fakt ist, Verifiziert ist eine derzeit einzigartige Bereicherung für die deutschsprachige Musik. Und das ganz ohne Zwang. Ihre Tracks und beinahe filmischen Erzählungen klingen so natürlich leicht und weich, als könnte sie niemals etwas anderes tun. Im vergangenen November veröffentlichte sie 40100, bestehend aus neun Songs. Schon da war das Verfestigen des eigenen Stils und eine deutliche Steigerung zu bisherigen Releases zu erkennen und lässt auf jeden Fall gespannt auf ihre musikalische Zukunft blicken.

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    Dascha: Hi, wie geht es dir?

    Verifiziert: Hi, ganz gut, ein bisschen müde, aber sonst passt alles. Und dir?

    Dascha: Nice, mir auch. Ist einfach so eine müde Zeit im Moment. Kannst du dich mal Anfang selbst kurz vorstellen?

    Verifiziert: Also ich bin die Veri, bin 25 Jahre alt und eine Wiener Künstlerin. Ich bin ein bisschen in’s Musik Machen reingerutscht ohne jegliche Erwartungen und jetzt bin ich nicht mehr ohne.

    Dascha: Wie würdest du deine Musik in nur drei Wörtern beschreiben?

    Verifiziert: So eine Frage hatte ich letztes Jahr schonmal und da hab ich gesagt „Nacht, betrunken und verliebt.“ Ich glaube schon, dass es immer noch passt, vielleicht würde ich statt „verliebt“ aber eher „verträumt“ sagen.

    Dascha: Ich finde auch, dass das gut passt! Wie kam es dazu, dass du dich Verifiziert nennst?

    Verifiziert: Also mein Spitzname ist Veri. Ich wollte eigentlich vor ungefähr vier Jahren nur einen witzigen Instagram-Namen haben, wo halt mein Spitzname vorkommt. Dann hab ich direkt Verifiziert nachgeschaut und war voll überrascht, dass das überhaupt noch auf Instagram als Name verfügbar war. Mir wurde sogar schon Geld für den Namen geboten, weil’s so rare ist. (lacht) Dann hab ich mich einfach nicht mehr umbenannt. Es war eigentlich nie als Künstlerinnenname gedacht, mein Insta-Name ist einfach geblieben.

    Dascha: Du kommst ja wie bereits erwähnt aus Wien. Wie viel Wien steckt in deinen Songs und speziell in deinem neusten Tape drin?

    Verifiziert: Schon sehr viel, weil alles, was ich bis jetzt geschrieben hab Erinnerungen oder Geschichten aus Wien sind. Weil ich halt einfach die meiste Zeit hier bin, die meisten Friends und Family hier hab und die meisten Songs auch in Wien entstanden sind. Deswegen glaub ich schon, dass das sehr wichtig ist. Ich merke, dass es was anderes ist in Wien Musik zu machen als in Berlin. In Berlin bin ich dann im Studio und es wird gearbeitet. Hier bin ich halt bei Friends zu Hause und wir machen vielleicht Musik oder quatschen einfach nur. Ich mag beides, aber hier ist es einfach ein bisschen entspannter.

    Dascha: Es gibt ja noch einige andere coole Künstler*innen aus Wien oder auch Österreich generell. Würdest du sagen da gibt es eine feste Szene und siehst du dich als Teil davon?

    Verifiziert: Ob ich mich als Teil sehe weiß ich gar nicht so genau. Es gibt schon Bubbles, aber da bin ich nicht wirklich in einer drinnen. Aber ich versteh mich mit allen gut. Es gibt bei der Musikszene zum Beispiel den Swift Circle oder Skofi und Skyfarmer, mit denen ich auch schon zusammengearbeitet habe. Oder Heiße Luft, das ist ein Musiklabel bei dem mein Produzent food for thought auch drin ist. Es gibt ganz viel, wenn es in die Richtung „Deutschrap“, wenn’s überhaupt noch Deutschrap ist, geht. Da kennen sich alle über Ecken. Allerhöchstens über zwei Ecken. Ich weiß gar nicht, ob das wirklich so eine Bubble ist oder ob Wien einfach so klein ist, dass man sich so oder so kennt.

    Dascha: Und du arbeitest ja viel mit Florida Juicy zusammen. Wie ist es dazu gekommen?

    Verifiziert: Als mein erster Song im Radio war und so drei Tausend Streams hatte, hat mein Management mich über Instagram entdeckt. Die sind Berliner und gut mit Florida Juicy’s Management befreundet. Dann wurde ich gefragt, ob wir uns nicht einfach mal kennen lernen wollen, weil sie sich eine coole Zusammenarbeit ganz gut vorstellen könnten. Ich war meeega nervös, weil ich voll der Erotik Toy Records Fan war. Ich war so „Oh Gott, ich treffe Florida Juicy„. Wir haben uns dann in Berlin getroffen und sofort so gut verstanden. Es ist jetzt auch so, dass wir wöchentlich Kontakt haben, nicht nur wegen Musik, wir sind echt gute Freunde geworden. Ich glaube auch sehr an Schicksal. Das war kein Zufall, dass wir beide uns so richtig gut verstehen.

    Dascha: Sehr cool! Du hast ja vor ungefähr drei Monaten dein Tape 40100 rausgebracht. Ich finde du thematisiert in deinen Songs oft alltägliche Situationen und Eindrücke. Sind das Momente, die du erlebst und du achtest deswegen vermehrt darauf oder sind die erfunden?

    Verifiziert: Die meisten sind schon irgendwie mal passiert. Manchmal ist mir was davon passiert und ich male dann noch ein paar Sachen im Kopf dazu. Oder ich verbinde zwei Geschichten. Zum Beispiel auf Skit hab ich zwei unterschiedliche funny Stories, die mir passiert sind, connected. Sowas mach ich voll gern. Oder dass ich mal Situationen nehme, die Freund*innen passiert sind. Ich denke generell sehr viel nach, mein Kopf ist immer unter Strom und immer voll. Das hat Vor- und Nachteile. Ich glaube dadurch schaffe ich es, mir aus voll langweiligen oder mega normalen Sachen ein großes Bild draus zu machen.

    Dascha: Wo wir schon dabei sind – Ist die Story aus Skit mit dem Tattoo auf dem Arsch so passiert?

    Verifiziert: Vielleicht! Man weiß es nicht. (lacht)

    Dascha: Na gut, es ist auf jeden Fall eine funny, unerwartete Line. Mein Lieblingstrack von dir ist aber Stromausfall. Den hör ich sehr, sehr oft. Deswegen würde mich interessieren, aus was für einem Gefühl und Setting der Song entstanden ist. Was war das für eine Zeit?

    Verifiziert: Danke! Ich hab den in Berlin geschrieben, das war der zweite, den ich mit Florida Juicy gemacht hab. Mir ging’s da voll gut, aber ich hab sehr viel reflektiert. Ich hab sehr an die Zeit vor damals einem Jahr gedacht, weil das die Zeit war, wo ich es finally geschafft habe, alleine happy zu sein. Ich hab früher einsam und allein nie unterscheiden können. Wenn gerade niemand bei mir war, hab ich mich sofort einsam gefühlt. In dem Song hab ich ja eher abstrakt drum geschrieben, aber ich habe schon sehr an dieses Gefühl gedacht. Dass man es endlich schafft, es zu appreciaten alleine zu sein. Das war die Phase, wo ich alleine sein richtig gut fand.

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    Dascha: Voll schön, das kommt beim Hören auch durch! Ansonsten kommt in deinen Songs auch oft was zu Schlaflosigkeit oder einfach das Wort „schlaflos“ vor. Schläfst du wirklich so wenig?

    Verifiziert: Zur Zeit geht’s voll. Ich schlafe, glaube ich, normal viel. Aber ich habe immer ganz starke Einschlafschwierigkeiten, weil ich da immer richtig viel nachdenke. Ich hab jetzt gemerkt, dass ich nur normal einschlafen kann, wenn mein Freund noch was schaut und ich nicht meine eigenen Gedanke höre, sondern die Serie oder so. Normalerweise plane ich beim Einschlafen meine nächsten zehn Jahre im Kopf oder gehe Szenarien von vor fünf Jahren durch. Damit hab ich schon Probleme. Also, es ist nicht mega schlimm, aber mein Kopf arbeitet in der Nacht einfach am stärksten.

    Dascha: Voll, versteh ich. Wie würdest du sagen haben sich deine Songs oder auch du selbst von deinen Anfängen bis jetzt verändert?

    Verifiziert: Ich rede jetzt einfach mal auch über Sachen, die noch kommen werden. Ich glaube es ist alles viel selbstbewusster geworden. Einerseits war es am Anfang wirklich nur for Fun, also jetzt macht es natürlich auch Spaß, aber am Anfang habe ich gar nicht nachgedacht. Vor und während 40100 war es mit viel Nachdenken verbunden, aber schon selbstbewusster, weil ich auch mehr Bestätigung von außen bekommen hab. Hätte ich nicht gedacht, aber das macht schon sehr viel aus, wenn plötzlich fremde Leute deine Musik hören. Das ist schon ein sehr special Feeling. Mittlerweile ist die Musik wirklich sehr viel selbstbewusster geworden, es geht mir einfacher über die Lippen. Es ist bei den nächsten Songs auch nicht mehr so viel Herzschmerz dabei wie bei den vorherigen Songs. Es wird einfach cooler, nicht im Sinne von „ich bin cool“, sondern im Sinne von nicht zu viel nachdenken.

