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  • MODULAR im Interview: »Ich habe als Künstlerin den Anspruch, immer weiterzugehen«

    MODULAR im Interview: »Ich habe als Künstlerin den Anspruch, immer weiterzugehen«

    Das deutsche New Wave Universum brodelt nach wie vor, entwickelt sich jedoch mittlerweile in viele unterschiedliche Stränge auseinander. So fließt auch die Musik von MODULAR organisch in verschiedene Genrerichtungen. Weg von dem kühlen NNDW Synthie-Beat-Sound der ersten EP, hinüber zu großen Indie, Alt-Pop und sogar orchestralen Klängen auf der in diesem Jahr erschienen Trümmer EP

    „Mit dem Song ‚Trümmer dieser Stadt‘ habe ich versucht, alles runterzubrennen: Ganz neuer Sound. Im Musikvideo mache ich mich nackt, um auf allen Ebenen zu symbolisieren, dass ich auf Null gehe und schaue, was danach kommt“, beschreibt die Musikerin. „Eigentlich war der Song als eine NNDW-Tanznummer geplant. Zum Glück ist er dann mit der Zeit ganz natürlich abgebogen und zu dem Sentimental-Pop-Song geworden, der er jetzt ist.“

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    Mit den fünf Tracks der EP eröffnet sie sehr persönliche, sowie abstrakte emotionale Welten mit teilweise sphärischen Klängen und einem sich durchziehenden visuellen Konzept. Vor einer Weile habe ich mit MODULAR im Interview über die Entwicklung ihrer Musik, die Neue (Neue) Deutsche Welle, sowie Unsicherheiten auf der Bühne gesprochen. Auf die Frage, wie MODULAR ihre Trümmer EP in einzelnen Worten beschreiben würde, entgegnet sie: „Traurig, Tanzbar, Intim“. Die EP sei, anders als ihre ersten Songs, eine intime Offenbarung und Verarbeitung eigener Lebenssituationen. „Jeder Song ist wie ein Umzug von einer Stadt in die nächste. Auch das Verarbeiten davon, dass sich mein gesamtes soziales Umfeld ändert. Das Konzept der EP ist eine Reise, die ich angetreten habe. Bei ‚Endlich‘ versuche ich dann, mich selbst zu finden.“

    Ich hake weiter nach der Bedeutung von kreativen Konzepten nach. MODULAR erzählt mir, dass sie selbst Fan von Artists wie Ashnikko oder Björk ist, weil ihre Künstlerinnenpersönlichkeiten sich durch ihr gesamtes Schaffen ziehen und sich nicht nur auf ein runtergeschriebenes Konzept für ein Werk begrenzen. „Ich glaube ein Outfit oder ein Look kann nicht unpolitisch sein, du kannst als Künstlerin nicht neutral sein, in dem was du trägst. Deshalb ist es mir wichtig, Dinge aufzubrechen. Zeigen, dass ich als Frau im kurzen Rock nicht nur schön anzuschauen bin, sondern auch ernst genommen werde.“ Dass ihre Outfits, Make Up und Haare meistens weiß sind, komme aus dem Interesse an der Bedeutung der Farbe: „Einerseits ist es eine Abgrenzung zu mir selbst, weil ich privat sehr selten weiß trage und andererseits mag ich es mit der Symbolik zu spielen, dass weiß für Unschuld steht. Ich mag es, die Themen zu eröffnen, mit den Sachen, die ich auf der Bühne trage. Ich finde das Aussehen ist ein großes weiteres Fenster, mit dem man sich ausdrücken kann. Das benutze ich sehr gerne.“ Auch ich als Hörerin und Konsumentin finde es eine schönere, spannendere Erfahrung in ein kreatives Gesamtwerk hineingezogen zu werden.

    Trotzdem frage ich mich, ob das als Künstlerin nicht auch Nachteile hat. Kann man da eine klare Grenze ziehen, wo MODULAR beginnt und endet? „Natürlich hat das an manchen Tagen auch Nachteile. Manchmal würde ich lieber auf der Bühne in kuscheliger oversized Hose stehen. Aber gleichzeitig hilft es mir, mehr zum Teil meiner eigenen Kunst zu werden. MODULAR ist auch immer Selena, aber Selena versucht nicht immer MODULAR zu sein„, beschreibt sie.

    Wenn wir schon von übergreifendem Stil und Ästhetik reden, will ich von MODULAR wissen, für welchen Film oder Art von Film ihre Musik der Soundtrack wäre. Ich habe schon ein konkretes Bild vor Augen. Sie freut sich darüber: „Ich finde wenn Musik auch bildlich wirkt, hat man alles erreicht.“ Wir sind uns einig, dass es sich um einen künstlerischen Coming of Age Film handelt. „Der Film sollte in Irland spielen und natürlich analog gefilmt sein. Alles passiert sehr langsam, aber bei Rennfahrer gibt es eine coole Partyszene. Der Film zeigt das Erwachsenwerden der Protagonistin in sehr entschleunigten, aber wunderschön anzuschauenden Szenen.“ Warum ausgerechnet Irland? „Ich will Wind und Mäntel tragen„, erklärt sie grinsend.

    Außerdem unterhalten wir uns über ihren Song Rennfahrer. Mein persönlicher Favorit – ein packend tanzbarer Mix einer starken Portion Drama und Selbstbewusstsein. „Es geht darin vor allem um eine Freundschaft zwischen zwei Girls. Ich war nicht immer supportive gegenüber anderen Mädchen. Es ist total wichtig zu realisieren, dass man Teil dieser internalisierten misogynen Struktur war oder vielleicht noch ist. Früher hatte ich nicht so viele FLINTA*-Freundschaften. Rennfahrer ist ein Song über eine weibliche Freundschaft die mir gar nicht gut getan hat. Da dachte ich aber, ich könnte die sehr enge Freundschaft nicht brechen, nur weil wir als Mädchen zusammenhalten müssten. Im Song löse ich mich tanzend von den Fesseln so einer ungesunden Freundschaft. Ich gehe und die Person kann mich dabei nicht mehr bremsen.

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    Anspielend auf ihren Song Zeit steht, frage ich MODULAR welcher Zustand ihr das Gefühl gibt, die Zeit einfrieren zu lassen. „Kennst du das, wenn man Streit mit einer geliebten Person hat und dann gerade nicht mit einander redet?„, fragt sie zurück und ich nicke nachdenklich. „Das ist für mich ultra schlimm. Ich finde man sollte nie im Streit schlafen gehen. Wahrscheinlich habe ich damit schon Grenzen übertreten, in dem ich unbedingt auf der Stelle den Konflikt klären wollte. Im Streit steht bei mir alles still, man befindet sich in einem luftleeren Vakuum voller Anspannung, die man unbedingt lösen will.“ Dieses Empfinden von Machtlosigkeit stecke für die Musikerin auch hinter der Bedeutung des Songs. Das zerrende und von Ungeduld geplagte Gefühl, wieder in Frieden bei einander sein zu wollen verpackt in Nostalgie getriebenen Wave-Pop. „Aber auch wenn ich mir die politische Lage anschaue, fühle ich mich machtlos. Ich heule viel, ich bin wütend. Man möchte das ganze einfach voranbringen und den Weg zum Guten schneller finden.

    MODULAR erwähnt nebenbei im Gespräch, dass sie auch mit ihrem Vater Musik macht und aufnimmt. Natürlich interessiert mich, wie die gemeinsame Beziehung sich darin verhält. Vor allem, wenn man intime Songs und Geschichten zusammen verarbeitet. „Es ist krank geil„, entgegnet sie lachend. „Wir haben es geschafft uns beide aus den Eltern-Kind-Rollen zu emanzipieren. Im Studio sind wir nicht Papa und Tochter, aber obviously kennen wir uns trotzdem sehr gut. Wir sehen uns als ebenbürtig.“ Das sei manchmal leichter und manchmal schwieriger, entwickle sich aber immer mehr auf dieser schönen und gesunden Ebene auf Augenhöhe.

    Der größte und wichtigste Unterschied der ersten und zweiten EP sei der emotionale Zugang zu MODULAR selbst. „Ich finde Stillstand ist der Tod, deshalb bin ich sehr froh, dass mein Sound, aber auch der Zugang, ehrlicher und emotionaler zu schreiben, sich so weiterentwickelt hat.“ Auf die Frage, ob sie sich selbst der sogenannten Neuen Neuen Deutschen Welle Bubble zuordnen würde, wie ihre Musik oft kategorisiert wird, beschreibt sie: „Die damalige Neue Deutsche Welle war nie eine einzige Musikrichtung, das war eine Bewegung cooler deutschsprachiger Musik. Genretechnisch gibt es das einfach nicht, auch jetzt nicht. Nils Keppel macht zum Beispiel ganz andere Musik als Serpentin. Und das ist auch das, was jetzt passiert: Es gibt einen Boom cooler Musik auf Deutsch. Ich finde es aber schwierig und doof, wenn mir jemand anderes von Außen ein Label aufrückt. Prinzipiell finde ich das eine ultra geile, liebe Community und Bubble. Aber ich habe den Anspruch als Künstlerin, immer weiter zu gehen. Es wäre schade, sich an einem Punkt fest zu fahren. Ich versuche mich weiterzuentwickeln, denke aber das Label NNDW wird weiter bleiben. Das ist auch in Ordnung, ich kämpfe nicht mit Fäusten dagegen.

    MODULARs am meistem gestreamter Song ist ein Cover von Joachim Witts 80er Jahre Hit Goldener Reiter. Ich erzähle von jemandem bei einer kürzlich besuchten Lesung zum Thema Neue Deutsche Welle, der behauptete, was jetzt in der deutschen Musik passiert, ist nicht zu vergleichen, weil keine Rebellion stattfindet. Wir sind uns beide bewusst, dass die Fußstapfen von Grauzone und co. unfassbar große sind. „Ich glaube die Form der Rebellion ist eine andere geworden. Du kannst nicht mehr wirklich mit Musik aufstoßen, weil es so ein Überangebot an verschiedener Musik gibt„, erklärt MODULAR. „Klar sind wir als Musiker*innen in unserer Kunst als Gesamtheit wesentlich unpolitischer, als die Bands der NDW damals. Aber vielleicht ist es für eine männlich gelesene Person schon eine Form von Rebellion über ihre Gefühle zu singen, weil das halt nicht easy ist. Außerdem gehen wir als Bubble weg von diesen Überproduzierten Mega-Popsongs der fettesten Produzenten, sondern gehen alleine mit Laptop in unser Schlafzimmer für Songs. Das ist auch Rebellion, nur zu einer anderen Thematik. Ich finde es aber auch sehr schön, wenn Leute sich nicht nur mit sich selbst in ihren Texten beschäftigen, sondern auch politisch aufschreien.

    Abschließend frage ich die Musikerin traditionell nach einer untold Story, also einem Geheimnis oder einer Geschichte, die sie noch nicht öffentlich erzählt hat. Nach einem lustigen Hin- und Her wird es doch unerwartet ernst. „Ich bodyshame mich übelst, wenn ich auf der Bühne stehe. Oft sehe ich Videos und Fotos von Auftritten und denke ‚Wie siehst du denn aus? Sowas kannst du nicht mehr anziehen‘. Ich bin super gerne extrovertiert auf der Bühne, ich liebe es aufzutreten. Aber in so vielen Fällen mache ich mich danach total für mein Aussehen runter. Solche Gedanken sind auf jeden Fall ein Aspekt, den ich versuche zu ändern. Aber gerade als Person des öffentlichen Lebens, die von Fremden gefilmt wird, denke ich mir währenddessen ‚Seh ich da gerade gut drauf aus? Ist mein Bauch eingezogen? Ist meine Schokoseite im Licht?‘, obwohl ich mich eigentlich freue, wenn jemand mich cool findet und filmen möchte. Ich glaube, das wissen die meisten nicht, dass ich damit auch viele Struggles habe.“ Wir stellen beide fest, dass auch das leider wieder auf internalisierte Misogynie zurückzuführen ist. „Niemals würde ich solche Gedanken über andere Künstler*innen auf der Bühne haben, nur über mich selbst. Das nervt, aber ich denke, ich bin da in einem guten Prozess. Wir sollten einfach mal darüber reden, dass es sich nicht immer geil anfühlt, auf einer Bühne vor Menschen zu stehen.

