Schlagwort: Johannes Martin

  • feinperlig. „Du interessierst dich doch für Goethe, hier kommt meine ›Faust‹!“ — Jahresrückblick 2025

    feinperlig. „Du interessierst dich doch für Goethe, hier kommt meine ›Faust‹!“ — Jahresrückblick 2025

    Besançon, 27. Dezember 2025 

    Das Jahr marschiert in Siebenmeilenstiefeln seinem jähen Ende entgegen. Und es bleibt nicht mehr viel Zeit. Auch fühle ich mich dieser Tage wie das Kaninchen aus Alice im Wunderland, das noch allerlei Dinge zu erledigen sucht. Zum Beispiel auch diesen Beitrag zu schreiben – über das musikalische Jahr 2025, das in einem flüchtigen Rausch von feinperlig unter die Lupe genommen wird.

    Doch in diesem Jahr ist es nicht Alice, sondern es sind die beiden Hexen aus Wicked 2, die noch einmal über die Leinwände der hiesigen Kinos flimmerten – ein Kennzeichen dafür, wie sehr Musical, Moral und Machtfragen wieder in der Mainstream-Popkultur verhandelt werden.

    In einer soeben veröffentlichten Langzeitstudie der Universität Wien wurden zahlreiche Billboard-Charthits von 1976 bis 2023 analysiert. Man fand heraus, dass die Texte klassischer Rock- und Popsongs im Laufe der Jahrzehnte düsterer geworden sind.

    Und ja, es ist ein „wicked ground“, auf dem wir uns bewegen, auf dem es stets darum geht, nicht in die „Hand des Teufels“ zu geraten – also Versuchungen, Korruption oder Selbstverlust zu vermeiden. Von derartiger Selbstbehauptung singt Londons Little Simz in einer ihrer Vorab-Singles „Flood“ zum sechsten Studioalbum Lotus, das definitiv zu meinen favorisierten Alben des Jahres gehört. Es ist politisch, spirituell und wütend. Die Zeiten sind ungemütlich.

    Von Selbstbehauptung und dunklen Mächten handelt auch Schwarze Magie, das neue Album der Band Die Heiterkeit um Sängerin Stella Sommer. Doch dann wieder läuten die Glocken, Geister werden geheilt, und Dunkelheit vergeht.

    Lux von Rosalía verströmt einen Hauch Licht – jedoch ohne Erlösungsversprechen. Zwischen Spiritualität und der kritischen Auseinandersetzung mit religiöser Sozialisation spielt Rosalía mit sakralen Bildern und liefert eine opernhafte Single mit Björk-Feature.

    Unter’m Radar

    Doch wir wollen hier den kleineren Acts huldigen, nicht den ohnehin schon satten Musik-Goliaths. Nach Oasis-Reunion, mittelmäßigen Biopics, Pop-Sternchen-Hochzeit (Englischlehrerin heiratet Sportlehrer :)), Coldplay-Love-Cam-Desaster und Super-Bowl-Halftime-Show wollen wir uns darauf besinnen, dass das hier ein Indie-Magazin ist – und so wollen wir jenen Musiker*innen Aufmerksamkeit schenken, die vielleicht ein wenig unter dem Radar liefen.

    Neben Tristan Brusch brachte Betterov vielleicht das schönste deutschsprachige Album auf den Markt. Große Kunst ist zugleich Single- und Albumtitel, mit der überschriftenstiftenden Zeile: „Du interessierst dich doch für Goethe, hier kommt meine ›Faust‹!“

    Manuel Bittorf alias Betterov singt über Selbstzweifel, das Aufwachsen in der Provinz und Ängste, die es zu überwinden gilt, und nimmt dabei herrliche Post-Punk-Anleihen. Und überhaupt schafft es die junge deutsche Indie-Garde – von Blond über Drangsal bis Hart- und Zartmann – immer besser, internationalen Spirit, tiefschürfende Texte und Smith’sches Pathos zu verbinden.

    Und so geht meine Faust in diesem Jahr direkt in die Fresse der musikgenerierenden KI-Industrie, die in den kommenden Jahren weiter ausgebaut werden soll. Wir werden uns hier wehren — und das Organische schützen. 

    Apropos schützen: In Großbritannien wurde das Grassroots-Musikprojekt aus der Taufe gehoben. Mit der Spende von einem Pfund, die derzeit noch freiwillig sukzessive auf den Ticketpreis aufgeschlagen wird, soll das Musik-Ökosystem unterstützt werden – also kleine Venues, lokale Bands und unabhängige Promoter. Und das ist dringend notwendig: Von rund 250.000 Konzerten fanden allein auf der Insel etwa 230.000 Shows in Venues unter 500 Besucher*innen statt.

    Freuen wir uns also auf ein neues Musikjahr, das kommende Untold-Printmagazin und unzählige ungehörte Lieder aus diesem Jahr. Einige „stille“ Favoriten habe ich euch im Folgenden zusammengestellt.

    Happy New Year!!

    Johannes 

    Findlay — Stay Kinky 

    Gringo Star — Sweethearts

    Tom Smith — There Is Nothing In The Dark That Isn’t There In The Light

    Léonie Pernet — Poèmes Pulvérisés

    Big Thief — Double Infinity

    Ichiko Aoba — Luminescent Creatures

    Yasmine Hamdan — I remember I forget 

    Ryan Davis & The Roadhouse Band – New Threats from the Soul

    Die Heiterkeit — Schwarze Magie

    Sophia Kennedy — Squeeze Me 

    Celeste — Womam of Face

    Flock of Dimes — The Life You Save 

    Haiyti — Stadium Rock 
     

    Foto Rosalia: youtube, Betterov: Rebecca Kraemer

  • Drangsal live in Berlin: Ein Phönix aus Asche und Klang

    Drangsal live in Berlin: Ein Phönix aus Asche und Klang

    Mitte Juni diesen Jahres wurde ich eingeladen, beim Record Release-Konzert des deutschen Musikers Drangsal dabeizusein. Drangsal, alias Max Gruber, präsentierte sein neues Album im Berliner Club Modus und feierte dabei seine künstlerische Metamorphose. Die Record Release-Show zu „Aus keiner meiner Brücken die in Asche liegen ist je ein Phönix emporgestiegen“ (Virgin/Universal) sollte mehr sein als ein Konzert. Ein Abend, an dem sich ein Künstler von seinem früheren Selbst losreißt.

    Drangsal endlich als feste Band

    „Drangsal“ – das bedeutet im Deutschen qualvolle Bedrückung, Leid oder Not (Quelle: Duden). Das Wort stammt aus dem spätmittelhochdeutschen und war im 18. Jahrhundert vor allem in dichterischem Kontext gebräuchlich. Max Gruber wählte diesen Namen bewusst: Laut einem Interview mit dem Mannheimer Morgen ist er inspiriert vom Firmennamen eines regionalen Bestattungsinstituts. Ein programmatischer Titel, der sich an diesem Abend widerspiegeln soll.

