Schlagwort: Album Review

  • Maïa befreit sich auf „tatendrang und todmüde“ von der Winterdepression

    Maïa befreit sich auf „tatendrang und todmüde“ von der Winterdepression

    Keine EP für hitzige Sommertage, sondern eine für verregnete Sommernächte. Die Sängerin Maïa hat Anfang des Jahres fünf unverschämt gefühlvolle Lieder veröffentlicht, eigentlich als Abschiedsbrief an den langen Winter. Fünf optimistischere Monate später stechen jede Zeile und jeder Ton auf „tatendrang und todmüde“ noch immer genauso tief in die Seele, wenn drinnen wie draußen kleine Tropfen über den Boden tanzen. 


    Bestimmte Worte mit zittriger Stimme

    Von Hall verhüllt schleicht sich Maïa’s Stimme in den ersten Song. Allein von einem Klavier begleitet, thematisiert die Sängerin auf „tristesse“ ihre innere Zerrissenheit und Orientierungslosigkeit. Die zaghafte Stimme zittert dabei so unglaublich empfindsam zwischen den Tönen hin und her und malt zugleich lyrische Bilder, die plastischer sind als jedes Deckengemälde einer katholischen Kirche. 

    „Ich kann den blauton gerade nicht beschreiben
    Inneres zerreißen, lass mich treiben
    Versuche auf dem weg zu bleiben
    Lass mir irgendwie die richtung zeigen
    Stille und schweigen, will hier bleiben
    Und regen fällt auf meine scheiben“

    Zeitgemäße Akustik

    „nie mehr zurück“ ist der Beweis, dass ein unaufgeregt akustischer Klang einen modernen Sound nicht ausschließt. Das charakteristische Vocal Sample verschmilzt mit dem Klavier, während Maïa die Wärme des Frühlings herbeisehnt. Seichte Backing Vocals legen sich über die folgende Gitarre, sobald der Refrain erklingt. Viel mehr braucht es nicht, um die lyrischen Bilder musikalisch glänzen zu lassen.

    Drei jahre winter, öffne alle meine fenster
    Genug erstickt, ich frier mich aus
    Spür den kalten wind auf meiner haut
    Ich atme ein, ich atme laut
    Lass den rauch über die städte ziehen
    Ich lass mich mit ihm gehen
    Lass dein duft über die städte ziehen
    Ich lass ihn fallen und liegen

    Piano Magic

    Wenn ein Instrument die Produktionen prägt, dann ist es das Klavier. Denn eine bezaubernde Klaviermelodie folgt der nächsten. Auf „asche und staub“ bestimmt das Klavier die Stimmung, ebenso wie das Tempo des Songs. Erst nach vorne treibend, dann langsam und stockend, zwischendurch mit einem Synth verschmelzend und zuletzt ganz pur gestaltet das Klavier die Dynamik mühelos. Nennt mir ein Instrument, dass vielseitiger ist als das Klavier und scheitert!

    „niemand dabei“ nimmt die Geschwindigkeit der EP langsam heraus. Lyrisch wie klanglich werden die Träume größer und erneut umgarnen wunderschöne Klavierakkorde und federleichte Backing Vocals die introspektiven Texte. „filmriss“ setzt diese Linie fort. Fast ungewöhnlich beginnt das Lied mit einer Gitarre, doch Klavier und nebelige Vocals sind nicht weit, ehe sich die zweite Hälfte rein instrumental weiterentwickelt. Lag der Fokus bisher in nahezu jeder Sekunde auf den intimen Worten Maïa’s, greift nun die Atmosphäre nach Platz, um sich zu entfalten. Doch Am Ende sind es wieder Klavier und Stimme, die den roten Faden aufgreifen.

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    Stilecht

    Maïa beweist auf „tatendrang und todmüde“ wie homogen eine EP klingen kann und wie klar die klangliche Identität einer Künstler:in definiert sein kann. Poetische Lyrics werden von warmen Akkorden und einprägsamen melodischen Klavierfiguren aufgefangen und durch Gitarrenmelodien und hallende Backing Vocals abgerundet. Eingängige Melodien, ehrliche Gedanken, zielgerichtete Songstrukturen und ein authentischer Minimalismus lassen die Produktionen dabei zeitgemäß klingen. Diese Ästhetik spiegelt sich auch auf der visuellen Ebene der Künstlerin wider. Dunkle Farben und verschwommene Gesichter ergänzen den atmosphärischen Sound der aufstrebenden Sängerin und Poetin. Selbst die Kleinbuchstaben der Songtitel und Lyrics fügen sich unauffällig und doch perfekt ins Konzept ein.


    In music I trust

    Wer „tatendrang und todmüde“ lieben lernen möchte, muss eine gewisse emotionale Schwere aushalten können. Die Texte, Melodien und Instrumente zeichnet allesamt ein gewisses Gewicht aus, das zugleich die eigenen Sinne befreit. Denn Maïa lässt unsere sich immer wieder im Kreis drehenden Gedanken und Zweifel kurz anhalten. Die Songs der EP zu genießen, bedeutet sich verstanden zu fühlen und Allem was kommt, erleichtert entgegenzublicken.  

