Schlagwort: Jeremias

  • Von „vergiss mich nicht zu schnell“ bis „neue Ufer“ mit Levin Liam

    Levin Liam ist noch! der „most underrated“ Artist der aktuellen Stunde. Doch die Anzeichen verdichten sich, dass dieser Stern ganz bald ganz groß über unseren Köpfen glitzern wird. Ein Feature mit Trettmann, ein angefragtes Feature von Mark Forster und die aktuelle Zusammenarbeit mit dem größten deutschen Produzenten Duo Miksu & Macloud beweisen das. Doch bevor wir über das aktuelle Projekt „neue Ufer“ sprechen, fangen wir weiter vorne bei der EP an, die Levin Liam rasant in mein nicht ganz leicht zu erreichendes Musikherz schoss.

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    „Vergiss mich nicht zu schnell“ heißt die 2022 erschienene EP des in Hamburg wohnenden Rappers, Sängers und Produzenten. Nach einigen englischsprachigen Singles unter dem Künstlernamen Liam Levin erscheinen 2022 die ersten Tracks auf Deutsch. Dieses Mal als Levin Liam. „Keine Geduld“, „Heim“ oder „Ich Hab Dich“ zeigen bereits sein Potenzial für besondere Momente. So richtig tief in den emotionalen Nerv stechen allerdings erst die Singles der zuvor genannten EP. „gleich“ ist so unfassbar gefühlvoll, dass die Lobeshymne in Form eines eigenen Absatzes kommt.

    In Wellen rauscht das Intro von â€žgleich“ langsam in die Ohren, ehe die leicht schüchterne, leicht zerbrechliche Stimme Levin Liams die ersten Zeilen nuschelt:

    „Ich guck’ dir von weitem zu und seh‘ du machst Fortschritt
    Und ich frag mich wie es wohl ist, wenn du fort bist“

    Diese Wortes sind ebenso schön wie clever, denn sie sind die inhaltliche Essenz, um die der gesamte Song kreist. Mit dem Pre-Chorus wird die Stimme bestimmter und die Position des lyrischen Ichs klarer: 

    „Ich will dir mehr von den Lichtern zeigen
    Ich will, dass wir für immer so nüchtern bleiben
    Sag mir, dass du niemals an den Lichtern zweifelst
    Und wir beide zusammen Geschichte schreiben“

    Eine vielsagende Kunstpause bis der Refrain langsam warmes Wasser über unsere verspannten Rücken laufen lässt. Die hauchzarte Stimme singt in einen großen Raum voll Intimität ohne nach mehr als einem zurückhaltenden Klavier zu verlangen. Und doch ebnen sich die Background Vocals ebenso wie der im zweiten Teil des Refrains einsetzende Beat unaufdringlich ein. Es ist wirklich ganz große Kunst wie der Song sich im weiteren Verlauf um den Gesang und das Klavier herum entwickelt. Jedes Element wirkt authentisch und organisch, obwohl der Song auch ganz minimalistisch die volle Gefühlswelt entfalten würde. 

    Während „gleich“ zusammen mit „outro (wenn du hier bist)“ die EP einfühlsam schließen,  leitet „intro (vergiss mich nicht zu schnell)“ das Projekt bittersüß ein. Ein gefiltertes Sample, eine Gitarre und seichte Keys leiten unsere sensiblen Öhrchen sanft in den 1:34 Minuten langen Einstieg der Platte, der lyrisch direkt seinen vollen Zauber entfaltet. Authentisch einfache Worte beschreiben bekannte Bilder und Gefühle, während dumpfe Klänge beruhigend die Stimme umarmen und jeden Teil unserer jemals verletzten Seele trösten.

    „Ich glaub, du kennst mich mittlerweile
    Ich kann lieben, dass es einen überrollt
    Und ich glaub, ich mach da manchmal fehler bei
    Weil ich denk, das kommt alles schon wies soll
    Ich war nie der typ, der sich viel prügelt und das weisst du auch
    Doch für dich nehm ich nen mittelgrossen streit in kauf“

    Auf „finde mich“ säuselt Levin Liam hauchdünn über einen Beat nach Spezialrezept. Warme analoge Keys, ein gefiltertes Sample, dumpfe sphärische Sounds, organische Drums, summende Backing Vocals und das Essen ist angerichtet. Produzent Cato macht erneut alles richtig dabei Levin Liams charakteristische Stimme nuanciert herauszuarbeiten und Bildern wie „Ich rede viel, doch denke zehn mal so viel mindestens“ oder  „Wer nicht im Stau stehen will, der darf auch nicht ins Auto steigen“ Farbe zu verleihen.

