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Sweed im Interview: “Es ist voll okay sich zu öffnen, es ist voll okay nicht immer cool dazustehen”

Vergangenen Freitag veröffentlichte Newcomer Sweed endlich seine Debüt-EP Sweedside. 6 Songs, 21 Minuten, eine Reise durch sehr unterschiedliche Songs, unterschiedliche Sounds und unterschiedliche Themen. Vorab: Dieser Artikel dient als Hör-Empfehlung. Es ist erst Mitte Juli, es ist also noch Zeit genug sich die EP anzueignen und die Songs zu euren Sommertracks des Jahres zu machen, los geht’s.

In welches Genre lässt sich seine Musik einordnen? Genau kann man das nicht sagen. Doch das möchte Sweed auch gar nicht genau definieren und präsentiert stattdessen stolz all seine Facetten. An musikalischer Diversität und an Sympathie mangelt es dem leidenschaftlichen Skater nicht. Grund genug ihn in eure Spotify-Mediathek aufzunehmen? Hoffentlich. Aber nicht nur das hat er, sondern auch die Fähigkeit, tiefe Themen, die ihn beschäftigen oder bedrücken in tanzbare sommerliche Vibes zu verpacken wie in Generation Z. Auch leichtere Kost wie in Summernight oder ehrliche, sensible Offenbarungen wie in Birdsong kommen nicht zu kurz. Auf der EP ist einiges in ein kompaktes Ganzes verstaut, was sich als erste EP definitiv gut zeigen lässt und schon mit den großen deutschen englischsprachigen Acts mithalten könnte. Das gesamte Ding fühlt sich erfrischend zwanglos und frei an.

Eine weitere Sache die mir positiv aufgefallen ist, ist dass genug andere Themen als nur Liebe sich in den Songs widerspiegeln. Wow! Wow? Ohne zu zynisch wirken zu wollen: Eine weitere Veröffentlichung von Indie-Männern, die nur Lovesongs singen, hätte ich kaum überlebt. Dafür bin ich aber umso mehr in love in der EP! (Ein Wortspiel darf an dieser Stelle sein, wir sprechen hier schließlich von Sweedside.) Die Songs gehen erstaunlich leicht in’s Ohr – und bleiben dort auch. Den Rest erzählt Sweed aber selbst, in dem Resultat unseres Zoom-Gesprächs, in dem wir außerdem nebenbei festgestellt haben, dass wir beide Senf lieben.

Dascha: Hey, Niklas, freut mich, dass das geklappt hat. Wie geht’s dir im Moment?

Sweed: Hey, Dascha! Mir geht’s mega, bis auf etwas EP- und Probestress. Wir spielen zur EP ja ein Konzert in meiner Heimat in Biberach vor tanzendem Publikum. Die Mitglieder der Band kommen extra aus Berlin und Dresden, wir treffen uns gerade hier in der Heimatstadt jeden Tag zum Proben, wir wollen das halt perfekt machen.

Dascha: Wie kommt’s, dass deine Liveband so weit entfernt wohnt?

Sweed: Die Jungs kommen eigentlich auch von hier und ich kenn sie von früher, früher waren sie die Band von Luke Noa. Aber die sind immer am Start bei sowas.

Dascha: Kannst du dich kurz mal vorstellen, für alle, die dich noch nicht kennen?

Sweed: Ich bin Niklas, bin 23 Jahre alt, wohne in Stuttgart und veröffentliche unter dem Namen Sweed Musik.

Dascha: Deine EP kommt ja jetzt endlich! Wie fühlst du dich so kurz vor Release? Bist du aufgeregt?

Sweed: Ich bin etwas aufgeregt, aber ich konzentriere mich gerade eher auf die Proben und im Hintergrund ist einfach gerade so viel los.

Dascha: Wie lief der Entstehungsprozess der EP? Wie lange hast du daran gearbeitet?

Sweed: Beim Entstehungsprozess war es so, dass ich eigentlich schon ein paar Songs ready hatte für die EP. Dann haben der Luke Noa und ich uns zusammen eingeschlossen im Oktober und haben die Songs alle produziert. Danach hab ich mich mit meinem besten Kumpel zusammen gesetzt, der die Grafiken macht, mit dem hab ich dann ein Konzept ausgearbeitet. Jetzt passt jede Single farblich aufeinander und die EP hat in ihrem Artwork dann alle einzelnen Farben der Single-Cover in sich. Birdsong haben wir damals auch schon produziert, das war ja dann der erste veröffentlichte Song.

