Autor: Jens

  • „Hello Darkness, my old friend“ – Alte Bekannte und Wiener Schmäh

    „Hello Darkness, my old friend“ – Alte Bekannte und Wiener Schmäh

    Normalerweise sind Jahresanfänge ja eher öde. Die Musikbranche wirkt, als befände sie sich noch kollektiv im Feiertagsmodus. Umso überraschender trifft mich Anfang Februar ein Album, das mich vom ersten Moment an packt: TUA veröffentlicht F60.8

    Der Titel ist mehr als ein kryptischer Code – er bezeichnet eine medizinische Diagnose für „sonstige spezifische Persönlichkeitsstörungen“. TUA hat auf seinem Album also allerhand zu verarbeiten. Die treibenden Breakbeats, die sich durch große Teile des Albums ziehen, tragen mich förmlich durch die Tracks. „Dachterasse“ läuft bei mir seitdem in Dauerrotation und gehört ohne Frage zu meinen meistgehörten Songs des Jahres.

    Nur zwei Wochen später sehe ich TUA im Festsaal Kreuzberg live. Mit einem Fotopass in der Hand und einer Menge Vorfreude wird dieser Abend für mich zu einem frühen Highlight des Jahres.


    Twenty One Pilots und das neue Wiener Dreigestirn

    Im April gönne ich mir einen spontanen Kurztrip nach Hamburg. Twenty One Pilots spielen in der Barclays Arena – und wie außergewöhnlich intensiv diese Band live performt, hat sich längst herumgesprochen. Für mich fühlt sich das Konzert wie eine erste, wohlverdiente Einstimmung auf das neue Album an, das im September erscheinen soll.

    Dann ist er plötzlich da: der Frühling. Oder wie man in Wien sagen würde, der „Frühlingsdo“. Es ist Mai, und fiio aus Österreich taucht unerwartet auf meinem Radar auf. Ich weiß noch kaum etwas über ihn, stehe aber kurze Zeit später in seinem Konzert – und seitdem ist er fester Bestandteil meiner Playlist. Sein Song „Alice“ wird zum täglichen Weckruf. Das Album Athena, das im November erscheint, schafft es ohne Umwege in meine Top 5 des Jahres. Mozart, Falco, fiio. Das neue Wiener Dreigestirn.

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    Der Sommer zieht vorbei, begleitet von den üblichen Festival-Playlists, die vor allem eines leisten: Timetableplanung. Wirklich neue musikalische Impulse haben in dieser Zeit allerdings keinen dauerhaften Eindruck bei mir hinterlassen.

    Im September folgt dann der Moment, auf den viele – mich eingeschlossen – gewartet haben: Breach, das achte Studioalbum von Twenty One Pilots, erscheint und sorgt weltweit für Rekordzahlen. Die Band liefert ein Werk ab, das gleichermaßen experimentell wie zugänglich ist. Garbage und Cottonwood markieren für mich die stärksten Punkte des Albums. Es ist eines dieser seltenen Releases, das sich ohne Zögern zum persönlichen Album des Jahres küren lässt.


    Rap trifft den schwachen Nerv

    Hello darkness, my old friend. Im November meldet sich dann ein alter Bekannter zurück. NF veröffentlicht seine EP Fear. Auf sechs Tracks demonstriert er die ganze Bandbreite seines Könnens – von präziser Rap-Technik bis hin zu ungewohnt melodischen Gesangspassagen. Unterstützt wird er unter anderem von James Arthur und Machine Gun Kelly, was der EP zusätzliche Facetten verleiht. Für mich ist Fear ein unglaublich atmosphärisches Werk, das zeigt, warum NF seit Jahren zu meinen favorisierten Rappern zählt.

    Mit Rap geht es auch noch weiter. Vega lieferte mit „WSSNMB“ schon letztes Jahr meinen persönlichen Lieblingssong, auch dieses Jahr legt er mit einem neuen Album zum Jahresende nach. Schon die erste Single „Überlebt “ trifft bei mir sofort einen Nerv: reduzierte Pianolinien, seine unverwechselbar ruhige Art zu rappen und ein kraftvoll eingesetzter Chor – genau die Mischung, die mich jedes Mal abholt. Es überrascht daher kaum, dass sein Album König ohne Krone sich mühelos in meine Top drei des Jahres schiebt.

    Und sonst so? Ein bisschen Kraftklub war da auch noch. Ihr neues Album „Sterben in Karl-Marx-Stadt“ holt mich allerdings nicht so sehr ab, wie ihre Alben davor. Auch mit K.I.Z. habe ich einige Zeit überbrückt. Ihr Album „Görlitzer Park“ kann man sich ohne zu skippen komplett von Anfang bis Ende geben. Dann war da auch noch ein bisschen Berq, der mich auch live total überzeugen konnte.

