Schlagwort: Hiphop

  • Von „vergiss mich nicht zu schnell“ bis „neue Ufer“ mit Levin Liam

    Levin Liam ist noch! der „most underrated“ Artist der aktuellen Stunde. Doch die Anzeichen verdichten sich, dass dieser Stern ganz bald ganz groß über unseren Köpfen glitzern wird. Ein Feature mit Trettmann, ein angefragtes Feature von Mark Forster und die aktuelle Zusammenarbeit mit dem größten deutschen Produzenten Duo Miksu & Macloud beweisen das. Doch bevor wir über das aktuelle Projekt „neue Ufer“ sprechen, fangen wir weiter vorne bei der EP an, die Levin Liam rasant in mein nicht ganz leicht zu erreichendes Musikherz schoss.

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    „Vergiss mich nicht zu schnell“ heißt die 2022 erschienene EP des in Hamburg wohnenden Rappers, Sängers und Produzenten. Nach einigen englischsprachigen Singles unter dem Künstlernamen Liam Levin erscheinen 2022 die ersten Tracks auf Deutsch. Dieses Mal als Levin Liam. „Keine Geduld“, „Heim“ oder „Ich Hab Dich“ zeigen bereits sein Potenzial für besondere Momente. So richtig tief in den emotionalen Nerv stechen allerdings erst die Singles der zuvor genannten EP. „gleich“ ist so unfassbar gefühlvoll, dass die Lobeshymne in Form eines eigenen Absatzes kommt.

    In Wellen rauscht das Intro von „gleich“ langsam in die Ohren, ehe die leicht schüchterne, leicht zerbrechliche Stimme Levin Liams die ersten Zeilen nuschelt:

    „Ich guck’ dir von weitem zu und seh‘ du machst Fortschritt
    Und ich frag mich wie es wohl ist, wenn du fort bist“

    Diese Wortes sind ebenso schön wie clever, denn sie sind die inhaltliche Essenz, um die der gesamte Song kreist. Mit dem Pre-Chorus wird die Stimme bestimmter und die Position des lyrischen Ichs klarer: 

    „Ich will dir mehr von den Lichtern zeigen
    Ich will, dass wir für immer so nüchtern bleiben
    Sag mir, dass du niemals an den Lichtern zweifelst
    Und wir beide zusammen Geschichte schreiben“

    Eine vielsagende Kunstpause bis der Refrain langsam warmes Wasser über unsere verspannten Rücken laufen lässt. Die hauchzarte Stimme singt in einen großen Raum voll Intimität ohne nach mehr als einem zurückhaltenden Klavier zu verlangen. Und doch ebnen sich die Background Vocals ebenso wie der im zweiten Teil des Refrains einsetzende Beat unaufdringlich ein. Es ist wirklich ganz große Kunst wie der Song sich im weiteren Verlauf um den Gesang und das Klavier herum entwickelt. Jedes Element wirkt authentisch und organisch, obwohl der Song auch ganz minimalistisch die volle Gefühlswelt entfalten würde. 

    Während „gleich“ zusammen mit „outro (wenn du hier bist)“ die EP einfühlsam schließen,  leitet „intro (vergiss mich nicht zu schnell)“ das Projekt bittersüß ein. Ein gefiltertes Sample, eine Gitarre und seichte Keys leiten unsere sensiblen Öhrchen sanft in den 1:34 Minuten langen Einstieg der Platte, der lyrisch direkt seinen vollen Zauber entfaltet. Authentisch einfache Worte beschreiben bekannte Bilder und Gefühle, während dumpfe Klänge beruhigend die Stimme umarmen und jeden Teil unserer jemals verletzten Seele trösten.

    „Ich glaub, du kennst mich mittlerweile
    Ich kann lieben, dass es einen überrollt
    Und ich glaub, ich mach da manchmal fehler bei
    Weil ich denk, das kommt alles schon wies soll
    Ich war nie der typ, der sich viel prügelt und das weisst du auch
    Doch für dich nehm ich nen mittelgrossen streit in kauf“

    Auf „finde mich“ säuselt Levin Liam hauchdünn über einen Beat nach Spezialrezept. Warme analoge Keys, ein gefiltertes Sample, dumpfe sphärische Sounds, organische Drums, summende Backing Vocals und das Essen ist angerichtet. Produzent Cato macht erneut alles richtig dabei Levin Liams charakteristische Stimme nuanciert herauszuarbeiten und Bildern wie „Ich rede viel, doch denke zehn mal so viel mindestens“ oder  „Wer nicht im Stau stehen will, der darf auch nicht ins Auto steigen“ Farbe zu verleihen.

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    Mein Highlight ist Lied sieben: „graues papier“. Das gedämpfte Klavier pulsiert erwartungsvoll, ehe unsere neue Lieblingsstimme die Gedanken auf dem grauen Papier mit uns teilt. Der Track ebnet sich stilvoll ein in die Klangästhetik der EP und überrascht mit einer Jersey Kick, die seit Lil Uzi Verts „I Just Wanna Rock“ auf jedem deutschen und amerikanischen Hip Hop Album mindestens 3 Mal auftaucht. Die größere und spannendere Überraschung ist dann aber der Beat Switch, der den Song in gesteigertem Tempo in einen Sad Club Banger verwandelt. Cato beweist, dass er gefühlvolle Atmosphäre genauso gut kann wie tanzbare Club Hits.

    Levin Liam und Cato treten auf „Vergiss mich nicht zu schnell“ in eine besondere Synergie, die die Stärken beider glänzen lässt. Der größte Schwachpunkt dieses Projekt ist, dass es nur knapp 25 Minuten lang ist. Die Stimmungen jedoch sind unbeschreiblich und bedingungslos schön. Während Levin Liam stimmlich wie textlich sein volles Potenzial ausschöpft, gilt gleiches für die durchdachten und treffsicheren Produktionen Catos.

