Am vergangenen Wochenende waren über 180 Künstler:innen aus aller Welt im Funkhaus zu Gast, um uns allerhand Überraschungen auf die Bühnen zu zaubern. Zwei Tage lang stand dabei vor allem eines im Mittelpunkt: die Begegnung zwischen Künstler:innen, Musik und Menschen. Wir waren vor Ort und haben uns durch das Programm treiben lassen.
Angekommen in Oberschöneweide, gab es einen kurzen Fußweg zum Wristband Exchange, wo man neben dem Bändchen auch noch einen Jutebeutel vom Festival bekam, was ich sehr aufmerksam fand, da man gleich ein Andenken in der Hand hatte. Zusätzlich gab es ein Armband mit einer Nummer, die einen einer bestimmten Gruppe zuordnete. Nach einem Blick ins Programmheft erschloss sich mir dann auch das System:
Es gab die Gruppen eins bis sechs und jede hatte die Möglichkeit, sich pro Tag vier Performances anzuschauen, die zeitversetzt starteten. Je früher man ankam, desto eher wurde man einer der ersten Gruppen zugeteilt. Mein Zeitmanagement und ich haben es natürlich erst in Gruppe sechs geschafft (huch). Die Performances fanden im Funkhaus im Saal 1, 2 oder nebenan in den kleineren Studios statt. Vor der Tür musste man sich zu seinem Zeitslot in die jeweilige Gruppe einreihen, was anfangs etwas verwirrend war, aber nach dem ersten Mal hatte man das System ganz gut verstanden. Ich hatte das Gefühl, dass der Einlass an sich recht gut organisiert war, lediglich am Samstagabend gab es etwas Verzug im Programm, wodurch etwas längeres Warten entstand. Die Wartezeit konnte man sich jedoch auch draußen an der Spree gut bei einem Snack von verschiedenen Essensständen vertreiben.
Samstag
Meine Highlights des Samstags fanden in den letzten beiden Slots statt, angefangen im Saal 2. Ich war vorher noch nie dort und fand es direkt ziemlich gemütlich: Es gab sogar eine große Couch, auf der man es sich bequem machen konnte, vorausgesetzt, man war schnell genug. Als das Licht anging, gab es erst einmal eine geballte Ladung französischer Frauenpower! Ich persönlich mag französische Musik sehr und hatte schon länger keine französischen Künstlerinnen mehr live gesehen. Umso mehr habe ich die Auftritte von Clara Ysé und Mina Tindle genossen. Dass ich von beiden an diesem Wochenende noch einiges mehr sehen würde, wusste ich zu diesem Zeitpunkt allerdings noch nicht. Weil es so schön war, überraschte mich Mina Tindle direkt eine Stunde später bei der zweiten Show im großen Saal. Das Warten auf diese Performance wurde sogar zwischendurch mit einer kleinen Show draußen auf der Treppe überbrückt. Das war auch ein sehr schöner Moment, der gezeigt hat, dass Livemusik wirklich überall entstehen kann.

Das Herzstück vom Funkhaus
Saal 1 ist der größte Konzertsaal des Funkhauses und bietet Platz für rund 1000 Menschen. Hier fanden entsprechend auch einige der größeren Performances statt, denn bühnentechnisch gibt es deutlich mehr Platz als in den anderen Räumlichkeiten. Neben Mina Tindle gab es dort dank Pomme noch einmal französische Frauenpower. Ich kannte die Sängerin bereits durch das Lied Ma Meilleure Amie, eine Kollaboration mit Stromae, das ich sehr mag. Sie hat eine wunderschöne Stimme und auch ihren Auftritt habe ich sehr genossen. Aber aller guten Dinge sind bekanntlich drei: Noch mehr Frauenpower gab es dank Angie McMahon, die uns mit ein paar rockigen Songs versorgte. Auch sie ist live definitiv zu empfehlen.
Weiterhin auf der Bühne standen Ben Howard und Ye Vagabonds, die ich bereits beide schon einmal live erlebt habe, aber im Funkhaus ist es nochmal etwas ganz anderes. Das letzte und erste Mal war ich 2018 zu einem Konzert im großen Saal und schon damals hatte mich die Atmosphäre komplett abgeholt. Daran hat sich nach so vielen Jahren nichts geändert. Also wer die Chance hat, mal ins Funkhaus zu gehen, der sollte das unbedingt tun.
Aaron und Bryce Dessner – die Brüder von der Band The National, die das ganze Festival unter anderem mit ins Leben gerufen hatten – waren ebenfalls dort und supporteten die Künstler:innen teilweise an Gitarre und E-Gitarre. Alles in allem war es ein schönes Miteinander und ein musikalisch vielfältiger erster Festivaltag. Durch den Verzug war dann um ca. 21:30 Uhr Schluss und alles wurde auf die PEOPLE Hall verlegt. Dort gab es dann Konzerte auf einer Bühne für alle Gruppen und die Hütte war gut gefüllt. Ich habe mir noch zwei Performances angeschaut und weiß nicht, wann letztendlich Schicht im Schacht war – ich glaube aber, alle hatten noch einen guten, langen Abend.

