Nach dem von Charli xcx eingeläuteten BRAT-Summer ist die Sängerin zurück und steckt mal wieder mitten im Hype. Neben der Premiere ihres eigenen Films „The Moment“ hat sie nun ihr neues Album „Wuthering Heights“ veröffentlicht. Das Album ist der Soundtrack zum gleichnamigen Film von Emerald Fennell – eine Neuinterpretation von Emily Brontës Roman „Sturmhöhe“. Beim Film scheinen sich die Geister zu spalten: Zwischen scharfer Kritik und begeisterten Zuschauer*innen ist alles dabei. Ob sich Emily Brontë wegen des Films im Grab umdrehen würde, kann ich leider noch nicht beurteilen, da ich es noch nicht geschafft habe, den Film im Kino zu schauen (Schande über mich).
Deswegen gibt’s heute nur eine Review von Charlies neuem Album – und das hat keine Probleme für sich allein zu stehen. Die Künstlerin schafft es, eine Geschichte von Liebe, Hass, Schmerz und Verzweiflung zu erzählen und in hervorragende musikalische Inszenierungen einzubetten. Charli xcx dreht ihrer Popidentität zwar nicht den Rücken zu, schreckt aber nicht davor zurück ihren Sound weiterzuentwickeln.
Kein Entkommen vor diesem Song
Ein gutes Beispiel für diese Weiterentwicklung ist der Opening-Song „House“ mit John Cale. Als ich den Song das erste Mal vor ein paar Wochen gehört habe, hätte ich vieles erwartet, aber nicht das. Der Track beginnt mit einem Monolog, gesprochen von John Cales ikonischer Stimme, und läutet eine unbehagliche Stimmung ein. Cales Worte fesseln und spätestens in dem Moment, in dem Charlies Gesang sich mit den aggressiven, schrillen Streichinstrumenten mischt und sich alles zu verzerren scheint, gibt es kein Zurück mehr.
Mit den Worten „I think I’m gonna die in this house“ entkomme ich dem Song genauso wenig, wie Charli. Das Ganze hat etwas Beunruhigendes, fast schon Gruseliges. Das Pop-Girl scheint verschwunden zu sein, doch keine Sorgen – fort ist sie nicht. Ab hier werden die Lieder sanfter, obwohl die düstere Atmosphäre bei vielen Songs mitschwingt. Für mich war dieser erste Song der stärkste des gesamten Albums, obwohl Charli noch einiges zu bieten hat.
Tanzend durch romantische Abgründe
Mit „Wall of Sound“ lassen die verstörenden Streichklänge besonders gegen Ende des Songs noch nicht ganz locker. Die Lyrics beschreiben eine hoffnungslose romantische Verbindung, der sie nicht entfliehen kann. Zeilen wie „Love and hatred and I can’t escape it“ oder „Every time I try, something stops me“ werden mit teilweise sanften, teilweise erdrückenden Streichelementen untermalt. Die Verzweiflung wird hier durch ihre wiederkehrenden hallenden Worte und Sounds besonders transportiert und symbolisiert einen Zyklus, der undurchdringlich scheint (zumindest meiner bescheidenen Interpretation nach).
Im nächsten Track „Dying for You“ verlassen uns die bedrückenden Lyrics nicht, obwohl das die musikalische Tonalität erst einmal nicht vermuten lässt. Zu dem Song habe ich nämlich in meinem überteuerten WG-Zimmer schon das Tanzbein geschwungen und dabei fröhlich Lyrics wie „I’m losing gallons of blood / the river’s turning to red“ mitgesungen. Darf ein so tragischer Song gute Laune machen? Ich sage, Charli xcx darf das.
Balladen, Dramatik und facettenreicher Pop
„Always Everywhere“ und „Chains of Love“ sind zwei moderne Balladen, die das Album vom gute Laune-Trip runterholen. „Always Everywhere“ ist zart und angelic – genau wie die begleitenden Streicher*innen. Ich muss gestehen, dass ich von „Chains of Love“ als zweite Single etwas enttäuscht war. Vielleicht liegt das aber auch daran, weil „House“ so gescheppert hat, dass jeder andere Song danach nur wenig Chancen gehabt hätte.
Beim zweiten und dritten Hören konnte ich mich mit dem Track anfreunden, wobei das Musikvideo seinen Teil dazu beigetragen hat. Jetzt fühle ich besonders den Refrain und kann mich in der Dramatik richtig suhlen. Die Zeilen „Shattering like glass / It’s the breaking of my heart / The chains of love are cruel“ brechen aus Charli (und mir) förmlich heraus.
