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Fangirls: the real player in the game

Fangirls at Concert

Das typische Stigma, das Fangirls anhaftet, ist das der weiblichen Teenager, die schon Stunden bevor das Konzert losgeht, vor der Venue warten. Die vor Freude kreischen, sobald sie ihr Idol vorbeihuschen sehen. Sie werden zu oft als hysterisch und überemotional beschrieben und nicht ernstgenommen. Aber neben all der Euphorie, die diese Mädchen ausstrahlen, sind sie viel mehr als „nur“ Fangirls: Sie sind Supporterinnen*, Promoterinnen* und vor allem Expertinnen* auf ihrem Gebiet.

Also warum werden Fangirls auch heute noch belächelt? Wieso sollte man jungen Mädchen das Gefühl geben, dass sie sich für das schämen sollten, was ihnen doch offensichtlich so wichtig ist?


The Groupie and the Band

Das Phänomen Fangirl oder Groupie ist sicherlich keine Neuheit. Ende des 19. Jahrhunderts löste der Pianist Franz Liszt die erste „Manie“ bei seinem Publikum aus. Was später als Lisztomania betitelt wurde, sollte beschreiben, warum vor allem sein weibliches Publikum während seiner Auftritte wohl völlig verrücktspielte. Auch die französische Band Phoenix ging diesem Phänomen rund um den berühmten Pianisten in ihrem Song “Listzomania” von dem Album “Wolfang Amadeus Phoenix” (2009) und dem dazugehörigen Musikvideo nach.


Das sollte aber bei weitem nicht die erste und einzige Manie bleiben, die sich um einen Popstar dreht. So hatten Frank Sinatra und Elvis Presley eine enorm große Anhängerschaft von jungen Frauen. Die Beatles lösten eine Beatlemania aus und Boybands wie The Backstreet Boys, *NSYNC und OneDirection sind quasi dafür gemacht, junge Mädchen als Zielgruppe anzusprechen. Auch Solokünstler wie Justin Bieber oder Harry Styles können auf eine überwiegend weibliche Fanbase stolz sein, genauso wie eine Beyoncé, Rihanna, Taylor Swift oder Lady Gaga.

Als in den 1960er Jahren mit dem Aufkommen der Popkultur und der sexuellen Revolution der Begriff Groupie populär wurde, waren damit vor allem die weiblichen Fans gemeint, die auch alles dafür getan hätten, um ihr Idol zu treffen. Und nicht wenige davon hatten einige Affären mit namenhaften Rockmusikern, wie beispielsweise Pamela Des Barres, eine der wohl bekanntesten Groupies dieser Zeit. Mitte der 60er und Anfang der 70er Jahre hatte Miss Pamela, wie sie auch genannt wurde, Affären mit Rockmusikern wie Mick Jagger (The Rolling Stones), Jim Morrison (The Doors) oder Jimmy Page (Led Zeppelin). Aus dem Groupie wurde eine erfolgreiche Schriftstellerin, die in zwei autobiografischen Büchern (“I’m with the Band” (1987) und “Take Another Little Piece of My Heart: A Groupie Grows Up” (1993)) ihre Erfahrungen aus dieser Zeit niedergeschrieben hat.

Wahrscheinlich bleibt wegen des offenen Umgangs mit der Sexualität aus dieser Zeit das Vorurteil immer noch bestehen, Groupies hätten kein Interesse an der Musik, sondern nur an den Musikern. Oft wird das Fangirl-Dasein unberechtigterweise damit gleichgesetzt und behauptet, dass die einzige Anziehungskraft für diese Mädchen aus der physischen Erscheinung der männlichen Pop- und Rockstars bestehe und dass sie die Musik gar nicht zu schätzen wüssten. Pamela sagt selbst in einem Interview mit The Guardian: „A fan is content with an autograph or a look from the stage, or a selfie. A groupie takes the next step. And that takes a lot of courage“.


