Paris Paloma schlägt mit The Fatal Flaw kräftiger, roher und lauter als zuvor zurück. Mit dem am 04.09. veröffentlichen Album wagt sich die gebürtige Engländerin dabei musikalisch wie thematisch weiter vor als auf ihrem Debüt und beschreibt die neuen Songs als ehrlicher und chaotischer als ihr bisheriges Material. Und tatsächlich fühlt sich The Fatal Flaw nicht wie eine einzige sauber erzählte Geschichte an, sondern wie eine Sammlung von Erinnerungen, Verletzungen, Beobachtungen und Gedanken, die irgendwie alle zusammenfinden.
Liebe und Herzschmerz stehen dabei so sehr im Mittelpunkt wie wohl noch nie in Palomas Musik. Für die Songs rund um dieses Thema hatte sie sich eine besondere Ästhetik vorgenommen: Sie sollten sich anfühlen wie „epic poems“ oder wie Wandteppiche, die jahrhundertealte Geschichten erzählen. Sie verbindet persönliches Erleben, Mythologie und Kunst noch mehr als je zuvor und nimmt uns mit auf eine Reise durch verschiedene Welten.
Ein Plädoyer für die Kunst
Diese Reise beginnt sofort mit einem Song über Kunst: „Miyazaki“. Der Titel bezieht sich auf den japanischen Filmemacher Hayao Miyazaki, der unter anderem für seine kritische Haltung gegenüber künstlicher Intelligenz in der Kunst bekannt ist. Für Paloma ist das Thema Kunst ohnehin nichts Fremdes, denn sie hat selbst Kunst studiert und schon auf ihren bisherigen Veröffentlichungen stark darauf zurückgegriffen. Musikalisch macht der Song direkt klar, dass Paloma sich auf The Fatal Flaw einiges vorgenommen hat. Treibende Drums verleihen dem Song von Beginn an eine gewisse Dringlichkeit. „Please don’t ever take it from me“ bzw. „I won’t let you take it from me“. Der Refrain wandelt sich von einer Bitte zu Warnung und Widerstand. Es klingt nach dem Versuch, etwas zu bewahren, das für Paloma nicht einfach nur Dekoration, sondern ein elementarer Bestandteil des Menschseins und ein Baustein ihrer Musik ist.
Nach diesem kraftvollen Auftakt wird es mit „Rothko“ zunächst deutlich ruhiger. Sanfte Gitarren und beinahe gehauchte Vocals lassen den Song verletzlicher wirken, bevor er sich gegen Ende wieder öffnet und vom Sound in Richtung Filmmusik driftet. Nicht umsonst lässt sich Paloma irgendwo zwischen Cinematic und Art Pop verorten, wobei „Rothko“ dabei etwas stärker musikalisch an die Paris Paloma erinnert, die man bereits von früheren Songs kennt. Inhaltlich sieht es anders aus. Dort beschäftigt sie sich mit sehr persönlichen Fragen wie: Habe ich Liebe gefunden? Und habe ich sie überhaupt schon erfahren? Die Liebe ist ein eher neueres Motiv in ihren Songs, was auf diesem Album erstmals richtig Platz findet.
Liebe, Schmerz und Selbstschutz
Besonders eindringlich wird das Album bei „Stem The Flow“. Der bereits vorab veröffentlichte Song gehört zu den verletzlichsten Momenten des Albums und beschreibt einen Kreislauf aus Verletzung, Vergebung und immer neuen Chancen. Was anfangs kurz wie ein Liebeslied klingt, entpuppt sich schnell als Beschreibung einer Beziehung, in der Liebe längst einseitig, ja sogar toxisch geworden ist. Der Song beschreibt diese Entwicklung, die vielleicht mehr von uns schon einmal selbst erfahren haben, als uns lieb ist, zuzugeben. Zu Beginn heißt es noch: „It’s not in my nature to forgive bad behaviour except when it’s yours.“ Am Ende steht dagegen: „It’s not in my nature to forgive bad behaviour, especially yours.“ Aus dem Versuch, die andere Person zu verstehen, wird die Erkenntnis, dass man sich selbst schützen muss. „Stem The Flow“ ist im Großen und Ganzen eine musikalisch erzählte Realisation: Manchmal besteht der einzige Weg, den Kreislauf aus Schmerz und Enttäuschung zu beenden, darin, tatsächlich zu gehen.

