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  • Blond im Interview: ยปIn der Musiklandschaft fehlt uns einfach eine Haltungยซ

    Blond im Interview: ยปIn der Musiklandschaft fehlt uns einfach eine Haltungยซ

    „Auf geht’s Blondies, kรคmpfen und siegen!“, mit diesen motivierten Fan-Rufen beginnt das Album Perlen. Und das zu recht โ€“ fรผr mich haben Blond mit ihrem zweiten Album quasi das Spiel der deutschen Musik gewonnen.

    Von fesselnden Erzรคhlungen, gewohnt humorvollen Bemerkungen, schmerzhaften Erkenntnissen, Euphorie und Emotionalitรคt bis hin zu krassen, unerwarteten Parts von Johann: das ist nur ein Bruchteil von dem, was sich in den schillernden Schรคtzen von Perlen verbirgt. Nina, Lotta und Johann aus Chemnitz zeigen hiermit, dass ihr erstes Album ein leckerer Vorgeschmack auf all das war, was noch mehr in ihnen steckt. Sowohl musikalisch, als auch inhaltlich schien die Band รผber sich hinausgewachsen zu sein und erreichte damit eine bemerkenswert positive Entwicklung. Gleichzeitig kann man sich bei Blond sicher sein, dass sie nicht darauf ausruhen werden.

    Obwohl Blond viele persรถnliche Geschichten erzรคhlen, ist die Bedeutung der Sichtbarkeit und Identifikation fรผr Hรถrer*innen nicht abzustreiten. Blond ist natรผrlich eine Band fรผr alle, aber selten habe ich von so vielen FLINTA* Personen aus meinem Umfeld mitbekommen, dass sie sich so von einem Stรผck Musik so gesehen gefรผhlt haben. Und das ohne plakativ zu wirken oder Absicht irgendeine Art von feministischem Manifest schaffen zu wollen. Es tut einfach gut, mit Songs, die eine รคhnliche Lebensrealitรคt und รคhnliche Erfahrungen spiegeln, mitzufรผhlen. Denn so sehr ich auch meine anderen Lieblingsbands liebe und bei deren Musik das Verlangen nach Identifikation und Verstรคndnis verspรผre, werde ich das von einem verrauchten Alex Turner im Anzug nie bekommen. Ich bin dankbar, diese Mรถglichkeit hier zu bekommen und gleichzeitig zu solchen Bangern mit dem Po wackeln zu kรถnnen.

    Es scheint fรผr mich so, als wรผrde fast niemand anderes in der deutschen Musik sich zutrauen so verdammt viel Vielseitigkeit zu bedienen und so verdammt viel Wahrheit schamlos auszusprechen. Niemand macht es so wie Blond.

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    Nina und Lotta von Blond im Interview

    Dascha (untoldency): Hi, so sieht man sich wieder! Wie geht es euch? Wie erlebt ihr die Zeit um euer Album herum gerade?

    Nina: Wir sind irgendwie immer noch ziemlich im rush. Wir waren ja gestern noch in Chemnitz und haben noch Platten signiert, sind dann nach Hause und haben dann sofort geschlafen, sind aufgewacht und machen jetzt Interviews. Das ist halt alles immer noch so viel nacheinander. Der Puls ist die ganze Zeit hoch und wir sind die ganze Zeit so in Action. 

    Dascha (untoldency): Kann ich mir vorstellen!

    Nina: Aber es war alles sehr, sehr schรถn! Also wir sind auch sehr gut gelaunt und glรผcklich, gerade weil die Leute, die zu unseren Konzerten und zu diesen Signier-Sachen kommen, alle รผbelst tolle Menschen sind und dadurch ist das alles immer sehr, sehr angenehm.

    Dascha (untoldency): Voll schรถn! Dann fange ich mal ganz von vorne an. Wie kamt ihr auf den Albumtitel? Und diese โ€žUnterwasserโ€œ-ร„sthetik, die sich gerade bei euch durchzieht? 

    Lotta: Wir haben mal gehรถrt, dass wenn Schmutz in eine Muschel gerรคt, die diesen Schmutz nimmt und umwandelt und zu einer schรถnen Perle macht. Das war fรผr uns ein sehr schรถnes Bild. Und es gefรคllt uns sehr gut, wenn man sich รผberlegt, dass wir diese Songs auch schreiben, um vielleicht Schmutz, der in unser Leben kommt, zu verarbeiten und zu einem schรถnen Song zu machen, zu dem man sich empowered, fรผhlen kann. Deswegen haben wir nun ein Album, auf dem ganz viele Perlen sind. 

    Nina: Da lag natรผrlich die Unterwasserwelt sehr nah, und die ist ja auch von der ร„sthetik her ein sehr schรถnes, weites Feld und da haben wir uns komplett reingestรผrzt. Wir waren sehr dankbar, dass wir uns selber so ein riesiges รคsthetisches Feld gegeben haben. Wir haben ganz viele riesige Moodboards dafรผr und die sind noch lange nicht alle fertig umgesetzt. 

    Dascha (untoldency): Geil! Diese ganzen Schwimmbad Prelistenings und die Aktion mit den Synchronschwimmer*innen zu eurer Musik sahen sehr, sehr cool aus!

    Lotta: Ja, das war auch richtig schรถn. Das ist so absurd, dass wir das machen, weil sich das angefรผhlt hat wie ein Traum. Ich meine: Ja, ich spiele in einer Band. Und jetzt sitzen wir hier im Schwimmbad in der Bademeister Kabine und erlauben den Leuten, ins Wasser zu gehen. Wie sind wir denn hier gelandet? 

    Dascha (untoldency): Ein bisschen absurd, aber mega cool. Wann habt ihr angefangen, an dem Album zu arbeiten und was waren eure Highlights oder auch Tiefen? 

    Lotta: Wir haben in der Coronazeit angefangen. Also wir haben ja das erste Album rausgebracht, dann waren wir auf Tour und zu dem Album hรคtte noch eine zweite Tour im Herbst gehรถrt. Wir kam quasi vom Tourabschluss aus Leipzig in Chemnitz an und einen Tag spรคter war Lockdown รผberall. Da dachten wir am Anfang so โ€žNee, wir kรถnnen jetzt nicht sofort neue Songs schreibenโ€œ, weil wir ja das erste Album noch gar nicht so prรคsentiert haben, wie wir das gerne machen wollten. Auch einfach mental ging es uns dann nicht so gut. Natรผrlich hatte man in dieser Coronazeit auch richtige Existenzรคngste und hat sich gefragt: โ€žOkay, was passiert jetzt mit so einer Newcomer Band?โ€œ Man hat angefangen, irgendwo anders zu jobben, man hat sich gefragt โ€žBleibe ich jetzt fรผr immer in diesem Beruf? Kann man jemals wieder vor Leuten Konzerte spielen?โ€œ und dadurch gab es keine krasse Motivation. 

