Autor: Franzi

  • SIND im Interview: „Live Auftritte sind nach wie vor das A und O für jede Musikerin und jeden Musiker“

    SIND im Interview: „Live Auftritte sind nach wie vor das A und O für jede Musikerin und jeden Musiker“

    Endlich wieder live Musik! Nach zwei Alben und zwei neu erschienen Singles können die Jungs von SIND es wohl auch kaum erwarten heute bei den Acoustic Concerts aufzutreten. Davor habe ich mit Hannes gesprochen und er hat lang und ausführlich geantworte. Dabei ging es um die Lieblingskneipen, Kulturförderung und Social Media. Und um einen quasi musikalischen Ritterschlag! Aber lest selbst:

    Franzi: Hi Hannes, etwas spät, aber besser als nie: Happy Release! Wie geht’s euch damit? Wie sind die ersten Reaktionen auf die ersten zwei Singleauskopplungen bis jetzt?

    Hannes: Vielen Dank! Wir sind auf jeden Fall sehr glücklich mit beiden Releases. Gerade nach einem schwierigen letzten Jahr, war es für uns wichtig, direkt weiter zu machen und neue Musik herauszubringen. Die beiden Singles haben für uns eine große Bedeutung. Um die Single „Café Miami“ haben wir eine Aktion gestartet und für das Video Bars und Kneipen in verschiedenen Städten portraitiert, dort gedreht, aber auch die Wirt*Innen erzählen lassen und das Ganze dokumentiert. Herausgekommen ist ein sehr emotionales Video und viele berührende Geschichten, die man sich auf www.cafemiami.de anschauen kann. Da gab es auch viel und tolles Feedback und einem selbst ist noch einmal bewusst geworden, welch wichtige Rolle Bars und Kneipen in den Kiezen und in den Leben der Menschen spielen.

    Mit „Deine Likes“ haben wir eine andere Seite der Pandemie beleuchtet. Die immer weiter fortschreitende Entfremdung durch den Fokus auf digitale Medien, die wir ja auch selbst intensiv nutzen. Das ganze haben wir dann versucht, im Video sehr überspitzt darzustellen. Natürlich auch, um mit dem Finger auf uns selbst zu zeigen. 😉 Mit www.sind24.tv haben wir uns den Traum eines eigenen Teleshoppingkanals erfüllt – schaut mal rein 😉

    Franzi: Könnt ihr denn schon verraten, wann das Album erscheint? Oder noch ein paar kleine Hints auf weitere Singles geben?

    Hannes: Das kommende und dritte Album wird im Frühjahr 2022 erscheinen. Vorab wird es noch weitere Singles geben, auf die wir uns schon jetzt sehr freuen. Mehr Details wollen wir vorerst noch nicht verraten. Und wenn die aktuelle Situation es erlaubt, wollen wir natürlich wieder live dazu spielen.

    Franzi: Die erste Singleauskopplung „Café Miami“, die ihr dieses Jahr veröffentlicht habt, ist eine Art Liebeserklärung an die Lieblingsbar. Dabei schwingen viel Nostalgie und Erinnerungen mit, gerade nach diesen zwei Jahren. Ihr habt zu der Single auf eurem Social Media Kanal, sowie eurer Website, eine Fotoreihe und kleine Vorstellungsvideos geteilt, in denen verschiedene Bars und Kneipen vorgestellt werden. Worauf wolltet ihr damit aufmerksam machen? Und wieso genau diese sechs Kneipen?

    Hannes: Das “Café Miami” ist eher als Prototyp zu verstehen. Jeder von uns hat doch seine Eck- oder Stammkneipe, der Ort, an dem man sich immer wieder mit Freund*innen trifft, an dem man die Bedienung kennt, andere Gäste, der Ort, an dem man immer ins Gespräch kommt, wie ein zweites Wohnzimmer. Und uns fehlen pandemiebedingt diese Orte, welche eine bedeutende soziale Aufgabe erfüllen. Durch Corona sind sie geschlossen. Und zu diesen Orten gehören eben die Menschen, die sie betreiben und bewirtschaften, ihnen wollten wir einmal eine Stimme und die Aufmerksamkeit geben.

    Franzi: Ihr sprecht durch diese Aktion auch aktuelle Umstände in der Kulturbranche und die Auswirkungen der Pandemie an. Findet ihr Bands und Musiker:innen sollten ihre Reichweite mehr für kulturelle und kulturpolitische Themen nutzen?

    Hannes: Uns ist es immer wichtig, Themen die uns am Herzen liegen, auch in unseren Songs, Videos und Aktionen anzusprechen bzw. unsere Aufmerksamkeit zu nutzen. Man hat durch die Musik besondere Möglichkeiten und einen künstlerischen Weg, Dinge anzusprechen, wie wir es bei „Café Miami“ zum Beispiel gemacht haben.

    Und natürlich ist es gut, wenn Künstler*Innen Ihre Reichweite und den Einfluss nutzen, um auf gewisse Themen aufmerksam zu machen. Gerade jetzt in der Pandemie wurden viele in der Kulturindustrie vergessen. Es sind ja nicht nur die Menschen auf der Bühne, sondern sehr viele Beteiligte, durch die das überhaupt alles möglich wird: Licht- und Tontechnik, Booking, Management, Veranstalter*Innen usw. Jene wurden in vielen Hilfsprogrammen einfach übergangen oder vergessen und hatten nicht die Möglichkeit, sich groß Gehör zu verschaffen. Deshalb hat sich ja auch das Bündnis Alarmstufe Rot gegründet. Da war es wichtig, dass bekannte und reichweitenstarke Musiker*Innen Stellung bezogen. Und bei Themen wie Rassismus und Ausgrenzung ist es noch wichtiger!

    Trotzdem sollte man auch nicht jede/n kritisieren, der/ die nicht in jedem zweiten Song oder bei jedem Konzert nur politische Ansagen macht. Musik ist in erster Linie ein Gefühl, Denkanstoß und eine Emotion, die man teilt. Und das sollte es auch bleiben. Positionieren, Einbringen und die Stimme erheben, gehören dazu, aber das beginnt schon im Kleinen und Alltäglichen.

    Franzi: Euer drittes Album wird durch die Initiative Musik und Neustart Kultur gefördert. Wie findet ihr die Entwicklung von Kulturförderung der letzten Jahre? Sollte da im Bereich Pop Musik (auch im Vergleich zu klassischer Musik) noch mehr getan werden?