Mit dem nächsten Song – „The Bleeding Part of Me“ – bleibt Paloma anschließend in dieser verletzlichen Stimmung. Besonders auffällig ist die musikalische Dynamik des Songs: Der vorletzte Refrain wird beinahe geflüstert, bevor der letzte Refrain wieder deutlich größer wird und hinten raus sozusagen noch einmal einen kräftigen Abschluss bildet. Der Song gehört für mich persönlich zwar nicht zu den stärksten des Albums, fügt sich aber gut in den emotionalen Verlauf ein.
Folglich nimmt „get her the fucking flowers“ wieder etwas Tempo heraus. Der Song ist zurückgenommen und lebt vor allem von leisen Gitarren, sparsamen Drums und Palomas hoher, fast zerbrechlicher Stimme, wobei er mit den lauteren und wütenderen Momenten des Albums gut funktioniert. Paris Paloma muss nicht immer laut sein, um Schmerz spürbar zu machen. Mir persönlich ist der Song allerdings etwas zu ruhig, um zu meinen Favoriten des Albums zu gehören.
Weiblichkeit als Patchwork
Mit „Pre-Raphaelite“ wird es wieder ein wenig größer und gleichzeitig düsterer. Der Sound vom Song hat beinahe etwas Spukhaftes und erinnert mich musikalisch stellenweise an die 2000er. Inhaltlich geht es um weibliche Schönheit, aber allerdings nicht aus der Perspektive romantischer oder sexueller Anziehung. Paloma beschreibt sich selbst als eine Art Patchwork aus all den Frauen, denen sie begegnet ist und deren Schönheit sie bewundert hat. Frauen, die sie auf ein Podest gestellt hat, werden zu einzelnen Teilen ihrer eigenen Vorstellung von Weiblichkeit. Dabei dreht sie diese Perspektive auch um: Vielleicht ist jede von uns für eine andere Person genau eine solche Frau. Der Titel verweist dabei auf die Präraffaeliten, eine Künstlergruppe des 19. Jahrhunderts, die sich gegen die damals vorherrschenden idealisierten Darstellungen wandte. Ihre Gemälde zeigten Frauen nicht nur als perfekte Schönheiten, sondern ließen unterschiedliche Facetten von Weiblichkeit zu. Paris Paloma übernimmt dieses Bild und bewundert Schönheit, ohne sie automatisch mit Begehren gleichzusetzen.
Auch „Good Girl“ beschäftigt sich mit Vorstellungen davon, wie Frauen sein sollen. Der Song beginnt ungewöhnlicherweise mit gesprochenen Worten von ihr selbst. Paloma spricht über Körperbild und Selbstwert, bevor die Musik langsam einsetzt. Im Hintergrund liegt leises Summen, während der Song sich schließlich zu einem ihrer für mich persönlich stärksten Momente auf diesem Album entwickelt.
Besonders interessant ist auch die Verbindung zu ihrem anderen Song „Good Boy“, der später im Album folgt und den ich unten noch einmal aufgreife. Wo dieser die gesellschaftlichen Erwartungen an Männer thematisiert, stellt „Good Girl“ die weibliche Perspektive daneben. Was darf eine Frau sagen? Wie laut darf sie sein? Wie viel Wut ist erlaubt?

Mythologie, Männer und Gewalt
Mit „Pyrrhus (You Go Where I Cannot)“ folgt der mit knapp fünfeinhalb Minuten längste Song des Albums. Wieder beginnt Paloma zurückhaltend mit sanften Gitarren, bevor sich langsam eine größere, fast epische Geschichte entfaltet, die der griechischen Mythologie nachgeht. Im Zentrum steht Deidamia, die Mutter des griechischen Helden Pyrrhus, die hilflos mitansehen muss, wie ihr Sohn in den Krieg zieht und für vermeintliche Werte wie Ruhm und Ehre Gewalt ausübt. Der Song ist aus ihrer Perspektive geschrieben: „Do you hear the screams, Pyrrhus?“ bringt die Verzweiflung auf den Punkt: Wie kann ein Mensch, den man selbst großgezogen hat, zu jemandem werden, dessen Handlungen man nicht mehr versteht? Sie vermisse ihren Sohn und erkenne ihn nicht wieder. Auch hier greift Paloma auf eine alte Geschichte zurück, um etwas sehr Gegenwärtiges zu erzählen. Wieder taucht die Frage auf, wie Gewalt entsteht und wie man mit Menschen umgeht, die sich von den Werten entfernen, die man ihnen mitgeben wollte.
