Schlagwort: post punk

  • ENDE nehmen uns mit in ihr UTOPIA

    Mit ihrer neuen EP „UTOPIA“ surft das wiener Duo ENDE weiter auf der neuen neuen deutschen Welle. Fans des Genres könnten die beiden schon von Songs wie „cowboy1“ oder „räuber“ kennen. Seitdem haben sie einige Singles und nun ihre erste EP veröffentlicht. Sie handelt von Unsicherheiten, innerer Zerrissenheit und von Versuchen, die emotionale Mauer um sich herum in kleinen Schritten abzubauen. Über düsteren Gitarren und Synthies versuchen ENDE komplexe und widersprüchliche Gefühle in Worte zu fassen und malen dabei mit Lyrics wie „Schreib Anekdoten In der hässlichsten Schrift / Briefe an die Toten Falls man sich trifft“ sehr eindrückliche Bilder. Sie selbst beschreiben ihre Musik mit den Worten:

    „Mal ist es das Weglaufen vor sich selbst, mal das Suchen nach einem Ort, der sicher ist. Manchmal flieht man zu zweit, manchmal ganz allein. Aber egal wie, irgendwas treibt einen immer weiter“.

    Der erste Song „kopfverdrehen“ beginnt mit eingängigen und treibenden Drums und gibt eine Energie vor, die sich auch durch die folgenden Lieder zieht. Er handelt von Selbstzweifeln in einer Beziehung und von der Angst, die andere Person nicht zu verdienen. Es geht um die Ambivalenz, zwischen der Sicherheit, die die Beziehung gibt und der Angst davor sich emotional zu öffnen. Im Refrain kommt dann aber doch ein kleiner Hoffnungsschimmer auf. Die Zeile „Komm, ich lass‘ mich darauf ein / (Komm, ich lass‘ mich darauf ein) / Ab heute nie wieder zu zweit allein“ zeigt, dass es sich auch trotz Commitment Issues lohnen kann, wenn man sich seinen eigenen Gefühlen hingibt. Das ist ein Thema, das in aktueller Musik große Präsenz findet. Auch Artists wie Sombr, Paula Hartmann oder Berq haben damit zu kämpfen und schreiben Songs, mit denen viele unserer Generation relaten können.

    Zwischen Unsicherheiten und unerfüllten Sehnsüchten

    Der Anfang von „radar“ klingt wie ein Glitch oder als würde jemand auf den Skip Back Button klicken und verdeutlicht die Unsicherheit, die die ganze EP thematisch beeinflusst. Der Song ist geprägt von düsteren Synthie Sounds und vermittelt eine ambivalente Stimmung von Euphorie und Verlustangst. Er hat den Vibe einer durchzechten Nacht, die irgendwie magisch ist, in der man aber möglicherweise die eine oder andere Fehlentscheidung getroffen hat. Gleichzeitig schwingt die Realisation mit, dass nicht jeder Moment so utopisch sein kann wie dieser und das utopische Gefühl von Unendlichkeit nicht für immer bleibt.

    Wenn Eskapismus ein Lied wäre, wäre es „laufen“. Es beschreibt das Gefühl, das bestimmt alle kennen, wenn man manchmal einfach alles hinter sich lassen und ein neues Leben am anderen Ende der Welt aufbauen möchte. Worte wie „Nimm meine Beine in die Hand / Schleich mich in ein anderes Land“ oder „Hab nichts, nur den Wind im Rücken / Hinter mir, brennen alle Brücken“ verdeutlichen dieses Gefühl sehr gut und machen den Song zu meinem persönlichen Favoriten der EP. Die Rastlosigkeit und die leichte Misanthropie, die in „laufen“ herrschen werden im Outro abgelegt und ENDE geben zu, dass sie doch nicht ganz allein sein wollen:

    „Keinen Koffer, keinen Plan / Lass alles, alles, alles da / Alles, alles außer dich / Dich nehm ich mit“

    Widersprüchliche Gefühle und ein kleiner Hoffnungsschimmer

    Der nächste Song „sterne“ startet mit flirrenden Ravesynthies und wird wieder etwas ruhiger sobald der Gesang einsetzt. Die ganze EP zeichnet sich durch Gegensätze aus und das wird bei diesem Song mit Zeilen wie „Deine Worte wärmen Meine / Blicke bleiben kalt“ besonders deutlich. Er handelt von einer emotionalen Mauer, die man um sich herum aufbaut und dem Kontrollverlust über sich selbst, der schlussendlich zum Zusammenbruch führt.