    Hannes: U.a. die Initiative Musik und das Musicboard haben schon vor der Pandemie viele Künstler*Innen unterstützt und können dies Dank der BKM Hilfe in der letzten Zeit noch einmal deutlich stärker. Wir freuen uns riesig, dass wir diesmal auch dabei sind, denn ohne diese Förderung wäre es nach einem Jahr ohne Konzerte deutlich schwieriger geworden. Auch die Music Commission hat ja viele Programme, wie zum Beispiel die Listen to Berlin Compilation, die uns zwar nicht finanziell geholfen hat, aber uns und anderen eine Plattform und letztlich eine Bühne gaben, in einer Zeit, in der wir sonst nicht spielen konnten. Darüber hinaus sind wir dabei mit unserem Song “Karlshorst” in die Rotation bei RadioEins gekommen und konnten so neue Zuhörer*innen gewinnen. 

    Wenn man wirklich eine tolle und vielfältige Indie- und Pop-Szene haben möchte, braucht es Fördertöpfe, um es Künstler*innen und kleineren Labels überhaupt zu ermöglichen, Musik zu machen und zu veröffentlichen. Und dann braucht es natürlich auch Plattformen dafür. Zum Einen das immer noch und überaus wichtige Radio, zum Anderen sind Live Auftritte nach wie vor das A und O für jede Musikerin und jeden Musiker. Nur dort lernt man neue Leute und Zuhörer*Innen kennen und nur da kann man sich wirklich richtig präsentieren. Das heißt im Umkehrschluss, dass auch viel mehr Unterstützung an Veranstalter*innen und Festivals gehen muss. Jene, die nicht von großen Marken gesponsert werden, sondern die sich darum kümmern, ein vielfältiges Programm auf die Beine zu stellen. Das Immergut Festival oder das Mayfeld Derby haben zum Beispiel eine grandiose Musikauswahl und haben schon viele Bands entdeckt, bevor sie groß waren. Das ist ein grundlegender Beitrag zu und für unsere Musiklandschaft. Aber das sind eben auch Festivals, die kaum etwas verdienen und mit sehr viel Zeit und ehrenamtlichem Engagement das Ganze umsetzen. Deshalb braucht es auch in diesem Bereich viel Unterstützung, um noch mehr zu bewirken. Es ist also einiges passiert und es gibt bereits viele gute Unterstützungsmöglichkeiten, aber es bedarf noch einiges an Arbeit.

    Franzi: „Café Miami“ ist ja nicht der erste Song, der einer Bar gewidmet ist. Auf eurem ersten Album „Irgendwas mit Liebe“ habt ihr den Song „Danke Kim“, in dem es um die KIM-Bar in Berlin geht. Spielen eure Lieblingsbars in eurer Bandgeschichte eine zentrale Rolle? Ist das so eine Art Inspirationsort für euch?

    Hannes: Die KimBar war damals unser zweites zu Hause. Wir haben uns dort oft und viel mit Freund*innen getroffen und schließlich am 16.01.2014 auch unser erstes SIND Konzert gespielt. Damals sind in der KimBar darüber hinaus auch viele Texte meines Gedichtbandes entstanden, welche dann zur Inspiration bzw. Vorlage für einige Texte von uns wurden.

    Generell sind Bars immer ein Bestandteil unseres Lebens, weil man dort auf neue Menschen und Geschichten trifft, sich selber auch mal die Zeit nimmt, einfach nur zu erzählen, mal runter- oder auch entsprechend hochzufahren.

    Franzi: Neben Bars greift ihr auch oft andere gesellschaftliche Themen auf. Wie z.B. in dem zweiten Song „Deine Likes“ des kommenden Albums redet ihr über Social Media. Dabei merkt ihr einige Punkte kritisch an. Was haltet ihr also persönlich von Social Media? Nutzt ihr das auch im privaten Bereich oder eher nur zu Band-Zwecken?

    Hannes: Das Thema Social Media ist ja durch das vergangene Jahr noch einmal mehr in den Fokus gerückt bzw. sind wir alle mehr in die durch die Isolation bedingte Abhängigkeit gerutscht. Zum Einen ist da die Sehnsucht nach anderen Eindrücken und Geschichten außerhalb der eigenen vier Wände. Und zum Anderen die Möglichkeit zu schauen, wie es Freund*innen aber auch anderen Leuten geht und was sie so treiben. Und teilweise geht das eben auch zu weit. Der Drang sich zu präsentieren und darzustellen, entfremdet dann doch so manche menschliche Beziehung, was schade ist. Und deshalb taucht dieses Thema ab und zu in unseren Songs auf. Wir selber nutzen das natürlich auch, hauptsächlich jedoch zu Bandzwecken, privat sind wir nicht ganz so aktiv und suchen da lieber das Zwischenmenschliche, verbunden mit einem Kaltgetränk. Umso mehr freuen wir uns, dass wir jetzt wieder ein paar Konzerte spielen, neue Menschen kennenlernen und alte Freund*Innen wiedersehen können. Darum geht es ja am Ende.

    Franzi: Ich finde, in eurem Song kommt der Wandel vieler Social Media Plattformen auf den Punkt: angefangen bei einem Weg mit Freunden und Bekannten in Verbindung zu bleiben, hin zu einem weiteren Kanal durch den man immer mehr mit Werbung, Promolinks und Produkten überschwemmt wird. Ist das mehr Fluch als Segen, auch wenn man sich selbst in diesem Hamsterrad befindet?

    Hannes: Gute Frage, als Band ist man natürlich stark darauf angewiesen, weil die sozialen Medien eine der wenigen Möglichkeiten sind, Musik und Inhalte zu teilen und zu verbreiten. Besonders wenn keine Konzerte möglich sind und man als Band in den sonstigen Medien nicht allgegenwärtig ist. Auf der anderen Seite sind diese Kanäle mittlerweile überfüllt, manchmal mit tollen, geistreichen oder lustigen Inhalten, meist aber leider doch einfach nur mit Werbung und Quatsch. Es ist also schwer, sich da durchzusetzen und Menschen zu erreichen, dennoch überwiegt für uns aktuell die Möglichkeit, mit Leuten direkt und persönlich in Kontakt zu kommen und das was wir machen und lieben, unsere Musik, weiter zu teilen.

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    Franzi: Aber um nicht ganz pessimistisch zu sein: Social Media hat natürlich auch Vorteile, gerade für Bands was die Interaktion mit Fans angeht. Wie seht ihr das? Macht euch das Spaß, oder seht ihr das eher als weiteren Punkt auf euren to do Listen?

    Hannes: Das ist eine der wirklich guten Seiten der sozialen Medien, das man direkt mit den Zuhörer*Innen in Kontakt treten kann bzw. sie mit uns. Man bekommt direktes Feedback und kann sich austauschen. Auch die Möglichkeit Inhalte mit seinen Freund*Innen zu teilen und Künstler*Innen auf direktem Wege zu unterstützen. Auch wir bleiben so mit anderen Bands und Wegbegleiter*Innen in Kontakt, die man jetzt nicht allzu oft sieht.

