Schlagwort: jan müller

  • Lukas‘ Jahresrückblick: Das Jahr, in dem ich das Schreiben zum Beruf machte

    Hallo. Auch dieses Jahr darf ich mich an einem Jahresrückblick versuchen.
    An die erste Hälfte des Jahres kann ich mich kaum erinnern. Wie hinter Milchglas sehe ich verschwommen noch die ein oder andere Erinnerung. Das liegt wahrscheinlich daran, dass die Tage sich vor Juni alle mehr oder weniger glichen, bevor dann in der zweiten Hälfte des Jahres noch einmal richtig Schwung in die Kiste kam. Dafür ist, um es kurz zu machen, untoldency verantwortlich.

    Ja. Richtig. Die schicksalhafte Fügung meiner zweiten Jahreshälfte habe ich ganz allein untoldency zu „verdanken“. Jetzt kommt hier mal alles auf den Tisch. Denn ich habe wegen untoldency jetzt weder Geld noch Freizeit. Außerdem lebe ich seit drei Monaten in Bayern. IN BAYERN!!!!!!!

    Sorry. Musste mir gerade die Tränen abtupfen.

    Wie konnte es dazu kommen? Wie einige vielleicht wissen, feiert untoldency dieses Jahr das zweijährige Bestehen. Konfetti, Sekt, Buttercremetorte. Als kleiner Bub, also vor zwei Jahren, bewarb ich mich, grün hinter den Ohren, mit einer E-Mail bei den Chefinnen Anna und Jule. „Ich will auch mal was schreiben“, schrieb ich und zurück kam: „wenns unbedingt sein muss, okay“. Geil! Ich tippte mir die Finger wund: erste Review, erstes Interview, erster Feuilletonartikel — und es machte mir verrückt viel Spaß. So viel Spaß, dass mein eigentlicher Job, also der, durch den ich mir etwas zu Essen kaufen kann, immer uninteressanter wurde.

    Es gibt verpasste Chancen im Leben. Davon habe ich schon einige gesammelt und fein säuberlich in meiner Vitrine der Schande ausgestellt. Diese hier sollte nicht dazu gehören. Ihr müsst wissen: ich bin mittlerweile 27 Jahre alt. Mir fallen an zwei Stellen gleichzeitig am Kopf die Haare aus. Ich habe Knieschmerzen, wenn mein Fahrradsattel nicht perfekt eingestellt ist. Manchmal rieche ich nach Rentner. Ich weiß nicht genau, an welcher Körperstelle. Der Duft verflüchtigt sich binnen Sekunden, ich kann ihn nicht aufspüren. Kurz: Ich stehe mit einem Bein im Grab. Mein Leben ist gelebt. Das ist okay.

    A rush of blood to my head

    Doch dann: im Frühjahr las ich eine Stellenanzeige eines großen Musikmagazins: „Praktikant gesucht“. Ich war nervös. Noch zwei Tage bis zur Deadline. Bei Zusage hieße das: Job kündigen, Stadt verlassen, Neuanfang. Der Gedanke daran ließ mich kaum noch los. Ich war wie im Rausch. Ich muss es versuchen!

    Ich bewarb mich nicht.
    Loser.

    Allerdings wollte der Funke in meinem Motor der Selbstverwirklichung wieder zündeln. Und dann ging alles ganz schnell. An der Uni beworben, angenommen worden, umgezogen.

    Ich studiere jetzt Journalismus in Bayern. Konfetti, Sekt, und so weiter.

    Ich werde damit fertig sein, wenn alle meine Freunde Kinder haben und überlegen, wie sie ihre Doppelgarage am besten finanzieren. Und es ist mir egal! Aber Leute, ich sage euch: gäbe es untoldency nicht, wäre ich unzufrieden und mit schmerzenden Knien immer noch am selben Fleck stehengeblieben, auf ewig. Dafür, dass dem nicht so ist, ganz unironisch: Danke.

    Ihr habt bestimmt noch gar nicht bemerkt, dass es bisher in keinem einzigen Satz um Musik ging. Gut! Dann hat das Ablenkungsmanöver geklappt. Ich werde nämlich wieder total irre bei dem Gedanken, die besten Platten und Songs des Jahres so halbwegs zu sortieren. Ich habe langsam das Gefühl: das will doch auch niemand mehr lesen. Ich klatsche euch hier meine Top 10 hin, ihr werdet es brav lesen, klar. Nur: die eine Hälfte kennt ihr nicht. Die andere Hälfte fandet ihr scheiße. Mehrwert = Null.

