Autor: Lizza

  • Jo The Man The Music im Interview (again) – »Wie das „Rauswachsen aus einer Haut“ zu „Ich habe das produziert“« wurde

    Jo The Man The Music im Interview (again) – »Wie das „Rauswachsen aus einer Haut“ zu „Ich habe das produziert“« wurde

    Foto: Daniel Simair

    Vor ziemlich genau neun Monaten traf ich Jo The Man The Music das erste Mal zum Interview mit untoldency. An einem leicht verschneiten Tag sprachen wir in einem Berliner Café über ihre erste EP-Release, Support-Konzerte, Lieblings-CDs und Berlin. Heute trafen wir uns an einem Spätsommertag wieder und ich durfte erfahren, was seit unserem letzten Treffen passiert ist – wie lief es mit dem Vorsatz „Gelassenheit“? Wie hat sich ihre Musik entwickelt? Wie steht sie heute zu ihren Songs? Und was war ihre Lieblings-CD diesen Sommer? Ein Gespräch, wie immer, zu Kaffee und Kuchen.


    Lizza: Hallo Joey, schön, dass du da bist. Unser erstes Treffen ist nun sechs Monate her. Um dich kurz abzuholen; das war der Tag vor der EP-Release-Party im Flux FM. Kannst du dich erinnern?

    Joey: [nickt] Ja, ich kann mich gut erinnern.

    Was ist seitdem passiert?

    Sehr viel! Ich habe das Gefühl, es ist mehr passiert, als eigentlich in neun Monate passen würde. Es fühlt sich länger an, aber gleichzeitig auch ein bisschen wie gestern. Ich durfte viele Konzerte spielen und diese EP nach außen tragen. Das war ganz, ganz schön.

    Das heißt, du bist mit dem Vibe der EP irgendwie durch das Jahr gerutscht?

    Ich glaube, ich hatte keine speziellen Erwartungshaltungen daran, was passiert, sobald die EP draußen ist. Aber alle Wünsche, die ich hätte haben können, haben sich erfüllt und wurden auch übertroffen. Ja, eigentlich bin ich einfach mit dieser Welle mit.

    Als ich dich im Januar/Jänner gefragt habe: „What’s cooking next?“, meintest du, dass du noch nicht so richtig ein Konzept für dieses Jahr hast. Du warst viel als Support und auf Festivals unterwegs und gehst jetzt solo auf eine Mini-Tour mit dem cuten Untertitel „An evening to celebrate Soft Skin (only)“. Was verbirgt sich hinter diesem Konzept?

    Als ich Anfang des Jahres die Tour für Benjamin Amaru supporten durfte, spielte ich eine Vielzahl an Konzerten solo, also alleine auf der Bühne, und habe darin sehr viel Freude gefunden. In Wien meinte Hannes [von ihrem Label Ink Music], er mag die Solo-Version von „Skinny Dipping“ sehr, sie sei so schön anders. Bei der Support-Tour Anfang des Jahres gingen bereits so viele Platten weg und ich realisierte: „Oh wow, ich glaube, die werden bis zum Sommer weg sein.“ So kam diese Idee auf, eine neue Platte zu machen, mit ein paar mehr Songs, beziehungsweise neuen Versionen der bisherigen EP-Titel. Die neue Version von „Skinny Dipping“ hatte ich dann selbst aufgenommen und produziert. Dazu kamen noch Live-Sessions mit der Band und auf einmal war ein Konzept von dieser Deluxe-Vinyl mit all diesen Aufnahmen da. Es war sehr schnell klar, dass die „Soft Skin (only)“ heißen wird. 

    Hast du dir das selbst beigebracht oder wie bist dazu gekommen einige Songs selber zu produzieren?

