Tim Henrik Schneider (46) ist Künstler und Kopf hinter Karmanoia und Paradox Loom. Seit mehr als 20 Jahren entwickelt er immersive Räume und Installationen, in denen Besucher*innen nicht nur betrachten, sondern eintauchen, sich orientieren, verlieren und selbst aktiv werden. Im Gespräch geht es um das Gruselkabinett von 2003, die Faszination des Unheimlichen, analoge Erfahrungen, politische Handlungsspielräume, Berliner Kulturräume und die Frage, wie aus leerstehenden Orten neue Erlebnisräume entstehen können.
Johannes Martin hat in seiner feinperlig Kolumne den Künstler ein paar Fragen rund ums Paradox Loom und seine Beziehung zu Kunst gestellt.
„Paradox Loom ist ein Geflecht, in dem Neues entstehen kann.“
Johannes: Wie lange bist du bereits als Künstler tätig?
Tim: Das hat alles eher schwammig angefangen, aber für mich führt die Entwicklung zur Eröffnung des Gruselkabinetts im Jahr 2003. Rückblickend würde ich sagen: Damals entstand meine erste immersive Kunstinstallation, auch wenn wir diesen Begriff zu der Zeit noch gar nicht verwendet haben. Wir nannten das Gruselkabinett „Arsch zu Seele“ und bauten aus Pappmaché und allen möglichen zusammengeschusterten Materialien unsere eigenen Welten. Wenn ich einen offiziellen Anfangspunkt setzen müsste, dann wäre es 2003. Inzwischen sind das 23 Jahre.
Du hast das Kunstlabyrinth Paradox Loom im Wedding gegründet. Was bedeutet Paradox Loom eigentlich?
Der Begriff ist aus dem Versuch entstanden, die verschiedenen interdisziplinären Aspekte meiner Arbeit und die Zusammenarbeit mit anderen Künstlern unter einem gemeinsamen Gedanken zusammenzuführen. Für mich geht es um das Verweben unterschiedlicher Elemente: Disziplinen, Materialien, Ressourcen und künstlerische Ansätze.
Wichtig ist das Zusammenspiel von Gegensätzen. Ich verbinde Kontraste miteinander und schaue, was daraus entsteht. Paradox Loom ist deshalb kein klar abgegrenztes Format, sondern eher ein Raum oder ein Geflecht, in dem unterschiedliche Ideen, Menschen, Mittel und Ausdrucksformen miteinander verbunden werden.
Welche Rolle spielt das Analoge in deiner Arbeit?
Das Analoge bedeutet für mich mehr, als dass etwas mit der Hand gebaut wurde. Wenn du einen Raum betrittst, versucht dein Gehirn automatisch, ihn zu verstehen. Es sucht nach Mustern, Zusammenhängen und einer Logik. In meinen Räumen funktioniert das oft nicht. Dinge treffen aufeinander, die sich nicht eindeutig erklären lassen. Das Gehirn versucht, ein Muster zu erkennen, und scheitert. Genau dann entsteht ein Fragezeichen.
Das Analoge macht diese Erfahrung körperlich. Ein digitaler Raum kann wie ein Bild oder eine Simulation wirken. Aber wenn du etwas berührst, dich darin bewegst und spürst, dass diese Dinge wirklich existieren, verändert sich die Situation. Dann sagt dein Gehirn: Das ist real. Gerade bei großen, immersiven und vollständig analog gebauten Räumen wird dieser Effekt stark. Du bist körperlich anwesend, kannst nicht alles überblicken und bekommst keine eindeutigen Antworten. Genau diese Offenheit interessiert mich.
„Es braucht einen gewissen Idealismus„
Deine Räume sollen Menschen auch zum eigenen Handeln anregen: Was steckt dahinter?
Wir sollten uns nicht aus unserem eigenen Handlungsbereich verabschieden. Man erlebt heute oft die Haltung: „Da müsste doch mal jemand etwas machen.“ Gleichzeitig gibt man damit ein Stück der eigenen Souveränität ab.
Jeder Mensch hat einen eigenen Bereich, in dem er handeln kann. Dieser beginnt ganz nah bei einem selbst: beim eigenen Körper, bei der eigenen Hand, im eigenen Zuhause und im unmittelbaren Umfeld. Dort kann man sprechen, diskutieren, streiten, etwas verändern und direkt erfahren, was das eigene Handeln bewirkt.
Für mich geht es deshalb nicht darum, Menschen ein statisches Kunstwerk vorzusetzen. Es geht darum, sie in eine Situation zu bringen, in der sie selbst reagieren, denken und handeln müssen.
Woher nimmst du die Energie und Motivation, immer wieder neu anzufangen?
