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  • ANTHI im Interview: »Musik war das einzige, was mir niemand wegnehmen konnte.«

    ANTHI im Interview: »Musik war das einzige, was mir niemand wegnehmen konnte.«

    Heute stellen wir euch eine Newcomerin vor, die was für alle sein könnte, die melancholische Musik á la Lana Del Rey mögen. ANTHI hat am Freitag ihre Debüt-EP Verwelkte Rosen veröffentlicht, auf der sie nicht nur ihren musikalischen Werdegang aufzeichnet, sondern auch viele persönliche Dinge verarbeitet. Die EP ist geprägt von toxischen Beziehungen aber auch dem Cut und dem Weg zur Heilung. Sie ist geprägt von einer Leidenschaft fürs Storytelling, tiefgründigen Reflektionen und einer Nahbarkeit und Emotionalität, die verbindet. Wir haben mit ANTHI über ihren Werdegang zur Musik und die Inhalte der EP gesprochen.

    ANTHI im Interview

    Anna: Hey! Bald ist es so weit und deine Debüt-EP kommt in die Welt! Es ist das erste Mal, dass deine Songs gesammelt in einem Werk veröffentlicht werden. Wie fühlt sich dieser Moment für dich an? Bist du aufgeregt?

    Ich bin unfassbar aufgeregt! Die Menschen da draußen hören meine intimsten Gedanken aus meinem Tagebuch, die ich auch teilweise nicht mal meinen engsten Freunden erzählt habe. Es ist wie ein Geständnis. Es fühlt sich einerseits sehr aufregend und befreiend an, aber irgendwie macht man sich dadurch sehr verletzlich.

    Du bist als Kind mehrfach umgezogen, auch in unterschiedliche Länder. Wie war diese Zeit für dich, wie hat sie dich geprägt? Gibt es Orte, die du besonders vermisst?

    Als Kind war diese Erfahrung sehr schlimm für mich. Immer wieder neue Städte, neue Länder und neue Sprachen. Immer wieder aus allem, was mir je Halt gegeben hat, rausgerissen werden. Ich hatte nie feste Freunde oder einen Ort, den ich „Zuhause“ nennen kann. Ich wusste auch nie, dass wir umziehen werden: Ich hab mich fertig gemacht für die Schule und hab plötzlich gemerkt, dass das nicht der Schulweg ist.. Dadurch konnte ich mich nie wirklich verabschieden.

    Heute denke ich etwas anders darüber nach – ich bin dankbar dafür, dass ich die Möglichkeit hatte, alle diese Orte zu sehen. Ich glaube tatsächlich sogar, dass all das genau richtig war, sonst hätte ich die Songs, die ich schreibe, nie so schreiben können, ohne all diese Einflüsse.

    „Ich liebe einfach Melancholie.“

    Wie hast du inmitten all dem zur Musik gefunden? Und welche musikalischen Einflüsse haben dich besonders geprägt?

    Musik war das einzige was, mir niemand wegnehmen konnte als Kind. Mich hat klassische Musik wirklich geprägt – diese Dramatik und Sinnlichkeit war schon immer meins. Mein Traum war es immer in einer Oper meine Songs zu singen. Aber natürlich habe ich auch schon immer Rihanna & Adele sehr bewundert, genau so Lana del Rey. Ich liebe einfach Melancholie.

    Kannst du dich noch erinnern als du deinen ersten Song geschrieben hast? Worüber war er?

    Ich habe schon nach paar Monaten in Deutschland angefangen Gedichte zu schreiben. Meine Lehrer haben die nie bewertet, weil sie mir unterstellt haben, sie nicht geschrieben zu haben, da eine 12 jährige in der fünften Klasse nicht dazu fähig wäre – vor allem nicht nach wenn sie erst seit 2 Monaten in Deutschland lebt. In dem Gedicht ging es um Verluste und den Neuanfang des Frühlings. Jetzt, wo ich darüber nachdenke, so ein bisschen wie mein neuer Song „Nur für dich“.

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    Worum geht’s in Nur für dich?

    Letztes Jahr hat sich jemand aus meiner Vergangenheit wieder gemeldet und wollte sich entschuldigen für die Dinge, die vor langer Zeit zwischen uns passiert sind. Wir standen uns gegenüber und das einzige, was ich gehört habe, waren die Blätter und der Wind. Er fängt an sich zu entschuldigen und mir zu sagen, dass er seitdem ein sehr schlechtes Gewissen hat und nachts nicht schlafen kann. „Kannst du mir verzeihen“, fragt er mich. Und das einzige, was ist höre ist, dass er sich besser fühlen will und es nur für sich macht. Hätte ich von seinen Tagen nicht erfahren, würde es ihm nicht leid tun. Am nächsten Tag war ich im Studio und die Fenster waren auf. Und plötzlich höre ich den Wind und die Blätter der Bäume und da wusste ich, dass das der Song wird.

    „Es ist okay, nicht zu verzeihen.“

    Was hast du aus dieser zerbrochenen, toxischen Beziehung gelernt?

    Dass ich keine Verantwortung für die Fehler anderer übernehmen muss. Es ist nicht meine Schuld, dass mir das passiert ist und es ist okay nicht zu verzeihen.

    Hast du Tipps oder unterstützende Worte für Leute, die in einer toxischen Beziehung stecken und es noch nicht rausgeschafft haben oder gerade dabei sind, sie zu verlassen?

    Es ist so schwer, weil es nicht „die eine Lösung“ dafür gibt. Aber ich kenne es, wenn man sich „wertlos“ fühlt und es einem eingeredet wird. Ich kenne es, wenn man sich die Schuld an allem gibt und das tut weh. Wenn ihr selbstlos seid, werdet ihr nicht dafür „mehr“ geliebt. Die Person wird sich dadurch nicht ändern. Wenn euch jemand so behandelt, dann nicht, weil ihr es verdient habt, sondern weil er einfach ein schlechter Mensch ist. Ich wünschte, das hätte mir jemand gesagt.

    Wie hat dir Musik geholfen, das alles zu verarbeiten?

    Ich schreibe unfassbar gerne. Ich hab tagelang oder sogar wochenlang jeden Tag so viel über den Schmerz, den ich in dem Moment gefühlt habe, geschrieben, bis ich mich etwas besser gefühlt habe. Schreiben heilt – manchmal hilft aber auch einfach in ein Kissen zu schreien. Oder halt mehrmals.

    „Azadi is my story: pain, resistence, rebirth.“

    Was sind deine weiteren Pläne dieses Jahr?

    Ich möchte öfters Live singen. Mehr auf die Bühne gehen und mir die Seele raussingen mit Menschen, die es fühlen oder auch mal so etwas erlebt haben.

    Die letzte Frage bezieht sich bei uns immer auf eine untold story. Das kann alles sein, was du noch nie in einem Interview erzählt hast, aber jetzt gerne loswerden würdest.

    Ich hab jahrelang gemalt. Viel abstrakte Kunst. Ich hab überlegt, Kunst zu studieren und ich lese sehr viele naturwissenschaftliche & philosophische Bücher.

    Hört hier in Verwelkte Rosen von ANTHI rein!

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  • Nicht verpassen: Peat geht mit seinem Album „WEICH“ auf Tour

    Nicht verpassen: Peat geht mit seinem Album „WEICH“ auf Tour

    Es gibt immer wieder Albumreleases, die nicht die Aufmerksamkeit bekommen, die sie eigentlich verdienen. Nichts anderes als eine kleine Sensation ist das im Juni erschienene Album „WEICH“ des Wahlberliner Musikers Peat. Besser spät als nie, möchte ich euch jetzt davon berichten und dem Jahresrückblick ein Highlight aus 2023 vorziehen. Aber das ist noch nicht alles: Peat hat letzte Woche schon wieder eine neue Single veröffentlicht. Diese trägt den Titel „Der September ist noch nicht vorbei“. Außerdem geht er nächste Woche auf Tour.


    Mitte Juni sitze ich im ICE nach Hamburg. Also – ich sitze, aber nicht auf einem Platz, sondern auf der Stufenkante der Schiebetür. Aus der Zugtoilette hustet es. Die Tür geht auf, ein Schwall kalter Rauch zieht in den Gang. Ein Kind schreit und tröstet sich mit einem braun gewordenen Apfelschnitz, der mutmaßliche Vater findet Trost in einem kräftigen Schluck aus seiner Bierflasche. So weit, so scheiße, scrolle ich durch meine Playlists – nichts. Nichts, was mich hier rausholen kann.

    Dann finde ich Peat und sein vor ein paar Stunden releastes Album „WEICH“, ein purer Zufall. Es wird das erste von vielen Malen sein, dass ich beim Song „IRGENDWANN WIRD ALLES“ Play drücke und „AM ENDE“ noch so vieles nicht verstanden habe. Es sind vor allem die Texte, die mühelos die gesamte Aufmerksamkeit ihres Publikums aufsaugen. Sie sind so schonungslos und ehrlich, dass Weghören manchmal die gesündere Option für den Seelenfrieden zu sein scheint. Erwachsene Vernunft hat hier aber keine Chance. „WEICH“ ist das Chaos jugendlicher Gefühle, das Chaos des Internets der 2000er und die säuerliche Essenz dessen, was daran und darin damals unheimlich sein konnte.

    Peat, Weich, Hip Hop, Rap, Tour, Konzert, untold concert, untoldency, (c) Enlight

    Songs wie „MR. RATTENSAU“ oder „DER SCHRECKEN“ lassen uns die Coming-Of-Age-Episode des Lebens einerseits körperlich nachempfinden – bei den wirklich verstörenden Schilderungen andererseits nur als schockierte Gaffer zurück. Dabei ist auch auf „WEICH“ nicht alles apokalyptisch und dem Tode geweiht. Das Album hat nicht selten hoffnungsvolle Momente, wie im sehnsüchtigen Warten des Songs „ZURÜCK“ oder im letzten Stück „AM ENDE“ mit erfreulichen Aussichten: „Alles wird gut, solang‘ ich bei dir bin.“

    Die Produktion der Platte ist außerdem bemerkenswert gut. Peat macht alles selbst. Sie ist vielschichtig, komplex und überrascht in nahezu jedem Track mit unerwarteten Wendungen. Akustische Drums und Balkan-Beats. Gitarrensoli und tiefe, sägende Synthesizer. Klavierballaden, ab und zu eine kleine Überdosis Autotune und über allem schwebt irgendwie „Where Is My Mind“ von den Pixies. Am Ende dieses Albums eine wirklich gute Frage.


    Auf die WEICHe Tour

    In der neu erschienenen Single „Der September ist noch nicht vorbei“, dass uns bei früherem Release vielleicht einige Green Day-Alben erspart hätte ;), resümiert Peat: „Ich hab‘ mich echt so gut ich kann abgemüht, doch bis hierhin war das Ganze ja nicht so gut.“ Naja, so bescheiden muss er nun wirklich nicht sein. „Der Oktober bringt mir nur Skelette“ könnte hingegen stimmen, wenn er sein Publikum auf den Oktober-Tourdates ordentlich grillt. Ich mache mich jedenfalls auf alles gefasst.

    Zum Schluss möchte ich allen von Herzen empfehlen, diese Shows in Deutschland und Österreich zu besuchen. Da steckt viel Arbeit drin, die honoriert werden will.

    Peat-Weich-Hip-Hop-Rap-Tour-Konzert-untold-concert-untoldency

    Erwischen könnt ihr Peat und seine Crew hier:


    17.10. Köln – MTC (mit Taby Pilgrim und Thizzy)
    22.10. Hamburg – Häkken (mit Juno 030)
    29.10. Wien – B72 (mit Taby Pilgrim)
    02.11. Berlin – Schokoladen (mit PSASSA)

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    Fotocredit: Jan Neumann, Enlight

  • OK KID im Interview: „Wir sind über jeden einzelnen Song happy, das war bisher nie so“

    OK KID im Interview: „Wir sind über jeden einzelnen Song happy, das war bisher nie so“

    Es ist September 2021, eine warme Sommernacht in Gießen folgt einem bunten Tag, auf dem Gelände des Stadt ohne Meer Festivals wird es ruhiger – scheinbar. Eine große Überraschung haben OK KID auf ihrem eigenen Festival natürlich noch parat. Mit unangekündigtem Auftritt, eindrucksvoller Lichtinstallation und Feuerwerk kündigte die Band ihr neues Album DREI an. Inklusive Vorgeschmack auf die bis dahin unveröffentlichte Single Mr. Mary Poppins und Album Cover-Reveal. Nun sind Monate vergangen und DREI erblickte am 13.05. das Licht unserer Streaminganbieter und Plattenregale. Der spektakulären Ankündigung auf dem Festival sind OK KID auf jeden Fall gerecht geworden.