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  • 070 Shake schwebt auf „You Can’t Kill Me“ zwischen klanglichen Welten

    Aus dem New Yorker Künstler*innen-Kollektiv 070 über den Dunstkreis von Kanye West direkt in unsere identitätssuchenden Herzen: 070 Shake führt auf ihren beiden Alben Modus Vivendi (2020) und You Can’t Kill Me (2022) die künstlerische Vision eines Kanye West auf YEEZUS (2013) und ye (2018) fort (in a good way though) und prägt dabei einen neuen Generationensound, der einzigartig ist und trotz allem bodenständig bleibt. Liebe, Identität, Sexualität: 070 Shake erfindet die Themen auf ihrem zuletzt erschienenen Album nicht neu, doch sie verleiht ihnen eine besondere Authentizität und Bedeutung. Jedes Wort aus ihrem Mund wirkt unabhängig der vermeintlichen Banalität so ausgesprochen glaubhaft. Sollte 070 Shake jemals ihre eigene Sekte gründen, werde ich ernsthaft darüber nachdenken müssen, ihr beizutreten. 

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    Auf der Suche nach Identität

    Musikalisch hat für 070 Shake alles Mitte des letzten Jahrzehnts mit einem klassischen Trap-Sound als Teil des Musiker*innen-Kollektivs 070 in New Jersey angefangen. Auch wenn der damalige Hip Hop Sound dem Zeitgeist entsprach, klang er doch relativ austauschbar. Doch eins war schon damals besonders: die Stimme. Der hohe stimmliche Wiedererkennungswert von 070 Shake war Grund genug, um von Kanye West gesigned zu werden.
    Zu einem Zeitpunkt, als Kanye West zwar bereits kontrovers diskutiert wurde, aber noch immer den musikalischen Kanon mitprägte, schaffte die Sängerin es zudem als Mitwirkende bzw. Feature-Artist auf die Hälfte der Songs des Albums ye. Interessanterweise gestaltete sie dabei ein Album mit, dass auf dem Cover den Satz „I hate being Bi-Polar, its awesome“ zu stehen hat und sich intensiv mit der mentalen Gesundheit und der Suche nach der eigenen Identität beschäftigt. Egal welche irritierenden Philosophien Kanye West in den vergangenen Jahren verfolgt, für 070 Shake markiert ye den Anfang einer eigenen Klangästhetik. 

    Klangflächen & Mike Dean

    Der letzte Song auf Kanye Wests Album ye klingt in der Retrospektive wie der erste 070 Shake Song, auf dem sie zu ihrem musikalischen Selbst gefunden hat. Auf „Violent Crimes“ schweben weiche, orgelartige und mit Gospelakkorden angereicherte Klangflächen seicht um die Ohren. Darüber hinweg fliegen die zahlreichen und zu einem Ganzen zusammenwachsenden Stimmen der Sängerin, federleicht und ohne Anstrengung. 070 Shake prägt mit ihrem eigenen Gospel-Chor die Klangästhetik dieses Songs nachhaltig ebenso wie ihren eigenen. 

    Ein Name, der die Klangwelten der beiden Artists verbindet, ist Mike Dean. Der renommierte Hip Hop Produzent ist bekannt für seine unverwechselbaren Synthesizer-Produktionen. Denkt man an die prägenden Synths auf Kanye Wests YEEZUS, denkt man insgeheim an Mike Dean. Mit Dean findet 070 Shake zu ihrer musikalischen Identität.

    What is your favorite flower?

     “What is your favourite flower? I wanna know” Mit diesen Zeilen verwandelt 070 Shake ihre eigene Stimme im Album-Intro zum Synth. Chorisch wiederholen sich die Worte, während sich eine zweite Stimme der Künstlerin sprechend auf den Chor legt. Die Klangwelt baut sich langsam durch einsetzende Synths auf und gewinnt zunehmend an Größe. Alles fließt gleichmäßig, motiviert ein sinnliches Eintauchen und nichts steht dabei im Wege. In diesen Klangraum wirft die Sängerin den Wunsch nach wahrer Intimität, dem Loslassen und dem ungeschützten sich Näherkommen. “What is your favourite flower? I wanna know”

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    Eine Einladung zu lieben

    „Invited“ knüpft an diese Szenerie an. Viel Atmosphäre, viel Pathos und über aller Sinnlichkeit steht der gegenseitige Respekt vor dem sich aufeinander Einlassen: „Ooh, I’m invited. I’m in your world for the night, yeah. Don’t wanna fuck it up, let’s get it right”. Müsste ich eine vertrauensvollere Formulierung über den Umgang zweier Liebenden finden, ich würde aufgeben. 