    Nina: Wir sind schlieรŸlich eine Live-Band und wollen den Leuten die Musik, die wir schreiben, auf Konzerten zeigen. Deswegen hat es sehr, sehr lange gedauert, bis wir dann den ersten Song einfach geschrieben haben, das war Du und Ich. Danach erst, als auch wieder ein paar Festivals kamen, haben wir angefangen Songs zu schreiben und wieder ins Studio zu gehen. Johann hat sich in der Corona Zeit das Produzieren selber beigebracht, deswegen konnten wir da viel in Chemnitz machen. Was halt anfรคnglich total schwer war, war dieser Anfang, wieder kreativ zu werden. Das war auch ganz anders als beim ersten Album, aber eigentlich ziemlich cool, man war dann wieder in so nem kreativen Fluss drin. Also haben wir dann viel in Chemnitz gemacht und sind dann damit zu Produzenten ins Studio und haben die Songs dann da weiter ausgearbeitet. 

    Dascha (untoldency): Thematisch habt ihr ja auf dem Album sehr viele unterschiedliche Themen abgedeckt und viele Themen, die eben viele FLINTA* Personen beschรคftigen und betreffen oder aktuell hรคufig im Gesprรคch sind. Was meint ihr, wie findet ihr fรผr euch persรถnlich einen angemessenen Umgang mit solchen sensiblen Themen? Und auch, wie man vielleicht Leute auรŸerhalb der eigenen Bubble erreicht, die sich nicht so hรคufig damit beschรคftigen? 

    Nina: Wir sind natรผrlich nicht der MaรŸstab der Dinge und machen sicherlich auch nicht alles immer richtig. Unser Stilmittel ist ja immer so der Humor und wir versuchen dann halt durch Humor relativ einfach mit Themen umzugehen. Da muss man aber auch immer sagen, dass man bei einem Popsong von drei Minuten ja nie alle Facetten eines Themas abdecken kann. Das ist halt einfach Popmusik und da kann man auch nicht sehr, sehr tief in ein Thema einsteigen. Also so machen wir das, aber ich wรผrde jetzt nicht sagen, so ist der einzig gute Umgang damit. Wir gucken immer, wie sich das fรผr uns anfรผhlt und bauen das dann so aus. 

    Dascha: Aber es funktioniert gut! Was fรผr einen Effekt oder was fรผr Gefรผhle sollte das Album bei den Hรถrenden auslรถsen, was erhofft ihr euch? 

    Lotta: Wir haben jetzt auch schon relativ oft gespiegelt bekommen, dass sich Menschen gehรถrt fรผhlen oder empowered fรผhlen oder einen Song haben, der die auch vielleicht mit ihren Freund*innen verbindet.

    Nina: Man macht ja die Musik in erster Linie fรผr sich. Um sich selber das Ventil zu geben, um Sachen einfach zu verarbeiten oder Sachen anzusprechen. Wenn es dann im zweiten Schritt quasi funktioniert, dass Leute das auch noch toll finden, sich vielleicht darรผber kennenlernen, connecten und Gemeinschaften bilden, die รคhnliche Einstellungen haben, dann ist das voll cool. Aber man schreibt jetzt nicht einen Song, um zu sagen, ich mรถchte, dass die Leute dann das und das damit machen. Sondern der ist erst mal so fรผr uns und tut uns gut, weil wir Bock haben, รผber etwas bestimmtes zu singen.

    Dascha: Und welche Bedeutung hat fรผr euch persรถnlich weibliche Sichtbarkeit in der Musik? Besonders bezogen auf Durch die Nacht, weil vor allem die erste Strophe bei mir total hรคngengeblieben ist. Deswegen wรผrde ich gerne mal hรถren, wer bei euch besonders zu diesem โ€žVielleicht kann ich das auchโ€œ beigetragen hat. 

    Lotta: Also der Song ist fรผr uns ja so ein bisschen ein โ€žDankeโ€œ an LaFee und Judith Holofernes. Das waren zum Beispiel zwei Kรผnstlerinnen, die wir gehรถrt haben, als wir zehn Jahre alt waren. Da war schon so der Moment da, dass man dachte irgendwie kรถnnte man das doch auch, da hat man dann auf dem Kinderzimmerbett mit Mikrofon performt und sich das vorgestellt.

    Nina: Ich habe mir im Saturn immer jede LaFee CD geholt. Die hatte ja Alben, EPs, Single-Auskopplungen, dann noch mit einem Instrumental und einem Textblatt drinnen, wo man dann selbst den Text mitsingen konnte und so. Ich war eigentlich nur: LaFee. Ich habe mir sogar die Biografie gekauft, die hat sie geschrieben, als sie 17 war. Alter, das ist wirklich ein Legenden-Move! Spรคter kam auch Missy Elliott oder Gossip dazu. Aber es gab immer wieder diese Momente, auch als wir schon รคlter waren. Zum Beispiel waren wir zusammen auf dem Peaches Konzert und waren so: โ€žOh mein Gott, das ist ja das Geilste รผberhaupt! Wir wollen das auch!โ€œ Also bei Peaches haben wir dann gesehen, dass man รผber den Song hinaus quasi das gesamte Konzert zu einer einzigen Performance verwandeln kann und dass das voll geil ist. Also es nicht so, man geht auf eine Bรผhne und spielt ein Lied, sondern alles gehรถrt zusammen. Das haben wir bei ihr das erste Mal gesehen. 

    Dascha (untoldency): Das ist so cool! Durch die Nacht hat mich so richtig gepackt, weil das fรผr mich immer ein richtig groรŸes Thema ist. Auch wenn ich selbst keine Musik mache, sondern Sachen hinter den Kulissen. Aber jedes mal, wenn ich starken weiblichen Personen begegne, vergesse ich diese Begegnungen auch nicht. Da gibt es so viele tolle Vorbilder.

    Nina: Ja, weibliche Vorbilder sind ja in allen Bereichen geil. Es tut einfach gut, dann eine Identifikationsfigur zu haben.

    Dascha (untoldency): Ja, total. Ihr habt auf dem Album auch das erste Mal in eurer Diskografie richtige Features mit drauf. Wie kam es dazu und wie war das fรผr euch?

    Lotta: Wir haben das ja schon so immer รผber oft gemacht, dass wir uns so auf Festivals gegenseitig auf der Bรผhne besucht haben mit befreundeten Bands. Wir haben das irgendwie nicht so eingesehen, dass sowas nur im Rap komplett Standard ist. Also, mittlerweile ist es auch im Indie angekommen. Zum Beispiel bei Mรคnner hat das fรผr uns einfach voll Sinn ergeben, da noch eine andere Perspektive aus einer etwas anderen Musikrichtung reinzuholen. AddeN hat frรผher sehr viel Battlerap gemacht und war da so ein bisschen allein. Deswegen haben wir uns gedacht: Okay, sie kann das wahrscheinlich gut nachvollziehen, vielleicht hat sie ja Bock. Also wir hatten auch รผbelst Schiss sie anzufragen, weil wir waren so โ€žAls ob die das macht!โ€œ Wir dachten, die sagt safe nein. Aber dann hatte sie รผbelst Bock und ist ein ganz toller Mensch. Sie war jetzt auch bei unserer Releaseparty mit dabei und hat mit uns live performt und das hat alles voll Sinn ergeben. 

