Im November veröffentlichte Urbannino sein Debütalbum noch Zehn gute Jahre. Die, passenderweise zehn, Tracks unterscheiden sich massiv von seinen musikalischen Anfängen und erinnern stattdessen freundlich an 2000er Indie à la The Strokes und Bloc Party, jedoch auf Deutsch. Live steht er aktuell mit ausgefallenem Anzug, Krawatte und eigener Band auf der Bühne, mit der er vor kurzem auf seiner ersten Tour das Album klassisch der Reihenfolge nach präsentierte. Nachdem er sich musikalisch bereits viel ausprobierte, scheint er nun den ernsteren Themen des Lebens in die Augen zu blicken, ohne jedoch den Spaß an der Musik dabei zu vernachlässigen. Vielleicht haben wir ihn vorher alle ein wenig unterschätzt – Nun ist das Album da und zeigt, was Urbannino sein und noch werden kann.
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Im November, ein paar Tage vor dem Releasedate, traf ich mich mit dem Musiker online für ein Gespräch. „Ist gerade einfach ein bisschen viel auf ein mal, aber das schaff ich alles„, erzählt er mir zu Beginn locker. Auf die Frage, wie der Albumtitel entstand, erklärt Urbannino, dass er auf eine Geschichte vor zwei Jahren zurückgeht: „Ich war mit Freund*innen am See und wir haben darüber geredet, dass die Welt gerade irgendwie vor die Hunde geht. Ein Freund von mir meinte dann, dass wenn nichts bleibt, wir dann noch zehn gute Jahre haben. Dieser Satz ist seit dem bei mir hängen geblieben. Aber ich überlass den Leuten auch gerne ihre eigene Interpretation dafür.“ Der Gedanke scheint hoffnungsvoll und nihilistisch angehaucht zugleich. „Hast du eine Vorstellung davon, wie dein Leben in zehn Jahren sein wird?“, frage ich. „Ne, aber das will ich auch gar nicht wissen.„
Als nächstes frage ich nach den Themen, die sich durch die Tracks durchziehen. „Zum Einen geht es um eine Person, die sich durch ihre 20er hangelt und sein oder ihr Umfeld richtig kennenlernt und auch die Liebe aus den Händen rutscht. Andererseits geht es zum ersten mal auch konkret um mein Leben und meine Familie„, erklärt Urbannino. Quasi ein Balanceakt zwischen Anekdotenartiger Geschichtenerzählung und dem Entblößen der eigenen Lebensrealität. Es sei ihm nicht besonders schwer gefallen, sich im Schreibprozess zu öffnen, da Produzent FFAK und er die Studiotage als freundschaftliche Gespräche gestalteten. Auch die ernsteren Punkte seien im Gesprächsfluss natürlich aufgekommen: „Wenn man solche Themen auf Krampf aufbringt, merkt man auch in den Songs, dass es nicht echt ist.“ Bei der Veröffentlichung sei das Gefühl aber weniger locker: „Bei dem Singlerelease von Zum Glück habe ich das schon gemerkt, dass es echt nicht leicht ist, so etwas persönliches in’s Internet zu stellen und vor allem auch zu bewerben. Mental Health zu kommerzialisieren fühlt sich seltsam an, da muss man schon aufpassen.“ Die Single schreckt nicht davor zurück sensible und persönlich treffende Themen wie Suizidgedanken und Selbstverletzung zu behandeln.
„Hast du selbst einen Lieblingstrack auf dem Album?“, frage ich neugierig. „Ich glaube das ist abhängig vom Moment. Gerade ist es Ponyhof, weil ich Shitney Beers liebe und das Feature wie ein Ritterschlag für mich war. Ansonsten denke ich, dass Kleiner Engel der wichtigste und vielleicht sogar beste Track auf dem Album ist. Der packt das ganze Album in einen Kontext und schließt das so vollkommen ab. Gleichzeitig gibt der vielleicht auch einen Ausblick auf das, was noch kommt.“ Auch ich finde, dass das Album sich auf den ruhigen, intimen Track im Finale hin aufbaut. Gleichzeitig kam der Song beim ersten Hören doch sehr unerwartet. Doch Urbannino hat schon eine Erklärung für mich parat: „Fun Fact, wieso der unerwartet klingt ist, weil es ihn eigentlich nicht gegeben hätte. Wir hatten schon zehn Songs, der letzte hieß eigentlich ‚Aus Aus und Vorbei‘. Beim Überarbeiten dachten FFAK und ich aber, dass er doch nicht gut genug ist. In der letzten Nacht haben wir gequatscht, geraucht und ein bisschen auf der Gitarre rumgespielt und dabei ist der entstanden. Also auf den aller letzten Metern um vier Uhr morgens. Kleiner Engel ist ein Zufallsprodukt, aber ohne ihn wäre das Album nicht so geworden, wie es jetzt ist.„
Endlich kommen wir auch zu dem Thema von Urbanninos neu angetretenen Indie-Rock Ära, das für mich persönlich sehr spannend ist. Davon, dass er vorher er sich vorher eher in der Ecke von New Wave und Rap aufhielt, ist nichts mehr davon zu hören. Von direkten Referenzen wie The Drums Lyrics in Sieben Leben, hin zum eingängigen Gitarrensound, der nostalgisch werden lässt und doch aktuell wirkt – Alles lässig und ungezwungen. Manche Parts klingen so bekannt und fast schon heimisch, dass man beim Hören versucht zu verstehen, an welchen Track einer großen internationalen Indie-Rock Band sie erinnern. Ich finde, genau das hat uns auf Deutsch momentan gefehlt. Scheint so, als hätte Urbannino bewaffnet mit starken Referenzen eine Nische für sich gefunden, in der er musikalisch aufgehen kann.
Wie es zu dem Genrewechsel kam, kann er selbst nicht genau sagen. „Ich glaube es gibt andere Artists, die es super gut hinkriegen, von Anfang an eine Linie zu fahren. Ich stelle mir aber ständig die Frage ‚Was will ich eigentlich sein?‘. Ich glaube was sich verändert ist, dass ich eben erwachsener werde. Mein Hörverhalten, mein Umfeld und wie ich Dinge verarbeite, verändern sich und sind auch ausschlaggebend dafür. Das Soundbild ist aber auch dem geschuldet, dass FFAK krasser Multiinstrumentalist ist und es sich durch die Zusammenarbeit im Studio automatisch in Richtung Band entwickelt hat.“ Ich denke nicht, dass unbedingt gut ist, dass manche Artists musikalisch immer auf der selben Schiene bleiben, weil sie vielleicht Angst vor Brüchen haben. „Ich glaube das ist auch ein Ding von Social Media und Vermarktung. Man hat eine Identity und will sich dann ja auch weiter in dieser einen Nische verkaufen. Zum Geld Verdienen ist es schon besser, wenn man 20 Tracks macht, die klingen wie der erste, der bekannter wurde. Das ist total nachvollziehbar, es ist halt kommerziell lukrativ„, so Urbannino. Er merke auch im Vergleich der Streamingzahlen deutlich, dass die Leute nicht bereit für den Schritt zu seinem neuen Albumsound seien. „Das ist auch okay„, fügt er hinzu.
„Meinst du, du bist mit deinem Projekt jetzt angekommen, wo du sein willst?“, frage ich und erhalte ein lachendes: „Das zu wissen wäre ultra geil“ zurück. „Zu der konzeptionellen und der visuellen Welt, die wir zum Album aufgebaut haben, würde ich sagen, ja. Ich würde gerne immer mit so viel Effort an meine Sachen rangehen. Musikalisch fühle ich mich in dieser Indie-Ecke schon ganz wohl, möchte dort aber noch mehr experimentieren. Angekommen: Ja – Für immer da bleiben wollen: Nein.“ Zum Album erschienen auch aufwendige Musikvideos, die dem ganzen einen ansprechenden visuellen Rahmen schenken:
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Ich spreche nochmal konkret auf die erweckende Indie Sleaze Nostalgie des Sounds an. „Ich finde einer der besten Songs ist Let’s Go Surfing von The Drums. Der funktioniert einfach von vorne bis hinten. Ich dachte immer, es wäre ultra nice so eine Art von Song zu machen,“ erinnert er sich zurück. Und das ist ihm gelungen. Wir sind uns beide einig, dass eine Band, die das in Deutschland schon seit einer Weile ebenfalls geschickt hinkriegt, EASY EASY ist. „Aus dieser Indie Rock Ära um 2010 herum gibt es so viele Timeless Classics, die gefühlt immer nur noch besser altern. Ich bin jetzt nicht der aller größte allwissende Fan von The Drums oder allgemein diesem Genre, aber ich finde man checkt sehr schnell den Vibe und wie das funktioniert.“ Dafür nehm ja ich die Rolle des Superfans ein. Ich erzähle, dass ich ein paar mal beim Hören des Albums einen kleinen The Strokes-Moment fühlte, was ich hoch anrechne, da es sich um eine meiner absoluten Lieblingsbands handelt. „Ach wie schön, wir haben uns auch wirklich was von The Strokes abgeschaut„, bringt er mir entgegen. Generell sei es die beste Entscheidung in seinem Musikerdasein gewesen, sich eine eigene Band dazu zu holen. „Ohne scheiß, das hat mein Leben verbessert„, sagt er sofort in hörbarer Begeisterung. Er schwärmt mit Lächeln in der Stimme von seinen Bandmitgliedern und dem Spaß, den sie gemeinsam haben. Zuvor trat der Musiker alleine live auf, doch das unschlagbare Upgrade und neugewonnene Energielevel sieht man ihm bei den Liveshows direkt an. „Jetzt sehe ich richtig wohin ich mit der Musik noch kommen kann und finde, meine Musik entfaltet mit der Band ihr Potential. Ich find’s aber auch mega wichtig, dass sich Artists zu Beginn nicht stressen lassen und auch alleine mit Laptop ihr Ding machen. Das ist ein guter Weg um etwas Geld zu verdienen und überhaupt irgendwo anzukommen.„
Meine letzte Frage ist wie immer eine untold Story, also eine Geschichte oder ein Geheimnis, das noch nicht öffentlich erzählt wurde. Ohne zu zögern fällt Urbannino auch schon was ein: „Die vorherige EP hieß Wenn nichts bleibt, dann… und das Album danach noch Zehn gute Jahre, das soll ein ganzer Satz sein. Ich hab mir das schon vor zwei Jahren ausgedacht und so darauf hin gefiebert, dass die Leute das checken. Aber es hat bisher einfach noch niemand gecheckt. Wann sagt endlich jemand was dazu?„, fragt er lachend. Eine ungewollte untold Story quasi.