    Ich nehme immer mal wieder Demos auf, aber die Stärke zu sagen „Ich habe das auch  produziert“ – das fällt sehr schwer. Ich probiere es aber auch aktiv zu machen, weil diese Hemmung, glaube ich, bei vielen da ist. Auch durch das Dreamboys The Band  Projekt habe ich so viel Vertrauen in mich selbst gewonnen, aber auch in die Anderen. Es war so schön zu sehen, was man alles schaffen kann, wenn man seinen Ideen Glauben schenkt. Bei „Skinny Dipping (just your toes)“ war das voll der schöne Anlass dafür. Ich habe mich dann hingesetzt, es gemacht und bin sehr happy damit.

    Ich kann mir vorstellen, dass es nicht so einfach ist, den eigenen Perfektionismus zu überwinden. Denkst du dabei schon an mögliche Kritiken? Und wann ist überhaupt der Punkt erreicht, in dem man fertig mit einer Songproduktion ist?

    Es war eher so: „Wie kann ich einschätzen, ob ich es für gut empfinde und ob ich das wirklich, ehrlich mag.“ Ich hatte eine Version eigentlich schon halb fertig und zum Glück aber wieder verworfen. Dann hatte ich mich nochmal hingesetzt, nochmal von neu begonnen und da hat es sich dann von Sekunde eins richtig angefühlt. Es war wichtig, alles umzuschmeißen und nochmal ganz neu zu beginnen. Bei der zweiten Version wusste ich dann: „Das ist es jetzt“ und da habe ich mir auch keine negative Kritik zu Herzen genommen.

    Wo fühlst du dich in deiner Karriere? Hat sich bereits ein casual Umgang mit dem Leben als Musikerin eingestellt oder ist vieles noch genauso überwältigend?

    Ich glaube, ich fühle mich schon ein bisschen mehr angekommen. Es waren jetzt doch einige Konzerte und Veröffentlichungen. Aber ich glaube, wenn man jetzt wieder beginnt, an einem neuen Projekt zu arbeiten, und da der erste Song rauskommt, wird es immer mit Nervenkitzel verbunden sein.

    Dann hast du auch im Januar/Jänner gesagt, dass du dir für dieses Jahr Gelassenheit wünschst. Wie klappt’s?

    Eigentlich ganz gut, muss ich sagen.

    Wie machst du’s?

    Ach, ich weiß nicht, wie ich’s mache. Ich denke oft: „Ach, es wird schon irgendwie klappen.“ Mit der Naivität gehe ich durchs Leben und mir persönlich schenkt das ganz viel Gelassenheit, zu wissen „irgendwie klappt’s immer“ – und es klappt auch irgendwie immer. 

    Was war dein liebstes Konzert bislang auf dem du in diesem Jahr gespielt hast?

    Ich glaube, es war in Vorarlberg in der Location Hegi Wendels. Es ist ein alter, ausgebauter Dachboden, der von einer ganz lieben Familie zur Konzertlocation ausgebaut wurde. Dieser Abend war so unerwartet schön. Wir haben im Trio gespielt und wussten nicht so ganz genau, wie wir es auf der Bühne machen werden. Aber es war so spontan, so schön, und ich habe ganz viel bei diesem Konzert gefühlt. Ich glaube, deshalb würde ich sagen, dass das mein Highlight-Konzert dieses Jahr war. Zudem auch das Acoustic Lakes Side Festival – so ein tolles Festival!  Da wollte ich schon seit Jahren als Besucherin hingehen, habe es jedes Jahr versucht und es hatte irgendwie nie geklappt. Jetzt waren wir dieses Jahr als Act dort und es war sehr besonders. Und wir durften Alice Phoebe Lou kennenlernen! 

    Jo The Man The Music, Interview vol. 2, untoldency, EP Soft Skin (only), Indie, Österreich, Berlin, 2026

    »Es war eher so: „Wie kann ich einschätzen, ob ich es für gut empfinde und ob ich das wirklich, ehrlich mag“.«

    Foto: Vivien Bendlin

    Was war das beste Konzert, was du dieses Jahr gehört hast?

    Ich bin ja großer Big Thief Fan und wollte die schon ganz lange mal live sehen. Im April war ich beim Konzert in der Columbiahalle.