Der Song ist für mich besonders stark und geht mir thematisch auch sehr nahe. Die Frage, wie ein Mensch zu dem wird, der er ist, obwohl ihm vielleicht ganz andere Werte vorgelebt wurden, ist eine, die mich selbst schon öfter beschäftigt hat und sie lässt sich heute eben auf weit mehr übertragen als nur auf Gewalt: auf politische Überzeugungen, Ideologien, gesellschaftliche Entwicklungen oder den Umgang miteinander. Obwohl Paloma eine Geschichte aus der griechischen Mythologie erzählt, stellt sie letztlich Fragen, die zeitlos sind und die wir uns angesichts der Welt um uns herum immer wieder stellen müssen. Wie wird aus einem Menschen jemand, den wir irgendwann nicht mehr wiedererkennen? Antwortlos bleiben wir an dieser Stelle zurück und ziehen weiter zum nächsten Song.

„Silhouette on the Hill“ ist der neunte Song des Albums und einer, den Paloma selbst besonders schätzt. Sie beschreibt darin den Wunsch, für bestimmte Menschen einfach verschwinden zu können. Obwohl sie sich von Personen gelöst hat, die ihr nicht gutgetan haben, fühlt sie sich ihnen gegenüber weiterhin sichtbar. Das Bild der Silhouette auf dem Hügel passt also perfekt dazu, denn sie ist nicht mehr Teil dieser Beziehungen, aber auch noch nicht vollständig aus deren Blickfeld verschwunden. Sie selbst sagt auch, dass sie sich mit diesem Song fühlt wie in einem Western, wo sich eine einsame Figur in der Ferne langsam von etwas entfernt.
Mythologie, Männer und Gewalt
Wenn „Good Girl“ die weibliche Perspektive auf Erwartungen und Selbstbild eröffnet, bildet „Good Boy“ dazu das passende Gegenstück. Der Song beginnt mit einem gesprochenen Intro von Emma Thompson (einer britischen Drehbuchautorin, Schauspielerin und Filmproduzentin): „I knew that one day I’d have to watch powerful men burn the world down. I just didn’t expect them to be such losers.“ Darauf folgt Palomas eigenes Lachen, wodurch der Song sofort eine gewisse Prise Spott bekommt. Außerdem befinden sich gegen Ende des Songs bellende Hunde, wodurch auch der Titel des Songs zweideutig wird. Im Song beschreibt sie politische und gesellschaftliche Beobachtungen und das Lied richtet sich gegen Männer, die sich selbst als unabhängige Denker verstehen, tatsächlich aber blind Ideologien und anderen Dingen folgen, ohne zu hinterfragen. So wie ein Hund, eben ein „good boy”. Gerade eine solche Verbindung zwischen vermeintlicher Unabhängigkeit und blindem Folgen finde ich relevanter denn je und teile den Gedanken des Songs sehr.