    Auf 11 Tracks, die aktueller und greifender kaum sein könnten, beweisen sie, wie viel Energie und Kreativität noch in ihnen steckt. Von mächtigen Rock-Sounds, politisch cleveren Bemerkungen bis hin zu gewohnt tiefgründigen Zeilen voller Melancholie decken OK KID alle Facetten gelungen ab. Facetten, die uns vielleicht bis hierhin noch gar nicht bewusst waren. Und eine Breite an Themen, die wir nur nach wiederholtem Hören vollständig begreifen. Zwar ist es nicht ihr drittes Album, doch mit dem Albumtitel knüpft die Band an ihr zweites Album Zwei (2016) an und zeigt seinen Hörer*innen, um wen es sich hier handelt. Nämlich um Jonas, Moritz und Raffi. Wie der Song Nur wir 3 schon in 2019 sehr ehrlich die Geschichte erzählte: Von Label, Management, Produzenten und Bookingagentur getrennt, arbeiteten die drei Wahlkölner nun völlig eigenständig. Und man hört, dass ihnen das gut tut! Auch die neu gesammelte Energie nach der ersten Auszeit von einander in 10 Jahren Bandgeschichte, scheint sich wohl gelohnt zu haben. 

    Man bekommt die Auf- und Umbruchstimmung als Hörer*in mit voller Wucht zu spüren. Sowohl die, die Bandintern geherrscht hat, als auch die, die musikalisch darin steckt. Mit höchstem Maß an Reflexion, sich selbst, seinem Umfeld und der Gesellschaft gegenüber, vermittelt das Album den Eindruck einer neu begonnenen Zeit. Oder ist alles doch schon immer so gewesen? OK KID wissen, wie sie mit ihrem kritisch betrachtendem Auge zum Nachdenken anregen und anstoßen. Und Sänger Jonas bewies schon immer, dass er weiß, wie er geschickt die passenden Worte findet. Selbst für die Dinge, die man weder aussprechen, noch wahrhaben möchte. Doch auf diesem Album ist es der Band vor allem gelungen, die Inhalte auch soundtechnisch genauso angemessen, überzeugend und ja, manchmal sogar angreifend, zu gestalten, wie ihre Aussagen. Die anhaltende Diskussion darüber, ob ihre Musik denn Rap oder Pop sei, ist nun noch irrelevanter als zuvor. Egal, wie sehr man drücken und pressen würde, DREI würde in keine Schublade hinein passen.

    Ursprünglich hatte ich keine bestimmten Erwartungen an das Album, ich war eigentlich bloß neugierig. Jetzt, wo ich das Album nun schon eine Weile hören und an mich ranlassen durfte, kann ich sagen, dass es objektiv und subjektiv die beste Veröffentlichung von OK KID ist. Als Cold Brew, der vierte Teil der Kaffee Warm-Reihe zum Release angesetzt war, hatte ich ein wenig Angst. Die bisherige Trilogie schien so perfekt, geliebt und gefeiert, wie ein langjähriger Begleiter. Und plötzlich eine Fortsetzung? Ja. Und im nachhinein kann ich nicht glauben, dass ich überhaupt eine Sekunde daran gezweifelt habe, dass sie dem nicht nochmal gerecht werden könnten. OK KID haben auch mir bewiesen, dass sie nicht einfach nur beständig sein können, sondern sich sogar steigern können. Wenn man durch die Tracklist stöbert, wird die Emotionalität der Songs wie Cold Brew und Leben light von totalen Überraschungen wie Bubblegum und Es regnet Hirn umklammert. DREI ist kein Album, das spurlos vorbeigeht und dann in der verstaubten Ecke der totgehörten Spotify-Playlist landet. Mal ist es eine verständnisvolle Umarmung und mal ein Tritt in den Magen, aber in beiden Richtungen verbleibt ein anhaltender Eindruck.

    Ehrlicherweise ist eine Sache, die mich an OK KID immer begeistert hat, das Gefühl, dass sie niemals aufhören zu sein. Auf erste Veröffentlichungen, die bis heute zeitlos wirken, folgten immer wieder neue Ideen, neue Anstöße, neue Projekte, Selbsterfindung und Wiederfindung. Und zwischen ihrem dauerhaften Streben nach Optimierung und angenehmer Konstante war das Gefühl beständig, dass “OK KID” das ein und alles für sie ist. DREI weist Gründe auf, um nachts nicht mehr schlafen zu können und bietet im selben Moment Hoffnung, um es doch endlich wieder zu tun. DREI fühlt sich wie ein aufbrechender Neuanfang und ein grandioses Finale in Einem an. Ich bin so froh, dass nun alle die Möglichkeit haben, dieses Album in das eigene Leben willkommen zu heißen. Und es hoffentlich nicht mehr gehen zu lassen.

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    Kurz vor dem Album Release trafen sich vier Gießener*innen per Zoom, drei davon sind Jonas, Moritz und Raffi.

    OK KID im Interview

    Dascha: Wie fühlt ihr euch so kurz bevor das Album endlich erscheint?

    Jonas (OK KID): Es ist schon so surreal, weil es auch schon mal verschoben wurde. Im September haben wir es angekündigt und dann gab’s die ganzen Verschiebungen, weil es keine Vinyl mehr gab und die Tourverschiebung, das ganze hin und her… Wir haben zwei und halb Jahre keine richtige Show mehr gespielt und sind sehr froh, dass jetzt was neues da ist, mit dem wir wieder auf Tour gehen können. Wir sind auch gespannt wie es ankommt, heute haben die ersten Menschen schon ihre Vinyl bekommen. Mega aufregend, was in den nächsten Tagen so abgehen wird.

    Dascha: Voll schön, dass da jetzt so viel passiert! Nennt mal ein paar Sachen, die für euch auf diesem Album ein erstes Mal waren?

    Raffi (OK KID): Wir haben zum ersten Mal auf Albumformat alles selber gemacht. Angefangen bei der Produktion, wir hatten ja keinen externen Produzenten, außer auf einem Song Tim Tautorat, ansonsten haben wir alles selbst produziert. Alles was drum herum passiert machen wir auch selber. Wir managen uns selber. Wir haben quasi noch ein Produktmanagement, also Leute die für uns in verschiedenen Promo-Bereichen arbeiten, aber alles mit unserer Abstimmung. Es ist alles ein riesen Haufen Arbeit. Aber das führt natürlich dazu, dass das Album einfach wir sind. In jedem Bereich. Es sieht alles ganz genau so aus, wie wir das wollten. Alles läuft genau so, wie wir das zusammen gebaut haben. Nicht nur die Mucke, sondern eben auch alles andere.

    Dascha: Ich finde, dass man das auch hört.

    Jonas (OK KID): Was ist deine Meinung zum Album? Du kennst uns ja schon so lange.

    Dascha: Ihr schon habt oft betont, dass Frühling Winter der dringlichste Song ist, den ihr je geschrieben habt. Aber ich finde das komplette Album klingt so super dringlich und reflektiert. Sowohl inhaltlich, als auch soundtechnisch klingt alles so episch und groß, viel mehr als früher. Da habt ihr euch krass weiterentwickelt.

    Jonas (OK KID): Geil, dankeschön! Wir haben Frühling Winter rausgebracht, als das Album noch gar nicht stand. Der Song war da und es war spannend das Album da anzusetzen, dass die Geschichte von DREI da beginnt. Auch, wenn es kein klassisches Konzeptalbum ist. Zum Beispiel welche Farben das Album braucht, was genau wir eigentlich erzählen wollen. Da hatten wir zum ersten Mal das Cover, bevor der Rest stand. Und das hat uns vergewissert und dabei geholfen zu wissen, wo es überhaupt hingeht. Gerade kriegt das Cover ja noch mehr Aktualität mit einem Twist, den wir damals gar nicht auf dem Schirm hatten.

    Dascha: Und wie kam es dazu, dass ihr so ein dringliches, wichtiges Album gemacht habt? Ich meine, ihr macht schon lange Musik, ihr könntet genauso gut sagen, hey wir machen jetzt nur noch was leichtes zum Spaß.

    Moritz (OK KID): Als wir uns im April 2020 nach einer Bandpause zusammengesetzt haben und gesagt haben, dass wir ein Album machen, waren wir uns einig, dass es keine Zeit für ironische und humorvolle Songs ist. Genau wie du das mit der Dringlichkeit gesagt hast, wir wollten etwas machen, was Relevanz hat und dringend raus muss. Das ist total schön zu hören, dass es bei dir auch so angekommen ist. Es war für uns klar, dass es ein Album werden muss, das mit der aktuellen Zeit und unserer aktuellen Stimmung geht.

    Dascha: Ich hab aber schon öfters mitbekommen, dass Menschen sagen, eure neuen Songs würden sie eher so ansprechen wie eure ersten Alben. Und ich meine mich zu erinnern, dass ihr auch schon gesagt hättet, dass die neue Musik eher an die vom Anfang anknüpft, die Fans der früheren Musik anspricht und wieder das „wahre OK KID“ sei. Wobei ich nicht finde, dass eure neue Musik wie die alte ist. Legt ihr denn viel Wert auf Feedback von außen? Sind euch andere Meinungen zu eurer Musik wichtig?

    Jonas (OK KID): Also uns ist relativ bewusst gewesen, dass als wir Sensation rausgebracht haben, es auf jeden Fall Leute abschrecken kann. Weil es was komplett anderes ist. Bei DREI wussten wir zum Beispiel bei Cold Brew, also Kaffee Warm 4, dass die Leute, die uns schon kennen, das feiern werden. Da sehen wir unsere Musik mit viel Objektivität. Wobei Es regnet Hirn auch was komplettes neues war. Vor allem vom Sound, wir hatten noch nie so einen tanzbaren Song wie den, aber trotzdem mit einem krassen Thema. Wir haben eine kleine Blase von Leuten, die wir gut kennen und denen wir vertrauen, denen spielen wir das dann vor. Wenn jemand von denen sagen würde „Ey, was ist das denn für Musik?!“, würden wir wahrscheinlich hinhören. Aber wenn wir den Song veröffentlichen, sind wir einfach happy damit. Wir sind über jeden einzelnen Song mega happy, das war bisher nie so. Es gab bisher auf jedem Album Songs, wo ich persönlich im nachhinein dachte: „Joa, in dem Moment fand ich’s geil, aber ich weiß nicht, ob ich mir den noch jeden Abend reinziehen würde“.

    Dascha: Voll schön zu hören, dass ihr euch jetzt so sicher fühlt!

    Raffi (OK KID): DREI ist schon nicht genau wie die alten Sachen. Es ist nicht wie das Album Zwei, aber es schließt eher daran an. Es ist eher die Fortführung und Weiterentwicklung von Zwei. Echt schön von dir zu hören, dass du die Weiterentwicklung bemerkst, weil ich sehe das genauso. Ich glaube wir haben uns in allen Bereichen sehr weiterentwickelt, sowohl inhaltlich, als auch soundlich. Bei diesem Album fallen auch jegliche Filler weg. Bei anderen Alben waren doch noch Tracks mit drauf, weil sie einfach gut reingepasst haben. Jetzt konnten wir glücklicherweise komplett auf sowas verzichten, jeder Song hat die Dringlichkeit vom ganzen Album. Da gibt es keinen Song, der irgendwie rausfällt.

    Dascha: Wo wir schon bei Feedback sind – Was sind die schönsten Komplimente zu eurer Musik? Was hört ihr gerne von anderen?

    Jonas (OK KID): Ich finde persönliche Worte eh viel schöner, als irgendwas im Internet zu lesen. Im Internet schmeißt man sehr gerne mit Superlativen rum. Ein mal in die positive und ein Mal in die negative Richtung. (lacht) Ich glaube es ist schön, wenn Menschen Musik nicht egal ist und sie sie in irgendeiner Weise berührt. Völlig egal wie. Es kann sein, dass jemand sagt “ Ey, ich hab durch die Musik mega Hass auf etwas bekommen“, dann ist das auch okay. Für mich ist Musik etwas gegen emotionale Stumpfheit. Etwas, das Sachen in dir aufrüttelt, was vielleicht ohne Musik gar nicht rausgekommen wäre. Wir wurden auch schon oft gefragt „Ihr seid doch so politisch, wünscht ihr euch, dass mehr Bands solche Statements in der Musik machen?“, dann sagen wir nein. Es muss auch nicht jede Band politisch sein, ich selbst hör gar keine politische Musik. Aber trotzdem krieg ich viel davon raus und es bringt mir sehr, sehr viel Musik hören, auch wenn sie keine Haltung hat. Wenn Leute sagen, unsere Musik hat sie zum Nachdenken angeregt oder berührt – das ist das Beste!

    Was wiederum unangenehm ist, ist wenn Leute ihr gesamtes ich auf uns projizieren. Wenn uns jemand sagt „Ohne euch hätte ich mich umgebracht“. Und sowas kam schon vor. Da wird man einfach in so eine große Verantwortung gebracht. Das ist too much. Mit so einem Feedback ist es sehr schwer umzugehen, auch wenn es natürlich schön ist, dass die Musik Leuten hilft. Aber wenn jemand zu krass von deiner Musik positiv berührt ist, kann es genau so 180 Grad in’s Negative gehen, wenn du eine Sache machst, die der Person missfällt. Wir hatten auch schon Leute, die Bücher über uns geschrieben haben. Und letztens haben wir ein Tattoo gesehen, da hat einer seine komplette Brust, seinen ganzen Oberkörper, mit einem Foto von uns tätowiert. Da sagen wir nicht unbedingt „Ey, geil!“, das wollen wir nicht positiv oder negativ bewerten. Das muss der oder diejenige für sich wissen, ob man das wirklich so sehr feiert.