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    Mein Highlight ist Lied sieben: „graues papier“. Das gedämpfte Klavier pulsiert erwartungsvoll, ehe unsere neue Lieblingsstimme die Gedanken auf dem grauen Papier mit uns teilt. Der Track ebnet sich stilvoll ein in die Klangästhetik der EP und überrascht mit einer Jersey Kick, die seit Lil Uzi Verts „I Just Wanna Rock“ auf jedem deutschen und amerikanischen Hip Hop Album mindestens 3 Mal auftaucht. Die größere und spannendere Überraschung ist dann aber der Beat Switch, der den Song in gesteigertem Tempo in einen Sad Club Banger verwandelt. Cato beweist, dass er gefühlvolle Atmosphäre genauso gut kann wie tanzbare Club Hits.

    Levin Liam und Cato treten auf „Vergiss mich nicht zu schnell“ in eine besondere Synergie, die die Stärken beider glänzen lässt. Der größte Schwachpunkt dieses Projekt ist, dass es nur knapp 25 Minuten lang ist. Die Stimmungen jedoch sind unbeschreiblich und bedingungslos schön. Während Levin Liam stimmlich wie textlich sein volles Potenzial ausschöpft, gilt gleiches für die durchdachten und treffsicheren Produktionen Catos.

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    Resultat dieser fruchtvollen Zusammenarbeit ist die kürzlich erschienene EP „neue Ufer“ mit Produzenten-Team Miksu & Macloud. Insbesondere die Singles „Mann vom Fach“ und „so. k.o.“ featuring Jeremias beweisen Levin Liams Gespür für eingängige Melodien und lyrische Bilder, während Miksu & Macloud sich selbst und der Welt beweisen auch mit Indie-Produktionen den Zeitgeist des deutschen Hop Hops zu treffen. Das Duo hat sich einen Status erarbeitet, der ihnen musikalische Flexibilität erlaubt. Profiteure sind spannende upcoming Artists wie Levin Liam, dessen Stimme bald die Playlisten, das Radio und alle Festivals prägen wird.

    Gradmesser Levin Liams Entwicklung wird für mich dennoch immer „vergiss mich nicht zu schnell“ bleiben. Durch den musikalischen Feinschliff Catos erschafft der vielseitige Künstler schöne Geschichten mit viel Raum für eigene Gedanken. 

    Vergesst diese EP nicht zu schnell!

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  • Über Sehnsucht und Rastlosigkeit: JEREMIAS und ihr Debütalbum „Golden Hour“

    Über Sehnsucht und Rastlosigkeit: JEREMIAS und ihr Debütalbum „Golden Hour“

    Kaum eine Band ist in letzter Zeit so schnell so weit aufgestiegen wie JEREMIAS. Ständig ausverkaufte Shows, massenweise Fans, Fernsehauftritte, ihr Name ist überall zu hören – und nun auch ihr Debütalbum. Nach zwei EPs erschien am 28. Mai Golden Hour, das uns einen Einblick in die Lebensphilosophie und die Rastlosigkeit des Lifestyles der Band bietet. Durch die gesamte Platte zieht sich vor allem das Gefühl des „nie ankommen„, das sie sowohl textlich, als auch musikalisch so dynamisch macht. Mit ihrem ersten Album beweist die Band, dass sie sich jetzt schon weiter entwickelt hat, aber gerade erst am Anfang ihrer großen Reise ist.

    Immer Unterwegssein gemischt mit Liebe und Herzschmerz, das macht golden hour aus. Die vier Jungs aus Hannover erspielen sich damit einen großen Haufen neuer aufmerksamer Hörer:innen und Fans, für die das Album garantiert den Soundtrack ihres Sommers bilden wird. Vor allem spürt man durch alle Tracks hindurch die Leidenschaft von Oliver, Ben, Jonas und Jeremias, die hinter diesem Werk steckt. Doch nicht nur die Tracks beweisen das, sondern auch das Auge bekommt ein detailverliebtes stimmiges Ganzes rund um Design, Musikvideos, Fotos.

