
Für die meisten endet die Festival Season so langsam im September. Für Open Airs ist es mittlerweile zu kalt und die Zelte verschwinden wieder im Keller, um auf ihren Einsatz im nächsten Sommer zu warten. Aber in Hannover ist die Saison noch nicht ganz vorbei, denn am 09. und 10. Oktober öffnete das Kiezkultur Festival (KKF) seine Türen. Seit fünf Jahren findet das KKF statt und verwandelt Hannovers Stadtteil Linden in ein Festival Gelände.
Wer an diesem Wochenende hier unterwegs ist, kommt gar nicht drum herum auf Menschen zu treffen, die die orange-lila Festivalbändchen am Handgelenk tragen. Die Bühnen sind verteilt auf verschiedene Clubs und Bars, die alle fußläufig voneinander entfernt liegen. Neben seinen Musikacts hat das KKF aber auch einige weitere spannende Programmpunkte wie Kunstausstellungen, Workshops, Lesungen und Live-Podcasts. Genau mit dem hat unser Wochenende beim Kiezkultur angefangen. Ari und Luise laden in ihrem Podcast „Die Tonleiter*innen“ FLINTA*-Personen ein und sprechen mit ihnen über alle möglichen Themen rund um die Musikszene; über Machtstrukturen, übers Fan-Sein und natürlich auch übers Musikmachen. Für ihren Auftritt hatten sie Thelma Malar und Jule Malin zu Gast. Die beiden haben von Hannovers Musikszene geschwärmt und über ihre persönlichen Erfahrungen mit Machtverhätnissen gesprochen, mit dem Fazit, dass sie auf mansplainende Produzenten und Macker, die ihnen ihre eigene Musik erklären wollen, gut verzichten können. Der Podcast wurde übrigens aufgezeichnet und ab Mitte November könnt ihr sie auch hören!
Natürlich kann man sich im Vorfeld einen Plan überlegen, zu welchen Acts man gehen möchte, aber es lohnt sich, sich vom Strom treiben zu lassen und auch bei Artists vorbeizuschauen, die man vorher noch nicht auf dem Schirm hatte. Nach einer kurzen Essenspause haben wir uns nach diesem Prinzip von der Faust auf den Weg ins Café Glocksee (liebevoll Glocke genannt) gemacht, um den Auftritt von horses4ever anzuschauen. Ihre Musik klingt nach Dayglow mit der y2k-Ästhetik von Bilderbuch und einer Prise Hyperpop. Mit diesem Sound haben sie so viele Menschen überzeugt, dass die Glocke voll war und ein Einlassstopp herhalten musste.
Danach ging es zu Luisa Schweig, die im Indiego – eine Etage über dem Café Glocksee – ihre Songs auf die Bühne gebracht hat. Zugegebenermaßen haben meine ans Hochdeutsch gewöhnten Ohren die Texte der Burgenländerin nicht immer verstanden, aber das hat dem Spaß keinen Abbruch getan. Die 17-Jährige ist nämlich mit einem Elan über die Bühne gesprungen, der ansteckend ist. In ihren Songs geht es (soweit ich es verstanden habe) um alles, was einen als junge Musikerin so umtreibt: Sehnsucht, der erste Roadtrip mit Friends und performatives Indie-Macker Verhalten.
Auflege Action bei Baby B3ns
Direkt hinter Luisa Schweig stand Miezes Name auf dem Timetable. In der Sekunde, in der sie auf die Bühne gestepped ist, wurde klar, dass sie genau dafür gemacht ist. In ihren Texten ist Mieze knallhart, dreht Machtverhältnisse um und rappt provokativ über Selbstermächtigung. Mit ihrer Stage Presence hat sie es geschafft die Crowd vom ersten bis zum letzten Track komplett abzuholen. Definitiv mein Festivalhighlight!
Danach haben wir uns wieder auf den Weg zur Faust begeben. Dort sollte in 20 Minuten Baby B3ns in der 60er-Jahre-Halle spielen. Wir hatten es etwas eilig, denn die Einlasssituation beim Kiezkultur ist immer etwas heikel; wenn man nicht rechtzeitig da ist, steht man schnell mal vor verschlossener Tür, weil die Venue schon voll ist – but we made it! Baby B3ns ist beinahe unbemerkt auf die Bühne gekommen und hat sich hinter ihr DJ-Pult gestellt.
“Ich lege jetzt erstmal ein bisschen auf und dann spiele ich noch ein paar eigene Songs”.
