Autor: Evelin

  • Even in Arcadia: Sleep Tokens bisher persönlichstes Werk

    Even in Arcadia: Sleep Tokens bisher persönlichstes Werk

    Fast anderthalb Jahre ist es her, seit ich das letzte Mal meine Gedanken über Musik für untoldency niedergeschrieben habe. Und beinahe zwei Jahre ist es her, dass eine mir damals noch völlig unbekannte Band mein Leben im Sturm erobert hat: Sleep Token. Seitdem sind sie nicht mehr aus meinem Alltag wegzudenken. Umso schöner, dass ich jetzt meine ungefilterten Gedanken zur neuen Platte „Even in Arcadia“ teilen darf.

    Meine Obsession verdanke ich einer langjährigen Freundschaft, die einst im Fangirling über Post-Hardcore-Bands begann und heute in reflektierte Wertschätzung für Musik gewechselt ist. Sind wir nicht alle froh, dass wir nicht mehr 16 sind! Auf ihre Empfehlung hin hörte ich – halb verschlafen im Zug Richtung Arbeit – zum ersten Mal The Summoning. Ich hatte keine Erwartungen, nur Kopfhörer im Ohr, und wurde bei den ersten Drums direkt überrannt. Vielleicht etwas früh am Morgen… aber seitdem machen Sleep Token etwa 80 % meines Spotify-Verbrauchs aus – siehe Beweisstück A.

    Sleep Token 101: Zwischen Musik und Mythos

    An wem Sleep Token vorbeigegangen ist, kurzer Umriss: Es handelt sich um eine anonyme Band, die maskiert auftritt und aus 4 Briten besteht, die sich Vessel, II, III, IV nennen. Sleep Tokens Musik lässt sich nicht wirklich festlegen, denn sie ist genrelos. Zwischen herzzerreißenden Balladen finden sich brutale Breakdowns, Rap-Verses bis hin zu Trip-Hops-Beats. Ein Klangspektrum, das überrascht – aber immer punktet.

    Neben unerwarteten Sounds dreht es sich lyrisch nicht um banale alltägliche Sorgen, sondern um eine mystische Gottheit namens Sleep, die als übernatürliche Verkörperung von Liebe, Abhängigkeit und Schmerz erscheint. Über die Alben Sundowning, This Place Will Become Your Tomb und Take Me Back To Eden erzählt Vessel von seiner Beziehung zu dieser Gottheit: ein Wechselspiel aus Anbetung, Zurückweisung und Verzweiflung, die im letzten Album in einer Mischung aus Trotz, Abschied und Aufarbeitung gipfelt.

    Doch was nun, nach dem Abschluss einer unfassbar innovativen Trilogie? Even in Arcadia scheint eine neue Ära einzuleiten. Teilweise jedenfalls… Zwei Instanzen prallen aufeinander: House Veridian (grünes Artwork – Lore) und Feathered Host (weißes Artwork – der Man hinter der Maske). Lyrisch und musikalisch hab ich noch nie sowas erlebt wie bei Sleep Token. Wie viele Details, Recherche, Tiefe und Easter Eggs hier versteckt sind. Man müsste eine Wissenschaft nur dafür entwickeln. Wer tiefer in die Materie einsteigen will, der/dem empfehle ich den Podcast Sleep Study.

    Look to Windward

    Auf den ersten Hörer ist Look to Windward sensory overload. Synth Beats, Breakdowns, Trap Beats, Drum Solos, Streicher – ihr bekommt es alles. Ein opulenter, überladener, filmischer Auftakt. Ich habe das Gefühl, dass die Band alles in den Song reingesteckt hat, was sie in ihrem Repertoire hatten. Stolze 7 einhalb Minuten ist der Song lang. Und das Ergebnis ist ein Song, den man erst bei wiederholtem Hören richtig schätzt, aber der als passender Öffner des Albums agiert. Und trotz aller Spekulationen: Sleep tritt auch in diesem Album noch einmal auf die Bühne.

    Emergence

    10/10 – Der Song hat einfach alles: einen herzzerreißenden Start dank Vessels einzigartiger Stimme, verspielte Build-Ups, Rap-Verses und ebenso erschütternde Breakdowns… und ja wer hätte es gedacht: ein jazziges Saxophon-Outro von Gabi Rose von BILMURI. Eine Wundertüte, wie sie besser nicht schmecken würde.

    Die erste veröffentlichte Single Emergence ist Sleep Token in Reinform: Genresprengend. Was für andere riskant wäre, ist für die Band business as usual. Inhaltlich geht es um Transformation, emotionale Turbulenz und die bittersüße Akzeptanz, dass manche Beziehungen – vermutlich die mit Sleep – einen nie ganz verlassen, egal wie sehr man innerlich kämpft.

    Past Self

    Ein Song, den ich zunächst nicht gebraucht hätte. Definitiv anders als alles, was man bisher von Sleep Token gehört hat, aber meiner Meinung nach etwas langweilig und gezwungen. Ich persönlich hätte das Autotune und die Trap Beats nicht gebraucht und trotzdem schätze ich das Experiment. Und beim vermehrten Hören, gewinne ich langsam Gefallen daran. (Fun Fact: Hier sampelt Vessel die Melodie des Computerspiels Zelda)

    Lyrisch ist er aber wiederum interessant, da das Album zwischen Lore und Momenten wechselt, wo der Charakter Vessel bröckelt und Hörer:innen hinter die Maske blicken können. Vessel versucht mit Past Self sein echtes Ich durchblicken zu lassen („Stepping up from my future, uploading my true self“) und alte Geister hinter sich zu lassen („Apologising for shit that frankly I stopped thinking of years ago“). Vessel versteht es wie kein anderer Poesie in seine Lyrics zu bringen:

    „And you know I deliberate on cutting out the demons
    I still need a dark side, they just need a reason“

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    Dangerous

    Ja, es geht doch! Einer meiner Favourites auf dem Album! Im Vergleich zu Past Self finde ich, dass die Experimentierfreudigkeit bei Dangerous mehr als geglückt ist. Vielleicht auch, weil der Song auf halbem Weg familiärer wird. Denn das kann Sleep Token am besten: langsamer Build-Up bis zu völliger Anarchie. Im gesamten Album finden sich Referenzen zu vergangenen Alben wieder, wie hier zum Beispiel zu Vore. Die Intonation von Vessel finde ich hier am interessantesten, die Lyrics bilden die Melodie beinahe selbst. Was eine willkommene Abwechslung zu den Rap Verses in den vorherigen Songs ist.

    Caramel

    Als ich den Song zum ersten Mal gehört habe, war ich etwas perplex über den Pop/Reggae-Mix (ja, Reggae – man weiß wirklich nie, was man mit Sleep Token bekommt). Aber auf einmal stellt sich eine unterschwellige Traurigkeit ein, wenn man die Lyrics aufschnappt. Denn die Aussage ist ziemlich eindeutig:

    „This stage is a prison, a beautiful nightmare“

    Vessel thematisiert hier die den toxischen Character, den ein Teil der Fanbase angenommen hat und die Realisation, dass mit steigender Bekanntheit die eigentliche Message der Band, die Musik für sich stehen zu lassen, entkoppelt von den Personen in der Band, etwas verloren gegangen ist. Mit dem krassen Aufstieg nach Take Me Back To Eden haben einige Personen ungesunde parasoziale Beziehungen zu den Band-Membern aufgebaut. Sie wurden sexualisiert, ihre Privatsphäre verletzt, Identitäten geleakt etc. Und das, wenn Vessel nur ein Gefäß für die Hörer:innen sein wollte, das als Mittel zur eigenen Verarbeitung stehen sollte, daher auch der Name Vessel.

    Und trotz dessen, dass er realisiert, dass er undankbar klingt, dass er Angst hat, seine Haustür aufzumachen und er mit mentalen Problemen kämpft, dass die Hintergründe seiner Worte diese Fans nicht interessieren, fühlt er sich verpflichtet, weiterzumachen und auch diesen Leuten zu geben, was sie wollen. Und zum Schluss: ein Deathcore-Drop und die resignierte Frage:

    „Tell me, did I give you what you came for?“

    Even in Arcadia

    Ich hätte nicht erwartet, dass ich auf Even in Arcadia einen meiner allerliebsten Sleep Token Songs finde. Aber der Title Track hat mir schon beim ersten Hören pure Gänsehaut verpasst. Der Song startet mit dem Spieluhr-Intro, das im gesamten Promo-Zeitraum präsent war und geht dann über in die schönste Piano-Melodie, die auch schon zu Anfang geteasert wurde.

    Der Song ist eine Offenbarung und hat eine Selbstverständlichkeit trotz mythischer und weiter Bildsprache. Vessel scheint mit seinen Dämonen abzurechnen. Wo im letzten Album vom Paradies Eden die Rede war, findet sich Vessel in einem neuen wider, diesmal in Arcadia. Doch es ist nicht alles Gold, was glänzt.

    „It seems that even in Arcadia you walk beside me still“

    Selbst in seinem neuen Paradies entkommt Vessel Sleep nie ganz. So fesselnd wie das Bild, so vereinnahmend der Song. So ganz lässt er mich nie los, den Rest machen die Streicher am Ende (bitte mehr davon).

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    Provider

    Sexy Token ist zurück. Obwohl Provider mich schon mit dem Titel skeptisch machte, haben mich die ersten zwei Minuten mit dem poppigen Dance-Vibe zusätzlich verwirrt. Ein paar der Lyrics finde ich etwas cringe, aber nach dem ersten Drittel findet jedenfalls die Melodie seine Berechtigung im Breakdown und dem darauffolgenden Chorus.

    Der Song ist offensichtlich sehr sexuell angehaucht. Es dreht sich und eine frühere, toxische Beziehung, der man eine neue Chance gibt und Spoiler: keine gute Idee. Die immer wiederkehrende Zeile „I wanna be your provider“ balanciert zwischen Selbstbewusstsein und Verzweiflung. Es geht um die verschwommenen Grenzen zwischen körperlicher und emotionaler Abhängigkeit. Der Song ist ein Grower (ich entschuldige mich hiermit für das gescheiterte Comic Relief).

    Damocles

    Ein so ehrlicher Blick hinter die Fassade des Mannes hinter der Maske wie je zuvor. Sleep Token reflektieren die Kehrseite ihres Erfolgs – mit einer Referenz zur Legende des Damoklesschwerts. Ich komme wieder zurück auf den Fakt, dass Sleep Tokens Popularität so extrem in kürzester Zeit gewachsen ist, dass sich wahrscheinlich niemand darauf vorbereiten konnte, schon gar nicht die Band. Der Fame bringt Druck, utopische Erwartungen, psychische Last. Alle erwarten ein episches Meisterwerk in jedem Song. Auch Vessel erkennt das an:

    „I know these chords are boring
    But I can’t always be killing the game“

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    Sleep Token wären nicht Sleep Token, wenn nicht ein paar Easter Eggs in der Musik versteckt wären. In Minute 02:14 hört man, eine Kassette, die umgedreht wird. Es könnte das Signing beim Major Label RCA Records am 14.02. andeuten – ob bereut oder nicht, bleibt offen. Es muss nicht alles Schwarz und Weiß sein, aber das Signing, die Zusammenarbeit mit Spotify selbst, Songs in den Top 50 Charts, riesige Anzeigetafeln am Times Square, endlose Merch-Drops, zeigen, dass es nur weiter bergauf gehen soll. Sicher ist Druck vom Label da, aber es handelt sich hier, um vier erwachsene Männer, die genau wissen, was sie wollen und was nicht. Deshalb haben Songs wie Damocles und Caramel für mich einen kleinen Beigeschmack.

    Gethsemane

    Wo in Provider Vessel noch komplett von seiner Obsession vereinnahmt war, sehen wir in diesem Song die andere Seite der Medaille, denn die emotionale Abhängigkeit beißt zurück. Musikalisch erzeugt der Song absolute Verletzlichkeit. Der Titel verspricht nichts anderes (wer interessiert ist, googelt den biblischen Hintergrund). Vessel erkennt jetzt, dass die Beziehung toxisch war und er nur die Illusion geliebt hat. Er zeichnet sich als Opfer und zugleich stiller Zeuge seines eigenen Untergangs.

    Lyrisch finde ich den Song etwas basic, aber vielleicht braucht es die großen Wörter und spirituellen Metaphern nicht, wenn man schlichtweg verletzt ist. Der Song klingt wie ein Tagebucheintrag – schlicht, ehrlich, zerbrechlich. Ein Song über das Erkennen toxischer Beziehungen – und darüber, dass man sie nie ganz loswird.

    „You never saw me naked, you wouldn’t even touch me“
    „And I was trying my best, and that’s the thing I tell the mirror“

    Infinite Baths

    Fast geschafft durch diese endlos lange Review und wie könnte es nicht besser passen als mit einem genauso langen Song. Infinite Baths ist mit 8 Minuten 23 Sekunden der bisher längste Sleep Token Song. Infinite Baths und auch infinite tears meinerseits. Vessel klingt erschöpft, aber entschlossen. Nach dem zehrenden Kampf mit seinen Dämonen hat er es endlich in das vermeintliche Paradies geschafft. Es ist der emotionale Höhepunkt des Albums:

    „I’m so tired inside, I could sleep through a landslide, but I’m finally here and I’m not leaving this time“

    So stark wie die Message ist, so massiv endet der Song auch: mit den heavy Screams des Gitarristen IV über ganze 3 Minuten. Ich bin mir nicht sicher, ob es Vessels Sieg über die Dämonen zeigt oder doch ist diese Wiedergeburt mehr Schein als Sein und die Dunkelheit dämmert, und mit ihr auch Sleep. Der Song endet mit einer Zeile und demselben Beat aus dem ersten Song: „Will you halt this eclipse in me?“. Ein richtiger Full Circle Moment, was vermuten lässt, dass Vessel in einem ewigen Kreislauf gefangen ist – und jede neue Phase doch nur ein weiterer Anlauf bleibt, zu entkommen.

    Ein Echo der Veränderung und was bleibt, ist das Gefühl

    Ein würdiges emotional aufgeladenes Ende eines polarisierenden Albums, mit unfassbar schönen Momenten, neuerem poppigerem Sound und einen völlig neuen Blickwinkel auf die Band. Transformation beschreibt das Album, sowie die aktuelle musikalische Reise der Band wohl am besten. Kein einfaches Album, kein perfektes – aber ein ehrliches.

    Sleep Token versteht es wie keine andere Band, disparate Genres in perfekte Harmonie zu bringen und Progressive Metal der Masse schmackhaft zu machen. Wer sich darauf einlässt, bekommt nicht nur Musik – sondern eine immersive Erfahrung.

