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  • Ein schwungvoller Jahresabschluss voller Energie und Gefühlen: So war REMOTE BONDAGE am 20.12.2025 in Berlin

    Ein schwungvoller Jahresabschluss voller Energie und Gefühlen: So war REMOTE BONDAGE am 20.12.2025 in Berlin

    Am 20.12.2025 spielt REMOTE BONDAGE im Lido Berlin und bringen zum Jahresende nochmal richtig Schwung in ihr Publikum.

    Die Musik der 2022 gegründeten Berliner Band spielt irgendwo zwischen Punk, Indie, Rock und Pop. REMOTE BONDAGE besteht aus drei Sängerinnen, einer Bassistin und einem Schlagzeuger, ab und zu spielen sie auch Gitarre. Sie thematisieren mit ihren kritischen, politischen Texten Feminismus, Sexismus, Gewalt, Sex und Queerness.

    An diesem Abend spielen sie nicht irgendein Konzert, sondern das Abschlusskonzert ihrer ersten Headline Tour! Gleichzeitig ist es ihr zweites Jahresabschlusskonzert, mit dem sie das Jahr gemeinsam mit ihren Fans beenden.

    Kreative Ansagen und großartige Supports

    Die Bühne ist leer, da kommen zwei der drei Sängerinnen von REMOTE BONDAGE auf die Bühne. Singend kündigen sie den ersten Support an: LISKA. Nur sie und ihr DJ sind auf der Bühne. Sie beginnen das Konzert mit einer ruhigen und gefühlvollen Stimmung im Saal, die das Publikum gut ankommen lässt. Auf meist langsamen Beats rappt LISKA sehr authentische Texte über sensible Themen wie zum Beispiel das Thema Essstörungen, für die sie Aufmerksamkeit schaffen möchte.

    Nach einer Umbaupause füllt sich der Saal des Lido Berlin. Wieder kommen die Sängerinnen auf die Bühne und kündigen auch den zweiten Support mit zweistimmigem Gesang an: die Band NIKRA. Die Queer-Punk-Band bringt viel Energie mit und eröffnet einen ersten Moshpit.

    Ein energievoller Start

    Da kommt sie endlich, die Band. Wie echte Queens kommen sie auf die Bühne geschwebt und begrüßen winkend ihr Publikum. Mit einem kurzen Inhaltsverzeichnis über den Verlauf des Abends teilen sie dem Publikum mit, was sie heute alles für Themen erwarten werden.

    Als erstes spielen sie ihren Song „Alle leben schneller“, der den Leistungsdruck der Gesellschaft thematisiert und mit seiner starken Bass Line sofort zum Mittanzen animiert.

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    Etwas Besonderes in jedem Song

    Die Setlist steckt voller Energie. Direkt zu Beginn spielen REMOTE BONDAGE Hits wie „Daddy“ und „Katze“, in denen sie über Themen wie die Sexualisierung von Frauen, sexuelle Übergriffe und das Patriarchat singen. Diese Inhalte und ihre klare Haltung dazu bringen sie durch ihre Texte laut und eindringlich auf die Bühne.

    Doch auch die ruhige, gefühlvolle Seite kommt nicht zu kurz. Sie zeigt sich zum Beispiel im Song „als wäre es egal“, in dem es um eine Welt geht, in der Queerness etwas ganz Normales ist. Lange bleibt es jedoch nicht ruhig: Mit Songs wie „VULVARINE“„Ronny“ oder „Fast / Sex on the Beach“ thematisiert die Band Sex und Liebe ganz offen.

    In allen Liedern findet sich Kritik an diesen Themen oder ihrer Rolle in der Gesellschaft. Doch durch die Ironie in den Texten bleibt auch das Lachen nicht aus.

    Auch musikalisch bleibt es trotz der wenigen Instrumente immer interessant. Vor allem durch die unterschiedlichen Stimmen der drei Sängerinnen wirkt jeder Song spannend. Außerdem variieren sie den Gesang beispielsweise durch Mehrstimmigkeit und Background Vocals. Auch ein großartiges Bass Solo sorgt für Abwechslung in der Musik, womit sie absolut überzeugen.

    Besondere Momente gemeinsam erleben

    Man könnte meinen, als Zuhörer müsse man auf einem Konzert einfach nur zuhören – doch nicht bei REMOTE BONDAGE. Hier wird es nie langweilig. Bei Songs wie „Ronny“ singt das Publikum in drei verschiedenen Stimmen mit, die jeweils von einer der Sängerinnen angeleitet werden.