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    Resultat dieser fruchtvollen Zusammenarbeit ist die kürzlich erschienene EP „neue Ufer“ mit Produzenten-Team Miksu & Macloud. Insbesondere die Singles „Mann vom Fach“ und „so. k.o.“ featuring Jeremias beweisen Levin Liams Gespür für eingängige Melodien und lyrische Bilder, während Miksu & Macloud sich selbst und der Welt beweisen auch mit Indie-Produktionen den Zeitgeist des deutschen Hop Hops zu treffen. Das Duo hat sich einen Status erarbeitet, der ihnen musikalische Flexibilität erlaubt. Profiteure sind spannende upcoming Artists wie Levin Liam, dessen Stimme bald die Playlisten, das Radio und alle Festivals prägen wird.

    Gradmesser Levin Liams Entwicklung wird für mich dennoch immer „vergiss mich nicht zu schnell“ bleiben. Durch den musikalischen Feinschliff Catos erschafft der vielseitige Künstler schöne Geschichten mit viel Raum für eigene Gedanken. 

    Vergesst diese EP nicht zu schnell!

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  • Nicht verpassen: Peat geht mit seinem Album „WEICH“ auf Tour

    Nicht verpassen: Peat geht mit seinem Album „WEICH“ auf Tour

    Es gibt immer wieder Albumreleases, die nicht die Aufmerksamkeit bekommen, die sie eigentlich verdienen. Nichts anderes als eine kleine Sensation ist das im Juni erschienene Album „WEICH“ des Wahlberliner Musikers Peat. Besser spät als nie, möchte ich euch jetzt davon berichten und dem Jahresrückblick ein Highlight aus 2023 vorziehen. Aber das ist noch nicht alles: Peat hat letzte Woche schon wieder eine neue Single veröffentlicht. Diese trägt den Titel „Der September ist noch nicht vorbei“. Außerdem geht er nächste Woche auf Tour.


    Mitte Juni sitze ich im ICE nach Hamburg. Also – ich sitze, aber nicht auf einem Platz, sondern auf der Stufenkante der Schiebetür. Aus der Zugtoilette hustet es. Die Tür geht auf, ein Schwall kalter Rauch zieht in den Gang. Ein Kind schreit und tröstet sich mit einem braun gewordenen Apfelschnitz, der mutmaßliche Vater findet Trost in einem kräftigen Schluck aus seiner Bierflasche. So weit, so scheiße, scrolle ich durch meine Playlists – nichts. Nichts, was mich hier rausholen kann.

    Dann finde ich Peat und sein vor ein paar Stunden releastes Album „WEICH“, ein purer Zufall. Es wird das erste von vielen Malen sein, dass ich beim Song „IRGENDWANN WIRD ALLES“ Play drücke und „AM ENDE“ noch so vieles nicht verstanden habe. Es sind vor allem die Texte, die mühelos die gesamte Aufmerksamkeit ihres Publikums aufsaugen. Sie sind so schonungslos und ehrlich, dass Weghören manchmal die gesündere Option für den Seelenfrieden zu sein scheint. Erwachsene Vernunft hat hier aber keine Chance. „WEICH“ ist das Chaos jugendlicher Gefühle, das Chaos des Internets der 2000er und die säuerliche Essenz dessen, was daran und darin damals unheimlich sein konnte.

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    Songs wie „MR. RATTENSAU“ oder „DER SCHRECKEN“ lassen uns die Coming-Of-Age-Episode des Lebens einerseits körperlich nachempfinden – bei den wirklich verstörenden Schilderungen andererseits nur als schockierte Gaffer zurück. Dabei ist auch auf „WEICH“ nicht alles apokalyptisch und dem Tode geweiht. Das Album hat nicht selten hoffnungsvolle Momente, wie im sehnsüchtigen Warten des Songs „ZURÜCK“ oder im letzten Stück „AM ENDE“ mit erfreulichen Aussichten: „Alles wird gut, solang‘ ich bei dir bin.“

    Die Produktion der Platte ist außerdem bemerkenswert gut. Peat macht alles selbst. Sie ist vielschichtig, komplex und überrascht in nahezu jedem Track mit unerwarteten Wendungen. Akustische Drums und Balkan-Beats. Gitarrensoli und tiefe, sägende Synthesizer. Klavierballaden, ab und zu eine kleine Überdosis Autotune und über allem schwebt irgendwie „Where Is My Mind“ von den Pixies. Am Ende dieses Albums eine wirklich gute Frage.


    Auf die WEICHe Tour

    In der neu erschienenen Single „Der September ist noch nicht vorbei“, dass uns bei früherem Release vielleicht einige Green Day-Alben erspart hätte ;), resümiert Peat: „Ich hab‘ mich echt so gut ich kann abgemüht, doch bis hierhin war das Ganze ja nicht so gut.“ Naja, so bescheiden muss er nun wirklich nicht sein. „Der Oktober bringt mir nur Skelette“ könnte hingegen stimmen, wenn er sein Publikum auf den Oktober-Tourdates ordentlich grillt. Ich mache mich jedenfalls auf alles gefasst.

    Zum Schluss möchte ich allen von Herzen empfehlen, diese Shows in Deutschland und Österreich zu besuchen. Da steckt viel Arbeit drin, die honoriert werden will.

    Peat-Weich-Hip-Hop-Rap-Tour-Konzert-untold-concert-untoldency

    Erwischen könnt ihr Peat und seine Crew hier:


    17.10. Köln – MTC (mit Taby Pilgrim und Thizzy)
    22.10. Hamburg – Häkken (mit Juno 030)
    29.10. Wien – B72 (mit Taby Pilgrim)
    02.11. Berlin – Schokoladen (mit PSASSA)

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    Fotocredit: Jan Neumann, Enlight

  • Mavi Phoenix im Interview: „»Marlon« ist frech, erfinderisch aber trotzdem irgendwie klassisch“

    Mavi Phoenix im Interview: „»Marlon« ist frech, erfinderisch aber trotzdem irgendwie klassisch“

    Marlon ist nicht nur Mavi Phoenix‘ bürgerlicher Name, sondern nun auch der Titel seines zweiten Studioalbums. Passend zum Release, durfte ich (Lara) mit Marlon, über Marlon sprechen, was am 25.02.2022 erschienen ist.

