Kategorie: untold stories

  • Derya Yıldırım & Grup Şimşek im Interview: »Kultur und Herkunft sind lebendig, sie entwickeln sich – und sie geben uns das Gefühl von Tiefe, Zugehörigkeit und Sinn«

    Derya Yıldırım & Grup Şimşek im Interview: »Kultur und Herkunft sind lebendig, sie entwickeln sich – und sie geben uns das Gefühl von Tiefe, Zugehörigkeit und Sinn«

    Derya Yıldırım & Grup Şimşek bestehen darauf, dass man, wenn man ein altes Volkslied spielt, etwas Neues beisteuern muss, „sonst könnte man genauso gut einfach die alte Platte auflegen.“ Seit mehreren Jahren beeinflusst die Band um Derya Yıldırım die Wahrnehmung türkischer Volksmusik in Deutschland und weltweit. In Hamburg geboren und mit vielen Instrumenten aufgewachsen, hat sie sich schon von früh an intensiv mit Musik beschäftigt – und was es mit ihr macht. Anlässlich ihren neuen Albums Yarın Yoksa haben wir mit ihr über die Bandynamik, Volksmusik als Spiegel der Gegenwart und die Verbundenheit über Musik gesprochen.

    Derya Yıldırım & Grup Şimşek im Interview

    Anna: Hey! Es ist gerade wahrscheinlich sehr viel los bei euch, könnt ihr uns einen Einblick geben in alles, was gerade passiert und wie’s euch geht?

    Derya: Wir sind gerade von unserer Album Release Tour zurückgekommen und immer noch total überwältigt von den ersten Konzerten mit dem neuen Album. Die Tour begann mit einem sehr besonderen Konzert in der Elbphilharmonie in Hamburg – das war ein wunderschöner Auftakt und ein ganz besonderer Moment für uns. Es gab viele Überraschungen und die Resonanz war einfach unglaublich. Ich glaube, wir müssen alle erst mal wieder ein bisschen runterkommen und alles verarbeiten. Gerade jetzt, in der kleinen Verschnaufpause vor den Frühlingskonzerten im Mai, fühle ich mich sehr beseelt und dankbar.

    Yarın Yoksa, so der Titel eures neuen Albums, ist nun seit etwa zwei Wochen erhältlich. Wie fühlst du dich damit, dass die neue Musik endlich in der Welt ist?

    Es ist wirklich aufregend, dass das Album jetzt draußen ist. Wir haben ziemlich lange daran gearbeitet, aufgenommen haben wir es schon letzten Sommer. Jetzt endlich die Musik teilen zu können, fühlt sich sehr besonders an. Vor allem, weil ich das Gefühl habe, dass diese Lieder den Menschen in der aktuellen Zeit Halt geben können. Die politische Lage, die Unsicherheiten – all das spiegelt sich in gewisser Weise auch im Album. Es hat eine bestärkende, fast tröstende Energie. Es ist Musik, die versucht, die Welt zu verstehen, sie zu beobachten, und gleichzeitig die eigene innere Stimme zu finden.

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    „Es war der Beginn eines neuen Kapitels für uns.“

    Wie war das Schreiben und Produzieren des Albums? Habt ihr einen Unterschied im Vergleich zu euren vorherigen Alben festgestellt? Gab es etwas, das ihr anders geplant (oder nicht geplant) habt?

    Ja, da gab es tatsächlich eine große Veränderung. Unsere bisherigen Alben haben wir alle selbst geschrieben und produziert, komplett als Band. Bei Yarın Yoksa war das zum ersten Mal anders: Wir haben bei Big Crown Records unterschrieben und mit Lein Michels als Produzenten gearbeitet. Wir schätzen ihn sehr und die Arbeit mit ihm im Diamond Mine Studio war eine ganz neue, bereichernde Erfahrung. Seine Perspektive hat uns in unserer Entwicklung sehr weitergebracht. Das war der entscheidende Unterschied bei diesem Album – und in gewisser Weise auch der Beginn eines neuen Kapitels für uns.

    Kannst du uns den Entstehungsprozess (eines) deiner Lieblingssongs auf dem Album erklären? Warum und wann hat dieser Song begonnen, sich für dich besonders anzufühlen?

    Ein Lied, das mir besonders am Herzen liegt, ist Bilemedim Ki – auf Deutsch: Ich konnte es nicht wissen. Der Song erzählt von einem lyrischen Ich, das in einem kleinen Boot sitzt, im Auge des Sturms, und der Kompass ist kaputt. Diese schwankende Bewegung – wie ein Boot auf dem Wasser – wollten wir unbedingt auch musikalisch spürbar machen, und dabei die inneren Ruhe nicht verlieren. Anstatt eine Demo vorzuspielen, haben wir im Studio spontan eine reduzierte Version gespielt – mit Rahmentrommel, ein paar Akkorden und einem einfachen Groove. Es ging uns vor allem darum, das Gefühl und den Kern des Refrains erfahrbar zu machen… Besonders war auch das Experimtieren mit dem Sound der Bağlama, wie sie zum Beispiel durch einem Oilcan effect Pedal aufzunehmen. Dadurch hat der Song einen schimmernden, fast träumerischen Klang bekommen. Es war einer der ersten Titel, die wir aufgenommen haben – und beim gemeinsamen Spielen entstand sofort eine besondere Magie.

    „Volksmusik ist kein Relikt aus der Vergangenheit, sondern ein Spiegel der Gesellschaft.“

    Ihr habt euch Musik immer aus einem ganz bestimmten Blickwinkel genähert. Was ist für euch so wichtig, wenn ihr traditionelle Musik in moderne Musik übersetzen? Ich glaube, man muss sehr behutsam vorgehen, um die Seele dieser Lieder nicht zu verlieren, ihnen aber dennoch eine neue Wendung zu geben.

    Für uns geht es gar nicht darum, traditionelle Musik modern zu machen – denn was bedeutet überhaupt modern? Volksmusik ist kein Relikt aus der Vergangenheit, sondern ein Spiegel der Gesellschaft. Sie war immer Ausdruck ihrer Zeit, ihrer Menschen, ihrer Kämpfe und Hoffnungen. In diesem Sinne ist sie auch heute relevant – vielleicht sogar notwendiger denn je. 

    Ein zentrales Anliegen für uns ist es, unsere eigene Sprache zu finden. Eine Stimme, die in unserer heutigen Gesellschaft schwingt und sich darin spiegelt. Die Volksmusik, insbesondere durch die Bağlama, ist ein wesentlicher Bestandteil unserer musikalischen Identität. Sie prägt unseren Sound, ohne dass wir sie „anpassen“ müssen. Es geht nicht um Tradition versus Moderne, sondern um das, was dazwischen liegt – um ein musikalisches Erbe, das weiterlebt, wenn man es ernst nimmt und ihm zuhört. Für uns heißt das: Kultur und Herkunft sind lebendig, sie entwickeln sich – und sie geben uns das Gefühl von Tiefe, Zugehörigkeit und Sinn. Das ist es, was wir mit unserer Musik ausdrücken wollen.

    Derya Yıldırım & Grup Şimşek, Yarın Yoksa, untoldency, interview, derya yilidrim

    Wie seid ihr zum Musikmachen gekommen? Kannst du dich an den Moment erinnern, in denen euch klar wurde, dass ihr dieser Leidenschaft professionell nachgehen und sie auf Bühnen und Festivals bringen wollt, um sie mit vielen anderen zu teilen?

    Wir haben uns 2014 bei einem Theaterprojekt kennengelernt – und diese intensive Zusammenarbeit hat uns nicht nur musikalisch, sondern auch freundschaftlich sehr zusammengeschweißt. Einer der Schlüsselmomente war, als wir unsere ersten Konzerte, die in England stattfanden, selbst organisiert haben. Das war aufregend, mutig und hat uns gezeigt, wie viel möglich ist, wenn man einfach loslegt. Kurz darauf entstand unsere erste EP Nem Kaldı, und die Resonanz auf unsere erste Single war überwältigend. Das war für uns der Wegweiser – da wussten wir: Das ist mehr als nur ein Projekt, das ist unser Weg. Und jetzt, über zehn Jahre später, sind wir immer noch gemeinsam unterwegs.

    „Es geht darum, den ständigen Kampf um Sichtbarkeit und Anerkennung weiterzuführen.“

    Wir haben mit ENGIN, einer deutsch-türkischen Indie-Band, die kürzlich eine EP mit türkischen Volksliedern und Klassikern des Anadolu-Rocks namens Mesafeler veröffentlicht hat, darüber gesprochen, wie türkische Musik in Deutschland wahrgenommen wird und wie sich das über die Jahre verändert hat. Was sind deine Erfahrungen damit?

    Definitiv hat sich die Wahrnehmung anatolischer Volksmusik in Deutschland verändert – sie hat sich auf neuen Ebenen etabliert. Früher fand sie oft eher im kleinen Rahmen statt: in der Nachbarschaft, in Kulturvereinen, innerhalb einer Community. Heute wird sie durch neue Generationen weitergetragen – und dadurch entstehen neue Räume für Begegnung. 

    Es geht nicht nur darum, mehr Aufmerksamkeit zu bekommen, sondern darum, den ständigen Kampf um Sichtbarkeit und Anerkennung weiterzuführen. Es fühlt sich an, als wären wir gerade an einer Schnittstelle angekommen, an der sich etwas öffnet: Es entstehen professionelle Alben, Konzerte, Festivals – und diese Musik erreicht ein neues Publikum. Ein starkes Zeichen dafür ist für uns, dass die Bağlama heute über die Grenzen hinweg klingt – dass wir mit einem Plattenvertrag in New York arbeiten und Musik machen, die tief in Anatolien verwurzelt ist, aber gleichzeitig ihren Platz in einem globalen Kontext findet. Da wo es auch hingehört. 

    „Uns fasziniert vor allem die Ästhetik des analogen Sounds.“

    What is it that pulls you to this era of music of the 60s and 70s?

    Uns fasziniert vor allem die Ästhetik des analogen Sounds – diese Wärme, Tiefe und Direktheit. Gleichzeitig steht bei uns immer die Suche nach einer eigenen musikalischen Sprache im Mittelpunkt. Geschmack und Klangästhetik spielen dabei eine zentrale Rolle. Natürlich ist die Musik dieser Zeit eine große Inspirationsquelle für uns, aber es geht uns nicht um Nostalgie oder Nachahmung. Ganz im Gegenteil: Wir wollen etwas Eigenes schaffen – mit Respekt vor dem, was war, aber mit dem Blick nach vorne.

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    Was sind deine schönsten Erinnerungen an deine Kindheit, was die Musik angeht? Welche Künstler und Lieder, sowohl deutsche, internationale als auch türkische, haben dich am meisten beeinflusst?

    Meine musikalische Sozialisation fand stark im familiären Kontext statt. Bei uns lief immer Musik – sei es die Plattensammlung meiner Großeltern oder die Kassetten meiner Eltern, die zu jeder Tageszeit liefen. Musik war ein ständiger Begleiter im Alltag. Besonders prägend war die Vielfalt türkischer Genres: von traditioneller Volksmusik über Pop und Rock bis hin zu Arabesque. Diese breite Mischung hat mich tief beeinflusst. Eine besonders schöne Erinnerung sind die Autofahrten zur Musikschule mit meinem Vater. Er hatte immer selbstgebrannte Compilations dabei – das war für mich etwas ganz Besonderes und hat mich musikalisch stark geprägt.

    Wenn wir gerade bei musikalischen Prägungen sind: gibt es türkische Bands/Künstler, die wir uns ansehen sollten? Wir sind immer auf der Suche nach neuem Input.

     AySay aus Dänemark – ein kurdischsprachiges Trio, die Musik ist sehr eigen, atmosphärisch.. und Meral Polat aus den Niederlanden – eine unglaublich vielseitige Künstlerin. Beide Projekte tragen zur Sichtbarkeit und Weiterentwicklung anatolischer und kurdischer Musik im europäischen Kontext bei.

    „Musik verbindet uns einfach.“

    Ihr macht jetzt seit fast 10 Jahren zusammen Musik – wie hat sich die Dynamik in eurer Band seitdem verändert?

    Unsere Banddynamik hat sich im Laufe der Zeit bestimmt verändert. Es ist schwer, das genau in Worte zu fassen, weil es einfach passiert, ohne dass man es wirklich merkt. Natürlich verändert man sich mit der Zeit, aber das Besondere ist, dass wir uns immer gegenseitig zuhören und die Lebensweisen des anderen respektieren. Es ist einfach dieser natürliche Flow, der es uns ermöglicht, auch mit unterschiedlichen Lebensrealitäten und Orten zu leben und trotzdem zusammenzukommen, um Musik zu machen. Für mich macht das die Band so besonders – Musik verbindet uns einfach.

    Für unsere letzte Frage fragen wir immer nach einer untold story – gibt es etwas, dass du noch keinem Interview erzählt hast und jetzt loswerden willst? Das kann eine zufällige Geschichte sein oder ein gutes Album, das Sie kürzlich gehört haben.

