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  • Sinu im Interview: »Ich war schon immer eher ein Oversharer, mit der Flucht nach vorne.«

    Sinu im Interview: »Ich war schon immer eher ein Oversharer, mit der Flucht nach vorne.«

    Für Fans von RY X, HALLER oder Ben Howard kommt jetzt eine ganz große Herzens-Empfehlung: Sinu. Direkt aus Köln macht der deutsch-türkische Singer-Songwriter Indie-Pop mit tiefgehenden Vibes und poetischen Texten. „und doch“ ist eine Ansammlung von Songs aus den letzten drei-vier Jahren und fließt genau so smooth über die Seele wie sich Wasser um den Körper schmiegt. Es ist ein Debütalbum für die ruhigen Momente, aber auch die energetischen – zwischen minimalistischen Gitarren und treibenden Beats hat alles kurz Platz.

    Wir haben uns mit Sinu über seine Songs unterhalten, was hinter ihnen steht, was er an der Türkei & Köln so liebt, wieso deutsche Singer-Songwriter Tradition oft ein wenig „hölzern“ ist und wo die Magie eines falsch gehalteten Mikros liegt.

    Sinu im Interview

    Anna: Hey Sinan, seit letzter Woche ist dein Debütalbum draußen! Wer dich schon länger verfolgt, würde wahrscheinlich sagen, “ENDLICH!” Wie geht’s dir damit, das erste Mal deine Musik in einem Album zu veröffentlichen? Fühlt es sich anders an?

    Sinu: ENDLICH, ja, das trifft es ganz gut, haha! Ich freue mich sehr, diese intensive Phase voller Veränderungen in meinem Leben in meinem Album zusammengefasst zu haben. Ich war die letzten Jahre einfach immer am machen und habe auch mal verschiedene Ansätze und Stile musikalisch ausprobiert. Aber da lagen dann auf einmal ein Stapel neuer Songs vor mir, die mit einigen meiner Songs, die mich auch schon ein paar Jahre begleitet haben, total resoniert haben. Ich hab drauf geschaut und gemerkt, „Ah krass, das ist ein Vibe, das ist also, wo ich hingegangen bin und wo ich hinwill“. Deshalb heißt das Album und doch, weil ich eben nicht mit der klaren Idee eines Albums losgezogen mit, sondern mich eher ins Getümmel geworfen haben und ausprobiert habe. Die Songs auf dem Album sind das, was sich im Schaffen dann herauskristallisiert hat. Sie sind das, was mich in den Fluten des Lebens über Wasser gehalten hat und mir Auftrieb geben hat 🙂

    Das erste Mal bist du in meinen Playlisten mit Salzwasser aufgetaucht. Das war vor vier Jahren, nun ist er auch mit auf deinem ersten Album. Was bedeutet dir der Song?

    Salzwasser ist einfach ein Türöffner gewesen. Durch den kleinen Mini-Hit im Sommer damals, hab‘ ich einfach so viele tolle neue Leute kennengelernt, vor der Bühne, hinter den Kulissen und online.

    Salzwasser war auch der erste Song, indem wir bewusst unperfekte Sounds benutzt haben. Die Gitarre schnarrt -> noice!, die Stimme bricht -> uhhhhh. Wir sind damals einfach bewusst weg davon, die Sachen zu hart zu produzieren. Viele der Percussions in dem Song sind einfach Töpfe aus der Küche im Studio, die wir an Stativen mit Schnüren aufgehängt und dann wie ein Schlagzeug gespielt haben. Also Salzwasser ist einfach definierend für meinen Stil aus sehr echten, mal zerbrechlichen mal brachialen Vocals, kleinen einzigartig-unperfekten und großen sphärischen Sounds. Ich lieb‘ die Nummer nach wie vor und freue mich, sie jetzt im Sommer wieder neu zu fühlen 🙂

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    Die deutsche Singer-Songwriter Tradition klingt öft hölzern.“

    Schon der erste Track auf deinem Album, Sonne, geht unter die Haut mit wunderschönen Lyrics, die die Tiefe des Verlusts eines Menschen versuchen zu fassen. Fällt es dir schwer oder leicht, Emotionen in Worte zu fassen? Ist es anders, als die Musik zu komponieren?

    Danke für das Lob! Hmm, also das hat sich auf jeden Fall sehr geändert. Als ich als Teenager angefangen habe zu schreiben und überhaupt Musik zu machen, da war ich glaube ich viel verschlossener. Aber ich war schon immer eher ein Oversharer, mit der Flucht nach vorne. Und irgendwie hat mir das immer gut getan, das was in mir vorgeht, mit anderen zu Teilen. Für mich ist das ganz klar ein Ventil. Und wenn dann meine Texte mit anderen resonieren, dann ist das ein tolles Gefühl von Community und sich verstanden und weniger allein fühlen.

    Für mich sind Text und Musik ziemlich untrennbar. Also manchmal schreibe ich erst die Musik, dann muss der Text dazu passen. Ich mag es, wenn die Melodie zu den Vokalen, wenn die Sounds zur Message passen – das ist auch tatsächlich etwas, das mir bei deutscher Musik oft nicht gefällt. Unsere Singer&Songwriter Tradition vor allem in Deutschland ist extrem auf Message fokussiert und ich finde viele Sachen klingen hölzern, überladen, so als wäre der Song nur das Medium für den Text. Für mich ist das nicht trennbar und vielleicht bin ich da beeinflusst von internationalen Vorbildern. Andere musikalischen Kulturen sind da nämlich irgendwie runder, weicher, schöner?

    Manchmal schreibe ich auch zuerst den Text, aber im Prozess verändern sich Musik und Text bei mir immer wechselseitig. Für mich ist Schönheit, wenn es dann gemeinsam organisch wirkt 🙂

    Es ist wichtig zu wissen, wo man herkommt.“

    Auch Linien ist ein sehr persönlicher Song, der über Familien-Dynamiken und weitergereichte Traumata spricht. Wie navigierst du dich durch solche Sachen?

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    Puh! Reden mit Freunden hilft, und genau so ist auch Linien entstanden. Martin (Haller) und ich haben uns im Studio getroffen und hatten dann erstmal ne Stunde Deeptalk über unser Aufwachsen und unsere Familiengeschichte. Ich finde, in so Gesprächen merkt man eigentlich immer, dass wir alle super unterschiedlich und dann doch wieder ähnlich sind. Es ist wichtig zu wissen, wo man herkommt und was im eigenen Leben und bei den Vorfahren so passiert ist. Es ist eben auch so, dass es in unserer Hand liegt, andere Wege zu gehen und Herkunft und Aufwachsen nicht als Schicksal, sondern als Startpunkt (komplett aware of allen Vor-und Nachteilen) zu begreifen. Genau davon handelt auch Linien. Ich komme aus einer Familie, in der ganz sicher nicht über Probleme geredet wurde und in der unvorstellbare Dinge passiert sind. Aber ich bin ja hier im Jetzt und kann die Richtung, in die es weitergeht, durch mein Handeln komplett beeinflussen (positiv, yay!)

    Ich mag es explorativ.

    Du hast auch mit vielen Menschen für dieses Album zusammengearbeitet. Wie wichtig ist dir Kollaboration und Zusammenarbeit in der Musik? Ziehst du daraus nochmal eine andere Art von Inspiration?

    Teamwork makes the dream work. Ich finde das so wichtig, mit anderen zusammen zu arbeiten! Ich hab da einfach mit Lukas Neckritz (hat die meisten Songs auf dem Album produziert) jemanden gefunden, mit dem ich auf einer Wellenlänge musikalisch und darüber hinaus bin. Wenn wir schreiben, dann passiert das schon auch mal, dass ich eine Stunde was anderes mache und Lukas und machmal auch Sevinj (macht meine Videos, spielt in meiner Band live) einfach machen lasse. Wir sind alle sehr gut darin, einen Vibe zu fühlen. Ich habe selten, wenn ich einen Song schreibe, eine unumstößliche Vision davon. Ich mag es explorativ und auch mit dem Zufall oder dem Zauber eines jeden Tages zu arbeiten und bin da immer offen für neuen Input. Weil ganz ehrlich, manchmal hört jemand anderes einen anderen Akkord, ein anderes Instrument, ein anderes Wort und dann macht auf einmal alles Klick.

    Manche Songs brauchen lange, manche sind direkt fertig, manchmal gehen wir in eine Richtung, die sich nicht richtig anfühlt und fangen neu an. Das ist alles super aufregend und toll. Meistens habe ich etwas Text und etwas Musik als Ausgangspunkt und dann bin ich einfach offen für alles, was passiert. Ich glaube da fest an den Moment, und das macht jeden der Songs auf dem Album auch so besonders. Ich weiß, dass Mut anders klingen würde und anders geworden wäre, wenn wir an einem anderen Tag, dran gearbeitet hätten und das ist gut so! Weil Life is ever changing und exciting!

    Auch wenn du wahnsinnig schöne deutsche Texte schreibst, so tragen die türkischen Lyrics eine nochmal andere Ebene von Poesie bei. Schreibst du lieber auf deutsch oder auf türkisch, und wie fühlt sich der Unterschied für dich an?

    Ich kann mich auf deutsch besser ausdrücken, wenn es um kleine Details geht. Aber auch türkisch ist eine Sprache, die mir am Herzen liegt, die ich seit meiner Kindheit spreche. Es ist auf jeden Fall einfacher gut klingende Wörter auf türkisch zu finden. Ich schreibe aber auf beiden Sprachen und auch auf anderen Sprachen gerne, ich will mich da nicht festlegen 🙂

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    Köln vs Istanbul

    Was vermisst du an meistens aus der Türkei in Deutschland?

    Das Meer, die Olivenhaine, die milden Winter, die Spontanität der Menschen.

    Mit Istanbul hast du ja auch einen Song der bevölkerungsreichsten Stadt der Türkei gewidmet. Bist du oft da? Wie würdest du deine Beziehung mit der Stadt und dem Land beschreiben im Gegensatz zu Köln?

    Ja, ich bin oft in Istanbul, ein Teil meiner Familie lebt dort. Ich habe durch meine Kindheit an der Westküste der Türkei eine tiefe Verbindung zum Land, zum Meer und zur mediterranen Mentalität dort. Zu Istanbul habe ich so richtig erst ab 2015 eine Beziehung aufbauen können. Als erwachsener Mensch ist es einfach anders, wenn man auf einmal alles selbst erkunden und erfahren kann. Istanbul ist krass, und auch vor allem krass laut. Es ist eine Millionenmetropole mit schnellem Leben, viel Geschichte, toller Architektur und schlimmem Verbau. Das Meer ist immer spürbar und die Überfahrten mit den Fähren sind wunderschön. Man muss es aber wollen, die Stadt bietet von streng religiös bis progressiv Hipster alles. Es gibt viel Kultur, aber es ist eben schon eine Großstadt. Sie hat ihre absolut romantischen und schönen Momente mit ihrer Meereskulisse, aber im Allgemeinen mag ich es ruhiger.

    Köln ist meine Wahlheimat. Ich bin hier, weil ich finde, das die Stadtkultur so gesprächig, gesellig und positiv ist, wie sonst nirgendwo in Deutschland. Ich habe das Gefühl, dass sich in Köln und vor allem in Ehrenfeld und drum herum die Kulturen wirklich toll mischen. Es ist irgendwie egal, wo man herkommt, das Kölsche steht im Vordergrund und ist auch für Leute von woanders zugänglich. Und Köln ist so krassssss grün. Die Grüngürtel und die vielen Parks machen die Stadt zu Fuß und auf dem Fahrrad so lebenswert.

    „Allem zum Trotz, lässt die Musik mich schweben.“

    Wenn du einen Lieblingssong vom Album picken müsstest – welcher wäre das und warum?

    Wenn ich müsste, und das fällt mir schwer, dann wäre das vibe. Mein Favorit auf dem Album wechselt ständig, aber ich liebe die Mehrsprachigkeit in dem Song. Die zweite Strophe fühlt sich mit ihrem Mix so an, wie das, was ich glaube, in Zukunft sprachlich machen zu wollen 🙂

    Ein besonderes Shoutout muss an dein Cover gehen – wo & wie ist das Foto entstanden? Warum wolltest du es auf deinem Cover?

    Das Foto hat Sevinj Yusifova gemacht, die auch das Cover und die Vinyl designed hat. Das Foto wollten wir ursprünglich in Assos in der Westtürkei aufnehmen, aber am Ende lag ich auf einem Feld auf dem Boden. Das Wasser ist digital, ich habe es einfach nicht über das Herz gebracht, die 130 Jahre alte Gitarre, die ich auf dem Cover halte, mit ins Wasser zu nehmen. Das hätte sie nicht überstanden.