    Dascha: Also würdest du sagen, du bist auch selbstbewusster geworden mit der Zeit?

    Verifiziert: Hmm ja, es gibt natürlich ups and downs. Wie bei jedem, glaube ich. Ich hab auch früher immer schon gedacht „Hä, wieso hören Leute meine Musik?“, ich fand das immer total strange. Jetzt mittlerweile hab ich aber die Bestätigung, dass es viele Leute gibt, die cool finden, was ich mache. Vor allem Leute, denen es irgendwie hilft, davon bekomme ich auch viele Nachrichten. Das gibt mir voll viel Stärke.

    Dascha: Und wer oder was inspiriert dich selbst oder hilft dir? Sei es musikalisch oder menschlich.

    Verifiziert: Ich merke bei jeder Studiosession und bei jeder Person, die ich treffe, mit der ich über Kunst und Musik rede, dass ich mir da Inspirationen hole. Ich finde wirklich alle Musiker*innen, mit denen ich zu tun habe, inspirierend. Aber auch alle anderen Artists, sei es Grafikdesign oder Malerei. Meine beste Freundin malt sehr viel und wenn ich ihre Bilder anschaue, krieg ich auch direkt Ideen. Ich kann mir da aus meinem Umfeld schon sehr viel rausholen. Und aus meinen eigenen Gefühlen. Also, wenn man Gefühle die man hat oder mal hatte, reflektiert.

    Dascha: Gibt es Musik oder Musiker*innen die du sehr feierst, bei denen man es anhand von deiner eigenen Musik nicht unbedingt von dir erwartet?

    Verifiziert: Ich hör voll viel klassische Musik. Also nicht nur so Calming Piano Sachen, sondern auch Symphonien, Beethoven zum Beispiel. So richtig epische klassische Stücke. Dann hör ich auch noch viel Drum and Bass, weil ich damit ein bisschen aufgewachsen bin. Das ist die Musikrichtung, die ich am aller meisten gehört habe seit ich 13 bin. In Wien war die Drum and Bass Szene immer sehr groß, auch was Clubbing betrifft. Ich fand Techno nie so nice, Drum and Bass war immer cooler.

    Dascha: In welcher Location oder auf welchem Festival würdest du gerne mal spielen? Egal wo.

    Verifiziert: Ich glaube, dass das Melt mein Traum wäre. Da war ich selbst schon 2018 und 2019 und ich fand’s so geil! Da war so eine schöne Atmosphäre und alle waren irgendwie so wholesome.

    Dascha: Ferropolis ist auch einfach mega nice als Location. Wo wir schon bei Liveshows sind: Hast du Pläne für eine Tour?

    Verifiziert: Ja, das ist gerade in Planung. Wir überlegen, ob es vielleicht Ende des Jahres eine gibt. Aber dadurch, dass man gerade nur schwer fest planen kann, kann ich da leider nichts versprechen. Es wird auf jeden Fall irgendwann mal eine Tour geben. Und auf einigen Festivals bin ich auch!

    Dascha: Yes, auf einem Festival werden wir uns auch sehen. Bleiben wir mal bei Träumen und Zukunft, gibt es da für dich ein Traumfeature?

    Verifiziert: Also so im „möglichen“ Bereich ist das voll schwer zu sagen, da hab ich kein absolutes Traumfeature. Im unmöglichen Bereich würde ich Frank Ocean oder Young Lean sagen, weil ich finde das sind die absolut besten Musiker. Oder Charli XCX. Aber es gibt viele, mit denen ich eigentlich gerne mal Musik machen würde, zum Beispiel auch Viko36 und penglord. Ich hab immer lieber kleine Träumchen, die ich mir irgendwann wirklich erfüllen kann.

    Dascha: Ein Feature mit Longus Mongus hast du ja schon auf Rotkäppchen. Aber was ist dein Lieblingsdrink?

    Verifiziert: Zur Zeit glaube ich Mimosa. Ich weiß nicht genau, wie man den im Original macht, aber ich mache oft Sekt in ein Glas mit Orangensaft und gefrorenen Erdbeeren, die ich im Blender cremig mache. Das schmeckt zusammen so geil, das hab ich in letzter Zeit am liebsten getrunken. Also gerade ist es auf jeden Fall Sekt.

    Dascha: Das klingt so lecker, jetzt will ich das auch ausprobieren. Aber eine sehr wichtige Frage hab ich noch. Wieso ist dein Spotify-Profilbild du, aber als Shrek?

    Verifiziert: (lacht) Ich hatte vor dem Shrek-Bild ein Bild von mir mit so einer ganz kleinen Schwimmbrille auf. Dann war ich ein mal in einer Modus Mio-Rankingliste von female Artists. Und alle hatten so richtig hotte Pics, wo sie ihre schönen Beine zeigen und full on Make-Up, richtig gute Fotos. Und das letzte Foto war meins mit dieser Schwimmbrille. Ich fand das so lustig, dass ich mir gedacht habe, das will ich noch eine Weile durchziehen, dass ich Trash-Fotos von mir nehme. Irgendwie hab ich mir gedacht: Mood.

    Dascha: Ich find’s auch immer funny, wenn ich dein Spotify öffne und dieses Grün direkt aufploppt.

    Verifiziert: Es ist vielleicht aber auch deshalb, weil ich merke wenn ich Bilder von mir poste oder wenn es um Cover geht, denke ich sooo lange darüber nach, ob das gut ausschaut. Und ob es den Leuten gefallen wird. Bei sowas hab ich mega Insecurities und Anxiety. Aber wenn ich so Trash-Fotos verwende, zeige ich mir selbst, dass es eigentlich eh scheiß egal ist. Hauptsache irgendwie real. Oder halt real als Shrek. Das fällt mir einfach leichter als lange zu überlegen, was besser ausschaut. Das find ich irgendwie immer ein bisschen toxic.

    Dascha: Kann ich verstehen! Jetzt hatte es doch einen tieferen Hintergrund, als man denken könnte.

    Verifiziert: Ja, vielleicht schon. (lacht)

    Dascha: Unsere letzte Frage ist immer eine untold story, also eine Geschichte oder ein kleines Geheimnis, das du noch nicht öffentlich erzählt hast. Fällt dir da was ein?

    Verifiziert: Ich hab zwei Goldfische, weil ich im Musikvideo zu Asphalt unbedingt eine Szene haben wollte, wo durch ein Aquarium durch gefilmt wird während da Goldfische schwimmen. Ich hab dem Kamerateam im Stress gesagt, wenn’s easier ist, die Goldfische gleich zu kaufen, statt sie auszuborgen, dann kann ich sie auch behalten. Dann hab ich innerhalb von drei Tagen Goldfische bekommen und hab sie immer noch bei mir. Obwohl ich davor nie Fische wollte, find ich’s mittlerweile irgendwie geil.

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    Foto Credits: Kayra Aslan

  • Alli Neumann im Interview: „Es gibt mir immer viel Energie in die Zukunft zu schauen“

    Alli Neumann im Interview: „Es gibt mir immer viel Energie in die Zukunft zu schauen“

    Kaum jemand verzaubert mit Power, Sympathie und Charme so sehr wie sie. Richtig, die Rede ist von Deutsch-Pop-Liebling Alli Neumann. Sie ist Musikerin, Schauspielerin, engagiert sich für wohltätige und politische Zwecke und beweist immer wieder, dass sie noch viele weitere Seiten von sich zu bieten hat. Im September veröffentlichte sie endlich ihr lang ersehntes Album „Madonna Whore Komplex„. 12 Songs voller Vision, Stärke, Reflexion, aber auch Intimität und Verwundbarkeit. Über den widersprüchlich scheinenden Titel des Albums schrieb Alli auf Instagram: „Ich weiß gar nicht, was ich erzählen will oder was für eine Frau ich darstellen will. Aber dann habe ich gemerkt, das ist Blödsinn. Ich kann euch alle meine Facetten zeigen. Denn ich bin vieles.“ Dieser Gedanke spiegelt sich auch in der empowernden Hymne „Frei“ und dem dazu gehörigen Musikvideo wider. Das gesamte Album ist musikalisch ebenfalls so facettenreich wie Alli Neumann selbst. Doch ein roter Faden der Emanzipation hält die Songs inhaltlich bei einander. Alli scheint für sich selbst einzustehen, ihr Umfeld und wer ihr nicht gut tut zu reflektieren und zu besingen, was sie aus Erfahrungen gelernt hat.

    Das alles erweckt einen mutigen und erwachsenen Eindruck, der sowohl sehr überzeugend und standhaft klingt, als auch genug Raum zur eigenen Identifikation schafft und dabei locker ungezwungen klingt. Obwohl Pop als Genre oft das Klischee mitbringt, dass nichts außer Wohlfühl-Songs oder leeren Liebessongs dahinter steckt, ist das hier definitiv nicht der Fall. Allis Musik ist auch mal unbequem und mal sehr eigen, teilt ihren Platz aber auch mit untergebrachten Einflüssen verschiedenster Musikrichtungen. Auf Social Media zeigt die Musikerin sich ausnahmslos authentisch und wie Alli nun mal ist. Sei es einfach ihre liebevoll verrückte Art, Spaß und Abhängen mit ihrer Familie und ihren Haustieren, ihre Second Hand Outfits oder das Äußern von politischen und sozialkritischen Meinungen. Das alles macht Madonna Whore Komplex für mich zu einem der Top-3 Alben aus 2021 und Alli Neumann zu einer der spannendsten Persönlichkeiten der Musikszene. Alli wirkt immer so erfrischend herzlich, ehrlich und versucht für alle die Welt ein Stückchen besser zu machen. So kitschig es klingen mag, ich wünschte, wir alle könnten ein Stückchen Alli in uns tragen.