    Ich bin gespannt, was von MODULAR noch auf uns zu kommen wird. Aktuell ist sie auf Trümmer dieser Stadt-Tour durch Deutschland, hat seit der EP jedoch schon zwei weitere Singles in neuem Soundgewand veröffentlicht. Es ist klar – Die Zukunft ihrer Musik wird vielseitig, aber stets unfassbar schön.

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    Foto Credits: 1. CAPADOL, 2.-3. Fioniversace
  • AB Syndrom im Interview: »Das Album ist die Kollektion aller unterbewussten Prozesse der letzten zwei Jahre«

    AB Syndrom im Interview: »Das Album ist die Kollektion aller unterbewussten Prozesse der letzten zwei Jahre«

    Wer meinen Jahresrückblick gelesen hat, weiß wie sehr ich AB Syndrom in mein Herz geschlossen hab.

    Polarisierend und gleichzeitig so nahbar machen sich die beiden auf ihrem neusten Album „Tut mir gut Tut mir leid“ buchstäblich nackig. So brutal selbstreflektierend katapultieren die beiden mich mit ihrer auf den Punkt gebrachten musikalischen Umsetzung direkt in ihre Gedankenwelt. Ich bin mir ziemlich sicher, dass die beiden auch nächstes Jahr mein Spotify Wrapped anführen werden, denn der Bass dröhnt sowohl in meinen Kopfhörern als auch aus meinem Plattenspieler immer noch non-stop.

    Es war mir eine riesen Freude mit den lieben Jungs über ihre anstehenden Konzerte diese Woche (hier gibts noch Tickets!), ihren Musikschaffensprozess, Süchte und zwischenmenschliche Beziehungen zu sprechen.


    AB Syndrom im Interview

    Anton: So jetzt müssen wir nur unser Video anmachen hier. Wo ist der Knopf? Höre ich schon was?

    Anton und Bennet: Hallo, Evelin!

    Evelin: Hallo!

    Bennet: Wir haben übrigens Antons gute Tageslichtlampe hier hingestellt.


    *Überspringen wir hier kleinen Schwenker über meine aktuell nicht vorhandenen Lichtquellen in meiner Wohnung*


    Evelin: Jetzt erstmal herzlich willkommen. Wie war eure Woche so bisher? Wie geht es euch?

    Bennet: Voll gut! Die Woche war eigentlich ziemlich cool, weil wir noch spontan einen Radioauftritt bei Radio 1 reingekriegt haben, den wir heute noch machen. Und wir sind am Vorbereiten auf die Nachholtermine. Das ist jetzt quasi unser Probekonzert bei Radio 1 (beide lachen).

    Anton: Das Livekonzert im Radio ist unser Probekonzert für die eigene Show am nächsten Tag. Aber war ganz schön, weil als die Tour eigentlich im November stattfinden sollte, war alles relativ gedrängt. Weil wir noch unsere eigene Licht-Show aufgebaut haben, alles gemappt und so. Man kriegt alles gerade so fertig und jetzt war es ganz schön, weil wir jetzt noch mehr Zeit gehabt haben um an ein paar Sachen zu feilen.

    Bennet: Eigentlich noch ein bisschen zu proben (lacht).


    „Das war schon ein ziemliches Desaster“

    Evelin: Ich war ja auch bei dem Tour-Start in Köln dabei und ich fand die Show total toll und war richtig begeistert. Und umso mehr leid tat es mir dann, dass Bennets Gesundheit für die Shows danach einen Strich durch die Rechnung gemacht hat. Wie war das Ganze so für euch, als ihr die Termine absagen und Nachholtermine finden musste?

    Anton: Das war schon ein ziemliches Desaster. Im Nachhinein sind das so lustige psychologische Dinge, die da ablaufen. Ich weiß noch genau wie wir am Morgen nach Köln, wo wir dann eigentlich in Bochum am gleichen Tag spielen sollten, aufgestanden sind. Bennet hatte so offensichtlich überhaupt gar keine Stimme zum Sprechen. Aber wir waren trotzdem noch so: „Lass mal gucken, wie es so läuft“.

    Bennet: Bis dahin ist sie bestimmt wieder da (beide lachen).

    Anton: Irgendwann musste man sich der Realität beugen und sagen: „Okay, wir können das Konzert nicht spielen.“ Wenn du dann auf den Morgen zurückschaust und denkst: „In welchem Mindset warst du, wenn du glaubst, dass du morgens aufsteht und es ist keine Stimme zum Sprechen da?“. Die Sachen sind sehr schwierig zu singen, laut und hoch und pipapo. Wie man geglaubt hat, dass es eventuell noch funktionieren könnte. Wie man so Stück für Stück erst realisiert, dass es wirklich nicht gehen wird. Das fand ich irgendwie interessant.

    Bennet: Voll und so hat es sich ja auch weitergezogen von Tag zu Tag. Wir haben immer gesagt: „Das passt und übermorgen ist sie wieder da, das geht, das können wir machen.“ Und dann haben wir immer am Tag des Gigs erst richtig abgesagt. War krass, dass alle das so mitgemacht haben, unsere Booking Agentur und die Clubs. Die sind irgendwie gerade sehr darauf ausgerichtet, flexibel Sachen rumzushiften.

    Anton: Ja, und auch den Gig, den wir dann für die anderthalb Wochen später in München verschoben haben. Ich glaube, der war  auch irgendwie vorher frei geworden von Leuten, die da was weggeschoben haben.

    Bennet: Ja, ich glaube auch, die konnten Sachen einfach machen, weil andere Bands auch verschieben mussten. Bei dem Club in München, da sollten wir in der Woche spielen, Mele und Trille. Beides Leute, die wir persönlich kennen, die alle in dem gleichen Club spielen sollten innerhalb von diesem ganz kurzen Zeitraum und keiner hat da gespielt.

    Anton: Alle mussten krankheitsbedingt absagen, alle wegen der gleichen Sachen.

    Evelin: Aber mega gut, dass ihr das so schnell organisiert bekommen habt!


    Anton: Ja, das war gut, dass wir so schnell neue Termine gefunden haben. Aber ich glaube, die Venues sind diese Konzertverschiebungen jetzt alle gewöhnt sind, und dass wir halt auch nur drei Leute sind. Bei uns ist es noch relativ leicht. Wenn du mit einer zehnköpfigen Crew unterwegs bist und alle müssen dabei sein. Na, dann funktioniert das nicht, irgendwelche Sachen auf vier Wochen später zu verschieben.

    Bennet: Aber bei solchen Crews hast du dann eher die Möglichkeit, jemanden zu ersetzen. Und bei jedem, der bei uns ausfällt, ist das so ein Riesending.

    Anton: Von den drei Leuten kann man jetzt nicht nur einen ersetzen. Das stimmt, das funktioniert nicht.

    Bennet: Aber zum Beispiel Basti, unser Support, ist dann noch ein bisschen länger krank geblieben und konnte bei den zwei Shows, die wir dann noch gemacht haben auch nicht dabei sein. Das war auch natürlich schade.

    Anton: Aber der ist ab jetzt ab wieder dabei!


    „Wir müssen wirklich alles immer sehr verinnerlichen“

    Evelin: Mega, in voller Besatzung also! Ich finde, man merkt richtig krass, – besonders weil ihr so eine kleine Besetzung habt – wie viel Arbeit ihr in die Shows steckt. Was sind Herausforderungen, auf die ihr live tretet?

    Anton: Die größte Herausforderung ist, dass es ja elektronische Musik ist, die wir machen: sehr viele Synthesizer, elektronische Sounds und Samples usw. Und dass wir uns aber trotzdem den Anspruch gesetzt haben, das alles live zu spielen. Das heißt, alle Sounds, die man hört, die werden auch von uns abgefeuert und es gibt keinen Backing Track. Wenn man das zu zweit versucht umzusetzen, heißt das, damit wir neue Songs auf der Bühne spielen können, wir jedes Mal gucken müssen, wie wir das auf die verschiedenen Pads, die ich dort habe, legen können. Was können wir mit was zusammenspielen und wie können wir das runter kondensieren, dass wir das noch genauso live spielen können? Das ist, glaube ich, für mich die große Herausforderung.

    Bennet: Ja stimmt, das ist auch vor allem bei dir natürlich. Ich schieb immer mehr Sachen zu Anton rüber, was eigentlich ganz gut ist für mich, damit ich mich mehr aufs Singen konzentrieren kann. Aber er hat wirklich viel zu tun. Also manchmal macht ein Pad ein Sample, es verstimmt aber auch noch gleichzeitig die Bassdrum, macht einen Hall an und jetzt auch noch das Licht dann hinten auf Rot. Das muss dann halt auch im richtigen Moment gehauen werden. Ja, es ist schon sehr ausgefummelt.

    Anton: Ja, und das funktioniert bei mir eigentlich auch nur, weil die Sachen so richtig in mein Unterbewusstsein absinken müssen, damit ich dann zusätzlich noch Backing Vocals machen kann. Sonst funktioniert das nicht. Das heißt, neue Songs bei uns zu arrangieren ist meistens eine ziemlich langwierige Geschichte.

    Bennet: Ja, und wir müssen es wirklich auch alles immer sehr verinnerlichen, wie du sagst. Es gibt, glaube ich, Leute, die Sachen ein bisschen mehr aus dem Ärmel schütteln können, weil es ähnliche Sachen sind. Aber bei uns sind die Beats immer was ganz anderes, da musst du ganz andere Abläufe reintun. Aber vor allem vielen Dank für die Frage. Das ist schön, dass du das so wahrgenommen hast.


    „Dass Leute für uns da sind, das kennen wir eigentlich noch gar nicht so richtig“

    Evelin: Ich fand es auch total schockierend, als ihr meinte, dass es eure erste richtige Tour ist.

    Anton: Naja, erste Tour ist auch relativ zu sehen.

    Bennet: Bisschen misleading haha.

    Anton: Unsere erste eigene Headliner-Tour in Deutschland, dann stimmt es 100 %.

    Bennet: Support Touren haben wir quasi schon gemacht. Das ist wirklich was anderes finde ich. Und dann haben wir diese Tour in Südostasien gemacht. Die war auch wirklich was ganz anderes. Aber bei allen Sachen kriegt man stellenweise eine Routine rein.

    Anton: Aber den Aspekt, den man nicht hat, den wir jetzt bei einer Solo-Tour natürlich haben, ist diese ganze Verantwortung, dass das unsere Konzerte sind. Dass wir dafür verantwortlich sind, dass genügend Leute kommen, dass es an dem Abend läuft, dass wir am Ende auch den Merch verkaufen (lacht). Das Einzige, was fehlt, ist eigentlich, dass wir den Leuten Getränke zu bereiten. Das ist die einzige Verantwortung, die wir an dem Abend (in Köln) nicht übernommen haben.

    Bennet: Ey, ganz ehrlich, ich habe mich so gefreut, als wir in Köln waren und dann habe ich gesagt: „Oh geil, da ist ja jetzt jemand, der die Tickets abreißt. Voll gut, dass die daran gedacht haben.“

    Evelin: Sonst hättet ihr das auch gemacht (alle lachen).