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    Nina: Auch Power Plush, das lag ja auf der Hand, weil wir sowieso immer รผbelst viel rumhรคngen und immer so einen kreativen Austausch haben. Bei Ich sage ja hatte das so gut gepasst von der Art her wie Power Plush Musik machen, durch diese harmonischen Gesรคnge. Die erste Zeile ist ja โ€žIch bin die Harmonieโ€œ und dann kommen Power Plush mit ihrem harmonischen Wesen da rein. Das ist so geil! 

    Dascha: Finde ich auch. Es war aber auch cool, Power Plush mal auf deutsch zu hรถren.

    Nina: Genau, wir versuchen natรผrlich auch, denen so ein bisschen die Tรผr zu รถffnen. Vielleicht machen sie ja auch mal einen Song auf deutsch!

    Dascha: Haha, vielleicht! Um bei Ich sage ja zu bleiben โ€“ Als ich den zum ersten Mal gehรถrt habe, musste ich einfach heulen. 

    Nina und Lotta: Ahhh danke, das freut uns wirklich zu hรถren!

    Dascha: Mega song, einfach richtig schรถn. 

    Nina: Wir haben den jetzt schon ein paar Mal live gespielt und es gibt ja diese Bridge mit โ€žFass mich nicht anโ€œ und dann singt das das Publikum immer nach und da kriege ich jedes mal Gรคnsehaut. Und wir haben ja sehr viel weibliches Publikum, da singen alle immer vor allem รผbelst laut das โ€žHalt dein scheiรŸ Maul!โ€œ Da krieg ich Gรคnsehaut! Man merkt, dass die das brauchen, dass einfach mal heraus zu sagen.

    Dascha: Kann ich mir vorstellen. Kรถnnt ihr mal in euren Worten aus eurer Erfahrung kurz sagen, wieso man weibliche Wut braucht? Auf den Song bezogen, also jetzt nicht unbedingt in einem revolutionรคrem historischen Kontext, sondern auch einfach im Alltag. Und findet ihr dieses Bild von diesem braven Mรคdchen, was immer ja sagen sollte, ist gerade im Wandel?

    Nina: Ich glaube, das ist wieder was Persรถnliches. Also ich habe halt viel gelesen, wo es einfach um Weibliche Wut ging und dann bin ich selber meine Sozialisation so ein bisschen durchgegangen und habe mich dann viel im Freund*innenkreis unterhalten. Dass man sich als Frau immer blรถd vorkommt, wenn man sauer ist, weil man denkt man รผbertreibt oder ist hysterisch, weil einem das ja auch so gespiegelt wird, als ob Wut eine Emotion wรคr, die mir nicht steht. Und dann hab ich aber รผberlegt, dass das bei Mรคnnern nicht so ist. Zum Beispiel bei Politikern oder so, wenn die eine wรผtende Rede halten, dann sind das die total starken Typen. Wenn eine Politikerin aber eine wรผtende Rede hรคlt, dann ist die รผberemotional und so. 

    Dann sind mir total viele solcher Sachen aufgefallen. Auch im Kindergarten zum Beispiel, dass die Jungs sich immer gerauft haben, aber Mรคdchen sollten sich ja immer sofort vortragen und lieb sein. Man rutscht dann ja selber in so eine Rolle rein, wenn die Gesellschaft die so vorgibt. Das Thema ist also eine persรถnliche Sache, die aber natรผrlich trotzdem strukturell bedingt ist. Dann hab ich eben viel dazu gelesen und habe gemerkt, dass es Lektรผre dazu gibt und dass das ein Thema ist, was schon mal bearbeitet wurde. Ich habe das Gefรผhl, das ist wie bei allen mรถglichen feministischen Themen, dass es gerade schon so ein bisschen popkulturell abgebildet wird. Die Frage ist immer nur, wie sich dann sowas wirklich auch im System verรคndert. 

    Dascha (untoldency): Ich finde, das habt ihr sehr gut in dem Song auf den Punkt getroffen. Also, dass man es irgendwie einfach persรถnlich auf sich beziehen kann, aber trotzdem den allumfassenden Kontext versteht.

    Nina: Danke, wirklich! Wenn alle mรถglichen Leute gemeinsam dann โ€žHalt einen scheiรŸ Maulโ€œ mitsingen und das in dem Moment ein Ventil fรผr die ist, dann ist das geil. Es ist ja auch ungesund, seine Wut runterzuschlucken, das machen ja auch total viele. Ich habe auch gelesen, dass viel mehr Frauen als Mรคnner Zรคhne knirschen, weil die da irgendwas nicht verarbeiten. Oder ganz viel mehr Frauen melden sich fรผr diese Kurse an, wo man mit Baseball Schlรคgern Autos und so zerschlรคgt, um Wut rauszulassen. Das Gefรผhl ist ja da, aber wird dann einfach nicht ausgelebt. Das ist ungesund.

    Dascha (untoldency): Ja, das stimmt! Apropos Gefรผhle, ich wรผrde noch gerne auf Immer lustig eingehen, weil ich den Song รผberraschend fand. Also, vielleicht werdet ihr auch einfach von auรŸen schon ein bisschen in die Schublade der โ€žfunnyโ€œ Band gesteckt. Den Kontrast von dem Song auf dem Album finde ich super interessant und รผberraschend, aber andererseits hat es auch total Sinn ergeben. Vielleicht kรถnntet ihr einfach mal ein bisschen zu dem Song erzรคhlen und auch zu dieser Balance zwischen diesen zwei Seiten, um die es geht.

    Nina: Der Song ist der einzige auf dem Album bei dem es jetzt keinen doppelten Boden gibt, sondern der ist einfach das, was man singt ohne zusรคtzlich etwas zu erklรคren. Der ist genau so gemeint. 

    Lotta: Ich glaube, da geht’s auch so ein bisschen darum, dass wir gemerkt haben, dass oft Leute schnell so sind wie โ€žAlso, das hรคtte ich nicht gedacht, die ist doch immer so gut gelauntโ€œ und dass man Leuten auch mal zeigt, dass andere Leute nicht immer so sind, wie du die siehst. Wenn du Leute siehst, die nach auรŸen vielleicht immer total funny wirken, dann kann das vielleicht auch ein Mechanismus sein, um mit Sachen umzugehen, die im Privatleben extrem scheiรŸe sind. Es sollte einfach zeigen, dass es halt nicht so einfach ist, von auรŸen in Leute reinzugucken. Dass es nicht so leicht ist zu sagen โ€žHey, dir gehtโ€™s doch gut, du scheinst doch immer gut gelauntโ€œ und ich glaube darum war uns das auch wichtig, da einfach mal so ehrlich zu sein, weil halt nicht immer alles schรถn ist. Auch bei uns nicht. 