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  • Eves Jahresrückblick: back to the dark side

    Eves Jahresrückblick: back to the dark side

    Und schon wieder ist ein weiteres Jahr vorüber. Ich will jetzt nicht zu sehr in die Melancholie verfallen, aber etwas anderes geht mit diesem Artikel auch zu Ende: Meine Zeit bei untoldency. Schweren Herzens muss ich unserem Magazin zum Abschied winken. Denn schon seit einiger Zeit finde ich einfach keinen Platz mehr, um mich dem Schreiben in dem Maße zu widmen, wie ich mir und das Team es sich wünschen würde. Aber so ist es nun mal, der Alltag wird immer stressiger und man kommt seinen eigenen Hobbys gar nicht mehr hinterher. Hiermit also… meine letzten Worte (vorerst):

    So chaotisch wie das letzte Jahr und das zuvor, so geht es auch weiter. Viele neue Erfahrungen, aber auch viele unerwartete Veränderungen. Dieses Jahr ist so schnell an mir vorbeigezogen, dass es mir richtig schwergefallen ist, alles, was passiert ist, zu rekonstruieren. Auch mein musikalisches Jahr war von vielem Neuen gezeichnet. Jeden Freitag pack’ ich mir alle erdenklichen Releases in meine Playlist und haste mich diese bis zum folgenden Release Friday durchzuarbeiten. Aber trotzdem haben sich so einige Stammgäste in mein Spotify Wrapped eingeschlichen…


    Back to the dark side

    Ich hatte ja schon angeteasert, dass das Jahr von vielen Veränderungen geprägt war. Die einen positiv, die anderen eher weniger. Und weil mich Veränderungen extrem überfordern, verliere ich mich lieber in Erinnerungen an so wie es mal war. Auch musikalisch hat es mich somit in die Vergangenheit katapultiert. Hier spielten alle meine geliebten Hardcore Bands von vor 10 Jahren (wow ich klinge hier wirklich alt) die Hauptrolle. Jetzt wo alle um einen herum heiraten und Kinder kriegen, spiel’ ich dann lieber wieder 16 sein und höre Bands wie Movements, Bring Me The Horizon, Seahaven und Citizen. Mein absolutes Highlight dieses Jahr: Meine allerliebste Band in dem Genre Balance and Composure hat nach 6 Jahren wieder eine Single veröffentlicht. Andere honorable mentions wären hier cleopatrick und Sperling.

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    Eine neue Ära

    Neben den alten Bekannten aus meiner Hardcore-Zeit hab ich dieses Jahr eine Riesen-Neuentdeckung gemacht. Dank geht raus an Josy. Sehr late to the party, aber veliebt hab ich mich 2023 in Sleep Token. Beschreiben kann ich die Musik sehr schlecht, denn die Band, die völlig anonym auftritt, kombiniert gefühlt jedes erdenkliche Genre so gekonnt miteinander, dass jeder einzelne Song für unendliche Überraschungen sorgt. Man nehme bloß „The Summoning“ …mein absoluter Favourite.

    Ich weiß noch genau, wie ich reagiert hab, als ich den Song zum ersten Mal gehört hab. Auf Empfehlung einer Freundin hab ich frühs auf dem Weg zur Arbeit im Zug auf Play gedrückt und mich erstmal richtig erschrocken. Auf den Metal-achtigen Start hab ich mich überhaupt nicht vorbereitet. Ich muss sagen, dass ich von den ersten Sekunden etwas abgetan war, den aus der Zeit, wo ich das gehört hab, bin ich schon lange raus. Doch in den 6:35 Minuten wird man auf eine völlig verrückte Reise mitgenommen. Von Metal, zu leisen Klängen, über Rap bis hin zu Erotik – es ist alles dabei. Hört selbst rein!

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    Neue neue (deutsche) Welle

    Obwohl mein Leben hier in Belgien sich beinahe ausschließlich in Englisch abspielt, bleib’ ich meinem Heimatland musikalisch treu. Meine Lieblingsentdeckung hier war TYM – ein Mix aus Elektro, New Wave, Pop und ordentlich Experimentierfreude. Neben TYM brachten mich auch SERPENTIN, Saiya Tiaw, NILS KEPPEL, SKUPPIN, TEMMIS und GAST an regnerischen Tagen zum Nachdenken (Weiterer Gedanke: Wieso schreiben sich eigentlich so viele New Wave Artists mit Großbuchstaben?)

    International konnten distraction4ever, Death Bells, King Krule und The Drums mein New Wave-Herz erobern.

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    Leichte Kost

    Aber es war nicht alles so schwer verdaulich… Auch ein paar leichte Klänge haben sich in meiner Listening History zurückgefunden. Ein Wiederholungstäter hat sich dieses Jahr natürlich wieder einen Platz unter meinen Lieblingskünstler:innen gesichert: The amazing Gus Dapperton. Kleine Empfehlung hier: Wenn ihr die Chance habt ihn und seine Band live zu sehen, kauft euch ein Ticket. Es war eine der most wholesome Shows, die ich dieses Jahr besuchen durfte 🙂


    Und eine weitere Neuentdeckung darf hier natürlich auch nicht fehlen: die Girls von The Beaches. Ich hatte das Glück die Power-Ladies live zu sehen und bei der Souveränität und Coolness prompt den Wunsch gehabt, selbst eine Girlband zu gründen.


    Ich bin raus

    Und das war’s auch schon! Mit diesem Artikel, mit diesem Jahr und leider auch mit meiner Zeit bei untoldency. Ich möchte mich bei Jule und Anna für die schöne Zeit bedanken und die Möglichkeit, meine chaotischen Gedanken halbwegs verständlich runterzuschreiben und das Wort „melancholisch“ viel zu oft zu tippen. Aber auch für den Mut, dieses Magazin auf die Beine zu stellen und es gemeinsam mit dem tollen Team zu dem gemacht zu haben, was es jetzt ist: ein Safespace für alle Musikliebhaber:innen.

    Danke für die schöne Zeit und auf ein hoffentlich baldiges Wiedersehen!

    Jetzt bleibt mir noch ein wenig Eigenwerbung für die dazugehörige Playlist zu machen: Hört rein!


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  • The Haunted Youth im Interview: »Great music first needs to be therapy for the writer in order to become therapy for anybody else«

    The Haunted Youth im Interview: »Great music first needs to be therapy for the writer in order to become therapy for anybody else«

    Seit geraumer Zeit hat es mich weg aus Deutschland ins Nachbarland Belgien verschlagen. Das soll jetzt aber kein Ratgeber fürs Leben als Expat werden. Nein, es geht natürlich um Musik. Belgien hat neben den Niederlanden und Luxemburg musikalisch viel Spannendes zu bieten. Wer sich ein Bild machen möchte, dem empfehle ich unsere „indie export – the sound of benelux“ Playlist (die hat übrigens kürzlich ein frisches Update erhalten).

    In den kunterbunten Mix leitet einer ein: The Haunted Youth. Seit der Single „Teen Rebel“ und dem im November letzten Jahres erschienen Debütalbum „Dawn Of The Freak“ haben sich Sänger Joachim Liebens zusammen mit seiner Live-Band zu den Indie-Lieblingen schlechthin gemausert. Mit einem Mix aus Shoegaze und Dream Pop schaffen die verträumten Gitarren einen Sound für eine ganze Generation, gezeichnet von tiefer Traurigkeit und unendlicher Freiheit zugleich.

    Ich habe mit dem Sänger hinter der gequälten Jugend gesprochen.


    The Haunted Youth im Interview

    Evelin: Hey Joachim, thanks for joining! First thing’s first: I myself have been living in Belgium for a few years now and heard a lot about you already. But for the people who might not know you: Who are you and how would you describe your music?

    Hey! Well I would describe my music as coming from a place that’s internal. It’s very introspective, makes you think but also forget. And I made it in a way to exorcise my own demons, and with that sometimes I exorcise someone else’s demons, at least while the song is playing. That’s how i would love it to be (laughs).

    Evelin: In what creative mindset do we find you at the moment?

    The Haunted Youth - by Robin Todde 026 (1)

    It’s kind of a trip, sometimes I feel like my life or my music is going nowhere in the studio, and the next day I feel inspired and focused. When it comes to playing shows, that’s always nice, I think it’s being on the road for a while now that makes me face new ways of going about creating music. And sometimes that’s hard, but I love going through it, it always ends up somewhere exciting!

    Evelin: Your artist name is very carefully chosen. How much does your youth still affect you to this day? Does it still haunt you?

    Well, our youth kinda shapes us in ways, and as we grow older we unconsciously try to make up for things, when this childhood was missing something. In ways, I feel like pursuing this dream was a way for me to be able to unconditionally live as a child, and free something that was imprisoned in me because of my past. While also growing up in other ways, like making a living and sharing a house with my girlfriend. 


    „There’s always traces that follow you around

    Evelin: Your debut album „Dawn of The Freak looks back on a very specific time in your life and in previous interviews you almost sound a bit bitter about your past. Can you explain what the album means to you and what state you were in mentally while writing the album?

    Well, growing up where I did, in the social environment that I did, I just felt isolated. Like I was different, and something was missing. I found something in skateboarding, I found something in punk rock, and when I really started to discover my own world, it was censored and controlled and judged by the people who should be there for me.

    After the divorce of my parents and years of depressing vibes between them, lies they would tell us about each other, to extreme levels, I decided to not see them anymore as soon as I had the chance. So I tried to fight things I felt about it in songs and that became the album. Because even though I left and my worst days seem to be behind me, there’s always traces that follow you around, and haunt you.

    I was sick of feeling like shit because of this and decided music was always my best way to fight it, besides skateboarding, or smoking weed, doing drugs, etc. I wanted to also give back this message to the community like: „Hey this music has been there for me. I made something in return, which I hope will do the same for someone out there.“

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    „I’m not trying to evoke anything in anyone

    Evelin: The main messages in your album revolve around the struggle of finding your place in life. Do you think you found that now? If so, what does that look like for you?

    I feel like I found at least a big picture of it (laughs). I’m pretty happy with my life now. I seem to have it pretty much under control, it just seems to flow, you know. A lot of old passions came back on me, like I just started skating again, and that feeling combined with being on the road with the band.

    They’re my carefully chosen family of freaks and my queen freak, Ammu. She’s my girl and I’m so in love with her. We really come from the same place traumatically speaking, even though she has her own story, but we bond on that deeply. We both make music together, like really hardcore punk shit, you know.

    And I don’t know, things just feel like they fell into place by making this album and everything that came along with it. And there’s been a lot of struggles to get here, but it makes me enjoy it more as it’s happening.

    The Haunted Youth - by Robin Todde


    Evelin: Your upbringing is characterized with contrasts, and it shows in your music. Whereas the melodies are often quite soft and dreamy, the lyrics can get rather dark. What do you hope to evoke in people with that?

    I’m not trying to evoke anything in anyone. I follow what evokes something in me, and weirdly, that’s how I end up making other people feel things with music. By first chasing that feeling for myself, and have me be the judge. Because I am the hardest to please, other people might like something I might not feel. So why do that. I think great music first needs to be therapy for the writer in order to become therapy for anybody else in such a profound way. Not always though, but mostly.


    „Just go until the gas runs out

    Evelin: You write and produce your music basically all on your own and sort of thrive in isolation. Now you released a song together with one of your bandmate’s projects King Victor. How did that more collaborative process work out for you?

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    Well, Tommy (Tom, Teil von King Victor und Gitarrist bei The Haunted Youth) is the only one I share a certain musical connection with. The therapy part, and the way this therapy sounds to us, is something very particular. I think this kind of connection is really rare, but that’s why he got in the band in the first place.

    And one day he had this song, and sent me the demo, and I hated his vocals on it, but loved the song and proposed to sing on it. I still did it alone, 4 am, high as fuck, and a little depressed. I did a few takes, and sent it to him. He loved it and we decided to go with it.



    Our label manager later decided to make it a collaboration thing with the feature, so his song would get the attention it deserved. We later ended up putting it in this year’s live set.

    Evelin: You released your debut album last year in November, after touring and the upcoming festival summer. What is next for The Haunted Youth?

    Just feeling the vibe, riding the waves and rocking in the free world, making lots more music, just go until the gas runs out, and we run out!

    Evelin: At the end of each interview, we always ask for an untold story. This could be a random fact about you, an anecdote, something funny that happened during recording, touring etc. Anything that you haven’t shared with the world yet, but want to now. 😊

    Well, me and my girl have a dog, a Tervuren shepherd. She’s called Kensy, and she’s our little wolf. Every so often we sit with her and we howl together, as a wolfpack. It’s said to strengthen the bond between you and the dog. It’s as if we’re singing a song together! (laughs)


    The Haunted Youth auf Tour

    Wer sich genauso wie Joachim von Traumata und Sorgen mithilfe der Musik loslösen möchte, dem spreche ich eine warme Empfehlung für das Debütalbum „Dawn Of The Freak“ aus.

    Nach bereits vergangenen Shows und Festivals um und in Deutschland gehen The Haunted Youth außerdem im November wieder auf Tour. Unter anderem in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Heißt, ihr könnt euch auch noch von euren Dämonen frei tanzen. Holt euch hier eure Tickets!


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    Fotocredits: Robin Todde

  • AB Syndrom im Interview: »Das Album ist die Kollektion aller unterbewussten Prozesse der letzten zwei Jahre«

    AB Syndrom im Interview: »Das Album ist die Kollektion aller unterbewussten Prozesse der letzten zwei Jahre«

    Wer meinen Jahresrückblick gelesen hat, weiß wie sehr ich AB Syndrom in mein Herz geschlossen hab.

    Polarisierend und gleichzeitig so nahbar machen sich die beiden auf ihrem neusten Album „Tut mir gut Tut mir leid“ buchstäblich nackig. So brutal selbstreflektierend katapultieren die beiden mich mit ihrer auf den Punkt gebrachten musikalischen Umsetzung direkt in ihre Gedankenwelt. Ich bin mir ziemlich sicher, dass die beiden auch nächstes Jahr mein Spotify Wrapped anführen werden, denn der Bass dröhnt sowohl in meinen Kopfhörern als auch aus meinem Plattenspieler immer noch non-stop.

    Es war mir eine riesen Freude mit den lieben Jungs über ihre anstehenden Konzerte diese Woche (hier gibts noch Tickets!), ihren Musikschaffensprozess, Süchte und zwischenmenschliche Beziehungen zu sprechen.


    AB Syndrom im Interview

    Anton: So jetzt müssen wir nur unser Video anmachen hier. Wo ist der Knopf? Höre ich schon was?