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    Für mich zeigt das Foto, wie ich selbst in der weite eines dunklen Meeres, oben auf der Oberfläche treibe. Wie die Musik mir Auftrieb und Sicherheit gibt, obwohl ich geworfen bin ins ungewisse. Deshalb heißt das Album auch „und doch“. Weil allem zum trotz, die Musik mich schweben lässt 🙂

    Die letzte Frage bezieht sich bei uns immer auf eine untold story. Das kann eine Musik- oder Filmempfehlung sein, ein Lieblingsrezept oder ein Funfact zu dem Album, den noch niemand kennt.

    Ich habe als wir Drei Stück Zucker aufgenommen haben das Mikrofon falsch rum gehalten. Und dann saßen wir da im Mix und haben uns die ganze Zeit gefragt, warum meine Stimme so anders klingt. Sowas passiert mal, aber ich hab es dann richtig rum nen ganzen Tag versucht nochmal einzusingen, aber der Vibe, den hab ich einfach nicht genau so, wie ich wollte, hinbekommen. Also haben wir die Vocals gelassen, wie sie sind 😀 Ich sage euch, seit der Grundschule ist der Flüchtigkeitsfehler mein Endgegner! Das ist was, was ich mittlerweile einfach akzeptiert habe 😀

    Foto: Merve Seçkin, Sevinj Yusifova

  • BROCKHOFF im Interview: »Ich habe gelernt, dass Sensibilität keine Schwäche ist, sondern meine Stärke«

    BROCKHOFF im Interview: »Ich habe gelernt, dass Sensibilität keine Schwäche ist, sondern meine Stärke«

    BROCKHOFF ist nicht, wie das erste Google-Ergebnis befürchten lässt, der „größte lokale Gewerbemakler in Deutschland“, sondern empowernder Indie-Garage-Rock der Hamburgerin Lina Brockhoff. Ihre Debüt-EP “Sharks“ hat 2022 schon für großen Wirbel in der deutschen Indie-Rock-Szene gesorgt. Seit 2024 war es etwas ruhiger um die Musikerin – aber nicht ohne Grund. Jetzt versorgt BROCKHOFF uns mit ihrem Debütalbum „Easy Peeler“ und mit einer Menge neuer Indie-Rock-Hymnen.

    Eigentlich wollte BROCKHOFF ihr Debütalbum schon im vergangenen Jahr veröffentlichen. Warum sich die Sängerin aus Hamburg dann aber doch länger Zeit gelassen hat und froh darüber ist, das verrät sie im Interview.

    BROCKHOFF im Interview

    Welche Musik hat dich durch das Jahr 2025 gebracht?

    Bei mir war auf jeden Fall das neue Album von Momma ganz hoch im Kurs, das im April rausgekommen ist. Ansonsten höre ich gerade auch sehr viel das Album „Adult Romantix“ von Winter – das ist auch sehr so 90s Grunge Musik. Das sind auf jeden Fall zwei Favourites. Ansonsten hatte ich auf jeden Fall eine krasse Alanis Morissette und Avril Lavigne Phase im Sommer. Da hatte ich so eine komplette 90s/early 2000er Nostalgie Phase.

    Jetzt war es sehr lange etwas ruhiger um dich und deine Musik. Vor der ersten Album-Single „The Carpet Song“ kam eineinhalb Jahre erstmal nichts. Magst du uns einmal aufklären, warum so eine lange Pause war?

    Ich habe mir einfach sehr viel Zeit genommen, um das Album fertig zu stellen. Ich glaube das war auch die richtige Entscheidung. Ich hatte das Album auch schon einmal grob angekündigt Anfang letzten Jahres und dann haben wir den Release noch mal verschoben. Am Ende haben ein paar letzte kreative Prozesse im Mixing und Mastering länger gedauert als geplant. Aber auch ein paar Fragen rund um „wie will ich das Album releasen“ waren noch unklar. Grundsätzlich fand ich es super wichtig, mir Zeit zu nehmen mit dem Album. Ich habe mich auch entschieden, das Album mit meiner Live-Band einzuspielen und dementsprechend war der Prozess vielschichtig. Erstmal habe ich Songs geschrieben, Demos gesammelt, dann haben wir die als Live-Band entsprechend geprobt. Das war alles noch ein großer Vorproduktionsschritt. Dann sind wir ins Studio gefahren, haben dort das Album aufgenommen und dann habe ich es wiederum hier in Hamburg im Studio zusammen mit Christian Hartung ausproduziert.

    Rückblickend: Findest du, es hat sich gelohnt die Zeit zu nehmen?

    Auf jeden Fall! Es war schon immer mein größtes Ziel und mein größter Traum, ein eigenes Album zu releasen. Das ist einfach so ein Gesamtwerk, vor allem mit Band zusammen aufzunehmen im Studio. Für diesen ganzen Prozess wollte ich auch einfach voll und ganz dabei sein und nicht zwischendurch schon anfangen, Sachen zu releasen. Deswegen war es auf Social Media bei mir sehr ruhig – das tat aber auch gut.

    Kommen wir zum Album: Wann sind die ersten Songs vom Album entstanden?

    Es gab nicht den einen Zeitpunkt, wo ich gesagt habe: Ich schreibe jetzt fürs Album. Bei mir entstehen regelmäßig Songs. Deswegen hatte ich einen Pool an Songs und Demos in meinem Kopf oder auf meiner Festplatte gesammelt. Auf dem Album gibt es also auch Songs, die sind schon 2020 entstanden – also schon fünf Jahre alt. Die meisten anderen sind eher so zwei, drei Jahre alt. Manche kommen auch aus 2024. Einige Songs haben wir auch live schon länger gespielt.

    Würdest du sagen, das Album klingt – auch wenn einige Songs schon älter sind – ein bisschen anders oder vielleicht sogar erwachsener als die Musik, die du vorher releast hast?

    Ich würde es nicht unbedingt als erwachsener betiteln. Es war eher eine andere Art von Arbeit. Ich habe mir für das Album die Zeit genommen, einen roten Faden durch das Gesamtwerk zu ziehen: Wie sollte der Sound des Albums sein, welche Gedanken bringe ich ins Album? Aber es ist auf jeden Fall etwas mutiger.

    „Es geht um Beziehungskrisen, zwischenmenschliche Herausforderungen“+

    Was würdest du so sagen, hat dich thematisch zu den Songs auf dem Album gebracht?

    Es gibt auf jeden Fall immer wieder krasse Umbrüche im Leben. Bei meinen ersten Songs, die rausgekommen sind, hat mich sehr viel der Umzug nach Hamburg und das Ankommen dort beschäftigt. Auch jetzt erinnere ich mich in Teilen oft noch an die Zeit. Es gibt auch ein, zwei Songs auf dem Album, die noch aus dieser Zeit stammen. Da war ich trotzdem überrascht, wie aktuell diese Gefühle immer noch für mich sind. Ich hätte die Songs auch nicht auf das Album gepackt, wenn ich mich nicht mehr mit ihnen identifizieren könnte. Dadurch, dass die Songs innerhalb von fünf Jahren entstanden sind, sind es alles eher einzelne, abgeschlossene Stories in sich und kein Konzeptalbum.

    Es geht um Beziehungskrisen und um die Herausforderungen jegliche Art von zwischenmenschlichen Beziehungen zu pflegen, wenn man so viel unterwegs ist, wie ich es die letzten zwei Jahre war, um den Traum von einer musikalischen Karriere zu verfolgen. Das sind die Dinge, die mich vor allem die letzten drei Jahre beschäftigt haben, seitdem ich Musik veröffentliche.

    Gibt es vielleicht trotzdem einen Unterschied in dem Fokus der Themen?

    Es geht auf dem Album auch viel um meine Rolle als Musikerin in der Musikwelt. Ich bin ja jetzt seit gut drei, vier Jahren in der Branche. Zwischenzeitlich ging es mir da nicht so gut. Auf dem Album reflektiere ich das und mich selbst mehr. Vor allem der Song „Easy Peeler“, dessen Titel ja auch das Album trägt, zeigt das. Zu Beginn meiner Musikkarriere war noch alles super frisch und aufregend. Aber so nach zwei, drei Jahren kam dann immer mehr Stress und Druck. Da fiel es mir schwer, meinen Weg dort durchzufinden. Diesen Leistungsdruck verarbeite ich auf dem Album in gewisser Weise.

    Magst du beschreiben, warum du dich so unwohl gefühlt hast?

    Da war auf einmal so ein Druck von außen, dem ab einem gewissen Punkt nicht mehr so gut standhalten konnte. Dazu kamen noch die eigenen Erwartungen, die dann immer höher wurden.

    „Ich hatte oft das Gefühl, dass Sensibilität und Emotionalität im Weg stehen“

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    Du hast gerade schon gesagt, dass der Albumtitel „Easy Peeler“ das gut zusammenfasst. Magst du einmal erklären, was ein „Easy Peeler“ ist?

    Der Begriff „Easy Peeler“ hat mich schon beim ersten Hören fasziniert. Ich bin darauf in dem Song „Better Than Blue“ der Band Flyte gestoßen, und dieses Bild – etwas, das sich leicht schälen lässt, wie eine Clementine – hat sofort etwas in mir ausgelöst. Für mich stand das sinnbildlich für Sensibilität, für das Sich-Häuten, das Offenlegen der eigenen Schichten. Genau so habe ich mich in der Zeit gefühlt, als ich an meinem Album gearbeitet habe – sehr verletzlich, sehr emotional.Lange dachte ich, das seien eher Schwächen, besonders in der Musikbranche. Ich hatte oft das Gefühl, dass Sensibilität und Emotionalität einem im Weg stehen, dass man härter im Nehmen sein müsste. Aber ich habe gemerkt, dass gerade diese Eigenschaften meine größte Stärke sind. Ohne sie könnte ich gar nicht so schreiben, wie ich schreibe. Mein Bauchgefühl, meine Entscheidungen, meine Texte – all das hängt mit dieser Feinfühligkeit zusammen.

    Dadurch wurde „Easy Peeler“ für mich zum Symbol: dafür, dass es keine Schwäche ist, offen zu sein, sondern eine Form von Mut. Ich habe gelernt, dass man sensibel und gleichzeitig stark sein kann – entschlossen, selbstbewusst und trotzdem emotional. In unserer Gesellschaft wird das oft gegeneinander ausgespielt, besonders bei Frauen. Aber ich finde, man darf beides sein. Und ehrlich gesagt: Ich finde es schön, wenn Menschen ihre Emotionen zeigen – das bedeutet doch, dass sie sich sicher genug fühlen, sie zuzulassen.

    Wie zum Ende jedes unserer Interviews die Frage: Was ist dein untold secret? Dein Geheimnis, eine Geschichte, die bisher noch niemand kannte?

    Meine erste Band hieß Lina & Nina. Die hatte ich mit 11 Jahren. Da habe ich teilweise gerappt. Diese Aufnahmen bleiben wohl für immer ein secret.  

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    Fotocredit: Charlotte Krusche

  • Mia Berg im Interview: »I think there are a lot of things to learn from going through a breakup.«

    Mia Berg im Interview: »I think there are a lot of things to learn from going through a breakup.«

    Wir sind schon eine Weile Fan von Mia Berg. Wir hatten die Singer Songwriterin aus Norwegen 2022 im Interview und haben auch davor schon von ihrer Art geschwärmt, intime Emotionen in einem inspirierten Pop-Kontext zu verarbeiten.

    Nach ihrem Debütalbum Sleepwalkers at noon musste wir aber ein wenig warten, bis neue sanfte Mia Berg-Klanglandschaften unsere Seele besalmen sollten. Auf ihrem zweiten Album Aftermath hat die Norwegerin ehrliche Texten gesammelt, die vor allem wenn man sich gerade mitten im Herzschmerz verliert, sehr nahe gehen. Still und herzzerreißend, aber auch irgendwie heilend begleiten sie den dreijährigen Prozess einer Trennung und die Phase danach. Wir haben mit Mia über diesen Prozess gesprochen und warum sie immer Wollsocken dabei hat.

    Mia Berg im Interview

    Anna: Hey Mia, very happy to get the chance to talk to you! Last month, you released your new album Aftermath – how does it feel now that it’s finally out in the world now?

    Mia: It feels so good to share the album with the world and everyone who wants to listen <3

    The second album is always a big step for an artist. How did you feel about your debut album and how did you approach this new one?

    Since my debutalbum was released in 2022, I started working with producer Mikhael Paskalev, even though I didn’t think too much about what we were gonna create in the studio. It started as a couple of ideas and songs and ended as an album. 

    I got lost somehow.“

    I fell for your music a couple of years ago and am so happy you’re finally back! This album tells a lot about what you were going through in this time. You made acquaintance with a painful heartbreak.. and you accompanied it with music. How did it help you through this whole process?