    Tolle Überleitung zu meiner nächsten Frage: Du hattest mir damals gesagt, dass du gern mal für Big Thief oder Adrienne Lenker Support spielen würdest, aber auch Phoebe Go. Jetzt hast du dieses Jahr für ganz schön große Namen Support gespielt und unter anderem eben für auch Kat Frankie aus Australien. Da denke ich mir, wo ist da der Kontakt zu Phoebe Go? Die kennen sich doch ziemlich sicher.

    [lacht] Ja, ich weiß auch nicht. Vielleicht muss ich Kat mal anrufen, ganz lieb fragen, ob sie mir den Kontakt weiterleiten kann. Aber ja, es haben sich echt so tolle Support-Shows dieses Jahr ergeben. Es kamen einfach mega tolle Anfragen und dann ist es einfach so passiert und bestimmt wird das auch noch passieren[lacht]. Es hat alles seine Zeit.

    Was war denn deine Sommer-CD?

    Hm, tatsächlich habe ich sehr wenig aktiv Musik gehört, weil ich so viel unterwegs war. Nach Konzerten bin ich meist auch dankbar für Stille und eigentlich war ich auch fast nicht zu Hause bei meinem CD-Player. Ich glaube, leider gab es dieses Jahr keine Sommer-CD.

    Vielleicht dann deine eigene EP?

    Vielleicht die, ja… Tatsächlich haben wir kürzlich einen Fehler entdeckt und zwar steht „Skinny Dipping“ mit drei p, statt zwei drauf und es ist niemandem aufgefallen. Es hatten, glaube ich, sechs Menschen Korrektur gelesen und ich verkaufe die ja schon seit acht Monaten. Vor zwei Wochen hat dann ein Freund sie angeschaut und das Erste, was er gesagt hat, war: „Warum steht da „Skinny Dipping“ mit drei „p“?“ So richtig in der Track-List und relativ groß würde ich sagen [lacht].

    Wie witzig! That’s life, oder? Wann dürfen wir deine nächste CD/Platte erwarten?

    Ich weiß es noch nicht. Ich freue mich schon auf den Herbst und Winter, um ein bisschen Ruhe und auch Zeit zum Schreiben zu finden, weil ich gemerkt habe, dass das sehr kurz kommt, wenn man so viel unterwegs ist. Ich mag es, mich so ein bisschen abzukapseln beim Schreiben, gar nicht so dran zu denken, dass man das jetzt für jemanden schreibt oder dass das Menschen jemals hören werden. Sich wirklich hinzusetzen und einen Song fertig zu denken, braucht Zeit und Platz im Kopf. Dieses Abschotten war dieses Jahr bisher eigentlich noch gar nicht möglich und deshalb freue ich mich sehr auf den Winter. Ich habe mich noch nie so auf Weihnachten gefreut [lacht]. Es gab aber auch kurz diesen Moment vor ein paar Wochen, wo ich mir so dachte: „Okay, jetzt müssen wir die nächste Single planen, das muss noch dieses Jahr passieren, dann muss es weitergehen und Anfang nächsten Jahres muss die nächste EP kommen…“ Dann habe ich diesen Plan kurz sacken lassen und dachte mir: „Nein, eigentlich muss gar nichts.“ Ich will was rausbringen, wenn ich zu 100% weiß, dass ich es gut finde und ich mega stolz darauf sein kann. Ich finde, wann der Punkt erreicht ist, ist einfach nicht planbar.

    [Wir lassen daraufhin auch kurz nochmal Kuchen und Cappuccino sacken.]

    Joey, erinnerst du dich an den Fragenhagel?

    Jaaa.

    Soft skin „only“ oder doch „zusammen“? Zusammen im Sinne von zusammen oder alleine spielen.

    Ach, jetzt für diesen Herbst „Soft Skin (only)“, aber ich freue mich auch ganz doll wieder auf „Soft Skin“ zusammen mit der ganzen Band. Deshalb „only“ auch nur in Klammern. In „Skinny Dipping“ gibt es diese Zeile „I’m talking in brackets“ und es war ganz bewusst, dass „Skinny Dipping (Just Your Toes)“ und „Soft Skin (only)“ auch in Klammern gesetzt sind.