    Anton und Bennet: Hallo, Evelin!

    Evelin: Hallo!

    Bennet: Wir haben übrigens Antons gute Tageslichtlampe hier hingestellt.


    *Überspringen wir hier kleinen Schwenker über meine aktuell nicht vorhandenen Lichtquellen in meiner Wohnung*


    Evelin: Jetzt erstmal herzlich willkommen. Wie war eure Woche so bisher? Wie geht es euch?

    Bennet: Voll gut! Die Woche war eigentlich ziemlich cool, weil wir noch spontan einen Radioauftritt bei Radio 1 reingekriegt haben, den wir heute noch machen. Und wir sind am Vorbereiten auf die Nachholtermine. Das ist jetzt quasi unser Probekonzert bei Radio 1 (beide lachen).

    Anton: Das Livekonzert im Radio ist unser Probekonzert für die eigene Show am nächsten Tag. Aber war ganz schön, weil als die Tour eigentlich im November stattfinden sollte, war alles relativ gedrängt. Weil wir noch unsere eigene Licht-Show aufgebaut haben, alles gemappt und so. Man kriegt alles gerade so fertig und jetzt war es ganz schön, weil wir jetzt noch mehr Zeit gehabt haben um an ein paar Sachen zu feilen.

    Bennet: Eigentlich noch ein bisschen zu proben (lacht).


    „Das war schon ein ziemliches Desaster“

    Evelin: Ich war ja auch bei dem Tour-Start in Köln dabei und ich fand die Show total toll und war richtig begeistert. Und umso mehr leid tat es mir dann, dass Bennets Gesundheit für die Shows danach einen Strich durch die Rechnung gemacht hat. Wie war das Ganze so für euch, als ihr die Termine absagen und Nachholtermine finden musste?

    Anton: Das war schon ein ziemliches Desaster. Im Nachhinein sind das so lustige psychologische Dinge, die da ablaufen. Ich weiß noch genau wie wir am Morgen nach Köln, wo wir dann eigentlich in Bochum am gleichen Tag spielen sollten, aufgestanden sind. Bennet hatte so offensichtlich überhaupt gar keine Stimme zum Sprechen. Aber wir waren trotzdem noch so: „Lass mal gucken, wie es so läuft“.

    Bennet: Bis dahin ist sie bestimmt wieder da (beide lachen).

    Anton: Irgendwann musste man sich der Realität beugen und sagen: „Okay, wir können das Konzert nicht spielen.“ Wenn du dann auf den Morgen zurückschaust und denkst: „In welchem Mindset warst du, wenn du glaubst, dass du morgens aufsteht und es ist keine Stimme zum Sprechen da?“. Die Sachen sind sehr schwierig zu singen, laut und hoch und pipapo. Wie man geglaubt hat, dass es eventuell noch funktionieren könnte. Wie man so Stück für Stück erst realisiert, dass es wirklich nicht gehen wird. Das fand ich irgendwie interessant.

    Bennet: Voll und so hat es sich ja auch weitergezogen von Tag zu Tag. Wir haben immer gesagt: „Das passt und übermorgen ist sie wieder da, das geht, das können wir machen.“ Und dann haben wir immer am Tag des Gigs erst richtig abgesagt. War krass, dass alle das so mitgemacht haben, unsere Booking Agentur und die Clubs. Die sind irgendwie gerade sehr darauf ausgerichtet, flexibel Sachen rumzushiften.

    Anton: Ja, und auch den Gig, den wir dann für die anderthalb Wochen später in München verschoben haben. Ich glaube, der war  auch irgendwie vorher frei geworden von Leuten, die da was weggeschoben haben.

    Bennet: Ja, ich glaube auch, die konnten Sachen einfach machen, weil andere Bands auch verschieben mussten. Bei dem Club in München, da sollten wir in der Woche spielen, Mele und Trille. Beides Leute, die wir persönlich kennen, die alle in dem gleichen Club spielen sollten innerhalb von diesem ganz kurzen Zeitraum und keiner hat da gespielt.

    Anton: Alle mussten krankheitsbedingt absagen, alle wegen der gleichen Sachen.

    Evelin: Aber mega gut, dass ihr das so schnell organisiert bekommen habt!


    Anton: Ja, das war gut, dass wir so schnell neue Termine gefunden haben. Aber ich glaube, die Venues sind diese Konzertverschiebungen jetzt alle gewöhnt sind, und dass wir halt auch nur drei Leute sind. Bei uns ist es noch relativ leicht. Wenn du mit einer zehnköpfigen Crew unterwegs bist und alle müssen dabei sein. Na, dann funktioniert das nicht, irgendwelche Sachen auf vier Wochen später zu verschieben.

    Bennet: Aber bei solchen Crews hast du dann eher die Möglichkeit, jemanden zu ersetzen. Und bei jedem, der bei uns ausfällt, ist das so ein Riesending.

    Anton: Von den drei Leuten kann man jetzt nicht nur einen ersetzen. Das stimmt, das funktioniert nicht.

    Bennet: Aber zum Beispiel Basti, unser Support, ist dann noch ein bisschen länger krank geblieben und konnte bei den zwei Shows, die wir dann noch gemacht haben auch nicht dabei sein. Das war auch natürlich schade.

    Anton: Aber der ist ab jetzt ab wieder dabei!


    „Wir müssen wirklich alles immer sehr verinnerlichen“

    Evelin: Mega, in voller Besatzung also! Ich finde, man merkt richtig krass, – besonders weil ihr so eine kleine Besetzung habt – wie viel Arbeit ihr in die Shows steckt. Was sind Herausforderungen, auf die ihr live tretet?

    Anton: Die größte Herausforderung ist, dass es ja elektronische Musik ist, die wir machen: sehr viele Synthesizer, elektronische Sounds und Samples usw. Und dass wir uns aber trotzdem den Anspruch gesetzt haben, das alles live zu spielen. Das heißt, alle Sounds, die man hört, die werden auch von uns abgefeuert und es gibt keinen Backing Track. Wenn man das zu zweit versucht umzusetzen, heißt das, damit wir neue Songs auf der Bühne spielen können, wir jedes Mal gucken müssen, wie wir das auf die verschiedenen Pads, die ich dort habe, legen können. Was können wir mit was zusammenspielen und wie können wir das runter kondensieren, dass wir das noch genauso live spielen können? Das ist, glaube ich, für mich die große Herausforderung.

    Bennet: Ja stimmt, das ist auch vor allem bei dir natürlich. Ich schieb immer mehr Sachen zu Anton rüber, was eigentlich ganz gut ist für mich, damit ich mich mehr aufs Singen konzentrieren kann. Aber er hat wirklich viel zu tun. Also manchmal macht ein Pad ein Sample, es verstimmt aber auch noch gleichzeitig die Bassdrum, macht einen Hall an und jetzt auch noch das Licht dann hinten auf Rot. Das muss dann halt auch im richtigen Moment gehauen werden. Ja, es ist schon sehr ausgefummelt.

    Anton: Ja, und das funktioniert bei mir eigentlich auch nur, weil die Sachen so richtig in mein Unterbewusstsein absinken müssen, damit ich dann zusätzlich noch Backing Vocals machen kann. Sonst funktioniert das nicht. Das heißt, neue Songs bei uns zu arrangieren ist meistens eine ziemlich langwierige Geschichte.

    Bennet: Ja, und wir müssen es wirklich auch alles immer sehr verinnerlichen, wie du sagst. Es gibt, glaube ich, Leute, die Sachen ein bisschen mehr aus dem Ärmel schütteln können, weil es ähnliche Sachen sind. Aber bei uns sind die Beats immer was ganz anderes, da musst du ganz andere Abläufe reintun. Aber vor allem vielen Dank für die Frage. Das ist schön, dass du das so wahrgenommen hast.


    „Dass Leute für uns da sind, das kennen wir eigentlich noch gar nicht so richtig“

    Evelin: Ich fand es auch total schockierend, als ihr meinte, dass es eure erste richtige Tour ist.

    Anton: Naja, erste Tour ist auch relativ zu sehen.

    Bennet: Bisschen misleading haha.

    Anton: Unsere erste eigene Headliner-Tour in Deutschland, dann stimmt es 100 %.

    Bennet: Support Touren haben wir quasi schon gemacht. Das ist wirklich was anderes finde ich. Und dann haben wir diese Tour in Südostasien gemacht. Die war auch wirklich was ganz anderes. Aber bei allen Sachen kriegt man stellenweise eine Routine rein.

    Anton: Aber den Aspekt, den man nicht hat, den wir jetzt bei einer Solo-Tour natürlich haben, ist diese ganze Verantwortung, dass das unsere Konzerte sind. Dass wir dafür verantwortlich sind, dass genügend Leute kommen, dass es an dem Abend läuft, dass wir am Ende auch den Merch verkaufen (lacht). Das Einzige, was fehlt, ist eigentlich, dass wir den Leuten Getränke zu bereiten. Das ist die einzige Verantwortung, die wir an dem Abend (in Köln) nicht übernommen haben.

    Bennet: Ey, ganz ehrlich, ich habe mich so gefreut, als wir in Köln waren und dann habe ich gesagt: „Oh geil, da ist ja jetzt jemand, der die Tickets abreißt. Voll gut, dass die daran gedacht haben.“

    Evelin: Sonst hättet ihr das auch gemacht (alle lachen).

    Bennet: Das war jetzt schon auch das erste Mal für uns, dass wir den Teil daran so komplett auskosten konnten, der so rewarding ist auch beim Konzert. Dass Leute für uns da sind, das kennen wir eigentlich noch gar nicht so richtig. Und das war teilweise wirklich echt überwältigend, dass die Leute die Sachen mitsingen konnten.

    Anton: Ja, erstaunlich textsicher. Das war von mir auch nicht so erwartet. Aber krass.


    „Ich mache das nie wieder“


    Evelin: Voll schön! Ihr habt das vorhin schon angesprochen. Aber ihr macht ja irgendwie alles mehr oder weniger selbst. Von Videoschnitt, Grafik, Merch verkaufen, etc. Woher kommt das und was gibt euch das?

    Anton: Es stimmt so, wir machen alles selber. Aber es ist nicht das gleiche, wie wir machen alles alleine. Es gibt natürlich Leute, mit denen wir viel zusammenarbeiten, zum Beispiel Anne, mit der wir ganz viel zusammenarbeiten für die ganzen Fotos. Oder auch bei den Videos, die wir gemacht haben, wirklich teilweise große Crews aus unserem Zirkel sind, die bei den Videos mithelfen. Wir drehen natürlich keines dieser Videos zu zweit, sondern es sind immer viele Leute aus dem Netzwerk, das wir aufgebaut haben, am Start.

    Bennet: Also ich glaube, für uns ist es, wie das Songschreiben auch ein Teil der Kunst und so ein therapeutischer Prozess. Ich merke das auch bei den Videos, so: „Ah ja, eigentlich habe ich das auch noch ein bisschen gebraucht, um zu raffen, worum es im Song geht“. Trotzdem denke ich manchmal, das ist dann so viel, was man sich auferlegt und gerade in dieser ganzen Releasephase. Dann haben wir am Freitag den Release, es muss alles aber noch gegradet werden, der der Schnitt muss noch fertig gemacht werden, dann in After Effects die ganzen Seile rausretuschiert und dann spitzt sich das alles so zu, dass man irgendwann denkt: „Okay, ich mache das nie wieder. Das kann jemand anders machen.“ Aber ja, ist auch trotzdem irgendwie wichtig für uns oder dieses Videoding nochmal ein bisschen mehr wichtig für mich eigentlich.

    Anton: Ich bin immer der, der versucht zu sagen: „Können wir nicht ein bisschen weniger aufwendiges Video machen?“ Und er sagt „Ach ja, das geht ganz schnell…“

    Bennet: Es nervt ihn richtig (lacht).

    Anton: „… wir müssen nur kurz die Seile hier rausretuschieren und am Ende sitzen da 10 Leute die ganzen Nächte, nicht 10, aber fünf Leute daran, diese Seile rauszuretuschieren.

    Bennet: Zu acht waren wir glaub ich.

    Anton: Na dann wars ja gar nicht übertrieben. Also ich reg mich auch deswegen auf, weil ich natürlich nicht geholfen habe, irgendwelche Seile rauszuretuschieren, weil ich kann mit After Effects nicht umgehen. Was soll ich machen? (lacht)

    Bennet: Aber das ist natürlich auch so ein bisschen das Ding. Es geht, weil wir in diesem Raum hier irgendwie unterwegs sind, dass wir ein paar Leute kennengelernt haben, die Filme machen. Und es sind auch Freunde von uns. Sonst wird es auch nicht gehen.

    Evelin: Sonst müsste Anton After Effects lernen.

    Anton: Wo ichs gesagt habe, habe ich gerade drüber nachgedacht, dass ich natürlich schon mal für so ein Video von uns Sachen gemacht habe. Da hab ich was animiert.


    „Es ist ein sehr unterbewusster Prozess“

    Evelin: Um so ein bisschen mehr aufs Album zu sprechen zu kommen: Es ist ja jetzt seit gut drei Monaten draußen und bei mir auf jeden Fall noch immer in Dauerschleife. Was macht die Veröffentlichung von diesem Album so besonders?

    Bennet: Das habe ich jetzt gemerkt bei dem Album. Ich finde, dass sich wirklich jedes Album immer anfühlt wie so ein ganz neues Ding. Ich habe nie das Gefühl: „Ah okay, jetzt passiert das, jetzt passiert das, …“ Und wir haben diese Abläufe und spulen die ab, sondern es ist immer anders. Und es ist mir jetzt erst klar geworden, dass das eigentlich auch ganz schön crazy ist und irgendwie auch Teil des Hustles ausmacht. Aber ja, was jetzt eigentlich gar nicht so interessant für euch ist, wahrscheinlich nur für mich (lacht).

    Evelin: Passiert das unbewusst oder setzt ihr euch dahin: „Okay, mit diesem Album, machen wir was anderes“?

    Anton: Das wollt ich auch gerade schon sagen. Ich glaube, dazu ist wichtig zu verstehen, wie bei uns überhaupt der Songschreib-Prozess funktioniert und wie sich die Themen zu den Songs überhaupt entwickeln. Es ist schon ein sehr unterbewusster Prozess. Wirklich interessant finde ich, dass wie die Songs entstehen und wenn Bennet dazu die Texte schreibt und sich Stück für Stück so ein Song herauskristallisiert, dass wir uns oftmals zusammen den Song anhören und man gemeinsam im Prinzip entdeckt, worum es in dem Song eigentlich geht.