    Bennet: Das war jetzt schon auch das erste Mal für uns, dass wir den Teil daran so komplett auskosten konnten, der so rewarding ist auch beim Konzert. Dass Leute für uns da sind, das kennen wir eigentlich noch gar nicht so richtig. Und das war teilweise wirklich echt überwältigend, dass die Leute die Sachen mitsingen konnten.

    Anton: Ja, erstaunlich textsicher. Das war von mir auch nicht so erwartet. Aber krass.


    „Ich mache das nie wieder“


    Evelin: Voll schön! Ihr habt das vorhin schon angesprochen. Aber ihr macht ja irgendwie alles mehr oder weniger selbst. Von Videoschnitt, Grafik, Merch verkaufen, etc. Woher kommt das und was gibt euch das?

    Anton: Es stimmt so, wir machen alles selber. Aber es ist nicht das gleiche, wie wir machen alles alleine. Es gibt natürlich Leute, mit denen wir viel zusammenarbeiten, zum Beispiel Anne, mit der wir ganz viel zusammenarbeiten für die ganzen Fotos. Oder auch bei den Videos, die wir gemacht haben, wirklich teilweise große Crews aus unserem Zirkel sind, die bei den Videos mithelfen. Wir drehen natürlich keines dieser Videos zu zweit, sondern es sind immer viele Leute aus dem Netzwerk, das wir aufgebaut haben, am Start.

    Bennet: Also ich glaube, für uns ist es, wie das Songschreiben auch ein Teil der Kunst und so ein therapeutischer Prozess. Ich merke das auch bei den Videos, so: „Ah ja, eigentlich habe ich das auch noch ein bisschen gebraucht, um zu raffen, worum es im Song geht“. Trotzdem denke ich manchmal, das ist dann so viel, was man sich auferlegt und gerade in dieser ganzen Releasephase. Dann haben wir am Freitag den Release, es muss alles aber noch gegradet werden, der der Schnitt muss noch fertig gemacht werden, dann in After Effects die ganzen Seile rausretuschiert und dann spitzt sich das alles so zu, dass man irgendwann denkt: „Okay, ich mache das nie wieder. Das kann jemand anders machen.“ Aber ja, ist auch trotzdem irgendwie wichtig für uns oder dieses Videoding nochmal ein bisschen mehr wichtig für mich eigentlich.

    Anton: Ich bin immer der, der versucht zu sagen: „Können wir nicht ein bisschen weniger aufwendiges Video machen?“ Und er sagt „Ach ja, das geht ganz schnell…“

    Bennet: Es nervt ihn richtig (lacht).

    Anton: „… wir müssen nur kurz die Seile hier rausretuschieren und am Ende sitzen da 10 Leute die ganzen Nächte, nicht 10, aber fünf Leute daran, diese Seile rauszuretuschieren.

    Bennet: Zu acht waren wir glaub ich.

    Anton: Na dann wars ja gar nicht übertrieben. Also ich reg mich auch deswegen auf, weil ich natürlich nicht geholfen habe, irgendwelche Seile rauszuretuschieren, weil ich kann mit After Effects nicht umgehen. Was soll ich machen? (lacht)

    Bennet: Aber das ist natürlich auch so ein bisschen das Ding. Es geht, weil wir in diesem Raum hier irgendwie unterwegs sind, dass wir ein paar Leute kennengelernt haben, die Filme machen. Und es sind auch Freunde von uns. Sonst wird es auch nicht gehen.

    Evelin: Sonst müsste Anton After Effects lernen.

    Anton: Wo ichs gesagt habe, habe ich gerade drüber nachgedacht, dass ich natürlich schon mal für so ein Video von uns Sachen gemacht habe. Da hab ich was animiert.


    „Es ist ein sehr unterbewusster Prozess“

    Evelin: Um so ein bisschen mehr aufs Album zu sprechen zu kommen: Es ist ja jetzt seit gut drei Monaten draußen und bei mir auf jeden Fall noch immer in Dauerschleife. Was macht die Veröffentlichung von diesem Album so besonders?

    Bennet: Das habe ich jetzt gemerkt bei dem Album. Ich finde, dass sich wirklich jedes Album immer anfühlt wie so ein ganz neues Ding. Ich habe nie das Gefühl: „Ah okay, jetzt passiert das, jetzt passiert das, …“ Und wir haben diese Abläufe und spulen die ab, sondern es ist immer anders. Und es ist mir jetzt erst klar geworden, dass das eigentlich auch ganz schön crazy ist und irgendwie auch Teil des Hustles ausmacht. Aber ja, was jetzt eigentlich gar nicht so interessant für euch ist, wahrscheinlich nur für mich (lacht).

    Evelin: Passiert das unbewusst oder setzt ihr euch dahin: „Okay, mit diesem Album, machen wir was anderes“?

    Anton: Das wollt ich auch gerade schon sagen. Ich glaube, dazu ist wichtig zu verstehen, wie bei uns überhaupt der Songschreib-Prozess funktioniert und wie sich die Themen zu den Songs überhaupt entwickeln. Es ist schon ein sehr unterbewusster Prozess. Wirklich interessant finde ich, dass wie die Songs entstehen und wenn Bennet dazu die Texte schreibt und sich Stück für Stück so ein Song herauskristallisiert, dass wir uns oftmals zusammen den Song anhören und man gemeinsam im Prinzip entdeckt, worum es in dem Song eigentlich geht.

    „Man erkennt gemeinsam, worum es in dem Song eigentlich geht.“


    Es gibt nie oder fast nie, einen Plan dazu, einen Song zu schreiben. Sondern ein Song entsteht irgendwie und man muss auch selber dechiffrieren, worum es in dem Song eigentlich geht und was das eigentliche Thema des Songs ist, welche unterbewussten Prozesse sich da an die Oberfläche geboxt haben. Und das Album ist quasi die Kollektion der unterbewussten Prozesse der letzten zwei Jahre. Dementsprechend ist das, was uns oder was die Texte angeht natürlich vor allem Bennet jetzt in dem Moment am nächsten ist, weil da sind die aktuellen Themen drauf. Über unseren Prozess, ist ein neues Album immer das, was am krassesten ist, weil es das ist, was an der jetzigen Version von dir selbst oder von uns am nächsten dran ist.


    „Mit dem großen Plan der Außenwirkung sind die Songs nicht geschrieben“

    Evelin: Weil das Album ja so persönlich ist, was erhofft ihr euch, was eure Hörer*innen daraus mitnehmen?

    Bennet: Diese Gedanken gibt es immer beim Songschreiben nicht so richtig. Ich lass da Sachen raus und ich finds dann immer total verrückt zu sehen, dass Leute auch mit diesen Sachen, die quasi ganz persönliche, ganz private Geschichten von mir sind, bei denen ich manchmal das Gefühl habe, damit kann eigentlich kein Mensch außer mir was anfangen, connecten und daraus Sachen für sich ziehen. Dass das funktioniert, finde ich einfach schon total den Mind Fuck.

    Anton: Ich finde es echt krass, was uns da für persönliche Geschichten von Leuten erreichen. Was diese Songs mit denen gemacht haben. Was war nochmal dieses Beispiel mit „Tut mir gut, tut mir leid“ und den Geschwistern? Ich versuche, mich zu erinnern. 

    Bennet: Achso ja, stimmt! Da hat sich die eine Person immer so ein bisschen im Zugzwang gefühlt, zu antworten. Dieses ganze Kommunikationsthema, das dann über den Song ziemlich auf den Punkt gebracht worden ist, anscheinend.

    Anton: Und dann hat es da auch geholfen, das zu artikulieren und diesen Konflikt ein bisschen aufzulösen. Wenn ichs richtig in Erinnerung habe, ist schon ein bisschen her. Aber das zeigt, dass obwohl die Songs so ultra persönlich sind und eigentlich die ganz persönlichen Geschichten von Bennet, dass es offensichtlich genug Leute gibt, die damit connecten können. Entweder dadurch, dass sie vielleicht doch nicht so explizit sind und ein bisschen Interpretationsspielraum lassen. Oder einfach auch, weil natürlich viele Leute trotzdem selbst was Ähnliches erleben.

    Bennet: Ja, voll! Ich denk dann da auch ja immer nicht so richtig dran. Aber es gibt natürlich immer viele Leute, die ähnliche Sachen erleben wie man selbst. Nur checkt man es halt nicht. Es gibt diesen einen Song, „33 Prozent“ über meine Kopfverletzung. Das war wirklich sehr, sehr knapp war und sehr so mit Leben und Tod, alles ziemlich haarscharf. Eigentlich haben so gut wie alle Menschen so eine Situation erlebt in ihrem nahen Umkreis. Und das habe ich echt einfach nicht auf dem Schirm. Da haben sich ganz viele Leute dazu gemeldet, dass es was mit denen gemacht hat und so was ist krass. Das haben wir uns aber nie erhofft vorher.

    Anton: Genau mit dem großen Plan der Außenwirkung sind die Dinger nicht geschrieben, sondern halt immer irgendwie Sachen rauslassen.

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    „Das ist alles mein Shit, den ich rauslasse und das tut mir gut“

    Evelin: Aber ist ja schön, wenn man selbst in seiner Blase lebt. Aber dann doch sieht, dass wir alle ziemlich gleich sind. Ihr – oder Bennet eher spricht sehr selbst-reflektierende Themen an, die vielleicht etwas unkonventionell sind oder worüber viele sich nicht trauen, zu sprechen. Kostet sowas Überwindung? Oder ist das wirklich so eine Art Stream of Consciousness und denkst du gar nicht darüber nach, dass so viele Leute das zu hören?

    Bennet: Ja, es ist so, wie du es sagst (lacht). Ich mache mir keine Gedanken darüber beim Schreiben. Und das ist auch dann das, was ein bisschen einholt beim Release-Prozess oder wenn ich die Sachen dann jemandem zeige. Dann merke ich irgendwann: „Ah ja, krass“. Vielleicht auch dann manchmal ein bisschen unangenehm. Aber es ist für mich auch die einzige Art, das zu machen. Deswegen werde ich es auch nicht ändern, also kann ich es nicht ändern. Das ist eigentlich auch, was der Album-Titel sagt. Das ist alles mein Shit, den ich rauslasse und das tut mir gut, das zu machen. Aber es tut mir auch leid, wenn manchmal Leute dann da drin vorkommen oder damit dealen müssen. Und die können vielleicht keinen Song da drüber schreiben oder die werden nicht so richtig gefragt.

    Anton: Genau die müssten jetzt alles schlucken. Deine Eltern können zu „33 Prozent“ keinen Response-Song schreiben, um das alles wieder loszuwerden.

    Bennet: Weiß auch gar nicht, ob die da so ein Bedürfnisse haben.

    Anton: Ja, aber zum Beispiel bei dem Song ist es wahrscheinlich wirklich krass für die Leute, den zu hören und um die es persönlich geht. Also zumindest war das mein Eindruck.


    „Aus Angst, süchtig zu werden“

    Evelin: Und gibt es einen Song, neben „33 Prozent“ der euch beiden besonders am Herzen liegt?

    Bennet: Ich find eigentlich „Overdose“ einen, der mir besonders am Herzen liegt, weil es um Sucht geht. Und das war wirklich ein Thema, bei dem ich gedacht habe, darüber würde ich wirklich gerne mal schreiben. Weil ich selber ein bisschen aus Angst, süchtig zu werden, ziemlich abstinent lebe und gar keine Drogen konsumiere usw. Deswegen wars auch sehr wichtig für mich, das mal zu beschreiben. Und dann auch in Korrelation zu „Adrenalin“, der so ein bisschen meine Online Sexsucht behandelt hat. Also weil ich glaube, dass ich aus Angst, schnell süchtig, abhängig zu sein, diese Sachen gar nicht erst anfange. Und ich habe das Gefühl, dass ich durch diese Online Sexsucht, die ich hatte, einen Beweis habe, dass ich dafür anfällig bin. Und das sind immer Themen, die bei mir auftauchen, weil alle Leute fragen einen immer: „Warum trinkst du nix? Oder warum rauchst du nicht und nimmst keine Drogen usw.“

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    Evelin: Aber woher kommt die Angst davor, süchtig zu werden? Gab es da einen bestimmten Auslöser?

