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  • SERPENTIN im Interview: »Ich habe das Schreiben als Überlebensstrategie genutzt«

    SERPENTIN im Interview: »Ich habe das Schreiben als Überlebensstrategie genutzt«

    Was sich musikalisch manchmal wie ein wirrer Fiebertraum anfühlt, folgt einem klaren Konzept und einer wahren Geschichte. Im Oktober veröffentlichte SERPENTIN ihre EP Sturm & Drang. Auf fünf außergewöhnlichen und eindrucksvollen Tracks fesselt die Musikerin ihre Hörer*innen und zeigt ihnen eine sehr persönliche Gefühlswelt. Hier häufen sich angestaute Emotionen an und werden hinaus in die Welt getragen. Und das macht SERPENTIN auf eine sehr eigene Art und Weise, die für mich mindestens im deutschsprachigem Raum keinen Vergleich findet. Elektro trifft auf Indie und tiefe Worte. Mal dunkel und zerrend, mal befreiend und ergreifend. Hinter dem gedanklichen Nebel, der durch die Songs erzeugt wird, steckt wahnsinnig viel Feingefühl für Ausdruck. Textzeilen, bei denen ich jedes Mal das Gefühl habe, ich müsste nun die Luft anhalten. Die Songs scheinen vor aufgeladener Energie in alle Richtungen überzulaufen, aber werden nie zu viel.

    Zwar gehörte dieser nicht zum Konzept der EP, jedoch veröffentlichte die Musikerin aus Hannover mit Alles Scheisse dieses Jahr einen Sommerhit mit Antihaltung. Damit bewies sie, dass sie trotz aller Dramaturgie und Ernsthaftigkeit auch ihre selbstironische Seite in Songs verarbeiten kann. Auch die Single Blaugrau, die vor Kurzem zusammen mit Toni Vice und Fleggo veröffentlicht wurde, ist mindestens genauso gut wie die darauf folgende EP. Irgendwas an SERPENTINs Musik fasziniert mich einfach. Ihre besondere Art zu singen kombiniert mit schiebenden Beats? Oder dass ihre Texte nie gänzlich preisgeben und festlegen, was geschieht und dennoch voller Persönlichkeit sind? Ihre Livepräsenz aus der man spürt, wie viel Kraft in der Musik steckt? Es ist wahrscheinlich genau das Zusammenspiel aus all dem.

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    SERPENTIN im Interview

    Dascha: Hi, magst du dich mal vorstellen für Leute, die dich vielleicht noch nicht kennen?

    SERPENTIN: Ich bin SERPENTIN, ich bin 26 Jahre alt und bin Indie-Elektro Solo-Künstlerin mit deutschen Texten. Ich mache eigentlich schon mein Leben lang Musik. Ich mach einfach das, was ich fühle. Das ist manchmal sehr dramatisch und manchmal eher selbstironisch. Jetzt gerade passiert ganz viel bei mir.

    Dascha: Ja genau. Passend dazu: Du hast vor kurzem deine EP Sturm & Drang veröffentlicht. Wie geht es dir damit sie mit der Welt geteilt zu haben?

    SERPENTIN: Wahnsinnig gut. Es ist eine extreme Erleichterung. Im Dezember 2020 habe ich angefangen diese EP zu planen zusammen mit meiner besten Freundin und Productionmanagerin Fiona. Zwischendrin hab ich nicht geglaubt, dass ich es durchziehen werde, deshalb bin ich übelst happy damit, dass ich es jetzt geschafft habe. Ich bin auch erleichtert, dass ich dieses Kapitel jetzt abschließen kann und weiter machen kann. Da bin ich sehr stolz darauf.

    Dascha: Zurecht! Was waren für dich die größten Herausforderungen und was war nur schön?