    Der sperrige, beinahe poetisch-verzweifelte Albumtitel, der an die kryptisch-melancholische Grandezza von The Smiths erinnert, gab bereits im Vorfeld einen Hinweis auf die inhaltliche Tiefe und die neue musikalische Richtung. Wo sich frühere Werke von Drangsal noch stark im synthetischen Electro-Pop suhlten, dominiert nun eine eklektische Vielfalt: Gitarrenriffs, Krautrock-Anleihen, orchestrale Elemente und sogar Fragmente aus Industrial und Jazz verweben sich zu einem organischen Klangkörper. Das alles trägt nicht nur Grubers Handschrift – zum ersten Mal ist Drangsal auch als Band erlebbar. Die Bühne teilte er sich mit einer dreiköpfigen Live-Formation, die nicht bloß Begleitmusiker waren. Denn Drangsal ist inzwischen (mindestens) ein Trio. Neben Max Gruber zählen Lukas Korn (Gitarre, Produktion) und Marvin Holley (Gitarre, Komposition) zur festen Besetzung.

    Die Setlist wurde vom neuen Album dominiert, das am selben Tag erschienen war. Songs wie „Bergab“, „Glutkern“ oder „Hab Gnade!“ bewiesen eine ungeahnte emotionale Tiefe – melancholisch, ja, aber nie larmoyant. Immer wieder schimmerte das ironisch-nihilistische Weltbild durch, das Gruber in Interviews kultiviert, nun aber künstlerisch ernsthaft transformiert. Beim Song „Die satanischen Fersen“ erkennt man sogar Hitpotenzial. Schwingt da ein bisschen Pophymnen-Flair à la Die Ärzte mit? Alte Hits wie „Turmbau zu Babel“ wurden neu interpretiert.

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    Ein Phönix aus Asche und Klang

    Die Stimmung im ausverkauften Modus war konzentriert, nur wenige Smartphones leuchteten auf. Alles an diesem Abend wirkte jedoch choreografiert. Nichts, so scheint es, wird bei Drangsal dem Zufall überlassen. Die Musik, die Performance, sogar die attraktiven Bandmitglieder scheinen einem Plan zu folgen. Hier will jemand in den Popolymp. Live wirkte das alles kohärent. Auf den 17 Album-Tracks hingegen – teils auf Deutsch, teils auf Englisch gesungen – zerfasert das Konzept dann stellenweise. Und auch die Texte wirken oft stark gekünstelt. Vielleicht ist das die Unruhe eines Künstlers im Übergang.

    Gruber hat mit „Aus keiner meiner Brücken die in Asche liegen ist je ein Phönix emporgestiegen“ ein neues Kapitel aufgeschlagen. Trotz mancher Schwächen lohnt sich das Anhören. Am 4. Oktober 2025 spielen Drangsal im Berliner Metropol am Nollendorfplatz. Ihr solltet gepannt bleiben. Ich bin es ebenfalls.

    Foto & Text: Johannes Martin

  • feinperlig. die musik-literarische Kolumne: FRÜHLING BIS SOMMER – Meine Woche mit Stella Sommer

    feinperlig. die musik-literarische Kolumne: FRÜHLING BIS SOMMER – Meine Woche mit Stella Sommer

    In seiner sechsten feinperlig. Kolumne war Musikjournalist Johannes Martin eine Woche lang im Bann des neuen Albums von Die Heiterkeit.

    Als Berliner habe ich lange Zeit mit einer gewissen Eifersucht auf die Hamburger Musikszene geschaut. Blumfeld, Bernd Begemann, Kettcar, Die Braut haut ins Auge, Tocotronic – und später dann Die Heiterkeit. All diese Bands transportierten ein Gefühl von diskursivem Pop, von eleganter Melancholie, Ironie und Widerstand. Eine Art Verlorensein mit Haltung. Ich habe dieses Gefühl gesucht – und in der Hansestadt gefunden.

    Die Heiterkeit

    Von Stella Sommer und Die Heiterkeit hörte ich zum ersten Mal 2015. Das Doppelalbum Pop & Tod I + II mit dem Eröffnungssong Die Kälte sprach mich sofort an. Schon die Eröffnungszeile ging mir durch Mark und Bein: „Da wo ich wohne, ist es immer kalt, kalt, kalt.“ Und mir – paradoxerweise – wurde warm zumute. Heute ist Sommer die alleinige Stimme und kreative Kraft hinter Die Heiterkeit. Ihr aktuelles Album Schwarze Magie hat mich überrollt. Im besten Sinne. Im Zeitraum der Albumveröffentlichung sollte ich eine kurzweilige Woche mit Stella Sommer verbringen.

    Von Frühling bis Sommer

    Im Frühling falle ich traditionsgemäß in eine leichte Melancholie – ausgerechnet dann, wenn alle anderen aufblühen. Während Berlin aus allen Nähten platzt vor Parkromantik, Picknickdecken und Biergartenseligkeit, möchte ich mich manchmal einfach verkriechen. In meine Höhle, unter die Decke, ins eigene Innenleben. Musik hilft da. Die richtige Musik – und Stella Sommer liefert genau das.

    Aufgewachsen in St. Peter-Ording, gründete die Musikerin 2010 Die Heiterkeit in Hamburg, zunächst als Trio. Vier Alben folgten in wechselnder Besetzung, Umzug nach Berlin, außerdem drei englischsprachige Soloalben und ein Nebenprojekt namens Die Mausis mit Max Gruber alias Drangsal. Schwarze Magie ist nun die Rückkehr zum Bandprojekt.

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    Schwarze Magie

    Musikalisch orientiert sich das Album mit Anklängen am Great American Songbook, Elvis, Folk, frühen Country, Cohen und Baez – aber auf ganz eigene Weise. Musik, die sich nicht aufdrängt, aber fesselt. Die Musik flattert in düsterer Eleganz, gespickt mit feinem, manchml bittersüßem Wortwitz. Stella Sommers sonore Stimme erinnert mich manchmal an Patti Smith, ist aber vor allem eines, unverwechselbar. Alles ist wie mit feinem Pinselstrich gemalt – inklusive der Produktion von Moses Schneider, der der Platte eine angenehm unaufgeregte Tiefe verleiht. Das ganze Projekt wirkt fast zwanghaft durchdacht.

    Fischtage

    Bei der Buchpremiere von Charlotte Brandis Romandebüt „Fischtage“ im Maschinenhaus in Berlin traf ich Stella Sommer – wir wurden uns kurz vorgestellt, dann sprach ich ihr meine Hochachtung aus. Ich erwähnte aber auch, dass ich Die Heiterkeit (und Tocotronic) zwar liebe, sie aber nicht grooven. Totaler Quatsch, eigentlich. Was ich meinte: Schwarze Magie klingt für mich wie das beste Hamburger-Schule-Album der letzten Jahre – nur eben aus Berlin. Leise, aber eindringlich. Und ja, es groovt – nicht im klassischen Sinn, eher als innerer Rhythmus. Wie ein Herzschlag.

