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Sinu im Interview: »Ich war schon immer eher ein Oversharer, mit der Flucht nach vorne.«

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Für Fans von RY X, HALLER oder Ben Howard kommt jetzt eine ganz große Herzens-Empfehlung: Sinu. Direkt aus Köln macht der deutsch-türkische Singer-Songwriter Indie-Pop mit tiefgehenden Vibes und poetischen Texten. „und doch“ ist eine Ansammlung von Songs aus den letzten drei-vier Jahren und fließt genau so smooth über die Seele wie sich Wasser um den Körper schmiegt. Es ist ein Debütalbum für die ruhigen Momente, aber auch die energetischen – zwischen minimalistischen Gitarren und treibenden Beats hat alles kurz Platz.

Wir haben uns mit Sinu über seine Songs unterhalten, was hinter ihnen steht, was er an der Türkei & Köln so liebt, wieso deutsche Singer-Songwriter Tradition oft ein wenig „hölzern“ ist und wo die Magie eines falsch gehalteten Mikros liegt.

Sinu im Interview

Anna: Hey Sinan, seit letzter Woche ist dein Debütalbum draußen! Wer dich schon länger verfolgt, würde wahrscheinlich sagen, “ENDLICH!” Wie geht’s dir damit, das erste Mal deine Musik in einem Album zu veröffentlichen? Fühlt es sich anders an?

Sinu: ENDLICH, ja, das trifft es ganz gut, haha! Ich freue mich sehr, diese intensive Phase voller Veränderungen in meinem Leben in meinem Album zusammengefasst zu haben. Ich war die letzten Jahre einfach immer am machen und habe auch mal verschiedene Ansätze und Stile musikalisch ausprobiert. Aber da lagen dann auf einmal ein Stapel neuer Songs vor mir, die mit einigen meiner Songs, die mich auch schon ein paar Jahre begleitet haben, total resoniert haben. Ich hab drauf geschaut und gemerkt, „Ah krass, das ist ein Vibe, das ist also, wo ich hingegangen bin und wo ich hinwill“. Deshalb heißt das Album und doch, weil ich eben nicht mit der klaren Idee eines Albums losgezogen mit, sondern mich eher ins Getümmel geworfen haben und ausprobiert habe. Die Songs auf dem Album sind das, was sich im Schaffen dann herauskristallisiert hat. Sie sind das, was mich in den Fluten des Lebens über Wasser gehalten hat und mir Auftrieb geben hat 🙂

Das erste Mal bist du in meinen Playlisten mit Salzwasser aufgetaucht. Das war vor vier Jahren, nun ist er auch mit auf deinem ersten Album. Was bedeutet dir der Song?

Salzwasser ist einfach ein Türöffner gewesen. Durch den kleinen Mini-Hit im Sommer damals, hab‘ ich einfach so viele tolle neue Leute kennengelernt, vor der Bühne, hinter den Kulissen und online.

Salzwasser war auch der erste Song, indem wir bewusst unperfekte Sounds benutzt haben. Die Gitarre schnarrt -> noice!, die Stimme bricht -> uhhhhh. Wir sind damals einfach bewusst weg davon, die Sachen zu hart zu produzieren. Viele der Percussions in dem Song sind einfach Töpfe aus der Küche im Studio, die wir an Stativen mit Schnüren aufgehängt und dann wie ein Schlagzeug gespielt haben. Also Salzwasser ist einfach definierend für meinen Stil aus sehr echten, mal zerbrechlichen mal brachialen Vocals, kleinen einzigartig-unperfekten und großen sphärischen Sounds. Ich lieb‘ die Nummer nach wie vor und freue mich, sie jetzt im Sommer wieder neu zu fühlen 🙂

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Die deutsche Singer-Songwriter Tradition klingt öft hölzern.“

Schon der erste Track auf deinem Album, Sonne, geht unter die Haut mit wunderschönen Lyrics, die die Tiefe des Verlusts eines Menschen versuchen zu fassen. Fällt es dir schwer oder leicht, Emotionen in Worte zu fassen? Ist es anders, als die Musik zu komponieren?

Danke für das Lob! Hmm, also das hat sich auf jeden Fall sehr geändert. Als ich als Teenager angefangen habe zu schreiben und überhaupt Musik zu machen, da war ich glaube ich viel verschlossener. Aber ich war schon immer eher ein Oversharer, mit der Flucht nach vorne. Und irgendwie hat mir das immer gut getan, das was in mir vorgeht, mit anderen zu Teilen. Für mich ist das ganz klar ein Ventil. Und wenn dann meine Texte mit anderen resonieren, dann ist das ein tolles Gefühl von Community und sich verstanden und weniger allein fühlen.