Eine prägnante Mischung aus poppigen Beats und Streichmusik bietet auch der Song „Out of Myself“ zu dem ich persönlich wenig Zugang gefunden habe. Ähnlich wie „Dying for You“ setzt der Song textlich auf qualvolle Begierde, entlädt diese Spannung aber mit Popmelodien. Obwohl ich die musikalische Mischung des Tracks spannend finde, blieb der Song bei mir wenig hängen. Umso besser gefällt mir dafür der kürzeste Song des Albums „Open up“, der sich mehr wie ein Interlude anfühlt.
Charli xcx goes Taylor Swift?
Bei „Seeing Things“ dachte ich kurz, Charli xcx hätte ein Feature mit Taylor Swift gemacht, obwohl das wohl ein Collab der Unmöglichkeit ist (if you know, you know). Die Lyrics erschaffen mit dem Storytelling eine Szenerie, die mich stilistisch sehr an Swift erinnert hat. Auch der Pre-Chorus und der Refrain könnten lyrisch und musikalisch aus einem Swift-Song sein. Ein Lied, das Ohrwurm-Potential hat, für mich aber wenig herausgestochen ist.
Ein weiterer offensichtlicher Popsong, der mir allerdings besser gefällt, ist „Altars“. Wie ihr wahrscheinlich schon mitbekommen habt, spielt in diesem Album Streichmusik eine große Rolle (Überraschung). Wenn ihr den zauberhaftesten Einstieg eben dieser Streichmusik hören wollt, dann hört euch „Altars“ an. Die Streicher*innen spielen so sanft und zaghaft und füllen den Song trotzdem melodisch so aus, dass ich heulen möchte. Was diesen Track dann noch besser macht, ist der Umschwung zum Refrain. Als Charli mit der Zeile „One is not the loneliest number“ ihre raspy Stimme raushaut, war es um mich geschehen. Ich finde, der Song wirkt anfangs unscheinbar, hat sich aber zu einem meiner Lieblingssongs des Albums entwickelt.
Düsterer wird es wieder mit dem Song „Eyes of the World“ feat. Sky Ferreira. Die altbekannten verzerrten Streichinstrumente kommen zurück und hätten nicht besser platziert sein können – ein Unbehagen, das ich gerne in Kauf nehme. Sky Ferreiras und Charlies Stimmen mischen sich zu finsteren Abgründen zusammen und unterstreichen die musikalische Stimmung: „You’re gonna think the things you think about me anyway / Put my flesh upon the cross until I scream / Oh, the eyes of the world“.
Zwischen Hoffnung und Doomsday-Stimmung
Die letzten beiden Songs des Albums könnten unterschiedlicher nicht sein. Während ich bei „My Reminder“ noch fröhlich mitgewippt habe, fühlt sich „Funny Mouth“, mit schweren und doomigen Musiksequenzen, verstörend an.
„My Reminder“ wirkt auf mich fast wie eine Synth-Pop-Versöhnung in Anbetracht der vorherigen Lyrics. „I’m not gonna be your bitter rival / We grew together in the same four walls“ und „I don’t hate you, we’re just different“ erzählen von dem Umgang mit einer komplizierten Geschwisterbeziehung. Doch das Album wäre nicht „Wuthering Heights“, wenn es nicht düster enden würde.
Obwohl die Zeile: „If there’s a light, don’t let it go out“ einen kleinen Schimmer der Hoffnung verspricht, hüllt uns die Schwere der Musik in „Funny Mouth“ ein. Ganz so beklemmend, wie der erste Song „House“ ist der Track zwar nicht, trotzdem ist es ein starker Abschluss.
Mit „Wuthering Heights“ lässt Charli xcx die dröhnenden Clubbeats von „BRAT“ hinter sich und taucht in die vollen Klänge der Streichmusik ein – die sie wirklich fabelhaft einsetzt. Eine Weiterentwicklung, die ich sehr begrüße, obwohl „BRAT“ eine Zeit lang gefühlt das einzige Album war, das ich gehört habe. Ich finde, dass Werke nicht immer verglichen werden müssen und als das stehen können, was sie sind: gute Musik. Auch wenn mich nicht alle Songs gleichermaßen begeistert haben, ist das Album hörenswert – nicht nur für Popliebhaber*innen. Und falls der Film von Fennell nicht überzeugend sein sollte, weiß ich wenigstens: Charli delivered.
Foto: instagram/charli_xcx