Keine EP für hitzige Sommertage, sondern eine für verregnete Sommernächte. Die Sängerin Maïa hat Anfang des Jahres fünf unverschämt gefühlvolle Lieder veröffentlicht, eigentlich als Abschiedsbrief an den langen Winter. Fünf optimistischere Monate später stechen jede Zeile und jeder Ton auf „tatendrang und todmüde“ noch immer genauso tief in die Seele, wenn drinnen wie draußen kleine Tropfen über den Boden tanzen.
Bestimmte Worte mit zittriger Stimme
Von Hall verhüllt schleicht sich Maïa’s Stimme in den ersten Song. Allein von einem Klavier begleitet, thematisiert die Sängerin auf „tristesse“ ihre innere Zerrissenheit und Orientierungslosigkeit. Die zaghafte Stimme zittert dabei so unglaublich empfindsam zwischen den Tönen hin und her und malt zugleich lyrische Bilder, die plastischer sind als jedes Deckengemälde einer katholischen Kirche.
„Ich kann den blauton gerade nicht beschreiben Inneres zerreißen, lass mich treiben Versuche auf dem weg zu bleiben Lass mir irgendwie die richtung zeigen Stille und schweigen, will hier bleiben Und regen fällt auf meine scheiben“
Zeitgemäße Akustik
„nie mehr zurück“ ist der Beweis, dass ein unaufgeregt akustischer Klang einen modernen Sound nicht ausschließt. Das charakteristische Vocal Sample verschmilzt mit dem Klavier, während Maïa die Wärme des Frühlings herbeisehnt. Seichte Backing Vocals legen sich über die folgende Gitarre, sobald der Refrain erklingt. Viel mehr braucht es nicht, um die lyrischen Bilder musikalisch glänzen zu lassen.
„Drei jahre winter, öffne alle meine fenster Genug erstickt, ich frier mich aus Spür den kalten wind auf meiner haut Ich atme ein, ich atme laut Lass den rauch über die städte ziehen Ich lass mich mit ihm gehen Lass dein duft über die städte ziehen Ich lass ihn fallen und liegen„
Piano Magic
Wenn ein Instrument die Produktionen prägt, dann ist es das Klavier. Denn eine bezaubernde Klaviermelodie folgt der nächsten. Auf „asche und staub“ bestimmt das Klavier die Stimmung, ebenso wie das Tempo des Songs. Erst nach vorne treibend, dann langsam und stockend, zwischendurch mit einem Synth verschmelzend und zuletzt ganz pur gestaltet das Klavier die Dynamik mühelos. Nennt mir ein Instrument, dass vielseitiger ist als das Klavier und scheitert!
„niemand dabei“ nimmt die Geschwindigkeit der EP langsam heraus. Lyrisch wie klanglich werden die Träume größer und erneut umgarnen wunderschöne Klavierakkorde und federleichte Backing Vocals die introspektiven Texte. „filmriss“ setzt diese Linie fort. Fast ungewöhnlich beginnt das Lied mit einer Gitarre, doch Klavier und nebelige Vocals sind nicht weit, ehe sich die zweite Hälfte rein instrumental weiterentwickelt. Lag der Fokus bisher in nahezu jeder Sekunde auf den intimen Worten Maïa’s, greift nun die Atmosphäre nach Platz, um sich zu entfalten. Doch Am Ende sind es wieder Klavier und Stimme, die den roten Faden aufgreifen.
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Maïa beweist auf „tatendrang und todmüde“ wie homogen eine EP klingen kann und wie klar die klangliche Identität einer Künstler:in definiert sein kann. Poetische Lyrics werden von warmen Akkorden und einprägsamen melodischen Klavierfiguren aufgefangen und durch Gitarrenmelodien und hallende Backing Vocals abgerundet. Eingängige Melodien, ehrliche Gedanken, zielgerichtete Songstrukturen und ein authentischer Minimalismus lassen die Produktionen dabei zeitgemäß klingen. Diese Ästhetik spiegelt sich auch auf der visuellen Ebene der Künstlerin wider. Dunkle Farben und verschwommene Gesichter ergänzen den atmosphärischen Sound der aufstrebenden Sängerin und Poetin. Selbst die Kleinbuchstaben der Songtitel und Lyrics fügen sich unauffällig und doch perfekt ins Konzept ein.
In music I trust
Wer „tatendrang und todmüde“ lieben lernen möchte, muss eine gewisse emotionale Schwere aushalten können. Die Texte, Melodien und Instrumente zeichnet allesamt ein gewisses Gewicht aus, das zugleich die eigenen Sinne befreit. Denn Maïa lässt unsere sich immer wieder im Kreis drehenden Gedanken und Zweifel kurz anhalten. Die Songs der EP zu genießen, bedeutet sich verstanden zu fühlen und Allem was kommt, erleichtert entgegenzublicken.
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Ami Warning lebt rent-free im Herzen unser Redaktion und das ist okay so. Denn ihre unaufgeregt ehrlichen Texte und die unvergleichlichen Stimmungen verdienen noch viel mehr als das! Im Rahmen der Acoustics Concerts 2023 in Berlin können wir die Sängerin endlich wieder live erleben und wünschen uns, dass wir diese Erfahrung mit ganz vielen Ami Warning Stans teilen werden. Um eure hibbeligen Beinchen ein wenig zu entlasten, bekommt ihr hier bereits einen Vorgeschmack in Form eines Interviews. Von aktuellen Ohrwürmern, über erste musikalische Erfahrungen bis zu kommenden Projekten erfahrt ihr so einiges über die Münchenerin. Also, let’s fetz!
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Lucas (untoldency): Hast du einen aktuellen Lieblingssong oder ein Lieblingsalbum, irgendwas, was dir aktuell im Kopf rumschwirrt?
Ami: Was ich ganz cool finde, wo ich aber noch nicht das ganze Album gehört habe, ich weiß auch gar nicht, ob das neu ist. Ich habe von Little Simz so einen Song entdeckt. „Point and Kill“, heißt der. Den finde ich richtig cool und den hör‘ ich zurzeit oft. Ansonsten hat auch ein Freund von uns ein Album gerade rausgebracht, der heißt Jon Kenzie, macht so bluesige Musik, ist aus Manchester, und da hab ich mir das Album angehört, und das finde ich auch zum Beispiel richtig cool. Das ist jetzt gerade ganz frisch rausgekommen.
Lucas (untoldency): Würdest du sagen, du verfolgst viel aktuelle Musik oder bist du eher Fan von den Klassikern?
Ami: Ich verfolge schon auch aktuelle Musik, aber man kriegt halt dann so die Singles mit und so einzelne Songs. Also ja, da mach ich‘s leider viel zu selten, dass ich dann wirklich so die ganzen Alben mir auch anhör‘. Das ist dann eher so stichprobenmäßig. Bei Alben kenne ich wahrscheinlich dann wirklich eher die Sachen, die schon älter sind, so richtig gut.
Lucas (untoldency): Gibt es ein Genre, was du selber gerne hörst, wovon aber andere Menschen, die dich gut kennen, wahrscheinlich verwundert wären?
Ami: Also ich mag voll gerne Afrobeats. Aber ich weiß nicht, ob das jetzt so eine große Überraschung ist. Hmm, was wäre eine Überraschung? Wahrscheinlich entspreche ich voll den Klischees, keine Ahnung. Ich mag ganz gern‘ Dubstep. Das fällt vielleicht so ein bisschen aus dem Schema.
Lucas (untoldency): Musik machen ist ja super komplex und vielfältig. Wenn es einen Teil davon gäbe, den du für den Rest des Lebens machen müsstest, welcher wäre es am Ehesten?