    Noch am selben Abend kaufte ich mir ein Ticket für das anstehende Konzert im Lido. Das Album wollte ich mir vor Ort als Vinyl kaufen. Auf Spotify ist es nur in Auszügen verfügbar. Ein Statement. Und auch ein Qualitätsversprechen: Musik zum Hören, nicht zum Skippen. Eine Woche lang hörte ich das komprimierte Album hoch und runter.

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    Läute die Glocken*

    Das Konzert im Lido fällt auf den folgenden Mittwoch. Das ehemalige Kino an der Schlesischen Straße ist in rotes und blaues Licht getaucht ist. Die Heiterkeit treten zu fünft auf. Stella Sommer intoniert den ersten Song Alles was ich je geträumt hab zurückhaltend, auch weich, getragen und beinahe sakral. So klingen viele der neuen Songs. Statt brachiale Keyboardflächen, wie noch auf dem Vorgängeralbum Was passiert ist, dominieren hier dezente Folk- und Countryklänge. Die Arrangements erinnern an Harold Arlen, Rick Rubin oder Leonard Cohen. Ein Song, Santa Ana, ist in direkter Anlehnung an They Call the Wind Maria entstanden, einem seltsam schönen Country-Song aus dem Jahr 1951.

    Als die Band Teufelsberg spielt, denke ich an Goethes Brocken, an Thomas Manns Zauberberg, an Wagner, Wind und Mondlicht. Übertrieben? Vielleicht. Funktioniert meine Assoziation hin zu deutscher Naturromantik? Irgendwas rührt da in mir. Der Teufelsberg ist nicht nur ein Trümmerberg in Berlin-Grunewald – er ist auch Projektionsfläche für alles, was verloren ging und noch immer in uns arbeitet. Winde, Geister und Berge – ich höre die Glocken läuten.

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    Geister

    Schwarze Magie ist kein politisches Album im klassischen Sinne. Es spricht nicht direkt über Kriege oder Krisen. Und trotzdem fühlt es sich zeitgemäß und dringlich an. Vielleicht, weil es tiefer gräbt. Weil es dort ansetzt, wo einfacher Sprachgebrauch aufhört und Lyrik beginnt. An dieser Stelle empfehle ich, die Texte des Albums separat zu lesen.

    Im Pressetext heißt es: „Die Götter sind malade und kraftlos, die Geister zu porös zum Spuken.“ Und so liegt es wieder an Die Heiterkeit, uns an der Hand zu nehmen und durch die Dunkelheit zu führen.

    Einer der letzten Songs beim Berlin-Konzert ist Die Kälte. Ich lausche gebannt. Nach 100 Minuten ist Schluss. Ich bin merkwürdig erleichtert – und tief bewegt. Am Merchstand lasse ich mir die Platte von Stella Sommer signieren. Ich erwähne noch mal mein Groove-Missverständnis, aber Stella sagt nichts dazu. Vielleicht hat sie es nicht gehört. Vielleicht war es nicht wichtig.

    Die ich rief, die Geister, werd‘ ich nun nicht los. Auf dem Nachhauseweg war ich geheimnisvoll erfüllt, nach einer Woche mit Stella Sommer und Die Heiterkeit.

    *Läute die Glocken ist der erste Song auf dem Album Schwarze Magie.


    Die Heiterkeit – Schwarze Magie (Buback/VÖ: 21.03.2025) / http://dieheiterkeit.de/

    feinperlig.“ ist eine musikalisch-literarische Kolumne von Johannes Martin, die sich an seine seit 2022 laufende gleichnamige Interviewreihe anschließt. In dieser spricht er mit Künstler*innen, Verleger*innen, Booker*innen und anderen Persönlichkeiten in der deutschen Kulturlandschaft. Durch die jetzt schriftliche Version dieser Reihe bekommt seine Kolumne und seine Einordnungen der musikalischen Kulturlandschaft endlich auch ihren Platz.

    Fotocredit: Johannes Martin

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  • feinperlig. die musik-literarische Kolumne: Radio in Deutschland – eine Spurensuche

    feinperlig. die musik-literarische Kolumne: Radio in Deutschland – eine Spurensuche

    In seiner mittlerweile fünften feinperlig. Kolumne nimmt sich Musikjournalist Johannes Martin die Geschichte der deutschen Radiolandschaft vor!

    Diese Kolumne fasst die hundertjährige Geschichte des Rundfunks in Deutschland zusammen – von den ersten Funksendungen über bewegte Zeiten in BRD und DDR bis hin zur digitalen Gegenwart.

    Video Killed The Radio Star?

    Video Killed the Radio Star“ – so hieß es im 1981er-Megahit der Band The Buggles, an dem auch Trevor Horn und der Kult-Filmmusikkomponist Hans Zimmer mitwirkten. Doch diese düstere Prophezeiung hat sich glücklicherweise nicht bewahrheitet. Der Rundfunk hat in über hundert Jahren – von den ersten Funkversuchen bis zur heutigen digitalen Landschaft – immer wieder seine Wandlungsfähigkeit bewiesen und unsere Gesellschaft in vielfältiger Weise geprägt.

    Geschichte des Radios in Deutschland

    Auf den Grundlagen der drahtlosen Telegrafie, wie sie Pioniere wie Heinrich Hertz, Guglielmo Marconi und Nikola Tesla legten, fand in Deutschland am 24. Dezember 1906 die erste öffentliche Rundfunksendung statt. Doch erst in den 1920er-Jahren entwickelte sich das Radio zum Massenmedium. Am 29. Oktober 1923 begrüßte der Direktor der neugegründeten Radiogesellschaft, Friedrich Georg Knöpfke, seine Hörerschaft mit den Worten:


    „Achtung, Achtung, hier ist die Sendestelle im Vox-Haus auf Welle 400 Meter. Meine Damen und Herren, wir machen ihnen davon Mitteilung, dass am heutigen Tage der Unterhaltungsrundfunkdienst mit Verbreitung von Musikvorführungen auf drahtlos-telefonischem Wege beginnt.“

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    Die Nutzung des Rundfunks basierte anfangs auf einem Gebührensystem, das von den ersten Empfängern nur zögerlich angenommen wurde. Doch bereits gegen Ende der 1920er-Jahre wuchs die Zahl der Hörer auf über drei Millionen an. Das Programm der Weimarer Republik bot eine ausgewogene Mischung aus Unterhaltung, Kultur und Bildung. Während der NS-Zeit wurde der Rundfunk dann strukturell modernisiert und als Propagandainstrument umfunktioniert. Joseph Goebbels bezeichnete ihn als „das allermodernste und allerwichtigste Massenbeeinflussungsinstrument überhaupt“ – und mit dem „Volksempfänger“ brachte er kostengünstige Radiogeräte in die deutschen Haushalte.