    Bennet: Ja, das war sozusagen so ein bisschen mit der Online-Sex-Sucht und worum es in „Adrenalin“ geht. Das ist auch, glaube ich, ziemlich kryptisch in „Adrenalin“. Das sind Sachen, die unangenehm sind, darüber zu sprechen. Aber ich hatte da so eine Phase, wo ich auf Chat Roulette rumgecreept bin und probiert hab, mit irgendwelchen Leuten Online-Sex zu haben und davon echt nicht so richtig weggekommen bin. Es hat mich so richtig eingesaugt. Ich glaube, das hat auch so ein bisschen zu tun mit diesen Glücksspiel-Mechanismen, dass du immer weiterklickst, und weißt, das gibt es so eine Art Zufallsprinzip. Und ja, da seh ich tatsächlich so einen Zusammenhang, der sich über das Album da rausgeschält hat.

    Evelin: Hilft dir das dann bei solchen Themen das durch das Schreiben zu verarbeiten und die Musik als Therapie zu nutzen? Merkst du davon Effekte, wenn du dir das so quasi von der Last schreibst?

    Bennet: Ja, voll. Ich habe darüber auch noch nie mit irgendjemandem geredet. Und das war einfach irgendwann angenehm, Sachen immer so nicht alleine mit sich rumtragen zu müssen. Und wenn Leute davon wissen, dann ist das zwar unangenehm, aber auch ein bisschen ein reinigender Prozess. Es ist ja auch letztendlich nicht so schlimm, diese Sucht ist ja jetzt nicht so furchtbar. Du gehst ja daran nicht zugrunde. Aber ich will auch meine Zeit damit nicht verlieren und wenn du das dann so preisgegeben hast, ist das schon hilfreich.


    „Aber das ist ja totaler Quatsch“

    Evelin: Um noch mal zu einem anderen Song zu kommen. Worum geht es in „Guck ich dich immer an“ und was war die Idee hinter dem Musikvideo? Das sah nach sehr viel Spaß aus.

    Bennet: Witzig, gute Frage! Wir werden eigentlich voll selten zu den Musikvideos gefragt, obwohl wir ganz viele machen (lacht).

    Anton: Stimmt!

    Bennet: Die Idee war, eine Beziehung darzustellen und dass es einen Song gibt, der die verschiedenen Stadien oder Erinnerungen an die Beziehung wieder hervorruft. Und das war die Idee, dass wir eine Beziehung darstellen und verschiedene Szenen daraus, an die sich dann jeweils erinnert wird.

    Anton: So gibt es eben verschiedenen Parts für die verschiedenen Phasen der Beziehung.

    Bennet: Und dann bei „Bei der einen Stelle im Song“ wird es dann immer emotional und das ist das, was der Song erzählt. Auch lustig, weil so verstehen wir es halt, aber manchmal ist es glaube ich, gar nicht so offensichtlich. Für mich ist es einfach so: „Okay, wir haben halt das gemacht, was der Song sagt.“ Aber das ist ja totaler Quatsch. Du kannst es natürlich nicht so sehen, wenn man nicht so den Einblick in unsere Köpfe hat. Und das war aber wirklich ein sehr, sehr lustiger Dreh, aber auch echt anstrengend. Wir mussten alles relativ kurzfristig machen, mal wieder.

    Anton: Und die kompletten Pläne geändert ein paar Tage vorher.

    Bennet: Ja, wir wollten eigentlich auch Darstellende dafür bekommen.

    Anton: Und dann keine gefunden und mussten es selber machen (beide lachen).

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    „Das ist in tausend Teile zersplittert“

    Evelin: Dann komme jetzt schon zu meiner letzten Frage, weil ich sehe, dass mein Gratis Zoom Abo die Zeit schon runterzählt. Unsere altbewährte Abschlussfrage: Habt ihr eine untold story für mich?

    Bennet: Oh, Moment.

    Evelin: Ja, so on the spot manchmal ein bisschen schwierig.

    Bennet: Ja, eigentlich gut, man hätte so was einfach parat. Wir hatten das einmal, dass uns dieser Stein durchs Dachfenster geflogen ist. Das haben wir aber bestimmt einmal irgendwo erzählt.

    Anton: Nee, das glaub ich nicht. Das ist schon sehr, sehr lange her. Wir sind von einem Gig nach Hause gefahren, aus Mannheim oder so zurück nach Berlin. Da waren wir noch zu viert und auf der Autobahn und auf einmal *insert Sound-Effects* zerplatzt das  Dachfenster.

    Bennet: Ja, so ein kleines Schiebeding. Das war auch nur so ein kleiner PKW, in dem wir gefahren sind und da gab es so ein Dach. Und ich habe das wirklich bis jetzt noch vor Augen, wie das aussieht. Mein Bruder war noch in der Band. Ich glaube, ihr saßt vorne und ich war hinten. Und ich habe auf einmal gesehen von hinten, wie die beiden (Anton und Aljoscha) vorne sitzen und von oben kommt es so runter (gestikuliert wild).

    Manchmal macht es die Wahrnehmung ja so, dass sich alles in Slow-Mo abspielt und sich die Bilder auch so reinfressen. Das sah aus wie Wasser und das ist in tausend Teile zersplittert. Ein Glück ist Aljoscha einfach weiter gefahren, aber hat total den Schock bekommen. Dann sind wir raus und wir haben es auch überhaupt nicht verstanden. Du hattest da drin keinen Stein oder so, das war kein crazy Gewitter oder Hagel, es gab nichts. Keiner ist vor uns gefahren und es gab keine Brücke.

    Anton: Was hat die Polizei gesagt? Es war wahrscheinlich irgendein Ast.

    Bennet: Es war mit Sicherheit einfach…ne Art Bestimmung.

    Anton: Wir mussten rausfahren, dass irgendwas anderes nicht passiert wäre.

    Bennet: Wahrscheinlich.

    Anton: Auf der Autobahn zu fahren ist natürlich schon ein großer Anteil des Alltages, wenn man auf Tour ist, ne? Wir haben einige krasse Sachen erlebt. Zum Beispiel auch, wo wir 6 Stunden lang auf dieser Vollsperrung mit Eis und Schnee festsaßen und dann eingeschlafen und wieder aufgemacht sind und wir standen immer noch in der Vollsperrung (beide lachen). Na ja, also so ist es. Das sind so unsere Geschichten.

    Evelin: Gute Geschichten auf jeden Fall. Ich bin froh, dass niemandem was passiert ist.

    Bennet: Aber ja, wir brainstormen da nochmal. Wenn uns noch was einfällt, schreiben wir dir nochmal.

    Evelin: Ja genau, kleiner Nachtrag von der Redaktion. Habt ihr noch irgendwas, was ihr loswerden möchtet zum Schluss?

    Anton: Wir laden alle Leute herzlich zu den verbleibenden Shows der Tour zu kommen. Weil es das für uns das Album komplettiert. Das bringt diesen Zyklus erst zu Ende und wir freuen uns über alle, die nach Bochum, Oldenburg und Hamburg kommen. Natürlich auch Berlin, aber da gibt es keine Karten mehr (lacht).

    Bennet: Und überall sonst gibts noch Tickets!

    Evelin: Dann danke für das tolle Gespräch und viel Spaß bei den Shows und ich freu mich ungemein, was noch alles von euch kommt.

    Anton: Danke dir für das nette Interview!

    Bennet: Vielen Dank! War voll schön, dich wiederzusehen.


    Gehen Sie auf die Tour, sie ist sehr gut

    Dann bleibt mir auch nur noch zu sagen, besucht auf jeden Fall eine der anstehenden Show, denn es ist es wirklich mehr als wert! Die beiden machen das mit so viel Fleiß und Liebe und das Ergebnis überzeugt von hinten bis vorne! Unten könnt ihr schon mal eure Textsicherheit für die neuen Songs trainieren 😉


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    Fotocredits: Anne Ludwig

  • SERPENTIN im Interview: »Ich habe das Schreiben als Überlebensstrategie genutzt«

    SERPENTIN im Interview: »Ich habe das Schreiben als Überlebensstrategie genutzt«

    Was sich musikalisch manchmal wie ein wirrer Fiebertraum anfühlt, folgt einem klaren Konzept und einer wahren Geschichte. Im Oktober veröffentlichte SERPENTIN ihre EP Sturm & Drang. Auf fünf außergewöhnlichen und eindrucksvollen Tracks fesselt die Musikerin ihre Hörer*innen und zeigt ihnen eine sehr persönliche Gefühlswelt. Hier häufen sich angestaute Emotionen an und werden hinaus in die Welt getragen. Und das macht SERPENTIN auf eine sehr eigene Art und Weise, die für mich mindestens im deutschsprachigem Raum keinen Vergleich findet. Elektro trifft auf Indie und tiefe Worte. Mal dunkel und zerrend, mal befreiend und ergreifend. Hinter dem gedanklichen Nebel, der durch die Songs erzeugt wird, steckt wahnsinnig viel Feingefühl für Ausdruck. Textzeilen, bei denen ich jedes Mal das Gefühl habe, ich müsste nun die Luft anhalten. Die Songs scheinen vor aufgeladener Energie in alle Richtungen überzulaufen, aber werden nie zu viel.

    Zwar gehörte dieser nicht zum Konzept der EP, jedoch veröffentlichte die Musikerin aus Hannover mit Alles Scheisse dieses Jahr einen Sommerhit mit Antihaltung. Damit bewies sie, dass sie trotz aller Dramaturgie und Ernsthaftigkeit auch ihre selbstironische Seite in Songs verarbeiten kann. Auch die Single Blaugrau, die vor Kurzem zusammen mit Toni Vice und Fleggo veröffentlicht wurde, ist mindestens genauso gut wie die darauf folgende EP. Irgendwas an SERPENTINs Musik fasziniert mich einfach. Ihre besondere Art zu singen kombiniert mit schiebenden Beats? Oder dass ihre Texte nie gänzlich preisgeben und festlegen, was geschieht und dennoch voller Persönlichkeit sind? Ihre Livepräsenz aus der man spürt, wie viel Kraft in der Musik steckt? Es ist wahrscheinlich genau das Zusammenspiel aus all dem.

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    SERPENTIN im Interview

    Dascha: Hi, magst du dich mal vorstellen für Leute, die dich vielleicht noch nicht kennen?

    SERPENTIN: Ich bin SERPENTIN, ich bin 26 Jahre alt und bin Indie-Elektro Solo-Künstlerin mit deutschen Texten. Ich mache eigentlich schon mein Leben lang Musik. Ich mach einfach das, was ich fühle. Das ist manchmal sehr dramatisch und manchmal eher selbstironisch. Jetzt gerade passiert ganz viel bei mir.

    Dascha: Ja genau. Passend dazu: Du hast vor kurzem deine EP Sturm & Drang veröffentlicht. Wie geht es dir damit sie mit der Welt geteilt zu haben?

    SERPENTIN: Wahnsinnig gut. Es ist eine extreme Erleichterung. Im Dezember 2020 habe ich angefangen diese EP zu planen zusammen mit meiner besten Freundin und Productionmanagerin Fiona. Zwischendrin hab ich nicht geglaubt, dass ich es durchziehen werde, deshalb bin ich übelst happy damit, dass ich es jetzt geschafft habe. Ich bin auch erleichtert, dass ich dieses Kapitel jetzt abschließen kann und weiter machen kann. Da bin ich sehr stolz darauf.

    Dascha: Zurecht! Was waren für dich die größten Herausforderungen und was war nur schön?