    For me, writing songs was a way of processing my thoughts and emotions. As a songwriter or artist I think whatever we experience in life, we bring into our art and thats what makes it real and truthful. But it’s also scary to open up about such raw and painful emotions. 

    You mentioned that you also thought about quitting music in the middle of it all. What made you hold on?

    At one point in the process I didn’t feel that connected to making music and got lost somehow. I didn’t feel that what I did mattered in a way, and also felt confused about my own intuition. But I chose to trust Mikhael as my closest collaborating partner, and that’s what made me hold on I think. This and finally getting back to a place where everything made sense again. 

    What are some of the learnings you can share of it all?

    I think there is a lot of things to learn going through a break up: navigating grief, loss and finding out who you are on your own and building your way forward. 

    It felt like a very natural journey from start to finish.

    From all the beautiful songs on the album, which one stands out to you and why?

    Hmm, I think I must say The city. It was such a fun song to write togheter with Bo Milli. I had been back home in Bergen (where I grew up) and we met in the studio one afternoon. After a talk about life and drinking coffee, we started playing on the guitars and the whole song just came out in an instant. As a songwriter, you can write and rewrite a song over and over again. So to suddenly be able to make a song within an hour felt quite unique.

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    How did you approach this album musically? Did you want to change some things up or dideverything come quite naturally to you?

    It felt like a very natural journey from start to finish. Some ideas were thrown around, some ended up not making it and finally we ended up with these 9 tracks that completed the album. I started writing them on the guitar or on the piano in my parents house. But some of them were also written with some incredible songwriters and musicians that inspire me, and that I feel very grateful to be able to work with. 

    About Berlin City & warm woolen socks

    I know that your music will be a safe place for many people that go through a similar experience. Do you have an artist or an album that catches you when you’re feeling down and defeated?

    I will say Adrianne Lenker & Bon Iver!

    In June you’re gonna come to Berlin to play an intimate show at Flux Bergfest! How is your relationship to this city? Are you excited to come?

    Im so excited to come back to play in Berlin! Last time was in 2023!  I love the city, the streets, parks and just how warm and friendly the audience that comes to shows are. 

    Last but not least we ask about an untold story of yours – something you haven’t shared in an interview before. That can be a hidden meaning behind a song or a fun fact about yourself, anything really.

    Hmm, a small hidden secret is that i’m always afraid to get cold wherever I travel or go. So I always have tea and a pair of wollen socks in my backpack or bag. Always! It’s a bit strange, but I rather be safe than sorry. 

    Am 03.06. spielt Mia Berg im Fluxbau Berlin ein Konzert im Rahmen des Bergfests! Der Eintritt ist frei, es gibt also eigentlich keinen Grund, warum ihr nicht kommen solltet!

    Foto: Mikhela Greiner

  • Mariybu im Interview: »Ich bin eine Bitch – und jetzt?«

    Mariybu im Interview: »Ich bin eine Bitch – und jetzt?«

    Der Titel ist Programm. Mit ihrem neuen Album FRECH veröffentlicht die Berliner Hyperpop-Künstlerin Mariybu ein Album, das provoziert und keine Angst davor hat, anzuecken. In den Songs geht es um alltäglichen Sexismus, von Catcalling über dumme Kommentare und Online-Hass bis hin zu Machtverhältnissen und Selbstermächtigung. Satirisch, lustig, wütend und empowernd liefert  FRECH maximale Unterhaltung.

    Kurz vor Albumrelease sprach sie mit uns über fragile Männer-Egos, Doppelmoral und darüber, warum das Patriarchat manchmal die beste Inspiration liefert.

    Mariybu im Interview

    Leonie: Du kommst ja gerade frisch von der Tour mit Blond. Wie war das und wie geht’s dir?

    Mariybu: Ich bin irgendwie noch sehr beseelt. Ich kann gar nicht glauben, dass es nur eine Woche war. Ich bin auch echt, würde ich sagen, richtig sad, weil die ja noch weiterfahren. Und ich war ja quasi ein Drittel der Tour dabei.

    Ich bin auch müde, sehr müde, weil ich den letzten Abend natürlich voll auskosten wollte mit einem Teil vom Team und danach sehr lange wach war. Ja, aber mainly bin ich eigentlich einfach richtig happy, weil es so eine krass schöne Tour war.

    Dein neues Album FRECH ist politisch, queer, gesellschaftskritisch, feministisch, provozierend, we love to see it. Wie fühlt sich das für dich an, dass das jetzt raus in die Welt geht?

    Endlich kommt dieses Album raus und alle können alles hören. Auf der anderen Seite fühlt es sich auch an wie: Krass, was? Das kommt jetzt schon raus? Ich bin doch gar nicht bereit. Aber ehrlich gesagt fühlt es sich genau richtig an. 

    Es ist schon so viel Gutes passiert, dass ich mir vom Album-Release gar nicht mehr groß etwas erwarte. Ich bin einfach froh, dass es draußen ist, weil alles, was jetzt schon passiert ist, mehr ist, als ich mir hätte wünschen können. Ich bin für dieses Jahr gefühlt schon komplett bedient (lacht).

    Wie schön eigentlich, richtige Selbstverwirklichung. Und mega auch, dass du mit dem Prozess zufrieden bist. 

    Dann lass uns doch gleich mal reingehen. In der ersten Line und in der Opening Line bezeichnest du dich ja schon selber als Bitch und Fotze.  Wer oder was ist für dich eine Bitch und hat sich der Begriff für dich schon immer empowernd angefühlt?

    Früher war der Begriff für mich etwas ganz anderes. Eine Bitch war für mich eine hinterhältige, gemeine, übertrieben zickige Frau. Das war auf jeden Fall eine Beleidigung. 

    Was ich auch krass finde: Ich wurde das erste Mal mit sieben schon als Fotze beleidigt. Und das ist ultra früh, wenn ich heute darüber nachdenke. Ich weiß noch genau, dass mir das nicht aus dem Kopf gegangen ist. Ich musste jeden Tag daran denken, dass dieser Junge das vor der gesamten Klasse zu mir gesagt hat.

    Dass das irgendwann ein empowernder Begriff wurde, ist erst im Laufe des Erwachsenwerdens passiert – das ist ja mittlerweile auch eine Bewegung. Als ich das erste Mal SXTN gehört habe, war das so der Moment, wo es bei mir angefangen hat. Am Anfang konnte ich mir das kaum anhören, weil ich dachte: ‚Ach du Scheiße, was sagen die da?‘

    Aber dann habe ich gemerkt, wie gut es sich anfühlt, mitzusingen und sich diese Begriffe zurückzuholen und habe immer mehr angefangen, mich auch selbst so zu bezeichnen.

    Für mich ist Bitch mittlerweile eher etwas anderes geworden. Wenn mir jemand sagt: ‚Boah, du siehst aus wie eine Bitch‘, dann denke ich eher: ‚Hm, danke.‘ Das ist für mich eher sassy, strong, schlau, gewitzt – und auch irgendwie hübsch. Es hat für mich einfach positive Attribute bekommen.

    Ich mag es auch, damit zu spielen. Der Song „Dein Ideal” zum Beispiel besteht nur aus Hate-Kommentaren. Und da geht es genau um dieses: ‚Ja, okay, ich bin eine Bitch – und jetzt?‘

    Einfach um zu zeigen: Ihr könnt uns damit nicht beleidigen. Diese typisch weiblichen Attribute werden ja schnell negativ gelesen – emotional wird dann direkt zu zickig und so weiter. Und ich finde es wichtig, das umzudrehen und diese Begriffe neu und positiver zu besetzen.

    Voll, das ist ja auch eines der zentralen Themen im Album. Würdest Du sagen, dass das den kreativen Prozess als zentrale Inspiration gestartet hat, oder hattest Du dabei mehrere Faktoren? 

    Ich glaube, für mich war bei diesem Album das Hauptding, dass ich voll anders an alles rangegangen bin. Vorher war ich irgendwie direkter und habe das nicht so auf die Schippe genommen.

    Jetzt ist alles sehr ironisch und satirisch. Das ist für mich ein Mittel, um die Kraft aus diesen Beleidigungen und diesem Hass rauszunehmen.

    Natürlich waren dumme Typen sozusagen der Hauptantrieb für dieses Album. Aber ich finde es auch geil, weil ich mit deren Kommentaren Geld machen kann. Ich lebe davon, dass diese Pisser mir Inhalt geben und dadurch so viele Sachen viral gegangen sind.

    Ich erlebe den Scheiß so oder so, dann kann ich jetzt auch darüber schreiben und irgendwie Geld damit machen. Danke für die Inspiration.

    Ja, sehr iconic auf jeden Fall. Und speaking of annoying men in den Kommentaren, du hast ja auch einen Release an einem besonderen Tag. Willst du dazu kurz was erzählen?

    Ich habe mir gedacht: Welcher Tag im Jahr wäre perfekt für mein Albumrelease? Der Herrentag! Der Tag, an dem mich Männer ganz besonders nerven und Catcalling ganz oben steht. 

    An dem Tag könnte ich doch mal Männer ärgern, mein Album rausbringen und mich über die lustig machen. Und dann hat sich alles irgendwie gefügt, auch mit dem Cover-Art und dem Würstchengrillen – Männertag eben.

    Ja, frech von dir, ne? 

    Ey, das meinte so ein Typ auch zu mir. Er hat irgendwas gesagt, ich habe irgendwas kritisiert, und dann meinte er: ‚Das ist ganz schön frech von dir.‘ Und ich so: ‚Gut, dass du’s sagst.‘

    Ich glaube, so nenne ich mein Album. Und ja, danke. Perfekt.

    Wie würdest du dein Album in drei Wörtern beschreiben?

    Frech, schnell, lustig. 

    Und welchen Eindruck möchtest du bei Hörer*innen hinterlassen, die das Album einmal ganz durchgehört haben?

    Ich möchte auf jeden Fall, dass es eine Journey ist und sich vor allem FLINTA-Personen empowert fühlen. Cis-Männer sollen es schon funny finden, aber das Lachen soll ihnen manchmal auch im Hals stecken bleiben. 

    Spätestens beim vorletzten Song soll dann eher ein wirklich ernstes Gefühl entstehen – Trauer oder auch Wut. Ich möchte aber mit dem letzten Song nochmal alle zum Lachen bringen und irgendwie so einen sanften Ausklang schaffen.  Der letzte Song ist so ein bisschen dafür da, alle wieder rauszuholen, wie in einer Therapie, sie einzufangen, zurückzuholen und so ein bisschen in den Arm zu nehmen.

    Und der Einstieg ist halt wirklich da, um erstmal alle zu catchen. Ich will, dass die Leute das Gefühl haben, sie haben etwas gelernt und mitgenommen, aber auch einfach Spaß hatten. Ich hatte extrem viel Spaß dabei, dieses Album zu machen, es war so witzig. Das steht an erster Stelle, weil ich denke, dass man, wenn man Spaß hat, auch offener dafür ist, wirklich zuzuhören.

    Ich habe in deinen Pressematerialien gesehen, dass du als Pionierin des Genres Fotzenmusik beschrieben wirst. Wo siehst du Fotzenmusik denn in der Zukunft hingehen?

    Ich bin noch voll dabei, mich da so dazuzuzählen, weil dieses Fotzenmusik-, Fotzenrap-Ding gefühlt erst seit einem halben Jahr offiziell existiert. Ich glaube, es gibt das vielleicht schon länger, wenn man die Early Days von SXTN mit reinbezieht, aber es hat sich nochmal sehr verändert, vor allem auch mit Ikkimel als Figur.

    Also das Ding ist halt: Fotze sagen und diese Art von Musik machen, das mache ich seit sieben Jahren. Deswegen ist das für mich jetzt nicht so etwas mega Neues. Neu ist eher, dass es jetzt so die breite Masse erreicht.

    Es ist natürlich mega geil, dass Ikkimel da jetzt so eine Riesenreichweite hat und das so breit verteilt. Deswegen denke ich mal, wird das immer weiter wachsen. Das merkt man ja auch gerade, wie viele FLINTAs Fotzenrap machen.

    Ich hoffe einfach, dass das dazu beiträgt, dass wir uns wirklich den Platz nehmen, der uns zusteht – und vielleicht irgendwann in Richtung 50-50-Verteilung gehen.

    Du trägst ja auch deinen Teil dazu bei und empowerst Leute mit deiner Musik. Hast du einen Song auf dem Album, mit dem du besonders connectest oder der dir sehr am Herzen liegt?