    SERPENTIN: Die größte Herausforderung kann man in zwei Dinge aufteilen. Das erste, ohne Erfahrung, ohne jemals eine EP gemacht zu haben. Diese ganze Produktion, das alles zu planen. Das alles beisammen zu halten und durch zu ziehen war eine riesige Herausforderung. Und die zweite große war das Kapitel in meinem Leben, worüber ich geschrieben habe, zu thematisieren. Sturm & Drang ist ja eine Konzept-EP, die von Anfang bis Ende erzählt was ich in einer Spanne von vier bis sechs Jahren erlebt habe. Es war eine wahnsinnige Herausforderung diese Gefühle und diese Erlebnisse so zu verarbeiten, dass sie in Songform verpackt werden konnten. Es war natürlich wahnsinnig schön, aber ich fand es auch schwer diese Dinge so ehrlich auf den Punkt zu bringen. Das aller schönste daran war aber gleichzeitig diese Sachen so aus mir raus zu holen und alles nach meinen Vorstellungen zu verpacken. Ich habe in dem Prozess so viel über mich gelernt und an Selbstbewusstsein gewonnen. Und das EP Releasekonzert. Das war echt eins der geilsten Dinge daran, es war einfach ein perfekter Abend. Das hat uns auch noch mehr Stolz, Zusammenhalt und Selbstbewusstsein innerhalb des Teams gegeben.

    Dascha: Wie schön! Und wie ist das Konzept der EP entstanden? Hast du die Songs auch so chronologisch geschrieben?

    SERPENTIN: Die Songs habe ich tatsächlich in der Reihenfolge geschrieben, in der sie jetzt auf der EP sind. Weil ich habe jeden Song in der Situation, in der ich sie erlebt habe, geschrieben. Bei der Geschichte handelt es sich um eine toxische Beziehung, in der ich mich befunden habe, daraus und wieder zurück zu mir. Diese Beziehung steht eigentlich symbolisch nur für den Höhepunkt, der sich über Jahre in meinem Leben angebahnt hat. Ein dunkler Ort, an dem ich mich dann befunden habe, nachdem ich mein Leben lang schon mit ganz vielen Dingen gestruggled habe. Zu dieser Zeit hat sich alles zugespitzt. Ich habe Sintflut als aller erstes geschrieben, Anfang 2018 als ich in dieser Beziehung war. 16mm als diese Beziehung immer schlimmer wurde. Adrenalin verarbeitet noch einen anderen Aspekt der Beziehung, der mich sehr geprägt und traumatisiert hat. Danach kam ich eben raus aus dieser Beziehung und habe mich mit der Außenwelt mehr konfrontiert gesehen. Ich habe realisiert, dass andere Beziehungen zu anderen Menschen danach auch ganz anders funktionieren. Da hab ich Sie mich an geschrieben.

    Am Ende kommt eben Kreise, wo ich dann 2019 an so einem Punkt war, an dem ich mich befreit habe von all dem. Die Songs existierten also schon vor der EP, ich habe sie auch schon unter meinem alten Künstlerinnenamen live gespielt. Ich habe mich eigentlich schon lange mit dem Gedanken auseinander gesetzt, dass das alles zusammen gehört und ich das zusammen halten möchte. Dann hab ich mich mit Fiona hingesetzt, ihr diese Songs gezeigt und dazu erzählt, was ich in dieser Zeit erlebt hab. Und was das für mich bedeutet. Damit haben wir eben beschlossen, dass das eine EP werden muss und wir diese Geschichte so erzählen, wie es passiert ist. Mit den Singles haben wir ja am Ende angefangen. Das Konzept war, Kreise kommt als erstes raus. Der Befreiungsschlag ist also das erste, was man davon mitbekommt und dann gehen wir immer tiefer rein zurück in das Rabbithole. So war es ja für mich auch, dass ich mich im nachhinein wieder damit auseinandersetzen musste und zurückgehen musste an den Anfang. Das war sehr sehr spannend. Ich muss sagen, es war emotional sehr anstrengend, aber wahnsinnig heilsam. Ich hab nach diesen Erfahrungen sehr lange an meinem Selbstwert gestruggled. Es hat mir sehr geholfen, das jetzt darin zu verarbeiten und in meinem Kopf in Einklang zu bringen. Einfach damit loszulassen.

