Autor: Jori

  • Unsere Highlights vom Reeperbahn Festival 2026 

    Unsere Highlights vom Reeperbahn Festival 2026 

    Ein bisschen Zeit ist schon ins Land gegangen, aber es ist nie zu spät für einen Festivalbericht! Wir schwelgen immer noch in Erinnerung und sind noch ganz beseelt vom diesjährigen Reeperbahn Festival. Wie immer war es eine schöne Woche für uns und wir möchten euch unsere diesjährigen Favorit:innen natürlich nicht vorenthalten. 

    Amélies Highlights 

    Neue Girly-Elektro-Alt-Pop Ikone: Olga Myko

    Der letzte Konzert-Stopp des Donnerstagabends auf dem Reeperbahn Festival ist Olga Myko im Stage 15 direkt auf dem belebten Hans-Albers-Platz. Wir gehen in den Club, der überschaubar gefüllt ist und das bei so einem Highlight! Wider Erwarten hat die schwedisch-ukrainische Künstlerin eine Band dabei und steht zusammen mit Live-Drums und Bass auf der Bühne. Die Show beginnt und mir ist schnell klar, dass das gerade viel mehr Menschen sehen und hören sollten. Denn: Dort steht ein Star auf der Bühne!

    Olga Mykos Debüt-EP „When A Girl Cries”, die im letzten Jahr (2025) erschien, und vor allem ihr Song „use me!!!!!!” geht dumm (also viral) auf Social Media. „use me !!!!!!” ist ein minimalistischer Track und stellt auch in ihrem Liveset eine Pause von den sonst trappigen Alt-Pop-Beats dar. Der Song überzeugt vor allem mit seinen relatable Lyrics:

    „Do I have an open invitation saying ‘Use me, use me, use me’ / Why do I choose people that don’t choose me”

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    Außerdem hat Olga Myko ein Talent für sehnsuchtsvolle Melodien, deren Charakter durch ihre klar-raue Stimme und die richtige Prise von Autotune verstärkt wird.

    Mein neuer Lieblingssong, als ich ihr Set weiter anhöre, ist „Hot2Trot”, der in dieser Live-Produktion eigentlich viel zu groß für diesen kleinen Club ist. Ich sehe Windmaschinen, eine magische Lichtshow und tausende Handylichter im Publikum. Die Live-Drums harmonieren so gut mit den elektronischen Songs, dass man sie in der Studioversion fast vermisst.

    Entdeckt Olga Myko hier:

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    Schockverliebt in Girl In The Year Above

    Weiteres Highlight und Festival-Abschluss sind Girl In The Year Above. Die irische Band besteht aus sechs Mitgliedern, die auf der Bühne den ganzen Konzertsaal in ihren magisch-elfischen Bann ziehen. Veröffentlicht haben sie zum Zeitpunkt des Reeperbahn Festivals gerade mal drei Songs, aber schon jetzt ist klar: die Magie hat gerade erst begonnen. Die Sängerin Jennifer Ball ist so ungezwungen und selbstbewusst, dass der ganze Raum nicht weiß, ob sie so sein wollen wie sie oder sich gerade schockverliebt haben. Ihre Stimme ist himmlisch und schenkt jedem Wort, das sie sagt und singt, eine tiefere Bedeutung. Sie verschmilzt mit dem Sound, der von ihren Bandkolleg:innen kommt. Zusammen klingt ihre Musik nach cineastischem Folk-Art-Pop. Ihre Debüt-Single, mit der die Band schnell Aufmerksamkeit erlangt hat, ist ein Massive Attack Cover von „Teardrop” und Teil des Filmsoundtracks von „Peaky Blinders”. Girl In The Year Above verleihen diesem Klassiker eine neue Klangfarbe und schaffen es damit sogar in die UK Single Charts.

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    Auch ihre eigenen Songs, die sie beim Reeperbahn Festival Live auf die Bühne bringen, überzeugen mit ihrer keltischen Folk-Stimmung und raffinierter Lyrik. Wir sind gespannt, was die Band mit der Zukunft macht. Aber, überzeugt euch selbst:

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    JorisHighlights

    Die Überraschung ist gelungen: Fiona-Lee in der St. Pauli Kirche 

    Das Reeperbahn Festival ist ja bekannt für seine Überraschungen, denn seien wir mal ehrlich: Niemand kennt alle Musiker:innen, die dort auftreten. Aber genau das ist ja auch das Schöne an diesem Festival. Mein persönliches Überraschungs-Highlight war definitiv Fiona-Lee. Vorher noch nie gehört und nach dem Konzert war klar: I am hooked!

    Die Engländerin macht schon seit einiger Zeit mit ihrer Band Musik, veröffentlicht aber erst seit letztem Jahr eigene Musik. Auf Tour war sie allerdings schon vorher unterwegs (zurecht), bisher allerdings nicht in Deutschland. Mit ihrem Konzert auf dem Festival durfte ich also gleich ihr erstes Konzert auf deutschem Boden miterleben und wow: Ich hoffe, sie kommt wieder!

    Ihre Band hatte sie dieses Mal nicht dabei; sie stand nur mit einer E-Gitarre auf der Bühne. Viel mehr brauchte es aber eigentlich auch gar nicht, denn ihre Stimme hat den Raum komplett ausgefüllt und mich sofort in ihren Bann gezogen. Zwischen gefühlvollen, ruhigen Momenten und Songs, die etwas mehr Druck entwickeln, hat sie gezeigt, wie viel Atmosphäre sich mit eigentlich so wenig erzeugen lässt. Und klar, die tolle Location hat ebenfalls ihren Teil zur Schönheit des Sets beigetragen. Es gab unter anderem ein paar bisher unveröffentlichte Stücke zu hören und wir dürfen also gespannt sein, was da noch kommt. Von den bereits veröffentlichten Songs haben es natürlich direkt im Anschluss auch welche in meine Playlist geschafft, die mich bei ihrer Performance sehr abgeholt hatten und seitdem höre ich auch ihre beiden EPs  „Every Woman” und  „Nothing Compares To Nineteen” on repeat.

    Soundmäßig würde ich sie als etwas softere, weibliche Version von Sam Fender einordnen. It makes sense for me, aber beurteilt das am besten einfach selbst:

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    As great as always: Amistat 

    Die Mischung macht’s: Altbekanntes darf natürlich auch nicht fehlen zwischen den ganzen Überraschungskünstler:innen. Und da hat sich eine meiner Lieblings-(Live)Bands eingereiht: Amistat. Ich finde sie live wirklich noch einmal ein kleines bisschen besser als auf den Streamingplattformen. Mit ihren zwei Stimmen und Folk-Sounds vom Feinsten harmonieren die Brüder Josef und Jan auf der Bühne einfach perfekt. Ihr Set ist jedes Mal sehr kraftvoll, emotional und gleichzeitig so voller guter Laune, dass es eigentlich schwerfällt, nicht mitgerissen zu werden. Im Set gab es einen guten Mix aus älteren Songs wie „Falling“ und „Listen to the Silence“ und das Violinensolo durfte natürlich ebenfalls nicht fehlen. Neue Songs hatten sie zusätzlich im Gepäck, denn nur wenige Stunden nach dem Festival-Donnerstag hieß es Happy Release Day für Amistat und ihre EP „everything in between“. Gemeinsam mit Geigenvirtuose Dimitri und dem ganz neuen Drummer Jo holten die Brüder auf der Bühne alles raus, was ging, und brachten ordentlich Stimmung ins Docks. Ich war zum ersten Mal in der Location und war dabei ebenfalls positiv überrascht: Von vielen Plätzen aus hat man eine gute Sicht auf die Bühne und gleichzeitig ist der Sound angenehm, ohne einem direkt den Gehörgang wegzufetzen.

    Aber weil einmal Amistat an einem Tag nicht gereicht hat, durfte ich sie gleich noch zweimal zusätzlich erleben: am Vormittag auf dem Spielbudenplatz, und beim Get-Together ihres Labels Nettwerk legten sie ebenfalls noch eine schnelle Überraschungsperformance hin (da haben wir’s wieder mit den Überraschungen). Drei Auftritte an einem Tag, tja, das gibt’s wohl auch nur auf der Reeperbahn! 

    Hier ein Einblick, wie Amistat live so sind:

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    Alles in allem war es mal wieder ein gelungenes Festival! Wir freuen uns bereits auf das nächste Jahr und sind gespannt, was 2027 für Überraschungen bereithält.

  • Das PEOPLE Festival: Was im Funkhaus passiert, bleibt im Funkhaus

    Das PEOPLE Festival: Was im Funkhaus passiert, bleibt im Funkhaus

    180 Künstler · 40 Studios · 200 Performances · 11 Bühnen · 5.000 Besucher:innen
    Das ist PEOPLE. Nach acht Jahren kehrt das Festival endlich nach Berlin zurück: Vom 10. bis 11. Oktober 2026 wird das historische Funkhaus in Oberschöneweide wieder zum Ort für musikalische Begegnungen, spontane Kollaborationen und Performances, die es so kein zweites Mal geben wird. 

    Das PEOPLE Festival: 10. bis 11. Oktober 2026 

    Bereits ab diesem Sonntag kommen die internationalen Künstler:innen für eine gemeinsame Residency zusammen, um ein paar Tage gemeinsam zusammen zu leben und zu musizieren, wobei das Funkhaus zum musikalischen Labor wird. Was in der kommenden Woche entsteht, bleibt dabei bewusst dem Moment vorbehalten und der Fokus liegt auf Kreativität und nicht auf Perfektion. Die Musiker:innen können sich von Erwartungen lösen, Musik ausprobieren, die sie sonst nicht spielen würden, neue Ideen verfolgen oder gemeinsam etwas erschaffen, das vorher noch nicht existiert hat. Am Festivalwochendene folgt dann das Ergebnis der Residency in Form von 200 einzigartigen Performances auf den verschiedensten Bühnen. Besucher:innnen haben die Wahl zwischen Räumen mit maximal 50 Plätzen und großen Sälen, die bis zu 1000 Gäste beherbergen können. Mehr als die Location kann man sich nämlich nicht aussuchen. PEOPLE ist kein Festival, bei dem man vorab das Line-up studiert und sich einen persönlichen Timetable zusammenstellt, denn den gibt es sowieso nicht. Es ist vielmehr ein Festival für Momentaufnahmen. Wer sich also für eine Bühne entschieden hat, der wird erfahren, welche Musiker:innen ihn erwarten, sobald die Tür zu ist und das Licht angeht. Niemand wird wissen, welche Artists aufeinandertreffen und was aus der Begegnung bei der Performance entstehen wird. Es ist also ein Festival, bei dem der Überraschungseffekt und das Miteinander im Vordergrund stehen. Solltet ihr eine bestimmte Show oder bestimmte Künstler:innen unbedingt sehen wollen, seid ihr hier nicht an der richtigen Adresse. Dazu kommt, dass es keine Hierarchien auf dem festival gibt. Niemand spielt zur Prime Time auf der Mainstage, sondern es entsteht wiederholt ein großes musikalisches Zusammenkommen, in dem Zufälle, Begegnungen und unerwartete Kombinationen genauso wichtig sind wie die einzelnen Künstler selbst. Etablierte Namen stehen dabei also keineswegs über Newcomer:innen.

    Ein Blick auf das Lineup:

    Auch ästhetisch verweigert sich PEOPLE dem üblichen Festivalbild, denn die Performances sind nicht auf Hochglanz poliert, nicht auf Instagram-Momente zugeschnitten und große Bühnenshows bleiben aus. Unmittelbar, unperfekt und authentisch. Im Mittelpunkt steht vor allem die Live-Musik und das Festival setzt den Fokus auf das, was sie ursprünglich ausmacht: die Menschen, ihre Instrumente und ihre Stimmen. Die zwei Tage im Funkhaus bieten allerhand Momentaufnahmen, die nur für diejenigen existieren, die in diesem Raum dabei sind.    

    Ebenfalls gibt es keine großen Produktionen oder kommerziellen Sponsoren und alle Ticketeinnahmen fließen zudem in das Festival selbst. Gegründet wurde das Projekt von Musikern wie Justin Vernon von Bon Iver sowie Aaron und Bryce Dessner von The National gemeinsam mit den Betreiber:innen des Berliner Michelberger Hotels. Erstmals fand das Projekt im Herbst 2016 unter dem Namen Michelberger Music statt. 2018 kehrte es dann als PEOPLE zurück und wurde benannt nach einem gigantischen Kunstwerk des Künstlers Eric Timothy Carlson, das während der ersten Ausgabe auf der Hauptbühne entstand. Seitdem ist ein Netzwerk aus Musiker:innen gewachsen, das sich immer wieder neu zusammenfindet.

    Was am Ende bleibt, ist kein Album, keine Aufnahme und kein perfekt reproduzierbares Konzert. Es bleibt die Erinnerung an eine Begegnung, die genau einmal stattgefunden hat. Musik, die wahrscheinlich nie wieder so gespielt wird. Wer bereit ist, ein Stück Kontrolle abzugeben, sich auf die Überraschung einzulassen und sich vom Festival durch das Wochenende führen zu lassen, sollte unbedingt vorbeikommen.



    Tickets und weitere Informationen gibt es hier: 

    https://peoplefestival.berlin

  • Amistat im Interview: „Musik ist etwas so Intimes und das dann mit Familie zu teilen, ist schon sehr besonders“

    Amistat im Interview: „Musik ist etwas so Intimes und das dann mit Familie zu teilen, ist schon sehr besonders“

    Zwei Brüder, eine Leidenschaft. Das sind Amistat. Beim diesjährigen Reeperbahn Festival standen Josef und Jan Prasil gleich zweimal auf der Bühne und hatten ihre neue EP im Gepäck. Zwischen den Shows haben wir die Folk-Zwillinge auf einen (sehr heißen) Kaffee in den Straßen Hamburgs zum Gespräch getroffen. 