    Deswegen kommen jetzt hier erstmal drei kleine Kapitel aus meinem musikalischen Jahr 2022. Viel Spaß <3

    Kapitel 1: Chang Hyun und die Frau im Regen

    Ich hatte im Frühling zum ersten Mal Covid. Eingefangen habe ich mir diese widerliche Seuche auf einem Konzert meiner eigenen Band. Der Preis für 45 Minuten Ruhm und Ehre. Toll. Nachdem ich mich wieder einmal wütend in den verschwitzten Laken hin und her gewälzt und die schlimmsten Flüche heiser in mein Kopfkissen gebrüllt hatte, fasste ich einen Entschluss: ich bestelle mir ein MUBI-Abo, weil bei Netflix einfach nix mehr läuft. MUBI: die Spielwiese der Cineasten und Cinephilen. Arthouse- und Autorenfilme, soweit das Auge reicht. Streaming für Feinschmecker.
    Wie mich. Zwinker.

    Es ist zwar leider so, dass ich die Hälfte der dort gezeigten Filme nicht verstehe. Aber das macht nichts. Jeder einzelne Film, den ich mir ansah, war der beste Film aller Zeiten. Unter anderem der koreanische Thriller „살인의 추억“ („Memories of Murder“) des Regisseurs Bong Joon-ho, den ihr vielleicht von „Parasite“ schon kennt. „Memories of Murder“ ist ein toller Film über zwei mehr oder weniger sympathische Polizisten, die im Südkorea der 1980er Jahre einem Serienmörder auf den Fersen sind.

    Um mich geschehen war es, als Chang Hyun mit seinem souligen Rocksong „빗속의 여인“ („bis-sog-ui yeoin“ — „Frau im Regen“) einige Szenen des Films untermalte. Durch seine unvorhersehbaren, aber subtilen Stopps und Rhythmuswechsel, macht er den Thriller auch ohne Bilder spannend. Ich glaube, das ist einer der besten Songs, die ich je gehört habe. Vor allem in dem Moment, wenn es im Film anfängt zu regnen, die Frau die Wäsche abnimmt, die Aufstände von der Polizei brutal niedergeschlagen werden und das nächste Opfer des Mörders ahnungslos durch den Regen nach Hause läuft: Gänsehaut. Dieser Song ist ein Highlight meines Jahres, trotz des hohen Alters.

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    Kapitel 2: Anxious und ein Call aus den 2000ern

    Die 2000er haben angerufen? Ja. Weil sie neidisch sind.
    Ich gebe es öffentlich zu: ich lasse mich gerne in bessere Zeiten zurückversetzen. Und mit voller Wucht schafft das der Song „Call From You“ der US-amerikanischen Band Anxious. Dieser 2022 erschienene Song klingt wie eine erwachsene Version meiner musikalischen Idole aus den 2000ern: My Chemical Romance, Yellowcard, Fall Out Boy und so weiter. Klar, Pop-Punk ist wieder in und so, aber mussten sie es gleich so viel besser machen?!

    Wirklich umgehauen hat mich die Stimme des Sängers Grady Allen. Soft und roh, die Übergänge sind fließend. Der Text, der so unpoetisch und gleichermaßen total lyrisch daherkommt, schockiert mich jedes Mal durch die filterlose Ehrlichkeit. Beide Seiten dieses Beziehungs-Dilemmas sind für mich nachzuvollziehen, ich fühle es mit. Fühlen. Das ist es, was diese Musik unglaublich gut vermittelt.

    Ich habe versucht meine äußerst authentischen Emo-Utensilien bei meinen Eltern wiederzufinden, bisher fand ich nur meinen „Pali“. Die schwarze Militär-Umhängetasche mit den Patches ist nach wie vor verschollen. Vielleicht besser so. Diese ganzen Dinge brauche ich nämlich gar nicht mehr. Das Debutalbum „Little Green House“ von Anxious bringt alles mit, um die Zeitreise gebührend anzutreten.

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    Kapitel 3: Jan Müller und die furchtbare Prophezeiung

    Muss kurz lachen, denn „und die furchtbare Prophezeiung“ könnte genau so gut eine neue Folge der Drei ??? sein. Leider ist die ganze Sache überhaupt nicht lustig und das Lachen bleibt mir im Halse stecken. Denn als ich im Januar mit Jan Müller, dem Bassisten von Tocotronic, über deren neues Album „Nie wieder Krieg“ im Interview sprach, war von dem menschenrechtsverletzenden Angriffskrieg Putins gegen die Ukraine noch keine Rede. Und genau dieser seltsame Umstand, die Vorhersage und die anschließende Trostspende dieses Albums, macht es für mich zu einem Highlight des Jahres. Auch wenn es kein positives ist.