    Das ist wirklich schwierig, aber ein Song der für mich doll heraussticht, war von Anfang an „Nicht alle Männer.” Er hat eine ganz andere Produktion, ich hatte sowas noch nie versucht. Und es war auch so ein bisschen ein Risiko, weil ich auch dachte: Wird dieser Song überhaupt ankommen? Das hat gar nichts mit meinem sonstigen Musikstil zu tun. Und der Text ist mir halt voll wichtig, weil ich auch mit meiner Mom beim Schreiben viel geredet habe. Und ja, es hat mir irgendwie voll viel bedeutet, da auch so ihre Geschichte mitzuerzählen und die von meiner Oma – also generationsübergreifend diesen Song zu machen.

    Und dann auch noch mit Ebow zusammen, von der ich seit acht Jahren Fan bin. Ich glaube, in dem Song kommen einfach so viele emotionale und aufregende Sachen für mich zusammen, dass das schon auch mein Baby ist. Und es ist echt schön, dass der so viel Aufmerksamkeit bekommen hat, oder immer noch bekommt.

    Da hattest du ja auch ein sehr cooles Release-Datum. (Die Single erschien am 08. März, dem feministischen Kampftag.)  Gab es denn im Schreibprozess vorher, auch generell bei dem ganzen Album, irgendwelche Momente oder Lines, die zu dir gekommen sind, die dich selber überrascht haben? 

    Jeder Song, ich schwöre. Es ist voll oft so, dass ich anfange, einen Text zu schreiben, und mir denke: Wo geht der Song hin? Ich habe keine Ahnung, was schreibe ich hier gerade überhaupt?

    Das ist so ein bisschen wie Psychoanalyse, wo man einfach frei assoziiert und gar nicht weiß, wie die Dinge zusammengehören. Und dann merkt man am Ende: Krass, dieses Thema beschäftigt mich übelst doll.

    Manche Songs auf dem Album waren aber auch Konzept. Bei  „Alphafeminist” habe ich einfach gesammelt, was da für Kacksachen kommen.

    „Schlaflied” war für mich auch spannend, weil das ein völlig anderer Sound ist. Ich habe mit „Guten Abend, gute Nacht” angefangen und war so: Was soll das für ein Song werden? Und dann ist halt das daraus geworden.

    Ich glaube, das hat mich am meisten überrascht. Also wirklich eine Mischung aus Trust the Process, Therapiesessions und Konzepten.

    Du möchtest (mit deiner Musik) ja auch Banden kreieren und mit FRECH passiert das auf jeden Fall durch die Kollaborationen. Du hast schon ein bisschen erzählt, aber wie hast du Ebow und 6euroneunzig denn kennengelernt? Also wie sind die Kollabs entstanden und wie war der Prozess mit allen für dich? 

    Also 6euroneunzig kenne ich schon länger, wir haben ja auch vorher schon zusammen ein Feature gemacht, „Pussypop” auf der EP von 6euroneunzig. Es war irgendwie klar, dass wir irgendwann mal einen Song zusammen machen. Dann haben wir uns letztes Jahr im Studio getroffen und uns direkt übelst gut verstanden.

    Und irgendwie war dann auch direkt klar, dass wir uns gegenseitig zurückfeaturen, weil wir einfach so eine gute Zeit hatten. Wir haben super harmoniert und super zusammen geschrieben. Das war voll nice, weil die beiden voll klar ihre Meinung sagen und ich auch voll klar meine Meinung sage. Aber niemand fühlt sich davon angegriffen.

    Mit Ebow: Ich wusste gar nicht, ob sie überhaupt mit mir einen Song machen will. Ich habe sie dann einfach gefragt und sie hatte sofort übelst Bock. Das war richtig geil.

    Ich freue mich einfach voll, dass die Features auf dem Album wirklich auch Friends sind. Das ist richtig schön.

    Eine Sache, die ich noch sehr cool finde, auch bei deinen Lyrics auf dem Projekt, ist, dass du Machtverhältnisse und Geschlechterrollen komplett umdrehst, um sie zu kritisieren. Natürlich auch überspitzt – aber manchmal vielleicht gar nicht so doll.

    Ich habe das Gefühl, man hört dann immer diesen Satz: ‚Das ist ja dann auch Sexismus, nur andersrum.‘ Was ist dein Take dazu?

    Ja, erstmal kann man über sowas eigentlich nur lachen. Und ich glaube, Sexismus andersrum gibt es per Definition halt gar nicht.

    Ich habe ja auch Cis-Männer als Friends. Niemand davon würde auf die Idee kommen, sich von so einem Text angegriffen zu fühlen. Also wie tief musst du gesunken sein, dass dich so ein Text angreift? 

    Wenn du dich angegriffen fühlst, dann bist du halt wahrscheinlich genau das Problem. Dann bist du gemeint. Genau das kenne ich ja auch von mir selber: Als ich das erste Mal mit eigenen rassistischen Narrativen von mir konfrontiert wurde, war ich auch direkt so: ‚Nee, auf gar keinen Fall‘ und habe mich übelst angegriffen gefühlt.

    Das sind genau die Momente, in denen du merkst: Es geht um mich. Deswegen denke ich bei den Typen, die sich davon angegriffen fühlen: Ja, es geht um euch. Hoffentlich wirkt das dann wenigstens als kleiner Wake-up-Call.

    Hast du von deiner Seite aus noch etwas, was du gerne teilen möchtest, was Leser*innen sehen sollen, wissen sollen, wie sie dich erinnern sollen, oder generell etwas, das dir einfach irgendwie auf dem Herzen liegt? 

    Ich kann es mir natürlich nicht verkneifen, noch Werbung für meine Tour im September zu machen. 

    Ich habe halt zwei Jahre lang live gespielt, ohne überhaupt etwas veröffentlicht zu haben, viel auf Demos. Das war für mich auch politische Arbeit, einfach auf der Bühne zu stehen, politische Musik zu machen.

    Und erst danach habe ich angefangen, Sachen rauszubringen. Deswegen bin ich so richtig eine Live-Musikerin durch und durch. Und ja, es ist für mich total schön, dass das Album jetzt rauskommt.

    Ich freu mich auch schon sehr auf die Tour, wie cool! Dann habe ich noch eine letzte Frage an dich. Wann warst du das letzte Mal so richtig frech? 

    Was mir direkt einfällt: Ich schicke manchmal Typen aus der ersten Reihe, die mir eklig vorkommen, von der Bühne aus nach Hause. Das habe ich schon öfter gemacht. Die stehen dann in der ersten Reihe, mitten vorne, bewegen sich nicht, filmen von unten, auch unter den Rock.

    Und da weißt du schon: Die sind nicht hier, weil sie Fans sind. Dann unterbreche ich manchmal einfach Songs und sage: ‚Du störst mich, ich fühle mich nicht wohl hier, geh bitte nach Hause.‘ Und wenn du nicht gehst, mache ich nicht weiter.

    Das sind auf jeden Fall so richtig gute Momente, in denen ich mich auch echt frech fühle.

    Hier geht es zu den Tickets für die FRECH-Tour:

    24.09.2026 Köln

    26.09.2026 FFM

    27.09.2026 Göttingen

    02.10.2026 Leipzig

    03.10.2026 Wien

    04.10.2026 München

    08.10.2026 Hannover

    09.10.2026 Karlsruhe

    10.10.2026 Freiburg

    11.10.2026 Zürich

    16.10.2026 Hamburg

    17.10.2026 Bremen

    18.10.2026 Münster

    07.11.2026 Berlin

  • Luca Fogale im Interview: »We’re all nudging this world in a direction«

    Luca Fogale im Interview: »We’re all nudging this world in a direction«

    Nachdem wir uns bereits im Januar intensiv mit der Welt vom Album Challenger beschäftigt haben, ist Luca Fogale mit seinem neuen Material nun auch live in Europa zu erleben. Während seiner aktuellen Tour hat er sich Zeit genommen, um über die Reise hinter dem Album zu sprechen und darüber, wie sich seine Songs auf der Bühne zu einem großen Ganzen zusammensetzen.

    Im Gespräch wird deutlich, wie eng Kunst und Identität bei ihm miteinander verwoben sind und dass Musik für ihn vor allem eines bleibt: ein Ausdruck von Dankbarkeit und ehrlicher Auseinandersetzung mit sich selbst.

    Luca Fogale im Interview

    Thank you so much for coming.

    My pleasure.

    First of all, how are you? How has Europe treated you so far?

    It’s been great, always great. It was my first time in Scandinavia. We had three shows in Scandinavia, and I’ve always wanted to go there. But to be back here in Germany feels really familiar, so I’m having a great time.

    That’s great to hear! So, who have you been listening to a lot lately on the road?

    The record I’ve been listening to the most lately is, it’s an old record, Donny Hathaway Live At The Bitter End. It’s a live set from the early 70s. And the other album I’ve been listening to is Rosalía’s album Lux. It’s creative beyond belief.

    Do you feel inspired by these albums? Or is there anything else you’re currently inspired by, musically or beyond?

    I’m mostly in awe of these albums. When I listen to music, I’m usually just a fan. So I don’t listen to a lot of music in my genre. The music I make sort of just feels like it – it doesn’t really get influenced by anything, it’s sort of just my music in a strange way, if that makes sense.

    Yes, it does.

    People are always surprised by what music I listen to because I don’t listen to, you know, I get called indie-folk or contemporary, and I don’t listen to that kind of music (laughs).

    Any particular reason why you don’t listen to this kind of music?

    I don’t think so (laughs).

    Luca Fogale. Foto: Brandon Artis.

    Speaking of music, you released some new music at the beginning of this year. Congratulations, first of all, it’s a very beautiful collection of songs. The title track Challenger had been with you for about five years – what made it take so long to release? And at what point did you feel the song was finally finished and that this album was the right place for it?

    The older I get, the closer I got to what the idea represented for me, which was someone who is deconstructing themself, sort of taking a step back from who they are and wondering what it was that made them that way, you know, wondering what shapes us into the people that we are. And thinking about what we want to leave behind and what we want to carry forward.

    And so, the older I get, the more I think about how I show up in this world, what I contribute to it, and how much influence I can have over that, how much care I can have over that. I feel like we’re all nudging this world in a direction, every one of us has their own little tiny influence on it and so I am thinking a lot about my place in this world. I think it’s just a symptom of getting older and wanting not to get caught in patterns that aren’t serving myself or anyone else.

    So with getting older, this realization came and you felt like the track found its place?

    Yeah, absolutely.

    „It feels purposeful“

    Talking about finding your place, finding who you are – you seem like a very calm and grounded person in conversation. Do you think that translates into your songs? Or would you say your artistic expression is different from how you come across as a person?

    Well, I think that music occupies a large part of my life and also a large part of my identity. Obviously, I am a person outside of my music, but I’ve noticed the longer I spend in this career, the more fused my identity is with my music.

    So, when I think of myself – what do I think of when I think of myself? I think about music, mostly. But of course I have my bad days. I think I am becoming more one thing with this project in an interesting way. I’ve heard it recommended a few times that being a professional in the arts – you want to separate yourself from your art so that no matter how another person feels about what you do, it doesn’t have to represent everything that you are, it doesn’t have to impact your identity.

    Not on purpose, but I’ve gone the other direction, and I’ve gotten so close to who I am in a song, who I am on stage. And getting closer to that, it does feel a little bit vulnerable. There is less room for error, I think.

    So I think that the way I am in life and the way I am in music are quite close in that sense. It’s a product of spending so much time thinking about all these songs and about these shows. And also recognizing the gift I am given by having people’s attention, which is so special and so sacred. So I am wanting to honor that by paying really close attention. There is a lot to think about, obviously, but it feels good, it feels purposeful.

    I can see how it’s difficult to keep these two apart, but I think it’s important that you’re not one hundred percent the same because that is impossible.

    Your whole life would be a performance, yes.

    Besides the calmness – are there other states or emotions that you bring into your songs or that you find yourself returning to in your songwriting?

    I think I am trying to reflect gratitude and hope more lately. It also feels real and honest to represent anger and hurt and frustration, kind of the full spectrum of who we are as people. I am trying to lean further into – and I talk about this in the show – sort of the brighter emotions in life. I don’t see myself ever making an album of songs that feel purely positive because I don’t expect, but I also don’t want my life to be that way. I feel like the spectrum is getting a bit more dynamic.

    „It’s so beautiful to share something with people“

    That is sort of where my next question comes in…

    These are excellent questions, by the way!

    Thank you so much. So, comparing Challenger and Run Where The Light Calls, what would you say has changed or evolved in your sound or perspective? Does that have to do with what you just said – the spectrum getting broader?

    Yeah, I think so. RWTLC felt or feels a bit more lost, a bit more desperate.

    I feel like I am slowly becoming more confident in expressing the ideas that I have. I’ve spent a lot of my writing expressing questions. There are a lot of open-ended questions in my music that I don’t think ever conclude, but I am finding more answers in songs now, which in some ways are answers to the questions I used to have, too.

