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doppelfinger im Interview: »Trotz aller schwierigen Situationen und Emotionen ist die eigene Existenz etwas Schönes und Wertvolles«

Den Österreicher doppelfinger haben wir euch im November schon mal vorgestellt – damals mit seiner wunderschönen Single “seasonal affective disorder”. Nun gibt er mit seinem letzte Woche erschienenden Debütalbum “by design dem Ganzen einen Kontext und uns noch mehr Lieder zum Verlieben. Was doppelfinger auszeichnet, ist nicht nur seine Affinität an der Gitarre, sondern auch das Treffen dieser ganz bestimmten Note zwischen “das ist so traurig, ich möchte weinen” und “das ist so schön, ich möchte nichts anderes hören”. Und genau deswegen haben wir ihn jetzt für euch im Vorstellungsinterview!


doppelfinger im Interview

Anna: Hey Clemens, wie geht’s dir? Magst du dich vielleicht erst einmal für alle, die dich noch nicht kennen, vorstellen?

doppelfinger: Ich bin Clemens aus Wien, mache unter dem Namen doppelfinger Musik. Mir geht’s ok, bin hier in Österreich ja doch in einer eher privilegierten Situation wenn man sich die Geschehnisse in anderen EU Ländern ansieht. Kann mich also nicht beschweren.

Anna: Es ist dein erstes Album, was du in die Welt lassen wirst. Wie fühlt sich das jetzt, ein paar Tage davor, an zu wissen, dass da bald ein gesammeltes Werk der Musik & Gefühle von dir draußen ist?

doppelfinger: Es fühlt sich sehr surreal und an stellen ein wenig überfordernd an. Ich bin trotzdem voller Freude, dass es dann endlich nicht mehr nur für mich existiert. Ich hoffe einfach, dass es die Menschen erreicht, die es vielleicht gebrauchen können.


„Ohne Licht kein Schatten und so.“

Anna: Wie hast du deinen Weg zur Musik gefunden? Kann man ein paar deiner Einflüsse auch auf „by design“ hören?

doppelfinger: Klassische Geschichte: musikalische Familie, Blockflöte, Posaune, etc.
So richtig eigenständig gemerkt, wie wichtig mir Musik ist, habe ich als ich die Gitarre für
mich entdeckt habe und dann trotz meiner Ungeduld versucht habe, mir das spielen so gut
wie möglich selbst beizubringen. Über die doch recht simpel gestrickten Folk Klassiker (z.B.
von Pete Seeger, Dylan, Guthrie) bin ich wohl einfach in diese Schiene gerutscht und
diese ist definitiv am Album präsent. Irgendetwas hat sich da einfach sehr richtig angefühlt und das tut es bis heute.

Anna: Warum „by design“? Was steckt hinter dem Albumtitel?

doppelfinger: Für mich heißt by design soviel wie „mit Absicht“ – oder „so passend“. Zum einen spiele ich damit an meinen Projektnamen an – doppelfinger ist ja ein Teil von mir (habe einen zweiten Finger auf meiner rechten Hand) – ich bin damit geboren, es war quasi so bestimmt. Auch wenn es mich von anderen differenziert, hat es trotzdem so sein sollen.
Und dies war auch die Idee in Bezug auf den Inhalt des Albums. Einige Songs thematisieren doch eher schwere persönliche Emotionen & Situationen – mit dem Titel wollte ich aber sagen dass diese Problematiken auch Ihre Berechtigung haben. Ohne Licht kein Schatten und so.


„Ich möchte weder tiefe Traurigkeit noch immens positive Ideen.“

Anna: Viele der Songs auf dem Album entschleunigen und machen gleichzeitig auch ein kleines bisschen traurig. Was sind die Themen, die du auf „by design“ verarbeitet und behandelt hast?

doppelfinger: Mein Album ist für mich ein erstes “Hallo” meinerseits. Wir haben Ghostwriter für diese Arbeit gewählt. Das Thema das sich für
mich durchzieht ist ein Spiegeln von Dingen. Ohne Hoffnungslosigkeit keine Hoffnung, ohne Gut kein Schlecht, ohne Einschränkung keine Freiheit, usw. Ich versuche dies in meiner Musik zum Beispiel mittels des Gegenüberstellens von “schön” klingenden Harmonien zu Texten, die dann eher weniger schöne Dinge behandeln. Ich möchte weder tiefe Traurigkeit, noch immens positive Ideen kommunizieren. Ich möchte beide gegenüberstellen und behandeln.