    Dieses Gespräch wirkt im Nachhinein so unwirklich auf mich. Wenn ich bedenke, dass nicht mal einen Monat nach Veröffentlichung des Interviews über den Einmarsch Russlands berichtet wurde. Das tut weh und versetzt mich in den ganz unsicheren Februar 2022 zurück, den ich niemals vergessen werde. „Nie wieder Krieg“ von Tocotronic ist die einzige Linderung.

    Ich hoffe, dass diese ganze Scheiße bald ein Ende hat.

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    Die weiteren Aussichten

    Jetzt kommt dann der Punkt, an dem ich mir für das nächste Jahr noch etwas wünschen darf. Ich möchte wieder mehr auf Konzerte gehen. Ich möchte, dass Frank Ocean ein neues Album macht. Ich möchte auch wieder viel mehr über Musik schreiben. Leider kam das im Stress der letzten Monate viel zu kurz. Bei zwei von diesen drei Dingen bin ich mir sicher, dass es klappt. Außerdem möchte ich von Herzen Danke sagen: an die Redaktion, an Jule und Anna und natürlich an euch, fürs Lesen. Ich habe wegen euch das Schreiben zum Beruf gemacht.
    Schöne Feiertage! Legt was schönes auf und lasst es euch gut gehen.

    Showdown

    So, und weil man manchmal eben auch schreiben muss, was niemand lesen will, gibt es hier natürlich noch die Top 10 meiner Lieblingsalben dieses Jahr. Da lass ich mich doch nicht lumpen.

    Wir starten bei Platz 10:

    • Bilderbuch – Gelb ist das Feld
      … ist das erste Album dieser Band, mit dem ich so richtig etwas anfangen kann. Cooles Rockalbum. „Schwarzes Karma“ war der meistgespielte Song dieses Jahr — richtige Wumme.
    • Anxious – Little Green House
      … habe ich oben schon erwähnt. Emo-Pop-Punk wie früher, nur besser.
    • Mitski – Laurel Hell
      … ist musikalisch anspruchsvoll und genau die Sorte Pop, die ich sehr sehr liebe. „Working for the Knife“ oder „Stay Soft“ stellen das unter Beweis.
    • Oliver Sim – Hideous Bastard
      … versetzte mich wieder in meiner Teenagerzeit, als wir das Debüt von The XX in Dauerschleife gehört haben. XX-Sänger Oliver Sim begeistert mich mit seiner Stimme und den düsteren Arrangements seiner Tracks.
    • Regina Spektor – Home, before and after
      … viel zu spät entdeckt, aber in der letzten Minute noch auf der 6 eingestiegen. Diese Frau weiß, wie man hervorragende Popsongs schreibt. Und das nicht erst seit dem Titelsong von „Orange is the new Black“.
    • alt-J – The Dream
      … hatte ich zwischenzeitlich fast wieder vergessen. Dabei ist es vielleicht das beste Album des Trios. Die Transition in „Chicago“ lässt mich jedes Mal vor Ehrfurcht erblassen.
    • Sorry – Anywhere but here
      … ist einfach von vorne bis hinten gelungen. „Key to the City“ ist einer der besten Songs des Jahres. Harmonisch interessant und sehr abwechslungsreich, hier und da grüßen auch mal die Beatles.
    • PVA – Blush
      … dunkle Materie gemixt mit Post-Punk, Electro und Hyper-Pop. East Londons neue Geheimwaffe und frischer Wind im mittlerweile mainstreamigen Post-Punk-Geschäft. Übrigens auch live gesehen: geil!
    • Black Country, New Road – Ants from up here
      … ist das traurige letzte Album dieser Formation. Leider hat Sänger Isaac Woods die Band verlassen. Das Album ist sagenhaft gut. „Concorde“ oder „Basketball Shoes“ zeigen ihr Können.
    • Jockstrap – I love you Jennifer B
      … kann ich nur ganz schwer einordnen. Und das ist ein gutes Zeichen. Ich begreife ganz viele Sachen hier noch nicht. Alles was ich weiß: was sind das bitte für wunderschöne Melodien. Und diese Sounds. Keine Ahnung. Verdiente Gewinner*in.

    Das alles noch mehr gibt es in dieser Spotify-Playlist, danke für eure Aufmerksamkeit!

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  • Tocotronic im Interview: „Das Ergötzen am Hass passt einfach nicht mehr in die Zeit“

    Tocotronic im Interview: „Das Ergötzen am Hass passt einfach nicht mehr in die Zeit“

    Könnt ihr es fassen? Ehrlich gesagt bin ich immer noch platt. Wenn ich mir vor Augen führe, dass ich tatsächlich mit Tocotronic über ihre neue Platte sprechen konnte… Mit f*cking TOCOTRONIC!!! Zum Glück fiel es nicht zu sehr auf, wenn mir die Worte fehlten, weil mir mit Bassist Jan Müller ein sehr eloquenter und aufgeschlossener Gesprächspartner gegenüber saß. Naja, zumindest digital, im Videocall.