    Kurz vor einem Song über das Leben in einer WG bietet die Band eine Art WG-Suche an: Sie fragen ins Publikum, ob jemand gerade ein Zimmer frei hat oder selbst eines sucht, um Menschen miteinander zu verknüpfen.

    Zwischen den Songs stellen die Sängerinnen immer wieder die Frage ins Publikum: „Was wärt ihr gerne?“ Antworten wie fotzig oder lesbisch kommen zurück, woraufhin die Band den Refrain ihres Hits „So gerne hässlich“ angepasst anspielt: Statt „hässlich“ singen sie die vorgeschlagenen Wörter – etwa „Ich war noch nie so gerne lesbisch“.

    Zwischendurch wird auf der Bühne gequatscht, gelacht oder es werden Themen angesprochen, die der Band wichtig sind, vor allem politische. Dabei wenden sie sich immer wieder direkt an das Publikum.

    All das sorgt dafür, dass REMOTE BONDAGE sehr nahbar wirken. Es fühlt sich an, als würde nicht nur das Publikum die Band feiern, sondern auch die Band das Publikum. Alle sind unterstützend, authentisch und genießen gemeinsam den Moment – vor wie auf der Bühne.

    Kreativ über die Musik hinaus

    REMOTE BONDAGE sind unglaublich performativ, ob eine WG besichtigt wird oder sie zu ihrem Song „Ode an die Periode“ auf der Bühne scheinbares „Periodenblut“ trinken, wunderbar kreativ!

    Ihr Bühnenbild ist angenehm unaufwändig: Ein knallpinkes Banner mit ihrem Namen, welches super zu den knallpinken Outfits der Bandmitglieder passt.

    Auch vielseitige Choreos gehören zu ihrer Show. Ob zu dritt auf der Bühne kniend oder tanzend oder mitten durch das geteilte Publikum spazierend. Immer wild und bewegt.

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    Volle Bühne, toller Song

    Natürlich spielen REMOTE BONDAGE ihren frisch veröffentlichten gemeinsamen Song mit NIKRA nicht ohne sie. Für „Madonna vs. Britney“ kommt NIKRA noch einmal auf die Bühne und gemeinsam performen sie den Song so mitreißend, dass man die Beine kaum stillhalten kann.

    Das Beste kommt zum Schluss

    Nach ihrem letzten Song „Skorpion“ folgt eine Zugabe einer ganz anderen Klasse. Die Leute, die das Abschlusskonzert letzten Jahres bereits erlebt haben, wissen schon was gleich kommen wird.
    Es werden Liedzettel im ganzen Publikum verteilt. Sie sehen aus wie in einem Gottesdienst – mit Text und Noten. Dann singen alle gemeinsam „Fotzige Nacht“, eine umgedichtete Version von „Stille Nacht“, mit einem viel besseren Text, der durch und durch feministisch ist! Es ist wie in der Kirche – nur eben ganz anders. Es entsteht ein unglaublich schöner Moment der Verbindung schafft und noch lange in Erinnerung bleiben wird.

    Danach spielen sie endlich „So gerne hässlich“, aber diesmal ganz. Zuallerletzt erklingt „Ronny“, als ein letztes Mal das ganze Publikum mitsingt, sogar dreistimmig.

    Nach einer Danksagung an alle, die an der Tour mitgewirkt haben, ist dann auch mal die Band mit feiern dran: Mit dem gesamten Team tanzen sie auf der Bühne zum Techno-Remix ihres Songs „So gerne hässlich“. Damit ist das Konzert vorbei und alle gehen beschwingt, ausgelassen und glücklich nach Hause.

    Ein unvergessliches Erlebnis

    Das Konzert hat uns viel Spaß und Energie gebracht und uns auf vielen Ebenen sehr beeindruckt. Musikalisch waren es vor allem ihre Stimmen und der mehrstimmige Gesang, der ihre Musik so abwechslungsreich macht.

    Auch begeistert hat uns, dass sie ganz offen über so viele politische Themen und „Tabuthemen“ gesprochen und auch klar ihre Meinung dazu geäußert haben. Dabei wirkten sie auf uns immer nahbar und authentisch.

