Einmal im Jahr versammeln sich die sweetesten Menschen Gießens und Umgebung beim Stadt ohne Meer. Der „1 Tag ohne Meer“ bot gute Musik, beste Stimmung und jede Menge Festivalgefühle – inklusive Quallen und einem donnernden Finale.
Das Stadt ohne Meer Festival ist für mich und meine Friends schon wie ein kleines Ritual geworden ‒ jedes Jahr werden Tickets schon vor dem Line-Up gekauft. Blindes Vertrauen und große Reunion, wenn wir alle aus unseren Studi-Städten wieder Richtung Heimat düsen. Zwar bin ich keine gebürtige Gießenerin, aber aus Marburg ist der Weg zum Stadt ohne Meer auch nicht weit. Das Festival ist irgendwie der Sommerbeginn, Semesterferien mitten im Semester, Catch-Up-Gespräche mit meinen Fern-Freundschaften, 20.000 Schritte vor Mitternacht sammeln und vor Freude erschöpft sein (checkt ihr?).
Nach dem letzten Festival 2025 hat das Stadt ohne Meer etwas gekämpft. Zum allerersten Mal war es nicht ausverkauft und sah sich mit ein paar finanziellen Struggles konfrontiert. Deswegen war ich umso glücklicher, dass es dieses Jahr doch noch stattgefunden hat – an einer anderen Location und auch nur als ein Ein-Tages-Festival. Die Location fand ich sogar fast noch gemütlicher. Beim Eintritt ist man durch einen alten Torbogen auf das Festivalgelände reingekommen, wie in einem Märchen. In der Mitte standen große Bäume, drum herum gab’s Merch, Essen und kalte Getränke. Man wurde von den Gemäuern des Kloster Schiffenbergs umhüllt. Und zwar nicht auf eine gruselige Art, sondern so, als würde der Ort von außen ein bisschen abgeschirmt sein – eine Festivaloase in Gießen.

In den letzten Jahren gab es immer zwei Bühnen auf denen abwechselnd gespielt wurde. Dieses Jahr gab es nur eine, aber die hat auch völlig gereicht. Das Festival ist dafür bekannt, die Newcomer*innen der deutschen Musikszene auf die Bühne zu bringen und ordentlich Stimmung zu machen.
Gestartet hat die Gießener Rapcrew Neighbour Flavour. Man merkt, dass es dem Stadt ohne Meer nicht nur ein Anliegen ist, die deutsche Newcomerszene zu repräsentieren, sondern auch explizit local Musiker*innen zu unterstützen. Ich hatte Neighbour Flavor vorher noch nicht auf dem Schirm und hab die Crew dort entdeckt – reinhören lohnt! Direkt im Anschluss kam das Trio Lovehead auf die Bühne. Ich habe diese tolle Band schon letztes Jahr auf der Breminale erleben dürfen. Ihre Songs sind für mich purer Sommer und machen einfach Spaß. Ich mein, wie chilled kann man sein und ein Set mal eben auf entspannt barfuß spielen? Wer noch nicht bei der österreichischen Band reingehört hat, sollte das dringend tun. Ihre neue Single „sommerwind“ ist nämlich nicht der einzige Banger der Band.
Mein liebster Act war Baran Kok – es war sein erstes Festival als Rapper, obwohl er schon einmal auf der Bühne des Stadt ohne Meers stand. 2024 legte der Künstler bereits als DJ für Domiziana auf. Seit er selbst Musik veröffentlicht, macht er sich als Baran Kok einen Namen. Umso schöner fand ich es, bei seinem ersten Festival-Gig seiner Solokarriere dabei zu sein. Wo besser starten, als beim Stadt ohne Meer? Bei seinem Set durften Mosh Pits, freche Sprüche und ein paar cunty Dance Moves natürlich nicht fehlen. Die Crowd war auch hyped und als er mit „Herr Officer“ seinen Auftritt beendete, war ich ganz beseelt (auch wenn der Song andere Vibes versprüht haha).

Obwohl das Line-Up natürlich vorher bekannt war, hat mich trotzdem die ein oder andere Überraschung erwartet. Da es dieses Jahr nur eine Bühne gab, musste zwischen den Sets umgebaut werden. Halb so wild, ein Päuschen tut ja auch mal gut. Als ich nach einer Getränkepause zum Merchstand schlendern wollte, erschrak ich kurz. Ist schon der nächste Act an der Reihe? Fehlalarm! Zwischen dem Schutz der Bäume ertönte Musik. Apollo Online spielte ein kleines Akustikset auf einer Mini-Bühne. Vor ihm: das Festivalpublikum, dass sich einfach auf den Boden setzte. Wie ein kleines Wohnzimmerkonzert ‒ nahbar und heimelig.
Nach dem melodischen Akustikset, war Apollo Online aber noch nicht fertig. Zwischen den späteren Acts verwandelte er den Platz mit seinem Mischpult zu einem kleinen Club. Was soll ich sagen, einem „party 4 u-Remix“ kann ich auch nur schwer widerstehen.

Weiter ging es mit Jolle. Die Musikerin kreierte mit ihren Songs und ihrer Art so eine mausige Atmosphäre, dass alle begeistert waren. Sie kam nach ihrem Set sogar noch runter zu den Festivalgästen, quatschte mit ihnen und machte ein Bild nach dem anderen mit ihren Fans. Sie meinte, dass sie etwas aufgeregt war ‒ sie hat das Ding aber auf jeden Fall gerockt.
Wer wahrscheinlich gar nicht mehr aufgeregt ist, ist Megaloh. Als vorletzter Act machte der etablierte Rapper nochmal richtig Stimmung bevor es für den Gastgeber auf die Bühne ging: OK KID!
Jonas, der Frontsänger von OK KID, kündigte bereits mit einem Lachen an: „Eigentlich geht immer irgendwas schief“. In den Jahren zuvor hätte er nie Stimme gehabt, wenigstens das wäre dieses Jahr anders. Und naja ein paar Kleinigkeiten sind auch „schief gegangen“, wenn man das so böse formulieren möchte. So hat das Bühnenbild kurz den Geist aufgegeben, als sich das Unwetter angebahnt hat. Aber, das hat die Kids natürlich nicht davon abgehalten, die Bühne abzureißen. Während „Die Kids sind alright“ spielte, verwandelte sich die Crowd kurz in ein Fußballstadion. Fahnen wurden geschwenkt und Bengalos wurden angezündet. Mein Lieblingsmoment: „Verschwende mich“. Der Regen strömte, doch das Festival lag sich in den Armen und schaukelte im Takt . Schließlich musste das Festival früher abgebrochen werden. Das Gewitter schmiss uns am Ende raus.
Manchmal braucht es gar kein Meer für das perfekte Sommergefühl, sondern einfach ein altes Gemäuer in Gießen, gute Musik und die richtigen Menschen. Eins habe ich auf jeden Fall dieses Jahr rausgefunden: „Stadt ohne Meer“ ist der ultimative Song zum im Regen tanzen.
Fotocredit: Merle Schweitzer/Hannah Busch