    „Ich brauch kein‘ erfolgreichen Mann
    Das bin ich selbst, sieh mich an“

    Alli Neumann – bike boy

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    Alli Neumann im Interview

    An einem warmen Mittwochmorgen im Herbst des vergangenen Jahres traf ich Alli via Zoom zum Gespräch.

    Dascha: Hi Alli, wie geht’s dir?

    Alli Neumann: Gut, ich bin gerade in Berlin. Ich find’s immer cool mal in einer anderen Stadt zu sein und mal was anderes zu sehen. Auch vom Land wegzukommen. Und wie geht´s dir?

    Dascha: Auch ganz gut! Wie geht’s dir mit dem ganzen Album-Release-Trubel?

    Alli Neumann: Ich bin voll drin und freue mich, dass ich so viel darüber reden darf und dass Menschen so viel über das Album wissen möchten! 

    Dascha: Wann hast du angefangen an dem Album zu arbeiten? Wie hat sich der Prozess für dich angefühlt? Was für eine Zeit war das?

    Alli Neumann: Ich hab das erste Mal vor drei Jahren angefangen an dem Album zu arbeiten, nach dem Release meiner EP. Weil nach Release ist vor Release! (lacht) Ich versuche immer zu schreiben und gar nicht erst aus dem Writing-Flow rauszukommen und nicht den inneren Schweinehund aufzubauen. Für mich ist das dem Kreativ sein wie mit dem Joggen: Am besten ist es, wenn man immer drin bleibt und keine Angst davor entwickelt. Also eigentlich hab ich angefangen an dem Album zu schreiben, als ich noch eine andere EP promoted und live gespielt habe. Dann hab ich im Lockdown eine richtig intensive Zeit für das Album gehabt. Ich hab tatsächlich viele Sachen, die davor entstanden sind, weggeschmissen. Einfach, weil ich da dann in einem ganz anderen Modus war. Ich hatte viel Zeit eine sehr intensive Beziehung zu meinen eigenen Emotionen aufzubauen und hab dann im Lockdown bei dem Album nochmal fast von vorne angefangen. Ich war so abgeschottet in dieser Zeit, da konnte ich meinen Ideen viel mehr freien Lauf lassen, wenn man nicht so viel auf anderes reagiert. Also ich bin zumindest so, ich bin jemand, der viel Ruhe braucht für kreative Gedanken.

    Dascha: Funktioniert das für dich leicht immer kreativ zu bleiben? Ich hab zum Beispiel immer nach einer Zeit ein Tief, in dem ich dann gar nicht kreativ denken kann. Wie bleibst du immer dran? Hast du irgendwelche Inspirationsquellen?

    Alli Neumann: Ich bin auf jeden Fall immer auf der Suche nach Quellen, die mir helfen kreativ zu bleiben. Mein Leben fühlt sich tendenziell eher an wie eine lebenslange Schreibblockade, um ehrlich zu sein. Jeder Tag ist ein neuer Kampf, wenn ich vor dem Zettel oder vor dem Klavier sitze. Musik ist bei mir meistens leicht, also komponieren und jammen, aber Texte schreiben find ich ganz, ganz schwierig. Aber mir hilft es Regelmäßigkeit drin zu haben und mich zu disziplinieren. Auch keine Pause dazwischen zu machen. Sich lieber zu sagen „Ey, ich schreib jetzt jeden Tag was und wenn es Schrott ist, ist es Schrott“, immerhin hab ich dann was gemacht. Ich finde je mehr man gemacht hat und je mehr Auswahl man dann hat, desto leichter ist es. Ansonsten kann ich Spazieren immer empfehlen!

    Dascha: Oh ja, spazieren hilft immer! Wie würdest du sagen unterscheidet sich das Album von den vorherigen EPs?

    Alli Neumann: Das Album ist auf jeden Fall dancier, funkier und groovier geworden! Das hat auch ganz viel damit zu tun, dass ich im Lockdown oft davon geträumt habe, wieder raus zu gehen und auch wieder live zu spielen. Mir hat dieses Gefühl von mit einander tanzen und feiern so krass gefehlt und deswegen ist das mit auf dem Album drauf. Musik ist für mich immer wie ein Medikament. Das was mir gerade im Leben fehlt, kann ich dann in der Musik bekommen. Ansonsten würde ich sagen, dass es politischer und konkreter geworden ist, als die Songs davor.

    Dascha: Genau, mir ist auch schon beim ersten Hören aufgefallen, dass du gewisse Situationen auch sehr konkret ansprichst. Vor allem Situationen mit Männern und Dinge, die dich stören, hast du thematisiert. Fiel es dir leicht so konkret darüber zu schreiben? Oder musstest du manchmal mit dir hadern bestimmte Ereignisse nochmal, vielleicht auch emotional, aufzuarbeiten?

    Alli Neumann: Es war tatsächlich so, dass ich diese Sachen sowieso aufarbeiten musste und sie gerade in meinem Leben aufgekommen sind. Die waren schwer, aber ich wusste, ich muss Sachen einsehen, mir Eingeständnisse machen und mich von manchen Menschen sogar verabschieden. Da hab ich gerade eh an meinem Album geschrieben und konnte das direkt darin verarbeiten. Es ist natürlich auch unangenehm. Ich würde sagen, es ist wie eine Therapiestunde. Ich fühl mich währenddessen sehr aufgewühlt, aber danach geht es mir besser.

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    Dascha: Und hast du auch einen Lieblingssong auf dem Album?

    Alli Neumann: Das ändert sich tatsächlich die ganze Zeit.

    Dascha: Und welcher ist es jetzt im Moment?

    Alli Neumann: Ich würde sagen heute ist es „Keine Zeit“.

    Dascha: Nice! Welche Message ist die wichtigste, die du mit dem Album überbringen möchtest?

    Alli Neumann: Dass wir Menschen alles ein können und dass wir uns nicht von gesellschaftlichen Normen bestimmen lassen müssen. Fuck it!

    Dascha: Ich finde auch, dass das Album super kraftvoll wirkt und du auch immer so viel Energie ausstrahlst. Woher ziehst du diese Energie, was gibt dir Kraft?

    Alli Neumann: Das freut mich sehr, dass du das Album auch als kraftvoll empfindest! Was mir extrem viel Energie gibt ist Musik. Es gibt mir auch immer viel Energie in die Zukunft zu schauen und mir eine neue Welt vorzustellen. Wie sie aussehen könnte, wofür man kämpfen sollte. Ich träume oft davon, wie es wäre, wenn jemand auf die Welt kommt und nicht von dem, mit dem er geboren wurde, bestimmt wird. Wenn diese Sachen nicht die Möglichkeiten einschränken, sondern wir auf die Welt kommen und wir die Sachen, die uns anders machen, zelebrieren. Dieser Gedanke gibt mir ganz viel Kraft.

    Dascha: Das wäre so toll! Was würdest du deinem jüngeren Teenager-Ich jetzt als Ratschlag geben?

    Alli Neumann: Ich würde mir den Ratschlag geben, dass alle anderen auch nur so tun, als wüssten sie, was gerade los ist. Eigentlich haben die auch keine Ahnung. Ich kann ruhig ich selber sein, man braucht keine Angst zu haben von jemandem gejudged zu werden. Und dass alles, was einen anders macht, ein Geschenk ist. Jede neue Perspektive, jeder neue Blickwinkel ist immer ein Geschenk! Das würde ich ihr sagen.

    Dascha: Ich finde, das ist auch jetzt noch ein hilfreicher Ratschlag. Hast du auch irgendwelche Vorbilder oder Inspirationen?

    Alli Neumann: Ich habe so viele Inspirationen! Aktuell ist Lizzo ein großes Vorbild für mich, vor allem was Selbstliebe angeht. Ich bin ihr so dankbar, für das, was ich aus ihrer Musik ziehen konnte. Rio Reiser ist auch ein ganz großes Vorbild für mich. Auch, weil er jemand war, der konkret in Deutschland gezeigt hat, wie man politische Ideen mit Musik verwirklichen kann. Ansonsten auch Menschen wie David Bowie oder Cher, die sich immer wieder neu erfunden haben und sich selbst nie festgenagelt haben. Menschen, die immer in Bewegung waren.

    Dascha: Du bist ja zurück aufs Land gezogen. Wie kam diese Entscheidung zu Stande? Wie beeinflusst dich das jetzt?

    Alli Neumann: Ich hab mir immer gewünscht aufs Land zurück gehen zu können. Mein Traum war es immer wie die Ton Steine Scherben zu leben. Die hatten einen Bauernhof in Fresenhagen und haben dann immer da gearbeitet, Sachen aufgenommen und die Natur genossen. Dann wiederum zum live Spielen rausgegangen und durch Städte getourt. Ich bin einfach ein Mensch, der das Leben auf dem Land sehr liebt und diese Ruhe für Kreativität braucht. Wenn kein Lockdown gewesen wäre, hätte ich den Schritt glaube ich erstmal nicht gemacht. So hatte ich genug Zeit mich darum zu kümmern und mir einen Ort zu schaffen, an dem ich gerne bin. Jetzt bin ich super froh, diesen Ort zu haben, an den ich immer wieder zurück kommen kann. Und einfach mit meinen Hasen und meiner Hündin im Garten abhängen kann.