    Aber vor allem wurde das Konzerterlebnis so einzigartig durch die vielen und so unterschiedlichen, lustigen Aktionen und Ideen zwischendurch. Sie haben uns immer fühlen lassen, als wären wir mittendrin. Dabei haben wir uns von ganzem Herzen willkommen gefühlt, mit all unseren Emotionen, von Wut über Freude bis Geborgenheit.

    Alles in allem war es ein unvergessliches Erlebnis mit wunderbaren Menschen!

    REMOTE BONDAGE ist eine großartige Band, die ihr euch unbedingt anhören solltet. Ihr findet sie auf Instagram und Spotify und anderen Social Media Kanälen

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  • Angst, Wut, Verlangen und der innere Alltag: Leftovers sind „Müde“

    Angst, Wut, Verlangen und der innere Alltag: Leftovers sind „Müde“

    „Eine Angststörung besteht, wenn Angstreaktionen in eigentlich ungefährlichen Situationen auftreten. Die Angst steht in keinem angemessenen Verhältnis zur tatsächlichen Bedrohung. Betroffene erleben die Angst dennoch psychisch und körperlich sehr intensiv.“

    Dies ist nicht nur die erste Definition des Begriffs „Angststörung„, wenn man ihn bei Google eingibt, sondern auch die eindrückliche Eröffnung des Anfang November erschienen Albums Müde. Mit Rock, Punk und Grunge schaffen es die Wiener Leftovers, das Gefühl der Teenage-Angst auf eine unglaublich intensive und aktuelle Art und Weise zu verarbeiten und neu zu interpretieren. Wobei sie das Gefühl nicht nur verarbeitet, sondern eher durchgekaut und uns Mitten in’s Gesicht ausgespuckt haben, sodass wir uns am Ende auch noch dafür bedanken. Das Album ist hart, roh, dunkel und ehrlicher, als die meisten deutschsprachigen Rockbands es wagen zu versuchen.

    Müde fängt die verschiedensten Tiefen und die treibenden Kräfte der Adoleszenz ein. Und das nicht nur durch ihre eindringlichen, bildlichen Texte, sondern auch durch die musikalische Wucht, vor der man weder weglaufen, noch sich verstecken kann. Das Album schubst seine Hörer:innen durch tiefe Wunden und Schmerzen, rebellierende Hoffnungslosigkeit und sehnliches Verlangen. „Es tut weh und dabei weiß ich nicht mal was“, damit verpacken die vier Anfang 20-jährigen Wiener*innen den Drang danach ein „Mehr“ zu finden in ein Album, das wie ein nächtlicher Begleiter fungiert. Die Frage nach der Sinnlosigkeit des Lebens und dem Überleben zwischen den Massen der Großstadt ziehen sich wie ein roter Faden durch die Tracks hindurch. Obwohl so viel Angst in den Songs steckt, schreien die Leftovers diese wenigstens selbstsicher und leidenschaftlich heraus.

    Das Album schaut mit müden Augen und Außenseiter-Attitüde zu, wie der Rest der Masse sein Leben irgendwie zu bewältigen scheint. Kalte Luft, dunkle Gassen im grellen Laternenlicht, Lederjacken, Zigaretten, billiges Bier und wirre Gedanken, es bilden sich eigenständig klare Bilder einer vermittelten Stimmung. Zudem regt jeder Track des Albums das Main Character-Syndrome an, als wäre man der Hauptdarsteller:in in einem Melancholie geprägtem Film. Songs wie Gegen die Wand könnten ohne Zweifel über einer Skins UK Folge laufen und das Gefühl des schmerzvollen Erwachsenwerdens passend genauso dramatisch und aufrichtig zugleich untermalen, wie das Gefühl der Serie, die eine ganze Generation prägte.

    Dabei ist es kaum zu glauben, dass zwischen ihrem Album Krach und dem jetzigen Müde nur ein Jahr liegt. Die Band scheint in diesem Jahr ein Gefühl für Konzepte und eine genaue Vorstellung davon entwickelt zu haben, was sie sie eigentlich musikalisch tun wollen. Denn obwohl Müde ebenso gewaltig und ehrlich klingt wie sein Vorgänger, merkt man die deutliche Steigerung und Ausarbeitung besonders musikalisch. Währenddessen schafft die Band es, dass man ihnen zu keinem Zeitpunkt vorwerfen würde, ihre DIY-Punk-Art nur aufgesetzt zu haben.

