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Lina Maly im Interview: »Ich bin emotional viel angreifbarer geworden«

Die Acoustics Concerts sind bereits im vollen Gange und wir bei untoldency haben die Ehre euch mit geilem Content zu allen wundervollen Künstler:innen zu versorgen! How exciting für uns, wie für euch! 😍 Auch die Hamburger Songwriterin Lina Maly ist am Start. Mit ihrer gefühlvollen Stimme wird sie euch am 11.07. in Offenbach und am 18.07. in Dresden verzaubern. Ich habe mit ihr über die anstehenden Konzerte sowie über ihr im Oktober erscheinendes drittes Album gesprochen. Wenn es euch jetzt schon in den Fingern juckt, bestellt das Album hier bereits vor.

Lina Maly im Interview

Evelin: Hey Lina, so langsam geht es jetzt ja auch für dich in Richtung Normalität los mit ein paar Konzerten. Wie sehr freust du dich auf deine zwei Shows mit Acoustics Concerts?

Lina: Ich bin total aufgeregt, wie das alles wird! Ich habe letztens schon zwei Shows gespielt und es war sehr, sehr schön. Ich habe das Gefühl die Leute sind dankbarer als vorher. Sie haben supergut zugehört und waren ganz aufmerksam. Die kamen danach auch zu mir und haben gesagt, dass sie es so schön finden, dass es das jetzt wieder gibt. Man merkt, dass die Leute auch mega Bock darauf haben, dass sie es fast brauchen. Und das freut mich natürlich, dass ich ihnen das wieder geben kann.

“Es sind sehr intime Texte”

Evelin: Kommen wir zum neuen Album. Nach und nach kommt jetzt Single für Single raus und am 29.10.2021 dann das Album Nie zur selben Zeit. Das ist alles bestimmt super aufregend! Willst du mir erklären, worum es in dem Album gehen wird?

Lina: Erst mal kann ich sagen, dass es das erste Album ist, wo ich mitproduziert habe. Es ist eine Koproduktion und deswegen ist es für mich noch viel aufregender, weil es quasi mein Produzentinnen-Debut ist. Das ist auf jeden Fall sehr besonders an diesem Album.

Es geht viel um Liebe. Ich habe die beiden Platten davor auf die Gesellschaft gestützt und mich da ausgetobt. Ich habe viele Sachen gesehen und viel thematisiert. Jetzt bin ich wahrscheinlich auch wegen der Pandemie mit mir allein gewesen und habe viele Gefühle in mir selbst gefunden, die sehr persönlich sind. Es sind sehr intime Texte, weil ich über Sehnsucht, Schmerz, unerwiderte Liebe, auch über erwiderte Liebe singe, über das Aufkeimen von Liebe, die Trauer, meine Großtante verloren zu haben. Und diese Momente, die einen auch dazu bringen, dass, wenn man Filme guckt, heult. Das ist ja nicht unbedingt, weil es dich first hand berührt. Es berührt einen, weil man das mit irgendwas verbindet. Ich habe letztens Die Wilden Hühner wieder gesehen und ich habe so geheult, weil mich das an eine Zeit erinnert hat, die vorbei ist.

In dieser Pandemie ist Berlin auch mega traurig gewesen. Es waren gar keine Touris da, die man ja normalerweise alle hasst. Aber zu diesem Zeitpunkt hätte man sie gerne gehabt, weil es so leer war. So traurig, so grau dieser Winter. Ich habe das Gefühl, dass ich emotional noch mal viel angreifbarer geworden bin. Ich bin viel isoliert gewesen, was auch eine interessante Erfahrung war. Aufgrund meines Jobs war ich natürlich immer sehr viel unterwegs, habe viele neue Leute kennengelernt und hatte diese ständig um mich rum, wahrscheinlich auch fast ein bisschen zu viel. Als dann alles weggebrochen ist, war ich mit mir allein. Was aber langfristig gesehen total die gute Erkenntnis war, weil Gefühle aufkamen, die ich ganz oft auch unterdrücke. Mein Leben lenkt mich, wie es immer war, auch jetzt wieder wird, gut von meinen eigenen Problemen ab.

“Vor sich selbst hat man keine Scham”

Evelin: Was willst du deinen Hörer:innen mitteilen? Was erhoffst du dir, dass sie aus dem Album für sich mitnehmen?