    Dascha: Das klingt so schön! Vermisst du die Stadt trotzdem manchmal?

    Alli Neumann: Aktuell nicht, ich bin ja ein bisschen Pendlerin. Ich bin trotzdem relativ viel in Hamburg und in Berlin. Jetzt bin ich gerade eher viel in der Stadt und vermisse wieder das Land.

    Dascha: Ich glaube du hast auch eine ziemlich enge Bindung zu Polen und deiner polnischen Herkunft, oder? Was bedeutet für dich diese Bindung und inwiefern ist sie Teil deiner Identität?

    Alli Neumann: Ich glaube jede weitere Herkunft lehrt, dass es nicht die eine ultimative Wahrheit gibt. Man weiß, dass es nicht die eine Kultur gibt, die richtig liegt. Ich glaube das beeinflusst mich am meisten, zu wissen, dass es immer mehrere Blickwinkel und Realitäten gibt. Speziell am Polnischen hat mich aber geprägt, dass bei uns Familie ganz groß geschrieben ist. In Polen ist es oft üblich, dass man auch in Mehrgenerationshäusern lebt. Das merk ich auch sehr bei mir, ich muss immer bei meiner Familie sein, wenn ich frei hab. Eine Sache über die ich sehr froh bin!

    Dascha: Ich fühl mich auch sehr verbunden zu meiner russischen Herkunft, gleichzeitig bin immer im Konflikt zwischen „Ich liebe es dort so sehr“ und den negativen, wütenden Gefühlen aufgrund von politisch-gesellschaftlichen Zuständen und Menschenrechtsverletzungen. Letzteres lässt mich auch ein bisschen so fühlen, als würde ich dann doch nicht ganz dazu gehören wollen. Geht es dir vielleicht ähnlich? Wenn ja, wie gehst du damit um?

    Alli Neumann: Natürlich wird man vor allem von anderen öfters auf die politische Situation dort angesprochen. Trotzdem ist es eine Problematik, die das Land zwar betrifft, die ich aber nicht als meine polnische Identität wahrnehme. Die beobachte ich frei davon. Es gibt ja auch noch die andere Hälfte der polnischen Menschen, zum Beispiel fast alle, die ich kenne, die ganz anders und offen denken. Deswegen ist da für mich überhaupt kein Widerspruch, dass man eine links-liberale Person ist und gleichzeitig polnische Identität zelebriert. Diese konservative Einstellung gibt es auf jeden Fall dort, sie ist aber nur eine Abzweigung. In jedem Land gibt es Probleme und es ist wichtig zu schauen, was man damit in der Kultur und Identität macht.

    Dascha: Ich versteh’s absolut! So soll es ja auch eigentlich sein. Leider fällt es mir zum Beispiel trotzdem schwer, mich davon komplett los zu lösen. Der innere Konflikt bleibt trotzdem.

    Alli Neumann: Ich versteh das auch! Es hat mich mega lang beschäftigt und kommt manchmal immer noch auf. Vor allem jetzt, wo öfters was gesagt wird wie „Die in Polen haben doch voll einen an der Klatsche“. Sowas wird mir einfach in’s Gesicht gesagt! „Die sind doch alle erzkonservativ und homophob“, natürlich gibt es diese Menschen, die sind ein Problem. Aber ich glaube man muss sich gerade dann als Polin präsentieren und zeigen, dass es auch ganz viele andere Menschen gibt. Menschen die lieb sind, offen und progressiv sind. Diese Menschen müssen wir viel mehr sehen und unterstützen!

    Dascha: Da hast du Recht! Du setzt dich ja auch viel und aktiv für gute Zwecke ein. Was würdest du Menschen sagen, die zwar schon auf dem richtigen Weg sind, aber noch zu faul, um sich aktiv einzusetzen? Welchen Anreiz würdest du mit auf den Weg geben?

    Alli Neumann: Ich kann sagen, es lohnt sich, sogar allein für sich selbst, in’s Ehrenamt zu gehen. Mir hat nichts anderes so gut getan. Weil das Ehrenamt einfach ein Ort ist, an dem man Menschen begegnet, die völlig wertfrei sind von dem, was man normal in der kapitalistischen Welt leistet. Da geht es um Community und das Miteinander. Alle Menschen, die ich im Ehrenamt kennengelernt habe, waren immer richtig toll. Und die sagen auch alle, dass es ihnen gut geht, wenn sie etwas sinnstiftendes machen. Deswegen geht alle in’s Ehrenamt! Wenn ihr darüber nachdenkt, tut es einfach. Tut euch selbst den Gefallen!

    Dascha: Das klingt so schön, hoffentlich nehmen sich das ein paar Leute zu Herzen. Ich beschäftige mich auch ziemlich viel mit politischen und gesellschaftlichen Themen und Diskursen, aber manchmal hab ich ein Tief und dann das Gefühl, dass ich keine Kraft habe, mich jetzt noch mit einem weiteren neuen Thema oder Problem auseinander zu setzen. Gleichzeitig kommt dann das schlechte Gewissen, weil ich weiß, ich bin privilegiert genug, um zu entscheiden, wann ich mal wegschaue. Kennst du das Gefühl? Hast du einen Tipp, wie man dagegen ankämpfen kann?

    Alli Neumann: Mein Tipp ist, dass man bei allen Sachen, mit denen man sich beschäftigt und die man verbessern möchte, man trotzdem auf sich selber aufpassen muss. Weil wenn es dir selber schlecht geht, hast du auch keine Kapazitäten. Dann kannst du auch niemandem anderen helfen. Es ist wichtig auf sich selber zu hören. Aber ey, ich struggle damit natürlich auch voll!

    Dascha: Na das ist beruhigend zu hören. Zum Ende hin ein kleiner Themensprung. Was sind zur Zeit deine Lieblingsalben?

    Alli Neumann: Zur Zeit Women In Music Pt III von HAIM, das hab ich sehr sehr viel gehört. Und Solarbased Kwing von Kaleo Sansaa, das ist eine Musikerin aus Berlin, die macht richtig krasse Musik. Das sind gerade meine Main-Alben. Außerdem kann ich noch ein Album empfehlen, das ist von Manfred Krug. Das ist ein Musiker, der deutschen Funk und Soul gemacht hat.

    Dascha: Dann kommen wir schon zur letzten Frage. Das ist bei uns immer eine untold story, also ein kleines Geheimnis oder eine Geschichte, die du noch nicht öffentlich erzählt hast. Fällt dir da was ein?

    Alli Neumann: Ich finde frisch lackierte Nägel bei mir immer total spießig. Deswegen lackiere ich sie mir immer und kratze den Nagellack direkt halb wieder runter, damit er ein paar Tage alt aussieht.

    Dascha: Krass, das hab ich noch nie von jemandem gehört.

    Alli Neumann: Ja, ich glaube das wundert Menschen immer. Bei anderen find ich frisch lackierte Nägel cool und schön. Aber bei mir hab ich das Gefühl, dass ich falsche Erwartungen erwecke. (lacht) Dass Leute sonst denken würden, dass ich mein Leben im Griff hätte oder dass ich normal bin.

    Dascha: Ich muss zugeben, irgendwie macht das Sinn. Ich danke dir für deine Zeit und vor allem für dein tolles Album, ich liebe es ganz doll!

    Alli Neumann: Das ist so lieb, das freut mich so sehr! Danke!

    Wer auch nicht genug von Alli Neumann kriegen kann, kann sich hier den frei zugänglichen Film WACH mit ihr als eine der Protagonistinnen anschauen:

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    Fotocredits: Clara Nebeling

  • Daschas Jahresrückblick: Über Veränderungen, Konstanten und vor allem Wünsche

    Daschas Jahresrückblick: Über Veränderungen, Konstanten und vor allem Wünsche

    Dass dieses Jahr für alle absolut seltsam war, brauch ich wahrscheinlich gar nicht zu erläutern. Vom Verlust jeglichen Realitätsgefühls durch ewigen Lockdown in der ersten Jahreshälfte, zu jeden Tag busy und unterwegs sein in der zweiten Jahreshälfte – ich weiß nicht genau, wie ich das Jahr für mich bewerten soll. Und auch jetzt, wo ich musikalisch auf das Jahr zurückgeblickt habe, bin ich ein wenig ratlos. Ich habe versucht, Auffälligkeiten oder Veränderungen innerhalb meines Musikgeschmacks festzustellen. Super Dascha, du hast wie jedes Jahr seit 2013 extrem viel The Kooks gehört. Krass, wie außergewöhnlich und neu! So ein verrücktes Jahr, aber kaum Wandel in meiner Spotify-Schatzkiste? Nun ja, vielleicht habe ich in 2021 jeden Tag Rikas gehört, statt nur jeden zweiten oder dritten, wie im vorherigen Jahr. Doch nach längerem überlegen ist mir klar geworden, dass dieses Jahr dafür eine Menge Newcomer:innen, vor allem aus Deutschland, meine Kopfhörer erreichten. Da lohnt es sich mal genauer zu schauen!