Ami: Wahrscheinlich wäre es das Live Spielen, denke ich, also, darauf könnte ich, glaube ich, nicht verzichten. Genau im Studio finde ich schon auch cool, aber da bin ich dann auch irgendwie immer froh, wenn es irgendwann abgeschlossen ist und man die Songs dann eben nach draußen tragen kann. Also ich glaube, auf diesen Moment, wenn dann vor echten Leuten die Songs singt, könnte ich schlecht verzichten.
Lucas (untoldency): Kannst du dich an deinen ersten Auftritt erinnern?
Ami: Ich glaube, wahrscheinlich war das mit meinem Papa zusammen, also als ich so angefangen habe, Musik zu machen waren so die ersten Momente bei ihm auf der Bühne, dass ich da mal einen Song ausprobiert habe oder ihn begleitet habe. Also in München weiß ich, da gibt’s noch so eine Aufnahme, wo ich irgendwie so Bass spiele und mit ihm auf der Bühne bin.
Lucas (untoldency): Es gibt oft von Stars Aufnahmen, wie sie bei irgendwelchen Events oder Schulfesten auftreten. Gibt es solche Aufnahmen abgesehen von der eben genannten auch von dir?
Ami: Es gibt tatsächlich eine ganz witzige Aufnahme. Also das ist in der Grundschule, da bin ich im Chor und bin so krass, also man sieht, dass ich mich voll rein fühle. Ich bin so in der ersten Reihe und singe so richtig inbrünstig. Also, das gibt’s und ja, später in der Schule habe ich auch Songs nachgesungen mit der Big Band.
Lucas (untoldency): Wenn du so zurückschaust auf deine eigene musikalische Biografie, fallen dir da Künstler:innen Genres ein, von denen du sagen würdest, die haben dich in einer bestimmten Lebensphase stark geprägt?
Ami: Ja! Also schon auch wieder mein Papa, weil seine Musik war irgendwie einfach immer da, ich war immer dabei auf den Konzerten. Bob Marley habe ich irgendwann entdeckt, auch über meine Eltern eigentlich und fand das irgendwie auf Anhieb einfach gut. Es gab dann noch Songs auf Gitarre. Ich weiß, dass es einen Ed Sheeran Song gab, den ich dann nachgespielt habe. Also, es gab schon immer wieder so Momente, die mich inspiriert haben, wo ich dachte, ich hab‘ jetzt auch Bock, die Gitarre zu nehmen. Aber irgendwie habe ich nie so auf die Texte gehört. Also, es gab jetzt nicht so den Moment, dass ich einen Song mitgesungen habe, der mich in meiner Einstellung oder so krass beeinflusst hat.
Lucas (untoldency): Gab es in deiner musikalischen Biografie auch mal eine Pause, als du das Gefühl hattest, du hast gar keine Lust auf Musik und du brauchst mal Abstand?
Ami: Ich habe tatsächlich, als es mit Corona und so losging, relativ viel gemacht und eben auch selber aufgenommen und Songs geschrieben und habe dann aber gemerkt, dass ich eine Person bin, die immer auch ganz gerne noch andere Sachen macht. Als ich dann auf einmal jeden Tag morgens bis abends Zeit hatte, nur Musik zu machen, habe ich gemerkt, dass ich das gar nicht unbedingt brauche, sondern dass ich am besten auch neue Ideen finde, wenn ich dazwischen andere Sachen mache. Ich hatte nie diesen Gedanken, ganz aufzuhören. Aber ich habe einfach gemerkt, dass es für mich so am besten funktioniert, wenn ich nicht jeden Tag morgens bis abends nur Musik mache. Mein Papa zum Beispiel ist ganz anders, der geht echt jeden Tag ins Studio und kann nicht genug davon kriegen. Aber mir tut irgendwie diese Abwechslung ganz gut.
Lucas (untoldency): Kommen dir oft, wenn du andere Sachen machst, musikalische Ideen in den Kopf, von denen du denkst, die muss ich schnell aufnehmen oder in irgendeiner Form festhalten?
Ami: Manchmal schon, aber eher selten. Also es ist tatsächlich so, dass ich schon die Gitarre nehmen muss und anfangen muss, irgendwie nach was zu suchen und zu gucken, dann formen sich Songs oder kommen Ideen. Also es ist eher selten, dass ich so eine Eingebung habe, ohne dass ich die Gitarre in der Hand hab.
Lucas (untoldency): Wie sehr machst du dir darüber Gedanken, wie du als Künstlerpersönlichkeit in Musikvideos und generell visuell auftreten möchtest?
Ami: Im Rahmen von einem Album mache ich mir schon Gedanken, was die Bildsprache zu diesem ganzen Projekt sein könnte. Aber es ist immer irgendwie auch ein Stück weit meine Persönlichkeit. Also jetzt so wirklich einen Charakter zu entwerfen oder so was für ein Projekt, ich glaube, das passt bei meiner Musik nicht so gut, weil es eigentlich schon immer ziemlich nahe dran ist an mir.
Ich würde auch sagen, dass es funktioniert! Gerade bei „kurz vorm Ende der Welt“ habe ich den Eindruck, dass diese orangen Farbtöne der Bilder und Musikvideos die Wärme deiner Lieder widerspiegeln.
Lucas (untoldency): Als du beim Wohnzimmerkonzert von TV Noir zu Gast warst, solltest du spontan einen fremden Song performen. Wie fühlst du dich in diesen Momenten, in denen dir spontan gesagt wird: „Hier spiel mal irgendwas“?
Ami: Das finde ich schwierig (lacht). Ich bin relativ unspontan, auch so Jam Sessions mag ich eigentlich gar nicht. Auch einfach, weil ich auch auf dem Instrument nicht so frei spiele. Ich kann halt Akkorde und schreibe damit meine Songs, aber improvisieren finde ich schwer und auch bei Texten find ich es voll schwer, so drauf loszumachen. Das war übrigens, glaube ich, wir sind Helden. Bitte gib mir nur ein Wort (singt den Song an).
Lucas (untoldency): Ist dein Vater da ähnlich oder ist eher anders rum? Ich würde jetzt vermuten, dass dein Vater so ein Vollblut Musiker ist, der irgendwie sofort anfängt zu spielen, wenn die Stimmung passt.
Ami: Ja, also der Papa tut sich auf jeden Fall einfacher, auch gleich auf etwas einzusteigen und eben so zu improvisieren. Wir sind eigentlich beide eher schüchtern. Er wäre jetzt auch nicht der Erste, der auf die Bühne rennt bei einer Jam Session. Aber wenn er dann was dazu spielt oder so, ist er auf jeden Fall ein bisschen freier als ich.
Lucas (untoldency): Ich fand den Moment ehrlich gesagt ganz sympathisch, weil ich bereit vermutet hatte, dass dir das in der Situation etwas unangenehm war. Wenn dann noch Kameras auf einen Zeigen, ist der Druck ja dreimal so hoch spontan zu performen. Gab es im Freundes- oder Familienkontext auch Momente, in denen du aufgefordert wurdest, etwas vorzuspielen?
Ami: Ich glaube, meine Eltern dachten auch ganz lange nicht, dass ich überhaupt auf irgendeine Bühne gehe, weil ich sehr schüchtern war. Und ne, zum Glück haben die das gecheckt und waren eigentlich sehr zurückhaltend. Mein Papa hat auch generell die Einstellung, dass man überhaupt nicht mit Druck vorgehen sollte. Also, nee, zum Glück konnte ich alles in meinem eigenen Tempo machen und mich step by step der Bühne annähern.
Lucas (untoldency): Ich fand außerdem spannend, dass du mit deiner Familie da warst, also mit deinem Vater, deiner Schwester und deiner Mutter. Wie ist so die Dynamik auf so einer Reise ist? Und wie kommt es dann dazu, dass alle sagen, okay, wir kommen mit?
Ami: Ich hab‘ ja auch öfter Auftritte mit meinem Dad, und irgendwie war es da schon immer so, dass meine Mama alle Daten ausmacht und weiß, wann wir wo sein müssen. Der Papa und ich steigen irgendwie so blind ins Auto und konzentrieren uns eigentlich nur auf die Musik, genau, und sie macht alles Organisatorische, verkauft dann auch CDs. Das war eigentlich schon immer so, dass meine Mama sich früher nur bei meinem Papa um alles gekümmert hat und seit wir zusammen Musik machen, da halt auch immer dabei ist. Und das funktioniert eigentlich voll gut so. Und meine kleine Schwester, das war eher eine Ausnahme. Also, die findet‘s auch oft eher langweilig und will nicht mit. Und es ist nochmal anders, wenn ich mit meiner Band unterwegs bin, dann fällt das eh weg, dann bin ich einfach mit meiner Band und dann mache ich den CD Verkauf und so.
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Lucas (untoldency): Was ist die nächste Single oder das nächste Projekt, das ich und die Welt von dir erwarten können?