    … hmm weiß jetzt nicht genau, was ich erzählen soll. Kurz vor dem Albumaufnahmen wo wir noch auf Tour waren, hat mir Graham Mushnik Dorothy Ashbys Album The Rubáiyát of Dorothy Ashby empfohlen und drauf geschworen, dass ich es lieben werde und dass es genau was für mich wäre… und da kannte Graham mich einfach wirklich zu gut. Seither höre ich das Album immer wieder und hat mich während der Albumproduktion sehr inspiriert. Ich fühle mich sehr wohl in Dorothy Ashbys Stimme und in ihren Melodien.

    Fotocredit: Philomena Wolflingseder + Sebastian Madej

  • Dolphin Love im Interview: »Ich schreibe Songs für live – nicht für Algorithmen.«

    Dolphin Love im Interview: »Ich schreibe Songs für live – nicht für Algorithmen.«

    Weite Fläche, flirrendes Licht, irgendwo ganz hinten klingt Musik an – wie eine Erinnerung, die plötzlich wiederkommt. So beginnt nicht nur der Kurzfilm zur zweiten EP „Who Speaks Your Mind“ von Dolphin Love, sondern auch der Eintritt in seine Soundwelt, die irgendwo zwischen Nostalgie, Aufbruch und völliger Entrücktheit schwebt.

    Seit der Debüt-EP 999 im Jahr 2022 ist klar: Dolphin Loves Musik ist keine, die sich einfach in ein Genre pressen lässt. Sie ist mal beatlastig und verspielt, mal roh und introspektiv. Zwischen Hip-Hop-Produktion, Gitarrenflächen und einer Stimme, die manchmal mehr Textur als Erzählstimme ist, entsteht eine Musik, die nicht gefallen will – sondern fühlen. Mit der dritten EP Not From Here, die am Freitag, 11. April, erschienen ist, wird dieser Eindruck noch einmal vertieft: Es geht ums Verlorensein, um das Schweben zwischen gestern und morgen, zwischen Wunsch und Wirklichkeit.

    Dass Dolphin Love am liebsten alles selbst macht – von der ersten Idee bis zum finalen Mix –, merkt man der Musik sofort an. Hier wird nicht für TikTok produziert, sondern für die echten Momente: fürs Zugfahren bei Regen, fürs Rumliegen mit offenen Fenstern, fürs Da-sein (oder eben Nicht-Da-sein).

    Wir haben mit Dolphin Love über das Entstehen der neuen EP gesprochen, über das Gefühl, ständig zwischen Zeiten zu hängen – und darüber, warum Musik manchmal der einzige Ort ist, an dem man wirklich hier sein kann.

    Dolphin Love im Interview

    Hi Coco, wie geht’s dir gerade so?

    Mir geht’s echt ganz gut. Ich mache gerade wieder viel neue Musik, arbeite mit einem anderen Künstler zusammen – das ist gerade echt schön. Und die Sonne hat eben geschienen! Das hebt die Stimmung total. Und ich bin gerade auf wieder auf dem Land, das tut immer ganz gut nach einer intensiven Zeit in Berlin.

    Das kann ich mir gut vorstellen! Wenn du deine Musik in drei Worten beschreiben müsstest – welche wären das?

    Leicht, unkompliziert und frei. Irgendwie beschreibt das ganz gut diese Weite, wenn ich Musik mache und auch eine gewisse Leere.

    Wie wird aus so einem Gefühl dann eigentlich ein Song bei dir?

    Ganz unterschiedlich. Es ist total tagesformabhängig. Meistens passiert’s einfach. So ein Moment, der plötzlich da ist – und den muss man dann greifen. Die besten Songs entstehen oft ganz schnell, wenn man den Impuls direkt aufnimmt und nicht zu lange dran rumbastelt.

    Hast du dann später manchmal so das Gefühl: Hätte ich das doch noch verändert…?

    Früher auf jeden Fall! Aber mittlerweile bin ich da entspannter. Ich denk mir: Das war’s – besser fertig als perfekt. Das ist eigentlich viel schöner. Zu viel Feinschliff killt manchmal den ursprünglichen Vibe.

    Produzierst du deshalb auch lieber alleine?

    Ich liebe beides. Allein zu schreiben hat was Besonderes – aber mit anderen gemeinsam Musik machen, das ist auch richtig schön. Das ist immer ein ganz besonderer Moment. Ich produziere auch gerne für andere. Diese Momente zusammen sind total wertvoll.

    Könntest du dir ein Feature vorstellen?

    Auf jeden Fall! Ich plane gerade, Dolphin Love zu erweitern und mit anderen Künstler*innen zusammenzuarbeiten. Gerade mit Leuten, die musikalisch einen Kontrast bilden – das reizt mich total. Ich bin auch einfach sehr hungrig danach, Input von anderen Leuten zu bekommen.

    Und wenn du träumen dürftest: Wen würdest du gerne mal featuren?

    Boah, gute Frage. Vielleicht Spacey Jane, die australische Band. Oder ein Rapper wie Larry June – ich mach den Beat und er rappt drüber. Irgendwas außerhalb meiner Indie-Comfort-Zone.

    Früher hast du ja viel solo gespielt, jetzt öfter mit Band – was gefällt dir besser?

    Mit Band ist’s tausendmal geiler. Früher hab ich in The Attic Nights gespielt und auch Schlagzeug in anderen Bands. Live mit Leuten auf der Bühne – das ist so eine Energie, die man teilen kann. So ist das auch mit Jan, meinem Drummer. Er ist einfach ein Herzensmensch. Mit ihm ist’s auf und neben der Bühne einfach schön. Schöner als alleine.

    Wie lang dauert es bei dir eigentlich, bis ein Song fertig ist?

    Kommt drauf an. Bei der neuen EP hatte ich es das erste Mal, dass die Versionen teilweise ewig rumlagen. Manche Songs haben sich echt über Monate entwickelt. Ein Song kommt sogar noch von April 2023. Manchmal lagen sie einfach rum, dann kam nach zwei Monaten plötzlich die Strophe. Ich hab sie lang reifen lassen und geguckt, ob sie auch nach vier, fünf Monaten noch für mich funktionieren. Erst dann war klar: Das sind die Songs für die EP.

    Ich hab beim Hören gedacht: Die neue EP klingt anders als dein Debüt. Es ist immer noch Dolphin Love, aber schon sehr anders. Wie siehst du das?

    Ja, voll. Die neue EP ist soundmäßig aufgeräumter. Ich hab beim Mixen viel dazugelernt. Früher war’s mehr Trial & Error, jetzt hab ich klarere Vorstellungen. Aber ich lieb’s auch, wieder rougher zu werden – weniger glatt, eher gefühlig. Da werden die nächsten Songs auch wieder eher hingehen.

    Finde ich total spannend, weil du ja auch nicht drauf zu achten scheinst, wie lang deine Songs sind. Da gibt’s zwischen einer Minute Intro und 7 Minuten Versionen ja alles. Machst du dir da manchmal Gedanken, dass du Songs besser an einen Algorithmus anpassen müsstest?

    Gar nicht. Ich schreibe für Live – nicht für Algorithmen. Wenn ein Song sieben Minuten braucht, dann bekommt er die auch. Ich liebe es, mich davon freizumachen, in ein Raster passen zu müssen. Es muss einfach zu dem Lied passen. Wir haben ja vor eineinhalb Jahren auch den Kurzfilm Who Speaks Your Mind gefilmt, der ist ein gutes Beispiel dafür: Die Geschichte braucht den langen Song, um zu wirken. Zwei Minuten hätten da nichts gebracht. Dann wäre es gar nicht rübergekommen.

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    Kommen wir zurück zur EP „NOT FROM HERE“: Worum geht’s thematisch?

    Um das Gefühl, nicht richtig da zu sein. Deswegen heißt sie auch „Not From Here“. Ich bin oft zu weit vorne oder hinten im Leben, so zumindest mein Gefühl. Ich bin im Kopf immer wo anders – nie so richtig im Moment. Manchmal denk ich an die Zukunft und denk so: „Scheiße, wie wird das wohl?“ und dann denke ich wieder: Lebe doch einfach im Moment. An anderen Tagen hänge ich gedanklich noch total in der Vergangenheit. Aber das bringt auch nichts, weil ich das eh nicht mehr beeinflussen kann.

    Klingt sehr relatable – auch ein bisschen nach dieser typischen 20er-Jahre-Existenzkrise.

    Total! Dieses „Was mach ich eigentlich mit meinem Leben?“, gepaart mit dem Druck, alles absichern zu müssen. Ich versuche, im Jetzt zu leben – das bringt einfach mehr.

    Okay, ich habe noch zwei Fragen zum Schluss. Nummer 1: Hast du einen Lieblingssong von dir?

    Ja! Gerade ist es „BANGALOW“, der zusammen mit der EP rausgekommen ist. Ich liebe den live einfach total – der macht so viel Spaß.

    Und zum Abschluss: Deine untold story.

    Tatsächlich fällt mir da auch direkt eine ein. Ich war mal ziemlich betrunken und hab im Bett aus Versehen auf meinen Laptop gekotzt. Da war super viel Musik drauf. Am nächsten Morgen hab ich’s gerade noch geschafft, die Songs runterzuziehen. Dann zum Computerladen – und der Typ so: „Da ist nichts mehr zu machen.“ Ja, that’s the story. Memo an alle: Sichert eure Daten regelmäßig!

    Oha, da hattest du ja gerade noch Glück im Unglück. Danke dir, Coco – für deine Zeit, deine Offenheit und natürlich deine Musik.

    Danke dir! War voll schön!

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    Fotocredit: Fioni Versace, Jens Krahe

  • Akyol im Interview: »Alles beginnt in dem Moment bevor du einschläfst.«

    Akyol im Interview: »Alles beginnt in dem Moment bevor du einschläfst.«

    Akyol auch bekannt unter Safa, ist ein Bassgitarrist und Musikproduzent aus Izmir. Bevor er 2021 nach Weimar kam, um dort Musik zu studieren, tourte er mit einigen türkisch-bekannten Bands wie ATHENA, TNK und KALBEN. Heute ist er leitendes Mitglied vieler Bandprojekte, produziert in Deutschland und in der Türkei. Im März wird seine erste EP, bestehend aus fünf Singles, veröffentlicht und trägt den Namen JIVA24.

    Das Wort „Jiva“ kommt aus der indischen Philosophie und beschreibt die Seele als einen übergeordneter Teil zum Körper. In Akyols EP wird die Geschichte von der Entstehung dieses „Ich’s“ als ein Alter Ego dargestellt. „24“ spielt auf das letzte Jahr an, in dem durch Erfahrungen in verschiedenen Städten diese Ich-Version entstanden ist. Die EP beinhaltet Pop-, Electronic- und Soul-Elemente.

    Wir haben mit Akyol über den Hintergrund seiner EP, die deutsch-türkischen Unterschiede in der Musikszene und kommende Tage gesprochen.

    »Als ich durch Europa reiste (…), wurde mir klar, dass meine Träume noch nicht erfüllt sind.«

    Maja: Hey Akyol! Deine musikalische Reise ist lang, deine Route zurückverfolgend fragt man sich: Gab es einen Schlüsselevent, dass dich an die Musik gebunden hat? Und warum Musik?

    Akyol: Es gab mehr als einen Moment. Als ich 16 war bekam ich eine Geige und brachte mir selbst türkische Klassiker bei. Ab da trug jede Stadt, in die ich zog, einen Teil zu meiner Musik bei. Warum Musik? Ich denke Menschen brauchen ein Ventil um den Zwängen unserer Gesellschaft entfliehen zu können. Musik ist in dieser Hinsicht eine unglaublich faire und kraftvolle Methode. Mit fair meine ich, dass Musik mehr zurück gibt, verglichen mit dem, was man investiert.

    Maja: Wie unterscheidet sich die deutsche und die türkische Kultur-/Musikszene? Ist es in der Türkei einfacher sein Lebensunterhalt mit Musik zu finanzieren?

    Akyol: Obwohl es technisch gesehen große Unterschiede gibt, findet man noch größere Gemeinsamkeiten, besonders in den Volksliedern. Die Musikindustrie ist in Deutschland jedoch deutlich weiterentwickelt. Trotzdem ist es überall auf der Welt schwer mit Musik sein Leben zu finanzieren. Ich denke, Deutschland ist im Vergleich etwas weniger riskant.

    Maja: Das klingt als gäbe es einen anderen Grund warum du nach Deutschland kamst? Planst du in nächster Zeit aus Weimar wegzuziehen?