    Dascha: Ist es dir denn schwer gefallen während so einer schwierigen Zeit kreativ zu sein?

    SERPENTIN: Mittlerweile ist mir aufgefallen, dass es mir leichter fällt über Dinge zu schreiben bei denen es mir schlecht geht, wenn es mir wieder besser geht. Ich habe das Schreiben damals als Überlebensstrategie genutzt. In einer Situation, in der du dich ständig mit einer Gefahr oder Bedrohung konfrontiert siehst, findet jeder Mensch Strategien sich über Wasser zu halten. Ich denke jeder Mensch, der mal in einer toxischen Beziehung war, wird das Gefühl kennen, dass man eigentlich die ganze Zeit im survival mode ist. Über diese Situation zu schreiben war meine Strategie das irgendwie auszuhalten. 16mm, Sintflut und Adrenalin habe ich geschrieben um meinen Gefühlen einen Platz zu geben. Und auch, um etwas zu haben, woran ich mich festhalten kann. Sieh mich an und Kreise sind dann als Verarbeitungsstrategie. Nach dieser Beziehung habe ich realisiert „Okay, es gibt eine Welt da draußen. Und die ist anders als dieses Vakuum, in dem ich gelebt habe.“

    Bei der Aufarbeitung für die EP habe ich zum Beispiel Adrenalin und 16mm nochmal überarbeitet. Weil ich gemerkt habe, dass ich in der Zeit, in der sie entstanden sind, noch nicht zu 100 Prozent ehrlich zu mir sein konnte. Das war mir wichtig, aber das fand ich wahnsinnig schwer. Vor allem 16mm hat mich extrem gefordert. Ich hab mich vor dem Studiotermin eine Woche in meinem Zimmer eingeschlossen. Kein Scheiß, ich hab mich in den Tagen morgens an den Laptop gesetzt und mich bis ich schlafen gegangen bin damit auseinandergesetzt. Ich hab quasi mit meinen Dämonen gekämpft. Das war aber auch notwendig. Ich hab seitenweise runtergeschrieben, meine Erinnerungen aufgeschrieben, Konversationen mit meinem damaligen Ich aufgeschrieben. Ich bin stolz, dass ich mich da durchgekämpft habe und Sachen aufgeholt habe, die auf dem Weg liegen geblieben sind.

    Dascha: Aber wie toll, dass daraus dann so etwas schönes entstehen kann.

    SERPENTIN: Ja, voll. Ich glaube man hört den Heilungsprozess, den ich ganz bewusst durchgemacht habe, in der EP sehr gut.

    Dascha: Ja, das stimmt. Und was erhoffst du dir, was die EP in Hörer*innen auslösen wird? Ist ja schließlich ein schwieriges und sehr persönliches Thema.

    SERPENTIN: Spannende Frage. Mein Umgang mit der Veröffentlichung von Musik besteht daraus, dass ich die Musik release, die mir viel bedeutet, aber was andere damit machen geht mich nichts mehr an. Ich lasse gerne die Freiheit eigene Gefühle in meine Musik hinein zu projizieren. Aber ich wünsche mir natürlich, dass Menschen, die ähnliche Erfahrungen haben oder sich noch in so einer Situation befinden, dadurch hören, dass es möglich ist wieder zu sich zurück zu kommen. Und dass man, egal wie verloren man sich fühlt, man selbst nie zu 100 Prozent verloren ist. Man findet sich immer wieder. Auf einer weniger traumatischen und tieferen Ebene wünsch ich mir einfach, dass die Songs Menschen begleiten. Dass sie eine Connection dazu aufbauen und die Songs sie begleiten und bewegen.