Ami: Ich mache, glaube ich, gerade das Album, was so am Tanzbarsten wird, und freue mich auch schon voll, das dann irgendwann live spielen zu können. Es fehlen noch ein paar Songs und ich muss noch mal ins Studio, aber ich sammle auch schon Live Sessions und Videos dazu. Ich bin gerade an so einem Punkt, wo ich eigentlich kein Label habe und gar keine Partner. Also ist noch einer der größten Schritte, gerade ein bisschen rauszufinden, wie ich das rausbringen kann. Aber eigentlich habe ich schon ein bisschen gesammelt und würde am liebsten im Sommer anfangen mit einer ersten Single, um dann im nächsten Jahr irgendwann dieses Album rausbringen.
Lucas (untoldency): Die letzte Single von dir, „Weg“, würdest du dann nicht in das nächste Album reinzählen?
Ami: Tatsächlich würde ich es gerne dazu tun, weil es von der Thematik her ganz gut passt. Die ganzen Songs, die dann kommen, gehen so ein bisschen darum, wie viel Freizeit man auch braucht und dass es auch voll okay ist, sich Pausen zu gönnen und dieses ganze, dass man sich selbst oft auch viel Druck macht und immer denkt, man muss noch mehr schaffen, dabei ist das manchmal vielleicht auch gar nicht notwendig. Obwohl die Sound Welt sich gerade so ein bisschen von dem Song wegbewegt, glaube ich, dass ich ihn dazu tun will, weil es vom Thema her passt, ja!
Lucas (untoldency): Dann fällt mir noch das Feature mit KLAN ein. Kannst du mir sagen, wie das zustande gekommen ist?
Ami: Eigentlich total unkompliziert. Die haben mir auf Instagram einfach geschrieben, ob ich Bock hätte. Dann gab es, glaube ich, zwei Songs zur Auswahl. Dann habe ich eingenommen, habe das bei mir daheim eingesungen, den zurückgeschickt und fertig. Ich würde die auch gerne noch mal so richtig kennenlernen, weil dazu kam es jetzt noch gar nicht so richtig, obwohl wir jetzt diesen Song zusammen haben.
Lucas (untoldency): Noch zwei leicht verdauliche Fragen zum Schluss: Welches Instrument würdest du gerne spielen, das du noch nicht spielen kannst?
Ami: Wahrscheinlich würde ich irgendwas mit Tasten nehmen. Klavier! Ja, ich hätte schon Bock, noch mehr auf dem Klavier zu können. Ich hab ja bei diesem Mixtape schon auch immer irgendwie Akkorde und gespielt, aber da brauche ich sehr lang, um die Töne zu finden und kann es eigentlich nicht. Ich glaube, das wäre was, was ich eigentlich schön fände, auch um Songs zu schreiben, mal weg von der Gitarre und vielleicht am Klavier, fände ich das eigentlich ein schönes Instrument.
Lucas (untoldency): Hast du ein guilty pleasure, vielleicht ein musikalisches, vielleicht Trash TV, etwas dass du eigentlich keinem erzählen darfst?
Ami: Ja! Bei Trash TV bin ich auf jeden Fall dabei. Da gäbe es richtig viele Sachen, die ich jetzt sagen könnte, die die Leute vermutlich schlimm fänden. Irgendwie kann ich voll gut abschalten, wenn ich mir sowas reinziehe. Da habe ich schon fast alles durch, von GNTM über irgendwelche Sachen auf Netflix.
Lucas (untoldency): Cool, ich danke dir für das Interview und Ich warne dich schon ein wenig vor. Ich komme auf jeden Fall zu den Acoustics und ich bringe ein paar Groupies mit! Falls du eine Fangruppe siehst, die laut deinen Namen schreit, weißt du, Lucas ist da.
Ami: Dir auch danke für das Interview!
Hier geht’s zu den kommenden Tourdaten von Ami Warningund Hier lest ihr die Review zu Ami’s letzter EP „kurz vorm Ende der Welt“
Es kribbelte in meinen Fingern, ich skippte Song für Song weiter, nichts war genug, irgendetwas fehlte mir. Ich sehnte mich nach einer musikalischen Veröffentlichung, die sich aus all den anderen herausriss. Etwas, das mich verstand und mir nah lag, aber mich gleichzeitig aus der Fassung brachte. Genau diese Erlösung brachte mir Mia Morgan im April in Form ihres Debüt-AlbumsFLEISCH. Nach ihrer ersten, zurecht, geliebten und gefeierten Gruftpop EP, setzte Mia nicht einfach „einen drauf“, sondern ging tausend Schritte nach vorne. Nicht nur sich selbst voraus, sondern auch allen anderen.
So blutig, bestimmt und eindringlich wie sein Titel, fühlt sich das Album auch an. Aber genauso ist Fleisch eben auch das, worin wir alle leben und atmen und das, was wir täglich mit uns rumtragen. Meine Faszination für das Album wird vorrangig damit gefüttert, dass es in der deutschsprachigen Musikszene keinen angemessenen Mitstreiter gibt. FLEISCH behandelt Themen wie Weiblichkeit, Freundschaft, Jugend, Fantasie, Neid, Lust und Verlangen mit einer fesselnden Intensität, Klugheit und Vielfalt. Mal klingt dies sehr düster und verrucht, mal ganz hell und poppig. Mal sind es Fantasien, die beim Hören in eine tiefere Wunsch- und Gedankenwelt abschweifen lassen, mal die zerrende Realität. Aber Mia zeigt eben sehr greifbar, dass genau das Hand in Hand gehen kann. Und vielleicht auch muss. Sie zeigt darin nicht nur musikalisch, sondern auch von sich selbst verschiedenste Facetten, die kontrastreich sind, sich aber nie ausschließen.
Dass Mia als Person in (ihrem) FLEISCH steckt und FLEISCH in all dem, wie sich Mia als Person und Künstlerin präsentiert, sollte klar sein. In den Texten und Sounds finden sich Hörer:innen aber erschreckend genau wieder, fühlen sich manchmal vielleicht sogar eher ertappt. Denn Mia ist rhetorisch sehr geschickt und auf dem Album nahbar, ehrlich und hat keine Scham, ihr Innerstes zu äußern. Dabei gelingt es ihr, den künstlerischen Aspekt nie zu verringern. Ich erinnere mich an die ersten Tage, an denen ich das Album gehört habe, zurück. Am liebsten hätte ich jeden Satz verschlungen und noch ewig gefühlt. FLEISCH ist ein Album, in dem so viel Schmerz, so viel Persönlichkeit und Aufrichtigkeit zu sein scheint. Ich wünsche mir, dass es so viele Leute genau an den Punkten trifft, wie es mich getroffen hat.
Was sich hier wie ein Liebesbrief an Mia Morgan anhören mag – ist vielleicht auch einfach einer. Und ich finde, das ist auch okay. Den Rest erzählte mir Mia aber selbst, als ich sie auf ihrer fast komplett ausverkauften FLEISCH-Tour besuchte.
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Dascha:Wie fühlst du dich gerade? Ich habe das Gefühl, dass du eine der Künstlerinnen bist, bei denen man am meisten merkt, wie viel dir deine Musik bedeutet und dass das voll dein Ein und Alles ist. Wie fühlt es sich jetzt an, dass du dein Album mit der Welt geteilt hast?
Mia Morgan: Gar nicht so echt. Ich habe das irgendwie auf so zwei Shows gehabt, wo es mich immer so kurz aus den Socken gehauen hat. Wo ich kurz dachte „Oh fuck, it’s happening!“ Und die Leute singen mit und die sind auch wegen mir da. Und dann gab es auch mal so Momente, wo ich irgendwie ins Publikum geguckt habe und da waren Leute, die zitternd geweint haben. Da hat es mich dann auch zu Tränen gerührt. Und einmal vor der Zugabe, als ich nochmal Backstage gegangen bin, habe ich einen richtigen Heulkrampf bekommen.
Aber dann wird es sehr schnell wieder so, dass man zurück in diesen Arbeitsmodus geht und du weißt, okay, du spielst die Show, morgen musst du wieder fit sein, fährst weiter und es passiert alles superschnell. Also ich hatte noch gar nicht richtig die Zeit, um das so richtig zu realisieren, so richtig sacken zu lassen. Ja, aber es ist super schön. Es ist unglaublich und überwältigend und es ist anstrengend. Und es tut auch weh. Auf eine gewisse Art und Weise, irgendwie, weil es immer alles anders ist als in der Vorstellung. Aber es ist schöner als befürchtet.
Dascha: Das ist schön. Sind dir Meinungen von aussen zu deiner Musik generell wichtig?
Mia Morgan: Ja, aber ich wünschte, es wäre nicht so. Aber wenn mir die Meinungen von außen egal wären, dann könnte ich das halt als Hobby machen und nicht als Job. Das ist für mich nicht was, wo ich jetzt irgendwie so eine Passion für habe, dass ich nicht anders kann, als zu musizieren. Also ich bin ja gar keine Instrumentalistin, die, die die Finger nicht von ihrem Instrument lassen kann, sondern es ist ja für mich auch einfach irgendwie ein allumfassendes Ding, was Performance mit einbezieht und was eben auch so was wie das gerade einbezieht. Interviews zu machen oder irgendwie Radio oder auch visuell einfach präsent sein in Videos und anderen Formaten.