    Akyol: Das Einzige, was mir musikalisch fehlte, war eine systematische Ausbildung. Deshalb hab ich mich entschieden hierher zu ziehen. Auch, weil ich der Bildung in Deutschland vertraue. Außerdem sind die Kosten in anderen europäischen Ländern höher. Ich plane nach Köln oder London zu ziehen, aber Weimar wird für mich vermutlich immer ein besonderer Ort bleiben. Hier konnte ich mich psychologisch erholen und meinen eigenen Sound finden. Ich denke Weimar steckt tief in mir, sodass man glaubt, in meiner Musik den Klang des Kopfsteinpflasters zu hören.

    Maja: Ich werde beim nächsten Mal darauf achten. Warst du schon zuvor auf einer deiner Touren in Weimar? Und ich hab gelesen, dass du Bandleader bist. Wie heißt deine Band und habt ihr schon etwas veröffentlicht?

    Akyol: Als ich durch Europa gereist bin, war ich auf dem Höhepunkt meiner Karriere in der Türkei. Mir wurde klar, dass meine Träume noch nicht erfüllt sind. Ich wollte nach Weimar, ohne jemals da gewesen zu sein. Jetzt bin ich sehr glücklich über die Entscheidung, denn die Zusammenarbeit mit Professor Manfried Brüendl hat mich wirklich begeistert. Er ist einer der wenigen Menschen, die mein Leben so berührt haben. Bezüglich der Bandleader-Sache: Tatsächlich hab ich mehrere Bands und Bandformate geleitet, darunter Trios, Quartetts und Quintetts. Die hießen Akyol Trio, Acid Akyol 4 und Akyol Soul 4 sind ein paar der vielen Bandnamen.

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    Acid Akyol Live in Frankfurt

    Maja: Das ist richtig schön zu hören. Ich find’s sehr stark, dass du. an einem objektiv erfolgreichen Moment, dir Zeit nahmst zu reflektieren, was du überhaupt möchtest. Gibt es momentan etwas, dass du richtig feierst? Hast du momentan eine Lieblingskünstler*In oder Band?

    Akyol: Ich hab momentan mehrere Künstlerinnen und Alben im Auge. Ich komm nicht darum Robert Glaspers Album“ArtScience“ zu erwähnen, dass schon immer einen großen Einfluss auf mich hatte.


    „‚Jiva‘ hat mir Gesellschaft geleistet, mir Mut zugesprochen und mir aus dieser Zeit hochgeholfen“

    Maja: Das schreib ich mal direkt auf meine Liste. Aber lass uns finally über die EP sprechen. „JIVA24„, eine Art Hommage an 2024, was war das besondere an diesem Jahr? Wie hat es dich geprägt/verändert?

    Akyol: Ich hab mich gefühlt als wäre ich krank und „Jiva“ hat mir Gesellschaft geleistet, mir Mut zugesprochen und mir aus dieser Zeit hochgeholfen. In der Hoffnung er könnte durch meine Musik auch anderen die Hand reichen, hab ich beschlossen die EP zu teilen.

    Maja: Kannst du uns einen Einblick geben, wovon die Songs erzählen?

    Akyol: Sicher, also in „GIVE IT UP“ gehts um Ratschläge an mich selbst. Als ich den Song schrieb, ging es mir gesundheitlich schlecht. Deshalb habe ich beschlossen alle Ratschläge, die ich mir selbst gab in einem Song zusammenzufassen. Außerdem wollte ich zeigen wie sehr das Leben auf Wiederholung und Enttäuschung beruht. Der Song „LONDON“ ist ein Brief an das unglückliche, mitfühlende Kind in mir, dass mich verfolgen wird, egal wie oft ich den Ort wechsel. „CLOUDS“ begann als gewöhnliches Liebeslied. Später hat es mich zum Tanzen und ein wenig zum Denken angeregt. Am Ende haben wir versucht die Träume zu interpretieren, die wir nach dem Schlafen hinter uns ließen (-mehr dazu in der untold story am Ende-). „SILENCE TALK“ hab ich für die Momente geschrieben, in denen man gern etwas sagen würde, aber eine Stimme im Kopf einem sagt, man solle lieber leise sein. In „RIGHT TIME BOUNCE“ geht es um eine Liebesgeschichte, die aus einer Freundschaft entstand.


    »It is not about a love story/ It is just about life«

    Maja: Gibt es einen bestimmten Grund, warum die meisten Songs in englisch geschrieben sind?

    Akyol: Texte schreiben ist eine neue Leidenschaft von mir. Deswegen denk ich, dass ich mich mit dem einfachsten Englisch ausdrücken kann.

    Maja: Wird es Konzerte geben? Wenn ja wo und wann?

    Akyol: Die Konzertreihe startet im März in Istanbul, dann geht es nach Ankara und vielleicht nach Izmir, meiner Heimatstadt. Ende des Sommers möchte ich in Deutschland spielen. Vielleicht im Mai in London. Wo ich wann bin, kann man auf meinen Social Media Konten verfolgen.

    Maja: Kannst du uns noch eine untold story von dir erzählen?

    Akyol: Alles beginnt in dem Moment bevor du einschläfst. Du legst deinen Kopf auf das Kissen und schlitterst in das Land der Träume. Je weiter du hinein gehst, desto glücklicher wirst du. Dann, Tag für Tag gibst du dein Bestes um deine Träume zu erreichen. Während dieser Zeit ist Musik dein Begleiter und ich versuche die Geschichte von diesem Freund zu erzählen.

    Hier könnt ihr in den ersten Track von Akyols neue EP reinhören:

    https://akyol.bandcamp.com/track/clouds

    Fotografin: Constanze Zacharias

  • Interview Odd Couple: »Jo, das isses.«

    Passend zum Album Titel »Rush Hour des Lebens« zieht Odd Couple uns ICE-artig durch dieses Interview. Dabei bekommen wir Eindrücke ihrer Selbst und ihrer Kunst.

    Maja (untoldency) : Hey Odd Couple, willkommen im Interview mit untoldency. Wie würdet ihr das Jahr bis jetzt bewerten?

    Odd Couple: 10/10 – es ist schön wieder auf Tour zu sein und wir freuen uns wenn die Platte endlich draußen ist.

    Maja (untoldency): Habt ihr bis zum jetzigen Zeitpunkt eine Lieblingsmusik für 2025 (Song, Musiker*in,…)? 

    Odd Couple: Wir warten eigentlich nur auf den Moment, in dem AI anfängt, konsequent gute Musik zu schreiben, damit wir uns zur Ruhe setzen können.

    Maja (untoldency): Am 4.04 erscheint euer neues Album und ihr seid schon jetzt damit auf Tour. Was macht am meisten Spaß beim „auf Tour“ sein? 

    Odd Couple: Schlafen im Bus, Soundchecks in Hallen mit Hall und die Gigs sind auch ganz ok.

    Maja (untoldency): Habt ihr das Gefühl, es war richtig, das Album erst im Nachhinein zu veröffentlichen? 

    Odd Couple: Definitiv. Es ist interessant die Songs das erste mal im Live Kontext zu präsentieren.

    Odd Couple
    Odd Couple, Rush Hour des Lebens, 2025, Tour

    Maja (untoldency): Odd Couple – Was macht euch zu so einer guten odd couple? Referiert der Name (auch) auf anderes? 

    Odd Couple: Der Name beschreibt unser Verhältnis sehr gut. Wir sind wie ein altes Ehepaar.

    Maja (untoldency): Was denkt ihr, ist eine Eigenschaft des anderen, die wichtig für eure Musik ist? 

    Tammo (Odd Couple): Jascha hat ein unglaubliches Talent, aus allem einen guten Sound zu bekommen und Konzepte für Songs festzulegen. 

    Jascha (Odd Couple): Tammo kann innerhalb von Sekunden eine catchy Melodie aus dem Hut zaubern. Manchmal nervt es, weil es so easy aussieht.

    Maja (untoldency): Schreibt ihr zusammen oder schreibt ihr getrennt Songtexte? 

    Odd Couple: In der Regel schreiben wir getrennt und die Songs werden im Ping-Pong produziert.

    Maja (untoldency): Sucht ihr euch aktiv Inspiration oder kommt sie von allein? Wenn sie von allein kommt, gibt’s dafür typische Momente, von denen ihr erzählen könnt? 

    Odd Couple: Das kommt einfach und dafür gibt es auch keine Regel – bei uns zumindest.

    Maja (untoldency): Was waren konkrete Inspirationen für das Album? Gibt’s Filme, Philosophie oder andere Künstler*innen, die starken Einfluss auf das Album nahmen? 

    Odd Couple: Jede/r, die/der sich nicht zu schade ist, mal was Neues auszuprobieren. Der Lebensabschnitt, in dem wir uns befinden hat auch eine große Rolle gespielt. Deswegen der Titel „Rush-Hour des Lebens“.

    Maja (untoldency): Wie ist das Cover entstanden? 

    Odd Couple: Das Cover ist eigentlich ein zufälliger Schnappschuss von uns, den wir dann so lange angeguckt haben, bis wir uns dachten: „Jo, das isses.“

    Maja (untoldency): Wieso habt ihr euch dafür entschieden, aus den Songs ein Album zu machen und sie nicht einzeln hochzuladen? 

    Odd Couple: Weil Alben wichtig sind um gesamte Konzepte und/oder Abschnitt darzustellen.

    Maja (untoldency): Ihr spracht in einem Interview mit dem WDR davon, dass in diesem Album Demos Teil der Musik wären. Wieso habt ihr euch dafür entschieden?

    Odd Couple: Weil Demos oft die roheste, ehrlichste Form eines Songs sind. Unser Produzent Olaf Opal fand die Demos so lässig, dass wir uns dafür entschieden haben bei dem Vibe zu bleiben.

    Maja (untoldency): Überarbeitet ihr Songs auch noch nach der Veröffentlichung oder sind sie mit dem Release abgeschlossen? 

    Odd Couple: Die Songs ändern sich live eigentlich ständig in Nuancen und das ist auch das interessante am Live spielen.

    Maja (untoldency): Wann ist die Rush Hour des Lebens? 

    Odd Couple: Zwischen 30 und 40, wenn man glaubt, dass man jetzt alles auf die Reihe kriegen muss.

    Maja (untoldency) : Wo ist die Rush Hour des Lebens? (Mittelernst gemeint) 

    Odd Couple : Wahrscheinlich überall, wo man selbst ist.

    Maja (untoldency) : Warum lassen sich die Songs unter dem Titel am besten zusammenfassen? 

    Odd Couple: Die Songs sind über einen ziemlich langen Zeitraum entstanden und in diesem Zeitraum ist bei uns beiden viel passiert, was sich gut unter dieser Überschrift zusammen fassen lässt.

    Am 04.04.2025 erscheint »Rush Hour des Lebens«. Wem die aufblitzenden Antworten noch auf der Netzhaut brennen kann hier mehr von Odd Couple finden.

  • Victor Solf im Interview: »Willing to be a musician is not an easy task.«

    Victor Solf im Interview: »Willing to be a musician is not an easy task.«

    Kennt ihr noch Her? Das Duo hat mit Songs wie Five Minutes (2018) auch heute noch einen Platz in unseren Playlisten. Wenn ihr sie auch in euren Playlisten findet, wisst ihr, wie viel Potential leider verloren ging, als einer der zwei talentierten Franzosen vor einigen Jahren an Krebs verstarb. Die tragische Wendung hat seinen Bandkollegen Victor Solf bis in die Knochen erschüttert, doch nicht davon abgehalten, weiter Musik zu machen. Im Gegenteil: die Songs und Alben von Victor sind ehrlicher und berührender denje. In seinem neuen Album Tout peut durer singt er nun das erste Mal in seiner Muttersprache und lässt damit jegliche Schutzmauer hinter sich. Positiv und hoffnungsvoll getränkt ist Tout peut durer ein Album zwischen zeitlosen Soul und progressiven R’n’B. Wir haben mit ihm über alles rund um sein neues Album und seinen Weg dorthin gesprochen.

    Victor Solf im Interview

    Anna: Hey Victor! Last Friday you released your new album Tout peut durer. How do you feel starting 2025 off with such an important release? What are the feelings and thoughts in your mind right now?

    Victor: Releasing this album in January definitely feels like a fresh start. A symbolic way of allowing myself to turn a new page in my musical career and gently letting the past behind. I have probably never been as proud of an album as I am of this one. It is my fourth album release within the past ten years, but the first two albums were released as part of a band and two of them now as a solo artist. Except that this one if in French which makes a big difference to me. I feel very happy and honoured to be able to continue my musical journey.

    Anna: You’ve been making music for so long, it’s a great joy to have followed you through the years ever since Her. If you would have to describe the route through your last 10 years, how would you say your relationship to music has changed?

    Victor: Thanks for following the process 🙂

    Willing to be a musician is not an easy task. You must be confident enough to believe you can create your own music, then be bold enough to try to make a living out of it. In 10 years the most drastic change for me has been going through a collaborative process within a band to releasing music under my real name as a solo artist. It was never a choice I wanted to make but life lead me here. It has taught me to believe in myself and in what I can achieve on my own as a musician. Everything that I have learnt throughout the past 10 years lead me to this album and I believe it is my best craft so far. What I am sure of is that, no matter the obstacles and tragic events in my life, I will never be able to quit music.