Anna: Hast du einen aktuellen Lieblingssong vom Album?

doppelfinger: Ich glaube quite alright“ ist für mich persönlich einer der wichtigeren Songs auf dem Album. Er gibt dem Album eine gewisse Leichtigkeit und nimmt den dann doch emotional eher schwereren Songs ein wenig den Druck. Er umfasst für mich einfach den roten Faden des Albums. „Quite alright“ ist für mich so gesehen irgendwie eine Reaktion auf die anderen Songs am Album und sagt, dass trotz aller schwierigen Situationen und Emotionen die eigene Existenz etwas Schönes und Wertvolles ist – und sogar noch schöner und wertvoller wird durch alle persönlichen Kämpfe.

Anna: In deinem Pressetext heißt es, dass die ersten Lieder, die du geschrieben hast, ursprünglich nie dafür bestimmt waren, von anderen gehört zu werden. Warum? Und was hat dich überzeugt, sie doch zu veröffentlichen?

doppelfinger: Weil ich nicht das Gefühl hatte, dass sie unbedingt gut genug waren. Ich war damals aber an einem Punkt angelangt, an dem ich mir gedacht habe, dass es jetzt eh nicht vieles zu verlieren gibt. Da hab ich dann beschlossen die Songs einfach mal live auszuprobieren. Über dies kam ich dann zum Aufnehmen.

Anna: Kannst du dich noch an das erste Lied, was du geschrieben hast, erinnern?

doppelfinger: Die erste Songstruktur, an die ich mich erinnern kann, war ein Song, in dem ich so bisschen meine vergangenen Fehler und „Sünden“ aufzählen wollte, ich glaub das war so mit 16. Der Chorus ging dann irgendwie – „so i don ́t know if i belong, in the sky lord – in the sky“ – ich hab den aber nie fertig geschrieben, aus Angst dass er religiöser wirkt, als er für mich eigentlich gemeint war.


„Die kleine Bubble in Österreich ist sehr divers und mutig.“

Anna: Du machst aber nicht nur Musik als doppelfinger, sondern wirkst auch bei vielen anderen Projekten mit, wie zum Beispiel dem von OSKA. Da hab ich auf den Acoustics die sehr süße Story gehört, wie ihr euch als scheinbar verlorene Kindergartenfreunde ganz zufällig auf Instagram wiedergefunden habt. Fühlt sich das für euch ein bisschen wie Schicksal an, dass ihr jetzt wieder zusammen Musik macht?

doppelfinger: Definitiv. Wir reden sehr oft darüber, aber wenn man so oft wie wir miteinander abhängt, dann denkt man manchmal auch nicht darüber nach. Und wenn einem das dann wieder einholt und man sich wieder bewusst wird, wie speziell es ist, dass wir nicht nur gemeinsam Musik machen, sondern uns auch so gut verstehen und so lange kennen, dann ist das schon ein bisschen ein verrücktes Gefühl.

Anna: Wie nimmst du die österreichische Musikszene wahr? Für mich bist du in einer sehr
angenehmen Bubble, aus der selten was Schlechtes kommt, muss ich sagen.

doppelfinger: Ich finde die kleine Bubble in Österreich auch relativ erfrischend. Man hätte auch die Sorge haben können, dass viele Artists nach Erfolgen von Bilderbuch oder Wanda versuchen würden, auf ähnliche Richtung Erfolg zu haben. Dem war aber nicht so, die österreichische Szene ist gefühlt sehr divers und mutig – was ich sehr schätze.

Meine Lieblings Acts aus Österreich derzeit: Lukas Lauermann, Sophia Blenda, OSKA.

Anna: Zum Schluss fragen wir immer nach einer untold story, etwas, das du noch nie in einem Interview erzählt hast.

doppelfinger: Puh, schwierig. Ich hab mich mal versehentlich als 8-jähriger auf einem Bauernhof in der Toilette bei den Kühen eingesperrt. Da hab ich dann ca. 3 Stunden mit Beten und Kloputzen verbracht, bis mich meine Schwester aus der Situation befreite. Als ich da endlich wieder rauskam war mir auf jeden Fall bewusst – es gibt keinen Gott und das Putzen von Toiletten hilft somit maximal dem Bauern aber keiner größeren Macht.

 

Wir würden das Album ehrlich gesagt für alles empfehlen außer fürs Toilette-Putzen, aber vielleicht kickt es auch da nochmal besonders, wer weiß:

 

Fotocredit: Sophie Löw

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