    Musik aufnehmen im Sommer oder Winter?

    Ja, dieses Jahr auf jeden Fall im Winter.

    Buch oder Kopfhörer an der Bahn?

    Ich bin gerade richtig im Lesefieber, aber in der Bahn muss ich sagen, wenn es sehr laut ist wahrscheinlich doch Kopfhörer. Kopfhörer auf Noise-Cancelling und dann noch lesen [lacht].

    Growing up oder Growing old?

    Erstmal noch Growing up, I guess.

    Intro oder Outro?

    Intro.

    Dann darf das jetzt hier gern mein Outro sein. Danke, Joey! Das war’s mit meinen Fragen für dieses Mal. Ich bin gespannt, zu hören, wie es für dich weitergeht, und hoffe, dass wir uns bald mal wieder auf Kaffee und Kuchen treffen.

    Ich sage nie nein zu einem Stück Kuchen. Danke Dir!

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    Website: Jo The Man The Music
    Label: Ink Music

  • Jo The Man The Music im Interview: »wie ein Rauswachsen aus einer Haut«

    Jo The Man The Music im Interview: »wie ein Rauswachsen aus einer Haut«

    Jo the Man the Music – eine Künstlerin Mitte zwanzig aus einem kleinen Ort in Österreich – tritt mit ihrer ersten EP souverän in den Indie-Alternative-Pop- Kosmos ein und macht deutlich, warum man sie künftig auf dem Schirm haben sollte. Bereits im Juli 2025 machte sie mit ihrer Debütsingle „Skinny Dipping“ auf sich aufmerksam. 2026 ist nun geprägt von Support-Konzerten auf internationalem Boden sowie Auftritten auf kleinen und großen Bühnen zwischen Festivals und Großstädten. Kurz vor ihrer EP-Release im Januar traf ich Jo bei Kaffee und Kuchen in einem Café zum Gespräch.

    Lizza: Wonach klingt die Musik von Jo the Man the Music? Wie würdest du sie beschreiben?

    Jo: Ich sage gerne filigrane Schrammelmusik dazu. Es ist sehr gitarrenlastig und das bricht schon immer wieder aus, aber es gibt trotzdem voll viele filigrane Momente.

    Und ist das Filigrane bei dir in der Stimme und die Schrammelmusik in den Händen?

    Ja, schon ein bisschen. Das trifft es eigentlich ganz gut.

    Wo bist du, wenn du schreibst? Sowohl örtlich als auch emotional?

    Wo ist eigentlich immer unterschiedlich. Oft schreibe ich nachts, außer ich bin im Studio und arbeite tagsüber am Text. Ich sammle auch täglich Gedanken und Schnipsel, wenn ich unterwegs bin. Manche davon enden in Songs und manche davon werden für immer vergessen. Aber ansonsten im Kopf hoffentlich sehr frei und mit irgendeiner Art Emotion geladen, dann klappt es meistens am besten.

    Du bist 2024 nach Berlin gezogen. Hilft dir die Stadt bei deiner Musik?

    Ja, auf jeden Fall. Es hat sich aber von Anfang an so richtig angefühlt. Ich war eine Woche da, ich glaube das war drei, vier Wochen, bevor ich dann beschlossen habe, ich würde eigentlich länger hierbleiben wollen. In der Woche hat sich alles so schön ergeben und war gefüllt mit sehr vielen schönen Zufällen. Es war so, als wurde mir alles irgendwie vor die Füße gelegt. Dann war ich einfach zu neugierig und hab mir gedacht „okay, wenn ich hierherziehe, geht es dann so weiter?“ Und es ging nicht so weiter, natürlich [lacht]. Aber es war trotzdem die beste Entscheidung, auch für den Kopf irgendwie mal rauszukommen.

    Wo hemmt dich die Stadt vielleicht auch?