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    „I can’t hide behind cool vibes anymore.“

    Anna: Finding yourself as an artist is hard, especially if you’re redefining yourself. How has music help you navigate through life? How did you first fell in love with music and knew you want to do this for a long part of your life?

    Victor: I was in high school when I started a band with my classmates. Surprisingly enough we started touring and playing big festivals by the time I turned 19. At first it was concerts that made me realize I wanted to do this for the rest of my life. I always felt like outcast and this type of life suited me well. All our band mates quitted the band when they realized they couldn’t make a proper living out of it. Simon and I pursued because we considered that no matter the outcome and success, we would continue making music together. That’s exactly when it blew up for us with Her, when we were not expecting anything anymore. Since then, it never occurred to me that I would do something else. I play piano and compose music every single day in my living room.

    Anna: On Tout peut durer you break down a lot of things – musically but also lyrically. What is the main message behind the album? What are the topics that you captured in your songs?

    Victor: It is my most intimate album lyrically because it is in French. In my mother tongue I couldn’t hide anymore behind cool vibes or big themes. First of all, I am 34 now and have experienced life, love, death, parenthood and all that blends into my music. My main topic is hope and positivity. I would like people to relate to what I say even though it is very personal.

    „Music is a love language.“

    Anna: Can you take us in the production process of songs? Which songs challenged you, how did they become what they are now and are you proud of how everything turned out?

    Victor: I am very proud of how it turned out.

    I composed all the music and toplines in my home studio for quite some time. Then I met with Vincha who wrote most of the lyrics with me. Once I had strong acoustic versions piano/vocal and production directions that I loved, we built a team of 10 musicians with my A&R Sylvain Taillet. Considering my background of beings in bands, I can’t help but cherishing making music with other people. Music a love language, it is about sharing. I was lucky enough to be able to make music in such a pure traditional way while adding some modern production to it. That’s how I love making an album.

    Anna: Singing in French, you made a huge change to your music that was mainly in English. I feel like even though I might not understand everything now, it is yet way more personal than your previous album. How did you approach writing songs for the first time in your mother language?  

    Victor: It was intimidating. I knew it was going to be a challenge both in the way I would sing and in the topics I would approach. The first song I wrote with the help of Barbara Pravi was about my dad. Once we recorded a rough demo, I remember walking down the streets of Paris for two hours just crying. French has been a catharsis move for me.

    „My self-expression is notes and music.“

    Anna: What did change for you when you started making music in French? And what stayed the same, maybe even surprisingly?

    Victor: What stayed the same is my musicality. I try to make music in the pure English/American Pop way but in French, to be more precise my challenge was to make a soul record in French which is not an easy task. I tried and I hope I succeeded.

    Anna: What song has been the most difficult to write on this album and why?

    Victor: Le Meilleur de Toi was the longest process. The lyrics first talked about the movie “Eternal Sunshine of the Spotless Mind”, about losing someone, the absence. After weeks of back and forth with Vincha, he is the one who told me I was actually talking about Simon, my former band mate who passed away from cancer at 27 yo. I wanted to make a personal song about loss but that anyone could identify to. Musically it was also the first demo of the album. I had 30 seconds that my manager and I loved, we felt it was special. It was also the last tweaks we made on the album until the very end of the recording.

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    Anna: How does songwriting help you with dealing with things you can’t control?

    Victor: When I am at my piano, I’m literally “in the zone”. I could stay there for hours just composing music. It has helped me a lot without a doubt. It’s how I truly express myself. It’s also why I always needed help with the lyrics. My self-expression is notes and music, not necessarily words.

    Anna: What was the most fun song to write on Tout peut durer?

    Victor: Plus Jamais Rentrer as it’s about parental burnout and just willing to go out for one night as we used to before we had kids.

    „Make yourself heard!“

    Anna: You will kick off your Release Headline Tour in France in February – what are you most excited about getting back on stage? And will there be any shows in Germany? Asking for a friend (me) and everyone else.

    Victor: I can’t wait to sing my songs live and to meet with my public again. I love them so much and I thank them for following me throughout my journey even though I made quite a few radical shifts. I’m afraid no gigs are booked in Germany as of now but if there are enough fans out there, make yourselves heard 🙂

    Anna: For our last question we always ask for an untold story – it’s your space to share whatever you like. A random anecdote, a deep meaning behind a song or just something you want to get off your chest.

    Victor: It has never been this hard to be an artist nowadays. There is little to no economy for most of us so if you love music and artists please support them by going to gigs and buying albums. It is a political act in 2025! Thank you for all the love and support.

    Um in die wunderschöne und vielfältige Welt einzutauchen, die Victor Solf mit seinem neuen Album Tout peut durer geschaffen hat, einfach hier auf Play klicken:

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    Fotocredit: Estévez + Belloso

  • CARY im Interview: »Einsamkeit begleitet mich schon mein Leben lang«

    CARY im Interview: »Einsamkeit begleitet mich schon mein Leben lang«

    CARY nimmt uns auf ihrem Debütalbum Allein oder Einsam auf eine intensive Reise durch persönliche und universelle Gefühlswelten und beschäftigt sich mit Verlusten, Depression, dem Bruch mit der Familie oder Freund:innen – aber auch mit der Hoffnung, dass alles besser werden kann. Warum fühlen wir uns alle so einsam? Und was können wir dagegen tun? Über all das und noch mehr haben wir mit ihr gesprochen.

    CARY im Interview

    Anna: Hey CARY, als erstes ein kleiner Check-In: Wie geht’s dir gerade?

    CARY: Hi Anna, danke der Nachfrage! Mir geht es aktuell sehr gut. Ich genieße und sauge auf. Es gab am Anfang des Writing-Prozesses sehr viel Hürden zu überwältigen. Die Findungsphase und auch die Album- und Tourpromo kommen mit steilen Hindernissen. Jetzt aktuell freue ich mich einfach, dass das Album so gut ankommt, verstanden wird und meine Tour ansteht!

    Anna: Willst du dich und dein kommendes Projekt für alle vorstellen, die dich noch nicht kennen?

    CARY: Sich selbst vorstellen ist immer so ne Sache. Ich würd sagen: Hört mein Album und kommt Ende Februar zu meinen Tour-Shows in Berlin, Hannover & Leipzig. Danach kennt ihr mich in und auswendig.

    Anna: Du machst ja schon seit ein paar Jahren Musik. Ich hab die ersten Sachen so richtig erst 2023 mitbekommen, als du Teil der 365XX-Vol.I Reihe warst. Wie bist du zur Musik gekommen und was bedeutet die 365XX Family für dich?

    CARY: Ich mach schon super lange Musik. Ich habe mit sechs angefangen, Klavier zu spielen und mit sieben meine ersten eigenen Songs geschrieben. Als ich mit 12 das erste Mal Whitney Houston und Mariah Carey gehört habe, war für mich klar, dass ich den Großteil meines Lebens mit dem Singen füllen möchte. Dass natürlich neben den Kreativprozessen noch sehr viel Business dazugehört, musste ich dann als Artist erfahren. Mit der 365XX-Family allerdings habe ich zum ersten Mal gemerkt, dass sich Professionalität und „miteinander lieb umgehen“ überhaupt nicht ausschließen müssen. Lina ist für mittlerweile für mich weitaus mehr geworden. Sie ist Teil meines Management-Teams und eine Freundin. Sie unterstützt mich in allem, wo sie kann und das nun schon seit zwei Jahren. Dafür bin ich sehr dankbar.

    „Die Grenze ist nicht klar, sie verschwimmt.“

    Anna: In deinem Debütalbum geht es, das sagt der Titel ja schon, um Einsamkeit. Du beschäfigst dich mit vielen traurigen und deepen Themen wie Depression, toxische Beziehungen oder den Verlust von Freundschafen. Dort greifst du auch das Thema Familie auf. Was bedeutet Familie für dich in diesem Zusammenhang?

    CARY: Familie bedeutet für mich, vom gleichen Blut zu stammen. Alle, die mir erzählen, dass meine engen Freunde oder Familienmitgliedern von meinen Freunden doch meine Familie sind, weiß einfach nicht, wie es sich anfühlt, keine echte Blutsfamilie mehr bei sich zu haben. Das bedeutet nicht, echte Blutsfamilie auch immer als Familie anzusehen. Aber ich glaube, das größte Glück ist es, ein Blutsfamilienmitglied zu haben, das einen bedingungslos liebt. Ich hatte die Ehre, eine Mama zu haben, die genau das getan hat, mich geliebt. Ich musste sie 2015 gehen lassen und hab das auf meinem Song Asche verarbeitet.

    Anna: Wie definierst du Einsamkeit? Und warum denkst du fühlen so viele von uns diese Emotion so stark und präsent?

    CARY: Einsamkeit begleitet mich schon mein Leben lang. Es passiert mir sehr schnell, dass wenn ich alleine bin, ich mich einsam fühle. Die Grenze ist nicht klar, sie verschwimmt. Und manchmal frage ich mich eben: “Bin ich gerade allein oder einsam?” Es ist ein Problem unserer Zeit. Es passiert immer mehr online. Kellner werden Roboter. Der Einkauf passiert über Flink. Wir vereinsamen nach, ohne dass wir es merken. Ich glaube sogar, dass noch viel mehr Menschen dieses Gefühl der Einsamkeit haben, ohne dass sie wissen, dass es sich bei ihrer „schlechten Laune“ gerade um „Einsamkeit“ handelt.

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    Anna: In Lena geht es um den Verlust einer sehr engen Freundschaft – wer das schon einmal erlebt hat, weiß, dass der Schmerz anders tief sitzt als der Verlust einer Beziehung. Es ist aber auch Teil vom Älterwerden und sich Weiterentwickeln – wie hast du einen Weg gefunden, mit dem Verlust umzugehen? Was hast du daraus vielleicht auch gelernt?

    CARY: Lena und ich haben uns im Prozess des Erwachsenwerdens irgendwie aus den Augen verloren, sind unsere eigenen Wege gegangen und haben vergessen, wie wir eigentlich zusammen waren. So einen richtigen „Cut“ wie bei einer Liebesbeziehung gab es da aber nie. Als ich Lena geschrieben hab, habe ich gemerkt, dass ich dieses Thema unserer zerrissenen Freundschaft lange verdrängt hatte, weil andere Themen akuter waren. Und doch war da etwas in meinem Herzen, dass zu mir gesagt hat, “ich vermisse sie eigentlich”, „wie geht es ihr?“. In dem Moment wusste ich, ich muss ihr nach all den Jahren einfach den Song senden. Es war für mich an der Zeit, ich hatte mich weiterentwickelt und reflektiert. Es ist für mich also nie ein „Verlust“ gewesen, sie war und ist immer noch da.

    „Das Schreiben von Songs ist wie Therapie.“

    Anna: Hat dir das Schreiben der Songs geholfen, all das zu verarbeiten?

    CARY: Das Schreiben von Songs ist wie Therapie. Erst kommt der Schmerz doppelt so schlimm und dann wird es immer besser, weil du auf einmal Zusammenhänge verstehst, warum du so fühlst. Also ja. Ich hab das Glück, mich als Künstlerin sehr viel refektieren zu dürfen und mir Zeit für mich nehmen zu können. Das ist ein großes Privileg und weiß ich zu schätzen. Ich musste aber auch während des Albumprozesses und der wirklich deepen Songthemen aufpassen, dass ich mich nicht zu sehr retraumatsiere. Man verliert sich schnell, wenn so tef taucht, ich habe aber meistens ein Seil mit, um wieder nach oben zu gelangen 😉

    Anna: Was sind die größten Erkenntnisse, die du während des Albumprozesses über dich aber auch über den Umgang mit all diesen Themen gezogen hast?

    CARY: Als ich das Album angefangen habe zu schreiben, war für mich die Frage: “Was ist der Unterschied zwischen “Allein” und “Einsam”?“ nicht ganz klar. Es war schwammig. Dann, als ich den Titeltrack Allein oder Einsam geschrieben habe, ist mir ganz viel bewusst geworden. Dass sich Einsamkeit aus einem reinen Gefühl, sogar aus einem Hirngespinst zusammensetzt, das einem ganz schön weh tun kann. Mittlerweile hab ich sogar das Gefühl, Einsamkeit etwas besser lenken zu können und mich davor so manchmal zu bewahren, bevor sie eintritt.

    Anna: Viele werden dein Album wahrscheinlich hören, wenn sie sich einsam fühlen und es wird sie hoffentlich auffangen können. Welche Artists fangen dich auf, wenn du dich down fühlst?

    CARY: Es sind nie die positiven Songs, die mich in meinem Schmerz halten. Viel mehr sind es die, die mich fühlen lassen, dass ich nicht die Einzige mit dem Thema bin. Ich hab im Winter ’23 Crystal F kennen und schätzen gelernt. Er ist ein Künstler, der sehr transparent über seinen Feelings redet, ohne ein Blatt vor dem Mund zu nehmen. Seine Texte berühren, weil sie echt sind. Ich bin 1000fach dankbar, dass er mit Eingefrorenen ein wichtiger Part auf meinem Album ist.