    Tocotronic, wahrscheinlich die einflussreichste deutschsprachige Band seit den 1990er Jahren, veröffentlicht morgen ihr neues Album „Nie wieder Krieg“. Und mir kommt es immer mehr so vor, als käme hier einfach das Beste aus fast 30 Jahren ihres Wirkens zusammen: Die ikonischen Texte von Dirk von Lowtzow machen betroffen, treffen aber auch mitten ins Herz. Die Band ist musikalisch perfekt eingespielt und scheint sich blind zu verstehen. Und die Entwicklung ihres Sounds wird auch nach dem 13. Album nicht gestoppt; immer mehr Facetten und Nuancen bilden sich heraus und machen dieses neue Werk einfach unheimlich spannend.

    Dass Dirk, Jan, Rick und Arne, trotz ihres verdienten Erfolgs, alles andere als abgehoben sind, merkte ich schon in den ersten paar Sätzen unseres gleich folgenden Interviews. Bevor ich die Audioaufzeichnung überhaupt starten konnte, teilte Jan Müller schon Erinnerungen an Gigs in heute längst geschlossenen Locations meiner Wahlheimat Trier mit mir. Weiterhin sprachen wir dann über die Entstehung des neuen Albums, den Hass in unserer Gesellschaft, seine Arbeit als Podcaster und Musikjournalist und die perfekte TK-Pizza. Ich wünsche euch viel Spaß!

    Jan Müller von Tocotronic im Interview

    Lukas: Lieber Jan, ich freue mich wirklich sehr, dich kennenzulernen. Und natürlich, dass du Zeit für ein kleines Interview mit untoldency hast. „Nie wieder Krieg“ ist euer 13. Studioalbum: Wie fühlt sich das an, mit diesem umfangreichen Œuvre im Rücken, ein neues Album zu machen?

    Jan: Gut! Sonst hätten wir es nicht gemacht! Es ist eigentlich ein ganz spannendes Oszillieren. Man sollte versuchen, sich als Musiker:in zumindest grundsätzlich zu hinterfragen: Hat man wirklich noch den Drive, neue Musik zu machen? Andererseits merkt man natürlich irgendwann, dass man als Band gut zusammen funktioniert, dass es Spaß macht, Musik zu machen. Da gerät man auch schnell in eine Routine rein. Bei diesem 13. Album war das vielleicht auch so ein Sonderfall, dadurch dass wir dieses eine Jahr extra hatten. Vor allem, nachdem das Meiste schon fertig war. Klar, da kamen dann noch so Sachen wie Artwork und Titelfindung, aber wir hatten eigentlich ein Jahr Zeit, zu reflektieren: Wo stehen wir als Band? Und wir sind im Nachhinein zu dem Ergebnis gekommen, dass es immer noch Menschen gibt, denen unsere Musik etwas sagt und gefällt. Und dass es uns auch noch Spaß macht.

    Generell versuchen wir aber, Routinen zu vermeiden, mit unterschiedlichen Techniken. In den ersten Jahren haben wir sehr schnell unsere Alben veröffentlicht, die haben wir sehr schnell rausgehauen. Und dann ging bei uns dieser Prozess los, bei dem wir uns gefragt haben: „Hat es noch Sinn, Musik zu machen?“. Dann kam so ein Album wie „K.O.O.K“., bei dem wir einiges anders gemacht haben. Was Texte betrifft und die Art und Weise, wie wir aufnehmen. Solche Brüche gab es immer wieder. Zwischendurch gerät man mal in einen Schaffensrausch, zum Beispiel, als wir mit Moses Schneider angefangen haben. Das letzte Album hatte dann so ein Oberthema, nämlich Dirks Biografie. Und von da aus konnten wir jetzt ganz befreit weitermachen. Im Moment arbeiten wir daran, wieder eine etwas einfachere Sprache zu finden. Eigentlich schon seit dem roten Album. Und so ist man immer in diesem Gedanken drin, wie macht man weiter. So dass man eigentlich nie zu dieser Frage kommt, was wir dann beim nächsten Album machen. Man ist einfach sehr in diesen Prozessen drin.

    Lukas: Wie können wir uns denn so einen Prozess vorstellen; habt ihr einen Proberaum, in dem ihr euch Freitagabends trefft? Eine Kiste Bier leerproben, Pizza bestellen und nach und nach entsteht dann das neue Album?