    Nach dem Zusammenbruch des sogenannten „Tausendjährigen Reiches“ im Jahr 1945 übernahmen die Alliierten die Frequenzen und errichteten zentral organisierte Rundfunksender nach heimischen Vorbildern – wie etwa der britischen BBC. Daraus entstanden später der Sender Freies Berlin (SFB), die Rundfunkanstalt Berliner Rundfunk in der DDR, der „Rundfunk im amerikanischen Sektor“ (RIAS) sowie der Nordwestdeutsche Rundfunk Hamburg (NWDR).

    Rundfunk in der Bundesrepublik

    Mit der Einführung des UKW-Bands in den 1950er-Jahren verbesserte sich die Klangqualität der Übertragungen deutlich, sodass Musiksendungen – neben dem wichtigen Format des Hörspiels – an Bedeutung gewannen. Mit Rock’n‘Roll und Beatmusik drangen nun ganz neue und zum Teil aufrührerische Klänge in die heimischen Kinderzimmer. Noch in den 1960er-Jahren ermahnte ein Nachrichtensprecher seine Hörer: „Bitte stellen Sie Ihren Empfänger auf Zimmerlaustärke!“


    Mit dem Einzug des Fernsehens verlor das klassische Radio vorübergehend an Relevanz. Erst in den 80er-Jahren erlebte der Rundfunk eine neue Blütezeit: Mit der Einführung privater Sender wuchs die Vielfalt an Formaten, und regionale Angebote wurden zunehmend populär.

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    Rundfunk in der DDR

    Auf der anderen Seite der Mauer diente der Rundfunk in erster Linie als Propagandainstrument. Gleichzeitig war er für viele DDR-Bürger ein Tor zur Außenwelt – sei es durch heimlichen Empfang westlicher Sender oder durch Programme wie DT64, das 1964 als Jugendsendung ins Leben gerufen wurde und ab März 1986 als eigenständiger Sender täglich von 13 bis 24 Uhr sendete.


    Der Rundfunk war Zeuge und Mittler bedeutender Ereignisse – vom legendären Fußballspiel am 4. Juli 1974, dem Wunder von Bern, über den ersten Deutschen im All bis hin zur Wiedervereinigung 1989. Doch der Rundfunk war nicht nur Sprachrohr der Politik, sondern auch Sprungbrett für Moderatorinnen und Moderatoren. Bekannte Namen wie Frank Elstner, Jan Böhmermann, Linda Zervakis, Marion Brasch und Jürgen Kuttner stehen exemplarisch für Karrieren, die im Radio begannen.

    Und heute?

    Die heutige Radiolandschaft ist vielfältig und hybrid. Klassische Rundfunksender existieren neben Streaming-Plattformen, Podcasts und On-Demand-Formaten. Dadurch hat sich das Radio von einem linearen Medium zu einem flexiblen, individualisierbaren Angebot entwickelt.
 Trotz der Kritik an den Rundfunkgebühren und dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk im Allgemeinen sowie der fortschreitenden Digitalisierung, der Rundfunk ist robuster, als ihm nachgesagt wird: Er bietet sowohl Nischeninhalte als auch massenkompatible Unterhaltung und erreicht sein Publikum über unterschiedlichste Kanäle – und das bei vergleichsweise geringen Produktionskosten. Trotz aller technologischen Veränderungen bleibt der Rundfunk ein verbindendes Element, das gemeinsames Erleben ermöglicht, ohne ständige Aufmerksamkeit einzufordern.


    Eines steht fest: „Video killed the Radio Star“ war ein Trugschluss. Während das Musikfernsehen spätestens in den 2000er-Jahren von den Bildschirmen und schließlich aus den Köpfen der Menschen verschwand, bleibt das Radio der eigentliche Gewinner.

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    Doch inmitten dieser digitalen Vielfalt stellt sich die Frage: Finden sich junge Menschen überhaupt noch im linearen Radio wieder? Oder fehlt es schlicht an Formaten und Inhalten, die ihre Lebenswelt und Mediennutzung ernst nehmen?

    Wo ist hier der Krach? Radio in Deutschland

    Eine spannende Spurensuche zu genau diesem Thema haben Melanie Gollin und Martin Hommel mit ihrem Projekt „Wo ist hier der Krach? – Radio in Deutschland“ unternommen. Die beiden Musikjournalist:innen haben mit Programmmacher:innen in fünf europäischen Ländern und in Australien gesprochen und sie gefragt, wie genau sie das machen, wovon man sich in Deutschland schon vor langer Zeit verabschiedet hat: gutes öffentlich-rechtliches Musikradio. Absolut hörenswert!

    feinperlig.“ ist eine musikalisch-literarische Kolumne von Johannes Martin, die sich an seine seit 2022 laufende gleichnamige Interviewreihe anschließt. In dieser spricht er mit Künstler*innen, Verleger*innen, Booker*innen und anderen Persönlichkeiten in der deutschen Kulturlandschaft. Durch die jetzt schriftliche Version dieser Reihe bekommt seine Kolumne und seine Einordnungen der musikalischen Kulturlandschaft endlich auch ihren Platz.

    Fotocredit: Johannes Martin

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  • feinperlig. die musik-literarische Kolumne: Ticketing – Wie setzt sich ein Ticketpreis zusammen?

    feinperlig. die musik-literarische Kolumne: Ticketing – Wie setzt sich ein Ticketpreis zusammen?

    In seiner vierten feinperlig. Kolumne knüpft Johannes Martin an seine letzte Kolumne an, in der es um die Berliner Clubs- und Kulturszene und ihre Herausforderungen und Chancen geht. Denn ein Grund, warum Clubs und Venues seit einigen Jahren verstärkt strugglen, ist das Ticketing und die Strukturen dahinter. Er hat sich deshalb gefragt: wie setzt sich so ein Ticketing überhaupt zusammen? Wie hat es sich in den letzten Jahren verändert und warum? Und wieso ist Newcomer*innen unterstützen wichtiger denn je geworden?

    Ticketing – Wie setzt sich ein Ticketpreis zusammen?

    Konzerte sind ein zentraler Bestandteil der Popkultur. In den letzten 20 Jahren haben sie im Kontext schwindender Verkaufszahlen für Tonträger sogar an Wirtschaftskraft und kultureller Relevanz gewonnen. Für Musikliebhaber der sogenannten E- und U-Musik* ist das Live-Erlebnis ein unvergesslicher Moment. Seit Jahren bin ich selbst begeisterter Konzertbesucher. Beim letzten Umzug stieß ich auf eine Kiste mit teilweise vergilbten Tickets aus drei Jahrzehnten. Darunter echte Helden. Die abgegriffenen Kartonstreifen sind jedoch nicht nur schöne Erinnerungsstücke, sondern Zeugnisse einer Ära, in der Eintrittskarten noch erschwinglich waren.