    Beim Posten selber haben wir uns in den letzten Jahren etwas schwerer getan. Vorher gab es immer Konzerte oder andere Neuigkeiten, die man teilen konnte. Durch Corona ist Vieles deutlich ruhiger geworden, auch das posten. Man muss nichts erzwingen, aber so langsam nimmt das Ganze wieder Fahrt auf.

    Franzi: Die letzte Frage ist bei uns immer ein kleiner freier Platz für eine Untold Story. Hast du/habt ihr eine Geschichte, Anekdote oder einen Fun Fact, den ihr noch nie erzählt habt, aber das an dieser Stelle mit der Welt teilen wollt?

    Hannes: Ja, da gibt es eine sehr schöne Geschichte, die auch ganz gut zum Thema „Deine Likes“ und Social Media passt. Wer uns in den letzten Jahren mal live gesehen hat, weiß, dass wir auf Konzerten oft Più Bella Cosa von Eros Ramazzotti gecovert haben. Das waren damals meine ersten Versuche am Mikrofon auf der Bühne. Auf dem zweiten Album, bei Trockeneis, haben wir dann auch eine kleine Hommage an ihn und diese Zeit eingebaut.

    Nachdem wir aber diesen Song 2018 ungefähr 50 mal gespielt hatten, spielten wir ihn bis dato zum letzten Mal im Dezember 2018 in Wien bei einem Konzert zusammen mit Flut. Und eine Dame aus dem Publikum hat diesen Auftritt gefilmt und Eros Ramazzotti bei Instagram verlinkt und Eros hat es geliked und einen Daumen hoch zurück geschickt. Da war die Freude dementsprechend groß, wir haben das einfach Mal als einen musikalischen Ritterschlag vom Schnulzenkönig verstanden. Musikalisch hatten wir ab diesem Punkt also alles erreicht. Was jetzt kommt, ist die Zugabe. 😀

    Wer auf andere Coverversionen und musikalische Ritterschläge spekuliert, sollte sich auf jeden Fall überlegen bei den zwei Auftritten von SIND bei den Acoustic Concerts vorbei zu schauen. Alle Termine gibt’s hier.

  • Trunky Juno, seine neue EP „Good Dog“ und strittige Pizzatoppings

    Trunky Juno, seine neue EP „Good Dog“ und strittige Pizzatoppings

    Etwas Slacker-Bedroom-Pop aus Nordost-England gefällig? Dann seid ihr mit der neuen EP Good Dog von Trunky Juno sehr gut bedient! Dass sein Lieblingstier der treue beste Freund des Menschen ist, hätte man schon erahnen können. Denn alle seine Cover-Artworks bilden einen der Vierbeiner ab. Nur logisch, dass auch er selbst den Hunden im Gegenzug treu bleibt und neben den Single Artworks auch seine zweite EP nach diesen Good Dogs benennt.

    Dabei geht es thematisch nicht wirklich um die felligen Freunde, sondern vielmehr um das Anderssein, merkwürdige soziale Interaktionen und kontroverse Pizzabeläge. Und das alle umhüllt in catchy Melodien, die nach leichten und unbeschwerten Tagen klingen. Also wie gemacht für diese Jahreszeit!


    Tropes in pop culture

    Mit dem ersten Song der EP greift Trunky Juno eine altbekannte Phrase in der Popkultur auf. Daddy’s Gone For Cigarettes beschreibt die Idee einfach aus dem eigenen Leben auszubrechen. Seine sieben Sachen (und natürlich den Hund) einzupacken, zu sagen, man geht kurz Zigaretten kaufen – und dann nie wieder zurückzukommen. Das Motiv dahinter ist wahrscheinlich einfach der Wunsch nach Freiheit und keine Verantwortungen tragen zu müssen.


    „Daddy kissed your head
    gone for cigarettes
    took the dog instead
    never coming back.“


    Dabei habe ich mich gefragt, woher diese Redewendung eigentlich kommt. Nach einer nicht all zu langen Internetsuche bin ich auf ein irgendwie unbefriedigendes Ergebnis gestoßen: Es muss wohl einfach wirklich oft im echten Leben passiert sein. Väter sagten, sie würden nur kurz zum Zigarettenkaufen rausgehen (Zigaretten spezifisch, weil Männer damals natürlich keine Lebensmittel einkaufen gegangen wären 🤡) und so wurde dieses Narrativ über Generationen hinweg weitergetragen. Aber eigentlich auch total interessant, dass es dieses Bild immer noch gibt.

    Etwas ruhiger und verträumter klingt der zweite Song Favourite Show, der auch einen kleinen nostalgischen Vibe durch die Synthies vermittelt. Trunky Juno sagt selbst über den Song: „From a songwriting perspective it’s definitely the most poppy song I’ve done, but it also still remains very Trunky at its core.“


    It’s ok to be a weirdo

    In der drittel Singleauskopplung erzählt Trunky Juno dann eine Geschichte, die nach einer halben Ewigkeit Lockdown und Social Distancing sicherlich jeder und jedem in der ein oder anderen Form bekannt vorkommen wird. Diese – wenn auch kurzen – merkwürdigen Momente in sozialen Interaktionen, wenn man nicht richtig weiß, wie man sich verhalten soll oder eben auch nicht verhalten soll. Also ich habe das inzwischen doch schon einige Male erlebt. Trunky Juno will damit die Perspektive einer Person aufzeigen, die ihr Bestes gibt, um nicht komisch rüberzukommen, es dann aber doch irgendwie tut.  

    Apropos „it’s ok to be a weirdo“ – Hawaiipizza ist ja auch so ein viel diskutiertes Thema. Spaß beiseite, natürlich darf jede:r essen was sie oder er will. Ich persönlich hege jetzt auch keine so abgrundtiefe Abscheu gegen Ananas als Pizzabelag, aber würde selbst dann doch eher ein anderes Topping wählen. Naja, zurück zu den wichtigen Dingen: Die Musik. In seinem Track Hawaiian Pizza geht es um die Zweisamkeit, den eigenen Happy Place und die Unbeschwertheit – und natürlich um die Hawaii-Pizza im Ofen. Außerdem ist es der letzte Track der EP, der noch nicht im Vorfeld als Singlerelease veröffentlicht wurde.

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  • Playlist: stuck in a daydream

    Playlist: stuck in a daydream

    Es ist Ende Mai, der Flieder blüht und der Sommer fängt so langsam an! Auch wenn das Wetter der letzten Woche das nicht so ganz vermuten lässt, heißt das ja nicht, dass wir uns nicht mental auf sonnigere Tage einstellen können. Und wenn ihr mich fragt, kann man das ziemlich gut mit einem dreampoppigen Soundtrack, der einen zumindest von warmen Sommertagen träumen lässt. Deshalb habe ich mein Bestes gegeben und meine Playlist mit rund 400 Tracks (no joke) durchforstet, um für Euch die – meiner Meinung nach – crème de la crème an Songs mit dreamy Vibes rauszusuchen. Hier ist für Euch: stuck in a daydream.

