Johannes Martin (bekannt von seinen feinperlig-Kolumnen bei uns) war beim Immergut Festival in Brandenburg und hat ein paar Momente für uns festgehalten. Am Ende gibt es ein spannendes Interview mit Festival-Mitarbeiterin Charlotte Brehe inkl. extra Insights hinter der Organisation des Festivals. Für alle, die ein Spot im Herzen frei haben für DIY-Festivals, ist das besonders interessant – denn die stabilste Branche ist es leider nicht. Umso mehr Grund, hier extra viel Liebe für’s Immergut Festival dazulassen 💚
Festival: Immergut Festival
Ort: Neustrelitz
Datum: 28.–30. Mai 2026
Kapazität: rund 5.000 Besucher:innen
Ausrichtung: Indie, Pop, Rock, Post-Punk, Alternative, Elektronik, Kulturprogramm, Lesungen und Talks.
„So ein Kuddelmuddel“
Es flirrt und surrt in der Sommerluft der Mecklenburgischen Seenplatte. Die Sonne überlässt die Bühne erst einmal den Mücken, während Seifenblasen durch die Abenddämmerung treiben, der Bass pumpt und Gitarren über den Bürgerseeweg krächzen. Das erste Festival des Jahres lässt uns wieder Gras unter nackten Füßen spüren.
Die einen sind froh, endlich der Tristesse und dem Immergleichen des Alltags zu entfliehen. Die anderen neurotisieren sich bereits vorab in sämtliche Gefahren hinein: Sonnenbrand, Zecken- und Mückenstiche, schlaflose Nächte im Zelt.
Das Immergut Festival geht in seine nächste Runde – und wie jedes Jahr entsteht dieser besondere Zustand zwischen Euphorie, Chaos und Routine. Seit nunmehr 26 Jahren versammelt das Organisationsteam in Neustrelitz eine vergleichsweise kleine, aber treue Gemeinschaft von Musikbegeisterten. Rund 5.000 Gäste reisen an, ausgestattet mit Zelt, Sneakers und Mückenspray, um für ein verlängertes Wochenende den Alltag hinter sich zu lassen – und Teil einer temporären Indie-Familie zu werden.
Unter dem diesjährigen Motto „So ein Kuddelmuddel“ zeigt sich das Festival bewusst verspielt und offen für Überraschungen. Zwischen Zeltplatz, Waldbühne, Zeltbühne und Wortbühne entsteht ein Raum für Begegnung, Musik, kritischen Austausch und Party.
Konzerte, Lesungen und Begegnung
Das Line-up 2026 spannt einen Bogen zwischen Indie, Post-Punk, Pop und experimentellen Sounds. Mit dabei sind unter anderem Jehnny Beth, Sprints, Fuffifufzich, La Sécurité, Sorry, Brockhoff, Die Höchste Eisenbahn, Dressed Like Boys und Kabeaushé.
Ergänzt wird das Musik-Programm durch Lesungen sowie Talk- und Wortformate, die das Festival um gesellschaftliche und kulturelle Perspektiven jenseits der Musik erweitern. Etwa Sonja Eismann, die über queere Tiere spricht, oder Sveamaus alias Svea Mausolf – Comedy-Autorin und Meme-Wunder auf Instagram – sowie der Podcast Too Many Tabs.
Die Wortbühne am Marktplatz ist seit Jahren fester Bestandteil des Festivals. Bei den morgendlichen Frühstücksrunden mit Künstler:innen, Festivalmacher:innen und lokalen Initiativen wie StädteBANDE e.V. entstehen Gespräche über Kultur, Zukunft und Zusammenleben.