    Challenger feels more of a complete thought, a bit of a closed loop. When I finished writing it, I had the lyrics in my notebook, and when I looked at all of them, it felt like it made sense as a story. And that was really special. So I think that’s where they’re different. RWTLC feels a lot more open-ended. Challenger is a loop that’s closed, it’s circular.

    That’s what it felt like to me too when I listened to it. So now you’re performing the album live for the first time, and yesterday was the first show with a band. Is there a reason why you’re bringing a band now? How does touring and being on stage with a band differ from performing solo for you?

    They are very, very different. So I’ve fallen in love with touring with these guys and the band. It’s so much more restorative and energizing to be able to share everything with other people, in the same way as friendships, family, and relationships. It’s so beautiful to share something with people. And that’s what we do here, too. 

    There is always gonna be a part of me that wants to tour solo because it’s such a different experience. Being one with an audience – that’s all that the show is. It’s sort of one dialogue. Having these shows in Scandinavia solo reminded me of that. We did some small album listening shows in Vancouver, and it was really cool, really emotional, and very special.

    In the most simple way, it feels like a one-on-one conversation with an audience. Everyone is an individual in the audience. For me, here with the band show, it feels like we are all in the same room together. It feels like a collective experience versus the individual experience. This I could do forever with the band. I could go all year. There is a certain amount of solo touring that I can do before I get a bit too far into myself, I sort of start to collapse. Because I am not just alone on the stage, I’ll be alone in the hotel, on the drives. So it’s a big shift to have company – the best company – here.

    So in the most simple sense, it’s an individual experience versus a collective experience, which is why this can feel so sustainable.I love traveling the world with these guys, it’s so amazing.

    Luca Fogale. Foto: Raunie Baker

    Also, when you’re on stage with a band, your songs are closer to what they are on the album than when you perform solo. So far, we heard an alternate version of “Horizon” – can we expect more alternate or acoustic versions of your songs from Challenger in the future?

    Yes. Thanks for asking.

    Do you think your relationship to performing live has changed over time with the albums or in general?

    It must have. That is a great question.

    I think so. I feel like singer-songwriter music is inherently honest because it’s just one person singing. Nothing to hide behind. I think the music is the music, and that’s one thing. I play the songs that I’ve written, and I feel more and more comfortable playing them.

    But I think the dialogue has changed a lot – what I say in between songs. I think about that just as much as I think about the songs because I want it to feel like a holistic experience.

    Like I really love film, I love theater. And mostly what I love about that is that there is typically an unbroken line of a story. I think what I used to do at shows was try to lighten things up in between songs, lighten the mood and take the tension off if I thought I was falling too deep into the melancholy of the songs.

    Whereas now, because of my catalogue changing a bit, I don’t ever want someone to be pulled out of the experience of the music. So when I think about the show now, I think about how far can we go together? I think it’s important to be expressing oneself to an audience in between the songs, I think it’s a very important part. But my fear is that I don’t want to lose anybody.

    Let’s say someone drops a bottle, the audience gets pulled out of the show. What I want is – well, you have to be in the film. Like you’re really watching it and you never feel as though the line gets broken. So in a perfect world, there’d be staging and more lighting; sort of what we do in North America with bigger shows. Obviously, we have to take a smaller version here. But to give the audience that unbroken experience of one story. That is what I am trying to build. I am trying to take care of the songs and the dialogue in a way that it feels as though they are one piece.

    Because musicians are always storytellers, right?

    For sure.

    Where would you want to tell your story then? Is there a venue or festival you would particularly love to play at one day?

    I don’t think so. I am happy about everything. I love it all.

    And the last question – if you weren’t making music today, what do you think you would be doing instead?

    I think about that a lot. First of all, if I wasn’t playing music, I would find another way to express the same ideas. I always thought of writing as very pure. Any kind of authorship, writing a novel or something. But if I wasn’t working in music, I think I would want a job that was outside. I fantasize about being an arborist. Yes, something outdoors. I think I am understanding how special it is to be outside a lot. So I am trying to do that more regularly, but I spend a lot of time indoors with music. In the studios, writing at home, touring – you’re in a van, you’re in a hotel, or in a theater. Always inside. And I think the opposite is attractive to me.

    Well, thank you so much for taking the time.

    These were wonderful questions.

    Thank you again. Very kind. I am super excited for the show, and it was lovely to meet you.

    Hier könnt ihr „Challenger“ von Luca Fogale hören:

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    Fotos: Raunie Baker, Brandon Artis

  • Philine Sonny im Interview: »Musik machen ist messy – und das sollte es auch sein«

    Philine Sonny im Interview: »Musik machen ist messy – und das sollte es auch sein«

    Musik macht und veröffentlicht Philine Sonny schon seit einigen Jahren. Auf ihr Debütalbum hat sie uns allerdings ziemlich warten lassen, doch jetzt können wir es endlich hören. „Virgin Lake“ ist eine Sammlung musikalischer Werke der Bochumer Künstlerin, die alles alleine produziert in ihrem Wohnzimmer. Mit viel Liebe zum Detail und vor allem einer stets großen Portion Ehrlichkeit kommen die 14 Songs auf dem Album daher.

    Philine Sonny spricht im Interview unter anderem darüber, wie Therapie, eine Beziehung und ein persönlicher Wendepunkt ihre Musik verändert haben. Es geht um Rückblicke, Kontrollverlust und den Versuch, sich selbst zu verstehen.

    Philine Sonny im Interview

    Hey, schön, dass du dir die Zeit genommen hast. Wie geht’s dir?

    Mir geht’s ganz gut. Ich bin im Moment ein bisschen im Handysumpf und das stört mich ein bisschen. Aber ich versuche, mit Stricken dagegen anzukämpfen.

    Das klingt nach einer sehr guten Ablenkung. Was ist dein aktuelles Strickprojekt?

    Ich fange gerade erst richtig an. Ich habe ein bisschen geübt und jetzt mache ich direkt einen Pulli. Ich dachte mir: Ich mache direkt etwas, das ich auch wirklich trage. Man macht sonst so oft Sachen, die man eh nicht anzieht oder nutzt.

    Fair. Ich habe letztes Jahr versucht, mit Häkeln anzufangen, und mein erster Topflappen war so schräg, dass mich das komplett demotiviert hat.

    Dann ist Stricken vielleicht einfach was für dich.

    Ich werd’s mal testen! In letzter Zeit ging ja dieser „2016“-Nostalgie-Trend rum. Erinnerst du dich noch an das Jahr?

    Ich habe tatsächlich schon nach Fotos gesucht, aber keine mehr gefunden auf meinem Handy. Aber es war das Jahr nach dem Tod meines Opas, zu dem ich sehr eng war. Deshalb war es eher schwierig für mich. Gleichzeitig war es aber auch das Jahr, in dem ich angefangen habe, mehr Musik zu machen. Ich war so 14 oder 15 Jahre alt und habe angefangen, Songs zu schreiben. Aber insgesamt war es eher ein schwieriges Jahr.

    Verständlich. Kommen wir lieber wieder zurück in die Gegenwart. Gibt es Artists, die dich gerade inspirieren?

    Das Album von Rosalía fand ich richtig krass. Es ist total anders als das, was ich sonst höre, aber gerade deshalb so spannend. Ihre Stimme und die Vocal Production – ich glaube, sie macht das auch selbst – finde ich extrem beeindruckend. Und sonst höre ich gerade Saya Grey. Die finde ich auch sehr cool.

    „Durch Therapie habe ich verstanden, dass es nicht nur um mich geht, sondern um ein größeres Ganzes“

    Lass uns über dein Album sprechen. Du hast es in vier Teile aufgeteilt, aber es erzählt trotzdem eine durchgehende Geschichte. Worum geht es?

    Für mich ist die Geschichte ein bisschen rückwärts aufgerollt. Das Album fängt eher laut und chaotisch an und wird dann ruhiger und vielleicht auch erwachsener. Chronologisch ist das aber eigentlich umgekehrt. Ein bestimmtes Event in meinem Leben war so eine Art Auslöser – eine Krise, ein Wake-up-Call. Darauf ist vieles hinausgelaufen. Und von diesem Punkt aus habe ich angefangen zurückzuschauen: Was ist eigentlich passiert? Wo kommt das alles her? Wie bin ich geworden, wer ich bin? Wie sind die Menschen um mich herum zu dem geworden, was sie sind? Am Anfang geht es viel um meine eigenen Gefühle, um Frust und Traurigkeit. Aber durch Therapie habe ich irgendwann verstanden, dass es nicht nur um mich geht, sondern um ein größeres Ganzes. Gegen Ende kommt mehr Verständnis dazu, mehr Perspektive auf das Gesamte. Es ist ein bisschen kompliziert, aber im Kern geht es um dieses Zurückblicken und Verstehen.

    Wenn du jetzt auf deine erste EP zurückblickst – wie fühlt sich das für dich an?

    Es ist krass zu sehen, wie viel sich soundmäßig verändert hat. Ich habe ja alles selbst produziert, und deshalb bin ich besonders stolz darauf, wie ich mich entwickelt habe. Der Sound kommt jetzt viel näher an das ran, was ich mir damals schon vorgestellt habe. Ich bin aber auch stolz auf mein jüngeres Ich, das einfach gesagt hat: „Ich mache das jetzt.“ Und ich bin sehr dankbar für die Leute um mich herum, die mich darin bestärkt haben, das alleine zu machen.

    Du hast mal  – ich glaube in einem Video – gesagt, dass du durch Therapie erst lernen musstest, wütend zu sein. Gibt es Gefühle, die dir immer noch schwerfallen?

    Ja, auf jeden Fall. Ich bin jetzt mit 24 zum ersten Mal in einer Beziehung, und dadurch merke ich Dinge, die vorher gar nicht hochgekommen sind. Ich dachte immer, ich wäre sehr offen mit meinen Gefühlen. Aber jetzt merke ich, dass es mir gar nicht so leicht fällt, mich wirklich verletzlich zu zeigen oder nicht perfekt zu sein. Mit Freund*innen ist das einfacher, weil sich die Gefühle weniger intensiv anfühlen. In einer Beziehung ist das nochmal eine ganz andere Ebene.

    „Positive Songs sind oft schwerer, weil sie schnell oberflächlich wirken“

    Gab es auch Songs auf dem Album, die besonders schwierig waren?

    „Dog Bite“ war extrem schwierig. Mein Manager meinte: „Schreib doch mal einen fröhlichen Song.“ Das war für mich eine totale Herausforderung. Ich habe bestimmt ein Dreivierteljahr daran gearbeitet. Positive Songs sind oft schwerer, weil sie schnell oberflächlich wirken. Wenn es einem gut geht, analysiert man Dinge nicht so sehr. Bei traurigen Songs gibt es mehr Konflikt, mehr Perspektiven. Außerdem sind in dem Song viele doppeldeutige Referenzen versteckt, die sich auf andere Songs beziehen. Deshalb hat das so lange gedauert.

    Wie lange hast du insgesamt am Album gearbeitet?

    Der älteste Song ist von 2021. Richtig bewusst angefangen habe ich am 22. Juni 2024, da habe ich mir gesagt: Jetzt mache ich das Album fertig. Zu dem Zeitpunkt waren vielleicht 60 % der Songs schon in irgendeiner Form da. Ich arbeite nicht klassisch mit Demos – vieles fließt direkt in die finale Produktion ein. Insgesamt waren es also schon ein paar Jahre.

    Du hast auch einen Song mit Shelter Boy und Brockhoff gemacht. Hast du Lust auf mehr Kollaborationen?

    Ja, aber ich bin nicht so gut darin. (lacht) Ich finde es schwierig, mich mit jemandem hinzusetzen und gemeinsam etwas zu schreiben. Es war noch eine Kollab geplant, die dann zeitlich nicht geklappt hat. Aber grundsätzlich habe ich Lust, das mehr auszuprobieren.

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    Dein Album hat auch einen sieben Minuten langen Song – das sieht man eher selten. Setzen dich Trends wie kurze Songs oder Social Media unter Druck?

    Social Media stresst mich extrem. TikTok, Instagram, YouTube Shorts – jede Plattform funktioniert anders. Und gerade in der Release-Phase vor dem Album habe ich kaum Zeit, Musik zu machen, weil ich ständig Content produzieren soll. Das zerstört für mich den kreativen Prozess. Musik machen ist messy – und das sollte es auch sein. Aber sobald eine Kamera läuft, wird alles künstlich. Was Songlängen angeht, bin ich entspannter. Da lasse ich mir nicht reinreden.

    Worauf freust du dich dieses Jahr – außerhalb des Albums?