    Die Songs klingen mal etwas mehr nach Indie-Pop, mal haben sie etwas atmosphärischere Klänge mit hallendem Gesang, Gitarren und Synthie-Sounds oder auch mal mit einem melancholischen Unterton. Aber was sie alle gemeinsam haben ist, dass sie in mir zumindest ein warmes Gefühl auslösen.

    Defining a sound

    Man kann wohl keine Dreampop Playlist machen, ohne einen Song von Beach House darin aufzunehmen. Das Duo aus Baltimore haben den Sound von Dreampop ab 2006 nachhaltig geprägt, denn sie klingen ganz anders als die Dream Pop und Shoegaze Bands der 80er und 90er (wie my bloody valentine, Lush oder Cocteau Twins). Dennoch sind sie quasi zum Synonym für dieses Musikgenre geworden. Aber genug von Schubladen und Genres. Was den Sound von Beach House ausmacht ist vor allem der Vibe: viel Hall auf der eher zurückhaltenden Stimme, etwas melancholisch, aber nicht zu schwer, sondern eher bittersweet.

    peach tinted

    Zu diesem Sound lassen sich noch einige andere Bands zählen wie Men I Trust, Alvvays, peach tinted, Balue, GRAZER, Arverne, Turnover, Yot Club und noch so viele mehr. Außerdem gehört auch mein persönlicher absoluter all time favourite Song dazu: What Once Was von Her’s (rest in peace). Als ich den Song von Stephen Fitzpatrick und Audun Laading das erste Mal gehört habe, und vor allem die Melodie der Gitarre, war es um mich geschehen.

    Leider sind die beiden und deren Tourmanager viel zu früh durch einen Autounfall während ihrer USA Tour aus dem Leben gerissen worden. Deswegen lege ich es Jedem und Jeder ans Herz sich zumindest diesen Song anzuhören. Große Empfehlung hier auch das Video von deren Liveauftritt bei Paste Studios – ich meine, man kann förmlich sehen, wie sehr die beiden (aber vor allem Audun am Bass) die Musik fühlen.

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    Eine Prise melancholischer finde ich die Songs von Fellini Félin, Small Forward, Sky Days, No Vacation, Elvis Depressedly und Youth Lagoon. Etwas aus dem Raster ihrer sonstigen good Vibes Songs fällt der Track Clowns der Regensburger Band Some Sprouts, die normalerweise noch etwas mehr nach Indie Pop klingen. Trotzdem finde ich, dass Clowns ganz gut in diese Playlist passt, weil er so ein bisschen sehnsüchtig klingt.

    Worth to hear: supporting newcomer

    Um vor allem noch ein paar Bands und Musiker:innen zu unterstützen, die noch nicht allzu bekannt sind, hab ich Euch hier ein paar rausgesucht, die ihr unbedingt weiter verfolgen solltet. Fangen wir mit zwei Musikern an, die bis jetzt erst jeweils einen Song veröffentlicht haben: Niall Mutter mit You, ein grooviges Liebeslied, und Sky Days mit How It Started, etwas mehr laidback und mit tiefer Stimme. Ich bin sehr gespannt was da noch kommen wird!

    Eine weitere Künstlerin, die auch schon in unserer women rising up-Playlist auftaucht, ist die Berlinerin Ava Vegas. Letzte Jahr veröffentlichte sie ihr Debüt-Album mit einem sehr nostalgischen Sound. Außerdem kann ich Euch empfehlen in die Diskografie der Bands Pure Mids, Ultracrush, Jack Hisatomi und syrup, go on reinzuhören.

    Der Musiker mit den wenigsten monatlichen Hörer:innen (54 um genau zu sein) in der Liste ist Kyoto Airbus mit seinem Song Chinese Cartoons. Der aus Puerto Rico stammende Musiker Esteban González möchte sich keinem Genre zuordnen, aber ich finde der Song hat mit seinen leichten Gitarrenklängen und seiner hallenden, aber sehr ruhigen Stimme auf jeden Fall einen Platz auf dieser Playlist verdient.

    Female voices to the front

    Mit dieser Playlist will ich nicht nur kleineren Bands und Musiker:innen Aufmerksamkeit schenken, sondern vor allem auch die weiblichen Stimmen besonders hervorheben. Deswegen habe ich darauf geachtet, dass die Hälfte der in der Liste stattfindenden Bands eine Sängerin oder zumindest auch ein weibliches Bandmitglied haben. Dennoch möchte ich nochmal gesondert auf einige sehr hörenswerte Musikerinnen eingehen, die wundervoll in den dreamy Vibe dieser Playlist passen. Dazu gehören unter anderem Rosemary Fairweather, Cults, Soniah Gadhia, Yumi Zouma, Hobby Club, Beast Coast, Melody’s Echo Chamber und Hazel English.

    The Marías

    Etwas mehr 60s psychedelic Rock Vibes bekommt ihr mit dem Song Angel Eyes von Habibi oder mit dem Track Only in My Dreams von The Marías. Für ein paar Tracks, die wieder mehr in die Indiepop-Richtung gehen, ist mit Car Crash in G Major von fanclubwallet und The Basement von Lunar Vacation gesorgt. Wer beim Stichwort dreamy Gitarren auf keinen Fall fehlen darf ist Alice Phoebe Lou mit ihrem Song She. Ihr neustes Album, das dieses Frühjahr erschienen ist, ist zwar etwas weniger dreampoppig, sondern mehr croonig, aber ihre älteren Songs lassen mich zumindest tagträumen.

    Ich hoffe sehr Ihr könnt Euch beim Anhören dieser Playlist genauso in Tagträumereien verlieren und bekommt dabei auch so ein wohlig warmes Gefühl wie ich.

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  • Nostalgische 80s Synths in Dayglow’s „Harmony House“

    Nostalgische 80s Synths in Dayglow’s „Harmony House“

    Retro Klänge und Synthies aus den 80ern feiern nicht erst seit gestern ein großes Comeback! Dass die Popkultur gerne Sounds und Styles vergangener Jahrzehnte ausgräbt ist auch kein Geheimnis. Das konnte man im letzten Jahr beispielsweise schon am Album Future Nostalgia von Dua Lipa sehen, aber auch auf dem neuen Dayglow-Album Harmony House finden sich vieeele viele 80er Jahre Synths-Sounds mit einem modernen Anstich. Und was soll ich sagen: it’s a vibe!

    Mit seinem Debüt Album Fuzzybrain hat Sloan Strube, der hinter dem Namen Dayglow steckt, es sich zum Ziel gemacht gute Laune und Glücksgefühle mit seiner Musik zu verbreiten. Und genau da knüpft er auch mit Harmony House an. Mit warmen Synths, super catchigen Melodien und groovigen Bässen kann man nur schwer stillhalten oder Trübsal blasen.


