Tag: 4. März 2021

  • Santans im Interview: »Ich wollte das Kreative an den Nagel hängen.«

    Santans im Interview: »Ich wollte das Kreative an den Nagel hängen.«

    Santans ist Chris Scott Pham aus München. Im Januar haben wir noch seine zweite Singleauskloppung Mesa Verde premiert, heute haben wir ihn im Interview. Chris macht alles selbst, was seine Musik angeht. Ob Produzieren oder den Videoschnitt seiner Musikvideos, er hat sich alles selbst beigebracht und ist darüber hinaus auch noch in unzähligen anderen kreativen Projekten aktiv. Ein wahres kreatives Mastermind, immer an der Grenze zur absoluten Überarbeitung. Jedenfalls war das so, bis er letztes Jahr diese Grenze überschritten hat und nach einem Blackout auf einmal auf der Intensiv-Station lag. Hirn-OP und ein Krankenhausaufenthalt waren die Folge. Wie er aus diesem Tief wieder rauskam, was das für seine Musik bedeutete und wie er es in seiner neuen EP ttt verarbeitet hat, könnt ihr hier lesen.

     
    Santans im Interview

    Anna: Hey Chris, cool dass es geklappt hat. Ich darf dir auch hier nochmal zum Release deiner EP gratulieren! Wie fühlst du dich?

    Santans: Danke! Mir geht’s gut. Gefeiert oder so hab ich nicht, ich bin jetzt erstmal erleichtert wenn das alles rum ist mit der Promo und alles. Dass ich mal wieder ein bisschen runterkommen kann. Da freu ich mich drauf, auf die Ruhe (lacht).

    Anna: Bevor wir über deine EP reden, willst du dich kurz ganz klassisch vorstellen?

    Santans: Mein Name ist Chris, mein Solo-Projekt ist Santans. Viele fragen sich auch, was Santans eigentlich heißt. Das ist eine kleine französische Stadt, aber auch ne Blume. Die Blume fand ich immer sehr schön, deshalb dacht ich mir, warum nicht. Und in meinem Solo-Projekt versuch ich ohne Kompromisse Musik zu machen. Ich spiel da auch jedes Instrument. Das ist, wahrscheinlich wie bei vielen, für mich eine Art Selbsttherapie. Das probier ich irgendwie alles in einem Gesamtwerk von Musik, Texten und auch Musikvideos darzustellen.

    Anna: Du bist so super kreativ und machst tausend Dinge, aber wie hat das alles eigentlich angefangen? Was hat dich zur Musik gebracht?

    Santans: Zur Musik gebracht hat mich Arctic Monkeys, Alex Turner und der Influence von den ersten zwei Alben. Ich war so fasziniert, dass ich einfach auch selber in einer Band spielen wollte. Und so hat’s angefangen mit der Musik.

    Santans, Untoldency, Untoldency Magazine, Indie, Musik, Blog, Blogger, Online Indie Musik Magazin, mesa verde, yseasons, chris scott, chris scott pham, ttt, come undoneAnna: Wusstest du schon immer, dass du alles alleine im DIY Stil machen willst oder hat sich das auf dem Weg so ergeben?

    Santans: Das hat sich auf dem Weg so ergeben. Wir waren mit der ersten Band während Schulzeiten in Tonstudios, aber haben dort nicht so gute Erfahrungen gemacht. Deshalb dacht ich mir dann irgendwann, ja, dann probier ich’s mal selber mir alles anzulernen. Mein Dad hat auch schon immer gesagt „wenn du was lernen willst, dann schau dir YouTube an, google es, das kriegst du schon auf die Reihe“ (lacht). So hat’s angefangen mit dem DIY. Und auch mit den Videos. Kein Budget für die Musikvideos? Na gut, dann drehen wir es halt selber und ich bring mir das Schneiden bei. Und jetzt bin ich halt hauptberuflich Videographer aus der Not heraus.

     
    „Dieses mehr moody, das spür ich viel, viel mehr“

    Anna: Als Santans hast du 2016 das erste Mal Musik veröffentlicht und relativ parallel hat es auch von deiner Band Color Comic die ersten Lebenszeichen gegeben. Du bist damals schon all-in gestartet. Wieso die zwei Projekte? Und was macht Santans für dich auch so besonders?