    Wer in den 1980er-Jahren ein Konzert von Bruce Springsteen besuchen wollte, musste in der Bundesrepublik gerade einmal rund 28 D-Mark bezahlen. In der ehemaligen DDR war das Ticket sogar noch günstiger: 19,95 Mark plus 0,05 Mark Kulturbeitrag. Heute wirkt diese Preisspanne fast utopisch. Im Jahr 2023 kosteten Karten für Springsteen-Konzerte in Deutschland bis zu 500 Euro, in den USA wurden sogar Preise von 5.000 US-Dollar für sogenannte „Platin-Tickets“ aufgerufen. Doch wie gestaltet sich so ein Ticketpreis? Und wie kam es dazu, dass die Preise mittlerweile in astronomische Höhen geschnellt sind?

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    Musiker*innen, Booking-Agenturen und Konzertveranstalter kalkulieren für eine Konzerttournee mit Produktionskosten, Honoraren, Reisekosten, Hallenmieten, Caterings und der Promo. Daraus ergibt sich ein Grundpreis von, sagen wir mal, 30 Euro: Zunächst kommen 10 % Vorverkaufsgebühr hinzu, also 3 Euro. Darauf folgt eine Systemgebühr von 1,50 Euro sowie eine Online-Gebühr von 2,50 Euro. Am Ende zahlt der Konsument 37 Euro, obwohl der ursprüngliche Ticketpreis nur 30 Euro betrug. Hinzu kommen oft noch Versandkosten, Steuern und ein möglicher Werbekostenzuschlag, der die Karte um weitere Euros verteuern kann. Bei Premium-Tickets steigen die Gebühren sogar weiter an. Die unter dem Label „Platin-Tickets“ vermarkteten Karten suggerieren exklusive Vorteile wie VIP-Zugänge oder spezielle Services.

    Ein zentraler Treiber der explodierenden Preise ist das sogenannte Dynamic Pricing. Dieses Preismodell, das aus der Luftfahrt oder Hotellerie bekannt ist, passt Ticketpreise dynamisch an die Nachfrage an. Ist die Nachfrage hoch, steigen die Preise in Echtzeit. Großkonzerne wie Ticketmaster setzen diese Algorithmen ein, um ihre Gewinne zu maximieren. Das führt dazu, dass Tickets innerhalb von Minuten astronomisch teuer werden können. Für Fans ist dieses System oft frustrierend, da man praktisch gezwungen wird, Tickets sofort zu kaufen, bevor die Preise explodieren.

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    Ein Vergleich illustriert die Preisentwicklung über die Jahre:

    1980er Jahre: Konzertticket (Bruce Springsteen): 28 DM (~14 Euro).

    2000er Jahre: Durchschnittlicher Ticketpreis für größere Acts: ca. 50–80 Euro.

    2023: Preise für Top-Acts wie Springsteen, Beyoncé oder Taylor Swift: 200–500 Euro, teilweise bis 5.000 US-Dollar für dynamisch bepreiste Tickets.

    Kleine und mittelgroße Venues haben dagegen kaum Einfluss auf die Preisgestaltung. Sie vermieten ihre Säle und stellen Dienstleistungen gegen festgelegte Entgelte bereit. Ihre Gewinne generieren sie auch aus Barumsätzen und gelegentlich aus Gebühren für den Merchandise-Verkauf.

    Die eigentliche Macht liegt bei großen Konzernen wie CTS Eventim, Live Nation, Anheuser-Busch oder Disney, die durch ihre Monopolstellungen die Konditionen diktieren. Diese Multikonzerne lassen den Veranstaltern und Locations nur wenig Spielraum, um faire Preise für die Besucher*innen zu ermöglichen. Darüber hinaus erweitern sie kontinuierlich ihr Einflussgebiet und ihre Profitquellen. Neben ihren Kerngeschäften – Ticketverkauf und Eventmanagement – besitzen sie große Arenen, betreiben Booking-Agenturen und sind aktiv an der Börse beteiligt. Dieses diversifizierte Geschäftsmodell macht das Live-Geschäft zu einem der lukrativsten und wachstumsstärksten Standbeine in der Musikindustrie.

    Während Großkonzerne massive Gewinne erzielen, kämpfen kleinere Acts oft ums Überleben. Das zeigt sich in der paradoxen Situation, dass Konzerte von Stars wie Billie Eilish in Minuten ausverkauft sind, während kleine Bands Touren absagen müssen, weil sich ihre Fans keine 20-Euro-Tickets leisten wollen oder können. Für Top-Acts spielt die Exklusivität eine zentrale Rolle: Fans sind bereit, hohe Preise zu zahlen, um Teil eines einmaligen Erlebnisses -und im Stadion- mit dabei zu sein. Gleichzeitig fehlen vielen kleinen Künstlerinnen die Ressourcen, um in einem hart umkämpften Markt zu bestehen. Diese Entwicklung gefährdet nicht nur die kulturelle Vielfalt, sondern erschwert auch jungen Bands und unabhängigen Künstlerinnen den Aufbau einer nachhaltigen Karriere.

    Support your local music scene

    Im kommenden Juni macht der mittlerweile 75-jährige Bruce Springsteen auf seiner Stadiontournee Halt in Berlin, Frankfurt und Gelsenkirchen. Die Eintrittspreise liegen zwischen 190 und 600 Euro. Da stellt sich schnell die Frage, ob man das gesamte Budget in ein bis zwei Giga-Konzerte investiert oder lieber kleinere Venues und lokale Festivals besucht.

    Immer seltener erhalte ich den Eintritt zum Konzert mit einem Hardticket. In den meisten Fällen wird der Einlass digital abgewickelt. Die Freude am Konzertbesuch ist geblieben. Ich freue mich auf Gigs von Anna B. Savage im Rough Trade Record Store, Ditz im Lido sowie Zaho de Sagazan im Metropol in den kommenden Wochen in Berlin. Die kleineren Konzerte sind oft günstiger und bieten darüber hinaus ein persönlicheres Erlebnis. Damit unterstützt man die lokale Musikszene, setzt ein Zeichen gegen die Übermacht der großen Konzerne – und entdeckt immer wieder spannende neue Musik. 😊

    *Die Begriffe E-Musik (ernste Musik) und U-Musik (unterhaltende Musik) stammen aus einer älteren Differenzierung der Musik, die besonders in Deutschland verwendet wurde. Diese Trennung ist heute eher historisch und wird in der modernen Musikwissenschaft kritisiert, weil sie die Vielfalt und Hybridität vieler Musikstile nicht abbildet. Trotzdem bleibt die Kategorisierung als konzeptioneller Rahmen bestehen.