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    Tracks wie System und Fick Dich beanspruchen Energie und ziehen Hörer:innen in den gedanklichen Moshpit rein, während Tracks wie Bellen und Du schmeckst so gut an der zu verzweifelnden Melancholie zehren und 15. Bezirk die Untergrund-Anti-Hymne Wiens bildet. Man gewöhnt sich in der bestmöglichen Weise schnell daran, sich von Sänger Leonid anschreien zu lassen. Aber auch Anna, die auf Ohne Dich und du bist schon tot bevor du lebst tiefe Emotionen und ungeklärte Fragen besingt, steuert dem Album eine Menge Frische bei. Alle vier Bandmitglieder schreiben, spielen, singen und sind gemeinsam präsent. Ihr Auftreten erinnert ebenfalls an eine besondere Gang in einem Misfits-Coming of Age-Film. Jeder Song auf dem Album erzählt eine Momentaufnahme einer tragischen Geschichte – oder doch eher bloß des Alltags? Gemeinsam ergeben sie ein Ganzes, das so gut zusammenpasst und organisch harmoniert, wie es gleichzeitig Bauchschmerzen bereitet.

    Punkrock ist definitiv nicht tot und hier wird er nicht einfach wiederbelebt, sondern als Hommage genutzt, aber in eine erschreckend zeitgemäße, selbstfunktionierende Version verpackt. Das Album ist weder anständig, noch brav, noch anpassungsfähig, dennoch etablierte sich die Band in der deutschsprachigen Indieszene. So betrachtet sehen die vier Leftovers aus wie Punks und verhalten sich wie Punks. Sie ziehen ihr schweres Ding durch den dichten Dschungel der Indie-Pop und Techno-Rap Tracks durch, ohne sich auch nur einen Millimeter zu verbeugen. Daher scheint es ihnen vollkommen egal zu sein, dass laute Gitarrenmusik nicht im Trend liegt und bauen etwas auf, das gerade nur wenig in der deutschsprachigen Musiklandschaft vertreten ist. In einer Ära, in der viele Künstler:innen dem Ruf der deutschen Hauptstadt folgen, bleiben Leftovers nicht nur ihrer Attitüde, sondern auch ihrer Heimatstadt treu: „Ich steh auf Saufen, nicht auf Ziehn‘ / Ich komm aus Wien und nicht Berlin / Fick dich!“

    Ich bin mir nicht mal sicher, ob sich Müde mehr nach einem Fiebertraum oder mehr nach brutaler Realität anfühlt. Wahrscheinlich ist genau diese schwammige Grenze der präzise getroffene Ausgangspunkt. So oder so, begleitet es mich durch meine verwirrendsten Gedankengänge und gibt diesen einen eigenen Raum um zu existieren und laut zu sein. Somit haben sich die Leftovers auf den Platz meines Lieblingsalbums des Jahres durchgekämpft.

    Im Dezember 2023 ist die Band auf dazugehöriger Tour, hier findet ihr alle Shows.

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    Foto Credit: Anna Francesca

  • shame und ihr zweites Album „Drunk Tank Pink“

    shame aus South London ist längst kein Geheimtipp mehr. Nach ihrem erfolgreichen Debüt 2018 veröffentlicht die Post-Punk Band den Nachfolger „Drunk Tank Pink“ beim Label Dead Oceans. Und dieses Album erwischt mich wie der Schneeball von Justin aus der vierten Klasse, den ich nicht kommen sah. Es ist eiskalt und kribbelt, während es langsam wieder warm wird und sich irgendwie gut anfühlt.

    Für viele Junge Musiker und Bands, die mit ihrem Debütalbum Erfolg hatten, ist das zweite Werk eine große Herausforderung. Es sollte innovativ sein, aber an die altbewährten Sounds anknüpfen. Und oft muss es schnell gehen, denn Label und Fans warten sehnsüchtig. shame hat sich dieser Herausforderung gestellt und einen absoluten Brecher an den Start gebracht, der das Debüt „Songs of Praise“ in vielen Punkten in den Schatten stellt.


    Von 100 auf 0

    Ich muss schon sagen, ich habe offensichtlich eine Schwäche für rüpelhafte englische Bands wie shame. Ich mag wie sie fluchen, jammern und traurige Angelegenheiten so stark verzerren, dass man am Ende darüber lachen möchte. Obwohl es überhaupt nicht komisch ist.