    Santans: Also Color Comic ist ja ein sehr fröhlicher Sound und zum Ausgleich brauch ich halt diese melancholische Musik. Und die erste Santans EP, die 2016 erschienen ist, die ist ja auch spontan entstanden. Das war kurz vor meinem Auslandssemester in Miami, und ich hatte das Gefühl, ich muss noch für mich selber Musik machen.  Ich habs dann aufgenommen und in Miami fertig gemischt. Dieses mehr moody, mehr melo, das spür ich viel, viel mehr. Das bin auch mehr ich. Aber auch in der Band spielen macht auch super Spaß und deswegen war das so der gute Ausgleich.

    Anna: Aber war das nicht ganz schön viel, so alles auf einmal zu machen?

    Santans: Das war viel auf einmal, da hast du schon Recht (lacht). Ich hab ja auch zu dem Zeitpunkt in dem Betrieb, wo ich war, meine Bachelorarbeit geschrieben. Nach der Arbeit bin ich dann noch zu ner Bar gefahren, war dort auch als Barkeeper, weil ich auch zusätzlich Geld verdienen wollte für Musik- und Videoequipment. Und dann noch Album-Recordings… Das war schon viel, wahrscheinlich zu viel. Mir ging’s auch nachdem alles draußen und abgeschlossen war nicht so gut dann, da hab ich auch diese Überarbeitung gemerkt.

     
    „Wenn du die Jahre davor nur am Arbeiten warst und dann auf einmal nichts mehr hast“

    Anna: Dann Anfang letztes Jahr hast du dann einen Neustart gemacht, hast dein Filmprojekt Y-Seasons gestartet und versucht einen neuen Zugang zu Sachen zu finden.

    Santans: Vor 2020, da hatte ich so ein kreatives Tief, wegen der Überarbeitung. Und wie du grad gesagt hast, ich wollt einen Neustart probieren, und probieren wieder gleichmäßig Content zu kreieren. Da kam ich auf die Idee mit Y-Seasons, dem YouTube Channel, dass ich da regelmäßig Videos produzieren zum Bereich Musik, Branche, Videoproduktion. Aber das hab ich auch vööllig unterschätzt, wie viel Arbeit das ist, dass du alles Woche für Woche skriptest, nebenbei war ja auch noch Band und alles. Hab ich krass unterschätzt.

    Anna: Vier Monate später ist auch das dann jäh auf der Intensivstation geendet. Was ist passiert?

    Santans, Untoldency, Untoldency Magazine, Indie, Musik, Blog, Blogger, Online Indie Musik Magazin, mesa verde, yseasons, chris scott, chris scott pham, ttt, come undoneSantans: Das war an einem Freitagabend, da hab ich noch gearbeitet, da wurde mir halt schlagartig schwindelig, ich wollte ein Glas Wasser holen, bin auf dem Weg zur Küche umgekippt, Platzwunde. Im Krankenhaus haben sie dann meinen Kopf gecheckt, ob ich ne Gehirnerschütterung hab und da haben sie durch diesen Check etwas entdeckt, was halt raus musste aus meinem Kopf. Und wenn du dir das so vorstellst, wenn du die Jahre davor nur am Arbeiten warst und dann auf einmal nichts mehr hast, einfach nur noch flach liegst, das war schon krass. So die Zeit, die ich dann hatte, ich konnte ja auch nicht mehr irgendwie mich ablenken, sondern war ja nur noch mit mir selber konfrontiert. Das war auch, ja…, krasser Break.

    Anna: Wie lange warst du auf der Intensivstation?

    Santans: Also Intensivstation, das waren nur 1-2 Nächte nach der OP. Aber der ganze Krankenhausaufenthalt waren eineinhalb Monate, wo ich nicht rausgehen konnte, weil das war ja nach dem ersten Lockdown. Keiner konnte rein, ich war halt wirklich nur auf mich selber gestellt. Und im Nachhinein war’s ne Erfahrung, die ich gebraucht habe. Diese Zeit mir selber.

     
    „Ich hab den Sinn und die Freude am kreativen Schaffen verloren“

    Anna: Die EP ist ja dann genau in dem Zeitraum entstanden. Wofür steht ttt? Was ist die main message, die du mit der EP vermitteln willst bzw. verarbeitet hast?