    Dascha: Das ist krass! Als ich beim Prelistening das Album zum ersten Mal gehört habe, ist mir Hausboot am See am meisten hängengeblieben. Der lag mir sehr schwer im Magen. Deswegen würde ich gern inhaltlich darauf eingehen. Was würdet ihr raten, ab wann sollte man eine zwischenmenschliche Beziehung, oder eher Freundschaft, beenden? Ab wann sollte man sein Umfeld oder seine Bubble aussortieren?

    Jonas (OK KID): Der Song ist der persönlichste Song auf dem Album, das ist keine Überraschung. Es gab diesen Junggesellenabschied, es gab dieses Hausboot. Die Dinge haben sich dort so zugespitzt, dass es dazu geführt hat, dass wir keine Freunde mehr sind. Das ist also keine Geschichte, die ich nur für das Album genutzt habe. Nicht jede Zeile ist eins zu eins so in der Abfolge passiert, aber es ist eins zu eins die Situation, die es gab. Voll oft hängt man sich bei alten Freundschaften und Beziehungen an Bindungen fest, die in der Vergangenheit liegen, weil man früher mal eine tolle Zeit miteinander hatte. Dann sieht man sich ein paar Jahre nicht und der Gedanke sich wieder zu treffen ist mit einer wunderschönen Romantik erfüllt. Und wenn man sich dann endlich trifft merkt man, es ist gar nicht mehr so. Außer der Vergangenheit gibt es kaum noch etwas, was dich mit den anderen Personen verbindet.

    Das ist also ein bisschen eine Aufforderung an Freundschaften zu arbeiten. Die Freundschaften und Beziehungen müssen im jetzt existieren können. Eine Freundschaft muss hier und jetzt von Vertrauen, Inspiration, von Sachen teilen können, sich Geborgenheit geben, leben. Das kann die Vergangenheit oft eben nicht mehr. Mir ist es in den letzten Jahren oft passiert, dass ich mich von solchen Beziehungen aktiv entfernt habe, weil sie mir einfach nichts mehr bringen. Dann sagen andere „Du musst doch loyal sein, ihr habt so viel zusammen erlebt“. Und wahrscheinlich wäre ich wie bei Familie auch wieder da, wenn etwas ganz Ernstes passieren würde, aber man braucht keinen Kontakt und keine aktuellen Verbindungen mehr.

    Dascha: Ich glaube auch, dass es sehr wichtig ist, das zu können.

    Jonas (OK KID): Ja, ich glaube das braucht viel Mut und Kraft. Gerade auf dem Dorf stell ich mir das noch viel schwieriger vor. Da hast du meistens nur diese drei Leute, mit denen du halt abhängen musst.

    Dascha: Ja, das stimmt wirklich. Was würdet ihr den früheren Moritz, Raffi und Jonas sagen oder als Rat mitgeben, wenn ihr jetzt um 10 Jahre zurückreisen würdet?

    Raffi (OK KID): 2012, das war also sogar noch vor dem ersten Album. Dann würde ich sagen: „Jungs, freut euch, das wird jetzt richtig geil!“ Eine Fehleranalyse aus der Vergangenheit würde ich nicht machen, ich würde empfehlen, wenn du es machen willst, dann mach es einfach. Nicht über irgendwelche anderen Optionen nachdenken und was man im nachhinein anders machen könnte. Ich glaube, wir drei können über die letzten 10 Jahre ziemlich glücklich sein. Natürlich kann man im nachhinein irgendwelche Moves anders bewerten, als zu dem Zeitpunkt, aber im Großen und Ganzen sind wir ziemlich happy.

    Jonas (OK KID): Ja. Mir selbst würde ich „Lass doch mal los“ sagen. Das kann ich jetzt besser als früher.

    Moritz (OK KID): Der Band hätte ich gesagt „Lasst uns mal nach Berlin ziehen“.

    Raffi (OK KID): Geil, in dem Interview in dieser anderen Realität sagst du dann: „Ey Jungs, zieht auf keinen Fall nach Berlin!“ (alle lachen)

    Moritz (OK KID): Wir haben ja damals als Band entschieden nach Köln zu ziehen. Ich war eigentlich immer für Berlin, aber letztendlich bin ich der Band auch dankbar. Ich glaube meine damalige und jetzige Beziehung hätte das sonst nicht ausgehalten. Hier hat es also privat sehr viele Vorteile, beruflich wahrscheinlich auch. Man weiß ja nie, wo wir jetzt stehen würden, wenn wir nach Berlin gezogen wären. Aber das würde ich der Band damals trotzdem sagen.

    Dascha: Haha, trotzdem nochmal versuchen zu überzeugen. Dann kommen wir jetzt zu unserer letzten Frage, der untold story. Also einem kleinen Geheimnis oder einer Geschichte, die ihr noch nicht öffentlich erzählt habt. Habt ihr was auf Lager?

    Jonas (OK KID): Wir haben nie richtig von unserem schlimmsten Gig ever erzählt. Das war als wir mal vor Deichkind gespielt haben.

    Dascha: Ey, ich war da! Damals auf dem Hessentag, richtig?

    Jonas (OK KID): Ach stimmt, du warst da! Auf dem Hessentag in Herborn. Nichts gegen Deichkind, die können nichts dafür, aber die Leute, die wegen denen da waren, waren einfach extrem strange. Wir waren da nicht als klassische Vorband, aber schon so reingebucht. Die waren alle nur wegen Deichkind da, das war ja auch ganz früh, 2014 oder so. Dann stehen wir auf dieser Bühne „Hallo, wir sind OK KID aus Gießen“ und dann buhen alle, weil für die Herborn so cool ist und Gießen in dem Kontext so „Naja, die aus der Großstadt, oder was?!“ war. Dann kommt auch noch die Moderatorin auf die Bühne und bestimmt um die 200 Vollottos brüllen auf ein mal „Ausziehen! Ausziehen!“. Wir haben uns gefragt, auf welchem Jahrmarkt wir hier gelandet sind. Danach fingen wir an zu spielen, es waren schon um die 10 Tausend Leute da und wir guckten einfach in nichtssagende, starrende, leere Gesichter. Naja, die Positiven waren nichtssagend, der Rest war so „Fickt euch, wir wollen Deichkind“. Und wir mussten einfach eine ganze Stunde spielen.

    Dascha: Witzigerweise ist meine Erinnerung von eurer Deichkind Show gar nicht so schlecht.

    Jonas (OK KID): Dann warst du da wohl irgendwie verblendet, der Vibe war auf jeden Fall furchtbar. Das war die schlimmste Konzerterfahrung für uns. Obwohl, als wir noch mit der alten Band als Jona:S mal in Frankreich in einer Kneipe gespielt haben, war das noch schlimmer. Wir waren da bei so deutschen Surfcamps dabei und konnten da dann Musik machen. Dann dachten wir, wir mieten uns mal einen Laden für einen Gig und dann können die Deutschen dahin kommen. Was wir nicht wussten ist, dass an dem Tag auch holländischer Karneval war. Die einen dachten „Juhu, es kommt eine Band“ und haben halt Leute mitgebracht und die anderen 300 in dem Club waren verkleidet und eigentlich nur da, um Karneval zu feiern. Als wir gespielt haben wurden die dann so aggressiv, dass sie angefangen haben die Kabel rauszureißen.

    Raffi (OK KID): Die sind zum Gitarristen hin und haben die Saiten verdreht und irgendwelche Dudes wollten Bier über meinen Laptop kippen.

    Jonas (OK KID): Ja, diese besoffenen Holländer haben uns dafür gehasst, dass wir deutsch sind. Dann haben die auch noch „The Germans are gay“ gesungen. Das war das einzige Mal, dass wir eine Show abgebrochen haben.

    Raffi (OK KID): (Singt in der Melodie von Seven Nation Army) All the Germans are gayyy!

    Um zu verhindern, dass sich solche Gigs wiederholen, könnt ihr die Band hier auf ihrer großen DREI-Tour im Herbst besuchen.

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    Foto Credits: Niren Mahajan
  • untoldency proudly presents: Ansu Tour 2022

    Wir haben heute das Glück, euch die Tour von niemand geringerem als dem ASMR-Rapper Nummer eins Ansu vorzustellen. Der Artist geht ab Sonntag, den 15.05. auf “Ansu Tour” und bietet euch im Mai und Juni neun weitere Gelegenheiten seine Live-Heat zu erleben! Ausreden sind nicht erlaubt, wir wollen eure verschwitzten Gesichter in der Menge sehen und euch im Moshpit wiedertreffen.

    Damit das auch garantiert klappt, bieten wir euch die Chance 2×2 Tickets zu gewinnen, um bei diesem Rap-Spektakel live dabei zu sein. Alles was ihr dafür machen müsst, ist auf unserem Instagram Account vorbeizuschauen, Untoldency zu folgen und eine Freund*in eurer Wahl unter dem Post zu markieren.

    ASMR für Hip Hop Fans

    Ansu kann so einiges: ehrliche Geschichten auf klassischen Boombap-Beats erzählen wie auf seiner neuen Single „30“; Banger, die unsere Ohren wegfegen oder auf tanzbaren, Drum & Bass angehauchten Tracks rappen, siehe seine COLORS SHOW. Der rote Faden, der sich allerdings durch all seine Songs zieht, ist seine Stimme. Tief und kraftvoll rappt Ansu seine Verses und steht scheinbar jedes Mal so nah am Mic, dass man denken könnte, er flüstert uns gerade ins Ohr. Das führt zu einem unverwechselbaren Stimmcharakter, den wir schwer vergessen können. Wenn der Signature Sound einer Künstler*in die Stimme ist, dann kann eigentlich nichts mehr schief gehen. Zusätzlich dazu, scheint Ansu ein erstaunlich gutes Gespür für die Wahl seiner Beats zu haben.

    Unser Fazit lautet, Stimme und Beats sind on Point und mehr gibt es dazu nicht zu sagen.

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    Tourdates

    Einen Überblick über die Tourdaten und -orte findet ihr hier! Vergesst nicht euch Tickets zu holen oder bei unserem Gewinnspiel mitzumachen. Und ganz wichtig: bringt euch schon mal in Stimmung, indem ihr Ansu auf Insta, YouTube und Co. sowie dem Streaminganbieter eurer Wahl auscheckt.

    15.05.2022 | Leipzig, Täubchenthal
    18.05.2022 | Köln, CBE
    19.05.2022 | Hamburg, Uebel&Gefährlich
    20.05.2022 | Berlin, Franz Club

    22.05.2022 | Stuttgart, Schräglage
    24.05.2022 | Wien, B72
    25.05.2022 | Frankfurt, Zoom

    26.05.2022 | Münster, Skates Palace
    08.06.2022 | München, Backstage Club
    09.06.2022 |
    Zürich, Exil

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  • untoldency proudly presents: Ahzumjot am 31.05.2022 in Hamburg im Uebel & Gefährlich

    Wir haben heute ein Highlight für euch im Gepäck und es läuft uns locker von der Zunge dies mit euch zu teilen! Untoldency proudly presents in Kooperation mit Goodlive Artists die geballte Hip Hop Live-Energie am 31.05.2022 in Form von Ahzumjot und seinem Support Apsilon.

    Der Hamburger Rapper bespielt nach dreijähriger Tour-Abstinenz wieder seine Heimatstadt im Rahmen seines kommenden Projekts „22QT02“. Dafür hat er sich die Institution der Stadt ausgesucht: das Turmzimmer im Uebel & Gefährlich. Der Vorverkauf startete heute, den 04.05.2022 um 10 Uhr und wir hoffen ihr könnt eure Ungeduld auf dieses Konzerterlebnis genauso wenig im Zaum halten wie wir!




    Authentischer Hip Hop mit viel Liebe für die Kunst

    Der Hamburger Rapper hat sich über lange Zeit fest in der deutschen Hip Hop Landschaft etabliert. Mit unzähligen Alben und Projekten hat er sich bereits auf alle Zeiten in unsere Herzen geschossen und mit seinem letzten Tape „3:00“ sogar in die Charts. Düstere und kreative Beats treffen auf authentische und maximal ehrliche Texte. Dabei ist alles immer Selfmade. Texte schreiben, Beats produzieren und den Track am Ende noch mixen und mastern? Kein Problem für den DIY King des deutschen Hip Hop.

    Dabei stellt Ahzumjot immer die Kunst in den Mittelpunkt und kritisiert auch außerhalb seiner Lyrics die Musikindustrie und ihre Mechanismen. Der unglaublich versatile Künstler gilt zudem stets als großer Supporter aufstrebender Artists. Künstler*innen wie BLVTH oder Apsilon hat er bereits in seinen Einflusskreis aufgenommen und beispielsweise durch Features oder Produktionen unterstützt. Be excited und seid die Ersten, die sich Tickets holen!


    Schonungsloser Rap in your face!

    Der Berliner Rapper Apsilon sammelt derzeit fleißig Live-Erfahrung, nachdem er Anfang des Jahres seine Debüt EP „Gast“ veröffentlichte. In stetigem Tempo wachsen seine Hörer*innen- und Follower*innenzahlen und unterstreichen die Relevanz seiner Musik und Texte. Wir sind uns sicher, dieser aufstrebende Künstler wird bald alle Magazine und Social Media Kanäle des Landes fluten. 