    Dascha (untoldency): Ja total, das ist auch wichtig, sich dem bewusst zu sein. Der Song ist wirklich super schรถn geworden. Ich habe generell den Eindruck, dass ihr so eine Band seid, die irgendwie immer wieder neue Ideen einbringt und sich immer wieder weiterentwickelt und immer versucht, den Rahmen zu sprengen und irgendwas cooles neues einzubringen und damit auch irgendwie die Musikszene aufregender macht. Was treibt euch so dazu an? Also was gibt euch die Motivation, euch immer neues auszudenken? 

    Nina: Ich finde, und das sagen wir auch ganz oft, wir finden es รผbelst toll, dass wir in einer Band spielen und es kรถnnte keinen besseren Beruf fรผr uns geben. Zu dieser Band gehรถrt ja auch sowas wie Musikvideos, irgendwelche Sessions, wie jetzt unsere Unterwasser Prelistenings und wir haben 100000 Ideen im Kopf, die gar nicht unbedingt in erster Linie nur was mit Musik zu tun haben. Und man kann die ja trotzdem alle umsetzen. Wir haben uns selber jetzt einen Rahmen geschaffen, wo wir einfach alles, was uns so einfรคllt, was wir geil finden, umsetzen kรถnnen. 

    Lotta: Man kann sich kreativ so krass ausleben! Uns treibt dann auch an, dass man einfach umgeben ist mit kreativen Leuten. Also unser Freundeskreis ist auch extrem kreativ und so, das treibt uns dann natรผrlich auch an, wenn die Sachen machen und man sich darรผber unterhรคlt. Was einem auรŸerdem so gute Gefรผhle gibt, ist dann halt, wenn man auf der Bรผhne steht und merkt, es zahlt sich aus und die Leute wertschรคtzen voll die kรผnstlerische Arbeit, die man macht. Wenn man merkt, die Leute verstehen das und die Leute haben SpaรŸ damit, dann treibt das natรผrlich auch wieder an, dass man wieder mit einer neuen Sache um die Ecke kommt. Das ist ein Zusammenspiel aus vielen verschiedenen Dingen, aber wir sind einfach extrem glรผcklich, so kreativ arbeiten zu kรถnnen.

    Dascha (untoldency): Das merkt man auch! Was ist fรผr euch die grรถรŸte Entwicklung, die ihr als Band gemacht habt? Von euren ersten Releases bis jetzt hier hin. 

    Nina: Ich finde, alles mรถgliche hat sich irgendwie gleich weiterentwickelt. Also, ich habe gestern unsere beiden Albumcover mal nebeneinander gesehen und die sind irgendwie trotzdem in einem Stil. Aber das zweite ist natรผrlich professioneller, sag ich mal, und ich kann das gar nicht an einer Sache festmachen, aber ich glaube man kann das auf alles beziehen. Musikalisch, aber auch die ร„sthetik, das Bรผhnenbild, dann gibt es ja ein รผbelst tolles Team, was jetzt unsere Bรผhnenoutfits nรคht und solche Sachen. Wir haben halt quasi dadurch, dass wir jetzt ein bisschen grรถรŸer sind, mehr Mรถglichkeiten, noch mehr Sachen, die wir uns immer gewรผnscht haben, umsetzen zu kรถnnen. Das ist vielleicht nicht wirklich eine Entwicklung, aber einfach eine Mรถglichkeit.

    Lotta: Man hat sich privat auch so entwickelt, dass man vielleicht ein bisschen selbstbewusster mit dem eigenen Projekt ist und sich so ein bisschen den Raum, der einen ja auch zusteht, noch mehr nimmt. AuรŸerdem arbeiten wir halt jetzt mit Leuten, die wir einfach รผbelst lieben und die uns mรถgen, man ist einfach auf einer Wellenlรคnge. Ich habe das Gefรผhl, das ist auch so eine persรถnliche Entwicklung, dass wenn eine Person einfach scheiรŸe ist, man nicht mehr mit der Person zusammen arbeitet oder die Person nicht supported. Also, dass wir uns jetzt dieses Recht nehmen.

    Nina: Genau, das meinte ich auch mit Mรถglichkeiten. Wir sind jetzt an einem Punkt, wo man auch sagen kann: โ€žIst mir scheiรŸ egal, du bist kacke, ich hab kein Bock auf dichโ€œ und das ruiniert jetzt nicht die gesamte Karriere. Es ist natรผrlich immer kompliziert, aber es ruiniert jetzt nichts mehr. 

    Dascha (untoldency): Passend dazu, was fehlt euch persรถnlich momentan in der deutschen Musiklandschaft, egal in welcher Hinsicht?

    Nina: Um es mal kurz zusagen: in der Musiklandschaft fehlt uns meistens einfach eine Haltung. Einfach mal ein bisschen Rรผckgrat zeigen.

    Dascha (untoldency): Ja, gut zusammengefasst. Die nรคchste Frage, die vorletzte, ist sehr wichtig. Was ist euer lieblings Sims Erweiterungspack?

    Lotta: Ich muss dazu sagen, ich musste Sims letztens leider lรถschen, weil es so viel Speicherplatz eingenommen hat. Das Erweiterungspack mit den Haustieren ist zwar schon lange her, aber das war ein groรŸer Schritt in die richtige Richtung. (lacht) Hauserweiterung fand ich super, aber ich weiรŸ gar nicht mehr, wie das hieรŸ. Irgendwas mit Home Decor? Da hat man so geile Badematten fรผr den Pool bekommen und so. Da gab’s ganz spezielle kleine Sachen wo ich immer dachte โ€žniceโ€œ, sowas wie schรถne Vasen. Ich glaube, mein liebstes Erweiterungspack ist aber Haustiere. Was ist denn dein lieblings Erweiterungspacks?

    Dascha (untoldency): Ich glaube, auch Haustiere. Und Jahreszeiten ist fรผr mich ein Klassiker. Ich denke manchmal daran zurรผck, dass es fรผr Sims 2 so ein Pack gab, das hatte ich damals auf der Playstation, das hieรŸ Sims 2 Gestrandet. Das war einfach so unnormal verstรถrend, da war man alleine auf der wilden Insel und irgendwann wurde man immer von Affen gejagt und getรถtet, ich hatte so Angst davor.