    Musikalisch bewegt sich Mavi Phoenix zwischen Lo-Fi-Pop, Trap und modernem R&B. Ausserdem finden sich auf seinem neuesten Release Gitarrensounds wieder. Nach dem Coming Out als Transmann und der Veröffentlichung seines Debütalbums „Boys Toys“ verabschiedete sich Marlon Nader 2020 von Social Media, nahm eine Auszeit und widmete sich seiner persönlichen sowie musikalischen Transition.

    In wie fern Mavi Phoenix seinen neuen Gitarrensound seinem Vater zu verdanken hat, wie der Albumprozess bei Marlon ablief und was seine persönlichen Lieblinge der Platte sind, könnt ihr jetzt hier im Interview lesen.


    Interview mit Mavi Phoenix

    Lara: Hallo Marlon, schön dass das geklappt hat. Du steckst ja aktuell mitten in der Promophase. Zum Einstieg frage ich dich erstmal, was du heute schon so gemacht hast.

    Mavi Phoenix: Ich war heute tatsächlich schon bei einem Interview, mal wieder Face to Face, in einem Cafe, für ein österreichisches Magazin. 

    Lara: Face to Face ist ja auch mal wieder ganz nice. Wie geht es dir? In 2 Wochen ist es soweit, dann kommt dein zweites Album Marlon raus. Wie geht es dir, so kurz vor dem Release? 

    Mavi Phoenix: Ja eigentlich ganz gut! Ich freue mich echt mega auf’s Album und ich realisiere auch gerade eigentlich erst, dass es bald wirklich rauskommt. Ich freue mich einfach wirklich sehr und auch, dass es danach dann auch endlich weitergehen kann.

    Lara: Das kann ich gut nachvollziehen. Unterscheidet sich der Release von Marlon zu dem von Boystoys

    Mavi Phoenix: Ich glaube, ich bin tatsächlich ein bisschen entspannter. Wahrscheinlich auch, weil ich voll an das Album glaube. Ich habe das Gefühl, dass es ein gutes Album geworden ist und freue mich einfach. Natürlich ist mir auch voll wichtig, was die Leute dann damit machen und wie sie es finden, aber ich bin da ziemlich gefestigt und denke schon, dass es den Leuten gefallen wird. Hoffentlich.(lacht)

    Lara: Also ich hab natürlich schon mal etwas reingehört und ich bin mir ziemlich sicher, dass es den Leuten gefallen wird. Weisst du schon, wie du den Release feiern wirst? 

    Mavi Phoenix: Jaa, ich werde in Berlin tatsächlich meine erste Releaseparty überhaupt machen! Beim letzten Album war da ja der erste Lockdown und da kam dann leider nichts zu Stande. Jetzt ist es natürlich auch irgendwie blöd mit Corona, aber wir werden dann hoffentlich mit 2G+ vielleicht auch mal ein Bisschen den Release feiern können.

    Lara: Nice, muss ja auch mal wieder sein. Jetzt back zum Album; wie lief der Albumprozess ab und wann hast du angefangen, die ersten Songs für Marlon zu schreiben?

    Mavi Phoenix: Bei mir ist es eigentlich so, dass ich ständig schreibe. Es ist nicht so, dass ich mir denke „jetzt habe ich das eine Album fertig und jetzt mache ich eine Pause“ sondern ich mache das natürlich voll gerne und es hat für mich auch irgendwie etwas therapierendes dabei. Ich brauche das Musik machen auch einfach irgendwie und deshalb mache ich echt ständig Musik. Nach Boystoys gab es dann ein paar Monate in denen ich auch Musik gemacht habe, aber davon ist dann zum Beispiel auch nichts auf dem Album gelandet. Da war ich dann auch kind of in einer Findungsphase um zu schauen, was mir überhaupt gefällt, zu schauen was ich in Zukunft machen möchte und um mich auszuprobieren.

    Irgendwann hat es klick gemacht

    Dann ist es aber auch eigentlich ganz schnell gegangen! Ich habe meine Gitarre gepackt, neu herumexperimentiert und auch wieder selbst produziert. Dazu hat sich auch noch meine Stimme verändert und dann hat einfach alles voll schön zusammengepasst! Richtig entstanden ist das ganze Album dann also zwischen Sommer 2020 bis Sommer 2021.

    Irgendwann hat es dann wie klick gemacht. Ich muss dazu sagen, dass ich zu der Zeit auch von den Demos her einen echt krassen Output hatte. Wir haben auch sicher die Hälfte der Songs weggehauen, die dann nicht aufs Album gepasst haben. Es war dann auf jeden Fall genug Output dabei, dass es für ein Album gereicht hat (lacht).

    Lara: Ja, verstehe ich auf jeden Fall voll. Next Question: Du hast einige unterschiedliche Sounds auf Marlon, unter anderem die Gitarre. Gitarren waren ja vorher nicht so typical Mavi Phoenix. Wie kam es dazu?

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    Albumcover Boys Toys

    Mavi Phoenix: Ja true! Auf Boys Toys gibt es den Song Family, da habe ich das erste mal Gitarren etwas in meine Musik einfliessen lassen. Also da gab es schon so erste Anzeichen dafür, dass, es mich reizen würde, aber dann bei dem Album Marlon habe ich es dann tatsächlich so als mein neues Instrument entdeckt.

    Lara: Ich finde auch, dass es auf jeden Fall stimmig ist und total gut zu allem passt. Was hat dich denn letztendlich zur Gitarre gebracht?

    Mavi Phoenix: Es war so, dass mein Papa mir die Gitarre geschenkt hat, als ich 15 war. Die steht auch tatsächlich gerade neben mir! Die ist eigentlich wirklich Jahrelang in Linz in meinem Elternhaus verstaubt. Irgendwann habe ich die dann einfach mal hergeholt. Durch die Hormontherapie habe ich dann auch gemerkt, dass sich die Stimme verändert und ich die Töne die ich vorher erreicht habe, jetzt nicht mehr erreichen kann. Und irgendwie hat die Gitarre für mich dann so etwas neues aufgetan, auch beim Musik schreiben.
    Ich schreibe ja wirklich schon lange Musik, aber irgendwie hatte ich dann durch die Gitarre plötzlich auch einen ganz anderen Blickwinkel gesehen, weil du mit der Gitarre eben auf ganz andere Melodien kommst. Das hat mir was das Album betrifft echt einige Türen geöffnet und das Album zeigt glaube ich, auch einfach voll dieser Moment, als ich die Gitarre und dadurch auch mich neu entdeckt habe.
    Deswegen klingt es glaube ich auch glaube ich so fresh, im Sinne von innocent und neu an.