    Auf seiner neuen Single „Problem“ drückt uns Apsilon sein Mantra auf einem „Cato type beat“ schonungslos ins Gesicht: „Bin ein, ich bleib‘ ein, ja, Bin ein, ja, scheiß Problem.“

    Der gebürtige Moabiter ist hier um uns in unserer Wohlfühlzone herauszufordern und provoziert, wenn unsere Augen Rassismen und Ungerechtigkeiten des Alltags übersehen. Unsere Review zur EP findet ihr hier! Checkt die neue Single und lasst euch von seiner Musik überzeugen!

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    Lasst euch von der Atmosphäre dieser beiden Artists in Hamburg mitreißen und seit dabei, wenn Ahzumjot am 31.05.2022 zum ersten Mal der Öffentlichkeit sein neues Projekt vorstellt! Hier findet ihr die Instagram Pages der beiden Artists Ahzumjot und Apsilon. Enjoy!

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  • Mit tiefem Groll in der Stimme: Apsilon über soziale Ungerechtigkeit, Herkunft und Rassismus

    Der nächste Lieblingsrapper des Feuilleton, von dessen Existenz die großen Zeitschriften noch nicht wissen, heißt Apsilon. Der in Moabit groß gewordene Künstler ist frische 24 Jahre alt und hat am 14. Januar seine überaus reflektierte Debüt-EP Gast veröffentlicht. Authentische Gesellschaftskritik trifft auf einen modernen Sound und lässt jedes politische Hip Hop Herz höher schlagen. 


    Von der Straße bis nach Moabit

    Apsilons Texte erinnern an den amerikanischen Hip Hop der 90er, als Tupac, Biggie Smalls oder Snoop Dog noch über ihre Lebensumstände sowie die Probleme ihrer Hood gerappt haben. Hip Hop war eng geknüpft an authentische Beschreibungen schwarzer Lebensrealitäten, ebenso wie die damit verbundene Kritik des Status Quo. Mit der zunehmenden Kommerzialisierung von Rapmusik und deren Angleichung an konfliktscheue, profitorientierte Popmusik ging der politische Gehalt allmählich verloren. Große Teile aktueller Trap Hits aus den USA blubbern ebenso sinnbefreit durch die Radios und Playlisten wie deutscher Schlager von Helene FischerApsilons Texte hingegen ziehen ihre Kraft wieder aus der Wut und Verzweiflung marginalisierter Gesellschaftsgruppen. 

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    Vom Beobachter zum Kritiker

    Auf „Gast“ erzählt Apsilon aus der Perspektive eines Gastarbeiterkindes. Als direkter Beobachter der Lebensumstände seiner Eltern und Großeltern schildert er Gesellschaftsverhältnisse direkt und unverblümt und verknüpft dabei aktuelle Zustände mit historischen. Apsilon holt das gut versteckte Gewissen der gutbürgerlichen weißen Bevölkerung wieder aus dem Keller und hievt die Schuld zurück auf ihre Schultern.


    »Tag für Tag am Ackern für das Kapital in Taschen vom
    Gleichen Pack, das dreißig Jahre vorher ohne
    Wimpernzucken Menschen in die Gaskammern verfrachtet hatte
    Und während Molotows auf die Unterkünfte prasseln
    Auf dеr Arbeit und beim Amt immer lachеn, immer lachen
    Und Enkel kriegt kein’n Job und keine Wohnung wegen des Namens
    Bei den Enkeln der Fabrikbesitzer, die die Großeltern damals ausgebeutet hab’n«
    „Köfte“


    Die Rolle des reflektierten Beobachters ergibt sich womöglich aus Apsilons innerer Zerrissenheit in Hinblick auf sein Herkunftsgefühl. Anstatt sich mit den deutschen oder türkischen Einflüssen seiner Biographie identifizieren zu können, distanziert er sich von beiden. Aus seinem Moabiter Kiez schreibend, thematisiert er die auftretenden Konflikte, wenn vor seinen Augen zwei Kulturen nicht zueinander finden wollen.


    »Ich brauchte dreiundzwanzig Jahre, bis ich merkte, dass ich statt zweien
    Keine Heimat habe, außer meine eigene Straße und den Kiez, in dem wir war’n, ja
    Die Beats, auf die ich sprach, nein
    Keine Heimat eins und auch keine Heimat zwei, nur der
    Streit mit dem, was sich in beiden Ländern so rumtreibt« 
    „Köfte“


    Deutsche Identität im Kreuzfeuer

    Doch wenn man ehrlich ist, fühlt sich die Distanz zur deutschen Identität auf „Gast“ um einiges größer an. Denn Apsilon nimmt die deutsche Gesellschaft an allen möglichen Ecken auseinander. Der Künstler zieht seine Kraft und Wut aus den Rassismen und Klassismen dieses Landes und legt sie ungeschönt offen. Diplomatisches Verhandeln scheint dabei keine Option zu sein. Denn die unterdrückten Gesellschaftsgruppen, denen Apsilon ein Sprachrohr verleiht, warten schon zu lange auf Gerechtigkeit. 


    »Deine Leute klatschen Beifall für ein’n Nazi, wenn es sein muss
    Meine Leute klatschen Nazis von der Straße, wenn es sein muss
    Seit dem Eisprung in 030, mein Bro, keiner guckt auf sein Plus
    Hier wird alles schön geteilt, Bro, meine Leute komm’n in kein’n Club
    […]
    Dein Homie hat am Kotti Angst, dass ihn ein Kanak abzieht
    Mein Homie hat kein’n Bock, dass deiner ihn wie’n Bastard ansieht (Yeah)
    Ihr kriegt Logenplätze (Yeah), Bruder, wir kriegen Zelle (Yeah)
    Ihr könnt große Sätze, wir könn’n rennen«
    „Sport“

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    Gesellschaftskritik meets Generationensound

    Die eindrucksvollen und zum Teil beklemmenden Zeilen des Rappers werden unterstützt durch einen zeitgemäßen Hip Hop Sound. Der besonders bei düsteren und melancholischen Stimmungen glänzende Rapper und Produzent Ahzumjot hat einen Teil der aus sechs Songs bestehenden EP produziert. Cato erscheint ebenfalls als mehrmaliger Produzent auf „Gast“ und bringt sein Gespür für klassische Hip Hop Banger mit an den Tisch. Lyrics und Beats treten in eine stimmige Symbiose und verleihen der gesamten EP eine besondere inhaltliche sowie klangliche Homogenität. Einzig „Kes“ fällt minimal aus der Reihe, da hier die inhaltlichen Qualitäten ein wenig durch den Fokus auf das Schreiben eines Hip Hop-Club Hits in den Hintergrund rücken. Doch selbst dafür bekommt Apsilon Drops. Denn kaum eine Künstler*in springt so leichtfertig zwischen … hin und her.


    Visuals im Einklang

    Die erwähnte Homogenität zieht sich zudem durch die Visuals des Tapes. Das Team um Director Foli Creppy und Produzent Thabo Paul schafft zusammen mit Apsilon authentische Einblicke in das Leben des Künstlers im Retro Look. Besonders Erwähnung verdient das Musikvideo zu „Köfte“. Das Video nimmt dank Aufnahmen aus dem Bundesarchiv einen dokumentarischen Charakter an. Schwarz-Weiß-Aufnahmen von schuftenden Gastarbeitern werden protestiereden Rechten gegenübergestellt und verdeutlichen die gesellschaftliche Zerrissenheit, die bis heute andauern. 

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    Zeitgemäße Gesellschaftskritik

    Musik, die nur der Gesellschaftskritik willen existiert und ästhetische Motive vernachlässigt, wirkt auf mich in der Regel unbefriedigend. Gute Produzenten und Ausnahmekünstler, die einen Hit nach dem anderen schreiben, sind hingegen auch keine Seltenheit mehr. Die große Kunst ist meines Erachtens nach Musik, die inhaltlich sowie klanglich ausgereift ist. Ich denke da im Hip Hop beispielsweise an Tupac Shakur, Jay-Z oder Kendrick Lamar, die ebenso politisch waren wie einen Sound der Zeit geprägt haben. Sie haben Musik erschaffen, die emotional in einem hohem Maße berührt oder schockt und gleichzeitig den Finger tief in die Wunde drückt. Apsilon wählt diesen anspruchsvollen Weg mit seiner EP und liefert politische Statements am Fließband ohne dabei klanglich aus der Zeit zu fallen. Dieses Projekt ist eine absolute Empfehlung an ausnahmslos alle und gibt Vorfreude auf kommende Songs, EPs oder Alben.

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    Fotoocredits: Sina Lesnik

  • Goldroger im Interview: »Ich finde es uncool, wenn man beim ersten Hören direkt alles rafft«

    Goldroger im Interview: »Ich finde es uncool, wenn man beim ersten Hören direkt alles rafft«

    Kryptische Texte, Märchen über Schwarze Magie und ehrliche Lines über Panikattacken und Tobsuchtsanfälle. Der Deutschrapper Goldroger verpackt in seinen Songs thematisch so ziemlich alles von Liebeskummer bis Vollrausch. Es gibt viele Arten seine Musik zu beschreiben, aber ich finde Jan Kawelke vom COSMO Podcast Machiavelli hat es perfekt auf den Punkt gebracht. Er betitelt ihn den Voldemort des Deutschraps – passend zum Song „Horcrux„, in dem Goldroger ja bereits sein Faible für Harry Potter Referenzen deutlich macht.

    Wer meinen Jahresrückblick (ja, das ist Eigenwerbung) gelesen hat oder meine musikalischen Vorlieben kennt, der weiß, dass Deutschrap nicht gerade mein Spezialgebiet, geschweige denn mein Lieblingsgenre ist. Aber seit „Diskman Antishock I“ von Goldroger hat sich das grundlegend geändert. Goldi’s Art zu rappen, seine ehrlichen Texte und die perfekt flowenden Beats haben mich einfach in ihren Bann gezogen. Denn Goldroger Songs hört man nicht einfach nur so, man hört sie rauf und runter und versucht jede Line zu entschlüsseln (ihr wisst also, was ihr jetzt zu tun habt).


    Deutsche Sprachkunst mit Liebe zum Detail

    Im Interview mit Goldroger bin ich den Hintergründen einiger Texte auf „Diskman Antishock“ auf die Spur gegangen. Er erzählt von seinen musikalischen Einflüssen, philosophiert über Raum und Zeit und erklärt, warum er schon das ein oder andere Mal seine Prinzipien über den Haufen geworfen hat.


    Goldroger im Interview

    Anna: Hi Goldroger, schön, dass du dir die Zeit nimmst!

    Goldi: Hi Anna, ja klar, freu mich voll!

    Anna: Ich weiß immer gar nicht, wo ich bei denen Songs anfangen soll. Du verarbeitest ja so ziemlich alles von kritisch-politischen Statements, verrauschten Nächten bis hin zu privaten Einblicken in vergangene Beziehungen. Für mein Gefühl ist die „Diskman Antishock“ Trilogie (größtenteils) etwas dunkler als deine vorherigen Songs von den ersten Alben und auch irgendwie textlastiger, falls das Sinn ergibt. Was waren deine musikalischen Einflüsse für „Diskman Antishock“? Waren die anders als in den Jahren zuvor?

    Goldi: Ja, also es gab auf jeden Fall viel Kanye bei mir. Ich weiß nicht, ob man das hören kann, aber auch die Herangehensweise hat sich etwas geändert. Ich habe echt exzessiv das „The Life of Pablo“ Album gehört. Sonst auch Brockhampton und sowas. Aber es ist auch immer schwierig zu sagen. Am Ende hört man das vielleicht nicht mal so raus. Aber dieser Ansatz, ich mache auch einfach mal ein paar aufwändigere Sachen, die aber trotzdem klar und auch Hip Hop sind. Ich finde „Avrakadavra“ war es vielleicht mehr, dass es ist irgendwie nicht so klassisch rapmäßig war und diesmal wollte ich ein Rap Album machen, was aber halt so ein alternatives Rap Album ist.

    Anna: Ich finde es auch immer super schwierig zu sagen, ob man jetzt halt diesen einen Song oder so raus hört, weil es ist ja im Endeffekt immer noch der eigene Song, der neue Song ist, den du dann neu geschaffen hast.

    Goldi: Ich glaube es ist auch die Herangehensweise an einen Song. Ich würde zum Beispiel Dissy als Deutschrapper da in die ähnliche Sparte packen. Einfach von unserer Herangehensweise.


    Zwischen kryptischen Texten und einprägsamen Beats

    Anna: Würdest du sagen, deine Songs sind eher so zum Nebenbei hören oder aufmerksam Texte hören und analysieren? Beziehungsweise wie hättest du es gerne, dass die Leute deine Musik hören?

    Goldi: Am liebsten hätte ich so eine Mischung aus beidem. Am liebsten hätte ich, dass die Songs funktionieren, ohne dass man hinhört und dass wenn man hinhört, es trotzdem immer noch was zu entdecken gibt. Das steigert auf jeden Fall auch den Wiedererkennungswert. Ich finde es uncool, wenn man beim ersten Hören direkt alles rafft. Persönlich auch so, also wenn ich Mucke höre. Aber ich finde es auch cool, wenn einfach nur der Beat und der Flow cool sind. Und so wie ich jetzt auch einen türkischen Rapper oder so höre und auch kein Wort verstehe und es trotzdem fühle, so soll das auch funktionieren.