    The 80s called, they want their synths back
    Dayglow Harmony House Cover

    Ja dieser Joke musste kommen, verzeiht. Vor allem die erste Hälfte des Albums ist gespickt mit 80s Vibes. Mit dem Eröffnungstrack Something lädt uns Dayglow in sein Harmony House ein und versprüht damit eine erste kurze Ladung gute Laune. Hört ihr die Melodie ab 00:45 min., die so ein bisschen gepfiffen aber auch ein bisschen flötenartig klingt? Prägt euch die mal lieber ein!

    Thematisch besingt Dayglow Themen rund um die Anziehung zwischen zwei Menschen. Nicht in chronologischer Reihenfolge und auch nicht auf jedem Song des Albums, aber dennoch lassen sich von den ersten Blicken bis zum Ende einer Beziehung einige Stadien einer Beziehung in verschiedenen Songs wiederfinden. In Close To You geht es um die elektrische Spannung zwischen zwei Menschen, die sich auf einer Party sehen, aber niemals richtig Hallo sagen. Man malt sich Szenarien in seiner eigenen Fantasie aus, die so aber nie stattfinden.

    In Crying on the Dancefloor habe ich sofort diese Abschlussball Szene eines Coming Of Age Films im Kopf. In diesem Song geht es um das Ende einer Beziehung.


    „I thought that I could keep myself together,
    but I fall apart when you walk through the door.
    And now my eyes are looking like the weather,
    now I’m crying on the dancefloor.“


    Ich glaube diesen Moment hat auch jeder schonmal durchgemacht. Wenn man denkt man hat das schlimmste überstanden, aber nur ein kurzer Augenblick, in dem man die andere Person sieht, lässt alles wieder hochsprudeln.

    Harmony House‚ is about dealing with change and realizing that change is ok, that everything changes and it doesn’t have to be overwhelming“, wie Sloan selbst zum Album sagt. Besonders in dem Track Woah Man geht es um das Loslassen, damit man selbst wachsen kann. Anfangs sollte der Song für einen Freund von Sloan sein, der eine schwere Phase durchmachte. Im Nachhinein merkte er, dass der Song sehr viel mehr um ihn selbst geht, als er das anfangs intendiert hatte.


    Bedroom Pop at its finest

    Auf seinem Instagram Kanal hat Dayglow ein Snipped von den ersten Instrumentals des Songs Close To You geteilt. Das hat er angefangen zu schreiben, als er im Sommer 2019 Zuhause war – in dem selben Zimmer wo auch Fuzzybrain entstanden ist. Damit wird einiges klar: Dayglow ist wohl König des Bedroom Pops. Nicht nur, dass er sich selbst beigebracht hat Gitarre, Bass, Drums und Keyboard zu spielen, sondern auch wie man Songs produziert und mixt. Kleiner Content-Tipp für Menschen, die sich für Musikproduktion interessieren: Auf seinem YouTube-Kanal hat er einige Videos, in denen er erklärt wie einige seiner Songs entstanden sind. Unter anderem auch eines zu seiner ersten Single Auskopplung Close To You.

    Man merkt gleich wie viel Freude es Sloan macht über Musik zu sprechen, denn wie er selbst im Video sagt: „This is all i ever think about“. Er erklärt Stück für Stück wie er welchen Teil des Songs gebastelt hat. Damit der Song (und wahrscheinlich auch der Rest des Albums) so authentisch wie möglich nach 80er Jahren klingt, benutzt er zum Beispiel wirklich Synthesizer, die aus den 80er Jahren stammen. Denn ihm zufolge sind die Synths-Sounds der Ort, wo die Magie des Songs wirklich sitzt. Der Part der mich ein bisschen zum Schmunzeln gebracht hat ist, als er erzählt, dass der Song eigentlich als Duett gedacht war, aber er eine introvertierte Person ist und deshalb der Song ein Duett mit ihm selbst wurde – wobei ich jetzt wirklich gerne eine Version als „richtiges“ Duett hören würde.

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    In meinem Kopf war wieder diese Melodie, nanana

    Ihr wisst noch, die Melodie vom ersten Song Something? Wenn ihr das Album komplett durchhört, werdet ihr dieser Melodie noch ein paar Mal begegnen. In Into Blue taucht sie gegen Ende des Tracks ab 02:40 min. wieder auf, diesmal etwas langsamer und mit der E-Gitarre. Gleich im nächsten Song Moving Out findet ihr sie wiederum mit einem pfeifenden Synthie-Sound (ab 02:16 min.), aber auf eine andere Art als beim ersten Song des Albums. Und zu guter Letzt kommen wir zum vierten Song, in dem diese Melodie wieder zu finden ist. Als wunderschön runder Abschluss muss sie natürlich auf dem letzten Track der Platte sein. Auf Like Ivy wird die Melodie nicht nur durch Instrumente, sondern diesmal auch durch die Stimme interpretiert (ab 01:10 min.).

    Habt ihr die Melodie noch an anderen Stellen auf dem Album entdeckt? Ich persönlich liebe es ja, wenn so kleine Easter Eggs versteckt sind und wenn sich Muster, Melodien oder andere Dinge wiederholen, weil es die Songs auf einem Album auf eine Art mit einander verbindet. Und eins ist klar: Wenn euch das einmal aufgefallen ist, könnt ihr das gar nicht mehr überhören und habt nebenbei auch einen Ohrwurm für den Rest der Woche.

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    Fotocredit: Pooneh Ghana

  • Alice Phoebe Lou mit „Glow“: So viel Herz in zwölf Songs

    Alice Phoebe Lou mit „Glow“: So viel Herz in zwölf Songs

    Wenn dieses Album ein Motto hätte, dann wäre das bestimmt irgendwas in die Richtung „Herzschmerz vom Feinsten“. Alice Phoebe Lou scheut keine großen Gefühle und packt ihr drittes Album Glow voll damit!

    Gleich die ersten vier Zeilen des Songs Only When I, den wir als erstes zu hören bekommen, sprechen Bände:


    „You didn’t teach me,
    I taught myself through you,
    You didn’t heal me, but I healed from the things that you do“  


    Eine Trennung zu verarbeiten ist nie einfach und für jeden anders. Es ist ein Prozess, geprägt von Ups und Downs, Phasen, an denen es einem wieder ganz gut geht, in denen man denkt man hätte das Gröbste überstanden, worauf Phasen folgen, an denen doch wieder alles hochkommt. Und ich glaube jeder war schon mal in seinem Leben an diesem Punkt, um solche Herzensangelegenheiten nachvollziehen zu können. Genau diese Ups and Downs sind auch auf dem Album wiederzufinden. In dem Song Glow singt Alice „I’m glowing from inside“, nur um zwei Songs weiter in Mother’s Eyes doch zu einer anderen Einsicht zu kommen: „Loving you’s the cure and the crime“; Wobei sich beides natürlich nicht gegenseitig ausschließen muss.