    Lara: Was für eine schöne Story dahinter! 

    Mavi Phoenix: Jaa, vor allem wollte ich früher auch die in den Gitarrenunterricht gehen! (lacht)

    Lara: Das fühle ich.  Jetzt zur nächsten Frage: Hast du einen Lieblingstrack auf dem Album?

    Mavi Phoenix: Boah, schwer zu sagen. Natürlich mag ich eh alle Tracks, aber meine aktuellen Favoriten sind aber glaube ich trotzdem gerade Nothing good und So Happy I’m Useless.

    Lara: Und wie kommt’s?

    Mavie Phoenix: Bei Nothing good ist es glaube ich so, dass ich das auch mega feiern würde, wenn den jemand anderes gemacht hätte. Ich hab mir bei dem Track halt auch nicht so viel bei gedacht und ich finde das merkt man auch. Ich finde ihn frech und es kommt einfach so natürlich heraus. Da hatte ich auch einen Moment, wo ich dann mit der Gitarre ein Riff entdeckt habe und rumexperimentiert habe. Und es war auch einer der ersten Tracks, den ich überhaupt ganz mit Gitarre geschrieben habe.

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    Lara: Jetzt zu einem leider unvermeidbaren Thema: Die Pandemie. Welche Einflüsse hatte diese auf den Albumprozess?

    Mavi Phoenix: Wäre die Pandemie nicht dazwischen gekommen, wäre ich eigentlich auf Boys Toys Tour gegangen, was sicher auch mega nice gewesen wäre. Durch die Pandemie war das Musikmachen meine Prio. Das war dann in sofern nice, dass ich dann wirklich die Zeit hatte, mich neu zu erfinden und halt neue Sachen auszuprobieren. Aber to be honest, jetzt wäre es auch mal nice, wenn die Pandemie ein Ende findet. (Lacht)

    Lara: Mit welchen Worten würdest du dein Album Marlon beschreiben?

    Mavi Phoenix: Hm, ich würde auf jeden Fall sagen, irgendwo frech, erfinderisch, aber trotzdem irgendwie auch klassisch. Einfach, weil ich einen Mix aus all dem drauf habe.

    Lara: Und passend zur vorherigen Frage; mit welchen Worten würdest du dich, Marlon beschreiben?

    Mavi Phoenix: Ich würde sage, ich bin kreativ, aber auch nervös (lacht) und ich glaub ich hab einfach Lust aufs Leben? Lebenslustig? Wenn man das so sagen kann.

    Lara: Bevor wir zum Ende kommen, interessiert es mich, wie es in naher Zukunft bei dir ausschaut. Bist du froh, dass jetzt erstmal alles done ist, oder magst du dich am liebsten gleich ins nächste Projekt stürzen?

    Mavi Phoenix: Ich bin froh, dass es jetzt done ist, aber vor allem auch, weil das jetzt abgeschlossen ist und jetzt wieder neu starten kann. Bei jedem Album fängt man halt bei Null an. Also zumindest ist es bei mir so, dass ich dann nicht nochmal Sachen aufgreife, die ich gemacht habe, sondern ich versuche immer etwas neues machen. Aber nicht mit dem Gedanken, „uh, das muss jetzt neu sein!“ Sondern eigentlich entsteht das voll natürlich. Wenn ich jetzt zum Beispiel einen Song machen würde, der klingt, als würde er auf das Marlon Album passen, fände ich das wahrscheinlich sehr fade.
    Aber ich bin wie gesagt schon froh, dass es done ist, ich werde mir bald auch mal etwas Urlaub gönnen und dann kann es weitergehen (lacht).

    Lara: Alright!  Damit sind wir auch schon am Ende. Unsere Schlussfrage richtet sich ein bisschen nach unserem Konzept bei Untoldency und fragt nach einer untold story. Kannst du uns da was erzählen, was du so vorher noch nie in einem Interview erzählt hast? Das kann eine kleine Anekdote sein, gerne irgendetwas witziges oder einfach irgendetwas, was dir auf dem Herzen brennt und du unbedingt in die Welt hinaustragen möchtest.

    Mavi Phoenix: Jaa, da gibt es einen random fact! Während meiner Transition habe ich auf dem Laptop mit dem ich jetzt hier mit dir rede, auf Fotobooth Videos über meine Transition aufgenommen, die ich aber höchstwahrscheinlich doch nicht posten werde (lacht). Jetzt in der Retrospektive waren die wohl doch eher nur so für mich. 

    Lara: Ah nice! Ich habe mir mal dein This is my Voice… Video angesehen.

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    Mavi Phoenix: Jaa, das habe ich mich dann auch getraut zu posten. Aber die anderen Videos finde ich jetzt irgendwie fast etwas cringe und werde sie wahrscheinlich nicht veröffentlichen.

    Mavi Phoenix‘ zweites Studioalbum Marlon ist am 25. Februar 2022 bei LLT Records erschienen. Hier könnt ihr nun herausfinden, wie dieses klingt

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    Fotos: Tereza Mundilova

  • Mit tiefem Groll in der Stimme: Apsilon über soziale Ungerechtigkeit, Herkunft und Rassismus

    Der nächste Lieblingsrapper des Feuilleton, von dessen Existenz die großen Zeitschriften noch nicht wissen, heißt Apsilon. Der in Moabit groß gewordene Künstler ist frische 24 Jahre alt und hat am 14. Januar seine überaus reflektierte Debüt-EP Gast veröffentlicht. Authentische Gesellschaftskritik trifft auf einen modernen Sound und lässt jedes politische Hip Hop Herz höher schlagen. 