    Dascha: Wie war deine musikalische Reise seit dem Release von Kreise Anfang 2021? Was war die schönste Entwicklung für dich?

    SERPENTIN: Die Reise war extrem wild. Ich hab viel gewünscht und gehofft, aber es ist trotzdem ganz anders gekommen. Aber trotzdem genauso schön! Und das aller Schönste war… ich könnte jetzt sagen, die ganze Aufmerksamkeit, die ich durch Alles Scheisse bekommen habe. Aber ich glaube das aller Schönste ist mein entwickeltes Selbstwertgefühl. Denn ich habe viele Prozesse durchgemacht, in denen ich mich selbst hinterfragen und neu anordnen musste. Ich hab das Gefühl ich weiß jetzt wer ich bin und was ich machen möchte. Und ich habe zu schätzen gelernt, wozu ich fähig bin und dass ich sehr stolz auf meine Künstlerinnenseele bin und da dahinter stehe. Jetzt kann ich zurückblicken und weiß, ich hab für mich alles richtig gemacht. Und was auch eine sehr schöne Entwicklung ist, ist dass ich so eine Fanbase gewonnen habe. Dass die Leute wirklich Lust darauf haben mich zu supporten und sich mit mir zu connecten. Ich kriege so viele schöne und persönliche Nachrichten. Das ist so eine wahnsinnig schöne Sache, dass es nicht nur Leute gibt, die vorbeikommen und kurz gucken, sondern auch bleiben.

    Dascha: Das ist echt schön! Jetzt wo du Alles Scheisse erwähnt hast: Magst du nochmal erzählen, wie der Song entstanden ist und wie er released wurde?

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    SERPENTIN: Sehr gerne. Also ich schreibe ja zwischendrin immer Mucke in meinem Home Setup hier. Immer, wenn irgendwas raus muss. Alles Scheisse ist an einem Tag entstanden, an dem ich extrem PMS hatte. Ich hab dieses Jahr sehr viel mit PMS gestruggled und hab mich sehr viel mit Emotionsregulation auseinandergesetzt. Dabei habe ich auch gemerkt, dass ich von meinen Gefühlen oft sehr stark überwältigt bin. Ich saß hier genau in diesem Sessel und war extrem abgefuckt. Ich dachte nur „Das kann doch nicht wahr sein, dass ich so scheiße gelaunt bin?“ Das war der Modus, dass ich alles hasse und es hasse, dass ich alles hasse. Das kennen bestimmt mega viele FLINTA-Personen, die starkes PMS haben. Es ist so nervig, weil man einfach nichts daran ändern kann, dass man sich so fühlt. Dann hab ich hie ganz wütend diese Songskizze in meinen Laptop gekloppt. „Das reicht jetzt, ich hab keinen Bock mehr nur zu schmollen“, so war das. Dann habe ich ein paar Tage später das Reel dazu gemacht. Das habe ich einfach nur gemacht, weil ich’s witzig fand und mich beschäftigen wollte. Beim aufnehmen und schneiden hab ich mich so kaputt gelacht. Das hat mir dann etwas Freude zurückgegeben. Nach dem Posten ist das plötzlich eskaliert und hatte so 30.000 Aufrufe, das ist mir noch nie passiert.

    Mir haben täglich Leute dazu geschrieben, dass ich den Song releasen soll und mich richtig gepushed. Noch an dem Tag, an dem ich das Reel gepostet habe, hab ich den Song fertig produziert. Ich hab mich so motiviert von den Leuten gefühlt. Danach hatte ich die Skizze rumliegen und dachte okay, das wird jetzt noch so lange dauern, bis ich ins Studio gehe und alles endgültig fertig wird. Ich war mit Leuten aus meinem Umfeld, Toni Vice und Crystal F im Studio. Sie waren total begeistert und Crystal F meinte, den kann ich genau so rausbringen. Ich dachte, da muss safe noch drüberproduziert werden. Aber nein, er meinte der Song wäre perfekt, so wie er ist. Ich war total überrascht. Das hab ich dann genau so einfach so schnell es geht rausgebracht. Es war super spontan und ich hab meinen Perfektionismus dafür abgelegt. Und jetzt ist das mein erfolgreichster Song bisher. Dadurch habe ich zum ersten Mal gemerkt: ich bin eine gute Produzentin. Ich habe dadurch gelernt, dass Perfektionismus nicht immer der richtige Weg ist. Manchmal muss man einfach machen.