    Mit dem Instrumental-Intro xx beginnt das Album und steigert schon die Neugier und Erwartung seiner Zuhörer:innen. Übergehend in den zweiten Track sorry wird man direkt mitten rein geworfen. Kummer, die Einsicht der eigenen Fehler, eine Entschuldigung an eine geliebte Person. Man bekommt Ehrlichkeit und eine große Portion tiefster Emotionen direkt durch seine Kopfhörer geliefert. Alles im typischen warmen JEREMIAS-Sound, der selbst einen inhaltlich traurigen Song mit ganz easy zu tanzbarem Indie-Pop mit Disco-Feeling werden lässt.

    Nach dem emotionalen Einstieg folgt mit nie ankommen einer der Songs, der die Platte meiner Meinung nach wirklich ausmacht. „Ich bin so aufgeregt, ich bin auf dem Weg“ – der Song verkörpert die Rastlosigkeit, die die Band seit ihrem Erfolg erlebt, die Sehnsucht nach immer mehr und ihre Passion für das, was sie tun. Gewohnt funky und mit krass gutem Instrumental zwischendrin ist der Song absolut kompakt abgerundet und lässt verstehen wieso die Musik von JEREMIAS so gefeiert wird. Denn es ist genau dieser einzigartige Sound und dieses vermittelte Lebensgefühl, das mitreißt und nicht mehr loslässt. Genau passend zu dem Vibe des Songs gibt es ein sommerliches Musikvideo, das die Jungs im Urlaub zeigt.


    „Und wenn wir ankommen, dann seh ich das nicht ein,
    ich will nie aufhören, immer wach zu sein“


    Als nächstes folgt mit hdl ein poppiger Song, der sich perfekt zum mitsingen und für Live-Shows eignet. Zwar ist sich wahrscheinlich jeder einig, dass dies nicht der inhaltsreichste Song ist, jedoch sieht man da vor dem inneren Auge schon die Crowd, wie sie „Hab dich lieb und Langweile“ ruft. Genau dieses Potential und die Leichtigkeit des Songs scheinen auch bei den Fans rüberzukommen, denn hdl raste auf Platz 2 der meistgehörtesten JEREMIAS-Songs auf Spotify. Mit momentan fast 4 Millionen Streams steht dieser hinter dem unschlagbarem JEREMIAS-Hit schon okay mit seinen über 5 Millionen Streams. Solche Zahlen sind einfach dahingesagt, sind aber alles andere als gewöhnlich für eine neue deutsche Band, bevor sie überhaupt ihr Debütalbum veröffentlichte. Mit hdl traten JEREMIAS kürzlich in der Late Night Berlin Show auf Pro7 auf, was den Erfolg des Songs sicherlich noch mehr förderte.

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    Mit dem 5. Track, den ich mags bildet, wird es wieder nachdenklicher. Ja, ich mag es auch, wenn „alles laut und Disco ist„. Auch hier schleicht sich wieder das Thema der schlaflosen Nächte und des Unterwegs sein rein und lässt mich vermissen, wie mein Leben vor Coroni-Zeiten war. Aua. Naja, kein Grund zum Trauern, denn ich mags läuft frei nach dem Motto, dass im Moment leben wichtiger ist. Obwohl nach der ersten Strophe ein Drop angeteasert wird, wird man aber erwartungsvoll weiter hingehalten. Keine Sorge, der ersehnte funky Drop, für den man JEREMIAS-Songs so liebt, wartet bis zum Schluss und lädt zum tanzen ein.

    Darauf folgt mio, ein langsamerer tiefgründiger Song, der nicht nur die positiven Seiten ihres jetzigen Lifestyles zeigt. Er sprüht vor Melancholie und erklärt, dass JEREMIAS trotzdem Angst haben, in Vergessenheit zu geraten. „Mama, ich will nur Legende sein„, eine Bekenntnis zu einem Lebensmotto, das sie vermutlich noch sehr weit bringen wird. Untermalt wird der Track von entspannten Synthies, 80er Vibes und einem geschmackvollen schwarz-weiß Video bei Nacht. Vor allem zeigt der Song, dass JEREMIAS nicht nur für eine kurze Zeit hier sind, sondern noch Großes vorhaben. Wir sind gespannt.