    Santans: ttt heißt time to think. Ich hab’s nicht ausgeschrieben, weil die ts könnten ja auch wie Krankenhauskreuze ausschauen, deswegen hab ich’s kurz gelassen. In den Songs verarbeite ich die Zeit im Krankenhaus mit den Gedanken, die ich da hatte, dass ich das Kreative an den Nagel hängen wollte. Allgemein mit Musikvideos, ich dachte mir, warum hast du so viel gearbeitet, für was machst du das eigentlich? Machst du‘s, weil‘s dir Spaß macht? Ich hab den Sinn und die Freude am kreativen Schaffen verloren. Und die EP handelt halt genau davon, von der Konfrontation mit einem selber und von Hoffnung, dass wenn man es überwindet, es auch weitergeht und man mehr Möglichkeiten sieht als davor. Also so geht’s mir. Und ich will nichts predigen, sondern ich will nur sagen, dass man auf sich aufpassen sollte. Sich nicht, wie ich’s in meinem Fall gemacht habe, körperlich und mental irgendwie vernachlässigen.

    Anna: Hast du dich dann durch die Lieder zu dieser Hoffnung hingearbeitet und wieder deinen Weg zurück zum Künstler-Dasein gefunden?

    Santans: Ja, kann man so sagen. Ich war davor ja auch sehr, sehr versteift. Ich dachte mir, ich hab dieses Ziel, dass ich irgendwann von der Musik leben kann, und dafür muss ich halt erst das und das machen. Dann erreich ich Meilenstein Nr. 1 und immer so weiter. Bin meinem roten Faden gefolgt und das hat so krass versteift. Nach der OP, wo ich mich dann auch wieder erholt habe, hab ich mehr auf mich geachtet, mehr Stunden geschlafen als nur 3-4 Stunden am Tag, regelmäßig gegessen und angefangen, Sport zu machen, zu laufen, zu meditieren. Ich bin dann an die Sache gelassener rangegangen, und dann ging auch alles viel leichter, das hab ich auch gelernt.

    Anna: Hast du dadurch auch gelernt, dass du ein paar Aufgaben abgibst, oder machst du immer noch alles alleine?

    Santans: Das Witzige ist, an Sachen, die erledigt werden müssen, die sind ja nicht weniger geworden. Aber vom Kopf her geh ich jetzt ganz anders an die Sachen ran, dass ich halt das Gleiche leiste, aber dafür effektiver und fokussierter. Und Aufgaben abgeben bei einem Solo-Projekt ist halt eher schwierig, aber ich kann sagen, dass ich grad das Gefühl hab, dass ich ganz gut alles unter einen Hut krieg.

     
    „Ich glaub, je limitierter man ist an Möglichkeiten, desto krassere kreative Ideen kommen dann raus

    Anna: Was hat dir besonders Spaß an dieser EP gemacht?

    Santans: Besonders Spaß machen mir immer die Musikvideos. Ich hab so gewisse Freunde, wo ich weiß, wenn ich sie anschreibe, die sind einfach dabei. Auch bei Blanc Cassé, wo ich gesagt hab, ich will barfuß durch Schnee laufen und nur in Hemd und Hose in den See springen, haben sie mir den Vogel gezeigt, aber waren dabei. Die Drehs machen mir immer am meisten Spaß, weil ich seh dann wie ich durch meine Ambition die Leute, die dabei sind, selber motiviere, dass sie halt auch an ihrem kreativen Traum weiterarbeiten.

    Anna: Wenn wir gerade über Musikvideos reden, hast du da immer ein klares Bild von dem, was du machen willst, oder wo findest du deine Inspirationen dafür?

    Santans: Das ist ganz unterschiedlich. Man lässt sich ja von allem, was man sieht, beeinflussen und inspirieren. Bei Call It A Night zum Beispiel, da hab ich mir einen romantischen Nacht-Spaziergang durch Paris vorgestellt beim Schreiben, und das wollte ich dann auch visuell umsetzen. Hab mir in München dann Spots gesucht, die das darstellen können, und hab extra gewartet, auf einen Tag, wo Vollmond ist, damit man auch noch kurz den Vollmond filmen kann. Ich hab ja immer noch kein Budget und mach alles aus meiner eigenen Kasse. Da spielt dann schon auch Kreativität ne Rolle, wie man mit nur Verpflegung für die Crew halt das Musikvideo produzieren kann. Bei Mesa Verde, was hab ich da ausgegeben? Nur die weiße Schminke (lacht). Ich glaub, je limitierter man ist an Möglichkeiten, desto krassere kreative Ideen kommen dann raus.