    Nina: Ich weiรŸ einfach direkt im Kopf, wie diese Verpackung aussah! Das ist aber was, wo ich immer so drum rumgelaufen bin und meine Eltern รผberreden wollte, mir das zu kaufen. Ich habe es nie gekriegt. Ich kenne deswegen nur diese Verpackung, bei der fรผr mich ein Heiligenschein drum rum war, das war etwas unerreichbares fรผr mich als Kind. (lacht)

    Dascha (untoldency): Ja, das war geil, aber eben auch verstรถrend. Naja, okay. Die letzte Frage ist bei uns immer eine untold story, also eine Geschichte oder ein kleines Geheimnis, das ihr noch nicht รถffentlich erzรคhlt habt.

    Nina: Fรผr alle, die uns letztes Jahr auf unserer Tour besucht haben, die ging einen Monat: Ich habe den gesamten Monat lang gezahnt. Also den gesamten Monat lang sind mir meine Weisheitszรคhne hinten durchgebrochen und ich konnte eigentlich meinen Mund kaum aufmachen und musste immer Schmerztabletten vorm Auftritt nehmen, damit ich รผberhaupt ordentlich singen kann. Ich dachte halt, die Martini Sprite Tour wurde drei mal verschoben wegen Corona, wir kรถnnen jetzt nicht vier mal verschieben, wegen meinen Weisheitszรคhnen. Das geht ja nicht! Deswegen Shoutout an alle Babys die gerade zahnen, weil ich kann das komplett mitfรผhlen. Wenn du dich nur noch durch schreien รคuรŸern kannst, dann tut’s mir leid. (lacht) Das ist eine Geschichte, die wir noch nicht erzรคhlt haben. Und jetzt ist es raus: Ich habe auf Tour gezahnt.

    Dascha (untoldency): Respekt, du hast es aber geschafft! Sind sie jetzt raus?

    Nina: Ne, die sind noch drinnen, ich habe genug Platz in meinem Mund.

    Lotta: Die leben da einfach rent free!

    Dascha (untoldency): Ich danke euch fรผr eure Zeit und das schรถne Interview!

    Ende des Jahres kรถnnt ihr alle Perlen-Hits live auf Tour hรถren! Hier geht’s zur den Tourdaten.

    Foto Credits: Anja Jurleit

  • Exklusive Videopremiere: Skuppin und „Taumeln“

    Exklusive Videopremiere: Skuppin und „Taumeln“

    Vertrรคumter Pop und Liebeshymnen, Fernweh und Poesie, Herzschmerz und Gefรผhle.

    Wenn man mich fragen wรผrde, welche deutschen Newcomer*innen man dieses Jahr auf jeden Fall auf dem Radar haben sollte, dann wรคre SKUPPIN auf jeden Fall unter den Top fรผnf. Den aufmerksamsten untoldency Leser*innen sollte der Name SKUPPIN schon ein Begriff sein. Denn, vor einiger Zeit habe ich schon von seiner ersten EP „NEUE ROMANTIK“ berichtet (Hier kannst du die Review lesen). Wer ihn noch nicht kennt, sollte spรคtestens jetzt die Augen und Ohren nach ihm offen halten. Mit seiner heute frisch verรถffentlichten Single „Taumeln“, hat Skuppin es erneut mit Leichtigkeit geschafft, in meinem Ohr hรคngen zu bleiben und sich festzufahren.


    Bodenlosigkeit, Angst und Liebe
    „Taumeln“ Cover, von Max Koch

    In Taumeln besingt der Newcomer mit auffallend beruhigenderer Stimme die Bodenlosigkeit, die Angst und die Liebe. Dabei singt SKUPPIN wie gewohnt im schรถnsten Wortgewand. Begleitet wird er dabei von mystischen Klรคngen, einem Klavier und elektronischen Strings. In Taumeln lรคsst uns SKUPPIN in das Innerste seiner Gedanken schauen und nimmt uns mit auf eine Suche nach Halt, ohne รผberhaupt zu wissen was haltend ist.


    โ€ž
    Die Stunden gehen schneller als die Welt,
    schneller als wir beide,
    Taumeln vor uns hin.โ€œ

    Das Finale zieht einen durch die kraftvolle Stimme fรถrmlich in den Bann. Zusammen mit dem immer voller werdenden Sound, hinterlรคsst es bis zum zerstรถrerischen Schluss Eindruck.


    Zwischen Einkaufswagen und Ziellosigkeit

    Passend zum Songrelease, dรผrfen wir euch heute das zugehรถrige Musikvideo vorstellen, welches den Song nicht besser hรคtte unterstreichen kรถnnen. Das Video startet mit einem jungen Mann in Jeansjacke. Verloren und wohl aufgewรผhlt zugleich, taumelt dieser ziellos durch die Welt. In diesem Falle erstmal durch ein Parkhaus. Man kann jede einzelne seiner Emotionen ohne Schwierigkeiten aus dem Gesicht ablesen.

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    Ohne recht zu wissen, wohin mit sich selbst, lรคuft und verlรคuft sich dieser junge Herr im Verlauf des Liedes. Er lรคuft und lรคuft und lรคuft und lรคuft. Zwischen Autos und Einkaufswagen die ihm nicht gehรถren, schlendert er nun rauchend sowie streitfreudig durch die Stadt. Es schaut nicht so aus, als wรผrde der Protagonist innerhalb des Videos seinen Frieden finden, allerdings schafft er es seinen Emotionen endlich Luft zulassen. Das Finale des Videos ist nicht weniger kraftvoll als das des Liedes. Durch einen emotionsstarken Schrei visualisiert die Hauptperson das krรคftige Ende von Taumeln so, dass man es besser kaum hรคtte machen kรถnnen.

    Hier kรถnnt ihr Taumeln streamen.

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  • Musik gegen Rechts: deutsche Kรผnstler:innen werden politisch

    Auslรคnderfeindliche รœbergriffe, steigende Gewaltbereitschaft und wachsende Wahlerfolge der AfD โ€“ der Rechtsruck in Deutschland ist deutlich zu spรผren. Ein GroรŸteil der Bevรถlkerung hat es jedoch satt. Doch wie kann rassistisches Gedankengut am effektivsten bekรคmpft werden? Am besten vermittelt man es durch etwas, das jedem SpaรŸ macht: Musik. Deshalb zeigen mittlerweile viele Musiker:innen, wo sie politisch stehen. Das hรถrt man in ihren Songs, sieht man bei ihren Konzerten und liest man auf Social Media. Das ist ihre Strategie: So mischen sich deutsche Kรผnstler:innen in die Politik ein!


    โ€žEs gibt viele Feinde der freien Gesellschaft.โ€œ
    Christoph Sell, Feine Sahne Fischfilet



    #WIRSINDMEHR โ€“ Doch was bleibt nach dem Hashtag?