    Referenzen, die das Millenial-Herz höher schlagen lassen

    Anna: Ich glaube mir fallen kaum andere deutsche Rapper:innen ein, die so viele 90s/2000er Referenzen droppen wie du es jetzt in „Diskman Antishock“ gemacht hast. Dabei sind neben dem offensichtlichen Namen der Trilogie „Diskman Antishock“ ja Dinge wie die Lavalampe auf „Lavalampe Lazer“ oder Anspielungen auf Filme wie Harry Potter in „Horcrux“. Es ist immer so ein bisschen wie eine Schatzkiste zu öffnen, wenn ich einen Song von dir höre, in der ich immer wieder neue Dinge entdecke. Ich könnte jetzt wahrscheinlich noch tausend andere Referenzen nennen, aber das sprengt den Rahmen und mir fallen auch bei jedem Hören wieder irgendwelche neuen Lines auf, die ich vorher noch gar nicht so beachtet hatte. Es versteht auch längst nicht jede:r jede einzelne Referenz. Würdest du sagen, du hast eine bestimmte Zielgruppe, die du mit deiner Musik erreichen möchtest?

    Goldi: Nein, ich finde das tatsächlich schwierig. Also ich bin mir sicher, dass es nicht jede:n catchen wird. Ich bin mir auf jeden Fall im Klaren, dass je nerdiger es ist, desto weniger Leute das checken werden. Ich habe für mich auch immer festgestellt, dass wenn ich so was checke bei anderen Rapper:innen oder so, dass gibt einem so ein Gefühl des Eingeweihtseins. Und ich versuche – also bei „Horcrux“ jetzt nicht, weil Harry Potter ist natürlich sehr bekannt – in der Regel diese Lines nicht in der Hook zu haben, damit der Song auch funktioniert, wenn Leute ein, zwei Lines in einem Track überhaupt nicht checken, dass trotzdem der Track irgendwie für die Leute funktionieren kann. Es ist immer eher so ein Goodie. Ich glaube aber auch zum Beispiel, so jemand wie Drake oder auch Kendrick – da sind auch so viele Lines dabei, die man glaube ich nicht checkt, ohne dass man irgendwie alles kennt oder auf Genius nachgeguckt hat oder so. Und ich finde das macht es cool. Das macht es dann weniger beliebig. Ich finde es immer sehr belastend, wenn Mucke so aufgebaut ist, dass es für alle funktioniert, nämlich für den kleinsten gemeinsamen Nenner, dass jede:r alles checken muss und sich wird jede:r allein auch selber identifizieren können muss. Das das ist dann irgendwie nicht cool und das finde ich persönlich nicht cool.


    Anna: Ja, kann ich voll verstehen. Ich habe das auch manchmal, dass ich dann, wenn ich die Line nicht verstehe und dann sie aber verstehen möchte, auf Google nachschaue und dadurch findet man ja auch irgendwie dann coole neue Filme oder andere Musik, auf die man dann wieder stößt, die man vielleicht auch total feiert, die man vorher gar nicht kannte.

    Goldi: Genau das ist dann so der nächste Punkt, dass es dann auch eventuell Leuten Sachen empfiehlt, die sie noch nicht kannten und so. Und das finde ich dann auch wieder geil. Man kann auch mit einer Line meist viel mehr sagen als, wenn man zum Beispiel ein Wort wie „Horcrux“ nimmt, weil ja hinter dem Wort wiederum eine ganze Idee und ein ganzer Eindruck steht. Und da ist es cool, sich solcher Dinge zu bedienen, kann viel mehr sagen in viel weniger Worten.


    „Ist es ok mich an deinen Tränen zu bereichern?“

    Anna: Was ich mich schon öfters gefragt habe: Wie ist das, wenn du einen Song über eine Trennung veröffentlichst? Fragst du die Person, über die es in dem Song geht, vorher? „Wie leicht“ zum Beispiel ist ja schon sehr persönlich. Den Song dann immer wieder zu hören, erinnert ja auch wieder sehr stark an den Schmerz, der damit verbunden ist.

    Goldi: Ja, habe ich da tatsächlich gemacht. Ich kenne ja auch die Jungs von Annenmaykantereit und da habe ich mal mitbekommmen, dass das Mädchen, um das es in diesem Pocahontas-Song ging, sehr oft darauf angesprochen wird. Und dann dachte ich so „Oh mein Gott, ist es nicht total toxisch eigentlich, einen Ex-Freund zu haben, der nicht nur komisch ist, sondern auch noch Sachen macht, die dir dann noch hinterherrennen, wenn du eigentlich schon längst versuchst, über die Nummer hinwegzukommen.“ Da ist ein Song ja so ziemlich das Schlimmste. Und deshalb habe ich vorher gefragt. Also ist ja auch nur das Fairste. Ich meine, ich mache ja dann auch Geld damit. In „Horcrux“ hört man das ja auch in der Line „Ist es okay, mich an deinen Tränen zu bereichern?“. Es ist ja schon paradox. Aber ich habe ja offensichtlich ein Go bekommen, sonst hätte ich das so nicht machen können.

    Anna: Gab es da auch mal Songs, bei denen du nachgefragt hast, die du dann deswegen nicht veröffentlicht hast, weil die Person das nicht wollte?

    Goldi: Tatsächlich gab es da bisher keinen Song. Da frag ich mich auch manchmal, warum. Aber wenn dann natürlich ein Song sehr allgemein gehalten ist und man jetzt nicht unbedingt tracken kann, um wen es geht, dann geht das schon klar. Wenn es jetzt eine speziellere Anspielung hat, sodass auf jeden Fall alle im Bekanntenkreis wissen, um wen es geht, dann frag ich halt nach.

    Anna: Ja, finde ich auch nur fair. Aber „Pocahontas“ ist natürlich auch echt fies, weil das ja rauf und runter gespielt wurde im Radio.

    Goldi: Ja, das ist natürlich noch mal ein ganz, ganz anderes Level, wenn es ein Hit ist. Das konnte ich bei mir schon abschätzen, dass das nicht passieren wird. Aber es ist natürlich dann glaube ich trotzdem so, dass einem solche Songs dann unweigerlich auch irgendwie über gemeinsame Bekannte, die irgendwie ein Trailer teilen oder so was, immer wieder in die Timeline gespielt werden. Oder im Spotify Algorithmus oder Mix der Woche oder sowas. Habe ich dann auch selber erst hinterfragt. Und aus dieser Frage ist dann auch das „Horcrux“ Ding entstanden.


    Die Endlichkeit aller Momente

    Anna: Ja, voll. Also ich weiß nicht, ob das jetzt irgendwie eine super philosophische Frage ist, aber ruft es nicht auch irgendwie das Bedürfnis hervor, die Zeit zurückzudrehen, wenn du in deinen Songs so etwas verarbeitest?

    Goldi: Nein, eigentlich nicht. Ich bin mittlerweile an den Punkt angekommen, dass ich weiß … ok, das klingt wahrscheinlich super hippiemäßig … aber man lebt nur einmal und ist eigentlich auch gemessen an so einer Zeitspanne wie dem Universum ist es so eine sehr kurze Zeitspanne, die wir zu leben haben. Diese Momente, die irgendwann passiert sind, die waren ja schön und egal wie es dann endet, egal was man verbockt hat, das bleibt ja so. Ich kann solche Sachen relativ gut hinter mir lassen und einfach wissen, ich habe eine Erinnerung daran und die ist schön oder auch eine Erinnerung, die scheiße ist und kann es trotzdem schön finden, weil ich sie mit Abstand betrachte. Ich versuch im Moment zu hängen und mir nicht viele Gedanken über die Vergangenheit zu machen. Egal ob das jetzt ein Tag her ist oder fünf Jahre, in der Vergangenheit ist alles gleich unerreichbar. Ich glaube, solche Sachen tun immer nur weh, wenn man das Gefühl hat, das Leben geht ewig. Aber das muss man irgendwie ablegen und dann verliert das auch alles irgendwie so ein bisschen seinen Ernst.


    Wie aus „ich schreibe niemals einen Song über Sex“ ein Song über Sex wurde

    Anna: Ja voll, ich wünschte ich könnte das auch immer so sehen. Gibt es Themen, wo du sagst, die würde ich niemals in einem Song verarbeiten wollen?

    Goldi: Hmm, da habe ich jetzt gerade nichts vor Augen. Aber es muss ja irgendwelche Sachen geben, über die ich einfach unbewusst nicht schreibe. Andererseits gibt es dann halt auch immer einen Zugang dazu. Also ich hab zum Beispiel gesagt, ich würde niemals einen Song über Sex machen wollen, weil es oft einfach cringe ist. Aber dann habe ich es irgendwann halt doch gemacht. Es gibt diesen einen Song auf „Diskman Antishock II„, da geht es eigentlich auch um Sex, und das war tatsächlich aus der Emotion heraus, dass ich dachte sowas würde ich nie machen. Dann habe ich überlegt, wie ich es machen kann, dass ich es cool finde. Das war dann so ein Experiment. Nee, ich glaub, ich könnte bei fast jedem Thema irgendwie den Blickwinkel finden, dass es dann doch für mich funktioniert.

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    Der Teenie, der durch Punk politisiert wurde

    Anna: Thema Rap und Politik: Wenn du in deinen Songs politische Themen verarbeitest, ist das dann eine Art für dich die Situation zu verarbeiten? Erhoffst du dir dadurch etwas verändern zu können?

    Goldi: Mittlerweile weniger als früher. Ich habe mir auch als Hörer, gerade in meiner Teenie Zeit so viel Punk gehört. Da hab ich immer das Gefühl gehabt Musik muss politisch sein, weil das irgendwie so die Menschen sind und die dort eine Plattform haben, die sie nutzen müssen. Mittlerweile habe ich aber den Punkt, dass die Musik nicht zwingend politisch sein muss. Ich finde es teilweise sogar befremdlich, wenn Leute sich zum Beispiel in ihrem sonstigen Leben null politisch engagieren, aber mit politischer Musik Geld verdienen. Es ist ganz wichtig, dass man sich auch abseits der Musik irgendwie politisch engagiert, außer man ist halt so jemand wie zum Beispiel Kendrick oder so und spricht irgendwie für eine bestimmte Gruppe. Ich finde, jeder Mensch sollte sich irgendwie politisch außerhalb der Musik engagieren für eine bessere Welt. Aber in der Musik muss das nicht zwingend stattfinden. Ich finde es auf jeden Fall cool, ich glaube, gerade Teenager können über Popkultur überhaupt politisiert werden. Es ist völlig okay, finde ich, wenn jemand zum Beispiel zu Fridays for Future geht, weil er oder sie einfach die Musik feiert, also nur weil’s cool ist und alle anderen da hingehen, wenn es am Ende darin mündet, dass sich die Person vielleicht damit beschäftigt und dann wirklich irgendwann politisch wird. Ich glaube, so starten die meisten. Ich habe auch damals angefangen, es war einfach cool und ich bin dadurch politisiert worden. Das geht schon, aber ich glaube, so richtig was ändern, außer Leute dafür zu begeistern, kann man und möchte ich auch gar nicht.

    Anna: Ja, ich kann das schon verstehen, weil man irgendwie ja durch Musik jetzt auch nicht direkt Einfluss auf die Politik hat. Es hilft einem selbst vielleicht darüber zu singen. Und ich als Hörerin fühle ja dann irgendwie. Und das ist dann ja auch ein Weg, quasi in die Politik einzusteigen und mir selbst eine Meinung drüber zu machen.

    Goldi: Ich glaube, ein Lied ist auch ein relativ schlechtes Medium, wenn es drei Minuten geht oder so, um die Themen umfassend zu behandeln. Man kann Ausschnitte aus der Realität abbilden und die vielleicht wertungsfrei so stehen lassen und dann zwingt man die Leute, sich vielleicht selber dazu zu positionieren. Vom Kopf her. Das kann man schon, das ist glaube ich cool. Ich glaube gerade jüngere Leute kann man cool mit so was erreichen. Wahrscheinlich ändert das dann mehr. Unter Umständen inspiriert man ja jemanden, der oder die dann wirklich krass politisch im Rest seines oder ihres Lebens betätigt.


    „Diskman Antishock III“ und seine Feature Songs

    Anna: Ja cool. Kommen wir mal wieder zurück zu „Diskman Antishock“ und quasi so ein Rückblick auf die drei Teile. Auf Teil III sind 3 Feature Songs, die auf den ersten beiden nicht so stark vertreten sind. Auf dem ersten ist zwar „Coup de grâce„, aber auf dem zweiten ja gar keiner. Wie kam es dazu?

