Schlagwort: Deutsch Pop

  • Alli Neumann im Interview: „Es gibt mir immer viel Energie in die Zukunft zu schauen“

    Alli Neumann im Interview: „Es gibt mir immer viel Energie in die Zukunft zu schauen“

    Kaum jemand verzaubert mit Power, Sympathie und Charme so sehr wie sie. Richtig, die Rede ist von Deutsch-Pop-Liebling Alli Neumann. Sie ist Musikerin, Schauspielerin, engagiert sich für wohltätige und politische Zwecke und beweist immer wieder, dass sie noch viele weitere Seiten von sich zu bieten hat. Im September veröffentlichte sie endlich ihr lang ersehntes Album „Madonna Whore Komplex„. 12 Songs voller Vision, Stärke, Reflexion, aber auch Intimität und Verwundbarkeit. Über den widersprüchlich scheinenden Titel des Albums schrieb Alli auf Instagram: „Ich weiß gar nicht, was ich erzählen will oder was für eine Frau ich darstellen will. Aber dann habe ich gemerkt, das ist Blödsinn. Ich kann euch alle meine Facetten zeigen. Denn ich bin vieles.“ Dieser Gedanke spiegelt sich auch in der empowernden Hymne „Frei“ und dem dazu gehörigen Musikvideo wider. Das gesamte Album ist musikalisch ebenfalls so facettenreich wie Alli Neumann selbst. Doch ein roter Faden der Emanzipation hält die Songs inhaltlich bei einander. Alli scheint für sich selbst einzustehen, ihr Umfeld und wer ihr nicht gut tut zu reflektieren und zu besingen, was sie aus Erfahrungen gelernt hat.

    Das alles erweckt einen mutigen und erwachsenen Eindruck, der sowohl sehr überzeugend und standhaft klingt, als auch genug Raum zur eigenen Identifikation schafft und dabei locker ungezwungen klingt. Obwohl Pop als Genre oft das Klischee mitbringt, dass nichts außer Wohlfühl-Songs oder leeren Liebessongs dahinter steckt, ist das hier definitiv nicht der Fall. Allis Musik ist auch mal unbequem und mal sehr eigen, teilt ihren Platz aber auch mit untergebrachten Einflüssen verschiedenster Musikrichtungen. Auf Social Media zeigt die Musikerin sich ausnahmslos authentisch und wie Alli nun mal ist. Sei es einfach ihre liebevoll verrückte Art, Spaß und Abhängen mit ihrer Familie und ihren Haustieren, ihre Second Hand Outfits oder das Äußern von politischen und sozialkritischen Meinungen. Das alles macht Madonna Whore Komplex für mich zu einem der Top-3 Alben aus 2021 und Alli Neumann zu einer der spannendsten Persönlichkeiten der Musikszene. Alli wirkt immer so erfrischend herzlich, ehrlich und versucht für alle die Welt ein Stückchen besser zu machen. So kitschig es klingen mag, ich wünschte, wir alle könnten ein Stückchen Alli in uns tragen.

    „Ich brauch kein‘ erfolgreichen Mann
    Das bin ich selbst, sieh mich an“

    Alli Neumann – bike boy

    Klicken Sie auf den unteren Button, um den Inhalt von Spotify zu laden.

    Inhalt laden


    Alli Neumann im Interview

    An einem warmen Mittwochmorgen im Herbst des vergangenen Jahres traf ich Alli via Zoom zum Gespräch.

    Dascha: Hi Alli, wie geht’s dir?

    Alli Neumann: Gut, ich bin gerade in Berlin. Ich find’s immer cool mal in einer anderen Stadt zu sein und mal was anderes zu sehen. Auch vom Land wegzukommen. Und wie geht´s dir?

    Dascha: Auch ganz gut! Wie geht’s dir mit dem ganzen Album-Release-Trubel?

    Alli Neumann: Ich bin voll drin und freue mich, dass ich so viel darüber reden darf und dass Menschen so viel über das Album wissen möchten! 

    Dascha: Wann hast du angefangen an dem Album zu arbeiten? Wie hat sich der Prozess für dich angefühlt? Was für eine Zeit war das?

    Alli Neumann: Ich hab das erste Mal vor drei Jahren angefangen an dem Album zu arbeiten, nach dem Release meiner EP. Weil nach Release ist vor Release! (lacht) Ich versuche immer zu schreiben und gar nicht erst aus dem Writing-Flow rauszukommen und nicht den inneren Schweinehund aufzubauen. Für mich ist das dem Kreativ sein wie mit dem Joggen: Am besten ist es, wenn man immer drin bleibt und keine Angst davor entwickelt. Also eigentlich hab ich angefangen an dem Album zu schreiben, als ich noch eine andere EP promoted und live gespielt habe. Dann hab ich im Lockdown eine richtig intensive Zeit für das Album gehabt. Ich hab tatsächlich viele Sachen, die davor entstanden sind, weggeschmissen. Einfach, weil ich da dann in einem ganz anderen Modus war. Ich hatte viel Zeit eine sehr intensive Beziehung zu meinen eigenen Emotionen aufzubauen und hab dann im Lockdown bei dem Album nochmal fast von vorne angefangen. Ich war so abgeschottet in dieser Zeit, da konnte ich meinen Ideen viel mehr freien Lauf lassen, wenn man nicht so viel auf anderes reagiert. Also ich bin zumindest so, ich bin jemand, der viel Ruhe braucht für kreative Gedanken.

    Dascha: Funktioniert das für dich leicht immer kreativ zu bleiben? Ich hab zum Beispiel immer nach einer Zeit ein Tief, in dem ich dann gar nicht kreativ denken kann. Wie bleibst du immer dran? Hast du irgendwelche Inspirationsquellen?

    Alli Neumann: Ich bin auf jeden Fall immer auf der Suche nach Quellen, die mir helfen kreativ zu bleiben. Mein Leben fühlt sich tendenziell eher an wie eine lebenslange Schreibblockade, um ehrlich zu sein. Jeder Tag ist ein neuer Kampf, wenn ich vor dem Zettel oder vor dem Klavier sitze. Musik ist bei mir meistens leicht, also komponieren und jammen, aber Texte schreiben find ich ganz, ganz schwierig. Aber mir hilft es Regelmäßigkeit drin zu haben und mich zu disziplinieren. Auch keine Pause dazwischen zu machen. Sich lieber zu sagen „Ey, ich schreib jetzt jeden Tag was und wenn es Schrott ist, ist es Schrott“, immerhin hab ich dann was gemacht. Ich finde je mehr man gemacht hat und je mehr Auswahl man dann hat, desto leichter ist es. Ansonsten kann ich Spazieren immer empfehlen!

    Dascha: Oh ja, spazieren hilft immer! Wie würdest du sagen unterscheidet sich das Album von den vorherigen EPs?

    Alli Neumann: Das Album ist auf jeden Fall dancier, funkier und groovier geworden! Das hat auch ganz viel damit zu tun, dass ich im Lockdown oft davon geträumt habe, wieder raus zu gehen und auch wieder live zu spielen. Mir hat dieses Gefühl von mit einander tanzen und feiern so krass gefehlt und deswegen ist das mit auf dem Album drauf. Musik ist für mich immer wie ein Medikament. Das was mir gerade im Leben fehlt, kann ich dann in der Musik bekommen. Ansonsten würde ich sagen, dass es politischer und konkreter geworden ist, als die Songs davor.

    Dascha: Genau, mir ist auch schon beim ersten Hören aufgefallen, dass du gewisse Situationen auch sehr konkret ansprichst. Vor allem Situationen mit Männern und Dinge, die dich stören, hast du thematisiert. Fiel es dir leicht so konkret darüber zu schreiben? Oder musstest du manchmal mit dir hadern bestimmte Ereignisse nochmal, vielleicht auch emotional, aufzuarbeiten?

    Alli Neumann: Es war tatsächlich so, dass ich diese Sachen sowieso aufarbeiten musste und sie gerade in meinem Leben aufgekommen sind. Die waren schwer, aber ich wusste, ich muss Sachen einsehen, mir Eingeständnisse machen und mich von manchen Menschen sogar verabschieden. Da hab ich gerade eh an meinem Album geschrieben und konnte das direkt darin verarbeiten. Es ist natürlich auch unangenehm. Ich würde sagen, es ist wie eine Therapiestunde. Ich fühl mich währenddessen sehr aufgewühlt, aber danach geht es mir besser.