    In der zweiten Hälfte des Songs trauen sich dann auch die ersten Percussion und Drum Sounds auf das Album und auf dem dritten Song „History“ ist es nur eine gute Minute bis die transzendente Klangwelt mit Drums angereichert wird. Aus dem Wunsch nach Intimität sowie der Bereitschaft zur sinnlichen Annäherung wächst eine Art Besessenheit nach Liebe. Spürbar wird das durch die zahlreichen Beat Changes. Aus dem strahlenden Intro von „History“ und dem Besingen von Eternity erwächst ein drastisches Verlangen nach der Liebe des Anderen in Form von treibenden Drums und bewegten Streichern bis alles wieder heruntergefahren wird. Disney-ähnliche Streicher begleiten die sich wiederholenden Zeilen der Stimme über Mike Deaneske Synths, ehe ein neuer Beat einsetzt. Die emotionale Aufgewühltheit ist kaum nachzuvollziehen. Wer kennt es nicht von der Liebe?

    Lyrische Blumen

    Die Gefühlsstürme, die Auseinadersetzung mit der Liebe und dem Selbst ziehen sich durch das weitere Album. Dabei findet 070 Shake immer wieder wunderschöne lyrische Momente, um ihre Gefühlswelt zu beschreiben, beispielsweise auf „Skin and Bones“:

    „And we spoke in past tense, 
    reminisce ‚bout back when our spirits used to dance with each other”

    „Treat me like I’m more than a pair of skin and bones
    And that really made a difference in my story”

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    Von New Jersey ins Berghain

    Vom Bordstein bis zur Skyline ist outdated, ab sofort heißt es von New Jersey ins Berghain. 070 Shake hat Mitte Oktober ihre zweite Show in Berlin gespielt und hätte dafür keinen besseren Ort auswählen können. Zu dem Mythos, den diesen Ort umgibt, trägt die Aura der Künstlerin bei. Von hinten mit großen Lichtern angestrahlt steht die Silhouette 070 Shakes schemenhaft im wild umherwehenden Nebel allein auf der Bühne und strahlt so viel Präsenz aus, dass jede weitere Person zu viel wäre. Der makellose Sound, die atmosphärische Lichtshow, die zu perfekten, improvisierten Autotune-Gesangseinlagen; alles fühlt sich ein wenig nach dem Glanz eines amerikanischen Popstars an. Dabei befinden wir uns nicht in einer ausverkauften Arena mit durchinszenierter Live-Show, sondern im düsteren Berghain, im Hier und Jetzt, ohne ein leuchtendes Handy-Display. Zum Beweis wie sehr sie das Handy-Verbot genießt, wirft sie ihr eigenes demonstrativ auf die Bühne.  

    Aus dem Traum in den Moshpit

    Der Auftritt beginnt, Überraschung, mit ausschweifenden Synth-Flächen. Die Dramaturgie des Konzerts erlaubt ein langsames Hineinfühlen in die Songs, den Ort und die Atmosphäre bis der Song „Cocoon“ den Moshpit öffnet und die Energie pulsiert. Dabei dauert der Drop des Tracks so lange, dass der Moshpit nicht aufhört zu wachsen und die Spannung unaushaltbar drückend wird. Ab diesem Moment wechseln sich die Momente des träumerischen Genießens und ekstatischen Tanzens regelmäßig ab und egal welche Stimmung 070 Shake fordert, das Publikum zieht mit. Als die Sängerin einen alten Song aus ihren musikalischen Anfangsjahren rauskramt, betont sie wie sehr ihr der Song zum Halse raushängt. Sie spielt ihn trotzdem und schaut Wein trinkend gute zwei Minuten dem eskalierenden Publikum zu wie es jede Zeile mitsingt, ehe sie selbst das erste Wort singt. 

    Dieser Abend fühlte sich an, als wären Zuschauer*innen und Künstlerin in diesem Moment zu etwas ganz Besonderem zusammengewachsen. Egal wie pathetisch das klingen mag und wie oft sich die Stimmung auf den anderen Stationen der Tour womöglich genauso angefühlt haben mag, ich bin mir sicher, alle Besucher*innen behalten dieses Konzert als ein ganz Besonderes in Erinnerung.

    Klingende Emotionen zum Entdecken

    „You Can’t Kill Me“ ist mit Sicherheit kein Pop-Album, das die Mainstream-Charts erobert. Doch die sinnliche Tiefe ist so unfassbar schön, dass es sich lohnt, deren Erkundung Zeit zu geben. Denn sie entfaltet sich erst, wenn wir uns ohne Vorbehalte auf dieses Kunstwerk einlassen. 070 Shake fordert im Eingangstrack das befreite Eintauchen in die Intimität einer Beziehung und beschreibt damit zugleich den Umgang mit ihrem Album. Die Zugänglichkeit mag manchmal erschwerlich sein, aber die zu entdeckenden Schätze im Umgang mit dem Gegenüber sind unendlich. 

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    Fotocredits: Olivia Rose

  • Dorothy Bird schwebt auf ihrem Debüt-Album „BELONGING“ in außerirdische Sphären

    Viel Raum für tiefe Gedanken und ganz viel Platz für sinnliche Atmosphären: Dorothy Bird lässt uns auf ihrem Debüt-Album „BELONGING“ durch ihre musikalischen Träume wandern und wir sind uns unsicher, ob wir jemals zurück in die Realität finden, geschweige denn zurückwollen. Das am 24. Juni als Vinyl erschienene Album ist seit gestern (Freitag, den 02. September) endlich auch auf allen Streaming-Plattformen zu finden.

