Tag: 13. März 2021

  • Tóke vereint in „Brown Face“ Outrage, Empowerment und musikalische Finesse

    Tóke vereint in „Brown Face“ Outrage, Empowerment und musikalische Finesse

    Das erste, was ich gedacht habe, als ich den Wahl-Berliner Tóke zum ersten Mal gehört habe, war: „das klingt wie Jason Mraz, nur viel cooler“. Es ist diese bestimmte Mischung aus R’n’B und Soul, die nicht nur unglaublich lässig ist, sondern auch ein klein bisschen zum Tanzen einlädt. Tókes neue Single Brown Face nimmt genau diesen Sound auf und verarbeitet darüber hinaus auch noch ein sehr ernstes und persönliches Thema, mit welchem wir uns alle sowieso auch weiterhin beschäftigen müssen. Es geht um die westliche Wahrnehmung anderer Kulturen und Tókes eigenes Aufwachsen als BIPOC (Black, Indigenous and People Of Color) im ländlichen Deutschland. Cooles Lied, wichtige Botschaft, schönes Musikvideo und ein einfach nur super sympathischer Künstler selbst – das sind vier Gründe, weiterzulesen und reinzuhören.

     
    Geschichte wird immer noch weiß erzählt

    Geboren in Jakarta, Indonesien und aufgewachsen in der Nähe von Hamburg macht Tóke schon länger Musik. Mit seinen ersten Veröffentlichungen hat er frischen Wind in die deutsche Reggea Szene gebracht. In dem Kontext hat er auch schon mit Größen wie Gentleman die Bühne geteilt. Im Lockdown Jahr hat er sich dem musikalischen Druck von außen (und innen) entzogen und einfach das gemacht, was ihn gerade kreativ angetrieben hat. Dazu hat er mit den Produzenten FLKS aus Berlin und Meekesa aus Italien zusammengearbeitet. Ergebnis ist die im Mai erscheinende EP The Art Of Letting Go, die mehr Einflüsse aus dem Neo-Soul und R’n’B in sich trägt. Also genau das, was ich auch an Brown Face so liebe. So let’s talk about Brown Face:

    https://www.youtube.com/watch?v=pK22D7uMELY

    Es eröffnet mit ganz seichten Synth-Klängen, fast schon Klangschüssel-sphärisch. (Ich baue darauf, dass ihr schon auf Play gedrückt habt, dann macht diese Beschreibung auch Sinn). Die Klänge sind ruhig und befördern mich direkt in meine comfy zone. Tókes Stimme legt sich drauf und jap, musikalisch immer noch absolut meins. Es folgt der Break zur Strophe und ich bin jedes Mal wieder, obwohl ich weiß, was kommt, schlichtweg begeistert. Ein ultra lässiger R’n’B Beat gesellt sich dazu, die Klangschüssel-Klänge sind immer noch da, wenn auch mehr im Hintergrund. Und so bleib auch ich in meiner jetzt leicht up-bouncigen comfy zone. Tóke selbst verfällt in einen Flow und, ich sag wies ist, liefert Line für Line einfach nur ab.

    Call me exotic, that’s white gaze

    My culture surpasses your mindframe

    My batik outshines your nike’s

    First people after the ice age

    Auch wenn Tóke seine Inhalte ziemlich treffend formuliert, lohnt es sich, auch zwei Mal über das gerade gelesene nachzudenken. Denn auch wenn wir vor allem auf Social Media immer mehr über solche Themen sensibilisiert werden (wenn man sich in der richtigen Bubble bewegt), so ist die Realität da draußen trotzdem immer noch weit weg von dem, was wir akzeptieren können. Die Generationen nach uns wachsen immer noch in einem strukturell rassistischen System auf, das nicht mal die Kolonialzeit in der Schule kritisch behandelt. Geschichte wird immer noch weiß erzählt.  

     
    “They want us gone, but we’re still here!”

    Brown Face ist aber nicht in erster Linie ein Song über die vorhandenen Missstände. Es geht viel mehr um Empowerment, um Sichtbarkeit und der stetige Kampf, sich nicht unterkriegen zu lassen. Auch für die Generationen, die nach uns in diesem verkappten System aufwachsen.

    Litte boy with the brown face | keep in mind this is our place | we gon’ get comfy up in here

    They gaslighting and downplaying | we uproar ‘cause we outraged | they wany us gone, but we’re still here!

     

    Musikalisch befinden wir uns im Refrain des Songs und obwohl es inhaltlich sehr ernst zugeht, so ist das einfach nur ein tanzbarer Ohrwurm, den Tóke da hervorgezaubert hat. Passend wird auch im Video dargestellt, dass die Ernsthaftigkeit nicht alles sein kann. Die BIPOC Darsteller:innen (@alle, ich bin geflasht von eurer Schönheit) fangen an zu tanzen, zu lachen und sich gegenseitig zu feiern. Und das macht nur vom Zuschauen happy.