    Auch der letzte Song „überfall“ ist geprägt von Widersprüchen und beschreibt in der ersten Strophe ein Gefühl von einer lähmenden Ungewissheit, das in der zweiten Strophe zwar nicht ganz abgelegt, aber zumindest aus einer anderen Perspektive betrachtet werden kann. Besonders die Zeilen „Ich hab die Hände hinterm Rücken und die Finger gekreuzt / Ich hoffe, dass ich nichts bereu“ machen den Song zu einem passenden Outro für die EP, da sie viele Fragen unbeantwortet lassen und gleichzeitig Hoffnung für die Zukunft geben.
    All in all ist „UTOPIA“ eine Hommage ans Sich-verloren-fühlen und kann damit vielen aus der Seele sprechen, die auch nicht ganz wissen, wer sie sind und wer sie sein wollen. Die Songs haben den typisch rauen und treibenden NNDW-Post-Punk Sound, der zu den zerrissenen und nicht ganz eindeutigen Lyrics passt. Musikalisch und auch thematisch könnte die EP etwas für Fans von Steintor Herrenchor oder EASY EASY sein.

    ENDE EP UTOPIA

    Bei Konzerten stehen ENDE sogar zu viert auf der Bühne und wer Lust hat „UTOPIA“ live zu erleben, kann in diesen Städten vorbeischauen:

    04.10. Linz – Stadtwerkstatt 
    14.10. München – Unter Deck
    15.10. Köln – Jaki
    16.10. Berlin – Monarch
    17.10. Hamburg – Molotow
    18.10. Hannover – Kiezkultur Festival

    Fotos: Felix Kafka

    https://open.spotify.com/intl-de/album/14LthJoXPI7zWZa3Crh8Yx?si=DyeItbuQT_ypLptuc7E9dw
  • Goat Girl und ihr zweites Album „On All Fours“

    Endlich veröffentlicht die Londoner Band Goat Girl ihr heißersehntes Album „On All Fours“. Seit der Veröffentlichung der neuen Singles und der Ankündigung des Albums letztes Jahr war der Hype für mich jedenfalls perfekt.

    Ich kann mich noch gut an den Tag erinnern, als ich das erste Mal mit der Musik von Goat Girl in Berührung kam. Es war einer dieser schmerzlich vermissten Nachmittage im Plattenladen im Jahre 2018. Je knapper das Geld wurde, desto genauer und länger hörte ich mir im Plattenladen auch die Alben an. Muss sich ja auch lohnen. Da kam es schon häufiger vor, dass drei oder vier Stunden ins Land zogen und meine Freunde einfach nur noch genervt und/oder schon mal vorgegangen waren. So muss es damals auch gewesen sein. Und das Debüt Album von Goat Girl zog ich ganz zum Schluss aus der Plattenkiste. Ich habe die Scheibe aufgelegt, die ersten anderthalb Minuten gehört und wahrscheinlich meine letzten 20€ des Monats meinem Plattendealer anvertraut.

    Heavy Bedroom Pop

    Nach shame mit ihrem grandiosen Album „Drunk Tank Pink“ ist Goat Girl jetzt die zweite aufstrebende Band aus South London, die dieses Jahr ein neues Album veröffentlicht. South London ist seit einigen Jahren schon die hippe Brutstätte von zukunftsorientierten und angenehm diversen Newcomer Bands, die alle irgendwie und irgendwann mal in der Kultlocation The Windmill, Brixton ihr Konzertdebüt gefeiert haben. Auch wenn der für South London typische Post-Punk-Sound auf dem neuen Album nicht mehr ganz so stark zu vernehmen ist, ist Goat Girl ein lebendiges und wichtiges Mitglied dieser Szene.