Mehr Musik, weniger Hype
Ein Headliner ist klassisch jener Act, der zur Primetime die größte Bühne bespielt. Beim Immergut lässt sich diese Zuschreibung kaum treffen. Hier verschmelzen Zeitgeist und Nostalgie, Publikum und Künstler:innen. Das Line-up fühlt sich wie eine Rückbesinnung an – back to the roots. Dorthin, wo Indierock für Liebhaber:innen, Musikentdecker:innen und Tagträumer:innen gedacht war. Auf die ganz großen Namen wird bewusst verzichtet, auch wenn Acts wie Sorry oder La Sécurité längst mehr sind als Geheimtipps. Das Immergut bleibt ein Ort der Begegnung – generationsübergreifend.

Der Soundtrack deines Sommers
Die Höchste Eisenbahn eröffnen den ersten Abend fulminant. Ein klassischer Immergut-Act: nahbar, melancholisch, mit neuem Album im Gepäck. Francesco Wilking streift auch am nächsten Tag noch übers Gelände, spricht mit Fans und Helfer:innen.
Der Freitagnachmittag startet mit dem Indie-Nachwuchs von Future Franz, Kapa Tult und The Tullamarines. Bei EBBB aus London treffen schwebende Elektronik-Klänge auf einen klagenden, melodiösen Gesang. Die Headliner-Show von Mine muss kurzfristig abgesagt werden – Kehlkopfentzündung. Es wird geschoben, improvisiert. Chloe Slater und Fuffifufzich übernehmen die Mainstage.
Vanessa Loibl alias Fuffifufzich setzt bei ihrem dadaistischen Schlager-Elektro-Pop auf große Gesten und fancy Show. Das funktioniert – zumindest teilweise. Das Publikum wippt mit, bleibt bei den Animationsversuchen jedoch zurückhaltend.
Nachts lösen sich die Körper dann doch noch, als das Immergucci-DJ-Team zum letzten Gefecht ruft.
La Sécurité liefern den passenden Soundtrack. Dressed Like Boys aus Belgien imponieren mit Elton-John-haften Klängen und kämpferischen Worten.
quickly, quickly, das Projekt des US-Musikers Graham Jonson, eröffnet mit verträumtem Indie-Pop und erweist sich als echte Entdeckung. Anschließend bringen die Londoner von Sorry ihre kantigen Garage-Gitarren auf die Open-Air-Bühne, bevor Jehnny Beth – einst Frontfrau der Band Savages – im Zelt eine kompromisslose Rockorgie zelebriert. Den Schlusspunkt setzt Valentino Vivace mit verspieltem Italo-Elektro-Pop.
Der Autor versucht zu schlafen. Das gelingt ihm aber erst nachdem der letzte Ton von Nina Hepburns Set erklang.

Mehr als Musik
Immergut 2026 – das war ein gelungenes Festivalwochenende. Auffällig ist der freundliche, beinahe familiäre, Umgang miteinander – beim Tischtennis, an der Pizzabude, vor den Bühnen.
Nachhaltigkeit zeigt sich hier weniger als Schlagwort, sondern als langfristige soziale und strukturelle Verantwortung: Wie kann ein Festival dieser Größe in einer ländlichen Region fair, dauerhaft und ressourcenschonend bestehen? Das meint mehr als FLINTA*-Toiletten oder Mülltrennung. Die Frage „Wie wollen wir leben?“ wird auf dem Marktplatz diskutiert – und gleichzeitig vom Festival selbst beantwortet. Das Immergut steht sinnbildlich für ein anderes Miteinander.
Gleichzeitig teilte das Team bereits im Vorfeld auf ihren Social Media-Kanälen mit: Die Zukunft ist ungewiss. Man müsse sich neu erfinden. Die Probleme resultieren aus der Branche selbst. Die konzentriert sich zunehmend auf wenige Großkonzerne. Superstars binden Nachfrage, steigende Kosten setzen kleinere Veranstalter unter Druck. Vielfalt gerät in Gefahr. Der Markt bewegt sich Richtung Monopolisierung.
„Wir wollen mit euch gemeinsam am Immergut der Zukunft werkeln, Ideen spinnen und Utopien bauen“, heißt es von den Organisator:innen.
Ein Anspruch, der das Wochenende trägt.