    Tóke, Untoldency, Untoldency Magazine, Indie, Musik, Blog, Blogger, Online Indie Musik Magazin, untold music, tóke, tokemusic, brown faceAuch für Tóke persönlich ist das hier ein ganz besonderes Video, ein ganz besonderer Release. Es ist das erste Mal, dass er in seiner Musik offen über sein Aufwachsen im ländlichen Deutschland reflektiert:

    „Growing up as a brown boy in a white world was weird sometimes. A lot of hidden scars came up during the last year. Lot of awkward moments where I only realized after a certain time that I wasn’t seen with my full capacity as a human being but rather reduced by the notion of my apparent ‘otherness’. It’s time to fully free up and embrace who we are no matter the context.”

    Und mit diesen Worten entlassen Tóke und ich euch auf eure eigene Reise zu Brown Face. Auf dass wir alle mal im 21. Jahrhundert ankommen und nicht nur aus den Fehlern der Vergangenheit lernen, sondern sie auch wiedergutmachen.

     

    Die wunderschönen Menschen, die ihr im Video so happy tanzen seht sind (links nach rechts auf dem Bild oben): Asya Mzee, Peggy Haze, Timo Daher, Tóke selbst, N. Ndoumbé Koite, Bimi Lkhagva, Lovely Uwumarongie. Und natürlich nicht zu vergessen die süßen Geschwister Jakob & Josef Kümmel.

     

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    Fotos von Alex Kleis

  • Shelter Boy im Interview: „Bei manchen Menschen hittet es dann doch, wenn sie dich fragen, wie es dir geht“

    Shelter Boy im Interview: „Bei manchen Menschen hittet es dann doch, wenn sie dich fragen, wie es dir geht“

    Shelter Boy dürfte einigen Indie-Liebhaber:innen wohl schon ein Begriff sein. Gerade erst gestern erschien seine neue Single „Atmosphere“. Die meisten Shelter Boy Songs klingen für mich eher nach einem Spaziergang durch einen kleinen Urlaubsort am Meer oder nach einem angenehmen Sonntagmorgen im Sommer, an dem ich mein Bett frisch beziehe, während die Sonne durch mein Fenster scheint. Aber da ist Atmosphere anders. Der Song klingt schwitzig und rockig. Er ist ehrlich, selbstbewusst, laut und schlägt einem ins Gesicht. Auf die bestmöglichste Art und Weise, sodass man sich danach noch dafür bedankt. Mit dem durchsickernden Einfluss britischer Bands und trotz der, wenn wir ehrlich sind, bedrückenden Lyrics, ist der Song absolut energiegeladen. Als Begleiter dessen folgt ein äußerst sympathisches Musikvideo mit Fisheye-Objektiv und Shelter Boy in vielfältigen Outfits.


    „Please don’t tell me
    how to feel alive“


    Shelter Boy im Interview

    Dascha: Hey, schön, dass das geklappt hat! Wie geht’s dir im Moment? Wie fühlst du dich damit, dass deine neue Single schon so bald rauskommt?

    Shelter Boy: Ich hab mega Bock drauf, endlich passiert mal wieder was! Heute bin ich ein bisschen verkatert. Mein Keyboarder Karl nimmt gerade eigene Songs auf, da haben wir gestern mit ein paar Freunden, natürlich alle getestet, noch Bier getrunken. Und dann hatte ich heute morgen noch ein Interview und hab mir davor in den Finger geschnitten, es ist schlimm. (lacht) Aber eigentlich ist alles gut.

    Dascha: Willst du mal was zu der Entstehung von „Atmosphere“ erzählen?

    Shelter Boy: Der ist tatsächlich über den Beat entstanden, ich hab da zufällig einen Loop gefunden. Die Band Primal Scream hat ein Album, das heißt Screamadelica. Das ist so später 80er in England, damit ging so diese Acid House-Bewegung los. Da ist so ein ganz prägnanter Beat, den hab ich gefunden und dachte mir, das klau ich mir direkt zusammen. (lacht) Darüber hab ich dann eigentlich angefangen den Song zu schreiben.

    Dascha: „Atmosphere“ klingt ja nach einer kraftvollen Ansage, an wen richtet die sich? Und wie fühlt sich die Atmosphäre, über die du singst, an?

    Shelter Boy: Also ich singe ja „Do you fear the atmosphere?“ und das ist dadurch entstanden, dass ich öfters auf Partys die Situation hatte, dass ich irgendwo ankomme, wo alle schon miteinander Gespräche führen. Und ich da keinen Anschluss finde, es aber irgendwie auch gar nicht will. Ein ganz komischer Zwiespalt, ich glaube, das hat viel Wut mit sich gebracht. Eigentlich sind das traurige Lyrics, ich hab’s aber eher als Befreiungsschlag für mich genutzt, um damit umzugehen. Die Hook geht los mit „Tell me how you really feel„, weil es eigentlich oft nur eine krasse Floskel ist, wie es einem geht. Und dann sagt man immer einfach nur „Ja, ja, alles cool“. Aber bei manchen Menschen hittet es dann doch, wenn sie dich fragen, wie es dir geht und es wirklich ernst meinen. Das sind so die zwei Perspektiven, die ich in dem Song probiert habe aufzumachen.