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    Endlich, Paris

    Schon die ersten Sekunden des Songs hypen als Hörer:in so sehr, dass man nur Glück verspürt. Für mich ist es keine schwere Entscheidung zu sagen, dass paris der Star des Albums ist. Der Track vereint alles, was man an JEREMIAS liebt: funky Melodie, bei der es unmöglich ist, nicht zu tanzen und eingehender Text, bei dem es unmöglich ist, nicht mitzusingen. Schon bei Live-Shows war ich immer hin und weg von paris, der immer als unveröffentlichter Song gespielt wurde. Schon da war ich mir sicher, dass er mein Lieblingssong der Band werden wird. Und ich hatte recht! Trotz einmaligen Sommer-Vibes fließt auch hier wieder die gelungene Mischung aus Liebe und Leiden mit ein, das gelingt der Band einfach am Besten. Es ist schwer in Worte zu fassen, wie nice es sich angefühlt hat, paris das erste Mal als veröffentlichte Single gehört zu haben. Euphorie, positive Erinnerungen, Begeisterung, alles mit dabei.

    Nach dem krassen Aufschwung in paris wird man mit 2 wieder etwas runtergeholt. Instrumental, kein Gesang, erinnert an Parcels, klingt live immer nice. Was will man mehr? Ich bin, ehrlich gesagt, oft zu ungeduldig, um mir rein instrumentelle Songs mitten in Alben öfters anzuhören. Bei 2 komm ich aber gar nicht auf die Idee, meinen Finger Richtung Skip-Button zu bewegen, sondern genieße es. Alles richtig gemacht.

    Nach dem man 2 hoffentlich nicht geskipped hat, kommt man zu einfach. Der Song klingt gar nicht so einfach, wie der Titel und legt offen die musikalische Weiterentwicklung der Band dar. Beim ersten Hören war das der Song, den ich am meisten als unerwartet und untypisch empfand. Wo bei den anderen Songs trotz Melancholie noch tanzbare Leichtigkeit mit geht, ist dieser hier zutiefst emotional und bewegend. Vor allem durch die heranlaufende Steigerung im Song, fühlt er sich groß und bedeutend an. Textlich zeigt sich Jeremias sehr nah und reflektierend über sich und sein Leben. Gerade dadurch wirkt der Song am ehrlichsten und tiefsten und bietet für mich einen Kontrast zu den anderen, obwohl er das Gesamtwerk komplett macht.

    Schon geht es weiter mit dem Titeltrack des Albums. Die Melodie in den ersten Sekunden ist schon unglaublich eingehend. Und golden hour ist so sonnig, wie man sich ihn vorstellt und bringt trotzdem eine Hand voll Melancholie in den Strophen mit. Jeremias zeigt wieder einmal, dass ihm nachdenkliche Texte zu schreiben mehr als nur gut steht. Auch hier ist das Ganze wieder geschmackvoll mit sommerlicher Leichtigkeit kombiniert. Letztendlich ist er der entspannende Sommer-Hit, den wir alles für 2021 gebraucht haben.

    Geschlossen wird das Album mit weniger, das quasi die Spitze des „Ich will mehr“-Gefühls bildet. Getrieben von der Sehnsucht besingt Jeremias, dass er immer von mehr träumt, als das, was er gerade hat. Er beschreibt dieses Gefühl dabei als „Platzangst“, was sich schon durch das ganze Album zieht und zum Schluss konkretisiert wird. Dabei klingt der Song nicht nach Rastlosigkeit, sondern relaxed und eignet sich perfekt zum mitwippen. Zwar sehnt sich Jeremias danach fortzugehen und nie anzuhalten, so sind die aller letzten Worte des Albums „Baby, komm doch bitte mit„. Damit wird mir abschließend nochmal deutlich bewusst, wie sehr die Mischung aus Aufbruchsstimmung und der sensiblen Seite von Jeremias ihre Songs ausmacht.

    Durch golden hour zieht sich von vorne bis hinten ein thematisches Konzept und ein Gedankenstrang. Dadurch erhält man einen persönlichen Einblick in die Gedanken von Sänger Jeremias und seine Sicht auf das Leben. Obwohl alles dadurch zur stimmigen Einheit wird, klingen alle Songs sehr unterschiedlich. Seien wir ehrlich, das ist bei Indie-Alben nicht immer so. Aber von allen Dingen macht golden hour am meisten einfach Spaß. Es ist ein Album voller Leichtigkeit, voller Gedanken, voller Sonne, aber auch voller Melancholie und passt sich demnach jeder Gefühlsstimmung an. Trotz dessen, dass das Album so fertig, leidenschaftlich und weiterentwickelt klingt, bin ich mir sicher, JEREMIAS sind noch am Anfang. Sie sind plötzlich in die Indie-Szene hinzugekommen und haben sie blitz schnell zu ihrer erobert. Und ich glaube, ich mags.

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    Foto Credit: Lucio Vignolo