Die Doppelstandards der Gesellschaft

Und hiermit landen wir einmal mehr bei den Doppelstandards und dem Sexismus in der Gesellschaft. Wenn Jungs Musik wertschätzen, haben sie ein tieferes Verständnis für die Kunst. Wenn Mädchen dasselbe tun, kann das nur aus naiver Idolisierung und Lust heraus passieren. Jungs reden genauso begeistert über Musik wie es Mädchen tun, nur bringen sie ihre Begeisterung vielleicht auf andere Weise zum Ausdruck, als vor Freude und Aufregung ihre Lieblingsband oder Künstler*in lauthals zu bejubeln. Natürlich dürfen Fangirls auch kritisiert werden, wenn sie mit extremen Verhaltensweise Grenzen überschreiten, aber oft werden sie nur aus dem Grund belächelt, weil es sich bei der Gruppe zu großen Teilen um weibliche Teenager handelt. Das alles basiert auf sexistischen und altersdiskriminierenden Vorstellungen, die weibliche Teenager als impulsiv, hysterisch, naiv und nur von ihren Emotionen gesteuert abstempeln.

Solche Verhaltens- und Denkmuster wirken sich nicht nur nachteilig auf Fans aus, sondern auch auf Bands, deren Publikum größtenteils weiblich und im Teenageralter ist, und die deswegen von Kritikern nicht ernstgenommen werden. Ein Beispiel hierfür ist die Band The 1975, deren Debutalbum bei NME auf keine große Begeisterung stieß, wohingegen ihr zweites Album drei Jahre später sogar zum Album des Jahres gekürt wurde – their fangirls knew it first.

Noch einen obendrauf setzen dann solche Bands, die meinen, sie müssten ihren Ruf verteidigen, sich irgendwie in einem Gespräch mit Journalist*innen legitimieren eine richtige Band zu sein, indem sie Sätze von sich geben wie „we don’t want to just be, like, for girls“. Die Journalistin Alexandra Pollard merkt zu diesem Thema in einem Artikel im The Guardian iroronisch an:


„What an incredible moment that must be for them – to glimpse a man among a sea of female frivolity, each Y chromosome taking them one step closer to credibility.“


Damit auch einmal die Perspektiven der Fangirls selbst beleuchtet werden, lässt Hannah Ewens diese in ihrem Buch “Fangirls: Scenes From Modern Music Culture” (2019) selbst zu Wort kommen. Sie hat hunderte Interviews geführt, mit Ariana Grande-Fans, die den schrecklichen Anschlag in Manchester überlebt haben, aber auch mit der älteren Fangirlgeneration von Hole und Courtney Love. Neben den vielen Geschichten bringt Hannah auch ihre eigenen persönlichen Erfahrungen als Fan mit ins Buch.


Bands und Fans sind wie Yin und Yang

Wieso sollte also ein Band das Bedürfnis haben, sich von der Mehrzahl ihrer Fans abgrenzen zu müssen? Sollte eine Band seine Fangirls nicht genauso wertschätzen, wie Fangirls ihre Band mit dem Kauf von Alben, Konzerttickets und Merchartikeln unterstützen? Mit Bands und Fans verhält es sich wie mit Yin und Yang: Das eine braucht das andere. Eine Band wäre nichts ohne ihre Fans, genauso wie Fans ohne eine Band niemanden hätten, dem sie auf einem Konzert entgegenjubeln können.

Einer der heutigen Weltstars hat es verstanden. Harry Styles sagte in einem Interview mit dem Rolling Stone:


„We’re so past that dumb outdated narrative of ‘Oh, these people are girls, so they don’t know what they’re talking about.’ They’re the ones who know what they’re talking about. They’re the people who listen obsessively. They fucking own this shit. They’re running it.“


Ich glaube auch, dass es an der Zeit ist, jungen Mädchen nicht mehr das Gefühl zu geben, sie wären als Fans weniger wert als männliche Fans. Und ich denke auch, dass sich da in den letzten Jahren schon einiges getan hat. Auch wenn es manchmal befremdlich wirken mag oder es sehr laut werden kann, wenn Teenager vor Freude schreien. Sollten wir uns nicht lieber für sie freuen, wenn sie etwas gefunden haben, das ihnen so wichtig ist und das sie mit voller Leidenschaft verfolgen können? An sich sind das doch positive Dinge, die man bestärken und nicht ins Lächerliche ziehen sollte.

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