    Anspieltipps

    Dirty Little Secrets / Geheimnisse der Musikindustrie / Folge 3: Die verschwundene Firma (S01/E03), 31.05.2023

    TRACKS: Warum Konzerttickets immer teurer werden – und immer mehr Touren ausfallen | ARTE

    feinperlig.“ ist eine musikalisch-literarische Kolumne von Johannes Martin, die sich an seine seit 2022 laufende gleichnamige Interviewreihe anschließt. In dieser spricht er mit Künstler*innen, Verleger*innen, Booker*innen und anderen Persönlichkeiten in der deutschen Kulturlandschaft. Durch die jetzt schriftliche Version dieser Reihe bekommt seine Kolumne und seine Einordnungen der musikalischen Kulturlandschaft endlich auch ihren Platz.

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  • feinperlig. die musik-literarische Kolumne: Clubs! Clubs! Clubs! – Eine Bilanz

    feinperlig. die musik-literarische Kolumne: Clubs! Clubs! Clubs! – Eine Bilanz

    Nach dem nischigen Blues-Rock der 80er und einem sehr spannenden Eintauchen in Britpop und seine Entwicklungen widmet sich unser Kolumnist Johannes Martin in seiner musikalisch-literarischen Reihe „feinperlig“ nun mit einem sehr aktuellen Thema: die Berliner Clubs und Kulturszene und ihre derzeitigen Herausforderungen und Chancen.

    Clubs! Clubs! Clubs! – Eine Bilanz

    Der Tag der Clubkultur, organisiert von der Clubcommission Berlin, würdigte kürzlich eine Woche lang Kulturbetriebe und Kollektive für ihre Arbeit. Diese Anerkennung ist dringend nötig, denn die Berliner Clubs und Konzerthäuser stehen vor ständigen Herausforderungen. Die Gründe hierfür sind vielseitig und erfordern einen differenzierten Blick: Gentrifizierungsfaktoren spielen eine Rolle, aber es gibt noch weitere Gründe, warum Clubs zunehmend in Schwierigkeiten geraten. Die Berliner Kulturszene befindet sich in einem Dilemma – oder, besser gesagt, in einem Transformationsprozess. Doch Krisen bieten auch Chancen.

    Die „Wilde Renate“: Abschied oder Neubeginn?

    Im Spätsommer 2007 erlebte ich die Eröffnung des Clubs Salon zur Wilden Renate in Berlin-Friedrichshain aus einer ungewöhnlichen Perspektive – vom vierten Stock des Hauses aus, in dem die Renate gerade mühsam errichtet wurde. Es wurde geschweißt, gemauert und verputzt; Möbel und Utensilien wurden verräumt. Ich sanierte eine Wohnung in jenem vierten Stock und feierte die legendäre Eröffnungsfeier mit. Der Club sorgte schnell für Aufsehen: Die dunklen, ehemaligen Wohnflächen versprühten einen wilden, abenteuerlichen Charme, irgendwo zwischen Privatparty, Technokeller und Geisterbahn mit Federboa. Ich half gelegentlich an der Bar aus. Allmählich wurden die Wochenenden länger und die Abstände zwischen den Partys kürzer. Zwischendurch gab es eine Kunst-Performance oder einen Videodreh. Die pulsierenden Beats jener Nächte ließen eine angemessene Wohnatmosphäre kaum zu – also zog ich wieder aus. Doch den Club liebe ich bis heute.

    Nun, Ende 2025, wird die Wilde Renate den Standort an der Stralauer Allee aufgeben. Der Mietvertrag wurde nicht verlängert, und die Betreiber hoffen, an einem neuen Standort weitermachen zu können. Das Gebäude steht im Bereich des geplanten Bauabschnitts der A100-Autobahn, doch der Bau ist bis heute nicht begonnen worden. Eigentümer ist der umstrittene Immobilieninvestor Gijora Padovicz, der auch das Watergate an der Oberbaumbrücke in Kreuzberg vermietet.

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    Kultur-Aufruf vor der RENATE
    Watergate: Das Ende einer Ära

    Das Watergate wird Ende 2024 seine Türen schließen. Clubbetreiber Ulrich Wombacher erklärte in der Berliner Zeitung, dass steigende Energie- und Mietkosten sowie die Folgen der Corona-Pandemie zu dieser Entscheidung führten. „Nach Covid hat das Geschäft nicht mehr richtig Fahrt aufgenommen. Menschen haben sich während der Pandemie andere Beschäftigungen gesucht, und die Art, Musik zu konsumieren, hat sich verändert“, so Wombacher.

    Kulturbrauerei: Eine Bastion sieht sich gefährdet
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    Die Kulturbrauerei, eine Bastion der Berliner Kulturszene, scheint nach 32 Jahren ebenfalls bedroht. Seit dem Verkauf des Geländes an einen privaten Investor im Jahr 2012 stehen die Kulturmieter unter wachsendem Druck. Die aktuelle Immobilienfirma Aroundtown fokussiert sich auf Renditen, was die Mietpreise steigen lässt und zahlreiche Kulturbetriebe in ihrer Existenz bedroht.

    About Blank: Konflikte und Polarisierung

    Auch das About Blank erlebt schwierige Zeiten. Die Betreiber engagieren sich seit Jahren für Feminismus, Antirassismus und Antisemitismus. Doch die angespannte Lage rund um den Israel-Palästina-Konflikt hat zu Spannungen geführt. Aktionen wie „Raves for Palestine“ und BDS-Kampagnen verstärken die Polarisierung in der Szene.

    Ein Blick auf die Ursachen: Von Gentrifizierung bis Pandemie

    Die Ursachen für die Probleme der Berliner Clubs und Kulturbetriebe sind vielfältig. Neben steigenden Energie- und Mietkosten spielen gesellschaftliche und politische Faktoren eine Rolle. Die Folgen des Krieges, steigende Ticketpreise und nicht zuletzt die Kürzungen im Bundeshaushalt 2025 erhöhen den Druck. Obwohl der Kulturetat insgesamt um 50 Millionen Euro auf 2,2 Milliarden erhöht werden soll, ist vor allem die Förderung der freien Szene bedroht. Der Verbund von Spielstätten, bisher mit 5 Millionen Euro gefördert, soll künftig leer ausgehen.

    Eine massive Krise initiierte die Corona-Pandemie, die die Kulturszene schlagartig zum Stillstand brachte. Trotz Rettungspaketen fiel es vielen Clubbetreibern schwer, sich nach Monaten der Zwangspause und mit steigenden Kosten zu stabilisieren. Einige gaben auf. Die Clubcommission forderte daher, „Clubkultur als integralen Bestandteil der Berliner Kulturszene anzuerkennen und zu fördern“. Doch nach einem kurzen Aufschwung brachen die Besucherzahlen in vielen Clubs ab Herbst 2023 erneut ein.