    Dascha: Richtig gute Mischung, PMS und die Kraft von Social Media, haha. Einige meiner Freund*innen, die den Song auch gefeiert haben, meinten das sei der Sommerhit 2022. Obwohl es ja eigentlich alles andere als ein happy Sommerhit ist. Aber ich liebe diesen Kontrast!

    SERPENTIN: Eben, das find ich auch geil an dem Song. Man bringt einen Song raus und die Leute machen dann mit dem Song, was sie wollen. Ich find’s mega cool, dass das so ein Sommer-Banger geworden ist, obwohl es der schlechtgelaunteste Song ever ist. Aber das passt zu mir, weil ich immer so viele Gleichzeitigkeiten aushalte. Es ist alles scheiße, aber scheiß drauf, ich feier es, dass alles scheiße ist.

    Dascha: Voll! Ich glaube das ist deswegen auch sehr relatable für viele Leute. Generell ist deine Musik ja sehr elektronisch. Hörst du selbst viel elektronische Musik?

    SERPENTIN: Ja, absolut. Meine absolute Lieblingsband und meine größten Vorbilder sind Moderat. Ich hatte auch das große Glück sie dieses Jahr in Berlin live zu sehen, das war eine spiritual Experience. Ich hör Kaltenkirchen und Thom Yorke viel. Boy Harsher, STOCKMANN. Ich hör zwischendrin aber auch viele random einzelne Songs. Zum Beispiel photosynthese von Dilla feier ich gerade. Es ist viel Elektronik dabei, zwischendrin auch Bandmäßiges. Auch rockiges, ich komm musikalisch ja eigentlich aus dem Metal. Ich hab lange in einer Metalband gesungen. Deswegen schlägt mein Herz auch für sowas. Mit 15-16 hatte ich meine erste Band. Nothing but Thieves ist eine meiner Lieblingsbands. Aber am liebsten hör ich trotzdem elektronische Musik, ich finde das ist so ein diverses Genre.

    Dascha: Kannst du auch screamen?

    SERPENTIN: Ja, eher schlecht aber, ja. (lacht) Ich hab es immer versucht, aber es nie geschafft das gesund zu machen. Das kann ja auch wahnsinnig gefährlich sein, wenn man das unprofessionell anstellt. Aber ja, eigentlich kann ich es schon, auf meinen Konzerten schrei ich auch oft ein bisschen rum. Ich hab dann ein paar Jahre in dieser Hobby Metal Band gesungen. Aber als es sich herauskristallisiert hat, dass ich das beruflich machen will, sind die Kapazitäten und Wege auseinander gegangen. Das war aber parallel, weil ich produzier elektronische Musik auch schon seit ich 14 bin. Ich hatte früher aber nie das Selbstbewusstsein zu denken, dass ich das richtig kann.

    Dascha: Sehr cool! Was für Träume und Ziele hast du für deine musikalische Laufbahn noch?

    SERPENTIN: Meine oberste Priorität ist, dass ich immer glücklich und zufrieden bin mit dem, was ich mache. Ich weiß, das klingt ein bisschen Wandtattoo-mäßig. Ich will, dass ich immer erfüllt bin von dem, was ich tue. Andere Ziele sind ein Album rauszubringen und Vinyls und CDs zu veröffentlichen. Oder auch eine eigene Tour zu spielen. Das sind Meilensteine, die ich mir gesetzt habe. Das sind meine Träume und ich glaube, dass ich auf dem Weg dorthin bin.