    Wir haben mit ihnen über everything in between, Songwriting und besondere Herausforderungen im Leben gesprochen. Warum sich Songs wie gute Freunde anfühlen, welche Träume sie noch verwirklichen wollen und was 2026 noch für Amistat bereithalten könnte, erfahrt ihr hier.

    Amistat im Interview

    Ende des Jahres steht noch eine Tour für euch vor der Tür – wie fühlt es sich an, jetzt zum Ende des Jahres nochmal mit dieser Musik auf die Bühne zu gehen? Gibt es etwas, worauf ihr euch besonders freut?

    Josef: Wir haben lange hingearbeitet auf die Tour jetzt. Wir haben dieses Jahr eine Pause gehabt vom Touren bzw., wir haben nicht so viele Konzerte gespielt, weil wir unser Album geschrieben haben. Und das nehmen wir tatsächlich jetzt zehn Tage in Stockholm auf ab dem Wochenende. Daher ist diese EP und diese Tour schon irgendwie bei uns so – ja, da liegen schon so viele Projekte dahinter, dass man sich immer wieder erinnern muss: „Ach, da kommt ja dieses Jahr noch was“. Aber ich freu mich sehr, nur jetzt gerade ist’s eben das Album und dann sobald das aufgenommen ist, kommt die Vorfreude auf die Tour, die jetzt ansteht. Es gibt jetzt nicht eine Show, wo ich sag, da freu ich mich besonders viel drauf. Vielleicht München oder auch Amsterdam ist immer schön. Aber generell einfach auf die ganze Tour und wieder on the road zu sein, weil wir jetzt lange wie gesagt keine Headline Shows hatten, nur Festivals.

    Jan, geht’s dir ähnlich? 

    Jan: Ja. Ich freu mich sehr aufs Touren. Wir werden ja fast viereinhalb Wochen im Tourbus unterwegs sein. Das erste Mal, dass wir so lange unterwegs sind. Und wir haben eine ganz tolle Crew dabei, also das wird auch nochmal wie so eine Klassenfahrt am Ende des Jahres. Ich freu mich sehr tatsächlich, ja.

    Das freut mich, dass ihr euch so freut! 

    Josef: Wo sehen wir dich denn by the way? Kommst du? 

    Ich hoffe, ich schaff’s nach Leipzig! 

    Josef: Okay, cool!

    Jan: Ja, schön! 

    Apropos Tour. Ihr steht ja manchmal zu zweit und manchmal zu dritt auf der Bühne.

    Josef: Heute sogar zu viert.

    Heute zu viert?  

    Beide: Ja!

    Josef: Seit diesem Jahr spielen wir sogar zu viert.

    Ja, dann würd ich euch direkt fragen, wie sich eure Dynamik verändert, je nachdem, wie viele ihr auf der Bühne seid. Merkt ihr da einen krassen Unterschied?

    Josef: Oh ja. 

    Jan: Ich glaub, die Dynamik hängt sehr davon ab, wer auf der Bühne ist.

    Josef: Ja, absolut.

    Jan: Aber immer alles sehr positiv anders. Ich mag’s mit dem Josef allein zu sein, dann ist es sehr intim. Dann haben wir unseren besten Freund, den Dimitri, seit 12 Jahren dabei und der bringt einfach ganz viel Energie auf die Bühne. Und jetzt haben wir noch einen Schlagzeuger, den Jojo. Mal was ganz Neues. Und jetzt muss ich nicht mehr so viel machen mit meinen Füßen und kann mich sogar noch mehr auf die Songs konzentrieren. Also, man hat mehr Energie für sich selbst. 

    Josef: Man hat mehr Zeit und Energie und man kann ein bisschen atmen und muss nicht die ganze Zeit präsent sein und Energie geben. 

    Jan: Ja, das ist gut. 

    Eure neue EP everything in between erscheint morgen. Was hat es mit dem Titel auf sich? Es gibt ja dieses Mal gar keinen Song auf der EP, der so heißt.

    Jan: Genau. Gut recherchiert. Dieses everything in between ist eigentlich alles, was so im Leben passiert außerhalb der Musik für uns. Weil wir zeigen immer nur die Musik und unser Leben in der Musik. Aber es passiert ganz, ganz viel hinter den Kulissen und es ist einfach das, was uns eigentlich shaped als Musiker und Menschen. Was viele nicht zu Gesicht kriegen. Deshalb glaub ich, war uns wichtig, dass diese EP so ein bisschen die Stories erzählt, die man nicht nach außen trägt. 

    Und der letzte unveröffentlichte Song auf der EP ist ja „seven days a week”, der sich mit dem schweren Unfall eures Vaters und der Zeit beschäftigt, die ihr damals im Krankenhaus verbracht habt. Und das ist ja schon eine krasse Geschichte. Wie ist es, so alte Gefühle und Erinnerungen beim Schreiben oder Aufnehmen eines Songs wieder hervorzuholen? Fühlt es sich eher schwer an – oder kann es auch helfen, diese Zeit noch einmal aus einer anderen Perspektive zu betrachten?

    Mitten in der Frage kommt plötzlich eine Mitarbeiterin vom Kaffeewagen rüber. Sie hat die beiden erkannt und erzählt ihnen, dass sie sie schon im vergangenen Jahr in Hamburg sehen wollte. „Ich liebe euch, deswegen kriegt ihr Kaffee“, sagt sie und möchte den beiden etwas ausgeben. Jan und Josef freuen sich sichtlich über die spontane Begegnung. 

    Jan: Das ist ja süß.

    Josef: Ist das cute.

    Wie herzig! Dann mit Kaffee zurück zur Frage. 

    Jan: Ich glaube, unsere Musik lebt genau von sowas. Und natürlich kommt jedes Mal wieder die Emotion hoch, was auch gut ist, glaub ich. Weil nur so können wir auch das Lied so rüberbringen, wie es auch rüberkommen soll und mir hilft es sehr, das zu verarbeiten, was passiert ist in der Vergangenheit durch die Musik. Also ich bin sehr dankbar. Das ist mein Weg, nicht darüber zu reden, aber darüber zu singen, und trotzdem ist es ein Prozess der Heilung für mich. Ich glaub, das geht dem Josef wahrscheinlich ähnlich.

    Die liebe Mitarbeiterin bringt Kaffee und Kekse.  

    Beide: Danke dir. Ist das süß.

    Josef: Guck, das sind so Momente, wo man einfach wirklich so – wie sagt man – humble wird. Wenn wer kommt und sagt: „Hey, danke euch, dass ihr das macht“. Und das sind so Momente, die feier ich so. Wenn Leute diese Liebe zurückgeben, einfach wegen der Musik. 

    Jan: Wir kriegen so viel Liebe von den Fans, das ist Wahnsinn. 

    Josef: Ja. 

    Aber ihr bringt ihnen ja auch ganz viel Liebe.

    Jan: Hoffentlich. 

    Ist ja auch ein Geben und Nehmen. 

    Jan: Hoffentlich, ja. 

    Josef: Man, haben wir irgendwie ne Vinyl da oder irgendwas, dass wir ihr was zurückgeben können? Müssen wir mal überlegen. Irgendwas müssen wir zurückgeben.

    J + J = A

    Wie läuft euer Schreibprozess ab? Schreibt ihr viel gemeinsam oder entstehen die meisten Ideen erst einmal unabhängig voneinander? Und wie entscheidet ihr dann, wann aus einer Idee ein Amistat-Song wird?

    Jan: Ich würde sagen, ich zünde immer die Sparks. Ich bin, glaub ich, jemand, der sehr viel überlegt die ganze Zeit und sehr gerne auch komponiert. 

    Josef: Kreativ bist du schon sehr gifted. 

    Jan: Also ich bring dann immer die Ideen zum Josef und wir machen das dann zusammen fertig. Aber ich glaube, es entsteht ganz viel hier und da und es ist auch eine gute Balance. Und Josef schaut es sich von außen dann an und kann es ganz neutral betrachten. Aber normalerweise geht’s los mit entweder der Melodie oder den Lyrics. Dann tu ich das mal kurz zusammen passen schon und dann bringen wir das zusammen nach Hause. 

    Und merkst du, wenn Josef von einer musikalischen Idee nicht überzeugt ist – auch wenn er es gar nicht ausspricht?

    Jan: Ja, ja total. Ja, wir sind da total ehrlich. Also, er sagt dann schon: „Ja, das ist nicht gut genug oder das muss noch besser”. 

    Josef: Ich glaub, die meiste Arbeit fließt in Lyrics. Melodie-mäßig kommen wir eigentlich schon relativ schnell auf einen gemeinsamen Nenner. Aber Lyrics ist next level. 

    Wie habt ihr euren Sound gefunden? Gab es irgendwann diesen Moment, in dem ihr gemerkt habt: „Das ist jetzt wirklich Amistat. Das sind wir.“? 

    Josef: Ich glaub, das hat sich über die letzten paar Jahre einfach so kristallisiert. Man probiert ja unterschiedliche Sachen und irgendwann merkt man: „Ah, oke. Das fühlt sich gut an“. Und irgendwie findet man den dann so randomly. Da gibt’s kein „so und so wollen wir klingen“, sondern das passiert dann irgendwie einfach.

    Jan: Das ist ein Prozess, glaub ich, über die Jahre.

    Und sind die Songs für euch wirklich immer 100% Amistat-Songs oder gibt es auch welche, bei denen ihr vom Gefühl her sagt: „Das ist definitiv eher ein Jan-Song“ oder „Das ist eher ein Josef-Song“? 

    Josef: Ich meine, ein Amistat-Song ist ja Josef und Jan, aber wir schreiben manchmal schon Songs, die wir dann nicht veröffentlichen. Wo wir sagen: „Ja vielleicht ist das kein Amistat-Song, aber ein guter Song, nur irgendwie nicht unsere Richtung.“ Vielleicht zu vocal oder zu poppig und dann liegt der in der Writer‘s Bank irgendwo geparkt erstmal. Vielleicht kommt dann irgendwie der Song mal anders oder die Idee so ein bisschen und dann arbeitet man wieder dran. 

    Jan: Die Songs, die wir releasen, sind auf jeden Fall immer Amsitat-Songs, sag ich mal. Obwohl jetzt am neuen Album, was jetzt aufgenommen wird, sind ein paar Songs, wo wir beide sagen: „Ah, das würden wir normalerweise nicht machen“. Aber wir probieren‘s. 

    Josef: Stimmt. Ja. Wir wollen ein bisschen ’ne andere Schiene eingehen.  

    Cool. Ich freu mich! Was bringt denn jeder von euch in Amistat ein, das der andere nicht ersetzen könnte?

    Jan: Ich glaube, ich bring das Kreative, aber dafür, dass ich sehr verkopft bin, ist es Josef, der sehr neutral ist. Also, Josef bringt so eine Unverkopftheit rein (lacht). Ich weiß nicht genau, wie man es sonst sagen würde, aber Josef kann sehr gut sagen: „So machen wir’s und so nicht. Das ist gut, das ist schlecht“. Ich bin immer so: „Das alles ist gut und schlecht. I don’t know anymore“. Und er pointed dann und sagt: „Nein, Jan.“ Also ich glaub, er bringt mehr Klarheit rein. 

    Josef: Ja, ich sag dann: „So und das machen wir jetzt und dann gehen wir“. 

    Und was ist das Beste daran, den eigenen Bruder als Bandkollegen zu haben – und was ist manchmal das Nervigste?

    Josef: Das Beste ist – ja, das kann man nicht beschreiben, wenn man mit Familie Musik macht. Musik ist etwas so Intimes und das dann mit Familie zu teilen, ist schon sehr besonders. 

    Jan: Ich glaub, das Beste ist, dass man seinen besten Freund dabei hat die ganze Zeit. 

    Josef: Ach, bin ich dein bester Freund? Du bist auch irgendwo meiner. 

    Jan: Das Schlechte ist aber auch, dass du praktisch ein bisschen deinen besten Freund dadurch verlierst, weil er zum Businesspartner wird und sich viel nur noch um Business dreht und nicht mehr um die Brüder, die wir mal waren.  

    Also fällt euch das schwer so eine Grenze zwischen Arbeit und Familie zu ziehen? 

    Jan: Extrem. 

    Josef: Sehr schwer, ja. 

    Ihr sprecht auf der Bühne Englisch und auch eure Songs sind auf Englisch. Sprecht ihr privat eigentlich auch Englisch miteinander?

    Jan: Ja.

    Josef: Ja, nur Englisch. 

    Und habt ihr das Gefühl, dass ihr euch auf Englisch ein bisschen anders verhaltet oder ausdrückt als auf Deutsch? Also, dass sich eure Persönlichkeit je nach Sprache ein Stück weit verändert?

    Josef: Ja, absolut, absolut. Vor allem mit anderen Leuten, aber auch, wenn wir zusammen Deutsch reden, ist es irgendwie komisch. So dumm wie es klingt. Weil wir ja lange auch nur Deutsch geredet haben. Aber Englisch hat sich irgendwie seit zehn Jahren eingebürgert. Seit wir so lange in Australien waren. Und das ist jetzt so geblieben.

    Jan: Ich glaube, die deutsche Version ist so ein bisschen die verkrampftere Version von uns und die englische ist die etwas lustigere, entspanntere, würde ich sagen. 

    Fühlt ihr euch beim Live-Spielen eurer Songs anders als im Studio? Habt ihr schon mal einen Song durch die Live-Auftritte ganz neu für euch entdeckt oder plötzlich anders empfunden?

    Jan: Ja, auf jeden Fall. Ich glaub, wenn du einen Song Jahre lang spielst, kriegt er einen ganze anderen Spin und im Studio nimmst du es halt so auf, wie du es geschrieben hast, aber dann über die Jahre lernst du ihn so richtig kennen.