    Die Mischung machts

    Die sanfte Stimme und der verträumte Sound klingen ein bisschen melancholisch, aber nicht traurig. Eher schwermütig und das mit jedem weiteren Song ein bisschen mehr. Im Englischen gibt es dieses schöne Adjektiv: bittersweet. Eine Mischung aus Traurigkeit und Glück. Und das beschreibt dieses Album meiner Meinung nach am besten. Vielleicht ist es auch das Glück wenn man eine schwere Phasen überstanden hat. Wenn man seine Wunden geleckt hat und wieder zu neuer Kraft kommt.

    Alice-Phoebe-Lou-Glow-LP-Cover-

    Dass dieses ganze letzte Jahr auch nicht spurlos an Alice vorbei gegangen ist, merkt man durch die Themen der Songs deutlich. Sie sagt selbst, dass sie nach einem Jahr um die Welt touren auf einmal auf sich gestellt war und noch nie so viel Zeit alleine verbracht hat. Sie war quasi gezwungen sich mit sich selbst und ihren Gefühlen auseinander zu setzten und diese Songs kamen direkt aus ihrem Herzen herausgesprudelt.

    Einsamkeit ist ein großes Thema auf dem Album. Was nicht verwunderlich ist, wenn man bedenkt, dass wir alle wegen der aktuellen Situation einfach viel in unseren vier Wänden verbringen. Auch Alice Phoebe Lou hat viel Zeit damit verbracht zu grübeln, sich ihrer Gefühle bewusst zu werden und sie zu verarbeiten.


    „I’m sitting in the corner of my mind,
    I don’t mean to sit here so much of the time.


    Ein Song sticht unter den Liebesliedern heraus: In Dirty Mouth singt sie über sexuelle Belästigung, KO-Tropfen und wie ihr Kerle ungewollt zu nah kommen und übergriffig werden. Bei Zeilen wie „my body fell asleep when they took it away from me“ läuft es mir ein bisschen kalt den Rücken runter. Aber umso wichtiger, dass Alice es thematisiert in ihrem Song! In dem dazugehörigen Musikvideo tanz sie sich quasi von den Erfahrungen frei und singt „don’t touch me, don’t even look at me“.

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    Alte Mikrofone und crooniger Gesang

    Vor allem der neunte Song Lover // Over the Moon des Albums ist mein persönlicher Favorit. Irgendwie gibt er mir ein bisschen „la vie en rose“-Vibes. Aber eigentlich gibt mir das ganze Album dieses Gefühl von Wärme, gepaart mit einer gewissen Schwere. Wie ein schwarz-weißes Melodrama. Vielleicht haben das so croonige Stücke auch einfach an sich. Vielleicht liegt es auch an der analogen Aufnahme Technik, die Alice Phoebe Lou und ihr Produzent Dave Parry genutzt haben. Eigentlich sollte das Album in Kanada aufgenommen werden, bevor die Pandemie den beiden einen Strich durch die Rechnung gemacht hat. Nichtsdestotrotz ist Dave nach Deutschland geflogen und sie haben für die Aufnahme von Glow die ältesten Mikrofone, Verstärker und Gitarren ausfindig gemacht. Das macht den Sound des ganzen Albums so authentisch.

    Auch wenn sich die Songs musikalisch nicht allzu sehr voneinander unterscheiden, ist das Album als gesamtes Werk wirklich schön und voller Gefühle. Die Gitarren und Synthesizer Sounds und vor allem die analoge Aufnahmetechnik betonen das nochmal zusätzlich. Ich kann euch Glow nur ans Herz legen, im wahrsten Sinne des Wortes. Je öfter man sich das Album anhört, desto schöner wird es. Egal ob man akuten Herzschmerz hat oder an einem moody Tag einfach Alices sanfter Stimme lauschen möchte.

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  • Zimmer90 mit ihrer Single „Baby“ (Frühlingsgefühle inklusive)

    Zimmer90 mit ihrer Single „Baby“ (Frühlingsgefühle inklusive)

    Darf ich euch Zimmer90 vorstellen? Das sind Joscha, Michi und Finn aus Stuttgart. Für die einen oder anderen, die sich in der deutschen Indie-Musiklandschaft zuhause fühlen, sind sie vielleicht schon kein Geheimtipp mehr, aber die drei haben auf jeden fall noch mehr Aufmerksamkeit verdient. Mit ihrem Indie-Electropop, wie sie es selbst betiteln, reihen sich die Jungs perfekt zu Bands wie Rikas, Shelter Boy oder Cinemagraph ein. Nicht umsonst findet man genau diese Bands auf der Spotify-Seite von Zimmer90 unter „Was anderen Fans gefällt“.


    Ein bisschen Feelgood-Indie zum Mitnehmen, bitte
    Zimmer90_2_(c)@mariopixic

    Das Trio hat sich bereits einen kleinen Namen in der Stuttgarter Gegend erspielt. 2020 haben sie sich dazu entschieden, ihre Musik auch mit dem Rest der Welt zu teilen – zum Glück! Ihr Song „Baby“ ist seit einer Woche in meinem Kopf stecken geblieben, vor allem die melodischen Synthies und Joscha, wie er „Baby, tell me, why i need your love, why i need your loooove“ singt. Je öfter ich den Song höre, desto lieber mag ich ihn. Er klingt nach einer Cabriofahrt am ersten richtig warmen Tag im Frühling, nach „das ersten mal Eis essen“ im Jahr. Nach der Slowdance-Szene auf dem Abschlussball eines Coming of Age-Film, ein bisschen kitschig, aber so schön! Oder nach „im Park liegen, in den Himmel schauen und vor sich hinträumen“.


    Gibt es eine rosarote Brille für die Ohren?

    Beim Schreiben kommt mir die Frage, ob es eigentlich ein Pendant zur rosaroten Brille, bloß für die Ohren, gibt? Wenn ja, hab ich wahrscheinlich genau das!

    Auch wenn der Sound super leicht und verträumt klingt, ist der Text dann doch eine Spur nachdenklicher und zweifelnder. Es werden Fragen aufgeworfen, wieso man eigentlich genau die Liebe des Gegenüber braucht oder wieso man so sehr daran festhält. Aber im Endeffekt kommt die richtige Erkenntnis:


    „All we know, all we know:
    love is nothing we should hide“


    Mit der Aussage bin ich ganz bei den drei Jungs von Zimmer90. Gerade jetzt sollten wir, glaube ich, versuchen noch ein bisschen mehr unsere Liebe zu zeigen und die positiven Dinge irgendwie zu betonen, so gut es eben geht. So wie ich hier mit meinem kleinen Liebesbrief an diesen Song.