    Es war für mich kein Jahr der musikalischen Neuentdeckungen, dennoch musikalisch ein gutes Jahr.

  • Berq hält die Columbiahalle im Bann

    Berq hält die Columbiahalle im Bann

    Normalerweise kommt das Berliner Publikum spät – nicht so bei Berq. Der gerade mal 21 Jahre alte Hamburger, der mittlerweile in Berlin-Kreuzberg lebt, treibt die Teenies frühzeitig in die restlos ausverkaufte Columbiahalle. Jeder will seinem Schwarm so nah wie möglich sein, und frühes Erscheinen sichert bekanntlich die besten Plätze. Würde nicht ab und zu etwas Frischluft in die Halle gepumpt, könnte der Schweiß von der Decke tropfen.

    Gänsehaut von Sekunde eins

    Es ist 20 Uhr, die Halle verdunkelt sich, und Verifiziert gibt als Voract alles, um die Crowd auf Berq einzustimmen. Das Publikum dankt es.

    21 Uhr. Harmonische Streichermelodien ertönen, gepaart mit beeindruckenden Lichteffekten von der Bühne. Das Bühnenbild wirkt eher minimalistisch – die Show lebt von Licht, Schatten und Silhouetten. Berq erscheint in grellem, weißen Licht und stimmt Heimweg an. Die Crowd ist von der ersten Sekunde an zu 100 Prozent textsicher und singt sofort mit. Kein Wunder, denn sobald der erste Ton durch die Halle schwingt, hat jede einzelne Person Gänsehaut pur.

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    Er freut sich, in der Columbiahalle spielen zu können, denn zum ersten Mal passt das komplette Bühnenbild. Die Bühnen der anderen Locations waren mal rund, dreieckig oder schlicht zu klein. Hier in Berlin stimmt zum ersten Mal alles. Ob die Frage ernst gemeint ist, wer den Song 2 Minuten kennt? Es ist gerade mal der zweite Song, und die Crowd rastet aus, singt lautstark den kompletten Text mit.

    Wenn der Tourvirus um sich schlägt

    Ein kurzer Textaussetzer bei Schleierkraut. Berq erzählt, dass er sich in den letzten Tagen mehrfach übergeben musste – das Tourvirus hat um sich geschlagen. Heute sei der erste Tag, an dem er wieder etwas essen konnte: Kartoffelbrei! Es kann also sein, dass der eine oder andere Texthänger passiert, aber die Crowd ist ja textsicher und kann im Notfall aushelfen.

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    Zeit für einen ruhigen Moment. Alle Spots richten sich auf die Cellistin und die Violinistin – ein kurzer Augenblick zum Durchatmen und Abkühlen. Berq verschwindet währenddessen augenscheinlich hinter einer Schattenwand. Doch das ist nur eine Illusion. Plötzlich taucht er mitten im Publikum auf einer B-Stage auf. Sitzend auf einer Leiter performt er Blauer Ballon. Die, die den Song kennen, wissen, wie sehr dieser emotional hittet.

    Mein Hass tritt dir die Haustür ein“ – der perfekte Moment, um den ganzen Frust der Halle seelisch und stimmlich herauszulassen. Die Crowd gibt alles. Das wäre der letzte Song des Abends gewesen. Berq bedankt sich. Doch wir wissen alle: Da fehlt noch etwas.

    „Fuck, du tust weh“

    Nach wenigen Sekunden betritt er erneut die Bühne, um am Flügel Achilles zu performen. Nach Pirouetten, einem lyrisch düsteren Stück, folgt endlich der Moment, auf den alle gewartet haben: der krönende Abschluss. Rote Flaggen. Das Bühnenlicht explodiert in Rot, Berq scheint förmlich darin zu verschwinden. Die Crowd gibt noch einmal alles – von der ersten bis zur letzten Sekunde.

    Nach 72 Minuten ist das Konzert vorbei. Nicht das längste, aber alle sind glücklich.

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    Man hat ja gewisse Erwartungen, wenn man auf ein Konzert geht. Bei Berq hatte ich an ein gemütliches Akustikkonzert mit viel Piano und vielleicht einer kleinen Bandbegleitung gedacht. Bekommen habe ich eine ausgefallene, perfekt inszenierte Lichtchoreografie. Stimmlich und lyrisch ist Berq ohnehin auf einem anderen Level – und auch an diesem Abend wurde niemand enttäuscht. Und wenn man auf dem Nachhauseweg in der U-Bahn noch einmal seine Songs hört, weiß man: Alles war gut.

    Wenn ihr bisher noch keine Berq Fans sein solltet, dann ist jetzt der Zeitpunkt. Wir haben ihn Ende 2023 schon als einen unserer artists to watch prognastoziert und spätestens in der komplett ausverkauften Columbiahalle wurde uns klar: wir lagen richtig.

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    Fotocredit: Jens Krahe (1 und 3), Marla-Tabea Kästle (2)