    Josef: Man lernt ihn so kennen, genau. Es ist wie ein guter Freund, den man immer wieder trifft und immer besser kennenlernt.

    Jan: Erstmal sollte man ein Lied ein paar Jahr spielen, bevor man es aufnimmt, aber das kann man meistens nicht machen. 

    Josef: Ja, das ist ein Luxus, den hat man nicht.

    Ihr macht jetzt schon ziemlich lange gemeinsam Musik. Wie fühlt sich Musikmachen heute im Vergleich zu damals an?

    Josef: Ich glaub, man ist irgendwie mehr angekommen. Früher war man noch sehr viel ‘da draußen’. Jetzt ist man irgendwie mehr bei sich. 

    Jan: Man lernt und man chased ganz viel und jetzt irgendwann hat man seine Erfahrungen und merkt auch, wie es ist, wenn man so ein bisschen seine Träume oder Ziele erreicht, die man sich gesetzt hat. Ich glaube, die Perspektive ändert sich einfach ein bisschen. Also man wird ein bisschen entspannter und alles beruhigt sich etwas. Aber auf ne gute Art und Weise. 

    Gibt es denn noch einen Traum, den ihr mit Amistat unbedingt verwirklichen möchtet? Etwas, bei dem ihr sagt: „Das müssen wir irgendwann noch machen“? 

    Jan: Ich glaube, wir haben unterschiedliche. Für mich wäre es, mit Mumford & Sons zu Touren oder einen Song aufzunehmen oder einen Song live zu spielen. Das wäre eines meiner ganz großen Ziele mit Amistat. 

    Josef: Es gibt ’ne Menge Ziele noch, oder Träume, würde ich sagen. Ich hab mir damals vor zehn Jahren den Grammy eingebildet und jetzt ist er mir eigentlich nicht mehr so wichtig, aber den werd ich noch haben. Einfach, um das Unmögliche machbar zu machen. Jetzt ist es schon näher dran als es früher war. Früher war’s noch viel weiter weg, aber das will ich noch erreichen, irgendwie. Einfach nicht, weil’s ums Ego geht oder so, aber das wär irgendwie cool, mir selbst zu beweisen: „Hey man kann wirklich alles im Leben schaffen. „

    Das find ich richtig super! Habt ihr als Band irgendein Ritual oder eine Tradition vor dem Auftritt oder im Studio? 

    Josef: Ja, vor dem Auftritt haben wir immer so ein Irish Poem. 

    Jan: Das ganze Team kommt zusammen, wir umarmen uns und dann sagen wir ein Gedicht auf. 

    Beide: There are good ships, there are wood ships, there are ships that sail the sea. But the best ships are the friendships and may they always be.

    Süß! Dann hab ich auch schon meine zwei letzten Fragen für euch. Auf eurem Instagram ist ziemlich viel Schwarz-Weiß – gibt es dafür einen bestimmten Grund oder findet ihr die Welt einfach in Schwarz-Weiß einfach schöner?

    Jan: Ich glaub, auf Instagram wird ganz viel poliert, es wird alles schön gemacht und für mich ist das Schwarz-Weiß ein Zeichen für: „Es muss gar nicht die ganze Zeit shiny sein“. Es geht um die Musik und um nichts anderes. Also, wir wollen es gar nichts optisch verschönern, sondern sagen: „Hey, es ist ganz simpel.” Aber in der Welt – nichts ist Schwarz-Weiß, für mich ist gar nichts ist Schwarz-Weiß, sondern es ist immer alles in between. Aber das Schwarz-Weiß war eher so für: „Hey, fokussiert euch eher auf die Musik und nicht auf was ihr seht unbedingt.“ 

    Und zum Schluss noch unsere traditionelle Untoldency-Frage: Was ist etwas „Untold“ über euch? Ein Fun Fact, eine Geschichte, Erinnerung oder irgendetwas, das man über Amistat oder über euch vielleicht noch nicht weiß?

    Josef: Oh, da gibt’s ne Menge, ich überleg mal was. 

    Jan: Ich fang mal an. Es ist jetzt keine wahnsinnige Überraschung, aber ich hab extrem Angst vor großen Hunden, tatsächlich. Also wirklich so krass, dass ich die Seite der Straße wechsle, wenn einer auf mich zukommt. Etwas, was ich auf jeden Fall noch konfrontieren möchte in Zukunft.

    Aber kleine Hunde? 

    Jan: Es geht. Ich würde sagen alles so, ja, Dackel, Chihuahua, alles cool. Aber so bald es in die Richtung Labradoodble- oder Australian Shepheard-Größe geht, dann wirds bei mir kritisch.

    Ist ja eigentlich gar nicht so Fun, aber ist trotzdem ein guter Fact! 

    Jan: Und ich weiß, es geht nicht um Leben und Tod oder so, aber ich hab einfach extrem Angst. 

    Ist auch komplett nachvollziehbar.

    Josef: Mh, ich überleg gerade noch. Ein Fun Fact…

    Jan: Ich sag’s einfach. Josef kann ganz schlecht schwimmen. Ich glaube, Josef würde keine zehn Minuten im Wasser überleben. Ist einfach so. 

    Josef: Ja, ich bin ein sehr schlechter Schwimmer.

    Jan: Josef kriegt Panik, schwimmt dann ganz schnell wie so ein Hund, der ins Wasser geschmissen wurde, aber würde dann auch genau so schnell untergehen (lacht). Ja, also Josef nicht allein schwimmen lassen! 

    Gut zu wissen! Ja, dann war’s das auch von mir.

    Jan: Ja, danke dir! 

    Danke euch und danke für eure Zeit! 

    Beide: Na klar.

    Amistat gehen Ende des Jahres auf Tour und ihr könnt sie in folgenden Städten live erleben: Leipzig, Stuttgart, Köln, Münster, München. 

    Hier könnt ihr die neue EP „everything in between“ von Amistat hören:

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    Fotos: Anja Kaufmann

  • David Kushner im Interview: „Devotion to me is full commitment to a certain thing, person or place“

    David Kushner im Interview: „Devotion to me is full commitment to a certain thing, person or place“

    Mit über fünf Millionen Follower:innen auf TikTok und mehr als zwei Millionen auf Instagram gehört David Kushner seit einigen Jahren zu den aufstrebenden Artists der internationalen Musikszene. Seine Songs haben in der Vergangenheit immer wieder auf Social Media für Aufmerksamkeit gesorgt und ihm eine stetig wachsende Fanbase eingebracht. Ende des Jahres erscheint unter seinem eigenen Label sein zweites Album Devotion. Vorab veranstaltete Kushner am 15. September ein exklusives Pre-Listening-Event in Berlin, wobei wir die Gelegenheit genutzt und mit dem Singer-Songwriter über sein neues Album und seine musikalische Entwicklung gesprochen haben.

    David Kushner im Interview

    You’re about to release your sophomore album, Devotion and you’re ending the year with a completely new body of work. How does that feel right now? What’s on your mind as you’re getting closer to the release?

    I’m feeling great. I’m excited to put Devotion out on November 13th and yeah, people love the snippets I’ve posted of some of the songs already and yeah, it’s been cool. I’ve put out two singles for the album so far. We’re doing three total, so I have one more single after this but this song is undecided as of right now. “Electrified” was the first single and then the second single was “Ritual” which just came out last week but yeah, I’m super excited, it’ll be very fun. 

    And how did the album come together? Was there a particular moment or experience that sparked the writing process for it?

    Definitely. Overall the album is about my disappointment with love and relationships. And the past two years I’ve been going through some loss with, you know, relationships surrounding my family members. And I had a relationship with a manager that I fired. I fired a manager in my career in the past year and I had gone through some traumatic stuff with him and so I had a very bitter taste in my mouth with certain relationships and trusting people again and how love and relationships can be very good for you and in in the right environment they can be really healthy and good. But also how love can, like, ruin you and destroy you at the same time if it’s not nourished in the right way.  

    So did you feel like you processed all of that with that album? Are you feeling better with all that than before?

    Totally. That’s what the album was for. It feels really cool to write it about that. And I think so many people will relate to it and so many people will really identify with it and it’ll help them process relationships of their own that they’ve lost or grieved and maybe they’re having a hard time trusting again in people, in humanity and yeah. 

    I guess that happens to a lot of people. The album is called Devotion, but there isn’t actually a song on the album with that title – and that was also the case with your previous album. Is there a reason why you don’t have title tracks? Do you rather see the album title as something that connects all the songs, rather than giving one song the full attention?

    It’s definitely that. That’s a good question. Yes, I know a lot of artists do that, where they’ll have the same title as the album as a title track. I would definitely do it one day, but it wasn’t intentional. It’s not like I never did that for a certain reason but yeah, the way you explained it at the end was – that is definitely how it’s been for those albums. The title is kind of like the overall meaning of the collection of songs. That’s just what I’ve always done.

    And so what does “devotion” mean to you, and why did that feel like the right title for the album?

    So, devotion to me is full commitment to a certain thing, person or place. However, the listener interprets the album in their own way. But for me when I hear devotion, it means just full commitment to a person. And I would say it felt like the right title cause it just summarized all the songs together ‘cause all of the songs are like the highs in the lows of a relationship and being devoted to somebody. I was just trying to think real hard of what’s a word that would summarize all of these songs and then it just hit me like: “devotion” would be the perfect title. Because that’s a universal human thing. We’re all devoted in so many different ways to so many different things in our lives and I just thought it was a universal album title.

    And you said that you did release two singles. “Electrified” was the first single from the album. What made you want to introduce Devotion to listeners with this song?

    Because it’s the one song that’s pretty different than the rest and it’s like the high of the relationship. So the album kind of starts on that high – everything‘s good and then it kind of gets worse. That song is like the honeymoon phase, like everything‘s new and exciting and “this is great, I wonder what is held in store for us or for this”. That’s what “electrified” is about. Everything‘s good and you and that person don’t really know your deepest, darkest secrets and like the ugly side of your character or like you know the things that nobody sees, just our struggles and the messy side that we all have as humans. So it kind of start on that, and then the other songs are just about the toxic side of it.

    Then “Ritual” came out just last week. Which is the opening track of Devotion. So does that also count as a more ‚happy‘ kind of song? 

    Yeah, it kinda has like a hopeful, cinematic element. “Ritual” is one of the songs that – it’s about the inevitable end to something,  like the relationship, or whatever it may be, and just being afraid to change something and walk away from something and you’re just stuck in this ritual of only toxicity with this person. And you’re waiting for some miracle from God or something to happen and you’re waiting for this person to change or this thing to change, but you just know you need to walk away from it. 

    So the hopeful aspect is kind of finding the courage to walk away and break that cycle of toxicity? That’s what its sounds like to me.

    Yeah, defnitely. I agree.

    „I definitely pushed myself vocally.“

    Once Devotion is out, can we expect to see you bringing the album on tour next year?

    Yeah, yeah yeah June and July. I’ll be touring around Europe. I’ll do like my first world tour, which would be really exciting.I’ve never done a full on tour where I’ve posted like I’ll be all around the world. I’m excited to do that. So yeah, we’ll definitely tour starting in the spring. Next year will be really fun so stay tuned everybody.

    Great – exciting things are happening!

    Yeah, it’ll be fun. 

    I feel like your music has always had a very distinct identity – even when your sound evolves, it still feels very recognisably like you. Is that something you consciously try to hold on to when making new music, and does Devotion stay true to that “classic David Kushner” sound, or did you find yourself experimenting more this time around? 

    Yeah, I did experiment a little bit more. There’s like three songs on the album that I can think of right now that have some melodies that I have an R&B undertone to it. And some of the production as well is in this R&B kind of world. I definitely pushed myself vocally. And also just the production. Overall, I worked with Jacob Ólafsson as the executive producer on the album and he comes from the R&B world, so it was really cool working with him. It was really inspiring. It was really fun and he’s an awesome producer. But it still overall has my sound in it that people know of, but there’s still some differences that you can hear in a lot of the records of just things that are fresh and new and like “whoa, I have never heard this in David’s music” or “he’s going in a different direction with this”. So I’m excited to see what people think.

    So you did a little experimenting but it sounds like you did stay true to your sound for the most part. Is having that consistency in your sound important to you and do you think there’s a point where experimenting too much can make an artist lose what makes their music feel like them?

    Yeah, one hundred percent ,I think you always have to stay true to you and what’s authentic and as long as you know that it’s coming from your heart and your soul and you’re not necessarily trying to sound like another artist. Cause I think artists get definitely taken away by trying to sound exactly like this artist or sound exactly like this song that’s, you know, an already successful song or something. But yeah, for sure. I think it’s a balance. I think you have to stay true to yourself and to make sure it doesn’t sound like something that it’s not or that it doesn’t sound like you and it doesn’t sound genuine.

    Your music has always had a very cinematic sound to it, and you’ve released cinematic versions of some of your songs with strings before. But I could actually imagine your music sounding incredible live with a full orchestra or a choir. Is that something you’ve ever thought about or could you see yourself doing a project like that in the future?

    Yeah, one hundred percent. So I actually just did a little performance music video of some of the unreleased songs on the album, like a cinematic rendition. I recorded that about two months ago back home in America. I have a full band. I have string players. Like, I have a cinematic set to it where there’s strings and we had three people from a choir singing. It’s a really cool cinematic thing. It’s not a full choir. I would love to do a video where it’s a full gospel choir or something cool like that but yes, I’ll definitely gonna do more of that in the future. I love that and I think my fans love that type of stuff. So yes, I’ll do more of that for sure. I love that stuff.

    I hope so because I also think it fits your sound pretty well.

    Thanks!

    „It’s definitely been hard in all honesty to be in Nashville creatively.“

    So you were mentioning touring which means not being at home for a while. You’ve lived in a few different places yourself and have been based in Nashville for a while now. Does Nashville feel like home to you at this point? And has living there changed the way you make music?