    Dascha: Wie kam es zu der Idee von dem Musikvideo?

    Shelter Boy: Ich wollte schon immer mal etwas mit Fisheye machen, weil das ja auch so ein Skate-Ding ist. Und ich hatte schon ganz ganz lang Valentin Hansen auf dem Schirm, von seiner Musik und eben den Videos, die er macht. Dann hab ich ihm tatsächlich einfach mal geschrieben, ob er Bock hätte was zusammen zu machen. Er hat die Idee vorgeschlagen und ich war direkt dabei, dann haben wir das an einem Tag direkt so durchgerockt.

    Dascha: Das ist nach „Calm Me Down“ und „Forever You’ll Be Known„ ja schon die dritte Single nach deiner letzten EP. Das lässt natürlich vermuten, dass da jetzt eine EP oder sogar ein Album kommt. Kannst du dazu was verraten?

    Shelter Boy: Eins von beidem kommt. Punkt. (lacht)

    Dascha: Haha, na gut. Würdest du sagen, dass sich deine Musik seit deiner ersten EP verändert haben?

    Shelter Boy: Ja, safe. Ich hab ja vor Shelter Boy auch schon lange in einer Band gespielt, wo Britpop eine sehr große Rolle gespielt hat. Das war dann erstmal wieder weg, aber ich glaube es kommt gerade wieder mehr zurück, dass auch das wieder einen Platz hat. Ich merke bei dem was ich mache, dass es eigentlich immer wieder unterschiedlich ist. Wenn man sich früh die Freiheit nimmt, Releases zu machen, die alle sehr unterschiedlich sind, dann hat man auch eher die Freiheit zu machen, was man wirklich möchte. Ich genieße das sehr. Der Song jetzt ist halt eine Rock-Nummer, der nächste Song kann auch wieder was ganz anderes sein, I don’t know.

    Dascha: Passend dazu, wer oder was inspiriert dich besonders und wer hat dich musikalisch am meisten geprägt?

    Shelter Boy: Also ich konsumiere super super super viel Musik, ich bin schon immer einfach auch ein riesen Fan von vielen Sachen gewesen. Konstanten sind halt die Beatles, Bob Dylan, Oasis, Stone Roses, auch sowas wie Mac DeMarco. Ach keine Ahnung, es gibt so viele Sachen, die ich schön finde. Gerade höre ich mega viel Kings of Convenience, die ich so lange nicht mehr gehört habe, das gibt mir wieder voll viel. Was ich jetzt erst entdeckt habe, von Balthazar der, ich glaube Gitarrist, hat noch ein Soloprojekt. Warhaus heißt das. Und das Album davon… Ey, tschüss! Es ist sooo gut!

    Dascha: An einer kleinen Corona-Frage komm ich nicht ganz vorbei. Hast du für dieses Jahr trotzdem Pläne oder etwas, worauf du dich sehr freust?

    Shelter Boy: Ja, es stehen auf jeden Fall echt noch ein paar Sachen an. Sieht auch so aus, als würden wir im Sommer ein paar Sachen spielen, da freu ich mich mega drauf. Der Rest wird sich ja noch ergeben…in ein paar Monaten. Da kommt noch guter Stuff. Wird schon noch spannend, denke ich.

    Dascha: Dann bin ich gespannt. Gibt es denn etwas, von dem du sagst, das würdest du in deiner musikalischen Laufbahn unbedingt mal machen oder erreichen wollen?

    Shelter Boy: Vor ganz vielen Leuten spielen. Ich würde gerne irgendwann mal auf einem großen Festival auf der Mainstage zu einer guten Zeit spielen. Standard Antwort, aber ja, ich glaube, das ist sehr schön. Aber bei Forever You’ll Be Known hab ich mir schon viel erfüllt mit den Streichern. Anonsten würde ich gerne mal mit bestimmten Leuten zusammenarbeiten, aber da gibt es auch keine konkreten Pläne.

    Dascha: Und was wäre denn so ein Festival auf dem du unbedingt mal spielen wollen würdest?

    Shelter Boy: Glastonbury!

    Dascha: Oh ja, davon hab ich mir letztens erst wieder Live-Auftritte auf YouTube angeschaut.

    Shelter Boy: Ey, ich weine nicht oft, aber wenn ich mir solche live Sachen anschaue… Es gibt von Bombay Bicycle Club ein Live-Album, das hab ich mir angehört und es ist bei mir direkt hoch gestiegen und ich habe richtig feuchte Augen bekommen.

    Dascha: Dann bin ich hiermit auch schon bei der letzten Frage, nämlich einer „Untold Story“. Also einem kleinen Geheimnis, das noch nicht viele von dir kennen. Hast du da was auf Lager?

    Shelter Boy: (überlegt) Ich glätte mir die Haare. Ich fühl mich einfach wohler so, hatte aber lange Zeit ein Problem damit, das jemandem zu erzählen. Aber fuck off, bitch, I wanna look cute!

    Hier geht’s zum Musikvideo zu „Atmosphere“:

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    Fotocredit: Philipp Gladsome