Ein Berliner Künstlernetzwerk. Und die Frage, warum wir Räume brauchen, in denen unsere Vorstellungskraft wieder arbeiten darf.
Bereits einige Monate ist es her, dass ich das Paradox Loom betrat – jene immersive Spielwiese des Berliner Künstlers und Entrepreneurs Tim Henrik Schneider aus dem Künstlernetzwerk Karmanoia im Einkaufszentrum direkt neben Kaufland.
Bevor ich überhaupt wusste, was mich erwartet, wurde ich gebeten, ein Labyrinth am Eingang der Räumlichkeiten zu durchqueren. Keine Mutprobe, kein Escape-Spiel. Eher eine Einladung: Nimm diese Erfahrung mit.
Also gehe ich los.
Schon nach wenigen Metern beginnen die vertrauten Koordinaten zu verschwimmen. Enge wird zu Weite, Spiegel erzeugen neue Räume, Licht und Dunkelheit wechseln sich ab, Geräusche verschieben die Wahrnehmung. Der Körper sucht Orientierung, während der Kopf längst beginnt, eigene Geschichten zu erzählen.
Das Labyrinth ist nicht einfach ein Objekt, das betrachtet werden möchte. Es ist ein Raum, der zurückschaut.
Vielleicht liegt genau darin die Kraft von Paradox Loom: Die Installation liefert keine fertige Erzählung. Sie öffnet einen Erfahrungsraum, in dem Besucher:innen selbst zu einem Teil der Geschichte werden.
Vom Arsch zur Seele
Später erfahre ich, dass dieses Labyrinth eine Miniaturfassung des legendären Peristal Singum ist, das einst in der Berliner Wilden Renate in Alt-Stralau stand.
Wer die Berliner Club- und Kulturszene der 2010er-Jahre erlebt hat, erinnert sich vielleicht: Zwischen elektronischer Nacht, Kunstexperiment und dem Gefühl, dass in dieser Stadt alles möglich sein könnte, wurde das begehbare Labyrinth schnell zum Kultobjekt. Doch die Geschichte von Karmanoia beginnt noch früher. Hinter Karmanoia steht kein einzelner Künstler, sondern ein Netzwerk aus Künstler:innen, Handwerker:innen, Architekt:innen, Bühnenbildner:innen, Techniker:innen und Visionär:innen. Seit 2003 entstehen in Berlin gemeinsam immersive Kunstwelten.
Im Zentrum steht Tim Henrik Schneider, der das Netzwerk gründete und bis heute als künstlerischer Leiter und Ideengeber prägt.
Der Ursprung liegt in einem leerstehenden Haus in der Mainzer Straße in Berlin-Neukölln. Gemeinsam mit anderen Kulturschaffenden entwickelte Schneider dort einen experimentellen Ort jenseits klassischer Institutionen. Das Karmanoia-Theater wurde zu einem Zuhause für Off-Theater, Konzerte, Performances und ungewöhnliche Veranstaltungsformate.
Es ging nie nur darum, Kunst auszustellen.
Es ging darum, sie begehbar zu machen.
Mit der Installation Vom Arsch zur Seele entstand ein Prinzip, das bis heute alle Arbeiten prägt: Kunst wird nicht nur angesehen, sondern körperlich erfahren. Durch Kriechen, Tasten, Verlaufen, Staunen und die bewusste Irritation der eigenen Wahrnehmung.
Als das Haus 2009 verkauft wurde, veränderte die Idee ihre Form. In der Wilden Renate entstand das Peristal Singum – das psychedelische Labyrinth für die urbane Club-Bohéme. Später folgten Projekte wie Doloris’ Meta Maze im niederländischen Tilburg und schließlich Paradox Loom im Berliner Wedding.
Aus einem improvisierten Künstlerhaus wurde ein internationales Labor für immersive Raumkunst.