    Jan: (Lacht) Ne, Kiste Bier leer auf gar keinen Fall! Allenfalls wird mal eine Flasche Wasser getrunken. (lacht) Der Proberaum kommt eigentlich später erst ins Spiel tatsächlich. Wenn wir noch auf der Tour des vorherigen Albums sind, fängt Dirk meistens schon wieder an, erste Stücke zu schreiben. Er macht dann Skizzen am Smartphone, ganz einfach aufgenommen. Wir reden über die Musik, auch viel über die Texte. Dann kommen immer mehr Lieder dazu und irgendwann schält sich heraus, was die Grundidee des Albums sein könnte, das Konzept. Das passiert eigentlich, bevor wir überhaupt im Proberaum waren.

    Für das rote Album und „Die Unendlichkeit“ waren wir gar nicht im Proberaum. Diesmal war das anders, weil wir einen Teil der Lieder live aufgenommen haben, im Hansa Studio. Früher war es tatsächlich so mit der Kiste Bier, aber das hat sich sehr geändert. Meist proben wir tagsüber. Das ist dann schon eine sehr konzentrierte Atmosphäre. Es wird auch sehr viel geredet, fällt mir gerade ein. Als Rick dazu kam, hat er sich sehr gewundert, wie viel wir reden und wie wenig wir eigentlich musizieren. (lacht) Und das hat sich eigentlich kaum geändert.

    „Ich finde, man sollte es sich auch nicht zu bequem machen“

    Lukas: Vermisst du die alten Zeiten oder bist du auch so zufrieden, wie es jetzt läuft?

    Jan: Nee, ich bin sehr zufrieden. Ich finds aber auch super, wie es damals lief. Das ist für mich nach wie vor eine ganz tolle Art, seine Zeit zu verbringen. Mit Freunden zusammen laute Musik zu machen, in einem möglichst unansehnlichen Raum. Damals hatten wir einen Bunker, heute proben wir übrigens auch noch in einem Keller. Ich finde, man sollte es sich auch nicht zu bequem machen.
    Wir waren auch alle Sporthasser, als wir uns gefunden haben. Die Sportstunde war damals auch schon unser Austauschraum. Das war nicht mal eine freiwillige Verweigerung, ich hatte schlicht nie eine Ader dafür. Viel später habe ich erst bemerkt, dass es auch gut tun kann, sich zu bewegen. Aber im Mannschaftszusammenhang ist das bei mir so geblieben, dass ich eine Abneigung gegen Wettkämpfe habe. Deswegen finde ich auch die Musik so toll, weil der Wettkampf da eine geringe Rolle spielt. Wenn man sich diese komischen Formate im Fernsehen anschaut — das finde ich einen völlig perversen Gedanken, dass man Talent durch einen Wettbewerb herausfinden will. Entschuldigung, ich schweife ab…

    Lukas: Nein, nein, das ist ja die perfekte Überleitung zum Titel des neuen Albums: „Nie wieder Krieg“. Denn ein Krieg ist ja im weitesten Sinne auch ein Wettkampf, wenn auch ein sehr drastischer. Wenn man jetzt so in die Welt schaut, muss man eigentlich gar nicht lange suchen, um Kriege jeglicher Art zu finden. Ob es jetzt die Ukraine ist, oder Syrien oder Mali. Der Titel steht da natürlich erstmal in einem krassen Kontrast, weil es offensichtlich keine Ist-Beschreibung darstellt. Was hat der Titel für euch zu bedeuten?

    Jan: Es gab immer Kriege, seit ich lebe. Und außerdem ist ein Bewusstsein hinsichtlich des zweiten Weltkriegs und des Faschismus präsent. Kriege kommen jetzt wieder näher, zumindest die Kriegsgefahr. Das schwingt natürlich mit, das wollen wir auch nicht verleugnen, wenn wir „Nie wieder Krieg“ zitieren. Der Slogan geht auf ein Plakat von Käthe Kollwitz und einen Aufsatz von Kurt Tucholsky zurück. Das ist natürlich auch eine Verbeugung vor diesen beiden Menschen und überhaupt vor dem Antimilitarismus. Aber unsere Intention geht ein bisschen weiter: Wo entsteht da eigentlich der Krieg? Eine Betrachtung nach Innen, das ist die Idee. Wir haben viel über diesen Titel diskutiert, ob er nicht auch missverständlich sein könnte.

    In jenen Tagen begannen auch die Aktivitäten der rechtsoffenen bis rechtsextremen Coronaleugnerszene. Es ist geradezu grenzenlos und völlig frei von Scham, was sich dort angeeignet wird. Wir kamen zu der Überzeugung, dass der Titel „Nie wieder Krieg“ auch ein Statement ist, dass man den antiaufklärerischen Kreisen nicht die Begriffe und das Feld überlässt. Und davon unabhängig finde ich es interessant, hinter einer altbekannten Parole, einen für den Zusammenhang überraschenden Text zu haben.