    YouTube

    Mit dem Laden des Videos akzeptieren Sie die Datenschutzerklärung von YouTube.
    Mehr erfahren

    Video laden

    Dascha: Und hast du auch einen Lieblingssong auf dem Album?

    Alli Neumann: Das ändert sich tatsächlich die ganze Zeit.

    Dascha: Und welcher ist es jetzt im Moment?

    Alli Neumann: Ich würde sagen heute ist es „Keine Zeit“.

    Dascha: Nice! Welche Message ist die wichtigste, die du mit dem Album überbringen möchtest?

    Alli Neumann: Dass wir Menschen alles ein können und dass wir uns nicht von gesellschaftlichen Normen bestimmen lassen müssen. Fuck it!

    Dascha: Ich finde auch, dass das Album super kraftvoll wirkt und du auch immer so viel Energie ausstrahlst. Woher ziehst du diese Energie, was gibt dir Kraft?

    Alli Neumann: Das freut mich sehr, dass du das Album auch als kraftvoll empfindest! Was mir extrem viel Energie gibt ist Musik. Es gibt mir auch immer viel Energie in die Zukunft zu schauen und mir eine neue Welt vorzustellen. Wie sie aussehen könnte, wofür man kämpfen sollte. Ich träume oft davon, wie es wäre, wenn jemand auf die Welt kommt und nicht von dem, mit dem er geboren wurde, bestimmt wird. Wenn diese Sachen nicht die Möglichkeiten einschränken, sondern wir auf die Welt kommen und wir die Sachen, die uns anders machen, zelebrieren. Dieser Gedanke gibt mir ganz viel Kraft.

    Dascha: Das wäre so toll! Was würdest du deinem jüngeren Teenager-Ich jetzt als Ratschlag geben?

    Alli Neumann: Ich würde mir den Ratschlag geben, dass alle anderen auch nur so tun, als wüssten sie, was gerade los ist. Eigentlich haben die auch keine Ahnung. Ich kann ruhig ich selber sein, man braucht keine Angst zu haben von jemandem gejudged zu werden. Und dass alles, was einen anders macht, ein Geschenk ist. Jede neue Perspektive, jeder neue Blickwinkel ist immer ein Geschenk! Das würde ich ihr sagen.

    Dascha: Ich finde, das ist auch jetzt noch ein hilfreicher Ratschlag. Hast du auch irgendwelche Vorbilder oder Inspirationen?

    Alli Neumann: Ich habe so viele Inspirationen! Aktuell ist Lizzo ein großes Vorbild für mich, vor allem was Selbstliebe angeht. Ich bin ihr so dankbar, für das, was ich aus ihrer Musik ziehen konnte. Rio Reiser ist auch ein ganz großes Vorbild für mich. Auch, weil er jemand war, der konkret in Deutschland gezeigt hat, wie man politische Ideen mit Musik verwirklichen kann. Ansonsten auch Menschen wie David Bowie oder Cher, die sich immer wieder neu erfunden haben und sich selbst nie festgenagelt haben. Menschen, die immer in Bewegung waren.

    Dascha: Du bist ja zurück aufs Land gezogen. Wie kam diese Entscheidung zu Stande? Wie beeinflusst dich das jetzt?

    Alli Neumann: Ich hab mir immer gewünscht aufs Land zurück gehen zu können. Mein Traum war es immer wie die Ton Steine Scherben zu leben. Die hatten einen Bauernhof in Fresenhagen und haben dann immer da gearbeitet, Sachen aufgenommen und die Natur genossen. Dann wiederum zum live Spielen rausgegangen und durch Städte getourt. Ich bin einfach ein Mensch, der das Leben auf dem Land sehr liebt und diese Ruhe für Kreativität braucht. Wenn kein Lockdown gewesen wäre, hätte ich den Schritt glaube ich erstmal nicht gemacht. So hatte ich genug Zeit mich darum zu kümmern und mir einen Ort zu schaffen, an dem ich gerne bin. Jetzt bin ich super froh, diesen Ort zu haben, an den ich immer wieder zurück kommen kann. Und einfach mit meinen Hasen und meiner Hündin im Garten abhängen kann.

    Dascha: Das klingt so schön! Vermisst du die Stadt trotzdem manchmal?

    Alli Neumann: Aktuell nicht, ich bin ja ein bisschen Pendlerin. Ich bin trotzdem relativ viel in Hamburg und in Berlin. Jetzt bin ich gerade eher viel in der Stadt und vermisse wieder das Land.

    Dascha: Ich glaube du hast auch eine ziemlich enge Bindung zu Polen und deiner polnischen Herkunft, oder? Was bedeutet für dich diese Bindung und inwiefern ist sie Teil deiner Identität?

    Alli Neumann: Ich glaube jede weitere Herkunft lehrt, dass es nicht die eine ultimative Wahrheit gibt. Man weiß, dass es nicht die eine Kultur gibt, die richtig liegt. Ich glaube das beeinflusst mich am meisten, zu wissen, dass es immer mehrere Blickwinkel und Realitäten gibt. Speziell am Polnischen hat mich aber geprägt, dass bei uns Familie ganz groß geschrieben ist. In Polen ist es oft üblich, dass man auch in Mehrgenerationshäusern lebt. Das merk ich auch sehr bei mir, ich muss immer bei meiner Familie sein, wenn ich frei hab. Eine Sache über die ich sehr froh bin!

    Dascha: Ich fühl mich auch sehr verbunden zu meiner russischen Herkunft, gleichzeitig bin immer im Konflikt zwischen „Ich liebe es dort so sehr“ und den negativen, wütenden Gefühlen aufgrund von politisch-gesellschaftlichen Zuständen und Menschenrechtsverletzungen. Letzteres lässt mich auch ein bisschen so fühlen, als würde ich dann doch nicht ganz dazu gehören wollen. Geht es dir vielleicht ähnlich? Wenn ja, wie gehst du damit um?

    Alli Neumann: Natürlich wird man vor allem von anderen öfters auf die politische Situation dort angesprochen. Trotzdem ist es eine Problematik, die das Land zwar betrifft, die ich aber nicht als meine polnische Identität wahrnehme. Die beobachte ich frei davon. Es gibt ja auch noch die andere Hälfte der polnischen Menschen, zum Beispiel fast alle, die ich kenne, die ganz anders und offen denken. Deswegen ist da für mich überhaupt kein Widerspruch, dass man eine links-liberale Person ist und gleichzeitig polnische Identität zelebriert. Diese konservative Einstellung gibt es auf jeden Fall dort, sie ist aber nur eine Abzweigung. In jedem Land gibt es Probleme und es ist wichtig zu schauen, was man damit in der Kultur und Identität macht.

    Dascha: Ich versteh’s absolut! So soll es ja auch eigentlich sein. Leider fällt es mir zum Beispiel trotzdem schwer, mich davon komplett los zu lösen. Der innere Konflikt bleibt trotzdem.

    Alli Neumann: Ich versteh das auch! Es hat mich mega lang beschäftigt und kommt manchmal immer noch auf. Vor allem jetzt, wo öfters was gesagt wird wie „Die in Polen haben doch voll einen an der Klatsche“. Sowas wird mir einfach in’s Gesicht gesagt! „Die sind doch alle erzkonservativ und homophob“, natürlich gibt es diese Menschen, die sind ein Problem. Aber ich glaube man muss sich gerade dann als Polin präsentieren und zeigen, dass es auch ganz viele andere Menschen gibt. Menschen die lieb sind, offen und progressiv sind. Diese Menschen müssen wir viel mehr sehen und unterstützen!

    Dascha: Da hast du Recht! Du setzt dich ja auch viel und aktiv für gute Zwecke ein. Was würdest du Menschen sagen, die zwar schon auf dem richtigen Weg sind, aber noch zu faul, um sich aktiv einzusetzen? Welchen Anreiz würdest du mit auf den Weg geben?