    #Klavier-ASMR

    Ein sanftes akustisches Klavier reicht uns den Schlüssel zum Album und ebnet uns den Weg in die weite „Galaxy“. Das Intro der Platte strahlt so viel Wärme aus, dass uns ganz heiß um die Ohren wird. Wenn es die Rubrik „Klavier-ASMR“ noch nicht gibt, machen wir sie heute auf! Die angenehmen Hintergrundgeräusche des Klaviers, das leichte Atmen des Pedals und das leise Klacken der Tasten geben dem Stück einen besonderen Charakter. Hinzu kommen sphärische Sounds, die dem Klangraum Größe verleihen und uns hypnotisch in den Bann ziehen.

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    Vocals aus Seide

    Aus der musikalischen Weite tritt seidenweich die Stimme von Dorothy Bird hervor. Der Titeltrack des Albums gibt der im Intro eingeführten Klangästhetik eine Form und lässt dabei weiterhin abschweifende Gedanken zu. Während die Worte über einen Ort der Heimat sinnieren, nimmt der Song mit Hilfe der einsetzenden Streicher und Drums zunehmend Schwung auf. Die Stimmung von „Belonging“ soll sich von nun an in wandelnden Nuancen über die gesamte LP spannen, stets getragen von der schwebenden Kopfstimme von Dorothy Bird

    Transzendenz

    Der dritte Song „Silent Warrior“ führt neben atmosphärischen Gitarrenmelodien, dramatischen Streichern und trip-hoppigen Schlagzeug-Grooves ein weiteres wiederkehrendes Element der Song-Produktionen ein. Ein knarzender, mechanischer Synth fügt sich in den Beat ein und verleiht der Stimmung Nachdruck ohne abzulenken. Immer wieder tauchen metallische Klänge in den Stücken auf und schenken den transzendenten Momenten noch mehr kosmische Größe.

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    Musikalische Seelsorge

    Das Debütalbum von Dorothy Bird bleibt sich stets treu. Die musikalischen Farben bleiben jederzeit stimmig und konsistent. Was moderne Popalben regelmäßig vermissen lassen, bringt „BELONGING“ auf den Punkt. Viel Gefühl, nachdenklich schwebende Stimmungen mit düsteren Nuancen und ein kleines bisschen Harry Potter Zauber verstecken sich auf diesem wunderbaren Album. Das Einzige, was uns noch fehlt, ist ein passendes Wort, das diese Stimmung zusammenfasst. Das schöne ist, dass die klare musikalische Linie keine Irritationen bei Hörer:innen hervorruft. Entweder man kann sich in diese Musikwelt hineinversetzen oder man geht auf die Suche nach einer anderen Hörerfahrung. Es gibt keine Aussetzer und auch keine Überraschungen. Das ist ein Kompliment an die Homogenität der Songs, die ein sanftes Abtauchen in andere musikalische Dimensionen zulässt.

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    Fotocredits: Brian Roberts

  • BENEE liefert uns mit „Lychee“ den Soundtrack für unsere nächste Beziehung

    It’s a Smash – no Pass! Hiermit kann dieser Artikel eigentlich enden, weil wir alles notwendige bereits wissen, nämlich: DIESES TAPE IST EIN F***ING SMASH! Die am 4. März erschienene EP „Lychee“ von der Neuseeländerin BENEE aka „viel-zu-jung-um-international-erfolgreich-zu-sein“ ist so unglaublich vielseitig, dass ich mich frage, wo alle diese Gefühle eigentlich herkommen sollen. Mit 22 Jahren war ich noch in einer post-pubertären Phase, in der Essen und (der Gedanke) an Sex all meine körperlichen Bedürfnisse abgedeckt haben. BENEE hingegen zeichnet auf 7 Songs, 7 verschiedene emotionale Nuancen, die faszinierend und relatable zugleich sind. Von den klassischen Sommergefühlen über depressives Selbstmitleid zur Bad-Bitch Attitude ist alles dabei, doch noch längst nicht alles gesagt!

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    Sommer im Cabrio

    Mit good Feels eröffnet BENEE ihre EP „Lychee“. „Beach Boy“ zeichnet einen lauen Sommertag mit offenem Cabrio Verdeck, viel Wassermelone und einer langen Nacht am Strand. Das Commitment zum Beach Boy reicht nur für einen Tag, aber das ist okay, denn die Stimmung ist genauso leicht und unbeschwert wie die Gitarren des Songs. Viel mehr gibt es nicht zu sagen, außer dass mein Drang sehr groß ist, mich zu diesem Song auf eine Wiese zu legen und stundenlang in den Himmel zu blicken.