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    Brachland – die alte ZUKUNFT
    Positive Beispiele: Wo die Zukunft liegt

    Auch in angespannten Zeiten gibt es immer wieder positive Entwicklungen, die zeigen, dass die Szene in Bewegung bleibt. Einige Clubs haben hybride Ansätze gefunden und sich den neuen Bedingungen erfolgreich angepasst. Der Anomalie Art Club in der Storkower Straße etwa bietet ein vielseitiges Programm von Clubnächten über Kunstausstellungen bis hin zu Workshops und zieht damit ein breiteres Publikum an. Aus dem Haubentaucher wurde MAAYA, ein neues Kulturzentrum, das „afrikanische und afrodiasporische Kunst und Kultur feiert“. Die Zukunft am Ostkreuz hat nach der Schließung des alten Standorts eine Vorhaltefläche für die geplante A100 in der Nähe der Wilden Renate gefunden. Die Neue Zukunft bietet dort „Kino, Kunst, Konzerte und Kneipe“ an. Auch die Anerkennung der Berliner Technokultur als immaterielles UNESCO-Weltkulturerbe setzt ein symbolisches Zeichen.

    Neue Wege gehen

    Nun ist es an uns, auf dieser Vielfalt aufzubauen. Seit den 2000er- und 2010er-Jahren wurde der Clubszene oft der „Ausverkauf“ durch Tourismus und Billigflieger attestiert. Heute, im Strudel der Gentrifizierung, braucht es neue Wege. Ein Blick nach London oder New York zeigt, dass die Clubkultur dort immer schon einem härteren Konkurrenzkampf ausgesetzt war und weniger auf staatliche Fördergelder hoffen durften. Vielleicht ist dies der Moment, um in Berlin freie Kunst und safe spaces neu zu definieren und Themen wie Awareness und Identität in den Vordergrund zu stellen. Gerade weil die Touristenströme abnehmen, besteht jetzt die Chance, Strukturen für eine nachhaltige, lokale Kultur zu schaffen – das setzt jedoch gezielte Förderungen voraus.

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    Die Clubkultur spiegelt die Vielfalt, die Herausforderungen und die Bedürfnisse unserer Gesellschaft wider. In einer Zeit, in der unsere Demokratie zunehmend unter Druck steht, sollten wir die Gelegenheit nutzen, Kulturräume neu zu denken und zu stärken. Für eine Kultur, die Menschen zusammenbringt, inspiriert und verbindet.

    Shownotes / Quellen:

    HOME – TAG DER CLUBKULTUR

    https://www.berliner-zeitung.de/kultur-vergnuegen/berliner-technoclub-watergate-schliesst-interview-mit-clubchef-wombacher-li.2254516

    https://taz.de/Gruender-verlaesst-Interessenverband/!6041713

    https://www.tagesspiegel.de/berlin/corona-folgen-und-steigende-preise-zwei-berliner-clubs-mussen-aufgeben–clubcommission-in-sorge-10505344.html

    https://www.bundesregierung.de/breg-de/service/archiv/corona-kultur-1735378

    MAAYA Berlin – I am because we are

    https://www.morgenpost.de/bezirke/pankow/article407227476/kulturbrauerei-pankows-schutzschild-gegen-ein-angst-szenario.html

    Berlin Techno ist immaterielles Kulturerbe

    Clubcommission Berlin – Verband der Berliner Club-, Party- und Kulturereignisveranstalter e.V.

    feinperlig.“ ist eine musikalisch-literarische Kolumne von Johannes Martin, die sich an seine seit 2022 laufende gleichnamige Interviewreihe anschließt. In dieser spricht er mit Künstler*innen, Verleger*innen, Booker*innen und anderen Persönlichkeiten in der deutschen Kulturlandschaft. Durch die jetzt schriftliche Version dieser Reihe bekommt seine Kolumne und seine Einordnungen der musikalischen Kulturlandschaft endlich auch ihren Platz.

    Fotocredit: Johannes Martin

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  • feinperlig. die musik-literarische Kolumne: 30 Jahre Britpop: “Sorry for being a party pooper“!

    feinperlig. die musik-literarische Kolumne: 30 Jahre Britpop: “Sorry for being a party pooper“!

    Ende August haben wir euch eine neue Rubrik vorgestellt! Sie heißt „feinperlig.“ und ist eine musikalisch-literarische Kolumne von Johannes Martin, die sich an seine seit 2022 laufende gleichnamige Interviewreihe anschließt. In dieser spricht er mit Künstler*innen, Verleger*innen, Booker*innen und anderen Persönlichkeiten in der deutschen Kulturlandschaft. Durch die jetzt schriftliche Version dieser Reihe bekommt seine Kolumne und seine Einordnungen der musikalischen Kulturlandschaft endlich auch ihren Platz. In seiner ersten Kolumne war er im nischigen Blues-Rock der 80er unterwegs, heute beschäftigt er sich mit Britpop und seine Entwicklung über die Jahre. Von Oasis bis zu The Last Dinner Party – in den letzten 30 Jahren ist viel passiert.

    Dieser Artikel widmet sich dem Phänomen Britpop, das vor genau 30 Jahren von Großbritannien aus ganz Europa eroberte – und auch heute wieder neue und vor allem weibliche musikalische Impulse hervorbringt.

    30 Jahre Britpop: “Sorry for being a party pooper“!

    Britpop existiert, seit es Beatmusik, Pophypes und die schöne neue Welt gibt. Geregelte Arbeitszeiten, Abtreibungsgesetz, Manchester-Raves, Ecstasy und für manche ein Eigenheim. Für viele von uns gab es jedoch nur eines: Musik. Mit 17 Jahren war sie ein absoluter Lichtblick in meinem pubertären Ringen mit mir selbst. Britpop-Bands jener Tage hörten wir nicht nur, wir folgten ihnen.

    Ein wolkenverhangener Maitag im Jahr 1998. Ich war mit meinem Freund, meinem Buddy, auf dem Weg von London nach Wigan. Sechs Stunden im Reisebus, um zu unserem Traumziel zu gelangen: Haigh Hall, ein Hügel in der englischen Grafschaft Lancashire, der für uns an diesem Tag den Rock’n’Roll-Olymp bedeutete. Unsere Lieblingsband The Verve spielte in ihrer Heimatstadt ein spektakuläres Konzert vor 33.000 Besucher*innen. Das Britpop-Spektakel schlechthin. Eröffnet von den Überraschungsgästen Beck und John Martyn, folgten The Verve nach langer Wartezeit und tobten 110 Minuten über die Bühne. Allen voran ihr Sänger Richard Ashcroft. Wir standen gefühlt in Reihe 56, mussten dringend auf die Toilette – und waren doch beseelt. Mit dem Hit „Bitter Sweet Symphony“ und dem Album „Urban Hymns“ galten sie 1998 als die Sensation des britischen Pop.

    https://youtu.be/JS18SNvoY_Q?feature=shared

    Das Ganze ist 26 Jahre her. Reunions und Jubiläen huldigen der untergegangenen Ära des britischen Pop. Heute arbeite ich selbst in der Konzertbranche. In den 1990er-Jahren vibrierten London, Manchester, Brighton und andere Städte in England musikalisch, wie einst zuvor in den Swinging Sixties. Richard Ashcroft ist auch heute noch als Solokünstler unterwegs, doch seine Songs und Alben treffen meinen Geschmack nicht mehr. Frisches von der Insel kommt auffälligerweise eher von den Frauen und FLINTAs. Zu nennen sind da beispielsweise The Last Dinner Party, Dream Wife, Savages und English Teacher.