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    „Vom mentalen Wrack zu einer Person, die halt wieder Hoffnung sieht.“

    Anna: Du hast jetzt zur EP auch kreativen Merch rausgebracht: Von deiner Schwester designte und von euch beiden selbst gedruckte Kunst-Prints und ein kleines Fotobuch mit Texten, Lyrics und Fotos aus dieser Zeit. Beide sind super limitiert. Wie bist du auf diese besondere Idee gekommen?

    Santans: Das kam halt auch so aus der Not heraus. Ich wollte irgendwas zum Anfassen haben für die Leute, die mich unterstützen und hören. Schallplatte hat einen gewissen Charakter, aber da hatte ich das Budget nicht für. Dass ich mit meiner Schwester was machen wollte, weil die Grafikdesignerin ist, das war eh klar, deswegen die Lino-Prints. Und das Fotobuch stammt ja aus dem Fototagebuch, was ich in der Krankenhauszeit geführt hab. Diese Fotos, die sollten eigentlich nur mich erinnern, wie ich mich in der Zeit gefühlt habe, aber jetzt im Laufe des Jahres, wo die ganzen Songs und Musikvideos entstanden sind, war das irgendwie für mich so eine schöne Geschichte, vom mentalen Wrack sich zu einer Person zu wandeln, die halt wieder Hoffnung sieht. Und diese Geschichte, dass man aus dem tiefsten Loch halt trotzdem wieder glücklich werden kann, fand ich dann doch schön.

    Anna: Jeder Song hat einen eigenen Print, wie du schon sagtest. Wenn du die einzelnen Songs in ihrer Grundessenz beschreiben würdest und wie sie zu dem jeweiligen Print passen – was würdest du sagen?

    Santans, Untoldency, Untoldency Magazine, Indie, Musik, Blog, Blogger, Online Indie Musik Magazin, mesa verde, yseasons, chris scott, chris scott pham, ttt, come undoneSantans: Der erste Print ist zu Come Undone. Da geht’s genau um den Sturz und seinen roten Faden verlieren. Ich hab’s mir halt wirklich so bildlich vorgestellt, dass mein roter Faden gerissen ist. Und auf dem Bild sieht man ja eine Person kopfüber, die auf den Kopf fällt und die Person selber besteht aus dem roten Faden. Das ist von den dreien mein favorite Print, vielleicht auch weil es die persönlichste Message ist vom Song her für mich.

    Bei Mesa Verde, da hab ich gemerkt, dass ich von meinen eigenen Problemen weggelaufen bin und durch noch ein Projekt anfangen und hier noch was anfangen, mich abgelenkt habe. Bei Mesa Verde geht’s um die Konfrontation mit seiner Schattenseite, seinen Dämon. Und bei dem Print sieht man ja auch zwei identische Personen, die sich raufen und schlagen.

    Call It A Night ist so der Abschluss. Dass man einfach diese Nacht noch genießt, man weiß, der Morgen kommt, aber es ist schön, nicht zu wissen, was dann morgen einen erwartet. Wenn man einfach noch in die Nacht hineinlebt. Ich glaub, meine Schwester wollte mein Gesicht malen, das dann den Mondzyklus durchgeht, die Sterne und den Nachthimmel.

    Anna: Ich find sie alle schön und die Idee dahinter auch. Man kann sich auch einfach mal Kunst an die Wand hängen. Damit sind wir schon bei der letzten Frage, die sich um eine untold story dreht. Auch wenn deine EP sehr persönlich ist und du auch im Vornerein viel dazu geteilt hast – gibt es etwas, was du so noch nie in einem Interview erzählt hast?