    Alli Neumann: Ich kann sagen, es lohnt sich, sogar allein für sich selbst, in’s Ehrenamt zu gehen. Mir hat nichts anderes so gut getan. Weil das Ehrenamt einfach ein Ort ist, an dem man Menschen begegnet, die völlig wertfrei sind von dem, was man normal in der kapitalistischen Welt leistet. Da geht es um Community und das Miteinander. Alle Menschen, die ich im Ehrenamt kennengelernt habe, waren immer richtig toll. Und die sagen auch alle, dass es ihnen gut geht, wenn sie etwas sinnstiftendes machen. Deswegen geht alle in’s Ehrenamt! Wenn ihr darüber nachdenkt, tut es einfach. Tut euch selbst den Gefallen!

    Dascha: Das klingt so schön, hoffentlich nehmen sich das ein paar Leute zu Herzen. Ich beschäftige mich auch ziemlich viel mit politischen und gesellschaftlichen Themen und Diskursen, aber manchmal hab ich ein Tief und dann das Gefühl, dass ich keine Kraft habe, mich jetzt noch mit einem weiteren neuen Thema oder Problem auseinander zu setzen. Gleichzeitig kommt dann das schlechte Gewissen, weil ich weiß, ich bin privilegiert genug, um zu entscheiden, wann ich mal wegschaue. Kennst du das Gefühl? Hast du einen Tipp, wie man dagegen ankämpfen kann?

    Alli Neumann: Mein Tipp ist, dass man bei allen Sachen, mit denen man sich beschäftigt und die man verbessern möchte, man trotzdem auf sich selber aufpassen muss. Weil wenn es dir selber schlecht geht, hast du auch keine Kapazitäten. Dann kannst du auch niemandem anderen helfen. Es ist wichtig auf sich selber zu hören. Aber ey, ich struggle damit natürlich auch voll!

    Dascha: Na das ist beruhigend zu hören. Zum Ende hin ein kleiner Themensprung. Was sind zur Zeit deine Lieblingsalben?

    Alli Neumann: Zur Zeit Women In Music Pt III von HAIM, das hab ich sehr sehr viel gehört. Und Solarbased Kwing von Kaleo Sansaa, das ist eine Musikerin aus Berlin, die macht richtig krasse Musik. Das sind gerade meine Main-Alben. Außerdem kann ich noch ein Album empfehlen, das ist von Manfred Krug. Das ist ein Musiker, der deutschen Funk und Soul gemacht hat.

    Dascha: Dann kommen wir schon zur letzten Frage. Das ist bei uns immer eine untold story, also ein kleines Geheimnis oder eine Geschichte, die du noch nicht öffentlich erzählt hast. Fällt dir da was ein?

    Alli Neumann: Ich finde frisch lackierte Nägel bei mir immer total spießig. Deswegen lackiere ich sie mir immer und kratze den Nagellack direkt halb wieder runter, damit er ein paar Tage alt aussieht.

    Dascha: Krass, das hab ich noch nie von jemandem gehört.

    Alli Neumann: Ja, ich glaube das wundert Menschen immer. Bei anderen find ich frisch lackierte Nägel cool und schön. Aber bei mir hab ich das Gefühl, dass ich falsche Erwartungen erwecke. (lacht) Dass Leute sonst denken würden, dass ich mein Leben im Griff hätte oder dass ich normal bin.

    Dascha: Ich muss zugeben, irgendwie macht das Sinn. Ich danke dir für deine Zeit und vor allem für dein tolles Album, ich liebe es ganz doll!

    Alli Neumann: Das ist so lieb, das freut mich so sehr! Danke!

    Wer auch nicht genug von Alli Neumann kriegen kann, kann sich hier den frei zugänglichen Film WACH mit ihr als eine der Protagonistinnen anschauen:

    YouTube

    Mit dem Laden des Videos akzeptieren Sie die Datenschutzerklärung von YouTube.
    Mehr erfahren

    Video laden


    Fotocredits: Clara Nebeling

  • Luis Ake im Interview: „Liebe ist mein Lieblingshobby“

    Luis Ake im Interview: „Liebe ist mein Lieblingshobby“

    An einem kühlen August-Nachmittag traf ich Luis Ake für ein Gespräch vor seinem Konzert mit Edwin Rosen, mit dem er eine blitzschnell ausverkaufte Tour spielte. Der aufsehenerregende Künstler hat schon jetzt eine auffallende musikalische Entwicklung hingelegt. Wo auf seinem ersten Album noch düstere Songs mit morbidem Beigeschmack lauerten, bieten die neuen Singles mehr Euphorie als Trauer. Songs wie der energische Trance-Hit Sommer zeigen eine ganz neue Facette von Luis und machen neugierig auf das im September erscheinende zweite Album. Ich bin absoluter Fan von beiden Seiten und wünsche mir, dass noch viel mehr Leute das von sich behaupten können.

    Um mich kurz selbst aus einem älteren Artikel über Luis Ake zu zitieren: Hier geben sich Rave und Schlager die Hand. Und jetzt mehr denn je. Während er sich irgendwo zwischen NDW, Schlager, Pop und elektronischer Musik bewegt, gelingt es ihm die Hand freundlich auszustrecken und Hörer:innen mit auf ein Abenteuer zu nehmen. Skurrile Live-Performances, der Wechsel zwischen tiefem Sprechgesang zu hoher Kopfstimme und immer im Retro-Anzug vorzufinden, das alles macht Luis Ake als Erscheinung aus. Man ist sich nicht sicher, ob er nicht gerade aus einer Zeitmaschine gestiegen und eigentlich fremd in der heutigen Zeit ist. Genau das macht ihn wohl so spannend. Während des Konzerts am Abend im Bumann und Sohn beobachtete ich aufmerksam die Blicke des Publikums während seiner Show. Oft war es ein erstaunen und erschrecken, dann ein lachen, dann ein jubeln, dann ein fragendes Gesicht voller „Irgendwie versteh ich das nicht so ganz“. Und ich denke, diese Reaktionen treffen es genau auf den Punkt.

    Klicken Sie auf den unteren Button, um den Inhalt von Spotify zu laden.

    Inhalt laden

    Luis Ake im Interview

    Dascha: Hey Luis, wie geht’s dir?

    Luis Ake: Gut, mir geht’s prima. Ich hab viel geschlafen, wenig Kater. Nur ein bisschen. Das ist gut, so kann das Wochenende beginnen.

    Dascha: Sehr schön! Willst du dich mal selbst ein bisschen vorstellen, für die, die dich noch nicht kennen? Und wie würdest du deine Musik selbst beschreiben?

    Luis Ake: Mein Name ist Luis Ake, ich bin 26 Jahre jung und ich mache hauptsächlich Liebeslieder. Popmusik, würde ich sagen. Ich beschäftige mich sehr viel mit dem Thema Liebe. Romantische Liebe, muss man dazu sagen. Oder eher Beziehungsliebe. Romantische Liebe kann ja auch viel anderes sein.

    Dascha: Da du heute Abend hier ein Konzert spielst – Wie läuft die Tour gerade?

    Luis Ake: Gut, es gab schon lange keine Tour mehr, das ist schön jetzt. Wenig schlafen, viel Action, gute Laune die ganze Zeit. Ich kann mich nicht beklagen! Morgen hab ich frei, das ist für mich sehr entspannend.

    Dascha: Gibt’s auch etwas am touren was du nicht so gern magst?

    Luis Ake: Hmmm, also am liebsten bin ich alleine auf Tour. Es ist zwar auch schön mit anderen zu touren, so wie jetzt gerade mit Leuten, die ich richtig gerne mag. Ich toure ja gerade mit Max (Flawless Issues), Edwin (Rosen) und Luca, das sind sehr gute Freunde von mir, deshalb ist es sehr sehr schön. Man kommt halt selten in den Genuss mal kurz einen Moment nur für sich zu haben. Aber das ist nicht schlimm, das gehört einfach dazu. Es gibt eigentlich nichts am touren, das ich gar nicht mag. Außer, dass ich nicht so viele Anzüge mitnehmen kann. Dann werden die schmutzig und das nervt mich ein bisschen. Ich hab jetzt nur zwei dabei für zehn Tage, das muss man sich mal überlegen. Ich reise nämlich gerne mit wenig Gepäck. Lieber hab ich zu wenig, als zu viel dabei. Ich finde beim Packen gibt es eine goldene Regel: Immer die Sache, die man am Ende noch mitnehmen will, nicht mitnehmen.