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    „Das Ergötzen am Hass passt einfach nicht mehr in die Zeit“

    Lukas: Also wolltet ihr euren Hörer:innen eine bestimmte Botschaft mit auf den Weg geben?

    Jan: Auf den Weg geben… Da kann ich nicht so viel mit anfangen. Das sind ja irgendwie immer Angebote. Ich finde, das Schöne an Musik ist ja, man kann damit machen, was man will. Man muss ja nicht einmal die Sprache verstehen. Ich zum Beispiel höre sehr textinteressiert Musik, anderen Leuten ist das vielleicht gar nicht so wichtig. Naturgemäß ist das bei uns vielleicht eher so, dass unsere Stücke die textaffinen Hörer:innen anzieht.

    Lukas: Ich bin auf den Gedanken gekommen, weil sich „Nie wieder Krieg“ ja auch als Appell verstehen lässt, also als Aufforderung. Ihr beschreibt das Album selbst unter anderem als „Lieder über allgemeine Verwundbarkeit, Einsamkeit und Angst“. Wenn ich mir aber die Titelliste anschaue und mich quer durchhöre, bemerke ich Songtitel wie: „Nie wieder Krieg“, „Komm mit in meine freie Welt“, „Hoffnung“, „Liebe“. Das sind ja alles sehr friedliche, man könnte schon fast sagen, pazifistische Motive. Ich dachte, vielleicht war es daher Teil eurer Intention, eine Art Empowerment zum Ausdruck zu bringen…

    Jan: Achso ja, ich verstehe, was du meinst! Musik kann Trost spenden. Und wenn unser Album das irgendwie schafft, dann würde mir das schon vollkommen reichen. Die erste Zeile auf unserem ersten Album „Digital ist besser“ lautet: „Ich weiß nicht, warum ich euch so hasse, Fahrradfahrer dieser Stadt“. Wir haben viel Zeit damit verbracht, unserem Hass auf die bizarrsten Dinge freien Lauf zu lassen. Jetzt, wo aber der Hass etwas so Gegenwärtiges ist, in den Diskursen, die stattfinden… Und so viel antidemokratisches Potential freisetzt, haben wir einfach kein großes Bedürfnis mehr danach. Es gibt zwar noch ein Lied auf dem Album mit dem Titel „Ich hasse es hier“, aber das ist ja eher ein ungewollter Hass auf einen Ort, der aus einer gescheiterten Liebe resultiert. Das Ergötzen am Hass passt einfach nicht mehr in die Zeit, finde ich.

    Lukas: Als die Single „Jugend ohne Gott gegen Faschismus“ erschien, dachte ich, wie viele andere wahrscheinlich, an meinen Deutsch-LK zurück und natürlich direkt an den Roman „Jugend ohne Gott“ von Ödön von Horváth. Ein Roman über Wahrheit, Gewissen und Moral. Ist das ein Zufall? Wie stehen Song und Roman im Zusammenhang?

    Jan: In keinem so konkreten. Ich kenne den Roman und finde ihn ganz toll, ich weiß aber von Dirk, dass er ihn gar nicht gelesen hat. Ihm ist dieser Titel über den Weg gelaufen und er war interessiert an der Zusammensetzung der Parolen „Jugend ohne Gott“ und „Youth against fascism“, dem Song von Sonic Youth. Als er mir den Titel vorstellte, ergab sich bei mir auch erstmal so ein Moment der Irritation. Diese Verzahnung von „ohne“ und „gegen“ hat ja etwas Merkwürdiges. Ich fand es aber im nächsten Moment sehr interessant, weil es in Bezug auf die Sprache etwas Spielerisches hat. Der Bezug zu Horváth ist gar nicht so groß. Sag ich jetzt einfach mal. Außer, wenn Dirk das neuerdings anders sieht. (lacht)

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    „Grundsätzlich versuchen wir schon sehr stark, Wiederholungen zu vermeiden“

    Lukas: Ich habe euch letztes Jahr live sehen können und auf eurer Tour „Let there be Tocotronic – The Hamburg Years“ habt ihr ausschließlich Songs der ganz frühen Alben gespielt. Ihr schreibt auch im Pressetext zum Album, dass ihr vieles wieder so gemacht habt, wie in den 90ern. Zum Beispiel die Songs nicht einzeln, sondern als Band gemeinsam in einem Raum aufzunehmen. Sogar mit live vocals. Bringt das das Alter mit sich, oder warum werdet ihr jetzt nostalgisch?