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    Anna: Du bringst Allein oder Einsam im Februar auch auf die Bühne! Es wird deine erste Headline-Tour sein – auf was freust du dich am meisten?

    CARY: Ich freue mich auf die Bühne und dass ich meine Songs mit anderen Menschen teilen kann. Während des Albumprozesses ist man sehr mit sich, setzt sich alleine mit dunklen Themen auseinander, ist in seinen eigenen Gedanken. Auf der Bühne kann ich dann sehr extrovertiert Gefühle rauslassen und sie mit meinen Zuhörer*Innen teilen und nach der Show dann erfahren, wie es ihnen mit ihren Problemen geht. Zusammen weinen, zusammen tanzen und wissen, dass wir alle nicht alleine sind.

    Anna: Die letzte Frage bezieht sich bei uns immer auf eine untold story, etwas, was du in keinem Interview bisher erzählt habt. Gibt es etwas, was du in diesem Kontext noch loswerden möchtest?

    CARY: Ein Songwriter sagte mir mal, dass ich doch mal einen heiteren Partysong im Repertoire haben sollte. Wir haben keinen Kontakt mehr.

    Hier könnt ihr in CARYs Debütalbum reinhören! Vielleicht fängt es ja den ein oder anderen February-Blues auf 🫂

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    Fotocredit: Corinna Dumat

  • Urbannino im Interview: »Angekommen? Ja. – Für immer da bleiben wollen? Nein.«

    Urbannino im Interview: »Angekommen? Ja. – Für immer da bleiben wollen? Nein.«

    Im November veröffentlichte Urbannino sein Debütalbum noch Zehn gute Jahre. Die, passenderweise zehn, Tracks unterscheiden sich massiv von seinen musikalischen Anfängen und erinnern stattdessen freundlich an 2000er Indie à la The Strokes und Bloc Party, jedoch auf Deutsch. Live steht er aktuell mit ausgefallenem Anzug, Krawatte und eigener Band auf der Bühne, mit der er vor kurzem auf seiner ersten Tour das Album klassisch der Reihenfolge nach präsentierte. Nachdem er sich musikalisch bereits viel ausprobierte, scheint er nun den ernsteren Themen des Lebens in die Augen zu blicken, ohne jedoch den Spaß an der Musik dabei zu vernachlässigen. Vielleicht haben wir ihn vorher alle ein wenig unterschätzt – Nun ist das Album da und zeigt, was Urbannino sein und noch werden kann.

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    Im November, ein paar Tage vor dem Releasedate, traf ich mich mit dem Musiker online für ein Gespräch. „Ist gerade einfach ein bisschen viel auf ein mal, aber das schaff ich alles„, erzählt er mir zu Beginn locker. Auf die Frage, wie der Albumtitel entstand, erklärt Urbannino, dass er auf eine Geschichte vor zwei Jahren zurückgeht: „Ich war mit Freund*innen am See und wir haben darüber geredet, dass die Welt gerade irgendwie vor die Hunde geht. Ein Freund von mir meinte dann, dass wenn nichts bleibt, wir dann noch zehn gute Jahre haben. Dieser Satz ist seit dem bei mir hängen geblieben. Aber ich überlass den Leuten auch gerne ihre eigene Interpretation dafür.“ Der Gedanke scheint hoffnungsvoll und nihilistisch angehaucht zugleich. „Hast du eine Vorstellung davon, wie dein Leben in zehn Jahren sein wird?“, frage ich. „Ne, aber das will ich auch gar nicht wissen.

    Als nächstes frage ich nach den Themen, die sich durch die Tracks durchziehen. „Zum Einen geht es um eine Person, die sich durch ihre 20er hangelt und sein oder ihr Umfeld richtig kennenlernt und auch die Liebe aus den Händen rutscht. Andererseits geht es zum ersten mal auch konkret um mein Leben und meine Familie„, erklärt Urbannino. Quasi ein Balanceakt zwischen Anekdotenartiger Geschichtenerzählung und dem Entblößen der eigenen Lebensrealität. Es sei ihm nicht besonders schwer gefallen, sich im Schreibprozess zu öffnen, da Produzent FFAK und er die Studiotage als freundschaftliche Gespräche gestalteten. Auch die ernsteren Punkte seien im Gesprächsfluss natürlich aufgekommen: „Wenn man solche Themen auf Krampf aufbringt, merkt man auch in den Songs, dass es nicht echt ist.“ Bei der Veröffentlichung sei das Gefühl aber weniger locker: „Bei dem Singlerelease von Zum Glück habe ich das schon gemerkt, dass es echt nicht leicht ist, so etwas persönliches in’s Internet zu stellen und vor allem auch zu bewerben. Mental Health zu kommerzialisieren fühlt sich seltsam an, da muss man schon aufpassen.“ Die Single schreckt nicht davor zurück sensible und persönlich treffende Themen wie Suizidgedanken und Selbstverletzung zu behandeln.

    „Hast du selbst einen Lieblingstrack auf dem Album?“, frage ich neugierig. „Ich glaube das ist abhängig vom Moment. Gerade ist es Ponyhof, weil ich Shitney Beers liebe und das Feature wie ein Ritterschlag für mich war. Ansonsten denke ich, dass Kleiner Engel der wichtigste und vielleicht sogar beste Track auf dem Album ist. Der packt das ganze Album in einen Kontext und schließt das so vollkommen ab. Gleichzeitig gibt der vielleicht auch einen Ausblick auf das, was noch kommt.“ Auch ich finde, dass das Album sich auf den ruhigen, intimen Track im Finale hin aufbaut. Gleichzeitig kam der Song beim ersten Hören doch sehr unerwartet. Doch Urbannino hat schon eine Erklärung für mich parat: „Fun Fact, wieso der unerwartet klingt ist, weil es ihn eigentlich nicht gegeben hätte. Wir hatten schon zehn Songs, der letzte hieß eigentlich ‚Aus Aus und Vorbei‘. Beim Überarbeiten dachten FFAK und ich aber, dass er doch nicht gut genug ist. In der letzten Nacht haben wir gequatscht, geraucht und ein bisschen auf der Gitarre rumgespielt und dabei ist der entstanden. Also auf den aller letzten Metern um vier Uhr morgens. Kleiner Engel ist ein Zufallsprodukt, aber ohne ihn wäre das Album nicht so geworden, wie es jetzt ist.

    Endlich kommen wir auch zu dem Thema von Urbanninos neu angetretenen Indie-Rock Ära, das für mich persönlich sehr spannend ist. Davon, dass er vorher er sich vorher eher in der Ecke von New Wave und Rap aufhielt, ist nichts mehr davon zu hören. Von direkten Referenzen wie The Drums Lyrics in Sieben Leben, hin zum eingängigen Gitarrensound, der nostalgisch werden lässt und doch aktuell wirkt – Alles lässig und ungezwungen. Manche Parts klingen so bekannt und fast schon heimisch, dass man beim Hören versucht zu verstehen, an welchen Track einer großen internationalen Indie-Rock Band sie erinnern. Ich finde, genau das hat uns auf Deutsch momentan gefehlt. Scheint so, als hätte Urbannino bewaffnet mit starken Referenzen eine Nische für sich gefunden, in der er musikalisch aufgehen kann.

    Wie es zu dem Genrewechsel kam, kann er selbst nicht genau sagen. „Ich glaube es gibt andere Artists, die es super gut hinkriegen, von Anfang an eine Linie zu fahren. Ich stelle mir aber ständig die Frage ‚Was will ich eigentlich sein?‘. Ich glaube was sich verändert ist, dass ich eben erwachsener werde. Mein Hörverhalten, mein Umfeld und wie ich Dinge verarbeite, verändern sich und sind auch ausschlaggebend dafür. Das Soundbild ist aber auch dem geschuldet, dass FFAK krasser Multiinstrumentalist ist und es sich durch die Zusammenarbeit im Studio automatisch in Richtung Band entwickelt hat.“ Ich denke nicht, dass unbedingt gut ist, dass manche Artists musikalisch immer auf der selben Schiene bleiben, weil sie vielleicht Angst vor Brüchen haben. „Ich glaube das ist auch ein Ding von Social Media und Vermarktung. Man hat eine Identity und will sich dann ja auch weiter in dieser einen Nische verkaufen. Zum Geld Verdienen ist es schon besser, wenn man 20 Tracks macht, die klingen wie der erste, der bekannter wurde. Das ist total nachvollziehbar, es ist halt kommerziell lukrativ„, so Urbannino. Er merke auch im Vergleich der Streamingzahlen deutlich, dass die Leute nicht bereit für den Schritt zu seinem neuen Albumsound seien. „Das ist auch okay„, fügt er hinzu.

    „Meinst du, du bist mit deinem Projekt jetzt angekommen, wo du sein willst?“, frage ich und erhalte ein lachendes: „Das zu wissen wäre ultra geil“ zurück. „Zu der konzeptionellen und der visuellen Welt, die wir zum Album aufgebaut haben, würde ich sagen, ja. Ich würde gerne immer mit so viel Effort an meine Sachen rangehen. Musikalisch fühle ich mich in dieser Indie-Ecke schon ganz wohl, möchte dort aber noch mehr experimentieren. Angekommen: Ja – Für immer da bleiben wollen: Nein.“ Zum Album erschienen auch aufwendige Musikvideos, die dem ganzen einen ansprechenden visuellen Rahmen schenken:

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    Ich spreche nochmal konkret auf die erweckende Indie Sleaze Nostalgie des Sounds an. „Ich finde einer der besten Songs ist Let’s Go Surfing von The Drums. Der funktioniert einfach von vorne bis hinten. Ich dachte immer, es wäre ultra nice so eine Art von Song zu machen,“ erinnert er sich zurück. Und das ist ihm gelungen. Wir sind uns beide einig, dass eine Band, die das in Deutschland schon seit einer Weile ebenfalls geschickt hinkriegt, EASY EASY ist. „Aus dieser Indie Rock Ära um 2010 herum gibt es so viele Timeless Classics, die gefühlt immer nur noch besser altern. Ich bin jetzt nicht der aller größte allwissende Fan von The Drums oder allgemein diesem Genre, aber ich finde man checkt sehr schnell den Vibe und wie das funktioniert.“ Dafür nehm ja ich die Rolle des Superfans ein. Ich erzähle, dass ich ein paar mal beim Hören des Albums einen kleinen The Strokes-Moment fühlte, was ich hoch anrechne, da es sich um eine meiner absoluten Lieblingsbands handelt. „Ach wie schön, wir haben uns auch wirklich was von The Strokes abgeschaut„, bringt er mir entgegen. Generell sei es die beste Entscheidung in seinem Musikerdasein gewesen, sich eine eigene Band dazu zu holen. „Ohne scheiß, das hat mein Leben verbessert„, sagt er sofort in hörbarer Begeisterung. Er schwärmt mit Lächeln in der Stimme von seinen Bandmitgliedern und dem Spaß, den sie gemeinsam haben. Zuvor trat der Musiker alleine live auf, doch das unschlagbare Upgrade und neugewonnene Energielevel sieht man ihm bei den Liveshows direkt an. „Jetzt sehe ich richtig wohin ich mit der Musik noch kommen kann und finde, meine Musik entfaltet mit der Band ihr Potential. Ich find’s aber auch mega wichtig, dass sich Artists zu Beginn nicht stressen lassen und auch alleine mit Laptop ihr Ding machen. Das ist ein guter Weg um etwas Geld zu verdienen und überhaupt irgendwo anzukommen.

    Meine letzte Frage ist wie immer eine untold Story, also eine Geschichte oder ein Geheimnis, das noch nicht öffentlich erzählt wurde. Ohne zu zögern fällt Urbannino auch schon was ein: „Die vorherige EP hieß Wenn nichts bleibt, dann… und das Album danach noch Zehn gute Jahre, das soll ein ganzer Satz sein. Ich hab mir das schon vor zwei Jahren ausgedacht und so darauf hin gefiebert, dass die Leute das checken. Aber es hat bisher einfach noch niemand gecheckt. Wann sagt endlich jemand was dazu?„, fragt er lachend. Eine ungewollte untold Story quasi.