    Ich freue mich darauf, wieder neue Musik zu machen. Das Album ist sehr autobiografisch, und jetzt habe ich Lust, mal anders zu arbeiten – mich von Bildern oder Gedichten inspirieren zu lassen.

    Das klingt schön, da bin ich schon gespannt. Zum Abschluss: Deine „Untold Story“ – etwas, das du noch nie erzählt hast?

    Ohja, da gibt es etwas. Meine allererste Tour mit Band waren damals vier Dates, verteilt auf zwei Wochenenden. Und ich habe zu der Zeit gerade erst angefangen, Alkohol für mich zu entdecken – ich habe bis ich 21 war eigentlich gar nichts getrunken. Irgendwer hat dann aus Spaß auf unseren Rider einfach Gin Tonic geschrieben. Und ich habe das komplett unterschätzt. Es war auf jeden Fall keine gute Idee. Ich trinke seitdem auch nicht mehr, wenn ich spiele. Nach der letzten Show kam jemand zu mir und wollte, dass ich ihr ein Tattoo zeichne. Ich war wirklich ziemlich betrunken und habe noch gesagt: „Bist du dir sicher? Das ist keine gute Idee.“ Aber sie wollte unbedingt. Ich habe dann versucht, einen Briefumschlag zu zeichnen – der sah schon echt schlecht aus. Dann noch einen zweiten, der auch nicht besser war. Am Ende meinte sie: „Schreib einfach den Titel.“ Also habe ich „Postcards For Mom And Her Friends“ aufgeschrieben… allerdings mit einem Rechtschreibfehler. Ein halbes Jahr später hat sie mir ein Foto geschickt: Sie hat sich das tätowieren lassen. So relativ groß auf den Bauch. Mit den hässlichen Umschlägen – und mit dem Fehler im Wort.

    Oh no.

    Ja, das tat mir wirklich leid.

    Für’s nächste Mal bist du dann ja vorbereitet.

    Mir ist das auch nochmal passiert, dass Leute nach einem Tattoo-Motiv gefragt haben. Aber dann habe ich das Albumcover zu „Virgin Lake“ gezeichnet, da kann nichts falsch laufen.

    Das klingt nach der sicheren Variante. Trotzdem danke dir, dass du diese Geschichte mit uns geteilt hast und bis bald!

    Danke, Anna, das war schön.

    Hier könnt ihr „Virgin Lake“ von Philine Sonny hören:

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    Fotos: Emil Gentes

  • ENGIN im Interview: »Es ist dieses miesepetrige Geschrei des Populismus, das uns wütend macht.«

    ENGIN im Interview: »Es ist dieses miesepetrige Geschrei des Populismus, das uns wütend macht.«

    ENGIN sind eine Dauer-Empfehlung aus der untoldency Redaktion. Mit ihrem charakterstarken Alternative-Rock, der zwischen deutschen und türkischen Lyrics und Einflüssen wechselt, haben sie uns schon vor Jahren als loyale Fans gewonnen. Mit „Sag Mir Almanya“ hat die Band aus Mannheim nun ihr neues Album draußen und wir haben Sänger Engin kurz vor Release im Interview dazu befragt!

    ENGIN im Interview

    Anna: Hey Engin, wie geht’s dir? Wie sieht ein normaler Tag gerade bei dir aus?

    Engin: Mir geht’s gut! Wir sind für das Albumrelease top vorbereitet und schreiben gerade schon wieder an neuen Sachen. Wir sind ja auf einer ausgedehnten Tour ab Ende März und dann noch auf Sommerfestivals und wollten als Ziel davor jetzt im Winter einfach schon mal anfangen, neues Material zu schreiben. Damit das alles ein bisschen gären kann. Dieses Album jetzt haben wir in der Zeit geschrieben, wo wir wirklich sehr viel unterwegs waren, das war alles ein wenig unter kreativem Druck. Das waren so anderthalb Jahre, die wir am Stück durchgeackert haben, und das war krass! Und cool, dass wir das gemacht und geschafft haben! Aber jetzt wollen wir schon früher anfangen, damit wir mehr Zeit haben.

    Ihr steht also auf jeden Fall noch voll auf Gas.

    Ja, wir drücken voll auf’s Gas! Da führt auch kein Weg dran vorbei. Also es ist wirklich gut, da dranzubleiben und in diesem Spirit immer weiter zu machen. Das hält einen bei der Stange und hilft auch so mit diesem Wahnsinn im Musikbusiness einfach. Wir sind die ganze Zeit produktiv und es kommt ständig neues Zeug zusammen. Das macht Spaß!

    “Das ist meine Geschichte.”

    Ihr seid auf der kommenden Tour auch sehr viel in der Türkei unterwegs! Wie fühlt sich das für dich an, mit eurer Musik da immer mehr Bühnen zu bespielen und Leute zu erreichen?

    Es ist immer wieder einfach ein schönes Gefühl! Mit dem letzten Album Mesafeler waren wir in Ankara und Istanbul, dieses Jahr spielen wir Konzerte in neun verschiedenen Städten. Das ist auf jeden Fall unsere größte Türkei-Tour bisher und wir sind sehr gespannt darauf. Vor allem mit dem neuen Album, das jetzt wirklich 50/50 deutsch-türkisch ist! Bis auf zwei eigene Interpretationen von existierenden Songs sind es alles Eigenwerke. Das dann auch live zu spüren und zu sehen, wie es ankommt, da bin ich sehr gespannt.

    Gehst du an Songs unterschiedlich ran, wenn du weißt, du möchtest auf deutsch oder türkisch schreiben?

    Wir jammen ja oft und dann existiert da ein Stück Musik, das eigentlich schon ein wenig sagt, was es wird. Da ist wie so ein innerer Kompass, der uns in die Richtung zeigt. Man kann da aber auch ein wenig spielerisch mit umgehen. Zum Beispiel bei den neuen Sachen, die wir jetzt gerade schreiben, können wir uns vorstellen, eine Version auf Deutsch und eine auf Türkisch zu schreiben und einfach beides in die Welt zu blasen und zu schauen, was passiert. Es ist wie ein weiteres Stilelement, was wir nutzen, das ist super schön.

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    Es ist auch das erste Mal, dass du auf Türkisch geschrieben hast!

    Ja! Das war auf jeden Fall eine große Herausforderung. Ich bin auch da echt stolz darauf.

    Die Songs sind auch wirklich sehr poetisch geworden.

    Danke! Es war auch sehr viel Arbeit und sehr viel Überwindung. Auch dieses “Klingt das jetzt zu deutsch? Kann ich das so sagen?”. Das abzuschütteln und zu sagen “Ich stehe dazu”. Das ist meine Geschichte. Ich bin sehr deutsch sozialisiert und hole mir auch darüber den Zugang zur Sprache. Und dann ist es auch etwas sehr Eigenes, was man daraus macht.
    Früher in den Sechzigern zum Beispiel, da kamen die französischen Sänger und Sängerinnen, und haben ihre Chansons dann auf Deutsch gesungen, um sie hier zu verkaufen, in einem ganz heavy französischen Akzent (lacht). Ich fand das immer sehr sympathisch.

    Es hat auch sehr viel Spaß gemacht, eure Social Media Kampagnen zu den Releases zu beobachten. Wie war die Experience für dich im Teppich eingerollt im Kofferraum rumgefahren zu werden?

    Sehr befremdlich kurz. Aber nach dem fünften Reel war ich dann schon so “Hey, wo ist mein Teppich? Ich vermiss ihn!” (lacht). Das war auf jeden Fall viel über die eigene Komfortzone hinausgehen, aber hat auch super viel Spaß gemacht.

    “Das ist ein sehr wichtiges Album für uns.”

    Welcher der vorab veröffentlichten Songs ist dein Favorite?

    Also ich bin ganz stolz auf den Song Kırlangıçlar, weil das der erste selbstgeschriebene türkischsprachige Song ist. Und auch diese Psychedelic-Elemente und so, es hat auch so was Sehnsuchtsvolles. Ich find Şeker auch cool, weil sich das deutsch-türkische da so schön miteinander verwebt. Ich bin aber insgesamt auf dieses Album stolz, dass es überhaupt existiert unten den Umständen und in der Zeit, in der wir das gemacht haben. Wir haben etwas sehr Eigenständiges produziert, was sehr organisch nach uns live auch klingt, haben den Sound weiterentwickelt,.. Das ist ein sehr wichtiges Album für uns einfach und ich bin sehr froh, dass wir das gemacht haben.

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    Sag Mir Almanya ist eine Ansammlung offener Fragen an Deutschland. Welche Fragen sind das genau?

    Es sind Fragen wie: In welche Richtung geht es jetzt? Also wo wollen wir hin? Machen wir weiter auf dem Weg der Spaltung und des gegenseitig Fertigmachens, Niederbrüllens, Niederschimpfens? Oder gibt es da vielleicht einen besseren Weg, der weniger negativ ist? Der nach mehr Zusammenhalt schaut, nach Toleranz und gegenseitigem Respekt? Es ist dieses miesepetrige Geschrei des Populismus, das mich wütend macht. Deswegen ist es eigentlich auch mehr eine Aufforderung als eine Frage.

    Kannst du das Album in einem Satz zusammenfassen?

    Es ist ein psychedelischer, bunter Blumenstrauß.

    Das klingt mega.

    Ja, es ist sehr vielfältig! Es ist rockiger geworden, psychedelischer geworden. Auch ein bisschen krautig. Wir haben viel experimentiert, haben Anadolu-Rock reingebracht, Chansons, sehr geradlinigen Rock,.. Es ist sehr vielfältig und gitarrenlastig. Es macht Bock!

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    Habt ihr mal über Features nachgedacht?

    Ja! Bisher hatten wir das noch keine, aber wir sind gerade tatsächlich auch in Gesprächen für ein türkischsprachiges Feature, aber wir können da noch nichts zu verraten. Wir haben aber generell Lust, uns da weiter zu vernetzten mit Acts, die wir mögen und wo wir auch persönlich Bock drauf haben.

    Bewegung ist wichtiger als Perfektion.“

    Es ist ein vollgepacktes Jahr für euch. Was wird euer Highlight?

    Auf jeden Fall die Tour, die ist riesig. Wir spielen jetzt neun Termine in der Türkei, insgesamt haben wir 34 Tourstops, von Ende März bis Ende Mai, das ist auf jeden Fall viel. Und da liegt unser Fokus drauf. Parallel dann natürlich auch die Festivalsaison, in der Türkei und auch in Deutschland, da sieht man dann noch, wo genau wir da spielen. Und währenddessen halt immer weiter schreiben, produktiv sein. Da freuen wir uns riesig drauf.

    Macht ihr auch mal Urlaub zwischendurch?

    Wir machen auch mal Urlaub, eine Woche oder zwei, das geht schon so im Winter. David war jetzt drei Wochen in Thailand! Der hat genug Urlaub gemacht für dieses Jahr, da darf er jetzt von zehren (lacht).

    Aber wir gucken da schon drauf. Man muss sich bewusst Freiräume schaffen, um Musik zu machen, das erfordert viel Planung. Und da werden wir immer besser drin, die realistischen Zeitfenster dafür abzustecken. Es kommt eine Art Routine rein. Und wir merken, je früher wir anfangen, desto besser. Wenn man früh mit Sachen startet, kann man ihnen die Liebe und Aufmerksamkeit widmen, die sie brauchen.

    Müsst ihr manchmal aufpassen, dass ihr dann nicht zu perfektionistisch seid?

    Die Idee der Perfektion ist eigentlich schlecht, wenn man sich ständig denkt “ah, das kann man nicht rausbringen, das muss so und so sein”. Es geht um den Output. Man muss machen, machen, ausprobieren. Kreative Energie muss fließen und es muss Bewegung drin sein, das ist viel wichtiger als Perfektion.

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    Die untold story von ENGIN, die eine 12-Minütige Abwesenheit auf der Bühne beinhaltet, könnt ihr hier auf unserem Tik Tok-Kanal schauen!

    Und hier gibt es alle Infos & Tickets zur Sag Mir Almanya-Tour 2026! Wir können es wirklich ganz, ganz doll empfehlen.

  • Büyük Ev Ablukada im Interview: »It reminds you that music can cross a lot without losing where it came from.«

    Büyük Ev Ablukada im Interview: »It reminds you that music can cross a lot without losing where it came from.«

    Büyük Ev Ablukada aus Istanbul sind ein Kollektiv, das Länderübergreifende Musik macht – mal chaotisch, mal melancholisch, aber immer ein Vibe. Wir haben mit Bandfrontmann Bartu über ihr aktuelles Album und die Umstände und Restriktionen rund um die Musik in der Türkei gesprochen. Es gibt ein paar Teaser auf neues Material sowie ein Konzert am 18. April in Berlin – aber auch einfach eine ganz ehrliche Musikempfehlung von uns! Für ein paar anatolische Vibes, die sich mit Neugier in euer Hörverhalten einschleichen werden, empfehlen wir Büyük Ev Ablukada! Checkt sie aus!