    Die unbekümmerte Stimmung fließt nahtlos in den nächsten Song, nur dass „Soft Side“ elektronischer sowie tanzbarer klingt. Statt sonniger Gitarren, schweben wir auf Synthflächen, während die durchgehende Kick zusammen mit der housigen Off-Beat Hihat unser Blut im Rhythmus pulsieren lässt. Aus der Beach Boy Liaison für einen Tag wächst der Wunsch nach Intimität und dem besseren Kennenlernen des Gegenübers.

    »I wanna know everything that there is about you
    I wanna try to understand your mind and how you
    Weave through walls you hide behind, I wanna try«

    Soft Side

    Bye bye Beach Boy

    Doch bevor der Sommer endet, mischen sich erste kleine Zweifel in die Beziehung. „Hurt you, Gus“ führt uns in einen seichten Spätsommer, in der die Beziehung lyrisch nicht mehr felsenfest auf dem Boden steht. Die rosarote Sonnenbrille verliert an Farbe und die Gedanken werden rationaler. Musikalisch springt BENEE zum Indie. Das Einzige was hier nicht in Hall getränkt ist, sind die Drums. Die Vocals und Gitarren verschwimmen, fließen ineinander über und zeichnen ein träumerisches, etwas nachdenkliches Bild, das zum ersten Mal die gemeinsame Zeit reflektiert.

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    Female Nirvana

    Anschließend kippt die Stimmung ins Melancholische und erreicht mein persönliches Highlight der EP. Die ungetrübte Sommerstimmung färbt sich doch noch grau bis schwarz. „Never Ending“ beginnt schwermütig mit einer nirvanaesken Gitarrenmelodie. Die Stimme bekommt die Worte nur elegisch und eintönig über die Lippen, während sie das Ende der Beziehung anzweifelt. Schwer getroffen von dem überraschenden Ende der Beziehung drehen sich die Gedanken um die immer selben Fragen, weshalb jetzt plötzlich Schluss ist. Die Stimme nimmt im Refrain an Verzweiflung zu und klammert sich gezwungen am einzigen noch bleibenden Hoffnungsschimmer fest: „For what it’s worth, try moving forward.“ Der durch punchige Hip Hop Drums nach vorne schiebende Refrain mündet am Ende des Songs in einer sphärischen Bridge. Eine in Hall getränkte Gitarre und ein choraler Synth bereiten den Höhepunkt vor: das Outro! Ein wuchtiges Schlagzeug untermauert die grungige Stimmung und motiviert zum depressiven Headbanging während sich die gleichen Zeilen immer wieder und wieder im Kreis drehen. Die Rückkehr zu den Hip Hop Drums gibt uns das Gefühl, dass die Beziehung endgültig vorbei ist.

    »It’s a never-ending thing with you
    Think about your face too much
    I wanna follow every move
    Don’t like it when we’re out of touch«

    Never Ending

    Be a bad bitch they said!

    Die Trotzreaktion folgt prompt: BENEE heiratet einfach sich selbst. Die Musik von „Marry Myself“ treibt wieder nach vorne, die Beziehung scheint weitestgehend verarbeitet und der Sommer ist noch nicht ganz vorbei. Auf „Doesn’t Matter“ kommt dann zum ersten Mal die Sicht in das Innere, ohne jegliche Ablenkungen von außen. Die Lead Single des Tapes beschäftigt sich mit einem Lieblingsthema der neuseeländischen Künstlerin: Mental Health. Fragend wie es wäre von den eigenen Gedanken in Ruhe gelassen zu werden, schweben die dreamy Popvocapols über einen Slow Dance Schlagzeug-Groove. 

    Das Finale bildet der experimentellere Song „Make You Sick“, der über harte Drums zu distorted vocals und zurück zu sommerlichen Akkustikdrums führt. Aus der Unsicherheit wächst ein neues Selbstbewusstsein und wir sagen „Hi!“ zur Bad Bitch Attitude. BENEE kann ihr neu gewonnenes Mantra nicht oft genug wiederholen: No further explanation needed!

    »Bad bitch, I am a bad bitch
    I’m a bad bitch, I’m a bad bitch
    But you can’t have this
    Cannot have this, no you can’t have this, this
    No, you can’t have a bad
    bitch, bitch’«

    Make You Sick

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    TikTok meets Reality

    Auf ihrem Konzert in Berlin hat die Künstlerin nicht nur musikalisch eine Must Watch-Performance abgeliefert, sondern auch ihre Entertainer Qualitäten offenbart. Warum auch immer schafft BENEE es, auf der Bühne cringy zu sein ohne tatsächlich cringy zu sein. Würde ich mich genauso verhalten wie sie, der Fremdscham wäre grenzenlos. Doch BENEE aka die coolere Indie-Version von Billie Eilish lässt alles an ihr ganz natürlich und normal wirken. Wie kann es sein, dass sie selbst mit Clown-Makeup zweifelslos die Bad Bitch Energy verkörpert. Die Neuseeländerin hat auf der Bühne einen Ort gefunden, an dem sie aufgedreht und sensibel zugleich sein kann, ohne an Authentizität einzubüßen. Die größte Errungenschaft daran ist, dass wir dadurch eine Künstlerin mehr im Mainstream Pop-Business haben, die eine Repräsentanz für alle Persönlichkeiten schafft, die nicht zu den vermeintlich Coolen auf dem Schulhof gehören.