    Dascha: Und warum?

    Luis Ake: Na dann hat man zu viel dabei. Man muss immer das, was man in Frage stellt mit „nein“ beantworten.

    Dascha: Das werde ich mir für’s nächste Mal merken! Jetzt erscheint ja auch deine nächste Single „Blumen„. Magst du mal was zu dem Hintergrund erzählen? Was bedeuten die Blumen für dich? Deine Mama spricht auf dem Song auch einen Teil, wie kam es dazu?

    Luis Ake: Weil meine Mama eine großartige Frau ist! Und weil sie eine tolle Stimme hat. Dieser Sprechteil in dem Lied hat sich einfach wunderbar dafür angeboten. Sie hat sofort Lust darauf gehabt, meine Mama ist auch großer Fan. So hat sich das perfekt angeboten und ich bin sehr glücklich darüber. Zu dem Lied gibt es eigentlich viel zu sagen. Bald wird ja auch mein Album erscheinen, das ist insgesamt eine größere Arbeit. Da spielen die Songs schon eine entscheidende Rolle, da sie Teile von einem größeren Puzzle sind. Nämlich hab ich eine Maschine erfunden, die Beziehungsfragen beantworten kann. Jedes Lied hat einen Teil in diesem Mechanismus. Die Maschine besteht aus zehn Teilen und ein Teil ist eben das sogenannte Reich der Blumen. Das muss man sich vorstellen wie einen Stadtpark einer sauberen, reichen, gepflegten Kleinstadt und wenn man da hineingeht wird man sich sofort verlieben. In dem Lied an sich geht es darum, dass die Liebe wie eine Blume ist, die man gut pflegen muss. Damit sie groß und stark wachsen kann und damit sie den kalten Winter übersteht.

    Dascha: Das passt auch schon zu meiner nächsten Frage. Hast du dich schon beim Schreiben der Songs auf dem Album thematisch an dem Konzept festgehalten?

    Luis Ake: Die Auswahl der Songs erfolgte so, um jede Facette dieser Beziehungsliebe abzudecken. Diese Liebe ist ein bisschen wie ein Zyklus, der einen immer wieder packt. Ich war frustriert davon, dass ich immer wieder in dem selben Gemütszustand lande, der immer wieder gleich schmerzhaft oder gleich freudig ist. Die Maschine versucht sozusagen diesen Kreislauf zu ergründen, um am Ende größere Gelassenheit für den, der sich damit auseinander setzt, zu garantieren. Es ist sozusagen eine Studie zum Thema Liebe. Die hab ich erst nur für mich gemacht, aber im Rahmen des Albums öffne ich sie. Aber ich habe die Maschine wirklich auch als physisches Objekt gebaut, die wird man dann bei der Platte zu sehen bekommen.

    Dascha: Dann bin gespannt und jetzt echt neugierig. Schreibst du am liebsten nur über Liebe oder kommen auch andere Themen für dich in Frage? Woher nimmst du deine Inhalte?

    Luis Ake: Aus dem Alltag, einfach jeden Tag. Liebe ist mein Lieblingshobby, könnte man sagen. Darüber kann ich mich nicht emanzipieren, über die Macht der Romantik. Und so liegt es auch nah, dass sich das in einer Art Selbsttherapie in meinen Liedern widerspiegelt.

    Dascha: Und wie würdest du sagen hast sich deine Musik von früher zu jetzt verändert? Ich würde schon behauptet, dass sie von düster zu hell gewandelt ist. Was hatte darauf Einfluss?

    Luis Ake: Düstere Musik zu machen bedeutet meistens ja auch düstere Gedanken zu haben und eher Schmerz statt freudige Gefühle zu verarbeiten. Zu der Zeit damals gab es eben eher solche Sachen zu verarbeiten. Es ist total wichtig, dass es das negative Gefühl, was auch unheimlich schön ist, gibt. Trauer, Schmerz, sind ja alles Formen der Verarbeitung. Das ist irgendwie viel leichter zu greifen. Es ist wie ein Kaugummi-artiges Gefühl, man kann es richtig breit treten, man kann sich richtig in der Trauer suhlen. Irgendwie ist es auch schön, es zieht einen richtig nach unten und dann erreicht man den Boden und darunter kommt erstmal nichts. Das heißt man ist erstmal auf einer sicheren Plattform. Man kann es auch auf Dauer ziehen, heute fange ich an einen traurigen Song zu schreiben und ich weiß, morgen bin ich wahrscheinlich immer noch traurig, dann kann ich da wunderbar weitermachen.

    Wohingegen glückliche Lieder, von denen es welche auf dem Album gibt, viel schwieriger zu greifen sind. Das Glücksgefühl ist so flüchtig, es verpufft so schnell. Sobald man es anschaut, ist es schon wieder weg. Davon gibt es immer nur einen kurzen Moment, davon handelt das Lied Ein schöner Traum. So ist innerhalb des Albums auch die Maschine aufgebaut. Das Hohe, die Glücksmomente, die werden mit einer Wolke verglichen. Dann gibt es noch das Tiefe, den Boden. Zwischen diesen zwei Extremen wird Liebe irgendwie verhandelt. Ich wollte dieses Mal alles abdecken, ich denke das ist mir auch ganz gut gelungen. Glückliche Lieder zu schreiben ist viel schwieriger, deswegen habe ich versucht positive Musik mit positiven Gefühlen zu machen. Einfach, weil ich das auch können wollte.

    Dascha: Na dann bin ich auch sehr gespannt auf’s Album. Wie bist du eigentlich dazu gekommen Musik zu machen?

    Luis Ake: Ich bin in einer sehr musikalischen Familie aufgewachsen. Mein Vater ist Gitarrist und meine Mutter ist Sängerin. Da hab ich schon sehr sehr früh Musik gemacht, natürlich auch beeinflusst durch meine Eltern. Musik war immer da und man konnte immer alles fragen. Ich hab früher viel Gitarre gespielt, dann hat sich das so entwickelt und ich hab erst vor zwei Jahren angefangen zu singen. Davor hab ich eher in Bands Gitarre gespielt, viel Produktion, moderne Tanzmusik, Hip Hop alles mögliche. Und jetzt bin ich hier.

    Dascha: Was sind deine Ziele und Pläne, die du in deiner Musiklaufbahn noch erreichen willst?

    Luis Ake: Mich einfach nicht wiederholen. Eine Sache, die ich echt nicht will, ist immer dasselbe zu machen. Es ist einfach eine persönliche Reise, du hast ja auch schon festgestellt, dass sich die Songs verändert haben. Jetzt gerade ist es eine größere Arbeit für mich noch andere Dinge zu ergründen und so muss es einfach weitergehen. Ich will nichts zwei Mal machen. Allein dadurch kommt man ja immer weiter und immer weiter. Ich hab keine bestimmten Ziele, ich will einfach nur glücklich sein, das machen, worauf ich Lust hab und irgendwann sterben. Das wär perfekt so.

    Dascha: Mal kurz zurück zu 2020: Du hast letztes Jahr zusammen mit dem russischen Künstler Dima Midborn den billingiualen Song Hey Du/Эй, Ты gemacht. Der war einer meiner Lieblingssongs des Jahres! Wie kam es zu der Zusammenarbeit?

    Luis Ake: Der Kontakt kam von außen. Ich hab Fans in Russland, ich bin sehr Russland-affin und mag das Land unheimlich gerne. Ist vielleicht sogar mein Lieblingsland. Ich hör auch viel russische Musik und so war das schon immer ein Traum von mir, dass ich mal einen russischen Song machen kann. Da hat das mit dem Dima super gepasst. Ich denke, das ist eine ganz nette Nummer geworden.

    YouTube

    Mit dem Laden des Videos akzeptieren Sie die Datenschutzerklärung von YouTube.
    Mehr erfahren

    Video laden

    Dascha: Geht mir auch so. Ich höre sehr viel russische Musik, deswegen war das eine Kombination, die mir viel Freude bereitet hat.

    Luis Ake: Zweisprachige Songs gibt’s ja auch leider nicht so oft. Ich finde Deutsch und Russisch sind sich von der Härte oder vom Gefühl schon ähnlich. Ich hab so eine wilde Theorie, dass jemand, der die deutsche Sprache beherrscht, diese selbe Härte sucht, mit der man irgendwie connecten kann. Deutsch und Russisch haben so eine natürliche Verbindung, die sind auf einer ähnlichen Wellenlänge, anders als Deutsch und Französisch zum Beispiel. Würdest du mir da zustimmen?