    Büyük Ev Ablukada im Interview

    Anna: Hey Bartu, I hope you’re good! Since we just came across your cosmos, can you maybe start with introducing yourself and your music?

    Bartu: Hi Anna, of course. I’m Bartu, and I’m one of the people behind Büyük Ev Ablukada. We’re a band from Istanbul, but it never felt like just a band to me. It’s more like a living thing that grew out of friendship, noise, curiosity, and a need to make sense of life in our own way.

    Musically, we’ve never really stayed in one lane. There’s indie rock in it, there’s pop, electronics, spoken word, weird little turns, tenderness, chaos. We like songs that feel human, a bit messy, emotional, playful, and alive.

    How did you all find each other?

    The band came together in a pretty organic way. Aslan and Galvan are childhood friends of mine. Cembir and Galvan were already working in the same theatre, and then Cembir and I started working together, too. So a lot of it grew out of friendship, theatre, and people already being around each other for years.

    Our guitarist was actually our roadie at first, but he turned out to be so much better at guitar than the rest of us that he more or less forced us to retire. Zeynep originally joined to help with vocal arrangements, then realized the band had some serious vocal weak spots and decided to stay. And Can becoming our drummer is still a mystery to me, which somehow feels right.

    „Things are intense, but we’re still here.“

    Your most recent album “Defansif Dizayn” is a full good-vibe with a lot going on. In what state of mind did you write this album?

    That’s actually funny because I don’t think it came from a super peaceful headspace. The album came out of trying to stay soft and awake in a world that constantly pushes you to become defensive. So yeah, there’s energy in it, even lightness in places, but underneath that there’s tension too.

    It was written from a place of emotional overload, but also from wanting to stay connected to yourself, to other people, to joy, to humour. Maybe that’s why it moves the way it does. It’s not “everything is great” music. It’s more like “things are intense, but we’re still here.”

    How would you describe the process behind these songs? Do you have a typical approach to making music or do you like to mess around and see what happens?

    Sometimes a song starts with one line, sometimes a beat, sometimes just a weird little feeling that won’t leave the room.
    But we also care a lot about detail. So it’s loose at first, then very specific later. We like accidents, but we also like shaping those accidents into something that feels inevitable. It’s a mix of instinct and design, I guess.

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    „Life is rarely one thing.“

    Since it’s all in Turkish, you gotta help us out. What are the songs about? What topics are close to your heart and made it into songs?

    A lot of the songs are about closeness, distance, emotional confusion, city life, modern exhaustion, love, miscommunication, and the weird ways people protect themselves. Some of them are very intimate, almost like private conversations. Some of them look more at the outside world and the pressure of living in it.
    I think even when the songs sound playful, there’s usually something a bit heavier underneath. That balance feels honest to me. Life is rarely one thing. It can be sad and funny at the same time, warm and alienating at the same time. I’m interested in that space..

    Being from Turkey, how would you describe the music scene over there? What were your inspirations growing up?

    Turkey has an incredibly rich and layered musical culture. There’s a deep archive here folk traditions, arabesque, Anatolian rock, pop, protest music, experimental work and all of that exists next to a very alive contemporary underground. So the scene can be extremely creative, inventive, and emotionally direct. People make things with limited means but strong intention.

    Growing up, I was inspired by both local and international music. From Turkey, there’s always the shadow and light of artists who managed to be poetic, political, strange, and accessible at the same time. And then of course we were listening to all kinds of global music too alternative rock, post-punk, electronic music, singer-songwriters, things that gave us permission to think of songs as worlds rather than products. Our music comes from that mixture.

    „Artists always find ways.“

    Art and music are always political, but in Turkey even more. How did you experience the restrictions?

    Sometimes the restriction isn’t even a direct ban. It’s more like an atmosphere. You feel the pressure in the air. You know certain things come with consequences, and that changes the way people speak, share, or even imagine.

    But artists always find ways. Sometimes through metaphor, sometimes through humour, sometimes by saying one thing on the surface and another underneath. That kind of pressure can be exhausting, obviously, but it also sharpens people. It forces you to listen differently, write differently, mean more than one thing at once.

    Inmost all of this, you’re still making music. How important do you think it is to keep going and sharing your passion with the world?

    Very important. For me, making music is one of the ways of staying real. It keeps me connected to myself, to other people, to whatever still feels honest. And sharing it matters too, especially when it travels. When something made in Turkish, in Istanbul, under certain local conditions, reaches someone somewhere else and they still feel it; that’s powerful. That reminds you music can cross a lot without losing where it came from.

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    „New music is definitely on the way.“

    Can you teaser some new music? What are you working on right now?

    Yes, there’s always something cooking. We’re writing, collecting fragments, trying things out. I think the new material feels a bit more open in some ways, maybe a little more exposed, but also more free.

    I don’t like explaining things too early because songs change while they’re becoming themselves. But yes, new music is definitely on the way.

    I hear there might be a concert coming up in Berlin! What can you tell us about that? Have you been in Berlin before? If so, how did you like it?

    Yes, we’ve had some really memorable nights in Berlin. We’ve played there a few times over the years, including one show in a space inside the Berghain, so the city already has a strong place in our story. One of the most unforgettable memories for me was also sharing the stage in Berlin for Ezhel’s first concert outside Turkey, which made that connection even more special.

    Berlin has its own pulse. It feels open, raw, and very alive, and people really show up for music there. You can feel that energy immediately. So coming back is always exciting. What I’m looking forward to most is that moment when the crowd and the band really meet in the same frequency that’s always the best part. We’ll be playing in Berlin again on April 18, so if anyone reading this is around, come join us.

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    An untold story of Berlin

    For our last question we always ask for an untold story – is there something you haven’t told in an interview before and want to get off your chest now? Could be a random story, a good album you recently listened to or a movie we should check out!

    Hmm…I actually got beaten up pretty badly and robbed in Berlin once, which is also part of my history with the city. Oddly, I don’t even think of it as a bad memory. In a strange way, it was almost refreshing it pulled me out of everyday life and turned into one of those surreal stories you end up carrying with you.

    Kommt am 18. April in der Passionskirche vorbei und lasst euch auf ein special Live-Erlebnis mit Büyük Ev Ablukada ein!

  • Malummí im Interview: »Kunst ist immer politisch — und Schweigen oder Neutralität können genauso Schaden anrichten.«

    Malummí im Interview: »Kunst ist immer politisch — und Schweigen oder Neutralität können genauso Schaden anrichten.«

    Wir haben heute eine überfällige Empfehlung aus Basel für euch! Musiktipps aus der Schweiz, ihr kennt es, sie halten sich prinzipiell immer an ihr Versprechen. Malummí sind genau so eine Band. Mit ihrem dritten Album „Damaged By Their Silence“ lässt sich das Basler Trio um Sängerin Larissa Rapold auf eine verletztliche und intime Indie-Reise ein, die mit einer schonungslosen Konfrontation mit Schmerz, Verlust und gesellschaftlicher Müdigkeit einher geht. Musikalisch und lyrisch gehen die Songs tief und bleiben auch eine längere Weile – Versprechen gehalten!

    Wir haben Sängerin Larissa und Gitarrist Giovanni ein paar Fragen rund ums Album gestellt – lernt sie hier besser kennen und verliert euch danach in ihre Musik!

    Malummí im Interview

    Anna: Hey ihr Lieben, als erstes ein kleiner Check-In: Wie geht’s euch gerade?

    Giovanni & Larissa: Hallo Anna, danke für die Einladung zum Interview! Uns geht es sehr gut, wir sind glücklich und aufgeregt, da unser Album jetzt veröffentlicht wurde. Aber auch etwas angespannt, da es eher intime Songtexte sind, die jetzt jeder hören kann.

    Damaged By Their Silence ist euer drittes Studioalbum. Wie unterscheidet es sich zu den vorherigen? Könnt ihr uns in den Prozess des Albums mitnehmen?

    Giovanni: Wenn man unsere drei Alben nebeneinander aufreiht, merkt man schnell, dass Damaged by Their Silence und The Universe Is Black sehr eng miteinander verwandt sind. Wir spielen unsere Songs immer zuerst live an Konzerten, bevor wir sie ins Studio bringen — so kann sich ein Song wirklich entfalten und seinen eigenen Charakter finden. Larissa kommt jeweils mit einer Idee, einer Skizze, und erzählt uns von ihren Gefühlen und Vorstellungen. Daraus entwickeln wir dann gemeinsam den Sound, den wir suchen.

    „Wir erlauben uns aber auch, alles mit einer Prise Humor zu nehmen.“

    Damaged By Their Silence ist ein sehr ausdrucksstarker Album Titel – was ging euch durch den Kopf als ihr den Titel gewählt habt? Wieso ist er so passend?

    Larissa: „Damaged by Their Silence“ ist eine Zeile, die ich im Song Loneliest Heart of All singe. In diesem Song widme ich mich der Einsamkeit, die beendete Freundschaften mit sich bringen. Dieser Titel spiegelt aber auch die aktuelle Weltlage erschreckend genau wider. Kunst ist immer politisch — und Schweigen oder Neutralität können genauso Schaden anrichten.

    Was sind die Themen, die euch auf dem Album besonders beschäftigt haben?

    Einsamkeit, Selbstreflexion und Anerkennung. Wir sind immer in Bewegung, alles verändert sich konstant — so auch unsere Psyche. In diesem Album nehmen wir Abschied und sprechen die Dinge aus, die wir vor zwei Jahren noch nicht in Worte fassen konnten. Wir erlauben uns aber auch, alles mit einer Prise Humor zu nehmen.

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    Zeilen wie “My therapist told me to look for the child in me / But whenever I see it, it runs far away from me” unterstreichen wie komplex die Aufarbeitung persönlicher Themen in Therapie ist. Wie wichtig empfindest du es, offen darüber zu sprechen? Hilft dir das auch nochmal auf eine andere Art, diese Dinge mit Musik zu verarbeiten?

    Bei diesem Album ist besonders, dass ich einen direkteren Schreibstil verwende als beim letzten. Psychische Gesundheit ist so wichtig — und ich bin dankbar, dass sie in unserer Gesellschaft immer mehr an Stellenwert gewinnt. Im Grunde schreibe ich Songs, um meine Gedanken und Gefühle zu ordnen, und während des Spielens verarbeite ich gemeinsam mit der Band, was auch immer dabei herauskommt. Ich hoffe, dass es die Menschen erreicht, die es brauchen — vielleicht fühlt sich jemand genau so wie ich und findet Trost, oder was auch immer gerade wichtig ist, in der Musik.

    „Schlimme Stille ist, wenn man keine Stellung bezieht.“

    In Silent Baby gibt es die Zeile “I’m scared to release this song”. Begleitet dich die Angst so kurz vor Release immer noch?

    Nein, ganz und gar nicht — ich habe keine Angst mehr! 🙂

    Was hofft ihr, wird das Album mit den Menschen machen, die es hören?

    Larissa & Giovanni: Wir hoffen, dass es bei den Menschen ankommt, die es brauchen. Vielleicht finden wir ein paar Gleichgesinnte — wer weiß.

    Was empfindet ihr als die schlimmste Art von Stille? Und welche als die schönste?

    Larissa: Schlimme Stille ist, wenn man keine Stellung bezieht, schweigt, sich enthält und anderen Menschen nicht hilft. Wenn man sich nicht betroffen fühlt und deswegen keine Seite unterstützt. Spoiler: Damit kann man mehr Schaden anrichten, als man denkt — wie man es gerade in der Welt sieht. Deswegen: Climate change is real, pride is protest, protect the dolls, black lives matter, no one is illegal on stolen land, free Palestine und free Sudan.

    Die schönste Art von Stille ist, wenn Menschen, die sich lieben, einfach beisammen sein können — in einvernehmlichem Schweigen, ohne dass es sich seltsam anfühlt. Oder diese ganz besondere Stille kurz bevor der Mainact die Bühne betritt, wenn alle den Atem anhalten und die Vorfreude fast greifbar ist.

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    Musiktipps aus Basel

    Welches Album löst in euch ein Gefühl der absoluten Ruhe aus?

    Giovanni: Haley Heynderickxx – I Need to Start a Garden

    Larissa: Palinstar – Backtrain Places

    Ihr kommt aus Basel – was geht da so? Habt ihr Musikempfehlungen, neben euch!, die ihr uns mit auf den Weg geben wollt?