    SERPENTIN: Die größte Herausforderung kann man in zwei Dinge aufteilen. Das erste, ohne Erfahrung, ohne jemals eine EP gemacht zu haben. Diese ganze Produktion, das alles zu planen. Das alles beisammen zu halten und durch zu ziehen war eine riesige Herausforderung. Und die zweite große war das Kapitel in meinem Leben, worüber ich geschrieben habe, zu thematisieren. Sturm & Drang ist ja eine Konzept-EP, die von Anfang bis Ende erzählt was ich in einer Spanne von vier bis sechs Jahren erlebt habe. Es war eine wahnsinnige Herausforderung diese Gefühle und diese Erlebnisse so zu verarbeiten, dass sie in Songform verpackt werden konnten. Es war natürlich wahnsinnig schön, aber ich fand es auch schwer diese Dinge so ehrlich auf den Punkt zu bringen. Das aller schönste daran war aber gleichzeitig diese Sachen so aus mir raus zu holen und alles nach meinen Vorstellungen zu verpacken. Ich habe in dem Prozess so viel über mich gelernt und an Selbstbewusstsein gewonnen. Und das EP Releasekonzert. Das war echt eins der geilsten Dinge daran, es war einfach ein perfekter Abend. Das hat uns auch noch mehr Stolz, Zusammenhalt und Selbstbewusstsein innerhalb des Teams gegeben.

    Dascha: Wie schön! Und wie ist das Konzept der EP entstanden? Hast du die Songs auch so chronologisch geschrieben?

    SERPENTIN: Die Songs habe ich tatsächlich in der Reihenfolge geschrieben, in der sie jetzt auf der EP sind. Weil ich habe jeden Song in der Situation, in der ich sie erlebt habe, geschrieben. Bei der Geschichte handelt es sich um eine toxische Beziehung, in der ich mich befunden habe, daraus und wieder zurück zu mir. Diese Beziehung steht eigentlich symbolisch nur für den Höhepunkt, der sich über Jahre in meinem Leben angebahnt hat. Ein dunkler Ort, an dem ich mich dann befunden habe, nachdem ich mein Leben lang schon mit ganz vielen Dingen gestruggled habe. Zu dieser Zeit hat sich alles zugespitzt. Ich habe Sintflut als aller erstes geschrieben, Anfang 2018 als ich in dieser Beziehung war. 16mm als diese Beziehung immer schlimmer wurde. Adrenalin verarbeitet noch einen anderen Aspekt der Beziehung, der mich sehr geprägt und traumatisiert hat. Danach kam ich eben raus aus dieser Beziehung und habe mich mit der Außenwelt mehr konfrontiert gesehen. Ich habe realisiert, dass andere Beziehungen zu anderen Menschen danach auch ganz anders funktionieren. Da hab ich Sie mich an geschrieben.

    Am Ende kommt eben Kreise, wo ich dann 2019 an so einem Punkt war, an dem ich mich befreit habe von all dem. Die Songs existierten also schon vor der EP, ich habe sie auch schon unter meinem alten Künstlerinnenamen live gespielt. Ich habe mich eigentlich schon lange mit dem Gedanken auseinander gesetzt, dass das alles zusammen gehört und ich das zusammen halten möchte. Dann hab ich mich mit Fiona hingesetzt, ihr diese Songs gezeigt und dazu erzählt, was ich in dieser Zeit erlebt hab. Und was das für mich bedeutet. Damit haben wir eben beschlossen, dass das eine EP werden muss und wir diese Geschichte so erzählen, wie es passiert ist. Mit den Singles haben wir ja am Ende angefangen. Das Konzept war, Kreise kommt als erstes raus. Der Befreiungsschlag ist also das erste, was man davon mitbekommt und dann gehen wir immer tiefer rein zurück in das Rabbithole. So war es ja für mich auch, dass ich mich im nachhinein wieder damit auseinandersetzen musste und zurückgehen musste an den Anfang. Das war sehr sehr spannend. Ich muss sagen, es war emotional sehr anstrengend, aber wahnsinnig heilsam. Ich hab nach diesen Erfahrungen sehr lange an meinem Selbstwert gestruggled. Es hat mir sehr geholfen, das jetzt darin zu verarbeiten und in meinem Kopf in Einklang zu bringen. Einfach damit loszulassen.

    Dascha: Ist es dir denn schwer gefallen während so einer schwierigen Zeit kreativ zu sein?

    SERPENTIN: Mittlerweile ist mir aufgefallen, dass es mir leichter fällt über Dinge zu schreiben bei denen es mir schlecht geht, wenn es mir wieder besser geht. Ich habe das Schreiben damals als Überlebensstrategie genutzt. In einer Situation, in der du dich ständig mit einer Gefahr oder Bedrohung konfrontiert siehst, findet jeder Mensch Strategien sich über Wasser zu halten. Ich denke jeder Mensch, der mal in einer toxischen Beziehung war, wird das Gefühl kennen, dass man eigentlich die ganze Zeit im survival mode ist. Über diese Situation zu schreiben war meine Strategie das irgendwie auszuhalten. 16mm, Sintflut und Adrenalin habe ich geschrieben um meinen Gefühlen einen Platz zu geben. Und auch, um etwas zu haben, woran ich mich festhalten kann. Sieh mich an und Kreise sind dann als Verarbeitungsstrategie. Nach dieser Beziehung habe ich realisiert „Okay, es gibt eine Welt da draußen. Und die ist anders als dieses Vakuum, in dem ich gelebt habe.“

    Bei der Aufarbeitung für die EP habe ich zum Beispiel Adrenalin und 16mm nochmal überarbeitet. Weil ich gemerkt habe, dass ich in der Zeit, in der sie entstanden sind, noch nicht zu 100 Prozent ehrlich zu mir sein konnte. Das war mir wichtig, aber das fand ich wahnsinnig schwer. Vor allem 16mm hat mich extrem gefordert. Ich hab mich vor dem Studiotermin eine Woche in meinem Zimmer eingeschlossen. Kein Scheiß, ich hab mich in den Tagen morgens an den Laptop gesetzt und mich bis ich schlafen gegangen bin damit auseinandergesetzt. Ich hab quasi mit meinen Dämonen gekämpft. Das war aber auch notwendig. Ich hab seitenweise runtergeschrieben, meine Erinnerungen aufgeschrieben, Konversationen mit meinem damaligen Ich aufgeschrieben. Ich bin stolz, dass ich mich da durchgekämpft habe und Sachen aufgeholt habe, die auf dem Weg liegen geblieben sind.

    Dascha: Aber wie toll, dass daraus dann so etwas schönes entstehen kann.

    SERPENTIN: Ja, voll. Ich glaube man hört den Heilungsprozess, den ich ganz bewusst durchgemacht habe, in der EP sehr gut.

    Dascha: Ja, das stimmt. Und was erhoffst du dir, was die EP in Hörer*innen auslösen wird? Ist ja schließlich ein schwieriges und sehr persönliches Thema.

    SERPENTIN: Spannende Frage. Mein Umgang mit der Veröffentlichung von Musik besteht daraus, dass ich die Musik release, die mir viel bedeutet, aber was andere damit machen geht mich nichts mehr an. Ich lasse gerne die Freiheit eigene Gefühle in meine Musik hinein zu projizieren. Aber ich wünsche mir natürlich, dass Menschen, die ähnliche Erfahrungen haben oder sich noch in so einer Situation befinden, dadurch hören, dass es möglich ist wieder zu sich zurück zu kommen. Und dass man, egal wie verloren man sich fühlt, man selbst nie zu 100 Prozent verloren ist. Man findet sich immer wieder. Auf einer weniger traumatischen und tieferen Ebene wünsch ich mir einfach, dass die Songs Menschen begleiten. Dass sie eine Connection dazu aufbauen und die Songs sie begleiten und bewegen.

    Dascha: Wie war deine musikalische Reise seit dem Release von Kreise Anfang 2021? Was war die schönste Entwicklung für dich?

    SERPENTIN: Die Reise war extrem wild. Ich hab viel gewünscht und gehofft, aber es ist trotzdem ganz anders gekommen. Aber trotzdem genauso schön! Und das aller Schönste war… ich könnte jetzt sagen, die ganze Aufmerksamkeit, die ich durch Alles Scheisse bekommen habe. Aber ich glaube das aller Schönste ist mein entwickeltes Selbstwertgefühl. Denn ich habe viele Prozesse durchgemacht, in denen ich mich selbst hinterfragen und neu anordnen musste. Ich hab das Gefühl ich weiß jetzt wer ich bin und was ich machen möchte. Und ich habe zu schätzen gelernt, wozu ich fähig bin und dass ich sehr stolz auf meine Künstlerinnenseele bin und da dahinter stehe. Jetzt kann ich zurückblicken und weiß, ich hab für mich alles richtig gemacht. Und was auch eine sehr schöne Entwicklung ist, ist dass ich so eine Fanbase gewonnen habe. Dass die Leute wirklich Lust darauf haben mich zu supporten und sich mit mir zu connecten. Ich kriege so viele schöne und persönliche Nachrichten. Das ist so eine wahnsinnig schöne Sache, dass es nicht nur Leute gibt, die vorbeikommen und kurz gucken, sondern auch bleiben.

    Dascha: Das ist echt schön! Jetzt wo du Alles Scheisse erwähnt hast: Magst du nochmal erzählen, wie der Song entstanden ist und wie er released wurde?

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    SERPENTIN: Sehr gerne. Also ich schreibe ja zwischendrin immer Mucke in meinem Home Setup hier. Immer, wenn irgendwas raus muss. Alles Scheisse ist an einem Tag entstanden, an dem ich extrem PMS hatte. Ich hab dieses Jahr sehr viel mit PMS gestruggled und hab mich sehr viel mit Emotionsregulation auseinandergesetzt. Dabei habe ich auch gemerkt, dass ich von meinen Gefühlen oft sehr stark überwältigt bin. Ich saß hier genau in diesem Sessel und war extrem abgefuckt. Ich dachte nur „Das kann doch nicht wahr sein, dass ich so scheiße gelaunt bin?“ Das war der Modus, dass ich alles hasse und es hasse, dass ich alles hasse. Das kennen bestimmt mega viele FLINTA-Personen, die starkes PMS haben. Es ist so nervig, weil man einfach nichts daran ändern kann, dass man sich so fühlt. Dann hab ich hie ganz wütend diese Songskizze in meinen Laptop gekloppt. „Das reicht jetzt, ich hab keinen Bock mehr nur zu schmollen“, so war das. Dann habe ich ein paar Tage später das Reel dazu gemacht. Das habe ich einfach nur gemacht, weil ich’s witzig fand und mich beschäftigen wollte. Beim aufnehmen und schneiden hab ich mich so kaputt gelacht. Das hat mir dann etwas Freude zurückgegeben. Nach dem Posten ist das plötzlich eskaliert und hatte so 30.000 Aufrufe, das ist mir noch nie passiert.

    Mir haben täglich Leute dazu geschrieben, dass ich den Song releasen soll und mich richtig gepushed. Noch an dem Tag, an dem ich das Reel gepostet habe, hab ich den Song fertig produziert. Ich hab mich so motiviert von den Leuten gefühlt. Danach hatte ich die Skizze rumliegen und dachte okay, das wird jetzt noch so lange dauern, bis ich ins Studio gehe und alles endgültig fertig wird. Ich war mit Leuten aus meinem Umfeld, Toni Vice und Crystal F im Studio. Sie waren total begeistert und Crystal F meinte, den kann ich genau so rausbringen. Ich dachte, da muss safe noch drüberproduziert werden. Aber nein, er meinte der Song wäre perfekt, so wie er ist. Ich war total überrascht. Das hab ich dann genau so einfach so schnell es geht rausgebracht. Es war super spontan und ich hab meinen Perfektionismus dafür abgelegt. Und jetzt ist das mein erfolgreichster Song bisher. Dadurch habe ich zum ersten Mal gemerkt: ich bin eine gute Produzentin. Ich habe dadurch gelernt, dass Perfektionismus nicht immer der richtige Weg ist. Manchmal muss man einfach machen.