    Es ist der 26. August 2018 und es ereignet sich auf den StraรŸen der Chemnitzer Innenstadt. โ€žVolksverrรคter, Schweinehunde, Faschisten!โ€œ, rufen die Rechtsextremist:innen wรคhrend sie auf die Polizisten einschlagen. Ihre geplante Hetzjagd auf Migrant:innen ist in vollem Gange. Alles, was sich gegen sie stellt wird angegriffen โ€“ egal, ob Polizist:in, Journalist:in oder Passant:in. Sie lassen ihrer Wut freien Lauf. Der Auslรถser fรผr ihren Zorn: Am Vortag gingen ein Syrer und ein Iraker mit einem Messer in einem Streit auf eine andere Gruppe Mรคnner los, wobei einer tรถdlich verletzt wurde. Grund genug fรผr die rechte Szene, sich mit Gewalt auf der StraรŸe an den auslรคndischen Mitbรผrger:innen zu rรคchen. Die fremdenfeindlichen Ausschreitungen an diesem Tag sind gefolgt von Demonstrationen und einem Trauermarsch der AfD und Pegida an den folgenden Tagen.


    Chemnitz โ€“ eine Stadt im Ausnahmezustand
    Musik gegen Rechts: Marteria und Casper auf dem #wirsindmehr-Konzert


    Doch bevor Chemnitz den Stempel als Hochburg der rechten Gewalt aufgesetzt bekommt, meldet sich Kraftklub zu Wort. Die Band um Frontsรคnger Felix Brummer will nicht zusehen, wie ihre Heimatstadt von Neonazis instrumentalisiert wird. Sie organisieren zusammen mit dem Chemnitzer Stadtmarketing ein kostenloses Konzert. Das Konzept dahinter: Deutsche Musiker:innen positionieren sich klar und deutlich gegen die Rechtsgewalt und nutzen ihre groรŸe Reichweite, um den Hetzern zu zeigen, dass sie in der Unterzahl sind. Das Motto lautet โ€žWir sind nicht allein, wir sind mehr!โ€œ und gibt der Veranstaltung den Namen #wirsindmehr. Unter dem Hashtag wird das Konzert innerhalb kรผrzester Zeit ein viraler Hit. Immer mehr Kรผnstler:innen schlieรŸen sich der Bewegung an.


    #wirsindmehr

    Am 3. September 2018 ist es dann soweit. 65.000 Besucher:inneb machen sich auf den Weg nach Chemnitz um durch ihre gemeinsame Liebe zur Musik ein Zeichen gegen den Rechtsruck zu setzen. Auf der Bรผhne stehen neben Kraftklub weitere deutsche Kรผnstler:innen: Die Toten Hosen, Casper, Feine Sahne Fischfilet, K.I.Z, Marteria, Nura und Trettmann. Das Konzert wird auf YouTube im Livestream und auf 3sat im Fernsehen รผbertragen. Alles lรคuft friedlich und stรถrungsfrei ab.


    Ziel erreicht!

    Wenn mehr als 50 Tausend Leute โ€žNazis raus!โ€œ rufen, dann hat wohl auch das dickkรถpfige, unbelehrbare AfD-Mitglied verstanden, dass es hier nicht willkommen ist.

    Die Social Media-Gemeinde ist sich da allerdings nicht ganz so einig. n-tv kritisiert รผber Twitter, dass โ€žnur die รผblichen Verdรคchtigenโ€œ vor Ort seien und die komplette Deutschpop-Front nicht vertreten ist. Helene Fischer kontert darauf, indem sie sich per #wirsindmehr zum Konzert bekennt. GrรถรŸtenteils ist das Feedback aber positiv. Die spontane und trotzdem einwandfreie Organisation wird gelobt und die Kรผnstler:innen sind fรผr viele ein Vorbild. Deutschlandfunk stellt klar: Die schweigende Mehrheit Sachsens ist zwar immer noch da, wird aber so langsam wach.

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    https://twitter.com/DrWaumiau/status/1036616923520409602?ref_src=twsrc%5Etfw%7Ctwcamp%5Etweetembed%7Ctwterm%5E1036616923520409602%7Ctwgr%5E%7Ctwcon%5Es1_c10&ref_url=https%3A%2F%2Fpreview.shorthand.com%2FzbHsb4lJwaQIR7et
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    Aber es bleibt nicht nur bei dem einen #wirsindmehr-Konzert. Im Juli 2019 findet in Chemnitz die nรคchste Veranstaltung mit Musik gegen Rechts statt. Das Kosmos-Festival unter dem Motto โ€žWir bleiben mehrโ€œ zรคhlt 50.000 Besucher:innen, die zu Kรผnstler:innen wie Alligatoah, Herbert Grรถnemeyer oder Tocotronic wieder ein Zeichen setzen wollen, dass die Rechten nicht das Zepter der Stadt in ihren Hรคnden haben.  


    #wirbleibenmehr

    #wirsindmehr ist nicht einfach ein einmaliges Konzert. Der Hashtag ist heute Synonym fรผr eine bunte, offene und von rechter Gewalt freie Gesellschaft. So schleicht sich #wirsindmehr immer wieder unter die Twitter-Trends, wenn es einen Angriff rechtsradikaler Gruppen gibt. Auch im Jahr 2021 ist es wichtiger denn je, der rechten Szene zu kontern und zu zeigen, dass sie nicht die Oberhand in Deutschland hat.


    #wirsindschonlangemehr

    Musiker:innen, die sich gegen rechte Gewalt auflehnen โ€“ das ist keine Entdeckung des 21. Jahrhunderts. In den letzten Jahrzehnten gab es immer wieder Bewegungen, Initiativen und Aktionen der linken Musikszene, die sich deutlich gegen Unruhen durch Fremdenhass, rechte Hetze und fรผr die Freiheit aller einsetzen. Ein GroรŸteil findet seinen Ursprung im Deutschpunk, aus dem auch das heutige Flaggschiff der linken Musik entstanden ist: der Politpunk. Hier kurz einmal einige wichtige Eckpunkte der deutschen Punkgeschichte, an die heutige Musikevents wie #wirsindmehr erinnern:


    FEINE SAHNE FISCHFILET โ€“ Politpunk gegen Rechts

    Dass Rechtsextremismus in Sachsen ein groรŸes Problem ist, ist mittlerweile bekannt. Doch die Ausschreitungen in der ehemaligen Karl-Marx-Stadt lassen ein anderes Bundesland oft im Hintergrund stehen: Mecklenburg-Vorpommern. Der Ostsee-Bezirk bekommt von den meisten Deutschen nur einmal im Jahr Aufmerksamkeit, nรคmlich dann, wenn es zum Sommerurlaub nach Rรผgen oder an den Timmendorfer Strand geht. Doch wohnen mรถchten dort die wenigsten. Meilenweite freie Flรคchen, kleine Dรถrfer, abgeschottet von der AuรŸenwelt โ€“ kein Wunder, dass sich die Einwohner:innen von der Regierung oft vernachlรคssigt fรผhlen. Das Problem an der Situation: Viele geraten dadurch in die rechte Szene. Der 35-Einwohner Ort Jamel ist sogar als Nazidorf bekannt, dort leben die Menschen nach dem Motto โ€žfrei, sozial, nationalโ€œ und haben das auch auf ihren Hรคusern verewigt. Auch wenn Jamel ein Extremfall ist, ist der Ort leider nicht das einzige Sorgenkind in Mecklenburg-Vorpommern.