Direkt drei Wochen danach kam Never Belong. Dann hab ich mich kurzfristig umentschieden und habe noch Cold Desert geschrieben, den haben wir dann erst im Februar gemacht. Someone hab ich tatsächlich erst im Mai geschrieben, der wurde dann mit einem anderen Song ausgetauscht. Generation Z lag halt schon ewig rum und dann dachte ich mir “Boah, das ist halt ein Song, der ein ziemlich krasses Thema hat, aber irgendwie auch voll nach vorne geht. Der muss geil ausproduziert werden und muss eigentlich auf die EP.” Dann sind wir extra nochmal in’s Studio gefahren und haben den mit echten Instrumenten aufgenommen, nichts digitales, nur durch analoge Sachen.

Dascha: Hast du dich ursprünglich an einem bestimmten Konzept entlang gearbeitet oder sind die Songs komplett unabhängig von einander?

Sweed: Ne, ich hab mich an nichts festgehalten. Das war am Anfang teilweise irgendwie ein Konzept und dann kamen spontan doch noch andere Songs drauf, statt den eigentlichen.

Dascha: Someone klingt ja eher düsterer und rockiger, als deine anderen Songs. Was waren die Einflüsse dahinter?

Sweed: Im Song geht’s einfach darum, dass man oft nicht man selber ist. Oft ist es so, dass wenn man eine Person kennenlernt, die man sehr cool findet, man ein bisschen das Verhalten oder Aussehen der Person adaptiert oder kopiert. Man macht dann nichts aus sich selbst heraus und lässt sich nur von außen beeinflussen. Social Media spielt da auf jeden Fall eine riesen große Rolle und macht sowas viel schlimmer. Der ist rockiger und düsterer, weil das Thema einfach ein bisschen ernster ist. Ich finde, dass die Dramatik des Themas einfach nicht rüberkommt, wenn man das instrumentell nicht auch zeigt. Deswegen habe ich den etwas düsterer gestaltet.

Dascha: Und Generation Z hat auch ein bestimmtes Thema, kannst du mal deine Gedanken zu dem Song erklären? Geht ja thematisch auch in diese Richtung.

Sweed: Wie eben auch schon erwähnt mit dem Social Media-Thema. Die Leute strahlen da nach außen, aber innerlich, egal ob wahrscheinlich bei dir im Freundeskreis oder bei mir – Wir sehen nach außen so cool aus, aber innerlich hat fast jeder Probleme und ist irgendwie am Arsch. Ich merk das voll in meinem Freundeskreis, dass innerlich alle so arg gebrochen sind und nach außen nur so eine Hülle zeigen. Aber es ist voll okay sich zu öffnen! Es ist voll okay, nicht immer cool dazustehen! Aber die Medien geben uns diesen Anschein vor und das ist einfach schade. Der Song hat ja am Anfang so ein bisschen diesen Urlaubs-Vibe, da ist alles so “Yeah, Skaten, Urlaub, Sommer, man nimmt Drogen und trinkt Alkohol”, aber am nächsten Tag sind wir wieder alle mit unseren Problemen alleine. Ich glaube, so geht es sehr vielen, die gerade im Alter zwischen so 19 und 24 sind.

Dascha: Ja, das kann ich absolut aus Erfahrung bestätigen, so geht’s echt vielen! Was erhoffst du dir mit der EP bei den Hörer*innen zu erreichen? Welchen Vibe oder Eindruck?

Sweed: Ich dreh die Frage mal um, welchen Eindruck hat sie denn bei dir hinterlassen?

Dascha: Schwierig sich da genau festzulegen. Es waren auf jeden Fall total unterschiedliche Eindrücke bei Someone und dann verglichen mit zum Beispiel Summernight. Es war so ein auf und ab mit Überraschungen, aber ich hab’s genossen.