    For sure. It definitely feels like home. It’s a very – in the best way possible – mundane side of Nashville where I live, like there’s not much going on. It’s very quiet, like simple living. It’s  kind of in the countryside of Nashville. So yes, it feels like home, it’s very peaceful and yeah, I have very much so cultivated a home environment there which has been amazing and very needed for sure.

    As far as music, I feel like as shocking as it is, it’s definitely been a struggle for me cause as nice as it is to have a home and what I need as far as a home, leaving Los Angeles and coming to Nashville was hard for music. Cause like 90% of the industry is in Los Angeles where I used to live. And all of my collaborators, like most people I still work with on all my albums are in LA. So I’m always in LA and still having to travel there so it’s been a little tough being inspired. I feel like LA is more inspiring to me. Just cause there’s so many walks of life and different cultures and yeah, lots of things happening. Very busy, it can be super stressful at times to live there, which is kind of why I left, but yeah, so it’s definitely been hard in all honesty to be in Nashville creatively. I mean I have the means to travel to LA but but it’s been good in terms of like I built a studio in my house there and it’s been a good place creatively just by myself, but it can get lonely creatively cause there’s just not many people in Nashville that I work with and not many people to choose from.

    That sounds tough but I hope it’s still manageable. But I can totally see why you left. I live here in Berlin which is not quite LA but still a lot going on.

    Big city, yes. Totally.

    And finally, we have one little Untoldency tradition: is there anything untold about you? Preferably it’s a fun fact about you or a funny story you haven’t shared. But it could be honestly anything.

    What comes to mind about a fun fact is: I am a golf addict. I love golf and I’m currently on the journey to be a scratch golfer. 

    What is that?

    So there’s a handicap system in golf. Just think of a scale – there’s zero and the negative and positive numbers. So handicap is like: the higher positive number you are, the worse you are at golf. And if you’re a zero – which is scratch – you’re like really good. So I’m like a positive five, which is still good but it’s not a scratch so I’m trying to get to the zero. And then professional golfers are like negative seven, negative eight. 

    Well, then that’s good that there’s still room for you to improve!

    Yes, definitely there is. So almost being a scratch golfer is the fun fact about me. 

    That is a very good fun fact indeed! And that’s all. Thanks so much for taking the time. I hope you’ll have a wonderful show tomorrow with some amazing fans or yours. And enjoy the rest of your time in Berlin.

    Of course, thanks for having me. Thanks for the questions. Appreciate it.

    Hier könnt ihr „Devotion“ von David Kushner pre-saven:

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    Fotos: Joel Alexander

  • Paris Paloma wird lauter: Die Frage nach „The Fatal Flaw“

    Paris Paloma wird lauter: Die Frage nach „The Fatal Flaw“

    Paris Paloma schlägt mit The Fatal Flaw kräftiger, roher und lauter als zuvor zurück. Mit dem am 04.09. veröffentlichen Album wagt sich die gebürtige Engländerin dabei musikalisch wie thematisch weiter vor als auf ihrem Debüt und beschreibt die neuen Songs als ehrlicher und chaotischer als ihr bisheriges Material. Und tatsächlich fühlt sich The Fatal Flaw nicht wie eine einzige sauber erzählte Geschichte an, sondern wie eine Sammlung von Erinnerungen, Verletzungen, Beobachtungen und Gedanken, die irgendwie alle zusammenfinden. 

    Liebe und Herzschmerz stehen dabei so sehr im Mittelpunkt wie wohl noch nie in Palomas Musik. Für die Songs rund um dieses Thema hatte sie sich eine besondere Ästhetik vorgenommen: Sie sollten sich anfühlen wie „epic poems“ oder wie Wandteppiche, die jahrhundertealte Geschichten erzählen. Sie verbindet persönliches Erleben, Mythologie und Kunst noch mehr als je zuvor und nimmt uns mit auf eine Reise durch verschiedene Welten.

    Ein Plädoyer für die Kunst

    Diese Reise beginnt sofort mit einem Song über Kunst: „Miyazaki“. Der Titel bezieht sich auf den japanischen Filmemacher Hayao Miyazaki, der unter anderem für seine kritische Haltung gegenüber künstlicher Intelligenz in der Kunst bekannt ist. Für Paloma ist das Thema Kunst ohnehin nichts Fremdes, denn sie hat selbst Kunst studiert und schon auf ihren bisherigen Veröffentlichungen stark darauf zurückgegriffen. Musikalisch macht der Song direkt klar, dass Paloma sich auf The Fatal Flaw einiges vorgenommen hat. Treibende Drums verleihen dem Song von Beginn an eine gewisse Dringlichkeit. „Please don’t ever take it from me“ bzw. „I won’t let you take it from me“. Der Refrain wandelt sich von einer Bitte zu Warnung und Widerstand. Es klingt nach dem Versuch, etwas zu bewahren, das für Paloma nicht einfach nur Dekoration, sondern ein elementarer Bestandteil des Menschseins und ein Baustein ihrer Musik ist.

    Nach diesem kraftvollen Auftakt wird es mit „Rothko“ zunächst deutlich ruhiger. Sanfte Gitarren und beinahe gehauchte Vocals lassen den Song verletzlicher wirken, bevor er sich gegen Ende wieder öffnet und vom Sound in Richtung Filmmusik driftet. Nicht umsonst lässt sich Paloma irgendwo zwischen Cinematic und Art Pop verorten, wobei „Rothko“ dabei etwas stärker musikalisch an die Paris Paloma erinnert, die man bereits von früheren Songs kennt. Inhaltlich sieht es anders aus. Dort beschäftigt sie sich mit sehr persönlichen Fragen wie: Habe ich Liebe gefunden? Und habe ich sie überhaupt schon erfahren? Die Liebe ist ein eher neueres Motiv in ihren Songs, was auf diesem Album erstmals richtig Platz findet.

    Liebe, Schmerz und Selbstschutz

    Besonders eindringlich wird das Album bei „Stem The Flow“. Der bereits vorab veröffentlichte Song gehört zu den verletzlichsten Momenten des Albums und beschreibt einen Kreislauf aus Verletzung, Vergebung und immer neuen Chancen. Was anfangs kurz wie ein Liebeslied klingt, entpuppt sich schnell als Beschreibung einer Beziehung, in der Liebe längst einseitig, ja sogar toxisch geworden ist. Der Song beschreibt diese Entwicklung, die vielleicht mehr von uns schon einmal selbst erfahren haben, als uns lieb ist, zuzugeben. Zu Beginn heißt es noch: „It’s not in my nature to forgive bad behaviour except when it’s yours.“ Am Ende steht dagegen: „It’s not in my nature to forgive bad behaviour, especially yours.“ Aus dem Versuch, die andere Person zu verstehen, wird die Erkenntnis, dass man sich selbst schützen muss. „Stem The Flow“ ist im Großen und Ganzen eine musikalisch erzählte Realisation: Manchmal besteht der einzige Weg, den Kreislauf aus Schmerz und Enttäuschung zu beenden, darin, tatsächlich zu gehen.

    Stem The Flow Press Photo

    Mit dem nächsten Song – „The Bleeding Part of Me“ – bleibt Paloma anschließend in dieser verletzlichen Stimmung. Besonders auffällig ist die musikalische Dynamik des Songs: Der vorletzte Refrain wird beinahe geflüstert, bevor der letzte Refrain wieder deutlich größer wird und hinten raus sozusagen noch einmal einen kräftigen Abschluss bildet. Der Song gehört für mich persönlich zwar nicht zu den stärksten des Albums, fügt sich aber gut in den emotionalen Verlauf ein.

    Folglich nimmt „get her the fucking flowers“ wieder etwas Tempo heraus. Der Song ist zurückgenommen und lebt vor allem von leisen Gitarren, sparsamen Drums und Palomas hoher, fast zerbrechlicher Stimme, wobei er mit den lauteren und wütenderen Momenten des Albums gut funktioniert. Paris Paloma muss nicht immer laut sein, um Schmerz spürbar zu machen. Mir persönlich ist der Song allerdings etwas zu ruhig, um zu meinen Favoriten des Albums zu gehören.

    Weiblichkeit als Patchwork

    Mit „Pre-Raphaelite“ wird es wieder ein wenig größer und gleichzeitig düsterer. Der Sound vom Song hat beinahe etwas Spukhaftes und erinnert mich musikalisch stellenweise an die 2000er. Inhaltlich geht es um weibliche Schönheit, aber allerdings nicht aus der Perspektive romantischer oder sexueller Anziehung. Paloma beschreibt sich selbst als eine Art Patchwork aus all den Frauen, denen sie begegnet ist und deren Schönheit sie bewundert hat. Frauen, die sie auf ein Podest gestellt hat, werden zu einzelnen Teilen ihrer eigenen Vorstellung von Weiblichkeit. Dabei dreht sie diese Perspektive auch um: Vielleicht ist jede von uns für eine andere Person genau eine solche Frau. Der Titel verweist dabei auf die Präraffaeliten, eine Künstlergruppe des 19. Jahrhunderts, die sich gegen die damals vorherrschenden idealisierten Darstellungen wandte. Ihre Gemälde zeigten Frauen nicht nur als perfekte Schönheiten, sondern ließen unterschiedliche Facetten von Weiblichkeit zu. Paris Paloma übernimmt dieses Bild und bewundert Schönheit, ohne sie automatisch mit Begehren gleichzusetzen.

    Auch „Good Girl“ beschäftigt sich mit Vorstellungen davon, wie Frauen sein sollen. Der Song beginnt ungewöhnlicherweise mit gesprochenen Worten von ihr selbst. Paloma spricht über Körperbild und Selbstwert, bevor die Musik langsam einsetzt. Im Hintergrund liegt leises Summen, während der Song sich schließlich zu einem ihrer für mich persönlich stärksten Momente auf diesem Album entwickelt.

    Besonders interessant ist auch die Verbindung zu ihrem anderen Song „Good Boy“, der später im Album folgt und den ich unten noch einmal aufgreife. Wo dieser die gesellschaftlichen Erwartungen an Männer thematisiert, stellt „Good Girl“ die weibliche Perspektive daneben. Was darf eine Frau sagen? Wie laut darf sie sein? Wie viel Wut ist erlaubt?

    Mythologie, Männer und Gewalt

    Mit „Pyrrhus (You Go Where I Cannot)“ folgt der mit knapp fünfeinhalb Minuten längste Song des Albums. Wieder beginnt Paloma zurückhaltend mit sanften Gitarren, bevor sich langsam eine größere, fast epische Geschichte entfaltet, die der griechischen Mythologie nachgeht. Im Zentrum steht Deidamia, die Mutter des griechischen Helden Pyrrhus, die hilflos mitansehen muss, wie ihr Sohn in den Krieg zieht und für vermeintliche Werte wie Ruhm und Ehre Gewalt ausübt. Der Song ist aus ihrer Perspektive geschrieben: „Do you hear the screams, Pyrrhus?“ bringt die Verzweiflung auf den Punkt: Wie kann ein Mensch, den man selbst großgezogen hat, zu jemandem werden, dessen Handlungen man nicht mehr versteht? Sie vermisse ihren Sohn und erkenne ihn nicht wieder. Auch hier greift Paloma auf eine alte Geschichte zurück, um etwas sehr Gegenwärtiges zu erzählen. Wieder taucht die Frage auf, wie Gewalt entsteht und wie man mit Menschen umgeht, die sich von den Werten entfernen, die man ihnen mitgeben wollte. 

    Der Song ist für mich besonders stark und geht mir thematisch auch sehr nahe. Die Frage, wie ein Mensch zu dem wird, der er ist, obwohl ihm vielleicht ganz andere Werte vorgelebt wurden, ist eine, die mich selbst schon öfter beschäftigt hat und sie lässt sich heute eben auf weit mehr übertragen als nur auf Gewalt: auf politische Überzeugungen, Ideologien, gesellschaftliche Entwicklungen oder den Umgang miteinander. Obwohl Paloma eine Geschichte aus der griechischen Mythologie erzählt, stellt sie letztlich Fragen, die zeitlos sind und die wir uns angesichts der Welt um uns herum immer wieder stellen müssen. Wie wird aus einem Menschen jemand, den wir irgendwann nicht mehr wiedererkennen? Antwortlos bleiben wir an dieser Stelle zurück und ziehen weiter zum nächsten Song. 

    Silhouette on the Hill Press Photo

    „Silhouette on the Hill“ ist der neunte Song des Albums und einer, den Paloma selbst besonders schätzt. Sie beschreibt darin den Wunsch, für bestimmte Menschen einfach verschwinden zu können. Obwohl sie sich von Personen gelöst hat, die ihr nicht gutgetan haben, fühlt sie sich ihnen gegenüber weiterhin sichtbar. Das Bild der Silhouette auf dem Hügel passt also perfekt dazu, denn sie ist nicht mehr Teil dieser Beziehungen, aber auch noch nicht vollständig aus deren Blickfeld verschwunden. Sie selbst sagt auch, dass sie sich mit diesem Song fühlt wie in einem Western, wo sich eine einsame Figur in der Ferne langsam von etwas entfernt.

    Mythologie, Männer und Gewalt

    Wenn „Good Girl“ die weibliche Perspektive auf Erwartungen und Selbstbild eröffnet, bildet „Good Boy“ dazu das passende Gegenstück. Der Song beginnt mit einem gesprochenen Intro von Emma Thompson (einer britischen Drehbuchautorin, Schauspielerin und Filmproduzentin): „I knew that one day I’d have to watch powerful men burn the world down. I just didn’t expect them to be such losers.“ Darauf folgt Palomas eigenes Lachen, wodurch der Song sofort eine gewisse Prise Spott bekommt. Außerdem befinden sich gegen Ende des Songs bellende Hunde, wodurch auch der Titel des Songs zweideutig wird. Im Song beschreibt sie politische und gesellschaftliche Beobachtungen und das Lied richtet sich gegen Männer, die sich selbst als unabhängige Denker verstehen, tatsächlich aber blind Ideologien und anderen Dingen folgen, ohne zu hinterfragen. So wie ein Hund, eben ein „good boy”. Gerade eine solche Verbindung zwischen vermeintlicher Unabhängigkeit und blindem Folgen finde ich relevanter denn je und teile den Gedanken des Songs sehr.