    „Man erkennt gemeinsam, worum es in dem Song eigentlich geht.“


    Es gibt nie oder fast nie, einen Plan dazu, einen Song zu schreiben. Sondern ein Song entsteht irgendwie und man muss auch selber dechiffrieren, worum es in dem Song eigentlich geht und was das eigentliche Thema des Songs ist, welche unterbewussten Prozesse sich da an die Oberfläche geboxt haben. Und das Album ist quasi die Kollektion der unterbewussten Prozesse der letzten zwei Jahre. Dementsprechend ist das, was uns oder was die Texte angeht natürlich vor allem Bennet jetzt in dem Moment am nächsten ist, weil da sind die aktuellen Themen drauf. Über unseren Prozess, ist ein neues Album immer das, was am krassesten ist, weil es das ist, was an der jetzigen Version von dir selbst oder von uns am nächsten dran ist.


    „Mit dem großen Plan der Außenwirkung sind die Songs nicht geschrieben“

    Evelin: Weil das Album ja so persönlich ist, was erhofft ihr euch, was eure Hörer*innen daraus mitnehmen?

    Bennet: Diese Gedanken gibt es immer beim Songschreiben nicht so richtig. Ich lass da Sachen raus und ich finds dann immer total verrückt zu sehen, dass Leute auch mit diesen Sachen, die quasi ganz persönliche, ganz private Geschichten von mir sind, bei denen ich manchmal das Gefühl habe, damit kann eigentlich kein Mensch außer mir was anfangen, connecten und daraus Sachen für sich ziehen. Dass das funktioniert, finde ich einfach schon total den Mind Fuck.

    Anton: Ich finde es echt krass, was uns da für persönliche Geschichten von Leuten erreichen. Was diese Songs mit denen gemacht haben. Was war nochmal dieses Beispiel mit „Tut mir gut, tut mir leid“ und den Geschwistern? Ich versuche, mich zu erinnern. 

    Bennet: Achso ja, stimmt! Da hat sich die eine Person immer so ein bisschen im Zugzwang gefühlt, zu antworten. Dieses ganze Kommunikationsthema, das dann über den Song ziemlich auf den Punkt gebracht worden ist, anscheinend.

    Anton: Und dann hat es da auch geholfen, das zu artikulieren und diesen Konflikt ein bisschen aufzulösen. Wenn ichs richtig in Erinnerung habe, ist schon ein bisschen her. Aber das zeigt, dass obwohl die Songs so ultra persönlich sind und eigentlich die ganz persönlichen Geschichten von Bennet, dass es offensichtlich genug Leute gibt, die damit connecten können. Entweder dadurch, dass sie vielleicht doch nicht so explizit sind und ein bisschen Interpretationsspielraum lassen. Oder einfach auch, weil natürlich viele Leute trotzdem selbst was Ähnliches erleben.

    Bennet: Ja, voll! Ich denk dann da auch ja immer nicht so richtig dran. Aber es gibt natürlich immer viele Leute, die ähnliche Sachen erleben wie man selbst. Nur checkt man es halt nicht. Es gibt diesen einen Song, „33 Prozent“ über meine Kopfverletzung. Das war wirklich sehr, sehr knapp war und sehr so mit Leben und Tod, alles ziemlich haarscharf. Eigentlich haben so gut wie alle Menschen so eine Situation erlebt in ihrem nahen Umkreis. Und das habe ich echt einfach nicht auf dem Schirm. Da haben sich ganz viele Leute dazu gemeldet, dass es was mit denen gemacht hat und so was ist krass. Das haben wir uns aber nie erhofft vorher.

    Anton: Genau mit dem großen Plan der Außenwirkung sind die Dinger nicht geschrieben, sondern halt immer irgendwie Sachen rauslassen.

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    „Das ist alles mein Shit, den ich rauslasse und das tut mir gut“

    Evelin: Aber ist ja schön, wenn man selbst in seiner Blase lebt. Aber dann doch sieht, dass wir alle ziemlich gleich sind. Ihr – oder Bennet eher spricht sehr selbst-reflektierende Themen an, die vielleicht etwas unkonventionell sind oder worüber viele sich nicht trauen, zu sprechen. Kostet sowas Überwindung? Oder ist das wirklich so eine Art Stream of Consciousness und denkst du gar nicht darüber nach, dass so viele Leute das zu hören?

    Bennet: Ja, es ist so, wie du es sagst (lacht). Ich mache mir keine Gedanken darüber beim Schreiben. Und das ist auch dann das, was ein bisschen einholt beim Release-Prozess oder wenn ich die Sachen dann jemandem zeige. Dann merke ich irgendwann: „Ah ja, krass“. Vielleicht auch dann manchmal ein bisschen unangenehm. Aber es ist für mich auch die einzige Art, das zu machen. Deswegen werde ich es auch nicht ändern, also kann ich es nicht ändern. Das ist eigentlich auch, was der Album-Titel sagt. Das ist alles mein Shit, den ich rauslasse und das tut mir gut, das zu machen. Aber es tut mir auch leid, wenn manchmal Leute dann da drin vorkommen oder damit dealen müssen. Und die können vielleicht keinen Song da drüber schreiben oder die werden nicht so richtig gefragt.

    Anton: Genau die müssten jetzt alles schlucken. Deine Eltern können zu „33 Prozent“ keinen Response-Song schreiben, um das alles wieder loszuwerden.

    Bennet: Weiß auch gar nicht, ob die da so ein Bedürfnisse haben.

    Anton: Ja, aber zum Beispiel bei dem Song ist es wahrscheinlich wirklich krass für die Leute, den zu hören und um die es persönlich geht. Also zumindest war das mein Eindruck.


    „Aus Angst, süchtig zu werden“

    Evelin: Und gibt es einen Song, neben „33 Prozent“ der euch beiden besonders am Herzen liegt?

    Bennet: Ich find eigentlich „Overdose“ einen, der mir besonders am Herzen liegt, weil es um Sucht geht. Und das war wirklich ein Thema, bei dem ich gedacht habe, darüber würde ich wirklich gerne mal schreiben. Weil ich selber ein bisschen aus Angst, süchtig zu werden, ziemlich abstinent lebe und gar keine Drogen konsumiere usw. Deswegen wars auch sehr wichtig für mich, das mal zu beschreiben. Und dann auch in Korrelation zu „Adrenalin“, der so ein bisschen meine Online Sexsucht behandelt hat. Also weil ich glaube, dass ich aus Angst, schnell süchtig, abhängig zu sein, diese Sachen gar nicht erst anfange. Und ich habe das Gefühl, dass ich durch diese Online Sexsucht, die ich hatte, einen Beweis habe, dass ich dafür anfällig bin. Und das sind immer Themen, die bei mir auftauchen, weil alle Leute fragen einen immer: „Warum trinkst du nix? Oder warum rauchst du nicht und nimmst keine Drogen usw.“

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    Evelin: Aber woher kommt die Angst davor, süchtig zu werden? Gab es da einen bestimmten Auslöser?

    Bennet: Ja, das war sozusagen so ein bisschen mit der Online-Sex-Sucht und worum es in „Adrenalin“ geht. Das ist auch, glaube ich, ziemlich kryptisch in „Adrenalin“. Das sind Sachen, die unangenehm sind, darüber zu sprechen. Aber ich hatte da so eine Phase, wo ich auf Chat Roulette rumgecreept bin und probiert hab, mit irgendwelchen Leuten Online-Sex zu haben und davon echt nicht so richtig weggekommen bin. Es hat mich so richtig eingesaugt. Ich glaube, das hat auch so ein bisschen zu tun mit diesen Glücksspiel-Mechanismen, dass du immer weiterklickst, und weißt, das gibt es so eine Art Zufallsprinzip. Und ja, da seh ich tatsächlich so einen Zusammenhang, der sich über das Album da rausgeschält hat.

    Evelin: Hilft dir das dann bei solchen Themen das durch das Schreiben zu verarbeiten und die Musik als Therapie zu nutzen? Merkst du davon Effekte, wenn du dir das so quasi von der Last schreibst?

    Bennet: Ja, voll. Ich habe darüber auch noch nie mit irgendjemandem geredet. Und das war einfach irgendwann angenehm, Sachen immer so nicht alleine mit sich rumtragen zu müssen. Und wenn Leute davon wissen, dann ist das zwar unangenehm, aber auch ein bisschen ein reinigender Prozess. Es ist ja auch letztendlich nicht so schlimm, diese Sucht ist ja jetzt nicht so furchtbar. Du gehst ja daran nicht zugrunde. Aber ich will auch meine Zeit damit nicht verlieren und wenn du das dann so preisgegeben hast, ist das schon hilfreich.


    „Aber das ist ja totaler Quatsch“

    Evelin: Um noch mal zu einem anderen Song zu kommen. Worum geht es in „Guck ich dich immer an“ und was war die Idee hinter dem Musikvideo? Das sah nach sehr viel Spaß aus.

    Bennet: Witzig, gute Frage! Wir werden eigentlich voll selten zu den Musikvideos gefragt, obwohl wir ganz viele machen (lacht).

    Anton: Stimmt!

    Bennet: Die Idee war, eine Beziehung darzustellen und dass es einen Song gibt, der die verschiedenen Stadien oder Erinnerungen an die Beziehung wieder hervorruft. Und das war die Idee, dass wir eine Beziehung darstellen und verschiedene Szenen daraus, an die sich dann jeweils erinnert wird.

    Anton: So gibt es eben verschiedenen Parts für die verschiedenen Phasen der Beziehung.

    Bennet: Und dann bei „Bei der einen Stelle im Song“ wird es dann immer emotional und das ist das, was der Song erzählt. Auch lustig, weil so verstehen wir es halt, aber manchmal ist es glaube ich, gar nicht so offensichtlich. Für mich ist es einfach so: „Okay, wir haben halt das gemacht, was der Song sagt.“ Aber das ist ja totaler Quatsch. Du kannst es natürlich nicht so sehen, wenn man nicht so den Einblick in unsere Köpfe hat. Und das war aber wirklich ein sehr, sehr lustiger Dreh, aber auch echt anstrengend. Wir mussten alles relativ kurzfristig machen, mal wieder.

    Anton: Und die kompletten Pläne geändert ein paar Tage vorher.

    Bennet: Ja, wir wollten eigentlich auch Darstellende dafür bekommen.

    Anton: Und dann keine gefunden und mussten es selber machen (beide lachen).

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    „Das ist in tausend Teile zersplittert“

    Evelin: Dann komme jetzt schon zu meiner letzten Frage, weil ich sehe, dass mein Gratis Zoom Abo die Zeit schon runterzählt. Unsere altbewährte Abschlussfrage: Habt ihr eine untold story für mich?

    Bennet: Oh, Moment.

    Evelin: Ja, so on the spot manchmal ein bisschen schwierig.

    Bennet: Ja, eigentlich gut, man hätte so was einfach parat. Wir hatten das einmal, dass uns dieser Stein durchs Dachfenster geflogen ist. Das haben wir aber bestimmt einmal irgendwo erzählt.

    Anton: Nee, das glaub ich nicht. Das ist schon sehr, sehr lange her. Wir sind von einem Gig nach Hause gefahren, aus Mannheim oder so zurück nach Berlin. Da waren wir noch zu viert und auf der Autobahn und auf einmal *insert Sound-Effects* zerplatzt das  Dachfenster.

    Bennet: Ja, so ein kleines Schiebeding. Das war auch nur so ein kleiner PKW, in dem wir gefahren sind und da gab es so ein Dach. Und ich habe das wirklich bis jetzt noch vor Augen, wie das aussieht. Mein Bruder war noch in der Band. Ich glaube, ihr saßt vorne und ich war hinten. Und ich habe auf einmal gesehen von hinten, wie die beiden (Anton und Aljoscha) vorne sitzen und von oben kommt es so runter (gestikuliert wild).

    Manchmal macht es die Wahrnehmung ja so, dass sich alles in Slow-Mo abspielt und sich die Bilder auch so reinfressen. Das sah aus wie Wasser und das ist in tausend Teile zersplittert. Ein Glück ist Aljoscha einfach weiter gefahren, aber hat total den Schock bekommen. Dann sind wir raus und wir haben es auch überhaupt nicht verstanden. Du hattest da drin keinen Stein oder so, das war kein crazy Gewitter oder Hagel, es gab nichts. Keiner ist vor uns gefahren und es gab keine Brücke.

    Anton: Was hat die Polizei gesagt? Es war wahrscheinlich irgendein Ast.

    Bennet: Es war mit Sicherheit einfach…ne Art Bestimmung.

    Anton: Wir mussten rausfahren, dass irgendwas anderes nicht passiert wäre.

    Bennet: Wahrscheinlich.

    Anton: Auf der Autobahn zu fahren ist natürlich schon ein großer Anteil des Alltages, wenn man auf Tour ist, ne? Wir haben einige krasse Sachen erlebt. Zum Beispiel auch, wo wir 6 Stunden lang auf dieser Vollsperrung mit Eis und Schnee festsaßen und dann eingeschlafen und wieder aufgemacht sind und wir standen immer noch in der Vollsperrung (beide lachen). Na ja, also so ist es. Das sind so unsere Geschichten.

    Evelin: Gute Geschichten auf jeden Fall. Ich bin froh, dass niemandem was passiert ist.

    Bennet: Aber ja, wir brainstormen da nochmal. Wenn uns noch was einfällt, schreiben wir dir nochmal.

    Evelin: Ja genau, kleiner Nachtrag von der Redaktion. Habt ihr noch irgendwas, was ihr loswerden möchtet zum Schluss?

    Anton: Wir laden alle Leute herzlich zu den verbleibenden Shows der Tour zu kommen. Weil es das für uns das Album komplettiert. Das bringt diesen Zyklus erst zu Ende und wir freuen uns über alle, die nach Bochum, Oldenburg und Hamburg kommen. Natürlich auch Berlin, aber da gibt es keine Karten mehr (lacht).

    Bennet: Und überall sonst gibts noch Tickets!

    Evelin: Dann danke für das tolle Gespräch und viel Spaß bei den Shows und ich freu mich ungemein, was noch alles von euch kommt.

    Anton: Danke dir für das nette Interview!

    Bennet: Vielen Dank! War voll schön, dich wiederzusehen.