    Goldi: Ich hätte auch gerne noch einen zweiten einen gehabt, aber das hat sich dann einfach nicht ergeben. Ich hatte immer schon relativ konkrete Vorstellungen. Was konkret für mich wichtig ist, ist auf jeden Fall, dass die Teile ausgewogen sind zwischen Songs, die düster sind und Songs, die ich als nicht-düster empfinde. Und da hatte dann keiner von den Songs, die jetzt am Ende auf Teil 2 gelandet sind. Am Ende ist das für mich eh ein großes Album, deswegen auch vier Features, das sind alles Homies von mir. Es war mir auch sehr wichtig, dass keiner dabei ist, der übers Management oder Label kommt, wo ich dann ewig hinterherlaufen müsste. Und es war mir einfach wichtig, dass es Leute sind, mit denen ich persönlich auch gut bin. Zum Beispiel mit Yrre war ich auf Tour, Lugatti kenne ich aus Köln sehr gut. Das ist bei dem ganzen Projekt „Diskman Antishock“ irgendwie so der Zugang für die Musik gewesen: worauf habe ich Bock und worauf überhaupt nicht? Was ergibt es am meisten Sinn und wie?

    Anna: Ja, das sehe ich genauso. Das passt einfach sehr gut in das Album rein. Also es fällt dadurch jetzt nicht irgendwie raus. Ich habe manchmal das Gefühl, man merkt bei Künstler:innen, dass sie halt so gezwungen ein Feature machen wollten, dass es dann einfach nicht passt.

    Goldi: Ja, also ich habe tatsächlich auch direkt als das Album fertig war gedacht, dass ich auch voll gern ein Feature mit LGoony drauf hätte. Das wäre auch wieder ein Kölner gewesen, der gut auf die Platte gepasst hätte. Ich hatte da irgendwie ein Brett vorm Kopf und man hat sich auch gar nicht so oft gesehen in der Zeit. Hätte ich schon sehr cool gefunden, aber das kommt dann irgendwann. Auf der neuesten Platte sind ja auch zehn Tracks und nicht nur sieben wie zuvor, da passte das jetzt ganz gut mit den Features. Mehr wollte ich dann aber auch nicht, sonst hätte es sich so angefühlt als würde ich gar nicht selbst rappen auf meinem Album.


    Kommt ein vierter Teil?

    Anna: Würdest du sagen, dass die Trilogie jetzt abgeschlossen ist oder hast du das Gefühl, da ist noch was offen ist und es kommt noch mehr? Vielleicht sogar ein weiterer Teil?

    Goldi: Hm nee. Also das Ding war, dass ich irgendwann Ende 2018, Anfang 2019 so einen krassen Rush hatte. Das war nach einer Zeit, wo ich echt gar nichts rausbekommen habe. Da habe ich mir gesagt „Scheiß drauf“, ist alles nicht so wichtig, ich mach einfach Mucke, so wie ich Bock hab. Und dann habe ich 50 Demos oder so gemacht in einem sehr komprimierten Zeitraum und das war so der Ideenpool, aus dem sich die Diskman-Trilogie gespeist hat. Und ich wusste von vornherein, dass das nicht alles auf einem Album alles Platz haben wird. Dann dachte ich, so ne Reihe, das finde ich geil. Und mit „Diskman Antishock III“ habe ich teilweise so Songs wie „Schwarz„, wo die Idee schon sehr lange rumlag und ich wusste, dass ich das noch fertig machen will, dass bestimmte Lücken, die mir irgendwie wichtig sind, was ich noch sagen wollte, noch gefehlt haben und da habe ich dann jetzt irgendwie einen Haken runtergemacht. Deswegen weiß ich, dass das jetzt für mich abgeschlossen ist. Kann natürlich trotzdem sein, dass das nächste Album wie „Diskman IIII“ klingt. Aber der Punkt war auf jeden Fall, dass das alles ein Pool an irgendwelchen Dingern war, irgendwelche Fässer, die ich irgendwann mal aufgemacht habe und wo ich wusste, ich will die abarbeiten. Das klingt so uninspiriert, wie sage ich es schöner? Ich wollte sie irgendwie ausfüllen und das hab ich jetzt geschafft. Und deswegen ist das für mich auf jeden Fall vorbei. Und das nächste wird dann entweder ganz anders oder ich muss mal gucken. Ich habe da noch nicht so krass konzeptionell angefangen, außer dass das Konzept irgendwie war: Ich flash gerade auf diese Idee und die will ich fertig machen und hoffe am Ende gibt das ein kohärentes Ganzes.

    Von kreativen Geistesblitzen und Ernüchterungsphasen

    Anna: Würdest du sagen, dass es so geworden ist, wie du dachtest, dass es wird? Also wie du vor dem ersten „Diskman Antishock“ da rangegangen bist?

    Goldi: Das erinnert mich daran, dass ich letztens ein Meme gesehen hab, wo es um den kreativen Prozess geht. Meistens, wenn man eine Idee hat, ist die ultra krass. Dann setzt irgendwann die Ernüchterungsphase ein, wo man merkt, man wird dieser reinen Idee nicht gerecht. Am Ende wird’s dann aber doch geiler, als man zwischenzeitlich geglaubt hätte. Das ist schon nah dran. Es hat die Sachen, die Boxen, die ich irgendwie für mich gesetzt habe, auf jeden Fall gecheckt. Aber natürlich ist jede Idee geil, bis man sie umsetzt. Meistens ist die Vorstellung davon, was man macht, lange unerreichbar. Ich glaube, das hält einen auch irgendwie an der Stange. Ich wollte halt durch das Ding auf jeden Fall irgendwie besser werden in dem, was ich mache. Irgendwie wollte ich festgefahrene Sachen bei mir aufbrechen, ein paar Facetten ausprobieren und im Nachhinein gucken, ob mir das Spaß gemacht hat.


    Den Perfektionismus einfach mal ablegen

    Anna: Kann ich voll verstehen.Ich glaube auch, dass es diesen Prozess irgendwie braucht, um weiterzukommen und zu merken: okay, so klappt das jetzt und so nicht. Ich merke das selbst, wenn ich Artikel schreibe und mir irgendwie vorher sage, jetzt mache ich einen richtig krassen Kommentar über politische Musik zum Beispiel und hatte so voll das Konzept. Und dann mittendrin verliert man sich und denkt irgendwie weiß ich jetzt gar nicht mehr, was ich machen wollte. Und dann kommt man aber wieder auf die Spur. Am Ende ist es richtig geil und daraus hat man dann auch gelernt für die nächsten Projekte.

    Goldi: Und genau sowas war das an dem Punkt irgendwie auch bei mir. Meistens bevor ich anfange Musik zu releasen. Man schreibt in einer Anfangsphase mit dem Wissen, dass das wahrscheinlich für die Tonne ist, aber hat ständig Erfolgserlebnisse. Und ich hatte auf jeden Fall das Gefühl, ich brauch so eine Phase, wo ich eine gewisse Quantität an Sachen einfach anfange, ohne Klares, ohne zu viel Perfektionismus. Ich wollte letztlich die Leute erreichen, die dann am Ende nicht nur einen Song kennen, sondern ich wollte , dass die Leute, die neu dazukommen, auch Kernhörer:innen werden. Also das ist jetzt nicht so ein Hit-Single-Publikum war, die dann nur die Zugabe auf dem Konzert können, sondern idealerweise Leute, die die ganze Album hören. Und ja, ich will einfach relativ ungefiltert meinen Film machen und hoffen, dass die Leute anbeißen und das feiern, was ich fühle und nicht nur eine Facette, die ich dann unter Umständen immer wieder wiederholen müsste, weil die Leute sonst wieder wechseln.

    Anna: Ah ja, das stelle ich mir auch sehr nervig vor sonst. Ok, meine liebste Killerfrage: Hast du momentan einen Lieblings Track auf „Diskman Antishock„?

    Goldi: Ja, es schwankt natürlich immer, aber jetzt gerade auf jeden Fall „Frag mich wie„. Da sind so kritische Stimmen mitdrin, das fühle ich voll. Also ich finde den Song mega geil, aber zwischenzeitlich war es auch mal „Schwarz„. Es wechselt eigentlich immer. Das Intro finde ich auch ziemlich gut. Das ist halt so ein typisches Rap-Intro. Ich weiß nicht, ob man das über seine Musik sagen würde, aber es hat so eine Dringlichkeit. Es klingt irgendwie, als müsste ich das erzählen. Das ist etwas, was ich geil finde.


    „Diskman Antishock“ in der „Director’s Cut“-Version

    Anna: Ich finde auch irgendwie, dass die drei einzelnen Teile, also von „Diskman Antishock„, ein bisschen wie so einzelne Geschichten sind. Und du fängst halt an, so dieses Buch quasi zu öffnen und jeder Teil ist dann wie eine Geschichte. Und wenn man die aber dann alle drei zusammen hört, dann ergibt es eine größere Geschichte. Also irgendwie ist es so sehr abgeschlossen dadurch.

    Goldi: Ja, das ist auch etwas, womit ich mich so langsam auch mal mit auseinandersetzen müsste, weil sonst wird’s stressig. Ich würde eigentlich gerne auch noch mal eine Tracklist machen, wo ich alle drei Alben mische. Es ist natürlich nie chronologisch. Also so ein Song wie „Schwarz“ ist eigentlich in der Erzählung das Kapitel vor „Horcrux“ und ein Song wie „Wie leicht“ auf dem ersten Album ist eigentlich was, was nach dieser Trennung schon war. Und ich würde gerne mal für die einzelnen Sachen eine Art „24 Track Album Playlist Geschichte“ machen, wo ich mir überlege, wie ich die Geschichte erzählen würde. Ist aber auch wichtig für mich, dass alle drei einzelnen Teile als so was funktionieren. Da müsste ich mir mal überlegen, ob ich das chronologisch ordne oder so wie es am meisten Sinn ergibt im Kontext. Aber ich muss mal für mich so ne „Director’s Cut“-Version erstellen.


    Wie aus einer 6 in Mathe ein Song wurde

    Anna: Damit sind wir auch schon bei der Schlussfrage, die nach einer „untold story“ fragt. Was ist eine Geschichte hinter einem Song, die du so noch nie in einem Interview erzählt hast?

    Goldi: Warte, ich muss dafür mal kurz Spotify öffnen und schauen, was ich überhaupt alles für Songs gemacht hab (denkt laut) Hmm, jaa.. ich weiß nicht, ob das cool ist… Also ich habe zwei kleine Stories. Und zwar einmal bei „Speedball Drive“ steige ich ein mit der Line „ne Pulle Grey Goose vor der Show, trink allein“. Ich habe mir beim Maifeld Derby wirklich vor der Show alleine eine Flasche Grey Goose reingepfiffen, die wir irgendeinem größeren Artist geklaut haben, weil wir sonst keinen 60-Euro-Wodka kriegen. Ich war mega besoffen, war aber trotzdem eine gute Show. Nummer zwei: Bei „Kalkulation“ rappe ich „Ich hatte in Mathe ne 6“ und ich hatte auch in Mathe ne 6. Deshalb bin ich sitzen geblieben in der elften Klasse, weil meine Lehrerin mir eine 6 reingewürgt hat, obwohl wir uns eigentlich drauf geeinigt hatten, dass er mir ne 5- gibt. Dann musste ich ein Jahr wiederholen. Ihre Begründung war „das muss man doch für’s Leben können“. Eigentlich ist dieser Track auch ein Diss-Track an meine Mathelehrerin. Das sind so meine beiden Stories, die auch noch nicht allzu düster sind.

    Anna: Dann danke dir, dass du dir die Zeit genommen hast und bis zum nächsten Mal!

    Goldi: Danke dir, bis dann!

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    Fotocredit: Carlo Glanville, Robert Winter

  • „Bitches Brauchen Rap“ und die Welt mehr Shirin Davids

    Egal ob Deutschrap Fan oder nicht: Shirin David hat ihr zweites Album „Bitches Brauchen Rap“ vor einer Woche veröffentlicht und es könnte inhaltlich kaum stärker sein. Female Empowerment, Feminismus und Selbstbestimmung überhäufen sich auf dieser Platte und beweisen, dass Rap Klischees nicht mehr notwendig sind, um erfolgreich zu sein. Wer ein bedeutungsvolleres deutsches Rap Album aus den letzten Monaten, vielleicht sogar Jahren, kennt, soll sich bei mir melden.


    Politische Punchlines am Fließband
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    Die Texte bilden das Herzstück dieses Albums und sind ein unglaublicher Genuss. Aggressive, minimalistische Hip Hop Beats schaffen Shirin Davids Worten Platz und unterstützen die Message, ohne von ihr abzulenken. Aus diesem Grund soll dieser Artikel vielmehr eine Best of Zitatsammlung der Lyrics darstellen, als eine Review. 

    »Mein Sportlehrer sagt,
    deine Texte wären sexistisch
    Doch beim Handstand mein’n Arsch berühr’n,

    findet er echt witzig«


    Um die Treffsicherheit einfach jeder Zeile zu garantieren, hat sich Shirin David die Hilfe von Deutschlands Most Underrated Rapper Laas Unltd. geholt, der zunehmend als Ghostwriter der deutschen Rap Stars seine Fertigkeiten teilt. Dass die Künstlerin beim Texten unterstützt wird, gibt sie offen zu und nimmt damit den zahlreichen Kritikern den Wind aus den Segeln. Kritik, die im Angesicht der zahlreichen Songwriter Bootcamps, die Radiohits am Fließband schreiben, eh schon lange haltlos sein müsste.