    Foto Credits: @/Paul.Pokes

  • MODULAR im Interview: »Ich habe als Künstlerin den Anspruch, immer weiterzugehen«

    MODULAR im Interview: »Ich habe als Künstlerin den Anspruch, immer weiterzugehen«

    Das deutsche New Wave Universum brodelt nach wie vor, entwickelt sich jedoch mittlerweile in viele unterschiedliche Stränge auseinander. So fließt auch die Musik von MODULAR organisch in verschiedene Genrerichtungen. Weg von dem kühlen NNDW Synthie-Beat-Sound der ersten EP, hinüber zu großen Indie, Alt-Pop und sogar orchestralen Klängen auf der in diesem Jahr erschienen Trümmer EP

    Mit dem Song ‚Trümmer dieser Stadt‘ habe ich versucht, alles runterzubrennen: Ganz neuer Sound. Im Musikvideo mache ich mich nackt, um auf allen Ebenen zu symbolisieren, dass ich auf Null gehe und schaue, was danach kommt“, beschreibt die Musikerin. „Eigentlich war der Song als eine NNDW-Tanznummer geplant. Zum Glück ist er dann mit der Zeit ganz natürlich abgebogen und zu dem Sentimental-Pop-Song geworden, der er jetzt ist.

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    Mit den fünf Tracks der EP eröffnet sie sehr persönliche, sowie abstrakte emotionale Welten mit teilweise sphärischen Klängen und einem sich durchziehenden visuellen Konzept. Vor einer Weile habe ich mit MODULAR im Interview über die Entwicklung ihrer Musik, die Neue (Neue) Deutsche Welle, sowie Unsicherheiten auf der Bühne gesprochen. Auf die Frage, wie MODULAR ihre Trümmer EP in einzelnen Worten beschreiben würde, entgegnet sie: „Traurig, Tanzbar, Intim“. Die EP sei, anders als ihre ersten Songs, eine intime Offenbarung und Verarbeitung eigener Lebenssituationen. „Jeder Song ist wie ein Umzug von einer Stadt in die nächste. Auch das Verarbeiten davon, dass sich mein gesamtes soziales Umfeld ändert. Das Konzept der EP ist eine Reise, die ich angetreten habe. Bei ‚Endlich‘ versuche ich dann, mich selbst zu finden.

    Ich hake weiter nach der Bedeutung von kreativen Konzepten nach. MODULAR erzählt mir, dass sie selbst Fan von Artists wie Ashnikko oder Björk ist, weil ihre Künstlerinnenpersönlichkeiten sich durch ihr gesamtes Schaffen ziehen und sich nicht nur auf ein runtergeschriebenes Konzept für ein Werk begrenzen. „Ich glaube ein Outfit oder ein Look kann nicht unpolitisch sein, du kannst als Künstlerin nicht neutral sein, in dem was du trägst. Deshalb ist es mir wichtig, Dinge aufzubrechen. Zeigen, dass ich als Frau im kurzen Rock nicht nur schön anzuschauen bin, sondern auch ernst genommen werde.“ Dass ihre Outfits, Make Up und Haare meistens weiß sind, komme aus dem Interesse an der Bedeutung der Farbe: „Einerseits ist es eine Abgrenzung zu mir selbst, weil ich privat sehr selten weiß trage und andererseits mag ich es mit der Symbolik zu spielen, dass weiß für Unschuld steht. Ich mag es, die Themen zu eröffnen, mit den Sachen, die ich auf der Bühne trage. Ich finde das Aussehen ist ein großes weiteres Fenster, mit dem man sich ausdrücken kann. Das benutze ich sehr gerne.“ Auch ich als Hörerin und Konsumentin finde es eine schönere, spannendere Erfahrung in ein kreatives Gesamtwerk hineingezogen zu werden.

    Trotzdem frage ich mich, ob das als Künstlerin nicht auch Nachteile hat. Kann man da eine klare Grenze ziehen, wo MODULAR beginnt und endet? „Natürlich hat das an manchen Tagen auch Nachteile. Manchmal würde ich lieber auf der Bühne in kuscheliger oversized Hose stehen. Aber gleichzeitig hilft es mir, mehr zum Teil meiner eigenen Kunst zu werden. MODULAR ist auch immer Selena, aber Selena versucht nicht immer MODULAR zu sein„, beschreibt sie.

    Wenn wir schon von übergreifendem Stil und Ästhetik reden, will ich von MODULAR wissen, für welchen Film oder Art von Film ihre Musik der Soundtrack wäre. Ich habe schon ein konkretes Bild vor Augen. Sie freut sich darüber: „Ich finde wenn Musik auch bildlich wirkt, hat man alles erreicht.“ Wir sind uns einig, dass es sich um einen künstlerischen Coming of Age Film handelt. „Der Film sollte in Irland spielen und natürlich analog gefilmt sein. Alles passiert sehr langsam, aber bei Rennfahrer gibt es eine coole Partyszene. Der Film zeigt das Erwachsenwerden der Protagonistin in sehr entschleunigten, aber wunderschön anzuschauenden Szenen.“ Warum ausgerechnet Irland? „Ich will Wind und Mäntel tragen„, erklärt sie grinsend.

    Außerdem unterhalten wir uns über ihren Song Rennfahrer. Mein persönlicher Favorit – ein packend tanzbarer Mix einer starken Portion Drama und Selbstbewusstsein. „Es geht darin vor allem um eine Freundschaft zwischen zwei Girls. Ich war nicht immer supportive gegenüber anderen Mädchen. Es ist total wichtig zu realisieren, dass man Teil dieser internalisierten misogynen Struktur war oder vielleicht noch ist. Früher hatte ich nicht so viele FLINTA*-Freundschaften. Rennfahrer ist ein Song über eine weibliche Freundschaft die mir gar nicht gut getan hat. Da dachte ich aber, ich könnte die sehr enge Freundschaft nicht brechen, nur weil wir als Mädchen zusammenhalten müssten. Im Song löse ich mich tanzend von den Fesseln so einer ungesunden Freundschaft. Ich gehe und die Person kann mich dabei nicht mehr bremsen.

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    Anspielend auf ihren Song Zeit steht, frage ich MODULAR welcher Zustand ihr das Gefühl gibt, die Zeit einfrieren zu lassen. „Kennst du das, wenn man Streit mit einer geliebten Person hat und dann gerade nicht mit einander redet?„, fragt sie zurück und ich nicke nachdenklich. „Das ist für mich ultra schlimm. Ich finde man sollte nie im Streit schlafen gehen. Wahrscheinlich habe ich damit schon Grenzen übertreten, in dem ich unbedingt auf der Stelle den Konflikt klären wollte. Im Streit steht bei mir alles still, man befindet sich in einem luftleeren Vakuum voller Anspannung, die man unbedingt lösen will.“ Dieses Empfinden von Machtlosigkeit stecke für die Musikerin auch hinter der Bedeutung des Songs. Das zerrende und von Ungeduld geplagte Gefühl, wieder in Frieden bei einander sein zu wollen verpackt in Nostalgie getriebenen Wave-Pop. „Aber auch wenn ich mir die politische Lage anschaue, fühle ich mich machtlos. Ich heule viel, ich bin wütend. Man möchte das ganze einfach voranbringen und den Weg zum Guten schneller finden.

    MODULAR erwähnt nebenbei im Gespräch, dass sie auch mit ihrem Vater Musik macht und aufnimmt. Natürlich interessiert mich, wie die gemeinsame Beziehung sich darin verhält. Vor allem, wenn man intime Songs und Geschichten zusammen verarbeitet. „Es ist krank geil„, entgegnet sie lachend. „Wir haben es geschafft uns beide aus den Eltern-Kind-Rollen zu emanzipieren. Im Studio sind wir nicht Papa und Tochter, aber obviously kennen wir uns trotzdem sehr gut. Wir sehen uns als ebenbürtig.“ Das sei manchmal leichter und manchmal schwieriger, entwickle sich aber immer mehr auf dieser schönen und gesunden Ebene auf Augenhöhe.

    Der größte und wichtigste Unterschied der ersten und zweiten EP sei der emotionale Zugang zu MODULAR selbst. „Ich finde Stillstand ist der Tod, deshalb bin ich sehr froh, dass mein Sound, aber auch der Zugang, ehrlicher und emotionaler zu schreiben, sich so weiterentwickelt hat.“ Auf die Frage, ob sie sich selbst der sogenannten Neuen Neuen Deutschen Welle Bubble zuordnen würde, wie ihre Musik oft kategorisiert wird, beschreibt sie: „Die damalige Neue Deutsche Welle war nie eine einzige Musikrichtung, das war eine Bewegung cooler deutschsprachiger Musik. Genretechnisch gibt es das einfach nicht, auch jetzt nicht. Nils Keppel macht zum Beispiel ganz andere Musik als Serpentin. Und das ist auch das, was jetzt passiert: Es gibt einen Boom cooler Musik auf Deutsch. Ich finde es aber schwierig und doof, wenn mir jemand anderes von Außen ein Label aufrückt. Prinzipiell finde ich das eine ultra geile, liebe Community und Bubble. Aber ich habe den Anspruch als Künstlerin, immer weiter zu gehen. Es wäre schade, sich an einem Punkt fest zu fahren. Ich versuche mich weiterzuentwickeln, denke aber das Label NNDW wird weiter bleiben. Das ist auch in Ordnung, ich kämpfe nicht mit Fäusten dagegen.

    MODULARs am meistem gestreamter Song ist ein Cover von Joachim Witts 80er Jahre Hit Goldener Reiter. Ich erzähle von jemandem bei einer kürzlich besuchten Lesung zum Thema Neue Deutsche Welle, der behauptete, was jetzt in der deutschen Musik passiert, ist nicht zu vergleichen, weil keine Rebellion stattfindet. Wir sind uns beide bewusst, dass die Fußstapfen von Grauzone und co. unfassbar große sind. „Ich glaube die Form der Rebellion ist eine andere geworden. Du kannst nicht mehr wirklich mit Musik aufstoßen, weil es so ein Überangebot an verschiedener Musik gibt„, erklärt MODULAR. „Klar sind wir als Musiker*innen in unserer Kunst als Gesamtheit wesentlich unpolitischer, als die Bands der NDW damals. Aber vielleicht ist es für eine männlich gelesene Person schon eine Form von Rebellion über ihre Gefühle zu singen, weil das halt nicht easy ist. Außerdem gehen wir als Bubble weg von diesen Überproduzierten Mega-Popsongs der fettesten Produzenten, sondern gehen alleine mit Laptop in unser Schlafzimmer für Songs. Das ist auch Rebellion, nur zu einer anderen Thematik. Ich finde es aber auch sehr schön, wenn Leute sich nicht nur mit sich selbst in ihren Texten beschäftigen, sondern auch politisch aufschreien.

    Abschließend frage ich die Musikerin traditionell nach einer untold Story, also einem Geheimnis oder einer Geschichte, die sie noch nicht öffentlich erzählt hat. Nach einem lustigen Hin- und Her wird es doch unerwartet ernst. „Ich bodyshame mich übelst, wenn ich auf der Bühne stehe. Oft sehe ich Videos und Fotos von Auftritten und denke ‚Wie siehst du denn aus? Sowas kannst du nicht mehr anziehen‘. Ich bin super gerne extrovertiert auf der Bühne, ich liebe es aufzutreten. Aber in so vielen Fällen mache ich mich danach total für mein Aussehen runter. Solche Gedanken sind auf jeden Fall ein Aspekt, den ich versuche zu ändern. Aber gerade als Person des öffentlichen Lebens, die von Fremden gefilmt wird, denke ich mir währenddessen ‚Seh ich da gerade gut drauf aus? Ist mein Bauch eingezogen? Ist meine Schokoseite im Licht?‘, obwohl ich mich eigentlich freue, wenn jemand mich cool findet und filmen möchte. Ich glaube, das wissen die meisten nicht, dass ich damit auch viele Struggles habe.“ Wir stellen beide fest, dass auch das leider wieder auf internalisierte Misogynie zurückzuführen ist. „Niemals würde ich solche Gedanken über andere Künstler*innen auf der Bühne haben, nur über mich selbst. Das nervt, aber ich denke, ich bin da in einem guten Prozess. Wir sollten einfach mal darüber reden, dass es sich nicht immer geil anfühlt, auf einer Bühne vor Menschen zu stehen.

    Ich bin gespannt, was von MODULAR noch auf uns zu kommen wird. Aktuell ist sie auf Trümmer dieser Stadt-Tour durch Deutschland, hat seit der EP jedoch schon zwei weitere Singles in neuem Soundgewand veröffentlicht. Es ist klar – Die Zukunft ihrer Musik wird vielseitig, aber stets unfassbar schön.

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    Foto Credits: 1. CAPADOL, 2.-3. Fioniversace
  • So Soon im Interview: »Es passieren gerade so viele überwältigende Dinge«

    So Soon im Interview: »Es passieren gerade so viele überwältigende Dinge«

    So Soon sind die Multiinstrumentalisten, Songwriter und Producer David Stöbener und Marco Braun. Oder um es in unseren Worten zu sagen: So Soon sind die Newcomer-Empfehlung, die die nächsten Jahre unsere Indie-Folk Bubble von innen aufrümpeln werden. Das ist auch der Grund, warum wir ihre im Dezember startende Headline-Tour mitpräsentieren dürfen! Mit einem gefühlvollen und impressionistischen Ansatz im Sounddesign schaffen sie es, kleine Songs ganz laut werden zu lassen und große Gefühle ganz klein zu verpacken. Wie genau sie das machen und was ihr noch alles über das Duo und ihr Debütalbum Whether You Like It Or Not wissen müsst, erfahrt ihr hier im Interview.