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    Fotos: Mario Simic

  • Fangirls: the real player in the game

    Das typische Stigma, das Fangirls anhaftet, ist das der weiblichen Teenager, die schon Stunden bevor das Konzert losgeht, vor der Venue warten. Die vor Freude kreischen, sobald sie ihr Idol vorbeihuschen sehen. Sie werden zu oft als hysterisch und überemotional beschrieben und nicht ernstgenommen. Aber neben all der Euphorie, die diese Mädchen ausstrahlen, sind sie viel mehr als „nur“ Fangirls: Sie sind Supporterinnen*, Promoterinnen* und vor allem Expertinnen* auf ihrem Gebiet.

    Also warum werden Fangirls auch heute noch belächelt? Wieso sollte man jungen Mädchen das Gefühl geben, dass sie sich für das schämen sollten, was ihnen doch offensichtlich so wichtig ist?


    The Groupie and the Band

    Das Phänomen Fangirl oder Groupie ist sicherlich keine Neuheit. Ende des 19. Jahrhunderts löste der Pianist Franz Liszt die erste „Manie“ bei seinem Publikum aus. Was später als Lisztomania betitelt wurde, sollte beschreiben, warum vor allem sein weibliches Publikum während seiner Auftritte wohl völlig verrücktspielte. Auch die französische Band Phoenix ging diesem Phänomen rund um den berühmten Pianisten in ihrem Song „Listzomania“ von dem Album „Wolfang Amadeus Phoenix“ (2009) und dem dazugehörigen Musikvideo nach.

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    Das sollte aber bei weitem nicht die erste und einzige Manie bleiben, die sich um einen Popstar dreht. So hatten Frank Sinatra und Elvis Presley eine enorm große Anhängerschaft von jungen Frauen. Die Beatles lösten eine Beatlemania aus und Boybands wie The Backstreet Boys, *NSYNC und OneDirection sind quasi dafür gemacht, junge Mädchen als Zielgruppe anzusprechen. Auch Solokünstler wie Justin Bieber oder Harry Styles können auf eine überwiegend weibliche Fanbase stolz sein, genauso wie eine Beyoncé, Rihanna, Taylor Swift oder Lady Gaga.

    Als in den 1960er Jahren mit dem Aufkommen der Popkultur und der sexuellen Revolution der Begriff Groupie populär wurde, waren damit vor allem die weiblichen Fans gemeint, die auch alles dafür getan hätten, um ihr Idol zu treffen. Und nicht wenige davon hatten einige Affären mit namenhaften Rockmusikern, wie beispielsweise Pamela Des Barres, eine der wohl bekanntesten Groupies dieser Zeit. Mitte der 60er und Anfang der 70er Jahre hatte Miss Pamela, wie sie auch genannt wurde, Affären mit Rockmusikern wie Mick Jagger (The Rolling Stones), Jim Morrison (The Doors) oder Jimmy Page (Led Zeppelin). Aus dem Groupie wurde eine erfolgreiche Schriftstellerin, die in zwei autobiografischen Büchern („I’m with the Band“ (1987) und „Take Another Little Piece of My Heart: A Groupie Grows Up“ (1993)) ihre Erfahrungen aus dieser Zeit niedergeschrieben hat.

    Wahrscheinlich bleibt wegen des offenen Umgangs mit der Sexualität aus dieser Zeit das Vorurteil immer noch bestehen, Groupies hätten kein Interesse an der Musik, sondern nur an den Musikern. Oft wird das Fangirl-Dasein unberechtigterweise damit gleichgesetzt und behauptet, dass die einzige Anziehungskraft für diese Mädchen aus der physischen Erscheinung der männlichen Pop- und Rockstars bestehe und dass sie die Musik gar nicht zu schätzen wüssten. Pamela sagt selbst in einem Interview mit The Guardian: „A fan is content with an autograph or a look from the stage, or a selfie. A groupie takes the next step. And that takes a lot of courage“.


    Die Doppelstandards der Gesellschaft

    Und hiermit landen wir einmal mehr bei den Doppelstandards und dem Sexismus in der Gesellschaft. Wenn Jungs Musik wertschätzen, haben sie ein tieferes Verständnis für die Kunst. Wenn Mädchen dasselbe tun, kann das nur aus naiver Idolisierung und Lust heraus passieren. Jungs reden genauso begeistert über Musik wie es Mädchen tun, nur bringen sie ihre Begeisterung vielleicht auf andere Weise zum Ausdruck, als vor Freude und Aufregung ihre Lieblingsband oder Künstler*in lauthals zu bejubeln. Natürlich dürfen Fangirls auch kritisiert werden, wenn sie mit extremen Verhaltensweise Grenzen überschreiten, aber oft werden sie nur aus dem Grund belächelt, weil es sich bei der Gruppe zu großen Teilen um weibliche Teenager handelt. Das alles basiert auf sexistischen und altersdiskriminierenden Vorstellungen, die weibliche Teenager als impulsiv, hysterisch, naiv und nur von ihren Emotionen gesteuert abstempeln.

    Solche Verhaltens- und Denkmuster wirken sich nicht nur nachteilig auf Fans aus, sondern auch auf Bands, deren Publikum größtenteils weiblich und im Teenageralter ist, und die deswegen von Kritikern nicht ernstgenommen werden. Ein Beispiel hierfür ist die Band The 1975, deren Debutalbum bei NME auf keine große Begeisterung stieß, wohingegen ihr zweites Album drei Jahre später sogar zum Album des Jahres gekürt wurde – their fangirls knew it first.

    Noch einen obendrauf setzen dann solche Bands, die meinen, sie müssten ihren Ruf verteidigen, sich irgendwie in einem Gespräch mit Journalist*innen legitimieren eine richtige Band zu sein, indem sie Sätze von sich geben wie „we don’t want to just be, like, for girls“. Die Journalistin Alexandra Pollard merkt zu diesem Thema in einem Artikel im The Guardian iroronisch an:


    „What an incredible moment that must be for them – to glimpse a man among a sea of female frivolity, each Y chromosome taking them one step closer to credibility.“


    Damit auch einmal die Perspektiven der Fangirls selbst beleuchtet werden, lässt Hannah Ewens diese in ihrem Buch „Fangirls: Scenes From Modern Music Culture“ (2019) selbst zu Wort kommen. Sie hat hunderte Interviews geführt, mit Ariana Grande-Fans, die den schrecklichen Anschlag in Manchester überlebt haben, aber auch mit der älteren Fangirlgeneration von Hole und Courtney Love. Neben den vielen Geschichten bringt Hannah auch ihre eigenen persönlichen Erfahrungen als Fan mit ins Buch.