    »Transparent trotz millionenschwerer Reichweite
    Es gibt keinen Mensch in meinem Team, den ich geheimhalte
    Ghostwriter was? Schreib‘ Songs mit Laas
    Und nehm‘ ein’n Veteran mit auf die Eins in den Char
    ts«


    Männliche Dominanz im Visier

    “Bitches Brauchen Rap” startete mit den meisten Streams einer deutschen Künstlerin am Release-Wochenende und schaffte es mit 11,4 Millionen Streams sogar in die weltweite Spotify Top5. Das Schönste daran: Shirin David nutzt ihre Reichweite, um Sexismus offenzulegen und männlich geprägte Werte und Strukturen zu kritisieren.

    »Von „Bei Gott ist sie sexy“ hin zu „Vallah, sie’s ’ne Schlampe!“
    Die deklarier’n ein’n Minirock zu maximaler Schande
    Doch ’ne Frau mit Grips im Kopf wird abgetan zu ’ner Emanz

    „Babsi Bars“


    »Girls canceln Girls, Stimmung heiß wie Schaumbäder
    Boys werden nicht ma‘ boykottiert, sind sie Frauenschläger«

    „Last Bitch Standing“

    Dabei hat die Rapperin Einzelpersonen ebenso wie Institutionen im Visier und schießt gegen alles was ansatzweise männliche Hegemonie ausstrahlt. Shirin David greift auf „Last Bitch Standing“ unter anderem die männlich dominierten und klischeebehafteten Strukturen der Radio- und Rundfunkanstalten an. Bestes aktuelles Beispiel: Julian Reichelt und die Bild.

    »I’m so bossy, Bitch get off me
    Labels fassen Frauen falsch an wie Bill Cosby
    Das Radio will uns nur weinerlich und so zerbrechlich
    Rollenunterdrückung im Rundfunk öffentlich-rechtlich
    Als Zicke betitelt, wenn du zum Redakteur frech bist
    Die sagen, bist du fame, ist jede Kritik berechtigt

    Alle woll’n zwar Realtalk face-to-face auf männlich
    Doch 2 Minuten „Babsi Bars“
    und du fühlst dich offended«
    „Last Bitch Standing“


    Musikindustrie in der Kritik

    Mit „Bitches Brauchen Rap“ emanzipiert sich Shirin David von ihrem Debütalbum, das noch deutlich generischer klang. Auf der Suche nach einem eigenen Sound ist sie bei den Ursprüngen des HipHop gelandet. Harte Punchlines auf repetitiven Beats. Immer nach dem Credo, Message first! Und mit diesen Punchlines macht sie auch keinen Halt vor der Musikindustrie (von dessen Strukturen sie ehrlicherweise auch profitiert).

    »Rap ist jetzt in Mode, Songs aus der Schablone
    Jeder schreibt den gleichen Unfug, alles Katastrophe
    Die sagen: „Shirin kann nichts und sie schreibt nicht eine Strophe“
    Doch was ist, wenn ich erstmal ein paar Umstände expose?«

    »Singles, Singles, Singlеs, Shirin, denk an Streaming!“
    Mit zwei Minuten Minimum das Maximum verdienen«

    »Geht’s nach deutschen Produzenten, sing‘ ich nur noch Love-Songs
    Nicht, dass ihr mich falsch versteht, ich will niemanden shamen
    Doch große Jungs sind aufgeregt, als wollten diе mich daten«

    „NDA‘s“

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    Female Empowerment

    Die Rapperin attackiert auf ihrem Album nahezu alles, was attackierenswürdig erscheint. Und dennoch zieht sich ganz viele Liebe durch alle Lieder. Shirin David droppt einen Shoutout nach dem anderen an alle Frauen dieser Welt, um strukturelle Geschlechternachteile durch Support en masse auszugleichen. Hier kommt die vermutlich längste und schönste Textsammlung:

    »Manager denken, sie wären Marketinggenies
    Wenn sie ihren Künstlerinnen raten: „Diss Shirin!“
    Aber Fakt ist, für mich ist deren Erfolg kein Problem
    Denn ich liebе es, alle Bitches еrfolgreich zu seh’n«

    „Bitches brauchen Rap“

    »Für meine Iggys, die RiRis, Gigi Hadids, Beyoncés, Nickis und Cardis
    Die Megans, Mileys, Kylies und für die Kehlanis
    Für die Pablos, Donnatellas, RuPauls und die Mariahs
    Für jedе Außenseiter-Bitch, diе weiß, sie ist on fire, ah«

    »This is a man’s world, selbst der Himmel ist in Blau getränkt
    Ich hab‘ mich von den Wurzeln bis zur Blüte hier raufgekämpft
    Kings werden gebor’n, Prinzessinn’n werden auserwählt
    It’s a man’s world, die sich um Frauen dreht«

    „Man’s World“

    »No way, fuck Shaming
    Stelle keine Frau in den Schatten, damit ich schеin‘
    Ugly Bitches machen Prеtty Bitches gerne klein
    Aber Real Bad Bitches lieben Bad Bitches, weil ich kann das
    Uh, nur ein kleiner Ratschlag
    Kein Mann in dieser Welt macht dich zum Star, Schatz
    Selbst, wenn du einen kleinen Arsch hast
    Shake Booty, Babygirl, denn du darfst das«

    „Ich darf das“


    Gender Fluidity

    Obwohl Shirin David in ihren Texten durchgehend von Männern und Frauen spricht, schafft sie es dennoch an einigen Momenten eine klassische Geschlechtertrennung aufzulösen. Zum einen fasst sie den Frauenbegriff weiter, als in traditionellen Rollenbildern typisch (siehe Zitat „Für meine Iggys, die RiRis, […]“). Zum anderen thematisiert sie nicht-heterosexuelle Orientierungen.

    »Vielleicht hab‘ ich ein’n Boy, vielleicht sind es auch zwei
    Oder drei Girls (Rrh), alles könnte sein
    Nehme zwei Baddies mit heim, spiele Frauentausch«

    „Lieben wir“

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    Die Welt braucht mehr Shirin Davids

    Eins der Lieblingsworte von Shirin David lautet „Bitch“. Wer sich fragt, was daran empowernd ist, lässt es sich am besten von ihr selbst erklären:

    »Meine Mutter versteht kein Englisch – „Was sind Bad Bitches?“
    Sag‘ ihr: „Sowas wie ’ne Existenz, die selbstbestimmt ist“«

    „Schlechtes Vorbild“

    Die Künstlerin, Sängerin, Rapperin, Influencerin und vieles mehr erreicht auf 48 Minuten Albumlänge mehr, als Politiker:innen in einem Monat. Female Support und Empowerment, Medien- und Gesellschaftskritik, die Umdeutung/ Reappropriation des Wortes „Bitch“ und ganz nebenbei verpackt sie alle diese Themen stilsicher auf einem der besten deutschen Rap Alben jemals. Egal ob Deutschrap Fan oder nicht: Gebt euch dieses Album VERDAMMT NOCHMAL, denn es lohnt sich sehr!

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    Fotocredits: Shirin David, Universal Music Group

  • RIN verwandelt auf seinem neuen Album die „Kleinstadt“ in eine Metropole

    RIN hat sein neues Album Kleinstadt am 29. Oktober veröffentlicht und ich muss zugeben, meine Beziehung zu RINs Musik ist kompliziert. Aber bevor ich hier meine Beziehungsprobleme darlege, fangen wir direkt bei unserem ersten Kennenlernen an. 


    Über Trap zu deutschem Cloud Rap

    Ich war lange Zeit meines Lebens kein enthusiastischer Hip Hop Fan. Wenn, dann hörte ich eher amerikanischen Rap. Und auch da konnte ich nicht mit echter Street Credibility glänzen. Es waren Hits wie Gravel Pit von Wu-Tang ClanCandy Shop von 50 Cent oder Stronger von Kanye West, die mir im Ohr hängen blieben. Doch Mitte des letzten Jahrzehnts etablierte sich ein neuer Rap Sound in den Vereinigten Staaten, der heutige Rap Größen wie Young Thug, Migos oder Travis Scott hervorbrachte. Dieser damals noch etwas nerdige und verquere Trap mit quietschenden Stimmen und konfusen Adlibs öffnete für mich eine neue Welt. Und als alles langsam nach Deutschland überschwappte, outete ich mich das erste Mal als Deutschrap Fan (reale HipHop Fans sagen natürlich, dies sei kein Rap). 

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    RINYungHurnLGoony oder Haiyti eigneten sich den amerikanischen Trap Sound an und prägten eine neue Hip Hop Bubble, die als Cloud Rap bekannt wurde. Non-Sense Texte, trashige Musikvideos und Selfmade Beats wurden zu einem Generationen Phänomen. Während Yung Hurn in seinen Songs in der Regel mit drei Wörtern auskam, stand RIN von Anfang an für Generationstexte mit einem hohen Identifikationsfaktor. „Don’t Like“ von der 2016 erschienenen Genesis EP ist für mich das perfekte Beispiel. „Ein Euro Bier, zwei Euro zwei Bier, drei Euro drei Bier“! So beginnt der Track und ich erinnere mich, wie ich mit meinem Späti Sterni in der rechten Hand im Gleisdreieckspark saß und mit Freunden nichts tat, außer rumzuhängen. Auch die viel zitierte Line, „Es ist Donnerstag, ich kauf‘ mir Supreme“, ist seit diesem Lied deutsche Popkultur. 

    Als ich dann das erste Mal „Error“ hörte, war ich komplett fertig mit den Nerven. Gesangsmelodien mit Hitpotential, düstere Stimmung inklusive eines emotionalen, düsteren Texts auf einem abwechslungsreichen Beat. Der Song, der mich zum RIN Fan machte, hat mich gleichzeitig zum Deutschrap Fan werden lassen. Und zwar genau weil alles anders klang, als ich mir Deutschrap bis dahin vorstellte. 


    Hits über Hits über Hits
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    Nun hat sich RIN allmählich zu einer deutschen Hip Hop Größe gemausert und uns Deutschrap Banger wie „Bros“, „Blackout“, „Dior 2001“, „Next“, „Up in Smoke“ oder „Vintage“ hinterlassen. Mit „Kleinstadt“ ist außerdem bereits sein drittes Album erschienen und man muss zwangsläufig an seine Heimatstadt Bietigheim-Bissingen denken, in der er mittlerweile fernab vom Stadtchaos residiert. Allerdings beginnen hier die bereits erwähnten Beziehungsprobleme. Zweifelsohne kann man RIN nicht mehr aus der deutschen Musikindustrie wegdenken. Sein Einfluss war und ist weitreichend und das mit einem Sound, der sich noch immer von dem mittlerweile weichgespülten Trap/Hip Hop der deutschen (und amerikanischen) Charts abhebt. Doch fragt man mich nach meinem Lieblingsalbum von RIN, nenne ich keins.


    Single vs Album

    In der Regel ist es so: Jede neue Single des Bietigheimer Rappers hyped mich mehr und mehr auf das Album. Auch dieses Mal! Die erste Single des Albums „Dirty South“ knallt einfach. Dieser dreckige 2000er Synth über drückenden Drums. Mit der nächsten Single ist mein Kopf dann komplett explodiert. „Meer“ ist für mich ein Song für die Ewigkeit. Die Nirvana-Referenzen sind nachvollziehbar. Unabhängig davon sind aber das Gitarren-Riff, die Rock-Drums und der Text einfach super stimmig. Das muss man Anerkennen. Keine Ahnung wer sich im Deutschrap so etwas traut (außer Cro) und keine Ahnung wer da mithalten soll. Dann darf man ebenfalls die unglaubliche Schmyt Single „Gift“ featuring RIN nicht vergessen! Anschließend kamen solide Grower wie „San Andreas“ oder „Sado“. Songs, die nicht direkt flashen, aber sich langsam zu Hits entwickeln. Plötzlich dann noch ein Mindfuck Moment. Auf „Insomnia“ (co-written by Schmyt) liefern Giant Rooks einen Monster Part auf deutsch ab, während RIN einmal mehr seine Hitmelodien auf einem Pop/ Rock-Beat entfaltet.

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    Nach insgesamt acht Singles und vielen neuen Lieblingsliedern kommt dann endlich das lang angekündigte Album „Kleinstadt“. Beim ersten Hören durchlaufe ich allerdings dieselben Gefühle wie bei jedem anderen RIN Album: Ich werde hin und her gerissen zwischen all time favourites und lediglich soliden Rapsongs (ich jammer‘ hier natürlich auf hohem Niveau). Wieso tut RIN mir das an, frage ich mich? Einerseits bin ich RIN Stan, andererseits kein bisschen. So viele seiner Singles haben meinen Musikgeschmack geprägt, auf Albumlänge wiederum konnte ich noch nie überzeugt werden. 