    Dascha: Ja, doch, schon. Wobei ich finde, dass Russisch noch weicher ist als Deutsch.

    Luis Ake: Ja, das stimmt. Vielleicht kommt daher die Faszination vieler Russen und Russinnen für deutsche Musik.

    Dascha: Das kann sein. Es gibt wirklich viele Leute in Russland die deutsche Musik lieben, auch wenn sie es nicht verstehen.

    Luis Ake: Ich habe jetzt auch einen Remix für Nürnberg, eine Band aus Weissrussland, gemacht. Da hab ich zum ersten Mal auf Russisch gesungen, das war cool. Ich würde gerne Russisch lernen und am liebsten für eine längere Zeit dort leben.

    Dascha: Oh, das ist sehr cool! Nürnberg hör ich sehr gerne. Naja, zurück zu Stuttgart. Da gibt es ja schon einige Musiker:innen momentan. Gibt es da deinem Gefühl nach eine feste Szene? Wirkt sich das aufeinander aus?

    Luis Ake: Sicherlich. Ich muss aber gestehen, dass diese Künstler:innen, die gerade im Atemzug mit anderen Stuttgarter:innen genannt werden, erst recht spät kennengelernt hab. Klar, ich war zum Beispiel mit Max Rieger auf der Schule, ich war aber nie in dieser Szene drin. Erst jetzt im nachhinein, als ich gar nicht mehr dort gewohnt hab, hab ich alle kennengelernt. Ich würde mich eher als Einzelgänger beschreiben. Es ist aber trotzdem schön, eine Verbindung zueinander zu haben. Heute sind wir hier wieder eine richtige Stuttgarter Gruppe. Das ist schon ein schönes Gefühl, aber ich hab darüber nie wirklich nachgedacht.

    Dascha: Und wo hast du dann gelebt?

    Luis Ake: Ich hab viel Zeit in Karlsruhe verbracht. Dann in Berlin und mal hier und dort. Ich hatte eigentlich keinen festen Wohnort, immer noch nicht.

    Dascha: Welche Musiker oder Musikerinnen aus Deutschland kannst du empfehlen? Wen magst du im Moment besonders gerne?

    Luis Ake: Gerade mag ich Marion Maerz sehr gerne. Das ist eine Schlagersängerin aus den 60er, Anfang 70er Jahren. Wunderbar, ganz ganz toll, kann ich nur jedem empfehlen. Liebe auf den ersten Blick ist zum Beispiel sehr schön. Das hör ich Moment viel, aber ansonsten immer viel Ausdrucks-Pop und natürlich NDW, da kann man sich nie satthören. Der Schlager, nicht aus dieser Zeit, ist auch immer sehr gut und ergiebig, wenn man sich die Zeit nimmt und sich öffnet.

    Dascha: Ich glaube bei Schlager haben viele diese Blockade im Kopf, dass sie das gar nicht erst an sich ranlassen wollen.

    Luis Ake: Ja, das stimmt! Die hab ich zum Glück nie gehabt. Die will ich auch nie haben. (lacht)

    Dascha: Dann kommen wir auch schon zur letzten Frage: Das ist bei uns immer eine untold story. Also ein Geheimnis, eine Geschichte oder einen Fakt über dich, den noch nicht viele wissen.

    Luis Ake: Auch wenn ich vielleicht nicht so aussehe, versuche ich ein ziemlich primitives Leben zu leben. Ich liebe zum Beispiel Fußball, vor allem den Verein Vfb Stuttgart. Ich bin da ein sehr sehr dedicated Fan. Und ich liebe es KFZ als Hobby zu haben, ich liebe es an Autos rumzuschrauben. Das sind Dinge, die man vielleicht nicht von mir erwarten würde.

    Bis das neue Album von Luis erscheint, könnt ihr euch hier noch an seinen bisherigen Songs erfreuen:

    YouTube

    Mit dem Laden des Videos akzeptieren Sie die Datenschutzerklärung von YouTube.
    Mehr erfahren

    Video laden

    Foto Credit: Alexander Theis
  • Lina Maly im Interview: »Ich bin emotional viel angreifbarer geworden«

    Lina Maly im Interview: »Ich bin emotional viel angreifbarer geworden«

    Die Acoustics Concerts sind bereits im vollen Gange und wir bei untoldency haben die Ehre euch mit geilem Content zu allen wundervollen Künstler:innen zu versorgen! How exciting für uns, wie für euch! 😍 Auch die Hamburger Songwriterin Lina Maly ist am Start. Mit ihrer gefühlvollen Stimme wird sie euch am 11.07. in Offenbach und am 18.07. in Dresden verzaubern. Ich habe mit ihr über die anstehenden Konzerte sowie über ihr im Oktober erscheinendes drittes Album gesprochen. Wenn es euch jetzt schon in den Fingern juckt, bestellt das Album hier bereits vor.

    Lina Maly im Interview

    Evelin: Hey Lina, so langsam geht es jetzt ja auch für dich in Richtung Normalität los mit ein paar Konzerten. Wie sehr freust du dich auf deine zwei Shows mit Acoustics Concerts?

    Lina: Ich bin total aufgeregt, wie das alles wird! Ich habe letztens schon zwei Shows gespielt und es war sehr, sehr schön. Ich habe das Gefühl die Leute sind dankbarer als vorher. Sie haben supergut zugehört und waren ganz aufmerksam. Die kamen danach auch zu mir und haben gesagt, dass sie es so schön finden, dass es das jetzt wieder gibt. Man merkt, dass die Leute auch mega Bock darauf haben, dass sie es fast brauchen. Und das freut mich natürlich, dass ich ihnen das wieder geben kann.

    „Es sind sehr intime Texte“

    Evelin: Kommen wir zum neuen Album. Nach und nach kommt jetzt Single für Single raus und am 29.10.2021 dann das Album Nie zur selben Zeit. Das ist alles bestimmt super aufregend! Willst du mir erklären, worum es in dem Album gehen wird?

    Lina: Erst mal kann ich sagen, dass es das erste Album ist, wo ich mitproduziert habe. Es ist eine Koproduktion und deswegen ist es für mich noch viel aufregender, weil es quasi mein Produzentinnen-Debut ist. Das ist auf jeden Fall sehr besonders an diesem Album.

    Es geht viel um Liebe. Ich habe die beiden Platten davor auf die Gesellschaft gestützt und mich da ausgetobt. Ich habe viele Sachen gesehen und viel thematisiert. Jetzt bin ich wahrscheinlich auch wegen der Pandemie mit mir allein gewesen und habe viele Gefühle in mir selbst gefunden, die sehr persönlich sind. Es sind sehr intime Texte, weil ich über Sehnsucht, Schmerz, unerwiderte Liebe, auch über erwiderte Liebe singe, über das Aufkeimen von Liebe, die Trauer, meine Großtante verloren zu haben. Und diese Momente, die einen auch dazu bringen, dass, wenn man Filme guckt, heult. Das ist ja nicht unbedingt, weil es dich first hand berührt. Es berührt einen, weil man das mit irgendwas verbindet. Ich habe letztens Die Wilden Hühner wieder gesehen und ich habe so geheult, weil mich das an eine Zeit erinnert hat, die vorbei ist.

    In dieser Pandemie ist Berlin auch mega traurig gewesen. Es waren gar keine Touris da, die man ja normalerweise alle hasst. Aber zu diesem Zeitpunkt hätte man sie gerne gehabt, weil es so leer war. So traurig, so grau dieser Winter. Ich habe das Gefühl, dass ich emotional noch mal viel angreifbarer geworden bin. Ich bin viel isoliert gewesen, was auch eine interessante Erfahrung war. Aufgrund meines Jobs war ich natürlich immer sehr viel unterwegs, habe viele neue Leute kennengelernt und hatte diese ständig um mich rum, wahrscheinlich auch fast ein bisschen zu viel. Als dann alles weggebrochen ist, war ich mit mir allein. Was aber langfristig gesehen total die gute Erkenntnis war, weil Gefühle aufkamen, die ich ganz oft auch unterdrücke. Mein Leben lenkt mich, wie es immer war, auch jetzt wieder wird, gut von meinen eigenen Problemen ab.