    Schwer vorstellbar, in so einer Region รถffentlich zu seiner antifaschistischen, linken Haltung zu stehen. Fรผr die Politpunk-Band Feine Sahne Fischfilet aus Jarmen gibt es allerdings gar keine Alternative: Auch sie machen Musik gegen Rechts. In ihrem Musikvideo zu „Alles auf Rausch“ machen Sie das mehr als deutlich.

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    Das Aufwachsen auf dem Land hat die Einstellung der Band und wie sie mit bestimmten Situationen umgehen bedeutend geprรคgt. In Jarmen gab es nur wenige andere Punkbands und ab und zu kleine Demos der linken Szene, die die Gewaltbereitschaft der Rechten eher gefรถrdert als gefordert hat. Laut Gitarrist Christoph gewรถhnt man sich an sowas aber schnell.


    โ€žMan nimmt es immer einfach so auf. Aber eigentlich ist es total skandalรถs, was da abgeht.“
    Monchi von Feine Sahne Fischfilet

    Den Zustรคnden in Jarmen haben die DIY-Punker gepflegt getrotzt und einfach ihr eigenes Ding gemacht. Von der Organisation von Veranstaltungen bis hin zum Presse-Statement, Feine Sahne Fischfilet hat sich alles selbst erarbeitet und beigebracht. Das hebt sie von vielen anderen Bands ab. Die Jungs aus dem Osten haben dabei auch gelernt, sich immer den Humor zu behalten und die Lebenslust nicht zu verlieren. Das hรถrt man auch in ihren Songs.

    Den aufmerksamen Zuhรถrer:innen fรคllt schnell auf, dass Feine Sahne in ihren Songs ganz unverblรผmt zu Gewalt aufrufen. Andererseits positionieren sie sich deutlich gegen rechte Gewalt. Wie passt das zusammen? Ganz einfach, gegen die rechte Szene anzureden bringt leider meistens nichts. Das mussten Feine Sahne Fischfilet selbst auf die harte Tour lernen.


    โ€žWenn du immer noch deine andere Wange mit hinhรคlst, wenn du mal einen in die Fresse kriegst, dann hast du irgendwann keine Zรคhne mehr im Maul. Das bringt gar nichts!โ€œ


    Seitdem schlagen die Jungs auch mal zurรผck. Dabei geht es ihnen nicht nur um die bloรŸe kรถrperliche Tat, sondern viel mehr die Botschaft dahinter: Wir lassen uns das nicht gefallen. Wir sind gegen euch und stehen dazu! Sie sind bereit fรผr ihren Grundsatz zu kรคmpfen, nรคmlich fรผr eine freie Gesellschaft, wรผrden aber selbst nicht behaupten, dass sie fรผr Gewalt einstehen, sondern viel mehr von den Nazis und Rechten dazu gezwungen werden, da diese sonst die Oberhand bekommen wรผrden.


    โ€žDas finde ich total notwendig: Wenn Nazis auf dem Land aktiv sind und alles einschรผchtern, was irgendwie fรผr eine bunte Gesellschaft und eine freiheitliche Gesellschaft steht, dann muss sich diese Gemeinschaft wehren!โ€œ


    Vor ihrem Konzert am 30.11.2019 in Lingen habe ich mit Feine Sahne Fischfilet รผber ihre Texte, den Rechtsruck und die deutsche Politik geredet. Das sind die Antworten von Christoph und Olaf:

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    โ€žโ€˜Wir sind mehrโ€˜ ist fรผr mich immer noch ein Leitsatz, an den ich glaube.โ€œ

    #wirsindmehr ist nicht die einzige Kampagne, fรผr die die Punker aus Jarmen sich bereits eingesetzt haben. Zur Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern 2016 starteten sie selbst die Kampagne โ€žNoch nicht komplett im Arsch โ€“ Zusammenhalten gegen den Rechtsruck!โ€œ. Ihr Ziel: Das Wir-Gefรผhl stรคrken! Dass die AfD zu dem Zeitpunkt wieder neue Wahlerfolge erzielen konnte und das rassistische Klima im Land wuchs, war den Jungs bewusst. Dass sie das durch die Kampagne auch nicht aufhalten konnten, auch das war ihnen bewusst. Trotzdem war es wichtig, ein Zeichen zu setzen und der rechten Front etwas Gegenwind zu bieten โ€“ und das unabhรคngig von Parteien. Eine Reihe von Veranstaltungen sollte die Bรผrger:innen vor Ort informieren und aufmerksam machen. Lesungen, gemeinsames Singen, Gesprรคchsrunden und Grillen stand auf dem Plan, auรŸerdem spielte Marteria ein Konzert in Anklam. Den krรถnenden Abschluss bildete das โ€žWasted in Jarmenโ€œ-Festival, das seitdem jรคhrlich wiederholt wird und ein beliebter Schauplatz fรผr Musik gegen Rechts geworden ist.


    KEIN BOCK AUF NAZIS โ€“ Die Kampagne gegen Rechts

    Sei es durch klare Worte oder ohrwurmverdรคchtige Sounds, Musik verbindet Menschen einfach. Wenn dann auch noch eine politische Message dahintersteckt, kann Musik sogar bildende Eigenschaften haben. Doch in der Politik erreicht man damit leider wenig. Das ist den Musiker:innen bewusst. Viele wollen das auch gar nicht unbedingt.

    Die Punkband ZSK hat die Schnauze voll, denn sie haben Kein Bock auf Nazis und bereits 2006 die gleichnamige Kampagne ins Leben gerufen. Sie wollen vor allem die Jugend damit erreichen. Jugendliche kรถnnen sich รผber Kein Bock auf Nazis zum Thema Rechtsextremismus informieren und sich vernetzen. Wer Hilfe beim Organisieren von Demonstrationen oder Infostรคnden braucht oder in der Schule das Thema behandeln mรถchte, findet hier Unterstรผtzung. Dazu gibt es eine kostenlose DVD, Broschรผren, Plakate, Sticker und weiteres Infomaterial. Vor allem in den Schulen wird das Angebot sehr gut angenommen. Viele Lehrer:innen bauen die Materialien und den Film mittlerweile in ihren Unterricht ein, um Prรคventionsarbeit zu leisten. ZSK ist dabei nur wichtig, dass sich keiner auf den Lorbeeren anderer ausruht, sondern selbst etwas startet und sich mit Freund:innen zusammentut. Jeder soll selbst die Initiative ergreifen.