    Oh ja, wir können hier viele Projekte empfehlen!

    luri, Laurel Bloom (das Projekt von unserem drummer Lucas), Lost in Lona, Glitch Baby,Tinysatelitte (Giovannis Soloprojekt), Moonpools, Sarah El Hachimi, Tiramisadness, Gina Pelosi, Claire my Flaire, Cori Nora und Tiramisdaness.

    Im Mai seid ihr für ein paar Termine auch in Deutschland! Wo kann man euch erwischen?

    Ja, ihr könnt uns hier an diesen Orten live hören:

    18.04.2026 Köln – c/o Pop Festival

    05.05.2026 Mainz – Schon Schön

    08.05.2026 Leipzig – Noch Besser Leben

    09.05.2026 München – Orangehouse

    Wir spielen an allen Daten mit der ganzen Band — wir freuen uns sehr darauf!

    Die letzte Frage bezieht sich bei uns immer auf eine untold story, etwas, was ihr in keinem Interview bisher erzählt habt. Gibt es einen Funfact, eine Empfehlung oder etwas Anderes, was euch beschäftigt und ihr in diesem Kontext noch loswerden wollt?

    Wir werden immer wieder auf Silent Baby angesprochen, und einige schlussfolgern, dass sich unser Albumtitel auf diesen Song bezieht — aber das stimmt gar nicht. Es ist eine Zeile aus Loneliest Heart of All, und dieser Song handelt von beendeten Freundschaften.

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    Hier gibt es Tickets zur Damaged By Their Silence-Tour 2026! Kommt vorbei, es wird wunderschön.

    Foto: Dshamilja Kalt

  • Jo The Man The Music im Interview: »wie ein Rauswachsen aus einer Haut«

    Jo The Man The Music im Interview: »wie ein Rauswachsen aus einer Haut«

    Jo the Man the Music – eine Künstlerin Mitte zwanzig aus einem kleinen Ort in Österreich – tritt mit ihrer ersten EP souverän in den Indie-Alternative-Pop- Kosmos ein und macht deutlich, warum man sie künftig auf dem Schirm haben sollte. Bereits im Juli 2025 machte sie mit ihrer Debütsingle „Skinny Dipping“ auf sich aufmerksam. 2026 ist nun geprägt von Support-Konzerten auf internationalem Boden sowie Auftritten auf kleinen und großen Bühnen zwischen Festivals und Großstädten. Kurz vor ihrer EP-Release im Januar traf ich Jo bei Kaffee und Kuchen in einem Café zum Gespräch.

    Lizza: Wonach klingt die Musik von Jo the Man the Music? Wie würdest du sie beschreiben?

    Jo: Ich sage gerne filigrane Schrammelmusik dazu. Es ist sehr gitarrenlastig und das bricht schon immer wieder aus, aber es gibt trotzdem voll viele filigrane Momente.

    Und ist das Filigrane bei dir in der Stimme und die Schrammelmusik in den Händen?

    Ja, schon ein bisschen. Das trifft es eigentlich ganz gut.

    Wo bist du, wenn du schreibst? Sowohl örtlich als auch emotional?

    Wo ist eigentlich immer unterschiedlich. Oft schreibe ich nachts, außer ich bin im Studio und arbeite tagsüber am Text. Ich sammle auch täglich Gedanken und Schnipsel, wenn ich unterwegs bin. Manche davon enden in Songs und manche davon werden für immer vergessen. Aber ansonsten im Kopf hoffentlich sehr frei und mit irgendeiner Art Emotion geladen, dann klappt es meistens am besten.

    Du bist 2024 nach Berlin gezogen. Hilft dir die Stadt bei deiner Musik?

    Ja, auf jeden Fall. Es hat sich aber von Anfang an so richtig angefühlt. Ich war eine Woche da, ich glaube das war drei, vier Wochen, bevor ich dann beschlossen habe, ich würde eigentlich länger hierbleiben wollen. In der Woche hat sich alles so schön ergeben und war gefüllt mit sehr vielen schönen Zufällen. Es war so, als wurde mir alles irgendwie vor die Füße gelegt. Dann war ich einfach zu neugierig und hab mir gedacht „okay, wenn ich hierherziehe, geht es dann so weiter?“ Und es ging nicht so weiter, natürlich [lacht]. Aber es war trotzdem die beste Entscheidung, auch für den Kopf irgendwie mal rauszukommen.

    Wo hemmt dich die Stadt vielleicht auch?

    Ich glaube tatsächlich wenig. Für mich ist Berlin echt eine Stadt, in der man frei sein kann, was ich auch sehr liebe. Es gibt so viele Menschen und es ist so schön, irgendwie so unbedeutend zu sein. Das genieße ich gerade sehr.

    Bevor du nach Berlin gekommen bist, hast du in Graz Design studiert – wie war es dort für dich und deine Musik?

    Ganz anders. Da habe da auch erst wirklich begonnen, Musik zu machen. Von dem her, hat es auch für den Kopf wahnsinnig gut getan, rauszukommen. Und die Menschen, die mich in Graz schon supportet haben, supporten mich auch jetzt noch und kommen teilweise für Konzerte nach Berlin.

    Welche Rolle spielt Social Media für dich in deinem Werdegang?

    Ich versuche eigentlich, dass es nicht eine zu große Rolle spielt. Es gibt natürlich viele Menschen, die täglich auf TikTok posten und es als Chance sehen, einen viralen Moment zu haben, aber ich möchte gerne so lange wie möglich, so gesund wie möglich Musik machen. Ich habe für mich das Gefühl, dass da diese Viralität vielleicht gar nicht so der richtige Weg dazu ist. Es wäre ultra überfordernd auf einmal voll die große Reichweite zu haben. Ich kann das gerade sehr genießen, da so langsam reinzuwachsen.

    Ich habe auch einen Newsletter, den ich immer bei Konzerten auslege, und die 200 Menschen, denen ich die Newsletter ausschicke, kenne ich eigentlich. Vielleicht nicht persönlich, aber die haben mich schon mal gesehen, waren auf einem Konzert oder haben irgendwie einen Bezug dazu. Und ich finde, das ist mir noch wertvoller als diese ganzen kurzfristigen Momente, die durch Social Media entstehen.Trotzdem checke ich natürlich, dass Social Media auch in der Musikbranche wichtig ist. Ich mache das auch, und ich mache es auch gerne, aber nicht in der Fülle und nicht mit irgendwelchen krassen Looks, weil es sich für mich falsch anfühlen würde, es so zu verkaufen.

    Deine erste Single „Skinny Dipping“ hat dir positive Kritiken eingeholt und wie ich finde, die Messlatte auch hochgelegt. Hat dich das überrascht?

    Ich finde es so lustig, weil mir das schon ein paar Menschen jetzt im Internet so gesagt haben und ich hatte nicht das Gefühl, dass es durch die Decke gegangen ist. Für mich ist immer noch der gleiche Song, der es auch am Tag vor dem Release war. Es war der schwierigste, aber auch der schönste Prozess, diese EP aufzunehmen. Als das fertig war, war die Arbeit jetzt quasi getan und der Rest hat gefühlt nicht mehr ganz so mit mir zu tun. Dann erst kam der erste Schritt nach außen mit der Veröffentlichung, und jetzt hören es plötzlich Leute. Für mich sind es dennoch die gleichen Songs, die ich vor einem Jahr schon auf meinem Laptop herumliegen hatte. In meinem Kopf habe ich es gar nicht so wahrgenommen, dass es durch die Decke gegangen ist, aber letztlich freue ich mich natürlich, dass es Menschen erreicht.

    Was hat dann die EP für einen Stellenwert für dich? Baut es auf etwas auf?

    Ja, ich glaube, es hat einen ganz großen Stellenwert für mich. Ich bin einfach sehr stolz drauf. Die EP hat ein sehr wichtiges Jahr für mich begleitet und die Songs sind eben auch zu einer Zeit entstanden, wo ich das erste Mal mehr Zeit auch in Berlin verbracht hatte. Ich habe letztens beim Schreiben vom Vinylklappentext erst so richtig gecheckt, dass es wie ein Rauswachsen aus einer Haut war. Ich bin schon irgendwie irgendwo rausgewachsen, aber auch irgendwo neu wieder reingewachsen, und das ist voll das schöne Gefühl. Dieser Wachstumsprozess kommt aber auch mit Wachstumsschmerzen, und ich glaube, diese Wachstumsschmerzen habe ich mit dieser EP sehr gut verarbeitet.

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    Für wen würdest du gerne mal Support spielen?

    Boah, die Liste ist, glaube ich, unendlich lang.

    Du darfst zwei nennen.

    Zwei? Okay, da muss ich kurz nachdenken. Ich glaube, Big Thief oder Adrianne Lenker und an zweiter Stelle, was vielleicht ein bisschen realistischer ist; es gibt eine australische Künstlerin, die heißt Phoebe Go und ich finde die ganz toll. Ich würde mir so doll wünschen, dass sie mal eine Europa-Tour spielt. Da wäre ich liebend gern dabei.

    Bleiben wir doch dabei, was du hörst. Was läuft bei dir gerade rauf und runter?

    Ich höre gerade richtig gern eine CD von Runo Plum. Die hat letztes Jahr im Winter in Berlin ein Konzert gespielt und das war richtig schön. Da habe ich eine CD mitgenommen und die ist gerade meine Winter-CD.

    Jo, what’s cooking next? Album? Tour? Festivals?

    Hoffentlich Tour, hoffentlich auch viel Musik aufnehmen. Es gibt ultra viele Demos, aber ich weiß auch noch nicht, ob es ein Album wird oder noch eine EP. Ich muss nochmal mit frischem Kopf drüber nachdenken. Mir ist es schon sehr wichtig, dass Konzepte stimmig sind, und ich habe noch nicht so ganz herausgefunden, was das nächste Konzept sein wird.

    Ich habe dir einen kleinen, schnellen Fragenhagel mit entweder-/oder-Fragen vorbereitet. Bist du bereit?

    [Jo grinst und nimmt noch schnell einen Bissen vom Kuchen]

    Support auf großen Bühnen oder eigene Konzerte auf kleinen Bühnen?

    Beides. Ich liebe wirklich Support zu spielen. Das macht mir echt viel Spaß, weil es an null Erwartungen gebunden ist. Man kommt auf die Bühne, niemand will dich eigentlich sehen [lacht], aber ich mag das. Im besten Fall gefällt es den Menschen und man nimmt irgendwie Leute mit, die die eigene Musik feiern. Aber eigene Konzerte in kleinen Venues zu spielen, ist auch herrlich.

    „soft skin“ oder Hornhaut an den Fingerkuppen?

    Softskin – 100 Prozent. Obwohl ich auch Hornhaut an den Fingerkuppen habe [lacht].

    Adrianne Lenker oder Angie McMahon?

    Oh schwierig. Ich muss jetzt trotzdem Angie McMahon sagen, weil ich auf dem Weg hierher das Album gehört habe und es mich wieder sehr berührt hat.

    Berlin oder Wien?

    Ahh, [hadert kurz] Berlin.

    aber oder doch?

    doch – immer!

    Wie blickst du auf das Jahr 2026? Was wünschst du dir?

    Ich hoffe, dass viel passieren wird, aber ich wünsche mir, dass ich das alles mit möglichst viel Ruhe irgendwie erleben kann. Ich wünsche mir Gelassenheit. Ja, das ist gut, Gelassenheit.

    Wünschst du dir etwas vom Publikum, oder von Berlin?

    Ich habe letztens ein Konzert in London gespielt und fand es echt sehr schön, dass die Menschen dort auch so textbezogene Musik wertschätzend aufgenommen haben. Es gibt so viele tolle Musiker*innen [in Deutschland oder Österreich], die englischsprachige Musik machen. Ich habe das Gefühl, oft wird man erst ernst genommen, wenn man aus dem Ausland kommt. Ich würde mir wünschen, dass es dafür irgendwie mehr Wertschätzung gibt.
    Und was ich mir noch wünschen würde, wäre, dass wenn man einen Artist cool findet oder einen Lieblingsartist hat, sich einfach eine CD oder eine Vinyl holt und wieder anfängt, physischer zu hören. Ich mache das selber und das macht so viel Spaß. Ich finde, es ist alles so kurzlebig geworden, und es ist irgendwie für den Kopf auch sehr angenehm, ein ganzes Album zu hören.

    Weil man dann die Artists auch ein bisschen besser kennenlernt, ne?

    Ja, voll.

    Danke, Jo, dass wir dich heute ein bisschen kennenlernen durften! Ich bin froh, dass ich dich am Anfang dieses aufregenden Jahres getroffen habe, und freue mich, bald mehr von dir und deiner Musik zu hören. Alles Gute für dich!

    Danke Dir und danke für Deine Zeit.

    Skin Jo The Man The Music Interview

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    Bildrechte: Jo The Man The Music
    Label: Ink Music