    Im nächsten Song bleiben wir thematisch bei den Männern. „Beautiful Birds“ ist musikalisch einer meiner persönlichen Favoriten und wirkt deutlich leichter als viele der vorherigen Songs, man könnte sagen, beinahe so schwerelos wie eine Vogelfeder im Wind. Paloma nimmt darin das Paarungsverhalten männlicher Vögel zum Anlass, einen ziemlich einfachen Wunsch an die Männerwelt zu formulieren: Vielleicht könnten sie sich ein Beispiel daran nehmen. Schließlich scheinen Vögel deutlich besser darin zu sein, eine Partnerin für sich zu gewinnen: „And they won’t die alone, they know something that you don’t“ wirkt vielleicht auch etwas amüsant, aber damit hat sie sicherlich recht. Allerdings glaube ich auch, dass in dem Song eine gewisse Traurigkeit und Enttäuschung mitschwingt, denn Paloma belässt es nicht bei einem Vergleich zwischen Mensch und Vogel. „I’ve seen that distant land, that boundless cemetery, the buried hearts of men who died suppressing every need“. Sie singt von Männern, die ihre eigenen Bedürfnisse unterdrückt haben und daran letztlich zugrunde gegangen sind. Für mich richtet sie darin also auch eine Kritik an gesellschaftliche Vorstellungen von Männlichkeit: Vögel müssen sich nicht an ein bestimmtes Bild davon halten, wie sie sich zu verhalten haben, welche Gefühle sie zeigen dürfen oder wie sie mit ihren Bedürfnissen umgehen sollen. Hinter der ach so musikalischen Leichtigkeit vom Song steckt deshalb auch irgendwie eine Enttäuschung. Eine Enttäuschung über eine Gesellschaft, die Männern beibringt, ihre eigenen Bedürfnisse zu begraben, anstatt ihnen zu zeigen, wie sie Nähe und Liebe zulassen können. Für Kritik am Patriarchat und einen Kampf dagegen ist Paloma schließlich ebenfalls textlich bekannt.

    Weinen vor Kunst – A Full Circle Moment

    Der letzte Song des Albums ist „I Cry In Front Of Paintings“, der ebenfalls die letzte Single vor der Veröffentlichung des Albums war. Paloma selbst bezeichnet den Song als emotionalen Höhepunkt des Albums. Nach all der Wut, Verletzlichkeit, Enttäuschung und den Fragen danach, was man eigentlich verdient, kommt hier etwas anderes: Ruhe. Der Song ist textlich der kürzeste und hat damit die längste instrumentale Strecke, die auch sehr melancholisch, friedlich und irgendwie auch hoffnungsvoll klingt. Das Lied handelt davon, Liebe und Sicherheit schließlich dort zu finden, wo man es vielleicht nicht erwartet hätte. Damit schließt sich auch in gewissem Maße der Kreis zu „Rothko“ und der Frage, ob Paloma Liebe überhaupt finden wird.

    I Cry in Front of Paintings Press Photo
    Fazit: nicht viele Antworten, aber die richtigen Fragen 

    Paris Paloma erzählt keine lineare Geschichte, sondern setzt viele kleine nebeneinander und schafft verschiedene Bilder und Perspektiven. Mal bedient sie sich der Mythologie, mal der Kunstgeschichte, mal der Natur und mal sehr persönlicher Erfahrungen, sodass am Ende aber alles Sinn macht. Das Album beginnt mit einem Plädoyer dafür, Kunst zu bewahren, führt durch Schmerz, Wut, Enttäuschung und Selbstzweifel und endet schließlich wieder im Raum der Kunst. Auch am Ende dieser Reise ist der namensgebende „Fatal Flaw“ nicht gefunden, genauso wenig wie Antworten auf all die anderen Fragen, die Paloma aufwirft. Ich glaube allerdings, dass das auch gar nicht der Anspruch des Albums ist. The Fatal Flaw fühlt sich vielmehr wie eine Erkundungstour an und oft liegt der Wert bereits darin, solche Fragen überhaupt zu stellen. Dabei verbindet Paloma ihre Fragen mit großen und teilweise Jahrhunderte alten Geschichten und schafft es gleichzeitig, ihnen eine erstaunliche Gegenwärtigkeit zu verleihen: Wie entstehen Gewalt und gesellschaftliche Rollenbilder? Was passiert, wenn wir Menschen nicht mehr wiedererkennen, die uns einmal nahestanden? Und was sind wir uns selbst eigentlich schuldig?

    Ich selbst finde The Fatal Flaw vor allem textlich, aber auch musikalisch sehr stark und bemerkenswert zeitgemäß.

    Und wenn euch das Album gefällt, könntet ihr Paris Paloma dieses Jahr noch live erleben. Im Winter geht sie auf Europa-Tour und macht im Dezember Halt in München, Frankfurt, Berlin und Hamburg. 

    Fotos: Phoebe Fox

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  • Sziget 2026: So war eine Woche auf der Island Of Freedom

    Sziget 2026: So war eine Woche auf der Island Of Freedom

    Eine Woche mit über 300 000 Besucher:innen auf der Island of Freedom liegt hinter uns – das Sziget Festival ist offiziell vorbei und wir haben vor, euch noch einmal unsere Highlights zu präsentieren, also kommt hier ein kurzer Wrap-up von einer Woche Budapest! 

    Am Dienstag ging’s los mit dem Programm und die ersten Acts standen bereits am Vormittag an. Die größeren Stages haben jedoch immer erst ab 16 Uhr mit dem Programm begonnen, wodurch wir den Vormittag auf der Insel eher selten erlebt haben. Dort ist es generell noch sehr ruhig, da viele Party-People noch am Schlafen sind.

    Die Ruhe vor dem Sturm am Vormittag

    Ankommen

    Zuerst ging es aber los mit der alljährlichen Stempeljagd. Zu Beginn des Festivals bekommt man einen Reisepass als kleinen Festivalguide, in dem man ebenfalls Stempel an verschiedenen Stationen der Insel sammeln kann. Dadurch bekommt man einen guten Überblick über das Gelände und muss kleinere Challenges machen. Für eine vollständig absolvierte Stempeljagd bekommen die ersten 5000 Menschen ein Goodie und dieses Jahr gab es Socken oder einen Beutel.

    Tag 1

    Die Highlights waren definitiv Zara Larsson und Sombr als Headliner des ersten Abends. Beide haben eine sehr coole Show abgeliefert und sich definitiv die Slots auf der Mainstage verdient. Abends ging es dann auf der Revolut Stage weiter mit Dijon, einem meiner liebsten Künstler. Auch seine Show war sehr gut besucht und es war mir ein Fest, ihn wieder live sehen zu dürfen. Zum Abschluss gab es noch eine positive Überraschung: Soft Loft. Die Schweizer Band war live wirklich richtig gut und sie hat mich mit ihrer verträumten Musik ein wenig in ihren Bann gezogen. Um 2 Uhr war dann erstmal Schicht im Schacht! 

    Sombr auf der Mainstage

    Tag 2

    Am Mittwoch startete der Nachmittag mit den Giant Rooks, die ich zum zweiten Mal auf dem Sziget erleben durfte und die sich (verdient) von der Revolut Stage auf die Mainstage katapultiert hatten. Dann ging’s weiter mit Natasha Bedingfield, die tatsächlich nicht auf der Mainstage gespielt hat, was ehrlicherweise ein bisschen fehlbesetzt war. Der Andrang bei so einer Legende mit Songs zum Mitsingen war riesig und ich glaube, ich habe die Revolut Stage noch nie so voll erlebt; trotz der Völle hatten alle aber eine gute Zeit. Ich habe auch noch nie so viele Menschen dort im Publikum mitsingen gehört. Natasha hat wirklich abgeliefert! 

    Die Giant Rooks auf der Mainstage am Nachmittag
    Versammlung vor der Revolut Stage bei Natasha Bedingfield

    Weiter im Programm ging es mit den Twenty One Pilots, Chet Faker und Ashnikko. Es war dieses Jahr alles etwas eng getaktet, hatte ich das Gefühl, sodass wir uns nicht alles anschauen konnten. Normalerweise lief immer ein Act auf der Revolut Stage, nachdem der Headliner auf der Mainstage vorbei war, sodass die Massen immer dorthin geströmt sind. Ich kann mir vorstellen, dass sie, um den Strom etwas zu kontrollieren, dieses Jahr die Acts auf diesen zwei Stages lieber zeitgleich laufen lassen haben, was ich jedoch ein wenig schade fand. 

    Zum späten Abend hin folgte dann ein wenig Heimatfeeling auf der DHL Stage: Ikkimel. Ich würde wahrscheinlich in Berlin niemals zu einem Konzert gehen, weil ich mir die Crowd recht anstrengend vorstelle, aber auf dem Festival hat es schon sehr Bock gemacht, da sich alles gut verteilt hat. Live macht Mama Ikki definitiv sehr gute Stimmung! 

    Da es an Tag 3 früh raus ging, haben wir uns danach vom Gelände begeben, obwohl ich mir den ein oder anderen Act gern noch angeschaut hätte, aber es war einfach viel zu spät. Da wir nicht gecampt haben, darf man auch den Weg zurück in die Stadt nicht unterschätzen, der gern mal eine Stunde dauert.

    Tag 3

    Der frühe Vogel fängt den Wurm – oder besser gesagt einen Interview-Slot. Mehr dazu lest ihr allerdings im Dezember!

    Donnerstag war somit der einzige Tag, an dem wir die Insel schon am frühen Vormittag betreten haben und es war noch sehr leer und ruhig. Wir hatten dann ein wenig Zeit, die Sponsoren auszukundschaften. Zuerst ging es zu Aperol. Dort konnte man ein paar Säckchen werfen und sich bei einem Treffer ein Goodie abholen. Mitgenommen haben wir einen Regenponcho (den wir Gott sei Dank nicht gebraucht haben) und einen Beutel. Weiter ging’s zu Revolut. Neben der Stage gab es einen Stand, wo man sich am System einen Code generieren lassen konnte und mit den Zahlen per Zufall etwas gewinnen konnte. Revolut verlost jedes Jahr sowohl kleine Goodies wie Mini-Ventilatoren oder Handyketten, aber auch VIP-Upgrades, Backstage-Touren oder Sziget-Tickets für 2027.

    Nebenan war zudem ein Stand von Notino (die waren sehr präsent dieses Jahr), wo man sich zwischendurch noch einmal etwas frisch machen konnte. Es gab alles über Haaröl, Sonnencreme, Gesichtswasser etc. und mit dem Dyson Airwrap konnte man sich noch einmal die Frise aufhübschen. Notino hatte noch ein kleines Häuschen auf der Insel, wo man unterschiedliche Challenges absolvieren konnte und am Ende ebenfalls ein kleines Goodie erhalten hat. Dafür hatten wir aber keine Zeit mehr, weil wir viel zu lange für die DHL-Fotobox angestanden haben. An sich eine sehr süße Idee, aber leider war die Kameraqualität wirklich nicht die beste. Als Andenken aber völlig ausreichend.

    Danach hieß es erstmal Päuschen und Ausruhen, bis der erste Act gespielt hat. Ich muss zugeben, wir haben dieses Jahr sehr wenig von den anderen Programmpunkten wahrgenommen, weil wir in den Jahren davor schon viel gemacht haben. Ich würde trotzdem jeder und jedem empfehlen, sich mal eine Dragshow oder eine Zirkusperformance anzuschauen oder sich in der Art Zone kreativ auszuleben und einen Magneten oder eine Postkarte zu gestalten. Es gibt wirklich sehr viele coole Dinge abseits des Programms auf den Bühnen, die einfach auch zum Festival dazugehören.

    Oskar Haag

    Die ersten Acts des Tages am Donnerstag waren dann Oskar Haag auf der Light Stage sowie Paris Paloma und Loyle Carner auf der Mainstage. Loyle kannte ich vorher nicht, aber ich fand ihn sehr, sehr gut und wirklich sympathisch. Alle Artists haben sehr schöne Performances hingelegt. Die Paris Paloma-Fans hatten sich außerdem bereits vorne versammelt für den Headliner: Florence + The Machine. Alle waren sehr süß gekleidet und hatten lange Kleider an und Blumenkronen auf den Köpfen.

    Die Florence + The Machine Fans an der Barrikade

    Vor Florence bescherte uns allerdings Lewis Capaldi noch ein intimes Set an sad Songs. Ich hatte mich sehr auf ihn gefreut, da ich seine Musik liebe und ihn selbst auch sehr unterhaltsam finde. Wer Lewis noch nie live gesehen hat, sollte dies dringend nachholen, denn er ist wirklich ein geborener Entertainer. Außerdem hat er angekündigt, dass er an einem neuen Album arbeitet, und ich bin schon echt gespannt! Summa summarum: Wir haben uns an dem Tag also fast nicht von der Mainstage bewegt mit so einem Banger-Lineup. Eine Performance gab es dann aber doch noch auf der Revolut Stage: Parcels. Die australische Indie-/Elektropop-Band übernahm unser Abendclosing. Ich hätte nicht gedacht, dass sie mich live so abholen würden, aber ich war wirklich begeistert!

    Tag 4

    Dieser Tag startete mit Vorfreude auf den Headliner: Bring Me The Horizon. Ich wusste nicht ganz, was mich erwarten würde, aber ich wusste: Es wird krass. Und das war es auch. Ich bin kein riesiger Rock-Fan, aber ich finde, so eine Kult-Band muss man mal gesehen haben. Sie haben mit Pyrotechnik die Mainstage zerlegt und eine wirklich krasse Show abgeliefert.