Und deswegen ist es für mich halt ein Job, es ist mein Traumjob. Also ich bin halt darauf angewiesen, dass eine gewisse Anzahl an Leuten das gut findet, weil sonst kann ich das nicht machen. Und es wird auch immer Leute geben, die das scheiße finden. Ich kann mir zehn gute Kritiken durchlesen. Wenn die elfte schlecht ist, dann denke ich, es ist scheiße. Ich bin da leider sehr sehr empfindlich und lese mir auch viel zu viel durch, aber habe bis jetzt, was die Platte anbelangt, fast überwiegend schöne Sachen gehört und auch viele Sachen, die ich mir gewünscht habe, zu lesen oder zu hören.
Dascha: Was sind die schönsten Komplimente für dich zu deiner Musik?
Mia Morgan: Viele Leute, die in meinem Alter sind, schreiben, sie wünschten die Platte gehabt zu haben, als sie in dem Alter waren, über das ich singe. Es geht ja sehr viel um die Zeit als Teenager.
Dascha: Tatsächlich habe ich genau das auch aufgeschrieben.
Mia Morgan: Ah echt? Nice! Ja, also irgendwie sagen Leute, dass sie das damals irgendwie gebraucht hätten, weil ihnen das ein bisschen Mut macht. Aber es ist ja aus der Retrospektive geschrieben. Ich hätte das Album als Teenager nicht machen können, weil ich kann nur darüber schreiben, jetzt, da es vorbei ist und da es überstanden ist. Dann ist es natürlich auch sehr schmeichelhaft, wenn man mit Künstlerinnen verglichen wird, die man selber bewundert. Wenn irgendwie gesagt wird, ja, man checkt, dass ich mich mit MARINA und Rina Sawayama befasst habe. Und dass Leute halt auch sagen, dass sie sowas bisher auf dem deutschen Markt nicht kennen. Das finde ich immer besonders und schmeichelhaft, wenn noch mal irgendwie betont wird, dass es etwas ist, was es so nicht gibt und vorher noch nicht gab.
Dascha: Ja, das finde auch! Ich habe lange nicht mehr einen Song gehört, der mich beim ersten Hören so krass gepackt hat wie VON AUSSEN. Und dann dachte ich auch direkt, ich wünschte, der wäre schon rausgekommen, als ich 15 war, das war so genau dieses eingefangene Feeling, richtig toll. Obwohl ich den jetzt natürlich auch schätze. Wenn dein Album eine eigenständige Person wäre, was hätte es für Charaktereigenschaften?
Mia Morgan: Oh mein Gott, sie wäre sehr sexy und sich dessen bewusst. Sie hätte aber auch keine Angst, verletzlich zu sein. Sie hätte keine Angst, über ihre Gefühle zu reden und würde sich nicht scheuen. Vielleicht wäre sie ein bisschen zu empfindlich und ein kleines bisschen zu dramatisch und sie müsste auch in Therapie. Aber sie wäre kein hoffnungsloser Fall. Sie wäre bei dem Ganzen irgendwie bei sich und sie würde auch sehr schick sein. Ja, sie wäre einfach wie ich.
Dascha: Das passt sehr gut! Ich verfolge dich, wie viele andere auch, schon seit deinem aller ersten Release. Und ich hatte von Anfang an schon das Gefühl, dass du, zumindest so von außen gesehen, genau weißt, was du machst und was du machen willst. Aber ich habe das Gefühl, dass sich das trotzdem noch mehr verfestigt hat in der vergangenen Zeit. Was ist für dich deine positivste Entwicklung, die du in der Zeit gemacht hast?
Mia Morgan: Dass ich mich selber in dem, was ich mache, ernst nehme. Das ist ja so, dass Musik am Anfang und bei manchen Leuten auch immer nie genug Geld bringt, vor allen Dingen nach zwei Jahren Pandemie Einschränkungen, sodass man das nicht als Hauptberuf machen kann. Ich habe die Schule abgebrochen, ich habe keine Ausbildung. Ich bin zwar an der Kunsthochschule eingeschrieben, dank einer Eignungsprüfung, aber ich habe kein Abitur und habe dadurch irgendwie so sehr viele Komplexe bezüglich meines Standes in dieser sehr erfolgsorientierten Gesellschaft entwickelt und habe oft damit gekämpft. Oft habe ich überlegt: Gehe ich noch mal zurück zur Schule? Obwohl ich mich da so unwohl gefühlt habe, weil ich immer diese Angst hatte, dass ich nichts Gescheites machen kann. Aber von Anfang an war ja Musikmachen mein Traum. Und es war ja auch schon immer irgendwie die Karte, auf die ich alles gesetzt habe.
Aber ich habe mich ein bisschen selber angefangen in den Arsch zu treten, wenn diese Gedanken aufkommen und versuche mir zu vergegenwärtigen, dass ich eine eigene Tour spiele, dass ich wirklich ein Album rausgebracht habe und dass ich jetzt wirklich auch kein so allzu junges Mädchen mehr bin, das so schlimm unsicher bezüglich der eigenen Zukunft ist, sondern dass ich sehr genau weiß, was ich möchte und dass ich auch arbeite. Ich habe immer das Gefühl, ich arbeite nicht genug, aber das hält mich auch am Arbeiten. Also das hält mich ja motiviert, noch mehr zu machen, weiter zu machen und so. Und ja, ich habe langsam so den Dreh raus, wie ich das als Beruf sehe und gleichzeitig aber nicht als einen Zwang, sondern als etwas, was aus meinem Innersten kommt.
Dascha: Voll schön, dass du beginnst das zu sehen. Es kommen ja gerade so viele Leute zu deiner Tour, die dich und deine Musik erleben wollen.
Mia Morgan: Ja, das ist total crazy! Ich meine am Anfang so die ersten Berechnungen… die Leute haben halt erst keine Tickets gekauft, weil die alle gedacht haben, es findet eh nicht statt. Und dann beziehst du das natürlich auf dich und denkst die haben keinen Bock auf dich. Dann aber zu sehen: they show up und die stehen da die singen mit und die haben deine Shirts an und die heulen auch. Das ist einfach so crazy.
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Dascha: Das ist so schön! Du hast schon sehr lange her angefangen, an dem Album zu schreiben, oder? In welchem Jahr?
Mia Morgan: Der erste Song, also der älteste ist IN WIEN. Und den habe ich 2018 geschrieben, so im Sommer 2018.
Dascha:Und gibt es auch einen Song, den du schon lange her angefangen hast zu schreiben, wo du jetzt denkst, du würdest den vielleicht jetzt aus der Position heraus nicht mehr so schreiben? Also, wo sich dein Standpunkt oder Blick vielleicht irgendwie verändert hat?
Mia Morgan: Also man entfernt sich natürlich von den Themen, die man besingt, wenn die mit einer Beziehung zu tun haben. Aber das wäre jetzt nichts, wo ich sage, ich sing den jetzt nicht mehr, weil das ist so ein geschlossenes Werk und ist ja das gleiche wie mit so Google Images. Also wenn du mich googelst, kommen so Bilder von 2017, wo ich ganz anders aussehe als jetzt. Und da bin ich auch manchmal so „Ey, wen muss ich jetzt irgendwie bezahlen, um die da zu entfernen und da andere Bilder rein zu machen?“ Aber auf der anderen Seite denke ich mir, das war echt so. So sah ich aus, das ist ein Teil meines Lebens. Genauso sind Songs, die irgendwelche Themen behandeln, die mich jetzt nicht mehr belangen, auch einfach Teil meines Lebens. Sie gehören halt zu mir.
Aber natürlich, ich würde auch alleine soundmäßig Sachen anders machen, als wie ich die früher gemacht habe. Aber ich habe ein bisschen gelernt, mir da zu vergeben und es einfach anzunehmen. Es war halt zu dem Zeitpunkt so und jetzt würde ich es halt anders machen. Ich glaube, sonst wird man noch wahnsinnig. Ich war auch früher so, dass ich mir keine Fotos von mir selber angucken konnte, die älter waren als ein halbes Jahr, weil ich immer gedacht habe (Würgegeräusch). Aber damit geht es einem ja einfach nicht gut. Man tut sich ja keinen Gefallen damit, weil man dann ständig in so einer Angst lebt, erwischt dabei zu werden, dass man sich entwickelt. Wir alle entwickeln uns ständig weiter und es ist auch okay, da einfach zu sagen: „Ja, das war so und so, jetzt ist es so, konzentrier dich auf die Gegenwart!“
Dascha: Aber ich finde, es ist sehr schwer sich das erst mal einzureden. Vergangenheits-Ich ist immer irgendwie mit so viel Cringe verbunden.