    Never Ending Love

    BENEE durchläuft auf ihrem Mixtape „Lychee“ das potenzielle Gefühlschaos einer Beziehung. Die sieben verschiedenen Songs umreißen sieben verschiedene Moods. Vom Beginn einer unverfänglichen Liebschaft, zur verzweifelten Liebe, bis hin zur emotionalen Neuorientierung nimmt uns die EP ohne Umwege auf eine emotionale Reise mit, die in unser aller Leben in der Dauerschleife läuft. Mit einfachen, aber nahbaren Texten, ästhetischer und inhaltlicher Vielseitigkeit bei einem zugleich homogenen Sound sowie einer unverwechselbaren Attitude trifft die Sängerin ins Schwarze. Wir haben nur eine letzte Anmerkung: Let this EP be Never Ending!

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  • Joy Crookes neues Album „Skin“ macht uns verletzlich, während wir mit dem Baseballschläger die Welt verändern wollen

    Liebe auf den ersten Blick

    Ich dachte, ich würde mich dieses Jahr nicht mehr verlieben. Doch dann ging das neue Album von Joy Crookes direkt unter meine Haut. „Skin“ ist am 15. Oktober erschienen und könnte schöner nicht sein. Seit drei Wochen ist es also schon um mich geschehen und meine rosarote Brille hat noch kein bisschen an Glanz verloren. Wie auch, bei einem Album, das musikalisch, inhaltlich und visuell so ausgereift ist, dass jedes Künstler:innenherz schneller schlägt.

    2017 erscheint die erste EP „Influence“ der in London geborenen Sängerin. Mit einer an Amy Winehouse erinnernden Stimme und unglaublicher emotionaler Tiefe singt sich Joy Crookes langsam in die Herzen aller Soul und R&B Liebhaber. 4 Jahre und 2 weitere EPs später markiert ihr Debütalbum nun den vorläufigen Höhepunkt ihrer Karriere. Und wenn man sich ein perfektes erstes Album im Traum vorstellen würde, dann käme „Skin“ dabei heraus.


    Gefühlvoller Soul zum Verlieben
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    Während „I Don’t Mind“ das Album noch minimalistisch eröffnet, stürzt uns „19th Floor“ in orchestrale Tiefen voller Wehmut. Danach wird es musikalisch wieder etwas leichter ums Herz, doch die gefühlvolle Wärme bleibt auch in „Trouble“ erhalten. Diese angenehm vertraute Sentimentalität zieht sich durch das ganze Album und man muss dem Produzententeam, bestehend aus Blue May und Joy Crookes, danken für diese sinnliche, homogene Platte. Die emotional berührenden Lieder werden durch bestimmte, etwas freche Stücke ergänzt. Dazu gehören u.a. „Trouble“ und „Kingdom“, die die LP durch eine neue Facette bereichern. Abgerundet wird das Album durch drei klassische „Balladen“, die einem zum Abschluss in winterliche Kaminfeuer Stimmung versetzen.


    Intime Einblicke neben politischer Aufbruchsstimmung

    Inhaltlich könnte das Album ebenfalls kaum versatiler und politischer sein. In „I Don’t Mind“ inszeniert sich Crookes als unabhängige Frau, die ausschließlich körperliche Beziehungen mit Männern eingeht:  


    No, I don’t mind if you don’t mind
    But if you should see a future
    Where I’m with you
    You’ve got to go!”


    Wie erfrischend ist bitte diese Aussage aus dem Mund einer Frau? Wenn männliche Rapper dieses Narrativ regelmäßig für sich beanspruchen, ist es längst an der Zeit, dass dies auch Frauen tun. 

    Der zweite Song des Albums „19th Floor“ huldigt Crookes Anfänge und Herkunft. Hier besingt sie die klassische „started from the bottom, now we here” Story. Anschließend thematisiert die Sängerin toxische Beziehungen. Dabei liegt der Fokus auf der individuellen menschlichen Entwicklung. Egal welche Traumata bestimmte toxische Verhaltensweisen hervorgerufen haben, es löst nicht das Problem, die Schuld abzuschieben. Stattdessen muss die Verarbeitung von innen heraus wachsen. 

    „Kingdom“ kritisiert außerdem die politische Ausrichtung Englands und Großbritanniens, insbesondere die politische Vertretung des Landes durch überwiegend ältere Altersgruppen. Brexit, Klimaveränderung, Fremdenhass; die Zeit drängt ebenso wie die jungen Generationen auf Veränderung.