    Von der Straße bis nach Moabit

    Apsilons Texte erinnern an den amerikanischen Hip Hop der 90er, als Tupac, Biggie Smalls oder Snoop Dog noch über ihre Lebensumstände sowie die Probleme ihrer Hood gerappt haben. Hip Hop war eng geknüpft an authentische Beschreibungen schwarzer Lebensrealitäten, ebenso wie die damit verbundene Kritik des Status Quo. Mit der zunehmenden Kommerzialisierung von Rapmusik und deren Angleichung an konfliktscheue, profitorientierte Popmusik ging der politische Gehalt allmählich verloren. Große Teile aktueller Trap Hits aus den USA blubbern ebenso sinnbefreit durch die Radios und Playlisten wie deutscher Schlager von Helene FischerApsilons Texte hingegen ziehen ihre Kraft wieder aus der Wut und Verzweiflung marginalisierter Gesellschaftsgruppen. 

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    Vom Beobachter zum Kritiker

    Auf „Gast“ erzählt Apsilon aus der Perspektive eines Gastarbeiterkindes. Als direkter Beobachter der Lebensumstände seiner Eltern und Großeltern schildert er Gesellschaftsverhältnisse direkt und unverblümt und verknüpft dabei aktuelle Zustände mit historischen. Apsilon holt das gut versteckte Gewissen der gutbürgerlichen weißen Bevölkerung wieder aus dem Keller und hievt die Schuld zurück auf ihre Schultern.


    »Tag für Tag am Ackern für das Kapital in Taschen vom
    Gleichen Pack, das dreißig Jahre vorher ohne
    Wimpernzucken Menschen in die Gaskammern verfrachtet hatte
    Und während Molotows auf die Unterkünfte prasseln
    Auf dеr Arbeit und beim Amt immer lachеn, immer lachen
    Und Enkel kriegt kein’n Job und keine Wohnung wegen des Namens
    Bei den Enkeln der Fabrikbesitzer, die die Großeltern damals ausgebeutet hab’n«
    „Köfte“


    Die Rolle des reflektierten Beobachters ergibt sich womöglich aus Apsilons innerer Zerrissenheit in Hinblick auf sein Herkunftsgefühl. Anstatt sich mit den deutschen oder türkischen Einflüssen seiner Biographie identifizieren zu können, distanziert er sich von beiden. Aus seinem Moabiter Kiez schreibend, thematisiert er die auftretenden Konflikte, wenn vor seinen Augen zwei Kulturen nicht zueinander finden wollen.


    »Ich brauchte dreiundzwanzig Jahre, bis ich merkte, dass ich statt zweien
    Keine Heimat habe, außer meine eigene Straße und den Kiez, in dem wir war’n, ja
    Die Beats, auf die ich sprach, nein
    Keine Heimat eins und auch keine Heimat zwei, nur der
    Streit mit dem, was sich in beiden Ländern so rumtreibt« 
    „Köfte“


    Deutsche Identität im Kreuzfeuer

    Doch wenn man ehrlich ist, fühlt sich die Distanz zur deutschen Identität auf „Gast“ um einiges größer an. Denn Apsilon nimmt die deutsche Gesellschaft an allen möglichen Ecken auseinander. Der Künstler zieht seine Kraft und Wut aus den Rassismen und Klassismen dieses Landes und legt sie ungeschönt offen. Diplomatisches Verhandeln scheint dabei keine Option zu sein. Denn die unterdrückten Gesellschaftsgruppen, denen Apsilon ein Sprachrohr verleiht, warten schon zu lange auf Gerechtigkeit. 


    »Deine Leute klatschen Beifall für ein’n Nazi, wenn es sein muss
    Meine Leute klatschen Nazis von der Straße, wenn es sein muss
    Seit dem Eisprung in 030, mein Bro, keiner guckt auf sein Plus
    Hier wird alles schön geteilt, Bro, meine Leute komm’n in kein’n Club
    […]
    Dein Homie hat am Kotti Angst, dass ihn ein Kanak abzieht
    Mein Homie hat kein’n Bock, dass deiner ihn wie’n Bastard ansieht (Yeah)
    Ihr kriegt Logenplätze (Yeah), Bruder, wir kriegen Zelle (Yeah)
    Ihr könnt große Sätze, wir könn’n rennen«
    „Sport“

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    Gesellschaftskritik meets Generationensound

    Die eindrucksvollen und zum Teil beklemmenden Zeilen des Rappers werden unterstützt durch einen zeitgemäßen Hip Hop Sound. Der besonders bei düsteren und melancholischen Stimmungen glänzende Rapper und Produzent Ahzumjot hat einen Teil der aus sechs Songs bestehenden EP produziert. Cato erscheint ebenfalls als mehrmaliger Produzent auf „Gast“ und bringt sein Gespür für klassische Hip Hop Banger mit an den Tisch. Lyrics und Beats treten in eine stimmige Symbiose und verleihen der gesamten EP eine besondere inhaltliche sowie klangliche Homogenität. Einzig „Kes“ fällt minimal aus der Reihe, da hier die inhaltlichen Qualitäten ein wenig durch den Fokus auf das Schreiben eines Hip Hop-Club Hits in den Hintergrund rücken. Doch selbst dafür bekommt Apsilon Drops. Denn kaum eine Künstler*in springt so leichtfertig zwischen … hin und her.


    Visuals im Einklang

    Die erwähnte Homogenität zieht sich zudem durch die Visuals des Tapes. Das Team um Director Foli Creppy und Produzent Thabo Paul schafft zusammen mit Apsilon authentische Einblicke in das Leben des Künstlers im Retro Look. Besonders Erwähnung verdient das Musikvideo zu „Köfte“. Das Video nimmt dank Aufnahmen aus dem Bundesarchiv einen dokumentarischen Charakter an. Schwarz-Weiß-Aufnahmen von schuftenden Gastarbeitern werden protestiereden Rechten gegenübergestellt und verdeutlichen die gesellschaftliche Zerrissenheit, die bis heute andauern. 