    Gut eingeheizt hatte Ski Aggu im Vorfeld, von dem wir jedoch auch nicht das ganze Set durch eine Überschneidung mit BMTH sehen konnten. Weitere deutsche Power erhielt die Revolut Stage dann um 1:30 Uhr dank BUNT. Auf das Set hatte ich mich auch sehr gefreut, war dann aber etwas ernüchtert, da er mehr Techno als alles andere gespielt hat. Ich hatte ehrlicherweise mehr House erwartet. Stimmung war natürlich trotzdem da und die Hütte war voll, aber ich war nicht ganz auf so viel Techno vorbereitet.

    Ski Aggu

    Tag 5

    Last but not least: Tag 5! Ich war zuerst etwas enttäuscht beim Tagesbeginn, weil meine Lieblingskünstlerin abgesagt hatte. Charlotte Cardin hatte sich wohl eine Stimmbandentzündung eingefangen und konnte dadurch nicht performen. Ich glaube, das wäre ein richtig schönes Set geworden, und ich hoffe, dass ich die Chance habe, sie irgendwann anders mal live zu sehen.

    Frauenpower war trotzdem noch im Lineup: Jorja Smith! Auch da muss ich sagen, dass ich kurz enttäuscht war, da sie ihren Auftritt um 20 Minuten verkürzt hatte. Nichtsdestotrotz hat sie eine starke Performance abgeliefert. Die Verkürzung hat dann ausnahmsweise den Überschneidungen geholfen und so konnten wir uns noch ein wenig mehr von Zimmer90 anschauen. Nicht umsonst haben sie in der Vergangenheit bereits ausverkaufte Touren gespielt. Ein sehr cooles Set, muss ich wirklich sagen!

    Und dann war’s auch schon Zeit für den letzten Headliner: The one and only Skrillex. Für mich als EDM-Fan durch und durch natürlich ein krasses Highlight. Wir hatten ihn bereits vorletztes Jahr dort gesehen, allerdings nicht als Headliner, und dieses Jahr hat er wirklich nochmal eins draufgelegt.

    Mainstage Closing

    Nach seiner Show gab es ein fettes Feuerwerk und der Tag endete mit noch mehr EDM für mich, da ich als letztes zur Bolt Stage gegangen bin, um mir noch ein bisschen was von Sub Focus anzuschauen. Zum Abschluss waren wir noch einmal ein wenig auf der Coca-Cola Stage tanzen, wo meist ein buntes Potpourri aus Klassikern gespielt wird, was das ganze Festival abgerundet hat. 

    Fazit

    Ja, und das war’s auch schon. Alles in allem war es wieder ein buntes Festival, wie immer. Ich hatte das Gefühl, dass es dieses Jahr viel entspannter war als die letzten Male. Die Insel war weniger voll und dreckig und die Leute waren um einiges angenehmer als in den Vorjahren. Ich bin gespannt auf das nächste Lineup und würde weiterhin allen einen Besuch auf dem Sziget empfehlen.

    Wer diese Erfahrung mal machen möchte: Es gibt bereits Super-Early-Bird-Tickets für das nächste Jahr, für die man sich auf der Website vom Sziget bis zum 23.08. registrieren kann. Diese werden knapp 300 Euro kosten, was ich für ein 5-Tages-Festival wirklich überaus fair finde. Sziget 2027 wird vom 10. bis 14.08. stattfinden und vielleicht sehen wir uns ja dort!


  • Der ultimative Sziget-Guide 2026: Unsere Tipps für die Insel

    Der ultimative Sziget-Guide 2026: Unsere Tipps für die Insel

    Das Sziget heißt am 10.08.2026 wieder alle Szitizens in Budapest Willkommen. Beim letzten Mal hatten wir ausführlich über das diesjährige Lineup berichtet, aber das Sziget hat neben der Musik noch allerhand zu bieten, das natürlich nicht zu kurz kommen soll. Wer also noch ein paar coole To-Do’s abseits der Crowds sucht: We’ve got you covered – hier kommt der ultimative Sziget-Guide!  

    Das Festival ist nicht nur künstlerisch sehr international aufgestellt, sondern auch die Besucher:innen kommen aus der ganzen Welt. Dadurch entsteht eine super tolle Atmosphäre, in der man mit vielen verschiedenen Menschen aus den spannendsten Kulturen in Kontakt tritt. Daher, dass das Festival mitten in der Stadt beherbergt ist und Budapest als europäische Hauptstadt einen Flughafen besitzt, ist es recht einfach, am Sziget teilzunehmen.

    Anreise

    Für viele europäische Länder gibts neben dem Fliegen allerdings noch die Optionen, den Bus oder Zug zu nehmen. Ich bin die letzten Jahre immer mit dem Direktzug aus Berlin gefahren und muss sagen, dass ich die Fahrt ziemlich entspannt finde und für ca. 50 Euro pro Strecke absolut nichts auszusetzen habe. Für alle aus den Niederlanden bietet das Festival außerdem jedes Jahr den Sziget-Express an, der einen DJ und weiteres Entertainment an Board bietet. Also, wer noch nicht genug Party gemacht hat und aus den Niederlanden kommt oder nach dem Festival dorthin reisen will, der kann hier auf seine Kosten kommen. 

    Green Sziget

    Das Sziget unterstützt klimafreundlichere Anreisen generell und bietet außerdem für alle Fahrradfahrenden ein kostenloses Camping an, wenn man vorweisen kann, dass man mindestens 250 km gefahren ist. Das ist Teil der Green-Sziget-Initiative, die rund um das Festival existiert. Andere Maßnahmen vor Ort sind z.B., dass man sein Zelt nach dem Festival spenden oder auf dem Gelände Müll sammeln kann und im Gegenzug Festivalmerch von den Vorjahren bekommt.

    Apropos Merch

    Vorort gibt es ein großes Merchzelt, wo man jede Menge Festival- und Artistmerch abgreifen kann, so wie bei jedem anderen Festival auch. Wer allerdings ein special Souvenir vom Festival haben möchte, sollte sich ein Basic-Teil seiner/ihrer Wahl (Shirt, Top, Beutel) mit aufs Gelände nehmen und Richtung Aldi hoch ins Delta-District laufen. Dort hat sich eine italienische Festivalcrew angesiedelt und eine Siebdruckstation aufgebaut. Ihr müsst zwar schnell sein, aber dafür ists komplett for free (Spenden Willkommen) und sie haben die letzten Jahre ziemlich coole Motive zur Auswahl gehabt!

    Creative as always

    Daneben ist die Kreativszene auf dem Festivalgelände sehr ausgeprägt und bietet wirklich einiges. Das Sziget ist ein sehr buntes Festival, was sofort auffällt, wenn man die K-Brücke betritt. Als Haupteingang ist sie jedes Jahr mit Fähnchen dekoriert und leuchtet nachts in den verschiedensten Farben. Wenn man aufs Festivalgelände kommt, begegnen einem außerdem einige Walking-Acts, die manchmal spontan auch eine kleine Show parat haben. Weitere schöne bunte Kostüme kann man neben tollen schauspielerischen Leistungen im Magic Mirror bestaunen. Dort werden hauptsächlich Drag-Shows veranstaltet und ich empfehle allen, die gute Unterhaltung suchen, dort einmal vorbei zu gehen. Eine andere Unterhaltungsmöglichkeit ist Stand-up Comedy um 18 Uhr im Joker. Weitere coole Shows gibts im Cirque du Sziget anzuschauen. Auf dem Gelände steht ein Zelt, in dem jeden Tag fünf verschiedene Zirkusshows laufen, die die letzten Jahre wirklich sehr schön waren. Und ein Bonus für alle, die zum Zirkus gehen: im Zelt ist’s klimatisiert! Zu guter Letzt sorgt für kreative Unterhaltung am Abend eine Dronenshow, die nach den Mainacts am Nachthimmel veranstaltet wird.

    Zirkus auf dem Sziget

    Hands on!

    Aber man kann sich nicht nur coole Sachen anschauen, sondern auch selbst kreativ werden. Auf dem Festival gibt es viele Möglichkeiten, um neue Sachen auszuprobieren, zu connecten und etwas über verschiedene Projekte zu erfahren. Das erste, was man machen kann, wenn man die Insel betritt, ist eine Stempeljagd. Alle bekommen am Eingang einen Reisepass, in dem man Stempel von verschiedenen Stationen sammeln muss. Für die Stempel muss man an kleinen Spielen oder Challenges teilnehmen oder ein paar Fragen beantworten. Die Stationen sind auf dem ganzen Gelände verteilt und das ist vor allem für First-time Szitizens schon mal eine super Gelegenheit, die Insel kennenzulernen. Daneben gibt es einen Sziget Fun-Fair, wo man verschiedene Spiele spielen kann, es gibt Diabolos, man kann Jonglieren, “Riesenrad” fahren (es ist wirklich klein, aber sehr niedlich), etc. Außerdem gibt es auch eine Art Zone und verschiedene Workshops auf dem Gelände.

    Los gehts mit dem Programm um 11 Uhr. Bis 15 Uhr bietet euch die Insel Möglichkeiten für Morning Dance, Breaking, Yoga und HipHop. Für alle, die am Zelten sind also super Gelegenheiten in den Tag zu starten und das Festival voll auszukosten! Vor allem, wenn man immer mal eines davon ausprobieren wollte, aber nie die Möglichkeit hatte oder nicht weiß, ob es Spaß macht – ich finde es persönlich sehr cool, dass es diese Angebote auf dem Gelände gibt. Worin man sich auch ausprobieren kann: im Karaoke! Im Norden der Insel hinter dem Delta District kann man sich selbst auf der Bühne beweisen. In den letzten Jahren habe ich hier wirklich schon alles von Metal bis hin zu Weihnachtsliedern gehört – eurer Fantasie und Stimme sind also keine Grenzen gesetzt.


    Wer lieber an etwas stilleren Aktivitäten teilnehmen möchte, kann sich z.B. zum Magic Runway begeben, wo man täglich um 15 Uhr malen, zeichnen und künstlerisch aktiv werden kann, wobei man seine Kunst von einem Drag-Model inspirieren lässt.  

    Eine kurze Verschnaufpause?

    Wer eine Pause braucht, der kann sich in ein paar gemütlichen Ecken des Geländes entspannen. Beliebte Spots sind die Aperol-Lounge neben der The Buzz Stage, wo man in Liegestühlen und Sitzsäcken die Seele baumeln lassen kann, oder die Hängematten auf dem Gelände. Abseits davon kann man natürlich auch in seinem Zelt entspannen. Das Basic Camping hat zwar einen eigenen Bereich auf der Insel, aber das beste im Vergleich zu anderen Festivals ist, dass man theoretisch überall auf der Insel campen kann. Man braucht also keine halbe Stunde Fußweg vom Campingplatz zum ersten Act, wenn man ein paar hundert Meter abseits der Mainstage sein Lager aufgestellt hat. Und wer nie genug von Techno bekommt, der kann auch direkt neben dem Colosseum campen und mit Bass einschlafen und aufwachen! 

    Hat da jemand Sponsoren gesagt?

    Die Acts im Collosseum spielen bis um 5 oder 6 Uhr. Für alle, die nicht dann erst schlafen gehen, sondern lieber etwas früher aufstehen, gibt es natürlich auch schon Programm auf kleineren Stages, und zwar auf denen der Sponsoren. Ohne Sponsis wäre das Festival sicher nicht möglich, also haben diese natürlich Sichtbarkeit vor Ort und bringen die unterschiedlichsten Sachen mit. Einige davon haben eben ihre eigenen Bühnen. Mein Favorit ist dabei definitiv Lipton (not sponsored)! Die Lipton Lounge ist sehr gemütlich, auch da stehen Sitzsäcke und man hat ausreichend Schatten. Dort ist meist am Vormittag schon Betrieb und wenn man Glück hat, kann man sogar ein paar Goodies oder Eistee for free abgreifen. Weitere Stages, auf denen aber eher am Abend etwas los ist, sind die Coca Cola Stage (gutes DJ-Programm) oder die von Don Julio. Bei anderen Sponsoren wiederum kann man an Challenges teilnehmen, am Glücksrad drehen oder Spiele spielen und auch ein paar Sachen abstauben. Zu guter Letzt darf aber der in meinen Augen essentiellste Sponsor des Festivals nicht fehlen: Aldi.

    Wir haben Hunger.

    Ich weiß, dass es auf den meisten Festivals einen Supermarkt gibt, vor allem auf den größeren. Allerdings ist hier besonders, dass der Aldi auch immer gleich die Aldi-Grillzone mitbringt. Kurzer Disclaimer: Ich war noch nie auf anderen internationalen Festivals, daher weiß ich nicht, ob das vielleicht nicht sogar der Standard ist?! Für alle, die aber auch keine Ahnung haben – was ist die Aldi-Grillzone? Dass Festivals oft teuer sind, ist kein Geheimnis. Vor allem natürlich auch Essen auf dem Gelände. Klar gibt es eine sehr große Essensvielfalt und mitunter sehr leckere Dinge, das steht außer Frage. Aber falls man sich nicht jeden Tag etwas gönnen möchte, ist man beim Aldi mehr als gut bedient. Man kann sich im Supermarkt einfach etwas Grillzeug aussuchen (Fleisch, Fisch, Käse, Veggie Optionen auch vorhanden) und draußen wird es dann im Anschluss auf einem Kontaktgrill frisch für dich zubereitet. Soßen gibt’s kostenlos dazu. Ich bin jedenfalls jedes Jahr aufs neue von diesem mega Angebot fasziniert. Und falls es dieses Jahr noch zum Nachtisch wieder Eis im Aldi geben sollte: wow! 