    Die verzerrten Gitarren und Pogoparts des ersten Albums hat die vierköpfige Band bei „On All Fours“ gegen analoge Syntheziser und raffinierte Chorarrangements eingetauscht. Spotify würde die Songs wahrscheinlich als „Chamber Psych“ kategorisieren, was tatsächlich irgendwie auch wirklich gut passt. „Heavy Bedroom Pop“ gefällt mir aber noch besser.

    Trotzdem ist Goat Girl keine Band, die es nötig hat in Genre Schubladen sortiert zu werden. Die vier selbstbewussten MusikerInnen zeigen auf „On All Fours“, dass sie sich längst ihr eigenes Genre geschaffen haben. Gleich das erste Stück „Pest from the West“ bezeugt den Wandel ihres Bandsounds, als nach einem ruhigen Gitarren Arrangement mit tollen, eingängigen Akkorden ein sogenannter „Arpeggiator“ das Klangbild aufmischt. Dieser rhythmische Syntheziser war zumindest im Debüt so noch nicht zu hören. Der Text des Openers handelt von gescheiterter bzw. fehlender Genderpolitik und die angestaute Wut darüber, die für die junge englische Generation steht, aber sicherlich in der ganzen Welt im Moment wie die Faust auf’s Auge passt.

    „Words remain in the suits of today,
    And I have no shame when i say step the fuck away
    I’ll be glad that when it’s the end,
    You’ll be caught and torn when there’s no law to fall in“

    Auch was für Nerds

    Nie zu konkret und mit einem gewissen ironischen Abstand scheint Goat Girl in ihrem neuen Album sowohl politische Themen, als auch persönliche Probleme wie z.B. Angststörungen zu verarbeiten. Generell zeichnet das Album eine gewisse melancholische Grundstimmung aus, die nicht zuletzt durch die warme und tiefe Stimme der Sängerin Lottie Cream zum Leben erweckt wird und irgendwie den Weltuntergang einläutet.

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    In einem anderen politischen Kontext steht der folgende Song „Badibab“, der die eigene Schuld an der zerstörerischen Kraft der Menschheit in Bezug auf den Klimawandel reflektiert. Die poppige Songstruktur passt auf absurde Art wirklich gut zu diesen düsteren Gedanken. Zum Ende hin gerät diese Struktur dann doch noch ins Wanken und formiert sich zu einem chaotischen Getöse. Eine gelungene Überleitung zum einzigen Instrumentalstück auf dem Album, „Jazz in the Supermarket“. Mit Jazz im eigentlichen Sinne hat dieser Song zwar vermeintlich nichts zu tun, er beweist aber eindrucksvoll, dass die vier MusikerInnen ein ausgeprägtes Gespür für ungewöhnliche Harmoniekonstruktionen haben. Das lässt sich auch in jedem weiteren Song auf „On All Fours“ erkennen und macht mich als Nerd sehr glücklich.

    Dass es ebenfalls rhythmisch gut zur Sache geht, zeigt uns „Never Stays The Same“. Das Album lief bei mir die letzte Woche wirklich auf Heavy Rotation und bei diesem Song hab ich meine verstaubten Tanzbeine jedes Mal zum zappeln bringen können, sogar im Auto (bitte nicht nachmachen). Die Angst vor Veränderung und die Angst vor der Stille stehen hier textlich im Vordergrund und schlagen damit ein weiteres thematisches Kapitel des Albums auf. Hier zeigt sich eine weitere Parallele zum neuen shame Album, das dort einen ähnlichen thematischen Strang verfolgt und damit auf den für junge Bands schwierigen plötzlichen Stillstand der Pandemie hinweist.

    Plot Twist

    In dieses Raster passt auch „P.T.S. Tea“, der die psychische Krankheit „PTBS“ diffus und etwas undurchsichtig zu behandeln scheint und konträr dazu mit lockerer Synth-Pop Atmo und einer Ohrwurmmelodie um die Ecke kommt.