    Dascha: Richtig gute Mischung, PMS und die Kraft von Social Media, haha. Einige meiner Freund*innen, die den Song auch gefeiert haben, meinten das sei der Sommerhit 2022. Obwohl es ja eigentlich alles andere als ein happy Sommerhit ist. Aber ich liebe diesen Kontrast!

    SERPENTIN: Eben, das find ich auch geil an dem Song. Man bringt einen Song raus und die Leute machen dann mit dem Song, was sie wollen. Ich find’s mega cool, dass das so ein Sommer-Banger geworden ist, obwohl es der schlechtgelaunteste Song ever ist. Aber das passt zu mir, weil ich immer so viele Gleichzeitigkeiten aushalte. Es ist alles scheiße, aber scheiß drauf, ich feier es, dass alles scheiße ist.

    Dascha: Voll! Ich glaube das ist deswegen auch sehr relatable für viele Leute. Generell ist deine Musik ja sehr elektronisch. Hörst du selbst viel elektronische Musik?

    SERPENTIN: Ja, absolut. Meine absolute Lieblingsband und meine größten Vorbilder sind Moderat. Ich hatte auch das große Glück sie dieses Jahr in Berlin live zu sehen, das war eine spiritual Experience. Ich hör Kaltenkirchen und Thom Yorke viel. Boy Harsher, STOCKMANN. Ich hör zwischendrin aber auch viele random einzelne Songs. Zum Beispiel photosynthese von Dilla feier ich gerade. Es ist viel Elektronik dabei, zwischendrin auch Bandmäßiges. Auch rockiges, ich komm musikalisch ja eigentlich aus dem Metal. Ich hab lange in einer Metalband gesungen. Deswegen schlägt mein Herz auch für sowas. Mit 15-16 hatte ich meine erste Band. Nothing but Thieves ist eine meiner Lieblingsbands. Aber am liebsten hör ich trotzdem elektronische Musik, ich finde das ist so ein diverses Genre.

    Dascha: Kannst du auch screamen?

    SERPENTIN: Ja, eher schlecht aber, ja. (lacht) Ich hab es immer versucht, aber es nie geschafft das gesund zu machen. Das kann ja auch wahnsinnig gefährlich sein, wenn man das unprofessionell anstellt. Aber ja, eigentlich kann ich es schon, auf meinen Konzerten schrei ich auch oft ein bisschen rum. Ich hab dann ein paar Jahre in dieser Hobby Metal Band gesungen. Aber als es sich herauskristallisiert hat, dass ich das beruflich machen will, sind die Kapazitäten und Wege auseinander gegangen. Das war aber parallel, weil ich produzier elektronische Musik auch schon seit ich 14 bin. Ich hatte früher aber nie das Selbstbewusstsein zu denken, dass ich das richtig kann.

    Dascha: Sehr cool! Was für Träume und Ziele hast du für deine musikalische Laufbahn noch?

    SERPENTIN: Meine oberste Priorität ist, dass ich immer glücklich und zufrieden bin mit dem, was ich mache. Ich weiß, das klingt ein bisschen Wandtattoo-mäßig. Ich will, dass ich immer erfüllt bin von dem, was ich tue. Andere Ziele sind ein Album rauszubringen und Vinyls und CDs zu veröffentlichen. Oder auch eine eigene Tour zu spielen. Das sind Meilensteine, die ich mir gesetzt habe. Das sind meine Träume und ich glaube, dass ich auf dem Weg dorthin bin.

    Dascha: Safe, ich glaube auch. Dann kommen wir zur letzten Frage. Das ist bei uns eine untold story, also ein kleines Geheimnis oder eine Geschichte, die du noch nicht öffentlich erzählt hast.

    SERPENTIN: Ich glaube, was viele Leute nicht über mich wissen ist, dass ich 10 Jahre Akkordeon Unterricht genommen habe. Ich besitze auch selbst zwei Akkordeons. Das ist ein Teil meiner Persönlichkeit, der leider ganz wenig Platz bekommt.

    Dascha: Geil, dann hast du ja alle gefühlt alle Genre abgedeckt: Elektro, Metal, Volksmusik.

    SERPENTIN: Ja, voll. (lacht) Meistens habe ich russische, französische und bulgarische Lieder darauf gespielt. Tatsächlich bin ich in die Musikhochschule reingekommen, weil ich in der Aufnahmeprüfung Akkordeon gespielt habe.

    Dascha: Mega cool! Danke für’s Teilen und für deine Zeit!

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    Fotocredits: @zeitfang_

  • Alli Neumann im Interview: „Es gibt mir immer viel Energie in die Zukunft zu schauen“

    Alli Neumann im Interview: „Es gibt mir immer viel Energie in die Zukunft zu schauen“

    Kaum jemand verzaubert mit Power, Sympathie und Charme so sehr wie sie. Richtig, die Rede ist von Deutsch-Pop-Liebling Alli Neumann. Sie ist Musikerin, Schauspielerin, engagiert sich für wohltätige und politische Zwecke und beweist immer wieder, dass sie noch viele weitere Seiten von sich zu bieten hat. Im September veröffentlichte sie endlich ihr lang ersehntes Album „Madonna Whore Komplex„. 12 Songs voller Vision, Stärke, Reflexion, aber auch Intimität und Verwundbarkeit. Über den widersprüchlich scheinenden Titel des Albums schrieb Alli auf Instagram: „Ich weiß gar nicht, was ich erzählen will oder was für eine Frau ich darstellen will. Aber dann habe ich gemerkt, das ist Blödsinn. Ich kann euch alle meine Facetten zeigen. Denn ich bin vieles.“ Dieser Gedanke spiegelt sich auch in der empowernden Hymne „Frei“ und dem dazu gehörigen Musikvideo wider. Das gesamte Album ist musikalisch ebenfalls so facettenreich wie Alli Neumann selbst. Doch ein roter Faden der Emanzipation hält die Songs inhaltlich bei einander. Alli scheint für sich selbst einzustehen, ihr Umfeld und wer ihr nicht gut tut zu reflektieren und zu besingen, was sie aus Erfahrungen gelernt hat.

    Das alles erweckt einen mutigen und erwachsenen Eindruck, der sowohl sehr überzeugend und standhaft klingt, als auch genug Raum zur eigenen Identifikation schafft und dabei locker ungezwungen klingt. Obwohl Pop als Genre oft das Klischee mitbringt, dass nichts außer Wohlfühl-Songs oder leeren Liebessongs dahinter steckt, ist das hier definitiv nicht der Fall. Allis Musik ist auch mal unbequem und mal sehr eigen, teilt ihren Platz aber auch mit untergebrachten Einflüssen verschiedenster Musikrichtungen. Auf Social Media zeigt die Musikerin sich ausnahmslos authentisch und wie Alli nun mal ist. Sei es einfach ihre liebevoll verrückte Art, Spaß und Abhängen mit ihrer Familie und ihren Haustieren, ihre Second Hand Outfits oder das Äußern von politischen und sozialkritischen Meinungen. Das alles macht Madonna Whore Komplex für mich zu einem der Top-3 Alben aus 2021 und Alli Neumann zu einer der spannendsten Persönlichkeiten der Musikszene. Alli wirkt immer so erfrischend herzlich, ehrlich und versucht für alle die Welt ein Stückchen besser zu machen. So kitschig es klingen mag, ich wünschte, wir alle könnten ein Stückchen Alli in uns tragen.

    „Ich brauch kein‘ erfolgreichen Mann
    Das bin ich selbst, sieh mich an“

    Alli Neumann – bike boy

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    Alli Neumann im Interview

    An einem warmen Mittwochmorgen im Herbst des vergangenen Jahres traf ich Alli via Zoom zum Gespräch.

    Dascha: Hi Alli, wie geht’s dir?

    Alli Neumann: Gut, ich bin gerade in Berlin. Ich find’s immer cool mal in einer anderen Stadt zu sein und mal was anderes zu sehen. Auch vom Land wegzukommen. Und wie geht´s dir?

    Dascha: Auch ganz gut! Wie geht’s dir mit dem ganzen Album-Release-Trubel?

    Alli Neumann: Ich bin voll drin und freue mich, dass ich so viel darüber reden darf und dass Menschen so viel über das Album wissen möchten! 

    Dascha: Wann hast du angefangen an dem Album zu arbeiten? Wie hat sich der Prozess für dich angefühlt? Was für eine Zeit war das?

    Alli Neumann: Ich hab das erste Mal vor drei Jahren angefangen an dem Album zu arbeiten, nach dem Release meiner EP. Weil nach Release ist vor Release! (lacht) Ich versuche immer zu schreiben und gar nicht erst aus dem Writing-Flow rauszukommen und nicht den inneren Schweinehund aufzubauen. Für mich ist das dem Kreativ sein wie mit dem Joggen: Am besten ist es, wenn man immer drin bleibt und keine Angst davor entwickelt. Also eigentlich hab ich angefangen an dem Album zu schreiben, als ich noch eine andere EP promoted und live gespielt habe. Dann hab ich im Lockdown eine richtig intensive Zeit für das Album gehabt. Ich hab tatsächlich viele Sachen, die davor entstanden sind, weggeschmissen. Einfach, weil ich da dann in einem ganz anderen Modus war. Ich hatte viel Zeit eine sehr intensive Beziehung zu meinen eigenen Emotionen aufzubauen und hab dann im Lockdown bei dem Album nochmal fast von vorne angefangen. Ich war so abgeschottet in dieser Zeit, da konnte ich meinen Ideen viel mehr freien Lauf lassen, wenn man nicht so viel auf anderes reagiert. Also ich bin zumindest so, ich bin jemand, der viel Ruhe braucht für kreative Gedanken.

    Dascha: Funktioniert das für dich leicht immer kreativ zu bleiben? Ich hab zum Beispiel immer nach einer Zeit ein Tief, in dem ich dann gar nicht kreativ denken kann. Wie bleibst du immer dran? Hast du irgendwelche Inspirationsquellen?

    Alli Neumann: Ich bin auf jeden Fall immer auf der Suche nach Quellen, die mir helfen kreativ zu bleiben. Mein Leben fühlt sich tendenziell eher an wie eine lebenslange Schreibblockade, um ehrlich zu sein. Jeder Tag ist ein neuer Kampf, wenn ich vor dem Zettel oder vor dem Klavier sitze. Musik ist bei mir meistens leicht, also komponieren und jammen, aber Texte schreiben find ich ganz, ganz schwierig. Aber mir hilft es Regelmäßigkeit drin zu haben und mich zu disziplinieren. Auch keine Pause dazwischen zu machen. Sich lieber zu sagen „Ey, ich schreib jetzt jeden Tag was und wenn es Schrott ist, ist es Schrott“, immerhin hab ich dann was gemacht. Ich finde je mehr man gemacht hat und je mehr Auswahl man dann hat, desto leichter ist es. Ansonsten kann ich Spazieren immer empfehlen!

    Dascha: Oh ja, spazieren hilft immer! Wie würdest du sagen unterscheidet sich das Album von den vorherigen EPs?

    Alli Neumann: Das Album ist auf jeden Fall dancier, funkier und groovier geworden! Das hat auch ganz viel damit zu tun, dass ich im Lockdown oft davon geträumt habe, wieder raus zu gehen und auch wieder live zu spielen. Mir hat dieses Gefühl von mit einander tanzen und feiern so krass gefehlt und deswegen ist das mit auf dem Album drauf. Musik ist für mich immer wie ein Medikament. Das was mir gerade im Leben fehlt, kann ich dann in der Musik bekommen. Ansonsten würde ich sagen, dass es politischer und konkreter geworden ist, als die Songs davor.