    Die Kampagne hat eine breite Basis an Unterstรผtzern. Bands wie Die ร„rzte, Die Toten Hosen, Fettes Brot oder Deichkind stehen hinter dem Projekt. Auch Feine Sahne Fischfilet engagiert sich aktiv fรผr Kein Bock auf Nazis. Die Vertreter:innen von Musik gegen Rechts wollen es nicht einfach nur bei ihren Songs belassen, sondern auch Initiative ergreifen. ZSK-Sรคnger Joshi ist begeistert von dem Rรผckhalt, den seine Band und die Kampagne in der deutschen Musikszene genieรŸt:


    โ€žIch finde es wichtig, dass man bei ganz vielen Bands weiรŸ, dass sie im richtigen Moment auf der richtigen Seite stehen.โ€œ
    Musik gegen Rechts: ZSK auf der Bรผhne mit Banner "Make racists afraid again


    Bei der Grรผndung von Kein Bock auf Nazis wurde die Bands von vielen Seiten belรคchelt, doch das Thema der Kampagne ist mit den Jahren immer aktueller und wichtiger geworden. Was steckt also heute noch hinter dem Projekt und wer ist die Band dahinter?


    โ€žIch hรคtte mir gewรผnscht, dass vieles, was ich damals gesungen habe, heute nicht mehr aktuell wรคre. Aber so ist es nicht.โ€œ


    Politische Texte mit einer klaren Message โ€“ das steht bei den Songs von ZSK im Mittelpunkt. Sie wollen nicht โ€žeinfach nurโ€œ Musik machen, sie wollen bewusst politisch sein. Laut Sรคnger Joshi ist die deutsche Gesellschaft momentan in zwei Extreme gespalten: AfD, NSU und Anschlรคge auf der einen Seite stehen Hambi-Demos, Antifa und Ende Gelรคnde auf der anderen Seite gegenรผber. ZSK positioniert sich klar und deutlich: Alerta, Alerta, Antifacista! Sie unterstรผtzen eine Vielzahl an antifaschistischen Organisationen und nehmen diese auch immer wieder gerne mit auf Tour. Vor ihren Konzerten findet man so gut wie immer Infostรคnde gegen Rechtsextremismus. Sรคnger Joshi erinnert das Publikum auch auf der Bรผhne regelmรครŸig daran, sich gegen den Rechtsruck zu wehren. Ein gemeinsamer Antifa-Ruf darf da natรผrlich nicht fehlen. Man kรถnnte also sagen, die Band lebt in ihrer Nazi-freien Blase. Damit geben sich die Punker allerdings nicht zufrieden. Ihrer Meinung nach unternimmt die Politik viel zu wenig bis gar nichts gegen den Rechtsruck in Deutschland. Deswegen nehmen die Jungs das Ganze lieber gleich selbst in die Hand. Getreu dem Motto โ€žDo it yourselfโ€œ. Mit der Kein Bock auf Nazis Kampagne haben sie ihre Filterblase aufgelรถst und leisten Prรคventionsarbeit fรผr die ganze Gesellschaft.


    Es hilft dir auch keine Polizei oder keine Politiker:innen, die immer sagen: „Zivilcourage finden wir ganz toll. Und wenn es dann aber beim Nazi-Aufmarsch eine Sitzblockade gibt, eine friedliche, und alle kriegen Pfefferspray ins Gesicht, dann sind die Politiker:innen nicht da.โ€œ
    Musik gegen Rechts: Joshi, der Sรคnger von ZSK

    #WIRWERDENIMMERMEHRSEIN โ€“ Wieso das Konzert nicht einfach nur ein Konzert war

    #wirsindmehr, Kein Bock auf Nazis und Noch nicht komplett im Arsch! โ€“ alle drei Projekte sind Kampagnen gegen den Rechtsruck in Deutschland, ins Leben gerufen durch Musiker:innen. Sie stehen beispielhaft fรผr den Einsatz deutscher Kรผnstler:innen fรผr die politische Lage der Nation. Die Bands und ihre Musik gegen Rechts werden fรผr ihr Engagement immer wieder gelobt, oft auch aus der Politik. Das prominenteste Beispiel dafรผr ist wohl Frank Walter Steinmeiers Aufruf, das #wirsindmehr-Konzert zu besuchen, fรผr das er allerdings Kritik von Annegret Kramp-Karrenbauer einstecken musste.

    Die groรŸe Frage, die seit #wirsindmehr kontrovers diskutiert und immer wieder bei Kampagnen รคhnlicher Art aufkommt, ist wohl diese: Hat das Konzert eine Verรคnderung schaffen kรถnnen? Ist nicht alles noch genauso wie vorher?


    Was bleibt am Ende noch รผber?

    Joshi von ZSK kann solche Ansichten nicht verstehen. Die Leute, die sich รผber so etwas beschweren, seien eigentlich nur neidisch, dass es nicht ihre eigene Idee war. Er findet, dass das Konzert wahnsinnig viel gebracht hat. Joshi bringt es auf den Punkt:


    โ€žDa waren 65 Tausend Leute. Selbst, wenn nur 1% davon danach sagt: ‚Das war so ein รผberwรคltigendes Erlebnis. Ich mach jetzt in meiner Stadt auch was gegen Nazis.‘ โ€“ Alleine dann hat sich das gelohnt. Dieses ganze Gejammer, das Konzert hรคtte ja gar nichts gebracht, geht mir wahnsinnig auf die Nerven. Dann macht doch was anderes, besseres. Aber ich glaube das war ein super Signal und das sollte es ruhig รถfter geben!โ€œ
    Christoph von Feine Sahne Fischfilet


    Feine Sahne Fischfilet macht es vor: #wirsindmehr war nicht einfach nur eine einmalige Veranstaltung. Es ist ein Leitsatz, nachdem jeder einzelne sein alltรคgliches Handeln ausrichten sollte. Seit dem Konzert engagieren sich deutlich mehr Bands politisch. Das ist vor allem bei der Europawahl im Mai 2019 aufgefallen, bei der ein GroรŸteil der deutschen Musiker:innen ihre Fans zur Stimmabgabe bei der Wahl aufgerufen hat. Dadurch werden auch Leute erreicht, die sich sonst nicht aktiv politisch einsetzen und lieber stille Beobachter:innen sind. Die Aufmerksamkeit fรผr ihren eigenen politischen Aktivitรคten steigt. Es geht dabei nicht einmal darum, die Menschen in eine bestimmte Richtung zu lenken, sondern einfach Bewusstsein fรผr das eigene Handeln zu schaffen. Natรผrlich ist das nichts Neues fรผr aktive Antifa-Mitglieder oder die Supporter:innen der AfD. Aber es geht hierbei doch auch vielmehr um das schweigende Mittelfeld und die Message: Bilde dir deine Meinung und steh dazu! (und hรถre Musik gegen Rechts)