    Dascha: Safe, ich glaube auch. Dann kommen wir zur letzten Frage. Das ist bei uns eine untold story, also ein kleines Geheimnis oder eine Geschichte, die du noch nicht öffentlich erzählt hast.

    SERPENTIN: Ich glaube, was viele Leute nicht über mich wissen ist, dass ich 10 Jahre Akkordeon Unterricht genommen habe. Ich besitze auch selbst zwei Akkordeons. Das ist ein Teil meiner Persönlichkeit, der leider ganz wenig Platz bekommt.

    Dascha: Geil, dann hast du ja alle gefühlt alle Genre abgedeckt: Elektro, Metal, Volksmusik.

    SERPENTIN: Ja, voll. (lacht) Meistens habe ich russische, französische und bulgarische Lieder darauf gespielt. Tatsächlich bin ich in die Musikhochschule reingekommen, weil ich in der Aufnahmeprüfung Akkordeon gespielt habe.

    Dascha: Mega cool! Danke für’s Teilen und für deine Zeit!

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    Fotocredits: @zeitfang_

  • Eine Welle von Emotionen: Die Debut-EP „High Tide“ von jesko

    Musikalisch gesehen wird Hannover meist nicht so als „the place to be“ angesehen. Doch spätestens seit JEREMIAS ist die Stadt wieder auf dem Musik-Radar für aufstrebenden Newcomer:innen gelandet und hat ihr Image aufpoliert. Zusammen mit anderen Künstler:innen wie Anaïs, den Ottolien oder FORWARD wird klar: Die Vielfältigkeit der Hannoverschen Musikszene sollte nicht unterschätzt werden. Meine neueste Entdeckung aus der niedersächsischen Landeshauptstadt: jesko

    Hinter jesko steckt die 22-jährige Studentin Neele. Sie produziert mit ihren Freunden zusammen Songs, die sie bisher meist für sich behalten hat. Ihren ersten und bisher einzigen Auftritt hatte sie im August 2020 beim Livestream-Festival vom Campusradio Hannover – dort bin ich auf sie aufmerksam geworden. Damals hatte sie noch nichts veröffentlicht, kein Spotify-Profil, keine CD’s oder Demos. Ich weiß aber noch ganz genau, wie ich ganz konzentriert hinter dem Monitor saß und darauf fokussiert war die Kommentare des Livestreams zu beantworten. Als jesko auf die Bühne kam habe ich direkt Gänsehaut bekommen und musste ihr einfach gebannt zuhören (und meine eigentliche Aufgabe ignorieren). Neele hat einfach eine unglaublich fesselnde Stimme. 

    Jesko, EP, review, untoldency

    Deswegen hat es mich umso mehr gefreut als ich gesehen habe, dass sich seitdem einiges getan hat und jesko Ende März ihre erste EP veröffentlicht hat. Unter dem Namen „High Tide“ befinden sich auf der EP fünf Songs. Anders als das Cover der EP mit einem Bild der kleinen Neele vermuten lässt, geht es nicht um ihre Kindheit, sondern um die aktuelle Gefühlswelt. Die Songs sind eine Mischung aus eigenen Erfahrungen und Geschichten, die sie von anderen erzählt bekommen hat. Das Ganze klingt sehr atmosphärisch, melancholisch und lässt mitfühlen. 

    Der Name ist Programm: Der erste Song „High Tide“ ist Namensgeber der EP. Zugleich ist es auch die erste Single, die jesko veröffentlicht hat und der perfekte Einstieg in die EP. Atmosphärische Sounds und synth waves lassen mich sanft in jesko’s Klangwelt gleiten. Ihre softe Stimme trifft auf Echos aus der Ferne und ich drifte ein bisschen ab. 