    Gehen Sie auf die Tour, sie ist sehr gut

    Dann bleibt mir auch nur noch zu sagen, besucht auf jeden Fall eine der anstehenden Show, denn es ist es wirklich mehr als wert! Die beiden machen das mit so viel Fleiß und Liebe und das Ergebnis überzeugt von hinten bis vorne! Unten könnt ihr schon mal eure Textsicherheit für die neuen Songs trainieren 😉


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    Fotocredits: Anne Ludwig

  • Eves Jahresrückblick: Innovation trifft Tradition

    Eves Jahresrückblick: Innovation trifft Tradition

    Szene: Ich sitze im Zug Richtung Paris und habe Schwierigkeiten mich zu konzentrieren, denn genug Schlaf habe ich diese Woche mal wieder nicht bekommen. Dieses Setting beschreibt mein 2022 eigentlich ganz gut. Es war geprägt von ständigem Hin und Her, Chaos und Rastlosigkeit, größtenteils aber im positiven Sinne.

    Queue das erste Quartal des Jahres: Stuck in einem unfassbar langweiligen und null erfüllenden Job hat mir das Universum eine Hand raus aus meiner Apathie gereicht. Fast forward zu heute: Ein halbes Jahr später hab ich zwar weniger Zeit, insbesondere für unser nicht mehr so kleines Musikmagazin (gerade durch meine Artikel geblättert, musste ich zu meinem Entsetzen feststellen, dass ich seit Juli nichts mehr geschrieben hab), dafür ist meine zweite Leidenschaft Teil meines Berufs geworden: das Reisen.


    Willkommenes Durcheinander

    Diese Woche kommerzielle Weihnachtsluft in Paris schnuppern und nächste Woche wahres Wintermärchen in Lappland erleben. Und so unterschiedlich und chaotisch war meine diesjährige musikalische Reise: Von unerschlossenen Gebieten zurück zu Orten, die sich schon fast wie Heimat anfühlen.

    Ich muss ehrlich sagen, der Speicherplatz in meinem Gedächtnis wird immer noch nicht optimal genutzt und deshalb fällt es mir unglaublich schwer, mich an die erste Hälfte des Jahres zu erinnern. Vielleicht liegt das auch daran, dass mir mein Handy in dem Zeitraum gestohlen wurde und ich ohne meine Fotogalerie nichts in meinem Kopf behalten kann. Deshalb starten wir irgendwo bei 35 Grad plus in einer Wohnung ohne Klimaanlage.


    I was wrong I admit it

    Hier beginnt meine kleine Liebesaffäre, die sich mittlerweile in eine mehr oder wenige stabile Beziehung entwickelt hat. So einige, die mich kennen, werden sich denken, ich befinde mich in einer Quarter-Life-Crisis. Denn ich war mit die Erste, die Menschen, die Elektro feiern und auf Raves gehen, eher mit Unverständnis begegnet ist.

    Gut, letzteres ist immer noch nichts für mich und von wirklich hartem Elektro oder Techno werde ich mich auch in Zukunft erstmal fernhalten. Aber so einiger Elektro und House hat mich dann doch rumgekriegt. Und verantwortlich dafür ist genau eine Person.

    Die einstige Neugierde hat sich innerhalb von nur 20 Min. seines Sets auf einem Festival zu einer Obsession à la 2014 Tumblr-Ära gemausert (dazu auch später noch mehr). Man wird es sich wahrscheinlich schon denken können, aber es handelt sich um Fred Again..



    Ich kann nicht genau beschreiben, was seine Musik mit mir macht, aber sie katapultiert mich in eine Ecke meines Gehirns, wo ich nur die Sounds des Launchpads hör und nichts anderes mehr wichtig ist. Melancholie mit Elektro, House und Pop gepaart ergibt eine Mischung, die so einzigartig ist, bei der ich ohne Bedenken sagen kann, dass das Ergebnis mich für immer begleiten wird.


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    Andere wundervolle Artists in dieser Sparte, die mich ähnlich begeistert haben, sind: Saint Jude, Godford, 49th & Main, PaulWetz, TSHA und ein kleines Easter Egg, was ich diese Woche erst entdeckt hab, mich aber sofort umgehauen hat: Skin Care von Search Yiu (dieses Intro schon uff).


    Kurzer Liebesbrief an AB Syndrom

    Das Theme meiner Musik-Historie 2022 ist der Sprung in experimentellere und das Sehnen nach familiären Sounds. Und das vereinen die Jungs von AB Syndrom für mich: Meine altbewährte Liebe für deutschen Indie und meine neue Leidenschaft für mehr elektronische Klänge. Ach, wie ich mich gefreut habe, auf dem Tour-Start in Köln dabeizusein.

    Public Service Announcement: Ich würde euch allen dringlichst anraten, einen der Termine im Januar zu besuchen. Neben der Tatsache, dass die Musik einfach Extraklasse ist, merkt man wie viel Herzblut, Leidenschaft und Arbeit in diese Shows fließt. Ich war völlig aus den Socken, so wie der Rest des Publikums und den Erfolg verdienen die zwei allemal. Die Tour wurde übrigens auch von uns präsentiert und in ein paar Wochen könnt ihr euch auf ein Interview mit den zwei und mir freuen.

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    In diesem Atemzug auch worth to mention: Wezn (Shoutout geht raus an Anna B.), EASY EASY, Borninmay, Figure Beach und Marie Bothmer.


    Back to the roots

    Ich hatte ja ganz nebenbei erwähnt, dass Fred Again.. sich in meine Kult-Artists eingereiht hat und diese Leidenschaft der von 2014 ähnelt. (Ich weine innerlich immer noch, weil ich es nicht zum Konzert in Brüssel geschafft hab, naja).

    Jedenfalls reiht sich der werte Herr zu Favourites der geschädigten Jugend wie The 1975, Arctic Monkeys, The NBHD, Lorde, MARINA, Florence and so on ein. Dazu zähle ich auch mich. Und wie einige andere aus dem Team und meiner TikTok-Bubble, habe ich mich auch dabei erwischt, wie ich „tumblr era“, „tumblr phase“ und „tumblr 2014“ in die Spotify Suche eingegeben hat. Und fix begann das Suhlen in Selbstmitleid wieder. Nein, Spaß. Eigentlich war es mega schön, ein wenig in Nostalgie zu versinken. Und dieser Sound lebt seitdem auch mietfrei in meinem Ohr:


    https://www.tiktok.com/@lyricdiffusion/video/7171387998146252037?is_from_webapp=1&sender_device=pc&web_id=7118394760477967878

    Fehlt nur noch die passende Playlist

    Und so schließe ich also gähnend meinen Laptop sowie meinen Jahresrückblick und den Rest des Jahres ab und freue ich mich auf eine wohlverdiente Auszeit. Während dieser wird sicher auch meine passende Playlist rauf und runter laufen 😉 Meiner Meinung nach besser als jeder kitschiger Weihnachtsfilm-Soundtrack genau wie der Rückblick von 2021, aber ihr könnt selbst stillschweigend judgen.


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  • Marie Bothmer im Interview: »Ich habe kurz gedacht, ich hör’ auf mit Musik«

    Marie Bothmer im Interview: »Ich habe kurz gedacht, ich hör’ auf mit Musik«

    Trennungsschmerz ist sicherlich etwas, was wir alle gern in die hinterste Ecke der hintersten Schublade stecken würden und so schnell wie möglich vergessen würden. Marie Bothmer dagegen hat sich bewusst mit ihrer Trennung im letzten Jahr auseinandergesetzt und den stechenden Schmerz in eine pointierte, dynamische und extrem starke Debüt-EP namens „Swimmingpool“ verwandelt.

    Ich habe mit der zuckersüßen Marie über ihr toughes letztes Jahr und die Musik, diedaraus hervorgegangen ist, im Interview gesprochen.


    Marie Bothmer im Interview

    Evelin: Heute reden wir insbesondere über eine EP “Swimmingpool”, die letztens erschienen ist. Erstmal Glückwunsch dazu!

    Marie: Dankeschön!

    Evelin: Es geht um das Ende einer Beziehung, genau genommen deiner. Releases sind ja immer mit sehr viel Aufregung verbunden und auch Erleichterung, besonders wenn’s ums Debüt geht. Da die EP so wahnsinnig persönlich und schmerzerfüllt ist, wie hast du dich gefühlt vor und jetzt nach dem Release?

    Marie: Ich glaube, ich bin dieses Mal irgendwie wahnsinnig entspannt gewesen und normalerweise geht mir richtig doll die Düse. Ich kann tagelang davor nicht schlafen und bin dann so: “Ist alles schon da? Haben wir ein Video? Was kann ich tun und was kommt auf mich zu?” Und das ist jetzt so abgerundet fertig geworden, dass ich dachte, es ist schon irgendwie ziemlich cool und alles was passiert, passiert. Und wenn auch mal was nicht klappt, dann ist es auch okay und dann macht man einfach weiter. Und ich bin sehr stolz auf diese EP.

    Evelin: Ist das eigentlich komisch, seine Gefühle und die Trennung immer aufs Neue auseinanderzunehmen, wie jetzt hier mit mir im Interview?

    Marie: Ja (lacht). Die EP ist fast chronologisch über diese Trennung und über das letzte Jahr. Live versuche ich richtig lustig über diese Trennung zu reden, weil dann ist hoffentlich keiner suizidgefährdet, wenn ich so wahnsinnig traurig singe. Ich versuche das ein bisschen aufzulockern und dadurch fasse ich das immer relativ knapp zusammen. In den Songs ist auch oftmals so, dass nicht jedes Bild komplett zutreffend ist zum Beispiel. Mein Expartner zum Beispiel kann gar kein Deutsch, der ist nämlich Däne. Ich hoffe, dass er das nicht in Google Translate eingibt. Weil da natürlich ein paar Dinge sind, wo ich mir denke: “schon sehr persönlich”. Aber wie gesagt, es ist auch die künstlerische Freiheit. Und es hat mir sehr geholfen, darüber wegzukommen.

    Evelin: Ich meine, okay, er spricht kein Deutsch, aber hattest du je den Gedanken gehabt, ob das jetzt das Richtige ist, alles Persönliche so in die Öffentlichkeit zu tragen?

    Marie: Muss er durch (lacht). Also keine Ahnung. Er ist auch Musiker. Deswegen ist es etwas, was er auch verstehen kann, denke ich. Und unsere Beziehung war auch teils öffentlich. Aber jetzt glaube ich nicht, dass die Leute checken, um wen es geht. Und ich würde niemals sagen, das ist übrigens über den und den. Aber er hat nichts gesagt und er hat auch über mich geschrieben. So verarbeitet man irgendwie. Und dann halt immer dieses Fiktive.


    „Ich bin ein totaler Quatschkopf“

    Evelin: Das Album ist in einem sehr kollaborativen Weise entstanden. Unter anderem haben Künstler:innen wie Nina, Madeleine Juno oder Blinker mitgeschrieben. Wo lag da der Mehrwert für dich speziell? Hast du das auch gebraucht, nicht allein zu sein während du alle deine Gedanken und Gefühle durchgehst?

    Marie: Das Schöne ist bei allen, die mitgeschrieben haben ist, dass die richtig gute Freundinnen und Freunde sind. Blinki (Blinker) ist ein richtig guter Freund. Und auch Nina (Chuba) kenne ich ganz lange schon. Madeline (Juno) auch. Wir saßen eh im Studio und die wussten eh, wie es mir ging. Die haben das alles in Realtime mitbekommen und dadurch war das relativ einfach als wenn man sich mit jemand Neues im Studio setzt und dann sagt: “So, das war so. An einem kalten Wintertag musste ich leider aus der Wohnung ziehen… (lacht)

    So war alles klar und dann hat man richtig schön zusammen geschrieben. Ich schreibe auch lieber gemeinsam. Ich schreibe ab und zu noch zu Hause allein, aber manchmal fehlt mir die Motivation. Und wenn man dann zusammen im Studio ist, dann freut man sich so richtig, was zusammen zu schaffen.

    Evelin: Du bist jemand, die viel aus ihrem Leben teilt und viele wichtige, auch Tabuthemen anspricht und das oft mit viel Humor. Was möchtest du damit erreichen?

    Marie: Ich trage mein Herz schon sehr auf der Zunge. Und manchmal ist es auch ein bisschen zu unüberlegt, vielleicht. Ich als Künstlerin, meine Persönlichkeit und mein Charakter spielen so sehr in die Songs mit, dass ich niemals einen Song singen könnte, den ich nicht selbst geschrieben habe. Wenn die Leute mir auf Instagram folgen, dann ist das meine komplette Person und natürlich zieh‘ ich da auch oftmals Grenzen. Ich bin ein totaler Quatschkopf auf Instagram und manchmal geht es mir scheiße und dann bin ich so “Fuck, ich muss jetzt ‘ne Story machen”. Das ist auch für meine Mutter manchmal extrem schwierig, weil die sagt: “Ja, dir scheint es ja jetzt gerade total gutzugehen” und ich: “Eh ja auf jeden Fall…”


    Und dann auch gewisse Werte zu vertreten und einen gewissen Einfluss zu haben, seien es jetzt feministische oder politische Themen. Also ich versuche nicht so crazy aktivistisch zu sein. Das würde ich mir nicht rausnehmen. Ich bin keine öffentliche Aktivistin, sondern ich gehe gern auf Demos. Aber ich würde nie eine Demo unter meinem Namen veranstalten, weil ich mich darüber auch nicht profilieren will. Aber ich möchte auf jeden Fall eine gute Botschaft in die Welt senden und dann hoffen, dass Leute, die mich cool finden, sagen: “Marie fand das cool, dann mach‘ ich das vielleicht auch”.


    „Ich war gefangen in einem Loch“

    Evelin: Und was erhoffst du dir, dass deine Zuhörer:innen mitnehmen, wenn sie die EP hören?

    Marie: Ich hoffe, dass Leute, die auch durch Trennungen gegangen sind, ein bisschen Trost finden. “Temporär” zum Beispiel, da ging es mir schon wieder total gut und ich war so: “Ja, das tut manchmal noch weh. Es kommt immer mal wieder hoch, aber man weiß dann irgendwann, zum Glück okay, jetzt ist auch wieder gut. Morgen tuts dann nicht mehr so doll weh”. Und so sind halt Trennungen.

    Evelin: Das ist wahrscheinlich schwer zu entscheiden, weil jeder Song so persönlich ist, aber welcher Song liegt dir besonders am Herzen?