    Mental Health, Authentizität und Self-Care

    Obwohl es die ursprünglich angedachte Lead Single „Anyone But Me“, als das Album noch für 2020 angekündigt worden war, nicht auf die Tracklist geschafft hat, wurde sie inhaltlich doch noch einmal aufgegriffen. Interessanterweise geschah dies direkt in der neuen Single „Feet Don’t Fail Me Now“, die den für 2021 angekündigten Album-Release nach Corona bedingter Verschiebung einläutete. Beide Singles liefern intime Einblicke in Joy Crookes Gedankenleben und beschäftigen sich mit Mental Health. Während „Anyone But Me“ Beklemmung im eigenen Körper thematisiert, beschreibt „Feet Don’t Fail Me Now” Versagensängste und ungerechtfertigte Zurückhaltung.

    „Ooh, love me or leave me and let me be lonely
    Been down so long now that happy is holy
    I’d rather be somewhere else with anyone but me
    – Anyone But Me

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    „Man, I guess I was scared
    Feet, don’t fail me now
    I got to stand my ground
    And though I’m down for trying
    I am better in denial
    So I hush, don’t make a sound
    – Feet Don’t Fail Me Now

    Ob alte oder neue Lead Single, beide Lieder ziehen uns tief in den Kosmos von Joy Crookes. Auch wenn die Floskel „Dieses Album ist das Persönlichste, das ich je geschrieben habe“ mittlerweile von jeder generischen Popkünstler:in vorgebetet wird: würde sie aus dem Mund von Joy Crookes kommen, sie bliebe authentisch. Crookes selbst beschreibt dieses Album als Spiegel ihrer Identität und ich nehme ihre jedes einzelne Wort ab.

    Dieser rote Faden zieht sich bis hin zum Albumtitel. „Skin“ ist das Symbol für Intimität und Authentizität. Die Haut macht uns als Hülle unserer Körper und Gedanken angreifbar für die Außenwelt, während sie uns zur selben Zeit vor ihr schützt. Der Widerspruch zwischen äußerster Belastbarkeit und gleichzeitiger Basis für soziale Diskriminierungen findet sich auch in der Zerrissenheit von Joy Crookes sowie unserer aller Identitäten wieder.

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    Visuals auf Repeat

    Wer jetzt noch nicht von der Ganzheitlichkeit dieses Albums überzeugt wurde, darf sich auf die Musikvideos des Albums freuen. „Feet Don’t Fail Me Now“„When You Were Mine“„Trouble” und „Skin” haben Videoauskopplungen, die allesamt unglaublich ästhetisch inszeniert wurden. Schon allein die Anfangsszene von „Feet Don’t Fail Me Now“ ist so stark, dass ich mir eigentlich kein anderes Musikvideo mehr anschauen möchte. Crookes und weitere Protagonist:innen sitzen auf mit Blumen bestückten Motorollern, in für Bangladesch typischer traditioneller Kleidung, während die Zöpfe aller verbunden sind.

    Mit jedem Wort, das ich über dieses Album verliere, scheint meine Liebe für dieses Gesamtkunstwerk anzuwachsen. Seid also nicht komplett verrückt und macht jetzt endlich dieses Album an, falls ihr es vor kaum auszuhaltender Vorfreude nicht bereits getan habt.

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    Fotocredits: Carlotta Guerrero
  • „If I can’t have love, I want power“: Halsey über negative Emotionen in der Schwangerschaft

    Am 7. Juli postet Halsey das Cover zu ihrem vierten Studioalbum If I Can’t Have Love, I Want Power und es wird schnell deutlich, dieses Album will und wird herausstechen. Auf einem goldenen, an Game of Thrones erinnernden Thron hält Halsey mit freier Brust und glänzender Krone ein Kind auf ihrem Schoß. Bevor auch nur ein Ton erklingt, räumt diese Inszenierung bereits mit dem gesellschaftlichen Sexualitätsbild der Frau als Mutter oder Hure auf. Power ist das Stichwort des Albums und wenn dieses Artwork nicht vor Macht strotzt, dann fällt mir auch nichts mehr ein. 

    Schwangerschaft als Inspiration

    Eins vorweg: Auf diesem Album gibt es wahnsinnig viel zu entdecken, auch ohne der größte Halsey Stan zu sein. Ausdrucksvolle Texte, anspruchsvolle Produktionen und szenische Visualisierungen. Die Sängerin, die vor kurzem Mutter geworden ist, beschreibt das am 27. August erschienene Konzeptalbum als Auseinandersetzung mit den Erlebnissen ihrer Schwangerschaft. Doch statt blumiger Pop Hits, erwartet uns ein überwiegend düsterer Sound. 

    Schuld daran sind die Produzenten Trent Reznor und Atticus Ross, auch bekannt als die insbesondere aus den 90ern bekannte Industrial Rockband Nine Inch Nails. Die in den letzten Jahren öffentlich eher durch Filmkompositionen aufgefallenen Musiker, hüllen das Album in eine cinematische Atmosphäre.