    Ich glaube tatsächlich wenig. Für mich ist Berlin echt eine Stadt, in der man frei sein kann, was ich auch sehr liebe. Es gibt so viele Menschen und es ist so schön, irgendwie so unbedeutend zu sein. Das genieße ich gerade sehr.

    Bevor du nach Berlin gekommen bist, hast du in Graz Design studiert – wie war es dort für dich und deine Musik?

    Ganz anders. Da habe da auch erst wirklich begonnen, Musik zu machen. Von dem her, hat es auch für den Kopf wahnsinnig gut getan, rauszukommen. Und die Menschen, die mich in Graz schon supportet haben, supporten mich auch jetzt noch und kommen teilweise für Konzerte nach Berlin.

    Welche Rolle spielt Social Media für dich in deinem Werdegang?

    Ich versuche eigentlich, dass es nicht eine zu große Rolle spielt. Es gibt natürlich viele Menschen, die täglich auf TikTok posten und es als Chance sehen, einen viralen Moment zu haben, aber ich möchte gerne so lange wie möglich, so gesund wie möglich Musik machen. Ich habe für mich das Gefühl, dass da diese Viralität vielleicht gar nicht so der richtige Weg dazu ist. Es wäre ultra überfordernd auf einmal voll die große Reichweite zu haben. Ich kann das gerade sehr genießen, da so langsam reinzuwachsen.

    Ich habe auch einen Newsletter, den ich immer bei Konzerten auslege, und die 200 Menschen, denen ich die Newsletter ausschicke, kenne ich eigentlich. Vielleicht nicht persönlich, aber die haben mich schon mal gesehen, waren auf einem Konzert oder haben irgendwie einen Bezug dazu. Und ich finde, das ist mir noch wertvoller als diese ganzen kurzfristigen Momente, die durch Social Media entstehen.Trotzdem checke ich natürlich, dass Social Media auch in der Musikbranche wichtig ist. Ich mache das auch, und ich mache es auch gerne, aber nicht in der Fülle und nicht mit irgendwelchen krassen Looks, weil es sich für mich falsch anfühlen würde, es so zu verkaufen.

    Deine erste Single „Skinny Dipping“ hat dir positive Kritiken eingeholt und wie ich finde, die Messlatte auch hochgelegt. Hat dich das überrascht?

    Ich finde es so lustig, weil mir das schon ein paar Menschen jetzt im Internet so gesagt haben und ich hatte nicht das Gefühl, dass es durch die Decke gegangen ist. Für mich ist immer noch der gleiche Song, der es auch am Tag vor dem Release war. Es war der schwierigste, aber auch der schönste Prozess, diese EP aufzunehmen. Als das fertig war, war die Arbeit jetzt quasi getan und der Rest hat gefühlt nicht mehr ganz so mit mir zu tun. Dann erst kam der erste Schritt nach außen mit der Veröffentlichung, und jetzt hören es plötzlich Leute. Für mich sind es dennoch die gleichen Songs, die ich vor einem Jahr schon auf meinem Laptop herumliegen hatte. In meinem Kopf habe ich es gar nicht so wahrgenommen, dass es durch die Decke gegangen ist, aber letztlich freue ich mich natürlich, dass es Menschen erreicht.

    Was hat dann die EP für einen Stellenwert für dich? Baut es auf etwas auf?

    Ja, ich glaube, es hat einen ganz großen Stellenwert für mich. Ich bin einfach sehr stolz drauf. Die EP hat ein sehr wichtiges Jahr für mich begleitet und die Songs sind eben auch zu einer Zeit entstanden, wo ich das erste Mal mehr Zeit auch in Berlin verbracht hatte. Ich habe letztens beim Schreiben vom Vinylklappentext erst so richtig gecheckt, dass es wie ein Rauswachsen aus einer Haut war. Ich bin schon irgendwie irgendwo rausgewachsen, aber auch irgendwo neu wieder reingewachsen, und das ist voll das schöne Gefühl. Dieser Wachstumsprozess kommt aber auch mit Wachstumsschmerzen, und ich glaube, diese Wachstumsschmerzen habe ich mit dieser EP sehr gut verarbeitet.