    Marie: Ich glaube, tatsächlich ist “Dopamin” der wichtigste. Während Corona habe ich kurz gedacht, ich hör‘ auf mit Musik. Ich hatte keine Muse und ich war gefangen in einem Loch, auch krass depressiv. Und dann war das der erste Song, den ich auch mit Nina geschrieben habe. In einem komplett neuen Setup und ich bin ins Studio gegangen, habe gesagt, ich will einfach einen Song machen, den ich fühl‘, ohne darüber nachzudenken, was ist. Der hatte auch gar keine richtige Struktur, sondern ist einfach nur ein Vibe. Ich glaube, deswegen musste das auch der erste Song auf der EP sein. Und es sind immer noch die Demo Vocals, komplett roh. Es geht um das Thema Depressionen, was Beziehungen auf jeden Fall erschweren kann und darüber, dass es nicht so leicht ist, damit umzugehen.


    „Ich wäre lieber kein analytischer Mensch“

    Evelin: In “Swimmingpool” hört man dich, wie du dir selbst vormachst, dass es dir gut geht nach der Trennung, es fast schon einfach unter Teppich kehrst, um es zu vertuschen. Konntest du deine Trauer akzeptieren? Wie kamst du zu dem Schritt?

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    Marie: Also „Swimmingpool“ habe ich geschrieben, da war ich auch noch mit dem zusammen. Es war eher so eine recycelte Geschichte, aber ich wusste schon die ganze Zeit okay, diese Beziehung ist jetzt bald zu Ende und das wird so schlimm. Wir haben den gleichen Freundeskreis und wie soll ich das machen? Es war wie ein Ausblick darauf. Tatsächlich habe ich mich dann nach der Trennung sehr darin gesuhlt und bin sehr viel aufgefangen worden. Dieses “Kugelsicher”-Thema passt auch ganz gut dazu, weil dann hab ich ganz schnell gesagt: “Jetzt bin ich nicht mehr traurig. Jetzt mache ich das und das.” Dann bin ich wahnsinnig viel rausgegangen und habe versucht mich abzulenken und habe mich komplett taub gemacht. Aber das Problem ist ja, dass du das dann nicht verarbeitest. Das musste dann irgendwann kommen, dass man dann einbricht und sich dem widmet, weil sonst bleibt man für immer in dieser Spirale.

    Evelin: Dieses Betäubtmachen in “Kugelsicher”. War das eine Art Schutzmechanismus und wie arbeitest du daran, diese aufgerichtete Wand wieder abzubauen?

    Marie: Ja, ich hab auch noch voll Probleme, neu zu daten. Weil ich denke, ich bin noch gar nicht so weit und ich will noch gar nicht wirklich. Und andererseits ist es aufregend, neue Leute kennenzulernen. Aber ich merke, dass ich total vorsichtig bin, mich neu zu öffnen und auch dieses Commitment Ding. Dass wenn ich jetzt loslegen würde mit jemand Neues, dann muss da alles perfekt stimmen, weil was, wenn das nicht passt? Und dann committe ich mich und es passiert das gleiche nochmal. Ich bin 26, eigentlich müsste ich das mittlerweile wissen (lacht). Aber es ist immer wieder schwer und das ist jetzt ein bisschen über ein Jahr her und ich glaube, es wird langsam. Ich muss mal ein bisschen loslegen (lacht).

    Evelin: Also bist du jemand, der jedes einzelne Gefühl und Gesagtes analysiert?

    Marie: Ja, ganz schlimm. Ich bin ganz, ganz, ganz doll reflektiert, was gut ist. Aber manchmal glaube ich zu reflektiert, und sag so: “Okay, das muss daran liegen. Das ist wahrscheinlich aus dem Grund. Und mein Vater und meine Mutter und meine Geschwister und was nicht alles.” Ich bin auch in Therapie, deswegen macht das total Sinn. Aber das ist manchmal gar nicht so gut. Manchmal wäre ich lieber kein analytischer Mensch, sondern eher Gefühlsmensch.


    “If you want to get over someone get under someone”

    Evelin: “Deadline”, das einzige Feature auf der EP. Auch wahnsinnig toller Track. Wie kam das Feature mit YRRE zusammen und in welchem Zeitpunkt des Verarbeitungsprozesses treffen wir dich in dem Song an?

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    Marie: Das gibt es auch als Originalversion mit zwei Strophen von mir. Und da war ich in dieser Phase, wo ich wusste, ich muss mich mit irgendwem ablenken. Im Live-Set sage ich immer: “If you want to get over someone get under someone”. Mir war das klar, dass ich da keine Beziehung anfangen möchte und keine neuen Gefühle aufbauen will. Aber dass ich wahnsinnig doll diese Nähe brauchte und dann dieses: “Ich muss es beenden, es geht ja gar nicht anders, aber es war ja auch nie etwas.” Also total komisch. Wir hatten das doch damals irgendwie abgesprochen, dass auf keinen Fall irgendwas daraus wird. Also sehr autobiografisch.

    Und YRRE fand ich super toll, habe ich ganz lange schon gehört und dem habe ich einfach auf Instagram geschrieben, ob er Bock hat und ihm ein paar Songs geschickt. Er hat sich “Deadline” rausgepickt, was total schön ist, weil das jetzt für mich auch total Sinn macht, dass er diesen Song singt. Weil das der einzige ist, der nicht über mein Expartner ist, sondern über jemand Neues. Das gibt dem Ganzen so ein gutes Gefühl. Dann hat er einfach seinen Part draufgeschrieben und ich hab’s sofort abgesegnet. Wir haben uns erst vor zwei Wochen beim Videodreh gesehen. Zum ersten Mal in echt, aber voll der tolle Mensch.


    „Ich hab‘ diesen Cut gebraucht“

    Evelin: Zu “Temporär”: Wie hast du gegen die Momente angekämpft, wo man einfach wieder versuchen will, alles zu reparieren und die Beziehung wieder zu flicken?

    Marie: Also, wir teilen uns ja einen Hund. Mein Exfreund und ich. Und das ist natürlich immer schwierig, weil eigentlich ging es mir dann schon total gut. Aber immer wieder, wenn wir diese Hund-Übergabe hatten – der liegt hier übrigens auch ganz brav – muss man sich sehen und ich habe mir am Anfang gedacht, jetzt schminke ich mich, jetzt mache ich mich total schön und ich kriege alles auf die Kette und bin ganz toll. Und er denkt sich, jetzt wird es bestimmt scheiße. Aber ich glaube, was mir da geholfen hat, war dieses: “Ey, wenn der nicht mit mir zusammen sein will, dann will ich auch nicht mehr mit ihm zusammen sein.” Warum sollte ich das versuchen, wenn es eh nicht geht? Und man kann ja auch niemanden überreden. Irgendwann habe ich gelernt, wenn ich ihn gesehen habe und danach traurig war, vor allem, wenn er den Hund abgeholt hat. Dass ich wusste, ich muss jetzt erstmal die Mama anrufen und dann geht es mir morgen aber auch schon viel besser. Es ist wie so ein kleiner Schnitt in den Fingern, der morgen aber wieder verheilt ist.

    Evelin: Für mich wär das extrem schwierig. Anderes Thema aber: Besonders in “Filmriss” merkt man den Stil-Change im Vergleich zu vorherigen Singles. Sehr gelungen, meiner Meinung nach. Alles klingt so wahnsinnig rund und einfach geil. Wie war das für dich so einen anderen Stil zu präsentieren?

    Marie: Das war der erste Song, den ich nach der Trennung geschrieben habe, nach einer Woche oder so. Ich war richtig doll traurig und wollte was richtig Düsteres machen, auch mit Nina zusammen und es war auch eher dieses “Komm, wir machen einfach mal irgendwas. Mal gucken, ob was daraus wird.” Da war genau dieses Thema, auch wieder mit “Kugelsicher” und ich brauch‘ einen Filmriss.

    Ich will jetzt fünf Monate pennen und dann wache ich auf und es ist Sommer und eh alles wieder gut. Und so funktioniert es ja leider nicht. Aber ich dachte dann, ich muss den rausbringen, weil es so ein krasser Cut ist. Auch zu dem, was ich davor gemacht habe. Ich wollte den eigentlich als Erstes rausbringen und nicht “Swimmingpool”. Ich habe das Gefühl gehabt, zum ersten Mal fühle ich die Songs zu 100.000 %. Nicht, um das Alte zu diskreditieren. Aber ich glaube, da war ich auch noch jünger und war noch nicht so gesettelt in dem, was ich will. Aber jetzt ist alles komplett meins und dann ich hab‘ diesen Cut auch gebraucht.


    „Hot Girl Summer und so“

    Evelin: Um beim Thema Neuanfänge zu bleiben: Du bist vor einiger Zeit nach Berlin gezogen. Wie hat der Umzug deine Musik beeinflusst? 

    Marie: Sehr. Ich war ja davor in München und da hat mein Produzent damals auch gewohnt, deswegen hat es total Sinn gemacht. Also in München ist sehr heile Welt und irgendwie passiert auch nicht so viel. Ich musste andauernd nach Berlin oder nach Hamburg reisen, für die Musik. Und ich dachte auch, ich brauche ein kleines Netzwerk an anderen Künstler:innen und Writer:innen und was nicht alles. Um mich so ein bisschen mehr zu etablieren, weil einfach niemand in München ist. Ich glaube, man kann wieder zurück nach München ziehen, wenn man dann Berlin lange genug erlebt hat. Und ich fühle mich hier auch sehr viel wohler. München war ein guter Start. Aber Berlin war auf jeden Fall die richtige Entscheidung. Ich glaube, ich bleibe auch hier.

    Evelin: Glaube, jeder gefühlt haha. Dann zur letzten Frage schon: Hast du eine untold story für uns? Etwas, was du noch nirgends geteilt hast?

    Marie: Ich muss mal überlegen, es gibt so ein richtig unnecessary Talent, aber das habe ich schon so oft gezeigt. Das ist gar nicht mehr untold. Aber es war noch nie in der Presse, glaube ich. Ich kann Tiergeräusche imitieren, zum Beispiel.

    Evelin: Was ist dein Go-To Tier?

    Marie: Der Delfin. Willst du ihn hören?

    Evelin: Das ist gar keine Frage.

    Hier für alle also: Marie, die Delfinflüsterin


    Marie: Also kannst du gern mit reinnehmen, aber das gibts schon auf TikTok. Ansonsten fällt mir gerade gar nichts ein, was ich noch nicht erzählt hätte. Ich teile wahrscheinlich auch einfach wahnsinnig viel… Ich habe bei Nina gewohnt. Ein Monat nach der Trennung. Das habe ich, glaube ich, noch nicht erzählt. Nach der Trennung hat sie mich direkt eingesammelt mit der Tram und gesagt: “Marie, Hot Girl Summer und so.” Dann habe ich da einen Monat bei denen im freien WG–Zimmer gewohnt. Das war sehr schön. Die erste Nacht auch mit Nina in einem Bett, weil ich so viel geweint habe.

    Evelin: Na ja, jetzt sind bessere Zeiten.

    Marie: Ja, auf jeden Fall. Ich habe heute Abend noch ein Date. Jetzt geht’s rund.

    Evelin: Dann halte ich dich nicht länger hier. Viel Spaß beim Date! War schön, mit dir gesprochen zu haben. 

    Marie: Danke für das Interview. Ciao!

    Obwohl die Tiergeräusche nicht in der EP gefeatured sind, ist „Swimmingpool“ definitiv ein Reinhören wert. Jetzt aber mal ohne Spaß: Die Richtung, die Marie mit der EP eingeschlagen hat, ist wahnsinnig erfrischend und so gut ausgearbeitet, dass jeder Song richtig rund und einfach geil klingt. Unten könnt ihr in die 6 tollen Songs reinhören 😊

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    Fotocredits: Zena Bala
  • Aze im Interview: »Wir akzeptieren die Schattenseiten mit offenen Armen«

    Aze im Interview: »Wir akzeptieren die Schattenseiten mit offenen Armen«

    Aze? Den Namen hab ich doch schon mal irgendwo gehört, oder?“ Vielleicht habt ihr euch den Namen des österreichischen Pop-Duos seit unserer Review von ihrer Doppel-Single „Sweet Talk / Sidewalk“ bereits hinter die Ohren geschrieben. Wenn nicht, dann bekommt ihr hier eure nächste Chance. Selbst beschreiben die zwei ihre Musik als „sad, sexy Pop“ und dieser überzeugt auf voller Länge.

    Die zwei Aufsteiger haben im Interview mit Evelin über ihr frisch erschienenes Debütalbum „Hotline Aze“, mentale Gesundheit und die Bedeutung ihrer engen Freundschaft gesprochen. Und was Justin Bieber mit der ganzen Sache zu tun hat, erfahrt ihr am Ende.



    Aze im Interview

    Evelin: Erstmal ein herzliches Hallo, Beyza und Ezgi! Wie geht es euch? Wie ist die Stimmung so kurz vor dem Release eures Debüt-Albums “Hotline Aze”?

    Beyza: Hiiii! Ich muss sagen, ich bin seit ein paar Tagen schon sehr aufgeregt, weil das Datum immer näher kommt. Es fühlt sich teilweise noch so surreal an, dass das jetzt wirklich passiert. Es war mir zu langsam und zu schnell zugleich haha. Aber ich würde sagen, meine Stimmung ist, trotz Nervosität, dennoch sehr positiv gestimmt – I’m simply excited for everything that is still to come!

    Ezgi: Hellooo!! Same here! Ich weiß echt nicht, was ich gerade fühlen soll. Meine Moods gehen von super exited bis super anxious und schwanken die ganze Zeit hin und her. Ich hab zwar kein Kind, aber ich schätz‘ mal, dass es sich so anfühlen muss als Elternteil, wenn ein Kind vom Elternhaus wegzieht hahah.

    Evelin: Den Vergleich mit dem Kind find‘ ich super, haha. Wie würdet ihr eure Musik denn, jemandem, der/die zum ersten Mal davor ist, eure Musik zu hören, beschreiben?

    Aze: Am liebsten würden wir sie gar nicht beschreiben wollen und uns wünschen, dass sich die Person einfach mal drauf einlässt und selbst fühlt. Uns würde es interessieren welche Gesichtsausdrücke das erste Mal Aze hören bei den Leuten auslöst. Aber wir beschreiben unsere Musik selbst immer als sad & sexy und wir finden, das trifft’s schon sehr gut.


    Hotline Aze, how can I help you?
    Aze Hotline Aze untoldency indie pop music magazine Amelie Strobl

    Evelin: Das Album dreht sich ja um das Konzept einer Art Mental Health Hotline, deswegen auch der Name. Auch durch das Album hinweg werden Sprachmemos und Telefongespräche als Stilmittel verwendet. Wie fiel die Entscheidung auf genau dieses Konzept?