Sweed: Und genau so soll es auch sein! Das ist die Sweedside EP, das beschreibt so die Seiten von Sweed. Ich hab da kein Konzept, es muss nicht jeder Song dem selben Genre entsprechen. Die Leute sollen einfach wissen, was ich auf dem Kasten hab und was ich zu bieten hab. Ich lasse mich einfach ungerne in eine Schublade stecken. Ich mache einfach das, worauf ich Bock habe und hoffe, dass es gut ankommt.

Dascha: Eine Frage, die mich persönlich einfach interessiert, auch wenn sie wahrscheinlich schwer zu beantworten ist. Wieso kommen so viele gute Musiker aus Stuttgart? Merkt man vor Ort was davon, gibt’s da eine feste Szene? Wie wirkt sich das aus?

Sweed: Dafür gibt’s keinen bestimmten Grund, es gibt auch keine feste Szene oder so. Wir wirken uns auch nicht aufeinander aus, würde ich sagen. Ich bin auf jeden Fall mit einigen Leuten dieser “New Generation” an Stuttgarter Musikern connected, wir haben irgendwie unabhängig von einander ungefähr gleichzeitig angefangen Musik zu machen. Find’s super, dass wir uns untereinander pushen und supporten und nicht irgendwie ausgrenzen. Mit Zimmer90 bin ich zum Beispiel ziemlich cool, das sind super Jungs! (Zum Interview mit Zimmer90 geht es hier lang) Dickes Shoutout auch an Edwin Rosen und Flawless Issues!

Dascha: Okay, das klingt ja nice! Hab das Gefühl es gibt jetzt diese komplett neue Welle aus Stuttgart mit Rikas, Edwin Rosen und co. Und früher gab es da, auch wenn das eher in eine andere Richtung geht, diesen Schwung an Stuttgarter Musik um Cro und alle drumherum, Maeckes, bzw. die Orsons, das war schon krass.

Sweed: Ja, Chimperator war ja echt wie ein Imperium damals. Danju, SAM, alle die irgendwie was mit Cro zu tun hatten, waren alle von so einem großen Hype umgeben, das war richtig krass! Obwohl die ja aber auch alle nicht direkt aus Stuttgart kommen, sondern aus kleineren Orten in der Nähe, wie ich.

Dascha: Ja genau, ich erinnere mich noch gut an diesen Hype um die Chimperator-Ecke, das war verrückt. Was für Bands und Artists feierst du im Moment selbst besonders?

Sweed: Ich feier dauerhaft Alex Turner, für Arctic Monkeys, aber auch für The Last Shadow Puppets mit Miles Kane. Am allermeisten feier ich immer The Neighbourhood, ich finde Jesse Rutherford einfach unfassbar cool. Was mich zur Zeit mega inspiriert sind Sharktank aus Österreich.

Dascha: Absolut, Arctic Monkeys kann ich einfach immer hören, das wird nie auch nur ansatzweise langweilig.

Sweed: Und es ist einfach wirklich alles krass gut. Jedes einzelne Album!

Dascha: Naja, Tranquility Base Hotel & Casino fand ich bis auf ein paar wenige Songs etwas… gewöhnungsbedürftig.

Sweed: Ach ja stimmt, da waren die ersten beiden Songs nice. Naja, dann mein ich: Jedes Album bis hin zu AM war krass gut.

Hast du noch bestimmte Pläne oder Ziele für dieses Jahr? Egal ob auf Musik bezogen oder nicht.

Sweed: Mein großes Ziel ist es einen Partner zu finden, mit dem ich zukünftig an meinen Projekten arbeiten kann, der mich unterstützt und genauso Bock auf dieses Ganze Sweed-Ding hat. Ansonsten würd ich gern dieses Jahr mein Fernstudium abschließen.

Dascha: Ich wünsch dir viel Erfolg dabei! Zum Schluss frage ich, wie immer, nach einer untold story. Hast du ein kleines Geheimnis parat?

Sweed: Danke! Als untold story kann ich sagen, dass ich immer mit meinen Augen rolle und Leute nehmen das oft so wahr, als wär ich genervt, so dieser klassische Augendreher. Aber eigentlich ist das nur irgendein Tick und ich hab das gar nicht unter Kontrolle.

Foto Credit: Elena Pagano

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