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    Zeitgemäße Gesellschaftskritik

    Musik, die nur der Gesellschaftskritik willen existiert und ästhetische Motive vernachlässigt, wirkt auf mich in der Regel unbefriedigend. Gute Produzenten und Ausnahmekünstler, die einen Hit nach dem anderen schreiben, sind hingegen auch keine Seltenheit mehr. Die große Kunst ist meines Erachtens nach Musik, die inhaltlich sowie klanglich ausgereift ist. Ich denke da im Hip Hop beispielsweise an Tupac Shakur, Jay-Z oder Kendrick Lamar, die ebenso politisch waren wie einen Sound der Zeit geprägt haben. Sie haben Musik erschaffen, die emotional in einem hohem Maße berührt oder schockt und gleichzeitig den Finger tief in die Wunde drückt. Apsilon wählt diesen anspruchsvollen Weg mit seiner EP und liefert politische Statements am Fließband ohne dabei klanglich aus der Zeit zu fallen. Dieses Projekt ist eine absolute Empfehlung an ausnahmslos alle und gibt Vorfreude auf kommende Songs, EPs oder Alben.

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    Fotoocredits: Sina Lesnik

  • „Bitches Brauchen Rap“ und die Welt mehr Shirin Davids

    Egal ob Deutschrap Fan oder nicht: Shirin David hat ihr zweites Album „Bitches Brauchen Rap“ vor einer Woche veröffentlicht und es könnte inhaltlich kaum stärker sein. Female Empowerment, Feminismus und Selbstbestimmung überhäufen sich auf dieser Platte und beweisen, dass Rap Klischees nicht mehr notwendig sind, um erfolgreich zu sein. Wer ein bedeutungsvolleres deutsches Rap Album aus den letzten Monaten, vielleicht sogar Jahren, kennt, soll sich bei mir melden.


    Politische Punchlines am Fließband
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    Die Texte bilden das Herzstück dieses Albums und sind ein unglaublicher Genuss. Aggressive, minimalistische Hip Hop Beats schaffen Shirin Davids Worten Platz und unterstützen die Message, ohne von ihr abzulenken. Aus diesem Grund soll dieser Artikel vielmehr eine Best of Zitatsammlung der Lyrics darstellen, als eine Review. 

    »Mein Sportlehrer sagt,
    deine Texte wären sexistisch
    Doch beim Handstand mein’n Arsch berühr’n,

    findet er echt witzig«


    Um die Treffsicherheit einfach jeder Zeile zu garantieren, hat sich Shirin David die Hilfe von Deutschlands Most Underrated Rapper Laas Unltd. geholt, der zunehmend als Ghostwriter der deutschen Rap Stars seine Fertigkeiten teilt. Dass die Künstlerin beim Texten unterstützt wird, gibt sie offen zu und nimmt damit den zahlreichen Kritikern den Wind aus den Segeln. Kritik, die im Angesicht der zahlreichen Songwriter Bootcamps, die Radiohits am Fließband schreiben, eh schon lange haltlos sein müsste.

    »Transparent trotz millionenschwerer Reichweite
    Es gibt keinen Mensch in meinem Team, den ich geheimhalte
    Ghostwriter was? Schreib‘ Songs mit Laas
    Und nehm‘ ein’n Veteran mit auf die Eins in den Char
    ts«


    Männliche Dominanz im Visier

    “Bitches Brauchen Rap” startete mit den meisten Streams einer deutschen Künstlerin am Release-Wochenende und schaffte es mit 11,4 Millionen Streams sogar in die weltweite Spotify Top5. Das Schönste daran: Shirin David nutzt ihre Reichweite, um Sexismus offenzulegen und männlich geprägte Werte und Strukturen zu kritisieren.

    »Von „Bei Gott ist sie sexy“ hin zu „Vallah, sie’s ’ne Schlampe!“
    Die deklarier’n ein’n Minirock zu maximaler Schande
    Doch ’ne Frau mit Grips im Kopf wird abgetan zu ’ner Emanz

    „Babsi Bars“


    »Girls canceln Girls, Stimmung heiß wie Schaumbäder
    Boys werden nicht ma‘ boykottiert, sind sie Frauenschläger«

    „Last Bitch Standing“

    Dabei hat die Rapperin Einzelpersonen ebenso wie Institutionen im Visier und schießt gegen alles was ansatzweise männliche Hegemonie ausstrahlt. Shirin David greift auf „Last Bitch Standing“ unter anderem die männlich dominierten und klischeebehafteten Strukturen der Radio- und Rundfunkanstalten an. Bestes aktuelles Beispiel: Julian Reichelt und die Bild.

    »I’m so bossy, Bitch get off me
    Labels fassen Frauen falsch an wie Bill Cosby
    Das Radio will uns nur weinerlich und so zerbrechlich
    Rollenunterdrückung im Rundfunk öffentlich-rechtlich
    Als Zicke betitelt, wenn du zum Redakteur frech bist
    Die sagen, bist du fame, ist jede Kritik berechtigt

    Alle woll’n zwar Realtalk face-to-face auf männlich
    Doch 2 Minuten „Babsi Bars“
    und du fühlst dich offended«
    „Last Bitch Standing“


    Musikindustrie in der Kritik

    Mit „Bitches Brauchen Rap“ emanzipiert sich Shirin David von ihrem Debütalbum, das noch deutlich generischer klang. Auf der Suche nach einem eigenen Sound ist sie bei den Ursprüngen des HipHop gelandet. Harte Punchlines auf repetitiven Beats. Immer nach dem Credo, Message first! Und mit diesen Punchlines macht sie auch keinen Halt vor der Musikindustrie (von dessen Strukturen sie ehrlicherweise auch profitiert).