    „Vor sich selbst hat man keine Scham“

    Evelin: Was willst du deinen Hörer:innen mitteilen? Was erhoffst du dir, dass sie aus dem Album für sich mitnehmen?

    Lina: Viele Songs haben etwas Hoffnungsvolles. Ich habe einen Song darübergeschrieben, wie es sich anfühlt, Opfer von sexueller Gewalt zu sein. Das begleitet mich jetzt schon super lange. Der wird aber zum Ende hin total hoffnungsvoll. Ich habe mich damit auseinandergesetzt, was man als Opfer hören möchte; das weiß ich ja auch selbst. Der Song heißt Schmerz vereint und da erhoff ich mir natürlich, dass es den Leuten Halt und Kraft gibt oder dass man sich nicht so alleine fühlt. In einem anderen Song geht es darüber, dass du in einer grauen Stadt wohnst und alle anderen Städte sind für dich auch grau. Bis diese eine Person kommt, die das alles aufbricht und ein Kuss kann halt alles verändern. Ein anderer Song heißt Wir bleiben wach. Er fängt zwar auch sehr düster an, aber bricht dann auf mit diesem Kuss im Refrain.

    Wahrscheinlich ist es alles das, was ich selbst gebraucht habe (lacht). Ich habe noch nie ein Konzeptalbum gemacht. Das ist einfach eine Sammlung von Songs, die entstanden sind und mir viel bedeuten. Ich glaube dadurch, dass es eine düstere Zeit für uns alle war, vor allem für die Kulturbranche, habe ich auch viele hoffnungsvolle Enden und Teile versteckt.

    Evelin: Du hast ja schon erwähnt, dass du generell sehr persönlich schreibst. Ist das manchmal besonders kraftraubend und erschöpfend?

    Lina: Nein, es ist überhaupt nicht kraftraubend für mich. Es schenkt mir total viel, es ist eine Art Therapie. Als würde man einer Freundin ein Geheimnis gestehen: Wenn man es ausspricht, ist es wirklich schon besser. Es tut mir total gut, darüber zu singen. Manchmal hat man ein Gefühl und weiß nicht, wo das herkommt. Ich mache das so, dass ich einfach drauf losschreibe oder spiele und dann kommt irgendwas raus, was mich gerade beschäftigt. Ich merke in dem Moment manchmal erst, wie doll mich das beschäftigt. Das Unterbewusstsein macht so viel und es ist gut darüber zu reden, es auszusprechen und darüber einen Song zu schreiben, weil es einen dann auch erleichtert. Für mich ist es das Gegenteil. Und dazu kommt noch, dass man vor sich selbst ja gar keine Scham hat, das ist mega befreiend. Selbst bei der besten Freundin hast du Themen, worüber du nicht reden kannst.

    „Ich kann das doch!“

    Evelin: Nie zur selben Zeit handelt ja von einer Art Reifeprozess. Was gibt dir Kraft, dich weiterzuentwickeln und nicht auf einer Stelle stehen zu bleiben?

    Lina: Ich habe mega Bock, Musik zu machen. Es macht mir Spaß, Musik zu hören, neue Musik zu entdecken, mich inspirieren zu lassen, mich in Genres weiterzubilden. Ich habe im Moment voll die Neo-Soul Affinität. Ich höre super viel Cleo Sol und 1000 verschiedene Künstler:innen. Das ist einfach meine Neugierde, für alles, was noch da ist. Ich fände es total langweilig immer das gleiche zu machen. Das passt einfach nicht zu meinem Charakter. Ich würde jetzt auch nicht 50-mal hintereinander an den gleichen Ort fahren, um da Urlaub zu machen (lacht). Ich mag es neue Sachen zu entdecken. Und das macht auch total Spaß, neue Instrumente auszuprobieren, gerade am Computer. Wenn du die Tasten einigermaßen beherrschst, dann kannst du einfach Kontrabass mit einem Keyboard spielen (lacht). Das macht einfach mega Spaß, Musik zu machen. Man schreibt ja auch nicht zweimal denselben Song.

    Evelin: Hast du dich deswegen entschieden, dieses Album mit zu produzieren?

    Lina: Es war gar keine Entscheidung, das war von Anfang an klar. Beim ersten Album konnte ich gar nicht produzieren. Beim Zweiten habe ich angefangen, Skizzen aufzunehmen, ganz simpel. Und dann habe ich angefangen, mich da ein bisschen reinzufuchsen und habe letztes Jahr mit Dead Rabbit zusammen die EP Winter veröffentlicht. Wir haben es nicht Koproduktion genannt, aber da habe ich auch schon sehr viel mit am Computer gesessen und ausprobiert. Und jetzt habe ich einfach gedacht: „Ich kann das doch, dann kann ich das auch zugeben.“ Es war eher ein Teil des Weges, keine Entscheidung.

    Ich hoffe natürlich, dass ich mit den nächsten Platten immer mehr Erfahrung sammle und irgendwann so gut bin, dass ich das vielleicht komplett alleine machen kann. Wobei das ja auch Spaß macht, wenn noch ein kreativer Kopf mit dabei ist. Wenn man die Vorproduktion fertig hat, sitzt man manchmal davor und denkt: „Ja, ist das jetzt geil? Ich weiß auch nicht, ob man das besser machen kann oder nicht“ (lacht). Du hast dieses Pingpong nicht. Wenn du das in dem Moment hast, hast du direkte Rückmeldung, dass es mindestens einer Person schon mal gut gefallen hat. Es gibt mir eine Gewissheit, dass es gut ist.

    Evelin: Ja, wenn du immer ein und dasselbe machst und nur du die Augen darauf hast, dann verschiebt das auch deine Wahrnehmung total.

    Lina: Volle Kanne! Aber das hatte ich jetzt auch schon wieder, auch als Koproduktion. Zweifeln kann ich auch sehr gut (lacht). Ich habe nicht selten Songs komplett verworfen und gesagt: „Nein, die Produktion ist falsch! Noch mal neu machen!“ Aber das gehört ja dazu.

    „In einer Gruppe von Menschen können wir auch etwas bewegen“

    Evelin: Gibt es einen Song auf dessen Reaktionen du am meisten gespannt bist?

    Lina: Ja, bei Schmerz vereint, wo es um sexuelle Gewalt geht. Mir geht es darum, dass die, die nicht wissen, wie sich das anfühlt, verstehen, wie sich das anfühlen könnte. Und für die, die es wissen, sich nicht allein fühlen. Sondern, dass sie wissen: „Jemand teilt den Schmerz und wir sind viele. In einer Gruppe von Menschen können wir auch etwas bewegen und uns gegenseitig helfen. Wir sind füreinander da.“ Emotional ist das für mich der wertvollste Song auf dem Album, weil es schwer war darüber zu schreiben.

    Ansonsten bin ich irgendwie so selbstbewusst, weil ich das selbst so toll finde (lacht). Ich stelle gar nicht infrage, ob das jemand gut findet, sondern eher, wer. Wenn du selbst überzeugt bist von einer Sache, dann bist du viel weniger angreifbar, weil du einfach sagst: „Es ist egal, ob es dir nicht gefällt, weil ich find es geil.“ (lacht) Und diesen Zustand habe ich auf jeden Fall jetzt zum ersten Mal so doll. Das beschreibt das Album ganz gut.

    Evelin: In Die Liebe blüht und in vielen anderen Songs sind Blumen und die Natur oft ein zentrales Thema. Selbst in deinem Bundle hast du Blumensamen miteingefügt. Woher kommt diese Faszination?