Sonntag
Sonntag habe ich mich etwas früher zum Festival begeben (dachte ich), allerdings bekam ich wieder das Bändchen für Gruppe sechs. Na ja, aber gestern war es ja super, dachte ich mir, und bin voller Vorfreude aufs Gelände spaziert. Das erste Highlight war die Performance von Loney Dear im kleinen Studio, denn der schwedische Sänger hatte sogar noch ein paar Plakate mitgebracht, die man sich nach dem Konzert abholen konnte. Süß.
Die Message des Sonntags lautete übrigens: Frauenpower sollte nicht aufhören. Im großen Saal gab es eine gemeinsame Performance von sechs Künstlerinnen und drei Sängerinnen der irischen Sirens. Dabei handelt es sich um ein musikalisches Kollektiv, das als Chor auftritt und verschiedene Künstlerinnen zusammenbringt. Mit dabei waren unter anderem wieder Mina Tindle, Pomme und Angie McMahon.
Die letzte Performance gab es in Saal 2 und ich glaube, das war fast mein Wochenendfavorit! Es stellte sich heraus, dass mich eine zweite Performance von Ben Howard erwartete. Die war tatsächlich nochmal um einiges schöner (und länger) als am Samstag. Den musikalischen Abschluss vom Sonntag bildeten danach erneut die französischen Künstlerinnen Mina Tindle, Clara Ysé, Pomme und La Force. Die vier hatten in der Woche zuvor ein gemeinsames Lied geschrieben und gaben uns eine Kostprobe. Als sie fertig waren und den Saal verließen, waren alle offenbar bereit für mehr Künstler:innen, doch niemand kam mehr. Der Mann von der Technik musste schließlich alle rausschicken, woraufhin ein enttäuschtes „Ohhh“ durch den Saal ging. Niemand wollte also, dass das Festival schon zu Ende geht. Und das kann ich verstehen.

Fazit und Verbesserungsvorschläge
Ich muss sagen, dass ich das Festival sehr genossen habe und mich einfach von der Musik habe leiten lassen. Es war auf jeden Fall mal etwas anderes: Man war so sorglos unterwegs, dass man nicht unbedingt sofort zu einem bestimmten Artist und in die erste Reihe vor einer bestimmten Bühne musste. Stattdessen konnte man sich auf die Performances einlassen und die Musik auf sich wirken lassen. Auch die Atmosphäre im Funkhaus hat für mich einen großen Teil des Reizes ausgemacht.
Allerdings muss ich sagen, dass mir die musikalische Vielfalt innerhalb meines Programms etwas gefehlt hat. Ich kann natürlich nicht beurteilen, wie es in den anderen Gruppen aussah. Wer aber, so wie ich, an beiden Tagen in Gruppe sechs war, bekam einige Künstler mehrfach zu sehen. Wie gesagt: Sie waren alle wirklich gut, ich mochte ihre Musik und habe sie mir auch gern mehrmals angeschaut, keine Frage. Aber dafür, dass das Festival ca. 180 Musiker:innen zu bieten hatte, hätte ich mir eine etwas abwechslungsreichere Verteilung im Programm gewünscht.
Ein weiterer Kritikpunkt betrifft die Organisation des Ein- und Auslasses vor Ort. Das Problem war, dass die Gruppenbändchen ab einem bestimmten Punkt offenbar nicht mehr kontrolliert wurden. Außerdem wurden die Säle nach den Performances nicht vollständig geleert. Dadurch blieben teilweise Besucher:innen im Raum, obwohl dieser für die nächste Gruppe vorgesehen war und die Kapazitäten dafür eigentlich nicht ausreichten. Gleichzeitig konnte man die Säle grundsätzlich verlassen und zwischen den Performances wechseln. Wenn ich also keine Lust auf das Programm meiner Gruppe in Saal 1 hatte, konnte ich einfach rausgehen und mir anschauen, was in Saal 2 lief. Das war an sich praktisch, führte aber auch zu etwas mehr Hin und Her, als vermutlich ursprünglich vorgesehen war.
Alles in allem war es trotzdem ein sehr gutes Festival, bei dem ich viele schöne musikalische Momente mitgenommen habe. Wer sich auf die besondere Atmosphäre einlassen konnte und auch kein Problem damit hatte, einzelne Künstler:innen mehrfach zu sehen, hatte auf jeden Fall Spaß. Ich bin gespannt, ob es das PEOPLE Festival 2027 wieder geben wird und was uns dann im Funkhaus erwartet.
Fotos: Rozek