    Dascha: Genau, mir ist auch schon beim ersten Hören aufgefallen, dass du gewisse Situationen auch sehr konkret ansprichst. Vor allem Situationen mit Männern und Dinge, die dich stören, hast du thematisiert. Fiel es dir leicht so konkret darüber zu schreiben? Oder musstest du manchmal mit dir hadern bestimmte Ereignisse nochmal, vielleicht auch emotional, aufzuarbeiten?

    Alli Neumann: Es war tatsächlich so, dass ich diese Sachen sowieso aufarbeiten musste und sie gerade in meinem Leben aufgekommen sind. Die waren schwer, aber ich wusste, ich muss Sachen einsehen, mir Eingeständnisse machen und mich von manchen Menschen sogar verabschieden. Da hab ich gerade eh an meinem Album geschrieben und konnte das direkt darin verarbeiten. Es ist natürlich auch unangenehm. Ich würde sagen, es ist wie eine Therapiestunde. Ich fühl mich währenddessen sehr aufgewühlt, aber danach geht es mir besser.

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    Dascha: Und hast du auch einen Lieblingssong auf dem Album?

    Alli Neumann: Das ändert sich tatsächlich die ganze Zeit.

    Dascha: Und welcher ist es jetzt im Moment?

    Alli Neumann: Ich würde sagen heute ist es „Keine Zeit“.

    Dascha: Nice! Welche Message ist die wichtigste, die du mit dem Album überbringen möchtest?

    Alli Neumann: Dass wir Menschen alles ein können und dass wir uns nicht von gesellschaftlichen Normen bestimmen lassen müssen. Fuck it!

    Dascha: Ich finde auch, dass das Album super kraftvoll wirkt und du auch immer so viel Energie ausstrahlst. Woher ziehst du diese Energie, was gibt dir Kraft?

    Alli Neumann: Das freut mich sehr, dass du das Album auch als kraftvoll empfindest! Was mir extrem viel Energie gibt ist Musik. Es gibt mir auch immer viel Energie in die Zukunft zu schauen und mir eine neue Welt vorzustellen. Wie sie aussehen könnte, wofür man kämpfen sollte. Ich träume oft davon, wie es wäre, wenn jemand auf die Welt kommt und nicht von dem, mit dem er geboren wurde, bestimmt wird. Wenn diese Sachen nicht die Möglichkeiten einschränken, sondern wir auf die Welt kommen und wir die Sachen, die uns anders machen, zelebrieren. Dieser Gedanke gibt mir ganz viel Kraft.

    Dascha: Das wäre so toll! Was würdest du deinem jüngeren Teenager-Ich jetzt als Ratschlag geben?

    Alli Neumann: Ich würde mir den Ratschlag geben, dass alle anderen auch nur so tun, als wüssten sie, was gerade los ist. Eigentlich haben die auch keine Ahnung. Ich kann ruhig ich selber sein, man braucht keine Angst zu haben von jemandem gejudged zu werden. Und dass alles, was einen anders macht, ein Geschenk ist. Jede neue Perspektive, jeder neue Blickwinkel ist immer ein Geschenk! Das würde ich ihr sagen.

    Dascha: Ich finde, das ist auch jetzt noch ein hilfreicher Ratschlag. Hast du auch irgendwelche Vorbilder oder Inspirationen?

    Alli Neumann: Ich habe so viele Inspirationen! Aktuell ist Lizzo ein großes Vorbild für mich, vor allem was Selbstliebe angeht. Ich bin ihr so dankbar, für das, was ich aus ihrer Musik ziehen konnte. Rio Reiser ist auch ein ganz großes Vorbild für mich. Auch, weil er jemand war, der konkret in Deutschland gezeigt hat, wie man politische Ideen mit Musik verwirklichen kann. Ansonsten auch Menschen wie David Bowie oder Cher, die sich immer wieder neu erfunden haben und sich selbst nie festgenagelt haben. Menschen, die immer in Bewegung waren.

    Dascha: Du bist ja zurück aufs Land gezogen. Wie kam diese Entscheidung zu Stande? Wie beeinflusst dich das jetzt?

    Alli Neumann: Ich hab mir immer gewünscht aufs Land zurück gehen zu können. Mein Traum war es immer wie die Ton Steine Scherben zu leben. Die hatten einen Bauernhof in Fresenhagen und haben dann immer da gearbeitet, Sachen aufgenommen und die Natur genossen. Dann wiederum zum live Spielen rausgegangen und durch Städte getourt. Ich bin einfach ein Mensch, der das Leben auf dem Land sehr liebt und diese Ruhe für Kreativität braucht. Wenn kein Lockdown gewesen wäre, hätte ich den Schritt glaube ich erstmal nicht gemacht. So hatte ich genug Zeit mich darum zu kümmern und mir einen Ort zu schaffen, an dem ich gerne bin. Jetzt bin ich super froh, diesen Ort zu haben, an den ich immer wieder zurück kommen kann. Und einfach mit meinen Hasen und meiner Hündin im Garten abhängen kann.

    Dascha: Das klingt so schön! Vermisst du die Stadt trotzdem manchmal?

    Alli Neumann: Aktuell nicht, ich bin ja ein bisschen Pendlerin. Ich bin trotzdem relativ viel in Hamburg und in Berlin. Jetzt bin ich gerade eher viel in der Stadt und vermisse wieder das Land.

    Dascha: Ich glaube du hast auch eine ziemlich enge Bindung zu Polen und deiner polnischen Herkunft, oder? Was bedeutet für dich diese Bindung und inwiefern ist sie Teil deiner Identität?

    Alli Neumann: Ich glaube jede weitere Herkunft lehrt, dass es nicht die eine ultimative Wahrheit gibt. Man weiß, dass es nicht die eine Kultur gibt, die richtig liegt. Ich glaube das beeinflusst mich am meisten, zu wissen, dass es immer mehrere Blickwinkel und Realitäten gibt. Speziell am Polnischen hat mich aber geprägt, dass bei uns Familie ganz groß geschrieben ist. In Polen ist es oft üblich, dass man auch in Mehrgenerationshäusern lebt. Das merk ich auch sehr bei mir, ich muss immer bei meiner Familie sein, wenn ich frei hab. Eine Sache über die ich sehr froh bin!

    Dascha: Ich fühl mich auch sehr verbunden zu meiner russischen Herkunft, gleichzeitig bin immer im Konflikt zwischen „Ich liebe es dort so sehr“ und den negativen, wütenden Gefühlen aufgrund von politisch-gesellschaftlichen Zuständen und Menschenrechtsverletzungen. Letzteres lässt mich auch ein bisschen so fühlen, als würde ich dann doch nicht ganz dazu gehören wollen. Geht es dir vielleicht ähnlich? Wenn ja, wie gehst du damit um?

    Alli Neumann: Natürlich wird man vor allem von anderen öfters auf die politische Situation dort angesprochen. Trotzdem ist es eine Problematik, die das Land zwar betrifft, die ich aber nicht als meine polnische Identität wahrnehme. Die beobachte ich frei davon. Es gibt ja auch noch die andere Hälfte der polnischen Menschen, zum Beispiel fast alle, die ich kenne, die ganz anders und offen denken. Deswegen ist da für mich überhaupt kein Widerspruch, dass man eine links-liberale Person ist und gleichzeitig polnische Identität zelebriert. Diese konservative Einstellung gibt es auf jeden Fall dort, sie ist aber nur eine Abzweigung. In jedem Land gibt es Probleme und es ist wichtig zu schauen, was man damit in der Kultur und Identität macht.

    Dascha: Ich versteh’s absolut! So soll es ja auch eigentlich sein. Leider fällt es mir zum Beispiel trotzdem schwer, mich davon komplett los zu lösen. Der innere Konflikt bleibt trotzdem.

    Alli Neumann: Ich versteh das auch! Es hat mich mega lang beschäftigt und kommt manchmal immer noch auf. Vor allem jetzt, wo öfters was gesagt wird wie „Die in Polen haben doch voll einen an der Klatsche“. Sowas wird mir einfach in’s Gesicht gesagt! „Die sind doch alle erzkonservativ und homophob“, natürlich gibt es diese Menschen, die sind ein Problem. Aber ich glaube man muss sich gerade dann als Polin präsentieren und zeigen, dass es auch ganz viele andere Menschen gibt. Menschen die lieb sind, offen und progressiv sind. Diese Menschen müssen wir viel mehr sehen und unterstützen!

    Dascha: Da hast du Recht! Du setzt dich ja auch viel und aktiv für gute Zwecke ein. Was würdest du Menschen sagen, die zwar schon auf dem richtigen Weg sind, aber noch zu faul, um sich aktiv einzusetzen? Welchen Anreiz würdest du mit auf den Weg geben?

    Alli Neumann: Ich kann sagen, es lohnt sich, sogar allein für sich selbst, in’s Ehrenamt zu gehen. Mir hat nichts anderes so gut getan. Weil das Ehrenamt einfach ein Ort ist, an dem man Menschen begegnet, die völlig wertfrei sind von dem, was man normal in der kapitalistischen Welt leistet. Da geht es um Community und das Miteinander. Alle Menschen, die ich im Ehrenamt kennengelernt habe, waren immer richtig toll. Und die sagen auch alle, dass es ihnen gut geht, wenn sie etwas sinnstiftendes machen. Deswegen geht alle in’s Ehrenamt! Wenn ihr darüber nachdenkt, tut es einfach. Tut euch selbst den Gefallen!

    Dascha: Das klingt so schön, hoffentlich nehmen sich das ein paar Leute zu Herzen. Ich beschäftige mich auch ziemlich viel mit politischen und gesellschaftlichen Themen und Diskursen, aber manchmal hab ich ein Tief und dann das Gefühl, dass ich keine Kraft habe, mich jetzt noch mit einem weiteren neuen Thema oder Problem auseinander zu setzen. Gleichzeitig kommt dann das schlechte Gewissen, weil ich weiß, ich bin privilegiert genug, um zu entscheiden, wann ich mal wegschaue. Kennst du das Gefühl? Hast du einen Tipp, wie man dagegen ankämpfen kann?

    Alli Neumann: Mein Tipp ist, dass man bei allen Sachen, mit denen man sich beschäftigt und die man verbessern möchte, man trotzdem auf sich selber aufpassen muss. Weil wenn es dir selber schlecht geht, hast du auch keine Kapazitäten. Dann kannst du auch niemandem anderen helfen. Es ist wichtig auf sich selber zu hören. Aber ey, ich struggle damit natürlich auch voll!

    Dascha: Na das ist beruhigend zu hören. Zum Ende hin ein kleiner Themensprung. Was sind zur Zeit deine Lieblingsalben?

    Alli Neumann: Zur Zeit Women In Music Pt III von HAIM, das hab ich sehr sehr viel gehört. Und Solarbased Kwing von Kaleo Sansaa, das ist eine Musikerin aus Berlin, die macht richtig krasse Musik. Das sind gerade meine Main-Alben. Außerdem kann ich noch ein Album empfehlen, das ist von Manfred Krug. Das ist ein Musiker, der deutschen Funk und Soul gemacht hat.

    Dascha: Dann kommen wir schon zur letzten Frage. Das ist bei uns immer eine untold story, also ein kleines Geheimnis oder eine Geschichte, die du noch nicht öffentlich erzählt hast. Fällt dir da was ein?

    Alli Neumann: Ich finde frisch lackierte Nägel bei mir immer total spießig. Deswegen lackiere ich sie mir immer und kratze den Nagellack direkt halb wieder runter, damit er ein paar Tage alt aussieht.

    Dascha: Krass, das hab ich noch nie von jemandem gehört.