    YouTube

    Mit dem Laden des Videos akzeptieren Sie die Datenschutzerklärung von YouTube.
    Mehr erfahren

    Video laden

    Lina: Ich liebe Pflanzen (lacht). Das Meer und Bäume oder Pflanzen sind für mich das Heilsamste. Ich war alleine Urlaub in Norwegen, stelle mich in Wald und fange an zu heulen, weil mich das so glücklich macht, von Natur umgeben zu sein. Es erdet mich so, ich kann das gar nicht beschreiben. Ich bin so demütig und dankbar vor der Natur. Das hört sich jetzt so esoterisch an, aber etwas Tiefes in mir ist dann beruhigt. Wenn man viel in der Stadt unterwegs ist, ist das Einzige, was mich beruhigen kann, wenn ich irgendwo in Wald fahre, auf einen Berg oder ans Meer. Ich bin auch so eine Bescheuerte und schwimme immer raus. Drei Feuerquallenstiche habe ich, weil ich immer rausschwimmen muss. Ich finde das auch so magisch, wenn man Ableger von Pflanzen neu einpflanzt. Für mich ist das etwas Beruhigendes und Faszinierendes, deswegen benutze ich das viel als Bildsprache.

    „Diese Momente, wenn man richtig berührt wird“

    Evelin: Auf welchen Song freust du dich am meisten, ihn bei Acoustics Concerts live zu performen?

    Lina: Wir spielen einen neuen Song live, den wir auch nie vorher gespielt haben: Wolken, der jetzt gerade rausgekommen ist. Und da wir gerade in den Proben stecken, weiß ich auch überhaupt nicht wie der wird (lacht). Aber da freu ich mich drauf! Man freut sich eh immer darüber, wenn man neue Songs spielt. Das erste Album ist jetzt auch schon 5 Jahre alt und es gibt Songs, die habe ich gefühlt 300-mal schon gespielt. Klar kann man die immer mal anders spielen oder in einer anderen Tonart oder akustisch. Aber wenn man dann einen neuen Song hat, freut man sich einfach darüber. Mal schauen, wie viele neue Songs wir spielen. Auf jeden Fall mindestens Wolken!

    Ich gehe selbst so gerne auf Konzerte und denke dann manchmal, was das für wundervolle Momente sind, wenn man komplett abdriftet. Diese Momente, wenn man richtig berührt wird und darüber freue ich mich eigentlich, dass ich selbst diese Person sein darf, die das wiederum bei anderen auslöst. Ich kenne mich ja selbst: Ich bin für mich der normalste Mensch, den es gibt. Aber dass ich für andere Leute diese Momente kreieren darf, ist für mich so absurd, aber wunderschön. Darauf freue ich mich natürlich, vor allem auch für die Leute.

    YouTube

    Mit dem Laden des Videos akzeptieren Sie die Datenschutzerklärung von YouTube.
    Mehr erfahren

    Video laden



    „Wenn mich das berührt, dann wird es auch anderen Leuten helfen“

    Evelin: Wie gehst du mit dem Druck um, dass Leute so viel aus deiner Musik ziehen und sie ihnen durch schwere Zeiten hilft? Siehst du das überhaupt als Druck?

    Lina: Nee, also das ist kein Druck, live vor allem nicht. Das Einzige, wovor ich manchmal Angst habe auf der Bühne ist, dass ich nicht loslassen kann. Am besten bin ich, wenn ich in der Musik versinke. Dann mache ich die Augen zu und singe. Man spürt selbst, wenn man singt und so eine Welle an Emotionen durchs Publikum schickt. Wenn man es wirklich fühlt, weiß man auch, dass es die anderen fühlen. Manchmal habe ich eher Angst davor, dass ich diesen Zustand nicht erreiche, weil ich selbst mit anderen Gedanken zu tun habe, sodass ich nicht abschalten kann.

    Wenn ich Songs schreibe, denke ich fast gar nicht über die nach, die das hören. Ich habe es natürlich im Hinterkopf, aber ich habe immer den Gedanken: „Wenn mich das berührt, dann wird es auch anderen Leuten helfen.“ So unterschiedlich sind wir auch alle nicht. Ich habe jetzt schon einige Songs veröffentlicht, die Themen wie Tod und Trauer beinhalten. Da kriege ich viele Nachrichten dazu, dass das auf Beerdigungen gespielt wird oder Leuten bei der Trauer geholfen hat. Das ist das schönste Kompliment, das man bekommen kann.

    Evelin: Am Ende jedes Interviews fragen wir nach einer untold story. Gibt es etwas, was du noch nicht mit der Welt geteilt hast und jetzt gern offenbaren würdest? 😊

    Lina: Ich habe einen Song auf dem Album, der heißt Wo sind die Jahre hin. Da beschreibe ich einen Moment, wie ich einer ganz alten Person gegenübersitze und die Person hat kurz einen wachen Moment und erzählt mir Dinge und ist ganz zart, streichelt zärtlich meinen Kopf. Und alles was ich da singe, ist zu 100 % genau so passiert. Ich habe einfach nur das aufgeschrieben was passiert ist.

    Evelin: Lina, vielen lieben Dank für das schöne Interview. Ich wünsche dir noch viel Spaß beim Proben und natürlich bei den Acoustics Concerts!

    Hört bereits in die veröffentlichten Singles von Lina Maly rein und verpasst sie nicht bei den Acoustics Concerts: am 11.07. in Offenbach am Main und am 18.07. in Dresden! Tickets gibt es hier.

    Klicken Sie auf den unteren Button, um den Inhalt von Spotify zu laden.

    Inhalt laden


    Fotocredits: Antje Burchert

  • Unbeschwerte Leichtigkeit mit Tilman und der „Blume im Grau“

    Unbeschwerte Leichtigkeit mit Tilman und der „Blume im Grau“

    Der neueste Stern am deutschen Musikhimmel: Tilman

    Die, die Ahnung haben, haben die junge Band aus Bad Neustadt an der Saale schon eine Weile auf dem Schirm. Aber jetzt gibt es endlich frische Ware. Ihre Debüt EP „Blume im Grau“, produziert von Christian Stapff, ist kürzlich erschienen und ist alles andere als farblos.

    Anfang 2020 starten Sänger Tilman Kerber und Gitarrist Fabio Schmitt das Projekt. Im Oktober letzten Jahres stößt dann Peter Diestel als Schlagzeuger dazu und gibt der Truppe eine ganz neue Dimension. Und schon jetzt merkt man: Das hier wird gut. Das hier wird groß.

    Was die Musik für mich so besonders macht, ist die Tiefe, die sie erzeugt. Vor allem der charismatischen Stimme von Tilman geschuldet. Mit der könnte er mir meine Steuererklärung vorlesen und ich würde wahrscheinlich dahinschwinden. Von Indie-, Pop- und Jazzmusik beeinflusst, erzeugt die Band mit einfachen Instrumenten atmosphärische Klänge, die emotional und gleichzeitig ernst wirken. Erinnert mich ein klein wenig an Sizarr (*eine Träne fließt*).

    Tilman in einem abgeblühten Blumenfeld bei ihrer Live Session zu „Blume im Grau“

    Nachdem Tilman den Support für Jeremias im September 2020 in Würzburg gespielt haben, wurde auch hier – im Jugendkulturhaus Cairo – die neue EP aufgenommen. Hach, auch ich habe hier schon so viele Nächte und Künstler gefeiert. Mein unterfränkisches Herz schmilzt dahin (*die nächste Träne fließt*).


    Die Stimme, die mich lieben lässt, redet mich so heimlich klein

    Bei der energiereicheren Single der EP ist sogar der kleinste Tanzschwung mit drin. Obwohl das Thema ein ganz schweres ist. Tilman singt in „Zeit verrannt“ über seinen Selbstzerstörungsdrang und die Ambivalenz in seiner Seele. Einerseits predigt man, dass man sich selbst liebt und möchte sich feiern, aber kann sich in der nächsten Sekunde selbst zu Nichte machen.

    Ich glaube, die meisten von uns kennen es: Man vergleicht sich mit anderen, möchte ihnen gefallen und statt Stärken und Gemeinsamkeiten zu sehen, fallen einem nur die Schwächen und Unterschiede auf. Man verliert sich völlig und trägt seine Unsicherheiten in jede Situation mit rein. Das Ende des Songs geht nahtlos in den Nächsten um. Tilman hat Land gefunden, auf dem er stranden kann und widmet den nächsten Song seiner Blüte.


    Dein Blumenduft bringt mich zum Blühen, ich mich leise fallen lass.“


    Unbeschwerte Leichtigkeit

    Und damit setzt „Zuckersüß“ ein. Auch was ganz Besonderes. Die erste veröffentlichte Single und gleich absolutes Gold. Eine hingebungsvolle, aber doch irgendwie schwermütige Liebeserklärung. Das macht es so wunderschön.

