Besançon, 27. Dezember 2025
Das Jahr marschiert in Siebenmeilenstiefeln seinem jähen Ende entgegen. Und es bleibt nicht mehr viel Zeit. Auch fühle ich mich dieser Tage wie das Kaninchen aus Alice im Wunderland, das noch allerlei Dinge zu erledigen sucht. Zum Beispiel auch diesen Beitrag zu schreiben – über das musikalische Jahr 2025, das in einem flüchtigen Rausch von feinperlig unter die Lupe genommen wird.
Doch in diesem Jahr ist es nicht Alice, sondern es sind die beiden Hexen aus Wicked 2, die noch einmal über die Leinwände der hiesigen Kinos flimmerten – ein Kennzeichen dafür, wie sehr Musical, Moral und Machtfragen wieder in der Mainstream-Popkultur verhandelt werden.
In einer soeben veröffentlichten Langzeitstudie der Universität Wien wurden zahlreiche Billboard-Charthits von 1976 bis 2023 analysiert. Man fand heraus, dass die Texte klassischer Rock- und Popsongs im Laufe der Jahrzehnte düsterer geworden sind.
Und ja, es ist ein „wicked ground“, auf dem wir uns bewegen, auf dem es stets darum geht, nicht in die „Hand des Teufels“ zu geraten – also Versuchungen, Korruption oder Selbstverlust zu vermeiden. Von derartiger Selbstbehauptung singt Londons Little Simz in einer ihrer Vorab-Singles „Flood“ zum sechsten Studioalbum Lotus, das definitiv zu meinen favorisierten Alben des Jahres gehört. Es ist politisch, spirituell und wütend. Die Zeiten sind ungemütlich.
Von Selbstbehauptung und dunklen Mächten handelt auch Schwarze Magie, das neue Album der Band Die Heiterkeit um Sängerin Stella Sommer. Doch dann wieder läuten die Glocken, Geister werden geheilt, und Dunkelheit vergeht.
Lux von Rosalía verströmt einen Hauch Licht – jedoch ohne Erlösungsversprechen. Zwischen Spiritualität und der kritischen Auseinandersetzung mit religiöser Sozialisation spielt Rosalía mit sakralen Bildern und liefert eine opernhafte Single mit Björk-Feature.

Unter’m Radar
Doch wir wollen hier den kleineren Acts huldigen, nicht den ohnehin schon satten Musik-Goliaths. Nach Oasis-Reunion, mittelmäßigen Biopics, Pop-Sternchen-Hochzeit (Englischlehrerin heiratet Sportlehrer :)), Coldplay-Love-Cam-Desaster und Super-Bowl-Halftime-Show wollen wir uns darauf besinnen, dass das hier ein Indie-Magazin ist – und so wollen wir jenen Musiker*innen Aufmerksamkeit schenken, die vielleicht ein wenig unter dem Radar liefen.
Neben Tristan Brusch brachte Betterov vielleicht das schönste deutschsprachige Album auf den Markt. Große Kunst ist zugleich Single- und Albumtitel, mit der überschriftenstiftenden Zeile: „Du interessierst dich doch für Goethe, hier kommt meine ›Faust‹!“
Manuel Bittorf alias Betterov singt über Selbstzweifel, das Aufwachsen in der Provinz und Ängste, die es zu überwinden gilt, und nimmt dabei herrliche Post-Punk-Anleihen. Und überhaupt schafft es die junge deutsche Indie-Garde – von Blond über Drangsal bis Hart- und Zartmann – immer besser, internationalen Spirit, tiefschürfende Texte und Smith’sches Pathos zu verbinden.

Und so geht meine Faust in diesem Jahr direkt in die Fresse der musikgenerierenden KI-Industrie, die in den kommenden Jahren weiter ausgebaut werden soll. Wir werden uns hier wehren — und das Organische schützen.
Apropos schützen: In Großbritannien wurde das Grassroots-Musikprojekt aus der Taufe gehoben. Mit der Spende von einem Pfund, die derzeit noch freiwillig sukzessive auf den Ticketpreis aufgeschlagen wird, soll das Musik-Ökosystem unterstützt werden – also kleine Venues, lokale Bands und unabhängige Promoter. Und das ist dringend notwendig: Von rund 250.000 Konzerten fanden allein auf der Insel etwa 230.000 Shows in Venues unter 500 Besucher*innen statt.
Freuen wir uns also auf ein neues Musikjahr, das kommende Untold-Printmagazin und unzählige ungehörte Lieder aus diesem Jahr. Einige „stille“ Favoriten habe ich euch im Folgenden zusammengestellt.
Happy New Year!!
Johannes
Findlay — Stay Kinky
Gringo Star — Sweethearts
Tom Smith — There Is Nothing In The Dark That Isn’t There In The Light
Léonie Pernet — Poèmes Pulvérisés
Big Thief — Double Infinity
Ichiko Aoba — Luminescent Creatures
Yasmine Hamdan — I remember I forget
Ryan Davis & The Roadhouse Band – New Threats from the Soul
Die Heiterkeit — Schwarze Magie
Sophia Kennedy — Squeeze Me
Celeste — Womam of Face
Flock of Dimes — The Life You Save
Haiyti — Stadium Rock
Foto Rosalia: youtube, Betterov: Rebecca Kraemer