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    Für wen würdest du gerne mal Support spielen?

    Boah, die Liste ist, glaube ich, unendlich lang.

    Du darfst zwei nennen.

    Zwei? Okay, da muss ich kurz nachdenken. Ich glaube, Big Thief oder Adrianne Lenker und an zweiter Stelle, was vielleicht ein bisschen realistischer ist; es gibt eine australische Künstlerin, die heißt Phoebe Go und ich finde die ganz toll. Ich würde mir so doll wünschen, dass sie mal eine Europa-Tour spielt. Da wäre ich liebend gern dabei.

    Bleiben wir doch dabei, was du hörst. Was läuft bei dir gerade rauf und runter?

    Ich höre gerade richtig gern eine CD von Runo Plum. Die hat letztes Jahr im Winter in Berlin ein Konzert gespielt und das war richtig schön. Da habe ich eine CD mitgenommen und die ist gerade meine Winter-CD.

    Jo, what’s cooking next? Album? Tour? Festivals?

    Hoffentlich Tour, hoffentlich auch viel Musik aufnehmen. Es gibt ultra viele Demos, aber ich weiß auch noch nicht, ob es ein Album wird oder noch eine EP. Ich muss nochmal mit frischem Kopf drüber nachdenken. Mir ist es schon sehr wichtig, dass Konzepte stimmig sind, und ich habe noch nicht so ganz herausgefunden, was das nächste Konzept sein wird.

    Ich habe dir einen kleinen, schnellen Fragenhagel mit entweder-/oder-Fragen vorbereitet. Bist du bereit?

    [Jo grinst und nimmt noch schnell einen Bissen vom Kuchen]

    Support auf großen Bühnen oder eigene Konzerte auf kleinen Bühnen?

    Beides. Ich liebe wirklich Support zu spielen. Das macht mir echt viel Spaß, weil es an null Erwartungen gebunden ist. Man kommt auf die Bühne, niemand will dich eigentlich sehen [lacht], aber ich mag das. Im besten Fall gefällt es den Menschen und man nimmt irgendwie Leute mit, die die eigene Musik feiern. Aber eigene Konzerte in kleinen Venues zu spielen, ist auch herrlich.

    „soft skin“ oder Hornhaut an den Fingerkuppen?

    Softskin – 100 Prozent. Obwohl ich auch Hornhaut an den Fingerkuppen habe [lacht].

    Adrianne Lenker oder Angie McMahon?

    Oh schwierig. Ich muss jetzt trotzdem Angie McMahon sagen, weil ich auf dem Weg hierher das Album gehört habe und es mich wieder sehr berührt hat.

    Berlin oder Wien?

    Ahh, [hadert kurz] Berlin.

    aber oder doch?

    doch – immer!

    Wie blickst du auf das Jahr 2026? Was wünschst du dir?

    Ich hoffe, dass viel passieren wird, aber ich wünsche mir, dass ich das alles mit möglichst viel Ruhe irgendwie erleben kann. Ich wünsche mir Gelassenheit. Ja, das ist gut, Gelassenheit.

    Wünschst du dir etwas vom Publikum, oder von Berlin?

    Ich habe letztens ein Konzert in London gespielt und fand es echt sehr schön, dass die Menschen dort auch so textbezogene Musik wertschätzend aufgenommen haben. Es gibt so viele tolle Musiker*innen [in Deutschland oder Österreich], die englischsprachige Musik machen. Ich habe das Gefühl, oft wird man erst ernst genommen, wenn man aus dem Ausland kommt. Ich würde mir wünschen, dass es dafür irgendwie mehr Wertschätzung gibt.
    Und was ich mir noch wünschen würde, wäre, dass wenn man einen Artist cool findet oder einen Lieblingsartist hat, sich einfach eine CD oder eine Vinyl holt und wieder anfängt, physischer zu hören. Ich mache das selber und das macht so viel Spaß. Ich finde, es ist alles so kurzlebig geworden, und es ist irgendwie für den Kopf auch sehr angenehm, ein ganzes Album zu hören.