    Ziemlich neu und ziemlich gut

    Beim Durchstöbern meiner Spotify Top 100 Playlist fielen einige neue Acts immer wieder auf – denn von ihnen war immer mehr als nur ein Song vertreten. Ganz vorne vor allem Zimmer90, die mit ihrer gesamten Debüt-EP Fall Back plus Singles wie Drowning vertreten sind und mich das ganze Jahr über nicht losgelassen haben. (Zu meinem Interview mit der Band gerne hier klicken!) Vor allem Momente, in denen ich Entspannung von Welt und Kopfschmerzen gebraucht habe, gab es in diesem Jahr einige. Genau diese konnten perfekt mit den sanften Synthie-Sounds von Zimmer90 gedeckt werden.

    Brandneue Bands, die ich dieses Jahr besonders in’s Herz geschlossen habe sind die lieben Menschen von Power Plush und FORWARD (Interviews gibt’s hier und hier). Beide haben im September fantastische Debüt-EPs veröffentlicht, die ich in 2021 nicht hätte missen wollen. Ich bin mir sicher, dass das für beide Bands erst der Startschuss war und sie 2022 komplett aufblühen werden. Kann’s kaum erwarten in einem Jahr ganz emotional zu schreiben, wie schön das rückblickend ist! Die zwei Singles Realität und Alle Worte Tanzen von den Lieferanten haben mich außerdem komplett von der Band überzeugt, auch da bin ich gespannt auf mehr. Aber auch Debütalben hatten dieses Jahr eine Menge zu bieten. Besonders die von Alli Neumann, Shelter Boy und girl in red haben mich für sich gecatched.

    Zwar keine Newcomer, aber neu in meinem Herzen (sorry, Kitsch) sind Buntspecht. Das war mit ziemlicher Sicherheit die Band, für die ich mich in diesem Jahr am meisten neu begeistern konnte. Keine Musik hat meine Nächte besser untermalt und keine Wortwahl mich so sehr mit ihrer Geschicklichkeit fasziniert.

    Okay, wie exakt kann man meinen Musikgeschmack treffen und vereinen? Donkey Kid hat die Antwort wohl parat. Ein weiterer Newcomer, der dieses Jahr richtig begonnen hat Musik zu releasen und mich komplett (!) mitgerissen hat, ist nämlich dieser junge Herr. Mit bisher nur vier Singles hat er sich bereits über 46 Tausend monatliche Hörer:innen erspielt. Und ich bin definitiv eine davon. Jede Single war anders als die vorherige und hat meine Aufmerksamkeit erneut auf ihn gelenkt. Deep Blue war einer meiner meistgehörtesten Songs des Jahres und ich habe jede Sekunde geliebt! Ich kann mich nicht daran erinnern, wann ich das letzte Mal so hungrig auf mehr von einem Künstler war. Ey, scheiß auf Glück und Gesundheit, wenn ich mir eine Sache für 2022 wünsche, dann mehr Donkey Kid Songs.

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    Hype mit Freude

    Besonders freut es mich, dass neue Künstler in Richtung New Wave / Post-Punk wie Edwin Rosen, dessen uns allen bekannter Hit leichter//kälter schon in 2020 zu meinen top Spotify-Songs gehörte, so viel Aufmerksamkeit erhielten. Verdienterweise eben! Dieses Jahr spielte Edwin seine erste Tour und ich hab seine Liveshows auch ein paar mal erwischt. Die Energie, die die Zuschauer:innen mit sich gebracht haben, beweisen, dass das viel mehr als nur ein kurzweiliger Internet-Hype ist. Hierzulande für die breite Masse neu angekommen sind in diesem Jahr auch Molchat Doma. Anfang 2020 hab ich sie noch für 13€ in einer kleinen Location zwischen zurückhaltenden Kenner:innen gesehen. Aber vergangenen Monat dann auf ihrer World Tour in einer ausverkauften, engen Halle für mehr als verdoppelten Ticketpreis. Zwischen Moshpits, Crowdsurfer:innen und jubelnden Fans. Es ist so faszinierend und verwirrend zu erleben, wie eine Band, die ihre Songs ausschließlich auf meiner Muttersprache schreibt, hier so eine Welle an Aufmerksamkeit generiert. Bei Leuten, die keinen Plan davon haben, was sie da überhaupt singen! Nicht mit mainstreamtauglichen Pop, Rock oder Rap, sondern Dark Wave! Verrückt! Und ziemlich unerwartet. Meine Mutti glaubt mir auch immer noch nicht, dass die belarussische Band, die klingt wie die Lieblingsbands ihrer Jugend, hier so gefeiert wird. Ob ich ihr wohl noch beweisen kann, dass ich nicht übertreibe?

    Da ich schätzungsweise zu 50% russischsprachige Musik konsumiere, freut es mich umso mehr, dass jetzt so viele auf den Genuss dieser krass guten Musikecke gekommen sind. Wenn ich ehrlich bin, ist es auch ein bisschen amüsant zu sehen, wie die teilweise ahnungslosen Fans zu den traurigsten Songs, die vom Wunsch zu sterben handeln, auf den Konzerten abgehen und jubeln. Aber hey, gute Musik kann eben alle überall für sich überzeugen! Für alle, die auch auf den Genuss gekommen sind und mehr davon wollen, kann ich das neue Album der russischen Band Ploho nur empfehlen. Weitere neue Albumveröffentlichungen aus dieser Richtung, die mich begleitet haben, stammen unter anderem von Levin Goes Lightly, Amiture, Luis Ake und Electroforez. New Wave blüht auf und begeistert nun, meiner Beobachtung nach, auch Leute, die vorher nichts damit anfangen konnten. Ein Wandel, der mich sehr freut und hoffentlich länger hält, als der durchschnittliche Hype.

    Gute, schlechte und wichtige Nachrichten

    Das lässt sich für mich relativ kurz zusammenfassen. Eine der besten Nachrichten des Jahres: Die neue EP Avatar von Fibel erblickt endlich das Licht der Welt. Eine der schlechtesten Nachrichten: Fibel sagen kurz nach Release alles ab und kündigen eine Bandpause auf unbestimmte Dauer an. Aua. Letzteres möchte ich am liebsten verdrängen und so tun, als wär das einfach nicht passiert. Die EP hingegen ist meiner Meinung nach eine der besten Veröffentlichungen des Jahres, das wusste ich schon, bevor ich sie gehört hatte. Wie kann eine Band so krass gut sein? Winter hat mich in der Anfangszeit des Jahres wie eine herzliche Umarmung empfangen und mir jeden Lockdown-Tag ein kleines Stückchen Durchhaltevermögen geschenkt. Vielleicht hab ich echt dringend jemanden gebraucht, der mir sagt „Irgendwann ist der Spuck vorbei!“. Jetzt ist es Dezember und ich kann den Song passenderweise wieder hören, mitfühlen, permanent mit mir tragen. Aber auch die restlichen Songs der EP reichen von Bangern wie Odyssee, zu Melancholie wie in Ufo. Und das alles mit ganz abstrakten, unwirklichen, mystischen Texten, die mich bei jedem Hören zum Staunen und in eine ferne Welt bringen. Bitte, bitte bleibt nicht für immer weg, Fibel! 🙁

    Der Song aus meiner 2021-Sammlung, der wohl die wichtigsten Nachrichten vermittelt ist Frühling Winter und kommt von meinen geliebten OK KIDs. Die haben in diesem Jahr wieder richtig sich selbst und ihren Sound gefunden, sich von allem losgelöst und jetzt alles auf eigene Faust weitergemacht. Geil! Als erster Teil dieses neuen Abschnitts diente die eben genannte Single. Die wies nicht nur auf durch Lockdown aufgedeckte und verstärkte Probleme der Kulturbranche hin. Sondern befasste sich auch mit dem Verdrängen von eigener Verantwortung bei wichtigen Problemen unserer Zeit. Ich glaube nicht nur OK KID haben den Release dieses Songs gebraucht. Um wieder zu zeigen, wer sie eigentlich sind, wofür sie stehen und dass man sie sich gegeben falls in Erinnerung rufen sollte. Ich glaube, alle haben diesen Song gebraucht. Ende Januar 2021, als der Song rauskam, schien das Land wie in einem festen Winterschlaf. Dann Zack – ein Release schlug allen mitten ins Gesicht. Und das nicht nur wegen dem überraschenden, großen Rock-Finale des Songs, das klingt, als würde die Apokalypse eingeleitet werden. In Reviews las ich damals häufig, dass der Song als offener Brief diene. Ich finde aber, er hat so viel mehr Dringlichkeit und Intensität. Einen Brief ließt man und denkt im Nachhinein vielleicht darüber nach. Frühling Winter hingegen schreit jeden an und lässt niemanden wegschauen. Zurecht. Vielleicht sind wir besonders in diesem Jahr müde geworden und haben versucht vor den unzähligen Missständen die Augen zu verschließen. Genau deshalb bin ich dankbar, dass sich OK KID zur Aufgabe gemacht haben, uns das vor Augen zu führen. Besonders froh bin ich darüber, dass das von Menschen kommt, die ich eh gern hab. Lasst uns den Song auch in 2022 nicht vergessen!