    »Rap ist jetzt in Mode, Songs aus der Schablone
    Jeder schreibt den gleichen Unfug, alles Katastrophe
    Die sagen: „Shirin kann nichts und sie schreibt nicht eine Strophe“
    Doch was ist, wenn ich erstmal ein paar Umstände expose?«

    »Singles, Singles, Singlеs, Shirin, denk an Streaming!“
    Mit zwei Minuten Minimum das Maximum verdienen«

    »Geht’s nach deutschen Produzenten, sing‘ ich nur noch Love-Songs
    Nicht, dass ihr mich falsch versteht, ich will niemanden shamen
    Doch große Jungs sind aufgeregt, als wollten diе mich daten«

    „NDA‘s“

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    Female Empowerment

    Die Rapperin attackiert auf ihrem Album nahezu alles, was attackierenswürdig erscheint. Und dennoch zieht sich ganz viele Liebe durch alle Lieder. Shirin David droppt einen Shoutout nach dem anderen an alle Frauen dieser Welt, um strukturelle Geschlechternachteile durch Support en masse auszugleichen. Hier kommt die vermutlich längste und schönste Textsammlung:

    »Manager denken, sie wären Marketinggenies
    Wenn sie ihren Künstlerinnen raten: „Diss Shirin!“
    Aber Fakt ist, für mich ist deren Erfolg kein Problem
    Denn ich liebе es, alle Bitches еrfolgreich zu seh’n«

    „Bitches brauchen Rap“

    »Für meine Iggys, die RiRis, Gigi Hadids, Beyoncés, Nickis und Cardis
    Die Megans, Mileys, Kylies und für die Kehlanis
    Für die Pablos, Donnatellas, RuPauls und die Mariahs
    Für jedе Außenseiter-Bitch, diе weiß, sie ist on fire, ah«

    »This is a man’s world, selbst der Himmel ist in Blau getränkt
    Ich hab‘ mich von den Wurzeln bis zur Blüte hier raufgekämpft
    Kings werden gebor’n, Prinzessinn’n werden auserwählt
    It’s a man’s world, die sich um Frauen dreht«

    „Man’s World“

    »No way, fuck Shaming
    Stelle keine Frau in den Schatten, damit ich schеin‘
    Ugly Bitches machen Prеtty Bitches gerne klein
    Aber Real Bad Bitches lieben Bad Bitches, weil ich kann das
    Uh, nur ein kleiner Ratschlag
    Kein Mann in dieser Welt macht dich zum Star, Schatz
    Selbst, wenn du einen kleinen Arsch hast
    Shake Booty, Babygirl, denn du darfst das«

    „Ich darf das“


    Gender Fluidity

    Obwohl Shirin David in ihren Texten durchgehend von Männern und Frauen spricht, schafft sie es dennoch an einigen Momenten eine klassische Geschlechtertrennung aufzulösen. Zum einen fasst sie den Frauenbegriff weiter, als in traditionellen Rollenbildern typisch (siehe Zitat „Für meine Iggys, die RiRis, […]“). Zum anderen thematisiert sie nicht-heterosexuelle Orientierungen.

    »Vielleicht hab‘ ich ein’n Boy, vielleicht sind es auch zwei
    Oder drei Girls (Rrh), alles könnte sein
    Nehme zwei Baddies mit heim, spiele Frauentausch«

    „Lieben wir“

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    Die Welt braucht mehr Shirin Davids

    Eins der Lieblingsworte von Shirin David lautet „Bitch“. Wer sich fragt, was daran empowernd ist, lässt es sich am besten von ihr selbst erklären:

    »Meine Mutter versteht kein Englisch – „Was sind Bad Bitches?“
    Sag‘ ihr: „Sowas wie ’ne Existenz, die selbstbestimmt ist“«

    „Schlechtes Vorbild“

    Die Künstlerin, Sängerin, Rapperin, Influencerin und vieles mehr erreicht auf 48 Minuten Albumlänge mehr, als Politiker:innen in einem Monat. Female Support und Empowerment, Medien- und Gesellschaftskritik, die Umdeutung/ Reappropriation des Wortes „Bitch“ und ganz nebenbei verpackt sie alle diese Themen stilsicher auf einem der besten deutschen Rap Alben jemals. Egal ob Deutschrap Fan oder nicht: Gebt euch dieses Album VERDAMMT NOCHMAL, denn es lohnt sich sehr!

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    Fotocredits: Shirin David, Universal Music Group

  • RIN verwandelt auf seinem neuen Album die „Kleinstadt“ in eine Metropole

    RIN hat sein neues Album Kleinstadt am 29. Oktober veröffentlicht und ich muss zugeben, meine Beziehung zu RINs Musik ist kompliziert. Aber bevor ich hier meine Beziehungsprobleme darlege, fangen wir direkt bei unserem ersten Kennenlernen an. 


    Über Trap zu deutschem Cloud Rap

    Ich war lange Zeit meines Lebens kein enthusiastischer Hip Hop Fan. Wenn, dann hörte ich eher amerikanischen Rap. Und auch da konnte ich nicht mit echter Street Credibility glänzen. Es waren Hits wie Gravel Pit von Wu-Tang ClanCandy Shop von 50 Cent oder Stronger von Kanye West, die mir im Ohr hängen blieben. Doch Mitte des letzten Jahrzehnts etablierte sich ein neuer Rap Sound in den Vereinigten Staaten, der heutige Rap Größen wie Young Thug, Migos oder Travis Scott hervorbrachte. Dieser damals noch etwas nerdige und verquere Trap mit quietschenden Stimmen und konfusen Adlibs öffnete für mich eine neue Welt. Und als alles langsam nach Deutschland überschwappte, outete ich mich das erste Mal als Deutschrap Fan (reale HipHop Fans sagen natürlich, dies sei kein Rap). 

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    RINYungHurnLGoony oder Haiyti eigneten sich den amerikanischen Trap Sound an und prägten eine neue Hip Hop Bubble, die als Cloud Rap bekannt wurde. Non-Sense Texte, trashige Musikvideos und Selfmade Beats wurden zu einem Generationen Phänomen. Während Yung Hurn in seinen Songs in der Regel mit drei Wörtern auskam, stand RIN von Anfang an für Generationstexte mit einem hohen Identifikationsfaktor. „Don’t Like“ von der 2016 erschienenen Genesis EP ist für mich das perfekte Beispiel. „Ein Euro Bier, zwei Euro zwei Bier, drei Euro drei Bier“! So beginnt der Track und ich erinnere mich, wie ich mit meinem Späti Sterni in der rechten Hand im Gleisdreieckspark saß und mit Freunden nichts tat, außer rumzuhängen. Auch die viel zitierte Line, „Es ist Donnerstag, ich kauf‘ mir Supreme“, ist seit diesem Lied deutsche Popkultur. 