    Weil man dann die Artists auch ein bisschen besser kennenlernt, ne?

    Ja, voll.

    Danke, Jo, dass wir dich heute ein bisschen kennenlernen durften! Ich bin froh, dass ich dich am Anfang dieses aufregenden Jahres getroffen habe, und freue mich, bald mehr von dir und deiner Musik zu hören. Alles Gute für dich!

    Danke Dir und danke für Deine Zeit.

    Skin Jo The Man The Music Interview

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    Bildrechte: Jo The Man The Music
    Label: Ink Music

  • “I’m stronger now that I’m softer too” – pure und emanzipiert in Alice Phoebe Lous neuem Album

    “I’m stronger now that I’m softer too” – pure und emanzipiert in Alice Phoebe Lous neuem Album

    Es ist bereits das sechste Album der südafrikanischen Musikerin, die hier in Berlin seit langem schon eine feste Größe im Indie-Pop ist. Alice Phoebe Lou bespielt Orte von baumbeschatteten Plätzen des Treptower Parks in Berlin, kleinen bis mittleren Clubs in Japan, Kanada und den USA bis hin zu Festival-Großbühnen wie dem Primavera Sound in Barcelona. Ihre neue Platte „Oblivion“ wird einem intimen Rahmen wohl wieder eher gerecht als der gefühlt endlosen Weite einer Festivalbühne. Verwundern würde es jedoch nicht, wenn Alice auch in dieser Weite Intimität entstehen lässt.

    Alice Phoebe Lous Einstieg ins Album mit “Sailor” gibt direkt den Kurs vor, den das Album segeln wird. Pure, reduziert, ehrlich und zart – Sailor ist ein kurzes Lied über Liebe ohne klassischen Aufbau, aber mit klassischen Alice-Ideen hier zum Beispiel eine Zither einzubringen. Auch wenn man bei Alice Phoebe Lous Liedern über Liebe an das “Glow”-Album denkt, merkt man schnell, dass dieses Album die Segel anders setzt.

    “Pretender”, das zweite Lied des Albums, welches bereits im Juli als Single herauskam, ähnelt dem ersten Titel in Länge und Aufbau. Spätestens jetzt wird klar, dass sich hier jemand mächtig aus vergangenen Dynamiken emanzipiert hat. In fünf Versen schafft es Alice, eine Reflexion zu skizzieren, in der man fast jede Zeile zitieren könnte.

    “I’m stronger now that I’m softer too. I’m older now but I feel younger than when I pretended to know everything”

    Beim näheren Hören des Albums hatte ich immer wieder den Eindruck, ihren Prozess erzählt zu bekommen, und zwar in der Rolle als beistehende Freundin. Das, was sie da in ihre Texte gepackt hat, ist dennoch und vor allem ein Dialog mit sich selbst. Vielleicht gewinne ich deshalb den Eindruck, Teil dieser Intimität zu sein, die ich sonst nur aus Deep-Talk und Emo-Talk mit Freund:innen kenne. Sie nimmt mich mit in die Prozesse zu sich selbst und ihren Beziehungen.

    Mit “Mind Reader” geht sie in die Beziehungsdynamik rein, sucht die Konversation und nimmt dabei aber eine erfahren reflektierte Distanz mit liebevoller Grenzbeschreibung ein – meine Therapeutin wär stolz. Gefolgt von “Sparkle”, was uns noch einmal auf liebevolle Art und Weise einlädt, ihr zuzuhören, welchen Wandel sie durchgemacht hat, um jetzt sagen zu können:

    “But the worst advice that I’ve gotten from the world was to never change. I won’t be staying the same”

    Man hört hier, dass äußere Ansprüche an sie herangetragen wurden, von denen sie eine Abkehr gefunden hat. Textlich sehr scharf und assoziativ formuliert, eingepackt in rustikalen Klavierklängen, macht es wahnsinnig charmant.