    Beyza: Wir sind ins Studio gegangen, um einfach mal draufloszuschreiben und ohne viel nachzudenken, damit wir mal ein Gefühl kriegen, was überhaupt alles möglich ist. Die Idee mit den Sprachmemos war anfangs nicht ausgedacht, sondern hat sich ergeben. Ich habe ein paar Tage vor dem Studio, eine Sprachmemo mit einem Guitar Riff und einer Chorus-Idee an Ezgi geschickt, was dann zu „Sweet Talk“ geworden ist. Das war der erste Song, den wir geschrieben haben. Irgendwann sind wir auch musikalisch in diese Richtung abgeschweift und im richtigen Moment kam noch eine Sprachmemo von Ezgi’s Schwester, die perfekt auf ein Instrumental gepasst hat. Die Konzeptidee an sich hat dann eigentlich als Joke begonnen. Aber da wir eben genug Instrumentals hatten, die nach einer Warteschlange geklungen haben, haben wir diesen Joke einfach weitergeführt and here we are.

    Evelin: Wo kommt diese Affinität für die 90’s her?

    Aze (B&E): Wir wollen uns jetzt nicht so vehement auf bestimmte Jahre eingrenzen, aber wir feiern einfach die künstlerische Leichtigkeit, die die meisten Artists in den 90ern und 2000er hatten. Wir sind immer schon Riesenfans von Hip-Hop und R’n’B gewesen, und für uns ist diese Zeit sehr von diesen Genres geprägt. Nicht nur was Musik angeht, sondern auch mehr Lifestyle, Fashion, usw. Für uns sind die 90er eine perfekte Mischung aus Kitsch und Gangster and we love it. 

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    Wir wollen nicht mehr in unserer Trauer versinken

    Evelin: Gab es spezielle Momente während des Entstehungsprozesses von “Hotline Aze”, die euch in Erinnerung geblieben sind?

    Aze (B&E): Wir haben das Album in einer Woche geschrieben und für uns war der ganze Entstehungsprozess sehr besonders, da wir anfangs schon nervös waren, ob jetzt überhaupt was Gutes dabei rauskommt, aber wir dann einen Song nach dem anderen geschrieben haben, weil es so gut geflowed hat. Wir tun uns schwer einzelne spezielle Momente zu wählen, weil für uns das Ganze mit all dem Drum und Dran einfach sehr schön war. Für uns steckt im Album nicht nur Musik, die wir selbst gerne hören, sondern auch random Gespräche, die wir geführt haben oder die Chipspackung, die wir dabei gesnacked haben. Wir sagen immer, dass es sich für uns ein bisschen so anfühlt wie ein Kind auf die Welt zu setzen und dann mit 18 loslassen zu müssen. Die Freude und Aufregung in unseren Gesichtern nach jeder nicen Hook oder jedem Riff werden wir auf jeden Fall immer in Erinnerung behalten. 

    Evelin: Im Album geht es ja viel um den eigenen Struggle, toxische Verhaltensweisen, Weltschmerz etc. In welchem Mindset ist das Album entstanden?

    Aze (B&E): Das Album ist eigentlich in einem sehr lockeren und lighthearted Mindset entstanden. Es repräsentiert auch sehr gut, wo wir persönlich grade stehen. Wir wollen nicht mehr in unserer Trauer versinken und dem ganzen so viel Macht geben, sondern haben über die Jahre hinweg gelernt, dass ein lockerer Umgang mit bedrückenden Themen und ein bisschen Distanz und Humor, um das Ganze auch mal von außen betrachten zu können, sehr guttun kann. Die EP war für uns sehr intense, da es uns persönlich auch so ging. Wir haben uns weiterentwickelt und sind gewachsen, und so auch unsere Musik. Inzwischen akzeptieren wir die Schattenseiten mit offenen Armen aber wissen auch, dass sie uns nicht ausmachen.


    Eine wichtige Lektion über mentale Gesundheit
    Aze Hotline Aze untoldency indie pop music magazine Amelie Strobl

    Evelin: Ihr thematisiert den Umgang mit den eigenen mentalen Problemen ja auch teilweise ironisch. Man nehme allein schon das Konzept des Hilfetelefons, was ja eigentlich gar keins ist, sondern fast das Gegenteil. Ich finde das manchmal auch problematisch, wenn man anfängt Traurigkeit und Depression zu romantisieren. Wie sieht euer Umgang mit mentaler Gesundheit aus?

    Aze (B&E): Es ist auch irgendwo problematisch, Traurigkeit und Depressionen zu romantisieren, aber wir denken, wenn man sich so in diesen Gedanken und Gefühlen gefangen fühlt, kann es schwer sein, das zu erkennen. Mentale Gesundheit ist zwar etwas, das viele Menschen betrifft, aber dennoch sehr individuell und subjektiv. Es ist ein sehr wichtiges Thema, auf das oftmals nicht so viel Wert gelegt wird und eines, das sehr entfremdet dargestellt wird. Uns persönlich hilft Humor und Ironie, das Thema an uns ranlassen zu können, ohne dass es erdrückt. An seiner mentalen Gesundheit zu arbeiten, braucht viel Kraft und Zeit, wobei wir denken, dass man nie auslernt.

    Wir denken, es ist wichtig, es nicht als eine Aufgabe zu sehen, die einen gerade belastet und hoffentlich bald wieder vorbei ist, sondern als Gefühle und Gedanken, die, aus verschiedenen und validen Gründen, einen zurzeit begleiten und dass das okay ist. Es gibt keinen Leitfaden, wann welche Gefühle verschwinden und wann neue kommen müssen. Manchmal tut es gut es einfach mal so stehenzulassen wie es ist und es versuchen nicht zu zerdenken. Es gelingt uns natürlich auch nicht immer, aber dann erinnern wir uns, dass sowieso alles so kommt wie es kommt. Jede/r muss für sich seine Wege finden und das auch in seiner eigenen Zeit, ohne Druck und Erwartungen von anderen oder von sich selbst.

    Evelin: Richtig schöne Worte! Würdet ihr sagen, dass das Album ein optimistisches oder eher verbittertes ist?

    Aze: Es ist ein sehr lighthearded Pop Abum geworden. Ein bisschen Melancholie ist immer dabei bei uns, aber der Umgang ist auf jeden Fall optimistischer und lockerer geworden.


    „Ohne großes literarisches Ramtam

    Evelin: Gibt es einen Song, der euch am meisten Spaß gemacht hat? Ob während des Schreibens, der Produktion oder einfach beim Hören.

    Beyza: Ich hab in jedem Song so meine favourite parts und meine Lieblingssongs vom Album ändern sich auch immer wieder mal, aber „Sad Sensations“ bleibt immer in der Liste. Ich finde, mit dem Song haben wir mal ein bisschen was anderes probiert und er gibt mir so ein richtiges old school – Band Feeling. „Showbiz, Baby!“ hat beim Schreiben sehr Spaß gemacht und macht mir beim Performen auch immer gute Laune. Und „Sweet Talk“ wird natürlich auch immer einen special place in meinem Herzen haben, weil damit alles angefangen hat. 

    Ezgi: Natürlich gibt’s in jedem Song favorite Parts und für mich als die, die den Text schreibt, verschiedene Sparten des “sich ausleben”. „My own Business“ hat mir gezeigt, dass nicht jeder Song gesungen sein muss, um “belebt” zu werden. „Waterfalls“ auf der anderen Seite, hat mich beim Aufnehmen im Studio so viel Kraft gekostet und am Ende bewiesen, dass der erste Take manchmal einfach der Beste ist. „Silk“ hat mir die Mut gegeben, meine Texte so zu formulieren, wie ich mir’s denk – ohne großes literarisches Ramtam. „Showbiz“ hat mir erlaubt meine RnB-Vocalist Fantasien auszuleben, mit Slow Fade am Ende und alles und „Talk Away“ berührt mich jedes Mal, wenn ich’s hör‘. Helins und Jakobs Stimme auf dem Track sind für mich die Manifestation der Liebe und Geborgenheit. Production-technisch hat mir das Pannen am meisten Spaß gemacht – I love a good stereo experience hahah.


    Vor dem Album mussten wir immer in getrennten Räumen Musik schreiben

    Evelin: Wie hat eure Freundschaft euren Musikschaffungsprozess beeinflusst?

    Beyza: Die Innigkeit und Verbundenheit spürt man denke ich in der Musik auch. Wir harmonieren und verstehen uns, ohne viel sagen zu müssen. Vor dem Album mussten wir immer in getrennten Räumen Musik schreiben. Inzwischen haben wir gelernt, dass es auch zusammen gut funktioniert, haha.

    Ezgi: Ich bin sehr froh, dass wir zwei miteinander in einer Band sind und nicht in getrennten – auch wenn man gerade viel arbeitet und nicht großartig viele Leute außerhalb der Band treffen kann, trifft man so halt automatisch die beste Freundin, hahah. Außerdem ist es auch sehr angenehm, gemeinsam wachsen zu dürfen. Ich bin sehr dankbar für die Situation in der wir uns befinden.


    Die Geschichte beginnt und endet hier mit Justin Bieber

    Evelin: Am Ende jedes Interviews fragen wir nach einer untold story. Das kann was sein, was während des Entstehungsprozesses des Albums passiert ist, ein random fact oder alles andere, was ihr noch nicht mit der Welt geteilt habt 😊

    Aze: Most random Aze Fact ever ist, dass der Grund, warum wir überhaupt so gut befreundet sind – glauben wir jetzt retrospektiv – Justin Bieber ist. Wir waren halt wie ca. alle round 2009 hardcore Beliebers. Die meisten Songs aus seinen ersten zwei Alben trauen wir uns zu wetten heute noch plus minus zu beherrschen. Unsere Eltern haben uns damals extra vom Land zum Konzert nach Wien gefahren, wo wir ca. 6 Stunden vor Beginn schon da waren, um realistisch einen okayen Platz zu bekommen. Und wir versprechen, wir waren davon überzeugt das nächste “One less lonely girl” würde eine von uns sein hahaha.

    Evelin: Wie geil ist bitte diese Story?! Lieb’s! Danke für eure Zeit, hat mich total gefreut 😊


    Das neue Album „Hotline Aze“ von Aze möchte ich euch hiermit nochmal ganz stark ans Herz legen. Das Konzept stimmt, der Sound stimmt und man merkt wie viel Arbeit hier reingesteckt wurde. Obendrein sind die zwei auch bezaubernd. Hört definitiv unten mal rein und wählt euch selbst in die Hotline ein (so gute Musik habt ihr noch in keiner Warteschleife gehört, da bin ich mir sicher)!

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    Fotocredits: Amelie Strobl

  • Aze und die Ironie des eigenen Verhaltens in “Sweet Talk / Sidewalk”

    Aze und die Ironie des eigenen Verhaltens in “Sweet Talk / Sidewalk”

    Und schon wieder ein Stern am österreichischen Musikhimmel: Aze. Ich weiß ja nicht, was unsere Nachbarn gerade am Laufen haben, aber ein Juwel nach dem anderen wird hier poliert. Und immer mit dabei, ist dieser internationale Touch, auf den man in Deutschland meiner Meinung nach deutlich seltener stößt.

    Das beweist auch das Indie-Pop-Duo Aze. Bestehend aus den Freundinnen Ezgi und Beyza machen die zwei zusammen mit ihrem Produzenten Jakob Herber selbst bezeichneten “sad sexy Pop”, mit einer Schippe Selbsthumor, besonders wenn es um Mental Health geht.

    Vor zwei Wochen hat die Band die Doppelsingle “Sweet Talk / Sidewalk” veröffentlicht, die mich richtig verzaubert hat. On top gibt es noch ein skurriles Musikvideo mit ordentlich Retro-Feeling. Aber erstmal zum Musikalischen: 


    Toxischer Sweet Talk
    Aze Sweet Talk Sidewalk untoldency indie pop music magazine Amelie Strobl

    Dem Titel des Songs nach, würde man vielleicht erwarten, dass es um die Verträumtheit des Verliebtseins geht. Und das tut es auch, aber von einem etwas anderen Blickwinkel aus, und zwar aus dem toxischen. Beyza beschreibt die Unzufriedenheit ihrer aktuellen Beziehung. Es findet nur “Sweet Talk” statt, nichts Substanzielles oder Echtes, nur leeres Gelaber und Manipulation. Trotz dieses Bewusstseins für die Situation, “Sweet Talked” sie sich aber selbst in die Toxizität und akzeptiert zynisch, dass das Ganze zwar nicht okay ist und es nicht schlau wäre zu bleiben, aber etwas dagegen unternommen wird nicht. Da winkt die Selbstmanipulation fröhlich zur Begrüßung.

    Diese Selbst-Intrige wird musikalisch in einen sommerlichen, warmen Sound verpackt. Dieser funktioniert einerseits als Kontrast zu dem Thema, aber gleichzeitig passt er wie Faust aufs Auge dazu, wie Beyza sich selbst bewusst täuscht. Ich liebe es ja, wenn eigentlich sehr schwere, existenzielle Themen in leichte, sorgenfreie Sounds verpackt werden. Und das schaffen Aze mit der sanften Stimme und dem schwerelosen Sound, der automatisch zum leichten Mitgrooven einlädt. Azes Sound lässt mich dahinschmelzen, und zwar buchstäblich. Ich fühle mich als würde ich irgendwo am Strand in der Sonne brutzeln, mit dem Song in meinen Ohren und der Ignoranz meiner eigenen Probleme im Kopf.


    Auf dem Sidewalk der Realität
    Aze Sweet Talk Sidewalk Hotline Aze untoldency indie pop music magazine Amelie Strobl

    “Sweet Talk” endet auf den ersten Hörer sehr abrupt, geht dann aber mühelos sofort in das deutlich darkere “Sidewalk” über. Und so erzeugen Aze eine Symbiose mit den beiden Songs. Das Ende von “Sweet Talk” ist die Batterie, die leer geht, nachdem man sich selbst was vorgespielt hat. Mit “Sidewalk” setzt die schwermütige Realität ein, dass die eigene Täuschung nirgends hinführt. Wo der vorangegangene Sound unbekümmert und naiv klang, ist der Ton jetzt deutlich trauriger, was sich durch die gedämpfte Melodie und die verzerrten Stimmen deutlich macht. Zum Ende hin setzt dann nochmal “Sweet Talk” ein, zusammen mit einer Sprachnachricht feat. sympathischen Wiener-Akzent.


    Wie mentale Gesundheit und Sitcoms zusammengehen

    Der Kontrast zwischen den beiden Songs wird so auch im Video zur Doppelsingle visualisiert. Während “Sweet Talk” full-on Sommervibes gibt, ist das Video zu “Sidewalk” – genauso wie der Song selbst – völlig gegensätzlich.