    So Soon im Interview

    Anna: Hey ihr beiden, wie geht’s euch? Wollt ihr euch für alle, die euch noch nicht kennen, einmal vorstellen?

    So Soon: Hallo Anna, vielen Dank, dass ihr uns die Möglichkeit gebt, das hier zu machen, wir freuen uns riesig! Wir sind David & Marco von So Soon und kommen ursprünglich aus kleinen Dörfern in Rheinland-Pfalz. Wir sind seit der Schulzeit befreundet und machen seit einigen Jahren zusammen Musik. Seit 4-5 Jahren hatten wir den Traum ein Konzeptalbum zu veröffentlichen und letzte Woche war es wirklich soweit. Es hat eine Weile gedauert, und es gab einige Umwege, aber wir sind sehr glücklich. Wir sind unfassbar dankbar dafür, dass wir die Chance haben, unsere Musik auf Deutschlandtour den Menschen zu zeigen. Es fühlt sich ein wenig komisch an, dass in so vielen Städten Leute zu unseren Konzerten kommen. Wir fühlen uns sehr geehrt und geben unser Bestes, dass die Shows für alle schöne und unvergessliche Momente werden. Es passieren gerade einfach so viele überwältigende Dinge.

    Anna: So Soon gibt es seit 2020, ihr macht aber schon sehr viel länger Musik. Wie habt ihr beide zum Musikmachen aber auch zueinander gefunden?

    David: Als jüngster von vier Brüdern habe ich das gemacht, was meine großen Geschwister so machten, und die haben in Indie Rock Bands gespielt. Da unser großes Kinderzimmer sowieso eine Art Proberaum war, fingen wir irgendwann an, Songs meines ältesten Bruders zu spielen. So entstand unsere gemeinsame Band My Friend The Immigrant als ich 14 Jahre alt war. Mit der Zeit fing auch ich an Songs zu schreiben, und ein paar davon spielen wir jetzt mit So Soon.

    Marco: Ich bin mit 10 Jahren eines Tages aufgewacht und hatte die Idee, dass ich Gitarre lernen muss, weil ich unbedingt in einer Band sein wollte. Davor hat mich Musik nie so richtig interessiert. Mein ältester Kindheitsfreund hat damals Schlagzeug gespielt und wir sind wir zu zweit zB beim Geburtstag seiner Schwester aufgetreten. Er mit seinem Drumset und ich mit einer Spielzeuggitarre. Irgendwann fand ich, dass es Zeit war das Instrument mal richtig zu lernen und fing an Unterricht zu nehmen und in meiner Band zu spielen. 

    Wir beide kennen uns seit der Schulzeit und haben in der Oberstufe angefangen zusammen Musik zu machen. Anschließend zogen wir zum Studium eine gemeinsame WG. In dieser Zeit entstand die Idee zusammen ein Album zu schreiben, bzw zusammen Musik zu machen. Kurz vor der Corona Pandemie haben wir angefangen erste Ideen zu schreiben, die jetzt Teil unseres Albums Whether You Like It Or Not sind.   

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    „Wir mögen Songs, die klein und nahbar starten und mit der Zeit größer werden.“

    Anna: Eure erste Single-Veröffentlichung hieß Silent Moment – welche Bedeutung hat für euch Stille? Vor allem in der Musik kann ein gut gewählter Moment der Stille viel Macht haben.

    So Soon: Bei diesem Song geht es um das Bedürfnis bei der Person, die einen am besten kennt Ruhe finden zu können. Bezogen auf unsere Musik kommen ruhige Momente ziemlich häufig vor. Wir mögen es wenn Songs klein und nahbar starten und mit der Zeit größer werden. Wir sind Fans von solchen Dynamikunterschieden, weil dann Parts, die laut sind, noch intensiver sein können. Umgekehrt natürlich genauso. 

    Anna: EureKompositionen zeichnen viel Gefühl für genau solche Momente aus, was mich von Anfang an sehr in den Bann gezogen hat. Wie sieht der Prozess hinter euren Songs normalerweise aus?

    So Soon: Vielen Dank! Das bedeutet uns sehr viel. 

    Ehrlich gesagt fängt es meistens mit Ideen an, die einfach aus dem Nichts beim Üben, Proben oder Rumprobieren entstehen. Eigentlich ist immer erst Musik und eine gewisse Stimmung da und ab dann taucht man ab und probiert solange aus bis die Idee immer konkreter wird. Dann probieren wir einfach viel aus und behalten, was uns gefällt. Manchmal gibt es auch Lyrics, die dann musikalische Ideen triggern.

    „Plötzlich ist man erwachsen.“

    Anna: Nach eurer ersten EP Then (2022) kommt nun euer Debütalbum Whether You Like It Or Not raus. Direkt in eurem ersten Song beschäftigt ihr euch mit dem Älter werden. Wie habt ihr die Zeit zwischen der ersten EP und eurem Album wahrgenommen? Inwiefern seid ihr mit eurer Musik älter geworden?

    So Soon: Viele Grundideen der Albumsongs sind tatsächlich schon mehrere Jahre alt. Sie sind also mit uns zusammen gealtert. Wir hatten von Anfang an die Idee, ein Album zu schreiben, dass einen Zusammenhang hat und eine Art Gesamtwerk ist. Es war für uns direkt klar, dass wir uns unserem aktuellen Leben, Gefühlen und Wahrnehmungen widmen, weil noch nie so viel in unserem Kopf los war, als zu dieser Zeit. Die meisten Songs sind schon 4-5 Jahre alt und in der Zeit entstanden, wo wir gerade unser Zuhause verlassen hatten, um in eine neue Stadt zu ziehen und zu studieren. Eigentlich dachten wir, es geht genau so harmlos und sicher weiter wie bisher, doch plötzlich ist man erwachsen. Zum ersten Mal muss man sich mit komischen Ängsten und Sorgen rumschlagen, die man zuvor nie kannte und fragt sich wie die Zukunft wird.

    Als hätten wir unser kindliches Paradis aufgeben müssen, um uns dann in einer neuen Welt wiederzufinden, auf die man nicht vorbereitet war – ob wir wollten oder nicht. Denn so ist einfach der Lauf der Dinge. 

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    Anna: Eure erste Single-Auskopplung All About The Sunshine handelt von der egoistischen Denkweise der Gesellschaft, vor allem im Kontext von sozialen Medien. Wie geht ihr mit dem Druck der sozialen Medien und Algorhithmen um, vor allem als Band, die zu Teilen sehr auf darauf angewiesen ist?

    So Soon: Es liegt tatsächlich nicht in unserer Natur, Social Media besonders viel nutzen. Manchmal ist es etwas mühsam, weil uns das nicht immer leicht fällt guten Content herzustellen. Aber ist natürlich mega cool einen (mehr oder weniger) direkten Kanal zu den Leuten zu haben, die gut finden was man macht. Das motiviert dann! Aber natürlich gerät man auch oft ins Vergleichen, und sieht was andere Bands so auf die Beine stellen und viel cool deren Content ist. Aber wir versuchen uns da immer wieder von zu lösen und einfach unser Ding zu machen. 

    „Wir hoffen, dass sich Leute in unserer Soundwelt verlieren können.“

    Anna: Musik ist eins der stärksten Mittel, um Gefühle universell miteinander zu teilen. Was sind die Alben und Songs, bei denen ihr das Gefühl hattet, sie sprechen euch aus der Seele?

    So Soon: Eigentlich alle Bon Iver Alben. Besonders die ersten drei. 

    Das Album Two Star & The Dream Police von Mk.gee.

    Hortelã von Maro

    Vincent von Don McLean.

     Friendly Travelers von Brian Blade und Wolfgang Muthspiel.

    Das Album Bridge Over Troubled Water von Simon And Garfunkel.

    Die ersten vier Coldplay Alben. 

    Das Album Songs of Leonard Cohen

    The Freewheelin’ Bob Dylan

    Anna: Ihr geht mit eurem Album auch auf große Deutschland-Tour. Habt ihr die Songs schon mal live gespielt? Auf was freut ihr euch am meisten?

    So Soon: Ja, wir spielen den Großteil der Songs schon länger live. Aber für eine eigene Show haben wir nochmal einiges an neuem Repertoire mit in unser Tourset genommen. Wir freuen uns einfach darauf, eine gute Zeit mit unserer wahnsinnig guten Crew zu haben und endlich das Album und die Songs mit der Welt teilen zu können. Wir hoffen, dass wir den Leuten einen schönen Abend bereiten können und dass sie für die Konzertdauer ein bisschen abtauchen und sich in unserer Soundwelt verlieren.

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    Ein vergessener Bass und eine Nike-Narbe

    Anna: Es geht so langsam Richtung Ende des Jahres zu und das Album und die Tour werden wahrscheinlich eure größten Highlights von 2024 sein – was sind eure Ziele/Wünsche für nächstes Jahr? Habt ihr Sachen auf eurer (auch persönlichen) To-Do Liste, die ihr euch unbedingt erfüllen wollt?

    So Soon: Wir hoffen, dass wir gut erholt ins neue Jahr 2025 starten können und eine erfolgreiche Tour hatten. Wir haben sehr viel Lust neue Musik zu schreiben und an Ideen zu arbeiten, die zurzeit in den Untiefen unserer Festplatten schlummern. Wir hoffen, dass wir unseren ersten Festivalsommer spielen können und weitere Konzerte vor uns liegen.

    Anna: Die letzte Frage bezieht sich bei uns immer auf eine untold story, etwas, was ihr bisher in keinem Interview erzählt habt. Das kann alles Mögliche sein, was ihr gerne loswollen möchtet.

    So Soon: Vor einigen Jahren hatte David mal einen Gig und sollte Bass spielen. Er hat allerdings seinen Bass vergessen. Zum Glück war es ein Auftritt mit mehreren Bands und jemand hatte noch einen Bass. 

    Marco hat eine Narbe an der linken Hand die aussieht wie das Nike Logo. 

    Wer die David & Marco aka So Soon im Dezember auf ihrer ersten Tour live erwischen möchte, bekommt hier alle Infos.

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    Fotocredit: Flemming Fuchs

  • Mulay im Interview: »Musik ermöglicht es mir, schmerzhafte Erfahrungen in etwas Schönes zu verwandeln«

    Mulay im Interview: »Musik ermöglicht es mir, schmerzhafte Erfahrungen in etwas Schönes zu verwandeln«

    Es gibt wenig Künstler*innen, die uns so begeistern wie Mulay. Zu ihrer damaligen Debüt-EP schon bei uns im Interview hat die Alternative-R&B Musikerin aus Berlin nun ihr langerwartetes Debüt-Album LAVENDER veröffentlicht. Ein intimes Heartbreak-Album, was so viel mehr behandelt als nur schmerzhaften Liebeskummer. Es geht um toxische Liebe, Enttäuschung und die Kraft wieder zu selbst zu finden. Aus Verletzung schöpft Mulay Stärke und Empowerment, und verpackt all das in ein Gesamtkunstwerk, das uns tief berührt. Über all das und viel mehr haben wir mit ihr gesprochen.

    Mulay im Interview

    Anna: Hey Mulay, das letzte Mal haben wir uns 2021 zu deiner Debüt-EP ANTRACYTE gehört. Seitdem ist sehr viel passiert. Wie hast du die die letzten Jahre wahrgenommen?

    Mulay: Wow, das ist eine umfangreiche Frage. Die Zeit ist einerseits unglaublich schnell vergangen, andererseits ist auch unglaublich viel passiert. Wenn ich an meine Debut-EP und den Entstehungsprozess denke, wird mir bewusst, wie sehr ich als Mensch und Künstlerin seitdem gewachsen bin. Ich habe viele Erfahrungen dazu gewonnen und gelernt, meinen Instinkten, Visionen und Skills noch mehr zu vertrauen. Mit meiner ersten Vinyl “Antracyte/Ivory habe ich mir einen Traum erfüllt. Und auch andere Meilensteine erreicht, wie meine erste eigene Tour zu spielen. Ich bin unglaublich dankbar für alles, was ich in den letzten Jahren umsetzen konnte. Für all die inspirierenden Menschen, die mir begegnet und zu Freunden geworden sind. Obwohl ich langsam spüre, dass ich seither keine wirkliche Pause eingelegt habe und nach dem Album erstmal neue Kräfte tanken muss, fühlt es sich dennoch wie ein Anfang an: Mein erstes Album, auf das hoffentlich viele weitere folgen.

    Anna: In dieser Zeit hast du auch dein Debütalbum LAVENDER geschrieben. Wie hast du bemerkt, dass die Zeit reif für ein Album war?

    Mulay: Für mich war von Anfang klar, dass ich sobald wie möglich ein Album machen wollte. Ich bin selbst ein großer Fan von und habe großen Respekt vor dem Album als Kunstform. Ich höre lieber Alben von Anfang bis Ende durch, als Playlists.