    „PTSD from a hot cup of tea,
    Chug chug chug along on the ferry,
    Dumb man wouldn’t even look back at me“

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    Musikalisch etwas völlig neues wagen die vier MusikerInnen dann mit dem Song „Sad Cowboy“, der schon sehr früh vorab als Single erschien und mir persönlich richtig gut gefällt. Im Morricone-Western-Style galoppieren Gitarrenriff und Drumbeat durch meine Gehörgänge und reißen mich mit, obwohl ich überhaupt nicht auf Western stehe. Der Song wandelt sich durch zunehmende Präsenz von Synthezisern und Filterfahrten zu einem repetitiven Housetrack. Ein gelungener Plot Twist!
    Zugegeben, nach Erscheinen der Single hätte ich mir auch mehr solcher Experimente auf dem Album gewünscht und vorstellen können. In dieser Form bleibt der Song auf „On All Fours“ aber unter sich.

    Das rockigere „The Crack“ mit seinen psychedelischen Lyrics und dem surrealistischen Video spielt mutmaßlich auch wieder auf die egoistischen Verhaltensweisen unserer Gesellschaft an und zwingt zur Selbstreflektion – wenn auch für mich irgendwie nicht ganz so eindrucksvoll wie zuvor schon auf dem Album gehört. Deutlich interessanter wird es für meinen Geschmack mit dem Song „Closing In“. In diesem Song versprüht Goat Girl ihren vollen Charme. Das Songwriting und das Arrangement wirkt so luftig und leicht, regt zum Träumen an gehört für mich mit zu den besten Songs des Albums.

    Tranquilize it

    Ebenso der darauf folgende Song „Anxiety Feels“, der eine besonders gut ausgearbeitete Melodie und einen derbe lässigen Laid-Back Feel verbreitet, ist einer meiner Favs. Hier kommt das gekonnte Arrangement der Backingvocals gut zur Geltung, das sich ebenfalls auf dem ganzen Album als Alleinstellungsmerkmal von Goat Girl etabliert.

    „Please don’t leave me alone,
    Staring out the window
    I know I should get out the house,
    Make myself useful
    (Na na na na na na)“

    Das verträumte „Na Na Na“ ist der eigentliche Clue des Textes, der dadurch die unangenehmen Gedanken und Ängste zu übertönen versucht. Eingelullt in dieses weiche und irgendwie dumpfe Instrumental, bekomme ich wirklich das Gefühl, vollgedröhnt mit Tranquilizern in der hintersten Ecke meines Zimmers zu hocken. Da reiht sich auch passender Weise „They Bite On You“ mit ein. Träge und schwer schleppt sich der Song durch und Lottie Cream besingt Schlafprobleme und das angenagte Nervenkostüm.

    Vorbildfunktion

    Die Stücke „Egos“ und das darauffolgende „Where Do We Go From Here?“ lassen sich textlich als offensive Abwehr des Patriarchats und Anklage gegen die politischen Machthaber interpretieren, die schon auf dem Debüt Album eine prägende thematische Rolle gespielt haben. Hier knüpft das Album wieder an seinen Anfang an und beeindruckt mit sprachlicher Raffinesse.

    „So put them in the middle to start with,
    Push out all their egos they hide in,
    It’s funny where the mind goes without it,
    Now it’s a simple silence.“

    Mit „A Men“ zieht Goat Girl ihren Schlussstrich und beendet mit den Worten „Bless God, he tries“. Sie lassen uns ein wachrüttelndes Album zurück, das sehr genau beobachtet und viele Missstände aufdeckt. Auch wenn viele der Themen absolut keine Neuigkeiten mehr sind und sicherlich einigen Menschen zum Halse raushängen, ist es umso wichtiger, sie immer und immer wieder anzusprechen. Gerade Songs mit feministischer und diverser Haltung machen Goat Girl zu einem absoluten Vorbild für eine hoffentlich wachsende neue Generation von weiblichen und transsexuellen MusikerInnen.

    Fazit

    „On All Fours“ lässt uns auf allen Vieren die Scherben unserer Taten und die der Generationen vor uns aufsammeln. Ein insgesamt wirklich eingängiges Album, das jeder Zeit zu überraschen weiß und mit jedem Hören besser wird.

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    Fotocredit: Holly Whitaker