Lina: Viele Songs haben etwas Hoffnungsvolles. Ich habe einen Song darübergeschrieben, wie es sich anfühlt, Opfer von sexueller Gewalt zu sein. Das begleitet mich jetzt schon super lange. Der wird aber zum Ende hin total hoffnungsvoll. Ich habe mich damit auseinandergesetzt, was man als Opfer hören möchte; das weiß ich ja auch selbst. Der Song heißt Schmerz vereint und da erhoff ich mir natürlich, dass es den Leuten Halt und Kraft gibt oder dass man sich nicht so alleine fühlt. In einem anderen Song geht es darüber, dass du in einer grauen Stadt wohnst und alle anderen Städte sind für dich auch grau. Bis diese eine Person kommt, die das alles aufbricht und ein Kuss kann halt alles verändern. Ein anderer Song heißt Wir bleiben wach. Er fängt zwar auch sehr düster an, aber bricht dann auf mit diesem Kuss im Refrain.

Wahrscheinlich ist es alles das, was ich selbst gebraucht habe (lacht). Ich habe noch nie ein Konzeptalbum gemacht. Das ist einfach eine Sammlung von Songs, die entstanden sind und mir viel bedeuten. Ich glaube dadurch, dass es eine düstere Zeit für uns alle war, vor allem für die Kulturbranche, habe ich auch viele hoffnungsvolle Enden und Teile versteckt.

Evelin: Du hast ja schon erwähnt, dass du generell sehr persönlich schreibst. Ist das manchmal besonders kraftraubend und erschöpfend?

Lina: Nein, es ist überhaupt nicht kraftraubend für mich. Es schenkt mir total viel, es ist eine Art Therapie. Als würde man einer Freundin ein Geheimnis gestehen: Wenn man es ausspricht, ist es wirklich schon besser. Es tut mir total gut, darüber zu singen. Manchmal hat man ein Gefühl und weiß nicht, wo das herkommt. Ich mache das so, dass ich einfach drauf losschreibe oder spiele und dann kommt irgendwas raus, was mich gerade beschäftigt. Ich merke in dem Moment manchmal erst, wie doll mich das beschäftigt. Das Unterbewusstsein macht so viel und es ist gut darüber zu reden, es auszusprechen und darüber einen Song zu schreiben, weil es einen dann auch erleichtert. Für mich ist es das Gegenteil. Und dazu kommt noch, dass man vor sich selbst ja gar keine Scham hat, das ist mega befreiend. Selbst bei der besten Freundin hast du Themen, worüber du nicht reden kannst.

“Ich kann das doch!”

Evelin: Nie zur selben Zeit handelt ja von einer Art Reifeprozess. Was gibt dir Kraft, dich weiterzuentwickeln und nicht auf einer Stelle stehen zu bleiben?

Lina: Ich habe mega Bock, Musik zu machen. Es macht mir Spaß, Musik zu hören, neue Musik zu entdecken, mich inspirieren zu lassen, mich in Genres weiterzubilden. Ich habe im Moment voll die Neo-Soul Affinität. Ich höre super viel Cleo Sol und 1000 verschiedene Künstler:innen. Das ist einfach meine Neugierde, für alles, was noch da ist. Ich fände es total langweilig immer das gleiche zu machen. Das passt einfach nicht zu meinem Charakter. Ich würde jetzt auch nicht 50-mal hintereinander an den gleichen Ort fahren, um da Urlaub zu machen (lacht). Ich mag es neue Sachen zu entdecken. Und das macht auch total Spaß, neue Instrumente auszuprobieren, gerade am Computer. Wenn du die Tasten einigermaßen beherrschst, dann kannst du einfach Kontrabass mit einem Keyboard spielen (lacht). Das macht einfach mega Spaß, Musik zu machen. Man schreibt ja auch nicht zweimal denselben Song.

Evelin: Hast du dich deswegen entschieden, dieses Album mit zu produzieren?