Mia Morgan: Total, ist es auch! Ich habe auch ein paar Sachen aus meiner Vergangenheit, also nichts problematisches oder so, aber Sachen die ich so peinlich finde. Ich hatte mal mit 14 einen YouTube Kanal. Und manchmal passiert mir das so ganz ganz selten, dass Leute mir auf TikTok oder Instagram schreiben „Kann es sein, dass ich dich von früher von YouTube kenne? Hießt du so und so?“ Und dann bin ich direkt so: LÖSCH, falls da noch irgendwas von rumfliegt! (lacht) Das ist mir so, so peinlich. Irgendwann wird wahrscheinlich der Zeitpunkt kommen, wo ich mir sagen kann: „Okay, ja, ich war mal so und wenn es jetzt irgendjemand sieht, dann ist es halt so“. Aber gerade bin ich da noch nicht.
Dascha: Wobei du ja 14 warst, ich glaube da nimmt es dir niemand übel, sowas in dem Alter zu machen. Aber ich glaube, so wird es auch sehr vielen Teenies später gehen, die jetzt aktiv auf TikTok sind.
Mia Morgan: Ja, wahrscheinlich. Oder zum Beispiel letzte Woche, als wir in Wien waren, war ich übel besoffen und dann habe ich ein TikTok gemacht. Da war so eine Statue von zwei Frauen, die sich umarmt haben und es gibt doch diesen einen Sound „And they were both boys“. Ich war hacke dicht, film dann so auf mich komplett wasted, komplett crusty Make Up und meine Augengucken in zwei verschiedene Richtungen und ich sag so: „And they were both girls“ und poste das direkt. Als ich so um halb 5 im Bett war und schon wieder am Ausnüchtern war, fiel mir ein, dass ich das TikTok gepostet habe. Ich öffne die App und da sind so Kommentare „Ohje, da ist jemand aber wasted“, hab’s direkt gelöscht. Aber ja, ich bin froh, dass es das noch nicht gab, als ich so jung war.
Dascha: Oh Gott, sowas könnte mir auch passieren. Wieder zurück zu meinem Song-Liebling VON AUSSEN. Ich würde gerne ein bisschen näher auf den eingehen. Magst du mal dieses Gefühl von diesem „außen sein“ für dich beschreiben?
Mia Morgan: Ich habe den Song geschrieben, nachdem ich zum Ersten Mal Gast auf einer größeren Veranstaltung mit berühmten Leuten gewesen bin. Und ich habe mich an dem Abend sehr albern gefühlt. Ich hatte tatsächlich, wie in dem Song beschrieben, einfach zu große Schuhe an. Das waren Designer Schuhe, ich wollte die unbedingt tragen, aber die haben mir halt nicht gepasst. Und dann so ein super teures Outfit, die teuerste Kleidung, die ich jemals getragen habe. Ich dachte so „Oh, das ist mein Abend“. Und dann kam ich da an und hab mich halt gefühlt wie so ein Alien, was gerade auf der Erde gelandet ist. Niemand hat es wahrscheinlich bemerkt, aber mir selber ging es an dem Abend gar nicht so gut. Ich war sehr, sehr verunsichert. Dann war ich noch für einen Preis nominiert, den ich nicht bekommen habe. Und es war alles in allem so ein bisschen melodramatisch. Einerseits cool, Teil von irgendwas zu sein, aber andererseits auch so ein fremdes Gefühl selbst in der eigenen Freundesgruppe.
Und das lässt sich ganz gut übertragen auf andere, insbesondere soziale Situationen, die ich in meinem Leben hatte oder auch akut noch habe. Manchmal bin ich in Gruppen unterwegs und merke „Okay, alle reden gerade miteinander und ich nicht“. Und wenn ich mich einbringe, dann höre ich mich wie aus der Vogelperspektive und denke mir „Was laber ich gerade? Die haben übel keinen Bock auf mich. Ich passe nicht hier rein.“ Das sind glaube ich, größtenteils einfach Quatsch-Gedanken. Ich glaube, dass andere Leute das gar nicht so wahrnehmen, aber man selbst kann sich da ganz dolle reinsteigern. Gerade, wenn man in der Jugend mit psychischer Gesundheit oder Ungesundheit zu tun hat Und dann eine verunsicherte Erwachsene wird, die dann vielleicht irgendwann einen Freundeskreis hat, aber trotzdem noch das Gefühl hat, selbst da, wo sie dazugehört, gehört sie nicht dazu. Dann schleppt man das einfach so mit sich fort.
Und bei mir ist noch ein ganz großer Faktor, dass ich halt so gerade unter den Musiker:innen, mit denen ich befreundet bin, viel mehr mit Musikern befreundet bin. Und einen Freundeskreis habe, der überwiegend männlich ist. Es ist nicht so, dass ich mir das bewusst ausgesucht habe. Ich habe auch Momente, wo ich mir wirklich wünsche, es wäre anders. Aber es hat sich einfach so ergeben. Es sind alles nette Männer, auf die ich nichts kommen lasse. Die sind alle gescheit und toll und cool. Aber es sind halt Männer. Wenn ich mit denen unterwegs bin, habe ich auch oft dieses Gefühl von, ja, wir mögen uns zwar sehr nahestehen und wir vertrauen einander alles an, aber ich werde niemals dieselbe Connection haben wie die unter einander. Werde ich auch etwas neidisch auf diese Freundschaften, die andere Männer-Bands, die miteinander abhängen, haben. Und ich bin dann halt dabei und als Frau dann einfach außen vor.
Dascha:Ich verstehe das total! Und ich finde auch, man kann den Song wirklich auf viele Situationen übertragen. Irgendwie fasst er ein ganz besonderes Gefühl zusammen. Das hab ich als Song gebraucht.
Mia Morgan: Ja, so universell irgendwie. Freut mich, dass er dir so gefällt. Ich habe irgendwie das Gefühl, die letzten beiden Songs auf dem Album werden immer gar nicht angesprochen.
Dascha: Auch, wenn das Album natürlich für alle Personen da ist, finde ich es sehr weiblich. Also das hat mir vorher auch wirklich richtig gefehlt. Ich finde, das hat die Musik-Szene auch genau gebraucht. Und was fehlt dir so in Musik momentan? Also generell.
Mia Morgan: Also die kurze Antwort ist: Frauen. Aber die Frauen, die Musik machen und für die das ein wichtiges Thema ist und deren Mission es auch ist, auch zu betonen, dass ihnen Frauen in der Branche fehlen, sind mir manchmal zu plakativ. Ich kann natürlich niemandem vorschreiben, wie Feminismus funktioniert und nehme mich damit auch ein bisschen zurück, weil ich ein Problem damit habe, wenn Leute mich da zu einer Galionsfigur machen wollen. In der Bewegung spreche ich immer als krass privilegierte Person, die mit sehr, sehr vielen Problemen, mit denen andere Frauen zu tun haben, allein wegen meinen Lebensumständen, wegen meinem Aussehen, meiner Gesundheit, meiner Sexualität etc. nichts zu tun hat, weil ich da einfach privilegiert bin und ich tue, was ich kann. Mir ist auch wichtig, den Standpunkt zu vertreten, anderen Leuten eine Plattform zu bieten. Und auch zu suggerieren, dass ich da bin für andere Frauen.
Aber ich kann da keine Galionsfigur sein. Und es gibt ganz viele Leute, die in der gleichen Position sind wie ich, aber sich so ein bisschen anmaßen, diese Figur zu sein. Das finde ich manchmal schwierig, weil das dann sehr schnell plakativ wirkt und sehr schnell klingt wie „Hey, lasst doch mal einen feministischen Song machen! Lasst uns doch jetzt mal diese Welle an H&M T-Shirts, wo „Girl Boss“ draufsteht nutzen und hoch in die Charts reiten!“ Ich finde es krass, dass wir berühmte Frauen in Deutschland haben, aber die sind fast alle im Rap. Was ja auch cool ist, weil das auch ein sehr männerdominiertes Feld ist und das auch nicht zu erwarten ist, dass es da gut funktioniert.
Ich fände es einfach schön, wenn wir ein bisschen davon weg kämen, das dann auch so krass einzuteilen und dann auch gerade so weiblichen Künstlerinnen immer so aufzudrücken man müsse jetzt feministische Mucke machen, weil du eine Frau bist und du musst es appreciaten, dass dir der Slot zugeteilt wird als dritter Headliner auf einem Festival zu spielen, da müsse man doch auch einen Song über Frauenpower singen und sing halt nicht über Koks und Ficken oder so. Also das ist auch so eine gesellschaftliche Erwartungshaltung an weibliche Künstlerinnen, über die wir ein bisschen hinwegkommen müssen. Lass mich doch als Frau einfach mal Mucke machen. Das muss nicht alles ein Manifest werden und es muss nicht alles politisch sein.
Dascha: Voll! Und das ist genau dasselbe mit Frauen, die einfach nur sehr im Internet präsent sind, aber halt mit so Body Positivity. Dass man automatisch als feministische Aktivistin oder whatever gesehen wird.
Mia Morgan: Ja, genau! So, vor allem als mehrgewichtige Person musst du automatisch Body Positivity Aktivist:in sein, um deinen Körper zu präsentieren.
Dascha: Wow you’re so brave for showing your body!
Mia Morgan: Ja, isso. Da postet jemand ein Foto in ihrem neuen Bikini und die Leute schreiben „Du bist so mutig“. Hä? That’s literally just my body.