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    Livemusik und Wünsche

    Nachdem ich mich in der ersten Jahreshälfte ganz, ganz schrecklich nach Events und Livemusik gesehnt habe, sah die zweite schon viel besser aus. Um einiges. Ich hatte von Mitte Juni bis Ende November keine einzige Woche, in der ich keine Livemusik gehört habe. Manchmal waren es auch mal vier Konzerte pro Woche, aber ich hatte ja einiges nachzuholen. Ich glaube viele hatten, vor allem im Sommer, das Gefühl, sie müssten jeden Tag komplett nutzen und ganz viel erleben. Einerseits, um nach zu holen, was im Lockdown verloren ging, andererseits aus Angst, dass das alles im nächsten Lockdown wieder verloren geht. Dieses eingeengte Gefühl ließ auch mich nicht los und leitete mich durch einige schöne Abende und schlaflose Nächte.

    Besonders verliebt bin ich in die Liveshow von Drangsal, den ich dieses Jahr mit neuem Album im Gepäck zwei Mal live gesehen habe. Zwar hatte ich ihn und seine Musik schon immer auf dem Schirm, aber hätte ihn wohl nicht zu meinen Herzensfavoriten gezählt. Exit Strategy war wohl der letzte Ruck, den ich gebraucht habe. Das Album ist rückblickend mein absolutes Lieblingsalbum 2021. Jede:r Hörer:in braucht wahrscheinlich keine Erklärung dafür. Vor allem sind die Songs live das energiereichste, was ich seit Langem erlebt habe. Ich konnte nichts anderes, als Begeisterung zu empfinden. Diese zwei Shows werden mir sicherlich noch ganz lange in bester Erinnerung bleiben. Auch die zwei Leoniden Shows, bei denen ich im Sommer war, müssen unter „energiereich“ genannt werden. Zwar hab ich sie schon oft live gesehen und jedes Mal geliebt, aber sie haben es wieder geschafft mich vom Hocker zu hauen. Haha, literally. Denn wie geil kann eine Liveshow trotz Corona-bedingter Bestuhlung sein? Krasseste Live-Band des Landes, diese Meinung wird nie jemand ändern.

    Neben gewöhnlichen Konzertbesuchen prägten mein Musik-Jahr auch ein paar andere Faktoren. Natürlich das Dasein als Teil von untoldency, aber auch mein Job in einem Club, durch den ich einige Konzerte mitnehmen konnte. Im Sommer noch ein eigenes Festival mitorganisiert (1A Acts wie Mia Morgan und Cinemagraph) und dann zum dritten Mal als Teil des Stadt ohne Meer Festivals mitgearbeitet. Letzteres gehört auch zu meinen absoluten Highlights, wie jedes Jahr. Vor allem als, zu dem Zeitpunkt, erste 2G Veranstaltung ohne Abstände! Auf all den vielen Events hab ich natürlich nette Freund:innen und Bekannte getroffen, neue Kontakte geknüpft und gehofft, dass das nie wieder verschwindet. Jetzt ist Dezember und ich befürchte, wir sind an einem viel zu ähnlichen Punkt wie vor einem Jahr. Zumindest was Live-Musik betrifft. Wie es um die Kulturbranche zu so einer Zeit steht, ist euch wahrscheinlich allen bewusst. Dazu haben in den vergangenen Lockdowns schon genug Menschen die passenden Worte gefunden.

    Aber weil ich am Anfang des Artikels über fehlende Veränderungen geschrieben habe, wünsche ich mir welche für das kommende Jahr. Rückblick heißt ja auch immer Neubeginn, oder? Ich wünsche mir, dass Musik, Kunst und Kultur nicht wieder in den Schatten rücken. Ich wünsche mir, dass sich alle daran erinnern, was wir aus den ersten Lockdowns gelernt haben. Als Kunst- und Filmstudentin wird mir immer wieder bewusst, was für einen wichtigen Einfluss Kultur auf jegliche Formen von Gesellschaft hatte. Und das so gut wie immer in der Geschichte! Immer sehnten sich Menschen nach Formen der Unterhaltung, zugänglich vermittelter Kunst, verbindender Kultur. Wir sollten jetzt diesen Wert sehen, schätzen und Kultur nicht immer an die aller letzte Stelle rücken. Kultur und Live-Musik ist mehr als nur belangloser Spaß und Bierchen sippen, sowohl für Teilnehmende, als auch für Zuschauende. Also wünsche ich mir, dass wir alle diesen Stellenwert anerkennen und sichtbar machen. Und ich wünsche mir noch, dass wir alle unsere Lieblingskünstler:innen noch mehr supporten. Ich habe mir bereits für 2021 vorgenommen, dass ich jedes Mal, wenn ich mir denke, wie genial ein Album oder eine EP sind, ich dem Artist etwas zurückgebe, in dem ich etwas kaufe (wenn das zu dem Zeitpunkt finanziell möglich ist) oder mindestens etwas von der Musik teile. Denn schließlich verdienen die Künstler:innen so gut wie nichts an meinem Stream, während ich den Zugang zu ihrer Kunst als selbstverständlich wahrnehme. Der Gedanke tut jedes Mal ein bisschen weh und ist sogar, wie ich finde, mit Scham behaftet.

    Außerdem wünsche ich mir, dass die Musikszene noch diverser, offener, freundlicher und belehrbarer wird. Zwar sind wir auf einem sehr guten Weg und weiter als manch andere Musik-Ecken, so gibt es beispielsweise trotzdem das immer wieder auftauchende Muster der basic Band-Männer, die sehr viel von sich halten und ganz wenig von allem anderen. Ich bin müde davon und erhoffe mir für 2022 ganz frischen Wind und neue Überraschungen. Ich wünsche mir, dass wir alle mehr Musik von nicht-männlichen Bands und Künstlerinnen hören und unterstützen. Auch, wenn dieser Diskurs sich lobenswerterweise in diesem Jahr entwickelt und gesteigert hat, gibt es noch eine Menge zu tun. Zum Glück ist mittlerweile mehr Sensibilität und Plattform für diese Themen geschaffen worden. Es werden mehr Künstlerinnen gebucht, umworben, gefeiert. Aber raus aus der kleinen, gemütlichen Bubble. Trotzdem sehen die Line Ups der großen Festivals zum Beispiel einfach traurig aus, wenn man immer als erstes die Diversität überprüft. Ich will hier keine Schuld zuweisen, denn in meinen Top 5 Spotify Artists sind zugegebenermaßen ausschließlich Männer vertreten. Obwohl in diesem Jahr natürlich auch so viel fantastische Musik von Frauen in meinem Radar gelandet ist! Das nehme ich aus meinem persönlichen Jahresrückblick mit. Ich wünsche mir, dass auch ich noch bewusster Musik konsumiere.

    Wen es interressiert: Das hier sind ein paar meiner liebsten Songs, die dieses Jahr erschienen sind. Denn es gab viel zu viele gute Releases, es wäre unmöglich gewesen, die alle zu erwähnen. Zusammengefasst in einer netten Playlist, voilá! Lasst es euch schmecken.

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  • FORWARD im Interview: „Man soll durch die EP das Gefühl haben, dass man Bock hat, seinen eigenen Weg zu gehen“

    FORWARD im Interview: „Man soll durch die EP das Gefühl haben, dass man Bock hat, seinen eigenen Weg zu gehen“

    FORWARD ist bei uns auf untoldency kein unbekannter Name mehr. Im vergangenen Monat sind sie ihren großen Schritt als Band gegangen und veröffentlichten ihre Debüt-EP „Overthinking My Mind At Large„. Die acht Jungs aus Hannover thematisieren darin vorwiegend die Zeit zwischen dem Schulabschluss und dem Erwachsenwerden. Immer wieder sticht dabei eine Message heraus: Seinen Weg zu gehen und sein eigenes Ding durchzuziehen. FORWARD finden sich zwischen Zukunftsängsten und zielgerichteten Träumen wieder. Dabei lassen sie aber nicht den Kopf hängen, denn ihr Gleichgewicht scheinen sie gefunden zu haben. Reflektierte Gedanken kombinieren sie ganz locker mit funky Indie-Pop, mal sehr tanzbar, mal sehr ruhig. Es gibt noch eine leckere Kirsche auf der Torte, denn drei Bläser schmücken die Band als fester Bestandteil und heben ihren Sound somit ganz klar von anderen Bands der deutschen Indie-Szene ab. Im Sommer bewiesen sie das auch live, in dem sie die ausverkauften Crowds bei ihren Support Shows von JEREMIAS überzeugten.

    Die sechs Tracks haben alle einen ganz besonderen Flair und fühlen sich, so kitschig das auch klingen mag, irgendwie nach einer warmen Umarmung an. Wer FORWARD verpasst und keine Umarmung haben will, fine. Aber dem entgeht eine vielversprechende, detailverliebte Newcomer Band, die vor Begeisterung für ihr eigenes Werk sprüht. Ich möchte an dieser Stelle gar nicht noch mehr dazu sagen, das habe ich schon in vorherigen Artikeln. Ich glaube, meine Position ist klar. Deshalb habe ich Tim, Arne und Ruben lieber selbst erzählen lassen.

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    FORWARD im Interview

    Dascha: Hey! Freut mich, dass das geklappt hat. Wie geht’s euch so kurz vor eurem Release?

    Ruben (FORWARD): Gut gut, aber langsam kommt die Nervosität.

    Tim (FORWARD): Jetzt realisiert man erst, dass man nichts mehr daran ändern kann, dass es veröffentlicht wird. Das ist ganz schön überwältigend, aber ich glaube, das ist auch normal. Wenn man zum Beispiel mit den JEREMIAS-Boys spricht, sagen die auch, dass es nicht abnimmt, weil ein Release immer wieder was besonderes ist.