Die Idee blieb dieselbe: Räume zu schaffen, die nicht konsumiert, sondern erlebt werden.
Wenn Orientierung verloren geht
Beim Durchlaufen von Paradox Loom entsteht ein merkwürdiger Zwischenzustand. Man ist gleichzeitig Kind, Forscher:in und Beobachter:in seiner selbst.
Besonders die Lichtkammer entwickelt eine fast meditative Wirkung. Äußere Orientierung verschwindet, innere Bilder tauchen auf. Erinnerungen, Fantasien und Gedanken bekommen plötzlich mehr Raum. Das Labyrinth funktioniert deshalb weniger wie eine Installation und mehr wie ein Trigger.
Denn Paradox Loom möchte nicht beeindrucken und dann verschwinden. Es möchte etwas auslösen.
Es bedeutet auch zu kommunizieren.
Und so komme ich mit Menschen ins Gespräch, die aus einem Stapel Magazine Bildchen ausschneiden, um daraus Collagen zu kleben. Sie fordern mich auf, mitzumachen. Wer Besucher:in ist oder zum Personal, also zum Künstlerkreis gehört, bleibt unklar. Hierarchien verschwimmen.
Die fertigen Bildchen werden schließlich an eine Wand geklebt und abfotografiert.



Die Rückkehr der Vorstellungskraft
Warum brauchen wir solche Orte?
Weil Zukunft nicht von selbst entsteht. Sie entsteht durch Menschen, die bereit sind, sie gemeinsam zu gestalten.
Wir brauchen Räume, in denen Begegnung möglich wird. Orte, an denen wir uns helfen, diskutieren, lachen und über den nächsten Tag hinausdenken können. Orte, an denen langfristige Ziele und Flexibilität kein Widerspruch sind.
Klima-, Umwelt- und Hitzeschutz beginnen nicht erst mit politischen Entscheidungen. Sie beginnen mit einer anderen Vorstellung davon, wie wir leben wollen. Kunst kann dabei ein Anstifter sein. Nicht als Demagoge, der Antworten vorgibt. Sondern als Impulsgeber, der Fragen stellt. Sie bringt träge gewordene Gedanken in Bewegung, irritiert Gewohnheiten und schafft Räume, in denen Veränderung überhaupt erst vorstellbar wird.
Vorstellungskraft ist keine Flucht vor der Realität.
Sie ist die Voraussetzung dafür, sie zu verändern.
Evolution und Wandel werden auch ohne uns stattfinden. Die entscheidende Frage ist jedoch, ob wir sie mitgestalten oder ihnen nur zuschauen.
Wer ständig vom Recht des Stärkeren erzählt, produziert oft vor allem Angst, Misstrauen und Ausgrenzung. Wo Zerstörung zur Normalität wird, schrumpft der Raum für Menschlichkeit. Kunst setzt dem etwas entgegen. Sie verbindet, statt zu spalten. Sie öffnet, statt zu verhärten. Und sie lädt dazu ein, sich einzumischen und neue Möglichkeiten zu entwerfen.
Zurück in die Zwischenräume
Vielleicht liegt genau hier die Bedeutung von Paradox Loom. Nicht darin, Menschen aus der Realität herauszuführen. Sondern darin, ihnen für einen Moment einen anderen Blick auf sie zu ermöglichen.
Wir leben in Städten voller funktionaler Räume: Einkaufszentren, Bahnhöfe, Durchgänge, Orte des schnellen Konsums und Weitergehens. Karmanoia setzt genau dort an.
Es verwandelt einen Nicht-Ort in einen Möglichkeitsraum.
Ein Labyrinth mitten im Alltag.
Und vielleicht brauchen wir genau das heute mehr denn je: Orte, an denen wir uns wieder verirren dürfen – damit wir neue Wege finden.
Text: Johannes Martin
Tickets: https://www.karmanoia.org/tickets
Hier findet ihr ein Interview mit Tim Henrik Schneider.