    Was diese Band auf ihrem zweiten Album antreibt sind Themen wie Identitätskrisen, Realitätsverlust und Psychosen. Kein Wunder, wenn man bedenkt, dass diese fünf Jungs seit ihrem 16. Lebensjahr nichts anderes machen, als durch die Welt zu touren und eine unfassbar hohe Anzahl an Konzerten zu spielen. Die Corona-Pandemie hat sie in einer gewissen Art und Weise zurück auf den Boden der Tatsachen geholt und diese Gefühle haben sie eindrucksvoll in „Drunk Tank Pink“ verarbeitet. Der Opener, der passenderweise „Alphabet“ heißt, gibt die Richtung der folgenden elf Tracks vor. Treibendes Schlagzeug und ein ebenso treibender, dröhnender Basslauf. Dieses Ensemble eingebettet in einen Noisefloor mit kurzen, akzentuierten Gitarren. Und textlich kann ein Album wahrscheinlich auch kaum schöner beginnen:

    „Now what you see is what you get,
    and I still don’t know the alphabet“

    Mit diesen Worten bringt shame die Maschinerie ihres neuen Werks ans Laufen. Ein Motor, den man nicht mehr abstellen will, auch wenn die giftigen Gase dieser schwerwiegenden Themen langsam durch den Schlauch am Fenster ins Auto dringen.


    It’s about silence

    Wenn man shame einmal live gesehen hat oder die Streams von KEXP kennt, merkt man, wie viel Energie diese fünf Musiker aufbringen können. Umso schwerer vorzustellen, dass diese Energie von jetzt auf gleich ausgebremst wird und sich der Alltag radikal ändert. Im Song „Nigel Hitter“, der erst vor wenigen Tagen als letzte Single released wurde, singt Sänger Charlie Steen eben von diesen Problemen. Alles, was für uns Normalos wie das Alltäglichste der Welt scheint, muss neu entdeckt und gelernt werden. Die Faszination verschiebt sich. Im Instrumental spiegelt sich diese Verschiebung in rhythmischen Überlagerungen der Gitarren wider, die von Drums und Bass gekontert werden. Spätestens jetzt wird deutlich, wie sehr sich die Band musikalisch gewandelt hat und wie vielschichtig ihr neuer Sound geworden ist.

    An Zeilen wie diesen merkt man, wie kaputt sich diese Band gemacht hat. Dazu sagt Steen selbst:

    „You become very aware of yourself and when all of the music stops, you’re left with the silence. And that silence is a lot of what this record is about.”

    Dass die Musiker von shame überanstrengt und müde waren, ist nach bis zu 300 Konzerten pro Jahr wohl nachvollziehbar. Trotzdem haben sie es offensichtlich geschafft, zu neuen Kräften zu kommen. Und als perfekt eingespielte Band unglaublich gute neue Musik zu schreiben. Das beweist auch der nächste Song „Born in Luton“, der nach meiner Interpretation die Schwierigkeiten des „Irgendwo-Ankommens“ und „Zuhause-Seins“ versinnbildlicht.

    „Buzzer’s broken, I guess I’ll just wait,
    No umbrella and it’s starting to rain,
    There’s never anyone in this house“


    Rosa beruhigt die Nerven

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    Die Songstrukturen auf „Drunk Tank Pink“ sind ebenfalls deutlich komplexer geworden im Vergleich zu ihrem Debüt „Songs of Praise“, wahrscheinlich in Analogie zu shames inneren Gefühlswelt. Bei „Born in Luton“ ändert sich das Tempo mitten im Song und leitet einen epischen, Post-Hardcore-artigen Downtempo Part ein, der einen ganz tief in den Sessel drückt. Wie ein nervender Wecker-Jingle kommt folgend der Song „March Day“ daher. Verspielte Gitarren, ineinander verzahnt und verwurstet plus die unangenehme aufgesetzte Fröhlichkeit in der Stimme von Charlie Steen sorgen für ein hyperaktives Hörbild. Ironischerweise geht es im Text darum, nicht schlafen und runterkommen zu können. Ich werde schon fast irre, wenn ich den Song ein paar Mal hintereinander höre, die Kulisse stimmt also.

    „In my room, in my womb,
    Is the only place I find peace,
    All alone, in my home,
    Yes I still can’t get to sleep“

    „Womb“, also Gebärmutter, nennt die Band die kleine Abstellkammer, in der sich Charlie Steen zurückgezogen hat, um die Texte des neuen Albums zu schreiben. Angeblich in einem Rosa-Ton gestrichen, der auch die Nerven von Insassen einer Ausnüchterungszelle beruhigen soll, ist diese kleine Kammer für mich das ganze Album über gut vorstellbar und sehr präsent. Daher rührt wahrscheinlich auch der Albumtitel, „Drunk Tank Pink“.