    Dascha: Könnt ihr euch nochmal vorstellen, für alle, die euch noch nicht kennen?

    Ruben (FORWARD): Also wir sitzen stellvertretend für FORWARD hier. Eigentlich sind wir acht Leute, wir sind eine Band aus Hannover. Wir machen Indie-Pop, wobei es schwer ist, das so als Genre festzulegen, ich glaube aber jede Band hat dieses Problem. Wir machen seit zwei Jahren in dieser Konstellation Musik. Am Anfang war es so, dass echt nur Arne, Tim und Carl am Start waren. Dann kamen immer mehr Leute dazu.

    Tim (FORWARD): Ja genau, wir sind 3/8 der Band. Ich bin Tim, der Sänger, Ruben am Saxophon und Arne an der Gitarre.

    Dascha: Und wir habt ihr zusammengefunden?

    Tim (FORWARD): Also Arne und ich kennen uns schon ewig, seit der Krabbelgruppe und machen seit der Grundschule zusammen Musik. Auf der weiterführenden Schule ist dann unser Bassist dazu gekommen und wir haben erstmal Rock-Mucke gemacht, so ein bisschen AC/DC mäßig. Das hat sich dann über die Jahre immer weiter entwickelt. Seit zwei Jahren sind wir eben auch in dieser Besetzung mit den drei Bläsern und dementsprechend hat sich auch das Genre komplett gewechselt. Aber wir haben uns alle durch die Schule kennengelernt und die Musik als gemeinsamen Nenner gefunden. Nicht in irgendeiner Musikhochschule, sondern einfach auf dem Pausenhof.

    Dascha: Noch richtig real also!

    Alle: (lachen)

    Dascha: Wann habt ihr ganz bewusst angefangen an der EP zu arbeiten?

    Tim (FORWARD): Der erste bewusste Schritt, dass wir gesagt haben, wir nehmen jetzt eine EP auf, war eigentlich erst dann, als wir schon ein paar Songs hatten. Die EP ist eher so entstanden, dass wir uns als Band gefunden haben, unseren Sound gefunden haben, dann Songs geschrieben haben, die wir cool fanden und dann ist das so über diese zwei Jahre entstanden. Wir haben immer wieder neue Songs und Ideen mit eingebracht. Dann haben wir gemerkt, dass wir schon einige Songs haben und die sogar zusammen passen, sodass wir auch eine EP daraus machen können. Wir haben es also eigentlich erst im Prozess gecheckt.

    Dascha: Welchen Vibe oder welche Message soll die Hörer:innen der EP erreichen?

    Ruben (FORWARD): Das umfasst eigentlich so die ganze Zeit, in der die Songs entstanden sind. In der Zeit nach der Schule bis hier hin sind bei uns intensive Dinge passiert, zum Beispiel, dass man von zu Hause auszieht. Und man anfängt an sich damit auseinander zu setzen, was man machen will. Man merkt dabei auch, dass es Menschen gibt, die nicht so Fans davon sind, dass man das machen will und auch man selbst merkt, dass es gewisse Hürden gibt. Das sind Dinge, mit denen wir uns viel auseinander gesetzt haben und die einen wichtigen Teil der EP übernehmen. Aber das ist nicht nur negativ, weil wir dementsprechend auch versuchen, eine Antwort darauf zu finden. Da haben wir zum Beispiel On The Run, der eigentlich viel mehr Zuversicht ausspricht, dass man die Ziele doch irgendwie erreichen kann. Dass wenn man denkt, es geht nicht, es doch Wege gibt.

    Tim (FORWARD): Diese Suche nach sich selbst, was man eigentlich machen möchte und eben dieser Struggle, der von außen dazu kommt, was andere von einem erwarten. Wenn man die EP gehört hat, soll man das Gefühl haben, dass man Bock hat, seinen eigenen Weg zu gehen und sein eigenes Ding zu machen. Dazu zu stehen Fehler zu machen und das alles, was andere sagen, zweitrangig ist.

    Dascha: Sehr schön erklärt! Und wonach habt ihr die Reihenfolge der Tracks bestimmt? Hattet ihr einen roten Faden im Kopf oder hat es sich so einfach richtig angefühlt?

    Tim (FORWARD): Da steckt auf jeden Fall ein roter Faden dahinter und der ist an die Inhalte der Songs gebunden. Also es ist nicht so, dass die EP komplett konzipiert ist, wir haben ja schon erwähnt, dass die Songs peu a peu entstanden sind. Aber es steckt schon eine Chronologie dahinter. Die ersten Songs, Julia und Overdrive, haben so eine jugendliche Leichtigkeit und Aufbruchstimmung und dann kommen auf dem Weg Aspekte dazu, wo man merkt, dass es nicht immer so einfach ist. Man wird irgendwann losgelöst von diesem vorgelebten Schul- und Aufwachs-Kosmos, plötzlich kommen Probleme dazu, die es vorher nicht gab. Man hat mega Bock loszulegen, aber dann kommen eben Probleme, die vielleicht Zukunftsängste bergen und darum kümmern sich die Songs To Be Defined und Quarterlife Crisis. Diese Frage, ob man seine Träume verfolgt oder lieber doch etwas sicheres macht und alle im Umfeld happy damit sind. Und damit ist On The Run der Appell am Ende, der quasi beide Seiten zusammenbringt und aussagt, dass man sein Ding einfach durchziehen soll.

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    Dascha: Jetzt hast du es schon angedeutet, aber ich würde gerne nochmal auf To Be Defined zu sprechen kommen. das ist ja auch ein ganz neuer Song, der nicht schon vorher released war. Was genau bedeutet der Song für euch?

    Tim (FORWARD): To Be Defined ist auf zwei Seiten irgendwie ganz interessant. Einmal, weil es eben um diesen Konflikt geht, den ich eben schon angerissen habe. Bei mir war es oft so, dass ich in der Schule erwähnt habe, dass ich nach dem Abi am liebsten Mucke machen würde und ich oft schnippische Kommentare wie „Das ist doch nur brotlose Kunst“ bekommen habe. Und dann so „Aber was ist dann das Ernste, Richtige, was du noch machst?“ Und dann ist das so dieser fucked up Moment, wo du dir denkst „Ey, warum willst du das überhaupt wissen, du bist Bankkaufmann oder Bankkauffrau oder arbeitest seit 40 Jahren im selben Unternehmen“.

    Dann hat man halt den sicheren Weg gewählt, das will ich gar nicht judgen, aber dann hat man halt keine Ahnung, was das für mich bedeutet. Das ist so ein bisschen die Erkenntnis, die in dem Song rauskommt. Gleichzeitig war es auch ein Song, den Arne und ich in Berlin geschrieben haben, als wir das erste mal von zu Hause weggezogen sind. Arne hat ein bisschen Musik studiert in Berlin und ich hab ein Praktikum gemacht. Wir waren zusammen in einer Wohnung und hatten dieses Gefühl der Selbstständigkeit und eben diesen Berlin-Flair, das waren so viele Reize im Überfluss.

    Arne (FORWARD): Genau, der erinnert mich auch immer wieder an diese Zeit.

    Dascha: Ihr erzählt immer so in der Vergangenheit davon. Heißt das, ihr habt euch jetzt von diesen Meinungen von Außen losreißen können oder begegnet ihr dem immer noch?

    Ruben (FORWARD): Es ist schon etwas, womit man sich noch rumschlagen muss. Aber das Schöne ist, über die Zeit lernt man mehr Menschen kennen, die in dieser Musik-Szene sind und auch davon leben und merkt, dass es möglich ist. Und dass es nicht stimmt, wie einem oft gesagt wird, dass man extrem Glück haben muss oder man landet auf der Straße. Das zu sehen gibt einem total viel Zuversicht. Ich werde aber trotzdem häufig damit konfrontiert, dass es ja ein ganz nettes Hobby sei, aber was ich denn sonst so Richtiges mache. Aber ich bin mit mir im Reinen und ich weiß es gibt einen Weg. Man kann auch irgendwann viel besser gegen solche Leute argumentieren. Dann hat man auch mehr konkrete Argumente in der Hand und die Leute merken vielleicht „Okay, krass, da steckt ja viel mehr dahinter“. Aber ja, man wird mit sowas immer wieder konfrontiert und ich glaube das hört auch nicht auf, bis du mal bei Inas Nacht gespielt hast, oderso. (lacht)

    Tim (FORWARD): Ich würde das gar nicht so sehr nur auf das Musik machen beziehen, sondern das ist ja einfach omnipräsent für jeden Weg, den man geht. Es wäre auch unnatürlich, wenn man keinen Selbstzweifeln begegnen würde. Ich glaube dieser Konflikt ist am intensivsten in der Umbruchphase direkt nach dem Schulabschluss. Aber eigentlich besingt die EP ja die komplette Phase von Anfang 20 bis Mitte 30, sowas kann ja immer wieder kommen. Es ist ja auch schwierig zu sagen, dass man sein Ding gefunden hat und dann sein Leben lang dabei bleibt. Vielleicht sagt man 40 auch, dass man Bock hat sich komplett neu zu orientieren. Nicht, dass ich da schon drüber nachdenke, aber es wäre ja möglich.