    “You’re so close to bottom of it all, when the high tide slowly brings you down“ 

    Inhaltlich dreht sich der Song um Rückschläge. Rückschläge, die man nicht wahrhaben möchte und realisiert, dass man aber doch nicht wegrennen kann, auch wenn es das einzige ist, was man gerade machen könnte. Es geht auch um einen gewissen Zwang an etwas wachsen zu müssen, obwohl man gedanklich eigentlich noch in der Vergangenheit feststeckt. Diese Zerrissenheit ist auch im Musikvideo zu „High Tide“ zu sehen. Dort steht jesko vor einer Wand, auf die ein Video von Wellen im Meer proviziiert wird. Sie schaut verträumt und unsicher in die Kamera oder in die Ferne. Viel passiert nicht, aber ich habe direkt das Gefühl mitzuerleben, was in ihr vorgeht. Auch wenn das ein bisschen trügerisch ist, denn die Geschichte hinter dem Lied ist nicht ihre eigene, sondern die eines Bekannten. 

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    Ok, weiter geht’s: der nächste Song heißt „Leave me running“. Setzt er da an, wo der erste Song aufhört? So genau weiß ich das nicht, aber er passt auf jeden Fall perfekt in das sinnbildliche Konzept. Diesmal geht es weniger um den eigenen Kampf mit den Gefühlen. Hier ist eindeutig eine zweite Person mit im Spiel. Verlangen nach Nähe, Rückhalt und einer Gegenseitigkeit, bei der allerdings offenbleibt, ob sie gegeben ist. Es geht um die Unsicherheit: Fühlst du genauso wie ich? Und was ist wenn? Ich fühle mich schon fast selbst unsicher. Da hilft es auch nicht, dass der Song sehr offen endet mit „it could get cruel, it could get bad“ – na toll, und jetzt? 

    Mit „Raining Gold“ bricht diese ungemütliche, zerrissene Stimmung ohne eine direkte Antwort auf den vorherigen Song zu geben. Der „sunny song“ der EP klingt fast wie ein kleines Liebesgeständnis und lässt Hoffnung aufkommen. Ich werde also doch noch gerettet. Viel mehr gibt es zu der Disco-Nummer mit starkem Ohrwurm-Potential auch eigentlich nicht zu sagen. Der Sound ist sehr leicht und stimmig mit dem Konzept der EP. Ein typischer „everybody‘s darling“. 

    „Now it’s 2 in the morning and I still can’t find a way how I not wanna be stuck with you“ 

    Ja, diese Situation kommt mir irgendwie bekannt vor. Man weiß nicht so genau, wo man gerade eigentlich steht mit dieser Person, aber man kann auch einfach nicht ohne. Jesko merkt, dass sie verliebt ist, sträubt sich dagegen, aber kann auch nicht so richtig etwas unternehmen. Das Ganze ist verpackt in einen eher glücklich klingenden Gitarren-Sound, der mich von der trübenden Unsicherheit ablenken lässt. Das ist „Stuck With You“. 

    Dieses fast schon wohlige Gefühl, dass gerade erzeugt wurde, wird mit dem letzten Song „Beautiful Disgrace“ dann auch wieder zerstört. Traurige Klavierakkorde lassen mich wieder in eine mitfühlende, melancholische Verfassung fallen. Geht es hier um eine Trennung? Zweifel werden deutlich, aber auch wieder viele Unsicherheiten. Für mich kommt der Song teilweise leider etwas konzeptlos daher und ist deshalb einer der schwächeren auf der EP. 

    Fazit: jesko nimmt uns mit in ein Wechselbad der Gefühle. Vieles ist total nachempfindbar, manches bleibt allerdings auch offen. Das ist aber auch gar nicht so schlimm. Mich haben die Songs auf jeden Fall sehr zum Nachdenken angeregt. Insgesamt kommt der Sound eher etwas getrübt daher und ist eindeutig eine der melancholischen EP’s, die man an einem regnerischen Tag rauf und runter spielt. Ich habe Lust auf mehr und bin gespannt, was jesko als Nächstes raushaut! 

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    Photo Credit: Luis Jantsch