    Bands und Fans sind wie Yin und Yang

    Wieso sollte also ein Band das Bedürfnis haben, sich von der Mehrzahl ihrer Fans abgrenzen zu müssen? Sollte eine Band seine Fangirls nicht genauso wertschätzen, wie Fangirls ihre Band mit dem Kauf von Alben, Konzerttickets und Merchartikeln unterstützen? Mit Bands und Fans verhält es sich wie mit Yin und Yang: Das eine braucht das andere. Eine Band wäre nichts ohne ihre Fans, genauso wie Fans ohne eine Band niemanden hätten, dem sie auf einem Konzert entgegenjubeln können.

    Einer der heutigen Weltstars hat es verstanden. Harry Styles sagte in einem Interview mit dem Rolling Stone:


    „We’re so past that dumb outdated narrative of ‘Oh, these people are girls, so they don’t know what they’re talking about.’ They’re the ones who know what they’re talking about. They’re the people who listen obsessively. They fucking own this shit. They’re running it.“


    Ich glaube auch, dass es an der Zeit ist, jungen Mädchen nicht mehr das Gefühl zu geben, sie wären als Fans weniger wert als männliche Fans. Und ich denke auch, dass sich da in den letzten Jahren schon einiges getan hat. Auch wenn es manchmal befremdlich wirken mag oder es sehr laut werden kann, wenn Teenager vor Freude schreien. Sollten wir uns nicht lieber für sie freuen, wenn sie etwas gefunden haben, das ihnen so wichtig ist und das sie mit voller Leidenschaft verfolgen können? An sich sind das doch positive Dinge, die man bestärken und nicht ins Lächerliche ziehen sollte.

  • Heartbreak-Indie Pop: „Colorblind“ von Beach Bunny

    Heartbreak-Indie Pop: „Colorblind“ von Beach Bunny

    Okay, stellt euch folgende Filmszene á la OC California vor: Ihr seid gerade so um die 18 Jahre alt, es ist eine warme Sommernacht und ihr seid mit euren Freunden unterwegs. Ihr fahrt alle zusammen im Auto durch die Gegend, hört laut Musik und singt aus vollem Hals mit. Die Lichter der Stadt verschwimmen irgendwie ineinander, bis ihr an eurem Ziel ankommt: ein kleiner Club. Dort sind noch mehr Leute, die ihr kennt. Ihr hört im Hintergrund schon die Band spielen. Und als ihr reinkommt, tanzen alle zur Musik und singen mit, und auf der Bühne steht die Band Beach Bunny und sie spielt ihre poppigen Indie-Heartbreak-Baladen.  

    Coming Of Age mit Beach Bunny

    Also meiner Meinung nach macht Beach Bunny den perfekten Soundtrack für jegliche Art von Coming-of-Age Filmen oder Teenieserien. Bestes Beispiel dafür ist der Hit Prom Queen, der auf der gleichnamigen EP 2018 erschienen ist. Nicht nur weil der Song auf TikTok viral ging hat sich die Band eine beachtliche Hörerschaft erspielt, sondern vor allem, weil die meisten ihrer Lieder und Melodien energiegeladen sind, aber gleichzeitig genau die Themen besingen, die vor allem weibliche Teenager und junge Erwachsene umtreibt. Dass hier sehr persönliche Erfahrungen der Frontfrau der Band aufgegriffen werden, ist nicht von der Hand zu weißen. Und doch beschreibt sie in ihren Liedern viele Szenarien so ehrlich, dass man sich sicherlich mit mindestens einem identifizieren kann. Zum Beispiel bei dem eben erwähntem Song Prom Queen, in dem sie mit Schönheitsidealen abrechnet. Oder in dem zweiten Song dieser EP Painkiller, in dem sie eine schwierige Beziehung auf ihre Art verarbeitet.

    Lili Trifilio, die Frontfrau von Beach Bunny, hat – wie heutzutage viele Karrieren beginnen – angefangen, in ihrem Zimmer Lieder selbst aufzunehmen und bei Bandcamp hochzuladen. Um in ihrer Heimatstadt Chicago an einem Battle of the Bands-Wettbewerb teilnehmen zu können, holt sie sich kurzerhand Unterstützung in Form ihrer Bandkollegen dazu. Nachdem sie dann eine Weile zu dritt unterwegs waren, stieß noch der Bassist der Band hinzu und macht somit das musikalische Projekt komplett.

    Poppige Herzschmerzhymnen

    Das Debüt Album Honeymoon erschien an Valentinstag, den 14. Februar 2020 – wie passend. Auch hier finden sich poppige Herzschmerzhymnen, darunter auch mein Favorit der Platte: der Song Colorblind. Die bildhafte Sprache, die Lili Trifilio verwendet, find ich in diesem Song besonders schön. Gleich zu beginnt wird gesungen:

    Feel like technicolor TV screens / Only say you see black and white / More to me than a daydream, you’re my color scheme / You’re a whole spectrum of light“.

    In dem Song geht es um eine On-Off Beziehung, in der sich der Partner immer wieder entschuldigt, aber sich nichts ändert. Bis man an einem Punkt angekommen ist, wo man es nicht mehr ertragen kann:

    Every moment I fall to pieces / Every moment I fall apart“.

    Letztlich sollte man auch wissen, wann es genug ist und akzeptieren, dass es keinen Sinn hat, so mit sich umgehen zu lassen. Im Gegensatz zu dem eigentlich traurigen Text des Songs, klingt die Musik viel positiver und energiegeladener. Ich meine, dass man einen traurigen Text mit einer eher fröhlichen Melodie kombiniert ist nichts neues, aber das stört ja eigentlich auch niemanden. Weil, wenn wir ehrlich sind, will man doch spätestens ab dem Chorus nur noch laut mitsingen und mitspringen (vorzugsweise auf einem Konzert der Band mitten im Getümmel).   

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    Empowering ist das neue Motto

    In einem Interview mit der amerikanischen Rolling Stone erzählte Lili Trifilio, dass das Material auf Honeymoon hauptsächlich im Jahr 2018 geschrieben und 2019 aufgenommen wurde. In diesen zwei Jahren ist die Anfang Zwanzigjährige durch viele Veränderungen in ihrem Leben gegangen, inklusive einer Trennung, was sich auf dem Album auch wiederfinden lässt. “At the time, I didn’t really know my worth and had lower self-esteem, so a lot of the Honeymoon songs are sort of dramatic, sad ballads. Now I’m trying to write more empowering songs — maybe talking about the same things, but I have a more healthy mindset.” *

    Das klingt doch wunderbar oder? Einen ersten Vorgeschmack auf die kommende EP Blame Game, die am 12. Januar 2021 erscheinen wird, gibt es bereits mit dem Song Good Girls (Don’t Get Used).

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    * Hier nachzulesen

    Fotocredit: Alexa Viscius