    Alles was ich mir wünsche ist ein homogenerer Sound. Nicht von allem ein bisschen, damit jeder etwas Passendes findet. Das fühlt sich für mich ein wenig wie das Drake-Phänomen an. Viel zu lange Alben mit ebenso viel Hits wie charakterlosen, AI-generierten Radiosongs. RIN streift auf seinem Album die Live-tauglichen Trap Hits, die ihn bekannt gemacht haben, springt auf „1976“ kurz auf den Trend-Sound der 01099 Crew aus Leipzig, bedient sich an düsteren Nirvana-Momenten und rappt zugleich auf radiotauglichen Pop/ Rockballaden. Versatilität ist natürlich eine Stärke RINs, doch in einem von mir erschaffenden Paradies würde RIN die Rock-Nummer durchziehen und sich damit in den Annalen der Musikgeschichte verewigen.

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    Bausparvertrag-Rap

    Der Freitag beschreibt das Album mit den Worten „Generation Bausparvertrag“ und leider ist da etwas dran. Die Bier, über die RIN rappte, während ich selbst welche im Park trank, wurden zu deutschen Markenwagen und einem Einfamilienhaus. Früher rannte er noch dem Bus hinterher, heute vor dem Finanzamt weg. Das ist alles logisch und nicht verwerflich. Mit dem Ruhm verändert sich der Lebensstil. Nur sinkt meines Erachtens nach der anfangs erwähnte Identifikationsfaktor seiner Texte. Statt mir aus der Seele zu sprechen, erlebe ich die Perspektive einer finanziell privilegierten Lebenssituation. Damit büßt RIN leider etwas sein Patent für Generationstexte ein und nähert sich dem im Rap verbreiteten zur Schau stellen materiellen Besitzes an.


    Beziehungsstatus: Es ist kompliziert

    Okay, ich habe euch vorgewarnt: Mein Beziehungsstatus zu RINs Musik ist kompliziert. Einerseits liebe ich so viele seiner Lieder, andererseits werde ich skeptisch, wenn es um seine Alben geht. Dennoch bekenne ich mich als RIN-Fan und ermutige alle dazu, dieselben WTF!? Momente zu genießen, wie ich sie auf „Kleinstadt“ erleben durfte. I mean, Nirvana auf deutsch? Wie RIN sagen würde: „Auf Geht’s“!

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    fotocredits: @brownshootta

  • Search Yiu im Interview: „Das Album ist quasi ein mentales Spa“

    Search Yiu im Interview: „Das Album ist quasi ein mentales Spa“

    Am 19.02 erschien Search Yius neues Album SY, in dem er seine Hörer:innen auf eine sehr persönliche Reise rund um mentale Gesundheit mitnimmt. Selbst erlebte Geschichten, dunkle Gedanken, lebendige Beats und alles frei nach der Idee der „inneren Wellness“. Irgendwo zwischen Deutschrap, Pop und Indie klingt SY einfach fesselnd. Fernab des Mainstreams werden auf dem Album Themen wie Suizidgedanken, Einsamkeit, Verliebtsein, Bisexualität und das Nicht-Loslassen-Können in neuen Facetten behandelt. Doch das Album klingt nicht hoffnungslos, im Gegenteil — Zwischen all der Schwere kommt doch noch der Optimismus durch. Zusammen mit Mia Morgan spricht er seit vergangenem Jahr auch in ihrem gemeinsamen Podcast Mental Mall unter anderem offen über seine Borderline Erkrankung.

    SY könnte sich durch seine intimen Erzählungen zu einem wertvollen Wegbegleiter einiger Hörer:innen, die ähnliches durchleben, entwickeln. Diese mögliche Identifikation ist wohl einer der wichtigsten Gründe, wieso man mentale Gesundheit in der Öffentlichkeit thematisieren sollte. Dennoch eignet sich das gefühlsbestimmte Album auch für alle, die ihre persönlichen Erfahrungen nicht auf die von Search Yiu beschriebenen Szenarien beziehen können. Kraftvolle, düstere Beats wie in Leer oder entspannte, leichte Sounds wie in Spaß wurden hier gekonnt in ein außergewöhnlich stimmiges Ganzes verpackt. Es ist genau das Album, nach dem ich mich unbewusst schon seit einiger Zeit gesehnt habe und ich wünsche mir sehr, dass Search Yiu damit bei allen, bei denen er bisher noch unter dem Radar flog, in den Vordergrund rückt.

    Dascha: Hey, na, wie geht es dir im Moment?

    Search Yiu: Hey Dascha, mir geht’s gut! Ich bin müde und ich schlafe zur Zeit schlecht, trotzdem geht’s mir gut. Und dir?

    Dascha: Auch ganz gut, den Umständen entsprechend. Bald kommt schon dein Album raus, bist du aufgeregt?

    Search Yiu: Bin ich, ja! Es gibt auf jeden Fall viel zu tun, aber ich bin froh drum. Nachts kommt dann immer die Aufregung, dann denk ich viel über das Album nach, weil ich tagsüber viel daran arbeite. Ich glaube das ist aber ganz normal. Ist auch das erste Mal, dass ich so richtig mit Promo release.

    Dascha: Welche Themen haben dich durch das Album geleitet? Was hast du damit besonders verarbeitet?

    Search Yiu: Sehr persönliche Themen. Also es geht ja besonders viel um Mental Health, ich hab mich dabei sehr viel mit mir selbst in meinem Kopf beschäftigt und versucht das dann in den Songs zu verpacken. Es sind ganz viele Themen die mich beschäftigen, es war ein bisschen wie Sachen rauslassen und loswerden.

    Dascha: Wie fühlst du dich denn dabei so viel privates, Mental Health-bezogen, mit der Öffentlichkeit zu teilen? Bei Mental Mall oder besonders in Still geht es ja viel um deinen mentalen Zustand. Fällt dir das leicht?

    Search Yiu: Leichter als früher. Es kommt drauf an, es gibt so Tage, da fühlt sich das nicht so gut an. Da fühlt es sich einfach nur weird an, dass so viele Leute so viel über mich wissen, aber ich umgekehrt nichts von ihnen. Aber letztendlich find ich es einfach sehr wichtig darüber zu reden. Gerade beim Podcast mit Mia bekommen wir immer so schönes Feedback, das mir zeigt, dass es Sinn macht darüber zu reden. Auch wenn es manchmal schwer ist, ich glaube, mittlerweile kann ich das ganz gut.

    Dascha: Es fasziniert mich auch immer mit was für einer Leichtigkeit und Offenheit ihr im Podcast darüber redet!

    Search Yiu: Hat aber auf jeden Fall lange gedauert, bis ich da so offen drüber sprechen konnte, das ging nicht einfach so direkt.

    Dascha: Hast du denn einen Lieblingssong auf dem Album?

    Search Yiu: (Überlegt) Ich glaube der erste, Denk, aber auch Still, den mag ich sehr gerne, weil er halt so persönlich ist und ich den sehr schnell runtergeschrieben habe. Der kam einfach so richtig aus mir raus und wurde dann der persönlichste Track, den ich je gemacht habe. Und Lange her mag ich auch sehr. Ich glaube, das wird nicht so ein Song, der am meisten gehört wird, aber den mag ich persönlich einfach gerne. Schwierig, sich einen Favoriten raus zu picken.

    Dascha: Wie denkst du hat sich deine Musik, oder auch du selbst, von deinem vorherigen Album Alles was ich habe bis hierhin entwickelt?

    Search Yiu: Im besten Falle entwickelt man sich musikalisch ja immer weiter, da hab ich gemerkt, dass ich jetzt mehr Skills hatte. Auch bei Luka (Seifert), mit dem ich beide Alben gemacht habe. Wir haben beide voll dazugelernt. Persönlich habe ich mich auch entwickelt, glaube ich. Beim letzten Album ging es ja viel darum, wie schwer es mir fällt alleine zu sein und dass es mir immer schlecht geht, sobald ich alleine bin. Und das hat sich geändert, ich bin mittlerweile ganz gut im Alleinsein und bin es auch gerne. Also natürlich nicht nur, man muss auch eine gute Base an Friends haben, aber mittlerweile komme ich auch ganz gut mit mir alleine aus.

    Dascha: Wo wir schon beim Alleinsein sind: Hast du Tipps wie man diese Lockdown-Zeit am besten übersteht? Für viele ist das mental gerade ja schwierig.

    Search Yiu: Ich persönlich versuche mir so viel Routine wie möglich in den Tag zu bringen. Ich stehe dafür gerne früh auf, war aber auch schon immer ein Frühaufsteher. Und ich zocke viel am Tag (lacht). Wir sind da mittlerweile zu acht und haben einen Sprachchat, in dem wir uns abends treffen und zusammen Fortnite zocken. Da kann man einfach mal nur zocken und sich nur über das Zocken unterhalten. Das sind dann nicht so ernste Themen, das ist auch mal ganz schön.

    Dascha: Du bringst zu deinem Album ja auch eine eigene Gesichtscreme raus. Ich erinnere mich, wie du bei Mental Mall mal gesagt hast, dass ein eigenes Skin Care Produkt ein großer Traum von dir ist. Wie kam das jetzt zustande?

    Search Yiu: Also es war nicht so einfach (lacht). Es hat gedauert, ich wusste nur, ich wollte irgendein Skin Care Produkt machen. Am Anfang wollte ich Masken machen. Da ist das Problem aber, dass es ja solche Fabriken gibt, die das für dich herstellen, aber die machen das eher nur für Brands, die sehr große Stückzahlen bestellen. Da war schnell klar, dass ich mir als kleiner Artist nicht leisten kann so tausende Masken herstellen zu lassen. Dann hab ich nach einer Brand gesucht, die Skin Care macht, mit der ich dann zusammenarbeiten kann. Die quasi schon so ähnliche Produkte haben, die meinen Ansprüchen entsprechen, um das dann gemeinsam herzustellen. Das hab dann gefunden, in einer kleinen hamburger Brand. Ich war so happy, als das geklappt hat.

    Dascha: Ich hab generell das Gefühl, dass du mega into Wellness und Spa bist und das für deine Ästhetik nutzt. Woher kommt das?

    Search Yiu: Auf jeden Fall! Also Skin Care mache ich seit zwei, drei Jahren. Ich hab irgendwann angefangen diese Vogue und Harper’s Bazaar Videos zu gucken, in denen Stars ihre Skin Care Routine zeigen und hab angefangen mich immer mehr damit zu beschäftigen. Und damit kann man sich richtig viel und lange beschäftigen. In’s Spa und in die Sauna gehe ich auch mega gerne. Wellness ist ja auch nicht immer nur diese äußere Wellness, sondern auch innere. Das hat ganz gut gepasst. Das Album ist quasi ein mentales Spa, in dem ich mich ganz viel mit mir selbst beschäftige und es mir dadurch auch besser geht.

    Dascha: Jetzt bist du in das neue Jahr schon mit Album Release gestartet. Gibt es noch andere Sachen in diesem Jahr auf die du dich freust oder hast du besondere Pläne?

    Search Yiu: Ich will natürlich weiter Musik machen und mein Album erstmal unter die Leute bringen. Ich will auch gerne mehr Features machen, da hab ich schon so zwei, drei Leute, mit denen ich Features zusammen machen will. Also gar nicht so an Album gedacht, eher Singles. Beruflich gesehen hab ich noch ein paar andere Projekte, abgesehen von meiner eigenen Musik, wo ich involviert bin und wo wahrscheinlich noch ein bisschen was passiert dieses Jahr. Sonst plan ich auch nicht viel, ich hab irgendwie aufgehört viel zu planen. Ich bin jetzt eher Yolo-mäßig am Start (lacht).

    Dascha: Ist zur Zeit wahrscheinlich besser so. Welche Musiker oder Musikerinnen feierst du zur Zeit selbst?

    Search Yiu: Sowas muss ich erstmal bei Spotify nachgucken. Also ich hör hauptsächlich immer noch Rap, ich mag diese berliner Szene um Pashanim und Symba. Verifiziert mag ich auch sehr. Ich hatte gerade auch wieder meine alte Eminem-Phase und Frank Ocean geht auch immer. SOPHIE hab ich auch viel gehört, weil sie ja leider verstorben ist. So viel unterschiedliches hab ich in letzter Zeit aber gar nicht gehört.

    Dascha: Dann sind wir auch schon bei der letzten Frage. Ich frag dich hiermit nach einer Untold Story, also einem kleinen Geheimnis oder einer Geschichte, die die Öffentlichkeit noch nicht von dir kennt. Kann natürlich gerne zum Album sein.

    Search Yiu: Da ich ja einen Podcast hab, hab ich das Gefühl, dass ich immer schon alles aus meinem Leben erzähle (überlegt). Die Leute aus meinem engeren Umfeld, die das Album schon vorher gehört haben, haben mich oft gefragt wer bei Werden wie du gemeint ist. Da ist die Hintergrundstory, dass es um eine Person geht, die mir nah steht, aber ein ganz anderes Leben als ich führt. Also das ist gar nicht wertend gemeint, sondern dass das einfach ein stabileres, classic Kleinstadt-Life mit Family und sicherer Arbeit ist und ich in Berlin dieses Musikerleben führe. Aber manchmal hab ich diese Sehnsucht nach dieser Sicherheit auch und das war so an diese Person gerichtet, dass ich das irgendwann vielleicht auch mal will. So ein classic sicheres Leben. Vielleicht aber auch nicht, ich weiß es nicht. Manchmal überkommt mich das dann schon.

    Hier geht’s zu Search Yius neuem Album SY, es lohnt sich sehr:

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    Foto Credit: Iga Drobisz