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Dascha: Dementsprechend finde es auch total schön, dass es auch auf dem Album so viel um weibliche Freundschaft geht, weil das auch ein Thema ist, was mich voll beschäftigt. Aber das höchste was man da sonst so bekommt sind Liebeslieder und man muss sich halt vorstellen, dass es sich dabei auch um eine Freundschaft handeln könnte. Also ich beziehe vieles dann sehr auf mich irgendwie. Und bei deinem Album ist es ja so, dass man endlich mal Songs bekommt, die wirklich darüber handeln. Was ist so deiner Ansicht oder deiner Erfahrung nach das Besondere an weiblichen Freundschaften?
Mia Morgan: Ich habe mich immer nach einer sehr, sehr tief gehenden weiblichen Freundschaft gesehnt und bin aber oft daran gescheitert. An der einen, also die gescheitert ist, habe ich mich so ein bisschen bei dem Prozess des Albums orientiert, weil dann halt Männer, oder Jungs damals noch, ins Spiel gekommen sind und leider Gottes weibliche Solidarität so krasse Grenzen hat, wenn Männer da dazukommen und praktisch diese Grenzen aufstellen. Es gab jetzt erst wieder irgendwie so einen Fall in Amerika, wo auf einer Hochzeit der Bräutigam eine der Brautjungfern vergewaltigt hat. Das heißt, die Braut wurde praktisch an ihrem Hochzeitstag betrogen und der Brautjungfer wurde Gewalt angetan. Die Braut hat sich auf die Seite ihres Ehemanns gestellt, vor Gericht. Und das ist für mich wieder so etwas. Warum? Also auf der einen Seite verstehe ich Abhängigkeit in Beziehungen, gerade in so heteronormativen Gesellschaftsschichten, wo das irgendwie so gang und gäbe ist, dass Frauen sich den Männern fügen. Damit kann ich mir das ein Stück weit erklären.
Aber auf der anderen Seite ist es auch einfach so tragisch, weil es unter Frauen halt irgendwie so eine magische Verbindung gibt, aber die ist eben auch sehr, sehr fragil und die fällt oft hinten weg, wenn Männer dazukommen. Wenn in eine Beziehung gegangen wird, geben Frauen in der Regel viel mehr auf als Männer. Und ich habe es in meinem bisherigen Leben nicht geschafft, mit einer Frau eine Freundschaft nachhaltig aufzubauen, die so allumfassend intensiv ist. Ich habe eine beste Freundin, der ich alles anvertraue, aber mit der verbringe ich unfassbar wenig Zeit. Ich sehe sie ganz, ganz selten. Und wir sind miteinander befreundet, weil wir Vergangenheit haben und weil wir seit vielen Jahren Freundinnen sind. Aber es ist nicht dieses ständige Schreiben und so, wie man das mit einem Partner oder einer Partnerin hat oder wie ich das mit meinen männlichen Freunden habe. Deswegen hat das für mich gleichzeitig so eine Faszination, aber auch ein bisschen was abschreckendes, bedrohliches. Weil die Male, wo ich es probiert habe, war es halt komisch und ist kaputt gegangen. Ich hatte auch mal eine Freundschaft mit einem Mädchen, die quasi eine Beziehung gewesen ist und es gab einen Zeitpunkt, wo ich mit ihr darüber reden wollte, ob wir eigentlich mehr sind als Freundinnen, weil wir auch was miteinander hatten. Da hat sie komplett abgeblockt und monatelang nicht mit mir geredet. Seitdem ist es für mich halt ein sehr sensibles, aber auch sehr interessantes Thema.
Dascha: Das ist wirklich ein sehr besonderes Thema, ich denke man könnte Stunden lang darüber reden. Genauso hab ich auch das Gefühl, dass in deiner Musik oft das Thema so Fantasien und so Wunschgedanken vorkommt. Begleitet dich das auch so häufig in deinem Alltag?
Mia Morgan: Ich habe halt meine Jugend so aus meinem Zimmer heraus verbracht. Ich habe nie viel gemacht. Ich habe mir mein Sozialleben immer nur vorgestellt und viele Sachen erträumt. Außerdem habe ich sehr viel gelesen und das hat mich eine Zeit lang immer so aus Löchern rausgeholt. Als Kind hatte ich halt Harry Potter wie alle Millennials. Und dann war ich 13, 14 und mir fing es an, psychisch sehr schlecht zu gehen. Dann war Twilight da und das hat irgendwie was los gekickt mit Fantasieren von Liebe und Fantasien, von einer anderen Welt, in der ich der Main Character bin. Da habe ich mich sehr stark in diese Main Character Fantasien geflüchtet und meine ganzen Teenie Jahre so verbracht.
Ich hatte kein Sozialleben. Ich bin ja auch sehr selten überhaupt zur Schule gegangen und hatte gar nicht die Möglichkeit, da großartig was zu formen. Und deswegen ist vieles nur in meinem Kopf und auf Tumblr passiert und ich bin das nicht richtig losgeworden. Und ich wünsche mir auch, dass ich das nicht loswerde, weil das das Leben einfach noch ein bisschen schöner macht, wenn man alles durch einen Filter sehen kann. Man muss alles ein bisschen romantisieren, weil die meisten Sachen so öde und sehr langweilig sind. Selbst Sachen, die einem von außen sehr glamourös und toll vorkommen. Am Ende des Tages ist so ein Tour-Tag Arbeit und anstrengend und viel mehr dreckige Raststättentoilette als irgendwie glamourös im Backstage Champagner trinken. Aber ich habe Angst diesen Filterblick zu verlieren. Wenn das passiert, kann ich, glaube ich, auch keine Songs mehr schreiben.
Dascha: Das ist total schön. Ich finde es auch sehr wichtig, weil ich habe das Gefühl, sehr viele Leutehaben diese Fantasie ab einem gewissen Alter gar nicht mehr. Dann wird das generell als kindlich und realitätsfern abgestempelt.
Mia Morgan: Ja, es ist so traurig. Ja, das ist super traurig! Ich finde einfach Fantasie zu haben sau wichtig, auch als erwachsener Mensch. Man muss ja jetzt keine Romane schreiben oder so, aber es fängt ja auch schon bei Sexualität an. Wenn du zum Beispiel als Mensch darauf angewiesen bist, dir irgendeinen Porno anzugucken, um überhaupt irgendwas zu fühlen. Das ist ja auch eine Abstumpfung und irgendwie fragwürdig. Und es geht ja auch um Ideen, Entwicklung im Berufsleben. Selbst, wenn du einen Bürojob machst, ist es ja eigentlich voll praktisch, wenn du Fantasie hast und dir was vorstellen kannst. Ich finde es schade, dass man sich so auf die harten Fakten stürzt und wenig Freiraum dafür lässt, Vorstellungen und auch Träume zu haben.
https://www.youtube.com/watch?v=awKYAX8uwxk
Dascha: Wo wir schon bei deiner Fantasie sind: Wie ähnlich bist du Jennifer Check wirklich?
Mia Morgan: Ich bin eigentlich viel mehr Needy als Jennifer. Deswegen bin ich auch so fasziniert von Jennifer, weil ich selbst viel mehr Needy bin. Ich glaube, Leute, die in der Schule nicht so cool gewesen sind, werden diesen Druck, was zu reißen, nie los. Und deswegen passiert es oft, dass Leute, die in der Schule nicht cool waren, dann als Erwachsene so vermeintlich „cool“ werden. Also ich lege viel Wert auf meine Klamotten, ich lege viel Wert auf meine Internetpräsenz, ich habe gemachte Nägel, wenn meine Haare so aussehen wie jetzt, habe ich einen Scheißtag.
Das ist halt einfach so, dass es jetzt für mich sehr, sehr relevant ist, weil ich früher einfach überhaupt nicht so war. Aber du wirst es ja nicht los. Du bleibst ja innerlich irgendwie so. Also ich war kein Main Character in der Schulzeit. Ich wäre es gern gewesen, aber ich war eine komische Person, die so in Bücher vernarrt gewesen ist und immer so als weird abgestempelt worden ist, nirgends so richtig dazugehört hat und auch immer sehr nach anderen Leuten geguckt hat. In der Art und Weise wie Needy in ihrem Leben navigiert, ist sie viel mehr ich, als ich Jennifer bin. Aber Jennifer steht auf Emo Boys, we have that in common. (lacht)
Dascha:Na das letzte ist ja das Wichtigste! Aber ja, dann freut mich das erst recht, dass du jetzt so deine Bubble gefunden hast, die dich so schätzt.
Mia Morgan: Mich auch!
Dascha: Dann kommt jetzt meine letzte Frage. Bei uns immer eine untold story, also ein kleines Geheimnis oder eine Geschichte, die du noch nicht öffentlich erzählt hast.
Mia Morgan: Ich habe ganz lange Improvisationstheater gemacht und das finde ich rückblickend cringe, weil das immer komische Leute sind, die übel Mundgeruch nach Kaffee und Zigaretten haben. Nur Komische Leute machen Improvisationstheater und ich habe das lange und super, super gerne auch gemacht. Und ich bin sowieso auch eigentlich noch so ein Theater Kid zusätzlich.