    Bei der Recherche nach meinen 90er-Britpop-Heldinnen von Elastica, Sleeper, Echobelly und Lush stieß ich auf ein Interview mit der Lush-Sängerin Miki Berenyi und ihre Autobiografie „Fingers Crossed“ (2022). Schon bei der Überschrift „The claim that Britpop celebrated sassy women in bands was a veneer“ wird klar, dass sie mit der Ära abrechnet. Dazu später mehr.

    Die Anfänge des Britpop: Was war passiert?

    Cool Britannia, Buy British, Lads’ mags, Tony Blair und New Labour – Britpop war das kulturelle und musikalische Phänomen, das Mitte der 1990er Jahre Großbritannien und die Welt beeinflusste. Es war eine Rückbesinnung auf britische Popmusik und -kultur, nachdem der Mainstream von amerikanischen Grunge-Bands dominiert wurde. Langhaarige Slackertypen und Grunge-Sounds – das galt als unbritisch in den Augen vieler junger Brit*innen. Also entfachten sie das Feuer des britischen Pop neu.

    An der Spitze dieser Bewegung standen die Gallagher-Brüder mit Oasis und die Jungs von Blur. Oasis‘ Album „Definitely Maybe“ erschien am 29. August 1994 und war geprägt von kraftvollen Gitarrenriffs, melodischen Hooks und einer Energie, die an die frühen Beatles, The Kinks oder The Jam um Paul Weller erinnerte. Es wurde stilbildend für den aufkommenden Britpop-Hype. Blur, die andere große Band des Genres, veröffentlichte im April 1994 ihr drittes Album „Parklife“, das ebenfalls sehr erfolgreich war. Diese beiden Bands repräsentierten unterschiedliche Aspekte des Hypes: Oasis waren die pöbelnde Working Class aus Manchester und Blur die intellektuellen Künstler-Lads aus London.

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    Britpop betonte britische Traditionen und Stile mehr, als dass es sich streng an ein bestimmtes Musikgenre hielt. Zahlreiche Acts schwammen auf dieser Welle oder wurden von der Industrie dementsprechend kategorisiert: The Verve, Pulp, Elastica, Suede, Supergrass, Catatonia, Ash, Kula Shaker, Stereophonics und die Super Furry Animals. Selbst seichtere Popbands wie Travis, Keane und Embrace erhielten das Britpop-Label. Die Blaupause für den klassischen Britpop-Song schrieben meiner Meinung nach jedoch weder Paul Weller noch Paul McCartney, sondern The La’s mit „There She Goes“.

    Die andere Seite des Britpop
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    Die Bandmitglieder von Elastica und Lush mussten gegen den Sexismus der Branche ankämpfen. Miki Berenyi, Lush’s Frontfrau, schrieb in ihrer Autobiografie über die Schwierigkeiten, die sie und andere Frauen in der männerdominierten Britpop-Szene erlebten. Sie sprach von herabwürdigenden Kommentaren, sexistischen Rezensionen und unangenehmen Begegnungen mit männlichen Kollegen. So berichtet sie, dass Alex von Blur ihr auf einer Party in den Hintern biss und Liam Gallagher sie lediglich als „fuckable“ einstufte. Fotoshootings, wie für „Dazed and Confused“, stellten nicht die Musik in den Vordergrund, sondern die Tatsache, dass die Frontfrauen beinahe nackt waren.

    Berenyi kritisiert, dass Feminismus zu einem leeren „Girl Power“-Slogan verkommen sei, der eher darauf abzielte, seine „mädchenhaften“ besten Freundinnen zu feiern und seine Titten zu zeigen, anstatt Frauen wirklich als Gleichberechtigte zu behandeln. „Sorry for being a party pooper“, schreibt sie in ihrem Buch, „aber ich hasse Britpop und bin froh, dass dieses Scheißfest am Ende implodiert ist.“

    Hat sich etwas geändert?

    Wie sieht es heute aus? Es gibt nach wie vor strukturelle Probleme in der Branche. Eine Studie von 2021 zeigte, dass der Anteil von Frauen auf Festivalbühnen gerade mal bei 16 Prozent liegt. Doch es gibt auch positive Entwicklungen. Heute gibt es  mehr Female- und FLINTA-Bands, die mit neuen Sounds und Haltungen die Szene aufmischen.

    Aktuelle Acts wie Wet Leg und The Big Moon liefern neue Impulse. Dream Wife aus Brighton machen wütenden Punk-Pop und arbeiten auch auf Tour ausschließlich mit weiblichem, queerem und nichtbinärem Personal zusammen. The Last Dinner Party erobern mit opulentem Barockpop die Bühnen Europas. Nilifür Yania überliefert mit ihren sphärischen und cleveren Arrangements den Nimbus des Britpop. Und English Teacher aus Leeds bringen trotz oder gerade wegen ihrer Post-Punk-Anleihen genau jene Selbstironie, Tiefe und Britishness mit, die ich früher schon so liebte.

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    Britpop heute

    Das 30-jährige Jubiläum des Britpop wird auf allen Kanälen ausgiebig gefeiert. Oasis veröffentlichten „Definitely Maybe“ neu und kündigten zudem großspurig Stadion-Gigs an – begleitet von kontroversen Diskussionen über explodierende Ticketpreise. Doch wer es gegenwärtiger mag, sollte sich die Alben der jüngeren Bands anhören und Konzerte von Acts wie The Last Dinner Party, English Teacher und Nilüfer Yanya besuchen. Es lebe der britische Pop!

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    Quellen:

    https://www.theguardian.com/music/2022/sep/23/miki-berenyi-the-claim-that-britpop-celebrated-sassy-women-in-bands-was-a-veneer

    Studie zur Geschlechtervielfalt in der Musikwirtschaft und Musiknutzung (2021): https://malisastiftung.org/wp-content/uploads/Keychange_2021_PK-Version_final_230921.pdf

    Fingers Crossed: w Music Saved Me from Success: Rough Trade Book of the Year – Miki Berenyi: https://www.amazon.de/Fingers-Crossed-Music-Saved-Success/dp/1788705556

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