Im nächsten Song bleiben wir thematisch bei den Männern. „Beautiful Birds“ ist musikalisch einer meiner persönlichen Favoriten und wirkt deutlich leichter als viele der vorherigen Songs, man könnte sagen, beinahe so schwerelos wie eine Vogelfeder im Wind. Paloma nimmt darin das Paarungsverhalten männlicher Vögel zum Anlass, einen ziemlich einfachen Wunsch an die Männerwelt zu formulieren: Vielleicht könnten sie sich ein Beispiel daran nehmen. Schließlich scheinen Vögel deutlich besser darin zu sein, eine Partnerin für sich zu gewinnen: „And they won’t die alone, they know something that you don’t“ wirkt vielleicht auch etwas amüsant, aber damit hat sie sicherlich recht. Allerdings glaube ich auch, dass in dem Song eine gewisse Traurigkeit und Enttäuschung mitschwingt, denn Paloma belässt es nicht bei einem Vergleich zwischen Mensch und Vogel. „I’ve seen that distant land, that boundless cemetery, the buried hearts of men who died suppressing every need“. Sie singt von Männern, die ihre eigenen Bedürfnisse unterdrückt haben und daran letztlich zugrunde gegangen sind. Für mich richtet sie darin also auch eine Kritik an gesellschaftliche Vorstellungen von Männlichkeit: Vögel müssen sich nicht an ein bestimmtes Bild davon halten, wie sie sich zu verhalten haben, welche Gefühle sie zeigen dürfen oder wie sie mit ihren Bedürfnissen umgehen sollen. Hinter der ach so musikalischen Leichtigkeit vom Song steckt deshalb auch irgendwie eine Enttäuschung. Eine Enttäuschung über eine Gesellschaft, die Männern beibringt, ihre eigenen Bedürfnisse zu begraben, anstatt ihnen zu zeigen, wie sie Nähe und Liebe zulassen können. Für Kritik am Patriarchat und einen Kampf dagegen ist Paloma schließlich ebenfalls textlich bekannt.
Weinen vor Kunst – A Full Circle Moment
Der letzte Song des Albums ist „I Cry In Front Of Paintings“, der ebenfalls die letzte Single vor der Veröffentlichung des Albums war. Paloma selbst bezeichnet den Song als emotionalen Höhepunkt des Albums. Nach all der Wut, Verletzlichkeit, Enttäuschung und den Fragen danach, was man eigentlich verdient, kommt hier etwas anderes: Ruhe. Der Song ist textlich der kürzeste und hat damit die längste instrumentale Strecke, die auch sehr melancholisch, friedlich und irgendwie auch hoffnungsvoll klingt. Das Lied handelt davon, Liebe und Sicherheit schließlich dort zu finden, wo man es vielleicht nicht erwartet hätte. Damit schließt sich auch in gewissem Maße der Kreis zu „Rothko“ und der Frage, ob Paloma Liebe überhaupt finden wird.

Fazit: nicht viele Antworten, aber die richtigen Fragen
Paris Paloma erzählt keine lineare Geschichte, sondern setzt viele kleine nebeneinander und schafft verschiedene Bilder und Perspektiven. Mal bedient sie sich der Mythologie, mal der Kunstgeschichte, mal der Natur und mal sehr persönlicher Erfahrungen, sodass am Ende aber alles Sinn macht. Das Album beginnt mit einem Plädoyer dafür, Kunst zu bewahren, führt durch Schmerz, Wut, Enttäuschung und Selbstzweifel und endet schließlich wieder im Raum der Kunst. Auch am Ende dieser Reise ist der namensgebende „Fatal Flaw“ nicht gefunden, genauso wenig wie Antworten auf all die anderen Fragen, die Paloma aufwirft. Ich glaube allerdings, dass das auch gar nicht der Anspruch des Albums ist. The Fatal Flaw fühlt sich vielmehr wie eine Erkundungstour an und oft liegt der Wert bereits darin, solche Fragen überhaupt zu stellen. Dabei verbindet Paloma ihre Fragen mit großen und teilweise Jahrhunderte alten Geschichten und schafft es gleichzeitig, ihnen eine erstaunliche Gegenwärtigkeit zu verleihen: Wie entstehen Gewalt und gesellschaftliche Rollenbilder? Was passiert, wenn wir Menschen nicht mehr wiedererkennen, die uns einmal nahestanden? Und was sind wir uns selbst eigentlich schuldig?
Ich selbst finde The Fatal Flaw vor allem textlich, aber auch musikalisch sehr stark und bemerkenswert zeitgemäß.
Und wenn euch das Album gefällt, könntet ihr Paris Paloma dieses Jahr noch live erleben. Im Winter geht sie auf Europa-Tour und macht im Dezember Halt in München, Frankfurt, Berlin und Hamburg.
Fotos: Phoebe Fox




