Für mich sind Text und Musik ziemlich untrennbar. Also manchmal schreibe ich erst die Musik, dann muss der Text dazu passen. Ich mag es, wenn die Melodie zu den Vokalen, wenn die Sounds zur Message passen – das ist auch tatsächlich etwas, das mir bei deutscher Musik oft nicht gefällt. Unsere Singer&Songwriter Tradition vor allem in Deutschland ist extrem auf Message fokussiert und ich finde viele Sachen klingen hölzern, überladen, so als wäre der Song nur das Medium für den Text. Für mich ist das nicht trennbar und vielleicht bin ich da beeinflusst von internationalen Vorbildern. Andere musikalischen Kulturen sind da nämlich irgendwie runder, weicher, schöner?

Manchmal schreibe ich auch zuerst den Text, aber im Prozess verändern sich Musik und Text bei mir immer wechselseitig. Für mich ist Schönheit, wenn es dann gemeinsam organisch wirkt 🙂

Es ist wichtig zu wissen, wo man herkommt.“

Auch Linien ist ein sehr persönlicher Song, der über Familien-Dynamiken und weitergereichte Traumata spricht. Wie navigierst du dich durch solche Sachen?

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Puh! Reden mit Freunden hilft, und genau so ist auch Linien entstanden. Martin (Haller) und ich haben uns im Studio getroffen und hatten dann erstmal ne Stunde Deeptalk über unser Aufwachsen und unsere Familiengeschichte. Ich finde, in so Gesprächen merkt man eigentlich immer, dass wir alle super unterschiedlich und dann doch wieder ähnlich sind. Es ist wichtig zu wissen, wo man herkommt und was im eigenen Leben und bei den Vorfahren so passiert ist. Es ist eben auch so, dass es in unserer Hand liegt, andere Wege zu gehen und Herkunft und Aufwachsen nicht als Schicksal, sondern als Startpunkt (komplett aware of allen Vor-und Nachteilen) zu begreifen. Genau davon handelt auch Linien. Ich komme aus einer Familie, in der ganz sicher nicht über Probleme geredet wurde und in der unvorstellbare Dinge passiert sind. Aber ich bin ja hier im Jetzt und kann die Richtung, in die es weitergeht, durch mein Handeln komplett beeinflussen (positiv, yay!)

Ich mag es explorativ.

Du hast auch mit vielen Menschen für dieses Album zusammengearbeitet. Wie wichtig ist dir Kollaboration und Zusammenarbeit in der Musik? Ziehst du daraus nochmal eine andere Art von Inspiration?

Teamwork makes the dream work. Ich finde das so wichtig, mit anderen zusammen zu arbeiten! Ich hab da einfach mit Lukas Neckritz (hat die meisten Songs auf dem Album produziert) jemanden gefunden, mit dem ich auf einer Wellenlänge musikalisch und darüber hinaus bin. Wenn wir schreiben, dann passiert das schon auch mal, dass ich eine Stunde was anderes mache und Lukas und machmal auch Sevinj (macht meine Videos, spielt in meiner Band live) einfach machen lasse. Wir sind alle sehr gut darin, einen Vibe zu fühlen. Ich habe selten, wenn ich einen Song schreibe, eine unumstößliche Vision davon. Ich mag es explorativ und auch mit dem Zufall oder dem Zauber eines jeden Tages zu arbeiten und bin da immer offen für neuen Input. Weil ganz ehrlich, manchmal hört jemand anderes einen anderen Akkord, ein anderes Instrument, ein anderes Wort und dann macht auf einmal alles Klick.

Manche Songs brauchen lange, manche sind direkt fertig, manchmal gehen wir in eine Richtung, die sich nicht richtig anfühlt und fangen neu an. Das ist alles super aufregend und toll. Meistens habe ich etwas Text und etwas Musik als Ausgangspunkt und dann bin ich einfach offen für alles, was passiert. Ich glaube da fest an den Moment, und das macht jeden der Songs auf dem Album auch so besonders. Ich weiß, dass Mut anders klingen würde und anders geworden wäre, wenn wir an einem anderen Tag, dran gearbeitet hätten und das ist gut so! Weil Life is ever changing und exciting!

Auch wenn du wahnsinnig schöne deutsche Texte schreibst, so tragen die türkischen Lyrics eine nochmal andere Ebene von Poesie bei. Schreibst du lieber auf deutsch oder auf türkisch, und wie fühlt sich der Unterschied für dich an?

Ich kann mich auf deutsch besser ausdrücken, wenn es um kleine Details geht. Aber auch türkisch ist eine Sprache, die mir am Herzen liegt, die ich seit meiner Kindheit spreche. Es ist auf jeden Fall einfacher gut klingende Wörter auf türkisch zu finden. Ich schreibe aber auf beiden Sprachen und auch auf anderen Sprachen gerne, ich will mich da nicht festlegen 🙂

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Köln vs Istanbul

Was vermisst du an meistens aus der Türkei in Deutschland?