    Mit „Water in the Well“ schließt die erste Hälfte des Albums ab und lässt mich sprachlos und sabbernd zurück. „Water in the Well“ ist ebenfalls schon vorab als Single erschienen und ich habe es so dermaßen abgefeiert wie keinen anderen Song in letzter Zeit. Ich glaube immer noch, das ist einer der besten Songs, die ich je gehört habe. Hier wird das ganze Kompositions-Genie der Band deutlich. Trotz der relativ kurzen 03:08 Minuten besteht das Stück aus verschiedenen Parts, und jeder Part kommt mit einer neuen Idee um die Ecke. Die Art und Weise, wie shame überleiten und die Parts miteinander verknüpfen ist so außergewöhnlich gut, davon werde ich wirklich süchtig. Die Instrumentierung des Songs erinnert mich außerdem auch an eine meiner Lieblingsbands, nämlich die Talking Heads, die auf diesem Album öfter mal als Einfluss zu vernehmen sind.


    How do we deal with reality?

    Düster und unheilvoll leitet „Snow Day“ die zweite Hälfte ein. Der shame-typische Spoken Word-Stil kommt hier perfekt zur Geltung, wenn Steen uns mit einer unheimlichen Stimme von Realitätsängsten und Fieberträumen erzählt.

    „And everything comes together at once,
    It looks like the ocean,
    And you wanna just dive in“

    Zwischendurch lockern funkige Gitarren das Stimmungsbild etwas auf. Die auf dem ganzen Album außergewöhnlich ausgefeilte Rhythmik der Musik rückt auch hier wieder in den Vordergrund und beendet den Song anders als zunächst vermutet. Das Stück „Human for a Minute“ könnte von der erst kürzlich gescheiterten Beziehung Steens handeln. Die besonders tiefe emotionale Ebene aller Texte auf dem Album kommt hier noch mal richtig zur Geltung, begleitet von dem insgesamt ruhigsten Instrumental. Das mit nicht mal zwei Minuten sehr kurze Stück „Great Dog“ versprüht eine spritzige Punk-Attitüde und leitet in den Song „6/1“ über, der von Identitätsproblemen und Selbstzweifeln handelt.

    „I pray to no God,
    I am God“

    Mit Konventionen brechen

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    Besonders prägnant sind hier die klingelnden Gitarren und deren frische Sounds. An solchen Stellen hört man gut, dass Sean Coyle-Smith, einer der beiden Gitarristen, keine Lust mehr auf „langweilige“ Gitarrenmusik hatte.

    „For this album I was so bored of playing guitar. The thought of even playing it was mind-numbing. So I started to write and experiment in all these alternative tunings and not write or play in a conventional ‘rock’ way.”

    Außerdem wird in diesem Song nicht nur die eigene Identitätskrise angesprochen, denn die Band merkte im Schreibprozess schnell, dass dieses Thema nicht nur sie selbst beschäftigt, sondern ihre ganze Generation. Dazu Coyle-Smith:

    „It didn’t matter that we’d just come back off tour thinking, ‚How do we deal with reality!?’… I had mates that were working in a pub and they were also like, ‘How do I deal with reality!?’ Everyone was going through it.”

    Nach „ Harsh Degrees“, das sich chaotisch und noisy aufbäumt und den Kontrollverlust durch eine Marionetten-Metapher verkörpert, folgt auch schon der letzte Streich von „Drunk Tank Pink“. Der Song „Station Wagon“, übersetzt etwa „Kombi“, beginnt leise mit einem Bassriff und steigert sich über die Länge des Songs in ein lautes und ausartendes Getöse, das einem Hören und Sehen vergehen lässt. Charlie Steen schreit am Ende in kompletter Ekstase seine rhetorische Rede ins Mikrofon und lässt mich verstört zurück. Und ich verstehe zwar kaum ein Wort, aber ich glaube ihm jedes Einzelne.


    Fazit

    Ihr habt wahrscheinlich gemerkt, dass ich nicht ganz so kühl und neutral bleiben konnte. „Drunk Tank Pink“ hat das Potenzial für einen Klassiker und ich bin gespannt, was diese Band als nächstes macht. Für mich ist dieses Album perfekt. Punkt.

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    Fotocredit: Sam Gregg