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    Dissonante Töne

    Mit „Tradition“ gibt der Einstieg des Albums direkt die folgende Klangästhetik vor. Ein scheinbar dissonantes Klavier umgarnt Halseys ausdrucksstarke Stimme. Das allein reicht, um die intensiven Emotionen spürbar zu machen. Insbesondere in der Bridge lässt die zweite Stimme den Schmerz beinahe greifbar werden. Auch thematisch führt das Lied in den Kosmos der Platte ein: Unabhängigkeit, Female Empowerment, Kritik an überholten Traditionen und die Befreiung des weiblichen Körpers als Projektionsfläche gesellschaftlicher Normen. 

    Der zweite Track „Bells in Santa Fe“ zieht einen noch weiter in den Sog der leicht depressiven Stimmung des Anfangs. Langsam baut sich eine Klangwelt aus elektronischen Sounds auf und mündet in gaaaaanz viel Distortion am Ende des Liedes (ps: ich liebe Distortion!). Zwei Album Songs später und es ist noch kein einziger Schlagzeug-Sound vorgekommen.

    Dafür beginnt „Easier than Lying“ kompromisslos mit einem einsamen, aber treibenden Schlagzeug. Hinzu kommt eine verzerrte Gitarre und endlich etabliert sich der schwere, punkige Rock Sound, mit dem sich das Produktionsteam als Nine Inch Nails einen Namen gemacht hat.


    Drei Welten

    Es sind genau diese drei Songs, die die drei Gesichter des Albums vorstellen. Halsey bedient sich im Folgenden beliebig an dem musikalischen Pool aus akustischen Elementen, elektronischen Kompositionen und einem klassischen Rock Sound. „Easier than Lying“, „You asked for this“, „honey“ und „The Lighthouse” sind klare Rocknummern, die die elektronische Welt ab und zu zart berühren. Während die filmreifen Akustikklänge nahtlos in die elektronischen Beats einfließen, laufen die Rocksongs etwas gesondert nebenher. 

    Durch dieses Phänomen erweckt das durchaus homogene Konzeptalbum ein wenig den Eindruck der Schizophrenie. Die verrückten elektronischen Klänge und die leicht schrägen Töne verstärken dieses Gefühl. Passend dazu geht mein persönliches Highlight „I’m a not woman, I’m a god” auf dieses Empfinden ein. Schon allein der Titel ist Statement genug, um damit das komplette Halsey-Merch bedrucken zu können. Auf einem treibenden, elektronischen 4-on-the-floor-Beat springt die Sängerin zwischen gesellschaftlichen Erwartungen an Frauen und Mütter und persönlichen Empfindungen hin und her. Genau diese Emotionssprünge sind es, die das Album auch genre-technisch aufgreift.


    Livestream zum Album Release

    Kurz nach der Veröffentlichung konnten Fans einen Livestream (Zusammenschnitt) zum Album genießen. Auf Moment House performte eine hochschwangere Halsey 40 Minuten eine Auswahl von „If I Can’t Have Love, I Want Power“ und alten Hits. Und wer denkt, eine werdende Mutter würde größtenteils sitzend singen, liegt falsch. Halsey gab zum Teil blutverschmiert, zum Teil mit Honig übergossen kraftvoll (und mit nicen Mikrofon Moves) ihre Lieder zum Besten. Jeder Track wurde szenisch neu und vielfältig inszeniert. Dabei komplementierten die Szenenbilder die finstere und rebellische Stimmung des Albums, ob in rotem Strobo Licht, gefangen in einem Sarg oder in einem Brautkleid vor Flammenwerfern.

    Die inhatlichen Schwerpunkte des Albums ziehen sich auch hier durch die Visualisierungen. Die Zurückgewinnung der Autonomie über den weiblichen Körper und Female Empowerment werden unter anderem in der Darstellung Halseys Schwangerschaftsbauch deutlich. Auch ihre unrasierten Achselhöhlen und das Spiel mit Brautkleidern, hautengen Kostümen und Nacktheit schlägt in eine ähnliche Kerbe.

    Etwas schade, besonders für die Fans, ist das durchinszenierte Konzept der Livestream-Plattform. Statt eines echten Livestreams, in dem die Künstler*innen erlebbar werden, zahlen Fans für ein vorproduziertes Musikvideo.

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    Negative Emotionen als Ausnahme

    „If I Can’t Have Love, I Want Power“ sticht als Major-Label Album definitiv hervor. Auch wenn Rock langsam wieder in den Pop-Mainstream vordringt, ist die rebellische und zum Teil düstere Klangästhetik nicht die Regel. Spannend ist zudem die Auslegung der Gefühle rund um die Schwangerschaft der Sängerin. Während eine Katy Perry zur Zeit ihrer Schwangerschaft als blumige Göttin inszeniert wurde, setzt sich Halsey ebenso mit den negativen Emotionen ihrer Körperveränderung auseinander. Damit erweitert sie den Facettenreichtum der musikalischen Popkultur und setzt ein weiteres Zeichen für feministische Themen. 

    Aus meiner persönlichen Perspektive könnte ich mir noch mehr Hits vorstellen. Andererseits ist dies vermutlich das Los bei Konzeptalben. Sie funktionieren am besten, wenn man in ihre Klangwelt als Ganzes eintaucht.

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    Fotocredits: Lucas Garrido