Lasst uns weiter an dieser Utopie spinnen.
Und – besucht mehr Indie-Konzerte.

Line-up Immergut Festival 2026
BLVTH | Brockhoff | Chloe Slater | Die Höchste Eisenbahn | Dressed Like Boys | EBBB | ELLiS·D | Fuffifufzich | Future Franz | Jehnny Beth | Kapa Tult | La Sécurité | Mine | Nina Hepburn | Peki Momés | quickly, quickly | Snuggle | Sorry | Sonja Eismann (Lesung)| Sprints | Sveamaus (Lesung) | The Tullamarines | Too Many Tabs (Nordwestradio-/Podcast-Format) | Valentino Vivace | Waving The Guns
Interview mit Charlotte Brehe (Booking, Kommunikation, Veranstalterin)
Was war dein persönliches Highlight beim diesjährigen Immergut-Festival?
Heidi Curtis, die dieses Jahr zum Festivalauftakt am Donnerstag auf der Waldbühne gespielt hat, den Wald und den Mond um sie herum nur zu gut zu schätzen wusste und mit uns gemeinsam in den Release ihrer Debüt-EP gerutscht ist. Außerdem ganz klar: das Zusammenkommen und Wiedersehen mit den vielen Vereinsmitgliedern und Helfer*innen, was immer ein Fest ist.
Seid ihr mit dem diesjährigen Ergebnis zufrieden?
Ja! Wir hatten bestes Wetter mit viel Sonnenschein, haben viele neue Künstler*innen wie quickly, quickly oder Chloe Slater entdeckt und vor allem gemerkt, wie viele Personen seit kurzem oder schon seit langem mit dem Immergut Festival verbunden sind und Lust haben, ihre Ideen einzubringen.
Wenn ihr sagt: „2027 wird das Immergut anders aussehen“ – welche Aspekte werden sich am ehesten verändern: Größe, Dauer, Programm, Orte, Publikumszahl?
Das können wir aktuell noch nicht konkret sagen – vor Ort haben wir angefangen, mit den Besucherinnen partizipativ über die Entwicklung und vor allem die Zukunft des Immergut zu reden und zu diskutieren. Diese Anstöße und Impulse aus dem Verein und von anderen Partnerinnen nehmen wir nun mit in die Überlegungen, wie ein Zusammenkommen im Jahr 2027 aussehen kann. Ob das die Anzahl der Tage oder Bühnen betrifft, ist noch ungewiss.
Welche äußeren Faktoren, wie Preissteigerungen, machen euch am meisten zu schaffen?
Ein Zusammenspiel aus steigenden Produktionskosten in fast allen Bereichen, fehlenden langfristigen Förderungen und daraus schlussfolgernd steigenden Ticketpreisen, die die Zugänglichkeit zum Festival verringern. Außerdem spielen zaghaftere und spätere Kartenkäufe eine große Rolle, die durch ein geringeres Budget für Kultur erklärt werden könnten, uns aber wichtige Planungssicherheit nehmen. Dazu kommt ein sich stark verändernder Kultur- und Festivalmarkt, der durch „Big Player“ wie CTS Eventim oder Live Nation/Ticketmaster dominiert wird und Konzerte einzelner Superstars mehr in den Vordergrund rücken als Newcomer*innen-Konzerte und Festivals.
Gleichzeitig haben wir das Gefühl, dass sich das Verständnis von Kulturveranstaltungen verändert, mehr erwartet wird, was aber finanziell bzw. kapazitär für kleine Kulturveranstaltende nicht vollends umsetzbar ist – obwohl die Bestrebungen dafür auf jeden Fall vorhanden sind. Wir wollen einen Weg finden, langfristig in der Mecklenburgischen Seenplatte mit einem sicheren Grundgerüst zu veranstalten, was wohl einige Anpassungen und Veränderungen im nächsten Jahr mit sich bringen muss.

Foto: Claudia Damps, Bear Film