    Malte Huck, ehemaliges Annenmaykantereit Mitglied, hat die Jungs als Bassist auf der ganzen EP unterstützt. Der Bass kreiert diese sphärischen Klänge, die sicher das Kennzeichen von Tilman werden.


    Und die Blicke trafen sich

    Mein Standout Song ist „Blume im Grau“, pure Gänsehaut. Der Song beschreibt den Moment, wenn sich der Blick zweier Geliebten trifft und die leise Ahnung einsetzt, dass sie wohl beide mit der ganzen Sache noch nicht abgeschlossen haben. Das ist jedenfalls meine Interpretation dazu. Mit den sanften Drums und fernen Gitarrenklängen fühl ich mich in eine Art Traumwelt katapultiert.


    „Und bei jedem Blick geht das nicht lieben nicht.“


    Zwischen vorsichtig sein, nicht zu viel zulassen wollen und sich sofort wieder hingeben wollen. Ein mehr als gelungenes Zusammenspiel zwischen den ruhigen Strophen und dem dynamischeren Refrain, in dem man sich dann doch hilflos den Gefühlen überlassen fühlt.


    In Sicherheit wiegen

    In „Kurz vor der Frage“ wird der Zwiespalt noch größer und realer. Das ständige Hin und Her zwischen: ‚Wage ich den Schritt jetzt oder wage ich ihn nicht‘. So erwachsen manche von uns auch sein mögen, Gefühle wirbeln uns immer wieder auf. Tage und Nächte voller zerstreuter Gedanken.

    Und dann fasst man sich ein Herz, gibt der Verletzlichkeit Raum und denkt, man wäre bereit, dem Gegenüber seine Gefühle zu gestehen. Und zieht dann doch zurück, weil man die Reaktion des anderen abwartet. Sicherheit siegt über Risiko.


    Plot Twist

    Der letzte Song „Trau dich“ bildet den optimalen Abschluss für diese Liebeszwickmühle. Man hört nur Tilmans tiefe Stimme und ein Klavier in dumpfen Tönen. Ich finde, den Song kann man unterschiedlich deuten, aber für mich ist es quasi ein musikalischer Plot-Twist. Der Protagonist entscheidet sich seinen Gefühlen nachzugehen, was aber kein gutes Ende nehmen soll. Anders als man sich vielleicht erwartet oder erhofft hat. Ich wage den Gedanken, dass die ‚Blumenwiese‘ vom Anfang schon von Anfang an der eigentliche Grund für die Selbststörung war.


    Trau dich oder trau dich nicht
    Ist ein Kuss schon zu viel
    Gibst du dich jetzt schon auf
    Siehst du wie ich ins lodernd Feuer lauf


    Für mich ist das Debüt rundum gelungen. Man will einfach bloß die Augen schließen und sich verlieren. Die Platte lässt mich mehr als zufrieden zurück und macht unglaublich Lust auf alles, was da noch so kommt. Und da wird viel kommen, da bin ich mir sicher. Ich nehme dann auch gern eure Wetteinsätze entgegen, danke.

    In naher Zukunft könnt ihr euch jedenfalls auf das Release Konzert aus dem Cairo am 01.05.2021 freuen, das gibts dann als Stream. Und am 02.07.2021 dann hoffentlich auch live in Person im wunderschönen Würzburg (ja, als gebürtige Würzburgerin bin ich biased, sorry).

    Klicken Sie auf den unteren Button, um den Inhalt von Spotify zu laden.

    Inhalt laden


    Fotocredits: Christian Stapff

  • Sorglos glücklich: Luis Ake und „Ein schöner Traum“

    Sorglos glücklich: Luis Ake und „Ein schöner Traum“

    Bei Luis Ake geben sich Schlager und Rave die Hand und werden Freunde. Vor Kurzem erschien passend zu den ersten Frühlingstagen seine neuste Single „Ein schöner Traum„, produziert von Konrad Betcher (Casper, Dagobert, Minneapolis). Obwohl einige der vorherigen Songs von Traurigkeit geprägt waren, bildet diese Veröffentlichung eine euphorische Wohlfühl-Hymne über das Glück und die Wolken als dessen Träger. Dazu sagt Luis Ake selbst: „Glück ist, anders als Traurigkeit nur schwer zu greifen oder festzuhalten. Für mich ist eine Wolke das perfekte Sinnbild dafür. Sie schwebt über uns hinweg, ist immer in Bewegung und damit unmöglich zu greifen.“

    Klicken Sie auf den unteren Button, um den Inhalt von Spotify zu laden.

    Inhalt laden

    Musikalische Neuentdeckung

    Seit ich Luis Ake bei meinem letzten normalen Konzert vor Corona-Zeiten als Support Act gesehen habe, war er für mich einer meiner liebsten musikalischen Entdeckungen in 2020. Eigentlich kann ich es gar nicht glauben, dass er nicht schon viel mehr Aufmerksamkeit bekommt. Immer in Hemd oder Anzug angezogen und in Musikvideos (positiv) merkwürdig tanzend, könnte man meinen, er stamme nicht aus unserer Zeit. Doch genau das macht ihn so interessant. Der Stuttgarter bewegt sich zwischen Neue Deutsche Welle, Synth-Pop und elektronischer Musik. Er belebt scheinbar eingerostete Stile wie kein anderer. Zwar fernab des Mainstreams, aber unglaublich mitreißend für Liebhaber:innen vergangener Jahrzehnte oder die, die auf dem Weg sind, solche zu werden.

    Wobei sein Debüt-Album Bitte lass mich frei noch kalt wie der Winter klang, ist davon jetzt nichts mehr zu spüren. Klanglich eingekleidet im Mantel des 80er-Pop thematisiert Ein schöner Traum einen einfachen sorglosen Moment. Auch hier steht Luis der Wechsel zur hohen Falsettstimme im Refrain, wie in vielen seiner anderen Songs, äußerst gut. Tatsächlich fühlt sich der Song beim Hören genau so an, wie seine Aussage. Man fühlt sich als Hörer:in in diesen drei Minuten wie in einen Rausch der Euphorie hineingezogen. Vor allem zelebriert die Single den Zustand des puren Glücklichseins, an dem es zur Zeit leider einigen Menschen mangelt. Luis Ake kommt wie ein Bote des Glücks und bringt uns diesen Song, um an das Gefühl zu erinnern. Vielen Dank dafür!

    „Ich nehm deine Hand und sag:

    Dieser Traum, ist für uns wahr geworden“

    Zur Single erschien auch ein Musikvideo, bestehend aus völlig unterschiedlichen fünfzehn Sekunden langen Clips, die auf einem Handybildschirm vorgeführt werden. Um dabei nicht nur seine eigene Perspektive des Glücks zu zeigen, hat Luis Ake zwölf Kunstschaffende Personen darum gebeten, ihre Interpretation eines kurzen Musikvideos zu erstellen: „Ich habe im Zuge dieses Liedes viel über den Moment des Glücks nachgedacht. Auch über seine Zeitlichkeit. Instagram diktiert uns z.B. das ein Glücksmoment fünfzehn Sekunden lang andauert. Das finde ich sehr spannend.“

    Als großer New Wave-Fan bin ich sehr froh, hiermit einen weiteren fantastischen Musiker zu haben, der die Musik der Neuen Deutschen Welle neu belebt und frisch poliert. Auch die bilinguale Vorgänger-Single Hey Du/Эй, Ты zusammen mit dem moskauer Musiker Dima Midborn hatte mich im Herbst 2020 komplett für sich begeistert. Nun lässt mich Ein schöner Traum nach warmen Tagen mit Sonnenschein sehnen, die wir uns alle mehr als verdient haben. Bei Luis Ake handelt es sich um einen einzigartigen Künstler mit eigenem, wieder erkennbarem Sound und Stil, der sich mit seinen Releases immer weiter steigert. Ich wünsche mir sehr, dass er und seine Musik noch absolut durch die Decke gehen. Denn das wäre die einzig gerechtfertigte Konsequenz.

    YouTube

    Mit dem Laden des Videos akzeptieren Sie die Datenschutzerklärung von YouTube.
    Mehr erfahren

    Video laden

    Foto Credit: Tereza Mundilová