Das Meer, die Olivenhaine, die milden Winter, die Spontanität der Menschen.

Mit Istanbul hast du ja auch einen Song der bevölkerungsreichsten Stadt der Türkei gewidmet. Bist du oft da? Wie würdest du deine Beziehung mit der Stadt und dem Land beschreiben im Gegensatz zu Köln?

Ja, ich bin oft in Istanbul, ein Teil meiner Familie lebt dort. Ich habe durch meine Kindheit an der Westküste der Türkei eine tiefe Verbindung zum Land, zum Meer und zur mediterranen Mentalität dort. Zu Istanbul habe ich so richtig erst ab 2015 eine Beziehung aufbauen können. Als erwachsener Mensch ist es einfach anders, wenn man auf einmal alles selbst erkunden und erfahren kann. Istanbul ist krass, und auch vor allem krass laut. Es ist eine Millionenmetropole mit schnellem Leben, viel Geschichte, toller Architektur und schlimmem Verbau. Das Meer ist immer spürbar und die Überfahrten mit den Fähren sind wunderschön. Man muss es aber wollen, die Stadt bietet von streng religiös bis progressiv Hipster alles. Es gibt viel Kultur, aber es ist eben schon eine Großstadt. Sie hat ihre absolut romantischen und schönen Momente mit ihrer Meereskulisse, aber im Allgemeinen mag ich es ruhiger.

Köln ist meine Wahlheimat. Ich bin hier, weil ich finde, das die Stadtkultur so gesprächig, gesellig und positiv ist, wie sonst nirgendwo in Deutschland. Ich habe das Gefühl, dass sich in Köln und vor allem in Ehrenfeld und drum herum die Kulturen wirklich toll mischen. Es ist irgendwie egal, wo man herkommt, das Kölsche steht im Vordergrund und ist auch für Leute von woanders zugänglich. Und Köln ist so krassssss grün. Die Grüngürtel und die vielen Parks machen die Stadt zu Fuß und auf dem Fahrrad so lebenswert.

„Allem zum Trotz, lässt die Musik mich schweben.“

Wenn du einen Lieblingssong vom Album picken müsstest – welcher wäre das und warum?

Wenn ich müsste, und das fällt mir schwer, dann wäre das vibe. Mein Favorit auf dem Album wechselt ständig, aber ich liebe die Mehrsprachigkeit in dem Song. Die zweite Strophe fühlt sich mit ihrem Mix so an, wie das, was ich glaube, in Zukunft sprachlich machen zu wollen 🙂

Ein besonderes Shoutout muss an dein Cover gehen – wo & wie ist das Foto entstanden? Warum wolltest du es auf deinem Cover?

Das Foto hat Sevinj Yusifova gemacht, die auch das Cover und die Vinyl designed hat. Das Foto wollten wir ursprünglich in Assos in der Westtürkei aufnehmen, aber am Ende lag ich auf einem Feld auf dem Boden. Das Wasser ist digital, ich habe es einfach nicht über das Herz gebracht, die 130 Jahre alte Gitarre, die ich auf dem Cover halte, mit ins Wasser zu nehmen. Das hätte sie nicht überstanden.

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Für mich zeigt das Foto, wie ich selbst in der weite eines dunklen Meeres, oben auf der Oberfläche treibe. Wie die Musik mir Auftrieb und Sicherheit gibt, obwohl ich geworfen bin ins ungewisse. Deshalb heißt das Album auch „und doch“. Weil allem zum trotz, die Musik mich schweben lässt 🙂

Die letzte Frage bezieht sich bei uns immer auf eine untold story. Das kann eine Musik- oder Filmempfehlung sein, ein Lieblingsrezept oder ein Funfact zu dem Album, den noch niemand kennt.

Ich habe als wir Drei Stück Zucker aufgenommen haben das Mikrofon falsch rum gehalten. Und dann saßen wir da im Mix und haben uns die ganze Zeit gefragt, warum meine Stimme so anders klingt. Sowas passiert mal, aber ich hab es dann richtig rum nen ganzen Tag versucht nochmal einzusingen, aber der Vibe, den hab ich einfach nicht genau so, wie ich wollte, hinbekommen. Also haben wir die Vocals gelassen, wie sie sind 😀 Ich sage euch, seit der Grundschule ist der Flüchtigkeitsfehler mein Endgegner! Das ist was, was ich mittlerweile einfach akzeptiert habe 😀

Foto: Merve Seçkin, Sevinj Yusifova

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