    “If you should see me as I sparkle in the night, don’t be a fool, it’s not for you, it is for the divine”

    Die beiden letzten Tracks haben mich textlich so weit in die Insights geführt, dass ich danach fast schon einen Bruch erwartet hätte. Dieser Bruch kommt auch, allerdings erst mit “Oblivion”, der Titelnummer 6. Es erinnert an “Galaxies” aus dem Album “Paper Castles” von 2019 – ein Rückblick? Andererseits erinnert es auch an ein Präludium von Bach (different vibe though) und klingt wie ein Vorspiel, vielleicht sogar der Beginn von etwas Neuem? Ich gerate ins Spekulieren, bin aber großer Fan von dieser Zäsur in der Mitte des Albums. In den Notizen, die ich während des ersten Hörens schrieb, steht ‘die Eingebung’ und daneben das Wort ‘Gefühl’ neben einer gezeichneten Spirale. Es ist nicht ganz offensichtlich, worum es genau geht. Es wirkt mehr wie eine Art Traum, in dem sie sich selbst begegnet ist. Dennoch hat es auch etwas Verletzliches an sich und steht im Kontext zur Welt. “Oblivion” ist mein persönliches Highlight des Albums, immer noch typisch Alice Phoebe Lou, aber musikalisch trägt es eine ganz andere Handschrift als die anderen Songs des Albums.

    Wer mitgezählt hat, stellt fest, dass ich einen Titel übersprungen habe. Kuratorisch gefällt mir hier “The Surface” leider nicht so gut zwischen “Sparkle” und “Oblivion” und reiht sich dennoch nicht ungewollt in die dialogisch gestalteten Songs ein. “The Surface” sucht die Konversation mit der vielleicht Beziehungsperson und ringt nach einem Gesehenwerden. Sie zeigt sich klar geöffnet und froh über die Veränderungsprozesse. Nun liegt der Spielball beim Gegenüber und Alice reicht wohlwollend ihre Hand. Die Begleitung mit der Akustikgitarre unterstützt hier sehr wärmend und liebevoll, ohne die Forderungen zu entkräften. “You and I” ist hier ein guter Anschluss an eine ähnliche Dynamik und wirkt noch direkter und zieht klare Grenzen.

    “And if you wanna go on loving me, you better show it, don’t keep it to yourself”

    Wobei die Antwort im darauffolgenden Song Old Shadows lautet: “Sharing it with me and it takes some to get used to“, aber hey, jede Liebesdynamik trägt ‘alte Schatten’ mit sich herum. Alice zeigt sich auch hier wieder sehr ehrlich und benennt ihre eigenen “old patterns”, die sie in You and I vielleicht schon an der anderen Person kritisiert hat. Ich nehme mit: Liebe ist nicht immer das, was man von ihr erwartet, und bedeutet vor allem Arbeit. Auch Verletzlichkeit spielt eine große Rolle und das hört man auch musikalisch heraus. Im Gegensatz zu “You and I” singt Alice in “Old Shadows” viel zarter und mit höherer Stimme.

    “Sunny with a high chance of rain”

    In “Darling” zeigt sich dann der Himmel wolkenlos. Textlich klingt es sehr verliebt, und das sei ihr nach so viel emotionaler Arbeit doch gegönnt.

    Foto: Caroline Bertolini

    “See that’s just how it works when love is on your side”

    “Skyline” und “With or Without” finden für mich kuratorisch leider nicht so viel Platz in dem Segelboot, aber vielleicht tut dem Album auch ein weniger kitschiges Ende eigentlich ganz gut.

    In diesem Album zeigt sich ganz klar, dass Zartheit und Stärke in keinem Widerspruch stehen müssen. Wie auch in vielen ihrer anderen Lieder nimmt uns Alice Phoebe Lou mit in ihr Inneres, und das trägt in diesem Album nun Früchte – Früchte, die nach Autonomie, Selbstbestimmung und Veränderung schmecken. Dieses Album wäre nicht, was es ist, wenn es die alten Alben nicht gäbe. Liebe Alice, nimm uns gern weiterhin mit auf deine Reise mit neuen Zielen.

    Foto: Caroline Bertolini

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