    So, jetzt seid ihr satt, habt gedanced, ein paar Workshops besucht und vielleicht die ein oder anderen Goodies mitgenommen. Das nenne ich doch einen erfolgreichen Festivaltag!

    Was, das klingt alles super cool, aber ihr habt noch kein Ticket? Na dann mal los: 

    Mehr Infos zum Programm und weitere Highlights gibt es auch auf dem offiziellen Sziget-Instagramkanal @szigetoffical. https://www.instagram.com/szigetofficial

  • Die Island of Freedom ruft: Das Sziget-Lineup 2026

    Die Island of Freedom ruft: Das Sziget-Lineup 2026

    Der Sommer kommt und damit auch die Festivalsaison! Einige sind sogar schon vorbei und bei besten Temperaturen über die Bühne gegangen. Mein persönliches Highlight steht dieses Jahr allerdings noch vor der Tür: das Sziget! Vom 10.-15. August kehren einige Weltstars und die sogenannten Szitizens wieder auf die Island of Freedom im Herzen Budapests zurück.  

    Das Sziget geht dieses Jahr in die 34. Runde und hält ein krasses Lineup parat. Mit Main-Acts wie Twenty One Pilots, Florence and The Machine, Lewis Capaldi oder Nothing But Thieves bleiben keine Wünsche übrig. Aber auch auf den anderen Stages erwartet einen eine musikalische Vielfalt. Der Timetable ist endlich da und wir werfen nun einen Blick auf die diesjährigen Acts und Bühnen.

    Blick zur MainStage
    Mainstage

    Abriss auf der Mainstage

    Der erste Headliner der Woche ist Sombr am Dienstag und ich freue mich schon auf entspannte Indie-Vibes zur Eröffnung! Der amerikanische Sänger ist 2022 recht viral gegangen und nun hat es ihn auch auf die Hauptbühne vom Sziget verschlagen und ich bin sehr gespannt, ihn bald live zu erleben. Zara Larsson wird das Abendprogramm auf der Hauptbühne eröffnen und den Slot vor Sombr bespielen. Ihre Shows sind erfahrungsgemäß sehr energiegeladen und verbinden starke Vocals mit Pop-Ästhetik – ich hoffe, dass sie neben ihrer tollen Stimme und einem krassen Outfit auch eine coole Bühnenshow mitbringen wird! 

    Weiter auf der Mainstage gehts am Mittwoch mit Twenty One Pilots, am Donnerstag mit Lewis Capaldi und Florence and The Machine, am Freitag mit Bring Me The Horizon und zu guter letzt schließt das Festival mit Jorja Smith und einem ehrenvollen Closing von Skrillex. Er war vorletztes Jahr bereits auf dem Sziget und hat eine super Show hingelegt und ich freue mich, dass er erneut dabei ist. Dieses Jahr verfolgt das Lineup der Mainstage wieder einen sehr guten musikalischen Mix aus Künstler:innen, die von Rock, Pop, Indie und Electronic alles abdecken. 

    Wie eine kleine Stadt auf der Insel

    Dazu muss man sagen, dass das Festival vor allem abseits der Mainstage besonders vielfältig ist und das Sziget dafür bekannt ist, etwas für jeden Geschmack parat zu haben. Ich finde das Festival persönlich auch jedes Jahr musikalisch sehr gut strukturiert und es erweckt den Eindruck einer kleinen Stadt mit verschiedenen musikalischen Zonen. Direkt hinter der Mainstage gibt es eine große überdachte Bühne (die Revolut Stage), die neben vorrangig großen englischsprachigen Künstler:innen in den späten Abendstunden auch oft Platz für DJs bietet. Dieses Jahr spielen Dort u.a. Dijon am Dienstag, Natasha Bedingfield am Mittwoch, Parcels am Donnerstag, BUNT. am Freitag und Charlotte Cardin am Samstag. Eröffnen darf die Bühne in diesem Jahr am Dienstagnachmittag die schottische Indie-Newcomerin Brooke Combe.

    Aber zurück zu den DJs: Der elektronische Schwerpunkt des Festivals liegt im Delta District. Das besteht aus mehreren Bühnen, darunter das Yettel Colloseum und die Bolt Night Stage. Im Colloseum findet man sich inmitten von Holzbalken und Paletten und kann vorrangig Techno genießen. Namenhafte Künster:innen hier sind z.B. Oskar Med K am Dienstag um 20 Uhr, Swimming Paul am Mittwoch und Dixon am Donnerstag, jeweils um 22:30 Uhr.
    Im Colloseum ist von 16 bis 5 bzw. 6 Uhr morgens etwas los. Auf der Bolt Night Stage gehts (wie der Name vermuten lässt) erst abends ab 22 Uhr los. Die Stage ist ebenfalls überdacht und bietet neben einer guten Akustik auch sehr viel Platz für Party, ähnlich einer Club-Atmosphäre, dieses Jahr mit Sets von Boys Noize am Freitagmorgen um 4 Uhr, Dom Dolla davor im Slot ab 2:30 Uhr, Peggy Gou am Freitagabend, Sub Focus am Samstagabend und Flux Pavillion Sonntagfrüh um 4 Uhr.  Also Wachbleiben ist angesagt!

    Wer weniger auf elektronische Musik setzt, findet auf der The Buzz Stage ein alternatives Programm mit internationalen Indie-, Alternative- und Pop-Acts. Daneben kann man sich gut in der Aperol-Lounge ausruhen, die mit Sitzsäcken und Liegestühlen zum Verweilen einlädt. Internationale Stimmen sind dieses Jahr u.a. Baby Lasagna, Soft Loft, Max Baby, Calle Mambo und KOIKOI, die als erste Band die Stage am Dienstag einnehmen – ich glaube, das schreit nach einer guten Abendbrotspause vor Ort im Sitzsack!

    Ungarn gibt Vollgas und wir sind auch dabei!

    Da das Festival in Budapest heimisch ist, wird natürlich auch die ungarische Musikszene eingebunden. Acts wie Analog Balaton, Beton.Hofi, Elefánt, Ivan & The Parazol oder Makrohang zeigen die lokale musikalische Vielfalt und sind feste Bestandteile des diesjährigen Festivals. Ein prägendes Element des Sziget ist also vor allem die internationale Zusammensetzung des Line-ups. Neben großen globalen Namen legt das Festival traditionell Wert auf eine breite geografische Streuung und auf Artists, die in ihren Heimatländern bereits etabliert sind, international aber eher noch weniger bekannt sind. Das Sziget gibt somit ebenfalls einigen deutschsprachigen Künstler:innen eine Bühe, was ich an sich ziemlich cool finde. Ich meine, Ikkimel in Budapest? Das ist doch wild! Mit dabei sind dieses Jahr außerdem die Giant Rooks, die schon mehrmals auf dem Festival waren und nun endlich die Mainstage bespielen. Außerdem dabei sind u.a. Zimmer90 und Ski Aggu.   

    Das Sziget setzt also nicht nur auf internationale Headliner, sondern integriert gezielt regionale Szenen und gibt ihnen eine große Bühne, was das ganze Programm sehr stark und vielfältig macht. Für mich wird es das vierte Mal auf der Insel sein und ich freue mich wirklich schon wahnsinnig. 

    Wenn ihr nun also auch auf den Geschmack gekommen seid, es gibt noch Festivalpässe:



    Das bisherige Lineup 2026:


    BRING ME THE HORIZON – FLORENCE + THE MACHINE – JORJA SMITH – LEWIS CAPALDI – SKEPTA – SOMBR – TWENTY ONE PILOTS – ZARA LARSSON

    +++

    LOYLE CARNER – ARGY – ASHNIKKO – BBNO$ – BIFFY CLYRO – BOYS NOIZE – BUNT. – CHARLOTTE CARDIN – CHET FAKER – DIJON – DIMENSION – DIXON

    DOM DOLLA – FUNK TRIBU – INDIRA PAGANOTTO – JORIS VOORN – LOYLE CARNER – NATASHA BEDINGFIELD – NIA ARCHIVES – PARCELS

    PEGGY GOU – RICHIE HAWTIN – SARA LANDRY – SIGRID – SOULWAX – SUB FOCUS – TASH SULTANA – TOMORA – TRYM

    UNDERWORLD – VINTAGE CULTURE – WHO MADE WHO (HYBRID SET) – WOLF ALICE – ¥ØU$UK€ ¥UK1MAT$U

    +++

    ALT BLK ERA – 2MANYDJS (DJ SET) – ALT BLK ERA – ALTIN GÜN – ANA FRANGO ELÉTRICO – ANALOG BALATON – ANETHA – ANNA – ANNISOKAY – ANTONY SZMIEREK

    AVRALIZE – BABY LASAGNA – BAD NERVES – BETON.HOFI – BIIA – BLACK COUNTRY, NEW ROAD – BONGOR – BROOKE COMBE – BYEALEX ÉS A SLEPP

    CASSIA – CHADIA – COCO & BREEZY – CURTISY – DEKI ALEM – DE’WAYNE – ELEFÁNT – EVENING ELEPHANTS – FCUKERS

    GIANT ROOKS – GOLDEN HOURS – HAAI – HEALTH – IKKIMEL – IVAN & THE PARAZOL – JAZZY – JOHN COFFEY – KAREN DIÓ

    KIM DRACULA – KISPÁL ÉS A BORZ – KOLIBRI – LAMBRINI GIRLS – LEAP – MAKROHANG – MAJKA – MANUEL – MAX BABY

    MEHRINGER – MISSIO – NAÏKA – NATASCHA POLKÉ – NATION OF LANGUAGE – NIGHT TAPES – OLYMPE – OSKAR MED K

    PAN-POT – PARIS PALOMA – PERTURBATOR – POGÁNY INDULÓ – QUIMBY – ROSE GRAY – ROSSI. – SEF – SIM0NE

    SISI – SKI AGGU – SYLVIE KREUSCH – SWIMMING PAUL – SYREETA – TANKSAPDA – TEEN MORTGAGE – TRIPOLISM – YT – ZEP – ZIMMER90

  • Noah Kahan bringt uns mit „The Great Divide“ vertrauten Folk aus Nordamerika

    Noah Kahan bringt uns mit „The Great Divide“ vertrauten Folk aus Nordamerika

    Nach dem Erfolg von „Stick Season“ ist Noah Kahan zurück mit einem neuen Album und bleibt seinem Folk-Sound bemerkenswert treu. Mit „The Great Divide“ liefert er einen Wiedererkennungswert, statt größer oder lauter zu werden und verarbeitet darin den Bruch zwischen Herkunft, Erfolg und Beziehungen – so ehrlich wie immer. 

    The Great Divide – in der erweiterten Version The Last of the Bugs inklusive der vier Bonustracks „Lighthouse“, „Orbiter“, „Staying Still“ und „A Few Of Your Own“ – fühlt sich weniger wie ein Neustart an, sondern eher wie eine Weiterentwicklung dessen, was Noah Kahan ohnehin schon außergewöhnlich gut kann: Geschichten erzählen, die sich einerseits sehr spezifisch und persönlich, andererseits aber auch universell und sehr relatable anfühlen. Die Mischung scheint genau richtig zu sein und hat seit dem Release unfassbar viele Menschen erreicht.

    In der Ruhe liegt die Kraft

    Was direkt auffällt: Dieses Album nimmt sich Zeit. Viel Zeit. Gerade einmal vier der insgesamt 21 Songs bleiben unter vier Minuten und die Tracks wirken durch ihre Länge wie Gespräche, Erinnerungen oder Gedanken, die sich langsam entfalten dürfen, statt schnell vorbeizuziehen, wodurch das Album etwas Tagebuchartiges mitführt.

    Klanglich bleibt Noah Kahan klar in seiner Komfortzone (die ebenfalls auch meine ist, aka Folk) und das ist natürlich keineswegs negativ gemeint! Eine gute Mischung aus Singer-Songwriter-Melancholie und folkigen Gitarrenklängen machen das Album sofort als typisch Noah Kahan erkennbar. Wer Stick Season mochte, wird sich hier direkt zuhause fühlen. Gleichzeitig hört man aber, dass The Great Divide größer gedacht ist. Produziert von Gabe Simon und Aaron Dessner wirken manche Songs cineastischer, weiter und emotional aufgeladener, wobei der Sound reduziert genug bleibt, um Kahans Storytelling den Raum zu geben, den es verdient hat.

    Home Sweet Home

    Auch thematisch bleibt Noah Kahan dort, wo er am stärksten ist: zu Hause. Oder genauer gesagt: bei der komplizierten Beziehung zu dem Ort, aus dem man kommt. Vermont ist auch auf The Great Divide allgegenwärtig – nicht nur geografisch, sondern emotional. Wetter, Jahreszeiten und Natur werden wie auch auf dem vergangenen Album hier erneut zu Metaphern für mentale Zustände, Beziehungen und Veränderung und gerade diese Bildsprache macht Kahans Musik so besonders. Der Übergang vom Sommer in den Herbst (oder auch in die Stick Season) wird bei ihm nie nur meteorologisch erzählt, sondern steht fast immer für emotionale Verschiebungen, die auf dem Album erzählt werden.

    When The Seasons Change

    Besonders eindrücklich gelingt das direkt im Opener „End of August“. Der Titel sagt schon alles. Der Song fühlt sich an wie die letzten warmen Tage vor einem emotionalen Absturz und beschreibt eine seltsame Mischung aus Nostalgie, Lebendigkeit und unterschwelliger Angst vor dem, was kommt. Die Zeile „The minute that September hits, I’m goin’ off my medicine“ knüpft dabei direkt an Kahans wiederkehrende Auseinandersetzung mit mentaler Gesundheit an. Wie schon auf Stick Season wird der Wechsel der Jahreszeiten zu etwas Beängstigendem und der Übergang in die dunklen Monate wird zum Sinnbild für Isolation, Depression und das Gefühl, sich selbst zu verlieren.