    Ruben (FORWARD): Ich glaube das vergessen total viele Leute. Ich merke das immer, wenn ich ehemalige Mitschüler:innen treffe und höre, dass die ihr Studium mega schnell durch hustlen, um dann direkt zu arbeiten. Und ich denke mir immer so „Ja cool, jetzt seid ihr schon da, wo ihr hinwolltet, aber was passiert jetzt noch?“ Ich meine, ich hab so viele Leute kennengelernt, die mit 30 oder 40 angefangen haben, was neues zu studieren oder zu erlernen. Es ist halt nie zu spät, mit neuen Dingen anzufangen und ich finde das vergisst man viel zu oft. Dadurch machen sich so viele Leute Stress, aus einem Grund, der gar nicht wirklich existent ist.

    Dascha: Ich fühle mich gerade, als würde ich bei einer inspirierenden Lebensberatung sitzen.

    Tim (FORWARD): Du schaffst das, Dascha! Du musst nur auf dein herz hören! Wir werden jetzt Kalenderspruch-Band. (lacht)

    Dascha: Ihr seid ja von der Anzahl her eine vergleichsweise große Band. Wie läuft da das Songwriting ab? Wie kommt ihr untereinander klar?

    Arne (FORWARD): Manchmal ist es ein bisschen tricky, aber wir kommen klar. Ich würde sagen, dass Ruben und ich musikalisch die Hauptsongwriter sind. Wir kommen immer mit den neuen musikalischen Ideen an, wir sind jetzt auch zusammengezogen. Dann haben wir mehr Zeit uns da dranzusetzen und neue Ideen zu entwickeln. Dann basteln wir meistens eine kleine Demo zusammen, dann wird die an alle rausgeschickt und alle müssen sich die anhören. Danach bekommt jeder die Chance seinen Senf dazu zu geben. Manchmal ist das auch stressig, weil ja jeder eine andere Vorstellung von Songs hat und jeder sich einbringen will.

    Mit acht Menschen in einer Band ist es auch schwer, dass sich jeder auf seinem Instrument wirklich auf einem Song zeigen kann. Manchmal ist das Motto „weniger ist mehr“, manchmal muss man sich eben zurücknehmen. Es gibt auch Songs wo ich zum Beispiel keine Gitarre spiele, dann ist das halt so, solange es dem Song gut tut. So basteln wir dann daran und versuchen beim Prozess alle happy zu kriegen. Dann fängt Tim an dazu zu singen und schreibt den meistens Text nachträglich.

    Ruben (FORWARD): Also wir drei schreiben die Songs eigentlich, aber die Details kommen dann von allen acht individuell dazu. Das ist ganz schön, so ist von jedem aus der Band am Ende ein Fingerabdruck auf dem Song drauf.

    Arne (FORWARD): Wenn ich eine Song-Idee habe, habe ich immer schon eine sehr krasse Vorstellung davon, wie er am Ende klingen soll. Aber wenn die anderen dann noch ihre Ideen dazu geben, kommt am Ende trotzdem etwas besseres raus, als ich es mir am Anfang hätte vorstellen können. Das find ich aber schön, das macht unseren Sound wahrscheinlich auch aus. Das meinen wir damit, wenn wir sagen, es ist etwas schwer den Sound einzuordnen, weil wir alle unterschiedliche Einflüsse einbringen. Manche hören mehr Funk, manche Jazz, manche Rock oder Pop und dann kommt das da alles zusammen.

    Dascha: Und war euch von Anfang an klar, dass ihr englischsprachige Musik machen wollt oder wie seid ihr dazu gekommen?

    Tim (FORWARD): Ich singe seit Anfang an auf Englisch. Damals als Arne und ich diese Rockphase hatten, fanden wir das einfach am coolsten. Das war halt die Mucke von den ganz Großen. Mit der Musik konnte ich mich am meisten identifizieren. 90% der Musik, die wir in der Band hören ist englischsprachig und da zieht sich die meiste Inspiration raus. Was ich auch ganz schön finde ist, dass wenn man im deutschsprachigen Raum Musik auf Englisch macht, man niemandem diesen Text aufdrückt. Du kannst hinhören, wenn du möchtest, aber du tust es meistens nicht automatisch. Wenn man einen deutschen Song hört, ist man gezwungen auf den Text zu hören. Gerade bei unserer Mucke möchten wir, dass das Augenmerk auch auf andere Aspekte gelegt wird, um die ganze Bandbreite wahrzunehmen.

    Dascha: Stimmt, da hast du Recht. Mal ein anderes Thema: Ihr habt im Sommer ja mehrere größere Shows mit JEREMIAS gespielt. Was nehmt ihr davon mit?

    Ruben (FORWARD): Dass ich nichts anderes machen will! Ich weiß noch, dass ich nach der ersten Show in Köln total beseelt nach Hause gefahren bin und wir das alle erstmal verarbeiten mussten. Das war auch unser erstes Konzert in dieser Größenart. Da war so eine Energie, das war total krass. Ich hab danach mit meiner Mom telefoniert und meinte nur „Ey, ich hab gerade den Traum gelebt.“ Ich wollte am liebsten nur noch weiter rumfahren, Konzerte spielen und die Leute mit Musik überzeugen und begeistern. Das ist so ein krasses Gefühl, das sich da zum ersten Mal so in einer größeren Perfektion für mich gezeigt hat.

    Tim (FORWARD): Absolut! Das ist so ein ultra Privileg, dass wir das so kurz nach Lockdown erleben durften. In Köln, wo wir uns ja auch gesehen haben, war das für uns das erste Mal wieder so eine Masse an Menschen zu sehen und zusammen einen geilen Abend zu haben. Und dabei dann noch seine Musik präsentieren zu dürfen war ein einfach ultra krasses Erlebnis. Ich hab es immer noch nicht ganz verarbeitet.

    Arne (FORWARD): Ich fand es auch krass zu sehen, was bei so größeren Gigs auf professioneller Ebene noch alles dazu gehört. Das ist ja viel mehr, als sich einfach nur auf die Bühne zu stellen. Das ganze Umfeld, der ganze Prozess, da mal reinzuschnuppern, das fand ich richtig schön. Ich hab persönlich gemerkt, dass mir auch das Drumherum Spaß macht. Auch das Auf- und Abbauen und verkabeln und dort den Tag zu verbringen. Alles arbeitet auf diesen Auftritt hin und dann ist das ein richtig erfüllendes Gefühl am Abend.

    Ruben (FORWARD): Allein dieses Unterwegssein und rumfahren war so ein krasses Gefühl. Das hat vorher noch gar nicht so in meiner Gefühlswelt existiert. Letzte Woche sind wir zu dem Release-Konzert von den Power Plush’s gefahren und wir saßen so im Auto und dachten „Alter, es ist so ein geiles Gefühl wieder unterwegs zu sein“. In eine Stadt fahren, neues erleben und Leute kennenlernen, das ist einfach so schön.

    Dascha: Das klingt echt schön. Das hat mich auch nochmal an meinen Sommer erinnert. Habt ihr irgendwas, was ihr als Band unbedingt mal erreichen wollt in der Zukunft?

    Ruben (FORWARD): Für mich ist es auf jeden Fall eine eigene Tour zu spielen. Noch mehr unterwegs zu sein, noch mehr Konzerte zu spielen. Als Künstler seine eigene Mucke an neue Leute zu bringen und dafür durch Deutschland zu fahren. Das ist wirklich mein Traum zu sagen, wir sind jetzt die nächsten drei Wochen auf eigener Tour und sind jeden Tag in einer neuen Stadt.

    Tim und Arne (FORWARD): Ja, absolut!

    Dascha: Das klappt bestimmt! Dann bin ich jetzt bei meiner letzten Frage. Das ist ja bei uns immer eine untold story, also eine Geschichte, die ihr noch nicht erzählt habt.

    Tim (FORWARD): Als wir unsere EP aufgenommen haben, waren wir in Leipzig im Studio. Wir sind total euphorisiert da angekommen und haben alles aufgebaut und vorbereitet. Normalerweise sind wir die Band mit der besten Verpflegung: Das ist quasi schon mal die erste untold story. Du hast quasi gerade drei Profiköche vor dir sitzen.

    Ruben (FORWARD): Wir kochen wirklich sehr gerne, das wird auch immer sehr appreciated von den anderen.

    Tim (FORWARD): Aber am ersten Tag in Leipzig hatten wir es irgendwie vercheckt und vergessen einzukaufen. Dann dachten wir, wir holen uns einfach spät Abends auf dem Weg zum Airbnb was. Aber wir wussten noch nicht, dass in Leipzig ab 10 quasi nichts mehr offen ist.

    Ruben (FORWARD): Dann waren wir Nachts mit Fahrrädern unterwegs und es gab nichts. Wir waren bei zwei Restaurants, die auf Lieferando noch als geöffnet angezeigt wurden, aber dann doch geschlossen waren. Dann irgendwann haben wir doch noch was gefunden und dort Essen bestellt. Es wurde dann immer später und später, wir mussten relativ früh raus am nächsten Tag. Ende der Geschichte: alle aus der Band außer zwei haben schon gepennt und das Essen kam um vier Uhr morgens an. Als wir aufgewacht sind stand da dieses ganze Essen. Es war absolut nicht genießbar. Wir haben danach erst online gesehen, dass das Restaurant nur eins von fünf Sternen als Bewertung hatte.

    Wer den Vibe, den FORWARD gemeinsam haben und ihre Konzerte im Sommer nachempfinden möchte, sollte ich sich das unbedingt anschauen:

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    Foto Credits: Julius Bracke