Lina: Es war gar keine Entscheidung, das war von Anfang an klar. Beim ersten Album konnte ich gar nicht produzieren. Beim Zweiten habe ich angefangen, Skizzen aufzunehmen, ganz simpel. Und dann habe ich angefangen, mich da ein bisschen reinzufuchsen und habe letztes Jahr mit Dead Rabbit zusammen die EP Winter veröffentlicht. Wir haben es nicht Koproduktion genannt, aber da habe ich auch schon sehr viel mit am Computer gesessen und ausprobiert. Und jetzt habe ich einfach gedacht: „Ich kann das doch, dann kann ich das auch zugeben.“ Es war eher ein Teil des Weges, keine Entscheidung.

Ich hoffe natürlich, dass ich mit den nächsten Platten immer mehr Erfahrung sammle und irgendwann so gut bin, dass ich das vielleicht komplett alleine machen kann. Wobei das ja auch Spaß macht, wenn noch ein kreativer Kopf mit dabei ist. Wenn man die Vorproduktion fertig hat, sitzt man manchmal davor und denkt: „Ja, ist das jetzt geil? Ich weiß auch nicht, ob man das besser machen kann oder nicht“ (lacht). Du hast dieses Pingpong nicht. Wenn du das in dem Moment hast, hast du direkte Rückmeldung, dass es mindestens einer Person schon mal gut gefallen hat. Es gibt mir eine Gewissheit, dass es gut ist.

Evelin: Ja, wenn du immer ein und dasselbe machst und nur du die Augen darauf hast, dann verschiebt das auch deine Wahrnehmung total.

Lina: Volle Kanne! Aber das hatte ich jetzt auch schon wieder, auch als Koproduktion. Zweifeln kann ich auch sehr gut (lacht). Ich habe nicht selten Songs komplett verworfen und gesagt: „Nein, die Produktion ist falsch! Noch mal neu machen!“ Aber das gehört ja dazu.

“In einer Gruppe von Menschen können wir auch etwas bewegen”

Evelin: Gibt es einen Song auf dessen Reaktionen du am meisten gespannt bist?

Lina: Ja, bei Schmerz vereint, wo es um sexuelle Gewalt geht. Mir geht es darum, dass die, die nicht wissen, wie sich das anfühlt, verstehen, wie sich das anfühlen könnte. Und für die, die es wissen, sich nicht allein fühlen. Sondern, dass sie wissen: „Jemand teilt den Schmerz und wir sind viele. In einer Gruppe von Menschen können wir auch etwas bewegen und uns gegenseitig helfen. Wir sind füreinander da.“ Emotional ist das für mich der wertvollste Song auf dem Album, weil es schwer war darüber zu schreiben.

Ansonsten bin ich irgendwie so selbstbewusst, weil ich das selbst so toll finde (lacht). Ich stelle gar nicht infrage, ob das jemand gut findet, sondern eher, wer. Wenn du selbst überzeugt bist von einer Sache, dann bist du viel weniger angreifbar, weil du einfach sagst: „Es ist egal, ob es dir nicht gefällt, weil ich find es geil.“ (lacht) Und diesen Zustand habe ich auf jeden Fall jetzt zum ersten Mal so doll. Das beschreibt das Album ganz gut.

Evelin: In Die Liebe blüht und in vielen anderen Songs sind Blumen und die Natur oft ein zentrales Thema. Selbst in deinem Bundle hast du Blumensamen miteingefügt. Woher kommt diese Faszination?

Lina: Ich liebe Pflanzen (lacht). Das Meer und Bäume oder Pflanzen sind für mich das Heilsamste. Ich war alleine Urlaub in Norwegen, stelle mich in Wald und fange an zu heulen, weil mich das so glücklich macht, von Natur umgeben zu sein. Es erdet mich so, ich kann das gar nicht beschreiben. Ich bin so demütig und dankbar vor der Natur. Das hört sich jetzt so esoterisch an, aber etwas Tiefes in mir ist dann beruhigt. Wenn man viel in der Stadt unterwegs ist, ist das Einzige, was mich beruhigen kann, wenn ich irgendwo in Wald fahre, auf einen Berg oder ans Meer. Ich bin auch so eine Bescheuerte und schwimme immer raus. Drei Feuerquallenstiche habe ich, weil ich immer rausschwimmen muss. Ich finde das auch so magisch, wenn man Ableger von Pflanzen neu einpflanzt. Für mich ist das etwas Beruhigendes und Faszinierendes, deswegen benutze ich das viel als Bildsprache.