Dafür braucht es definitiv einen gewissen Idealismus. Als Künstler sowieso. Aber es gibt auch diesen Funken in einem, den Wunsch, etwas zu verändern oder zumindest einen eigenen Beitrag zu leisten. Ich frage mich immer wieder: Was kann ich mit meinem Handeln bewirken? Wie kann ich einen Raum schaffen, den Menschen wahrnehmen und erleben können?
Mir ging es immer darum, andere Räume zu schaffen als die funktionalen Räume, die uns normalerweise umgeben. Malen war für mich nie das einzige Mittel. Meine Art war immer, Räume zu bauen. Der größte Antrieb ist bis heute das Lächeln der Menschen, wenn sie durch eine Installation gegangen sind.
„Kunst muss nicht immer eine eindeutige Botschaft vermitteln.“
Du schreibst mit deinen Räumen keine fertigen Geschichten, sondern schaffst Bedingungen, unter denen Menschen ihre eigenen Geschichten erzählen können. Ist das die eigentliche Aufgabe von Kunst?
Ja, schon. Kunst entsteht zunächst aus einer Absicht des Künstlers. Danach kommt aber immer der Betrachter dazu – und der bringt seine eigene Geschichte, seine Erfahrungen und seine Wahrnehmung mit. Für mich ist wichtig, auf diese individuellen „Pakete“ einzugehen. Kunst muss nicht immer sprechen oder eine eindeutige Botschaft vermitteln. Sie darf etwas anregen, emotional sein, Fragen stellen und einen Menschen berühren.
Heute funktioniert die direkte Form der Vermittlung vielleicht nicht mehr auf dieselbe Weise. Deshalb finde ich es wichtig, Menschen dort abzuholen, wo sie sind, und eine Form von Interaktion zu ermöglichen.
Was hat das Ganze mit Berlin zu tun?
Berlin war lange ein Ort für Experimente, für unabhängige Kunst und für Räume, in denen Dinge entstehen konnten, die anderswo vielleicht keinen Platz gefunden hätten. Die gegenwärtig spannende Frage ist allerdings: Ist das heute noch so?
Aus geschäftlicher Sicht würde ich hinzufügen: Das Konzept ist skalierbar. Die Idee ist, die Erfahrungen aus Berlin mitzunehmen und zu fragen, wo sie noch funktionieren könnten. Wenn man sich umschaut, findet man überall Orte, die ihre ursprüngliche Funktion verloren haben.
Warum brauchen wir heute überhaupt noch solche erlebbaren Orte?
Weil wir gesellschaftlich an vielen Stellen stagnieren. Unser Bild von der Welt wird zunehmend durch digitale Einflüsse geprägt. Unsere Wahrnehmung wird dadurch diffuser – sie verschwimmt, wird grauer, und vielleicht gehen dabei auch Spitzen und Kontraste verloren.
Reale Orte können dem etwas entgegensetzen. Sie können Wahrnehmung schärfen, irritieren, berühren, aktivieren oder dafür sorgen, dass man für einen Moment aus dem digitalen Grundrauschen herauskommt. Genau dieses „Vergraute“ unserer heutigen Wahrnehmung müssen wir wieder öffnen. Das ist ein wichtiger Bestandteil meiner Arbeit.
„Kunst muss nicht immer eine eindeutige Botschaft vermitteln.“
Was erwartet die Besucher*innen künftig?
Es entstehen ständig neue Räume. Das Labyrinth wächst kontinuierlich und wird praktisch jede Woche weitergebaut. Neue Kriechgänge kommen dazu, aber auch mehr technische und interaktive Elemente. Gerade mit der Interaktion möchte ich noch stärker arbeiten. Die Besucher*innen sollen nicht nur durch die Räume gehen, sondern unmittelbarer mit den Elementen und der Umgebung interagieren können.
Was würdest du bauen, wenn Geld keine Rolle spielen würde?
Da fällt mir sofort der Gasometer ein. Stell dir eine große, geschlossene Kugel vor, etwa 30 Meter hoch. Schon der Weg dorthin wäre Teil des Erlebnisses: Man läuft außen nach oben und kann von dort aus die Umgebung überblicken. Oben angekommen, beginnt der Abstieg. Im Inneren der Kugel gibt es eine extrem lange Rutsche, auf der man entlang der Innenhaut wieder bis zum Boden hinunterrutscht.
Im Inneren befindet sich noch einmal eine eigene Installation, durch die man klettern, hinauf- und wieder hinabsteigen kann. Dabei verliert man zunehmend das Gefühl dafür, wo man sich befindet. Die ursprüngliche Form der Kugel verschwindet aus der Wahrnehmung.
Genau diese Kombination interessiert mich: ein realer, riesiger Raum, den man körperlich erlebt, und darin eine zweite Welt, in der man zunehmend die Orientierung verliert.
Dein letzter Satz?
Lasst uns dankbar sein!