    Alli Neumann: Ja, ich glaube das wundert Menschen immer. Bei anderen find ich frisch lackierte Nägel cool und schön. Aber bei mir hab ich das Gefühl, dass ich falsche Erwartungen erwecke. (lacht) Dass Leute sonst denken würden, dass ich mein Leben im Griff hätte oder dass ich normal bin.

    Dascha: Ich muss zugeben, irgendwie macht das Sinn. Ich danke dir für deine Zeit und vor allem für dein tolles Album, ich liebe es ganz doll!

    Alli Neumann: Das ist so lieb, das freut mich so sehr! Danke!

    Wer auch nicht genug von Alli Neumann kriegen kann, kann sich hier den frei zugänglichen Film WACH mit ihr als eine der Protagonistinnen anschauen:

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    Fotocredits: Clara Nebeling

  • Krisen vor der Haustür, einsame Hornissen und die fehlende Balance: „YinYin“ von Albert Luxus

    Krisen vor der Haustür, einsame Hornissen und die fehlende Balance: „YinYin“ von Albert Luxus

    In diesen dunklen und kalten Tagen veröffentlicht die Kölner Band Albert Luxus heute ihr Album „YinYin“ und bringt uns damit den richtigen Soundtrack für gedankenverlorene Nächte in schweißnasser Flanellbettwäsche. Der aufmerksamen Leser:in mag hier auch schon aufgefallen sein, dass „YinYin“ irgendwie seltsam anmutet, denn da fehlt doch was? Von dem in der ganzen Welt beliebten Nackentattoo „Yin Yang“ ist bei Albert Luxus nur noch das einsame Ungleichgewicht der Einzelkomponente geblieben.

    „Yin“ bedeutet dunkel, kalt, negativ. Und in Verbindung mit „Yang“ – hell, hoch, positiv – bildet es nach der traditionellen chinesischen Philosophie das essentielle Gleichgewicht der Kräfte. Küchentischphiliosophie Grundkenntnisse. Schon bei einmaligem Hören des Albums wird klar, warum es nicht „YangYang“ heißt, denn Albert Luxus hält der Gesellschaft erbarmungslos den Spiegel vor. Und der zeigt eher so die böse Stiefmutter als das hübsche Schneewittchen. Die Harmonie unserer schönen Welt scheint einige Dissonanzen zu verbreiten. „YinYin“ soll uns das aufdröseln.


    Kopfloses Gedudel oder Befreiungsschlag?

    Als passende Einleitung in diesen Themenkomplex bietet sich der Titelsong „YinYin“ an. Die minimalistische Bandbesetzung kommt schon fast nur mit dem Groove aus Bass und Schlagzeug aus, um den Song treiben zu lassen. Die Blubbersounds der Sologitarre und die psychedelischen Vocaleffekte sorgen für ein Gefühl der Schwerelosigkeit im freien Fall. Im Text hängen die rhetorischen Fragen nahtlos aneinander. Sie erwarten keine Antworten oder geben sich gleich selbst welche. Ein Gefühl von Orientierungslosigkeit breitet sich in mir aus, die Orientierungslosigkeit einer ganzen Generation. Alles überschlägt sich und schichtet sich zu einem großen Haufen eitler Individualitätsmerkmalen. „Wo leuchtest du?“ — Was ist dein Steckenpferd? Wie stellst du dich gern zur Schau? Der Song erklärt Selbstinszenierung als wesentliche Gepflogenheit. Eine gesellschaftliche Mechanik, um aus der Masse hervorzustechen.

    Solche Phänomene lassen sich in den Texten von Matthias Sänger immer wieder blicken. So auch im Track „Gott vs Tinder“, über den lakonischen Hedonismus und das neue sexuelle Erwachen der 10er Jahre, das musikalisch so passend durch das leise „Ulalala“ des Backingchors aufgriffen wird. „Ulalala“, kopfloses Gedudel oder Befreiungsschlag? Der Vergleich Tinder und Gott mag an einigen Stellen hinken, aber greift doch interessante Denkanstöße auf: Monogamie der heiligen Ehe vs. neue Bekanntschaften, die die Bettlaken kaum erkalten lassen. Oder Tinder als Überlistung der natürlichen Paarungszeit 1 Mal im Jahr auf der Firmenweihnachtsfeier. Mir gefällt das sehr.


    „Hier ist es kalt, hast du da Heizung?“
    Albert Luxus, YinYin, indiepop, german indie, pop, alternative, indierock, folkrock, deutschsprachig, albumreview, untoldency, untold music, credit Laurentia Genske

    Die Texte auf „YinYin“ sind die meiste Zeit angenehm uneindeutig und lassen viel Platz für Interpretation. Das Schöne daran: Ich weiß manchmal nicht, ob ich die Zeilen lustig oder bitter finden soll. Sie sind im besten Sinne ambivalent und polarisieren, da sich jede:r darin an der ein oder anderen Stelle wiederfinden kann. Und deswegen vielleicht das Lachen dann kurz im Hals steckenbleibt, weil man sich ertappt fühlt.

    In „Zeitzonen“ betören zwar die geschmackvollen Gitarrensounds unsere Ohren, die Lyrics kritisieren nach meinem Verständnis aber gleich mehrere Verhaltensweisen scharf. Zum einen die Jagd nach neuen Krisenherden und spannenden Katastrophen in der ganzen Welt und der damit verbundene Voyeurismus von Menschen mit Helfersyndrom. Andererseits aber auch die Apathie so mancher Ewigdaheimgebliebenen, die sich nicht im Traum vorstellen können, dass in Afrika jemand ein Smartphone besitzt. Eventuell geht es auch einfach um zwei Personen, die sich in verschiedenen Teilen der Erde befinden. Und nachts oder ganz früh morgens aufstehen, um sich eine halbe Stunde im Videochat sehen zu können, weil sie sich so sehr vermissen. Wer weiß das schon. „Heizung“ auf „Zeitzone“ zu reimen ist allerdings nichts anderes als äußerst erfrischend und elegant.


    Mit Allradantrieb zum Olymp

    Die Szenerie im Song „Himalaya“ lässt mich unweigerlich an die abgefrorenen Gliedmaßen von Extrembergsteiger:innen denken, die sich nach irgendeinem Blockbuster mal ganz eklig in mein Gedächtnis gefrierbrannt haben. Ich habe mich die ganze Zeit gefragt: war es das wirklich wert? Die gleiche Frage stelle ich mir auch im Song, in dem die Bezwingung des Gipfels den sozialen Aufstieg verbildlicht. „Vis a vis, wie mit den Stars“. Ganz weit oben, auf dem Olymp. Und trotzdem keine Zehen mehr, toll. So mag es einigen ergangen sein. Von hier unten aber auch schwer zu beurteilen.

    Ein weiteres Sinnbild für den sozialen Aufstieg begegnet uns dann durch das Statussymbol überhaupt: Ein großer, dicker Einfamilienpanzer, der sich durch die Innenstädte schiebt. Der „SUV“. Der gleichnamige Titel trumpft mit Retro-Indierocksounds auf, die an Balthazar oder Grizzly Bear erinnern. Der fadenscheinige Reiz dieser Dekadenz auf vier (oder mehr) Rädern wird hier gekonnt zynisch an den Pranger und in Frage gestellt. Somit hätten wir wirklich schon einige Schattenseiten des 21. Jahrhunderts abgehandelt, dabei sind wir gerade erst bei der Hälfte des Albums angekommen.

    „Eine Irrfahrt durch den Park
    Die Pferde rauchen stark
    Die Blicke scharf und gut dressiert
    Es riecht so gut nach Gras
    Scheiben aus Panzerglas
    Dahinter geht’s auch schon zu mir“


    Der schönste Platz ist immer an der Theke

    Das Zusammenspiel von Drums und Bass ist auf Albumlänge besonders gelungen und läuft auch in „Ein Glas aus Sympathie“ wie eine präzise Dampfmaschine im Takt. Dazu scheucht uns der Schellenkranz durch den Song und lässt selbst den einsamsten Introvert in der Ecke mit dem Fuß wippen. Das ist der Soundtrack für den Kneipenabend, der eigentlich nach ein oder zwei Bier enden sollte und mit Erwachen auf den Badezimmerfliesen seinen krönenden Absturz findet. Dieser Song ist ein Toast auf all die guten Freunde, die auch mal Scheiße labern, wenn sie voll sind. Und natürlich ein Toast auf all die guten Freunde, die meinen und deinen eigenen gequirlten Quark wohlwollend abnicken, wenn wir voll sind. Dieser Song ist die Erkenntnis, dass nicht jedes ehrliche Wort auch wahr ist.

    Musikalisch passt auf „YinYin“ alles richtig gut zusammen. Unter dem Deckmantel „Indiepop“ sammelt sich hier so einiges an. An mancher Stelle grüßt zum Beispiel ein Folkrock à la Wilco oder Fleet Foxes, an anderer Stelle habe ich das Gefühl, hier die ausgefeilte Version von Bands wie Von Wegen Lisbeth oder Provinz vor mir zu haben. Auch weil Die Höchste Eisenbahn als Referenz sicherlich für Albert Luxus eine Rolle spielt, muss die Band den Vergleich keineswegs scheuen und steht durch die raffinierten Harmonien und die lyrische Qualität der Texte mal mindestens auf Augenhöhe.


    Zwischen Voodoo und Hey Hey Yeah

    Über den Pianopop von „Voodoo“, der frühe Keane– oder Coldplayvibes bereithält, zeigt sich unter anderem in Songs wie „Sibirisches Eis“ auch ein weiteres prägendes Instrument dieses Albums. Der Vintage-Synthesizer „Solina String Ensemble“, der eine Brise Schlaghose, Mustertapete und Früchtebowle in euer Wohnzimmer pustet. Worum es im Text geht kann ich diesmal wirklich nur mutmaßen. Vielleicht um exzessiven Drogenkonsum? K.O. Tropfen? Oder halbnackt im Winter aus dem Club kommen und sich serotoninbetrunken die Erkältung des Lebens zuziehen. Oder was komplett anderes.

    In einer feuchtkalten Novemberkulisse eskortieren uns die „Einsamen Hornissen“ allmählich zum Ende des Albums. Während unter dem Raureif die Sorgen und Geheimnisse der einen eingewintert werden, suchen die letzten überlebenden Hornissen den Boden nach etwas Erhellendem ab. Das Streben nach Glück ist ein wiederkehrendes Motiv auf „YinYin“, das hier durch Übereifer und Wahnsinn der in Panik zustechenden Hornissen beschrieben wird. „Hey Hey Yeah“ — das ist der hysterische Schlachtruf der Opportunisten. Und klingt dabei wie ein energetischer Refrain von The Verve, nur halt 25 Jahre später.

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    Fazit

    Ich bin nie über Küchentischphilosophie Grundkenntnisse hinausgekommen, aber wenn ich eins mit Sicherheit sagen kann, dann dass Albert Luxus auf „YinYin“ absolut im Gleichgewicht schwingt. Die Texte sind besonders ausschlaggebend für die Einzigartigkeit dieser Band. Niemals verliert sich auch nur eine Zeile in floskelhafter Langeweile oder biedert sich irgendwelchen Popnormen an. Klar, die Themen wiegen schwer und Gesellschaftskritik ist immer wie eine heiße Kartoffel im Mund, die man einfach nur schnell runterschlucken möchte. Aber diese Platte ist angenehm unkitschig und bedient sich eben nicht am schillernden Pathos. Dazu eine wirklich überzeugende Band mit viel Schwung und eine alternativpoppige Produktion. So sollte deutschsprachige Indiemusik immer sein: fordernd, witzig und verzwickt. Für mich definitiv eines der besten Alben dieses Genres in 2021!

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    Fotocredit: Laurentia Genske