    Jan: (Lacht) Nostalgisch bin ich nicht! Aber ich glaube, ich bin sehr sentimental, um ein noch negativeres Wort zu benutzen. Das war ich aber auch schon in frühester Jugend. Eigentlich war das nur so eine schrullige Idee, die Konzerte sollten auch ursprünglich nur einmal stattfinden. Also in Hamburg sollte das „The Hamburg Years“– Konzert und in Potsdam, also bei Berlin, das „The Berlin Years“-Konzert stattfinden. Coronabedingt war das aber zu diesem Zeitpunkt nicht mehr so durchführbar. Da aufgrund der Pandemie die Festivalsituation sehr kompliziert war, hatten wir dann die Idee, unser Hamburg-Years-Konzept auszuweiten.

    Schlussendlich wurden daraus pandemiegerechte Konzerte und einiges mussten wir leider auch absagen, als klar wurde, dass es bestuhlte Konzerte sein werden. Da dachten wir zunächst, dass das ja sehr dialektisch sei, diese schnellen Lieder von damals vor bestuhlten Reihen zu spielen. Wir sind dann auch mit geringen Erwartungen gestartet, haben dann aber gemerkt, dass es eigentlich ganz toll ist. Für mich waren diese Shows durch die chronologische Setlist viel mehr, als eine Nostalgieshow. Weil wir auf der Bühne die Entwicklung, die wir mit der Band von 1993 bis ins Jahre 2002 vollzogen haben, erleben konnten.

    Lukas: Und was die Produktion der Platte angeht?

    Jan: Liveaufnahmen haben wir tatsächlich auch in späteren Jahren noch häufiger gemacht. Das ist im Grunde das Markenzeichen unseres Produzenten Moses Schneider, mit dem wir seit dem Jahr 2004 zusammenarbeiten. Für die live aufgenommenen Songs von „Nie wieder Krieg“ hatte er nun allerdings Dirk den Vorschlag gemacht, sogar den Gesang bei den Live-Sessions gleich mit aufzunehmen. Das ist eine ziemliche ungewöhnliche Methode. Das hat sich schon sehr angefühlt wie bei „Digital ist besser“, weil wir das damals auch so gemacht haben.

    Ein paar Lieder haben bei mir auch ein ähnliches Gefühl ausgelöst, wie manche Songs des ersten Albums. „Nachtflug“ zum Beispiel. Das könnte jetzt so natürlich nicht auf „Digital ist besser“ sein, auch textlich ist das in einer anderen Welt angesiedelt, aber wenn wir das zusammen spielen, setzen sich bei mir zumindest ähnliche Emotionen frei. Grundsätzlich versuchen wir schon sehr stark, Wiederholungen zu vermeiden. Das wäre ja schlicht langweilig. Aber irgendwie scheint da manchmal etwas in uns zu ruhen, was dann wieder hervorkommt.

    Lukas: So viel also zum „blast from the past“. Zu Anfang hast du ja schon erwähnt, dass ihr auch an eurem letzten Album gut anknüpfen konntet. Was sind denn deiner Meinung nach die größten Unterschiede zu „Die Unendlichkeit?“

    Jan: Hmm… Vielleicht eine eher technische Sache, die ich aber dennoch wichtig finde: Der Schlagzeugsound ist ganz anders. Das ist ein großer Unterschied, jetzt rein musikalisch. Ansonsten geht der Blick, was Dirks Texte betrifft, ein bisschen von ihm selbst weg. Das Stück „Nie wieder Krieg“ zum Beispiel ist fast wie eine Kurzgeschichte mit verschiedenen Protagonisten. Es geht zwar um das Innere dieser Menschen, aber eben auch weg aus dem eigenen Ich.

    Tocotronic, nie wieder krieg, hamburger schule, rock, indierock, interview, jan müller, reflektor, untoldency, untold stories, moses schneider, deutschsprachig, german rock band, Credit Gloria Endres de Oliveira
    „Irgendwann hatte ich tatsächlich Sorge, dass der Musikgenuss in meinem Leben zu kurz kommt“

    Lukas: Da ich ja jetzt das Vergnügen habe, mit dir zu sprechen, möchte ich ein bisschen auf deine Person eingehen. Denn du bist ja nicht nur Bassist, sondern inzwischen auch ein renommierter Podcaster und Musikjournalist…

    Jan: (Lacht) Danke, ja, danke, dass du das so einordnest!

    Lukas: Ja, auf jeden Fall! Ich bin großer Fan von Reflektor, ich höre dich oft zum Einschlafen! (lacht) Natürlich nicht, weil es langweilig ist! Ich habe mich gefragt, inwiefern hat dich diese Arbeit als Interviewer in deiner bzw. eurer eigenen Musik beeinflusst? Also gibt es konkrete Beispiele, Bands oder Musiker:innen, die dich beim neuen Album stark inspiriert haben?