    Als ich dann das erste Mal „Error“ hörte, war ich komplett fertig mit den Nerven. Gesangsmelodien mit Hitpotential, düstere Stimmung inklusive eines emotionalen, düsteren Texts auf einem abwechslungsreichen Beat. Der Song, der mich zum RIN Fan machte, hat mich gleichzeitig zum Deutschrap Fan werden lassen. Und zwar genau weil alles anders klang, als ich mir Deutschrap bis dahin vorstellte. 


    Hits über Hits über Hits
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    Nun hat sich RIN allmählich zu einer deutschen Hip Hop Größe gemausert und uns Deutschrap Banger wie „Bros“, „Blackout“, „Dior 2001“, „Next“, „Up in Smoke“ oder „Vintage“ hinterlassen. Mit „Kleinstadt“ ist außerdem bereits sein drittes Album erschienen und man muss zwangsläufig an seine Heimatstadt Bietigheim-Bissingen denken, in der er mittlerweile fernab vom Stadtchaos residiert. Allerdings beginnen hier die bereits erwähnten Beziehungsprobleme. Zweifelsohne kann man RIN nicht mehr aus der deutschen Musikindustrie wegdenken. Sein Einfluss war und ist weitreichend und das mit einem Sound, der sich noch immer von dem mittlerweile weichgespülten Trap/Hip Hop der deutschen (und amerikanischen) Charts abhebt. Doch fragt man mich nach meinem Lieblingsalbum von RIN, nenne ich keins.


    Single vs Album

    In der Regel ist es so: Jede neue Single des Bietigheimer Rappers hyped mich mehr und mehr auf das Album. Auch dieses Mal! Die erste Single des Albums „Dirty South“ knallt einfach. Dieser dreckige 2000er Synth über drückenden Drums. Mit der nächsten Single ist mein Kopf dann komplett explodiert. „Meer“ ist für mich ein Song für die Ewigkeit. Die Nirvana-Referenzen sind nachvollziehbar. Unabhängig davon sind aber das Gitarren-Riff, die Rock-Drums und der Text einfach super stimmig. Das muss man Anerkennen. Keine Ahnung wer sich im Deutschrap so etwas traut (außer Cro) und keine Ahnung wer da mithalten soll. Dann darf man ebenfalls die unglaubliche Schmyt Single „Gift“ featuring RIN nicht vergessen! Anschließend kamen solide Grower wie „San Andreas“ oder „Sado“. Songs, die nicht direkt flashen, aber sich langsam zu Hits entwickeln. Plötzlich dann noch ein Mindfuck Moment. Auf „Insomnia“ (co-written by Schmyt) liefern Giant Rooks einen Monster Part auf deutsch ab, während RIN einmal mehr seine Hitmelodien auf einem Pop/ Rock-Beat entfaltet.

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    Nach insgesamt acht Singles und vielen neuen Lieblingsliedern kommt dann endlich das lang angekündigte Album „Kleinstadt“. Beim ersten Hören durchlaufe ich allerdings dieselben Gefühle wie bei jedem anderen RIN Album: Ich werde hin und her gerissen zwischen all time favourites und lediglich soliden Rapsongs (ich jammer‘ hier natürlich auf hohem Niveau). Wieso tut RIN mir das an, frage ich mich? Einerseits bin ich RIN Stan, andererseits kein bisschen. So viele seiner Singles haben meinen Musikgeschmack geprägt, auf Albumlänge wiederum konnte ich noch nie überzeugt werden. 

    Alles was ich mir wünsche ist ein homogenerer Sound. Nicht von allem ein bisschen, damit jeder etwas Passendes findet. Das fühlt sich für mich ein wenig wie das Drake-Phänomen an. Viel zu lange Alben mit ebenso viel Hits wie charakterlosen, AI-generierten Radiosongs. RIN streift auf seinem Album die Live-tauglichen Trap Hits, die ihn bekannt gemacht haben, springt auf „1976“ kurz auf den Trend-Sound der 01099 Crew aus Leipzig, bedient sich an düsteren Nirvana-Momenten und rappt zugleich auf radiotauglichen Pop/ Rockballaden. Versatilität ist natürlich eine Stärke RINs, doch in einem von mir erschaffenden Paradies würde RIN die Rock-Nummer durchziehen und sich damit in den Annalen der Musikgeschichte verewigen.

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    Bausparvertrag-Rap

    Der Freitag beschreibt das Album mit den Worten „Generation Bausparvertrag“ und leider ist da etwas dran. Die Bier, über die RIN rappte, während ich selbst welche im Park trank, wurden zu deutschen Markenwagen und einem Einfamilienhaus. Früher rannte er noch dem Bus hinterher, heute vor dem Finanzamt weg. Das ist alles logisch und nicht verwerflich. Mit dem Ruhm verändert sich der Lebensstil. Nur sinkt meines Erachtens nach der anfangs erwähnte Identifikationsfaktor seiner Texte. Statt mir aus der Seele zu sprechen, erlebe ich die Perspektive einer finanziell privilegierten Lebenssituation. Damit büßt RIN leider etwas sein Patent für Generationstexte ein und nähert sich dem im Rap verbreiteten zur Schau stellen materiellen Besitzes an.


    Beziehungsstatus: Es ist kompliziert

    Okay, ich habe euch vorgewarnt: Mein Beziehungsstatus zu RINs Musik ist kompliziert. Einerseits liebe ich so viele seiner Lieder, andererseits werde ich skeptisch, wenn es um seine Alben geht. Dennoch bekenne ich mich als RIN-Fan und ermutige alle dazu, dieselben WTF!? Momente zu genießen, wie ich sie auf „Kleinstadt“ erleben durfte. I mean, Nirvana auf deutsch? Wie RIN sagen würde: „Auf Geht’s“!

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    fotocredits: @brownshootta