    Relatable Stories To Tell

    Das emotionale Zentrum des Albums bleibt jedoch der Titeltrack „The Great Divide“. Hier verarbeitet Kahan die Distanz zu einem ehemaligen Freund und reflektiert darüber, wie sich Beziehungen über Jahre verändern können, bis irgendwann kaum mehr übrig bleibt als gemeinsame Erinnerungen, die einen verbinden. Besonders schmerzhaft wirkt dabei die Erkenntnis, dass Verbindungen manchmal nicht an einem großen Streit zerbrechen, sondern an kleinen Verschiebungen, Schweigen und Entfremdung. Der Song greift das Gefühl auf, dass man eigentlich nie so richtig weiß, wann Freundschaften vorbei sind, wann ein letztes Mal ein letztes Mal ist und man sich langsam voneinander entfernt und entfremdet. Es ist genau diese Art von emotionaler Ehrlichkeit, die Kahan so stark macht: Er schreibt nie über Schmerz, als hätte er Antworten darauf, sondern lässt seinen Gedanken und Gefühlen freien Lauf.

    Auch „Downfall“ gehört zu den sehr starken Momenten des Albums. Der Song beschreibt die widersprüchliche Erfahrung, jemanden gehen zu lassen, gleichzeitig aber insgeheim zu hoffen, dass diese Person scheitert und zurückkommt. Dieses unangenehme Gefühl von Liebe, Besitzanspruch und Unsicherheit formuliert Kahan unangenehm ehrlich. Statt romantischer Selbstlosigkeit zeigt er vor allem die weniger schönen Seiten emotionaler Bindung.

    Through Other Peoples‘ Eyes

    The Great Divide lebt von Perspektivwechseln. „Porch Light“, geschrieben aus der Perspektive seiner Mutter, gehört zu den emotionalsten Songs der Platte, wobei er hier reflektiert, wie sich Ruhm und Distanz auf die Familie auswirken. Das Porch Light symbolisiert hier den Hoffnungsschimmer, dass Noah zurückkehrt – seine Mutter ist für ihn da und signalisiert, er hat immer einen Platz zuhause.

    „Oh, when my weight left the room, did you take a deep breath?„

    Mit Songs wie „23“ oder „Willing and Able“ bewegt sich Kahan erneut zwischen Nähe und Distanz, Sucht, emotionaler Abhängigkeit und Selbstzweifeln. Immer wieder kreist das Album um dieselbe Kernfrage: Wie hält man Beziehungen aufrecht, wenn sich Menschen verändern oder wenn man selbst nicht mehr genau weiß, wer man geworden ist?

    4/21

    Die vier Bonustracks von The Last of the Bugs fühlen sich dabei keineswegs wie Resteverwertung an. Besonders „Lighthouse“ fügt sich thematisch nahtlos in Kahans Blick auf Heimat und Veränderung ein, während „Orbiter“ eine Liebeserklärungen auf dem Album liefert. „Staying Still“ bringt dagegen eine fast ironische Leichtigkeit hinein, obwohl auch hier Verlustangst und Distanz mitschwingen.

    Noah Kahan Halbportrait

    Das Album ist unterm Strich emotional vielseitig, einige Themen (Heimat, Weggehen, emotionale Entfremdung) wiederholen sich jedoch, stehen aber auch für das Markenzeichen Kahans. Wer also auf eine komplette Neuerfindung nach Stick Season gehofft hat, wird hier nicht auf seine Kosten kommen.

    Aber vielleicht ist genau das der Punkt: The Great Divide will keine musikalische Revolution sein. Stattdessen ist es ein Album über Zwischenräume: zwischen Zuhause und Aufbruch, Vergangenheit und Gegenwart, Nähe und Distanz. Noah Kahan bleibt der Erzähler kleiner, zutiefst menschlicher Gefühle und beweist erneut, dass gerade das Persönliche oft am universellsten wirkt. The Great Divide klingt wie eine lange Autofahrt zurück in eine Heimat, die sich verändert hat – oder vielleicht nur man selbst.


    Fotos: Patrick McCormack

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  • Luca Fogale im Interview: »We’re all nudging this world in a direction«

    Luca Fogale im Interview: »We’re all nudging this world in a direction«

    Nachdem wir uns bereits im Januar intensiv mit der Welt vom Album Challenger beschäftigt haben, ist Luca Fogale mit seinem neuen Material nun auch live in Europa zu erleben. Während seiner aktuellen Tour hat er sich Zeit genommen, um über die Reise hinter dem Album zu sprechen und darüber, wie sich seine Songs auf der Bühne zu einem großen Ganzen zusammensetzen.

    Im Gespräch wird deutlich, wie eng Kunst und Identität bei ihm miteinander verwoben sind und dass Musik für ihn vor allem eines bleibt: ein Ausdruck von Dankbarkeit und ehrlicher Auseinandersetzung mit sich selbst.

    Luca Fogale im Interview

    Thank you so much for coming.

    My pleasure.

    First of all, how are you? How has Europe treated you so far?

    It’s been great, always great. It was my first time in Scandinavia. We had three shows in Scandinavia, and I’ve always wanted to go there. But to be back here in Germany feels really familiar, so I’m having a great time.

    That’s great to hear! So, who have you been listening to a lot lately on the road?

    The record I’ve been listening to the most lately is, it’s an old record, Donny Hathaway – Live At The Bitter End. It’s a live set from the early 70s. And the other album I’ve been listening to is Rosalía’s album Lux. It’s creative beyond belief.

    Do you feel inspired by these albums? Or is there anything else you’re currently inspired by, musically or beyond?

    I’m mostly in awe of these albums. When I listen to music, I’m usually just a fan. So I don’t listen to a lot of music in my genre. The music I make sort of just feels like it – it doesn’t really get influenced by anything, it’s sort of just my music in a strange way, if that makes sense.

    Yes, it does.

    People are always surprised by what music I listen to because I don’t listen to, you know, I get called indie-folk or contemporary, and I don’t listen to that kind of music (laughs).

    Any particular reason why you don’t listen to this kind of music?

    I don’t think so (laughs).

    Luca Fogale. Foto: Brandon Artis.

    Speaking of music, you released some new music at the beginning of this year. Congratulations, first of all, it’s a very beautiful collection of songs. The title track Challenger had been with you for about five years – what made it take so long to release? And at what point did you feel the song was finally finished and that this album was the right place for it?

    The older I get, the closer I got to what the idea represented for me, which was someone who is deconstructing themself, sort of taking a step back from who they are and wondering what it was that made them that way, you know, wondering what shapes us into the people that we are. And thinking about what we want to leave behind and what we want to carry forward.

    And so, the older I get, the more I think about how I show up in this world, what I contribute to it, and how much influence I can have over that, how much care I can have over that. I feel like we’re all nudging this world in a direction, every one of us has their own little tiny influence on it and so I am thinking a lot about my place in this world. I think it’s just a symptom of getting older and wanting not to get caught in patterns that aren’t serving myself or anyone else.

    So with getting older, this realization came and you felt like the track found its place?

    Yeah, absolutely.

    „It feels purposeful“

    Talking about finding your place, finding who you are – you seem like a very calm and grounded person in conversation. Do you think that translates into your songs? Or would you say your artistic expression is different from how you come across as a person?

    Well, I think that music occupies a large part of my life and also a large part of my identity. Obviously, I am a person outside of my music, but I’ve noticed the longer I spend in this career, the more fused my identity is with my music.

    So, when I think of myself – what do I think of when I think of myself? I think about music, mostly. But of course I have my bad days. I think I am becoming more one thing with this project in an interesting way. I’ve heard it recommended a few times that being a professional in the arts – you want to separate yourself from your art so that no matter how another person feels about what you do, it doesn’t have to represent everything that you are, it doesn’t have to impact your identity.

    Not on purpose, but I’ve gone the other direction, and I’ve gotten so close to who I am in a song, who I am on stage. And getting closer to that, it does feel a little bit vulnerable. There is less room for error, I think.

    So I think that the way I am in life and the way I am in music are quite close in that sense. It’s a product of spending so much time thinking about all these songs and about these shows. And also recognizing the gift I am given by having people’s attention, which is so special and so sacred. So I am wanting to honor that by paying really close attention. There is a lot to think about, obviously, but it feels good, it feels purposeful.

    I can see how it’s difficult to keep these two apart, but I think it’s important that you’re not one hundred percent the same because that is impossible.

    Your whole life would be a performance, yes.

    Besides the calmness – are there other states or emotions that you bring into your songs or that you find yourself returning to in your songwriting?

    I think I am trying to reflect gratitude and hope more lately. It also feels real and honest to represent anger and hurt and frustration, kind of the full spectrum of who we are as people. I am trying to lean further into – and I talk about this in the show – sort of the brighter emotions in life. I don’t see myself ever making an album of songs that feel purely positive because I don’t expect, but I also don’t want my life to be that way. I feel like the spectrum is getting a bit more dynamic.

    „It’s so beautiful to share something with people“

    That is sort of where my next question comes in…

    These are excellent questions, by the way!

    Thank you so much. So, comparing Challenger and Run Where The Light Calls, what would you say has changed or evolved in your sound or perspective? Does that have to do with what you just said – the spectrum getting broader?

    Yeah, I think so. RWTLC felt or feels a bit more lost, a bit more desperate.

    I feel like I am slowly becoming more confident in expressing the ideas that I have. I’ve spent a lot of my writing expressing questions. There are a lot of open-ended questions in my music that I don’t think ever conclude, but I am finding more answers in songs now, which in some ways are answers to the questions I used to have, too.

    Challenger feels more of a complete thought, a bit of a closed loop. When I finished writing it, I had the lyrics in my notebook, and when I looked at all of them, it felt like it made sense as a story. And that was really special. So I think that’s where they’re different. RWTLC feels a lot more open-ended. Challenger is a loop that’s closed, it’s circular.

    That’s what it felt like to me too when I listened to it. So now you’re performing the album live for the first time, and yesterday was the first show with a band. Is there a reason why you’re bringing a band now? How does touring and being on stage with a band differ from performing solo for you?

    They are very, very different. So I’ve fallen in love with touring with these guys and the band. It’s so much more restorative and energizing to be able to share everything with other people, in the same way as friendships, family, and relationships. It’s so beautiful to share something with people. And that’s what we do here, too. 

    There is always gonna be a part of me that wants to tour solo because it’s such a different experience. Being one with an audience – that’s all that the show is. It’s sort of one dialogue. Having these shows in Scandinavia solo reminded me of that. We did some small album listening shows in Vancouver, and it was really cool, really emotional, and very special.

    In the most simple way, it feels like a one-on-one conversation with an audience. Everyone is an individual in the audience. For me, here with the band show, it feels like we are all in the same room together. It feels like a collective experience versus the individual experience. This I could do forever with the band. I could go all year. There is a certain amount of solo touring that I can do before I get a bit too far into myself, I sort of start to collapse. Because I am not just alone on the stage, I’ll be alone in the hotel, on the drives. So it’s a big shift to have company – the best company – here.

    So in the most simple sense, it’s an individual experience versus a collective experience, which is why this can feel so sustainable.I love traveling the world with these guys, it’s so amazing.

    Luca Fogale. Foto: Raunie Baker

    Also, when you’re on stage with a band, your songs are closer to what they are on the album than when you perform solo. So far, we heard an alternate version of “Horizon” – can we expect more alternate or acoustic versions of your songs from Challenger in the future?

    Yes. Thanks for asking.

    Do you think your relationship to performing live has changed over time with the albums or in general?

    It must have. That is a great question.

    I think so. I feel like singer-songwriter music is inherently honest because it’s just one person singing. Nothing to hide behind. I think the music is the music, and that’s one thing. I play the songs that I’ve written, and I feel more and more comfortable playing them.

    But I think the dialogue has changed a lot – what I say in between songs. I think about that just as much as I think about the songs because I want it to feel like a holistic experience.

    Like I really love film, I love theater. And mostly what I love about that is that there is typically an unbroken line of a story. I think what I used to do at shows was try to lighten things up in between songs, lighten the mood and take the tension off if I thought I was falling too deep into the melancholy of the songs.

    Whereas now, because of my catalogue changing a bit, I don’t ever want someone to be pulled out of the experience of the music. So when I think about the show now, I think about how far can we go together? I think it’s important to be expressing oneself to an audience in between the songs, I think it’s a very important part. But my fear is that I don’t want to lose anybody.

    Let’s say someone drops a bottle, the audience gets pulled out of the show. What I want is – well, you have to be in the film. Like you’re really watching it and you never feel as though the line gets broken. So in a perfect world, there’d be staging and more lighting; sort of what we do in North America with bigger shows. Obviously, we have to take a smaller version here. But to give the audience that unbroken experience of one story. That is what I am trying to build. I am trying to take care of the songs and the dialogue in a way that it feels as though they are one piece.

    Because musicians are always storytellers, right?

    For sure.

    Where would you want to tell your story then? Is there a venue or festival you would particularly love to play at one day?

    I don’t think so. I am happy about everything. I love it all.

    And the last question – if you weren’t making music today, what do you think you would be doing instead?

    I think about that a lot. First of all, if I wasn’t playing music, I would find another way to express the same ideas. I always thought of writing as very pure. Any kind of authorship, writing a novel or something. But if I wasn’t working in music, I think I would want a job that was outside. I fantasize about being an arborist. Yes, something outdoors. I think I am understanding how special it is to be outside a lot. So I am trying to do that more regularly, but I spend a lot of time indoors with music. In the studios, writing at home, touring – you’re in a van, you’re in a hotel, or in a theater. Always inside. And I think the opposite is attractive to me.

    Well, thank you so much for taking the time.

    These were wonderful questions.

    Thank you again. Very kind. I am super excited for the show, and it was lovely to meet you.

    Hier könnt ihr „Challenger“ von Luca Fogale hören:

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    Fotos: Raunie Baker, Brandon Artis