    Santans, Untoldency, Untoldency Magazine, Indie, Musik, Blog, Blogger, Online Indie Musik Magazin, mesa verde, yseasons, chris scott, chris scott pham, ttt, come undoneSantans: Lass mich überlegen (lacht). Ja vielleicht das Bowling Shirt? Es hat ja damit angefangen, dass ich einfach nur „call it a night“ schön fand und ich versucht habe, drum herum einen Song zu schreiben. Als der Song dann fertig geschrieben war, hab ich auf Insta eine Werbung gesehen zu nem Bowling Shirt und hinten drauf ist dringesteckt „call it a night“. Einerseits gruselig, weil okay ich hab’s vielleicht oft gesungen und Handy hört mit und so (lacht). Ein Kumpel hat mich gefragt, wie sich der Schmerz anfühlt, nach ner frischen Hirn-OP, hab ich gesagt, das ist wie wenn du ne Bowling Kugel balanciert. Und dann seh ich halt ein Bowling Shirt, wo call it a night draufsteht. Das fand ich schon crazy. Das vielleicht als so fun fact zur EP.

     

    Hört hier in die ganze EP ttt von Santans rein:

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    Fotocredit: JYE, Lukas Gruber

  • Jadu Heart mit „Hyper Romance“: Doesn’t get more mystical than that

    Jadu Heart mit „Hyper Romance“: Doesn’t get more mystical than that

    Lust sich in den Tiefen eines geheimnisvollen Waldes zu verirren und allerlei magische wie verhexte Dinge anzutreffen? All good, lässt sich einrichten! Jadu Heart versetzt mich mit „Hyper Romance und seinem mystischen Vibe in genau dieses Szenario. Mit seinen unüblichen und sphärischen Klängen hat mich das Album derart verzaubert, dass es sich einen Platz in meinen Top Albums 2020 ergattert hat. Auf die Reise würde ich euch gerne entführen.

    Jadu Heart würde man wahrscheinlich erstmal in die Elektro-Schublade stecken, dabei schaffen Diva und Alex es gekonnt zahlreiche Genres in ihre Werke einzubinden. „Hyper Romance“ bespielt Elemente aus dem Indie, Trance Pop und Elektro. Außerdem kommt Jadu Heart’s Liebe zu verzerrten und ungewöhnlichen Klängen alles andere als zu kurz auf dieser Platte. Ich persönlich finde es schwierig, die Musik der Band richtig festzunageln, weil sie eben von einer Minute zur anderen oder von einem Song zum nächsten so unterschiedlich sein kann. Aber warum ist das auch nötig? The more the merrier, oder nicht?


    Welcome to the Dark Side

    Trotzdem, der mystische Schleier über der Band legt sich langsam. Einst im Schatten ihrer Alter Egos Dina und Faro, zwei mythologische Kreaturen von einem fremden Planeten (weird, sag ich ja) zeichnet „Hyper Romance“ eine Art Ausbruch aus dieser Idee. Masken abgesetzt, Alter Egos zur Seite gestellt, begeben sich Jadu Heart auf ihre musikalische Self-discovery.


    “Dina and Faro are two kids from Koshui which is one of many planets in the Yahroo system. They discovered a magic MPC that cursed them into crystal monsters when they tried to play it. We met them in Walthamstow a few years ago, and have been telling their story through music ever since.”

    Notion, 2018


    Die zwei nehmen uns mit auf einen Trip durch den Rausch der Liebe, mit ihren Höhen und Tiefen, zwischen Ekstase und Tragödie. Sicher nicht die originellste Idee, zugegeben. Aber die finstere und mysteriöse Art des Storytellings macht es für mich einzigartig. Ich habe zwar keine beachtliche Erfahrung als Tourguide, aber lasst es mich mal versuchen und euch durch die Reise leiten.

    „Another Life“ heißt einen gekonnt in die Welt von Jadu Heart willkommen. Mithilfe der sphärischen Synths, die uns schon fast in ein anderes Universum, diesen magischen, verborgenen Wald versetzen. Bereits mit dem Beginn des Albums wird klar, das hier wird keine rosige Fahrt. Neben dem plötzlichen Einsatz von rockigen Gitarrenklängen mid-Song wird auch mit wenigen Worten deutlich: Diese Liebesgeschichte nimmt kein gutes Ende.


    “As I walk beyond the borderline, I feel so alive. Oh, with you. But nothing’s left for us. Another day, another year of this. Maybe in another life, we’ll be okay.”