“Diese Momente, wenn man richtig berührt wird”

Evelin: Auf welchen Song freust du dich am meisten, ihn bei Acoustics Concerts live zu performen?

Lina: Wir spielen einen neuen Song live, den wir auch nie vorher gespielt haben: Wolken, der jetzt gerade rausgekommen ist. Und da wir gerade in den Proben stecken, weiß ich auch überhaupt nicht wie der wird (lacht). Aber da freu ich mich drauf! Man freut sich eh immer darüber, wenn man neue Songs spielt. Das erste Album ist jetzt auch schon 5 Jahre alt und es gibt Songs, die habe ich gefühlt 300-mal schon gespielt. Klar kann man die immer mal anders spielen oder in einer anderen Tonart oder akustisch. Aber wenn man dann einen neuen Song hat, freut man sich einfach darüber. Mal schauen, wie viele neue Songs wir spielen. Auf jeden Fall mindestens Wolken!

Ich gehe selbst so gerne auf Konzerte und denke dann manchmal, was das für wundervolle Momente sind, wenn man komplett abdriftet. Diese Momente, wenn man richtig berührt wird und darüber freue ich mich eigentlich, dass ich selbst diese Person sein darf, die das wiederum bei anderen auslöst. Ich kenne mich ja selbst: Ich bin für mich der normalste Mensch, den es gibt. Aber dass ich für andere Leute diese Momente kreieren darf, ist für mich so absurd, aber wunderschön. Darauf freue ich mich natürlich, vor allem auch für die Leute.



„Wenn mich das berührt, dann wird es auch anderen Leuten helfen”

Evelin: Wie gehst du mit dem Druck um, dass Leute so viel aus deiner Musik ziehen und sie ihnen durch schwere Zeiten hilft? Siehst du das überhaupt als Druck?

Lina: Nee, also das ist kein Druck, live vor allem nicht. Das Einzige, wovor ich manchmal Angst habe auf der Bühne ist, dass ich nicht loslassen kann. Am besten bin ich, wenn ich in der Musik versinke. Dann mache ich die Augen zu und singe. Man spürt selbst, wenn man singt und so eine Welle an Emotionen durchs Publikum schickt. Wenn man es wirklich fühlt, weiß man auch, dass es die anderen fühlen. Manchmal habe ich eher Angst davor, dass ich diesen Zustand nicht erreiche, weil ich selbst mit anderen Gedanken zu tun habe, sodass ich nicht abschalten kann.

Wenn ich Songs schreibe, denke ich fast gar nicht über die nach, die das hören. Ich habe es natürlich im Hinterkopf, aber ich habe immer den Gedanken: „Wenn mich das berührt, dann wird es auch anderen Leuten helfen.“ So unterschiedlich sind wir auch alle nicht. Ich habe jetzt schon einige Songs veröffentlicht, die Themen wie Tod und Trauer beinhalten. Da kriege ich viele Nachrichten dazu, dass das auf Beerdigungen gespielt wird oder Leuten bei der Trauer geholfen hat. Das ist das schönste Kompliment, das man bekommen kann.

Evelin: Am Ende jedes Interviews fragen wir nach einer untold story. Gibt es etwas, was du noch nicht mit der Welt geteilt hast und jetzt gern offenbaren würdest? 😊

Lina: Ich habe einen Song auf dem Album, der heißt Wo sind die Jahre hin. Da beschreibe ich einen Moment, wie ich einer ganz alten Person gegenübersitze und die Person hat kurz einen wachen Moment und erzählt mir Dinge und ist ganz zart, streichelt zärtlich meinen Kopf. Und alles was ich da singe, ist zu 100 % genau so passiert. Ich habe einfach nur das aufgeschrieben was passiert ist.

Evelin: Lina, vielen lieben Dank für das schöne Interview. Ich wünsche dir noch viel Spaß beim Proben und natürlich bei den Acoustics Concerts!

Hört bereits in die veröffentlichten Singles von Lina Maly rein und verpasst sie nicht bei den Acoustics Concerts: am 11.07. in Offenbach am Main und am 18.07. in Dresden! Tickets gibt es hier.


Fotocredits: Antje Burchert

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