    Jan: (Überlegt) Das glaube ich nicht, ehrlich gesagt. Weil ja dann doch jede:r ganz eigene Sachen macht. Das finde ich auch das Tolle an Bands, dass man mit anderen zusammen eine kleine Zelle bildet, mit einer ganz eigenen Ästhetik. Natürlich auch mit vielen Einflüssen, aber das funktioniert irgendwie indirekter, glaube ich. Das war auch einer der Gründe, warum ich mich entschlossen habe, Reflektor zu machen. Weil wir als Band so lange über Distinktion und Abgrenzung funktioniert haben. Das hat mich dann irgendwann ermüdet und ich dachte mir, guckst du doch mal woanders hin.

    Einerseits mache ich natürlich Interviews als Fan, gerade die Sachen aus dem Punk. Wenn ich jetzt Frank Z von Abwärts, oder Annette Benjamin von Hans-A-Plast interviewe, dann mache ich das, weil ich einfach Fan dieser Musik bin. Aber ich suche mir auch Sachen, bei denen ich nicht so den Zugang habe. Zum Beispiel aus dem Hip Hop, oder bei Bands mit einer eher mainstreamigen Auffassung von Punk. Oder bei Musik, die an den Schlager grenzt. Um dann einfach mal herauszufinden, warum Menschen die Musik machen, die sie machen.

    Durch Reflektor höre ich wieder sehr viel mehr und sehr gezielt Musik. Als junger Mensch habe ich immer Musik um mich gehabt, beim Arbeiten, beim Essen, eigentlich bei jeder Tätigkeit. Irgendwann hatte ich tatsächlich Sorge, dass der Musikgenuss in meinem Leben zu kurz kommt. Das vorbereitende Hören ist für mich jetzt eine neue Art, mir Musik sehr gezielt zu erarbeiten. Ich bereite mich recht intensiv auf meine Reflektor-Interviews vor. In dieser Zeit höre ich wirklich nur diese eine Band oder die ein:e Künstler:in. Ich finde das total schön, da so einzutauchen. Und zum Schluss kommt dann eben dieses Gespräch und man sieht, ob sich diese ganzen Ideen, die man zu dieser Person hatte, bestätigen. Oder eben nicht.

    „Erstens Mu-Err Pilze, zweitens Gummibärchen“

    Lukas: Du hattest auch vorhin schon den Song „Ich hasse es hier“ angesprochen. Als ich mir das Album das erste Mal angehört habe, kam „Ich hasse es hier“ und ich musste so lachen über die Zeilen mit der Pizza! Mir ist dann aufgefallen, dass ich solche Momente eigentlich auf jedem Tocotronic-Album habe. Das ist euch schon wichtig, dass es neben aller Ernsthaftigkeit auch mal etwas zum Schmunzeln gibt, oder?

    Jan: Ja, auf jeden Fall! Uns umgibt immer so ein ganz ernsthafter, theoretischer Nimbus und wir versuchen das schon deutlich zu machen, dass das eben nicht ganz den Tatsachen entspricht. Das ist ja keine akademische Tätigkeit, der wir hier nachgehen. Keiner von uns hat eine Ausbildung für das, was wir tun. Das ist irgendwie alles selbst angeeignet und für uns gefühlt immer nahe der Hochstapelei. (lacht) Da tut so ein bisschen Humor auch ganz gut, finde ich. Im Endeffekt sind wir ja Gaukler. Und es verunsichert mich manchmal, wie weihevoll man wahrgenommen wird. Das ehrt uns natürlich einerseits, allerdings sollte die unseriöse Seite, die wir ins uns tragen, nicht zu kurz kommen. (schmunzelt)

    Lukas: In diesem Song haben wir dann also gelernt, dass Kräuter der Provence und Dosenchampignons nicht die richtigen Mittel sind, um eine Tiefkühlpizza aufzupeppen. Wenn es so nicht geht, wie geht es dann? Was ist dein heißer Tipp?

    Jan: Ok, warte mal… Lass mich mal überlegen. Also erstens Mu-Err Pilze, zweitens Gummibärchen, natürlich. Das ist ja eh klar. Ehm, vier Knollen Knoblauch. Und… Gurken. Gewürzgurken. Cornichons. Und zum Schluss mit Cola ablöschen.

    (Beide lachen)

    Lukas: Das klingt köstlich, das werd ich gleich mal ausprobieren! Danke für dieses schöne Interview, viel Erfolg mit der Platte und bis bald!

    Fotocredit: Gloria Endres de Oliveira