    „Klopf, klopf!“ – „Wer ist da?“ – „Toxische Beziehung lässt grüßen.“

    Mit „Dead Again“ und „Walk the Line“ wird klar: diese Beziehung, die hier beschrieben wird, ist alles andere als gesund. Ständiges Hin und Her, Stimmungsschwankungen und eventuelle mentale Probleme der Protagonisten sind die charakteristischen Merkmale. Die Thematik wird nochmal später auf der Platte aufgriffen. „Caroline“ offenbart uns, wie betäubend und wahnhaft dieser Struggle sein kann, für beide Partner. Die Songs sprechen etwas an, was – wie ich finde – oft untern Teppich gekehrt wird, wenn es um Beziehungen geht. Gehen wir manchmal Beziehungen ein, nur weil wir uns von der Gesellschaft und unserer Umwelt unter Druck gesetzt fühlen, weil sie uns suggerieren, dass wir jemanden bräuchten? Aber gleichzeitig sind wir uns bewusst, dass wir viele äußere Umstände und Persönlichkeitsmerkmale ignorieren oder schönreden. Und dann haben wir den Salat.


    Der Teufelskreis

    Puh, jetzt wird’s aber heiß in hier. „Woman“ kommt sehr verführerisch da her und malt ein sehr bestimmtes Bild von einer Frau, die einen mit bloß einem Wimpernschlag in ihren Bann ziehen kann und in ihren Garten lädt. Jegliche Wehr ist nutzlos. Dieses Ausgeliefertsein an seine Emotionen wird untermalt mit reizvollen Gitarrenriffs und ‚Unterwasser-Sounds‘. Diese Leitung von Gefühlen wird nochmals deutlich im Standout-Song „Metal Violets„, sowie der Teufelskreis in dem sich die zwei Hauptfiguren befinden.


    “And when the cards unfold, the cards unfold again. […] You paint the red inside your chest and not your head. And now the heat takes over, and your Purple Heart is blue. I know the worst ain’t over, yeah I find it hard with you.”


    Der Song wirkt etwas cleaner und ich finde gerade dadurch kommt die besondere Essenz von Jadu Heart richtig zur Geltung. Die Reise durch „Hyper Romance“ ist nicht nur eine durch die Ups and Downs einer Liebesgeschichte, aber auch eine über die musikalische Findung von Jadu Heart. Die im Großen und Ganzen mehr als gelingt, aber zu anderen Momenten ein bisschen Marie Kondo Magic braucht.


    ‚Und langsam fallen Sie in einen tiefen Schlaf…‘

    Nein, wir lassen die Finger von Hypnose und kommen zum mit Abstand geilstem Song auf diesem Album! „Burning Hour“ ist mein absoluter Lieblingstrack, ich finde man kann sich richtig in dem Song verlieren. Zuerst denkt man „Burning Hour“ zeichnet eine Art Abschluss, eine Offenbarung, dass es schließlich doch nicht so weitergehen kann. Aber dieser Moment von Erleuchtung bleibt nur sehr kurz. Der Teufelskreis bleibt immer noch bestehen und die beiden finden sich immer zu in leeren und ein und denselben Entschuldigungen und Ausreden wieder.


    “Promise me you’ll make it up to me.”


    Trotz der Thematik versetzt der Song mich in eine Art träumerischen, sogar meditativen Zustand. Die Vocals von Diva und Alex tanzen so natürlich miteinander, von einem zum anderen, fast schon wie ein Gespräch zwischen den beiden. Ich kriege gar nicht genug von dieser trippy Energie, die einen in eine Art Trance leitet. Natürlich in ganz legaler und auf musikalische Weise 😉

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    Auch die anderen Tracks auf der Platte fügen sich gekonnt in das Gesamtkonzept ein, sie unterstützen den Zwiespalt zwischen einerseits mehr von seinem Gegenüber zu wollen und andererseits erkennen, dass es ein Ende haben muss und man sich im Endeffekt selbst zerstört.

    Mit „Hyper Romance“ haben sich Jadu Heart ihren Masken entledigt und sich auf die Reise zur musikalischen Selbstentdeckung begeben. Sie haben ein Meisterstück kreiert, das zugleich düster und wunderschön ist und gekonnt die Komplexität aus Liebe und Verzweiflung widerspiegelt. Jadu Heart’s atmosphärischer Grunge mit all seinen versteckten Metaphern öffnet euch die Tür zu einer fernen, aber auch wahnsinnig faszinierenden Welt, die euch definitiv in den Bann ziehen wird.

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    Fotocredit: Ben Brook