Mit diesen Worten begrüßte sie die Crowd und suchte dabei nach dem ersten Track. Ihr Set war insgesamt ein bisschen holprig, aber das hat es auch sehr authentisch gemacht. Sie hat gecheckt, worauf die Leute Bock hatten und spontan entschieden, welche Tracks sie auflegen will. Um ihren bekanntesten Song “Schmetterling” noch spielen zu können hat sie beim Team weitere 5 Minuten rausgehandelt und spätestens dann hat die ganze Faust getanzt. Mit Baby B3ns endete der erste Festival Tag für uns und wir waren ganz vorfreudig darauf, was der Samstag wohl bringt.
Support your local artists!
Er startete ebenfalls mit einem Live-Podcast in der Warenannahme der Faust. Lensi Schmidt, Hinnerk Köhn und Max Scharff, widmen sich in ihrem Podcast “Bin ich das Arschloch?”, benannt nach dem bekannten Subreddit, Fragen von Menschen aus ihrer Community, die sich nicht sicher sind, ob sie in bestimmten Situationen moralisch korrekt gehandelt haben oder eben das Arschloch sind. Mit Musik hat dieser Podcast zwar nichts zu tun, war aber dafür ein unterhaltsamer Start in den zweiten Festivaltag und zeigt wie vielfältig das Programm des Kiezkulturs ist.

Danach ging es in die Safrans Bar, zum ersten musikalischen Act des Abends. Das KKF hat den Fokus dieses Jahr besonders auf lokale Artists und Bands gesetzt und mit Üpsilon eine Band an Land gezogen, die live besonders viel Spaß macht. Ihr Sound lässt sich irgendwo zwischen Wir Sind Helden, Lovehead und Team Scheisse verorten und niemanden still stehen. Thematisch sind ihre Songs mindestens genauso breit aufgestellt. Nach ihrer Show hat die Band noch selbst gebrannte CDs verkauft und verraten, dass der erste Release nicht mehr lange auf sich warten lässt! Ab dem 11.12. findet ihr den Song “Meine Nachbarn” nicht nur auf der CD, sondern auch bei dem Streamingdienst eures Vertrauens.
Etwas später stand bei uns noch Beslik auf dem Programm. Schon in der Pause vor seinem Auftritt war das Indiego brechend voll und bevor der Rapper auf die Bühne kam, hat erstmal sein DJ mit alltime Cassis wie “Teenage Dirtbag” für Stimmung gesorgt. Bereits bei Besliks erstem Track wurde klar, dass die vordersten Reihen textsicher jede Line mitrappen können, aber auch bei allen anderen im Raum hat man gemerkt, wie viel Bock sie auf seine Songs haben; über Themen wie Sucht, Selbstzerstörung und kompromissloser Gesellschaftskritik.
Wir freuen uns aufs nächste Jahr!
Hänsel war unser letzter Act des Abends und auch gleichzeitig der letzte Liveact des Festivals. Dementsprechend voll war es vor der Glocke und sowohl aus dem Café als auch von draußen wollten alle über die Treppe hoch ins Indiego. Wir hatten erneut kurz Sorge es nicht mehr rein zu schaffen, aber auch dieses Mal hat’s wieder funktioniert. Hänsel ist mittlerweile schon Urgestein in Hannover; ob beim 1. Mai Fest, bei seiner Kiosk Tour oder eben beim Kiezkultur Festival – er ist immer hier, es ist immer voll und vor allem immer fun. Er nimmt alte Volkslieder, macht daraus Techno und interpretiert Tradition neu. Seine Shows sind Orte, an denen jegliches Cringe-Gefühl abgelegt wird und alle gemeinsam eine gute Zeit haben, ohne sich Gedanken darüber zu machen, was andere gerade denken könnten. Spaßiger hätte das KKF nicht enden können.
Auch in seiner fünften Ausgabe war das Kiezkultur Festival wieder schön. Die eine oder andere Überschneidung im Time-Table war zwar ärgerlich und auch die Einlasssituation war an mancher Stelle etwas stressig, aber das kann bei einer Veranstaltung mit so einem großen Programm schonmal passieren. Wer große Headliner erwartet ist beim KKF an der falschen Stelle. Es ist das perfekte Festival, um Newcomer:innen zu entdecken, in kleinen Locations sehr persönliche Konzerte zu erleben und gemeinsam mit vielen anderen im ganzen Stadtteil Kultur zu erleben. Man hat gemerkt, wie viel Liebe und Arbeit hinter dem Festival steckt: von der Deko, über das sehr sorgfältig kuratierte Line-Up bis hin zu der gesamten Atmosphäre, die sich durch Linden erstreckt hat. Es war, wie jedes Jahr, ein ganz besonderer Abschluss der Festival Season.
Fotos: Edda Mellies (@allerunfugistschwer) & @heliinfarbe