Dascha: Oh mann, ich aber auch komplett.
Mia Morgan: Ich habe in der Schule Darstellendes Spiel gehabt und immer meine 15 Punkte. Und ich war am Kindertheater als Kind. Ich habe in der Grundschule auch den Regenbogen Fisch gespielt.
Dascha: Ich wollte unbedingt der Regenbogenfisch sein und war so enttäuscht, dass ich es nicht wurde.
Mia Morgan: Wer warst du?
Dascha: So ein irrelevanter random Fisch.
Mia Morgan: Ein normaler Standard-Fisch also, traurig. (lacht) Ja, aber es war auch so ein bisschen ein Kickstart, weil da hatte man als Regenbogen Fisch zwei Solo Nummern. Einmal „Ich bin der schönste Fisch im Meer“ und dann „Traurig bin ich und allein“. Das ist einfach Borderline – The Musical. (lacht) Ja, das ist so auch eine gute Analogie zu mir. Da war ich acht Jahre alt und habe da diese Hauptrolle gespielt und gesungen, die sich so gut auf mein Leben übertragen lässt. Plus als ich gemobbt wurde, wurde ich immer Fisch genannt wegen meinen Augen. Also passt es einfach zu mir.
Dascha: Wer hätte das gedacht, dass die Geschichte vom Regenbogenfisch so deep sein kann.
Mia Morgan: Wow, ist echt so! (lacht)
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„Kurz vorm Ende der Welt“ heißt das zuletzt erschienene Mixtape von Ami Warning und es hält was es verspricht: Eine Untergangsstimmung, die sich so warm anfühlt, dass jede Angst vorm Ende verfliegt und jeder Atemzug, jeder Gedanke sich ganz klar anfühlt. Ami Warning liefert uns Musik, die alles gut sein lässt, so wie es ist und jeglichen emotionalen Ballast abfallen lässt. Sprich, genau das was wir derzeit alle so dringend brauchen!
Lost & Found
Ich gebe zu, mein Zugang zu deutscher Musik ist beschränkt. Ich höre mir immer wieder unterschiedliche deutsche Interpret*innen an, aber bleibe zu selten hängen. Deutsche Musik, die sich nachhaltig in meine Synapsen einbrennt, muss mich mit außergewöhnlichen musikalischen Stimmungen, kreativen Textzeilen, eingängigen Melodien, spannenden Musikproduktionen oder am besten mit einer Kombination aus allem catchen. Mit dem Song „kurz vorm Ende der Welt“ bin ich aus dem Nichts auf eine Künstlerin gestoßen, die für mich all diese Faktoren auf dem gleichnamigen Mixtape auf ihre Art vereint.
Angenehme Melancholie
Dabei war mir noch nicht bewusst, dass mir diese Musik so sehr gefallen könnte. Ami Warning kreiert Stimmungen, die sich für mich besonders anfühlen. Diese zu beschreiben, fällt etwas schwer, weil sie sich so sehr durch meine subjektiven Höreindrücke auszeichnet, but I’ll give it a try! Das Tape zeichnet sich für mich durch eine gedämpfte, melancholische, manchmal angenehm bedrückende Atmosphäre aus, die sich zugleich doch hoffnungsvoll und sogar befreiend anfühlt. Ohne inhaltliche Aspekte einzubeziehen, fühlt sich die Musik auf einer gewissen Weise verständnisvoll an und lässt mich dem Gefühl sorglos hingeben.
Melodien für den nächsten Weltuntergang
Puh, das war chessy. Springen wir straight zu den Details, die die vorherigen Gefühlseindrücke stärker umreißen. Das 8 Songs lange Mixtape startet mit der Single „kurz vorm Ende der Welt“. Eine träumerische Gitarre gibt mit langsamem Anschlag eine unglaublich schöne Stimmung vor, bis das Schlagzeug den Einsatz der Stimme vorbereitet. Über einen minimalistisch groovenden Beat schwebt die simple, wie geniale Zeile „kurz vorm Ende der Welt, kann ich dir verzeihen“, denn „kurz vor Schluss, soll es wohl so sein“. Ein paar melodiöse Keys im Hintergrund und fertig ist der Titelsong des nächsten Weltuntergangs.
Die Strophe setzt die Linie des Refrains fort und beschreibt in klaren Worten emotionale Zustände, über die ich mir sonst tagelang den Kopf zermürbe. Die Aussagekraft dieses Textes wirkt in seiner Einfachheit unglaublich stark. Das einzige Problem ist, dass es von dem Song keine 10h Dauerschleife gibt, die mich nicht nach zweieinhalb Minuten dazu zwingt, wieder auf Repeat zu drücken.
»Ich hab‘ schon so lange gewartet Auf den guten Moment In dem jeder von uns beiden seine Fehler erkennt Ich bin immer noch sauer und du bestimmt auch Am meisten tut’s weh, dass ich dich trotzdem brauch’« „kurz vorm Ende der Welt“
Musikalische Wärme mit langsamen Puls
Der nächste Song übernimmt die ruhige Art des Anfangstracks, hebt sich allerdings durch ein lockereres und luftigeres Gefühl gegenüber der vorangegangenen Abenddämmerungs-Stimmung ab. „Schöne Stunden“ besingt die Tage, Stunden oder sogar Sekunden, in denen wir nicht dem Alltagsstress hinterherrennen und uns ganz dem Moment hingeben. Weniger Zwänge, mehr Freiheit und Stand jetzt: 2 von 2 Songs sprechen mir aus der Seele.
Auf dem vierten Track des Projekts „jetzt“ zieht eine treibende Gitarre das Tempo plötzlich an und wir werden zum ersten Mal für einen Augenblick aus der musikalischen Trance herausgerissen. Zwei knackige Strophen münden in einem stimmungsvoll gesummten Refrain. Kein Text, nur unglaublich schöne Melodien mit viel Gefühl. Der ausschließlich in der Hook einsetzende Bass gibt den rastlosen Gesangsmelodien eine zusätzliche Tiefe.
Nach nur zwei aufreibenden Minuten fängt uns die weiche Klangwelt des folgenden Tracks „simsalabim“ wieder auf und 10 Sekunden reichen aus, um unsere Ohren wieder in Watte zu packen. Ein langsames Schlagzeug sowie gefühlvolle Gitarrenakkorde, komplementiert durch eine schöne Melodie und der Signature Sound des Mixtapes ist wieder komplett. Als wäre das nicht genug, dreht der Refrain nach dem ersten Mal hören bereits Dauerschleifen im Kopf. Interessanterweise bricht das Stück zum ersten mal aus der Loop Struktur der vorangegangenen Songs aus. Strophe und Bridge weichen von den Akkorden des Refrains ab und bauen etwas Spannung auf, die im Refrain wunderbar weich aufgelöst wird.
Blaue Augen
Ein weiteres Highlight des Albums heißt „blaue Augen“ und appelliert an das Kind in unserem Geist und Körper. Eine Sekunde vom Intro und ich weiß, mir wird der Song gefallen. Mir stellt sich nur die Frage, was ich da am Anfang höre: einen Kinderchor, ein Sample oder einen verrückten Synth? Ich bin mir nicht sicher, aber weiß, dass es unglaublich schön klingt. Den Rest könnt ihr euch vermutlich denken: ein langsam groovendes Schlagzeug und Gesangsmelodien mit balladigem Hitpotential und fertig ist ein weiterer Song zum Verlieben. Ganz besonders empfehlenswert ist es, sich das Musikvideo zum Song anzuschauen. Die Bilder fangen die Stimmung des Liedes unglaublich gut ein und bestärken die besondere Atmosphäre.
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Das Tape schließt mit einem hoffnungsvollen, fast frühlingshaften Gefühl. „Dort“ lässt uns noch etwas weiter träumen und zeichnet einen Ort, an dem alle Seelen dieser Welt sorglos vereint sind. Begleitet von einer unaufdringlichen Melodie fließt die Stimme erzählend über ein lockeres Gitarrenriff. Kein Schlagezug mehr, dass uns ein Tempo vorgibt, nur noch begleitende Schnipser, die ein wenig Halt bieten, während unsere Gedanken langsam abschweifen.
Synonym für „schön“
Beim Schreiben dieses Artikels hatte ich dauerhaft die Google Suche „Synonyme für schön“ in der Tableiste offen. Ich habe mich ganz einfach in die musikalischen Stimmungen dieses Mixtapes verliebt und mir fehlen die passenden Worte. Aber am Ende ist halt alles irgendwie schön. Allerdings so unglaublich schön, dass ich gar nicht zu träumen vermag, dass es Menschen auf dieser Welt gibt, die diese Musik nicht kennen. Und das erschreckende ist, dass Ami Warning auch auf der lyrischen Ebene kein müh weniger gefühlvoll agiert. Ich bin wahnsinnig froh diese Musik entdeckt zu haben und noch froher, sie hier teilen zu können. Springt schnell rüber zur Musik und zu allen sozialen Medien von Ami Warning und lasst euch für einen Augenblick verzaubern.
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