    Queue: cringey Intro à la 90’s Sitcom, bei der jeden Moment ein austauschbarer weißer Dude einen völlig unpassenden Witz über Frauen im Haushalt macht. Das brauchen wir zum Glück nicht im Musikvideo zu erwarten. Dennoch schaffen Aze aus dieser cringigen Ästhetik ein sympathisches, retroesques Video, bei dem man sich nicht zu ernst nimmt. Das wird schon allein mit dem absichtlich gewählten Greenscreen-Hintergrund klar.

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    Man sieht die zwei und ihren Produzenten auf einem Roadtrip durch eine wüstenähnliche Landschaft fahren und schon da läuft alles schief, was schieflaufen kann: Das Auto gibt auf. Natürlich, wie sollte es auch anders sein. Denn das Auto steht als Metapher für die zum Scheitern verurteilte Beziehung bzw. den verklärten Umgang von Beyza mit ihrer Situation. Die drei steuern notgedrungen eine Tankstelle an, in der Hoffnung das Auto reparieren zu können und hier kommt mein Lieblingspart. Man bekommt einen Austausch zwischen Tankstelleninhaberin und Beyza mit, den ich hier einfach mal für sich stehen lassen möchte.


    “My life is falling apart…”

    “So is mine.”

    “Our car is broken. Can you help us fix it?”

    “No fixing what is already broken. No one can help you“


    Beyza verlässt den Laden und fragt, was sie jetzt tun sollen. Jakob sagt: “Move on?” Und alle zucken mit ihren Schultern und Beyza geht von dannen.

    Plötzlich klingelt Beyzas Handy und wer ruft an: Bae. Nach einer wenig hilfreichen Diskussion mit Ezgi und Jakob als Engel und Teufel, gibt sie nach und hebt ab. So beginnt “Sidewalk”. Der zweite Part des Videos teleportiert uns ins Stadtleben inklusive wackeligen, Stress verursachenden Einstellungen. Ein Gefühl von Chaos und Trunkenheit äußert sich, was wiederum die vorher aufgesetzte rosarote Brille zur Realität werden lässt.

    Die Idee zu den zwei Singles entstand über eine Sprachmemo zwischen den beiden, die durch die Tracks hindurch gesampelt wird. Auch das am 24.06. erscheinende Debütalbum “Hotline Aze” spielt mit Telefonaten und der Idee einer Mental-Health Hotline, duh. Zum Release könnt ihr euch übrigens über ein Interview mit dem Duo freuen, also Ohren offen halten. Bis dahin, hört auf jeden Fall in die aktuelle Single rein und überzeugt euch von dem cuten Musikvideo.

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    Fotocredits: Amelie Strobl

  • Playlist: indie export – the sound of benelux

    Playlist: indie export – the sound of benelux

    Waffeln, Fritten, belegte Sandwiches auf viel zu weißem Brot und das am besten nochmal alles in die Fritteuse. Das waren mit die ersten Sachen, die ich mit Belgien verbunden habe als ich hier vor plus minus 3 Jahren hergezogen bin. Neben den belgischen Eigenheiten und den viel zu teuren Drogerieartikeln ist es hier aber doch eigentlich richtig schön. Wenn man so durch die kleinen Straßen läuft und die wunderschönen verschnörkelten Gebäude sieht, strahlt das Land eine ganz besondere gemütliche und irgendwie ungenierte Gelassenheit aus. Und ja, das Bier hier ist wirklich 1A.

    Aus diesem Anlass möchte ich euch heute meine aktuelle Wahlheimat musikalisch vorstellen. Aber weil es in der Ecke noch viel mehr zu entdecken gibt, stehen die unmittelbaren Nachbarn auch auf dem Programm. In der Playlist indie export – the sound of benelux findet ihr meine beste Song-Auswahl aus Belgien, den Niederlanden und Luxemburg. Also, grab your waffle and your Gouda and let’s go.


    1. Halt: Das Land, in dem Belgisch gesprochen wird und das nur aus Brüssel besteht.

    Wie oft mir Leute unterkommen, die denken, Brüssel wäre ein Land und hier würde Belgisch gesprochen werden. Kurze Geschichtsstunde. Belgien ist in 4 Provinzen unterteilt: Flandern, Wallonien, Brüssel und der deutsche Teil und es wird niederländisch/flämisch, Französisch und Deutsch gesprochen. Ja, unglaublich undurchsichtig und da ist Kommunikation oft schwer. Deshalb no hard feelings, wenn man etwas verwirrt ist, I’ve been there.

    Als ich so meine Recherche für die Playlist angegangen bin, war ich oft total erstaunt, als ich immerzu rausgefunden habe, dass einige meiner Lieblingskünstler*innen aus Belgien stammen. Besonders Brüssel hat eine richtig spannende Musikszene, aber alles auch irgendwie unterm Radar. Folgend gibt’s ein paar mehr und ein paar weniger bekannte Tipps.

    Starten wir mit einem meiner Lieblinge: Tamino. Weil ich ihn so doll lieb, gibt es direkt zwei Songs in der Playlist, konnte mich nicht entscheiden. Der aus Antwerpen stammende Sänger hat u.a. libanesische und ägyptische Wurzeln und macht atmosphärische Musik mit einem unverwechselbaren orientalischen Touch. Kann mich jedes Mal von Neuem drin verlieren.

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    Die meisten, die ich für Tipps gefragt hab, haben Balthazar genannt. Und ich glaube, das ist auch die einzige Band, die Leute, die nicht so vertraut mit der Musikszene hier sind, noch am ehesten kennen. Aber neben der (wirklich tollen, don’t get me wrong) Band, möchte ich auch einen Shoutout an all die Solo-Projects der Mitglieder geben: Warhaus, J. Bernardt und Jasper Maekelberg, der unter Faces on TV bekannt ist, aber auch viel Einfluss auf die eben genannten Künstler sowie Bazart genommen hat. Und überall schwingt dieser unverwechselbare Balthazar-Charme mit. Daneben kennen die meisten mit Sicherheit Stromae als den Star Belgiens und zu Recht. Wie gut ist bitte sein neues Album Multitude” ??? 

    Abschließend zu diesem Stopp auf der Expedition, ein paar Geheimtipps meiner Seite: träumerische Sommerklänge von Danny Blue and the Old Socks, empowering Soul von K.ZIA, Elektropunk, der gut abgeht von Compact Disk Dummies und Gänsehaut-garantierender Bedroom-Indie von Kids with Buns.


    2. Halt: Da wo nur Clogs getragen werden und alle dauerhaft stoned sind.

    Natürlich nicht… aber, damit geht’s weiter gen Norden und mit der unfassbaren RIMON in die Niederlande. Die Amsterdam-based Sängerin hat sich schon vor Jahren mit ihrer BBYGIRL FOCU$” EP zu meinen favourite R&B-Künstler*innen gereiht. Allgemein hat die Niederlande wirklich soliden R&B und Soul auf der Matte: Latanya Alberto, Gaidaa, Elijah Waters und Joya Mooi sind nur einige davon.

    Wer Fan von experimentierfreudiger Musik ist, ist in den Benelux-Ländern gut bedient. Insbesondere in den Niederlanden wird viel mit neuen Musikrichtungen gespielt. Hier gibt es außerdem eine aufstrebende New Wave Szene, die u.a. von De Ambassade angeführt wird. Auch nicht zu vergessen: meine persönliche Königin des Avant-Garde-Pops: Die iranisch-niederländische Sängerin Sevdaliza fasziniert regelmäßig mit neuen, futuristischen Sounds wie Visuals.

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    Aber auch klassischer Indie von Feng Suave, EUT oder Iguana Death Cult (erinnert mich übrigens SEHR an Bloc Party) ist nie verkehrt. Mein Geheimtipp: Bombay. Hier muss ich kurz ein für fellow Indiemäuse peinliches Geständnis ablegen. Den Song “Slow Motion” kenne ich seit er 2015 rausgekommen ist und dachte ewig, dass das ein Song von Bombay Bicycle Club ist. Bis ich während meiner Recherche-Arbeiten rausgefunden hab, dass es sich um eine noch unbekannte Band aus Amsterdam handelt, die leider gar nicht mehr aktiv ist. Diese Entdeckung war wirklich enttäuschend, der Song ist aber immer noch 10/10.

    Weitere nennenswerte Künstler*innen: Waltzburg, The Max Meser Group, The Vices, Indian Askin.


    3. Halt: Warte, Luxemburg ist ein eigenes Land und keine Stadt in Deutschland?

    Klein aber oho! Mit nur etwa 650.000 Einwohner*innen kann das kleine Land gerade mit einigen aufstrebenden Talenten protzen. Dazu gehören Bartleby Delicate, Seed to Tree, CHAILD und Francis of Delirium. Wer noch mehr Empfehlungen aus Luxemburg für mich hat, kann gerne auf mich zukommen 😉

    Denn zugegeben, mit Luxemburg bin ich am wenigsten vertraut und deshalb macht das leider den kleinsten Teil der Playlist aus. Das soll aber nicht heißen, dass die Künstler*innen nicht weniger nennenswert sind, ganz im Gegenteil. Ich habe das Gefühl, dass die Luxemburger*innen noch einen Schritt mehr wagen, wenn es um experimentelle und futuristische Sounds geht. Man gucke einmal auf C’est Karma und Say Yes Dog.

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    Ich weiß nicht, wie es euch geht oder gehen wird, wenn ihr durch die Playlist hört. Aber mich hat die Benelux-Musikszene wirklich überrascht. Insgesamt sehr experimentell, viel Underground, aber auch große Pop-Stars stehen hier Seite an Seite. Durch die Bank weg haben die drei Länder musikalisch extrem viel Diversität zu bieten und auch eine Menge unentdeckter Schätze. Das ist doch mal erfrischend!

    Ich würde mich riesig freuen, wenn ihr in die Playlist reinhört und unseren Nachbar*innen ein offenes Ohr schenkt 🤗

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  • Tilman und die eigene Toxizität in “Fassade”

    Tilman und die eigene Toxizität in “Fassade”

    Viele Worte braucht es bei Tilman nicht. Denn mit wenigen überaus prägnanten Zeilen und der richtigen musikalischen Untermalung reißen die Jungs aus Bad Neustadt an der Saale eine ganze Welt voller Selbstreflexion, aber auch Selbstzerstörung auf. Und das auch wieder in ihrem neuen Song “Fassade”. Die neue Single folgt der 2021 erschienen EP “Blume in Grau” und ist der Vorreiter für zwei weitere Singles, die noch diesen Sommer erscheinen sollen.

    Tilman sind Tilman, Fabio und Peter aus dem unterfränkischen Bad Neustadt. Außerdem werden die drei regelmäßig von Malte Huck (ehemals Annenmaykantereit, jetzt BEACHPEOPLE) am Bass unterstützt. Meinen Mit-Würzburger*innen werden die Jungs vielleicht was sagen, da sie öfters in der Gegend spielen und hier auch schon Jeremias supportet haben. Wem die Band noch nicht über den Weg geschlichen ist: Tilman machen Musik für nachdenkliche Tage. Eine Mischung aus Indie, Pop und Jazz inklusive Lyrics deren Tiefe bis zum Meeresgrund reicht.

    Nach meiner ausführlichen Review zu “Blume in Grau”, hier jetzt meine Gedanken zu “Fassade”:


    Die Fassade bricht

    “Fassade” setzt mit genauso schwermütigen Klängen wie Worten ein, typisch Tilman einfach. Tilmans charismatische, tiefe Stimme setzt ein:


    “Hasse mich

    Verletze nur”

    Und damit ist sofort klar, worum es hier geht: das eigene toxische Verhalten. Die meisten gehen durchs Leben, ohne sich selbst ihr eigenes schädliches Verhalten vor Augen zu führen. Oft braucht es jemanden von außen, um erstmal zu realisieren, dass man mit einer Augenbinde durch die Welt und Beziehungen getapst ist oder sich alles einfach schöngeredet hat. Tilman werden in “Fassade” genau damit konfrontiert. Und was dann passiert?


    “Die Fassade bricht”




    Der eigene Stolz bröckelt Stück für Stück und der eigene Spiegel wird einem so nah wie nie zuvor entgegengehalten. Die einst verklärte Sicht auf sich selbst wird erschüttert. Dieser emotionale Schock wird musikalisch untermalt durch Tilmans Stimme, die an dieser Stelle bedeutend lauter wird.

    Allerdings ist Erschütterung nicht alles, was Tilman fühlen. Nein, diese Konfrontation gipfelt in Selbsthass. Anfangs noch wenig Bedeutung geschenkt, werden die Zweifel nach dem zweiten Vers größer. Musikalisch äußert sich das besonders stark. Dachte nie, dass ich diese Worte in den Mund nehme, um Indie-Musik zu beschreiben: Aber der Beat dropped (hier verfalle ich dann in Selbsthass, weil cringe 🤢).


    Virtuose Jazz-Einflüsse

    Ab hier wird der Song fast schon virtuos. Man merkt die Jazz-Einflüsse von Tilman besonders, erinnert aber auch fast schon ein bisschen an Bilderbuch. Fabios Fuzz-Gitarre und Peters frei Improvisation schaffen ein dramatisches, verzerrtes Klangbild, das wiederum das eigene verzerrte Selbstbild widerspiegelt. Übrigens begleitet das Musikvideo zu “Fassade” dieses Bild perfekt. Hier sieht man Tilman in wackeliger Kameraeinstellung wie er im Auto durch die Stadt fährt und eingekesselt wird von verschwommenen Straßenlichter. Ein musikalischer wie visueller Fiebertraum.

    P.S. Bin ich die einzige die findet, dass der Verzerrer wie ein Kazoo klingt? Queue: Kazoo Kid. Okay, weiter gehts mit ernsthafter Musik 😁


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    Enden tut der Song mit dem letzten “Die Fassade bricht”, das mich besonders berührt. Die einzelnen Silben werden nacheinander gesungen, um zu symbolisieren, wie die Fassade Stück für Stück herunterbricht. Und dann hört man diesen kleinen – fast schon unbemerkten – Bruch in Tilmans Stimme, der der perfekte Schluss ist, um die Verletztheit und Kränkung zu verdeutlichen.

    Das waren sie, meine Eindrücke von Tilmans neuer Single “Fassade”. Kurzum: Gelungener Song mit außergewöhnlicher Tiefe und einer ordentlichen Portion Selbstzerstörung, wie man es von den Jungs kennt. Dennoch ist der Song viel experimenteller als frühere und baut Spannung für die nächsten Releases im Sommer auf.


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    Fotocredits: Pascal Schattenburg, Nils Ritter