    Besonders liebe ich dabei in die Welt und den Kopf eines Künstlers eintauchen zu dürfen. Auf emotionaler und kreativer Ebene sich selbst zu entdecken und inspiriert und berührt zu werden. Man kann nur soviel von sich in einen Song stecken. Ein ganzes Album bietet da etwas mehr Raum, verschiedene Seiten und Perspektiven zu beleuchten und in mehr Dimensionen zu reflektieren.

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    „Nichts und niemand kann meine Kreativität aufhalten.“

    Anna: Ein Album schreiben ist ja nochmal was ganz anderes. An welchen Dingen bist du während dieser Zeit gewachsen? Was hat dir besonders Spaß gemacht?

    Mulay: Es ist wirklich ein unglaublich intensiver Prozess, auf so vielen Ebenen… Ich denke, das Schreiben der Songs hat mir auf der einen Seite erlaubt, mich von sehr viel Schmerz und Wut zu befreien. Es war eine Form der Katharsis, die mir geholfen hat, all diese Emotionen raus- und loszulassen. Auf der anderen Seite habe ich in Jule Minck und Elie Zylberman zwei neue, unglaublich talentierte kreative Partner gefunden und sehr viel Spaß und Inspiration aus der Zusammenarbeit mit ihnen geschöpft.

    Ich glaube, eine der größten Herausforderungen dieses Projekts war, dass ich unglaublich viele Aufgaben gleichzeitig übernehmen musste, um meine Vision trotz fehlenden Fundings irgendwie umzusetzen. Dadurch war ich praktisch gezwungen, auf vielen Ebenen über mich hinauszuwachsen und mehrmals über meine eigenen Grenzen zu gehen. Dem mentalen Druck – den man sich einerseits aus Leidenschaft und Perfektionismus selbst macht, andererseits aber auch durch den Zeitdruck, Deadlines einzuhalten – standzuhalten, war eine echte Übung in Resilienz. Daran bin ich definitiv gewachsen. Es hat mich erneut darin bestärkt, dass nichts unmöglich ist und nichts und niemand mich und meine Kreativität aufhalten kann.

    „Step by step by step…“

    Anna: LAVENDER ist sehr persönlich, voller intimer Einblicke in einen sehr schmerzvollen Heartbreak, aber auch in eine sehr toxische Beziehung. Was waren die Phasen, durch die du während und nach der Trennung gegangen bist?

    Mulay: Da es bei der Erfahrung, die LAVENDER verarbeitet, nicht nur um einen Heartbreak, sondern auch um eine für mich traumatische Erfahrung geht – was oft zusammenwirkt, jedoch sehr unterschiedliche Gefühle und Gedanken auslöst –, musste ich beide getrennt für sich verarbeiten. Auf der einen Seite war da der Schmerz und die Sehnsucht nach einem Menschen, den ich vermisste und die Erinnerung an eine gemeinsame Zeit, die ich betrauerte. Auf der anderen Seite standen das Unverständnis über das Verhalten dieser Person mir gegenüber, das Unverständnis mir selbst gegenüber, wie ich mich so täuschen lassen konnte, und schließlich die Wut über beides und die gesamte Situation.

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    Wenn ich den Verarbeitungsprozess in Phasen beschreiben müsste, würde ich sagen, erst kam die Depression, das Tief-in-sich-Blicken, dann die Erkenntnis, den Fokus für eine Weile auf mich selbst, mein Innenleben und meine Bedürfnisse zu legen. Dann kam die Verarbeitung durch das Schreiben und die Musik, die Ablenkung durch kreative Arbeit. Und dann das nach und nach Loslassen: weniger an die Person denken, weniger Sehnsucht, mehr Wut. Mich selbst wieder stärker spüren und neu sortieren, was ich möchte und was nicht, was ich brauche und was nicht. Schließlich ging es darum, Teile von mir loszulassen, die mir nicht mehr guttaten und durch Therapie und das Album eine Art Katharsis zu erreichen. Step by step by step…

    „It’s my superpower.“

    Anna: Du hast vielem Luft gelassen, was sich angestaut hat. Was hat dir geholfen, die toxische Beziehung zu verlassen?

    Mulay: In meinem Fall ging das alles zum Glück sehr schnel. Im Sinne von “lieber ein Ende mit Schrecken, als ein Schrecken ohne Ende”. Erst war alles zu gut um war zu sein und sehr schnell unglaublich intensiv und dann ist das Kartenhaus zusammen gefallen. Ich wurde mit Fakten konfrontiert, die mir das wahre Gesicht der Person gezeigt und damit keine andere Wahl gelassen haben. Es war so als wäre ein Schleier gefallen und plötzlich erblickt man alles in einem anderen Licht. Die Realität der letzten Monate stellt sich als Inszenierung heraus und der Traum wir zum Albtraum.

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    „Dated keine Künstler.“

    Anna: Wie hast du dich selbst auf dieser Reise wiedergefunden?

    Mulay: Ich glaube, das Schwierigste ist, dass man Vertrauen in seine eigene Wahrnehmung und Instinkte verliert. Man hat jemanden so nah an sich rangelassen und vertraut und dieses Vertrauen wurde missbraucht. Zum Glück habe ich sehr gute Freunde, auf die ich mich verlassen kann, die für mich da waren, mich unterstützt haben. Und zum Glück habe ich die Musik und das Schreiben, das mir einen direkten Draht zu meinem Unterbewusstsein gewährt und stets dabei hilft in mich selbst einzuchecken. Mich künstlerisch auszudrücken hilft mir dabei mich daran zu erinnern, wer ich bin und meine innere Stärke zu spüren. It’s my superpower.

    Anna: Was sind Sachen, die du aus diesem gesamten Prozess gelernt hast? Für dich persönlich, aber auch für andere.

    Mulay: Dated keine Künstler. Haha.

    Ich habe über mich selbst gelernt, dass meine Empathie zwar eine Stärke ist, ich aber auch lernen muss, mich selbst zu schützen, damit diese nicht ausgenutzt wird. Außerdem habe ich erkannt, wie wichtig es ist, mich selbst zu nähren und mir das zu geben, was ich sonst in anderen suche.
    In vielen Gesprächen über diese Erfahrung habe ich festgestellt, wie viele Menschen ähnliche Erlebnisse teilen und wie verbreitet toxische Dynamiken sowie emotionaler und sogar physischer Missbrauch sind. Das hat mir wirklich die Augen geöffnet. Wichtig ist dabei, sich bewusst zu machen, dass man keine Schuld trägt, wenn einem Unrecht widerfährt. Und dass man dem Impuls widerstehen sollte, sich selbst dafür verantwortlich zu machen. Eine weitere wichtige Erkenntnis war, dass Opfer von Manipulation zu werden nichts mit Schwäche oder Naivität zu tun hat – es kann wirklich jedem passieren. Deshalb ist es umso wichtiger, dass wir uns austauschen und offen über unsere Gefühle und Erfahrungen sprechen. Ohne Scham, sondern mit Stolz und neu gewonnener innerer Stärke.

    „Musik ermöglicht es mir, schmerzhafte Erfahrungen in etwas Schönes zu verwandeln.“

    Anna: Du empfindest Verletzlichkeit als Stärke – warum?

    Mulay: Ich hab das Gefühl durch das Schreiben und Performen meiner Songs, Verletzlichkeit zulassen und in Stärke umwandeln zu können. Oft kann ich meine tiefsten Gedanken und Gefühle ehrlicher auf Papier bringen, als sie auszusprechen. Die Musik hilft mir, all das nach außen zu tragen und auszudrücken, was mir sonst schwerfällt, mit meiner Außenwelt zu teilen – paradoxerweise, weil ich mich damit zu verletzlich fühlen würde. Die Musik ermöglicht es mir, diese Gefühle zu transformieren, die schmerzhaftesten Erfahrungen oder düstersten Gedanken in etwas Schönes zu verwandeln, etwas Kraftvolles, das im besten Fall sogar andere berührt und bestärkt. Was vorher mit Scham bedeckt war und tief vergraben werden sollte, wird nun zum leuchtenden Schmuck. Sichtbar für alle und entwaffnend für jeden, der dachte, darin Munition zu finden. ‚Turning tears into diamonds‘ eben.

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    Anna: Deine Musik drückst du auch weiterhin sehr visuell aus – Videokonzepte und Styling spielen eine große Rolle beim Release deiner bisherigen Singles und das merkt man. Was macht dir am meisten Spaß beim Drehen und Entwickeln eines Musikvideos?

    Mulay: Am meisten Spaß macht wahrscheinlich der Dreh selbst, denn das ist der Moment, in dem die Vision, die man so lange im Kopf entwickelt und gesponnen hat, endlich in die Realität umgesetzt wird. Zum ersten Mal fügen sich dann alle Bausteine und Details, die man geplant und vorbereitet hat, zusammen.

    Ein großer Teil des Spaßes liegt natürlich auch in der Zusammenarbeit mit anderen. Ob es um das Styling, die Produktion, das Casting oder den Dreh selbst geht – ich bin immer unglaublich dankbar, so vielen talentierten und inspirierenden Menschen zu begegnen, die mich unterstützen. Für dieses Projekt habe ich einige Aufrufe auf Social Media gemacht, z. B. für das Casting oder für Behind-the-Scenes-Fotografie, und ich war überwältigt von den Reaktionen. So viele Menschen wollten Teil des Projekts sein, was für mich eine unglaublich schöne und bestärkende Erfahrung war. Gerade als jemand, der sehr viel alleine macht, hat es mir noch einmal vor Augen geführt, was für eine tolle Community ich hinter mir habe, die jeden Dreh zu etwas besonderem gemacht haben.

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    „I hope you love it as much as I do.“

    Anna: LAVENDER ist bald draußen und nicht mehr nur deins. Freust du dich aufs Loslassen des Albums? Was kommt jetzt?

    Mulay: Es ist ein ganz komisches Gefühl… Einerseits kann ich nicht darauf warten endlich loszulassen und die Vinyl in meinen Händen zu halten. Andererseits geht damit auch ein unglaublich langer Prozess zu Ende und ein unglaublich großes Projekt findet seinen Abschluss. Es ist auf jeden Fall befreiend und ich bin sehr dankbar für die Erfahrung, für alles, was ich daraus mitnehmen durfte und stolz das Ergebnis endlich mit der Welt zu teilen. Der Gedanke, dass es bald zum ersten Mal von Menschen gehört wird ist verrückt! I hope you love it as much as I do.

    Danach werde ich versuchen mal ein bisschen Urlaub zu machen, da die letzten Jahre dafür entsprechend keine Zeit war und 2024 dann LAVENDER auf die Bühne bringen und touren. Allgemein wieder mehr Live spielen, natürlich neue Musik machen, neue Projekte realisieren, sich vllt mal wieder verlieben und weiter wachsen. Als Mensch und als Künstlerin.

    Anna: Die letzte Frage bezieht sich bei uns immer auf eine untold story, etwas, das du in noch keinem Interview erzählt hast. Hier ist dein space, alles loszuwerden, was du möchtest.

    Mulay: You called it end game and I believed you, I blame myself because I didn’t mean to, it’s so unlike me, like to keep things lightly, thought I brushed it off, but I still pictured you beside me.‘ – Diese Phrase hatte ich in meinem Handy, als ich in Paris mit Elie und Jules an Songs arbeitete. Ich wollte daraus einen Song namens End Game machen, der sehr dunkel und beatlastig sein sollte.

    Eines Tages, als wir im Studio waren, schien die Sonne, und wir entschieden, eine Pause einzulegen und in den Park zu gehen. Wir nahmen die Akustikgitarre mit, legten uns ins Gras, schauten den Wolken zu und improvisierten. Plötzlich nahm die Musik eine folky Richtung und alles passte – die vorbeiziehenden Wolken, die warmen Akkorde. Zurück im Studio versuchten wir, diesen Moment nachzustellen – erst kläglich, dann ein wenig erfolgreicher.

    Es war bereits Nacht, als die Gitarrenaufnahme lief. Ich schrieb und schrieb, und es floss einfach nur aus mir heraus. Ich machte eine schnelle Aufnahme mit dem Handy, um die Idee festzuhalten, bevor wir Schluss machten. Als ich sie im Flugzeug nach Hause wieder anhörte, war ich schockiert, wie schön sie war. Direkt nach meiner Ankunft in Berlin setzte ich mich an den Computer und nahm Demo-Vocals auf. Als ich die Vocals editiert hatte und den Song hörte, weinte ich – jedes Mal. Solche Momente passieren mir selten. Ich entschied, die Vocals nicht noch einmal aufzunehmen. Der Song war genau so, wie er sein sollte. Eine Spiegelung meines Innersten, eine Umarmung an mich selbst und hoffentlich jeden der in hörte.

    Fotocredit: Lotte Thor, Tilo Wandelt